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Autor Thema: Herrenhaus im fünften Ring  (Gelesen 3537 mal)

Thorondor the Eagle

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Herrenhaus im fünften Ring
« am: 7. Mär 2011, 21:12 »
Elea von den Straßen Minas Tiriths


Elea spürte ein leichtes Kitzeln an ihrem rechten Knöchel. Es war nicht unangenehme und doch fremd. Erschrocken schaute sie hinunter. Sie sah wie ein junger Mann mit einem nassen, erwärmten Tuch ihre Wunden reinigte. Sie zog ihr Bein weg und weit zu ihrem Körper.
„Das ist nur zu eurem Besten“, beruhigte er sie.
„Wer seid ihr?“, fragte sie misstrauisch und blickte in ein weniger vertrautes und doch bekanntes Gesicht.
„Ich habe euch hierher gebracht, nachdem ihr von den Pöbeln überfallen worden seid“, antwortet er. Demütig und irritiert blickte sie auf den Boden und versuchte sich zu erinnern. „Ich weiß was geschehen ist, aber ich erinnere mich an kein Gesicht. An gar keines.“
„Das macht doch nichts. Euer Körper und auch euer Geist müssen sich von diesen Wunden erst wieder erholen.“
„Was macht ihr mit dem Tuch?“, kam der Argwohn zurück.
„Es ist in Wasser und eine besondere Essenz getunkt. Es wird eure Wunden reinigen und das Heilen beschleunigen. Vertraut mir, unsere Familie verwendet es schon lange um Kriegsverletzungen zu genesen.“

Sie schaute abwechselnd in die Augen des Mannes, auf das Tuch und die tönerne Schale neben dem Kamin, in der er die Flüssigkeit aufbewahrte. Zögernd streckte sie den Fuß wieder in seine Richtung. Seine Hand griff ihn sanft am Fußballen und mit einer unglaublichen Behutsamkeit strich er über die bereits eingetrockneten Blutkrusten und die violetten Ergüsse.

„Dreht euch um. Ich werde euch den Rücken säubern“, forderte er sie auf und sie folgte. Bei der ersten Berührung streckte sie ihr Rückgrat durch, um in ihrer Angst den fremden Berührungen zu entkommen, doch dann lies sie es zu.

„Wer seid ihr?“, fragte die Dunedain nun achtsam.
„Ein Freund und Wächter der Feste.“
Elea rief sich den Streit mit Herumor zurück ins Gedächtnis und hoffte ständig, dass er keine Konsequenzen für sie hatte oder dass zumindest keiner davon wusste, da es Herumor vielleicht selbst zu peinlich war. Aber wie würde er auf Dauer die Abwesenheit seiner Verlobten erklären?
„Keine Sorge, Herrin. Hier seid ihr sicher“, beruhigte er sie nochmals.
„Vieles spricht dagegen, dass ich hier in Sicherheit bin.“
„Vertraut ihr mir denn nicht?“
„Ich weiß nicht. Ich kenne euer Gesicht. Es kommt mir bekannt vor, doch nicht vom Überfall, aber ich kann es nicht zuordnen.“
„Ja, wir standen uns nur kurz Auge in Auge gegenüber und damals hattet ihr weit schlimmere Sorgen, aber das ist nun unwichtig. Hier habt ihr ein Gewand. Es gehörte meiner Mutter und passt euch vermutlich. Ich muss wieder zum Wachdienst. Ruht euch aus.“
« Letzte Änderung: 19. Feb 2016, 13:00 von Fine »
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Thorondor the Eagle

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Re:Herrenhaus im fünften Ring
« Antwort #1 am: 9. Mär 2011, 20:11 »
Die Zeit schien endlos als Elea an das Bett gefesselt war, doch anstatt Stunden zu beachten begann sie die Lichtstrahlen zu zählen, die eine stark verhüllte Sonne andeuteten. Die Dunedain wurde beinahe traurig, als sie erst bei zwölf war und die Abenddämmerung bereits eingesetzt hatte.

