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Autor Thema: Die Verliese des Palastes  (Gelesen 2392 mal)

The Chaosnight

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Die Verliese des Palastes
« am: 6. Nov 2011, 17:27 »
Salia, von: Die Ankunft des Heeres von Rhun

Über Seitenstraßen entfernte sich die Gruppe immer weiter von den Feierlichkeiten bis sie schließlich die äußeren Mauern des Palastes erreichte, die - wie der Rest der Stadt - von prächtigen Fahnen und Bannern geschmückt waren. Das mächtige Tor zu den Gärten des Palastes stand weit offen und offenbarte den ersten Blick zu den Wiesen und Teichen, Bäumen und Sträuchen und Feldern und Ställen des Hofes, sowie den fernen Ausblick zu dem Palast selbst, der nebelumschlungen auf einer fernen Anhöhe lag. Für Salia blieb dieser Anblick jedoch leer und unbedeutend. Still schritt sie weiter voran, blickte geradewegs zu dem fernen Palast und blickte zu ihm wie zu einem Traum. Überhaupt war sie die letzten Tage, wenn nicht sogar Wochen ausgesprochen still und antriebslos. Je näher sie der großen Stadt kamen, desto ruhiger wurde sie: Es schien als ob der unstillbarer Hass gegenüber dem Ostreich oder die Trauer über den Verlust ihrer Heimat mit jedem Meter den sie sich von ihrem Ziel entfernte mit ihr schwand und einer unnatürlichen Leere wich.
Es gab Zeiten, an denen diese Leere zu schwinden schien und sie zeitweise wieder klar denken konnte und fest entschlossen schien ihr altes Versprechen auf schnellstem Wege einzulösen, doch meistens verschwand es schon kurz nach den Wegzehrungen wieder und sie verfiel schnellem Schlaf.

Still und auch etwas schlaff und schläfrig schritt sie so weiter durch die majestätischen Gärten (Die Wächter ließen sie ohne Nachfragen passieren, sobald sie Brodderick sahen, der ähnlich schlaff und schläfrig wirkte) und stand schließlich vor den Türen - oder sollte man besser Toren sagen? - des Palastes, aus denen ein einzelner königlicher Gardist schritt.
"Seid gegrüßt", begann er in einem Tonfall, der ziemlich genau das Gegenteil ausdrückte, "Ich bin sicher es gibt einen guten Grund, warum Ihr zur größten Feierlichkeit dieses Reiches nicht am Platz seid."
"Ich bin der oberste Heerführer der Rückkehrer und soll im Audienzsaal auf den König höchstselbst warten", sagte Rog stolz.
"Und ich bin hier um einen Hochverräter in die Verliese zu bringen", setzte Morrandir kühl nach, "Aber ich bin sicher Ihr wusstet dies eh schon und wolltet nur eine Identitätsbestätigung von uns."
"Vorschrift", entgegnete der Gardist mürrisch, "Gebt Eure Waffen ab und tretet ein."
Während Rog seinen Gürtel löste und aus den unmöglichsten Stellen weitere Waffen hervorzog, erblickte der Gardist Brodderick und sofort blitzte er wütend auf und zischte: "Brodderick ist der Hochverräter?"
Als Morrandir nickte, schritt er zwei Schritte vor und wischte Brodderick zweimal mit seinem stählernen Handschuh durchs Gesicht und schrie ihm allerhand Namen ins Gesicht, die Salia bestimmt in keinem ihrer Bücher gefunden hätte.

"Was soll den dieser Tumult", fragte einer strenge Stimme aus den Innenräumen, woraufhin der Wächter sofort erstummte und zur Tür blickte. "Frau Laladria, ich..."
"Genug", sagte sie, "Dürfte ich nun endlich meine Gäste begrüßen? Ganz nebenbei vermisst das Quartier 81b noch immer einen Insassen und der Hofschreiber fühlt sich mittlerweile bestimmt auch schon einsam." Auch dieser Gardist zuckte bei der Nennung der Verließzelle. "Sch..Schon gut", begann er zittrig, nach einer kurzen Pause fuhr er aber mit fester Stimme fort: "Moment, Eure Waffen!"
"Sie sind meine Gäste", sagte Laladria, "Es wäre höchst unhöflich sie wie einen einfachen Boten oder Bittsteller zu behandeln." Der Gardist nickte kurz und ließ sie hinein.


