16. Dez 2017, 00:33 Hallo Gast.
Willkommen Gast. Bitte einloggen oder registrieren. Haben Sie Ihre Aktivierungs E-Mail übersehen?

Einloggen mit Benutzername, Passwort und Sitzungslänge


Select Boards:
 
Language:
 

News:



Autor Thema: Südliches Rhovanion  (Gelesen 517 mal)

Offline Fine

  • Moderator
  • Eroberer Osgiliaths
  • ***
  • Beiträge: 1.761
  • Ich hab da ein ganz mieses Gefühl bei der Sache...
Südliches Rhovanion
« am: 19. Sep 2016, 10:51 »
Cyneric mit Erkenbrands Reitern von Dol Guldur


Die vier Reiter kamen auf den offenen Ebenen Rhovanions gut voran seitdem sie den Düsterwald hinter sich gelassen hatten. Zwei Tage waren sie bereits unterwegs und hatten sich inzwischen geradewegs nach Osten gewandt. Die Landschaft, die an Cyneric vorbeizog, gefiel ihm: Weitläufige Landstriche mit vereinzelten Bäumen, Felsen und Gestrüpp, viel Platz für Ross und Reiter, der Boden von einer gelblichen Schicht niedrigem Gras bedeckt. Es war ein Land, nicht unähnlich der Riddermark, in der Pferde viel Auslauf finden würden. Doch sie fanden kein Anzeichen von Bewohnern. Das alte Königreich Rhovanion, das vor über tausend Jahren in diesem Gebiet bestanden hatte, war längst in Vergessenheit geraten und jegliche Spuren darauf waren von den Wogen der Zeit davongespült worden. Die Nachfahren der Nordmenschen, die hier einst gelebt hatten, wohnten nun im Tal des Anduin, im Königreich Thal und in Rohan.

Sie sprachen wenig. Ihr Auftrag war klar, ihr Ziel einfach: Nach Osten, immer weiter nach Osten. Es kam Cyneric so vor, als ob die Ereignisse bei Dol Guldur eine Art Reaktionsprozess bei den Mächten des Schattens eingeleitet hätten, der einige Zeit dauerte, bis er zu einem Ergebnis führte. Mordor, südlich von ihnen gelegen, war in Nachsinnen versunken; zweifelnd und abwägend im Angesicht des Verlusts dieser wichtigen Festung. Cyneric fragte sich ebenfalls, zu welchen Ereignissen die Lage, die der Feldzug verursacht hatte, nun führen würde. Saruman und sein Heer, unterstützt von den Elben des Waldlandreiches, zogen nordwärts, um Thranduils Hallen zu befreien. Er war sich nicht sicher, ob dies weise war, denn Mordors Rache würde sicherlich von Süden, vom Schwarzen Land aus erfolgen. Hätte Saruman dies nicht bedenken sollen und wachsam in Richtung der Braunen Lande blicken sollen?

Auch von der Lage in Thal und am Erebor hatte Cyneric im Heerlager Gerüchte gehört. Khamûl und sein Heer aus Ostlingen hielten Stadt, See und Berg besetzt und verfügten über starke Streitkräfte. Würden sie sich Saruman nicht in den Weg stellen wenn er nordwärts marschierte? Würden das Waldlandreich und der Lange See dann nicht in einem offenen Krieg verwüstet werden? Er wusste es nicht. Da er auf der ereignislosen Reise viel Zeit zum Nachdenken hatte, stellte er sich viele solche Fragen, doch Antworten fand er keine. Es war ermüdend.

