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Autor Thema: Moria  (Gelesen 3442 mal)

Tom Bombadil

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Moria
« am: 2. Mär 2009, 18:17 »
Nerblog von Vor Caras Galadhon


Am Ende der breiten Stufen vor Nerblog wartete eine kahle, graue Felswand auf ihn. Sie war etwa fünfzig Schritt breit und sechs Schritt hoch und der gepflasterte Platz davor war mit Trümmern übersäht. "Moria", murmelte der Ostling erfürchtig, trat einen Schritt näher und strich mit der Hand über den kalten Fels.
Vor fünf Tagen war er von Lorien aus aufgebrochen. Der Weg war recht gut befestigt und Nerblog war schnell vorangekommen. Es wunderte ihn jedoch trotzdem, dass er so schnell gereist war. Jetzt, da er den alten Elebert im goldenen Wald zurückgelassen hatte, schien es schon viel besser zu gehen. 
Nerblog wühlte ein wenig in der Tasche des Lederharnisches, das Celeborn ihm als eine Art Vorzahlung überlassen hatte, und holte einen etwas schlampig zusammengefalteten Zettel hervor. "Zuerst die Fackel!", sagte er zu sich selbst. Er zog eine mit Wachs überzogene, lange Zeit brennende Elbenfackel vom Rücken und ließ sie vor sich auf den Boden fallen. Geschickt entzündete er sie mit zwei Wetzsteinen. Nachdem er noch einen Blick auf den bewölktn Himmel geworfen hatte, hob der Ostling die Fackel auf und ging an der Felswand entlang, sein Licht schwenkend.
Nach einiger Zeit kamen die Umrisse eines großen Portals immer greller leuchtend aus dem Fels. In verschlungenen elbischen Buchstaben stand ein Satz darüber, den Nerblog nicht verstehen konnte.
Er entfaltete nun das Pergament und las mit voller Stimme laut vor:
"Annon edhellen, edro hi ammen!
Fennas nogothrim, lasto beth lammen!"
Augenblicklich begann die Pforte wie von Geisterhand nach außen aufzuschwingen. Langsam und gemächlich, bis der Durchgang breit genug für vier gut gebaute Zwerge war. Nur wenige Meter nach dem Eingang wurde der Gang schwarz wie die Nacht. Nerblog hob die Fackel an und ging mit großen Schritten hinein in die alten Hallen.
"Hoffentlich brennt die Fackel so lange, wie die Spitzohren sagen", knurrte Nerblog nervös, während er weiter den Gang entlang wanderte.
Die Wände rechts und links von ihm waren nicht zu erkennen; das Licht der Fackel war zu klein. "Den Überaschungseffekt habe ich nicht gerade auf meiner Seite", meinte er. Er sprach  immer mit sich selbst, wenn es ihm mulmig wurde und er allein war. "Und Orks sollen gute Augen im Dunkeln haben."
Nerblog überkam das Verlangen, seinen Speer zu ziehen, als er etwa zweihundert Schritt vom Eingang entfernt war. Es würde ein Leichtes sein, sich hier zu verirren. Totenstille herrschte. Nerblogs Fantasie ließ ihn von überall um ihn her Schritte oder das Surren einer Bogensehne hören. Es war nicht wie Nerblog eigentlich erwartet hatte stickig, sondern war die Luft nur unwesentlich schlechter als draußen. Dafür strömten seltsam Luftzüge durch den Gang. Hatten die Zwerge vor Jahrhunderten etwa ein Belüftungssystem eingebaut?
Nerblog ging weiter, Schritt für Schritt. Der Gang nahm einfach kein Ende. Hatten die Orks die Minen etwa verlassen? "Bestimmt nicht", versicherte Nerblog sich, kniff ide Augen zusammen und spähte in die Finsternis. Ja, er hatte mit Sicherheit ein, oder zwei Paar gelblicher Auge gesehen:
Plötzlich gingen zwei weitere Lichter im Gang an: Öllampen, die an einem gigantischen Tor angebracht waren, das sich vor Nerblog über vierzig Schritt an die Höhlendecke erhob. Nun erkannte der Ostling auch drei mit Schmerten bewaffnete Kreaturen, deren Sehorgane er entdeckt hatte.
Es waren Moria-Orks, Abkömmlinge reinerer Exemplare, die gebückt in seltsamer Fortbewegungsweise auf ihn zukamen. Die Orks tuschelten in ihrer eigenen Sprache mit vielen Zischlauten wie Schlangen, dann zogen sie ihre Klingen und schickten sich an, den Ostling aufzuschlitzen. Nebrlog war klar, er musste handeln!
"Ich bin Bote Saurons, des Dunklen Herrschers und gebiete euch Einhalt!", rief gebieterisch und hob die Hand. Obwohl die Orks seine  Sprache nicht verstanden, so erkannten sie doch ein Wort: Sauron. Sie legten den Kopf schief und musterten ihn mit ihren widerwärtigen Fratzen, krummen Zähnen und Narbengesichtern. Nerblog hätte sich gerne bei ihrem Anblick übergeben, doch er durfte im Moment keinerlei Schwäche zeigen.
Nach einiger Zeit verschwand einer von ihnen in einer Nische, während die anderen Nerblog wachsam auf Distanz zum Tor hielten. Der Ostling konnte nicht anders, als sich die verkommenen Wesen genauer anzusehen. Einer der beiden hatte fast grüne Haut, ein kleines Gesicht, gelbe Augen und eine noch kleinere Nase. Gelbliche Fangzähne ragten aus seinem Mund wie Lanzen aus einer geschlossenen Phalanx. Er trug eine kurze, gebogene Klinge und einen Bogen.
Der andere Ork war größer, doch sein Gesicht war so unappetitlich, dass Nerblog wegschaute. Dieses Exemplar trug ausschließlich ein großes, mattschwarzes Schwert und einen ausgebeulten Metallhelm.
Der Ton eines schiefen Horns erklang und plötzlich glitt das Tor, langsamer noch als die letzte Pforte, nach innen auf und nun war das vielstimmige Kreischen von vielen beschäftigten Orkarbeitern zu hören. Das tiefe Brüllen eines Trolls unterstrich die erschreckende Athmosphäre. Nerblog blieb bein diesem Anblick fast die Luft weg. Ein weiterer Ork kam zwischen den beiden Türen hindurch. Er war stämmiger gebaut als gewöhnliche Moria-Orks und trug eine silbrig glänzende, mit drei Rubinen versehene Krone.
« Letzte Änderung: 12. Feb 2016, 10:45 von Fine »
manana

