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Autor Thema: Vor der Stadtmauer  (Gelesen 2703 mal)

The Chaosnight

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Vor der Stadtmauer
« am: 27. Apr 2009, 22:11 »
Salia, von: Thal - In der Stadt


Zügig ging Salia die Stadtmauer entlang und ließ die Sorgen der bevorstehenden Schlacht hinter sich, mit jedem Schritt verschwand etwas aus ihren Gedanken.
Die Fassungslosigkeit über die Feigheit der Bevölkerung - verschwunden
Der Zorn über den Wächter am Tor - verschwunden
Ihre eigene Angst gegen den Erzfeind zu verlieren - verschwunden.
Nach und nach verließ sie alles, was sie vor kurzem noch beschäftigte, bis sie wie in Trance nur noch geradeaus ging, ohne mitzubekommen, was um sie herum passierte.
Vor einem kleinen Erdhügel, um den mehrere Schwerter lagen, blieb sie stehen und fiel auf die Kniee. Sie lehnte sich über den Hügel und vergoss ihre Tränen über diesen. Langsam legte sie ihre Hand in die Mitte und sagte leise: "Jetzt ist es wohl wieder so weit, diese...diese verfluchten Ostlinge sind auf dem Weg hierher...Ich hatte damals geschworen dich, Mutter und Vater zu rächen und ich bleibe dabei: Ich werde nicht ruhen, bis mein Schwert im Herzen ihres Königs steckt und ihre Armeen auf dem Schlachtfeld verrotten. Das bin ich dir und unserer gesamten Familie schuldig!"
Sie stand wieder auf und lehnte sich an die Stadtmauer  mit direktem Blick auf das Grab. Immer wieder zogen ihr die Gedanken an die letzte Schlacht vor das Auge, das Blut, die Schreie, der verzweifelte, selbstmörderische letzte Ansturm der Ostlinge und ihre verzweifelte Suche nach ihrer Schwester, immer wieder sah sie sich auf dem einsamen Weg über das Schlachtfeld, über die verstümmelten Leichen, die um Hife oder Erlösung bettelnden Verwundeten und in Begleitung der Schreie der Leidenden gehend, doch der Weg schien endlos und die Köpfe tapferer Männer, die in der folgenden Schlacht fehlen würden und sie sehr an viele ihrer jetzigen Bekannten erinnerten. Nachdem sie einen der schmierigeren Ostlinge, die röchelnd am Boden lagen mit einem aufgelesenen Schwert erstochen hatte und sich von diesem Anblick abwendete sah sie sie, wie sie in einer ähnlichen Lage da lag und keuchte: "Schön dich wieder zu sehen, du hast dich wohl kein bisschen verändert..." 
Doch es war nicht die Stimme Livianas, sondern eine unbekannte, kalte, in der sie doch einen Funken vertrautes hörte. Einer der sterbenden Ostlinge neben ihr sagte mit fester Stimme: "Nein...Alles wie es sein sollte?"
Salia schüttelte sich die Szene aus dem Kopf, sie wusste, dass es sich nicht so zugetragen hatte, doch trotzdem wirkte ihr die ganze Szene so vertraut, als ob sie es doch wäre. Als das Bild verschwand, blickte sie traurig in den Himmel, sie konnte sich nicht erklären, wie sie schon selbst das Andenken an ihre Schwester so verändern konnte, doch als die Stimme des Ostlings weiter ertönte verstand sie: Die Stimmen kamen aus der echten Welt!
"Ich hoffe doch ja, schon schlimm genug, dass jetzt schon die Panik über die Stadt herrscht, wenn jetzt auch noch die Größe durchsickert, geht ja jede Überraschung weg und ich will keine Risiken eingehen, mein Kontaktmann verlässt sich auf mich", sagte die Stimme kalt.
"Alles wie es sein sollte", antwortete die zweite Stimme mit steigendem Zorn, "Keiner kommt hier mehr rein oder raus, was hier nicht gesehen wird, wird nicht gewusst! Selbst dieses verfluchte Gör wird nichts machen können, kommt sie mir in die Quere lass ich sie wegen Hochverrats verhaften!"
Die andere Stimme lachte laut auf: "Du willst jemanden wegen Hochverrats verhaften", etwas ernsthafter fügte er hinzu: "Die Vögel übernehmen meine Söhne und Untertanen, kümmere dich nicht um sie, doch bleib beim Plan!"
Salia schlug mit ihrem Hinterkopf gegen die Wand.
Verflucht nochmal, was hab ich mir da nur eingebrockt? Und egal was er plant, es ist nichts gutes für die Stadt. Er kann hoffen sie nicht mehr alleine zu verlassen.

Wenig später brach die Nacht an und es fröstelte leicht, doch Salia machte der Temperaturumschwung nichts, wie ein Eisblock blieb sie mit festem Blick auf das Grab sitzen und murmelte: "Verlass dich auf mich, Schwester, ich werde dafür sorgen, dass niemand uns vor der Schlacht einsperrt!"
« Letzte Änderung: 17. Feb 2016, 08:40 von Fine »
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The Chaosnight

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Re: Vor der Stadtmauer
« Antwort #1 am: 29. Apr 2009, 19:33 »
Sie wusste nicht, wie lange sie an die Mauer gelehnt sitzen blieb, zu aufgewühlt und in Bezug auf das belauschte Gespräch auch unruhig war sie.
Erst als sie eine der beiden Stimmen wieder wahrnahm schaute sie auf und begann wieder bewusst die Umgebung wahrzunehmen: Die Sonne war schon aufgegangen und der Himmel war strahlend blau, wahrlich einer der schönsten und doch zugleich trügerischsten Augenblicke dieser Tage, denn die Gefahr rückte unaufhaltsam näher. Die meisten Vögel waren schon vor Tagen aus ihren Nestern geflohen und seitdem nicht wieder gekommen, scheinbar hatten sie die Gefahr schon gesehen oder gespürt und so war dieser schöne Morgen unheimlisch still, ein Umstand, der das Schicksal Salias und vieler Bewohner Thals erstaunlich verändern sollte: Durch die Stille konnte Salia verstehen wie eine der Stimmen, die sie am vorherigen Tag schon gehört hatte, sich lautstark mit einer Gruppe Menschen stritt: "Verschwindet, die Stadt ist gesperrt, außer Soldaten kommt niemand mehr raus oder rein! Der Feind ist auf den Weg und Flüchtlinge halten nur unsere Verteidigung auf!"

Salia beugte sich vor, um das Geschehen verfolgen zu können. Sie erkannte, wie die Wache, die sie nicht raus lassen wollte eine Gruppe Flüchtiger mit erhobenem Schwert zurückwies und auf Nachfragen nur wütend sein Schwert schwang. Wutentbrannt wollte sie sich gerade aufrichten und mit dem Mann für sein Verhalten ein paar ernste Worte reden, als sie schon fast direkt vor sich ein kleines Mädchen sah, welches sie mit fragendem Blick ansah. "Wer bist du denn", fragte sie, "Warum sitzt du hier draußen?"
Salia schaute ihr ins Gesicht und antwortete: "Wohl aus dem selben Grund wie du, weil diese Wache ein Idiot ist, der...."
Sie überlegte kurz, wie sie ihre Beobachtung in der letzten Nacht ausdrücken konnte, doch dann kam ihr eine riskante Idee: "Was meinst du, willst du in die Stadt?" Das Mädchen nickte. "Dann geh bitte zurück zu der Wache und sage ihm folgendes: [...]" Salia zählte eine Reihe unflätiger Ausdrücke in der Ostsprache auf und ergänzte: "Er müsste es verstehen, ich weiß, dass er privat gerne in erfundenen Sprachen spricht und vielleicht reagiert er darauf empfindlich und lässt uns als Schweigegeld passieren."
Das Mädchen nickte erneut und ging zu ihrer Gruppe zurück und tatsächlich: Wenig später hörte man nur noch die Wache brüllen, wie man so etwas nur zu ihm sagen könne. Salia stand auf und ging wieder in die Richtung des Tores, nun war sie sich sicher, dass es nicht mehr lange dauern würde. Noch während seines Gebrülls ging eine zweite Wache aus dem Tor und fuhr seinen Amtskollegen scharf an: "Was ist los mit dir? Was soll das Gebrüll?"
Die erste Wache erwiderte zornig: "Dieses Miststück hat [...] gesagt", er zählte die Worte erneut auf, "Im Westron bedeutet das soviel wie [...]", er sagte eine Reihe der abscheulichsten Worte Mittelerdes, bei denen sich die Flüchtlinge und die andere Wache die Ohren zuhielten.
"Unerhört", brüllte nun der andere Wächter, "Woher kannst du überhaupt diese Sprache?"
Der Mann verblasste und stammelte vor sich hin, bevor er plötzlich sein Schwert herumriss, doch obwohl der Angriff unerwartet und scheinbar grundlos fiel konnte die Wache ausweichen und seinem Kollegen entwaffnen. Dieser schaute ihn nur entgeistert an und rannte gen Osten und ward nie mehr von den Völkern des Westens gesehen.

"Tretet ein", murmelte die Wache, "Ich übernehme hier."


Salia, nach: Kämpfe am Stadttor
« Letzte Änderung: 18. Jan 2017, 15:23 von Fine »
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Tauriel?

