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Autor Thema: Gebiete westlich des Meers von Rhûn  (Gelesen 4813 mal)

Khamul

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Gebiete westlich des Meers von Rhûn
« am: 9. Jan 2009, 23:03 »
Khamûl, General Brodda und Oran mit dem großen Heer Rhûns aus Gortharia


Es war noch immer dunkel, doch Oran lag schon hellwach in seinem provisorischen Schlaflager. Zum Schlafen verwendeten die Soldaten des Heeres nur zwei Decken, eine dickere, um den Boden einigermaßen auszupolstern, und eine dünne, um sich darunter vor der Kälte der Nacht zu schützen. Noch immer war er laut der Marschordnung in den hintereren Marschreihen, sodass er Khamûl nie nahe gekommen war während der letzten sechs Tage.
Während er sich leise aufrichtete, dachte er daran, wie lange er eigentlich schon nicht mehr ausgetreten hatte. Den ganzen Tag über marschierten sie, und daher war es niemandem Erlaubt, die Reihen zu verlassen. Nur zu den heißesten Mittagsstunden machten sie vielleicht eine halbe Stunde Rast, doch ansonsten zogen sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang über die Lande in Richtung des Erebor. Zuerst würden sie wohl die Stadt Thal vernichten, denn sie war schlechter befestigt, und mithilfe ihrer Vorräte könnte man den einsamen Berg sicher Monate lang belagern. Khamûl war mit Sicherheit ein großartiger Stratege, weshalb er mit Sicherheit zuerst die hölzerne Stadt Thal überrennen würde. Wahrscheinlich hatte er bereits einen ebenso grausamen wie hinterhältigen Plan gefasst.
Schnellen Schrittes setzte er über seine Schlafenden Kampfgefährten hinweg und suchte einen Busch auf. Durch seine jahrelange Erfahrung im Anschleichen fiel es ihm leicht, sich lautlos über das Gras der hügeligen Landschaft zu bewegen. Zielstrebig bewegte er sich in die Richtung eines Busches am Rande der Schlafenden. Um diese brauchte er sich keine Sorgen zu machen, doch irgendwie fühlte sich Oran beobachtet. Nichts war zu hören, außer vereinzeltes Schnarchen, doch...
Hatte er da gerade Augen hinter einem Busch blitzen sehen? Hatte er jetzt etwa Angst im Dunkeln, so wie ein kleines Baby?
Oran bemühte sich, seinen Weg weiterhin direkt geradeaus zu gehen, doch er war nun wachsam für jedes weitere Geräusch. Beinahe schien es ihm, als wäre dies doch nur Einbildung gewesen, doch plötzlich knackte ein Ast unweit von ihm!
Aprupt blieb er stehen und blickte direkt in die Richtung des Geräusches. Nach wenigen Momenten wandte er sich wieder ab, doch so verborgen wie es ihm möglich war zog er einen seiner Wurfdolche. Seinen Schild und seinen Speer hatte er leider vergessen, doch wenn er vorsichtig genug war, würde er diese Waffen nicht brauchen. Als hätte er den Laut vergessen, ging er auf den nächstbesten Busch zu. Wie ein unvorsichtiger Narr stellte er sich beim Öffnen seiner Beinkleider und beim Wasser lassen an, damit seine Beobachter glaubten, sie hätten es mit einem Dummkopf zu tun.
Als Oran seine Hose wieder zuknöpfte, war er schon beinahe überzeugt, dass er sich nur eingebildet hatte, beobachtet zu werden. Doch dann hörte er das Rascheln von Blättern, in einem Busch direkt neben ihm. Blitzschnell wandte sich Oran in diese Richtung und warf seinen Dolch direkt in den Busch.
Mit einem Satz war er selbst auch schon an dieser Stelle, mit einem weiteren Dolch in der Rechten. Als er in den Strauch griff, spürte er warmes Blut an seinen Fingern. Er krallte seine Finger um etwas, das ihm wie Haare vorkam, und zog es hinaus. Es war ein Mensch mit lederner Rüstung, den er mit seinem Dolch direkt zwischen die Augen getroffen hatte. Sein Gesicht war zu entstellt, um irgendwelche der Züge des Mannes erkennen zu können, doch viel Wichtiger war Oran eine andere Erkenntniss:

Sie wurden beobachtet.
« Letzte Änderung: 26. Aug 2016, 12:29 von Fine »
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Khamul

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Re: Re: Aufmarsch des Heeres von Rhûn
« Antwort #1 am: 24. Jan 2009, 23:32 »
Aus der Sicht Khamûls

Er war von einem Soldaten hierher geführt worden, dessen Namen er sich nicht zu merken bemüht hatte. In dreitausend Lebensjahren war er auf viele Menschen getroffen, deren Namen er sich nicht einmal andeutungsweise erinnern konnte, warum also jetzt damit anfangen?
Das Gesicht des Toten am Boden war durch einen Stich ausgelöscht worden. Er tippte auf einen Wurfdolch. Sicher war er nicht alleine gewesen, um das Heer zu beobachten. Die anderen waren wahrscheinlich schon auf dem Weg nach Thal, um die Bevölkerung zu warnen. Doch er wollte eine genaue Bestätigung!
Die Fähigkeit, Tote vorübergehend wieder ins Leben zu rufen, besaß er leider nicht, doch dafür war sein Geruchssinn äußerst ausgeprägt.

Khamûl konzentrierte sich voll und ganz auf den Leichnam, der vor ihm am Boden lag. Er nahm alle Gerüche, die von ihm ausgingen in sich auf. Der Gestank von zu lange getragener Kleidung und schlecht gewaschenen Haaren haftete dem Menschen an. Der Nazgûl roch das letzte Essen des Toten, Dörrfleisch mit einer einfachen Pilzsuppe. Er nahm den Duft des Busches wahr, in dem der Spion in den letzten Momenten seines Lebens gehockt hatte, und den Geruch der Menschen, mit denen er zuletzt Kontakt gehabt hatte. Genau diese galt es nun aufzuspüren!
Nun löste er seine Gedanken von dem Toten und ließ die Gerüche aus der weiteren Umgebung auf sich einströmen. Er brauchte einige Zeit, um alle diese Einflüsse voneinander zu unterscheiden, beginnend vom Waffenfett seiner Soldaten bishin zum Verwesungsgestank eines mindestens 2 Kilometer weit entfernt liegenden Kadavers. Doch das alles interessierte ihn nicht!
Wieder und wieder teilte er die Gerüche in seinen Gedanken ein, ignorierte die Einen, während er die Anderen weiterverfolgte. Endlich fand er, was er gesucht hatte! Es waren vier Männer, von denen mindestens einer den Toten schon einmal berührt hatte. Sie ritten zu Pferde, und waren bereits mehr als fünf Kilometer weit entfernt. Sie Ritten in die Richtung Thals!

Khamûl machte sich nichts vor. Er hätte niemals geglaubt, dass ein Heer von solcher Größe wie seinem lange unbemerkt blieb. Irgendwann hatte es ja so weit kommen müssen. Es war nicht von Bedeutung, ob die Menschen Thals vorbereitet waren oder nicht. Wenn sie die genaue Größe des Heeres erfahren würden, dann wären sie nur noch eingeschüchterter! Khamûl wusste, dass die Holzwälle der Stadt noch nicht vollständig wiederaufgebaut worden waren. Dafür hatten die Menschen einfach viel zu wenig Zeit gehabt. Die Bewohner Thals und die Zwerge des Erebor waren noch geschwächt vom letzten Angriff der Ostlinge. Dabei war König Ulfast ums Leben gekommen. Die letzte Schlacht des Königs war eine vernichtende Niederlage gewesen. Ulfang hatte kaum den Thron bestiegen, da war die Macht schon an ihn selbst gegangen. Er würde sein Volk dieses Mal zum Sieg führen.

Du glaubtest schon einmal, ein geschwächtes Volk sei leicht anzugreifen. Der zweite Angriff auf Lorien endete genauso wie der erste, obwohl du ein Größeres Heer hattest und die Elben deiner Meinung nach geschwächt waren.
Die Stimme seines Meisters in seinem Inneren war wie immer niederschmetternd und begleitet von Bildern seines Versagens. "Herr, ich werde Euch nicht enttäuschen! Ich werde Thal niederbrennen und die Zwerge aus ihren Höhlen ausräuchern!"
Ich würde dir auch raten, nicht zu versagen! Und falls du es doch tun solltest, wird mein Zorn alle Maße überschreiten!
"Die Angst wird sie lähmen und uns einen Vorteil verschaffen!"
Sein Meister gab ihm keine Antwort mehr. Es war ihm auch lieber so, denn nun konnte er besonnen vorgehen.

Der Krieger, der den Späher entdeckt hatte, stand in einiger Entfernung von Khamûl. Es waren sicher fünf Minuten vergangen, seit der Nazgûl bei dem Leichnam angekommen war. Und der Soldat erwartete wohl einen Befehl.
"Verscharre die Leiche und begib dich wieder zu deinem Schlaflager! Ich werde morgen früh den Rest des Heeres von diesem Vorfall unterrichten! Redest du zu jemandem auch nur ein Wort darüber, so werde ich dich am Rost braten lassen und den Wölfen zum Fraß vorwerfen!"
Mit einer leichten Verbeugung setzte sich der Krieger in Bewegung und nahm die Leiche mit sich. Khamûl sah sich um. Niemand sonst war wach gestanden. Es war ein Fehler gewesen, Brodda die Befehle geben zu lassen. Er war tatsächlich töricht genug gewesen, keine Wachen aufzustellen! Eine gute Seite hatte jedoch diese Wendung: Nun konnte er dem Heer eine Lügengeschichte erzählen und somit Mut machen. Diese Tatsache würde Brodda das Leben retten, nicht die Gnade seines Königs.
Er begab sich wieder in das Feldherrnzelt zurück. Brodda schlief tief und fest. Wie wenig er doch ahnte, dass sein Leben unter anderen Umständen nun zu Ende hätte sein können!
« Letzte Änderung: 17. Feb 2016, 14:43 von Fine »
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Khamul

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Re: Re: Aufmarsch des Heeres von Rhûn
« Antwort #2 am: 6. Feb 2009, 22:45 »
Während Khamûl sich abwandte packte Oran den Leichnam auf seinen Rücken und ging auf seinen Schlafplatz zu. Zum Reisegepäck gehörte neben der Reiseverpflegung noch warme Kleidung, Feuersteine, leichtes Kochgeschirr, ein wenig Salz zum Würzen, sowie ein kleiner Spaten. Diesen nahm Oran von der Schlaufe an seinem Gepäckssack und suchte nach einer Stelle am Rande des Lagerplatzes, die niemandem auffallen würde. Von seinem Standpunkt aus machten seine Augen eine Runde. Er wählte einen ausladenden Busch in südlicher Richtung aus und begab sich in dessen Richtung, den toten Spion noch immer auf seinem Rücken tragend.
Seine Augen waren es von seinen Zeiten als Straßengauner noch gewohnt, die Dunkelheit der Nacht zu durchdringen. Es bereitete ihm keine Mühe, die schlafenden Söldner zu umgehen und den kprzesten Weg zu dem besagten Busch zu finden.
In Gedanken verfluchte sich der Ostling für seine übertriebene Vorsicht. Er war doch tatsächlich ganze fünf Minuten neben dem falschen König gestanden und hatte nicht einmal einen Dolch gezogen! Jeden Augenblick dieser endlos langen fünf Minuten hatte er geglaubt, Khamûl warte nur darauf, dass er ihn angreifen würde. Er hatte das erdrückende Gefühl gehabt, dieser könne Gedanken lesen. Wie ein dunkler, glitschiger Wurm hatte sich diese Ahnung in seinen Gedärmen festgefressen und ließ ihn auch jetzt nicht mehr los. Jeden Moment erwartete er, sein Schatten würde plötzlich eine goldene Maske bekommen, und Khamûl würde sich aus ihm erheben. Das war jedoch absurd, so etwas konnte nur ein richtiger Gott! Nicht einmal Sauron war ein echter Gott, warum sollte dann einer seiner Diener solche Fähgikeiten besitzen!