Tom Bombadil

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Re: Moria
« Antwort #1 am: 3. Mär 2009, 18:21 »
In der gigantischen Halle vor Nerblog arbeiteten hunderte von Orks unter der sehr hohen Decke. Rohstahl wurde in Schmelzöfen geworfen, Hammer brausten auf Ambosse hinab, Feuer wurden geschürt und Schwerter geschliffen. Auf der anderen Seite buken die Orks ein gräuliches Brot, das in Massen unter den pausierenden Arbeitern mit Wasserkrügen verteilt wurde. Es gab drei große, offen stehende, weitere Tore, die in andere Hallen führten. Aus dem linken Tor drang das Gebrüll der Trolle und aus dem Nerblogs Tor gegenüberliegenden Portal drang ein helles Licht.
Der Blick des Ostlings fiel wieder auf den Ork, dessen Haupt von der Silberkrone geziert wurde. Er sah einem der Gark'urks, denen Nerblog in der Ostfold begegnet war, gefährlich ähnlich.
"Dies ist die Krone des Zwerges Balin", begann der Gark'urk mit einer tiefen Stimme, "der so töricht war, sich Herr von Mori zu nennen." Der Ork ließ ein humorloses Lachen verlauten. "Ich bin der einzige in der Menge dieser verkrüppelten Kreaturen, der eurer Sprache mächtig ist, Mensch." Das letzte Wort spieh er aus wie eine in den Mund gekommene Fliege.
Nerblog hielt dem Blick der beiden schwarzen Augen stand. "Was sucht ihr in der Schwarzen Grube?", fragte der Ork plötzlich.
"Ich bin im Dienste Saurons und bringe euch eine Botschaft, Ork", erklärte Nerblog ohne eine Miene zu verziehen.
"Tut ihr das? In den letzten Wochen sind schon weitere zwei Boten aus Isengard hier eingetroffen. Sie forderten die Schwerter und Bestien von Moria für ihr Heer. Und als Belohnung boten sie uns etwas, das uns sehr gefallen würde."
Nerblog legte den Kopf schief. "Was könnte euch glücklich stimmen?" Wieder dieses Lachen.
Breit grinsend beugte der Ork sich vor und ließ Nebrlog seinen starken Mundgeruch schmecken. "Das Auenland!", rief er dann und klatschte in die Hände. "Er bietet das ganze Auenland als Belohnung! Viele von diesen Krüppeln hier sehen diese Seuchen- grube als ihre Heimat an. In ihnen findet die Entwicklung der Orks auch nicht ihren Höhepunkt. Doch für die Uruks wird das Auenland ein ausgezeichnetes Heim abgeben."
"Noch nie davon gehört", erwiderte der Ostling tonlos. "Wer seid ihr eigentlich?"
"Ich bin Kra'suk, Fürst der Moria-Orks, wo er auch geboren wurde. Ich werde die Uruks in eine hoffnungsvolle und zufrieden Zukunft führen. Der Abschaum hier wird zwischen den großen Mächten dieser Welt schließlich zermalmt werden wie Hafer zwischen Mörser und Schale. Vieles in dieser Welt ist vergänglich. Aber Blut und Ruhm bleiben in die Erinnerungen eingegraben. Bis zur letzten Schlacht."
Hatte Nerblog es hier etwa mit einem Wahnsinnigen zu tun? Womöglich. Er hielt es jedoch für notwendig, Kra'suk wie einen gefährlichen Irren zu behandeln. Es war nicht gut, dass der Mund Saurons scheinbar bereits die Kontrolle über Moria an sich gerissen hatte. Doch Nerblog wollte Celeborn mehr Informationen über das Treiben in den Minen bringen. Ihm blieb das Gefühl, das noch etwas anderes Schreckliches erschaffen worden war und er war gewillt, zu erfahren, um was es sich dabei handelte.
"Sauron lässt euch ausrichten, dass eure Heere in einem Monat kampfbereit sein sollen. Danach wünscht er, dass sie die Elben  überraschend aus dem Gebirge nach Lorien hinabstoßen und den Wald dort vernichten. Desweiteren verlangt der Dunkle Herr genaue Zahlen über eure Stärke."
Kra'suk brummte zustimmend. "Wenn ihr wieder abreist, Ostling, werde ich euch eine Liste mit den Daten übergeben."
Nerblog sah den Uruk, wie er sich nannte, an. Er hatte seine Herkunft also erkannnt. Hatte er vorher mit seinesgleichen zu tun gehabt?
"Aber bevor ihr gleich wieder abreist, werde ich euch mit einer Führung zeigen, was in den letzten Jahren hier aufgebaut und geschaffen wurde."
"Die Zeit drängt", warf Nerblog ein, doch Kra'suk schnitt ihm das Wort ab, als er ihn mit sanfter gewalt in die Halle schob.
"So viel Zeit muss sein", meinte er und wies den Ostling an, ihm zu folgen. Sie kämpften sich durch die Massen der Orks, und obwohl viele beim Anblick von Balins Krone ehrfür- chtig zur Seite wichen, wurde es ein schwieriger Weg bis zu anderen Seite.
"Dies ist die berühmte erste Halle", erzählte der Ork-Fürst, bevor sie das andere Tor, aus dem das gleißende Licht drang, erreichten. Er hatte Nerblog neugierig gemacht, als sie die nächste Halle betraten. Und der Gast wurde nicht enttäuscht.             
manana

Tom Bombadil

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Re: Moria
« Antwort #2 am: 4. Mär 2009, 20:51 »
Etwa fünfzig Meter vor Nerblog befand sich ein gigantischer Schmelzofen, dreißig Schritt in der Breite und zwanzig in der Höhe. Ein riesiger Schlot gab rußigen, schwarzen Rauch an die Luftschächte in der Decke ab. Aus einer Öffnung so groß wie eine Zimmerwand glomm das helle Licht. Gut drei dutzend Orks sprangen fleißig umher, schaufelten Kohle aus großen Bottichen in den Ofen oder legten glatte, dünne Steine, auf denen silbrig glänzende Erzbro- cken lagen hinein und schoben sie tief in die Flammen hinein, während andere sie mit großen Zangen herauszogen. Glühte das Eisen dann, trugen Ork-Paare mit sehr dicken Handschuhen die heißen Steine zu einer Reihe Ambosse, wo die Brocken eilig mit schweren Hämmern bearbeitet wurden, bis sie wieder zu fest dazu waren. Dann verlief ihr Weg wieder zurück zum Hochofen. Was die Orks da schmiedeten, vermochte Nerblog nicht zu erkennen.
"Dies ist der große Schmelzofen von Moria", erklärte Kra'suk und zwang seinem dunklen, ledrigen Gesicht ein stolzes Lächeln auf. "Nur hier sind die Temparaturen hoch genug, dass Mithril perfekt bearbeitet werden kann. Nur die besten Krieger erhalten ein Schwert oder eine Rüstung aus diesem Metall. Es ist sehr leicht und doch stabiler als jeder Menschenstahl. Ist ein Schwert vollendet, wird es noch ein letztes Mal erhitzt und dann glühend in die Asche des Schmelzofens gedrückt. So entstehen die besten Ork- Klingen: Schwarz wie Raben, leicht wie ihre Federn udn hart wie ihr Schnabel, wenn er den Menschen die Augen auspickt!"
Kra'suk lachte gackernd und führte den Ostling durch eine kleine Tür am rechten Ende der Mithril-Halle und dann eine Enge Wendeltreppe hinab, deren enge Windungen Nebrlog ein Schwindelgefühl aufzwangen. Nach einiger Zeit kamen sie zum Ausgang und traten ins Freie, so weit man das in Moria behaupten kann. Nachdem Nebrlog sein Gleichge- wicht wiedergefunden hatte, blickte er sich neugierig um.
Sie befanden sich auf einer Arte Terasse in einer tiefen Schlucht, die in einer gähnenden Schwärze endete. Viele hölzerne Gerüste waren an der Felswand aufgebaut und dort hackten unzählige Orks mit Picken auf den Steinen herum.
"Und hier, Bote, wird das Mithril 'geerntet', wie die Minenarbeiter so schön sagen. Zweitausend von ihnen schuften hier Tag und Nacht und von Schichten oder ähnlichen Entgegegnkommnissen für die Schwächlinge ist hier kein Platz." Nerblog schaute sich die armen Minenarbeiter an. Sie wurden wahrscheinlich wie Sklaven gehalten. Allerdings konnte Nerblog kein Mitleid für diese Missgestalteten aufbringen. Orks blieben Orks, ob Gark'urk, Uruk, oder sonstwas.
Kra'suk deutete nach oben zu den letzten Resten einer schmalen Brücke. "Dort lag die Brücke von Khazad-Dum. Eine Verteidigungsmaßnahme der Zwerge.  Doch als neun Gefährten vor etwas mehr als einem Jahr hier entlang kamen, seitdem haben wir uns hier weiter ausgebreitet, ist sie zerstört. Wir sahen, wie der Feuerdämon von Moria mit einem der Menschen in die Tiefe stürzte. Nie haben wir mehr von ihnen gehört. Die Schwarze Grube hat sie verschlungen. Folgt mir!"
Der Ork-Fürst führte ihn in einen langen, engen Gang, der in schlecht zu erkennden Biegungen stets weiter abwärts führte. "Als Abschluss dieser wirklich kurzen Führung möchte ich euch etwas zeigen, dass vielleicht unsere größte Institution ist. Die Zucht- meister der Orks sind erfahrene Männer. Und die Bestie, die sie erschaffen haben, wird Mittelerde erzittern lassen!"
Der Tunnel endete in einem Labyrinth von hohen Gängen, an dessen Seiten fünf Schritt hohe, also bei Weitem nicht bis an die Decke reichende, Wände standen. Von überall her war Gebrüll und Geschnaube zu hören und Nerblog wurde klar, dass die Orks ein Wesen erschaffen hatten, dass wirklich bedrohlich war...       
manana