Am dritten Tag ihres Ritts gen Osten kamen sie in ein Gebiet, in dem das Land hügeliger wurde. Bäume wurden noch seltener, dafür gab es mehr Felsen. Der Grasbewuchs am Boden wurde weniger dicht und war stellenweise von niedrig wachsenden Sträuchern verdrängt worden. Am Mittag kamen sie an eine Stelle, an der zu ihrer Linken eine steile, ungefähr sieben Meter hohe Felswand aufragte und angenehmen Schatten spendete. Sie beschlossen, hier eine Pause einzulegen und die drückende Mittagshitze abzuwarten. Die Reiter zügelten ihre Pferde und hielten an. Ein Feuer wagten sie nicht zu entfachen, da der Rauch meilenweit zu sehen wäre. So lehnten sie sich mit dem Rücken gegen die Klippe und genossen den Augenblick der Ruhe. Sie alle waren von der Hitze schläfrig gemacht worden und ihre Wachsamkeit schwand.
Ich will bloß einen Moment der Sonne entfliehen, dachte Cyneric und schloss träge die Augen.

Ein Schatten legte sich auf sein Gesicht und er fuhr hoch, die Hand am Schwertgriff. Abrupt hielt er inne als er eine kalte Klinge an seinem Hals spürte.
"Du solltest jetzt besser keine hastigen Bewegungen machen," sagte eine fremde Stimme. Er blickte hoch, an der Klinge entlang, in das Gesicht einer ihm unbekannten Frau. Ihre dunkelblonden Haare waren erstaunlich kurz, sie fielen ihr nur bis auf Höhe ihres Halses an beiden Seiten ihres Kopfes herab. Ihre Hautfarbe war die eines Menschen aus dem Osten, vielleicht sogar ein wenig dunkler als gewöhnlich. Ihre grünen Augen fixierten seine und ihr Mund verzog sich zu einem geheimnisvollen Lächeln.
"Nun, was haben wir hier? Vier Reiter, die sich vor der Sonne verstecken? Ihr seid nicht von hier, nicht wahr?" sagte die Frau mit einem amüsierten Klang in der Stimme.
Aus den Augenwinkeln konnte Cyneric sehen, dass seine Gefährten von Ostlingen mit gezogenen Klingen umstellt waren. Auch sie waren überrascht worden.
"Also gut, mal sehen," fuhr die Anführerin fort. "Ihr kommt von Dol Guldur, keine Frage. Das heißt, ihr seid wohl Späher des West-Heeres. Wahrscheinlich habt ihr die Hitze unterschätzt. Das passiert vielen, die zum ersten Mal in Rhûn sind." Sie schien Gefallen daran zu finden, die Wahrheit zu erraten anstatt die Reiter zu verhören. Cyneric verwirrte das.
"Bis Gortharia ist es noch weit. Ihr habt noch nicht einmal die Hälfte des Weges hinter euch. Ihr wollt doch nach Gortharia, nicht wahr? In die Königshauptstadt des großen Reiches von Rhûn? Um herauszufinden ob nach dem Sieg bei Dol Guldur Gefahr für den Westen besteht?" sagte die seltsame Frau.
"Wer seid Ihr?" brachte Cyneric endlich hervor.
"Oh! Wie unhöflich von mir. Ich habe mich gar nicht vorgestellt. Ich bin Ryltha. Die Namen meiner Freunde hier sind unwichtig. Ihr habt großes Glück, dass wir euch getroffen haben. Es hätten ja auch Diener Khamûls sein können!" Sie lachte einen kurzen Augenblick in sich hinein, ein wundersames Geräusch in diesem leeren Land. Dann nahm sie die Klinge von Cynerics Hals. "Steh' auf. Wir sind nicht eure Feinde. Ganz im Gegenteil - wir werden euch helfen."

Die Reiter Rohans erhoben sich, Zweifel und Misstrauen im Gesicht. Doch die Ostlinge waren in der Überzahl, weshalb niemand zu den Waffen griff.
"Was geschieht jetzt?" fragte Cyneric.
Ryltha lächelte erneut. "Wir werden euch nach Gortharia bringen - ungesehen - und euch bei der Erfüllung eures Auftrages helfen. Vorausgesetzt, ihr helft uns ebenfalls."
"Haben wir denn eine Wahl?" wollte einer der Reiter wissen.
"Nicht wirklich!" gab Ryltha zurück und grinste. Ihre Begleiter stimmten in ihr Gelächter mit ein. "Doch spart euch die Fragen für später auf. Wir werden euch beizeiten alles erklären. Nun aber sollten wir losreiten!"

