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Autor Thema: Das Auenland  (Gelesen 4149 mal)

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Das Auenland
« am: 11. Nov 2015, 11:26 »
Gandalf, Kerry und Rilmir von der Großen Oststraße


Kerry strich sich wütend eine Strähne nassen Haares aus dem Gesicht. Was bildeten sich diese zu kurz geratenen, aufgeblasenen Wichtigtuer eigentlich ein?
"Lasst uns rein, oder ihr lernt mich kennen!"
Von der anderen Seite des Tores kam die Antwort: "Störer des Friedens sind nicht erwünscht! Bitte entfernen Sie sich umgehend, und versuchen Sie nicht, auf anderem Wege zurückzukehren! Dieser Vorfall wird gemeldet werden!"; auch wenn die Stimme nicht gerade zuversichtlich klang.
"Lass' gut sein," sagte Rilmir leise und zog Kerry vom Tor weg, in Richtung der Straße. Dort stand Gandalf auf einer kleinen Anhöhe, die sich vom östlichen Brandyweinufer aus erhob und die alte arnorische Brücke überblickte. Der Zauberer hatte seine Kapuze aufgesetzt, um den Nieselregen abzuwehren, der vor einer Stunde eingesetzt hatte. Seinen Blick konnte Kerry nicht deuten, aber sie wusste, dass ihm nicht gefiel, was im Auenland vor sich ging. Nein, genau wie mir gefällt es ihm überhaupt nicht, dachte sie.

Sie hatten den Rest der Strecke vom Zugang zum Alten Wald über die Große Oststraße in schnellem Tempo zurückgelegt. Während der Reise hatte Kerry versucht, Gandalf weiter über seine Absichten auszufragen, doch der Zauberer war recht verschlossen gewesen und hatte ihr kaum etwas erzählt. Im Gegenzug war er allerdings sehr an ihrer Vergangenheit interessiert gewesen, und hatte viele Fragen gestellt, denen sie zumeist ausgewichen war.
"Wie kommt es, dass niemand wirklich weiß, wo du herkommst?" hatte er sie gefragt.
"Das braucht niemand zu wissen," hatte sie nur gesagt.
"Sei dir bewusst, dass du damit nicht unbedingt Vertrauen erweckst, Mädchen," hatte Gandalf geantwortet. "Ich weiß, dass du ein gutes Herz hast. Das kann ich deutlich erkennen. Aber nicht jeder hat einen so geschärften Blick und kann die Absichten und Gesinnungen der Menschen leicht erkennen. Jemand, der dich nicht gut kennt, könnte ebensogut vermuten, dass du eine Spionin Saurons oder Sarumans bist."
"Das ist doch lächerlich," hatte Kerry dazu gemeint. "Welchen Grund hätte ich denn, mich dem Feind anzuschließen, nach allem, was mir seinetwegen passiert ist?"
"Für dich ist das klar - doch für jemanden, der nicht weiß, was dir passiert ist, selbstverständlich nicht," hatte der Zauberer erklärt. Kerry hatte zugeben müssen, dass er damit Recht hatte.

Bei Sonnenuntergang hatten sie die Ostgrenze des Auenlandes erreicht. Gandalf war sichtlich erschrocken gewesen, sowohl das Tor zum Bockland als auch die Brandyweinbrücke versperrt vorzufinden. Das Ostende der Brücke war von einem aus schmutzigen Backsteinen errichteten Torbogen mit dicken hölzernen Torflügeln blockiert gewesen, in welchen sich erst nach mehrmaligem Klopfen und Rufen eine kleine Sichtluke geöffnet hatte. Der Hobbit auf der anderen Seite war eindeutig nicht auf ihren ungewöhnlichen Anblick vorbereitet gewesen: Zwei in dunkle Braun- und Grautöne gekleidete Menschen sowie ein alter Mann in komplett weißen Gewändern. Schließlich hatte er Gandalf jedoch erkannt.
"Der Zauberer Gandalf ist als Störer des Friedens bekannt und ihm ist der Einlass ins Auenland zu untersagen," hatte er von einer langen Liste aus Vorschriften, die er anscheinend stets mit sich trug, vorgelesen. "Ebenfalls auszuschließen sind Zwerge und Elben im Allgemeinen sowie folgenden Individuen im Speziellen: Elrond von Im...lad-ris, der Verschwörer Aravorn II, der Abenteurer Aldoc Tuk und die ungestüme Kerevalline."
"Wie bitte? Ungestüm?" Kerry hatte es nicht fassen können. "Pass' auf, was du sagst, kleiner Mann!", war sie herausgeplatzt, die sich die ermüdende Liste nicht mehr anhören wollte.
"Ah, Sie sind es also," stellte der Hobbit zufrieden fest, und machte sich eine kleine Notiz. "Gleich zwei gemeingefährliche Unerwünschte an einem Abend!"
"Ich zeig' dir gleich, wie gemeingefährlich ich sein kann!"
Der Hobbit fuhr nach mehrmaligem erschrockenen Blinzeln fort: "Oben genannte Personen sind des Landes zu verweisen und ihr Aufenthaltsort ist unverzüglich den zuständigen Behörden in Michelbinge zu melden." Sein Blick war zu Rilmir geschweift, und nach einem kurzen Blick auf seine Liste hatte er hinzugefügt: "Dúnedain-Waldläufer sind selbstverständlich stets willkommen, mein Herr. Bitte warten sie einen günstige Gelegenheit ab, bis sich die Friedensstörer entfernt haben. Anschließend werden wir Ihnen gerne zu Diensten sein."
"Sehr freundlich," hatte Rilmir geantwortet. "Vielleicht komme ich später darauf zurück." Seine Belustigung hatte er nur schwer verbergen können.

"Was machen wir jetzt, Gandalf?" wollte Kerry wissen. Der Zauberer blieb einen Moment still und ließ den Blick über das westliche Ufer des Brandyweins streifen.
"Wir warten, bis es vollständig dunkel geworden ist," sagte er schließlich. "Ich glaube nicht, dass sie hier sehr aufmerksame Wachen haben. Immerhin sind es Hobbits."
Sie mussten einige Stunden warten, in denen Kerrys Laune sich zunehmend verschlechterte. Sie hatte sich darauf gefreut, gemeinsam mit Gandalf und Rilmir Abenteuer zu bestehen und den Einfluß Sarumans zu bekämpfen, aber die Herangehensweise Gandalfs entsprach nicht ihren Vorstellungen. Er vermeidet jeglichen Konflikt, dachte sie. Wenn das so weiter geht, erreichen wir gar nichts.
Schließlich schlichen sie sich im Schutz der Dunkelheit erneut an das Tor heran. Gandalf verbarg seine hellen Gewänder unter einem Elbenmantel, der ihn in den Schatten nahezu unsichtbar machte. Kerry und Rilmir hatten ihre Kapuzen aufgesetzt. Am Tor angekommen stellten sie fest, dass es relativ einfach zu erklettern war. Die Ziegel bildeten keine glatte Außenwand, sondern waren unordentlich und unregelmäßig angebracht worden, sodass man mit ein wenig Geschick an ihnen hinauf klettern konnten. Rilmir erklomm die Spitze des Torbogens innerhalb einiger kurzer Momente und ließ sich ebenso geschwind und stiller als eine Maus auf der Innenseite wieder herunter. Anschließend öffnete er das Tor so leise es ging für Gandalf und Kerry.

Von den Wachen war nichts zu sehen. Ein vorsichtiger Blick in eines der kleinen Backsteingebäude, die auf dem engen Raum zwischen Brücke und Tor standen, zeigte ihnen drei Hobbits, die offensichtlich auf ihrem Posten der Schlaf übermannt hatte. Schlagartig besserte sich Kerrys Laune, die dem Anführer seine Vorschriftsliste abnahm und diese im Brandywein versenkte. "Soviel dazu!", sagte sie leise, während die drei Gefährten die Brücke überquerten und schließlich das von den Schatten der Nacht bedeckte Ostviertel des Auenlands betraten...
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Im Grünbergland
« Antwort #1 am: 8. Dez 2015, 13:30 »
Sie hielten sich etwas abseits der Straße auf ihrem Weg nach Westen durch das friedlich schlafende Auenland. Gandalf schien noch keinen wirklichen Plan zu haben. Er sagte nur, dass er zunächst nach Hobbingen reisen und den Veränderungen im Land durch Sarumans Einfluß auf den Grund gehen wollte. "Ich will wissen, was hier vor sich geht, und wer das Sagen hat," hatte der Zauberer erklärt. "Wenn wir das Auenland vom Zugriff Sarumans befreien wollen, müssen wir herausfinden, wer dafür verantwortlich ist, damit wir ihn aufhalten können."

Die Oststraße führte von der Brandyweinbrücke durch die grünen Wiesen und Felder des Ostviertels in gerader Linie weiter nach Westen. Zweimal begegneten ihnen fackeltragende Nachtwächter, denen sie vorsichtigerweise aus dem Weg gingen. Schließlich bog Gandalf nach Süden ab. "Viel weiter werden wir heute nicht gehen," erklärte er. "Ich kenne einen guten Platz zum Übernachten, hier in der Nähe. Du müsstest den Ort kennen, Rilmir - viele der Wanderer in der Wildnis haben dort schon gerastet." Der Waldläufer nickte zustimmend. "Die Lichtung im Grünbergland. Sehr gut, Gandalf. Dort wird es sicher sein."
   
Sie ließen die Wiesen und Felder des Tals des Ostviertels hinter sich und kamen kurze Zeit später in die bewaldeten Hügel des Grünberglands. Gandalf führte sie noch über ein kurzer Stück weiter durch den Wald, bis sich die Bäume nach Osten hin zu einer Lichtung hin öffneten. "Hier sind wir schon," sagte der Zauberer, verstummte jedoch kurz darauf. Kerry folgte Rilmirs Blick, der zum anderen Ende der Lichtung hinüber zeigte. "Anscheinend sind wir nicht allein," kommentierte der Waldläufer den Feuerschein, der flackerndes Licht an die Baumstämme in der Nähe warf. Gandalf zog die Augenbrauen zusammen und hielt einen Moment inne. "Das ist doch..." begann er, nahm seinen Stab und stapfte rasch zu dem Lagerfeuer hinüber, an dem sich zwei Gestalten mit schattenfarbenen Umhängen wärmten. Kerry und Rilmir eilten dem Zauberer hinterher, der das Feuer gerade erreicht hatte.
   
"Peregrin Tuk und Meriadoc Brandybock," sagte er streng als die beiden Hobbits (denn das waren sie) erschrocken aufsprangen und den Zauberer ungläubig anstarrten. "Habt ihr auf euren Reisen denn gar nichts gelernt? Euer Lagerfeuer ist von weitem gut zu erkennen, und hätte ich böse Absichten gehabt, hätte ich euch vollends überrascht! Was, um alles in der Welt, macht ihr hier?"
"Gandalf?" antwortete einer der beiden Hobbits vorsichtig. "Das selbe könnten wir dich fragen! Du hast uns einen ziemlichen Schreck eingejagt mit deinem plötzlichen Auftauchen," beschwerte sich der erste.
"Warte mal, Pippin," mischte sich der zweite ein. "Das ist vielleicht gar nicht Gandalf. Sogar bestimmt nicht! Gandalf liegt im tiefen Schlaf, das hat Celebithiel mir erzählt. Das muss ein Trick sein. Du legst uns nicht rein, Saruman!"
"Bist du sicher, Merry?" fragte Pippin verwundert. "Er sieht aus wie Gandalf. Er klingt wie Gandalf. Gerade jetzt hat er diesen Blick im Gesicht, als würde er gleich "Närrischer Tuk!" sagen."

Da lachte Gandalf, und es war ein so mitreißendes, fröhliches Lachen, dass Kerry nicht anders konnte als mit einzustimmen. "Ein närrischer Tuk magst du wohl sein, Peregrin Tuk, doch heute hat sich dein Kamerad als der Narr von euch beiden erwiesen," stellte der Zauberer anschließend fest.
"Gandalf wurde aufgeweckt. Das kann man doch sehen, du misstrauischer kleiner Hobbit," sagte Kerry grinsend zu Meriadoc, der sie zunächst leicht verärgert anblickte.
Sein Blick blieb an ihrem Gesicht hängen, und er studierte es nachdenklich, als würde ihn eine Erinnerung beschäftigen. "Gefällt dir, was du siehst, hm?" kommentierte sie lächelnd. "Was?... He, so war das nicht gemeint," sagte Merry schnell, der ein wenig rot geworden war. "Nein, du hast mich nur an jemanden erinnert, den ich in Rohan getroffen habe." Kerry stutzte, doch der Hobbit fuhr schnell fort: "Es hat wahrscheinlich nichts zu bedeuten. Viel wichtiger ist, weshalb ihr drei hier seid!"
"Dasselbe wollte ich euch auch schon fragen," sagte Gandalf. "Wart ihr nicht zuletzt in Aldburg und habt dort den Weisen mit eurer Anwesenheit Kopfschmerzen bereitet? Ah, ich verstehe. Ihr seid mit Elrond nach Norden gegangen, stimmt's?"
"Siehst du, Merry?" kommentierte Pippin. "Das kann nur Gandalf sein. Er hat genau denselben vorwurfsvollen Klang in der Stimme wie früher." Gleich darauf wandte sich der Hobbit wieder dem Zauberer zu. "Elrond hat uns mitgenommen und beauftragt, das Auenland von Sarumans Einfluß zu befreien!"
"Ihr seid dabei ja schon ziemlich weit gekommen," warf Kerry ein und zwinkerte den Hobbits zu.
"Ein zorniger Zauberer, ein schweigsamer Waldläufer und ein zynisches Mädchen," sagte Merry. "Ihr seid schon eine seltsame Reisegemeinschaft."
   
Merry und Pippin erzählten anschließend von ihrer Reise mit den Elben nach Norden. Wie sie von Aldburg aufgebrochen waren und Dunland und Tharbad durchquert und sich an der Sarnfurt von Elrond verabschiedet hatten. Danach waren sie auf Umwegen ins Auenland gelangt, da die südlichen Grenzen von Sarumans Dienern bewacht gewesen waren. "Er hat Menschen in seinen Diensten, allesamt üble Strolche und Schläger. Die meisten sahen nach Dunländern oder Südländern aus," erklärte Merry. Die beiden Gefährten hatten versucht, sich zu Pippins Heimat, dem Tukland, durchzuschlagen, wo die Hobbits noch Widerstand gegen die Besatzer leisteten. "Aber da war kein Durchkommen," erzählte Pippin. "Wir wissen nicht, wie die Lage in Buckelstadt ist und haben die Tuks nicht erreichen können. Es steht nicht gut um das Auenland," fügte er niedergeschlagen hinzu.
"Nun, lass das mal meine Sorge sein," sagte Gandalf. "Ich werde mir schon etwas ausdenken... hoffe ich. Ihr alle werdet mir bestimmt dabei helfen können, wenn es soweit ist. Aber zunächst sollten wir uns für die Nacht einrichten."
   
Rilmir löschte das Feuer so weit, bis es nur noch schwach glühte, aber dennoch weiterhin viel Wärme ausstrahlte, denn Gandalf legte einen seiner Zauber darauf. Anschließend nahmen sie ein einfaches Abendessen bestehend aus elbischen Wegbrot zu sich, welches sie mit den begeisterten Hobbits teilten. "Das haben wir nicht mehr gegessen seit wir im Fangornwald waren! Erinnerst du dich, Merry?" sagte Pippin fröhlich. Der Angesprochende nickte mit vollem Mund.
Bald darauf legten sie sich schlafen, während der Waldläufer die Nachtwache übernahm. Kerry schloss die Augen und war schon kurze Zeit später eingeschlafen.
   
Sie wachte auf, weil sie jemand schüttelte. "He, Schlafmütze, du musst aufwachen!" sagte eine aufgeregte Stimme unangenehm nah an ihrem Ohr. Sie fuhr hoch und blickte sich um. Merry und Pippin standen vor ihr und schauten sie ratlos an. "Sie sind weg," sagte Pippin unnötigerweise, denn Kerry erkannte mit einem Blick, dass sie nur noch zu dritt waren: Der Waldläufer und der Zauberer waren verschwunden. Die Sonne stand bereits recht hoch am Himmel und der Vormittag war angebrochen. Kerry ärgerte sich - sie hatte angenommen, dass Gandalf ihr seinen Plan verraten würde. Und dass Rilmir sie einfach zurückgelassen hatte versetzte ihrem Herzen einen schmerzhaften Stich. Na toll, dachte sie. Und was jetzt? Diese beiden Hobbits sehen nicht gerade danach aus, als ob sie einen Plan für die Befreieung des Auenlands hätten...

"Merry?" fragte Pippin.
"Ja, Pip?" antwortete Merry.
"Ich habe Hunger..."

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Unterschätze niemals einen Hobbit!
« Antwort #2 am: 16. Dez 2015, 15:16 »
Nach einem ausgiebigen Frühstück hatten die Hobbits jegliche Sorgen vergessen. Pippin bescheinigte Kerry, dass sie "fast so gutes Essen wie ein auenländischer Koch" gezaubert hatte. "Du hast dir damit quasi unser uneingeschränktes Vertrauen erworben," erklärte er fröhlich. "Wie schön," antwortete sie kurz angebunden. "Trotzdem sollten wir uns gut überlegen, wie wir als Nächstes vorgehen."
"Ein guter Plan kann viele Mühen ersparen," warf Merry ein, der mit dem Rücken an einen Baum gelehnt saß und sich zufrieden über den Bauch strich. "Da wir die Tuks nicht erreichen können müssen wir uns selbst aus der Patsche helfen. Du bist doch eine erfahrene Abenteurerin und hast schon viele gefährliche Situationen überstanden, da bin ich mir sicher. Pippin hier - auch wenn man es ihm nicht ansieht - ist ein Wächter der Veste von Minas Tirith und ein mutiger Soldat im Dienste Gondors. Und Gevatter Brandybock - das bin ich - ist ein berühmter Schwert-Than des Königs von Rohan!"
Eine Erinnerung überkam Kerry, und ohne nachzudenken fragte sie den Hobbit: "Warst du dann auch bei der Heerschau in Dunharg, als die Sechstausend Speere in die Schatten ritten um nicht wiederzukehren?"
Meriadoc kniff ein Auge zusammen und blickte sie nachdenklich an. "Ja, ich war dort, als Knappe des Königs Théoden, und ging mit den Reitern nach Osten. Und du warst damals auch dort, wie mir scheint. Du kommst aus Rohan, stimmt's?"
Sie blickte nach Osten, durch die Öffnung der Bäume, von wo ein leichter Wind über die Lichtung zu streifen begonnen hatte. "Es stimmt. Aber ich möchte jetzt nicht darüber reden. Wir haben dringendere Angelegenheiten zu besprechen."
"Da hast du sehr Recht," unterbrach Pippin aufgeregt, der zum Nordende der Lichtung deutete. "Wir haben ein Problem!"

