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Autor Thema: In den Straßen von Gortharia  (Gelesen 5355 mal)

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Lilja und die Stahlblüten
« Antwort #30 am: 23. Jan 2018, 14:50 »
Cyneric, Salia und Zarifa aus den Gebieten westlich von Gortharia


“Das erinnert mich an Umbar,” murmelte Zarifa, als sie Salia und Cyneric in die vollen Straßen der Hauptstadt des Ostling-Reiches folgte. Sie hatten ihre Pferde am Zügel durch das große Tor im Westen der Stadt geführt und waren am Platz des Goldenen Drachen vorbeigekommen, auf dem noch immer allzu deutlich die Spuren der öffentlichen Hinrichtungen der vergangenen Tage zu sehen waren. Man hatte die Galgen als allzu deutliche Drohung dort stehen lassen und nur die Leichen der Unruhestifter entfernt.
Zarifa hingegen schien sich auf das Gedränge auf dem Straßen und die deutlich sichtbare Ungleichheit zwischen Arm und Reich zu beziehen. Gortharia war, wie auch Umbar, ein wichtiger Handelspunkt und zog daher reiche Kaufleute an, die sich in den Straßen tummelten und ihre Güter zu den besten Preisen zu verkaufen suchten. Gleichzeitig gab es Sklaven beinahe an jeder Straßenecke zu sehen, genauso wie Bettler und andere arme Leute. Wo die Reichen mit Wohlstand und Luxus protzten, begegneten ihnen die neidischen und wütenden Blicke der Armen. Nun, da der Schwarzen Rose der Kopf abgeschlagen worden war, gab es niemanden mehr, der sich für die Rechte der Armen einsetzte. Cyneric sah die Hoffnungslosigkeit in den Augen jener, die am Straßenrand hockten und auf eine milde Gabe warteten.
Seit seiner Ankunft in Rhûn hatte ihn dieser Anblick zum Mitleid bewegt. In Rohan gab es keine Sklaven und der Unterschied zwischen Arm und Reich war längst nicht so groß wie hier im Reich der Ostlinge. Beinahe jeder Mensch von Rohan besaß mindestens ein Pferd, und wer ein Pferd besaß, konnte ein Reiter von Rohan werden und sich einen vernünftigen Lohn im Dienste der Königin verdienen. Und auch für jene, denen das Kämpfen nicht sonderlich lag, gab es genug Arbeit in der Riddermark, denn die Felder mussten bestellt und das Korn gemahlen werden. In Rhûn hingegen schien es diesen Bedarf an Arbeit nicht zu geben. Es kam Cyneric eher so vor, als gäbe es im Königreich von Gortharia an sich zu viele Menschen. Denn immer wenn die Könige des Ostens einen Krieg gewannen, führten sie einen Teil der besiegten Bevölkerung als Sklaven mit sich nach Hause. Und mit dem Sieg über Thal und den Erebor waren viele neue Ketten für neue Sklaven geschmiedet worden.
Cyneric wusste, dass er ihnen nicht allen helfen konnte. Zu dieser Entscheidung war er bereits früh gekommen. Er musste sich auf das konzentrieren, bei dem er tatsächlich etwas bewegen konnte. Stürzten die Fürsten Rhûns, so wie Radomir, würden durch die Manipulationen der Schattenläufer bessere Menschen in die herrschende Schicht nachfolgen. Zumindest war das die Theorie, an die Cyneric eine Zeit lang geglaubt hatte. Doch in den letzten Tagen hatte sich sein Fokus mehr und mehr darauf verschoben, endlich seine Tochter zu finden und sie in Sicherheit zu bringen.

Wo wir gerade bei “in Sicherheit bringen” sind... dachte Cyneric und räusperte sich. Salia und Zarifa, die voran gegangen waren, blieben stehen und drehten sich zu ihm um.
“Jetzt, wo wir in der Hauptstadt angekommen sind, wird es Zeit, eine Unterkunft für dich zu suchen, Zarifa.”
Die junge Frau nickte, und blickte ihn erwartungsvoll an.