Den Tag über war es gespenstisch ruhig in der Stadt, doch als die Dunkelheit der Nacht hereinbrach hörte Elea zahlreiche fremde Stimmen. Es waren die im Dunkeln geschärften Sinne, die es der Frau ermöglichten einige wenige Worte zu verstehen die durch die kleine Gasse neben ihrem Fenster hallten.

Sie vernahm ein lautes Keuchen, wie nach einem schnellen Lauf. Immer wieder fielen kurze abgehakte Wörter: „Siehst du sie?“
„Da“
„Wo?“
„Sie haben Messer“
„Und Keulen…“
„Mit spitzen Nägel drinnen.“
„Dort im Schatten!“
„Mit der dunklen Haut sieh man sie kaum“
„Haben Sie Lori?“
„Ich denke nicht. Sie ist sicher nachhaus gelaufen.“
„Schaffen wirs bis dort hin?“
„Wir müssens nur bis zum Markt schaffen.“

Es folgte ein lautes Einatmen, dann hielten die beiden Jungen scheinbar die Luft an. Es war nichts mehr zu hören.
„Da! Sie laufen hinunter Richtung Markt. Ich schnapp sie mir“, befahl eine belegte Stimme. Getrampel überflutete das Pflaster.

Längere Zeit war es still. Elea versuchte mehr zu hören, doch da war kaum etwas. Das Feuer im offenen Kamin war ausgegangen und es glomm nur noch ein wenig. Elea zog sich die Decke bis über die Nasenspitze.

Klirr, klirr… klirr, klirr… Hörte sie das donnern von Metall auf den steinernen Straßen. Eine Gruppe von Soldaten lief vermutlich im Gleichschritt vorbei. „Wächter!“, brüllte eine laute Stimme „Komm mit uns. Auf dem Markplatz ist es zu brutalen Ausschreitungen gekommen. Der Herr hat befohlen alle verfügbaren Soldaten hinunter zu schicken.“
„Jawohl“, hörte Elea die mittlerweile bekannte Stimme ihres Pflegers. Sie mochte sich täuschen, doch die Frau war sich sicher einen feinen Unterton von Enttäuschung zu hören. Das Klirren setzte wieder ein, wurde in der Ferne jedoch immer leiser.
„Aaaahhhhhh“, übertönte ein schriller Frauenschrei den unteren Ring „Mein Kind. Lasst mein Kind gehen. Lasst es gehen!“ Sie verstummte und auch die Stadt mit ihr.

Plötzlich durchströmte ein lautes Pochen die nächtliche Straße. Etwas wurde gegen eine Tür oder einen Fensterladen gerammt. „Sieh nur, ein Pack Korsaren“, flüsterte eine männliche Stimme neben ihrem Fenster, die Elea vollkommen überraschte: „Mein Beil wird ihnen ein schmerzhaftes Ende bereiten! Hast du dein Messer?“
Der oder die anderen gaben ihm ein stilles Zeichen.
„Unsere Rache kommt schneller als sie glauben.“
„Wir müssen verhindern, dass sie weiter rauben und morden“, entgegnete nun eine weibliche Stimme. Das Pochen im Hintergrund ging weiter. Kurze Zeit war es still, doch dann hallte unglaublich lautes Kampfgeschrei durch das Fenster herein. Schmerzensschreie waren zu hören, sowohl von Mann als auch von Frauen. Es musste ein blutrünstiges Spektakel sein. Abrupt wurde es still. Die Dunedain hörte ein paar leise Schritte. Das Pochen versiegte.

Plötzlich ging die Türe auf und Elea erschrak furchtbar. Ein alter Mann kam herein. Sie erkannte kaum etwas, abgesehen von seinem schneeweißen Haar, das in der Silhouette des Mondes glänzte. Er stolperte über den Schemel den der Soldat vorhin dort hingestellt hatte, doch außer ein paar gemurmelten Flüchen entkam ihm nichts. Er stieg auf den Stuhl unter dem Fenster und suchte unheimlich lange etwas am Fenstersims, bis er schließlich den hölzernen Laden schloss. Mit einem ziellosen Griff in der Dunkelheit ertastete er ein Holzscheit und warf es in die schwache Glut. Elea traute sich nichts zu sagen, sie wartete nur bis der Mann die Tür hinter sich wieder schloss.
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Thorondor the Eagle

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Re:Herrenhaus im fünften Ring
« Antwort #2 am: 20. Mär 2011, 21:23 »
Einige Stunden waren vergangen und  Elea war zwischendurch vor Erschöpfung wieder eingenickt. Plötzlich tauchte wieder der junge Soldat in der Türe auf. Er schnaufte laut. Trotzdem ging er  zum Kamin und legte etwas Holz hinein.