Aus dem Schatten der Bäume traten drei finster drein blickende Menschen, die offensichtlich einer Spur gefolgt waren - ihrer Spur. Als sie die beiden Hobbits und das Mädchen erblickten, nahmen sie die groben Prügel, die sie an der Seite trugen in die Hände und kamen grinsend herüber. Kerry zog ihr Schwert und stellte sich vor die beiden Hobbits, die sich einen Moment später jedoch ebenfalls mit gezogenen Klingen links und rechts von ihr aufstellten.
"Sieh mal einer an, was wir hier haben," äußerte sich der Anführer der Banditen (denn danach sahen sie aus) in erfreutem Tonfall. "Die Fährte war gut verwischt, aber einen erfahrenen Spurenleser wie mich kann man nicht so leicht täuschen. Hier haben wir nun also die gemeldeteten Störenfriede vom Brandywein-Tor; auch wenn in der Meldung die Rede eigentlich von einem Zauberer gewesen war. Diese unzuverlässigen Hobbits am Tor haben wohl nicht richtig hingesehen."
"Was wollt ihr?" wollte Pippin wissen.
"Das Tragen von unerlaubten Waffen ist verboten," erklärte der Bandit mit einem bösen Lächeln und zeigte auf ihre Schwerter. "Und eure Freundin hier ist eine gesuchte Unruhestifterin, die wir zum Wohle der Ordnung einsperren werden. Natürlich nicht ohne vorher die Belohnung zu kassieren!" Er lachte ein gemeines Lachen, dem sich seine Kumpanen anschlossen. "Hat sich gelohnt der Meldung nachzugehn! Jetzt kommt brav mit, bevor hier noch jemand verletzt wird. Das wollen wir doch nicht, oder?"
"Ich will schon," antwortete Kerry, deren Augen sich zu Schlitzen verengt hatten. "Ihr gemeinen Strauchdiebe habt euch geschnitten wenn ihr denkt, ihr könntet uns einfach so schikanieren," fügte sie hinzu. "Ich schlage vor, ihr verschwindet und vergesst, dass ihr uns gesehen habt, oder ich hetze euch meine beiden wilden Hobbitfreunde auf den Hals. Das sind gefährliche, berühmte Kämpfer aus Gondor und Rohan!"
Wieder lachten die Banditen und kamen bis auf zwei Meter an die Gruppe heran. "So hübsch und trotzdem so frech," sagte der Anführer mit einem Blick auf Kerry. "Dir werd' ich schon Manieren beibringen, Mädchen. Wir sollen dich einsperren, aber von "unversehrt" war keine Rede..." fügte er drohend hinzu.
Erinner' dich daran, was du gelernt hast, dachte Kerry angestrengt und versuchte sich auf den Kampf zu konzentrieren. Sie hätte sich keine Sorgen machen müssen: Genau wie ihre Gegner hatte sie die beiden Hobbits unterschätzt. Der Mann zu ihrer Linken fiel, von einem gut gezielten Steinwurf Pippins am Kopf getroffen, bewusstlos zu Boden. Der zweite ergriff eilig die Flucht, nachdem Merry ihm den Knüppel mit einem gezielten Hieb aus der Hand geschlagen hatte. Der Anführer holte weit aus um Kerry einen Schlag zu versetzen, doch sie duckte sich weg und stellte ihm ein Bein, was ihn der Länge nach hinstürzen ließ. Gleich darauf hielten die Hobbits ihn mit ihren  blanken Klingen am Boden und der Kampf war so schnell vorbei, wie er begonnen hatte.

Sie fesselten die beiden verbliebenen Banditen mit deren eigenen Seilen an einen nahgelegenen Baum. Kerry und die Hobbits mussten sich allerlei wüste Beschimpfungen anhören bis sie schließlich genug davon hatten und ihre Gefangenen knebelten. 
"Verschwinden wir von hier," schlug Kerry vor und die Hobbits stimmten ihr zu. Als sie die Lichtung schließlich in westlicher Richtung verlassen und die Straße durch das Grünberglang erreicht hatten sagte sie: "Gandalf wollte nach Hobbingen gehen um dort nach dem Rechten zu sehen. Vielleicht sind er und der Dúnadan ja schon dort. Einen Versuch ist es wert, finde ich. Was meint ihr?"
Merry und Pippin blickten etwas unentschlossen drein. "In Hobbingen und Michelbinge sind die meisten von diesen Strolchen unterwegs, nach allem was man so hört," sagte Pippin nachdenklich. "Und jetzt wissen sie auch, dass wir hier sind. Vielleicht sollten wir uns zunächst einige Zeit nicht blicken lassen," fügte er hinzu. "Und wie genau sollen wir das anstellen? Vergiss nicht, das Essen wird nur noch für einen oder zwei Tage reichen," antwortete Kerry. "Wahrscheinlich eher nur für einen, wenn man euren Appetit bedenkt," fügte sie hinzu.
"Ich gehe mit dir nach Hobbingen, Kerry", erklärte Meriadoc schließlich. "Und Pip geht natürlich auch mit. Wir werden Gandalf doch nicht im Stich lassen, jetzt wo wir wissen dass er wieder auf den Beinen ist."
"Du hast Recht, Merry," sagte Pippin und streckte sich. "Wir werden unseren Teil zur Befreiung des Auenlandes beitragen."
Damit setzten sich die beiden Hobbits in Bewegung. "Komm, Kerry, steh da nicht so in der Gegend herum! Wir haben noch ein ganzes Stück Weg vor uns!" rief ihr Pippin zu und Kerry folgte den beiden Gefährten eilig. Sie nahmen die Straße in westlicher Richtung durch Ost- und Südviertel, um schon bald das Tal von Wasserau zu erreichen...
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Im Tal von Wasserau
« Antwort #3 am: 6. Jan 2016, 08:49 »
"Pssst!" machte Pippin neben ihr, und Kerry verdrehte die Augen. "Ich bin doch ganz still!" gab sie so leise wie sie konnte zurück.
"Bist du nicht," sagte Merry, der sich scheinbar geräuschlos fortbewegte. "Ihr Großen seid lauter als eine Herde stampfender Kriegsrösser, wenn ihr versucht zu schleichen."
Kerry warf dem Hobbit einen tödlichen Blick zu, aber die schlagfertige Erwiderung behielt sie für sich als dieser nach vorne zeigte und ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Straße lenkte.

Sie saßen zu dritt im dichten Gebüsch einer Hecke, die einst wohl ordentlich ausgesehen und in Form geschnitten gewesen sein musste, doch inzwischen dem Wildwuchs überlassen wurde. Dies war nur eines der vielen Zeichen von Verfall und Unterdrückung die sie auf dem Weg nach Hobbingen und ins Tal von Wasserau gesehen hatten. Merry und Pippin waren erschrocken darüber gewesen wie viele neue Gebäude es hier gab. Sie waren aus Backsteinen errichtet, wie schon die Unterkünfte der Wachen an der Brandyweinbrücke, und viele stießen ungesund aussehenden schwarzen Rauch aus hohen Schornsteinen aus. "Das gefällt mir immer weniger," hatte Kerry kommentiert, und die Hobbits hatten ihr zugestimmt. In den Jahren ihrer Abwesenheit hatte sich mehr verändert, als sie gedacht hatten.

Die Straße zwischen Wasserau und Hobbingen war an der Südseite von der Hecke gesäumt, in der sie sich gerade versteckt hielten. Es herrschte ungewöhnlich viel Verkehr, wie Merry und Pippin ihr flüsternd erklärten. "Eigentlich ist gerade die richtige Zeit für ein Mittagsschläfchen nach einem langen, harten Vormittag voller Arbeit," erklärte Pippin. "So was hast du doch noch nie gehabt - einen Vormittag voller Arbeit, Pip" warf Merry grinsend ein.

Diese Hobbits, dachte Kerry belustigt. Hier stehen sie vor den Überresten ihrer Heimat - und reißen Witze. Ich glaube, ich mag die beiden. "Hört auf euren eigenen Rat und seid still," sagte sie schließlich. Die drei Gefährten warteten bereits einige Zeit darauf, die Straße ungesehen überqueren zu können, doch bis zum Abend würden noch einige Stunden vergehen; auf den Schutz der Dunkelheit konnten sie nicht warten. Je näher sie dem Zentrum des Auenlandes kamen, desto mehr von Sarumans Schergen sahen sie. Es waren Gestalten, die ihnen gar nicht gefielen: Übel aussehende, ungeschlachte Rohlinge, deren Lieblingsbeschäftigung es zu sein schien, Hobbits zu schikanieren.

"Wer sind die lustigen Kerlchen mit den Federhüten?" wollte Kerry wissen, nachdem mehrere Hobbits in ähnlicher Tracht vorbeimarschiert waren. "Das sind Grenzer," erklärte Pippin. "Normalerweise sind sie selten in so großen Gruppen im Einsatz. Anscheinend wurde ihre Anzahl aufgestockt." "Also beim Schutz der Grenzen haben sie offensichtlich versagt," stellte Kerry fest.

Schließlich kam ein Hobbit vorbei, den Merry kannte. "Bleibt hier," flüsterte er, und sprang aus der Hecke hervor. Der andere Hobbit staunte nicht schlecht. "Na wenn das nicht der Herr Meriadoc ist! Du bist doch verschollen, wie schon einige Tuks und Brandybocks vor dir, wenn ich mich nicht irre!" "Du irrst dich nicht, Folco," erwiderte Merry im Verschwörerton. "Ich bin's, und bin durchaus lebendig und in einem Stück, wie du sehen kannst. Also hör auf zu starren und sperr die Ohren auf. Pip und ich sind vor kurzem zurückgekehrt, und wollen hier im Auenland wieder für Frieden sorgen." "Ihr beide, ganz allein?" unterbrach ihn Folco. "Das schafft ihr nie! Sie werden euch schnappen und in ein Loch werfen, aus dem sie euch nie mehr rauslassen, so wie den armen alten Bürgermeister Weißfuß!" "Abwarten," erwiderte Merry. "Wir haben ein paar Tricks auf Lager, und es sind Freunde in der Nähe. Jetzt sag mir: Wo versteckt sich der Anführer dieser Strolche Sarumans?"

Der Hobbit - Folco - wurde mit einem Mal deutlich bleicher im Gesicht. Ängstlich, ja gerade zu panisch blickte er sich um. "Schsch!" machte er. "Dieser Name ist gefährlich! Alle, die darüber reden, verschwinden einfach!" "Jetzt beruhige dich erst einmal," sagte Merry und hielt Folco am Arm fest. "Wir haben schon mit Saruman zu tun gehabt. Wer führt hier seine Befehle aus? Wer hat hier das Sagen?"
Folco riss sich los. "Da brauchst du nicht lang suchen! Da vorne kommt er schon! Ich muss weg hier!" So schnell ihn seine Beine trugen flüchtete der Hobbit die Straße nach Wasserau entlang und ließ den verwirrten Merry allein stehen. Als dieser sich umdrehte, sah er, dass er entdeckt worden war: Die Straße entlang kam eine große Gruppe von Banditen, die von einem Mann in dunklen Gewändern angeführt wurden. "Oh nein! Wir müssen Merry helfen!," entfuhr es Pippin und er sprang ebenfalls auf die Straße hinaus, Kerry mit sich ziehend. "Spinnst du?" rief sie. "Wir hätten ihn später befreien können! Jetzt schnappen sie uns alle!"

Die Gruppe kam heran und umstellte sie. "Jetzt haben wir euch," sagte einer der Banditen, ein gemeines Grinsen im Gesicht.
"In der Tat. Ihr seid also die Störenfriede, die im Grünbergland drei einfache Wanderer, die ihnen nichts getan hatten angegriffen und verletzt haben," sagte der Anführer der Gruppe. Kerry sah ihn sich etwas genauer an: Ein nicht allzu groß gewachsener, schmierig wirkender Geselle, mit dunklem Haar und bleicher Haut, gekleidet in schweren Stoff und dunklen Pelz. Ein Schauer lief ihr über den Rücken und ihr wurde eiskalt, als sie ihn erkannte.
"Gríma Schlangenzunge," sagte sie mit hasserfüllter Stimme.
« Letzte Änderung: 25. Jan 2016, 12:14 von Fine »

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In Schlangenzunges Gefangenschaft
« Antwort #4 am: 10. Jan 2016, 00:09 »
Es war dunkel im Raum, denn nur ein kleines, vergittertes Fenster in der Tür spendete Licht. Die Mauern bestanden aus demselben schmutzigen Backstein, den sie bereits an vielen anderen neu errichteten Gebäuden gesehen hatten. Kerry rüttelte an den Fesseln, die ihre Hände an den hölzernen Tisch an dem sie saß ketteten. Sinnlos, befand sie. So schnell komme ich hier wohl nicht wieder raus. Sie blickte sich um als sie mit einem Mal hinter der fest verschlossenen eisenbeschlagenen Tür Schritte hörte. So beginnt es also, dachte sie als Gríma Schlangenzunge begleitet von zwei finster dreinblickenden Handlangern herein kam.

Schlangenzunge hatte sie auf der Straße nicht erkannt. Siie ihn jedoch schon. Jeder in Rohan kannte den ehemaligen Berater König Théodens oder hatte zumindest von ihm gehört. Und man kann nicht sagen dass man viel Gutes über ihn gehört hat, dachte sie. Kerry war oft genug in Edoras gewesen, um einen genauen Eindruck von Gríma Galdmódssohn zu bekommen. Damals war sie glücklicherweise zu jung gewesen um seine Aufmerksamkeit zu erwecken, doch inzwischen schien die Angelegenheit anders auszusehen. Gríma hatte die beiden Hobbits kaum eines Blickes gewürdigt als die drei Gefährten auf der Straße erwischt worden waren. Seine Männer hatten Merry und Pippin rasch entwaffnet und gefesselt. Es waren zu viele gewesen, um sie zu bekämpfen - das hatten die beiden gleich erkannt. Gríma war vor Kerry stehen geblieben und hatte sie mit einem unangenehmen Blick von oben bis unten gemustert bei dem sie geschaudert hatte. Sie hatte sich schutzlos und unverhüllt vor seinen Augen gefühlt. "Was starrst du denn so?," hatte sie hervor gestoßen als sie es nicht mehr ausgehalten hatte. Doch Schlangenzunge hatte darauf nichts geantwortet. "Bringt sie weg," hatte er schließlich nur gesagt. Seine Banditen hatten ihre Gefangenen gefesstelt, geknebelt und ihnen die Augen verbunden. So wusste Kerry nun nicht im Geringsten, wo sie war - geschweige denn wo man Merry und Pippin hingebracht hatte. Das ging wirklich gründlich schief, dachte sie.

"Jetzt werden wir beide uns unterhalten," erklang die schmierige Stimme Schlangenzunges als sich dieser auf einem Stuhl gegenüber Kerry niederließ. Sie warf ihm einen finsteren Blick zu und ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. "Dir und deinen Gefährten werden üble Vergehen vorgeworfen," fuhr der Diener Sarumans fort. "Unerlaubtes Überqueren der Brandyweinbrücke, Wildern und Feuerlegen im Grünbergland und Übergriffe auf unschuldige Wanderer. Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?"
"Es hat keinen Sinn sich mit dir zu unterhalten, Schlangenzunge," gab sie zornig zurück. "Du wirst mir nur die Worte im Mund herumdrehen."
Der Name schien ihn wütend zu machen, doch gleich darauf fasste er sich wieder. "Es hat den Anscheind, dass du mich kennst. Nun, willst du mir nicht auch deinen Namen nennen? Gewiss stammst du aus Rohan. Der Sprache nach weder aus Ost- noch Westfold, nein. Stammst du aus Edoras? Oder Dunharg? Aus einem der Dörfer in der Umgebung? Wer war dein Vater? Deine Mutter? Warum kamst du in den Norden? Wie lange bist du schon in Eriador?  Wo sind die Männer, die mit dir am Tor gesehen wurden?"

Die Fragen kamen nun immer schneller, doch Kerry blickte Schlangenzunge nur trotzig an. "Von mir erfährst du gar nichts," sagte sie entschlossen.
"Soll ich sie zum Reden bringe, Meister?" sagte einer der Handlanger Schlangenzunges.
Dieser schien einen Moment darüber nachzudenken. "Nein, Gared. Für Gewalt besteht kein Bedarf. Wir sind doch alle Freunde hier, nicht wahr, Kerevalline?"
Sie zuckte bei der Nennung ihres Namens erschrocken zusammen, doch Schlangenzunge fuhr ungerüht fort. "Das ist doch nicht dein wahrer Name, oder? Was hast du also zu verbergen, dass du es geheim hältst, aus Rohan zu stammen? Was versteckst du vor mir?"
Er stand auf und ging eine Weile nachdenklich im Raum auf und ab. "Ich möchte dir deine Situation genau vor Augen halten," sagte er dann, wieder im scheinbar freundlichen Ton. "Du bist allein. Deine Hobbitfreunde sind gefangen genommen und deine beiden anderen Begleiter sind fort und weit weg. Niemand wird kommen, um dich zu retten."
"Das werden wir ja sehen," gab sie trotzig zurück, doch innerlich spürte sie, dass Schlangenzunge recht hatte. Rilmir und Gandalf waren ohne ein Wort verschwunden, und Merry und Pippin waren Gefangene, wie sie selbst. Was sollte sie nun tun? Von wem konnte sie auf Rettung hoffen?
Schlangenzunge sah ihr die Zweifel sofort an. "Du beginnst zu verstehen, nicht wahr? Ganz allein bist du nun hier, und hast niemanden mehr, der dir hilft. Aber ich biete dir einen Ausweg! O ja. Sag mir wer du wirklich bist und wer mit dir über die Brandyweinbrücke gekommen ist. Ich will Namen hören! Dann werden wir dir Essen geben und du darfst dich innerhalb dieses Hauses frei bewegen. Ich werde dafür sorgen, dass man sich... gut um dich kümmert." Hierbei legte sich ein unangenehmes Grinsen auf sein Gesicht, bei dem es Kerry beinahe schlecht wurde. Nach allem, was sie über Annäherungsversuche Grímas an Éowyn, die Schwestertochter des Königs gehört hatte, konnte sie sich ziemlich gut vorstellen, wie Schlangenzunge sich um sie kümmern würde. Sie fühlte sich mit einem Mal, als würde sie keine Luft mehr bekommen und keuchte heftig auf.

"Nun? Wie lautet deine Antwort?," wollte Schlangenzunge wissen, der inzwischen genau hinter ihr stehen geblieben war. Sie konnte sich nicht richtig umdrehen da ihre Hände an den Tisch gefesselt waren, was ihre Situation noch unangenehmer machte. Denn jetzt legte er eine Hand auf ihre Schulter. Seine Finger waren schwitzig, fühlten sich dennoch sehr kalt an.
Ich halt' das nicht mehr aus. Sie schluckte ihren Abscheu herunter und beschloss, mitzuspielen. "Gebt mir etwas zu essen und ich denke darüber nach," sagte sie in halbwegs freundlichem Ton.
Gríma überlegte einen Moment und strich ihr beinahe sanft über den Kopf. Seine Finger glitten durch ihr Haar und sie unterdrückte gerade noch ein Zittern.
Schließlich wandte er sich ab und umrundete den Tisch in Richtung Tür. "Nun gut. Eine Geste meines guten Willens. Bring ihr etwas zu essen und mache die Fesseln etwas lockerer, damit sie es zu sich nehmen kann, Gared" wandte er sich an seine Handlanger. "Und dann, wenn ich zurückkehre, meine liebe Kerevalline, werden wir uns über die Wahrheit unterhalten," fügte er drohend hinzu, als er zur Tür ging.

Der Mann, den Schlangenzunge Gared genannt hatte machte ihre Handfesseln etwas lockerer, sodass sie die Arme bis an ihr Gesicht heben konnte. Danach folgte er Gríma nach draußen und verschloss die Tür mit seinem Schlüssel wieder.
Sie konnte hören, wie sich die Diener Sarumans draußen im Gang unterhielten. "Mein Herr wird zufrieden sein," sagte Schlangenzunge gerade. "Jetzt haben wir endlich diese Halbling-Unruhestifter gefasst. Ich habe sie mir vorhin genau angesehen, und wenn ich mich nicht täusche sind es dieselben, die damals für den Fall Isengards verantwortlich waren. Diese verdammten Baumwesen!" Es folgten eine Reihe von Verwünschungen und Flüchen, von denen Kerry die meisten noch nie gehört hatte.
"Einer der beiden gehört zur Tuk-Familie," fuhr Schlangenzunge schließlich fort, als die Stimmen begannen, sich zu entfernen. "Vielleicht können wir den Thain jetzt erpressen und zur Aufgabe zwingen," hörte sie noch, bis die Männer zu weit entfernt waren. Pippin, fuhr es ihr durch den Kopf. Er ist der Sohn des Thains. Ich darf nicht zulassen, dass sie ihn benutzen, um den Widerstand der Tuks zu brechen!

Verzweiflung stieg in ihr auf. Nur einmal zuvor hatte sie sich in ihrem Leben so verloren wie jetzt gefühlt.
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Kerrys Entscheidungen
« Antwort #5 am: 14. Jan 2016, 22:51 »
Mehrere Stunden vergingen. Wie spät es war konnte sie nicht sagen. Die drei Gefährten waren gegen Mittag erwischt worden und von ihren Feinden nicht allzu weit fortgeschafft worden. Nachdem sie von Schlangenzunge verhört worden war hatte ihr sein Diener Gared kurz darauf eine Schüssel voll lauwarmem Brei gebracht, von dem er behauptet hatte es wäre essbar. Sie hatte vorsichtig davon probiert und anschließend ernsthafte Zweifel an dieser Aussage gehabt. Doch schon bald war der Hunger stärker geworden und sie hatte die Schüssel schließlich geleert. Ihr Bewacher hatte sie anschließend alleine gelassen.