Der Boden wurde weicher und stieg leicht an, als er dem Busch näher kam. Er hatte die richtige Stelle ausgewählt! Und bald schon würde er endlich das Gewicht dieses toten Spions los sein!
Warum führe ich eigentlich diesen Befehl aus? Wenn ich die Leiche einfach nicht verscharre und Khamûl bei seiner Rede blamiere? Wenn er mich töten will, werde ich mit dem Dolch schneller sein. Doch andererseits... Werde ich es überleben? Werde ich mitten unter zwanzigtausend Söldnern ihren Geldgeber niederstechen können und dann noch erwarten, dass sie mich als Held feiern?
Ebenso wie die Leiche warf Oran auch diesen Gedanken weg. Beinahe geräuschlos prallte der weiche Körper auf den Boden. Er würdigte den toten Spion keinen Blick, teilte die Blätter des Busches und stach sofort mit seinem Spaten, unweit des dürren Stammes, in die Erde.

Eine Schaufel voll Erde ausgehoben.
Warum habe ich nur gezögert
Zwei Schaufeln.
Ich hätte ihn jetzt schon haben können!
Drei Schaufeln.
Überlebt hätte ich sicher nicht.
Vier Schaufeln.
Außerdem...
Fünf Schaufeln.
Ich sollte ihn sowieso erst töten, wenn die Schlacht geschlagen ist.
Sechs Schaufeln.
Gewinnt Khamûl, so sind die Söldner sowieso in zu großer Euphorie, um es wirklich zu bemerken, wenn ich meinen Auftrag ausführe.
Sieben Schaufeln.
Verliert er, so kann ich sicher einige Komplizen finden, die mir zur Flucht verhelfen.
Acht Schaufeln.
Trotz Allem will ich nicht sterben.
Neun Schaufeln.
Ulfang hat mir Freiheit und Reichtum versprochen, falls ich es schaffen würde, Khamûl zu töten.
Zehn Schaufeln.
Doch ich muss überleben, denn ich habe auch noch eine Familie, die ich versorgen muss.

Während er weiter schaufelte, grübelte er noch weiter über den perfekten Zeitpunkt, den falschen König endlich umbringen zu können. Dann warf er die Leiche unsanft in die von ihm ausgehobene Grube und schaufelte sie wieder zu. Nach kurzer Zeit war sie perfekt verscharrt, unter den Blättern des großen Busches war die umgegrabene Erde kaum zu erkennen. Er hatte gute Arbeit geleistet.

Die Sonne warf bereits ihre ersten Strahlen über den Horizont. Noch schliefen die Söldner allesamt, ermüdet vom langen Marsch am Vortag.
Nicht mehr lange, dachte Oran sich: Nicht mehr lange, Khamûl, und du wirst deinen letzten Atemzug machen!


Khamûl, Brodda und Oran mit dem großen Heer Rhûns nach: Ebenen vor Thal
« Letzte Änderung: 17. Feb 2016, 14:43 von Fine »
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The Chaosnight

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Das Dreifürsteneck
« Antwort #3 am: 24. Aug 2011, 22:12 »
Salia, von: Die Eisenberge


Weitere Wochen vergingen, in denen der Hass auf Brodderick trotz der besten Bemühungen Morrandirs und Rylthas weiter stieg: Er verschwendete weiterhin die Vorräte, welches nur durch ihre kleinere Heeresgröße ausgeglichen wurde, versuchte absurde Wege einzuschlagen (unter anderem den Eilend zurück Richtung Thal zu nehmen) und behandelte die Soldaten noch dreckiger als vorher. Als sie schließlich das  Dreigrenzeck fanden, der Ort an dem Eilend und Carnen sich trennten und früher drei verschiedene Herrschaftsgebiete lagen und nun an einziger Stelle Rhuns drei Fürstentümer Rhuns ohne Gortharia aneinandergrenzten (woraufhin das Gebiet fortan als Dreifürsteneck bezeichnet wurde), verließ eine weitere Division das Heer und zog in Richtung des tiefen Ostens. Übrig blieben nun vor allem drei Gruppen: Broddericks innerer Zirkel, absolute Anhänger Saurons, die seine Boten in Gortharia über Broddericks Verhalten aufklären wollte und wenige Königstreue, die Broddericks Ausfall als möglichen Beginn einer Wende sahen.

Die Flussgabelung des Dreifürstenecks wurde von einem gigantischem Wachturm überschattet, an dessen Seiten die Banner der umliegenden Fürsten wehten und dessen Spitze von den Standarten Gortharias und Mordors geschmückt waren. Trotz des Wetterumschwangs der letzten Wochen lagen noch immer meterhohe Schneehügel um den Turm verteilt, die stetig vom Wind abgetragen wurden.
Wie auch bei den Eisenbergen erwartete die Gruppe hier ein ranghoher Soldat im Dienste Khamuls, der hervortrat und Brodderick abfing. "Was macht Ihr hier? Wo ist Eure Armee?"
"Die steht hinter mir und ich kehre siegreich heim!"
"Das sehe ich, Brodderick, aber ihr solltet schon längst in Gortharia sein mit dem Vielfachem Eurer Gruppe! Ihr könnt nur hoffen, dass zumindest die Gefangenen heil ankommen."
"Sie folgen uns mit meinen besten Männern, die sind wohlauf. Viel mehr Sorge machen mir die elenden Verräter!"
"Verräter? Ich gespannt darauf, was Ihr mir darüber erzählen könnt. Warum folgt Ihr mir nicht in demn Turm?"
Brodderick verengte seine Augen und nickte dann kurz, bevor er in den Turm stieg. Währenddessen brach im Heer weitere Unruhe aus: Einzelne Heeresgruppen hatten sich zusammengeschlossen und dessen Heerführer zurückgezogen.
"Heerführerin Morrandir? Der Rat verlangt nach Euch." Morrandir nickte kurz und gab Ryltha ein schnelles Handzeichen, bevor sie hinter den Schneebergen verschwand.

"Der Turm ist neu hier", murrte Ryltha, "früher stand hier ein Stein. Ich frage mich was uns tiefer im Land erwartet."
Es dauerte Stunden, bis Morrandir äußerst verstimmt wiederkam. "Die Divisionen brechen weiter auseinander und einige Heerführer stehen kurz vor der Rebellion. Ich habe keine Ahnung wie lange man sie noch hinhalten kann oder ob jetzt alles auseinanderbricht."
Bevor sie dies weiter ausführen konnte oder Salia und Ryltha fragen stellen konnten, öffnete sich der Turm. In der Erwartung erneut die Leere in Broddericks Augen und sein unheimliches Lächeln zu erblicken, richtete sie sich zu voller Größe auf und sagte "Es ist Zeit." Schon nach dem erstem Schritt blieb sie jedoch stehen, denn lediglich der Turmwächter hatte den Turm verlassen: Zwar schwer angeschlagen, mehrere Schnitte fuhren ihm durchs Gesicht und ein abgebrochener Speerschaft steckte in seiner Schulter, aber dennoch stark und stolz blickte er auf die Soldaten und brüllte: "Broddericks Herrschaft ist vorbei! Von nun an ist er nicht länger oberster Heerführer oder gar ein Soldat Rhûns, sondern nur ein elendiger Verräter an allen Standards Rhuns, sei es der König, Sauron, das Land selbst oder seine Traditionen. Ich werde nicht zulassen, dass Rhun auf der Blüte seiner Macht so geschändet wird! Ich selbst werde fortan dieses Heer nach Gortharia führen."
Er ging kurz zurück in den Turm und ließ das verwirrte Heer kurzzeitig in purem Chaos zurück, in dem mehr getuschelt und diskutiert wurde als in den Wochen voller Unzufriedenheit zuvor. Zurück kam er mit dem offenbar bewusstlosem Brodderick, den er mit seinem gesundem Arm vor die Menge warf, wo er vor Salia liegen blieb.
"Ich habe gesehen, dass dein Regiment einen Gefangenen mit passendem Käfig für Hochverräter hat. Was wird diesem vorgeworfen?"
"Er war Broddericks Vorgänger als Heerführer und wurde ersetzt als seine Division meiner die Hilfe verweigerte.", warf Morrandir schnell ein, "Übrigens ist das meine Division. Teressa hier wird nur gerade ausgebildet. Kontakte und so..."
Der Soldat blickte zuerst verwundert auf Morrandir, lachte danach jedoch kurz auf: "Das trifft sich gut. Wie ich aus sicherer Quelle weiß, war Brodderick vor seiner Beförderung Bote und für die Übermittlungen der generelle Heeresverschiebung zuständig. Würde ihm nach der Aktion im Turm nahestehen...Selbstverst ändlich verlangt eine solche Anschuldigung eine eindringliche Untersuchung, aber mit Brodderick als Hauptverdächtigen sehe ich bei ihm wenig Fluchtgefahr. Lasst ihn vorerst frei und setzt ihn als neuen Käfigwächter ein, die passende Besatzung haben wir ja jetzt."



Nach diesem plötzlichem Wechsel in der Macht verblieben die Überreste des Heeres noch einen Tag am Dreifürsteneck. Ihr neuer Heerführer brauchte (trotz gegenteiliger Beteuerungen seinerseits) dringend einen Tag um seine Wunden zu kurieren und als erste Handlung an seinem "freiem" Tag setzte er so einiges in Gang um seine Soldaten hinter sich zu bringen und das Heer sicher nach Gortharia zu bringen: So verabschiedete er einen neuen Plan für die Essensrationen, verteilte anstehende Arbeiten angemessener und lockerte die Bestimmungen für die Gefangenen. Zwwar blieben diese Weiterhin Kriegsgefangene, jedoch blieb diesen nun eine angemessenere Verpflegung als die Abfälle, die Brodderick ihnen gegeben hatte, jeder Soldat war unter der Strafe der eigenen Versklavung dazu angehalten ihnen keine Leiden zuzufügen und sie unversehrt zu lassen, da diese "dem Reiche Rhun gehörten und nicht nur seinen ausführenden Organen." Ebenso wurden die Marschrouten sinnvoller gewählt und geplant, z.B. wurden fußkranke oder schwächelnde Ostlinge auf die Tiere gesetzt, bis sie wieder fit waren. Im Gegenzug für dieses Privileg fordete er lediglich Disziplin und Treue.
Mit diesen neuen Konzepten sicherte er sich in kürzester Zeit das Vertrauen der meisten Soldaten, sodass die weiteren Wochen erholsam ereignisarm und schnell vorrüber gingen.