Wenige Augenblicke später saßen sie auf und ritten los, denn auch Ryltha und die übrigen Ostlinge hatten Pferde mitgebracht. Ostwärts ging es, über die felsige Ebene, in Richtung Gortharia, der Hauptstadt des Königreiches von Rhûn.

Offline Fine

  • Moderator
  • Eroberer Osgiliaths
  • ***
  • Beiträge: 1.761
  • Ich hab da ein ganz mieses Gefühl bei der Sache...
Die Grenze zwischen West und Ost
« Antwort #1 am: 21. Sep 2016, 16:08 »
Zwar nahm Ryltha niemals das Wort "Gefangene" in den Mund, doch Cyneric und den übrigen Reiter war klar, dass sie effektiv genau das waren. Die Ostlinge ließen sie nicht aus dem Augen; selbst nachts blieben einige von ihnen wach, was es den Rohirrim ersparte, selbst eine Wache aufzustellen. Ihre Reise führte sie auf geradem Weg weiter nach Osten. Das Land wurde trockener und weniger bewachsen je weiter sie kamen. Felsen wechselten sich mit kleinen, braunen Sträuchern ab, Bäume sahen sie nahezu keine mehr. Sie kamen nun an den äußeren Rand Rhovanions und würden bald den sagenumwobenen Osten Mittelerdes betreten.

Ryltha hatte zwei Tage lang nur das Nötigste mit den Rohirrim gesprochen und auf Fragen nicht reagiert, außer mit dem sich immer wiederholenden Satz: "Wenn die Zeit reif ist wird alles klar werden."
Am dritten Tag seit dem Treffen im Niemandsland Rhovanions schließlich zügelte sie die Geschwindigkeit der Gruppe zu einem entspannten Trab der die Pferde schonte. Ryltha ließ ihr Ross neben Rynescead hergehen und wandte sich an Cyneric.
"Ihr habt nun gesehen dass die Lande bis zur Grenze Rhûns frei von Feinden sind. Ich denke es wird Zeit für deine Freunde, nach Hause zu gehen. Bei den Aufgaben, die vor uns liegen, werden sie uns sowieso nicht helfen können oder wollen."
"Augenblick mal," warf Cyneric ein. "Was habt Ihr überhaut vor?" Er verstand nicht, was die Frau eigentlich von ihnen wollte, und noch weniger, warum sie ihnen zu helfen schien.
"Nun, letzten Endes will ich, beziehungsweise mein Orden, das Gleichgewicht in Rhûn wiederherstellen, das von Khamûl gestört wurde," antwortete Ryltha geheimnisvoll. "Aber bis zu diesem Ziel ist der Weg noch weit. Deine Rolle in dem Ganzen wird wahrscheinlich nur klein bleiben, aber wer weiß, was das Schicksal für Überraschungen für dich bereit hält?" Sie lachte glockenhell, eine Eigenart, die Cyneric in den vergangenen Tagen bereits mehrfach erlebt hatte.
"Ich werde dir bei deinem Auftrag helfen, keine Sorge. Doch ich brauche ebenfalls Hilfe, und zwar von jemandem, der in Gortharia fremd ist. Ein unbekanntes Gesicht, eine leere Seite, ein unbeschriebenes Blatt. Und siehe da, wie zufällig laufen mir vier Reiter von Rohan in die Arme! Mêríl lässt ihre Diener nicht im Stich."
"Mêríl?" fragte Cyneric.
Ryltha zwinkerte ihm zu. "Ein andermal," tat sie die Frage ab. "Die Aufgabe, die vor dir liegt, wird einfach sein, aber eine gute Portion Mut erfordern. Ich bin mir sicher, dass du es schaffen wirst."
"Was werde ich tun müssen?"
"Nichts, was du nicht mit deinem Gewissen vereinbaren kannst," sagte Ryltha und lächelte. "Etwas, das deine Tochter stolz machen würde."
Cyneric starrte die Frau entgeistert an. Woher...?
"Jetzt sieh mich nicht an als wäre ich eine Art Zauberer," meinte sie. "Ich bin's nicht. Doch ich und meine Schwestern wissen über viele Dinge Bescheid, auch wenn sie zunächst nicht besonders wichtig erscheinen. Wenn es dir ein Anreiz ist, erzähle ich dir mehr über das Schicksal deiner vorlauten Tochter - aber nur, wenn du dich meinem Auftrag verpflichtest."
Er konnte solch ein Angebot nicht ausschlagen, auch wenn alle sorgfältig unterdrückten Gedanken an die schmerzhafte Vergangenheit damit unweigerlich wieder an die Oberfläche geraten würden. Obwohl er Ryltha erst seit wenigen Tagen kannte sagte ihm sein Herz, dass sie die Wahrheit sprach. Cyneric nickte - zu Worten war er gerade nicht imstande.
"Gute Entscheidung, Cyneric," sagte Ryltha. "Du wirst sehen, unsere Zusammenarbeit wird dir gut tun." Sie hob die Hand und ließ die Reiter anhalten.