Weil der Raum keinerlei Fenster bis auf das in der Tür besaß konnte sie nicht erkennen, ob es bereits Abend geworden war. Ihr Zeitgefühl sagte ihr, dass die Sonne wohl bald untergehen würde, aber sie konnte sich einfach nicht sicher sein. Ihr Rücken schmerzte vom langen Sitzen und ihre Handgelenke waren von den Fesseln gerötet. Die werden sich noch wundern wenn sie mich losbinden, schwor sie sich. Ohne einen Kampf würde sie sich nicht nochmal fesseln lassen. Wie gerne würde sie aufstehen und im Raum herumgehen oder sich sogar auf den schmutzigen Boden legen. Alles war besser als weiterhin am Tisch festzusitzen. Sie seufzte tief und ließ den Kopf auf die Tischkante sinken. Vielleicht würde sie ja irgendwie Schlaf finden können.

Sie schrak hoch als die Tür mit einem Poltern aufgerissen wurde. Schlangenzunge war zurückgekehrt. Er war allein und hatte nichts als einen Korb mit geschnittenem Brot dabei.
"Hier. Iss etwas, meine Liebe," sagte er in einem Ton, der geradezu freundlich klang. Misstrauisch nahm sie den Korb entgegen und sah ihm ins Gesicht. Doch darin konnte sie nichts lesen. Was führt er jetzt im Schilde? fragte sie sich.
"Nun mach' schon," sagte er nachdrücklich. "Es wird spät und wir haben noch viel zu besprechen."
Sie schenkte ihm einen letzten zweifelnden Blick und begann schließlich zu essen. Er sah ihr einige Zeit lang schweigend zu. Kerry fühlte sich unbehaglich. Schlangenzunge beobachtete sie ganz genau, mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht. Sie hatte keine Ahnung, was dies zu bedeuten hatte.
"Warum verheimlichst du deine Herkunft?" wollte er schließlich wissen.
"Das ist doch ganz einfach," antwortete sie mit vollem Mund. "Als ich aus Rohan fliehen musste kam ich durch Dunland. Dort sind wir nicht gerne gesehen wie du vielleicht weißt, Gríma", sagte sie mit Betonung auf seinem rohirrischen Namen.  "Und hier in Eriador gibt es dank den Machenschaften deines Meisters nun viele Dunländer. Sie sind noch immer nicht sehr gut auf die Eorlingas zu sprechen."
"Das stimmt," sagte Schlangenzunge. "Seit letztem Jahr sind die Grenzen der Riddermark für Dunländer nicht mehr so leicht zu passieren, seitdem Mordor deine Heimat nicht mehr beherrscht."

Kerry hielt mitten im Kauen inne. Rohan ist frei? Das hatte sie nicht gewusst. Ich könnte nach Hause gehen, fuhr es ihr durch den Kopf. Schlangenzunge sah ihr die Überraschung sofort an.
"Nachrichten aus dem Süden kommen nicht oft den Grünweg hinauf," sagte er. Doch Kerry hörte ihm kaum zu. Ich könnte nach Hause gehen. Abwesend strich sie sich die Haare zur Seite. Aber was gibt es dort für mich noch? Wer wird auf mich warten? Sie kannte die Antwort. In Rohan gab es niemanden mehr. Alle Überlebenden ihres Dorfes waren mit ihr in den Norden geflohen. Alle bis auf einen. Doch er ist ganz sicher auch längst tot, in den Kriegen im Osten gefallen.

Schlangenzunge schien schließlich genug davon zu haben, ihr beim Essen zuzusehen und nahm ihr den halbleeren Brotkorb weg. "Schluss damit," sagte er, nun wieder im unfreundlichen Ton. "Du wirst mir jetzt genau sagen wo du herkommst und wer mit dir ins Auenland gekommen ist."
"Und wenn ich mich weigere?" wagte sie zu fragen.
"Dann wirst du hier bleiben bis du vor Erschöpfung und Hunger zusammenbrichst. Du hast die Wahl."
Sie zweifelte keinen Moment daran dass er seine Drohung ohne weiteres in die Tat umsetzen würde. Also wog sie ihre Möglichkeiten ab und entschloss sich, sein Spielchen mitzuspielen, auch wenn ihr noch nicht ganz klar war, worum es sich dabei handelte.
"Nun gut," sagte sie. "Mein wahrer Name ist Déorwyn aus Hochborn. Ich bin vor vier Jahren nach Eriador gekommen."
"Gute Entscheidung," lobte Schlangenzunge und setzte sich ihr gegenüber an den Tisch. "Jetzt erzähl' mir, warum du im Auenland bist und wer dich hergebracht hat."
Kerry sah ihm nicht in die Augen. Sie dachte an Gandalf und sein unerklärliches Verschwinden. Er hat die Hobbits und mich im Stich gelassen, dachte sie bitter. Ob er wohl die Nerven verloren hat und zu den Grauen Anfurten abgehauen ist?. Nun kam ihr das Gesicht des Waldläufers Rilmir in den Sinn. Nein, dachte sie. Irgendetwas Wichtiges muss passiert sein. Er würde mich nicht einfach so zurücklassen wenn es nicht dringend wäre. Kerry straffte sich innerlich und hatte ihre Entscheidung gefällt.
"Zwei der Dúnedain-Waldläufer kamen mit mir." Sie würde Gandalf nicht verraten. "Einer trug lange Gewänder und eine Verkleidung, um Saruman ähnlich zu sehen und die Wachen zu täuschen."
Gríma sah sie nachdenklich an. Ob er mir glaubt? Sie hielt seinem Blick stand und wartete.
"Ich brauche ihre Namen. Sag sie mir," fordete er.
"Erst sagst du mir was du mit Merry und Pippin gemacht hast!" konterte sie.
"Deinen Hobbit-Freunden geht es gut. Ich habe sie in Gewahrsam. Ihr Wohlergehen hängt von deinem guten Benehmen ab! Jetzt heraus mit den Namen!" antwortete Schlangenzunge.
Ich darf nicht zulassen, dass er den Hobbits etwas antut, dachte sie. Glücklicherweise hatte ihr Rilmir einmal von seinen Vorfahren erzählt, die auf der Insel Númenor gelebt hatten. Zwar hatte sie sich wie üblich keine der Namen merken können, wusste aber ungefähr wie sie klangen. "Hallatan und Faeril heißen sie," sagte sie also geradeheraus.
Eine Pause entstand, in der Schlangenzunge sie abschätzend musterte. Oh nein, dachte sie. Er glaubt mir nicht. Er glaubt mir nicht!
"Die Dúnedain sind nun Diener meines Meisters," erklärte Schlangenzunge schließlich. "Ich werde ihn über den Verrat der beiden unterrichten und ihr Stammesführer wird sich schon bald um sie kümmern." Sie versuchte, sich ihre große Erleichterung nicht anmerken zu lassen und setzte einen niedergeschlagene Mine auf.

Mit einem beinahe zufriedenen Gesichtsausdruck stand er auf und ging zur Tür. Er klopfte zweimal mit der Faust dagegen und Gared kam herein, ein Bündel aus Stoff im Arm. Schlangenzunges Diener legte das Bündel vor ihr auf dem Tisch ab und begann, ihre Fesseln zu lösen. Neugierig stand sie auf und entfaltete das Bündel. Es war ein weißes Kleid aus feinem Stoff, das nach der Art der edlen Damen Rohans geschnitten war. Misstrauisch blickte sie zu Schlangenzunge hinüber. "Und was soll das hier?" wollte sie wissen.
"Deine Kleidung ist schmutzig, meine Liebe," antwortete er. "Gared wird dir gleich Wasser bringen damit du dich waschen kannst."
"Meine Kleidung ist vollkommen in Ordnung," protestierte sie heftig. Sie hatte nicht vor, sich für Schlangenzunge hübsch zu machen. Das kommt überhaupt nicht in Frage!
Gared trug gerade zwei grobe Decken herein und legte sie in einer der Ecken des Zimmers aus. Anscheinend sollte sie dort schlafen. Außerdem stellte er zwei große Wassereimer dazu.
Schlangenzunge schien ihr Protest wütend zu machen. "Du wirst dich saubermachen und umziehen," sagte er im Befehlston, "oder nichts mehr zu Essen bekommen." Und dabei blieb es, denn die beiden Männer verließen den Raum und sperrten die Tür ab.

Ratlos stand sie da. Sollte sie erneut tun, was Schlangenzunge von ihr verlangte? Einige Tage kann ich bestimmt ohne Essen auskommen, überlegte sie. Doch was würde sie davon haben? Gandalf und Rilmir wussten nicht, dass sie gefangen genommen worden war und würden nicht kommen, um sie zu retten. Einige Zeit rang sie mit sich selbst und überwand sich schließlich. Es hilft nichts, dachte sie. Irgendwann gebe ich dann doch nach. Also würde sie sich den Hungerstreik von vornherein ersparen.
Zunächst löschte sie ihren Durst mit dem Wasser, das Gared gebracht hatte. Dann schaffte sie den zweiten Eimer in die Ecke, die von der Tür aus am wenigsten zu sehen war und streifte ihre Kleidung vorsichtig ab. Einige kleine Schnitte und blaue Flecken kamen darunter hervor. Ihre Abenteuer seit Bree hatten Spuren hinterlassen. Sie wusch sich so gut es ging und trocknete sich mit einer der Decken ab. Schließlich zog sie sich bis auf die Hose und das Lederoberteil wieder an und hielt das weiße Kleid hoch. Ganz schön schick, dachte sie. Ihre Familie war nicht arm gewesen, aber ein Kleid wie dieses hatte sie noch nie getragen. Mit einer seltsamen Faszination streifte sie es über. Fast bedauerte sie, dass es im Raum keinen Spiegel gab. Doch da wurde ihr mit einem Mal wieder klar, wo sie war und warum sie das tat. Ich muss aufmerksam bleiben, dachte sie.

Mit gemischten Gefühlen legte sie eine der Decken um sich und kauerte sich in der Ecke zusammen um sich warmzuhalten, denn ihre Haare waren noch recht nass.
Im Gang vor ihrer Tür war es stets hell geblieben, obwohl es längst Nacht geworden sein musste. So blieb es auch im Raum immer gleich hell. Es störte sie, nicht zu wissen wie spät es war. Während ihr Haar langsam trocknete fragte sie sich, was Schlangenzunge nun wohl mit ihr vorhatte. Sie fürchtete, dass das Kleid nur der Anfang sein könnte. Sie fülhte sich unwohl darin und vermisste ihre festere Alltagskleidung bereits.

Schließlich flocht sie ihr Haar zu einer in Rohan weit verbreiteten Flechtfrisur, die sie lange nicht verwendet hatte. Gerade als sie die letzte Strähne festzupfte ging die Tür wieder auf. Schlangenzunge betrat den Raum und stellte sich vor sie. Unverhohlen ließ er den Blick über ihr Gesicht und ihren Körper gleiten.
"Sehr gut, sehr gut. Du kannst ja doch vernünftig sein, meine liebe Déorwyn. So siehst du aus wie...
...wie edle Damen Rohans aussehen sollten." Er wandte sich ab und ging im Raum auf und ab. "Du musst wissen, mein Meister hat ein Bündnis mit... der Königin geschlossen. Und mit den übrigen Anführern der freien Völker natürlich," fügte er hinzu.
"Das glaube ich dir nicht," antwortete Kerry. "Nach allem, was er den Eorlingas angetan hat würden sie ihm nie mehr trauen."
"Es ist wahr. Aber es tut nichts zur Sache," sagte Schlangenzunge. "Ich meinte damit nur, dass wir keine Feinde sein müssen. Du kannst hier bei mir bleiben und... mir Gesellschaft leisten. Mich bei meinen Aufgaben unterstützen, wenn du möchtest."
Sie musste an sich halten um nicht laut loszulachen. "Dir helfen? Wobei? Bei der Unterdrückung des Auenlands?" Niemals würde sie ein Teil davon werden. Zwar fand sie Hobbits ab und an albern und weltfremd, doch lag es ihr fern, ihnen einen Lebensstil aufzuzwingen, den sie nicht selbst gewählt hatten.
Gríma blickte sie mit einem undeutbaren Blick an. "Ich diene den Anweisungen meines Meisters. Er führt im Osten Krieg gegen Sauron. Die Hobbits und ganz Eriador mit ihnen werden ihren Teil dazu beitragen."
Er stand auf und kehrte zur Tür zurück. "So oder so, du wirst hier bleiben. Wie angenehm dein Aufenthalt für dich und für deine beiden kleinen Freunde sein wird hast du selbst zu entscheiden." Er warf ihr einen letzten Blick zu, der jedoch nicht auf ihr Gesicht gerichtet war. Empört drehte sie sich weg und wandte ihm den Rücken zu.

Sie hörte, wie die Tür hinter ihr geschlossen wurde und atmete schwer aus.
Was sollte sie nur tun? Merry und Pippins Wohl lag offenbar in ihrer Hand. Schlangenzunges Geliebte zu spielen kam aber nicht in Frage. So tief werde ich nicht sinken, dachte sie mit wachsender Verzweiflung, als sie es sich so gut es ging mit den Decken in einer Ecke zum Schlafen gemütlich machte.
« Letzte Änderung: 25. Jan 2016, 12:22 von Fine »

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Grímas Plan
« Antwort #6 am: 25. Jan 2016, 12:37 »
Mehrere Tage vergingen, in denen sie Schlangenzunge nur selten zu Gesicht bekam.  Anscheinend hatte er mit wichtigeren Dingen zu tun als sich mit ihr zu befassen. Sie durfte sich inzwischen in dem kleinen Haus frei bewegen, kam sich aber nicht weniger als Gefangene vor. Es gab nur einen weiteren Raum, in dem mehrere fest verschlossene Kisten gelagert wurden. Keinen Keller und kein Dachgeschoss. Immerhin besaß das zweite Zimmer ein Fenster, das ihr durch die dicken eisernen Gitterstäbe den Blick nach draußen bot. Sie erkannte das Dorf nicht, in dem sie sich befand. Gegenüber stand eine große Mühle, die durch ein neues, eisernes Schaufelrad betrieben wurde. Zur Rechten führte eine Brücke über den kleinen Fluß, der durch das Dorf floss. Zur Linken ging die Straße leicht ansteigend einen Hügel hinauf weiter. Zu beiden Seiten standen neu errichtete Häuser aus Backsteinen.

Kerry wurde immer unruhiger. Es gab nichts zu tun als abzuwarten, was sie frustrierte. Mehrfach versuchte sie die Eingangstür aufzubrechen, aber ihre Bewacher waren äußerst gründlich gewesen. Im gesamten Haus ließ sich kein geeigneter Gegenstand finden. Nichts fand sie, was sie als Waffe hätte verwenden können. Beim Betreten des Hauses waren die Wachen stets mindestens zu zweit und würden sich nicht überrumpeln lassen. Sie wusste nicht einmal, wohin sie gehen und was sie tun sollte wenn sie es tatsächlich nach draußen schaffen würde. Sie glaubte nicht, dass sie sehr weit kommen würde.

Also spielte sie die brave Gefangene und versuchte den Anschein zu erwecken, dass sie sich ihrem Schicksal gefügt hatte. Schlangenzunge schien erfreut darüber zu sein. "Jetzt verstehst du es," sagte er. Oh, ich verstehe nur allzu gut, du schmieriger léasere von einem Mann, dachte sie. Warte nur, bis ich dich soweit habe, dass du die Wachen wegschickst um mit mir allein zu sein. Du wirst dich noch wundern. Doch Schlangenzunge schien nicht gewillt zu sein, irgendetwas dem Zufall zu überlassen. Er kam nie allein zu ihr und blieb nie lange. Es schien ihm gefallen, ihr ungestraft durchs Haar oder über das Gesicht zu streichen, was sie nur unter größter Beherrschung ertrug.

Am vierten Tag ihrer Gefangenschaft wurde sie grob aus ihrem Mittagsschlaf gerissen, als Gared sie schüttelte. "Aufstehn, Mädchen. Mach' dich hübsch für den Meister." Mit diesen Worten legte er ein weiteres, ordentlich zusammengelegtes Kleid vor ihr ab. Obendrauf lag eine einfache, silbern glänzende Halskette. Schlangenzunges Gehilfe ging und schloss die Tür hinter sich. Eilig zog sie sich um und machte sich die Haare zurecht. Es gefiel ihr nicht, sich so zu behandeln zu lassen, doch sie wusste dass sie das Vertrauen Grímas gewinnen musste um eine Fluchtmöglichkeit zu erhalten.

"Sieh dich an," sagte Schlangenzunge als er hereinkam. "Schön wie die Morgenröte über der Westfold."
"Ich bin nicht aus der Westfold," gab sie patzig zurück.
Schlangenzunge schien es nicht zu stören. Mit einem Wink schickte er Gared zur Tür, an der dieser stehen blieb um sie zu bewachen. Der oberste Diener Sarumans trat zu ihr und stellte sich vor sie, in unangenehme Nähe. Er war nur ein kleines Stück großer als sie. Einen langen Augenblick starrte er sie einfach nur an. Dann wandte er den Blick ab und begann, sie langsam zu umrunden. Kerry blieb unbewegt stehen und wartete ab.
"Aus deinen Hobbit-Freunden ist nichts herauszubekommen, meine Liebe. Bevor wir ihnen... nun ja, bevor wir ihnen weh tun müssen, was du sicherlich nicht möchtest, wäre es schön, wenn du ein Wort mit ihnen reden könntest. Überzeuge sie davon, mir zu erzählen, was ich wissen will. Dann wird ihnen nichts geschehen."
Oh! Mutiger Merry! Tapferer Pippin! Sie haben nichts verraten. Ihre Achtung vor den beiden stieg gewaltig an. Also besteht vielleicht noch Hoffnung, sie heil hier raus zu bringen. Vielleicht wenn Schlangenzunge mich zu ihnen bringt... Ihre Gedanken rasten und sie bemerkte kaum, was Schlangenzunge tat, bis sie seine kalte Hand auf ihrer linken Wange spürte. Instinktiv machte sie einen Schritt rückwärts und stieß an die harte Wand. Schlangenzunge folgte ihr. Er war jetzt ganz nah, so nah dass sie seinen Atem auf ihrem Gesicht spüren konnte. Sein Blick fixierte ihre Augen und seine andere Hand legte sich auf ihre Hüfte.
Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Ihr Blickfeld war von Gríma ausgefüllt sodass sie nicht sehen konnte, was Gared tat. Behält mich wahrscheinlich genau im Blick, dachte sie. Sie stand mit dem Rücken zur Wand, im wahrsten Sinne des Wortes.
Er versucht, mich zu küssen, wurde es ihr klar, als Schlangenzunge sich bewegte.