Tom Bombadil

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Re: Moria
« Antwort #3 am: 5. Mär 2009, 18:37 »
Zwei ungenügend bekleidete Orks kamen auf ihren Herrn zu  und verbeugten sich tief vor ihm. Dann winkten sie ihn mit sich und führten Kra'suk  und Nerblog tiefer in das Labyrinth der Gänge. Ein seltsamer Gestank lag in der Luft, der Nerblog an den Geruch der Stallungen von Gortharia erinnerte, doch diese  Version schien viel intensiver. Nerblog rümpfte die Nase.
Nach kurzer Zeit hielten die beiden Orks, Nerblog vermutete in ihnen zwei der Zuchtmeis- ter, die Kra'suk erwähnt hatte, vor einer kleinen Türe im Mauerwerk. Der Orkfürst schob den Riegel besiete und stieß die Tür mit dem Fuß auf. Scheinbar lächelte er wieder. Nerblog durchschritt nach ihm die Tür.
Die Halle, die sie nun betraten, hatte etwa die Grundfläche einer Taverne. In einer Ecke lagen einige blutige und zerfetzte Rehkadaver - Nerblog erkannte in der einen Leiche sonderbare Ähnlichkeit mit einem Ork -, auf der anderen Seit eine Tränke, so groß wie ein Badezuber. Auf einer sehr großen Menge Heu saß eine Kreatur, die selbst in Nerblogs wildesten Träumen absurd gewesen wäre.
Das Tier war um die sieben Schritt groß, hatte zottiges, schwarzes Fell und kräftige Gliedmaßen. Als es sie bemerkte, trottete es mehr oder weniger wie ein Bär oder Affe, in einem Gang zwischen auf allen Vieren und humanoider Fortbewegung auf sie zu. Aus seinen großen Nüstern erklang ein tiefes Schnauben. Das Fell wurde am Nacken dünner, auf dem Kopf schließlich hatte er eine Glatze grauer Haut. Das Gesichts des Wesens wurde geprägt von einem schmalen, im Vergleich zum Körper kleinen Mund, einer flachen Schnauze und zwei Augen, die so groß wie der Kopf eines Menschen waren und Kra'suk böse anstarrten.
"Dies ist ein Schwarzer Troll, die schrecklichste Kriegsbestie, die jemals von Orks gezüchtet wurde. Ein Schlag seiner Pranken reißt die stärksten Wände ein und doch sind sie ihrem Zuchtmeister so treu und zahm wie eine Katze oder ein Hund. Diese Trolle sind die perfekten Waffen für den Krieg, der bevorsteht!"
Innerlich verspürte Nerblog das starke Gefühl, davonzulaufen. In Moria waren Dinge entstanden, die Mittelerde zu verändern mächtig waren, doch es stimmte den Ostling nicht ruhig, dass sie nicht auf seiner Seite standen. Seine Inuition sagte ihm, dass er auf- fliegen würde. Und die hatte ihn noch nie betrogen. Er beschloss, bei der nächstbesten günstigen Situation das Weite zu suchen.
Der Zuchtmeister klatschte in die Hände und der Schwarze Troll trottete zurück in seine mit Stroh gedeckte Ecke.
"Was wird euer Meister hierzu sagen?", fragte Kra'suk in überheblichem Tonfall und verlies die Halle wieder.
"Er wird sehr zufrieden sein", versicherte Nerblog ihm und folgte den Orks zurück durch das Labyrinth zum Tunnel, über den sie gekommen waren. "Was geschieht nun?", wollte Nebrlog auf dem Weg wissen.
"Wir machen auf meiner Minen-Terasse eine Pause, ich gebe euch eure Liste und ihr beeilt euch wieder ins schwarze Land zu kommen."
Der Ostling nickte, als sie wieder in den schmalen Tunnel eintraten. "Besonders euer Troll war... beeindruckend."
"Oh ja, das sind sie. Unsere Schmiede arbeiten gerade an einer speziellen Rüstung für diese Trolle... Doch wir sollten uns nun auf ein anderes Thema konzentrieren: Was bietet uns Sauron selbst für unsre Dienste?"
"Das kann ich nicht sagen. Nur, dass er nicht besonders glücklich darüber sien wird, dass ihr mehr als das Auenland verlangt. Und, als mahnender Ratschlag: Ihr solltet seine Geduld nicht auf die Probe stellen. Das wäre mehr als töricht. Der Dunkle Herr verfügt über weit mächtigere Diener als mich oder gar euch."
Der Uruk schwieg. Vor ihnen war wieder besseres Licht zu erkennen und gleich darauf fanden sie sich auf der Terasse bei den Mithril-Gerüsten wieder. Scheinbar hatte man einige Steine herbeigewälzt, auf die sie sich niederließen. Auf einem größeren Fels mit glatter Oberfläche lagen ein Blatt Pergament und eine Feder mit Tintenfass. Außerdem baumelte etwa ein Meter vom Rand der Terasse entfernt über dme Abrund ein dickes tau, dass bis in einen Luftschacht dutzende Meter über ihnen reichte.
"Was ist das für ein Seil?", erkundigte sich Nerblog stirnrunzelnd.
"Es gehört einem Schornsteinfeger. Irgendwann muss selbst dort oben saube rgemacht werden. Viel von dem Rauch aus dem großen Schmelzofen steigt hier hinauf und verrußt die Schächte", antwortete der Fürst und tunkte die Feder in die Tinte.
"Krashnak, wie groß sind die Heere Morias?", fragte Kra'suk und ein kleiner, humpelnder Ork trat aus dem Schatten. Er hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt und trug eine Art beschmutztes Betttuch als Hemd.
"Euch dienen sechstausend Ork-Krieger mit normaler Ausrüstung und einhundert mit Mithril-Kriegszeug. Dazu kommen zwanzig Gebirgstrolle und vier Schwarze Trolle. Ein prächtiges Heer, oh Minenfürst!"
Kra'suk hielt die Angaben mit krakeliger Schrift auf dem Pergament fest, faltete es grob zusammen und schob es Nerblog zu. Dieser griff eilig danach und verstaute es sicher in einer speziellen Tasche in seinem Lederharnisch.
Plötzlich tauchte ein weiterer gebückter Ork auf der Terasse auf un dräusperte sich. "Herr, vier Uruks aus Isengard sind angekommen und verlangen nach euch. Sie bitten um Nachricht über die Stärke eurer Heere für Sauron höchstselbst!"
"Bei der Flamme von Udun! Wie ist das möglich?", entfuhr es Kra'suk und erhob sich von seinem Stein. Nebrlog rutschte das Herz in die Hose. Jetzt wurde es Zeit, zu verschwinden. Er wuchtete seinen Körper gegen den Fels, der als Tisch diente und rollte ihn mit aller Kraft auf den Fürsten zu. Dieser hatte schon begriffen, was für ein Spiel Nerblog gespielt hatte, doch er reagierte zu langsam. Der Fels blieb auf seinem Fuß liegen und verankerte ihn dort vorerst an einer Stelle.
Der Ostling zückte indessen seinen Speer. Die beiden anderen Orks auf der Terasse stolperten zurück. Mit einem großen Schritt war Nerblog bei dem Boten und schmetterte ihm den Schaft des Speeres ins Gesicht, sodass der Ork hintenüber umgeworfen wurde. Schwarzes Blut quoll aus seiner zerstörten Nase.
Krashnak zückte eilig einen kurzen Dolch und sprang von der Seite auf Nerblog zu. Dieser duckte sich unter dem Hieb weg und stieß den Herold von sich. Kra'suk brüllte vor Wut und Schmerz, doch er konnte nicht in den Kampf eingreifen.
Mit einem kräftigen Speerstoß durchdrang Nerblog das Brustbein und Fleisch des Orks, bis die Spitze seine Wirbelsäule erreichte und die Speerspitze aus seinem Rücken ragte. Ein kräftiger Ruck des Ostlings befrete den Speer wieder.
Krashnak starrte ungläubig ächzend auf die große Öffung in seiner Brust, fiel auf die Knie und von dort auf die Seite, wo er regungslos Liegen blieb. Mit einem lauten Kriegsschrei befreite sich Kra'suk und zog seine geschwärzte Mithril-Klinge.
Die Zeit schien still zu stehen. Nerblogs Gedanken rasten. Ihm blieb nur ein Fluchtweg: Der Tunnel. Oder... Eine andere Idee kam ihm schnell in den Sinn. Sie klang absurd, doch dachte er genauer darüber nach, so kam sie ihm als beste Lösung vor.
Nerblog stürmte auf den Abgrund zu, befestigte den Speer auf seinem Rücken und sprang.