Lediglich Brodderick hemmte die Ruhe und die neugefundene Harmonie innerhalb des Heeres: Als Salia kurz nach seiner Einkerkerung zu seiner Zelle kam um seinen Kerkermeister zu fragen wie es ihm nun ginge, war er aufgewacht und redete wirrer als je zuvor. Gemütlich hatte er sich in seinen Käfig gelegt und begann noch immer seine abstrusen Befehle zu verteilen oder alles in seiner Umgebung irgendetwas zu beschuldigen.
« Letzte Änderung: 6. Okt 2016, 11:09 von Fine »
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Das Ende einer Reise
« Antwort #4 am: 31. Okt 2011, 17:10 »
Weitere Wochen vergingen und das einst große Heer verkleinerte sich immer mehr: Mit dem steigenden Wahn Broddericks verließen ihn nach und nach auch seine treusten Anhänger, einigen Königstreuen graute es davor unter einem bekennenden Diener Khamuls die Stadt zu betreten und fast alle Soldaten und Söldner der entlegeneren Gebiete verließen entgegen den Anweisungen in Richtung ihrer Heimat.
Als unter dröhnenden Hörnern die Wappen entrollt und Standarten gehisst wurden, blieb nur wenig Glanz von der größten Armee des Ostens - neben Salias Gruppe blieben nur noch Überreste einstiger Großdivisionen ohne Anführer, sowie die Wächter der Gefangenen.

Am vorherigen Abend hatte ihr neuer Anführer, meist nur "Rog" genannt, Morrandir aufgesucht und sie von den neusten Deserteuren unterrichtet: "Trotz all meiner Bemühungen schmilzt unsere Stärke weiter und je näher wir unserem Ziel kommen, desto schlimmer wird es."
"Schön und gut", unterbrach Ryltha, "aber warum erzählt Ihr uns das? Trotz unserer Verluste sind wir noch immer ein beachtliches Heer."
Rog seufzte kurz. "Nach der heutigen Welle ist Morrandir die letzte Heerführerin. Die anderen sind alle desertiert oder zusammen mit Brodderick eingesperrt. Ich muss gestehen, dass dass ich solch ein Heer zum ersten Mal führe, doch wenn eine Heerführerin trotz all jener Dinge, die ihr Vorgesetzter ihrer Armee angetan hat trotzdem das Beste tut ihre Restarmee zu schützen, den Verbrecher dem Gesetz Rhuns überlässt und schlussendlich als letzte bis zum Schluss ihren Eid erfüllt, ist dies sicherlich etwas besonderes. Daher möchte ich Euch bitten für den restlichen Weg ein Auge auf die herrenlosen Splittergruppen zu werfen, wie bereits erkannt, haben wir ja noch immer ein beachtliches Heer."
In ihrer neuen Rolle als Aufseherin erhielten Morrandir, sowie Ryltha und Salia, die sie begleiteten, so einige vertrauliche Informationen über den Zustand des Heeres und weitere Planungen: Einige Soldaten waren froh schnell einen "Ersatz" für ihre geflohenen Heerführer zu haben, andere sahen es als ihre Pflicht an ihnen als Verantwortliche so viel wie möglich mitzuteilen und vor allem Rog teilte ihnen so einiges mit, wie es in Gortharia aussehen würde. Kurz nachdem er Morrandir befördert hatte, sei ein Bote aus der Stadt gekommen, der ihn aufgefordert habe die Gefangenen auf dem Marktplatz auszustellen, wo ein Sprecher ihr Schicksal und das Ende Thals verkünden würde. Er selbst solle sich im Thronsaal einfinden und dem König Bericht erstatten, sowie möglichst eindrucksvoll die Stadtore passieren, sodass jeder Zeuge des glorreichen Heeres werde.

Nach den Hornesstößen begann auch sogleich der pompöse Einmarsch über die Felder vor der gigantischen Stadtmauer, die durch zahlreiche Banner und Fahnen verziert war und von deren Toren drei Salven brennender Pfeile geschossen wurden.


Das Heer war daheim





Salia, zu: Gortharia, Ankunft des Heeres von Rhun
« Letzte Änderung: 1. Nov 2011, 21:03 von The Chaosnight »
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Im Fürstentum Gorak
« Antwort #5 am: 25. Sep 2016, 14:35 »
Cyneric und Ryltha aus Süd-Rhovanion


Je weiter sie nach Osten kamen desto mehr Menschen begegneten ihnen. Cyneric fiel auf, dass die einfachen Leute im Fürstentum Gorak großen Respekt vor Ryltha und ihren Soldaten zu haben schienen. Doch nicht nur Respekt konnte er erkennen, sondern vor allem auch Furcht und Vorsicht. Ob der König das Volk wohl durch seine Soldaten unterdrücken lässt? fragte er sich.
"Die einfachen Leute haben nichts davon, dass der Krieg gegen das Königreich Thal und die Zwerge gewonnen wurde," erklärte Ryltha als er sie danach fragte. "Alle geplünderten Schätze und die Einnahmen dadurch fließen direkt in die Kasse der Reichen und Mächtigen in Gortharia. In den Fünf Fürstentümern sind es die vom König eingesetzten Fürsten, die in seinem Namen das Volk ausbeuten. Hier in Gorak regiert noch der gemäßigste der Fürsten, doch auch er muss aus dem Weg geräumt werden. Darum werden wir uns kümmern, wenn die Zeit reif ist."

Niemand hielt sie an, obwohl sie immer wieder anderen Soldaten begegneten. Ryltha schien eine Freigabe von einem der Gerenäle oder hohen Heerführer zu haben und wurde überall durchgewunken. Während sie das Land durchquerten, erzählte sie Cyneric von dessen Geschichte. Gorak war einst ein eigenständiges Reich gewesen, dessen Lage in den Bergen westlich des Meeres von Rhûn eine Eroberung stets erschwert hatte.
"Die Hauptstadt des Fürstentums liegt unterhalb dieser Gipfel," sagte sie und zeigte nach links, wo die Berge seit einiger Zeit in der Ferne zu sehen waren. "Zwar ist das Gebirge nicht sonderlich hoch im Vergleich mit den Roten Bergen im tiefen Osten oder den Eisenbergen im Norden, doch dafür ist es sehr unwegsam. Große Heere kommen dort kaum durch, wenn sie nicht die verborgenen Wege und Passagen der Bergbewohner kennen. Gorak wurde im Zuge der Expansion des gortharischen Reiches vor über hundert Jahren zwar erobert, allerdings war dies nur durch Verrat und Bestechung möglich. Der damalige König erkaufte sich das Wissen über den Zugang zur Hauptstadt und die Verräter öffneten ihm sogar die Tore. Gorak fiel innerhalb nicht einmal eines Tages."

Cyneric hörte hauptsächlich zu, stellte hin und wieder eine Frage, doch die meiste Zeit war es Ryltha, die sprach. Cyneric war beeindruckt von dem Wissen, dass die Frau besaß. Sie schien nicht nur über die Völker und Reiche des Ostens bestens Bescheid zu wissen sondern besaß auch eine überraschende Kenntnis von den Ereignissen in Rhovanion und Gondor.
"Dieser ganze Krieg dient nur dazu, die Interessen der Mächtigen zu vertreten," sagte sie. "Die einfachen Leute auf beiden Seiten leiden nur darunter und haben am Ende gar nichts davon."
"Von den Orks kann man das wohl nicht wirklich sagen," warf Cyneric ein.
"Das ist etwas anderes, Cyneric, das merkst du ja selbst," antwortete Ryltha. "Bei den Orks gilt das Recht des Stärkeren und das Gesetz der Furcht. Wenn sie nicht mehr Furcht vor dem Dunklen Herrscher als vor den Soldaten des Westens hätten hätten sich die Orks von Mordor längst selbstständig gemacht, das kannst du mir glauben. Bei den Orks gibt es keine "einfachen Leute", die einfach nur ihr Leben leben und eine Familie gründen oder versorgen wollen. Diese Kreaturen leben für den Krieg. Wenn es keinen Krieg gibt, fangen sie durch Überfälle und Plünderungen selbst einen an."
Cyneric nickte. Er hatte in den Schlachten des Ringkriegs schon mehr Orks gesehen, als er jemals gewollt hatte. Das sie seine Heimat, die Riddermark, verwüstet hatten, war auch nicht wirklich hilfreich.
"Ob in Rohan oder Rhûn, in Gondor, Harad, Thal oder Khand, es ist überall das Gleiche," fuhr Ryltha fort. "Du wirst dort wie hier Leute finden, die kein Interesse am Krieg haben, aber von machthungringen Anführern dazu gezwungen werden. Das sind einfache Bauern oder Stadtbewohner, die in Frieden leben wollen."
"In Rohan zogen wir in den Krieg als uns der König rief," sagte Cyneric. "Wir ritten nach Gondor, weil die Leuchtfeuer brannten und weil das Reich ansonsten gefallen wäre, nicht weil wir gezwungen wurden."
"Das ist doch Unsinn, Cyneric," fiel Ryltha ihm ins Wort. "Natürlich warst du gezwungen, vielleicht nicht durch Gewalt, aber doch durch Lehns- und Treueschwüre. Und was habt ihr Reiter Rohans davon gehabt? Rohan und Gondor fielen unter den Schatten und eure Heimat brannte. Eorls Eid? Zwang der einfachen Leute zum Krieg. Leuchtfeuer? Genau das Gleiche. Das gibt es in Rhûn auch, es nennt sich Kriegspflicht. Ich sage es ja: Es ist überall das Gleiche."

Cyneric wollte ihr widersprechen, sah aber dass es sinnlos war. Die Frau würde ihre Meinung so leicht nicht ändern. Natürlich wusste er, dass Eorls Eid nicht aus Zwang oder Hunger nach Macht entstanden war sondern ein Versprechen zweier Königreiche darstellte, sich gegenseitig in schweren Zeiten beizustehen. Gondor und Rohan hatten einander schon oft ausgeholfen und waren zusammen stärker als alleine. Das Ganze diente auch den einfachen Leuten, deren Heimat durch manchmal notwendige Kriege geschützt wurde. Wenn der Feind ins eigene Land einfiel musste jeder zur Waffe greifen, um sie zu verteidigen, so einfach war das.

"Genug davon," sagte Ryltha und schwieg den Rest des Rittes durch das Fürstentum Gorak. Cyneric brannte darauf, sie wieder nach dem zu befragen, was sie über das Schicksal seiner Tochter wusste, doch die Frau setzte sich an die Spitze der Gruppe und blockte jeden Versuch, mit ihr zu sprechen, ab. So gingen drei Tage vorbei, in denen das Gebirge zu ihrer Linken langsam vorbeizog und durch das Meer ersetzt wurde, das am dritten Tag in Sicht kam.
"Wir sind fast da," kommentierte Ryltha. "Heute erreichen wir Gortharia. Zeit, dich noch unauffälliger zu machen, Cyneric."
Er erhielt eine Rüstung wie sie die Soldaten Rhûns trugen: ein bronzene Schuppenpanzer, ein unpraktischer Helm inklusive Tuch, das den Mund bedeckte, und rötliche Lederbekleidung. Den grauen Umhang legte er ab und seine rohirrische Rüstung wurde sorgfältig zwischen mehreren großen Felsen verborgen. In diesem Versteck fanden sich auch typische gortharische Waffen: Eine gekrümmte Klinge, eine Hellebarde und ein bronzener, viereckiger Schild. Es waren ungewohnte Waffen, doch Cyneric würde sich damit zufrieden geben wenn er dadurch nicht auffallen würde.
"Sehr gut," kommentierte Ryltha. "Jetzt bist du ein normaler Soldat in meiner Einheit. Ich besitze das Rekrutierungsrecht, kann also problemlos erklären wieso ich einen Soldaten mehr in meinem Regiment habe. Fürs Erste werden wir dich in einer der Kasernen unterbringen. Alles weitere erzähle ich dir, wenn wir dort angekommen sind. Auf geht's!"