Weiter hinten im Raum erklang ein dumpfes Geräusch und etwas sehr Schweres fiel zu Boden. Schlangenzunge schien es nicht zu bemerken, schier gebannt in dem Augenblick der körperlichen Nähe. Dann erklang eine vertraute Stimme vom Eingang her.
"Ich unterbreche die Zärtlichkeiten ja nur ungerne, wirklich. Aber ich fürchte, mein Freund hier besteht darauf dass Herr Schlangenzunge einen wichtigen Termin einzuhalten hat."
Der Dúnadan! fuhr es Kerry durch den Kopf und sie stieß Schlangenzunge heftig von sich. Vollkommen überrascht taumelte er rückwärts, fing sich wieder und drehte sich um. Rilmir stand im Eingang und ließ lässig eine schwere Keule mit der Hand kreisen. Gared lag vor ihm bewusstlos am Boden.
"Wer seid Ihr? Was wollt Ihr? Ihr habt kein Recht, hier einzudringen, Waldläufer! Ihr steht unter meinem Befehl! Ich befehle Euch, auf der Stelle von hier zu verschwinden!" rief Schlangenzunge mit echter Entrüstung und Verärgerung.
"Oh, natürlich, natürlich! Wir werden sogleich von hier verschwunden sein. Komm, Kerry, es wird Zeit zu gehen."
"Sie bleibt hier!" äußerte sich Schlangenzunge im Befehlston.
"Ich fürchte, ich muss darauf bestehen, Herr Schlangenzunge," antworte Rilmir mit einem Lächeln. "Und auch Ihr selbst werdet mitkommen."
"Ich gebe hier die Befehle!" rief Gríma, doch er klang bereits recht verunsichert. "Ich bin Sarumans Stellvertreter!"
"Es wird Zeit für eine neue Aufgabe für dich," sagte eine neue Stimme - und Gandalf betrat den Raum. Gandalf! dachte Kerry und sie spürte, wie sich ein echtes Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete. Gandalf! Beinahe hätte sie vor Freude geweint, obwohl sie nicht genau wusste, weshalb. Schlangenzunge hingegen war noch bleicher als sonst geworden und sah aus, als hätte er einen Geist gesehen.
"Du!" flüsterte er. "Du ... du bist besiegt! Geschlagen! Verzaubert bist du! Saruman hat es mir gesagt, ja gesagt hat er es! Er ... er trägt deinen Stab!"
"Oh, der?" antwortete Gandalf gerade zu fröhlich. "Sorge dich nicht um meinen Stab, Herr Schlangenzunge. Wie du sehen kannst, habe ich bereits einen guten Ersatz gefunden." Und er stützte sich auf den von Tom Bombadil geschenkten braunen Stab.
Kerry durchquerte den Raum und fiel Rilmir um den Hals. "Wo seid ihr nur gewesen?" fragte sie vorwurfsvoll, doch voller Erleichterung. Der Dúnadan hielt sie im Arm, doch Gandalf antwortete.
"Du wirst es sehen, Kerry. Du wirst es gleich sehen." Mit diesen Worten ging er hinaus und winkte Kerry hinter sich her. Sie löste sich von Rilmir und ging dem Zauberer hinterher, während der Waldläufer Schlangenzunges Hände auf dem Rücken zusammenband. Er schien nicht mehr dazu imstande zu sein, Widerstand zu leisten: zu sehr hatte Gandalfs Auftreten ihn erschüttert.

Sie verließen das Haus durch die Eingangstür, die von außen aufgebrochen worden war. Kerry blinzelte im hellen Sonnenlicht und kniff die Augen zusammen. Als sie sich an das Licht gewöhnt hatte staunte sie nicht schlecht. Auf der Straße standen ungefähr zwei Dutzend in grau gekleidete, hochgewachsene Gestalten, die Bögen, Schwerter und Speere trugen. Einige trugen Kapuzen, doch den meisten schien es zu warm dafür zu sein. Einer trat zu Gandalf und sprach leise mit dem Zauberer. Da erkannte sie seine Stimme schließlich: Es musste Belen sein, der Anführer jener Waldläufer, die sie auf der Wetterspitze getroffen hatte. Es kam ihr vor, als wäre es eine Ewigkeit her. Gandalf und Rilmir haben die Dúnedain gefunden, die Saruman nicht dienen! Belen nickte ihr freundlich zu und ihr Herz wurde leicht. Und machte gleich darauf einen freudigen Sprung, als sie zur Brücke hinberblickte, auf deren Geländer zwei kleine Gestalten saßen und die Beine baumeln ließen.

"Merry! Pippin!" rief sie und eilte auf die Hobbits zu. Es war ihr egal, was sie von ihr dachten oder ob es ihnen peinlich war. Sie drückte beide fest an sich. "Ich bin so froh dass es euch gut geht!" sagte sie.
"He, Kerry," sagte Pippin grinsend. "Du weißt doch, dass wir auf uns aufpassen können."
"Du sagst es, Pip," fügte Merry mit einem äußerst zufriedenen Gesichtsausdruck hinzu. "Sag mal, Kerry," fuhr er dann fort, "Du hast nicht zufällig eine Portion Pfeifenkraut dabei, oder? Hübsches Kleid übrigens."
"Pfeifenkraut aufzutreiben wird unsere geringste Sorge sein," sagte Gandalf, der hinzugetreten war. Der Zauberer strahlte. Ganz anders als noch auf der Oststraße, dachte Kerry. Der Erfolg hat ihm seine Zuversicht zurückgebracht.. "Mit der Hilfe des Sternenbunds - den freundlichen Waldläufern hinter mir - werden wir jetzt anfangen, alle Diener Sarumans aus dem Auenland vertreiben. Den obersten Halunken haben wir schon erwischt!" fügte er in Richtung Schlangenzunges hinzu, der von Rilmir abgeführt wurde.
"Meinen ersten Kuss hab' ich mir anders vorgestellt," sagte Kerry und lachte. Gandalf und die Hobbits stimmten lauthals mit ein.
« Letzte Änderung: 14. Okt 2016, 14:49 von Fine »

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Der Hinterhalt
« Antwort #7 am: 26. Jan 2016, 20:01 »
"Hobbingen und Wasserau sind jetzt frei von Sarumans Strolchen," sagte Pippin fröhlich. "Gandalf und die Dúnedain kamen mitten durchs Ostviertel und haben sie vollkommen überrascht. Wie sie uns gefunden haben weiß ich aber nicht."
"Das war nicht schwer," erklärte Gandalf. "Die Waldläufer können sehr überzeugend sein. Es hat nicht lange gedauert bis wir jemanden gefunden hatten, der uns verriet wo ihr gefangen gehalten werdet." Gandalf blickte die beiden Hobbits und Kerry streng an. "Ihr habt Glück gehabt, dass wir euch retten konnten. Es wird nicht immer so einfach sein," warnte der Zauberer sie.
Kerry blickte schuldbewusst zu Boden. "Es war meine Schuld, Gandalf. Ich habe vorgeschlagen, nach Hobbingen zu gehen. Merry und Pippin sind mir nur gefolgt. Ich war nicht vorsichtig genug."
"Ach Unsinn, Kerry. Du kennst Gandalf noch nicht so lange wie wir es tun," mischte sich Merry ein. "Wir haben uns erwischen lassen, das stimmt, aber Gandalf übertreibt. Als die Dúnedain uns gefunden haben standen wir kurz davor, uns selbst zu befreien. Stimmts, Pip?"
"Stimmt genau, Merry!" pflichtete Pippin ihm bei. "Ich hatte die Fesseln schon fast durchtrennt, wie damals am Fangorn!"
Kerry bewunderte die ungebrochene Zuversicht der Hobbits. Sie haben Recht behalten - es ist noch einmal alles gut gegangen. Und doch war es für mich keineswegs "einfach". Was wird wohl noch alles auf mich zukommen?

"Wie gehen wir jetzt weiter vor, Gandalf?" fragte sie neugierig.
"Belen und seine Freunde haben Kundschafter vorausgeschickt bevor wir nach Hobbingen kamen," antwortete er ihr. "Kurz bevor wir dich befreiten haben sie uns berichtet, dass der Großteil von Sarumans Dienern von Michelbinge hierher unterwegs ist. Das kommt uns gerade recht. Wir werden sie in eine Falle locken."
Der Zauberer blickte an ihr herunter und lächelte. "Aber zunächst solltest du dir vielleicht etwas, hm, passenderes anziehen. In einem Kleid wie deinem lässt es sich nicht gut kämpfen."
Da hat er wohl recht, dachte Kerry.

Ihre Sachen waren noch an Ort und Stelle, und eilig zog sie sich um. Zwar hatte sie gehofft, so herausgeputzt wie sie gewesen war vielleicht endlich einen tieferen Eindruck auf Rilmir gemacht zu haben, aber vermutlich hatte der Dúnadan im Moment ganz andere Sorgen. Sie suchte ihre Ausrüstung zusammen und fand schließlich ihr Schwert und ihre Tragetasche in einer der Hütten auf der anderen Straßenseite. Inzwischen war der Nachmittag vorangeschritten und der Abend würde nicht mehr lange auf sich warten lassen. Die Dúnedain Belens sammelten sich und gemeinsam mit Merry, Pippin, Gandalf und Kerry brachen sie in südwestlicher Richtung auf.

Zwei Stunden nach Sonnenuntergang lag Kerry versteckt hinter einem großen Strauch oberhalb der Straße nach Michelbinge. Zu beiden Seiten der Straße stiegen hier Böschungen an und der Hohlweg dazwischen zog sich ungefähr dreihundert Meter dahin. Die Dúnedain des Sternenbundes hatten diesen Ort für ihren Hinterhalt ausgewählt. Belen, der von einigen auch Aravorn II. genannt wurde, hatte zusätzliche Unterstützung durch einige kampfbereite Hobbits erhalten, die Bögen trugen. Auch die Dúnedain hielten Pfeil und Bogen bereit. Jetzt kommt es also wirklich zum Kampf, dachte Kerry aufgeregt. Sie wusste nicht, ob das gut oder schlecht war.

Rilmir kniete zu ihrer Linken und hielt in westlicher Richtung Ausschau, in wachsamer Stille versunken. Merry und Pippin hingegen unterhielten sich leise darüber, wem das letzte Stück elbischer Wegzehrung zustünde. Wenn Kerry nicht genau gewusst hätte, dass die beiden sobald es zum Kampf kommen würde sofort einsatzbereit sein würden, hätte sie ihnen das Lembas weggenommen. So aber drehte sie sich jedoch einfach auf den Rücken und betrachtete die Sterne, die am wolkenlosen Himmel gut zu erkennen waren, und lächelte. Das ist jetzt schon eher ein Abenteuer nach meinem Geschmack, dachte sie zufrieden. Jetzt, da sie Schlangenzunge entkommen war und Gandalf offenbar zu neuer Tatkräftigkeit erwacht war hatte sie ebenfalls neue Zuversicht geschöpft. Nimm dich in Acht, Saruman. Wir kommen.

Der Ruf einer Eule erklang von der anderen Seite - das verabredete Zeichen, dass ihre Feinde gesichtet worden waren. "Schleiereule," sagte Pippin. "Es geht los."
Kerry wollte sich aufrichten und einen Blick nach Westen riskieren, doch Rilmir bedeutete ihr, liegen zu bleiben. "Bleib' unten, Kerry. Sie dürfen uns nicht entdecken bevor wir uns ihnen zeigen," sagte er leise.
"Die werden uns schon nicht sehen, Dúnadan," antwortete sie, blieb aber dann still. Von weitem hörte sie jetzt die herannahende Meute: ein lärmender, undisziplinierter Haufen Strolche und Banditen. In den Jahren in denen sie sich im Auenland als Herren aufgespielt hatten war ihnen offenbar noch nie zuvor wirkliche Gegenwehr entgegengeschlagen. Anders konnte sich Kerry ihre Unvorsichtigkeit und Überheblichkeit nicht erklären. Ihre Füße kribbelten vor Anspannung als sie vorsichtig auf die Straße spähte.

Die Diener Sarumans kamen heran und traten in den Hohlweg ein und rückten vor. Kerry konnte sie jetzt sehen: Ungeschlachte und rohe Menschen, mit Waffen aller Art und vielen Fackeln in den Händen. Offenbar hatten sie vor, Hobbingen und Wasserau eher in Brand zu setzen als sie an ihre unbekannten Feinde zu verlieren. Es waren über hundert von ihnen, und sie waren laut. Heimlichkeit ist wohl nicht ihre Stärke, dachte Kerry. Beinahe bis zum Ende der Böschungen kamen sie, als Gandalf ihnen auf der Straße entgegentrat.

"Halt!" rief er mit lauter, gebieterischer Stimme. "Hier endet euer Weg. Legt die Waffen nieder und es wird euch nichts geschehen. Doch eure Herrschaft über das Auenland ist beendet."
Die Horde war stehengeblieben und Kerry sah viele ungläubige Gesichter. "Scharker," hörte sie einige der Männer sagen.
"Was hat das zu bedeuten, alter Mann? Geh' uns aus dem Weg," äußerte sich schließlich einer der Vordersten.
Gandalf rührte sich nicht. "Die Waffen runter, hab' ich gesagt. Entscheidet euch schnell!"
"Das ist nicht Saruman," sagte ein anderer Mann. "Das ist bloß ein Trick!"
Die Menge setzte sich wieder in Bewegung. Da stand gegenüber von Kerry einer der Dúnedain auf und hob die Hand. Sie glaubte, Belen zu erkennen.
Ohne ein weiteres Kommando begannen nun die Pfeile zu fliegen, viele mehr als Kerry erwartet hatte. Die Waldläufer waren ausgezeichnete Bogenschützen und schossen ihre Pfeile in schneller Folge ab. Obwohl es nur zwei Dutzend Dúnedain und dazu einige Hobbits waren dauerte es nicht lange, bis auf der Straße niemand mehr am Leben war. Erschrocken über diese Brutatlität schlug sie die Hand vor den Mund. Oh, dachte sie. oh, das ging schnell.

Kerry blickte zu Rilmir hinüber, der weiterhin nach unten starrte. So hatte sie ihn noch nie erlebt. Er hatte getötet, kaltblütig fremde Menschen erschossen, von denen er nicht einmal wusste, weshalb sie hier waren. Vielleicht hatten einige von ihnen gar nicht zu Sarumans Dienern gehört und waren einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen? Nicht alle hatten nach Dunländern oder den Menschen aus Enedwaith ausgesehen. Gewiss war auch der eine oder andere Mann aus dem Breeland dabei gewesen, überlegte Kerry mit leichtem Entsetzen. So viele Tote. So viel Blut da unten.
"Sie haben bekommen, was sie verdient haben," sagte Rilmir kalt, der ihren Blick bemerkt hatte. "Das Auenland ist nun wieder frei."
Aber um welchen Preis? dachte sie.
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Auf nach Norden!
« Antwort #8 am: 7. Feb 2016, 08:34 »
Der Regen prasselte auf die Straße und fegte alle Spuren des Blutvergießens hinweg. Fleißige Hobbits hatten den Weg bereits freigeräumt, doch das Blut der Erschlagenen war nicht so leicht zu entfernen gewesen. Kerry hatte den Anblick nicht lange ertragen und hatte sich mit Merry und Pippin zurück nach Hobbingen geflüchtet. Jetzt saßen sie gemeinsam im "Efeubusch", einem kleinen Gasthaus das an diesem Tag zum ersten Mal seit langem wieder geöffnet hatte. Gandalf und die Dúnedain würden ebenfalls bald eintreffen um zu besprechen, wie es nun weiter gehen sollte.

Kerry gähnte. Es war bereits Mitternacht und sie sehnte sich danach, zu schlafen und die Erlebnisse des Abends zu vergessen. Pippin, der ihr gegenüber saß und einen vollen Krug vor sich stehen hatte schien die Schlacht nicht im Mindesten zu belasten. Die Hobbits waren ausgelassen und bester Laune, wie es schien.
"Das nenne ich mal einen erfolgreichen Tag," sagte er fröhlich. "Wir haben einen wichtigen Schritt zur Befreiung des Auenlandes getan und Saruman ordentlich die Suppe versalzen."
"Sehr richtig, Pip, sehr richtig," stimmte Merry mit vollem Mund zu. "Auf Gandalf ist eben Verlass! Und wir drei haben natürlich ebenfalls dazu beigetragen."
Kerry hatte genug. "Wie könnt ihr beiden hier sitzen und feiern? Hundert Menschen sind tot, erschossen von unseren finsteren Freunden. Dabei wussten wir nicht einmal, ob sie wirklich alle Diener Sarumans waren," sagte sie vorwurfsvoll.
"Kerry, so ist der Krieg nun einmal," antwortete Merry. "Sie kamen mit der offensichtlichen Absicht her, die Hobbits und das Auenland weiter zu unterdrücken. Wir haben sie aufgehalten."
"Gandalf hat ihnen die Möglichkeit gegeben sich zu ergeben," warf Pippin ein. "Sie haben sich dagegen entschieden."
Kerry musste zugeben, dass das stimmte. Der Zauberer war den Strolchen auf der Straße offen entgegen getreten und sie gebeten, die Waffen abzulegen. Sie versuchte, sich in deren Lage zu versetzen und stellte fest, dass sie wohl ebenfalls gedacht hätte, dass der alte Mann keine Gefahr darstellen würde. Und dennoch...Dieser Sieg fühlt sich einfach... nicht richtig an, dachte sie müde.

Gandalf, Rilmir und Belen betraten das Gasthaus und kamen an ihren Tisch. Alle drei sahen äußerst zufrieden aus. "Meine Männer haben sich verteilt und jagen nun die letzten verbliebenen Diener Sarumans innerhalb des Auenlandes," erklärte Belen. "Die Grenzer werden ab sofort unter der Führung des Thains ein wachsames Auge darauf haben, dass keine weiteren Banditen ins Auenland gelangen werden. Ich werde ihnen vier meiner Leute zur Seite stellen um sie zu lehren, Hinterhalte und Fallen zu stellen und Feinde am Eindringen ins Auenland zu hindern."
"Gut gemacht," lobte Gandalf. "Dann können wir unsere Aufmerksamkeit schon bald auf den Rest von Eriador richten."
"Wie lautet dein Plan, Mithrandir?" wollte Belen wissen. "Der Bund der Sieben Sterne wird dich ohne Vorbehalte unterstützen. Es ist gut, einen Zauberer auf seiner Seite zu wissen."
Gandalf überlegte einen Moment. "Wir müssen die Stützpunkte Sarumans in Eriador finden," sagte er dann. "Wenn seine Diener keinen Ort mehr haben, an den sie sich zurückziehen können, wird es einfacher für uns, ihre Machenschaften zu beenden."
"Ich hoffe, wir können die Flüchtlinge aus all dem heraushalten," äußerte sich Rilmir. "Sie kamen in den Norden um dem Krieg zu entkommen und nun bringen wir den Krieg zu ihnen."
Er hat Recht, dachte Kerry. Mit einem Mal kam ihr das gesamte Vorhaben, in Eriador einen Krieg gegen Saruman anzufangen, sehr unbedacht vor.
"Wir werden es versuchen, so gut es geht," antwortete Gandalf. "Vielleicht werden uns einige von ihnen unterstützen. Sarumans Einfluss muss auch für sie spürbar geworden sein."
"Im Breeland nehmen die meisten Menschen an, der Krieg im Osten sei zu ihrem Besten," meinte Belen. "Dabei geht es dort nur um Sarumans selbstsüchtige Ziele."
"Solange sich seine Aufmerksamkeit auf den Osten richtet können wir unseren Zug machen," sagte Gandalf. "Wo liegt der nächste Stützpunkt der Dúnedain Helluins?"
"Das versteckte Lager an der Sarnfurt," sagte Rilmir.
"Außerdem die Feste der Erben Isildurs am Abendrotsees," ergänzte Belen. "Dort lagern gewiss große Vorräte, denn in der alten Halle gibt es viel Platz."
"Dann lasst uns nach Norden ziehen," entschied Gandalf. "Die Sarnfurt liegt zu nahe an Tharbad und den Gebieten im Süden, wo sich die Diener Sarumans sammeln. Außerdem wäre es ein wichtiger symbolischer Sieg, wenn Belen den alten Ahnsitz der Stammesführer den Händen Helluins entreißt, der sein Erbe vergessen hat."
Belen nickte zustimmend. Für ihn schien die Abstammung von Isildur sehr wichtig zu sein.
"Dann sei es beschlossen," sagte der Waldläufer. "Ich werde einen Teil meiner Männer nach Süden entsenden, um falsche Spuren zu legen. Der Rest wird uns zum Abendrotsee begleiten."

Sie verbrachten die Nacht im Efeubusch. Kerry schlief schon bald ein und hatte einen traumlosen Schlaf. Am folgenden Morgen waren die Schrecken des letzten Abends bereits verblasst, doch ganz vergessen würde sie den Anblick der toten Männer wohl nie.
Merry und Pippin erwarteten sie vor dem Gasthaus. Sie sahen aufbruchsbereit aus und trugen ihre Elbenumhänge. "Ihr kommt mit?" fragte Kerry neugierig. Sie hatte vermutet, dass die Hobbits lieber im Auenland bleiben wollten.
"Wir brechen auf, aber nicht nach Norden" erklärte Pippin zuversichtlich. "Wir gehen jetzt erstmal nach Michelbinge."
"Pip und ich werden sicherstellen, dass das Auenland frei vom Einfluss Sarumans bleibt," fügte Merry hinzu. "Wir wollen unseren Teil dazu beitragen, Sarumans Pläne zu durchkreuzen, und gleichzeitig in unserer Heimat wieder für Ordnung sorgen."
"Außerdem haben wir Faramir und Éowyn ein Versprechen gegeben," sagte Pippin.
Wie mutig und entschlossen sie sind! dachte Kerry. Bei Hobbits steckt wirklich mehr hinter ihrem Äußeren, als das Auge sehen kann.
Zum Abschied umarmte sie die beiden Hobbits fest. Sie hoffte, Merry und Pippin bald wiederzusehen.