„Wie geht es euch?“, fragte er zögerlich.
„Etwas besser. Mein Kopf schmerzt.“
„Ihr habt auch einige Schläge drauf bekommen. Ich werde euch etwas zu essen bringen, ihr seid sicherlich hungrig.“
„Wollt ihr mir nicht einmal sagen wie ihr heißt und warum ihr mir helft?“, presste sie heraus.
„Ich bin Doréal..Vermutlich erinnert ihr euch nicht mehr, da ich ja bis heute nur ein namenloses Gesicht war. Ich helfe euch, weil auch ihr mir damals geholfen habt. In den Heilhäusern habt ihr mich von der Tür verjagen, als Herumor und seine Truppen dabei waren sie nieder zu reißen.“

Elea erinnerte sich nun an die blonden Haare die unter dem Helm hervorragten und an die dunkelgrünen, fast schwarzen Augen die im Schein des Feuers geheimnisvoll aufflackerten. Das frische Holz im Kamin fing Feuer und erhellte den Raum. Erst jetzt sah Elea zahlreiche Kratzer auf seiner Haut und die verschwitzen, schmutzigen Haare.

„Was ist dort unten geschehen?“, frage Elea besorgt.
„Die Zeiten sind nicht einfach. Orks sind in der Stadt, Korsaren, Ostlinge manche schwören Sauron die Treue, manche Herumor, manche dem König und manche helfen nur sich selbst. Auf dem Markt kam es zu Ausschreitungen.“
„Habt ihr sie getötet?“
„Manche… Aber erstmals standen sich sogar Soldaten Gondors als Feind gegenüber. Ich weiß nicht wie lange Herumor das Volk noch im Zaum halten kann. Sogar das Heer der Stadt ist sich uneins.“
„Dann gebt auf euch Acht. Folgt nicht jedem sinnlosen Befehl“, forderte Elea ihn auf.
„ Das ist wohl leichter gesagt. Ungehorsam wird grausamst bestraft.“
„Wenn ein mächtiger Mann euch fordert vergesst niemals, dass ihr nur euch selbst gehört und wenn ihr nach dem Tode den höchsten Mächten gegenüber steht seid euch gewiss, dass sie nach eurem Tun urteilen und nicht darauf achten ob es gefordert war oder nicht. Ihr gehört nur euch und für euer Wirken seid ihr selbst verantwortlich.“
 „Ich hole euch eine nahrhafte Suppe“, lenkte er vom Thema ab.

Doréal verschwand durch die Tür. Das Gespräch mit ihm stimmte Elea nachdenklich. Sie rief sich den Abend in den Heilhäusern zurück ins Gedächtnis.

Ioreth war damals eine geachtete Frau. Sie hatte die getreuen in der Hand, die meisten zumindest. Sie brauchen sie wieder. Paola hatte schon recht, sie brauchen einen Anführer oder Anführerin. Ich muss sie befreien, so schnell wie möglich… Und Araloth? Der Stadtrat erwähnte die geplante Hinrichtung… Brianna wird mir nie verzeihen.

Unter pochendem Schmerz in ihren Gelenken setzte sich Elea im Bett auf.
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Re:Herrenhaus im fünften Ring
« Antwort #3 am: 22. Mär 2011, 20:57 »
Elea erhob sich von der Bettkante. Sie streifte sich mit so wenigen Bewegungen wie möglich das Kleid über ihre nackte Haut. Es war nun angenehm warm in dem Raum, doch wollte sie nicht hier stehen bleiben und ausharren. Sie öffnete die Tür und lugte hinaus. Ein fahler Lichtschein kam durch ein großes Fenster herein und erhellte den Flur.