Seine Han dbekam das Seil des Schornsteinfegers zu fassen. Von wilder Panik getrieben kletterte Nerblog in großen Zügen das Seil hinauf. Es würde ein anstrengender Weg bis nach oben werden; der Weg war lang und bei dieser Geschwindigkeit...
Nerblog war jetzt etwa zehn Meter über der Terasse. Er spürte, wie etwas anderes das Seil packte und er konnte sich denken, wer. Doch er wagte nicht, nach unten zu sehen. "Ruft ein paar Bogenschützen! Spickt diese Made mit Pfeilen! Los!", befahl Kra'suk zornig.
Nerblogs Glieder schmerzten bereits, als er nun dreißig Meter über der Terasse war. Sein Atem ging schnell und seine Hände waren blutig und zerschlissen. Eine merkwürdige Taubheite überkam Nerblogs Arme, aber zwang sich, nicht langsamer zu werden. Immer wieder wiederholte er dieselbe fließende Bewegung. Die Muskeln in seinen Beinen begannen, wie Feuer zu brennen. Auch sein Rücken schmerzte. Der Ostling wuchtete sich höher. Das Gewicht des eigenen Körpers wurde unerträglich. Nerblog musste innehalten. Sein Blick wanderte nach unten, obwohl es ihm widerstrebte. Übelkeit überkam Nerblog, als er die Terasse verschwommen etwa fünfzig Schritt unter sich erkannte. Sein Verfolger zeigte keine Zeichen von Erschöpfung und kam immer näher. Gerade, als Nerblog weiterklettern wollte, erscheinen einige Bogenschützen auf dem Balkon.
Schwer prustend schleppte Nerblog sich weiter. Unter ihm hörte er den Uruk schnauben. Die Fasern des Taus schnitten ihm in die Hände. Der Ostling spürte gar nichts mehr. Es war ihm, als sähe sein Geist seinem Körper zu, wie dieser immer weiter dasselbe tat. Er fühlte sich, als wehrten sich seine Muskeln gegen jede weitere Bewegung.
Plötzlich zischten Pfeile unter ihm vorbei, berührten beinahe das Seil. Ihr eigentlcihes Ziel fanden sie aber nicht. Der Schusswinkel und die Entfernung waren zu groß.
Dann bemerkte Nerblog, dass er den Schacht erreicht hatte. "Es ist nicht mehr weit, streng dich an!", flüsterte er entschlossen. Dann kam er ins Freie. Über ihm war wieder der wolkenverhangene Himmel. Er blickte sich eilig um, als er aus dem Schacht stieg.
Um ihn herum war eine karge Felslandschaft mit dürrem Gewächs. Überall waren quadratische Löcher im Boden zu sehen. Eine eisige Brise blies Nerblog durchs kurze Haar. Auf einer Kuppe ganz in der Nähe, etwa eine halbe Meile entfernt, lag Schnee. In der Nähe hörte er das plätschern von Wasser.
Der Schornsteinfeger, der das Seil im Übrigen an einem sehr massiven Fels befestigt hatte, ruhte sich auf einer Stoffdecke neben dem Schacht aus. Nerblog nahm abermals seinen Speer und rammte ihn dem von Ruß geschwärzten Ork in den Bauch. Röchelnd begann der sterbende Körper zu zucken- Nerblog wandte sich ab. Kra'suk stieg vor ihm aus dem Schacht und deutete mit der Klinge auf den Ostling.
"Ich werde dich aufschlitzen, Elben-Spitzel!", versprach er ihm und umkreiste ihn wie ein Luchs des Nebelgebirges. Nerblog glaubte nicht, dass seine Kräfte für ein Duell mit dem Uruk ausreichen würden. Kra'suk war eine muskelbepackte Kampfmaschine und Nerblog war nach seiner Flucht zu erschöpft.
Er hätte besser zunächst das Seil abtrennen sollen, als er den Schacht verlassen hatte, doch für solche Gedanken war jetzt keine Zeit. Nerblog wich einem von oben kommenden Hieb aus und ergriff das Heil in der Flucht, wobei er sorgfältig auf die Löcher im Boden achtete.
Der Orkfürst folgte ihm schnell. Er holte sogar auf. Haken schlagend flüchtete Nerblog über das Geröll. Kra'suk folgte ihm weiter. Schließlich fand der Ostling sich in einer Sackgasse wieder: Der Uruk hatte ihn an einen aus dem Gebirge kommenden Schmelzbach getrieben.
"Ihr werdet diesen Kampf nicht vergessen!", rief Nerblog dem Uruk entschlossen zu. "Vielleicht behaltet ihr sogar ein paar Andenken an mich."
"Ihr klingt nicht gerade siegessicher", entgegnete Kra'suk laut, um den pfeifenden Wind zu übertönen. Der Fürst ließ seine Klinge durch die Luft sausen und kam vorsichtig näher auf Nerblog zu.
Dieser hob den Speer und packte ihn mit den blutigen Händen fester. Ork-Blut tropfte von der Speerspitze herunter, lief den Heft hinab und vermischte sich mit dem des Menschens. Urplötzlich ging Kra'suk auf ihn los und ließ eine schnelle Abfolge unterschiedlicher Hiebe auf Nerblog niederprasseln. Manche fing er mit dem Speer ab, manchen wich er geschickt aus, doch seine eigenen Angriffe erfolgten nur langsam und vorhersehbar.
Nach einem kurzen Schlagabtausch holte Kra'suk zu einem mächtigen Hieb aus und schlug Nerblogs Speer beiseite. Eine tiefe Scharte blieb im Schaft zu erkennen. Nerblogs Verteidigung war zermschmettert. Nun kam es nur noch darauf an, so viel Schaden zu hinterlassen, wie irgend möglich.
Nerblogs Stich kam von unten, doch der Uruk unterschätzte den Angriff. Die Speespitze drang tief in seine Wange ein und schlitzte das rechte, gelbe Auge des Orks auf. Ein widerwärtiger Brei lief aus dem Sehorgan über das Gesicht. Ein Blutschwall folgte. Mit dem im Gebirge widerhallenden Schmerzensschrei erfolgte ein Gewaltschlag, der den Lederharnisch ohne Weiteres am Bauch durchschnitt und tief ins Fleisch eindrang. Noch einige Augenblicke hielt Nerblog sich auf den Beinen. Die beiden Kontrahenten blickten sich in die, vielleicht besser das, Augen.
Dann stürzte Nerblog haltlos rücklinks in den eiskalten Bergbach und wurde von der starken Strömung mitgerissen. Das Wasser um den Ostling herum färbte sich tiefrot, als er mit dem Bach in Richtung Süden gespült wurde.