Eine halbe Stunde lang schärfte sie den Reitern Erkenbrands alles ein, was sie über die Stärke der Armee Rhûns wusste, was überraschend viel war ("Ich bin eine ranghohe Offizierin und Veteranin des Erebor-Feldzugs, was habt ihr erwartet?") und machte ihnen klar, dass ihrer Meinung nach fürs Erste für Rohan kein direkter Angriff aus Rhûn zu befürchten sei.
"Reitet heim und berichtet eurem Herrn! Euer Auftrag wird erfüllt sein. Sagt ihm, dass Cyneric noch ein Weilchen in Rhûn bleiben wird," befahl Ryltha den Rohirrim, welche nicht allzu glücklich darüber waren, schließlich jedoch ihre Pferde gen Westen wendeten und davonpreschten.

"Das wäre erledigt," stellte sie zufrieden fest. "Jetzt sollten wir uns ebenfalls auf den Weg machen."
"Ich habe noch so viele Fragen," sagte Cyneric, während ihre Rösser erneut in Trab verfielen.
"Du musst Geduld haben," gab Ryltha zurück. "Zuerst muss ich dir einiges erklären, also hör' gut zu. Es ist nicht mehr weit bis zur Grenze," begann sie. "Wir kommen ins Fürstentum Gorak, dem westlichsten Vorposten des gortharischen Reiches. Der dortige Fürst wurde, wie die anderen auch, vom neuen König eingesetzt und ist ihm (und damit Khamûl und Mordor) absolut loyal. Es wird daher nun Zeit, dass wir dafür sorgen, dass du weniger auffällst."
Sie winkte einen ihrer Untergebenen herbei, der seinen Satteltaschen einen weiten, graue Umhang entnahm und an Cyneric weiterreichte.
"Diese Art von Umhängen werden weder Kälte noch Regen abhalten, aber vielleicht neugierige Blicke. Sie sind weit und dünn und du kannst ihn problemlos über deiner rohirrischen Ausrüstung tragen ohne zu schwitzen. Den Helm solltest du aber ablegen."
Er tat wie geheißen und kleidete sich in den Umhang, der Rücken und auch den größeren Teil des Oberkörpers verdeckte. Schon sah er nicht mehr eindeutig nach einem Reiter von Rohan aus, sondern nach einem einfachen Reisenden, wie man sie in nahezu jedem Winkel Mittelerdes antreffen konnte.
"Das ist schon sehr viel besser," sagte Ryltha. "Nun zur Sprache. In Rhûn gibt es so viele Völker wie Blätter im Wald und genauso viele Sprachen und Dialekte." Sie übertrieb natürlich. "Zwar ist seit einigen Jahren die Sprache der Gortharier für den offiziellen Umgang vorgesehen, aber das Ganze setzt sich gerade beim einfachen Volk nur langsam durch. Die Gemeinsame Sprache des Westens hat den Vorteil, dass sie sehr leicht zu erlernen ist, weshalb sie fast jeder spricht. Du wirst dadurch also nicht auffallen. Deinem Akzent nach können wir behaupten dass ihr aus dem Norden stammt, zum Beispiel aus Riavod. Rede aber trotzdem nur so wenig wie möglich. Am besten überlässt du das Reden ganz mir."
"Meine Tochter, was ist mir ihr?" setzte Cyneric an. "Du scheinst über sie Bescheid zu wissen."
"Sie lebt," antwortete Ryltha. "Alles weitere wirst du erfahren, wenn du tust, was ich dir auftrage."
Und mehr sagte sie an diesem Tag nicht. Voller Fragen und mit gemischten Gefühlen folgte Cyneric der geheimnisvollen Frau über die Grenze nach Rhûn hinein.