Die Dúnedain sammelten sich um ihren Anführer Belen. Dieser zog sein Schwert und reckte es empor. "Der erste Schritt ist getan," rief er. "Die Schreckensherrschaft Sarumans wird enden und Arnor und Eriador werden wieder frei sein. Für die Dúnedain! Für Arnor! Für Mittelerde!"
"Für Mittelerde!" riefen sie alle wie aus einem Mund.


Gandalf, Belen, Rilmir und Kerry mit dem Sternenbund zur Feste der Dúnedain
« Letzte Änderung: 27. Mär 2016, 21:43 von Fine »

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Re: Das Auenland
« Antwort #9 am: 27. Mär 2016, 15:53 »
Aldoc und Girion von der Sarnfurt

"Tuckbergen?"
Die Frage des Menschen aus Thal mochte nur aus einem einzigen Wort bestehen, aber es war dennoch unmissverständlich, was er damit meinte. Voraus lag eine Siedlung der Hobbits, eine Ansammlung großer Smials – Hobbithöhlen –, in welchen eine bestimmte, große Familie wohnte: Die Tuks.
Aldoc nickte. "Tuckbergen. Meine Heimat. Es ist nur ein paar Monate her, seit ich das letzte Mal hier war, aber es kommt mir vor wie Jahre. Ich habe fast das Gefühl, dass jeder, den ich einst dort kannte, nun verschwunden ist."
"Hast du Angst?", fragte Girion ihn.
"Angst? Nein. Aber ich bin aufgeregt. Und betrübt."
"Betrübt?" Der Krieger hob die Augenbrauen. "Warum?"
"Weil ich mit leeren Händen zurückkomme", erklärte Aldoc. "Ich wurde vom Thain entsandt, um bei den Mächtigen von Mittelerde um Hilfe zu ersuchen. Und ich bin kläglich gescheitert."
"Du hast mich mitgebracht", meinte Giron lächelnd. "Zählt das denn gar nicht? Stelle mich doch als Vertreter des Volkes von Thal dar."
"Eines Volkes ohne Heimat, auf der Flucht, schwach und vertrieben", fasste der Hobbit die Situation der Menschen aus Thal kurz zusammen. Girions Blick verdüsterte sich daraufhin merklich. "Tut mir leid. Ich hätte das nicht sagen sollen."
"Warum? Du hast doch recht. Thal gibt es nicht mehr, und mein Volk ist in alle Himmelsrichtungen verstreut, manche in den Eisenbergen, viele in Rohan, der ein oder andere in Eriador. Wir werden in den anderen Menschenvölkern aufgehen, früher oder später. Daran können wir jetzt nichts mehr ändern."
Ohne Zweifel düstere und deprimierende Gedanken, aber das war dieser Tage nicht mehr ungewöhnlich. Sauron hatte in allen Herzen Verzweiflung gesät, auch wenn sich manche mutig dagegen stemmten und nicht nachgeben wollten. Es war dunkel geworden in Mittelerde. Nicht wortwörtlich, aber es hatte sich eine Dunkelheit über die Gemüter fast aller gelegt, die noch am Leben waren. Manche ergaben sich dieser Dunkelheit einfach. Andere kämpften, jeder auf seine Art. Aldoc war entschlossen, nicht aufzugeben, solange es auch nur einen winzigen Funken Hoffnung gab.
Die Großsmials von Tuckbergen rückten immer näher. Auf dem Weg hierher waren sie noch zwei Mal einigen patrouillierenden Rüpeln über den Weg gelaufen und hatten öfters welche aus der Ferne gesehen, aber je weiter sie nach Norden gekommen waren, je näher an die Heimat seiner Familie, desto seltener waren die fremden Menschen geworden. Als wagten sie sich aus irgendeinem Grund nicht mehr in diesen Teil des Auenlandes. Ein gutes Zeichen. Hoffentlich.
Als Aldoc schließlich ein paar Minuten später zum ersten Mal seit Langem einen Fuß in die Siedlung setzte, in der er geboren und aufgewachsen war, durchlief ihn ein angespanntes Schaudern. Fast erwartete er schon, dass jeden Moment Pippin und Merry um die Ecke kämen, auf der Flucht vor einem wütenden Erwachsenen, der Aldoc nun ebenfalls für einen der Übeltäter hielt, weshalb er sich seinen beiden Freunden auf deren Flucht anschließen musste.
Aber natürlich geschah nichts dergleichen. Er war kein Kind mehr, und die beiden sogenannten Unruhestifter auch nicht. Seufzend ließ er die Schultern hängen, als die Erinnerung schwand und die düstere Realität der Gegenwart zu ihm zurückkehrte. Mit gesenktem Kopf starrte er auf den Weg vor sich, plötzlich nicht mehr fähig, auch nur einen weiteren Schritt zu setzen.
Es war so still. So ruhig. Fast, als wären seine Befürchtungen wahr geworden, und all die Leute, die er kannte, wären verschwunden.
"Aldoc?" Girion beugte sich mit besorgtem Gesichtsausdruck zu ihm herunter. "Ist alles in Ordnung bei dir?"
Der Hobbit schüttelte seine Starre ab und hob dann wieder den Kopf. "Mit geht es gut, Girion. Wir sollten als erstes zum Smial von Thain Palad..."
Er hielt mitten im Satz inne, als plötzlich eine Hobbitfrau mit goldenem Haar zwischen zwei Smials erschien. Sie sah sich kurz nach beiden Seiten hin um und erstarrte ebenfalls, als sie Aldoc erblickte. Ungläubig blinzelte sie, trat dann einen Schritt auf ihn zu, ehe sie schlagartig auf ihn zu rannte und sich ihm in die Arme warf. "Aldoc! Du bist zurück!"
"Äh..." Der junge Abenteurer war vollkommen verdutzt, erwiderte die überschwängliche Umarmung jedoch, während ihn zugleich ein Gefühl innerer Wärme ergriff. "Guten Morgen, Petunia."
Sie löste sich wieder von ihm, ließ jedoch ihre Hände auf seinen Schultern verweilen und sah ihn empört an. "Guten Morgen? Du kommst nach Monaten, in denen ich um dich gebangt habe, endlich nach Hause, und alles, was du zu sagen hast, ist guten Morgen?"
"Also... j-ja, so i-ist es", stammelte er. Seine Gedanken schwirrten wirr durch seinen Kopf. Was sollte er sagen? Wie konnte er sie besänftigen? "Es ist aber auch ein schöner Morgen. Ich meine, du bist an diesem Morgen besonders schön."
Petunia blinzelte überrascht. "War das gerade ein Kompliment? Von dir?"
"Ich... ähm... war es das?" Aldoc sah hilfesuchend zu Girion hinüber, der das Ganze jedoch nur mit einem amüsierten Schmunzeln beobachtete. Petunia folgte Aldocs Blick und schien jetzt erst den Menschen an seiner Seite zu bemerken. Erschrocken wich sie zurück. "Wer ist das, Aldoc?"
"Girion, letzter Fürst von Thal, sehr erfreut", stellte der Krieger sich vor und hielt ihr höflich eine Hand hin.
"Ein echter Fürst, tatsächlich?", fragte die Hobbitfrau mit deutlicher Skepsis im hübschen Antlitz und schüttelte zögernd die dargebotene Hand.
"Glaub ihm kein Wort, er will sich nur vor uns ahnungslosen Hobbits aufspielen", sagte Aldoc, der sich inzwischen wieder ein wenig beruhigt hatte. Sein Herz raste jedoch noch immer vor Freude, Petunia wiederzusehen. "In Wirklichkeit ist Girion ein Spitzel Sarumans."
Sofort ließ sie die Hand los. "Im Ernst? Du bringst einen Schergen dieses Mannes hierher?"
"Ich fühle mich verpflichtet, zu erwähnen, dass dein Freund Aldoc Tuk hier ebenfalls ein Spion des weißen Zauberers ist, kleine Lady", meinte Girion in einem geradezu lächerlich ernsten Tonfall. "Er hat vor, so viele Informationen wie möglich zu erlangen und euch dann zu verraten und sie an den Statthalter von Tharbad weiterzugeben."
Petunia runzelte die Stirn und sah Aldoc tadelnd an. "Ich nehme an, dahinter steckt eine lange Geschichte?"
Der junge Tuk nickte. "Ja."
"Dann kommt doch mit ins Smial meines Vaters", bot sie an. "Dort könnt ihr beiden mir alles erzählen."
Aldoc nickte Girion zu und gemeinsam folgten sie Petunia zur größten Hobbithöhle der Siedlung, wo der derzeitige Thain wohnte, Paladin Tuk der Zweite. Auf dem Weg dorthin räusperte sich der Mensch vernehmlich. "Ähm... dürfte ich vielleicht deinen Namen erfahren, kleine Lady?"
"Oh!" Petunia hielt sich verlegen eine Hand vor den Mund. "Tut mir leid, ich habe ja ganz vergessen, mich vorzustellen." Sie verbeugte sich leicht vor dem Menschen. "Ich bin Petunia Tuk, die jüngste Tochter von Thain Paladin Tuk."
Girion nickte. "Und du bist Aldocs Frau?"
Schlagartig hielten die beiden Hobbits an und riefen gleichzeitig: "Natürlich nicht!" Dann sahen sie sich gegenseitig verärgert an und setzten ihren Weg wortlos fort.
"Ah... ich verstehe", murmelte Girion und folgte ihnen.

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Re: Das Auenland
« Antwort #10 am: 30. Mär 2016, 20:04 »
"Ist dein Vater nicht hier?", fragte Aldoc, nachdem sie das Smial des Thains durch den runden Eingang betreten hatten. Girion fluchte lauthals über den viel zu niedrigen Türsturz, an dem er sich beinahe den Kopf gestoßen hätte, und danach über die viel zu niedrige Decke, an der er sich beinahe den Kopf gestoßen hätte, und schließlich über den viel zu niedrig hängenden Kronleuchter in dem kleinen Eingangssaal, an dem er sich beinahe den Kopf gestoßen hätte. Aber solange es bei einem beinahe blieb, war Aldoc gewillt, ihn zu ignorieren. Sobald dieses beinahe jedoch zu einem tatsächlich wurde, würde er es als seine Pflicht ansehen, zu lachen.
Petunia schüttelte auf seine Frage hin den Kopf. "Du hast es vielleicht schon bemerkt, Aldoc, aber im Moment sind nur wenige Hobbits in Tuckbergen, hauptsächlich Frauen und Kinder. Die Männer befinden sich allesamt in Michelbinge, zusammen mit einigen Hobbits aus Hobbingen und Wasserau. Die Lage hat sich geändert, seit du das letzte Mal hier warst. Wir haben jetzt den Kampf aufgenommen."
"Dann ist es also wahr?", wollte Aldoc wissen. "Merry und Pippin sind zurück und haben einen Teil des Auenlandes befreit?"
Dieses mal nickte die junge Hobbitfrau. "Sie kamen mit einigen Verbündeten. Nun ja, erst einmal haben sie sich von Grima Schlangenzunge einkerkern lassen, zusammen mit einer Frau namens Kerevally oder so, aber die Verstärkung kam kurz danach. Einige Dúnedain und Gandalf, dieser Zauberer, der auch früher oft hier war. Sie haben den Spieß umgedreht und Schlangenzunge in Ketten gelegt, und als die Rüpel aus Michelbinge kamen, um zurückzuschlagen, haben sie diese in einen Hinterhalt gelockt und vollkommen aufgerieben."
"Dann sind Hobbingen und Wasserau tatsächlich frei?" Aldoc seufzte erleichtert. Ein Lichtpunkt in der Dunkelheit. "Und Michelbinge jetzt auch?"
"Nun ja." Petunia rang nervös die Hände. "Theoretisch schon."
"Was soll das heißen?"
"Am besten setzen wir uns erstmal", schlug sie vor und führte die beiden Gäste in einen gemütlichen Raum mit einem Tisch, einem Kamin und mehreren gepolsterten Sesseln. Girion ließ sich ohne zu zögern in einen davon fallen, wobei dieser bedenklich knarrte, und beklagte sich schon kurz darauf, dass der Sessel viel zu niedrig wäre. Petunia und Aldoc nahmen nebeneinander dicht am Kamin Platz, in dem derzeit jedoch kein Feuer flackerte, nicht einmal ein winziges Flämmchen.
"Petunia?", schallte auf einmal eine Stimme aus dem Nachbarraum, der Küche, zu ihnen herüber. "Haben wir Besuch?"
Kurz darauf erschien eine weitere Hobbitfrau auf der Schwelle zur Küche und musterte die Gäste überrascht. "Ein Langer? Und... wenn das mal nicht Aldoc ist! Meine Güte, bin ich froh, dich wiederzusehen, mein Junge!"
Die Frau, die dasselbe goldblonde Haar hatte wie Petunia, kam mit weiten Schritten auf Aldoc zu und schloss ihn in ihre kräftigen Arme. Aldoc lächelte verlegen. "Es freut mich auch, dich zu sehen, Tante Heiderose."
"Kann ich euch irgendetwas bringen?", fragte Heiderose Tuk, die Frau des Thains, an die beiden unerwarteten Besucher gewandt. "Tee? Oder vielleicht ein wenig Wein?"
"Eine Tasse Tee wäre recht", sagte Aldoc.
"Ihr Hobbits habt Wein?", fragte Girion hingegen. "Den würde ich gern mal probieren!"
"Für mich nichts, Mutter, danke", lehnte Petunia ab, als Heiderose sich an sie wandte. Die ältere Frau nickte und eilte geschäftig zurück in die Küche.
"Das war meine Mutter, Heiderose Tuk", erklärte Petunia dem Krieger aus Thal. "Bis auf sie und mich befindet sich zurzeit niemand hier. Mein Vater und mein Bruder sind in Michelbinge und meine Schwestern in Wasserau."
"Was hast du vorhin damit gemeint, dass Michelbinge nur theoretisch frei sei?", wollte Aldoc wissen. "Wenn Paladin und Peregrin dort sind, und auch noch die Dúnedain und Gandalf, dann werden die Strolche dort wohl kaum eine Chance haben."
"Gandalf ist nicht mehr im Auenland", erklärte Aldocs langjährige Freundin. "Und die meisten der Dúnedain und die Frau, die mit Merry und Pippin eingefangen wurde, auch nicht. Sie haben uns ein paar ihrer Leute hier gelassen, damit sie uns ausbilden, und haben uns dann wieder uns selbst überlassen."
"Bitte erzähl mir alles, was geschehen ist, seit ich von hier aufgebrochen bin, Petunia", bat der Abenteurer.
So begann sie, die letzten Geschehnisse kurz für ihn zusammenzufassen. Offenbar hatten sich Merry und Pippin, nachdem die Dúnedain vom sogenannten Sternenbund und der Zauberer Gandalf abgereist waren, zunächst hier in Tuckbergen mit dem Thain getroffen und sich dann mit seiner Unterstützung daran gemacht, jeden Hobbit in der näheren Umgebung zu sammeln, der bereit war, gegen Scharkers Schergen zu kämpfen, wobei es vor allem Tuks gewesen waren, die sich ihrer Sache angeschlossen hatten. Danach waren sie so schnell wie möglich nach Michelbinge gezogen, ehe sich die verbliebenen Rüpel dort einigeln konnten. Es hatte ein kurzes Gefecht gegeben, in welchem die Hobbits einen raschen Sieg errangen, doch war gegen Ende des Kampfes wohl einigen Menschen die Flucht in den Vorratsstollen von Michelbinge gelungen, der inzwischen auch als Gefängnis für all die inhaftierten Hobbits diente.
"Dort haben sie sich nun verbarrikadiert und drohen, die gefangenen Hobbits umzubringen, wenn der Thain und seine Leute versuchen sollten, den Stollen zu erobern", beendete Petunia ihren Bericht. "So sieht also die aktuelle Situation aus. Wir Hobbits belagern den Vorratsstollen von Michelbinge."
"Und ich nehme an, da es ein Vorratsstollen ist, haben die Strolche mehr als genug Vorräte für eine lange... nun, Belagerung?", vermutete Girion. "Ich sehe, das ist eine verzwickte Lage." Er nippte an dem Wein, den Heiderose inzwischen gebracht hatte. "Mhm... nicht schlecht, nicht schlecht. Ich könnte mich an euren Hobbitwein gewöhnen."
"Der stammt aus Mithlond, nicht aus dem Auenland", merkte Aldoc an.
"Woher willst du das wissen? Ich dachte, du wohnst in einem anderen... äh... wie nennt ihr diese Dinger... Smial?"
"Das mag sein, aber ich habe dem Thain von einer meiner Reisen mal eine Flasche Wein aus Mithlond mitgebracht, und nachdem er gefallen daran fand, habe ich ihm jedes Mal, nachdem ich dort war, eine weitere Flasche mitgebracht", erzählte Aldoc, und fügte leise murmelnd hinzu: "Auch wenn die erste Flasche eigentlich für Petunia gedacht war..."
"Wo wir schon von deinen Reisen sprechen, Aldoc, kannst du gleich damit beginnen, mir von deinen neuesten Abenteuern zu erzählen", meinte Petunia. "Ich brenne schon darauf, zu erfahren, wie es dir ergangen ist."
Aldoc seufzte tief. "Viel zu erzählen gibt es nicht. Ich war in Bruchtal. Es war niemand dort, den ich um Hilfe hätte bitten können. Dann habe ich mich eine Zeit lang in Dunland ausgeruht. Schließlich war ich auch in Tharbad, wo ich ein nettes Gespräch mit dem Statthalter geführt habe. Und jetzt bin ich wieder hier."
Darauf schwieg Petunia kurz. "Aldoc... was genau ist geschehen? Dass du nicht gerne von einer deiner Reisen erzählst, das ist... nicht einmal selten, nein, es ist überhaupt noch nie vorgekommen. Geht es dir gut?"
Nein. Natürlich ging es ihm nicht gut. Nicht, wenn er an all das dachte, was er in den letzten Wochen hatte durchmachen müssen. Erst war ein guter Freund gestorben und er hatte gegen ein Rudel Warge kämpfen müssen, vor denen er höllische Angst hatte, dann war er von Dunländern eingekerkert worden und letztlich zu allem Überfluss noch zu einem unfreiwilligen Spion Sarumans erklärt worden. Und über alledem hatte er auch noch in der einen Aufgabe versagt, die der Thain ihm aufgetragen hatte.
"Ich kenne zwar nicht alle Details seiner Reise, aber er saß wohl einige Zeit in einem finsteren Kerker in Dunland", eröffnete Girion dem Hobbitmädchen, das daraufhin erschrocken aufkeuchte.
"Aldoc!" Sie stand auf und kam zu ihm hinüber. Er wandte sich ab. "Kümmere dich nicht darum, Petunia, es spielt keine Rolle. Letztlich habe ich einfach nur versagt."
"Nein, das hast du nicht", widersprach Petunia und setzte sich auf die Lehne seines Sessels, während sie zugleich seinen rechten Arm nahm und das rote Stoffband löste, welches er sich bei jeder Reise um das Handgelenk band und dessen Farbe nach all den Jahren inzwischen ein wenig ausgeblichen war. "Weißt du noch, woher du dieses Band hast?"
Natürlich wusste er es. Es gab immerhin einen Grund, warum er es auf jede einzelne seiner Reisen mitnahm. Seufzend sah er Petunia in die Augen. "Du hast es mir geschenkt, damals, vor meiner allerersten Reise. Als Zeichen für das Versprechen, das ich dir gab. Ich versprach, nach Hause zurückzukehren."
"Und dieses Versprechen hast du erneuert, nachdem mein Vater dich entsandte, um nach Hilfe zu suchen", erinnerte sie ihn. "Du hast nicht versagt, Aldoc. Nicht mir gegenüber. Du bist zurückgekommen. Und dafür danke ich dir von ganzem Herzen." Sie band ihm das alte Stück Stoff wieder ums rechte Handgelenk. "Und jetzt wirst du mir alles erzählen, verstanden? Das Gute wie das Schlechte."

