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Autor Thema: Das Auenland  (Gelesen 5038 mal)

Azaril

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Re: Das Auenland
« Antwort #15 am: 21. Mai 2016, 19:56 »
"Hier rüber." Aldoc winkte Girion zu sich, der sich ungeschickt durchs Unterholz zu ihm schlich. "Shh… nicht so laut."
"Nicht so…? Wie soll man denn inmitten dieses dichten Gebüsches leise sein, kannst du mir das mal erklä..."
"Zu spät, sie haben uns bemerkt!", rief Pippin in der Nähe. Bereits im nächsten Moment zischten zwei Pfeile durch die Luft, als die beiden Dúnedain, von denen sie begleitet wurden, auf die Süd-Menschen schossen, an deren Lager sich die kleine Gruppe angeschlichen hatte. Auch Aldoc zog die Sehne seines Bogens mit angelegtem Pfeil bis an sein Ohr zurück, zielte auf einen der vollkommen überraschten Strolche und schickte das Geschoss auf eine kurze Reise, die in der Brust des anvisierten Menschen endete, welcher schmerzvoll aufschrie und kraftlos auf die Knie sank.
Dieser Kampf war nicht geplant gewesen.
Eigentlich hatte Aldoc nur nach Bree gehen wollen.
Pippin, Merry, Petunia, Girion, zwei der Dúnedain und der selbst ernannte Abenteurer hatten sich an diesem Morgen in Richtung Bockland aufgemacht, wo der Sohn des Thain und sein Vetter zusammen mit den Waldläufern den Berichten nachgehen wollten, in denen es hieß, die Unterdrücker seien wieder vermehrt nahe der Brandyweinbrücke gesehen worden – auf beiden Seiten des Flusses.
Aldoc und Girion hatten jedoch vorgehabt, bei eben jener Brücke von ihren Gefährten Abschied zu nehmen und weiter nach Bree zu reiten. Bedauerlicherweise hatten die Rüpel gerade am Wegesrand nahe der Brandyweinbrücke ihr Lager aufgeschlagen – der Rauch ihres Feuers war meilenweit zu sehen gewesen, Petunia hatte ihn als erstes bemerkt.
"Es sind sieben." Aldoc hatte sich mit Pippin an das Lager herangeschlichen und den anderen danach Bericht erstattet. "Leicht bewaffnet. Keine Rüstungen, abgesehen von ein paar ledernen Arm- und Beinschienen. Wenn wir es geschickt anstellen, können wir sie überwältigen."
So war es gekommen, dass die kleine Gemeinschaft gewartet hatte, bis die Sonne hinter dem Horizont im Westen versunken war, um dann im Schutze der Dunkelheit das Lager der Feinde zu überfallen und sie zu erledigen. Merry hatte gemeint, es würde reichen, sie nur zu vertreiben, aber Aldoc war der Meinung, es wäre sicherer, sie zu töten.
Er hatte keinen Moment gezögert, mit seinem Bogen einen der Menschen niederzustrecken.
Die Dúnedain legten bereits wieder neue Pfeile auf und Aldoc tat es ihnen gleich, doch das Schussfeld war nun nicht mehr so frei wie zuvor, da Pippin, Merry und Girion nun vor ihren Gefährten standen und sich auf die Strolche warfen, deren Nachtsicht durch das Starren ins Feuer getrübt war. Girion entwaffnete mit einem einzigen, mächtigen Schlag den ersten seiner Gegner und schlitzte ihm dann gnadenlos die Kehle auf. Merry und Pippin gingen gemeinsam den kleinsten der Menschen an und bezwangen ihn durch perfekte Zusammenarbeit. Damit waren fünf erledigt.
Die letzten beiden ließen die Waffen fallen und ergaben sich.
Aber Aldoc richtete den Bogen dennoch auf einen von ihnen. Er wollte gerade die Sehne nach vorne schnellen lassen, als…
"Willst du etwa Unbewaffnete erschießen, die sich ergeben haben?"
Er hielt inne, blieb jedoch schussbereit, und warf Petunia, die neben ihm stand, einen nervösen Seitenblick zu. "Was machst du hier? Du solltest doch..."
"...im Lager bleiben, ja, ja", seufzte das blonde Hobbitmädchen. "Aber dort könnte ich dich nicht davon abhalten, eine Dummheit zu begehen. Du kannst nicht einfach auf diese beiden schie..."
Ihr blieb das Wort im Halse stecken, als die beiden Waldläufer genau das taten, was Aldoc soeben noch vorgehabt hatte. Der Hobbit ließ mit ernstem Blick den Bogen sinken, nachdem die beiden Menschen tot zur Seite gekippt waren, und nahm den Pfeil von der Sehne. Er wusste nicht, was er in diesem Moment zur völlig verdutzten Petunia sagen sollte, deshalb schwieg er einfach und legte die restliche Strecke zum Lager der Feinde zurück, wo der Boden nun mit dem Blut jener getränkt war, die vor nicht einmal zwei Minuten noch fröhlich scherzend um das Feuer in der Mitte gesessen hatten. Girion durchsuchte bereits die Zelte, Aldoc dagegen betrachtete die Leichen genauer.
Diese Männer, stellte er fest, sahen nicht alle wie Schergen Sarumans aus, nicht so fies wie Lutz Farnrich oder so grob und muskulös wie die Dunländer. Es waren keine Menschen aus Süden, wenn er sich nicht täuschte. Sie wirkten eher wie Breeländer. Gewöhnliche Menschen mit Haus und Hof, die mit Krieg nicht viel am Hut hatten. Er beugte sich zu einem von ihnen hinunter und zog dessen Schwert aus der Scheide an der Hüfte. Es war schartig und rostig. Als hätte er es einfach irgendwo aufgesammelt. Sein Blick wanderte zum nächsten. Dieser schien nur ein paar Messer zu besitzen.