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Re: Vor der Stadtmauer
« Antwort #2 am: 31. Dez 2017, 17:02 »
Eryniel, Oronêl, Thranduil, Saruman, Glorfindel, Celebithiel und Finelleth mit dem Rest des Heeres der Weißen Hand von den Ebenen vor Thal

Es ist soweit. Eryniel war dem Befehl Thranduils gefolgt und hatte sämtliche Bogenschützen und Kundschafter um sich gescharrt. Sie hatten sich der Garde Thranduils angeschlossen, welche im Westen, zum Fuße des Rabenbergs, Stellung bezogen. Sie standen auf einem erhoben Punkt, von dem aus sie einen guten Blick auf Thal hatten. Die Stadt sah bereits mitgenommen aus. Mauerteile waren nur provisorisch erneuert worden und die Trümmer ehemaliger Gebäude waren zu Straßenwällen aufgetürmt worden, Brücken, die einst über die vielen Wasserstraßen geführt hatten, lagen zusammengebrochen in ihren Kanälen. Diese Stadt hatte bereits Krieg gesehen, dachte Eryniel im Stillen, als sie an der Spitze der Truppen neben Thranduil hielt und auf die roten Dachschindeln der Stadt hinunterblickte.
Im Süden konnte sie die heranstürmenden Horden Sarumans erkennen, welche auf das Haupttor zuhielten, im Osten Bard mit der anderen Hälfte des Elbenheeres – auch sie hatten sich bereits in Bewegung gesetzt. Nur sie waren noch übrig. An ihrer Spitze Thranduil, König des Düsterwaldes, Eryniel selbst zu seiner Linken. Beklommen stellte sie erneut fest, in welche Position man sie gesetzt hatte. Niemals hatte sie zuvor das Kommando gegeben oder einen Führungsposten eingenommen, doch hier stand sie nun und hinter sich die Pfeile und Bögen ihres Volkes, unter ihnen die Streitmacht des Feindes, welche sich wie Armeisen in die Straßen der Stadt tummelte, und seinerseits Stellung bezog.
Nun wand Thranduil sich ihr zu. Der König ließ keine Regung in seinem Gesicht erkennen. Andächtig neigte er den Kopf.
Eryniel atmete tief durch und schlug die Augen nieder. Der Nachtwind strich über ihre Wangen, aus denen längst jegliche Wärme entwichen war. Auch ihre Gesicht wurde hart. Sie zog die Gesichtsmuskeln an, öffnete die Augen wieder und hob den Arm. Hinter ihr hörte man, wie die Bogenschützen raschelnd ihre Pfeile aus dem Köcher zogen und das sanfte Knarren unzähliger Bögen, dessen Sehnen gespannt wurden. Als sie den Arm fallen ließ schnellten die Sehnen peitschenartig zurück und surrend flog eine Wand aus Pfeilen über sie hinweg. Der Krieg ist gekommen.
Unter tosenden Gebrüll und Schreien ging der Schauer auf die Stadt nieder.

Die Schlacht war bereits im vollen Gange. Die Uruk-Hai des Zauberers fochten einen erbitterten Kampf um das Tor. Die beiden Orkheere brachen wie auftürmende Wellen aneinander. Eine Masse aus grobschlächtigen Orks, die sich gegenseitig abschlachteten.
Auch Bard hatte Thal erreicht und kämpfte an dessen Ostmauern gegen die Ostlinge des Feindes, welche gerade in ihre großen Kampfhörner bliesen, um den nächsten Ausfall zu unternehmen. Die Ostfront hatte hart mit ihnen zu kämpfen.
“Es wird zu gefährlich weiter auf die Stadt zu schießen – Wir könnten unsere eigenen Männer treffen. Lasst sie vorrücken.“ Thranduil machte einen Handwink.
“Wie ihr wünscht, mein König.“ Eryniel löste ein knorriges Horn, welches ihr an der Hüfte hing. Sie holte tief Luft und ließ das schallende Dröhnen erklingen. Thranduil ging voraus und klirrend folgte das gesamte Herr ihm an die Westmauer.
Die Ebene vor der Stadt war bereits mit Pfeilen und schlaffen Leibern gespickt. Immer wieder hatten Orks versucht den westlichen Hang zu erklimmen, waren jedoch durch die Pfeile der Bogenschützen gefallen. Eryniel beugte sich zu einem der am Boden liegenden grauen Bündel. Die gelben Augen waren immer noch weit aufgerissen und das schwarze Blut triefte aus dem geöffneten Mund, der vergebens nach Luft zu ringen versucht haben musste. Sie packte ihren Pfeil, welcher aus dem Hals des Orks ragte, und zog ihn ruckartig heraus. Sie würde jeden Pfeil gebrauchen können.
Als sie sich den Mauern der Stadt näherten, hörten sie entferntes Surren. Eryniel schaute in den Nachthimmel hinauf. Der wolkenverhangene Himmel schien auf sie hinunterzustürzen.“Pfeile! In Deckung!“ Schon gingen die Geschosse auf sie nieder. Ein Lufthauch streifte Ihr Gesicht. Nur um eine Haaresbreite verfehlte ein schwarz-gefiederter Pfeil Eryniels rechtes Ohr. Andere hatten nicht soviel Glück. Manche schrien auf, als ihnen Pfeile aus der Schulter ragten andere sackten leblos zusammen. Erneut flogen Pfeile über sie hinweg.
Wir müssen was tun. Sie biss sich auf die Unterlippe. Irgendetwas! Sonst liegen hier bald mehr Elben. Sie suchte die Stadtmauer mit ihren Blicken ab und hielt Ausschau nach einen geeigneten Punkt, um in die Stadt einzufallen. Die Mauer hatte an vielen Stellen Risse , welche lediglich mit Holzbrettern geflickt worden waren. Sie würden es jedoch nicht riskieren können näher an die Mauer zu gehen, ohne sich dem direkten Beschuss auszuliefern. Was sie brauchten, war eine Ablenkung innerhalb der Stadt, damit sie die Mauer angreifen konnten.
Wieder sackten Soldaten getroffen in sich zusammen.
“Lasst sie wissen, dass wir noch da sind!“ Zur Antwort schicken auch sie ihre Pfeile los. So würde es jedoch nicht weitergehen können. Eryniel drehte sich suchend um. Ihr Blick traf den Limhirs. Sie bahnte sich den weg über die Gefallenen und an den Soldaten vorbei zu ihm. “Es bleibt keine Zeit für große Erklärungen, doch könntest du die Führung übernehmen? Wartet auf das Hornsignal und dann stürmt auf die Scharten im Mauerwall!“
Der Elb stellte keine weiteren Fragen und nickte. Sogleich begann er sich an die Einheiten zu wenden und brüllte lauthals Befehle. Jetzt bin ich dran. Eryniel wandte sich an ein Abteil direkt neben ihr: “Ihr kommt mit mir. Verschaffen wir unseren Kameraden etwas Zeit.“ Jetzt bin ich dran!

Eryniel mit einer Schar Elben weiter nach Thal
« Letzte Änderung: 4. Jan 2018, 17:01 von Fine »
Menno o nin na hon i eliad annen annin, hon leitho o ngurth.

Eandril

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Re: Vor der Stadtmauer
« Antwort #3 am: 3. Jan 2018, 02:18 »
"Und so beginnt eine Schlacht, an der weder Elben noch Menschen Anteil haben sollten", sagte Oronêl leise vor sich hin, als Sarumans Uruk-hai am Tor auf Saurons Orks prallten. Er hatte erwartet, dass Finelleth ihn über das Getöse der sich entfaltenden Schlacht nicht hören würde, doch sie antwortete: "Und dennoch stehen wir hier, und werden kämpfen." Oronêl prüfte Hatholdôrs Schneide mit dem Daumen, während weiter westlich ein erster Pfeilhagel von Thranduils Bogenschützen auf die Verteidiger niederging.
"Das hier kann unmöglich der richtige Weg sein", meinte er. "Saruman ist nicht vertrauenswürdig, und nicht weniger machthungrig als Sauron - ich glaube nicht, dass er das kleiner Übel ist."
"Er ist sicher kein kleines Übel. Wir haben nur die Wahl zwischen diesem Übel und dem etwas größeren", erwiderte Finelleth mit einem schiefen Lächeln.
Oronêl seufzte, befestigte die Axt wieder am Gürtel, und löste den Bogen seiner Mutter vom Rücken um dessen Sehne zu überprüfen. "Wenn ich zwischen zwei Übeln wählen soll, wähle ich lieber gar nicht."
"Doch du hast gewählt." Durch das östliche Tor von Thal war eine große Truppe Ostlinge heranmarschiert, die sich nun auf König Bards wenige Männer warf und sie hart bedrängte. In Finelleths Augen zeigte sich eiserne Entschlossenheit, als sie sich Oronêl zuwandte. "So gerne du auch zweifeln magst - jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Jetzt ist Zeit zu kämpfen." Oronêl erwiderte ihren Blick, dann den von Mírwen, die bislang geschwiegen hatte, und nickte.