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Re: Das Auenland
« Antwort #11 am: 30. Mär 2016, 23:58 »
Einige Stunden nach dem Gespräch mit Petunia stand Aldoc auf der Terrasse des Smials des Thains, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, und blickte von dort aus nach Westen. Vor ihm erstreckten sich die Hügel, Wälder und Felder des Auenlandes, die so friedlich wirkten wie eh und je, scheinbar unberührt von den Geschehnissen der letzten Jahre überall in Mittelerde. Aber die Gefahr war noch lange nicht gebannt, auch nicht hier im Auenland.
"Woran denkst du?", fragte plötzlich jemand hinter ihm. Aldoc warf einen kurzen Blick über die Schulter und erkannte Girion, der vor dem der Terrasse zugewandten Eingang der Hobbithöhle stand.
Nachdem Aldoc von seiner letzten Reise erzählt hatte, angefangen bei seinem Weg nach Bruchtal, über Farodas' Tod und den Aufenthalt im Kerker bis hin zu seinem Gespräch mit Lutz Farnrich und der Überquerung der Sarnfurt, hatte Petunia ihn in die Arme geschlossen und ihm Trost zu spenden versucht. Und obwohl er die Berührung genossen hatte, war es doch nicht das gewesen, was er im Moment brauchte. Jetzt, ein üppiges Hobbitmahl und ausführliches Bad später, stand er hier und dachte über genau das nach: Was er in diesem Moment wirklich brauchte, wirklich wollte. Er war zurück in der Heimat... das sollte ihm eigentlich genug sein, oder? Vor allem nach diesem letzten, gründlich misslungenen Abenteuer.
"Ich denke, ich gehe wieder", antwortete er schließlich auf Girions Frage. Der Mensch stellte sich an seine Seite und sah ihn fragend an. "Wie darf ich das verstehen, Aldoc?"
"Genau so, wie es gemeint ist: Ich gehe wieder. Ich bleibe nicht hier. Ich habe in den letzten Monaten rein gar nichts erreicht. Und das nagt an mir. Ich kann nicht untätig zuhause herumsitzen. Ich bin nicht einmal einen Tag lang zurück und schon zieht es mich wieder in die Ferne. Ich kann wohl einfach nicht lange an einem Ort verweilen, was?"
"Ich kenne dich nicht lange genug, um das beurteilen zu können", meinte Girion. "Aber allein, dass du bereit warst, bis nach Aldburg zu gehen, um deinem Volk zu helfen, zeigt, dass du kein gewöhnlicher Hobbit bist. Vielleicht bist du eher wie einer dieser Waldläufer."
Aldoc hob überrascht eine Augenbraue. "Wie meinst du das?"
"Nun ja, du sagtest selbst, dass du nicht lange an einem Ort bleiben kannst. Du streifst durchs Land, bist mal hier und mal dort." Der Mensch aus Thal zuckte mit den Schultern. "Das hat mich einfach an die Waldläufer des Nordens erinnert. Das ganze Land ist ihre Heimat, nicht nur ein einzelner Platz."
"Das ganze Land... meine Heimat..." Dieser Gedanke gefiel Aldoc. Sehr sogar. Tuckbergen, wo er geboren und aufgewachsen war, würde immer einen besonderen Platz in seinem Herzen einnehmen, aber dennoch... "Ich bin dann wohl in ganz Eriador zuhause, hm? Hätte ich vielleicht früher erkennen sollen."
Für ein paar Minuten schwiegen sie beide, ehe Girion eine Frage stellte. "Hast du schon einen Plan, wohin dich deine nächste Reise führen wird?"
Aldoc überlegte kurz und nickte dann. "Michelbinge, fürs erste. Ich werde sehen, ob ich dort ein wenig helfen kann, und wenn nicht, dann werde ich Gandalf folgen."
"Dem Zauberer? Warum?"
"Er zieht Unheil an", antwortete Aldoc. "In einem guten Sinne."
Girion kratzte sich verwirrt am Kopf. "Muss ich das verstehen?"
"Ich meine nur, wo Gandalf ist, da geschieht etwas. Wichtige Dinge. Er war Teil des weißen Rates, hat in manch einer Schlacht in Rohan und Gondor gekämpft, und kennt jeden, der in den freien Völkern Rang und Namen hat. Falls du es noch nicht mitbekommen haben solltest, ich bin hauptberuflich Abenteurer. Und Gandalf, auch wenn ich ihn nicht sonderlich ausstehen kann, hält ein respektables Arsenal an Abenteuern bereit für jeden, der sich ihm anschließt. Diesen Eindruck habe ich zumindest." Nicht zuletzt auch wegen Bilbos Geschichten.
"Klingt nach einem Mann, den man meiden sollte", meinte Girion.
Das mochte sein, aber das änderte nichts daran, dass dort, wo Gandalf war, oftmals wichtige Dinge geschahen. Aldoc hatte einmal versagt, bei seinem bislang größten Abenteuer. Er hatte den Drachen nicht getötet, die große Schlacht nicht überlebt, den gewaltigen Schatz nicht geborgen. Das würde ihm nicht noch einmal passieren. Er atmete noch. Und solange er das tat, würde er jede weitere Gelegenheit ergreifen, ein richtiges Abenteuer zu erleben wie einst Bilbo Beutlin – und es zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Er konnte Gandalf zwar nicht wirklich leiden, da sein Unterbewusstsein den Zauberer wohl noch immer mit Bilbos Verschwinden an dessen einhundertelften Geburtstag in Verbindung setzte, aber das bedeutete nicht, dass er deswegen nicht bereit war, mit dem Zauberer zu sprechen und mit ihm und den Dúnedain des Sternenbundes zu kämpfen.
Aber ehe er das tat, musste er dem Thain Bericht erstatten und wollte Pippin und Merry wiedersehen. Und vielleicht konnte er ihnen ja auch bei diesem Problem mit den restlichen Rüpeln helfen.
Als Aldoc Petunia an diesem Abend mitteilte, dass er im Morgengrauen bereits wieder nach Michelbinge aufbrechen würde, nahm sie das überraschend gefasst hin. Und keine zehn Sekunden später erfuhr der junge Tuk auch, woran das lag. "Dann komme ich mit", behauptete sie kurzerhand.
Aldoc hätte sich fast an dem Tee verschluckt, den er gerade gemütlich am Kamin trank. Verdutzt sah er die blonde Hobbitfrau an. "W-Wie bitte?"
"Du hast schon richtig gehört. Ich komme mit nach Michelbinge. Das ist immerhin kein weiter Weg und ich bin es leid, nur hier herumzusitzen und abzuwarten, bis sich dort irgendetwas tut. Außerdem muss jemand diesen Menschen hier im Auge behalten."
Girion blickte überrascht auf. "Etwa mich? Nicht nötig, wirklich. Ich ramme euch schon keinen Dolch in den Rücken."
"Das werden wir ja sehen." Petunia musterte ihn mit misstrauisch zusammengekniffenen Augen. "Es gibt dieser Tage viele Menschen mit einer rechtschaffenen Fassade, die in ihrem Inneren aber verdorben sind wie ein hässlicher Ork."
Das erschien Aldoc ein wenig zu hart. "Ich denke nicht, dass Gir..."
Der Mensch aus Thal hob beschwichtigend eine Hand. "Schon gut, Aldoc, sie hat ja recht. Es ist besser, misstrauisch zu sein. Das ist genau das, was ich dir auf dem Weg hierher auch gesagt habe. Wenn du mich überwachen willst, kleine Lady, dann nur zu. Solange ihr mich weiterhin so großzügig verköstigt, werde ich mich nicht beschweren."
Er führte den Weinkelch in seiner Hand an die Lippen, runzelte dann aber ärgerlich die Stirn. "Schon wieder leer. Habt ihr noch welchen?"

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Re: Das Auenland
« Antwort #12 am: 6. Apr 2016, 20:08 »
Der Hobbit saß gemütlich im hohen Gras, die Augen genießerisch geschlossen, einen tiefen Zug aus einer Pfeife nehmend und kleine Rauchringe ausstoßend. Aldoc sah ihn eine Zeit lang an und trat dann einen Schritt nach vorne, sodass sein Schatten direkt auf das Gesicht des Halblings fiel, das zuvor noch von der Sonne beschienen worden war. Überrascht öffnete der rauchende junge Mann die Augen.
"Ich hörte, hier sei eine Belagerung im Gange, aber wenn du Zeit findest, dich zurückzulehnen und ein wenig Alter Tobi zu genießen, habe ich mich wohl geirrt", sagte Aldoc.
"Hm... was?" Der Hobbit blinzelte verdutzt. "Ja, da tritt mich mal ein Troll! Aldoc! Du hier? Lange nicht gesehen!"
"Zu lange", stimmte Aldoc seinem Freund Peregrin Tuk zu und schloss ihn fest in die Arme, nachdem dieser sich endlich aus dem Gras erhoben hatte. Es tat gut, Pippin wiederzusehen. Sie kannten sich seit ihrer Kindheit, waren zusammen aufgewachsen und hatten die Erwachsenen in Tuckbergen seit jeher dazu gebracht, sich verzweifelt die Haare zu raufen. Aber sie waren nicht immer nur zu zweit gewesen. Es fehlte noch der dritte im Bunde. "Sag, Pippin, wo ist Merry?"
"Ich bin hier", meldete sich eine Stimme hinter ihm zu Wort. "Da geht man nur mal kurz austreten, und schon fängt man an, Geister zu sehen. Wir haben uns schon gefragt, wo du schon wieder steckst, Aldoc!"
Der junge Abenteurer drehte sich nun zu Meriadoc Brandybock um, einem weiteren Freund aus Kindheitstagen, den er allerdings nicht ganz so gut kannte wie Pippin. Dennoch schloss er auch ihn freudig in die Arme, ehe er auf die Frage antwortete. "Ach, du weißt schon, ich bin mal hier und mal dort, ganz Eriador ist meine Heimat. Letztens habe ich die kulinarischen Genüsse von Tharbad ausprobieren dürfen und eine kostenlose Besichtigung eines Kerkers in Dunland von Innen erhalten. Und so ganz nebenbei bin ich jetzt auch einer von Sarumans Spionen."
"Tatsächlich? Dann sag ihm aber bitte nicht, dass wir es waren, die bei mehreren Gelegenheiten sein kostbares Pfeifenkraut haben mitgehen lassen", sagte Pippin lachend. "Sonst fühlt er sich womöglich noch verpflichtet, persönlich ins Auenland zu kommen, um an uns Rache zu üben."
Das veranlasste Aldoc dazu, ein fieses Lächeln auf dem Gesicht zu zeigen. "Wenn das so ist, habe ich eine grandiose Idee, wie wir den weißen Zauberer in eine Falle locken könnten."
Daraufhin brachen sie alle Drei in schallendes Gelächter aus. "Oh, es tut so gut, euch zu sehen, Pippin, Merry!"
"Ja, gibt’s denn so 'was?", beschwerte sich Petunia, die mit Girion ein wenig abseits stand. "Ich musste ihn an sein rotes Band erinnern, damit er mir irgendetwas erzählt, aber siehe da, wenn er mit diesen beiden spricht, schafft er es sogar, über seinen Kerkeraufenthalt zu scherzen! Diese drei Bengel waren schon immer einfach so... so... grrrr!"
"Und grrrr heißt was genau?", fragte Girion interessiert.
"Grrrr heißt eben grrrr", antwortete sie. "Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig, Langer!"
Sie befanden sich gut dreihundert Meter vor Michelbinge, auf einem Hügel nahe der Straße. Aldoc, Petunia und Girion waren wie geplant am frühen Morgen aus Tuckbergen aufgebrochen, um den anderen Hobbits bei ihrer Belagerung des Vorratsstollens von Michelbinge zu helfen. Doch hier, ein wenig außerhalb der Siedlung, hatte Aldoc auf einmal ein bekanntes Gesicht entdeckt: Peregrin Tuk hatte mit geschlossenen Augen auf dem Südhang eines Hügels gelegen und den jungen Abenteurer dadurch dazu veranlasst, ihm die Sonne zu nehmen, was schließlich in diesen freudigen Wortwechsel resultiert hatte, über den sich Petunia so beschwerte.
Aldoc scherzte noch ein wenig mit seinem beiden langjährigen Freunden Merry und Pippin, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Sein letztes Gespräch mit Pippin hatte kurz vor Frodo Beutlins Umzug nach Krickloch stattgefunden – und danach war ohnehin alles aus dem Ruder gelaufen, sowohl im Auenland als auch im ganzen Rest von Mittelerde. Es war noch gar nicht so lange her, dass Aldoc von der Gemeinschaft des Ringes und infolgedessen von all den Abenteuern erfahren hatte, die seine beiden Freunde im tiefen Süden erlebt hatten.
Sie hatten sich wahrlich viel zu erzählen.
Nachdem Aldoc seinen beiden Freunden kurz Girion vorgestellt hatte, machten sie sich gemeinsam auf den Weg nach Michelbinge, während sie Geschichten über ihre jüngsten Erlebnisse austauschten. So erfuhr Aldoc ein wenig genauer, wie die Befreiung von Hobbingen und Wasserau abgelaufen war. Sein Interesse galt vor allem den Dúnedain des Sternenbundes, über die ihm Merry und Pippin allerdings weniger als erhofft erzählen konnten. Zwar kannten sie die Namen einiger der Mitglieder dieser Widerstandsgruppe, aber darüber hinaus hatten sie wenig über den Sternenbund zu berichten.
"So oder so ist es gut, dass es wenigstens noch ein paar Leute gibt, die sich Saruman entgegenstellen, vor allem nach dem, was in Aldburg geschehen ist", meinte Merry schließlich.
Aldburg. Wenn alles nach Plan verlaufen wäre, hätte er die beiden vermutlich dort getroffen und nicht erst wieder hier im Auenland. Aber Pläne hatten es nunmal an sich, nicht aufzugehen. Aldoc fiel ein, dass er immer noch nicht genau wusste, welches Ergebnis die dortige Versammlung eigentlich geliefert hatte. Aus irgendeinem Grund hatte er es völlig versäumt, Girion oder auch Petunia danach zu fragen.
"Was meinst du damit?", fragte er Merry daher.
"Du weißt es noch gar nicht?" Der Brandybock hob überrascht die Augenbrauen. "Einige der freien Völker haben sich mit Saruman verbündet."
"Sie haben was?" Aldoc musste sich verhört haben. Hatte Merry gerade wirklich behauptet, dass all die mächtigen Fürsten während der Ratsversammlung in Aldburg ein Bündnis mit Saruman geschlossen hatten? Mit Saruman? "Unmöglich."
"Leider ist es wohl doch möglich", meinte Pippin seufzend. "Die Rohirrim wollten mit Saruman Dol Guldur angreifen, wenn ich mich recht entsinne. Und einige Elben sind auch dabei."
Aldoc schüttelte den Kopf und wiederholte sich. "Unmöglich. Aber verdammt... irgendwie klingt es doch plausibel." Er warf einen vielsagenden Seitenblick zu Girion. "Mit Sauron auf dem Vormarsch, wer könnte es da jemandem verdenken, wenn er sich lieber für Saruman entscheidet?"
"Meine Worte", stimmte ihm der Mensch aus Thal zu, der anscheinend nicht zu bemerken schien, dass der Hobbit dabei genau an ihn gedacht hatte. Girion hatte sich ohne weiteres in die Dienste Lutz Farnrichs gestellt, und es war ihm dabei nicht einmal schlecht ergangen. Es musste noch mehr Menschen wie ihn geben, die in Saruman keine Bedrohung sahen oder aber auch schlichtweg das kleinere von zwei Übeln. Dennoch... sich vorzustellen, dass sogar große Fürsten und Könige sich nun Saruman fügten... dunkle Zeiten, wahrlich.
"Wir sind gleich da", merkte Pippin an. "Ich kann dort hinten meinen Vater sehen."
Tatsächlich hatten sie bereits Fuß in die Siedlung Michelbinge gesetzt, den Ort, der im Auenland einer Stadt wohl am nächsten kam und den die meisten Hobbits wohl auch tatsächlich als solche bezeichnet hätten. Aber für Aldoc, der in seinem bislang kurzen Leben doch schon weit herumgekommen war, mutete Michelbinge eher wie ein großes Dorf an oder höchstens wie eine Kleinstadt. Auf jeden Fall kein Vergleich zu Tharbad und erst recht nicht zu Orten wie Mithlond.
Obwohl Michelbinge genau wie Hobbingen und Wasserau in einer recht hügeligen Gegend lag, gab es hier neben einigen wenigen Smials hauptsächlich oberirdische Gebäude aus Holz oder Stein. Peregrins Vater, der amtierende Thain des Auenlandes, Paladin Tuk der Zweite, stand ein wenig vor der Stadthöhle, in der für gewöhnlich der Bürgermeister von Michelbinge residierte und vor welcher unter einem an den Seiten offenen, quadratischen Zelt ein großer Tisch aufgestellt worden war, auf dem verschiedene anscheinend vollgekritzelte Blätter lagen.
"Was ist das, wenn ich fragen darf?", wandte sich Aldoc an Pippin.
"Das ist unser Ralt", antwortete dieser, womit er jedoch lediglich einen verwirrten Ausdruck auf Aldoc Gesicht hervorrief. "Das steht kurz für Ratszelt. Oder eigentlich Kriegsratszelt, um genau zu sein. Dort planen wir, wie wir die Strolche aus dem Vorratsstollen bekommen... und das nun schon seit Tagen. Oder Wochen... die Zeit vergeht im Krieg so schnell."
"Ich glaube, deine Desorientierung, was die Zeit angeht, liegt eher am übermäßigen Pfeifenkrautgenuss", vermutete Aldoc in trockenem Ton. "Aber warum haltet ihr die Besprechungen in diesem Ralt ab und nicht in der Stadthöhle? Dort müsste es doch passende Räumlichkeiten geben, oder?"
"Früher vielleicht." Pippin rümpfte die Nase. "Aber seit diese Rüpel hier waren, ist die Stadthöhle kaum noch betretbar. Ich sage dir, Aldoc, eine solche Unordnung hast du noch nicht gesehen. Wir konnten nicht warten, bis das aufgeräumt war, also haben wir unseren Kriegsrat einfach nach draußen verlegt."
"Kriegsrat... dieser Begriff ist vielleicht ein wenig übertrieben", murmelte der junge Abenteurer. "Und wie gehen die Aufräumarbeiten voran, Pippin?"
"Welche Aufräumarbeiten?"
"Na, du weißt schon, in der Stadthöhle..."
"Ach, die..." Pippin winkte achselzuckend ab. "Als hätten wir Zeit, uns um irgendwelche Aufräumarbeiten zu kümmern. Wir haben eine Belagerung zu führen!"
Ja... genau... eine Belagerung... bei der man nebenbei noch die Zeit hat, sich auf einen sonnigen Hügel zu legen und... ach, vergiss es. Aldoc war für einen Hobbit so aktiv, dass er manchmal vergaß, welch faules und gemütliches Völkchen seine Leute doch eigentlich waren. Offenbar hatte sich auch bei Merry und Pippin sogar nach ihrer großen Reise weit in den Süden nichts daran geändert.
Der Thain blickte auf, als er die kleine Gruppe bemerkte, und sah nacheinander Pippin, Merry, Petunia, Aldoc und schließlich Girion an, bei dessen Anblick er leicht die rechte Augenbraue hob. Überraschenderweise war Girion nicht der einzige Mensch im Ralt. Ein hochgewachsener Mann in einem grauen Mantel, mit einem Bogen am Rücken und einem Schwert an der Hüfte, stand neben Paladin Tuk. Ein Waldläufer der Dúnedain, erkannte Aldoc. Petunia hatte ihm bereits erzählt, dass sie nicht alle abgereist waren. Viele waren allerdings nicht mehr hier... drei oder vier, wenn er sich recht entsann. Hier sah er im Moment jedoch nur diesen einen.
"Willkommen zurück, Aldoc", grüßte ihn der Thain und legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Wir hatten uns schon Sorgen gemacht, weil niemand wusste, wo du warst. Nicht einmal Peregrin und Meriadoc, obwohl die sich in den letzten Jahren auch außerhalb der Grenzen herumgetrieben haben."
"Ihr mögt es mir vielleicht nicht glauben, aber außerhalb der Grenzen ist tatsächlich ein sehr großes Gebiet", sagte Aldoc. "Es ist schwer, sich irgendwo außerhalb einfach über den Weg zu laufen. Aber ja, eigentlich hätte ich Pippin und Merry in Aldburg treffen müssen. Es ist einiges schief gelaufen..."
"Wie auch immer, jetzt bist du ja wieder hier." Nun wandte sich der Thain an Girion. "Und du bist?"
"Girion aus Thal", stellte sich der Mensch vor und neigte leicht den Kopf. "Zu euren Diensten."
"Du bist ein Freund Aldocs?"
"Ich kenne diesen jungen Mann noch nicht lange und bin mir auch nicht sicher, wie er von mir denkt, aber ich für meinen Teil betrachte ihn als Freund", antwortete Girion. Aldoc sah ihn überrascht an. Das hatte er nicht erwartet.
"Gut, das reicht mir", meinte Paladin mit einem zufriedenen Nicken. "Wir können immer zwei starke Arme brauchen, die uns zur Hand gehen."
"Ich habe gehört, ihr belagert den Vorratsstollen", lenkte Aldoc das Gespräch nun auf den eigentlichen Grund, warum sie alle hier waren. "Petunia sagte mir, die Strolche hätten sich dort drinnen verschanzt und drohen, die gefangenen Hobbits umzubringen?"
"Allerdings." Dieses Mal war es der Dúnadan, der ihm antwortete. Der Lange verschränkte die Arme vor der Brust. "Diese Bastarde haben Vorräte, Waffen und vor allem Zeit. Uns sind die Hände gebunden. Sobald wir gegen diesen verdammten Hügel vorrücken, schlitzen sie allen Gefangenen die Kehle auf, das behaupten sie jedenfalls. Und wir haben keinen Grund, daran zu zweifeln, dass sie diese Drohung auch wirklich umsetzen. Immerhin haben ein paar von diesen Kerlen schon vorher Hobbits umgebracht, einige erst vor kurzem, in dem Gefecht, das dieser Belagerung vorausging."
"Und wir können wirklich nichts tun?" Aldoc warf einen kurzen Blick auf eine Karte, die auf dem Tisch lag und anscheinend Michelbinge zeigte. Verschiedene Angriffswege waren auf ihr markiert und mit kurzen Kommentaren versehen worden, aber die Lage schien wirklich verzwickt. Es gab im Grunde nur einen richtigen Eingang in den Stollen und ansonsten nur ein paar Enge Luftschächte, durch die ein Hobbit zwar vielleicht passen würde, aber ein Eindringen durch diese würde niemals unbemerkt bleiben.
"Habt ihr versucht, euch von oben zum Stollen durchzugraben?", fragte er.
"Der Hügel ist tatsächlich ziemlich steinig", erklärte der Waldläufer. "Würden wir dort graben, würden Sarumans Schergen es ohne Zweifel hören. Und dann können wir uns von den Geiseln verabschieden."
"Hm." Aldoc zermarterte sich den Kopf über eine Möglichkeit, in den Stollen einzudringen, ohne dass die Gefangenen getötet wurden, aber ihm fiel einfach nichts ein, was wirklich funktionieren könnte. Und bestimmt waren all die Hobbits hier in den letzten Tagen auch nicht untätig gewesen und hatten sich selbst alle möglichen Gedanken gemacht. Doch wenn ihnen bis jetzt keine Lösung eingefallen war...
"Irgendwelche Ideen?", fragte der Thain. "Eine neue Perspektive zu hören kann nie schaden."
Aldoc musste betrübt den Kopf schütteln. "Nein, nichts."
"Schade", seufzte Paladin. "Ich hatte gehofft, dass du vielleicht auf irgendetwas kommst, vor allem, wenn man bedenkt, dass deine Eltern unter den Gefangenen sind, aber..."
"Bitte was?", unterbrach ihn Aldoc schockiert. "Meine Eltern sind unter den Gefangenen?"
Der Thain sah ihn überrascht an. "Hat dir das noch niemand gesagt? Ich dachte, Peregrin, Meriadoc oder Petunia hätten dir bereits davon erzählt."
Aldoc warf besagten drei Hobbits, die es wohl allesamt nicht für nötig gehalten hatten, ihm dieses kleine Detail zu eröffnen, einen verärgerten Blick zu. Pippin sah nervös auf seine Füße, Merry sah überall hin, nur nicht in seine Augen, lediglich Petunia erwiderte seinen Blick. "Ich wollte den richtigen Zeitpunkt abpassen. Tut mir leid, Aldoc."
"Schon in Ordnung." Irgendwie konnte er auf sie nicht richtig wütend sein. Und auf Merry und Pippin auch nicht. "Wie ist das geschehen? Ich meine, mein Vater... er ist doch noch einer der fügsameren Tuks. Schwer vorzustellen, dass er die Strolche dazu gebracht hat, ihn einzukerkern."
"Nun ja, Reginard war wieder einmal geschäftlich in Wasserau", erklärte Paladin. "Das ist nun schon ein paar Wochen her, es war noch vor Gandalfs Ankunft hier. Einer der Rüpel hat wohl einen abschätzigen Kommentar über seine Frau abgegeben, da hat Reginard gesagt, er habe wenigstens eine hübsche Frau und hätte es nicht nötig, seine Frustration an Anderen auszulassen. Den Menschen hat das nicht gefallen. Sie haben ihn verprügelt und mitsamt deiner Mutter zu den anderen Gefangenen in den Vorratsstollen geworfen. Ich erfuhr erst gut einen Tag später von einigen Augenzeugen davon."
"Gerade er", murmelte Aldoc. "Gerade er beleidigt einen dieser Strolche... das hätte ich wirklich nicht erwartet. Mein Vater ist ein Feigling."
"Ist das deine Art, über deinen Vater zu sprechen?", fragte Girion. "Ich kenne den Mann nicht, aber ich denke, du solltest ihn mit ein wenig mehr Respekt behandeln. Er hat seine Frau, deine Mutter, verteidigt. Das ist für mich wahrlich kein Grund, schlecht über ihn zu reden."
Der junge Abenteurer schloss kurz die Augen. Es war nicht so, als ließe ihn die Gefangennahme seiner Eltern völlig kalt. Es fiel ihm einfach nur schwer, es zu glauben. Reginard war wirklich ein Feigling. Aldoc hätte eher geglaubt, wenn sein Vater die Beleidigungen wortlos über sich hätte ergehen lassen... sich gegen die Langen aufzulehnen, das passte irgendwie nicht zu ihm. So oft hatte er sich gewünscht, sein Vater würde einmal, nur ein einziges Mal, ein wenig Rückgrat beweisen, aber nun... als wäre die Situation nicht schon schlimm genug gewesen.
"Verdammt!", entfuhr ihm schließlich ein zorniger Ausruf und er ließ seine Faust auf den Tisch krachen. Sein Vater Reginard, das war eine Sache... aber auch noch seine Mutter? "Diese verfluchten Bastarde. Wartet nur, bis ich euch in die Finger kriege! Einfach meine Eltern einsperren? Das würde euch wohl so gefallen! Aber nicht mit mir. Nicht mit mir. Das könnt ihr vergessen."
"Nun, das ist die richtige Einstellung", meinte Girion grinsend. "Vielleicht sollten wir dich zu den Strolchen in den Stollen werfen, damit du ihnen dort die Seele aus dem Leib prügeln kannst."
Girion lachte laut über seinen eigenen Scherz, doch Aldoc erstarrte auf einmal, während langsam eine Idee in seinem Kopf Gestalt anzunehmen begann. Mich einfach dort hineinwerfen? Das... das ist es!
Er wandte sich an den Dúnadan. "Sag, wie viele von euch befinden sich momentan noch hier?"
"Außer mir noch drei, warum?", antwortete der Waldläufer.
Aldoc beugte sich mit gerunzelter Stirn über die Karte von Michelbinge und dachte nach. "Ich denke, ich habe da so eine Idee..."