Um die Ecke konnte Elea Ansätze eines großen Salons erkennen. Auf Zehenspitzen schlich sie sich in den fremden Raum. Er war grau, so als ob ein Schleier aus Asche über ihm lag. Die teils färbigen Fenster waren von Ruß und Staub bedeckt, die Kerzen im großen Kronleuchter bis auf kleine Stumpen nieder gebrannt.

Die Mitte des Raumes nahm eine große Sitzgarnitur ein. Sie war aus edlem Walnussholz gefertigt und mit dunkelblauem Samt gepolstert. Die Abnutzung der vergangenen Jahre waren deutlich zu sehen, das Holz fleckenweise vom Sonnenlicht ausgebleicht und der Stoff an vielen Stellen schon ab gewetzt. Darauf saß ein alter Mann, ohne Zweifel der nächtliche Besucher und nun erkannte Elea auch, warum er so ungeschickt war.
Seine Augen waren verbunden, scheinbar war er blind.
„Guten Tag“, sagte sie zögerlich.
„Hmmmm“, kam ein unfreundlichen Knurren zurück.
Elea schwieg daraufhin und humpelte ein wenig weg von ihm.

„Ihr seid aufgestanden?“, kam ihr die empörte Stimme Doréals entgegen.
Sie nickte ihm zu.
„Aber dafür ist es noch zu früh.“
„Ich will nicht nur herumliegen. Das Leben um mich geht weiter.“
„Dann kommt hier herein. Setzt euch an den Tisch“, sagte er und huschte schnell mit der Schüssel durch eine Tür.
Elea versuchte ihm zu folgen, doch es war schmerzvoller als sie dachte. Vorsichtig setzte sie einen Fuß nach vorn und belastete ihn langsam.
„Wartet! Wartet!“, befahl der junge Soldate „Ich helfe euch doch. Haltet euch fest.“
„Nein!“, entgegnete Elea mit einem rauen Ton, wurde aber sofort wieder leiser und freundlicher: „Nein. Lasst es mich probieren, lasst es mich schaffen.“

Schritt für Schritt ging sie in die Küche. Mit der Hand stützte sie sich an den Wänden und Türstöcken und schließlich erreichte sie die Küche, die nicht weniger trist aussah.
„Ich danke euch für dieses köstliche Mahl. Es ist mehr als ich verdient habe.“
„Das denke ich nicht. Esst in Ruhe. Ich werde einstweilen meine Rüstung ablegen und ein bequemeres Gewand anziehen.“