Sie setzten sich wieder in Bewegung und ritten über die Ebene, bis am späten Nachmittag in der Ferne die Stadt Gortharia in ihrem Blick immer größer wurde.


Cyneric und Ryltha nach Gortharia
« Letzte Änderung: 28. Sep 2016, 17:00 von Fine »

Eandril

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Re: Gebiete westlich des Meers von Rhûn
« Antwort #6 am: 13. Okt 2016, 14:45 »
Milvas Einstieg

Natürlich hatte sie kein Glück. Einen Tag nachdem sie den Rehbock erlegt hatte, zogen schwere Regenwolken vom Meer im Osten heran, blieben in den Bergen hängen und durchnässten Milva gründlich. Außerdem stellte sie bald darauf fest, dass sie zu weit nach Osten und in die Nähe Goraks, der Hauptstadt des gleichnamigen Fürstentums geraten war. Auch wenn das Land weitaus weniger dicht besiedelt war als Dorwinion, je mehr Leute desto mehr Soldaten, und je mehr Soldaten desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Milva erkannt wurde. Innerlich verfluchte sie die Herrin der Quelle, dass sie sie auf diesen Auftrag geschickt hatte.
Zwar war sie zuvor bereits bis an den Nordrand der Berge vorgedrungen, doch so weit im Süden kannte Milva sich kein bisschen aus. Sie rückte den Bogen auf dem Rücken zurecht und tastete in ihrer Tasche nach der Sehne, die sich aufgerollt in einer wasserdichten Hülle befand. Dann wandte sie trotz des Regens, der stetig auf sie herabströmte, dem Dorf weiter unten im Tal den Rücken zu und stieg den Berghang wieder hinauf, bis zu der kleinen ebenen Lichtung, wo sie ihr Pferd zurückgelassen hatte.
"Ich fürchte er könnte sonst sterben...", äffte sie die Stimme der Herrin nach, und stapfte mit wütenden Schritten durch das feuchte Laub. "Du hast eine Schuld zu bezahlen... Ich muss verrückt gewesen sein, mich dazu überreden zu lassen", stieß sie gerade hervor als sie die braune Stute mit der Blesse auf der Stirn, die sie in der Nähe von Holmgard gekauft hatte, erreichte. Das Pferd wieherte empört, und Milva strich ihm beruhigend über den nassen Hals. "Na na." Sie spähte unter der Kapuze hindurch auf den schmalen Pfad dem sie bislang nach Süden gefolgt war und der sich laut dem Holzfäller, dem sie gestern begegnet war, nach einigen Meilen teilen würde. Wo genau sie sich befanden hatte ihr der Mann auch nicht sagen können, sein Wissen endete an jener Weggabelung. Milva seufzte, und schwang sich wieder auf den Rücken ihres Pferdes, wobei sie einen Schauer aus Wassertropfen versprühte.
"Wenn doch nur dieser Regen aufhören würde, nicht wahr?" Sie stieß der Braunen sanft die Hacken in die Flanken, und das Pferd setzte sich langsam, beinahe unwillig in Bewegung. Offenbar zerrte der Regen an den Nerven der Stute ebenso wie an denen ihrer Herrin. "Ich weiß ja", murmelte Milva vor sich hin, während sie mit der Rechten nach dem hinter ihr auf dem Pferderücken befestigten Gepäck, darunter die Reste des Rehbocks, tastete.  "Weder du noch ich sind freiwillig hier... bescheuerte Herrin."

Nach etwa einer Meile erreichte sie tatsächlich die Weggabelung, von der der Holzfäller gesprochen hatte. Ein Pfad bog nach Südosten ab, vermutlich direkt in die Gegend von Gorak, der andere führte geradewegs weiter nach Süden direkt auf einen hohen Berg zu. "Wenn das so weiter geht, geht der wahrscheinlich auch im Osten drumrum", grummelte Milva. Sie zog die Kapuze tiefer ins Gesicht, denn inzwischen tropfte das Wasser bereits von dort auf ihre Nasenspitze. "Aber was solls", meinte sie mit einem schicksalsergebenen Seufzer, und lenkte ihr Pferd auf den rechten Pfad. "Irgendwo muss ich lang, da kann ich ebenso gut den hier nehmen." Für einen Augenblick wünschte sie sich, ihr Vater wäre hier und könnte ihr sagen was zu tun wäre, doch sie verdrängte den Gedanken rasch wieder. Sie war nicht länger Maranya, die Tochter des Wilderers. Sie war Milva, und sie wusste sich selbst zu helfen.
Immerhin sah der Pfad, für den sie sich entschieden hatte, deutlich weniger begangen aus, also hatte sie vielleicht Glück und würde den Südrand der Berge erreichen ohne auf weitere Siedlungen zu treffen.

Dieses Mal hielt ihr Glück an, und sie erreichte ohne weitere Zwischenfälle die große Ebene südlich der Berge von Gorak - und sogar der Regen hörte auf.

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Zukunft und Vergangenheit
« Antwort #7 am: 15. Okt 2016, 21:06 »
Aivari in Begleitung Kazimirs, des Ostlings, und Inaris aus dem südlichen Rhovanion...


Das Grau des Morgens schimmerte schwach, das rhythmische Klappern der Pferdehufe auf dem begrasten Boden stimmte in die dampfende Atmung der beiden rhûnischen Rösser ein.
Kazimir war ab und an mit einem kleinen Feuer beschäftigt, gerade groß genug um ein paar der Vorräte genussvoller zu machen und in den Nächten etwas Wärme zu spenden, aber auch nicht so groß um Aufmerksamkeit zu erregen.
Sie brachen stets wieder auf, ehe es heller Tag war.
Aivari war nicht wirklich begierig darauf weiter in den Osten zu gelangen. Er hatte nicht eine gute Sache über die Völker gehört, die diese Lande bewohnten und sein Leben lang hatte er sie in den Gebieten südlich und östlich der Eisenberge bekämpft. Sogar sein bescheidenes Haus hatte er damals an sie verloren, das er mit eigener Kraft für seine Familie erbaut hatte.

Aber so unversehens war Inari in sein Leben eingetreten, als es einem unehrenhaften Ende nahte, dass er dem Mädchen nun helfen musste. Sie war jung, noch nicht einmal volljährig und begab sich vermutlich in törichte Gefahr, wenn sie alleine reiste.
Aivari dachte immer noch über ihre Geschichte nach, die ihn sehr betroffen gemacht hatte als sie ihm früher am Tag davon erzählt hatte.



»Es gibt nicht vieles, an das ich mich aus dieser Zeit erinnere. Angst, Rat- und Hilflosigkeit. Kummer, Zorn, viele Tränen der Verzweiflung. Und immer die Fratzen großer, dunkler Gestalten in rote und schwarze Stoffe gekleidet. Sie lachten und kannten kein Mitleid, auch nicht mit einem kleinen Kind.«



Aivari war zufrieden, dass die Entscheidung, die er und Inari spätestens treffen mussten, sobald sie in das Land Rhûn kamen, noch einige Tage aufgeschoben war; und er überließ es Kazimir, die Geschwindigkeit zu bestimmen mit der sie ritten, denn er hatte nicht den Wunsch, den Gefahren so bald entgegenzueilen, die ohne Zweifel vor ihnen lagen, welchen Kurs sie zuletzt auch immer einschlagen würden.



»Entrissen aus der Heimat, von Menschen, die ich liebte und die mich liebten. Aus Geborgenheit und Freiheit wurden Einsamkeit und Tyrannei. Gefangenschaft, Unterdrückung, Sklaverei. Meine ersten zusammenhängenden Erinnerungen an diese Zeit handeln von dem beschwerlichen Leben in kleinen Lagern mit anderen Knechten und Leibeigenen. Das Wort Sklave wurde immer vermieden, obwohl man uns stets wie solche behandelte. Von meiner Kindheit gibt es nicht viel mehr zu berichten als Trostlosigkeit und das Streben nach dem eigenen Überleben. So schwer diese Zeit auch war, sie hat mich geprägt und gestärkt.«



An keinem Tag seitdem Aivari und Kazimir auf die Ostlinge der Schwarzen Rose und Inari getroffen waren, hatten sie irgendeine Spur von Feinden gesehen. Die eintönigen grauen Stunden vergingen ereignislos. Das hügelige, teils felsige Land wechselte sich mit trockenem, nur noch sehr spärlich begrastem Land ab. Bäume waren bis zum Horizont keine mehr zu erkennen.



»Als ich alt genug war ein Schwert zu halten ohne unter der Last in die Knie zu gehen, wurde ich wie viele andere Leibeigene in die Kriegspflicht berufen und einem Sklavenhalter namens Aulis verkauft, der selbst General in der königlichen Armee war. Auch Leute aus deinem Volk sind zu dieser Zeit meiner Klinge zum Opfer gefallen, doch stets hätte die Fahnenflucht und Verweigerung der Kriegspflicht den Tod für mich bedeutet und viele Gleichgesinnte, die ich kannte, fanden so ihr Ende.«



Es gab kein Zeichen von irgendwelchen Lebewesen, die sich bewegten, ausgenommen Vögel. Deren gab es einige am Himmel. Sie zogen ihre Kreise und gierten nach Aas oder geschwächten kleineren Tieren. Ein- oder zweimal hörten die drei das Rauschen und Schlagen von Adlerflügeln, und als sie aufschauten, sahen sie die weit aufgespannten Schwingen eines prächtigen Tieres, das über den Himmel zog. Kazimir erklärte, dass die Adler, die in den Bergen von Gorak lebten, zu den prachtvollsten Tieren zählten, die er kannte. Und das es nicht mehr weit war bis sie die Gebirgszüge erreichen würden und damit auch das Königreich Rhûn.



»Bei einem Feldzug gegen das Königreich am Erebor, östlich des finsteren Elbenwaldes, entehrte mein Besitzer Aulis unseren Kommandanten. Der Narr betrank sich eines Nachts im Heerlager und verspottete den ohnehin dünnhäutigen Mann. Es kam zu einer Rangelei mit den Leibwachen und einem unglücklich geschwungenen Messer.
Noch in der selben Nacht setzte man ihn in der Wildnis aus. Ich sah mich näher an meiner Freiheit als je zuvor, doch das Sklavenrecht wird hoch gehalten unter Rhûnmenschen und so musste ich ihm in Ketten in die Verbannung folgen. Er war schon immer eine Bestie gewesen ohne jeden Wert für das Leben seines Gefolges. Doch seine eigene Dummheit und die Konsequenzen, die er nun zu tragen hatte, ließ er die folgenden Tage an mir aus.
Doch ohnehin hätten wir beide rasch unseren Tod in der Wildnis gefunden, wenn nicht Orks der siegreichen Truppen am Erebor auf dem Weg zur Verstärkung Dol Guldurs uns verloren in der Einöde aufgegriffen und uns als Sklaven in die dunkle Feste gebracht hätten. Es war ein bittersüßer Moment für mich, denn Aulis' Fall war ein tiefer gewesen. Vom hohen General in der Armee zum geringsten Sklaven, von Orks ausgepeitscht. Dort wurden wir gezwungen bei der Befestigung zu helfen, bis sie uns vor der Schlacht in die Kerker sperrten. Und so traf ich auf dich oder du auf mich. Das werden wir wohl nie endgültig klären können.«

Sie hatte zum Schluss aufgelacht und Aivari hatte sie deshalb in Ruhe gelassen, denn ihre Stimme hatte sich bis zu diesem Punkt stetig verfinstert.