“Nun, also, ich schätze, im Palast wird wohl kein Platz für dich sein,” fuhr Cyneric etwas unsicher fort. So weit hatte er nicht vorausgedacht. Sein bisheriger Plan war gewesen, Zarifa sicher aus Gorak heraus zu bringen und sie bis nach Gortharia zu begleiten, wo sich hoffentlich alles schon irgendwie von selbst ergeben würde. Angestrengt dachte er nach, was es abgesehen vom Palast für Orte geben könnte, an denen Zarifa in Sicherheit sein würde. Ihm fiel Tianas Taverne ein, doch er verwarf den Gedanken sogleich wieder. Dort ging es viel zu rau für ein traumatisiertes Mädchen vor. Er warf einen raschen Blick auf Salia, als ihm einfiel, dass diese ihm vor einiger Zeit das Haus gezeigt hatte, in dem sie mit Ryltha wohnte. „Salia, denkst du sie könnte in Rylthas Haus...“
“Das ist keine gute Idee,” unterbrach Salia ihn prompt. “Sie sollte sich von den Schattenläufern fern halten.” Sie machte ein ernstes Gesicht und schien sich tatsächlich Sorgen um Zarifa zu machen. Cyneric verwarf also auch Rylthas Haus als Möglichkeit.
“Dann... könnte sie vielleicht irgendwo als Dienstmädchen anfangen? Kennst du irgendwelche Adelige, die gerade jemanden suchen?”
Salia schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust. “Willst du, dass ihr dieselben Sachen noch einmal passieren? Jedes Kind weiß doch, dass gerade junge Dienstmädchen beliebte Ziele von widerlichen alten Adeligen sind, die sich an ihrer Ehefrau satt gesehen haben.”
“Ihr tut es schon wieder,” mischte sich Zarifa ungehalten ein.
“Was?” fragten Cyneric und Salia gleichzeitig.
“Ihr redet über mich, als wäre ich gar nicht da. Das ist nicht sehr höflich.”
“Oh, entschuldige,” sagte Cyneric. “Es ist nur so, dass...”
“...du gar nicht weißt, wohin ich jetzt soll,” ergänzte Zarifa. “Das macht nichts. Ich komme schon alleine irgendwie zurecht.” Sie klang verstimmt, als hätte sie mehr von ihm erwartet.
“Zum Glück weiß ich Rat,” sagte Salia triumphierend. “Cyneric, du solltest sie zu Lilja Vorlas bringen. Soweit ich weiß, schuldet sie dir einen Gefallen, nicht wahr?”
Cyneric brauchte einen Augenblick, um sich an die Hofdame zu erinnern, die bei seinem ersten Auftrag für die Schattenläufer dabei geholfen hatte, die Leiche eines von Rylthas Opfern verschwinden zu lassen. Bei seiner zweiten und letzten Begegnung mit Lilja hatte sie ihn darum gebeten, einen Gegenstand in die persönliche Truhe eines seiner Mitgardisten zu schmuggeln, was er auch getan hatte. Der betroffene Gardist war später vom Rat der Zehn ins Exil verbannt worden.
“Ja, ich erinnere mich. Und wie kann Lilja Zarifa helfen?”
“Sie gehört zu einer Gruppe von Frauen aus Dervesalend, die man die Stahlblüten nennt. Kennst du das Sprichwort? “Hinter jedem mächtigen Mann steht eine starke Frau, die ihm seine Entscheidungen einflüstert.” Die Stahlblüten sind Hofdamen von edler Geburt, die es sich zum Ziel gesetzt haben, eine solche starke Frau zu werden, die insgeheim die Geschicke des Reiches lenkt. Viele der Königinnen Rhûns gehörten zu ihnen. Sie besitzen ein großes Haus im Nordosten der Stadt, direkt oberhalb der Klippe, an der Gortharia an das Meer grenzt. Und das Besondere an diesem Haus ist, dass es Männern per königlichem Dekret verboten ist, es zu betreten.”
Zarifas Interesse war eindeutig geweckt worden, doch sie sagte zweifelnd: “Und was soll ich unter lauter reichen, verwöhnten Frauen?”
“Du bist doch ein schlaues Mädchen,” meinte Cyneric. “Sicherlich kannst du dort lernen, wie du auf dich selbst aufpassen kannst. Außerdem wärst du dort in Sicherheit.”
Salia schien noch nicht fertig zu sein. “Die Stahlblüten - oder zumindest Lilja - sind mit den Schattenläufern verbündet, aber das war nicht immer so. Oft genug ist es in unserer langen Geschichte schon vorgekommen, dass wir Schatten den hoch gesteckten Zielen der Blüten im Wege standen. Ihr dürft nicht glauben, dass Worte und Manipulation der Mächtigen ihre einzigen Waffen sind. Wenn die Gerüchte wahr sind, dann sollte niemand eine der Stahlblüten im Kampf unterschätzen. Jedenfalls wissen sie, wie man eine Leiche spurlos verschwinden lässt.”