Finelleth führte ihre Krieger geradewegs ins Getümmel, dorthin, wo die Ostlinge Bard und seine Leute stark bedrängten und die rechte Flanke des Heeres zu brechen drohte.  Es war anders als in den letzten Schlachten, die Oronêl ausgefochten hatte - anders als in Dol Amroth oder Lórien, wo sie sich verzweifelt verteidigt hatten, und mit Sicherheit anders als in Fornost, wo sie mit ihrer Gemeinschaft den Feinden in den Rücken gefallen waren. Dieses Mal jedoch standen sie den Feinden frontal gegenüber, und mussten nicht nur verhindern, dass der Feind vorrückte, sondern selbst versuchen, die feindlichen Linien zu durchbrechen.
Die Ostlinge, gegen die sie kämpften, waren mit kurzen Lanzen, die an der Vorderseite eine geschwungene Schneide besaßen und damit ein wenig an Äxte erinnerten, und viereckigen Schilden bewaffnet.
Sie sind gut ausgebildet, schoss es Oronêl durch den Kopf, während er einem rasch und tückisch geführten Stoß eines der Ostlinge auswich, und mit Hatholdôr auf die Schwachstelle zwischen Schulter und Hals seines Gegners zielte. Die Schneide der Axt traf zielsicher den Punkt, an dem der Schulterpanzer endete, und die Halsberge begann - offenbar hatten diese Männer aufgrund höherer Beweglichkeit auf einen Panzer verzichtet, der Hals und Schultern in eins bedeckte. Ein Mensch mochte auch tatsächlich Schwierigkeiten haben, eine solche Schwachstelle zu treffen wenn der Gegner um sie wusste, doch nur wenige Menschen waren so schnell wie Elben.
Trotzdem, auch wenn einer nach dem anderen unter den Klingen der Elben fiel, wichen die Ostlinge keinen Schritt zurück und hielten ihre Stellung, immer wieder angetrieben vom drönenden Klang ihrer großen Hörner. Sie kämpften Seite an Seite, deckten sich so gut wie möglich gegenseitig, und hielten stand.
"Wir müssen irgendwie durch diese Reihen brechen", schrie Oronêl Finelleth, die direkt neben ihm kämpfte, über den Schlachtenlärm hinweg zu. Gerade hatte er einen weitern Gegner zu Boden geschickt, doch die Lücke war sofort wieder geschlossen worden. "Ansonsten werden wir langsam aufgerieben." Mochten die Elben den Ostlingen was das Kampfgeschick anging überlegen sein, waren sie dennoch in der Unterzahl - und sie waren keineswegs unbesiegbar. Hin und wieder ging einer ihrer Krieger zu Boden, tot oder schwer verwundet, und mit der Zeit würde die Übermacht der Ostlinge erdrückend werden. Natürlich banden sie so eine große Anzahl Gegner an der östlichen Flanke, was Saruman dabei helfen würde, im Osten durchzubrechen, doch Oronêl hatte nicht vor, für diesen Zweck auch nur einen Elbenkrieger mehr als unbedingt nötig zu opfern.
Finelleth hob das blutbeschmierte Kurzschwert zu Zeichen, dass sie verstanden hatte, und und löste sich gemeinsam mit ihm ein wenig aus dem Getümmel. "Wir müssen irgendwie hinter sie kommen", sagte Oronêl. Noch atmete er trotz der Anstrengung ruhig und gleichmäßig, doch er wusste, dass seine Atemzüge schon bald schneller und irgendwann zu einem Keuchen werden würden, wenn die Erschöpfung einsetzte.
"Siehst du diesen großen Felsen dort?", fragte Finelleth, und deutete mit dem Schwert darauf. Oronêl folgte ihrem Blick, und schüttelte dann den Kopf. Tatsächlich sah er die Stelle, die sie meinte - einen großen Stein, etwas mehr als mannshoch, der kurz hinter der Frontlinie aufragte. Doch er ahnte auch, was sie damit vorhatte. "Ich hoffe, du denkst nicht was ich denke, dass du es denkst."
Ein flüchtiges Grinsen erschien auf Finelleths Gesicht. "Doch, ich denke, genau das tue ich." Sie eilte in Richtung des Felsens davon, und kletterte mit einigen raschen Bewegungen hinauf. Oronêl folgte ihr gezwungenermaßen, und als er die oben auf dem Felsen angelangt war, stellte er fest, dass Mírwen ihnen gefolgt war.
"Ihr müsst verrückt sein", stellte die junge Elbin fest, und Oronêl war geneigt, ihr Recht zu geben. Von hier hatten sie einen guten Überblick über das Schlachtfeld. In der Mitte schlachteten sich noch immer die Orks gegenseitig im Kampf um das Haupttor der Stadt ab - ein Anblick, der Oronêl grimmige Genugtuung verspüren ließ - während im Westen Thranduils Krieger bis zu den Mauern vorgerückt waren, dort jedoch von Pfeilen der Verteidiger überschüttet wurden. Oronêl hoffte, dass es ihnen schnell genug gelingen würde, die Mauern zu überwinden.
Ein von den Mauern geschossener Pfeil flog pfeifend zwischen ihm und Finelleth hindurch, und verfehlte Mírwens Kopf nur um Haaresbreite, Mírwen zuckte jedoch kaum. "Offenbar haben sie uns bemerkt. Wenn ihr springen wollt, solltet ihr das schnell tun." Sie stieß ihr Schwert zurück in die Scheide, und nahm ihre zwergische Armbrust vom Rücken. "Ich gebe euch von hier oben Deckung", sagte sie. "Nun macht schon."
"Und wenn die Bogenschützen weiter auf die schießen?", fragte Oronêl leise, doch Mírwen winkte ab. "Es ist trotzdem nicht gefährlicher, als euer Vorhaben." Finelleth tauschte einen Blick mit Oronêl, und zuckte dann mit den Schultern. Sie machte einen Schritt nach hinten, und warf sich dann mit einem einzigen Schritt Anlauf in einem mächtigen Sprung nach vorne.
Oronêl suchte Mírwens Blick, doch sie wich ihm aus, und lud ihre Armbrust. "Lasst euch nicht umbringen."
Auch Oronêl machte einen Schritt nach hinten. Er schüttelte den Kopf, zögerte aber nicht. Ein langer Schritt nach vorne, bis zur vorderen Kante des Felsens, weich auf dem rechten Fuß aufkommen, und mit aller Kraft abstoßen. Während des einen Herzschlags, den er durch die Luft flog, fixierte er den Punkt an dem Finelleth vor ihm gelandet war, und wo sie bereits angefangen hatte, unter den vollkommen überraschten Ostlingen zu wüten. Oronêl landete mit den Füßen zuerst auf einem Ostling, dessen dunkle Augen vor Schreckt geweitet waren, und stieß ihn zu Boden. Er rammte seinem Opfer mit einer fließenden Bewegung das Messer direkt in den zum Schrei geöffneten Mund, und kam dann in einer Drehung auf die Füße. Während er einem weiteren Menschen die Axt in die ungedeckte Seite hieb, hörte er hinter sich den dumpfen Einschlag eines von Mírwens Bolzen. Im Augenblick hatten er und Finelleth die Überraschung auf ihrer Seite, und ihre Gegner wussten sich kaum zu verteidigen. Doch es würde nicht lange dauern, bis sie sich von ihrem Schock erholten...

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Re: Vor der Stadtmauer
« Antwort #4 am: 20. Jan 2018, 18:18 »
Die Ostlinge erholten sich recht bald von ihrem Schock, und begannen sich gegen die Elben, die so plötzlich in ihrer Mitte erschienen waren, zu wehren. Oronêls und Finelleths Lage wurde von Augenblick zu Augenblick bedrohlicher, doch bevor sie in ernsthafte Gefahr gerieten überwältigt zu werden, ließ der Druck ihrer Gegner plötzlich nach. Oronêl streckte seinen letzten Gegner mit einem mächtigen Hieb direkt ins Gesicht, der dem Mann den Schädel beinahe vollständig spaltete, nieder, und hob den Kopf. Der Rest ihrer Truppen, die Elben und Menschen unter König Bards Befehl, hatten die Verwirrung, die Oronêl und Finelleth unter den Ostlingen gestiftet hatten, genutzt, und die Linie der Feinde durchbrochen.
"Ihr habt sicher nichts dagegen, wenn wir euch zur Hilfe kommen?", rief der König von Thal ihnen gut gelaunt zu, und hob zum Gruß das Schwert. Finelleth wechselte einen Blick mit Oronêl, wischte sich mit dem Daumen Blut, das aus einem tiefen Schnitt direkt über ihrem Wangenknochen lief, aus dem Gesicht, und grinste. "Ganz und gar nicht. Es wurde ein wenig eng hier."
Um sie herum stürmten Elben und Menschen gemeinsam den flüchtenden Ostlingen hinterher auf das Osttor der Stadt zu, doch Bard blieb bei Oronêl und Finelleth stehen. Auch Mírwen, die von ihrem Felsen heruntergekommen war und offenbar fast alle ihre Bolzen verschossen hatte, gesellte sich zu ihnen, hielt sich aber im Hintergrund. "Ich habe Nachricht erhalten, dass Khâmul Verstärkung aus dem Berg nach Thal entsandt hat", erklärte Bard. "Aber so wie die Schlacht läuft, wird uns das nicht auf Dauer aufhalten können." Von Westen wehte der Klang großer Glocken herüber, die geläutet wurden. "Offenbar haben unsere Leute einige der Wachtürme eingenommen. Wir sollten uns hier ein wenig beeilen, sonst heimsen Thranduil und Saruman den ganzen Ruhm ein." Bard wirkte überaus gut gelaunt, und Oronêl konnte es ihm nicht verdenken. Wenn diese Schlacht gut ausging - und es sah alles danach aus - wäre seine Heimat frei. Oder zumindest so frei, wie es unter der Herrschaft Sarumans möglich war...
"Dann sollten wir nicht hier herumstehen", erwiderte er, und nickte mit dem Kopf in Richtung des Tores. "Lasst uns noch ein paar Orks töten gehen."