Die Eingangshalle de Palastes war gigantisch: Statuen, Gemälde, Wandteppiche und schmuckvoll verzierte Fenster, Säulen, Banner und gigantische Lichtquellen aus Fackeln und Kronleuchtern, all der Glanz des Reiches schien in diesem Raum zusammenzufinden - Doch erneut schien Salia dies nicht zu interessieren.
Laladria schloss eine halbversteckte Tür auf und führte die Gruppe hinein. Sie befanden sich nun in einem schwach beleuchteten Tunnel, an dessen Seiten Einbuchtungen alter Zellen lagen, die nun verwaist dastanden. "Die Gefangenen warem dem König zu laut", bemerkte Laladria kurz", griff eine Fackel und leuchtete auf ein Schild an einer Einbuchtung: "Zelle 1a" Sie führte die Gruppe weiter durch den Tunnel und leuchtete gelegentlich an die Einbuchtungen: Zelle 1c, Zelle 2a, Zellen 3a-c, so ging das einige Zeit weiter, bis sie vor einer weiteren Tür standen, die Laladria aufschloss. "Gleich sind wir im eigentlichem Verliestrakt des Palastes oder besser gesagt dadrunter. Die meisten Verbrecher landen in Verliesen innerhalb der Stadt, hierhin gelangt man nur auf Bitte des Königs oder seines innersten Stabes."
Sie leuchtete erneut auf ein Schild.


Hochsicherheit 1

Stab 1

Zelle 1a


"Ausbauarbeiten...", führte Laladria diesmal an, "Im Laufe der Zeit haben die Verliese den Palast überwachsen und immer mehr Verliese entstanden, die meist aber wieder vergessen oder aufgegeben wurden. Wir werden noch oft an einer "Zelle 1a" vorbeikommen, vor allem da wir abseits der heutigen Verliese gehen und stattdessen den alten Wegen folgen werden."
Es schien Stunden zu dauern den Weg der verfallenden alten Verliese zu folgen, Stunden der gleichen öden Tunneln, die nur gelegentlich um eine Kurve gingen oder Blicke in die gleichen Zellen freigaben. Selbst die Häufigen Weggabelungen wurden durch ihre schiere Häufigkeit mit der Zeit langweilig. Die Wege waren im Laufe der Zeit ausgetreten und rissig geworden und an vielen Stellen wirkten die Wandfackeln alt und abgenutzt. Je weiter sie ins Erdreich traten, desto mehr schien diesmal Salias Leere zu verschwinden und nur noch durch die beengende Tunnellage an ihr zu haften.

Die Wege blieben weiterhin rissig und abgenutzt, aber die Zellen veränderten sich: Anstelle kleiner Kammern in der Wände waren nun vereinzelt notdürftige Betten oder andere Gegenstände zu erkennen oder sogar vergleichsweise luxuriöse Wärterzellen mit furteinflößenden Gerätschaften, deren Zweck sich Salia gar nicht vorstellen wollte. Einige Wege schienen von den Wärterzellen ausgehend wieder nach oben zu führen, doch die Wege waren verschüttet oder führten zu einer festen Steinwand. "Zugeschüttet", lautete die knappe Erklärung, "Wie schon gesagt sind die meisten Verliese verlassen oder vergessen und die Könige wollten keine Zugänge zu dem Palast haben, der ihnen gefährlich werden könnte."
Sie passierten eine Art Tunnel innerhalb des Tunnels, über dem Teile der heutigen Verliese lagen. "Früher lag hier eine Verbindung, doch man ließ sie abreißen, als die Quartiere gebaut wurden. Ansonsten wären wir schon lange da..."