Am nächsten Tag begann sich die Landschaft rasch zu verändern. Die flache Ebene stieg an und wurde steinig. Bald kamen sie durch ein felsiges Land und steile Hänge thronten vor ihnen. Abbröckelnde Felsklippen aus grauem, verwittertem Gestein, mit dunklen Gewächsen überzogen. Und hinter diesen erhoben sich hohe Bergkämme gespickt von übergrünen Tannen. Der Anblick war nach Tagen des Flachlandes imposant, wenngleich das Gebirge nicht mit den Nebelbergen oder auch nur dem Einsamen Berge zu vergleichen war.

»Die Berge von Gorak«, sagte Kazimir, als sie in Sichtweite kamen. »Spätestens hier betreten wir die bewohnteren Lande Rhûns und viel weiter kann ich euch nicht begleiten.«
Sie brachten die Pferde zum Stehen und Aivari und Inari bedankten sich erneut bei dem Ostling.

»Möge dein Weg nach Rohan oder Gondor, wohin immer es dich ziehen mag, von weniger Gefahr sein als deine vorherige Reise. Unser Dank ist dir gewiss und sollten sich unsere Wege noch einmal kreuzen, werde ich mich nach zwergischer Tradition erkenntlicher zeigen, als es mir jetzt möglich ist.«
»Ich freue mich auf den Tag, Aivari. Doch gebt Acht. Je weiter ihr das Königreich des Thronräubers betretet, desto gefährlicher wird es für euch. Fremde sind hier nicht mehr willkommen. Reitet rasch und ohne lange Rast. Lebt wohl.«

So trennten sich ihre Wege erneut und Aivari war dankbar, dass er in der Ödnis der Braunen Lande auf den zerborstenen Karren gestoßen war und dem Ostling helfen konnte. Wer wusste schon wie lange er ohne seine Hilfe für diesen Weg gebraucht hätte und ob es jemals zu einem Wiedersehen mit Inari gekommen wäre.

»Du hast mir immer noch nicht erzählt, wo du nun hinzureiten gedenkst«, stellte Aivari fest, nachdem Inari das graue Pferd wieder in Bewegung gesetzt hatte.

»Ich habe jetzt die Freiheit zu ergründen wo ich herstamme und was man mir genommen hat. Und warum«, erwiderte Inari mit stolzer Stimme und so entschlossen hatte Aivari das junge Mädchen seit sie sich begegnet waren noch nicht erlebt.
Sie wirkte plötzlich um einige Jahre gereift und auch einen Moment nicht mehr so zerbrechlich wie er sie seit ihrer Begegnung in Dol Guldur empfunden hatte.
»Und dazu muss ich zurück nach Gortharia, der Königsstadt am Meer von Rhûn, wo ich lange Jahre meines Lebens in Armut und Knechtschaft verbracht habe. Ich muss jemanden finden, der mir als Sklave stets zu fern war, doch mit deiner Hilfe komme ich vielleicht an ihn heran. Ich weiß jedoch nicht genau, ob er sich gerade in der Stadt befindet. Ein guter Ausgangspunkt sollte sie dennoch sein. In Rhûn gelten unsere Leben aber nicht viel und wir setzen uns großer Gefahr aus.«

»Ich bin dir gefolgt, um dir behilflich zu sein und zwar so weit du meinen Beistand brauchen solltest. Keinem von uns ist ein Eid auferlegt worden, dem anderen beizustehen. Der Abschied von meinem Volk im Lager vor Dol Guldur war bitterer als ich es mir nach den Taten im Kerker der Feste erhofft hatte. Und mich drängt es auch nicht gerade in die vom dunklen Herrscher befallenen Menschenlande im Osten zu gehen. Doch es wäre treulos dir gegenüber. Ich bin bis hierher mitgekommen, und ich sage dir jetzt Folgendes: Nun, da wir vor dieser letzten Entscheidung stehen, ist es mir klarer als je zuvor, dass ich dich nicht verlassen kann.«

Inari wandte sich auf dem Pferd herum und schenkte dem Zwerg eine feste Umarmung.
»Danke«, hörte er sie schluchzen und er spürte ihre Freudentränen an seiner Wange,a ls sie ihr Gesicht gegen das seine drückte. Aivari lachte vor Frohsinn aus seinem Bart und schon bald setzten sie ihren Weg voller Tatendrang fort, weiter gen Osten, wo Inari die Stadt Gortharia von hier aus vermutete.

Die inzwischen achte Nacht ihrer Reise brach an. Es war still und windlos; noch hatten sie das Gebirge von Gorak zu ihrer linken Flanke, der Ostwind hatte sich gelegt. Der schmale Mond war früh im fahlen Sonnenuntergang verschwunden, aber hoch oben war der Himmel klar, und obwohl im Westen der Gebirsgkette große Wolken gestanden hatten, die noch schwach schimmerten, blinkten im Osten helle Sterne.
Aivari lag noch wach da, Inari war so entkräftet gewesen, dass sie an diesem Abend rasch eingeschlafen war.

In diesem Augenblick war ein Surren von Bogensehnen zu hören. Mehrere Pfeile schwirrten über Aivari hinweg, und einige fielen zwischen ihn und Inari, die nur etwa zwei Fuß entfernt lag. Durch ein glückliches Geschick traf keiner der Pfeile sein Ziel.
Aivari sprang auf, rüttelte Inari wach und rief ihren Namen. Sie kam zum Glück schnell zu Sinnen und erkannte hastig aufspringend die Gefahr, in der sie sich befanden. Sie rannte zu dem grauen Ross, das ein Stück neben ihnen geschlafen hatte. Kurz bevor sie es erreichte traf ein Pfeil es in den Rücken und laut wiehernd riss es sich von der provisorischen Anlegestelle los und preschte in die Dunkelheit davon.

Ein weiterer Pfeil traf Inari zwischen den Schultern, und sie taumelte mit einem Schrei nach vorn. Der Pfeil prallte an ihrem rohirrischen Panzerhemd ab, doch die Wucht des Aufschlags bereitete ihr dennoch einen stechenden Schmerz. Ein anderer durchbohrte Aivaris Kapuze; und ein Dritter stak im Boden direkt neben ihm.
Der Zwerg glaubte schwarze Gestalten zu sehen, die auf sie zukamen. Sie schienen schon sehr nahe zu sein...
« Letzte Änderung: 15. Okt 2016, 21:24 von Eru »

Eandril

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Re: Gebiete westlich des Meers von Rhûn
« Antwort #8 am: 16. Okt 2016, 14:44 »
Der Südrand der Berge von Gorak war zerklüftet und fiel in steilen Felsklippen zur Ebene im Süden ab. Milvas Weg führte sie durch dunkle Tannenwälder immer weiter hinab, denn zuvor hatte der schmale Pfad sich weit an einem Berghang hinauf gewunden. Dabei hatte sie eine einigermaßen belebte Straße überqueren müssen, die von einem Minendorf nach Osten ins Herz des Fürstentum führte, doch zu ihrem Glück begegnete sie keinen Soldaten.

Als der Pfad schließlich unter den Bäumen hervortrat und auf die Ebene hinausführte, zügelte Milva ihr Pferd, denn vor ihr auf der Ebene waren drei sehr unterschiedliche Gestalten auf Pferden zu sehen. Eines war offensichtlich ein ganz normaler Mann, der gerade zu den beiden anderen sprach, doch die beiden anderen waren deutlich interessanter. Milva saß ab und schlang die Zügel um einen niedrigen Ast. Dann ging sie leise ein paar Schritte weiter, immer im Schatten der Bäume. Bevor sie nicht wusste, wen sie vor sich hatte, würde sie sich auf gar keinen Fall zu erkennen geben.
Die beiden anderen Gestalten waren deutlich kleiner als der Mann, wobei die eine menschliche Proportionen hatte und die andere gedrungen wirkte, wie ein... Zwerg.
"Hm", machte Milva nachdenklich. Natürlich war sie bereits Zwergen begegnet, denn die Eisenberge waren nicht allzu weit von ihrer Heimat entfernt und auf dem großen Markt waren oft zwergische Händler von dort oder vom Erebor weiter im Westen gewesen. Aber dennoch... was trieb ein einzelner Zwerg so weit im Süden? Die dritte Person war zwar nicht viel größer als der Zwerg, wirkte aber eindeutig menschlich.

Während Milva noch in Gedanken versunken war, wendete der größere der Menschen sein Pferd und ritt nach Westen davon, während der Zwerg und sein Begleiter - oder seine Begleiterin, denn als sie ihr Pferd wendete erkannte Milva die eher weiblichen Proportionen der Gestalt - ihren Weg nach Osten fortsetzten.
"Na, es kann nicht schaden ihnen zu folgen", sagte sie leise vor sich hin. "Vielleicht Flüchtlinge, oder aber..." In jedem Fall musste Milva ebenfalls nach Osten, und bevor sie sich der Absichten der beiden nicht sicher war, wäre es besser vorsichtig zu sein. Sie ging zu ihrer Braunen zurück, saß auf und ließ sie langsam aus dem Wald hinaus auf die Ebene traben.
"Schön Abstand halten, dann kann nichts passieren." Sie hatte schon oft königliche Soldaten verfolgt, aber dass war in ihrer Heimat, wo sie jeden Stein und jeden Strauch gekannt hatte, gewesen. Hier war Milva sich längst nicht so sicher, doch zu ihrem Glück war die Ebene im Osten weder vollkommen flach noch kahl. Solange sie also keinen Verdacht erregte, würden der Zwerg und seine Begleiterin also nicht bemerken, dass ihnen jemand folgte.

Den ganzen Tag folgte Milva den anderen ohne einen Zwischenfall, und als die Nacht hereinbrach ritt sie langsam weiter, bis sie vor sich den schwachen Schein eines Lagerfeuers in der Dunkelheit erkannte. Sie saß ab, und band ihr Pferd mit den Zügeln an einer Kiefer fest. Sie klopfte dem Pferd den Hals, und sagte: "Irgendwann sollte ich dir einen Namen geben, hm?" Die Stute schnaubte leise, und Milva kraulte die Blesse auf ihrer Stirn. "Aber nicht jetzt, denn mir fällt nichts gutes ein. Du musst dich wohl oder übel gedulden."