Es war trotz allem noch ein hartes Stück Arbeit, das östliche Tor zu durchbrechen, doch schließlich gelang es ihnen. Vom Haupttor der Stadt stiegen Rauchfahnen auf, offenbar waren dort die Häuser im Chaos der Schlacht in Flammen aufgegangen oder von Khâmuls Truppen in einem verzweifelten Versuch, Sarumans Orks aus der Stadt zu halten, in Brand gesteckt worden. Doch was auch der Grund für die Brände war, sie hinderten die Uruk-hai offenbar nicht daran, weiter vorzurücken. Oronêl bekämpfte gerade mit einem Trupp Elbenkrieger eine Gruppe Ostlinge, die sich auf einem kleinen Platz ein Stück hinter der Mauer verschanzt hatten, als eine große Truppe Orks mit dem Zeichen der Weißen Hand aus den Straßen auf der anderen Seite des Platzes hervorbrach, und die Ostlinge von hinten niedermachte. Als der letzte Feind gefallen war, starrten Orks und Elben einander mit kaum verborgener Abscheu an und Oronêl, der sich als die Orks aufgetaucht waren, aus dem Kampf zurückgezogen hatte, ertappte sich dabei, dass seine Hand zum Griff seiner Axt wanderte.
Bevor jedoch irgendjemand etwas tun konnte, ertönte ein hoher, kalter Schrei, der langgezogen zwischen den Straßen von Thal wiederhallte, und jeglichen Schlachtenlärm übertönte. Es war der Schrei eines Nazgûl, der Orks und Elben gleichermaßen durch Mark und Bein fuhr. Viele der Uruk-hai fielen auf der Stelle auf die Knie und pressten die Hände gegen den Kopf. Die Elben hielten sich ein wenig besser, auch wenn die meisten von ihnen bleich waren und einige sich die Ohren zu hielten. Als der Schrei verklungen war sagte Oronêl: "Kommt. Wir müssen herausfinden, was er befohlen hat." Es stand für ihn außer Frage, dass dies ein Befehl Khâmuls an seine Truppen gewesen war.
Am Osttor traf er auf Finelleth, die mit ihrer Truppe auf einem anderen Weg weiter in die Stadt vorgedrungen war. Auch sie war blass, und humpelte ein wenig aufgrund einer frischen Wunde am rechten Oberschenkel, doch ihr Gesicht zeigte verhaltenen Triumph. "Sie ziehen sich zurück", sagte sie. "Wir hatten mit einer wirklich hartnäckigen Gruppe Orks zu tun, doch kaum war dieser Schrei zu hören, drehten sie sich um und marschierten in Richtung des Berges davon. Ich würde sagen, Thal ist unser."
"Sarumans, meinst du", meinte Oronêl leise. Das Hochgefühl, dass er normalerweise nach einer gewonnenen Schlacht verspürte, wollte sich nicht einstellen - nicht einmal Erleichterung über den Sieg. Er seufzte. "Nun, es lässt sich nicht ändern. Wir sollten sehen, ob die übrigen die Schlacht heil überstanden haben." Jetzt, wo die Schlacht vorüber war, spürte er auf einmal die Wunden, die er im Kampf davongetragen hatte. Es war nichts von Bedeutung, doch die Lanze eines Ostlings hatte ihm die Haut an der Seite aufgerissen, er hatte vom Zusammenprall mit einem Schild eine geprellte Schulter davongetragen, und am rechten Unterarm spürte er einen langen und tiefen Schnitt, von dem er keine Ahnung hatte, wie genau er ihn bekommen hatte.
Auch Finelleth hatte mehrere kleinere Wunden davongetragen, doch keine davon so schwer, dass sie sie am Weiterkämpfen hindern würde - und die nächste Schlacht würde kommen, denn auch wenn sie in Thal gewonnen hatten, so saß Khâmul doch noch immer im Einsamen Berg und war noch lange nicht vollends geschlagen.

Oronêlund Finelleth mit dem Heer weiter zum Tor des Erebors
« Letzte Änderung: 17. Feb 2018, 15:32 von Fine »

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Re: Vor der Stadtmauer
« Antwort #5 am: 17. Feb 2018, 15:12 »
Oronêl vom Erebor