Genüsslich nahm Elea Löffel für Löffel und spürte wie sie die Suppe stärkte. Als Doréal wieder kam war sie längst fertig.
„Wollt ihr noch etwas?“
Die Frau schüttelte den Kopf: „Ihr hattet einen anstrengenden Tag und seid sicher schon sehr erschöpft.“
„Es geht schon. Sollte nicht wieder ein solcher Fall wie heute dazwischen kommen steht mir eine ruhigere Woche bevor. Ich habe Wachdienst bei den oberen Kerkern. Dort geschieht nicht viel, ganz im Gegenteil zu jenen in den unteren Ringen.“
„Werden noch immer so viele gefangen genommen?“
„Ja. Jeder der Herumor offen oder geheim die Untreue zeigt. Viele Spitzel sind in der Stadt, Menschen die sich Rang und Namen durch Verrat erkaufen wollen. Heutzutage muss man vorsichtig sein, was man zu wem sagt. Selbst die ältesten unserer Freunde sind nur verzweifelte Leute die eine Lösung suchen.“
„Dann sollte ich meine Worte gut wählen.“
„Ihr? Ihr solltet dieses Haus gar nicht mehr verlassen, die Straßen sind unsicher“, sagte Doréal empört.
„Aber ich habe mich von Herumor abgewendet. Ich war niemals auf seiner Seite.“
„Das nächstemal wird euch keiner beschützten. Herumor gab den Befehl euch gefangen zu nehmen. Auf euch wartet der Galgen…“
„So etwas habe ich erwartet“, erwiderte sie abschmetternd.
„Doch…“ begann er zögerlich „befahl er zugleich strikte Geheimhaltung.“
„Was?“, platze Elea schockiert heraus.
„Er ist sich eurer Lage bewusst. Herumor weiß, dass ihr als seine Verlobte keine Freunde in der Stadt habt außer den Soldaten und seinen Getreuen, doch die warten auch nur darauf euch hängen zu sehen.“
„Dieser…“, sie murmelte duzende Flüche in sich hinein und presste die Fäuste zusammen „Dann bin ich also eine Gefangene in dieser verdammten Stadt.“
„Vorerst wohl schon, aber ihr habt noch wenige Freunde. Die Zeiten werden besser und nach und nach wird ein Lauffeuer von guten Nachrichten über euch die Stadt durchlaufen. Ihr seid nicht verloren, hier bei mir seid ihr inzwischen in Sicherheit.“
„Danke, Doréal", sagte sie und strich ihm dabei über die verwundete Wange "Ich weiß gar nicht, ob ich das jemals wieder gut machen kann.“
„Im Moment stehe ich noch in eurer Schuld“, antwortete er „Aber eher wir uns in einer endlosen Diskussion verlieren, gehe ich zu Bett. Auch wenn mir ein ruhiger Dienst bevor steht, Schlaf ist trotzdem nicht erlaubt.“ Er lächelte bei den letzten Worten und ging in langsamen Schritten hinter Elea her um sie in ihr Zimmer zu bringen.
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Re:Herrenhaus im fünften Ring
« Antwort #4 am: 23. Mär 2011, 22:05 »
Die Sonne schien durch den Türspalt herein als Elea die Augen öffnete. Es war vermutlich schon mitten am Tag, doch die lange Nacht zuvor hatte Elea ganz schön erschöpft. Sie folgte dem Lichtstrahl in den großen Salon, doch er war leer.

Sie nahm sich ein Stück Brot aus einer Schale. Es war schon etwas eingetrocknet und hart, doch es erfüllte seinen Zweck. Von der Neugier gepackt und gestärkt ging Elea durch die Räume des Hauses. Sie fand alte Wandteppiche in den ungenutzten Räumen. Einer zeigte sogar einen Stammbaum, der mehrere Tausend Jahre zurück reichte. Im letzten Raum den sie betrat fand sie eine schmale Treppe mit einem morschen Holzgeländer. Feine Risse liefen die Wände hinauf. Die Dunedain presste sich mit dem Rücken gegen die Wand und schlich Stufe für Stufe hinauf.
Vor ihr erhoben sich raumhohe Bücherregale übersät mit Schriftrollen und gebundenen Werken in allen möglichen Farben, Gold- und Silberverzierungen.
„Handelshäuser Pelargirs“, „Fürstliche Zunft der Schwanenstadt“, „Lond Daer und seine Geschichte“, waren nur einige Titel der zahlreichen Lexika über Handel und dessen Entwicklung. Es fand sich auch altes Kartenmaterial in den Regalen, mit zahlreichen Handelsrouten über Land und Wasser. Elea wurde auf einen Tisch aufmerksam der vor einem verschlossenen grauen Vorhang stand. Sie setzte sich nieder und fuhr mit ihren Fingern über die mit Staub bedeckten alten Unterlagen und legte ein Wappen frei: Ein orange-roter Sonnenuntergang auf den Wellen des Meeres. Klar und deutlich las sie die wundervoll geschwungenen Buchstaben: B.E.Aë. Ein Wachssiegel lag noch auf dem Tisch, scheinbar wurde es kurz vor dem endgültigen Verlassen des Raumes benutzt. Die Tinte im Fass war eingetrocknet und rissig.