Zarifa blickte nachdenklich drein. Man sah ihr an, dass sie angestrengt nachdachte.
“Es wäre ja nicht für immer,” sagte Cyneric. “Doch wenn es stimmt, was Salia sagt, gäbe es bei den Blüten einen Ort für dich, an dem du dich ausruhen kannst und in Sicherheit bist, bis du dich bereit fühlst, dich der Welt wieder selbstständig zu stellen.”
“Ich... könnte es mir ja mal ansehen,” meinte Zarifa zögerlich. “Aber wenn es mir nicht gefällt, verschwinde ich wieder.”
“Ich werde dich dort zwar nicht besuchen können, aber wenn du meine Hilfe brauchst, werde ich zur Stelle sein,” versprach Cyneric ihr. “Zumindest bis ich losziehe, um meine Tochter zu finden.”
Zarifa warf ihm bei diesen Worten einen Blick zu, den Cyneric nicht deuten konnte. Er fragte sich, was sie wohl gedacht hatte, als er angedeutet hatte, dass er die Stadt bald wieder verlassen würde.

Salia verabschiedete sich kurz darauf von ihnen und sie machten sich auf den Weg zum Anwesen der Stahlblüten, das mitten im Adelsviertel von Gortharia lag. Der Nachmittag neigte sich dem Ende zu, als sie in die schon deutlich leereren und saubereren Straßen des Nordostviertels Gortharias kamen. Als das Anwesen der Blüten gerade in Sicht kam, sah Cyneric aus dem Augenwinkel, wie eine bekannte Gestalt aus einem der ganz in der Nähe liegenden großen Häuser kam und die Straße betrat, auf der Cyneric und Zarifa gerade unterwegs waren.
“Heda, Milva!” rief er, um die Aufmerksamkeit seiner weiblichen Bekanntschaft zu erwecken.
Milva schien sich in einer Art Tagtraum befunden zu haben, denn sie schreckte mit einem recht undamenhaften “Häh?” hoch und brauchte einen Augenblick, bis sie Cyneric erkannte. Rasch kam sie zu ihnen herüber und blieb vor Zarifa stehen. Die blonde Dorwinierin musterte die junge Südländerin kritisch und ihr Blick huschte dabei mehrfach zwischen Zarifa und Cyneric hin und her.
“Irgendwie hatte ich erwartet, dass deine Tochter dir etwas ähnlicher sieht,” kommentierte sie. “Ich freu’ mich aber trotzdem für dich, dass du sie gefunden hast.”
Zarifa schien das Ganze nicht lustig zu finden und machte ein beleidigtes Gesicht.
“Das... das ist nicht meine Tochter,” sagte Cyneric betreten. “Ihr Name ist Zarifa.”
Milva machte große Augen. “Sie ist doch wohl nicht etwa eine...”
“HE!” Zarifa war nun wirklich sauer.
“Das war nicht gerade freundlich, Milva,” meinte Cyneric mit etwas Tadel in der Stimme. “Ich dachte, du kennst mich inzwischen. Zarifa ist eine ehemalige Sklavin Fürst Radomirs.”
“Radomir, der inzwischen tot ist, wie ich höre,” beeilte Milva sich zu sagen, um ihre Peinlichkeit zu überspielen. “Gut gemacht.”
“Da kannst du dich bei Zarifa bedanken,” erklärte Cyneric und fasste in einigen wenigen Sätzen zusammen, was in Gorak geschehen war. “Und wie ist es dir in meiner Abwesenheit ergangen, Milva?”
“Oh, also... eigentlich hatte ich eine ruhige Zeit,” druckste Milva herum.
Das glaube ich eher weniger, dachte Cyneric. Vermutlich will sie vor Zarifa nicht mit der Wahrheit herausrücken.
“Ich habe noch einige Vorbereitungen für das Fest von Herrin Velmira vorzubereiten,” fuhr Milva rasch fort. “Anscheinend soll die Königsgarde dort Wache stehen. Vielleicht sehen wir uns ja dann dort, Cyneric.”
Sie ließ Cyneric und Zarifa stehen und eilte davon.
“Was für eine merkwürdige Frau,” kommentierte Zarifa misstrauisch.