Oronêls Weg führte ihn einmal quer durch die Stadt Thal hindurch, wo die Menschen unter König Bards Führung damit beschäftigt waren, die Ordnung wiederherzustellen. Offenbar hatten einige derjenigen, die in Sarumans Heer in die Stadt zurückgekehrt waren, totgeglaubte Verwandte unter denen gefunden, die die Herrschaft Khâmuls und der Ostlinge überstanden hatten. Und rasend schnell verbreitete sich die Neuigkeit, dass König Bard selbst wie durch ein Wunder seine Frau und seinen jüngeren Sohn in einem Versteck an der westlichen Stadtmauer wiedergefunden hatte.
Als Oronêl aus dem südlichen Tor hinaus auf die Ebene trat, war die Nacht bereits angebrochen. Er folgte langsam der Straße ein wenig nach Süden, und es erschien ihm seltsam, dass nicht ganz einen Tag zuvor hier noch die Schlacht gewütet hatte. Natürlich lagen noch immer die Leichen der Gefallenen - zumeist Orks und Ostlinge, denn die Elben hatten ihre Gefallenen bereits in Ehren fortgeschafft - und verlorene Waffen auf dem Schlachtfeld, doch hier, ein gutes Stück vom Tor des Erebor entfernt, herrschte beinahe Stille. Die Geräusche der Belagerung waren ein fernes Echo aus dem Norden, und hier blinkte sogar der ein oder andere Stern durch kleine Lücken in der Wolkendecke hindurch. Oronêl fand den Stein wieder, auf dem er, Finelleth und Mírwen vor gar nicht so langer Zeit die Schlacht überblickt hatten, lehnte sich mit dem Rücken an seine bemooste Oberfläche, und blickte nach Süden. Der Celduin zog sich als helles Band durch die Nacht, und Oronêls Augen folgten dem Fluss nach Südwesten bis zu der Stelle, wo der Fluss dem südlichen Ende des Erebors, dem Rabenberg, nahe kam. Er blickte hinauf auf den Gipfel des Rabenbergs, und als er seine Augen ein wenig anstrengte, erkannte er den alten zwergischen Wachtturm, der dort stand, und glaubte auch einige kleine Gestalten in grauen Mänteln zu sehen. Doch vielleicht war es auch nur eine Einbildung, weil er wusste, dass die Dúnedain - und Kerry - sich dort oben befinden musste.
So erleichtert Oronêl auch war, dass Kerry sich durch Sarumans Befehle fern der Schlacht befand, ein wenig verwunderlich war es, dass Saruman diese Position von den Dúnedain hatte besetzen lassen. Natürlich waren die Waldläufer geübte Späher und Kundschafter, doch ihre Augen waren naturgemäß bei weitem nicht so scharf die die der Elben. Warum also hatte Saruman eine solche Stellung nicht von einigen Elben besetzen lassen? Die Antwort darauf war so einfach, dass Oronêl beinahe über sich selbst gelacht hatte. Saruman vertraute den Elben nicht, also behielt er sie in seiner Nähe, wo sie wenig Schaden anrichten konnten. Und Helluins Dúnedain wurden geschont, während die Elben in der Schlacht unvermeidlich Verluste erleiden würden.
Oronêl seufzte. Es wurde Zeit, diesen Ort zu verlassen - nach der Schlacht, gleich, wie Thranduil handeln würde. Seine Gedanken wanderten nach Süden, über den Celduin und den Düsterwald hinaus zum Anduin, zum Weißen Gebirge noch weiter, nach Dol Amroth am großen westlichen Meer. In den Monaten seit er Gondor verlassen hatte war vieles geschehen, und er fragte sich, wie es inzwischen dort aussah. War der Krieg  mit Mordor, der zwischenzeitlich zu einem Stillstand gekommen war, inzwischen erneut ausgebrochen? Hatten Mithrellas, Amrothos und Irwyne Dol Amroth erreicht, und waren sie dort ebenso sehr in Sicherheit wie in Lindon? Vermutlich nicht, doch Oronêl konnte es keinem von ihnen verdenken, dass sie lieber in Dol Amroth sein wollten als in Lindon auf Nachrichten aus der Welt zu warten.
Seine Gedanken wurden unterbrochen, als er hinter sich das Geräusch leiser Schritte hörte, und Mírwen sich neben ihm an den Felsen lehnte. "Woran denkst du?", fragte sie, und Oronêl antwortete leise: "Wohin ich gehen werde, wenn diese Schlacht vorüber ist. Ich werde nicht hierbleiben können."
"Ich verstehe", meinte Mírwen ebenso leise. "Und wohin wirst du gehen?"
"Nach Dol Amroth, glaube ich. Dort sind einige Freunde von mir, und meine Tochter wird inzwischen ebenfalls dort sein."
"Ich würde dich gerne begleiten", sagte Mírwen, und schloss ein wenig zaghaft ihre Hand um seine. "Ich würde auch gerne deine Tochter kennenlernen - in Lindon habe ich sie zwar kurz gesehen, aber nie wirklich mit ihr gesprochen."
"Es wäre mir eine Ehre", erwiderte Oronêl mit einem Lächeln, und diesmal war er es, der sie küsste. Dieses Mal war ihm egal, dass die Stimme in seinem Hinterkopf ihm sagte, dass es falsch war, und dass er es aus den falschen Gründen tat. Mírwen hatte an seiner Seite gekämpft, für ihn gekämpft, obwohl sie es nicht hätte tun müssen. Ihr Vater war in der Schlacht gestorben, in die Oronêl ihn geführt hatte, und trotzdem liebte sie ihn aus irgendeinem Grund - und Oronêl fühlte sich schuldig, ihr so viel Glück zu geben, wie er konnte.
Er unterbrach den Kuss, als er von Südwesten schwach das Geräusch vieler Füße in metallenen Stiefeln, die auf Stein trafen, hörte. "Was ist?", fragte Mírwen leise, und Oronêl hob die Hand und deutete nach Südwesten, wo die Straße zwischen Celduin und Rabenberg verlief. "Hörst du das?"
Einen Augenblick lauschten sie schweigend, bis Mírwen nickte. "Da marschiert jemand von Süden heran."
"Allerdings." Oronêl löste seine Hand sanft aus ihrer, und kletterte mit einer raschen Bewegung auf den Felsen hinauf. Mírwen folgte ihm, und gemeinsam blickten sie angestrengt nach Süden. Auf der Straße, jetzt bereits ein kleines Stück nördlich der Biegung, die der Celduin auf Höhe des Rabenbergs machte, marschierte ein großer Trupp dunkler Gestalten heran. Zuvor hatte Oronêl sie nicht sehen können, weil das Land südlich des Rabenbergs hügelig war, und die Straße sich ein wenig westlich des Flusses zwischen den Hügeln entlang schlängelte. "Verstärkung für den Feind?", vermutete Mírwen, doch Oronêl schüttelte unsicher den Kopf. "Es sind zu wenige, um Saruman ernsthaft gefährden zu können. Und außerdem glaube ich, dass sie das Zeichen der Weißen Hand führen."
"Dann könnte es die Besatzung sein, die Saruman in Esgaroth zurückgelassen hat. Aber warum sollten sie die Stadt verlassen und hierher kommen?"
"Vielleicht hat Saruman sie gerufen, um den Erebor mit voller Kraft zu stürmen...", meinte Oronêl langsam. "Das würde erklären, warum die Wachen auf dem Rabenberg keinen Alarm schlagen. Sie wüssten sicherlich Bescheid. Es sei denn..." Er zögerte, den Gedanken zu Ende zu führen. "Es sei denn, irgendjemand dort oben spielt ein doppeltes Spiel, und verhindert, dass Saruman gewarnt wird." Was das für Kerry bedeuten mochte, wenn er Recht hatte, wollte Oronêl sich nicht ausmalen. "Lauf zurück", sagte er zu Mírwen. "Und warne Thranduil und König Bard. Sie sollen möglichst unauffällig eine Verteidigungslinie im Süden von Thal errichten. Falls dort oben tatsächlich ein Verräter ist, und dort aus dem Süden Feinde kommen, dürfen sie nicht bemerken, dass wir gewarnt sind."
Mírwen sprang sofort vom Felsen herab, stoppte aber kurz und fragte: "Und was ist mit Saruman?" Oronêl zögerte einen Augenblick, antwortete dann aber: "Er würde dir nicht zuhören, sondern uns selbst für Verräter halten, die ihn ablenken wollen. Wenn es Feinde sind, werden wir uns hoffentlich lange genug halten können, dass Saruman reagieren kann." Mírwen nickte, und eilte dann in die Dunkelheit in Richtung Thal davon.
Oronêl beobachtete die nahenden Truppen weiterhin, und mit jeder Minute die verstrich konnte er sie besser erkennen. Er war sich jetzt sicher, dass es Orks mit dem Zeichen der Weißen Hand waren, und trotzdem verließ er seinen Beobachtungsposten nicht. Als die Neuankömmlinge etwa die Hälfte der Strecke zwischen dem Rabenberg und Thal zurückgelegt hatten, bemerkte er eine weitere Bewegung auf Höhe des Rabenberges, und diesmal war er sicher, dass dort Feinde kamen. Ganz gleich ob der erste Trupp wirklich die Nachhut aus Esgaroth war oder nicht, mehr Truppen hatte Saruman nicht im Süden, und von dort kam eine starke Streitmacht in ihre Richtung marschiert. Sein Blick wanderte den Berghang hinauf zur Spitze des Rabenberges, um zu sehen, ob die Dúnedain bereits alarmiert waren - doch im gleichen Augenblick flammte dort oben eine Feuerkugel auf, und in ihrem kurzen Lichtschein war Oronêl sich sicher, miteinander kämpfende Gestalten zu sehen. Seine Hand packte unwillkürlich den Axtgriff, doch gleichzeitig war ihm klar, dass er nichts tun könnte. Bis er den Wachtturm auf dem Rabenberg erreichte würde der Kampf schon vorüber sein, und außerdem würde er den heranmarschierenden Feinden genau in die Arme laufen. Stattdessen sprang er vom Felsen hinab und rannte so schnell er konnte in Richtung Norden davon, um Bard und Thranduil zu warnen, dass tatsächlich Feinde von Süden nahten. Ihm war egal, ob Saruman und seine Orks in der Schlacht untergingen, doch mit ihnen würden auch alle Menschen und Elben, die dem Zauberer zum Erebor gefolgt waren, sterben. Und das durfte nicht geschehen, ganz gleich zu welchem Preis.

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Eandril

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Re: Vor der Stadtmauer
« Antwort #6 am: 18. Feb 2018, 20:26 »
Oronêl streckte einen weiteren Ostling in mit falschem Gold beschlagener Rüstung nieder, indem er ihm die Axt in die Lücke zwischen Schulter und Halsberge trieb, und zog sich dann einen Schritt aus dem Kampf zurück. Sein verlassener Platz wurde sofort von einem anderen Elbenkrieger eingenommen, der sich zuvor ein wenig ausgeruht hatte - nur durch diese Taktik des Wechselns war des den Elben möglich, dem Ansturm von Süden überhaupt standzuhalten, und dennoch barg jeder Positionswechsel die Gefahr, dass die Feinde durch die kurzzeitig entstandene Lücke brachen. Oronêl wischte sich mit der freien Hand den Schweiß von der Stirn, und eilte dann über das niedergetrampelte Gras zu der Stelle, wo er Thranduil inmitten der verwundeten und sich kurz erholenden Elbenkrieger entdeckt hatte. Der König selbst hatte sich nicht weniger geschont als seine Krieger. Seine prachtvolle Rüstung sah inzwischen ziemlich mitgenommen aus, und Thranduil selbst blutete aus mehreren kleinen Wunden und Schrammen.
"Ewig können wir so nicht standhalten", sagte Oronêl, und Thranduil schüttelte den Kopf. "Nein, können wir nicht. Ich habe bereits Boten zur Nordseite der Stadt entsandt, die Verstärkung holen sollen, aber sie sind nicht zurückgekehrt. Ich fürchte, ihnen könnte etwas zugestoßen sein."
"Sie sind tot", erklang Celebithiels Stimme. Sie kam in ihrer silbernen Rüstung von Norden angeschritten, und ihre geschwungenen Schwerter waren vom Blut ihrer Feinde rot und schwarz gefärbt. Sie selbst hatte eine tiefe Schramme quer über der Stirn vorzuweisen, schien aber ansonsten unverletzt zu sein. "Khâmul hat einen Ausfall aus dem Erebor unternommen, der kräftiger war als erwartet. Er hat Sarumans Orks nach Südwesten abgedrängt, und einen Keil zwischen ihn und uns getrieben."
"Das sind überaus schlechte Neuigkeiten", erwiderte Thranduil mit ernster Miene. Sein Blick schweifte über das Schlachtfeld, als wollte er die Lage abschätzen - und diese war nach Oronêls Meinung alles andere als gut.
Die Elben hatten die Vorhut des Feindes, die sich mit den Rüstungen und Bannern der Garnison in Esgaroth getarnt hatte, etwas weniger als eine halbe Meile südwestlich der Stadtmauern von Thal abgefangen. Der Angriff war weitaus weniger überraschend erfolgt als von den Feinden geplant, denn zu Oronêls Erleichterung hatte sich auch Thranduil seine Vorsicht bewahrt und war wachsam geblieben. Die Vorhut an sich, selbst von der heftigen Gegenwehr überrascht, war kein großes Problem gewesen, doch als das Hauptheer aus Ostlingen eintraf, begann es anders auszusehen. Die Stadt Thal an sich bildete bereits ein hervorragendes Hindernis, dass Sarumans Hauptheer am Fuß des Erebor den Rücken deckte, doch zwischen Thal und der Südostflanke des Berges lag ein breites Stück Ebene, über dass die Neuankömmlinge Saruman ungehindert in den Rücken fallen konnten. Die Elben waren viel zu wenige, um die gesamte Lücke blockieren zu können, doch indem sie ein Stück westlich der Stadt ihre Stellungen errichtet hatten, waren die Feinde gezwungen, zunächst sie anzugreifen, bevor sie weiter nach Norden vorrücken konnten. Bislang war diese Taktik gut aufgegangen, doch inzwischen widerstanden sie dem Ansturm nur noch mit großer Mühe. Oronêl selbst spürte, wie allmählich jeder Muskel in seinem Körper zu schmerzen begann - kein Wunder, inzwischen befand er sich seit über einem Tag die meiste Zeit im Kampf. Den meisten Elben ging es nicht anders, und so würden sie ohne Verstärkung nicht mehr viel länger aushalten können.
"Wir haben keine andere Wahl, als trotzdem auszuhalten", erklärte Thranduil schließlich. "Wir könnten uns nach Thal zurückziehen", schlug Oronêl vor. "Hinter den Stadtmauern - beschädigt wie sie sind - dürfte es uns leichter fallen, standzuhalten."
"Nein", widersprach Thranduil mit einer Stimme, die keinen weiteren Widerspruch zuließ. "Ziehen wir uns nach Thal zurück, brechen sie endgültig durch und kesseln Sarumans Truppen ein. Fliehen wir nach Westen über den Rabenberg, geschieht das ebenfalls, nur lassen wir überdies die Menschen in der Stadt im Stich - und das werde ich nicht ein zweites Mal tun. Wir haben keine Wahl, wir müssen standhalten bis Verstärkung kommt."
Obwohl Oronêl anderer Meinung war, konnte er nicht umhin der Entschlossenheit des Königs Respekt zu zollen, und so nickte er nur.