„Ist dort oben jemand?“, rief eine kratzige Stimme aus dem unteren Geschoss.
Elea zuckte zusammen und stand sofort von dem Tisch auf. Sie lief zur Türe und die Treppe hinab. Der Blinde stand unten am Treppenabsatz und hielt sich am Geländer fest.
„Verzeiht mir“, entschuldigte sie sich und lief an ihm vorbei um sich in ihrem Zimmer zu verschanzen.
„Was fällt euch…“, hörte sie ihn noch schimpfen.
« Letzte Änderung: 28. Aug 2011, 21:05 von Thorondor the Eagle »
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Re:Herrenhaus im fünften Ring
« Antwort #5 am: 24. Mär 2011, 21:23 »
Stunden vergingen bis sich der Riegel von der Tür zur Seite schob. Elea erschrak und kauerte sich noch enger in der Ecke zusammen.
„Herrin! Was ist los? Wovor fürchtet ihr euch so?“, fragte Doréal besorgt „Hat euch mein Vater erschreckt?“
Elea nickte.
„Er sagte mir, dass ihr im oberen Stock ward. Was wolltet ihr dort oben?“
„Nichts. Ich habe mich nur etwas umgesehen.“
„Hat euch die Neugier gepackt?“
„ Was ist das für eine merkwürdig große Bibliothek im Obergeschoss?“, fragte Elea.
„Die oberen beiden Stöcke dieses Hauses dienten dem B.E.Aë. als Versammlungsort von Minas Tirith. Von hier aus zogen sich die Fäden an alle Orte Gondors, Arnors und all unserer Verbündeten… damals!“
„Was bedeutet diese Abkürzung?“, fragte Elea nun neugieriger denn je.
„Habt ihr noch nie davon gehört, der Bachor Erthad Andúnië?“, fragte der Soldat.
Sie schüttelte den Kopf: „Erzählt mir davon!“
„Die ‚Erthad‘ wie man sie kurz nannte war eine der mächtigsten Handelsgilden der vergangenen Tage. Sie wurde damals in Andúnië auf Westernis begründet, daher der Name. Fünf Händlerfamilien schlossen sich zusammen um gemeinsam die Handelsrouten und Waren aller Welt zu erkunden. Sie schickten die ersten Handelsschiffe nach Mittelerde um an wertvolle Frachten zu kommen. Bald schon ließen sie sich in den größten Häfen Mittelerdes nieder, Lond Daer, Dol Amroth, Umbar auch in den grauen Anfurten wurden sie aufgenommen. Ihre Netze woben sich weiter und weiter in das Landesinnere zu neuen Völkern. Doch irgendwann als die Zeit des Misstrauens in Numenor überhand nahm, schlugen sich die Erthad auf die Seiten der Eldar, vielleicht um ihren Kontakt mit den Elben Valinors nicht zu verlieren oder vielleicht einfach aus Überzeugung. Doch von da an ging es bergab. Die Andúniër wurden gezwungen zu übersiedeln und viele weigerten sich. Die Fürsten der Handelshäuser gaben ihre Schiffe dem Volke frei und ließen zahlreiche Getreue der Eldar nach Mittelerde fliehen. Auch zwei der Händlerfamilien folgten ihnen nach Dol Amroth. Numenor wurde vom Meer verschlungen und das Ende der Gilde schien besiegelt, bis die beiden Exilreiche gegründet wurden in dessen Hauptstädte sich die beiden Händler niederließen. Von alter Macht beflügelt errichteten sie wieder ihre Handelsnetze über die Länder. Fornost, Annuminas, Tharbard, Minas Anor, Osgiliath… Die Erthad hatte überall seine Händler und Verbündeten. Erst die Macht Saurons gebot dem Handelsbündnis Einhalt. Arnor viel im Kampfe und mit ihr starben auch die Erben. Gondor überlebte und eine Zeit lang hatte die Erthad noch großen Einfluss auf den König, die Wirtschaft und das ganze Land, doch schließlich zerbrach auch noch der letzte Rest“, erzählte Doréal.
„Und wie kommt ihr hierher?“
„Generation für Generation wurde das höchste Amt der Erthad weiter gegeben. Bis es meinem Vater und schließlich meinem Bruder in die Hände fiel. Vier Jahre ist es her, dass er bei einem Angriff der Korsaren ums Leben kam und mit ihm der letzte Vertreter der Erthad. Für wenige Jahre wurde das Handwerk der Gilde von anderen weitergeführt, doch seit mein Vater der Trauer verfiel und dieses Haus nicht mehr verließ, zerfielen auch die letzten Überreste der Erthad.“
„Warum hast du nicht den Platz deines Bruders eingenommen?“
„Im Kampf liegt mein Geschick und nicht im Handel. Hätte ich seinen Platz eingenommen, wäre dasselbe Schicksal der Erthad eingetroffen.“
„Merkwürdig. Ich bin eine der Dunedain. Nachfahrin von jenen aus Andúnië, aber von der Erthad höre ich heute zum ersten Mal. Doch unser Reich liegt gut versteckt unter den Bäumen. Handel betreiben wir nur mit den Elben und Halblingen, denn sonst kennt uns kaum noch jemand.“
„Hier hat man euch nicht vergessen, schon gar nicht seit Aragorn hier aufgetaucht ist.“