Bevor sie sich zum Schlafen im Gras ausstreckte, verzehrte sie den letzten Rest des gebratenen Rehs. Inzwischen hatte des Fleisch einen strengen Geschmack angenommen, war aber noch essbar, und obwohl Milva das Gesicht verzog war sie durchaus daran gewöhnt. In ihrer Heimat hatte sie auch nicht jeden Tag wildern können, denn die Gefahr erwischt zu werden war viel zu hoch gewesen.
Sie hatte sich gerade auf dem Rücken ausgestreckt, den Bogen zur Sicherheit neben sich liegend, und die Augen geschlossen, als sie das schmerzerfüllte Wiehern eines Pferdes hörte, und gleich darauf Hufschlag, der sich von Osten näherte.
Binnen eines Herzschlages war Milva auf den Beinen, ihren Bogen in der Hand - doch sie hatte noch keinen Pfeil auf die Sehne gelegt, und lauschte gespannt. Während das einzelne Pferd immer näher kam, waren vom Lagerplatz der anderen gedämpfte Rufe, und dann schnelle Fußtritte und das unverkennbare Schwirren von Bogensehnen zu hören.
"Verflucht", stieß Milva zwischen den Zähnen hervor, und lief los. Sie wusste nicht, wer dort wen angriff, und warum. Aber sie handelte aus den gleichen Gründen, aus denen sie einen verwundeten Flüchtling unter Gefahren zur Herrin gebracht hatte, und warum sie nun hier war: Sie konnte helfen.

Schon nach kurzem Lauf sah sie im schwachen Licht der Sterne und des Mondes den Zwerg und seine Begleiterin nach Norden, auf die Berge zu rennen, während mehrere schattenhafte Gestalten sie verfolgten und immer wieder Pfeile auf sie abschossen. Noch  im Laufen zog Milva den ersten Pfeil aus ihrem Köcher, legte an, spannte die Sehne und schoss. Der Pfeil flog in die Dunkelheit davon, schien aber nichts zu treffen. Also blieb sie stehen, und legte erneut an. Diesmal zielte Milva etwas sorgfältiger und ruhiger, und dieses Mal traf der Pfeil einen der Verfolger direkt in den Rücken.
Die Gestalt fiel in vollem Lauf, und einer ihrer Gefährten konnte nicht ausweichen und stolperte ebenfalls. Im nächsten Moment ragte einer von Milvas Pfeilen aus seinem Nacken, doch während der erste noch lautlos gestorben war, hatte dieser noch Zeit einen gurgelnden Schmerzensschrei aus zu stoßen.
Von dem Schrei ihres Kameraden alarmiert blieben auch die anderen Verfolger stehen und fuhren zu Milva herum.
Ich stehe hier wie eine Zielscheibe, hatte sie gerade noch Zeit zu denken, bevor sie den nächsten Pfeil fliegen ließ. Und noch einen. Und noch einen. Bei jedem Schuss fluchte Milva leise vor sich hin, und zwar über sich selbst.

Ein Mann ging zu Boden, und dann ein weiterer, doch noch immer standen vier weitere die sich jetzt von ihrem Schock erholt hatten, und begannen zurück zu schießen. Ein Pfeil schlug direkt vor Milva in den Boden, und ein weiterer pfiff direkt an ihrem linken Ohr vorbei, doch sie hatte keine Wahl als weiter zu schießen. Weglaufen wäre in diesem offenen Gelände ihr Tod gewesen. Sie verfehlte den nächsten Gegner um Haaresbreite, und dennoch ging er mit einem Schmerzensschrei zu Boden. Offenbar hatten die Verfolgten die Gunst der Stunde genutzt und waren ihren Angreifern in den Rücken gefallen.

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« Antwort #9 am: 22. Okt 2016, 22:28 »
»Lauf!«
Aivaris angeraute Stimme schallte durch die Nacht. Inari, die gerade noch ihre beste Fluchtmöglichkeit in die Dunkelheit davonreiten sah, bejahte den Ausruf des Zwerges und sprintete an seiner Seite auf die in der Entfernung nur schwer zu deutenden Berghänge zu, die vielleicht eine halbe Meile entfernt waren. Hier auf offenem Feld ohne eine Fernkampfwaffe waren sie leichte Ziele.

Der Wind schien wieder aufzufrischen oder die kalte Luft war nun spürbarer. Raschelnd rieben die Gräser beim Lauf aneinander und übertönten das leise Sirren, mit dem sich die Pfeile üblicherweise ankündigten. Doch nachdem ein oder zwei Pfeile noch hinter ihnen im Boden eingeschlagen waren, war plötzlich ein Schmerzensschrei zu vernehmen, der aus dem Halbdunkel hinter ihnen kam. Die beiden Flüchtenden hielten einen Moment inne und spähten in die andere Richtung. Die Augen hatten sich allmählich wieder an die Dunkelheit gewöhnt und es folgten weitere Rufe aus der Ferne. Pfeile surrten durch die Luft, Sehnen schwirrten und Flüche wurden ausgestoßen. Offenbar wurden nun ihre Angreifer überfallen.

Damit änderte sich auch der Plan Inaris und Aivaris, denn ihre beste Aussicht war nun ihre Feinde in den Nahkampf zu verwickeln.
»Hier nimm. Das ist unsere beste Möglichkeit«, sagte Aivari zu der neben ihm stehenden jungen Frau, die ihn um etwa einen Kopf überragte. Daraufhin reichte er ihr den Griff seines schwarzen Schwertes, das er noch immer in Leinen gewickelt auf dem Rücken getragen hatte.
Sie nahm es mit einem Nicken an, während er seine Kriegsbeile vom Gürtel löste und in die Richtung zurück lief, in der sie ihr Lager aufgeschlagen hatten.

Schon nach einigen Schritten sahen sie einen dunkelhäutigen Mann auf dem Boden liegen, heftig hustend. Er spuckte und ein dicker, langer Faden Blut blieb ihm im Barte hängen. Sie ignorierten den tödlich verletzten Ostling, denn unweit erkannten sie weitere ihrer Verfolger stehen, die jedoch von ihnen abgewandt waren und ihre Geschosse in eine andere Richtung schossen.
Diesmal hörte er das Schwirren der Sehnen noch lauter und sah einen Pfeil durch die Dunkelheit fliegen. Steil nach oben stieg er empor, verlangsamte den Flug und fiel in gekrümmter Bahn herab. Aivari rührte sich nicht. Der Pfeil trat fast senkrecht in einen Ostling ein, der nur noch zwei Schritt von ihm entfernt stand. Fast sofort steckte daneben im gleichen Winkel schon ein zweiter, der sein Ziel aber verfehlte.
Rasch liefen das Mädchen und der Zwerg auf die restlichen Männer zu und bevor der am nächsten stehende Mann reagieren konnte, steckte ihm bereits Azanuls Klinge in der Brust. Röchelnd ging er zu Boden.
Ein Schwirren und ein trockener Aufschlag. Der nächste Ostling sank von einem Pfeil getroffen in die Knie. Der Schaft mit Adlerfedern ragte aus seinem Kopf.

Aivari schaute in die Richtung, die der gefiederte Schaft anzeigte und er wusste, woher der Schuss gekommen war. An die fünfzig Schritte entfernt stand auf offener Fläche schwer zu erkennen eine Gestalt. Sie beschoss die Ostlinge unnachgiebig mit ihrem Bogen.
Keine Zeit einzuhalten, streckte Aivari den letzten Ostling in der Nähe mit einem gezielten Wurf seines Beils in den Hals nieder, während Inari gerade die blutbeschmierte Klinge Azanuls aus einem zu Boden gegangenen Mann zu seiner Linken zog.

Die Dunkelheit war so dicht wie das Schlehengestrüpp, das sie an den Berghängen entdeckt hatten. Der Zwerg sah nun niemanden mehr in der Nähe.
Langsam löste er deshalb die Gürtelschnalle, hielt beide Beile weit von sich und warf sie weg. Dann hob er beide Hände, sehr langsam, sich in der Finsternis umschauend und bedeutete Inari das selbe zu tun. Sie ließ Azanul mit einem dumpfen, metallenen Geräusch in das fußhohe Gras fallen.
Die Gestalt ging langsam auf sie zu und bald konnte man sie im fahlen Sternenlicht genauer erkennen.
Es handelte sich um eine junge Frau, etwa von Inaris Größe und Statur.
Ihr honigblondes Haar wurde an der Stirn von einem Band zusammengehalten.
Sie hielt den Bogen in der Hand, jedoch keinen Pfeil auf der Sehne, weshalb Aivari und Inari ihre Arme wieder senkten.
Die Bewegungen der Fremden zeugten von Geschick und obwohl dort ein Gewirr von trockenen Zweigen lag, hörte man keinen einzigen unter ihren Füßen zerbrechen.

»Habt Dank für eure Hilfe!«, rief Aivari ihr entgegen. »Wir hegen keine dunklen Absichten in eurem Land. Wir sind auf der Durchreise in die Königsstadt.«

»Das habe ich mir gedacht.« Die Bogenschützin beugte sich vor, drehte die vor ihr liegende Leiche auf den Rücken - nachdem sie ihr den Pfeil aus dem Nacken gezogen hatte - und schreckte zurück, als sie im fahlen Mondlicht die Rüstung der königlichen Soldaten von Gortharia erkannte. »Na großartig«, stöhnte sie, und wandte sich wieder an Aivari. »Wie es aussieht, haben wir die selben Feinde, also... Ich bin ebenfalls nach Gortharia unterwegs, und vielleicht können wir einander helfen.«

Der Zwerg wechselte einen raschen Blick mit Inari, die mit den Schultern zuckte, jedoch nicht beunruhigt schien.
»Wir könnten Eure Hilfe gebrauchen«, meinte sie dann halb zu Aivari, halb zu der fremden Frau. »Es ist einige Zeit her seit ich zuletzt in Gortharia war und aus dieser Richtung habe ich mich der Stadt noch nie genähert.«
»Diese Menschen«, warf Aivari ein. »Waren Anhänger von diesem Goran nehme ich an?«
Inari und die fremde Frau nickten zugleich. Die Kleidung der gefallenen Ostlinge erinnerte fern an die Kluft der normalen Soldaten, welche die Leute der Schwarzen Rose östlich des Düsterwaldes getragen hatten. Doch sie waren verzierter, prunkvoller.
»Mein Feind ist jedoch jeder Mensch, der es zulässt, das ein anderer ihm in Ketten dient«, fügte Inari noch hinzu. »Das macht mich zu einer Feindin Gorans aber auch anderer Ostlinge. Wenn das für euch kein Problem darstellt, können wir unseren Weg gerne gemeinsam fortsetzen.«
Inari wirkte auf den Zwerg mit jedem Tag, den sie weiter nach Osten vorstießen bitterer, obwohl sie ihrem Ziel näher kamen. Trotzdem schien die neue oder alte Umgebung sie in eine noch stärkere Abwehrhaltung zurückzuwerfen.
»Interessante Einstellung«, erwiderte die andere. »Damit werdet ihr euch in Rhûn sicherlich viele Freunde machen, aber ich habe damit kein Problem.« Sie schien die beiden aufmerksam zu mustern, und ihr Blick blieb für einen Augenblick an Inaris rohirrischer Rüstung hängen. »Jedenfalls seht ihr ganz eindeutig nach jemandem aus, der nicht in diese Gegend gehört, also sollte ihr euch vielleicht unauffälligere Kleidung besorgen bevor wir Gortharia erreichen.«