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Re: Das Auenland
« Antwort #13 am: 10. Apr 2016, 22:44 »
"Bist du dir sicher, dass das funktionieren wird?", fragte Girion flüsternd.
"Sei still, wir sind gleich da", gab Aldoc nur zurück. Er wollte nicht darüber nachdenken, ob sein Plan funktionieren würde oder nicht. Denn wenn er es nicht tat...
Neun Gestalten bewegten sich langsam durch das finstere, stille Michelbinge, nur beleuchtet vom silbernen Mond und den Sternen, deren Licht auch auf den großen Hügel fiel, der vor ihnen lag: Jene Anhöhe, in die der Vorratsstollen der Stadt gegraben worden war. Vier Hobbits, fünf Menschen, wobei Ersteren allesamt die Hände hinter dem Rücken gefesselt worden waren, wenn auch nur lose.
Sie hatten wahrscheinlich nur einen Versuch. Das Leben der gefangenen Hobbits, einschließlich Aldocs Eltern, hing von diesem Plan ab.
Als sie dem Stollen näher kamen, öffnete sich dessen Tür ein Stück weit und ein Mensch sah hinaus, dessen kantiges, unrasiertes Gesicht bereits auf den ersten Blick einen unsympathischen Eindruck machte. "Halt!", rief er. "Keinen Schritt weiter!" Seine Augen musterten die fünf großen Gestalten, die ganz offensichtlich keine Halblinge waren. "Wer seid ihr?"
"Wir sind die Verstärkung", antwortete Girion.
"Verstärkung?" Ein verwirrter Ausdruck trat auf das Gesicht des Feindes.
"Hast du etwa gedacht, die Leute weiter oben würden einfach dabei zusehen, was diese Hobbit-Aufrührer anstellen?" Girion lachte und stieß Aldoc unsanft auf die Knie. Aua! Das wäre auch ein wenig sanfter gegangen! "Lutz Farnrich hat mich und ein paar Andere hierher geschickt, um die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen. Wie ich schon sagte. Wir sind die Verstärkung. Michelbinge befindet sich wieder in unserer Hand."
"Tatsächlich?" Der Mensch kniff misstrauisch die Augen zusammen, aber hinter ihm war auf einmal aufgeregtes Gemurmel zu hören. Offenbar versteckten sich dort im Inneren noch ein paar Menschen, die dem Gespräch lauschten. Die Tür wurde ein wenig weiter geöffnet, zwei weitere Gesichter zeigten sich.
Einer von ihnen betrachtete Girion eindringlich, bevor sich ein Ausdruck der Überraschung auf sein Antlitz legte. "He, den da kenn' ich! Den hab' ich in Tharbad gesehen, auf dem Weg hierher!"
Volltreffer! Aldoc jubilierte innerlich. Das war nicht einmal Teil des Plans gewesen, aber wenn dieser Mann Girion kannte und bestätigen konnte, dass er in Lutz Farnrichs Diensten stand, dann umso besser. Auf einmal schienen ihre Erfolgsaussichten eine dramatische Wendung zum Besseren genommen zu haben.
"Mein Name ist Girion", erklärte Aldocs Reisegefährte. "Ich war in Tharbad ein Hauptmann der Stadtwache. Lutz vertraut mir, also hat er mich mit einigen Jungs hierher geschickt. Hier, wir haben die Rädelsführer gefangen genommen. Die können wir gleich zu den anderen Gefangenen stecken."
Er streckte eine Hand in einer deutenden Geste in Richtung der anderen drei Hobbits aus. "Ich darf vorstellen. Paladin Tuk, der Thain. Und Peregrin Tuk und Meriadoc Tuk, die beiden Unruhestifter, die diesen Aufstand erst angezettelt haben."
"Und wer ist der da?", fragte der erste Mensch mit einem Blick auf Aldoc.
"Der?" Girion trat nach ihm, worauf dem jungen Abenteurer ein schmerzhaftes Stöhnen entfuhr. Zu fest, du Idiot! Man könnte fast meinen, du genießt diese verdammte Posse! "Das ist Aldoc Tuk, er war bei den anderen Unruhestiftern, als wir sie in Ketten gelegt haben."
"Noch ein Tuk also?" Der Mann an der Tür rümpfte die Nase. "Wir haben da eine schöne Zelle für euch alle."
Nun endlich öffnete der Mensch die Tür ganz und ließ Girion, die vier Dúnedain und ihre Gefangenen hinein. Das innere des Stollens war eng und ein wenig staubig, viel fürs Putzen schienen diese Menschen jedenfalls nicht übrig zu haben. Girion warf Aldoc einen fragenden Blick zu, doch der schüttelte unmerklich den Kopf. Noch nicht. Nicht, solange wir nicht wissen, wo die Gefangenen sind und wie es ihnen geht.
Der Mann, der ihnen die Tür geöffnet hatte und offenbar der Anführer der verbliebenen Menschen war, führte sie weiter hinein in den Vorratsstollen. Aldoc behielt sein Umfeld genau im Auge, zählte die Feinde – es waren wohl nicht mehr als ein Dutzend – und musterte genau deren Waffen. Ein paar rostige Klingen und Knüppel, mehr nicht. Alles in allem ein ziemlich armseliger Haufen. Wären die Geiseln nicht gewesen, hätten die Hobbits und Dúnedain sie schon längst vertrieben.
Schließlich gelangten sie zu einem Nebenraum, den der Anführer mit einem eisernen Schlüssel aufsperrte. "Werft sie da rein, zu den Anderen."
Girion stieß Aldoc unsanft voran in den behelfsmäßigen Kerker. Und dort waren sie: Gut und gerne zwanzig Hobbits, die allesamt in den Ecken des Raumes kauerten, abgemagert und mit ängstlichen Augen, die sie eilig mit den Händen beschirmten, als das Licht der Öllampe, die der Anführer trug, in den Raum fiel. Sie sahen nicht gut aus, aber immerhin waren sie am Leben. Aldoc sah sich suchend nach seinen Eltern um und fand sie schließlich in der Nähe von Lobelia Sackheim-Beutlin, die eine der wenigen war, in deren Blick sich noch ein wenig Trotz zeigte, trotz ihres hohen Alters und der überaus langen Gefangenschaft – sie war schon inhaftiert worden, ehe Aldoc überhaupt nach Bruchtal aufgebrochen war. Dasselbe galt für den Bürgermeister von Michelbinge, Willi Weißfuß, der sich jedoch in einem deutlich schlechteren Zustand zu befinden schien als die meisten anderen Gefangenen.
"Sind das alle oder habt ihr irgendwo noch mehr von ihnen... untergebracht?", wandte sich Girion an den Anführer. Der verneinte die Frage. "Das sind alle. Ganz schön erbärmlicher Haufen, nicht wahr?"
"Erbärmlich gewiss", sagte Aldoc. "Wie es jeder in einer solchen Situation wäre." Er erinnerte sich an seinen eigenen Kerkeraufenthalt, an die Langeweile, den Mangel an nahrhaftem Essen, die stetige Finsternis. Es machte ihn unermesslich zornig, so viele andere Hobbits in einer ähnlichen, sogar noch schlimmeren Situation zu sehen. Er hatte wenigstens eine Zelle für sich gehabt, aber das hier... das war über alle Maßen entwürdigend. "Es ist Zeit, dem ein Ende zu setzen."
"Wer hat dir denn erlaubt, dein kleines Maul aufzureißen?", fuhr der Anführer der Strolche ihn an und holte mit der linken Hand zum Schlag aus – doch schon Sekunden später besaß er keine linke Hand mehr.
Verdutzt sah der Mensch auf den Stumpf, aus dem in regelmäßigen Stößen das Blut strömte, und schien erst nicht zu realisieren, was gerade geschehen war. Girion stand vor ihm, mit gezogenem, blutigem Schwert. "Hast du ihn nicht gehört? Es ist Zeit, dem ein Ende zu setzen."
Damit begann das Gemetzel. Plötzlich zogen die vier Dúnedain ebenfalls ihre Schwerter, der Thain und seine drei Gefährten befreiten sich binnen eines Augenblicks aus den nicht wirklich festgebundenen Fesseln, und Girion markierte den Beginn der Rückeroberung des Stollens, indem er sein Schwert dem Anführer der Feinde in die Brust rammte.
Innerhalb weniger Sekunden wurden die paar Menschen, die in unmittelbarer Nähe standen, niedergemetzelt, ehe sie überhaupt die Gelegenheit bekamen, auf den überraschenden Angriff zu reagieren. Danach überreichten Girion und die Dúnedain den vier Hobbits schnell deren Waffen. Als sich Aldocs Finger um den Griff seines Schwertes aus Mithlond schlossen, fühlte er einen Schwall von Zuversicht und Stärke durch seinen gesamten Körper strömen.
Die übrigen Menschen reagierten auf zweierlei Weise: Manche von ihnen warfen sich mutig auf die Angreifer, wobei jedoch schnell offenbar wurde, dass sie nicht gegen die im Umgang mit dem Schwert geübten Dúnedain ankamen, und auch nicht gegen Girion, der ebenfalls einst eine Kampfausbildung genossen hatte und den Waldläufern daher in Nichts nachstand. Die andere Hälfte der Rüpel jedoch suchte ihr Heil in der Flucht, wobei sie, sobald sie den Stollen verließen, von einem tödlichen Pfeilhagel empfangen wurden.
Einem der Menschen gelang es, geschwind an den Dúnedain vorbei zu schlüpfen, bevor er in einen Sprint in Richtung des Kerkerraumes verfiel, vor dessen Eingang Paladin, Peregrin, Meriadoc und Aldoc standen, deren Aufgabe darin bestand, für die Dauer des Gefechtes die Gefangenen zu beschützen. Offenbar glaubte dieser Kerl, leichtes Spiel mit ihnen zu haben, obwohl sie in der Überzahl waren. Aber da hatte er sich mit den falschen Hobbits angelegt.
Peregrin Tuk, ein Wächter der Veste von Minas Tirith.
Meriadoc Brandybock, ein Schwert-Than des Königs von Rohan.
Aldoc Tuk, ein Freund der Elben, ausgebildet in Mithlond.
Definitiv drei Hobbits, die man nicht unterschätzen sollte. Der Mensch holte mit seinem kurzen, dolchartigen Schwert aus und zielte offenbar auf Pippin. Als die Klinge herabfuhr, wehrte Aldocs langjähriger Freund sie mit seinem eigenen Schwert ab. Sofort stürmte Merry nach vorne und schlug nach dem Gegner, der nicht rechtzeitig zurückweichen konnte und daher einen blutigen Schnitt am Bein einstecken musste. Keuchend sank der Feind auf ein Knie. Aldoc, der sich, solange der Mensch abgelenkt war, hinter ihn begeben hatte, nutzte die Gelegenheit sofort und stach zu. Das scharfe Schwert aus Mithlond drang beinahe mühelos in den Rücken des Menschen ein und trat in Rot getaucht an der Brust wieder aus.
"Gut gemacht!" Merry und Pippin ließen ihre Schwerter sinken. Für sie war der Kampf damit offenbar beendet. Aber noch war der Mensch nicht tot. Er hob langsam die rechte Hand, mit der er noch immer sein Schwert umklammert hielt. Die beiden Hobbits vor ihm schienen es nicht zu bemerken. Mit einem wütenden Kampfschrei zog Aldoc seine eigene Klinge aus dem Fleisch des Gegners und hackte damit stattdessen auf seine Hand ein. Kreischend ließ der Mensch seine Waffe fallen. Doch Aldoc war noch nicht fertig. Er holte noch einmal aus.
"Aldoc?" Pippin musterte ihn überrascht. "Was tust du denn da? Er ist besiegt!"
"Noch nicht", zischte der Abenteurer und versenkte sein Schwert im Hals des Menschen. Blut schoss in einer Fontäne aus der tiefen Wunde. Aber Aldoc schlug noch einmal zu. Und noch einmal. Bis der Kopf des Mannes schließlich von den Schultern getrennt wurde und einige Schritte weit über den Boden rollte, während der enthauptete Körper zur Seite hin umkippte.
"Was sollte denn das?" Merry starrte entsetzt auf das abgetrennte Haupt. "Das war unnötig! Er war doch schon am Boden! Er hätte uns nicht mehr tun können."
"Ach, tatsächlich?" Aldoc sah seine blutige Klinge und dann die kopflose Leiche an. Seltsamerweise erfüllte der Anblick von keinem von beiden ihn mit Entsetzen. Das Blut pulsierte rasend durch seine Adern. Sein Herz schlug wild in seiner Brust. Verwirrt blinzelte er. "Ja... er konnte sich wohl kaum noch wehren... aber nur ein toter Feind ist ein guter Feind, oder?"
In jenem Moment... als der Mensch seine Waffe noch einmal gegen Aldocs Freunde erhoben hatte... da hatte es kurz in seinem Kopf geknackt. Es war ihm, als wäre schlagartig irgendein Hebel umgelegt worden, von dessen Existenz er nicht einmal gewusst hatte. Nein... etwas ähnliches war schon einmal passiert, unbewusst, vom einen Moment auf den anderen. Damals, als das Wargrudel ihn und Farodas auf dem Weg nach Aldburg angegriffen hatte. Obwohl er zu Beginn gezögert hatte, gebannt durch seine panische Angst vor Wölfen, hatte er doch schließlich drei von ihnen mit seinem Bogen erlegt – gnadenlos, ohne einen weiteren Gedanken an die ausgelöschten Leben zu verschwenden.
Und später war es noch einmal geschehen... im Kerker von Dunland. Auch damals hatte es ihn kaum bekümmert, sein Schwert in dem Wärter zu versenken und seinem Leben ein Ende zu bereiten. Nachdenklich sah Aldoc auf seine blutigen Hände hinab. Jedes Mal, wenn er kämpfte, nein, jedes Mal, wenn er tötete, wurde er... innerlich ruhig. Und verlor sein Gespür für Gnade. Das Wort Blutrausch kam ihm in den Sinn.
Bei dem Gedanken musste er selbst lachen. Ein kleiner Hobbit im Blutrausch? Sauron, nimm dich in Acht!
Das Gefecht – sofern man es überhaupt so nennen konnte – dauerte kaum zwei Minuten. Die Strolche hatten nicht den Hauch einer Chance. Überrascht von den Menschen und Hobbits, die dank Girion den Stollen hatten betreten können, wurden sie binnen kürzester Zeit vollständig niedergemetzelt. Der Krieger aus Thal und die Dúnedain zeigten ebenso wenig Gnade wie Aldoc, sodass der Boden des Vorratsstollens schon bald vom Blut der Feinde getränkt war.
Die gefangenen Hobbits wurden nach draußen gebracht und dort von Heilern behandelt, wenn es ihre Verfassung erforderte. Aldoc schöpfte ein wenig Wasser aus einem nahen Brunnen und wusch sich die Hände. Inzwischen hatte er sich wieder beruhigt. Sein Herzschlag war normal, seine gnadenlose Rage hatte ein Ende gefunden. Inzwischen wunderte er sich selbst darüber, warum er den Menschen enthauptet hatte. Aber er bereute es auch nicht. Dieser Kerl hatte die Waffe gegen Pippin und Merry erhoben. Und wer weiß gegen wie viele Hobbits vor ihnen.
Als er sich umdrehte, um zum Ralt zurückzugehen, sah er sich plötzlich seinem Vater Reginard gegenüber, der ihn von oben bis unten musterte und dann nur in feststellendem Ton drei Worte sprach: "Du bist zurück."
Sie hatten nicht gerade auf freundliche Weise voneinander Abschied genommen, damals. Reginard hatte ihn noch nie verstanden. Hatte von Anfang an versucht, seine abenteuerlustigen Tendenzen zu unterdrücken und ihn zu einem gewöhnlichen, die Gemütlichkeit liebenden Hobbit zu erziehen. Natürlich war das bei Aldoc auf strikte Ablehnung gestoßen. Um ehrlich zu sein, hatte ihr Verhältnis zueinander stets darunter gelitten.
Aldoc nickte. "Ich bin zurück."
Stille. Es schien, als fehlten beiden die Worte. Was hätten sie in dieser Situation auch sagen sollen? ... Es tut mir leid, Aldoc, dass ich dich all die Jahre unterschätzt habe. ... Schon in Ordnung, Vater, ich weiß ja, dass du es immer nur gut gemeint hast. ... Nein. So einfach war das nicht. War es nie.
"Ich werde nicht lange bleiben", teilte Aldoc ihm mit.
"Natürlich nicht." Reginard sah ihn mit wissenden Augen an. Vermutlich war ihm inzwischen klar geworden, dass er seinen Sohn nicht am Reisen hindern konnte. Die nächste Frage überraschte Aldoc jedoch ungemein. "Wohin geht es als nächstes?"
Im ersten Moment war er so verblüfft, dass er seinen Vater nur mit offenem Mund anstarren konnte. Eigentlich war es eine gewöhnliche Frage, nichts Besonderes... aber es kam aus dem Mund von Reginard Tuk, und das änderte alles. Nie, nicht ein einziges Mal in all diesen Jahren, hatte dieser Mann seinen abenteuerlustigen Sohn gefragt, wohin er als nächstes zu wandern gedachte. Worte der Ablehnung und die Aufforderung, zuhause zu bleiben, ja, aber die Frage nach dem Wohin? Niemals. Und auch als Aldoc zurückgekommen war... nicht ein einziges Mal war die Frage gekommen, wo er eigentlich gewesen war. Reginard hatte über die Reisen seines Sohnes stets ein ablehnendes Schweigen gewahrt, als wolle er signalisieren, dass es ihn nicht kümmerte, was dieser aufmüpfige Außenseiter von einem Hobbit jenseits der Grenzen zu schaffen hatte.
Es war nur eine einzige, kleine Frage, aber sie brachte Aldoc gesamtes Verhältnis zu seinem Vater von Grund auf durcheinander.
"W-wohin?", wiederholte er stotternd. "Was interessiert dich das?"
"Ich bin dein Vater", entgegnete Reginard. "Darf es mich nicht interessieren, wohin mein Sohn geht?"
Plötzlich trübte sich Aldocs Laune gewaltig. Eigentlich hätte er froh sein sollen, dass sein Vater sich scheinbar endlich für seine Reisen interessierte, aber stattdessen wurde er einfach nur wütend. "Wohin? Das hättest du vor zwölf verdammten Jahren fragen sollen! All die Zeit hat es dich nicht gekümmert, was ich aus meinem Leben mache, du wolltest mich nur in deine kleingeistigen Vorstellungen zwingen, und jetzt auf einmal, da ich und meine abenteuerlustigen Freunde dich gerettet haben, interessierst du dich wieder für deinen einzigen Sohn? Wohin? Weg von hier, so viel steht fest!"
"Aldoc..." Reginard streckte die Hand nach ihm aus, doch der jüngere Hobbit schlug sie harsch zur Seite, drehte sich wortlos um und ging zurück zum Ralt.
Er hatte noch eine Reise zu planen.
Das Ziel?
Weg von hier.