Elea erhob sich und richtete sich zum ersten Mal zur ihrer vollen Größe auf. Sie streckte all ihre Glieder und freute sich, dass die Schmerzen langsam wieder abklangen. Sie setzte sich auf ihr Bett ehe sie ihr Gespräch mit Doréal fortsetzte.
« Letzte Änderung: 28. Aug 2011, 21:10 von Thorondor the Eagle »
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Re:Herrenhaus im fünften Ring
« Antwort #6 am: 28. Mär 2011, 23:19 »
„Ja unsere Namen sind nun in vielen Mündern, wobei Aragorn in Ehren gehalten wird ganz im Gegensatz zu mir ‚die abtrünnige Dienerin des dunklen Herrn‘. Worauf hab ich mich nur eingelassen?“, fragte sie mehr sich selbst.
„Es wird besser werden mit der Zeit, genauso wie eure Wunden. Glaubt mir“, antwortete Doréal.
„Aber ich will hier nicht sitzen und Löcher in die Luft starren. Ich werde hier meinen Teil beitragen, für Gondor und für Aragorn.“
„Wenn ihr auf die Straße geht seid ihr des Todes, Herrin.“
„Dann muss ich eben erneut eine Maske aufsetzen und verbergen was ich wirklich bin und wenn ich trotz allem entdeckt werde, stelle ich mich dem Tode gegenüber, aber wenigstens ungebeugt und unbesiegt. Und vielleicht setzt mein Ende ein Zeichen, ein Denkmal, für all jene die hinter offenen Fenstern lauern und auf den Sturm warten.“
„So denkt ihr?“, fragte er verblüfft.
„Ja. Nicht nur diese Wunden haben Narben an mir hinterlassen.“
„Was wollt ihr machen?“
„Die Getreuen des Königs brauchen eine Anführerin, eine starke, die sich nicht einschüchtern lässt und die niemals Angst davor hat ihren Mund zu öffnen und ihre Meinung zu sagen, selbst wenn ihr Leben davon abhinge.“
„Wollt ihr die übrig gebliebenen Getreuen davon überzeugen euch zu vertrauen?“
„Ich spreche nicht von mir lieber Doréal. Ich muss Ioreth befreien und natürlich Araloth!“
Ein überraschter und ängstlicher Blick traf Elea.
„Keine Sorge, ich verlange nicht, dass ihr mir helft. Ich bitte euch nur nichts zu verraten und mir nicht im Wege zu stehen.“
„Ihr sagt mir das einfach so… IHR sagt mir das einfach so?“, wiederholte er nochmals mit Nachdruck „Ihr bittet mich euch nicht zu helfen und im gleichen Atemzug euch nicht den Weg zu durchkreuzen. Für mich und für Herrn Herumor ist das ein und dasselbe. Auch im Nichtstun liegt Verrat.“
„Ihr habt Ioreth bei den Versammlungen gehört. Sie hat viele Fäden in der Hand, wir brauchen sie oder die Stadt des Königs wird untergehen. Ihr quartiert mich hier ein, ihr versorgt mich, versteckt mich vor Herumor… ich dachte ihr habt längst eine Seite gewählt.“
„Ihr seid jederzeit bereit euer Leben zu lassen für all das hier, verzeiht mir wenn ich das nicht bin. Ich habe mich entschieden, dass ich euch helfe, doch möchte ich meinen Kopf behalten und Verräter haben eine solche Ehre bekanntlich nicht.“
„Dann habe ich euch wohl falsch eingeschätzt, Doréal. Es tut mir Leid, dass ich euch in solche Gefahr gebracht habe. Ich werden morgen die wenigen Aufsuchen, denen ich noch vertraue und dort Obdach suchen, dann seid ihr aus dem Schneider.“