Die Schlacht zog sich hin, und die Flut der Feinde wollte kein Ende nehmen. Schon lange hatte Oronêl keine Gelegenheit mehr gehabt, sich auszuruhen, denn mit jedem vergangenen Augenblick schienen die Ostlinge entschlossener, dass kleine Heer der Elben, das ihnen den Weg nach Norden noch immer verwehrte, zu vernichten. Er hatte keine Ahnung, ob König Bard Thal noch immer hielt, wie die Lage bei Saruman am Fuß des Berges war, oder ob die Dúnedain auf dem Rabenberg noch die Stellung hielten. Seine Welt war auf das Geschehen unmittelbar um ihn herum geschrumpft, auf die Krieger die neben ihm kämpften und auf die Feinde, die immer wieder gegen ihre Stellungen anrannten, über die Leichen ihrer Gefallenen hinweg. Er verbannte jegliche Sorge um Finelleth, Kerry, Celebithiel, Mírwen und all seine Freunde aus seinem Kopf, und konzentrierte sich nur auf das Töten und Überleben - bis er eine helle, wohlbekannte Stimme seinen Namen rufen hörte.
"Oronêl!" Mit größter Mühe löste er sich aus dem Kampfgewühl, auf die schrumpfende freie Fläche in der Mitte ihrer Stellung. Inzwischen wurden sie auch von Norden angegriffen, und Thranduil hatte sein Heer einen Halbkreis bilden lassen, dessen Enden sich an die Mauern von Thal schmiegten. Oronêls Augen suchten die Quelle des Rufes, und blieb schließlich an einer schmalen Gestalt inmitten der Ostlinge hängen, die einen schlecht sitzenden Kettenpanzer und einen viel zu großen Helm auf dem Kopf trug. Während sie sich den Weg durch die Reihen der Ostlinge auf die Elben zu bahnte, rief sie erneut seinen Namen - und diesmal blieb für Oronêl kein Zweifel, dass es sich um Kerry handelte. Bevor er sich jedoch wunderte, wie das Mädchen hierher gelangt sein mochte, machte er einen langen Schritt nach vorne und hinderte gerade noch einen hochgewachsenen Elben daran, Kerry mit dem Schwert niederzustrecken. "Lasst sie durch, sie gehört zu uns!", rief der dem Mann über den Schlachtenlärm zu, und dieser trat gerade lange genug einen Schritt zur Seite um Kerry durchzulassen, die zu Oronêls Erstaunen einen jungen Mann in der Rüstung der Ostlinge an der Hand mit sich zog. Im Inneren der Formation angekommen riss Kerry sich keuchend den Helm vom Kopf, und hielt sich die offensichtlich schmerzenden Seiten.
"Was bei den Bäumen tust du hier?", fragte Oronêl laut, doch bevor Kerry antworten konnte, wurde seine Aufmerksamkeit von einem Schrei auf sich gelenkt. Den Ostlingen war es gelungen, den hochgewachsenen Elben, der Kerry eben noch durchgelassen hatte, zu überwältigen, und zwei von ihnen hatten die Formation durchbrochen bevor es gelungen war, die Lücke wieder zu schließen. Der vordere stürzte sich mit einem Kriegsschrei auf Kerry und ihren Begleiter, die noch mit dem Rücken zu ihnen standen, doch Oronêl war schneller als er. Er parierte den Schwerthieb des Ostlings mit Hatholdôr nur wenige Zentimeter von Kerrys ungeschütztem Kopf entfernt, brachte ihn mit einem wohlgezielten Tritt gegen den Knöchel aus dem Gleichgewicht, und gab ihm mit einem beidhändigen Axthieb, der den Brustpanzer des Mannes spaltete, den Rest. Inzwischen war auch der zweite Ostling herangekommen, doch der Tod seines Gefährten ließ ihn einen Augenblick zu lange zögern. Oronêl sprang nach vorne, fegte das hastig zur Abwehr erhobene Schwert zur Seite, drehte sich um ihn herum und stieß ihm den rasch gezogenen Dolch unterhalb des Helms in den Nacken. Das ganze hatte nur wenige Augenblicke gedauert, und sobald der Ostling gefallen war, fragte er Kerry: "Und wie bist du eigentlich hierher gekommen?"
"Nicht... wichtig", japste Kerry, und in ihren Augen stand Furcht, aber auch eine Art wilder Entschlossenheit. "Saruman... zieht sich zurück. Er will über den Rabenberg entkommen, und... euch zurücklassen."
Oronêl spürte, wie ihm sämtliches Blut aus dem Gesicht wich. Zorn stieg in ihm auf, doch er unterdrückte ihn - dafür würde später noch Zeit sein. Jetzt war es Zeit zu handeln. "Komm mit", sagte er, und schlug die Richtung ein, in der er Thranduil zuletzt gesehen hatte. Während sie liefen, fragte er: "Hat Helluin dich geschickt?" Das hielt er kaum für möglich, so wie er den jungen Anführer der Dúnedain einschätzte. "Und wer ist dein Freund?"
"Nein, er... hat uns eher gehen lassen", erwiderte Kerry, während sie sich bemühte, mit Oronêl Schritt zu halten. "Und das ist Aino, Sohn des..." "Rauno", half ihr der Ostling, dessen Stimme noch jünger als erwartet klang, aus.
"Richtig. Ich habe ihn gefangen genommen, und er hat mir geholfen, durch die Ostlinge zu kommen. Wir haben diese Rüstung einem der Gefallenen abgenommen, und... Warte mal." Kerry blieb stehen, und kämpfte sich mit einiger Mühe aus dem schweren Waffenrock heraus. Sie ließ ihn an Ort und Stelle fallen, und hatte daraufhin weitaus weniger Schwierigkeiten, Oronêl zu folgen. "Jedenfalls ist er der Sohn irgendeines Generals, und hat allen befohlen uns durchzulassen - das hat auch gut geklappt, bis dieser Elb mich beinahe geköpft hätte. Aber glücklicherweise warst du ja da. Was werden wir jetzt tun?"
Oronêl zuckte mit den Schultern und blieb stehen. Sie hatten den Ort erreicht, an dem Thranduil seines Wissens nach zuletzt gekämpft hatte. "Das kann ich nicht entscheiden." Er ließ den Blick über die Reihe der Kämpfer schweifen, doch Thranduil war nirgends zu entdecken - doch dafür das sandfarbene Haar von Finelleth. Als er ihren Namen rief, löste sie sich sofort aus dem Kampf. "Was ist los?" Ihr Blick fiel auf Kerry. "Und was bei allen verfluchten Geistern treibst du hier? Solltest du nicht in Sicherheit sein?" Kerry öffnete den Mund um zu antworten, doch Oronêl hob die Hand um ihr zuvor zu kommen. "Saruman lässt und im Stich", antwortete er knapp. "Wo ist dein Vater?"
"Weiter östlich, näher bei Thal", erwiderte Finelleth, die blass geworden war. "Da waren ein paar fiese Trolle, die beinahe durchgebrochen wären, und... ich werde euch begleiten."
Ohne weitere Worte eilten sie in die angegebene Richtung davon, Oronêl und Finelleth vorneweg, Kerry und der junge Ostling hinterher. Tatsächlich fanden sie Thranduil nahe der Stadtmauer von Thal, und als Oronêl ihm berichtet hatte, was geschehen war, erstarrte seine Miene zu Eis.
"Ist das wahr?", fragte er schließlich, und bevor Oronêl etwas erwidern konnte sagte Kerry bereits: "Ja. Ich habe Sarumans Boten selbst gehört. Angeblich ist es zu gefährlich, euch zu warnen - aber das kann ja nicht sein, wenn sogar ich es geschafft habe."
Thranduils Gesichtszüge wurden ein wenig weicher, als er antwortete: "Der Weg, den du hinter dir hast, mag gefährlicher gewesen sein als du dir bewusst bist. Wenn du die Wahrheit sagst - und da du eine Freundin meiner Tochter und Oronêls bist, glaube ich daran - kannst du dich mit den größten unter den Elbenfreunden messen."
Kerry errötete, doch Oronêl ließ ihr keine Zeit etwas zu erwidern. "Was werden wir also tun?"
"Wir ziehen uns ebenfalls zurück", sagte Thranduil fest. "Ohne die Aussicht auf Verstärkung ist unsere Lage hoffnungslos. Doch wir werden die Menschen von Thal nicht im Stich lassen." Er wandte sich Finelleth zu. "Faerwen, du wirst zu König Bard gehen. Er soll die Stadt räumen lassen, zunächst alle Zivilisten die schnell genug gehen können, und danach seine Krieger. Wer zu langsam ist, muss zurückgelassen werden - ich will möglichst viele von ihnen retten, doch wir können uns dabei nicht in zu große Gefahr begeben." Finelleth nickte knapp, und schoss dann mit großen Schritten in Richtung des Stadttores, dass sich zwischen den Linien der Elben befand, davon.
"Wir werden die, die nicht kämpfen können, in die Mitte nehmen", fuhr Thranduil fort. "Und uns dann nach Westen durch die Reihen der Feinde hindurch schlagen, und uns wie Saruman über den Rabenberg hinweg zurückziehen."
"Wir sind zu wenige dafür, sie werden uns überrennen." Glorfindel und Celebithiel, die ganz in der Nähe gekämpft hatten, hatten Thranduils Abwesenheit offenbar bemerkt, und sich unbemerkt zu der Gruppe gesellt. Oronêl nickte zustimmend, denn er glaubte, dass Glorfindel mit seinem Einwand richtig lag. "Wir bräuchten eine Ablenkung. Etwas, das die Ostlinge daran hindert, uns zu stark in die Zange zu nehmen."
"Sarumans Orthanc-Feuer", meinte Celebithiel. "Es ist noch immer in Thal, denn er hatte keine Gelegenheit, es ans Tor des Erebor zu schaffen."
"Weißt du, wie es funktioniert?", fragte Thranduil, und Celebithiel nickte. "Es besitzt eine Schnur, die langsam abbrennt. Wenn der Funken das Pulver erreicht, wird es mit gewaltiger Kraft entzündet."
"Also nehmen wir das Feuer mit uns, und zünden es hinter uns wenn die Feinde uns zu nahe kommen." Auf Oronêls Vorschlag hin nickte Thranduil zustimmend. "Angvagor, Galanthir!", befahl er Finelleths alte Gefährten zu sich. "Ihr werde das Orthanc-Feuer aus Thal mit euch nehmen. Beeilt euch, denn es kann sein, das wir jeden Augenblick aufbrechen müssen."