Eine weitere gefühlte Stunde verging und mittlerweile wurden auch die Zelllen in den Wänden weniger und stattdessen tauchten immer wieder modernere Türen auf, die Laladria aufschließen musste. In einer Art unterirdischer Halle blieb sie stehen und leuchtete auf eine große Kammer, die sich in der Wand auftat und an deren Seite "Quartier 81b" stand. "Das ist das gefürchtete Quartier?". lachte Brodderick höhnisch, "Das ist besser als mein Zuhause!"
Er schien ebenso wie Salia wieder zu alter Form gefunden zu haben: Nachdem er stolz eingetreten war, fing er wieder an wirre Befehle zu geben und bezeichnete sich wieder als oberster Heerführer. Auch Salia erhaschte einen kurzen Blick in die Zelle und ihr entfuhr eine ähnliche Reaktion: Die Zelle war wahrhaft gigantisch, besaß ein modernes Bett, Schränke mit Büchern, einen eigenen Teich und allerhand, was noch im Schatten verborgen blieb. Doch kaum hatte sie angesetzt, unterbrach sie Laladria: "Nicht hier!" Auch wenn es Salia nahe lag trotzdem fortzufahren sagte ihr irgendetwas, dass sie auf Laladria hören sollte. Leise murrend folgte sie ihr zu den verschütteten "Quartiere" 81c bis 84d und schritt nach ihnen schließlich durch einen schmalen Spalt in der Wand zu einem weiterem Raum, der dem "Quartier" 81b nicht unähnlich sah. Instinktiv blickte Salia an die Wand: "Quartier 85 - Abzureißen 2955 DZ"
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The Chaosnight

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"Ein Schatten vergeht nie[...]"
« Antwort #1 am: 6. Nov 2011, 19:32 »
Laladria setzte sich auf einen Stuhl und zeigte den anderen drei Frauen es ihr gleich zu tun. "Wir haben ungefähr eine Stunde bevor wir wieder oben erwartet werden. Genug Zeit meine Nachfolgerin kennen zu lernen. Aber vorher", sagte sie mit einen Blick auf Salia, die angespannt dasaß und kurz davor war loszuschrein und nach Antworten zu verlangen, "fürchte ich, dass ich ein paar Sachen erklären muss. Erstens: Diese Quartiere sind nicht so schön wie sie aussehen. In ihnen gibt es zwar Trinkwasserquellen und genug Nahrung sowie allerhand vermeintlicher Luxusgüter, doch das Wasser fließt durch Felder von giftigen Kräutern, deren Gift auch in der Höhlenluft liegt. Ich denke du wirst darauf kommen, was es in deinem Kopf auslöst." Morrandir und Ryltha tauschten erschrockende, aber auch wissende Blicke aus und Salia blickte sich kurz um. Sie war eben erst gefühlte Stunden durch die Verliese gelaufen und sollte nun das Gift einer unbekannten Pflanze erraten, das sie unbewusst eingeatmet hatte? Sie müsste erschöpft sein nach dem langen Weg...und doch war sie es nicht. Ihre Füße fühlten sich normal an, viel besser wie bei dem Weg nach Gortharia und auch ihre Erschöpfung war nun vollständig abgeklungen. Sie blickte auf die Fackel, die Laladria noch immer in der Hand hielt - Sie war kaum abgebrannt. "Sie verändert das Zeitgefühl?"
"Richtig. Bevor der König heute Abend jemanden hier runter schickt wird Brodderick denken tagelang dort unten zu sitzen und denken endgültig verrückt geworden zu sein. Sollte der König ihn für schuldig halten wird er ewig in der Zelle bleiben und ein gefühltes Zeitalter lang immer den gleichen Tag durchleben und in dem vermeintlichen Luxus immer weiter das Gift zu sich nehmen. Als ich das erste Mal von den Quartieren gehört habe, wusste ich sofort, warum sie nur mit Respekt gewispert werden. Aber nun weiter, bevor unsere Zeit abläuft. Zweitens: Diese Zelle hier sollte abgerissen werden, da die meisten Quartiere ohnehin baufällig wurden und in diesem ein noch viel schlimmerer Apparat lag, der selbst den Königen Rhuns zu verrückt erschien. Jedoch ist dieser hier gut abgeschirmt von den anderen und trotzdem noch bewohnbar, sodass man hier wirklich allein sein und solche Gespräche führen kann. Und zuletzt Drittens: Vor dir trug ich den Titel Dae und bin nun ein fester Bestandteil des königlichen Hofes, auch wenn ich meist nur damit beschäftigt bin irgendwelche hochrangigen Verräter zu beseitigen oder...ähm zu verschleiern. Baer genug vom Allgemeinem: Was genau ist am Erebor passiert und wie lautet der Deckname meiner Nachfolgerin? Wie man mir sagte scheint irgendetwas schief gelaufen zu sein..."
"Der Geheimgang im Berg wurde entdeckt", murrte Salia, "Im Berg war die Überzahl dann zu deutlich. Und ich bin Teressa."
"Verfluchte Geheimgänge", sagte Laladria, "dadurch wird es noch schwieriger Größenwahn und Machttrunkenheit unter Kontrolle zu halten...immerhin sind wir dadurch Khamul erstmals los. Morrandir?! Ryltha?! Wenn wir hier fertig sind nehmt Teressa zu unserem alten Trainingsplatz und bringt ihr das wichtigste bei. Ich werde versuchen in den nächsten Tagen herauszufinden was der König alles genau plant wenn er alle Details hat und Euch eine Nachricht zukommen lassen, was zu tun ist. Im Moment weiß leider kaum jemand, wie sich die Lage hier entwickeln wird, vor allem, da die ganze Sache mit Brodderick, dem schwindendem Heer und der für viele Militärexperten unerwartete Sieg haben doch einige Planungen über Bord geworfen."
"Was ist mit dem alten Orden des Skoprpions? Machen die immer noch Probleme?", warf Morrandir ein. "Keineswegs, ich habe mir die Freiheit genommen sie um ihre Formeln zu erleichtern und ihren Anführer zum Fürsten von Khand zu schicken, nachdem einer der ständigen königlichen Gardisten am dortigem Hof verstorben war. Viel mehr Sorge machen jedoch die steigende Anzahl von eigentlich harmlosen Orden, die sich in den letzten Wochen gebildet haben. Bei all den Organisationen, die sich irgendetwas als Ziel setzen, was dutzende andere ebenso fordern, ist es mittlerweile schwer den Überblick zu waren wer nun wofür steht, vor allem da es immer mehr Namensüberlappungen gibt. Gortharia zersplittert immer mehr von innen und die Macht des Königs leidet darunter. Selbst die königstreuen Orden zweifeln oft an seiner Durchsetzungskraft, Khamul ist der große Gewinner: Ihm gebührt man den Sieg am Erebor zu und er war es, der in Gortharia wichtige Positionen besetzt hat und am Ende die erfolgreichen Entscheidungen getroffen hat. Wir können froh sein, dass Alatar und Pallando gegen Khamul zu stehen scheinen, sie sind die einzigen, deren Macht in dieser Stadt mit Khamuls Einfluss mithalten kann. Aber Pallando ist seit Wochen verschwunden und Alatar ist damit beschäftigt dem König fast jede Entscheidung ins Ohr zu flüstern."