Cyneric und Ryltha in die Gebiete westlich des Meeres von Rhûn
« Letzte Änderung: 2. Okt 2016, 16:04 von Fine »

Offline Eru

  • Elbischer Pilger
  • **
  • Beiträge: 192
Die Schwarze Rose
« Antwort #2 am: 1. Okt 2016, 22:42 »
Aivari in Begleitung Kazimirs, des Ostlings, aus den Braunen Landen...


Ein durchrittener Tag und eine weitere Nacht in einem provisorischen Versteck unter einem der wenigen Bäume dieser Lande waren dahingeflogen. Es war Zwielicht: Die kühle Morgendämmerung nahte und graue Nebel umwogten den Zwerg und den Ostling, der sich später mit dem Namen Kazimir vorgestellt hatte. Wenn die Sonne aufgegangen war, würden sich ihre Wege wieder trennen. Der Ostling war nach wie vor von seinem Plan nach Rohan oder Gondor weiterzuziehen überzeugt. Aivari hatte aber auch nicht das Bedürfnis ihn zu etwas anderem zu bewegen. Nicht dass er einen Führer in den Landen im Osten nicht gebrauchen konnte – ganz im Gegenteil, doch er verstand die Beweggründe des Mannes und würde ihn in seinem Bestreben nicht aufhalten.

In diesem Augenblick erklang aus der Ferne des Nebels nahebei ein Horn. Es zerriss das konturlose Zwielicht wie eine scharfe Klinge einen Schleier aus Stoff.
Schwarze Gestalten erschienen schemenhaft im nebulösen Weiß um sie herum. Auf dem grasbewachsenen Boden hörte man Hufgetrappel, das sich zu Galopp steigerte und im Halbdunkel dahinhämmerte. Schreiende Stimmen und rennende Füße hallten über das weite leere Land. Schwarze Reiter durchbrachen die Nebelwand und umkreisten Aivari und Kazimir, der durch den plötzlichen Lärm ebenfalls aufgesprungen war.

Einen Augenblick überlegte der Zwerg seine Kampfbeile vom Gürtel zu nehmen, doch er erkannte die aussichtlose Situation rasch genug. Bogenschützen und Speerträger in fremder Kleidung kamen auf sie zu und umzingelten sie. Ihre Geischter waren von unbekannten Masken und verzierten Helmen verhüllt.

»Was treibt einen Zwerg und einen Mann unseres Volkes in diese verlassenen Lande?«, ertönte die gedämpfte Stimme eines Mannes unter einem fremdartig geformtem Helm, der mit seinem schwarzen Pferd unmittelbar vor ihnen zum Halt gekommen war. Das Tier schnaubte wenige Handlängen über Aivaris Gesicht entfernt aus den Nüstern, wobei die Luft zu Dampf wurde. Aivari verzog das Gesicht, Kazimir griff zu seinem Schwert, obwohl seine Wunden von dem Unfall des vergangenen Tages seine Bewegungen behäbig wirken ließen.

»Mich sollt ihr lebend nicht zurückbringen in das vom Dunkel befallene Land, das ich einst meine Heimat nannte.«, rief er und hielt dabei den Griff seines Schwertes fest in der Hand, die Klinge auf die Fremden gerichtet. »Lieber sterbe ich hier und heute in Freiheit.«

Sein burgunderfarbenes Gewand war noch zerfetzt, sein Haar zersträubt. Bedrohlich würde er auf den Anderen wohl nicht wirken. Aivari schaute ihn überrascht an. Offenbar hielt er die Fremden für Soldaten des Feindes, und das war auch Aivaris erster Schluss gewesen. Doch die Verbissenheit Kazimirs erstaunte ihn dennoch.
Durch den Helm des Reiters waren nur die Augen zu erkennen, die von Zweifel zeugten, als der Reiter seinen Kopf stutzig zurückzog.