Nerbog zur Nordostgrenze Fangorns               
         
« Letzte Änderung: 12. Feb 2016, 10:47 von Fine »
manana

Fine

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Ein ungewöhnlicher Wegzoll
« Antwort #4 am: 20. Jan 2018, 15:59 »
Córiel und Vaicenya aus Imladris


Sie hatten Eregion in aller Stille durchquert und sich dabei die natürliche Deckung zunutze gemacht, die das noch immer zu großen Teilen verlassene Land ihnen bot. Felsen, Wäldchen und Mulden entzogen sie dem Blick der Avari-Späher, deren Augen sich zumeist nach Norden und Osten wandten, von wo die Ork-Bedrohung aus dem Nebelgebirge noch immer heraufzog. Die Orks der Weißen Hand hatten sich bislang, soweit Córiel es mitbekommen hatte, auf kleinere Überfälle und Raubzüge entlang der Grenzen und am Hulsten-Kamm beschränkt, doch den Elben Eregions musste klar sein, dass der Großangriff nur eine Frage der Zeit sein konnte.
Córiel hatte unterwegs lange mit sich selbst im Zwiespalt gestanden. Vaicenya wäre eine wahrlich gern gesehene Gefangene am Hof der Avari-Königin gewesen. Sollte sie sich mit Absicht von den Manarîn-Spähern entdecken lassen? Die Versuchung war groß. Doch letzten Endes hatte die Hochelbin ihr widerstanden. Sie selbst würde in große Erklärungsnot geraten, wenn man sie gemeinsam mit einer gesuchten Verbrecherin in Eregion aufgriff. Am Hof der Avari-Königin hatte sie die abwertenden Blicke nur allzu deutlich auf sich gespürt und genau gewusst, was die Avari von den Noldor hielten. Außerdem galt es, die von Elrond erteilte Aufgabe zu erfüllen: Sie musste herausfinden, was Vaicenya vorhatte. Also hatte sie den Kopf gesenkt gehalten und war der Dunkelelbin über die zerklüfteten Ebene Eregions bis ins Tal des Sirannon gefolgt.

Eine gewaltige Klippe ragte vor Córiel auf. Sie stieg hinter Vaicenya eine von Zwergen erbaute Treppe hinauf, gefangen zwischen zwei Bergflanken, die einen mit dunklem, grünlichen Wasser gefüllten See einrahmten. Beinahe senkrecht erhob sich die Felswand wie eine massive Mauer am gegenüberliegenden Ufer des Sees, der eine natürliche Verteidigungslinie gegen Eindringlinge bot. Das Wasser stand so hoch, dass es keinen Weg um den See herum gab, selbst wenn dies einmal der Fall gewesen sein mochte.
"Ich hoffe, es gibt einen Weg hinüber, ohne dass wir schwimmen müssen," sagte Córiel, als sie am westlichen Ufer des dunklen Sees angekommen war.
"Oh, sorge dich nicht, meine Liebe. Du wirst trockenen Fußes hinübergelangen. Doch zunächst muss der... Wegzoll entrichtet werden." Ein Lächeln lag auf Vaicenyas Lippen, das Córiel überhaupt nicht gefiel. Die Dunkelelbin nahm Córiels Bogen zur Hand und ließ sich einen Pfeil reichen. Diesen lehnte sie an ihr linkes Bein und legte den Bogen daneben. Dann zog sie eine kleine, silberne Flöte hervor, setzte das Intrument an die Lippen und brachte damit einen einzelnen Ton hervor, der deutlich lauter war, als Córiel erwartet hatte. Wie ein sich noch verstärkendes Echo hallte der Ton von den Steilwänden wider, bis er schließlich verklang.
Zunächst geschah nichts. Córiels Blick suchte das Wasser ab, doch bis auf eine leichte Bewegung auf der Oberfläche regte sich nichts in der dunklen FLüssigkeit.
Da fingen Córiels Ohren ein mahlendes Scharren auf, das von oberhalb des Ostufers zu kommen schien. Ihre scharfen Augen fanden rasch die Ursache: Weit oberhalb der Wasseroberfläche war eine Öffnung in der scheinbar glatten Felswand erschienen, als hätte jemand eine perfekt passende Felsplatte in die steinerne Wand eingesetzt und nun beiseitegeschoben. Eine hölzerne Konstruktion wurde aus der ungefähr zwei Meter hohen und breiten Öffnung herausgeschoben. Es schien sich um eine Art verstärkte Leiter zu handeln. Daran baumelte ein zappelndes Bündel. Als Córiel genauer hinsah, erkannte sie, dass das Bündel in Wahrheit eine in einem Netz gefangene Bergziege war. Das Fangnetz hing an einem kurzen Seil aus der Öffnung heraus, gertragen von der Holzkonstruktion. Weiter und weiter schob sich diese Leiter hervor, bis sich die Ziege direkt oberhalb des Wassers befand.
"Zeit, den Weg für uns freizumachen," kommentierte Vaicenya und hob den Bogen auf. Sie spannte den Pfeil auf die Sehne, zielte und durchschoss mit einem einzigen Schuss das Seil, an dem das Netz gehangen hatte. Mit einem furchtsamen Blöken stürzte die gefangene Ziege in die Tiefe und verschwand in den Tiefen des Sees. Das dunkle Wasser schlug Wellen, und dann durchbrach der Kopf der Ziege die Oberfläche, noch immer zappelnd und spritzend, ehe er wieder unterging. Noch zweimal gelang es dem Tier, irgendwie nach Luft zu schnappen, doch derweil hatte das Wasser ringsum unheilvoll zu brodeln begonnen. Córiel glaubte, eine Bewegung unterhalb der Wasseroberfläche zu erkennen. Das geopferte Tier wurde ruckartig in die Tiefe gezogen und hinterließ nur einige Luftbläschen, die zerplatzten als sich das Wasser wieder beruhigte. Bis auf einige kleinere Wellen, die auch nach mehreren Minuten nicht nachließen, kam der See wieder zum Stillstand.
Eine weitere Öffnung erschien ohne Vorwarnung in der Felswand, diesmal auf Bodenhöhe. Zwei gewaltige Torflügel aus massivem Stein schwangen auf, und Orks kamen heraus. Sie trugen ein einfaches, hölzernes Floß mit sich, das sie scheinbar unbekümmert zu Wasser ließen und mit langen Stangen und Rudern in gemächlichem Tempo auf das Westufer zusteuerten. Als sie bei Vaicenya angekommen waren, sprangen die Kreaturen an Land und gingen auf die Knie.
"Gebieterin," knurrte einer von ihnen. "Eure Ankunft ist unerwartet, aber..."
"Kein Aber. Bringt uns hinüber," unterbrach Vaicenya. "Ich bin in Eile."
Der Ork grunzte bestätigend und winkte sie an Bord des Floßes. Doch Córiel zögerte. Eine unnatürliche Furcht vor dem Wasser kroch ihr den Rücken hinauf.
"Komm, lóssigil," forderte Vaicenya sie mit Wärme in der Stimme auf. "Es ist sicher. Der Wächter des Tores ist besänftigt und wird sich für einige Zeit nicht zeigen."
"Ist mit der Verdauung beschäftigt," msichte sich ein Ork grinsend ein. "Wenn man weiß, wie mit dieser übergroßen Kröte umzugehen ist, ist sie nicht mehr als der Wachhund unseres Meisters."
"Der Alte Mann ist weise. So viele von uns hat der Wächter einst verschlungen, doch jetzt arbeitet er für uns."
"Schweigt!" befahl Vaicenya. Sie nahm Córiels Hand und zog sie kurzerhand mit überraschender Kraft zu sich auf das Floß, das bedenklich schaukelte. Sofort stießen die Orks das Gefährt vom Ufer ab und beförderten es auf die andere Seite. Dort angekommen war Córiel die Erste, die an Land sprang. Rasch nahm sie Abstand vom Wasser.
"Sendet Boten an die Tiefenschmiede. Sie sollen genügend Wahrsilber für eine Speerspitze zusammentragen und zum Kommandoposten auf der Ostebene bringen. Sofort!" Vaicenya hatte bereits neue Befehle erteilt, und die Orks eilten davon, um sie auszuführen.