Einige weitere Zeit besprachen sie noch die Änderungen in Rhun und Gortharia und Laladria erklärte Salia ein paar interessante Möglichkeiten in Gortharia zurechtzukommen und seine Infrastruktur auszunutzen. "Für den Anfang, falls irgendetwas unerwartetes passieren sollte. Morrandir und Ryltha werden dir es dann genauer demonstrieren.
Sie blickte auf ihre Fackel und sagte dann: "Wir müssen nach oben."
Sie suchte die Wand ab und wollte gerade in eine Nische schlüpfen, als eine Stimme durch den Raum fuhr: "Laladria? Gibt es irgendetwas Neues von meiner Tochter?" Laladria zuckte kurz zusammen und fuhr mit der Fackeldurch den Raum, wo ein älterer Mann aus einem der älteren Betten stieg. Erschrocken zog Ryltha augenblicklich ihr Schwert, doch Laladria hielt sie zurück: "Er ist keine Gefahr."
Sie blickte zu dem Mann und sagte leise: "Nein, leider nicht. Seit unserem letztem Treffen ist sie verschwunden und sie war auch nicht innerhalb der Stadt."
"Sagt..Sagt ihr, dass es mir Leid tut", murmelte er mehr zu sich selbst als zu Laladria, die einen Moment regungslos dastand und nur belegt antwortete: "Das mache ich!" und dann schnell in der Nische verschwand. Die drei Frauen folgen ihr eilig und fanden vor sich eine Art Treppe, die in die Wand geschlagen wurde und steil nach oben führte - Laladria war schon aus dem Sichtfeld verschwunden.