"Das waren keine richtigen Krieger", stellte er laut fest, damit auch die Anderen ihn hören konnten.  "Sie machen auf mich den Eindruck von gewöhnlichen Breeländern, die sich Waffen genommen haben, um gegen jemanden zu kämpfen."
"Das würde erklären, warum sie so weit im Norden sind", meinte Girion. "Ich hatte mich schon gewundert, was die Strolche so weit von der Sarnfurt entfernt machen, aber wenn sie aus Bree gekommen sind…"
"Aber was hat sie dann dazu gebracht, in kriegerischer Absicht hierher zu kommen?", fragte Merry.
"Nicht was, sondern wer", entgegnete Aldoc. "Jemand könnte sie aufgehetzt haben. Oder mit verlockenden Versprechungen verführt." Er hob den Kopf in Richtung Osten. "Irgendetwas stimmt hier nicht."
"Mhm", stimmte Girion ihm brummend zu. "Man kann es fast schon riechen. Bist du dir sicher, dass du nach Bree willst?"
"Jetzt mehr denn je", gab Aldoc zurück. "Wir müssen herausfinden, was dort vor sich geht."
"Sie könnten trotzdem von der Sarnfurt gekommen sein", wandte einer der Waldläufer ein. "Und es könnte noch mehr von ihnen in der Nähe geben. Wir müssen wachsam bleiben."
"Das denke ich auch." Pippin steckte sein Schwert weg und kramte in seiner Tasche. "Aber ich brauche jetzt erst einmal einen Zug Alter To… hu? Merry? Hast du etwa mein Pfeifenkraut stibitzt? He, warum rennst du weg? Bleib hier! Gib es mir zurück!"
"Du rauchst zu viel!", rief Meriadoc, während er vor seinem Vetter Reißaus nahm. "Ich will dir doch nur helfen!"
"Helfen, na klar! Ist mir etwa geholfen, wenn ich nachts unruhig umherwandere und in den Fluss stürze, weil du mir mein täglich Pfeifenkraut verwehrt hast? Jetzt bleib endlich stehen!"
"Die beiden ändern sich wohl nie", sagte Petunia mit einem tiefen Seufzer, bevor sie Aldoc einen schwer zu deutenden Blick zuwarf. "Was man von anderen Leuten nicht behaupten kann."
"Was soll das heißen? Dass ich mich geändert habe? Sagst du das, weil ich auf diesen Menschen schießen wollte? Es herrscht Krieg, Petunia!"
"Ja, da hast du wohl recht." Ihr säuerlicher Blick behagte ihm ganz und gar nicht. "Und manch einer denkt anscheinend, im Krieg sei alles erlaubt. Wann hast du verlernt, Gnade zu zeigen, Aldoc? Erst die Sache im Stollen – oh ja, Pippin hat mir davon erzählt! – und jetzt das hier. Ich war so glücklich, als du wieder nach Hause gekommen bist. Aber inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher, ob du tatsächlich zurück bist."
"Ich… ich kann dir nicht einmal widersprechen." Aldoc sah betrübt auf das bleiche Stoffband an seinem Handgelenk hinab. Flüsternd fuhr er fort. "Irgendwo habe ich einen falschen Abzweig genommen, der mich in einen scheinbar ewigen Nebel geführt hat. Ich denke… in den Kerkern von Dunland… vielleicht..."
...vielleicht habe ich dort einen Teil meiner Selbst verloren. Sie hat recht. Ich bin nicht mehr der, der ich einst war. Ich habe mich verändert. Und ich denke, es war dort, während dieser langen Wochen in der Finsternis, eingesperrt mit einem senilen alten Mann und einem Verrückten. Wo endet dieser Pfad, den ich beschreite? Ich weiß es nicht… aber ich habe da ein ganz mieses Gefühl.
"Oh, Aldoc", sagte Petunia leise und schloss ihn in die Arme. "Ich verstehe dich von Tag zu Tag weniger."
Aldoc schloss die Augen und genoss die Umarmung. "Es tut mir leid, Petunia, dass du dir wegen mir solche Sorgen machen musst."
"Es muss dir nicht leidtun. Sorgen macht man sich um die Lebenden. Lieber sorge ich mich also, als dass ich keinen Grund mehr dazu habe."
"Nun denn." Er löste sich aus der Umarmung und lächelte sie forciert an. "Wir sind an der Brandyweinbrücke. Nur noch diese Nacht… im Morgengrauen trennen sich unsere Wege."
"Ja", sagte sie nickend. "Nur noch diese eine Nacht."

Nachdem die kleine Gruppe das Lager der Strolche oder Krieger aus Bree oder was auch immer sie gewesen waren durchsucht und alles Nützliche mitgenommen hatte, begaben sich die Hobbits und Menschen wieder zurück in ihr eigenes Lager, das sie etwas weiter nordwestlich aufgeschlagen hatten.
Am nächsten Morgen nahmen Aldoc und Girion von den Anderen Abschied und zogen weiter gen Osten, in Richtung Bree.
Doch als die Häuser der kleinen Menschenstadt schließlich in Sicht kamen, beschlich Aldoc das ungute Gefühl, dass er Petunia nie wieder sehen würde.

Aldoc und Girion nach Bree
« Letzte Änderung: 22. Jun 2016, 18:28 von Azaril »

Ich kenne die Hälfte von euch nicht halb so gut, wie ich es gern möchte, und ich mag weniger als die Hälfte von euch auch nur halb so gern, wie ihr es verdient.
- Bilbo Beutlin -

1. Char Aldoc befindet sich in Bree