“Cyneric der Gardist. Was für eine angenehme Überraschung,” sagte Lilja Vorlas, die ein dunkelgrünes Kleid trug und deren blonde Haare zu einer Frisur aufgetürmt waren, die auf Cyneric wirkte, als würde sie Lilja andauernde körperliche Schmerzen bereiten. Doch der Dame war nichts dergleichen anzumerken. Sie hatte Cyneric und Zarifa im Garten außerhalb des Anwesens der Stahblüten empfangen, nachdem sie bei den Wächterinnen am Tor nach ihr gefragt hatten.
“Sicherlich könnt Ihr Euch denken, worum es geht,” sagte Cyneric, der die Angelegenheit rasch hinter sich bringen wollte.
“Oh, bitte. Wir sind hier unter uns. Nicht so förmlich! Also. Wer will einen Tee? Du?” Sie fixierte Zarifa mit ihren Augen, die Cyneric an tiefblaue Eiszapfen erinnerten.
“Äh... warum nicht,” gab Zarifa etwas perplex zurück.
Lilja klatschte zweimal in die Hände, und eine Dienerin trat hinter der Hecke hervor, die die beiden Bänke und den Tisch umgaben, an denen sie saßen. Cyneric hätte die junge Frau nicht als Dienerin erkannt, wenn sie sich nicht so offensichtlich wie eine Bedienstete verhalten hätte. Kleidung und Frisur waren beinahe genauso aufwändig wie bei Lilja. Sie goss drei Tassen Tee ein und verschwand wieder so rasch wie sie gekommen war.
Natürlich weiß ich längst, weshalb ihr beiden hier seid,” fuhr Lilja fort und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Sie nippte an ihrer Tasse und legte dann die Fingerspitzen aneinander. “Du willst deinen Gefallen einfordern, nicht wahr, Cyneric?”
“Ihr... du sagst es,” antwortete er. “Zarifa hier hat mehrere... ungute Begegnungen mit Männern gehabt und braucht einen Ort, an dem sie in Sicherheit ist.”
Zarifa verschränkte die Arme vor der Brust, sagte jedoch nichts.
“Nun, in diesem Haus gibt es keine Männer, Zarifa,” sagte Lilja sanft, ehe sie sich wieder Cyneric zuwendete. “Dennoch wüsste ich nicht, weshalb ich sie aufnehmen sollte. Sie sieht mir nicht gerade nach einer Hochgeborenen aus.”
“Sie ist eine ehemalige Sklavin Radomirs.” Das Brandmal an Zarifas linkem Armgelenk machte diese Tatsache nur allzu deutlich.
“Ich habe ihn selbst getötet,” warf Zarifa ein.
Lilja zog die linke Augenbraue hoch. “Ist das so? Nun, an Mut scheint es dir nicht zu fehlen. Radomir war ein Scheusal. Doch mit seiner Schwester, Rhiannon, hegen wir gute Beziehungen. Sie ist ein gern gesehener Gast in diesem Haus.” Lilja machte eine dramatische Pause, ehe sie fortfuhr. “Dennoch denke ich nicht, dass der kleine Gefallen, den ich dir schulde, dafür ausreicht, Zarifa ab sofort mit durchzufüttern, so abgemagert wie sie ausschaut. Wir haben auch so schon genügend hungrige Mäuler zu stopfen.”
Das hatte Cyneric befürchtet. Bestürzt blickte er zu Zarifa hinüber, die so aussah, als wäre sie drauf und dran, wütend aufzuspringen. Doch da sprach Lilja bereits weiter.
“Ich werde Zarifa aufnehmen. Doch solange sie in diesem Anwesen wohnt, wird sie bei den Aufgaben der Bediensteten mithelfen und sich so ihren Unterhalt verdienen. Keine Sorge, dabei kannst du nicht viel falschmachen,” wendete sich Lilja nun direkt an Zarifa. “Hier wird jede Frau und jedes Mädchen gut behandelt und bekommt genügend Essen und Kleidung. Vormittags wirst du arbeiten und nachmittags kannst du tun, was du möchtest. Ich schlage allerdings als Allererstes einen vernünftigen Haarschnitt vor.”
Auf Zarifas Gesicht wechselten sich Erleichterung und Verärgerung in rasender Geschwindigkeit ab. Schließlich kam sie offenbar mit sich überein, ein klein wenig beleidigt drein zu blicken und ihre Haare zu betasten.