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Rückzug aus Thal
« Antwort #7 am: 2. Mär 2018, 14:35 »
Eryniel aus Thal - In der Stadt


Kerry sah zu, wie Finelleth und einige weitere Elben den Befehlen ihres Vaters folgend durch das Tor Thals in Inneren der Stadt verschwanden, während die Schlacht ringsum ein wenig abgeebbt war. Wie durch ein Wunder gewährte ihnen der Feind tatsächlich eine kurze Ruhepause, doch die scharfäugigen Elben des Düsterwaldes berichteten schon wenige Minuten später von weiteren Feinden, die aus dem Tor des Erebors hervorströmten. Und auch eine weitere Verschiebung der Schlachtlinien war nur allzu deutlich zu beobachten: Wie Kerry es von Sarumans Boten gehört hatte, zogen sich die an den nordwestlichen Rand des Tales zurückgedrängten Orks und Uruk-hai der Weißen Hand nun langsam in Richtung des Rabenberges zurück. Es war keine heillose Flucht, sondern ein koordinierter Rückzug, auch wenn die Nachhut des Heeres von sie verfolgenden Ostlingen hart bedrängt wurde. Die Disziplin der Uruks in den hinteren Reihen sorgte dafür, dass es bei einem geordneten Rückzug blieb und das Heer nicht in Unordnung geriet.
Während Kerry sich noch umblickte, um einen besseren Überblick über die Lage zu bekommen, tauchte plötzlich Eryniel neben ihr auf. Die Waldelbin war von Norden gekommen, aus der Richtung des Tors des Erebors, und kam schwer atmend neben Kerry zum Stehen.
“Wo ist der König?” stieß Eryniel hervor. “Weiß er schon Bescheid, dass sich Sarumans Heer zurückzieht?”
“Er steht dort hinten,” sagte Kerry und zeigte auf ein Bruchstück der Mauer Thals, das während der Belagerung abgebrochen war und ein Stück außerhalb der Reste der Mauern zum Stillstand gekommen war. Thranduil hatte dort eine etwas erhöhte Position bezogen und brachte die wenigen Elben in Stellung, die genügend Pfeile aufgesammelt hatten, um ihre Bögen effektiv verwenden zu können. “Er weiß bereits Bescheid. Wir holen alle aus Thal ‘raus und bringen sie hier weg.”
Eryniel atmete auf und nickte. “Das ist gut. Es sind viele Menschen in der Stadt, die nicht kämpfen können. Sie brauchen Schutz.”
“Da kommen bereits die Ersten,” antwortete Kerry, als sie Bewegungen am Stadttor erspähte. Und tatsächlich war dort ein Waldelb aufgetaucht, der am Tor Stellung bezog und Menschen aus Thal heraus und in Richtung des Elbenheeres lotste.
“Ich werde ihnen helfen,” sagte Eryniel entschlossen. Dann eilte sie in Richtung des Tores davon, um bei der Evakuierung mitzuhelfen.

Kerry hingegen blieb wo sie war, in der Nähe Oronêls, der die kurze Pause nutzte, um sich von den harten Kämpfen zumindest ein wenig zu erholen. Er sah müde aus, wie er dort auf dem felsigen Boden außerhalb der Mauern Thals kniete und sich auf seine Axt stützte. Celebithiel und Glorfindel standen dicht beieinander in einigen Metern Entfernung und tauschten leise Worte miteinander aus.
“Bist du verletzt?” fragte Kerry.
“Nur erschöpft,” erwiderte Oronêl. “Es wird schon gehen.” Er wandte Kerry den Blick zu und seufzte. “Weißt du, dies ist die vierte große Schlacht, an der ich dieses Jahr teilnehme. Und das nach hunderten Jahren des Lebens in der Abgeschiedenheit. Ich kann nicht behaupten, dass ich es vermisst habe.”
“Das Töten?”
“Das... alles. Die Ungewissheit. Die ständige Gefahr. Und dass immer so viel auf dem Spiel steht. Ich habe genug davon.”
Kerry musterte den Elb lange. Er wirkte körperlich müde, doch sie erkannte an seinen Worten, dass er auch im Inneren an seine Grenzen kam. Sein Blick ging ins Leere - nein, nicht ins Leere, sondern nach Südwesten, wo der Fluss ins Tal hinab verschwand. Und dort lag der Lange See, und jenseits des Sees floss der Fluss weiter, bis...
“Du hast vor, zu gehen, nicht wahr?”
Sie hatte die Frage aus einem Impuls heraus gestellt und dabei nicht gewollt, dass es wie eine Anschuldigung klang. Doch gleichzeitig schwang darin ein Gefühl mit, das ihr sagte, dass Oronêl sie und insbesondere Finelleth im Stich lassen würde, wenn er ginge.
Oronêls Blick traf ihren. Er antwortete zunächst nicht, und seine Miene zeigte kaum eine Regung. Kerry hörte, wie er langsam und lange ausatmete.
“Ich habe es bereits Mírwen gesagt. Wenn diese Schlacht geschlagen ist, werde ich diesen Ort verlassen. Ich kann so nicht weitermachen, Kerry. Verstehst du das?”
“Ich - ich weiß es nicht, Oronêl. Einerseits kann ich dich verstehen, wirklich. Aber warst du nicht derjenige, der Finelleth erst dazu gedrängt hat, hierher zu kommen und für ihre Heimat einzutreten? Hast du ihr nicht versprochen, sie dabei zu unterstützen?”
“Das habe ich. Und ich hoffe, es gelingt ihr, Thranduil von Sarumans Einfluss zu befreien. Sie ist stark genug dafür.”
Kerry wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie spürte, dass Oronêl ehrlich mit ihr war und wirklich kriegsmüde war. Und doch gelang es ihr nicht ganz, ihren Ärger darüber, dass er sie im Stich lassen wollte, zu unterdrücken.
Ehe sie sich eine Antwort überlegen konnte, ertönte eine Warnung von Norden. Die Ostlinge rückten erneut vor und die Schlacht ging weiter.