Sie hat eine Treppe nach Oben und lässt uns durch giftige Gase irren?!



Salia, nach: Wohnräume des Palastes
« Letzte Änderung: 7. Nov 2011, 15:48 von The Chaosnight »
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Die Allianz
« Antwort #2 am: 31. Jan 2017, 18:46 »
Cyneric aus Tianas Taverne


"Zeigt euch!"

Die Stimme war männlich und in ihr schwang einiges an Autorität und Lebenserfahrung mit, sodass Cyneric den Sprecher ungefähr auf Mitte vierzig schätzte. Direkt vor ihm rührte sich Ryltha, doch sie blieb ebenso in den Schatten des getarnten Seitenganges verborgen wie Morrandir und Teressa, die weiter vorne knieten. Cyneric warf einen vorsichtigen Blick über die Schulter und sah, dass Lilja ihm zuversichtlich zunickte. Die wissen, was sie tun, schien ihr Blick zu sagen. Daher packte er den Griff der langen Stangenwaffe, die er mit sich führte, und stellte sicher, dass sie nicht über den rauhen Steinboden rollte und Lärm verursachte. Es roch seltsam in den Verliesen - nach alten Steinen, Staub, und ... irgendwie süßlich, ein Geruch, den Cyneric nicht richtig einordnen konnte. Seine Beine schmerzten von der geduckten Haltung, in der er sich befand.
Endlich geriet Bewegung in den Hauptgang. Eine Frau in einem hellen Kleid kam in Cynerics begrenztes Sichtfeld und blieb stehen. Cyneric fand, dass sie nach einer gewöhnlichen Hofdame aussah, doch er konnte sich nicht erinnern, ob sie ihm im Palast bereits aufgefallen war oder nicht.
"Hier bin ich," sagte sie. "Ich sagte doch, Ihr sollt allein kommen."
"Das seid Ihr ebenfalls nicht, Laladria. Doch ich bin mir sicher, Ihr wusstet dass es so kommen würde," entgegnete der Mann, den Cyneric noch immer nicht sehen konnte.
"Also gut," sagte Laladria. "Schatten, versammelt euch."
Morrandir und Teressa sprangen gewandt in den Gang und stellten sich hinter der Frau auf, Sie trugen die dunkle Ausrüstung der Schattenläufer, samt Kapuzen und kniehohen Stiefeln. Ryltha bedeutete Cyneric und Lilja, ihr zu folgen, und verließ ebenfalls das Versteck. Cyneric folgte ihr, darauf bedacht, sich beim Verlassen des niedrigen Seitengangs nicht den Kopf anzuschlagen. Er bezog rechts von Ryltha Posten, gehüllt in die vollständige Rüstung der Palastgarde, die Stangenwaffe kampfbereit vor sich haltend. Von seinem Helm, der den Großteil seines Gesichts verdeckte, fiel ein langer, roter Schweif herab, der die Palastgarde von den gewöhnlichen Stadtwächtern abhob und ihre gehobene Stellung unterstrich.

Nachdem Cyneric und Orvar Tianas Taverne verlassen hatten (das Angebot, dort zu übernachten, hatten sie dankend abgelehnt; denn sie konnten es sich nicht leisten, all zu lange abwesend zu sein sondern mussten sich regelmäßig bei ihrem Kommandaten melden) waren sie gleich zum Palast zurückgekehrt und in ihre Quartiere verschwunden. Die Nacht war ereignislos vergangen und Cyneric hatte eine frühe Wachschicht bis kurz vor Mittag geschoben. Danach war er von Morrandir kontaktiert und in die Verliese geführt worden, bis er sich schließlich in dem kleinen Seitengang wiedergefunden hatte, ohne wirklich zu wissen, was da nur vor sich ging.