“Und du, Cyneric, wirst etwas für mich erledigen müssen, damit wir quitt sind,” fuhr Lilja kurz darauf fort. “In wenigen Tagen findet eine Feier zu Ehren des Königs im Anwesen von Haus Bozhidar statt. Ich werde dafür sorgen, dass du den Gardisten zugeteilt wirst, die dort Wache stehen. Und dann...”
“Und dann?” wiederholte Cyneric verblüfft.
“Oh, alles Weitere erfährst du dann vor Ort,” sagte Lilja mit einem Augenzwinkern, das Cyneric gar nicht gefiel.
Kaum bin ich wieder zurück in Gortharia, schon überschlagen sich die Ereignisse, dachte er. Dennoch war er froh, dass Zarifa für den Augenblick in Sicherheit sein würde.
Er verabschiedete sich von Lilja und Zarifa, die im Garten sitzen blieben und machte sich auf den Rückweg zum Königspalast.
Es wird Zeit, mit Morrandir über einen weiteren Blick in den geheimnisvollen Brunnen zu sprechen, dachte er.


Cyneric zum Königspalast
Zarifa ins Haus der Stahlblüten
« Letzte Änderung: 3. Feb 2018, 23:04 von Fine »

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Ein neuer Plan
« Antwort #31 am: 16. Mär 2018, 22:18 »
Cyneric aus dem Untergrund von Gortharia


Es dauerte noch einen Tag länger als Cyneric erhofft hatte, bis er die Gelegenheit bekam, Zarifa im Haus der Stahlblüten zu besuchen. Nachtschichten und zusätzliche, vom König an die Palastgarde verordnete Patrouillen durch die zentralen Straßen der Stadt hatten dafür gesorgt, dass Cyneric drei Tage lang gerade genug Zeit zum Schlafen hatte, aber abgesehen davon keinerlei Freizeit. Und so war der Tag der Feier der Herrin Bozhidar bereits herangekommen, als er am Vormittag eilig durch die Straßen ging, um die Stahlblüten aufzusuchen.
Dort angekommen wurde er eher kühl empfangen. Die ausschließlich weiblichen Wachen ließen ihn nicht einmal einen Fuß auf das Grundstück setzen und gaben ihm mit so wenig Worten wie möglich zu verstehen, dass Frau Lilja im Augenblick keine Zeit für ihn hätte und dass Zarifa ebenfalls nicht zu sprechen sei. Erst als Cyneric sagte, es ginge um den Auftrag, den Lilja ihm gegeben hätte, hatte er Erfolg. Wenige Minuten später kam Lilja aus dem Haus und fragte ihn, was er denn nun wollte.
„Wo ist Zarifa?“ wagte er zu fragen.
„Sie ist nicht hier. Sie macht sich nützlich,“ antwortete Lilja.
„Was soll das bedeuten, sie macht sich nützlich? Ich hatte darum gebeten, dass sie hier in Sicherheit bleiben soll.“
„Und sie ist in Sicherheit. Mach dir darum nur keine Sorgen.“
„Wenn sie nicht hier ist, wo ist sie dann? Habt ihr sie etwa alleine losgeschickt?“
„Nur die Ruhe, nur die Ruhe. Sie wird bald zurückkehren. Du kannst gerne hier auf sie warten.“
„Dafür fehlt mir die Zeit.“ Cyneric wurde langsam klar, dass es ein Fehler gewesen sein konnte, Zarifa den Stahlblüten zu überlassen. Kaum lasse ich sie drei Tage alleine, wird sie schon von diesen Leuten für ihre Zwecke eingesetzt, dachte er. „Ich gehe sie suchen.“
„Das halte ich für keine gute Idee,“ erwiderte Lilja, dann seufzte sie. „Aber wenn du unbedingt so stur sein willst, bitte sehr. Geh nur und suche nach ihr. Sie hat das Anwesen sicherlich längst erreicht."
"Und wo?"
Lilja warf ihm einen Blick zu, der sagte: Für wie beschränkt hältst du mich eigentlich? Cyneric war klar, dass sie ihm nicht sagen würde, wo Zarifa zu finden war.
"Also gut. Ich werde sie schon selbst finden."
"Sieh zu, dass du dich nicht allzu auffällig verhältst. Das würde nicht gut für dich ausgehen," sagte Lilja. Die Drohung war kaum zu überhören.