Sie kamen an das Felsentor, das noch immer offen stand. Dahinter lag ein großer Raum, in dem weitere Orks hockten und der von Fackeln erhellt wurde. Vorsichtig folgte Córiel Vaicenya über die Schwelle, und sofort verschlossen die Türhüter-Orks beide Flügel von innen. Eine gewaltige Treppe war im Fackelschein zu erkennen. Während sie Vaicenya die steilen Stufen hinauf folgte, fiel Córiel auf, dass hier, in den Minen von Moria, drei Schichten von Bauwerk aufeinander zu treffen schienen. Der Großteil war eindeutig von Zwergenhand gefertigt und in den Felsen geschlagen worden. Darüber lag eine Schicht, die vermutlich auf die Orks des Nebelgebirges zurückzuführen war. Die steinernen Konstruktionen der Zwerge waren durch Holzgerüste erweitert worden und Risse im Felsen hatte man mit Geröll aufgefüllt. Doch die dritte Ebene fiel Córiel am deutlichsten auf. Die Treppe, die sie hinaufstiegen, war mit dunklen Stahlplatten gerahmt worden, die alle paar Meter ein unverwechselbares Zeichen trugen: die Weiße Hand Sarumans. Je weiter sie in die Minen von Moria eindrangen, desto mehr Anzeichen für Sarumans feste Kontrolle über Moria sah Córiel. Einst brüchige und verfallene Steinkonstruktionen waren mit Metall repariert und gestützt worden. Massive Zahnräder beförderten Lasten die gewaltigen Abgründe Morias hinauf und hinab. Felsspalten waren mit Metallplatten überbrückt worden. Und die Hauptstraße, auf der sie sich im Augenblick offensichtlich befanden, war gut von Fackeln erhellt, die in metallenen Halterungen auf Kopfhöhe an den Wänden hingen. Es schien, als hätte Saruman die Infrastruktur Morias schlagartig verbessert. Sie kamen ohne Probleme voran.
Überall sah Córiel Orks, die äußerst beschäftigt wirkten. Sie eilten die Straße hinab oder bogen in einen der vielen Seitengänge ab, ohne dass es zu Zusammenstößen oder Streitigkeiten kam. Alle machten sie Vaicenya Platz und schienen Córiel kaum zu beachten. Niemanden schien es zu stören, dass hier zwei Elben durch das Herz eines Ork-Reiches spazierten. Aus den Tiefen erklangen Hammerschläge und Rauch stieg auf. Die Minen Morias schienen sich in eine gewaltige Kriegsschmiede verwandelt zu haben.

Vaicenya bog nach mehreren Stunden ohne Vorwarnung in einen Seitengang ab. Wenige Schritte weiter standen sie vor einer Tor aus schwarzem Holz, auf der wie beinahe überall die Weiße Hand prangte. Vaicenya trat vor und pochte dreimal gegen das Holz. Die Tür schwang nach innen auf, geöffnet von einer hochgewachsenen, muskulösen Gestalt. Bislang hatte Córiel ausschließlich die gekrümmten und beinahe auf allen Vieren gehenden Orks von Moria gesehen, doch hier stand nun eine Kreatur vor ihr, die zu Sarumans Uruk-hai gehörte: Aufrecht gehende, muskelbepackte Krieger. Durch den Sehschlitz des Helmes erspähte Córiel zwei gelbe Augen, die sie mit unverhohlener Abneigung musterten.
"Ah. Die Meisterin der Täuschung kehrt zurück. Wie laufen die Kriegsvorbereitungen im Westen?"
"Gut genug. Gib den Weg frei, Prâk."
"Warum denn so in Eile? Wen hast du da mitgebracht? Ein Spielzeug für die Grube etwa?"
Die Respektlosigkeit in der Stimme des Uruks brachte Córiel aus der Fassung. Bislang waren die Orks vor Vaicenya stets im Staub gekrochen. Doch Prâk teilte ihre Ergebenheit offensichtlich nicht. Ganz im Gegenteil.
"Wenn du sie auch nur falsch ansiehst, verlierst du deinen Kopf," zischte Vaicenya und schob den Uruk grob beiseite. "Sie gehört zu mir."
"So so, sie gehört zu dir. Nun, es schert mich nicht, wer dir dein Bett wärmt, Spitzohr. Der Raum ist unangetastet, wie angeordnet."
"Wenn dem nicht so wäre, würdest du dein Leben allzu bald verlieren," entgegnete Vaicenya und zog Córiel mit sich. Sie durchquerten einen weiteren Raum, in dem sich weitere Uruk-hai aufhielten, die ihnen jedoch keinerlei Beachtung schenkten. Offenbar handelte es sich bei diesem Ort um ein Quartier für die besser gestellten Diener Sarumans.
Vaicenya hielt vor einer weiteren Türe, die von zwei Fackeln erhellt wurde. Sie zog einen schwarzen Schlüssel hervor und schloss auf. Dahinter lag ein Zimmer, das auf Córiel einen durchaus gemütlichen Eindruck machte. Ein großes Bett stand im Zentrum und wurde nicht etwa vom flackendern Licht des Feuers erhellt, sondern von echtem Sonnenlicht, das durch einen Schacht schräg darauf fiel. Dieser Raum war so ziemlich das Letzte, was Córiel in den Minen von Moria erwartet hatte. Offensichtlich hatte Saruman dafür gesorgt, dass jene unter seinen Dienern, die er bevorzugte, selbst in Moria annehmliche Unterkünfte besaßen.
"Warte hier auf mich, Melvendë. Sicherlich bist du müde von der Reise. Ich werde mich derweil darum kümmern, dass du angemessen bewaffnet mit mir in den Goldenen Wald ziehen kannst. Ich kehre bald zurück - versuch' solange etwas Schlaf zu finden."
Damit verschwand Vaicenya aus dem Raum und ließ Córiel voller Fragen und Verwunderung zurück.
« Letzte Änderung: 23. Jan 2018, 15:35 von Fine »