Er warf einen Blick den Gang hinunter. Mehrere Menschen standen dort, im Licht der wenigen Fackeln im Hauptgang nur schwer zu erkennen. Sie alle trugen unscheinbare Kleidung, doch im Gegenzug zu den Schattenläufern waren ihre Gesichter nicht verhüllt. An ihrer Körperhaltung erkannte Cyneric jedoch, dass auch sie kampfbereit und bewaffnet waren. Eine große Anspannung schien in der Luft zu liegen. In der Mitte der Gruppe stand der Mann, der als Erster gesprochen hatte. Er trug eine feste Lederrüstung und darunter weinrote Stoffkleidung. An seiner linken Seite hing ein Krummsäbel. In Haar und Bart zeigten sich erste graue Strähnen.
"Es heißt, die Diener Merîls seien stets drei," sagte der Mann. "Hier sehe ich bereits sechs, Euch eingerechnet, Laladria."
"Die Drei bilden den Kern," erklärte die Dame. "Das heißt aber nicht, dass wir nicht überall Verbündete hätten."
"Ich sehe es," gab ihr Gegenüber zurück. "Die Palastwache habt ihr unterwandert und den Adel ebenfalls. Fehlt nur noch..."
"...jemand aus dem einfachen Volk," ergänzte eine junge Frau mit schulterlangem, dunkelblondem Haar, die neben dem Bartträger stand. "Und ich schätze, das ist der Grund für dieses Treffen."
"Sehr scharfsinnig," gab Laladria anerkennend zu.
Die junge Frau (Cyneric schätzte, dass sie ungefähr im Alter seiner Tochter war) trat einen Schritt vor. Ihm fiel auf, dass in ihren Haaren stellenweise dunklere Strähnen zu sehen waren. "Also gut," sagte sie. "Was könnt ihr der Schwarzen Rose anbieten?"
"Wissen," antwortete Laladria: "Wissen, das euch helfen kann. Wissen, das euch großen Schaden zufügen kann, wenn es bekannt würde. Wie würde der König reagieren, wenn er wüsste, dass sein Vorgänger die Schlacht um den Erebor überlebt hat und wieder in der Königsstadt ist, mit einer großen Gruppe von Verbündeten unter seinem Befehl? Ist es nicht so, Ulfang?"
Der Bartträger blickte zerknirscht drein. Ryltha wisperte so leise, dass Cyneric sie kaum verstand: "Wer hätte gedacht, dass der Anführer der Schwarzen Rose der von Khamûl gestürzte König ist?"
"Ihr seid gut informiert," sagte die junge Frau. "Doch Ihr wisst nicht alles."
"Ich weiß, dass Ihr die Tochter der Königin seid, Fiora," gab Laladria zurück.
"Das hat nun keine Bedeutung mehr," antwortete Fiora. "Sie ist tot, falls Ihr es nicht mitbekommen habt. Und ich bin es auch - zumindest offiziell." Sie machte eine Pause und beriet sich einen Augenblick leise mit Ulfang. Cyneric konnte nicht recht feststellen, wer von den Beiden in Wahrheit das Sagen hatte, doch eher er sich weitere Gedanken machen konnte, sprach Fiora weiter. "Also gut - ihr kennt einige unserer wichtigsten Geheimnisse. Wie sieht es mit Dingen aus, die uns nutzen?"
"Wir kennen die Aufenthaltsorte aller fünf Fürsten und den des Königs," sagte Morrandir, die zum ersten Mal das Wort ergriff. "Wir haben großen Einfluss in der Armee und im Palast. Wir können Heeresbewegungen beeinflussen und Verhaftungen anordnen. Sogar im Rat der Zehn können wir uns Gehör verschaffen. Und wenn wir jemanden verschwinden lassen, tun wir es spurlos."
"Im Gegensatz zu uns," antwortete Fiora. "Wir hinterlassen eine deutliche Botschaft."
"Wie man bei der kürzlichen Befreiung der Kriegsgefangenen gesehen hat," ergänzte Ulfang. "Wir sprechen mit der Stimme des Volkes und unsere Unterstützer werden mit jedem Tag mehr."
"Also stimmt ihr einer Zusammenarbeit zu?" fragte Laladria.
"Erst ist zu klären, ob unsere Ziele zusammenpassen. Was wollt ihr für Rhûn?"
"Den Sturz der Fünf Fürsten und des Königs," stellte Morrandir klar. "Ob danach der alte König wieder die Macht ergreift ist uns gleich."
"Das ist gut," befand Ulfang zufrieden, doch Fiora schien nicht so leicht zu überzeugen zu sein.
"Ich will zuerst wissen, woher ihr eure Informationen habt. Ich bin mir sicher, dass es keinen Verräter in unseren Reihen gibt. Wie also konntet ihr unsere Identitäten erfahren?"
"Es gibt Mittel und Wege, über die nur die Schattenläufer verfügen," sagte Laladria geheimnisvoll. "Sorgt euch nicht. Eure Geheimnisse sind absolut sicher bei uns... solange ihr uns nicht verratet."
"Ihr lasst uns auch kaum eine andere Wahl," meinte der ehemalige König von Gortharia. "Doch für den Moment muss uns das reichen."
"Eine Frage habe ich noch," sagte Fiora. Die junge Frau machte noch einen Schritt auf die Schattenläufer zu. "Wie kommt es, dass eine gewöhnliche Hofdame über die berüchtigten Schattenläufer gebieten kann?"
"Wir dienen Merîl," sagte Morrandir. "Sie war eine von uns, doch nun wurde sie auserwählt und hat passenden Ersatz gefunden."
"Ihr seid Merîl?" fragte Ulfang verwundert. "Ich dachte immer, das wäre nur ein uraltes Elbenmärchen - von der Herrin der Quelle und dem Brunnen, der Wünsche in Erfüllung gehen lässt."
"Jedes Märchen hat einen wahren Kern," sagte Laladria - Merîl - bedeutungsvoll. "Nun geht. Instruiert eure Hauptleute von unserem Bündnis. Bald schon werden wir unsere weiteren Schritte besprechen."