Cyneric wandte sich ab und ging, ohne sich zu verabschieden.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Cyneric durch Zufall auf das Anwesen stieß, das Lilja in einem Nebensatz erwähnt hatte. Er war zunächst ziellos durch die Gassen des Adelsviertels gelaufen und hatte einige Passanten nach Zarifa gefragt. Und tatsächlich hatte ihm ein junger Ostling weiterhelfen können und ihm den Weg zu dem großen Haus gewiesen, bei dem er jemanden gesehen hatte, der auf Zarifas Beschreibung passte. Das große, prunkvolle Haus war von einer eigenen, recht hohen Mauer umgeben. Vor dem Tor standen vier Wachen mit gezogenen Speeren, die Cyneric misstrauisch beobachteten. Rasch bog er in eine Seitenstraße ab. Und wäre dort beinahe mit Zarifa zusammengestoßen, die dort an einer Hauswand lehnte und eine Grundrisszeichnung des Anwesens der Familie Kontio studierte.
„Pass doch auf, wo du - oh, du bist das. Hallo, Cyneric. Was machst du denn hier?“ Zarifa musterte ihn mit einem Blick, in dem eine Mischung aus Wiedersehensfreude und Verärgerung zu erkennen war.
„Dasselbe könnte ich dich fragen, Zarifa. Bist du im Auftrag Liljas hier?“ Cyneric kniete sich zu ihr.
Zarifa senkte ihre Stimme zu einem Flüstern. „Ich soll in das große Anwesen dort einbrechen und etwas stehlen. Ein Testament, um genau zu sein. Und es dann gegen diese Fälschung austauschen. Warum weiß ich nicht.“ Sie hob ein Pergament hoch, das zu einer versiegelten Schriftrolle zusammengerollt war - offenbar handelte es sich dabei um das gefälschte Testament.
„Und du hast dich dazu überreden lassen?“ Cyneric konnte es kaum glauben. „Es war ein Fehler, dich bei den Stahlblüten zu lassen. Diese Leute sind gefährlich, auf ihre eigene Art und Weise. Sie nutzen dich aus, merkst du das?“
„Du hast mir ja keine große Wahl gelassen,“ gab Zarifa aufgebracht zurück. „Du hast mich einfach bei denen abgeladen und bist verschwunden, als wäre ich nur ein lästiges Gepäckstück, dessen du dich ohne viel nachzudenken entledigen wolltest. Ich dachte, du wolltest mir wirklich helfen. Da habe ich mich wohl getäuscht.“ Sie faltete die Karte hastig zusammen und stopfte sie in die große Tasche, die sie mit sich führte. Dann stand sie auf, die Arme vor der Brust verschränkt.
Cyneric erhob sich ebenfalls. „Ich kann verstehen, weshalb du aufgebracht bist,“ sagte er. „Aber bitte beruhige dich wieder. Lass uns etwas Abstand zwischen uns und dieses Anwesen dort drüben bringen, dann können wir reden.“
„Hmpf,“ machte Zarifa. „Na gut. Gehen wir.“ Besonders begeistert klang sie dabei allerdings nicht.

Sie fanden einen kleinen Platz, auf dem mehrere Bäume wuchsen, ungefähr eine Viertelstunde entfernt vom Haus der Stahlblüten. Dort setzten sie sich auf eine steinerne Bank, die im Schatten der Baumkronen stand. Hier war nur wenig los, denn sie befanden sich in der nordöstlichen Ecke der Stadt Gortharia, die eigentlich für die Reichen und Privilegierten reserviert war.
„Erzähl mir am besten erst einmal, wie es dazu gekommen ist, dass dich Lilja mit einem Einbruch beauftragt,“ sagte Cyneric freundlich.