Aivari bemerkte unversehens zwei Pferde ganz in der Nähe. Offenbar hatte sich Radko, der graue Hengst, den sie von Milan dem Ostling bekommen hatten, zu einem Artgenossen gerettet. Der Pfeil, der es in den Rücken getroffen hatte, war abgebrochen, steckte aber noch im Fleisch. Sie näherten sich den Tieren, denn das zweite Pferd gehörte offenkundig der Fremden.
Mit ruhiger Hand strich Aivari über die Nüstern des Tieres und beruhigte es, während Inari den abgebrochenen Pfeil aus dem Tier zog. Nicht jedoch ohne ein kräftiges Aufbäumen und schmerzliches Wiehern des Pferdes. Aivari holte ein paar heilsame Kräuter aus seiner Tasche am Gürtel, zerrieb sie zwischen den Fingern und trug sie behutsam auf die Wunde auf, die sie mit einem der Leinentücher verbanden, die sie von Kazimir bekommen hatten. So sattelten sie alle auf, Aivari hinter Inari auf Radko.
»Mein Name ist im Übrigen Aivari und das ist Inari...«
Das Mädchen schenkte der Fremden ein knappes Lächeln, während die Pferde sich in Bewegung setzten.
»Die Ähnlichkeit ist reiner Zufall.«, fügte der Zwerg mit einem kurzen Lachen hinzu. Er wollte noch einen Spruch über die wahrscheinliche Einvernehmlichkeit ihrer Eltern äußern, doch ließ es dann lieber sein. Er wusste nicht ob Inari den Namen schon trug als sie als Kind nach Rhûn gebracht worden war oder sie den Namen erst als Sklavin bekommen hatte. Und verärgern wollte er sie nun wirklich nicht. So erntete er nur ein verschmitztes Kichern des Mädchens.
»Man nennt mich Milva«, erwiderte die Bogenschützin, blickte dabei stur gerade aus in die Nacht, und ließ keinerlei Emotionen erkennen. Ihr Tonfall sagte eindeutig, dass sie jetzt nicht weitersprechen wollte, und so verließen sie den Schauplatz des Überfalls in einvernehmlichem Schweigen.
« Letzte Änderung: 23. Okt 2016, 17:14 von Eru »

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Re: Gebiete westlich des Meers von Rhûn
« Antwort #10 am: 23. Okt 2016, 17:08 »
Sie ritten einige Stunden in der Dunkelheit weiter nach Osten, immer entlang der zerklüfteten Gebirgsflanke nördlich von ihnen, während nur das blasse Mondlicht ihren Weg beschien. Doch auch der Mond ging schließlich unter, und Milva zügelte ihre Stute. "In dieser Finsternis ist es nicht klug, weiterzureiten. Und wir sollten jetzt weit genug von dem Überfall entfernt sein."
„Ich nehme jeden Augenblick dankbar entgegen, den ich nicht auf diesem harten Pferderücken verbringen muss.“, erwiderte Aivari und sobald sie zum Stehen gekommen waren, sprang er vom Pferd und lockerte einen Moment seinen verspannten Körper.

Auch Milva saß ab, lehnte sich dann mit dem Rücken an einen bemoosten Stein und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Auch wenn die Nacht kühl war, wollte sie es lieber nicht riskieren ein Feuer zu entzünden. "Ich wusste nicht, dass es so weit im Süden auch Zwerge gibt. Was führt euch in diese Gegend?"
„Eine lange Geschichte.“, erwiderte der Zwerg stöhnend, während er sich im farblosen Sternenlicht auf den begrasten Boden gesetzt hatte.
„Ich will sie euch kurz zusammenfassen: Ich war lang nicht mehr im Norden, in meiner Heimat. Aus dem Westen komme ich. Habt Ihr schon einmal von Dol Guldur gehört? Die finstere Festung im Elbenwald? Dort kämpfte ich an der Seite von Elben und Menschen in einer großen Schlacht. Doch kampfesmüde bin ich geworden und nun helfe ich meiner Weggefährtin in den Osten Mittelerdes zu gelangen.“
Inari, die sich ebenfalls in das noch leicht warme Gras fallen gelassen hatte, notierte einen kurzen Blick von Milva, als Aivari auf sie zu sprechen kam.
Birken und Espen, die nur wenig Laub trugen und sich in der Nähe leicht im Winde neigten, spannten ein dunkles Netz vor den fahlen Sternenhimmel, während ihre Pferde in der nahen Umgebung grasten.
»Ich stamme vermutlich aus dem Osten«, sagte Inari nun, während ihr Blick in der Dunkelheit auf dem vom Wind gebeugten Gras lag und sie mit der Hand über die weichen Halme strich. »Ich suche jemanden, den ich in Gortharia vermute und vom dem ich mir mehr Auskunft darüber erhoffe. Ich bin als Sklavin nach Rhûn gekommen.«
Sie schwieg wieder und schien damit zu bedeuten, dass sie in diesem Augenblick nicht mehr dazu sagen wollte.
Milva wusste nicht viel zu sagen. Dol Guldur war für sie nur ein Name aus fernen, sagenhaften Ländern gewesen, ein Name der Unheil bedeutete. Und jetzt sprach sie mit jemandem, der dort gewesen war und offenbar noch viel weiter herumgekommen war. Ein so erfahrener Begleiter konnte ihr mit Sicherheit nützen, und sie stellte fest, dass der Zwerg ihr nicht unsympathisch war. Im Gegensatz zu den Zwergen die sie im Norden getroffen hatte, wirkte Aivari offen und freundlich, und wenig wie ein typischer Zwerg - wozu vermutlich auch Bart und die wenig stämmige Statur beitrugen.
"Ich komme aus Dorwinion", erwiderte sie vorsichtig, und drehte dabei gedankenverloren die Ähre eines Grashalms zwischen den Fingern. Sie fragte sich, wie viel sie den beiden offenbaren konnte - allerdings waren sie mit Sicherheit Feinde des Königs. In der Dunkelheit rief eine Eule. "Wenn ihr vom Norden sprecht, meint ihr dann den Erebor oder die Eisenberge?", fragte sie Aivari. Sie wusste nicht, woher ein Zwerg sonst kommen konnte.
„Im Norden liegen von hier aus die Eisenberge“, sagte Aivari und deutete beiläufig mit einer Hand in die Richtung, die er für Norden hielt. „Der Erebor lag für mich stets im Westen meiner Heimat und die Länder Rhûns im Süden. Selbst noch zu Zeiten als sich unsere Völker bekriegt haben, wusste mein Volk den Wein aus Dorwinion zu schätzen. Bis weit in die Kriegsjahre hinein wurde Riavod als neutrale Handelsstadt anerkannt.«
Wenn Aivari davon sprach, spürte er gleich wieder den feinherben Saum des rötlichen Branntweins, den es in den Hallen der Eisenberge zu jedem Mahl in aller Reichhaltigkeit eingeschenkt gab. Zu viele Monde waren schon vergangen seit er die Vorberge des Eisengebirges hinaufgeklettert war und wieder hinunter in das grüne Land mit seinen vielen Furten und kleinen raschen Bächen gewandert war – mit Fjóla an seiner Seite.

Riavod war die größte Stadt, in der Milva je gewesen war, und dort hatte sie auch den Bogen, den sie jetzt trug, erworben. Von dort waren auch hin und wieder die Strafexpeditionen gegen den Wald der Herrin, die sie in die Irre geführt hatte, aufgebrochen, und seit dem letzten Debakel, bei dem einige Soldaten ihr doppeltes Spiel erkannt hatten und entkommen waren, war sie nicht wieder dort gewesen. Milva schloss für einen Moment die Augen, und sagte dann: "Wenn ihr möchtet, übernehme ich die Wache." Nach der Aufregung des Überfalls hätte sie vermutlich sowieso nicht schlafen können, und außerdem wollte sie noch ein wenig über den Zwerg und seine ziemlich geheimnisvolle Begleiterin nachdenken.
Aivari nickte in stillem Einvernehmen und streckte sich auf dem grasigen Boden aus, Inari war offensichtlich deutlich erschöpfter als ihr Gefährte und bereits eingenickt. Milva erhob sich und setzte sich auf den Stein an den sie bislang ihren Rücken gelehnt hatte. Sie lauschte dem Wind in den nahen Bäumen, und beobachtete den langsamen Zug der Sterne über den nächtlichen Himmel.

Milva, Aivari und Inari weiter nach Gortharia...
« Letzte Änderung: 12. Jan 2017, 10:52 von Fine »

Listen to the wind blow, watch the sun rise
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Rynescéad, das Kriegsross
« Antwort #11 am: 15. Jan 2018, 15:23 »
Zarifa, Cyneric und Salia aus Gorak


Drei Meilen außerhalb der Hauptstadt des Fürstentums Gorak hatte Cyneric schlussendlich genug. Er konnte es nicht länger mitansehen.
“Zarifa,” sagte er zu der jungen Frau. “Bist du wirklich schon einmal auf dem Rücken eines Pferdes gesessen?”
Zarifa, die vor ihm ritt, und verzweifelt versuchte, sich aufrecht im Sattel zu halten, gab ihm keine Antwort. Cyneric lenkte sein Reittier neben ihres und zwang sie so dazu, endlich Blickkontakt aufzubauen. Er versuchte, nicht allzu vorwurfsvoll auszusehen, doch ganz konnte er es sich nicht verkneifen. Denn Cyneric hatte es eilig, nach Gortharia zu kommen, wo ein weiterer, womöglich entscheidender Hinweis auf den Aufenthaltsort seiner Tochter auf ihn wartete. Und Zarifa, die durch ihre fehlenden Reitkünste dafür sorgte, dass sie seit ihrem Aufbruch aus Gorak nur langsam vorangekommen waren, stand diesem Ziel nun im Wege.
Salia erlaubte sich ein untypisches Kichern. Das Mädchen war erneut aufgetaut und hatte ihre emotionslose Haltung aufgegeben, die sie in der Anwesenheit Rylthas oder Morrandirs stets innehatte. Doch Ryltha war vermutlich bereits in Gortharia angekommen und auch Morrandir war weit weg. Cyneric war froh darüber, denn die “echte” Salia gefiel ihm deutlich besser als die junge Frau namens Teréssa, die unter der Kontrolle der Schattenläufer stand.
Zarifa ließ die Schultern hängen, schien jedoch noch immer nicht bereit zu sein, die Scharade aufzugeben. “Ich weiß, wie man reitet,” gab sie trotzig zurück.
“Das sehe ich,” erwiderte Cyneric. “Dann hast du ja sicher nichts dagegen, wenn wir es ab sofort etwas schneller angehen lassen?” Er versetzte Zarifas Pferd einen Klaps auf das Hinterteil, und das Tier machte einen Satz vorwärts. Zarifa schrie auf und klammerte sich verzweifelt an den Hals des Pferdes, bis es eine halbe Meile weiter endlich anhielt und sich ein Büschel Gras vom Straßenrand genehmigte.
Cyneric und Salia schlossen grinsend zu ihr auf. Der Blick, den Zarifa den beiden zuwarf, war geradezu tödlich. “Ihr haltet euch wohl für die größten Witzbolde unter der Sonne,” giftete sie.
“Nun, hin und wieder macht Cyneric tatsächlich etwas, das mich zum Lachen bringt,” meinte Salia selbstzufrieden. “Gesteh’ es dir endlich ein, Zarifa. Du hast noch nie zuvor ein Pferd von oben gesehen.”
“Das macht nichts. Ich habe meiner Tochter das Reiten beigebracht, ich kann es auch dir beibringen,” bot Cyneric der jungen Frau an.
“Wie großzügig von dir,” antwortete Zarifa missmutig. “Ich bin aber nicht deine Tochter.”
“Komm. Steig aus dem Sattel und klettere auf Rynescéads Rücken. Er ist viel umgänglicher als dieser Ostling-Klepper, den Salia dir in Gorak ausgesucht hat,” meinte Cyneric. Rynescéad, sein rohirrischer Hengst, schnaubte bestätigend und warf Zarifa einen gutmütigen Blick zu.
“Ich weiß nicht recht. Er ist so... so groß.”
“Weil er ein Kriegsross ist,” erklärte Salia. “Er muss groß und kräftig sein, um bei einem Ansturm von Reitern maximalen Schaden anzurichten und einen schwer gerüsteten Reiter überhaupt tragen zu können.”
“Dein Gewicht wird er kaum spüren. Und er wird dich nicht fallen lassen, wenn ich ihn darum bitte. Solange du ihn nicht ärgerst, natürlich.” Cyneric lächelte.
Zarifa stieß einen entnervten Seufzer aus. Doch tatsächlich kletterte sie unbeholfen aus ihrem Sattel und ließ sich von Cyneric auf Rynescéads Rücken helfen. “Ich... schätze, wir beide könnten vorerst Freunde sein,” sagte sie unsicher zu dem Pferd. Rynescéad schlug mit dem Schweif und sagte nichts.
“Siehst du, er hat dich bereits ins Herz geschlossen,” meinte Cyneric. “Sonst lägst du bereits im Staub der Straße.”
“Sehr ermutigend, vielen Dank.”