Die Mitglieder des Ordens der Schwarzen Rose zogen sich einer nach dem anderen den verlassen Gang entlang zurück, und schon bald war Cynerics Gruppe allein in den Tiefen der Verliese.
"Das lief doch gut," sagte Ryltha und setzte die Kapuze ab. Ein vergnügtes Lächeln kam darunter hervor.
"Ich bin mir nicht sicher," meinte Morrandir. "Es lief schon fast zu gut."
"Macht euch keine Sorgen, Schwestern," sagte die Frau, die von Ulfang Merîl genannt worden war. Da Cyneric die Sagen des Ostens nicht kannte, wusste er nicht, was für eine Bedeutung dieser Name hatte; doch er spürte, dass hier eindeutig etwas Besonderes am Werk war. "Alles verläuft nach Plan."
"Die Jägerin von Carnen und der Zwerg warten sicherlich schon, Ryltha," sagte Morrandir.
"Du hast Recht. Ich sollte gehen, damit ich pünktlich zu meinem dramatischen Auftritt komme," antwortet Ryltha. Ohne ein Wort des Abschieds eilte sie davon.
"Wir sollten in die oberen Bereiche zurückkehren," schlug Morrandir vor, ehe sie ebenfalls für einige Minuten verschwand. Als sie zurückkehrte, trug sie ihre prunkvolle Rüstung, die sie als hohe Heerführerin kennzeichnete.
Und so machten sie sich auf den Weg nach oben, ohne aufzufallen: ein Gardist, der eine ranghohe Befehlshaberin sowie zwei Hofdamen eskortierte. Cyneric schluckte seine Fragen vorerst hinunter. Wenn er eines über die Schattenläufer gelernt hatte, dann dass sie ihm ihre Antworten dann gaben, wenn sie es für richtig erachteten. Und offenbar war es momentan noch nicht soweit.
Er wusste nicht recht, was er von dem Treffen halten sollte. Soweit Cyneric es verstanden hatte, hatten hier zwei geheime Organisationen ein Bündnis geschlossen, da sie ähnliche Ziele hatten und sich gut ergänzten: Die schwarze Rose besaß großen Einfluss und hohe Beliebtheit im einfachen Volk und unter den Armen sowie den Kriegsgefangenen und Sklaven, während die Schattenläufer indirekte Kontrolle auf den Palast und das Heer ausübten. Cyneric fiel ein, was Ryltha vor ihrem Verschwinden gesagt hatte und erinnerte sich, dass sie sich heute mit Milva und Aivari treffen wollte. Da er die beiden mochte freute er sich schon darauf, in naher Zukunft mehr Zeit mit ihnen zu verbringen - ob es nun in Diensten der Schattenläufer war, oder nicht.


Cyneric zum Palast
« Letzte Änderung: 15. Feb 2017, 11:57 von Fine »