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Re: Das Auenland
« Antwort #14 am: 29. Apr 2016, 23:12 »
Knisternd explodierte die Rakete über Michelbinge und verschoss grüne Funken in alle Richtungen, die kurz den Himmel erleuchteten, ehe sie verblassten wie die Zeiten, in denen der graue Pilger noch regelmäßig ins Auenland gekommen war, um kleine Hobbitkinder mit seinem Feuerwerk zu begeistern.
Zwei eben jener Kinder hatten tief im Vorratsstollen ein paar alte Raketen des Zauberers entdeckt und spontan beschlossen, diese anlässlich der gelungenen Befreiung der Gefangenen und endgültigen Rückeroberung Michelbinges hochgehen zu lassen.
"Merry, hast du noch eine?", fragte Pippin mit fast schon kindlicher Aufregung.
Sein Vetter aus Bockland hielt triumphierend eine weitere Rakete hoch und steckte sie gleich darauf in die leere Weinflasche, die die beiden für's Feuerwerk verwendeten und für deren Leerung ein gewisser Mensch aus Thal verantwortlich war, der nun auf einer Bank beim Ralt saß und bereits die nächste Flasche in der einen und einen gefüllten Kelch in der anderen Hand hielt.
Pippin hielt eine kleine, halb abgebrannte Kerze an die kurze Zündschnur der Rakete, die wenige Sekunden später zischend in die Höhe schnellte und weit oben im Himmel detonierte, wo dieses Mal ein blauer Funkenregen in der Form eines Drachen erschien.
"Und ab geht sie!", rief Pippin lachend. "Schnell, Merry, die nächste! Wie viele haben wir noch?"
"Genug, um all die gemütlichen, alten Hobbits in ihren Höhlen und Häusern noch ein wenig länger wach zu halten", meinte Merry grinsend und holte bereits die nächste Rakete aus dem Vorrat. "Wirklich nett von Gandalf, die für uns hier zu lassen. Die sind bestimmt schon ein paar Jährchen alt, aber sie zischen und knallen noch so schön!"
Der einzige, der sich hier nicht in einer Feierlaune zu befinden schien, war Aldoc Tuk. Er hatte Feuerwerke noch nie gemocht, sie waren so laut und nervtötend, und jedes Mal, wenn es in seiner Kindheit ein Feuerwerk gegeben hatte, war das mit großen Mengen an begeisterten, jubelnden Hobbits verbunden gewesen, und wenn Aldoc eines wirklich nicht ausstehen konnte – abgesehen von Wölfen – dann waren es zusammengedrängte, enge, stickige Ansammlungen von Leuten.
In anderen Worten, seine Laune hätte durchaus besser sein können. Aber es lag nicht nur an dem Feuerwerk. Nein, das war eigentlich nur eine nebensächliche Lästigkeit. Ihm ging noch immer das Gespräch mit seinem Vater durch den Kopf. Er wusste, dass seine Reaktion gemein und ungerecht gewesen war, aber er konnte nicht anders, als wütend auf Reginard zu sein. Nie hatte er sich für die Reisen seines Sohnes interessiert, aber nun…
Nur war das immer noch nicht alles. Das Auenland war frei, jedenfalls größtenteils. Die Hobbits in Michelbinge feierten, oder zumindest taten Merry, Pippin und Girion es, während Paladin mit den Pflichten des Bürgermeisters, die er vorläufig übernommen hatte, beschäftigt war und die Dúnedain sich um die verletzten und kranken Halblinge aus dem Kerker kümmerten. Was Aldoc an dieser ganzen Situation störte, war, dass sie im Grunde kaum etwas erreicht hatten. Sie hatten ein paar Menschen aus dem Süden getötet und eine einzelne, für die Maßstäbe von Elben, Zwergen und vor allem Menschen doch recht kleine Siedlung wieder für frei erklärt und ein paar Gefangene befreit.
Aber was änderte das schon an der Zwickmühle, in der sich die freien Völker befanden? Warum feierten sie nach diesem winzigen Schritt? Diesem minimalen Erfolg, so unbedeutend im großen, ganzen Bild? Konnte denn nur Aldoc sehen, dass es noch lange nicht vorbei war? Dass die Zeit, den Sieg zu feiern, noch in ferner Zukunft lag, so sie denn überhaupt jemals anbrach?
"Hey, ihr beiden, nehmt mal die da!", rief Girion Merry und Pippin zu und deutete auf eine rote Rakete im Korb, ehe er den mit Wein gefüllten Kelch an die Lippen setzte und einen kurzen Schluck nahm. "Die Große! Die wird sicher gewaltig krachen!"
Das ließen sich die beiden Hobbit nicht zweimal sagen. Schon kurz darauf erschütterte ein gewaltiges Krachen, wie von Girion prophezeit, den Himmel über Michelbinge und ließ mit Sicherheit sämtliche der Hobbits, die trotz des vorherigen Lärms irgendwie Schlaf gefunden hatten, wieder hochschrecken und hellwach werden. Girion lachte laut auf und nippte noch einmal an seinem Wein.
"Warum trinkst du?", fragte Aldoc leise. Er stand an einen der Seitenpfosten des Ralts gelehnt, kaum drei Schritt von dem einstigen Hauptmann in Tharbad entfernt. "Was soll das, Girion? Hältst du das jetzt wirklich für angebracht?"
"Ein bisschen Alkohol täte dir auch mal gut, würde ich sagen, mein kleiner Freund", entgegnete Girion lächelnd und prostete ihm zu. "Außerdem, was soll ich denn sonst tun? Etwa griesgrämig an einem Pfosten lehnen und bei jedem Knall einer Rakete missmutig das Gesicht verziehen? Nein, danke, diese Rolle füllst du schon zur Perfektion aus."
"Wir sind keinen Schritt weiter", meinte Aldoc. "Ich bin einfach nicht in der Laune, gut gelaunt zu sein."
"Keinen Schritt weiter? So würde ich das nicht sehen. Es mag nur ein kleiner Schritt sein, aber wir haben immerhin etwas erreicht. Die befreiten Halblinge werden es uns ewig danken, deine Eltern eingeschlossen."
"Erwähne jetzt nicht meinen Vater", zischte Aldoc.
"Ich weiß ja nicht, was zwischen euch vorgefallen ist, aber glaub mir, ein paar Becher Wein und das alles wird dir unwichtig erscheinen und du wirst darüber lachen." Plötzlich wurde Girion ernst und sein Gesicht verdüsterte sich. "Und ein wenig lachen sollten wir alle dieser Tage, nicht wahr? Ich habe heute mehrere Männer getötet. Das ist nie leicht. Deswegen trinke ich jetzt. Damit ich es vergessen und wieder lachen kann. Damit ich einfach… alles… vergessen kann."
Er hob den Kelch wieder an den Mund und trank ihn in einem Zug aus, schenkte dann sofort nach. Etwas an Girions Gesichtsausdruck sagte Aldoc, dass es besser war, ihn vorerst in Ruhe zu lassen. Alles vergessen… meint er seine Familie? Er hat sie verloren, als Thal erobert wurde. Vielleicht will er ja vergessen, um den Schmerz loszuwerden. Er ertränkt nicht nur die Erfahrungen des heutigen Tages im Alkohol, sondern auch seine Trauer.
Aldoc stieß sich von dem Pfosten ab und schlenderte über den Platz, an Merry und Pippin und dem Eingang des Vorratsstollens vorüber und zur Straße, die nach Westen führte. Nach einiger Zeit gelangte er an den Rand von Michelbinge, wo er auf der Kuppe eines der höchsten Hügel der Umgebung stehen blieb und in Richtung Turmberge blickte, über die er so oft gewandert war, in Richtung Mithlond, wo er so viele schöne Erinnerungen erworben hatte, in Richtung Tol Eressea und Aman, zwei Orte, die er vermutlich niemals erblicken würde und die doch irgendwo dort draußen waren, jenseits aller Strecken, die er auf seinen Reisen zurücklegen konnte.
Ein seltsames Gefühl ergriff ihn, der sanfte, aber doch hartnäckige Drang, gen Westen zu ziehen, einmal mehr die Grauen Anfurten zu besuchen, das große Meer zu sehen. Der Drang, ein Schiff zu besteigen. Hinfort zu segeln. Sich auf eine ewige Reise zu begeben, ein ewiges Abenteuer, das niemals enden sollte.
Ich kann nicht bleiben, stellte er wieder einmal fest. Ich muss weiter. Er setzte einen Fuß nach vorne. Ich könnte einfach verschwinden. Bis die Anderen es bemerken, bin ich längst über alle Berge. Ich könnte irgendwo von der Straße abweichen, nach Norden oder Süden gehen, nur die Wanderschaft genießen.
Aber das ist es nicht, was ich wirklich will oder? Nicht nur eine Reise. Sondern ein Abenteuer.

"Wo willst du hin, Aldoc?"
Er erkannte diese Stimme sofort. Es war die eine Stimme, die ihn immer verabschiedet hatte, die immer da gewesen war, wenn er erneut aufbrach, die ihn so oft auch erwischt hatte, als er heimlich aufbrechen wollte. Die ihn immer wieder zurückrief. Und die ihn doch nicht halten konnte.
"Im Moment will ich genau dorthin, wo ich schon bin", sagte Aldoc, als er sich umdrehte und Petunia in die Augen sah. "Im Moment kann ich alle Reisen vergessen. Aber nicht lange."
"Ich weiß", sagte sie leise. "Du wirst bald wieder gehen. Und ich kann nicht mit dir kommen, oder? Du wirst mich wieder hier zurücklassen."
"Warum eigentlich?", fragte der junge Abenteurer. "Warum solltest du nicht einfach mitkommen? Ja, komm mit mir. Begleite mich. Bitte, Petunia."
Sie lächelte ihn an, und dieses Lächeln ließ sein Herz schneller schlagen. Doch dann kam die ernüchternde Antwort. "Nein, Aldoc, ich bleibe im Auenland. Bis zur Grenze kann ich dich begleiten, aber dann musst du alleine weiterziehen."
"Warum?"
"Weil du sonst keinen Grund mehr hättest, zurückzukommen."
Das konnte er nicht abstreiten. Und dass Petunia dies erfasst hatte, zeigte, wie gut sie ihn kannte. Er hob den rechten Arm, wo am Handgelenk noch immer das ausgeblichene rote Band befestigt war. "Schätzte, ich muss mein Versprechen auch dieses Mal wieder einhalten. Und zurückkommen."
"Und wohin geht es als nächstes?"
Aldoc zuckte zusammen. Genau diese Frage hatte ihm Reginard auch gestellt. Aber dieses Mal war es nicht sein Vater, der fragte, und die Situation war eine vollkommen andere. "Der Plan ist im Grunde noch immer derselbe. Ich werde Gandalfs Fährte folgen. Die Dúnedain haben gesagt, er und der Sternenbund seien nach Fornost gegangen. Das wäre demnach mein nächstes Ziel. Ich denke, ich werde die Oststraße nach Bree nehmen und dann den Grünweg nach Fornost. Mit Girion als Begleitung sollte das kein Problem darstellen, trotz all der finsteren Gestalten, die sich dieser Tage im Breeland herumtreiben."
"Bree", murmelte Petunia und schien kurz zu überlegen. "Bis dorthin… vielleicht..."
"Willst du jetzt auf einmal doch mitkommen?", fragte Aldoc hoffend. Er wollte sie dabei haben. Wirklich. Er wollte nicht länger nur tagein, tagaus ihr rotes Haarband anstarren. Er wollte sie. Er traute sich nur nicht, es ihr so offen zu sagen. Aber wenn sie mit ihm kam, ihn auf einem seiner Abenteuer begleitete…
Doch Petunia schüttelte den Kopf. "Vielleicht eines Tages, wenn die Ordnung im Auenland wiederhergestellt wurde. Bis dahin will ich helfen, wo ich kann. Hier zuhause."
Aldoc seufzte resigniert. Er hatte niemals jemand anderen darum gebeten, ihn auf einer seiner Reisen zu begleiten. Farodas war damals auf dem Weg von Bruchtal nach Aldburg aus seinen eigenen Gründen und auch als Führer mitgekommen, und Girion hatte ihn nur auf Befehl des Statthalters von Tharbad ins Auenland begleitet, aber Petunia war die Erste, bei der Aldoc selbst darum bat, dass sie mitkam. Und dennoch wollte sie hier bleiben. Sie hatte ihn abgelehnt. So fühlte es sich jedenfalls an.
Gemeinsam kehrten sie zum Platz vor der Stadthöhle zurück, wo Merry und Pippin inzwischen offenbar damit fertig waren, die alten Raketen aus dem Stollen hochzujagen. Sie saßen nun beim Thain im Ralt und grüßten Aldoc und Petunia freudig, als diese sich zu ihnen gesellten. Aldoc erklärte ihnen kurz, dass er im Morgengrauen weiterzuziehen gedachte. Pippin und Merry würden wie Petunia im Auenland bleiben, aber sie boten an, ihn ebenfalls noch bis zur Grenze zu begleiten, zumal sie ohnehin noch etwas in Bockland zu erledigen hatte.
"Wir müssen dort mal nach dem Rechten sehen", erklärte der junge Brandybock. "Meine Heimat ist zwar theoretisch auch wieder frei, aber uns ist zu Ohren gekommen, dass dort wieder vermehrt Strolche gesehen wurden. Die lassen einfach nicht locker. Also werden wir mit zweien der Dúnedain dorthin gehen und jede zwielichtige Gestalt verjagen, die sich in Bockland herumtreibt."
"Dann zieht ihr... also bis Bockland mit... uns und Petunia bis zur Ostgrenze", fasste Girion lallend zusammen. Aldoc fragte sich, wie der Mensch überhaupt noch einen klaren Gedanken fassen konnte, bei der Menge an Wein, die er bereits hinuntergestürzt hatte. Aber vielleicht war es es ja einfach gewohnt. "Auf frohes… nebeneinander… herreiten, meine winzigen Frettchen… äh, Freundchen!"

Ich kenne die Hälfte von euch nicht halb so gut, wie ich es gern möchte, und ich mag weniger als die Hälfte von euch auch nur halb so gern, wie ihr es verdient.
- Bilbo Beutlin -

1. Char Aldoc befindet sich in Bree