Mehr und mehr Flüchtlinge verließen die Stadt Thal und sammelten sich zwischen den Schlachtreihen der Waldelben. Kerry erschien es, als ob es nicht mehr lange dauern würde, bis Thranduil den Rückzug befehlen würde. Und ehe das geschah, gab es noch etwas, um das sie sich kümmern musste.
“Aino,” sagte sie und weckte damit den jungen Ostling, der es tatsächlich geschafft hatte, während der kurzen Kampfpause einzuschlafen. Er gab ein verschlafenes Geräusch von sich und rappelte sich mühsam auf, als Kerry neben ihm in die Hocke ging.
“Die Elben werden sich schon bald zurückziehen,” informierte Kerry den Jungen. “Ich danke dir für deine Hilfe, aber es wird Zeit, dass du nach Hause gehst.”
“Nach... Hause?” wiederholte Aino ungläubig. “Kann ich denn nicht...”
“Du kannst nicht mit mir kommen,” sagte Kerry und schüttelte den Kopf. “Das geht nicht. Sie werden dich töten. Es tut mir Leid, Aino, aber... du musst verschwinden.”
Aino schluckte. “Aber wohin soll ich gehen?”
“Nach Hause. Sieh dich doch um: Die Ostlinge werden diese Schlacht gewinnen. Für uns geht es nur noch darum, die Menschen von Thal in Sicherheit zu bringen. Niemand weiß, dass ich dich gefangen genommen habe, also kannst du als siegreicher Kämpfer nach Hause zurückkehren.”
“Ich kann nicht so einfach nach Hause zurück. Mein Vater....”
“Doch, du kannst. Sei ein Mann und sag deinem Vater, dass du kein Krieger sein willst. Du hast jetzt ja eine Schlacht überstanden, vielleicht reicht ihm das ja.”
“...Vielleicht,” wiederholte Aino, dann nickte er langsam. “Es könnte funktionieren.” Dann stand er auf und blickte Kerry lange an. “Danke, Kerry. Dafür, dass du mich nicht getötet hast. Ich werde dich nicht vergessen.”
“Keine Ursache. Geh’ schon, solange du noch kannst.”
Er wollte sich gerade abwenden, da packte sie ihn am Unterarm. “Eines noch, ehe du verschwindest - solltest du in Rhûn auf einen Mann namens Cyneric treffen, dann sag ihm.... dann sag ihm... dass seine Tochter am Leben ist und im Waldlandreich ist. Versprichst du es mir?”
“Ich verspreche es, Kerry. Leb’ wohl.”
“Leb’ wohl, Aino.”
Er verschwand in Richtung Südosten und soweit Kerry es sehen konnte, gelang es dem jungen Ostling tatsächlich, durch die Reihen ihrer Feinde zu schlüpfen. Sie hoffte, dass er den Weg nach Hause finden würde. Doch viele Gedanken konnte sie nicht daran verschwenden. Die Schlacht kam immer näher an sie heran.

Am Stadttor waren inzwischen kaum noch Menschen zu sehen. Stattdessen erspähte Kerry den sandfarbenen Haarschopf Finelleths, die gemeinsam mit Eryniel dafür sorgte, dass die letzten Nachzügler sicher aus der Stadt hinaus gelangten. Einige von Thranduils Elben hatten derweil das Orthancfeuer aus Thal beschafft. Kerry hatte die Zerstörungskraft der mit Pulver gefüllten Metallkugeln bereits auf dem Rabenberg mit eigenen Augen gesehen, doch die Kugeln, die die Elben nun zu ihrem König brachten, waren deutlich größer als die, die die Dúnedain verwendet hatten. Neugierig ging Kerry etwas näher heran, um vielleicht mitzubekommen, wie Thranduils Plan bezüglich des Orthancfeuers aussah. Doch sie war zu langsam. Als sie in der Nähe des Elbenkönigs angekommen war, waren dessen Befehle bereits erteilt worden. Acht Kugeln, jede größer als Kerrys Kopf, wurden von acht Elben entgegengenommen. Vier eilten zur südlichen Schlachtreihe davon, vier zur nördlichen Front.
“Was haben sie vor?” fragte Kerry Celebithiel, die gerade von Norden heran kam und einen blutigen Schnitt an ihrer Stirn betastete.
“Ich bin mir nicht sicher. Sicherlich werden sie das Feuer gegen unsere Feinde wenden, aber den genauen Zeitpunkt kenne ich nicht.”
Ehe sie weitersprechen konnte, kam das Signal zum Aufbruch, und die Elben setzten sich im Bewegung. Thranduil persönlich setzte sich mit seiner Waldgarde an die westliche Spitze, die nun zum Rabenberg vordrängte. Eryniel, Glorfindel und Finelleth waren mit ihm gegangen. Dicht hinter ihnen kam der Großteil der Menschen von Thal, angeführt von ihrem König, Bard. Alle, die kämpfen konnten, hatten sich notdürftig bewaffnet und halfen dabei, die Flanken zu sichern.
Es dauerte nicht lange, bis die feindlichen Kommandanten bemerkten, was die Elben vorhatten. Orkhörner ertönten und sowohl im Norden als auch im Süden verdoppelten die Feinde ihre Anstrengungen. Kerry, die sich am Ende des Heereszuges wiederfand, sah, wie sich Orks und Ostlinge am Fuße der Stadtmauer Thals trafen, wo die Elben bereits abgerückt waren. Nun wurde Thranduils Streitmacht auch von hinten bedrängt. Und dort mitten unter den Ostlingen schritt ein finsterer Mensch in dunkler Rüstung. Ein schwarzer Umhang mit Kapuze bedeckte Gesicht und Rüstung und in jeder Hand führte er ein gezacktes Schwert.
“Das muss der Fürst von Durthang sein,” stieß Celebithiel hervor, die Kerrys Hand gepackt hatte und sie mit sich nach Westen zog. “Dem sollten wir besser nicht in die Quere geraten, auch wenn ich nur allzu gerne mit ihm die Klingen kreuzen würde. Leider fehlt uns die Zeit dafür.” Sie war stehen geblieben und hielt den Blick zur Stadt hin gerichtet, die nun wieder vollständig  in feindliche Hand geraten war.
“Ich habe keine große Lust auf eine Begegnung mit ihm,” sagte Kerry, die ihr Schwert fest mit beiden Händen gepackt hatte. Sie warf einen Blick über ihre Schulter und sah, wie der dunkle Fürst die Orks und Ostlinge zur Verfolgung antrieb.
“Dein Vater hat in Dol Guldur gegen ihn gekämpft,” sagte Celebithiel. “Glorfindel hat es mir erzählt.”
Kerry verspürte Stolz darüber, dass ihr Vater sich einer so furchteinflößenden Gestalt gestellt hatte und überlebt hatte. Doch für weitere Gedanken blieb keine Zeit. Ein Ostling trat ihr in den Weg. Celebithiel sprang vorwärts und hieb den Krieger nieder, doch zwei weitere nahmen seinen Platz ein. Kerry drängte sich einfach an ihnen vorbei, denn inzwischen waren sie und Celebithiel die Letzten. Sie waren zu langsam gewesen!
Pfeile schwirrten dicht über ihre Köpfe hinweg und schlugen in die Verfolger ein. Thranduil hatte seinen wenigen verbliebenen Bogenschützen befohlen, alle ihre übrigen Pfeile zu verschießen. Das genügte, damit Kerry und Celebithiel zu Oronêl aufschließen konnten, der wenige Meter entfernt inmitten der Waldelben wartete und ihnen die Hand entgegenstreckte.
“Was habt ihr euch dabei gedacht?”
“Es ging alles so schnell - mit einem Mal waren wir allein inmitten der Feinde,” erwiderte Celebithiel.
Oronêl schüttelte langsam den Kopf, doch dann wandte er sich zu einem der Elben neben ihm und sagte: “Sag’ dem König, er soll das Orthancfeuer einsetzen! Wir haben jetzt genug Abstand zur Stadt.”
Der Waldelb eilte davon, während Kerry und Celebithiel sich wieder dem Heer anschlossen. Nur wenige Minuten später erschütterten acht gewaltige Explosionen das Tal vor dem Erebor. Wie es den Elben gelungen war, die Kugeln in Brand zu stecken, konnte Kerry nicht sagen. Sie sah mit einer Mischung aus Staunen und Erschrecken zu, wie die vorderen Reihen der Feinde südlich und nördlich der Waldelben buchstäblich in Stücke gerissen wurden. Das verschaffte Menschen und Elben den Aufschub, den sie gebraucht hatten. Für einige Minuten unbedrängt gelang es ihnen, sich über den Rabenberg hinweg zurück zu ziehen. Den Spuren von Sarumans Orks folgend kamen sie auf die andere Seite in das Gebiet, das zwischen dem Erebor und dem Rand des Düsterwalds lag.


Oronêl, Thranduil, Glorfindel, Celebithiel, Bard, Finelleth, Eryniel, Mírwen und Kerry zum Ostrand des Düsterwaldes
« Letzte Änderung: 15. Mär 2018, 07:44 von Fine »