»Das ist nicht unsere Absicht.«
Er zog den Helm vom Kopf und enthüllte damit seine mit Gold durchwirkten Haarflechten und ein braunes Gesicht mit gleichmäßigen Zügen.
»Die Schwarze Rose sendet ihre Grüße.«
Kazimir ließ sogleich das Schwert sinken und blieb einen Moment mit verdutztem Ausdruck stehen. Aivari tat es ihm gleich.
»Ich dachte die Schwarze Rose sei eine Legende.«, erwiderte Kazimir schließlich. »Ein Märchen um uns einfache Menschen das Leid vergessen zu machen und zu hoffen, dass eines Tages alles anders werde. Doch wieso tragt ihr die Rüstungen der königlichen Soldaten?«

»Wir haben uns im Auftrag Ulfangs seit einigen Tagen in den östlichsten Ausläufern des Elbenwaldes versteckt gehalten.« Als der berittene Ostling sprach, offenbarten nun auch einige der anderen Umstehenden ihre verhüllten Gesichter. Es waren dem Aussehen nach allesamt Menschen des Ostens.
»Als ein versprengter Trupp der nach Dol Guldur ausgesandten Soldaten den Wald Richtung Osten und dann nach Norden zum Zwergenberg verlassen wollte, sahen wir die Gunst der Stunde gekommen und überfielen sie im Hinterhalt. Wir ließen keinen am Leben und nahmen uns ihre Rüstungen, Waffen, Pferde und Streitwagen. Unser Ziel ist die Infiltration der königlichen Armee am Erebor, um unsere Leute in Gortharia über deren Pläne zu unterrichten. Wir sind auf dem Weg nach Nordosten zur alten Menschenstadt.«

»Und ich floh vor dem Zwangseinzug in ebenjene Armee, denn mein Leben geben wollte ich für den Thronräuber Goran nicht.« Kazimir, offenbar durch die Offenheit des Fremden ermutigt, steckte sein Schwert zurück in die Scheide.
»Dann geht es euch wie vielen in unserer Heimat. Mein Name ist Milan, Dervans Sohn,  und das sind meine Leute.« Mit einem Schwenk mit dem Arm deutete er auf die umstehenden Menschen, von denen etwa ein Dutzend dort waren, Männer wie Frauen.
»Kazimir, Kastans Sohn.« erwiderte ebenjener. »Und das ist Aivari Stormborinn, Narvaris Sohn, einer von den Zwergen aus den Eisenbergen.«
»Wie kamt Ihr in den Besitz dieses Schwertes, Milan, Dervans Sohn?«, mischte sich nun Aivari ein, der mit forscher Stimme und finstrem Blick sprach und auf die schwarze Klinge deutete, die an Milans Gürtel hing. Dieser schaute zunächst an sich herab, als müsse er selbst erst einmal überprüfen, wovon der Zwerg sprach.

»Kennt ihr diese Klinge etwa?«, warf Milan ein.
»Ein gutes Schwert, ohne Zweifel. Scharf und tödlich und doch leicht und flink.«, sprach er, stieg von seinem Ross ab und machte eine Handbewegung zu einem seiner Männer, der aus den hinteren Reihen eine weitere Person, in Rüstung der Riddermark, an Händen gefesselt und mit einer schwarzen Stoffbinde um die Augen, in den Kreis holte. Ein zweiter Ostling musste einschreiten und die Person festhalten, die sich vehement wehrte.