Fine

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Eine Klinge in der Finsternis
« Antwort #5 am: 1. Feb 2018, 17:34 »
Durch den Schacht über Córiels Kopf fiel ein Lichtstrahl auf sie herab, der sich mehr und mehr von goldgelb zu blutrot verfärbte. Die Hochelbin lag mit hinter dem Kopf verschränkten Armen auf dem Bett und versuchte, am oberen Ende des Schachtes etwas zu erkennen. Ein Rechteck bestehend aus violettem Himmel hing dort, so weit über ihr, dass an Klettern nicht zu denken war.
Abwesend starrte Córiel den Schacht hinauf und ließ ihre Gedanken auf Wanderschaft gehen. Vaicenya war nun bereits seit mehreren Stunden verschwunden geblieben. Córiel hatte die Uruk-hai auf der anderen Seite der Zimmertür hin und wieder miteinander in ihrer Sprache sprechen hören, doch niemand hatte die Tür geöffnet. Offenbar war Vaicenyas Autorität groß genug, dass sich die Uruks selbst in ihrer Abwesenheit an ihre Befehle hielten.
Córiel ließ die Eindrücke, die sie seit ihrer Ankunft in den Minen von Moria gesehen hatte, noch einmal an sich vorbeiziehen. Sie waren einer der Hauptstraßen durch das unterirdische Reich gefolgt. Entlang diesem Weg hatte es nicht ein einziges Gebiet gegeben, das auf Córiel unbewohnt oder verlassen gewirkt hatte. Jeder Teil des alten Zwergenreiches hatte nun wieder Sinn und Zweck. Im Herzen von Sarumans Reich gab es nur einen einzigen Grund für all die Betriebsamkeit: Den Krieg gegen Mordor und den Dunklen Herrscher.
Córiel wollte gar nicht daran denken, was geschehen würde, wenn Saruman aus dem Konflikt mit Sauron als Sieger hervorgehen würde. Die Kriegsmaschinerie und die eiserne Faust der Orks von Moria würden sich gnadenlos gegen alle richten, die sich nicht der Herrschaft ihres Meisters Saruman beugten. Die Menschen und Elben, die das in Aldburg geschmiedete Bündnis mit der Weißen Hand nach der Belagerung von Dol Guldur gebrochen hatten, standen vermutlich ganz oben auf der Liste jener, die Saruman im Weg waren. Rohan und Imladris drohten nach einem Sieg der Weißen Hand gefahrvolle Zeiten.
Doch was ist die Alternative? Soll etwa der Dunkle Herrscher siegen, und ein neues Zeitalter der Finsternis einleiten? Nein, daran wollte sie nicht denken. Wir können nur hoffen, dass sich Sauron und Saruman in ihrem Krieg gegenseitig so sehr aufreiben, dass sie keine Bedrohung für Mittelerde mehr darstellen... Sie wusste natürlich, wie gering diese Hoffnung war. Viel wahrscheinlicher war es, dass der Sieger aus dem Krieg zwischen Weißer Hand und Rotem Auge noch stärker hervorging.

Sie musste irgendwann tatsächlich eingeschlafen sein, denn als Vaicenya Córiel weckte, war das Licht am Ende des langen Schachtes verschwunden. Draußen, über den gewaltigen Gipfeln der Nebelberge, war es Nacht geworden.
Sucuy,” wisperte Vaicenya, die auf der Bettkante saß und im Dunkeln kaum zu erkennen war. Weitere Worte in einer Córiel unverständlichen Sprache folgten, die sich nach und nach zu einer Melodie verflochten:

”Féä tauryeldë, í-ringvetall an-Tar
Hísimar ta-veldë, echâriel silnar
Lassarisinéma, û-chel giláril mîn
Yevaní odhíma, valarrica á-dîn

Féä tauryeldë, déasidhar aglór
Tor-rechil elveldë, á-tirin tír rochor
O dagnór mivîla, taurantar lassim
Heren dhaurelena, menîl û-carassim.”

Das Lied verklang und die Stille kehrte in den kleinen Raum zurück. Córiel spürte, wie sich die Matratze unter Vaicenyas Gewicht verbog, als sich die Dunkelelbin neben sie legte.
“Was hast du da gesungen?” fragte Córiel nach einiger Zeit des unbehaglichen Schweigens.
“Das war einer der vielen Avarin-Dialekte des Ostens,” antwortete Vaicenya leise. “Es gab eine Zeit, in der ich mir in den Kopf gesetzt hatte, sie alle zu lernen. In diesem Lied wird Yávanna, die Herrin von allem, was wächst, besungen.”
Für Córiel hingegen war das Lied von einer tiefen Sehnsucht erfüllt gewesen. Vor ihrem inneren Auge hatte sie für einen kurzen Moment ein fernes, grünes Land gesehen, das zwischen hohen, schneebedeckten Bergen und einem schier endlos weitem Meer gelegen war.
“Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, meine Liebe. Sieh zu, dass du den Schlaf bekommst, den du brauchst.” Damit drehte Vaicenya ihr den Rücken zu (soweit Córiel es in der Dunkelheit erkennen konnte, denn ihre Hand auszustrecken, um nachzufühlen, wollte sie lieber nicht) und schwieg, bis Córiel schließlich erneut die Augen zu fielen.

Als Córiel erwachte, war das Licht im Schacht über ihr zurückgekehrt, doch noch war es nur schwach. Es musste früh am Morgen sein. Vorsichtig setzte sich die Hochelbin im Bett auf und warf einen Blick auf Vaicenya, die noch immer schlief. Das kastanienbraune Haar der Dunkelelbin hatte sich wie eine dichte Wolke auf ihrem Kissen ausgebreitet und ihre Brust hob sich in regelmäßigen Abständen. Sie war erstaunlich leicht bekleidet und nicht von einer Decke bedeckt.
Verstohlen tastete Córiel nach ihrem Dolch, der bei ihren Habseligkeiten neben dem Bett lag. Ihre schlanken Finger schlossen sich um den mit Leder besetzten Griff. Ohne ein Geräusch von sich zu geben setzte sie Vaicenya die Klinge an die Kehle.
Es wäre so einfach, jetzt zuzustoßen. Sie könnte die Machenschaften der Dunkelelbin in genau jenem Augenblick beenden. Córiels Herz begann, lauter zu schlagen, als es den Ruf nach Blut zu vernehmen begann. Es war schon zu lange her, dass sie ihren letzten Kampf bestritten hatte. Die vielen Übungsgefechte gegen Jarbeorn in Bruchtal waren nicht mehr als ein schwacher Trost gewesen.
Doch Vaicenya würde ihr keinen Kampf liefern. Die Dunkelelbin schlief. Sie war wehrlos und war Córiel in jenem Augenblick auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
Ich sollte es nicht tun, dachte Córiel, doch sie nahm die Klinge nicht weg. Wie würde ich jemals aus Moria entkommen, ohne dass mir Vaicenya den Weg frei räumt? Und wer weiß, was sie für furchtbare Dinge in Bewegung gesetzt hat, von denen wir erst dann erfahren würden, wenn es bereits zu spät ist? Wenn sie jetzt stirbt, finden wir ihre Geheimnisse niemals heraus.
Und doch...
Sie biss die Zähne zusammen als ihr innerer Konflikt stärker wurde. Schließlich gelang es Córiel, den Dolch langsam, Zentimeter um Zentimeter, von Vaicenyas Kehle zu entfernen. Einen Augenblick verharrte ihre Hand an Ort und Stelle, dann kam ein Impuls aus der dunkelsten Ecke ihres Verstandes, und die Dolchspitze senkte sich auf die Brust der Dunkelelbin herab, direkt oberhalb ihres Herzens. Nur eine dünne, beinahe schon durchscheinende Stoffschicht trennte das kalte Metall noch von der Haut der schlafenden Elbin.
Denk an Elronds Auftrag, dachte Córiel angestrengt. Denk an deine Mission! Du darfst das nicht tun!
Ich sollte es tun. Sie hat den Tod verdient.
Gib nicht dem Durst nach Blut nach. Lass es lieber an den Orks aus!
Die Orks sind viele, und ich bin allein. Vaicenya ist in meiner Gewalt. Sie muss sterben! Hier und jetzt.
Du wirst großes Unheil über Mittelerde bringen!
Das ist mir egal. Vaicenya muss beseitigt werden.
Das wird dein Tod sein, Coryeldë. Moria wird dein Grab werden.
Wenn ich dieses Opfer bringen muss, um diese Wahnsinnige aufzuhalten, dann sei es so.
Mit einem Mal herrschte Stille in Córiels Gedanken. Sie hatte ihre Wahl getroffen. Langsam, aber stetig hob sie den Dolch zum Todesstoß an. Dann stieß sie mit tödlicher Präzision zu.