Der junge Soldat verließ das Zimmer. Elea starrte in die noch kleine, lodernde Flamme. Sie dachte nicht länger an Doréal’s Entscheidung, sondern daran wo sie hin gehen sollte und vor allem wie sie Ioreth und Araloth befreien konnte.
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Re:Herrenhaus im fünften Ring
« Antwort #7 am: 29. Mär 2011, 20:34 »
Draußen war es noch dunkel, als Elea sich den dunklen Mantel überstreifte um damit das Haus zu verlassen. Sie öffnete mit einem leisen Knarren die Türe ihres Zimmers und betrat den spärlich beleuchteten Flur.

Habe ich irgendetwas vergessen? Nein… ich hatte doch nichts hier. Mein Hab und Gut ist in meinem Haus, dort darf ich aber absolut nicht hingehen. Zu Dank bin ich ihm wohl verpflichtet und ich hätte es ihm gesagt, wäre er nicht so stürmisch aus dem Zimmer gelaufen… Danke Doréal.

„Wer ist da?“, zischte eine Stimme in Eleas Ohr und augenblicklich fuhr sie zusammen.
„Niemand“, antwortete sie „Ich bin schon wieder weg. Jetzt hab ihr euer Haus wieder ganz für euch allein.“
„Weiß mein Sohn, dass ihr geht?“, wisperte der Alte zurück.
„Ja!“
„Ich wusste es…“, nörgelte er leise.
„Was wollt ihr damit sagen?“
„Wie auch immer, es geht euch nichts mehr an.“
„Was geht mich nichts mehr an?“
„Nun geht schon… Ihr seid nicht die erste. Verschwindet“, fauchte er regelrecht.
„Die erste die hier hinaus geht und nicht mehr zurück kommt?“
„NICHT die erste die er liebt und fortschickt oder vertreibt, wie mans nimmt.“
„Die er liebt?“, fragte Elea schokiert.
„Ich bin hier der Blinde und sehe doch mehr als ihr. Natürlich liebt er euch, warum hat er euch sonst aufgenommen, gepflegt und bewirtet. Gestern habt ihr ihn ein eine verzwickte Lage gebracht. Ihr fordert, dass er sich zwischen euch und seinem Leben entscheidet.“
„Seinem Leben?“, fragte die Frau verwundert.
„Ja. Seinem Leben als Soldat. Er war nie ein Händler oder Gildenmeister… er war Soldat und auch wenn er nicht Sauron selbst dient, so dient er seinem Herren so wie es ihm beigebracht wurde.“
„Herumor ist nicht sein Herr.“
„Momentan gibt es keinen anderen. Wäre der König oder der Truchsess noch, würde er sich nicht anders verhalten.“
„Was ihr zu mir gesagt habt…“, sie setzte kurz ab „Es wird nichts ändern. Ich werde jetzt gehen und mir einen neuen Unterschlupf suchen. Wenn ihm so viel an seiner Berufung liegt, gefährde ich ihn ohnehin zu sehr.“
„Bei ihm werdet ihr jederzeit willkommen sein. Kommt zurück wenn ihr Doréal braucht.“
„Und ihr?“
„Ich werde hier sein und wie immer wird meine Meinung niemanden mehr interessieren.“

Elea presste sich gegen die Eingangstüre und verschwand in der Dunkelheit der Nacht. Die Straßen waren Totenstill. Die Bevölkerung hatte sich angsterfüllt in ihren Häusern verbarrikadiert und wartete sehnsüchtig auf die Morgendämmerung. In beinahe lautlosem Laufschritt lies Elea Straße für Straße hinter sich, bis sie vor der Eingangstür in der Spielmanngasse stand. Eine glimmende Fackel ließ die Nebentüre etwas zwielichtig erscheinen, doch zielstrebig klopfte die Frau an die Türe.


Elea zum Haus der Kurtisanen im dritten Ring
« Letzte Änderung: 19. Feb 2016, 13:02 von Fine »
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