Sie rasteten, nachdem sie bei Sonnenuntergang die Bergregion des Fürstentums Gorak hinter sich gelassen hatten und auf die Ebene zwischen Gortharia und dem Gebirge westlich des Meeres von Rhûn gekommen waren. Da sie damit rechneten, innerhalb zwei weiterer Tage in der Hauptstadt anzukommen, hatten sie nicht besonders viele Vorräte mitgenommen. Salia warf einen argwöhnischen Blick auf Zarifa, die beim Abendessen eine sehr großzügige Portion verspeiste. Cyneric hielt die Schattenläuferin mit einem zur Vorsicht mahnenden Blick davon ab, etwas zu sagen. Zarifa sah noch immer einigermaßen abgemagert aus und hatte vermutlich lange keine vollwertigen Mahlzeiten bekommen. Cyneric und Salia hingegen waren wohlgenährt und würden es verkraften, bis zu ihrer Ankunft in Gortharia den Gürtel ein wenig enger zu schnallen.
Wie er Zarifa so beobachtet, fiel Cyneric auf, dass das Mädchen nun müde und geradezu abgelenkt zu sein schien. Sie beteiligte sich nicht an dem Gespräch, das er mit Salia über dies und das führte, und wirkte wie ausgewechselt. Am Mittag hatte sie noch mit den beiden gescherzt und sich angeregt unterhalten, doch offenbar waren ihre Gedanken nun zu den Dingen, die ihr zugestoßen waren geschweift. Cyneric war hin- und hergerissen, ob er mit ihr darüber sprechen sollte und rang sich schließlich dazu durch, eine Frage zu stellen.
“Alles in Ordnung mit dir, Zarifa?”
“Lass mich in Ruhe,” zischte sie aggressiv und wandte demonstrativ den Blick ab. Cyneric tat ihr den Gefallen.
In derselben Nacht fiel es ihm schwer, Schlaf zu finden. Während von Salia schon bald ein leises, regelmäßiges Schnarchen zu hören war, drangen von Zarifa, die etwas abseits lag, leise Geräusche zu ihm hinüber, die sich verdächtig nach Weinen anhörten.
Als er sich vorsichtig erhob, um nachzusehen, sagte Zarifa: “Nein, nein, ich will das nicht... fass mich nicht an, nein, verschwinde... lass mich in Ruhe...”
Sie musste im Schlaf gesprochen haben, denn ihre Stimme verlor sich in undeutlichen Geräuschen und Schniefen. Offenbar durchlebte sie im Schlaf eine ihrer traumatischen Erinnerungen. Cyneric war voller Mitleid für das Mädchen. Er wusste nicht, was er tun konnte, um Zarifas Leiden zu beenden. Vermutlich kann nur die Zeit diese Wunden heilen, dachte er, während er trotz der Geräusche versuchte, einzuschlafen.

Am folgenden Tag kamen sie deutlich schneller voran. Die Schrecken der Nacht schienen für Zarifa vorerst vergessen zu sein und sie ließ sich von Rynescéad im raschen Trab entlang der breiten Straße tragen, die Gorak und Gortharia verband. Zu ihrer Linken war nun wieder das Meer von Rhûn aufgetaucht, das den Horizont mit seinem schier endlosen blauen Band verzierte. Es war kalt geworden, denn auch in Rhûn nahte nun der Winter. Über die flachen Ebenen zwischen Gortharia und den Braunen Landen strichen in dieser Jahreszeit oft tückische, kalte Winde, wie auch an jenem Tag. Unterhaltungen wurden beinahe unmöglich. So ritten sie schweigend hintereinander her, die Gesichter mit dicken Schals verhüllt, und hofften, dass der Wind ihren Ritt nicht allzu sehr verlangsamen würde. Die Windrichtung wechselte oft, sodass sie mal Gegen- und dann wieder Rückenwind hatten. Die Landschaft, die nur wenig Abwechslung bot, zog an Cyneric vorbei. Hier und da sah man vereinzelte Bäume oder kleine Erhebungen, doch bis auf diese Ausnahmen war das Land westlich von Gortharia erstaunlich flach und hauptsächlich von einem kurzen, bräunlichem Gras bewachsen.
Gegen Abend ließ der Wind endlich nach, und sie beschlossen, selbst nach Sonnenuntergang noch eine oder zwei Meilen weiterzureiten. Sie hatten bereits zwei Drittel des Weges hinter sich, doch Cyneric wollte gerne am Mittag des nächsten Tages in der Hauptstadt ankommen, um womöglich noch am selben Tag einen Blick in den geheimnisvollen Brunnen Anntírad zu werfen.
Salia durchschaute ihn beinahe sofort. Während der Mond als schmale Sichel hinter ihnen langsam aufging, lenkte sie ihr Pferd neben seines und sagte: “Dir ist hoffentlich bewusst, dass sich weder Ryltha noch Morrandir nach deinen Wünschen richten werden. Sie haben dir einen Blick in die Tiefen Anntírads versprochen, doch die Formulierung des Zeitraums “nach deiner Rückkehr aus Gorak” ist, nun, sehr dehnbar.”
Damit sprach sie nur Cynerics eigene Befürchtungen aus. Er traute den Schattenläufern nicht so sehr, wie er es sich wünschte, und eine leise Stimme in seinem Inneren sagte ihm schon länger, dass sie ihn nur für ihre selbstsüchtigen Zwecke gebrauchen und ihm die Belohnung verweigern würden. Aber... was würde sie davon abhalten, ihm einen so harmlosen Wunsch wie die Kenntnis über den Aufenthaltsort seiner Tochter zu verweigern? Fürchteten sie etwa, dass er sofort alles stehen und liegen lassen würde, und...
Ihm ging ein Licht auf. Natürlich, dachte er und ärgerte sich über sich selbst. Sie wissen, dass ich Rhûn verlassen werde, wenn ich weiß, wo mein kleines Mädchen ist. Und das wollen sie nicht, weil ich... nun, weil ich offenbar zu nützlich für sie geworden bin. Er warf Salia einen fragenden Blick zu, und fand seine Befürchtungen bestätigt.
“Ich glaube nicht, dass sie dir freiwillig zeigen werden, wo Déorwyn sich befindet,” sagte sie niedergeschlagen.
“Was habe ich nur an mir, das die Schattenläufer so dringend brauchen? Weshalb können sie mich nicht gehen lassen?”
“Ich wünschte, ich wüsste es, Cyneric,” erwiderte Salia. “Ich wünschte wirklich, ich würde alle Antworten kennen. Aber das tut niemand.”
“Nein, vermutlich nicht. Du hast recht,” gab er zu. “Als ich zum ersten Mal in den Brunnen blickte, zeigte er mir nur Eindrücke und Bilder meiner Tochter, und bestätigte mir somit, dass sie am Leben war. Sie sah älter aus, als an dem Tag, als ich den Fehler meines Lebens beging und meine Familie verließ. Doch ich glaube, dass Morrandir und Ryltha schon längst wussten, wo Déorwyn sich in jenem Moment aufhielt.”
“Wie sonst hätten sie dir garantieren können, dass sie nicht inzwischen gestorben ist?”
“Also war das, was ich im Brunnen sah, im Vornherein von den beiden festgelegt worden.”
Salia legte den Kopf schief. “Nein, so funktioniert es nicht. Ich glaube nicht, dass sie so große Kontrolle über das Wasser haben. Du hast gesehen, wo Déorwyn war, als du hineingeblickt hast, aber es war nur einer von vielen Eindrücken. Du wusstest nicht, welcher der neuste war. Ryltha und insbesondere Morrandir können so etwas unterscheiden. Doch sie haben es nicht getan, als du hineinblicktest.”
“Und werden es wohl auch diesmal nicht tun.”
“Ich fürchte, sie werden dir irgendwann notgedrungen einen Blick in den Brunnen gewähren, und dann wirst du wieder eine Vielzahl von Eindrücken und Bildern sehen. Und noch immer nicht wissen, wo du nach deiner Tochter suchen sollst. Dann werden sie dich auf das nächste Mal vertrösten. Und so weiter, und so fort.”
“Ich... ich muss es dennoch versuchen,” sagte Cyneric, der ratlos war und nicht wusste, wie er auf diese Enthüllung reagieren sollte. “Vielleicht... vielleicht, wenn ich genauer hinsehe, und mich konzentriere...”
“Ich weiß es nicht, Cyneric. Ich schätze, wir werden es sehen, wenn es soweit ist...”

Als sie am folgenden Mittag nur noch eine Meile von Gortharia entfernt waren und die rötlichen Mauern und die Silhouette des Königspalastes in der Ferne aufragten, fiel ihnen auf, dass auf der Straße deutlich mehr los war, als normal zu sein schien. Mehr Menschen als üblich schienen die Stadt verlassen zu wollen. Und aus den Gesprächsfetzen, die sie aufschnappten, reimten sie sich rasch zusammen, was der Grund dafür war.
“Die Schwarze Rose ist zerschlagen worden!” klagten einige Leute. “Wer wird nun eintreten für die Rechte der Armen?”
“Der König greift mit neuer Härte gegen Unruhestifter durch! Einige der Gehenkten waren gewiss unschuldig. Es ist nicht mehr sicher in Gortharia für uns,” sagten andere, die zwielichtiger aussahen.
“Die Goldröcke haben Blut geleckt! Schon bald werden die Straßen sich rot färben,” befürchteten wieder andere.
Öffentliche Hinrichtungen waren etwas, was Cyneric bislang fremd gewesen war. Er war froh, dass er dieses grausame Schauspiel verpasst hatte. Zarifa, die wieder schweigsam geworden war, schien glücklicherweise die meisten Ostling-Dialekte nicht zu verstehen. Nun würde Cyneric dafür sorgen müssen, dass Gortharia nicht den Tod des Mädchens bedeutete.
Als das Westtor der Stadt immer näher kam, musste er sich schließlich eingestehen, dass er keine Ahnung hatte, wie er das bewerkstelligen sollte...


Cyneric, Zarifa und Salia nach Gortharia
« Letzte Änderung: 23. Jan 2018, 14:54 von Fine »