Zarifa hingegen schien noch immer verärgert zu sein, doch schließlich begann sie, zu erzählen, wie es ihr im Haus der Stahlblüten ergangen war. „Irgendwann muss ihr aufgefallen sein, dass ich keine besonders gute Figur bei Haushaltsdiensten gemacht habe,“ sagte die junge Frau und erzählte von den Aufgaben, die sie im Haus der Stahblüten als eine der Bediensteten erfüllt hatte. „Sie kam heute morgen zu mir und sagte, sie hätte da eine Aufgabe, die eher meinen Talenten entspricht. Ich glaube, sie hat davon erfahren, als mir eine von ihren Freundinnen ein paar Tricks gezeigt hat. Du hast ihr ja nichts verraten, oder?“
„Natürlich nicht,“ versicherte Cyneric ihr. „Vielleicht hat sie sich irgendwie in die Aufzeichungen Radomirs Einblick verschafft.“
„Oder es war Radomirs Schwester, die es ihr erzählt hat,“ überlegte Zarifa. „Die war vor einigen Tagen bei Lilja zu Besuch. Aber es ist ja nicht wichtig, woher sie es weiß - jedenfalls sagte sie, dass ich in dieses Anwesen einbrechen soll und das Testament gegen eine Fälschung austauschen soll, dann würde ich für eine Woche vom Putzdienst befreit werden.“
Cyneric schüttelte den Kopf. „Ich habe dich zu den Stahlblüten gebracht, damit du dort in Sicherheit bist. Und jetzt begibst du dich freiwillig wieder in Gefahr.“
„Ich habe mich dort wie eingesperrt gefühlt, und fehl am Platz,“ erwiderte Zarifa, nach wie vor gereizt. „Ich musste einfach mal raus. Mir wäre schon nichts passiert, ich kann auf mich selbst aufpassen.“
„Da wäre ich mir nicht so sicher,“ meinte Cyneric, doch noch ehe er den Satz zuende gebracht hatte, bereute er seine Worte schon. Er musste daran denken, was Zarifa durchgemacht hatte. „Tut mir leid. Das hätte ich nicht sagen sollen.“
„Halt einfach den Mund und lass mich nachdenken,“ presste Zarifa hervor. Sie hatte ihr Gesicht mit den Händen abgestützt und ihre Ellenbogen ruhten auf ihren Knien. Eine Minute verging, dann eine weitere. Schließlich atmete Zarifa tief durch und sah ihm in die Augen.
„Ich weiß zu schätzen, dass du mich hierher gebracht hast. Aber ich weiß jetzt auch, dass diese Stadt nichts für mich ist. Die Stahlblüten sind mir unheimlich, und ehrlich gesagt trifft das auf ganz Gortharia zu.“
„Ich verstehe,“ sagte Cyneric.
„Ich weiß nur nicht, was ich jetzt tun soll, oder wohin ich gehen soll,“ fuhr Zarifa traurig und ratlos fort.
„Du könntest... mit mir kommen,“ sagte Cyneric leise. „Ich habe erfahren, wo meine Tochter ist, und gleich morgen früh werde ich nach Norden reisen und sie suchen.“
„Wirklich? Du weißt wo sie ist? Und... du würdest mich mitnehmen?“
Cyneric nickte. „Salia und ich werden nach Thal reiten und von dort zum Einsamen Berg Erebor gelangen. Und du... du könntest mit uns reiten.“
Zarifa dachte einen Augenblick über das Angebot nach. Dann nickte sie zaghaft.
„Also gut, Cyneric. Du bist zwar manchmal ein Idiot, aber ich werde mit dir kommen.“
„Wie bitte?“ Cyneric musste lachen.
„Ich bin schon gespannt darauf, seine Tochter kennenzulernen, um herauszufinden, ob sie schlauer ist als ihr Vater.“ Zarifa streckte ihm frech die Zunge heraus.
„Das werden wir wohl erst dann erfahren, wenn wir sie gefunden haben,“ antwortete er. Dann blickte er sich wachsam um. „Hast du noch Habseligkeiten im Haus der Stahlblüten?“
Zarifa schüttelte den Kopf. „Hier drin ist alles was ich habe,“ sagte sie und zeigte auf ihre Tasche. "Die haben mir die Stahlblüten gegeben, zusammen mit einem Dolch und etwas Werkzeug, für Einbrüche. Ich habe den restlichen Platz darin für meine Habseligkeiten benutzt."
„Gut. Du solltest nicht dorthin zurückkehren. Wir brechen sobald wie möglich auf. Doch bevor wir gehen, muss ich noch eine Sache erledigen.“
„Was es auch sein mag, ich komme mit dir,“ stellte Zarifa klar.
„Also gut. Dann sollten wir dir vermutlich eine Rüstung besorgen...“
Der Gesichtsausdruck, den Zarifa in diesem Augenblick aufsetzte, ließ Cyneric schmunzeln. „Komm, genug herumgetrödelt. Wir haben eine Feier zu besuchen!“ Er sprang auf und lief los, gefolgt von der reichlich verwunderten Zarifa.


Cyneric und Zarifa zum Anwesen von Haus Bozhidar
« Letzte Änderung: 29. Mär 2018, 11:27 von Fine »