Etwas schoss vor und packte ihr Handgelenk wie ein unnachgiebiger Schraubstock, der so fest zu presste, dass sie den Dolch mit einem Schrei fallen ließ. Vaicenyas Hand hatte ihren Stoß im letzten Augenblick aufgehalten. Die Augen der Dunkelelbin standen nun weit offen und ein grausames Feuer brannte darin. Sie ließ Córiels Arm los, und schneller als man es sehen konnte, schlossen sich beide Hände um die Kehle der Hochelbin.
So rasch wie der Druck um ihren Hals gekommen war, so rasch ließ er wieder nach, und Vaicenyas Blick kreuzte sich mit ihrem. Alle Härte wich daraus und das Feuer erlosch.
“Du,” hauchte Vaicenya. “Im ersten Augenblick dachte ich, du wärest eine dieser... Kreaturen dort draußen und hättest nun doch genügend Mut zusammengekratzt, um... Vergib mir. Ich verstehe nicht, wie ich so blind sein konnte. Deinen strahlenden Anmut zu verwechseln mit ... mit ...” sie ließ den Satz ohne Abschluss verklingen.
Córiel atmete stoßweise aus und kämpfte gegen den Impuls an, erneut nach dem Dolch zu greifen. Sie war Vaicenya unangenehm nahe gekommen. Viel zu nahe für ihren Geschmack. Die Dunkelelbin hingegen schien dies nicht zu stören.
“Ich wünschte, wir müssten nicht fort,” fuhr Vaicenya fort. “Nichts würde mich mehr erfreuen, als genau hier zu bleiben, meine Liebe. Doch bevor alles wieder so sein wird, wie es einst war, bevor der Schatten uns alles genommen hat, müssen wir noch einige Dinge tun, und den Rest des Weges hinter uns bringen. Der Goldene Wald ruft uns.”
Sie schob Córiel sanft, aber bestimmt, beiseite und zog sich rasch an. Ihre silberne Rüstung klirrte dabei leise.
“Komm. Ich habe etwas für dich, Melvendë.”

Wenig später hatten sie die Unterkunft der Diener Sarumans verlassen und folgten der Hauptstraße durch Moria hindurch weiter nach Westen. Ungefähr eine Meile später bog Vaicenya durch einen großen Durchgang hindurch nach links ab, aus dem Hitze und Dampfwolken heraus strömten. Die beiden Elbinnen kamen in einen Raum mit hohen Wänden, von denen sich Ströme aus geschmolzenem Metall herab ergossen und in gewaltige Becken zu beiden Seiten ergossen. In der Mitte stand ein einzelner, reich verzierter Amboss, und darauf lag eine Waffe. Córiel trat vorsichtig in den ansonsten verlassenen Raum. Ihr Blick war auf das Zentrum fixiert, auf den unverkennbar von Zwergen geschaffenen Amboss und auf das, was darauf lag. Es war ein Speer mit einem schwarzen Schaft, der in der Mitte mit dunklem Leder umwickelt war. Doch das besondere an der Waffe war seine Spitze, die aus einem Metall bestand, das einen silbrigen Schein von sich gab. Als Córiel den Schaft des Speeres ergriff, stellte sie fest, dass ihre Finger zitterten. Er war leichter, als sie erwartet hatte.
“Eine Klinge aus Wahrsilber,” wisperte Vaicenya geradezu andächtig. “Äußerst belastbar und unschätzbar wertvoll.” Sie trat neben Córiel, und ihre Blicke trafen sich. “Ich zerbrach deinen Speer auf der Zinne des Zwergenturmes. Da ist es nur gerecht, wenn ich für einen Ersatz sorge.”
“Dies ist mehr als nur ein Ersatz,” erwiderte Córiel. “Das muss ein Vermögen wert sein.”
“Genau wie du,” antwortete Vaicenya. “Saruman würde das Mithril nur an seine Uruk-Hai vergeuden. In deinen Händen ist es besser aufgehoben.”
“Du hast dich auch schon großzügig daran bedient, wie ich sehe,” stellte Córiel mit einem Blick auf Vaicenyas Ohrringe, Halskette und den Ring an ihrer linken Hand fest. Auch einige der Kettenglieder am Brustpanzer der Dunkelelbin schienen aus Mithril zu bestehen. Nun, da Córiel wusste, wie das Edelmetall aussah, war es für sie einfach zu erkennen.
“Gönnst du es mir etwa nicht, meine Liebe?” Vaicenya lachte. “Du hast dich wirklich nicht verändert.”
“Ich weiß nicht, wovon du sprichst.”
Vaicenya legte ihr die Hand auf die Schulter. “Bald schon wirst du dich erinnern. Bald schon.”
Mit diesen unheilvollen Worten im Ohr setzten sie ihren Weg durch Moria hindurch fort.

Am übernächsten Tag erreichten sie die Erste Halle jenseits des großen Ost-Tores des gefallenen Zwergenreiches. Sie hatten kurz davor einen gewaltigen Abgrund überquert, über den die Diener der Weißen Hand eine breite, aus Stahl geschmiedete Zugbrücke gespannt hatten. Einige der Uruk-hai hatten sie bis hierher eskortiert, darunter auch deren Anführer, Prâk.
Das Licht der Mittagssonne fiel in die große Halle hinein, die voller bewaffneter Orks war. Irgendetwas musste sie in Alarmbereitschaft versetzt haben, und Vaicenya brauchte nur wenige Minuten, um den Grund herauszufinden.
Ein Hauptmann der Moria-Orks fiel vor ihr auf die Knie und berichtete mit zischender Stimme: “Ein Überraschungsangriff, Herrin! Unzählige dieser Gundabad-Maden sind ins Schattenbachtal eingedrungen und nähern sich dem Tor, sie müssen jeden Moment hier sein!”
Vaicenya verlangte eine Erklärung. “Wie konnten sie euch so weit im Süden überfallen? Liegt die Kriegsfront etwa nicht länger nördlich des Hohen Passes und der Orkstadt?”
“Sie müssen durch das Tal des Großen Stromes gezogen sein, unbemerkt, nun da die Menschlinge es verlassen haben!”
Ein Hornstoß erklang von draußen, und Schlachtlärm drang durch den vom Tageslicht erhellten Torbogen.
“Geh und ruf alle zu den Waffen, die du finden kannst, Ork!” befahl Vaicenya.
“Und Ihr, Gebieterin?”
“Ich werde diese Würmer aufhalten. Komm, Melvendë. Es wird Zeit, dass deine neue Waffe das erste Blut schmeckt, und sich einen Namen verdient.”
Die beiden Schwerter der Dunkelelbin schossen hervor und mit einem Kampfschrei stürzte Vaicenya sich durch das Tor Morias hinaus ins Gefecht. Córiel folgte ihr auf dem Fuß.


Córiel und Vaicenya ins Schattenbachtal
« Letzte Änderung: 15. Feb 2018, 15:28 von Fine »