Aivari hatte längst erkannt, dass es sich um Inari handelte. Das schwarze, lange Haar fiel ihr über die Schultern, den Helm der Rohirrim trug sie nicht mehr. Die Rüstung war deutlich zerschlissener als er sie in Erinnerung hatte. Er versuchte seine Erleichterung zu verbergen.
»Ich habe das Schwert dieser Frau abgenommen, die wir unweit der feindlichen Soldaten am Waldesrand aufgriffen. Zwar trug sie diese Gewänder aus dem Land der Pferdeherren im Westen, doch das Abzeichen auf ihrem Arm brandmarkt sie als Anhängerin des Thronräubers Goran.«
Er deutete auf ein gebogenes, rautenartiges Symbol mit einem Kreis und einem Punkt in der Mitte, das auf eine Stelle an ihrem Oberarm in die Haut eingebrannt war, der freigeschnitten war.

»Wir haben über ihr Schicksal noch nicht abschließend entschieden. Einige waren dagegen sie sofort zu erschlagen, wie den Rest der Gefolgsleute Gorans. Doch wir werden uns ihrer noch entledigen, bevor wir im Norden eintreffen, um keine unnötige Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen.«

Aivari trat an sie heran und schob ihr das Tuch von den Augen. Als sie ihn erkannte, wurden ihre Augen größer und huschten zwischen den seinen hin und her. Unter ihrem zerzausten Haar wurde ihr Blick langsam ruhiger und sie senkte den Kopf wie voller Schuldgefühl.

»Aivari.«, sagte sie. »Es tut mir leid.«
Der Zwerg konnte sein Erstaunen nicht verbergen, als er sie sprechen hörte. Mit weit aufgerissenen Augen sah er verwundert in Inaris Gesicht, als erkenne er sie nicht wieder.
»Du...« Schnell überkam ihn Befremden und Verwirrung gleichermaßen. Er musste einen Schritt zurücktreten, um nicht rücklings umzufallen.
»Ja, ich spreche die Westron-Sprache.«, erwiderte sie. »Und es hat mich gequält dir nicht die Wahrheit sagen zu können, doch meine Pläne in meine Heimat zurückzukehren konnte ich nicht gefährden, indem ich meine Tarnung aufgab.«
»Aber dein Schweigen hat dich in unnötige Schwierigkeiten gebracht. Ein Wort und du hättest deine Freiheit wiedererlangt.«, entgegnete der Zwerg verwirrt.
»Hätte ich das? Oder hätte man mir nur noch mehr Fragen gestellt, die ich mit Lügen hätte beantworten müssen? Die Lage war ungewiss und Schweigen schien mir die bessere Lösung, auch wenn ich damit erneute Gefangenschaft riskierte. Doch sicher ist, dass ich dank deiner Hilfe diesen Umständen entgangen bin.«

»Sie behauptet keine Getreue des Thronräubers zu sein.«, unterbrach Milan. »Als Sklavin sei sie in die Kriegspflicht unter Goran verkauft worden. Lügen, um ihren Kopf zu retten, wenn Ihr mich fragt. Sie alle tragen dieses Symbol als Zeichen der Ehrerbietung.« Milan zeigte erneut auf das Abzeichen an ihrem Arm.
Inari schrie ihm daraufhin ein paar offensichtlich anfeindende Worte in der fremden Sprache entgegen, die Aivari schon in den Kerkern der dunklen Festung vernommen hatte.
Als einer der nebenstehenden Männer Inari einen Tritt in die Kniekehle versetzte und sie zu Boden ging, schritt Aivari ein.
»Haltet ein! Ich bürge erneut für diese Frau, wie ich es schon vor den Männern der Riddermark getan habe. Ich fand sie in schlechtem Zustand in zerschlissenen Kleidern in den Kerkern der Feste des Feindes. Selbst wenn sie einst ein Teil des Feindes gewesen sein soll, dann hat sie auf unsere Seite gefunden. Lasst sie ziehen und sie wird nicht länger eure Sorge sein.«
Milan runzelte einen Augenblick die Stirn, dann verdrehte er die Augen und nickte schließlich.
»Ich verstehe Euer Interesse an ihr nicht, Aivari, Narvaris Sohn. Ich gehe ein großes Wagnis ein, wenn sie sich letztlich als Getreue des Usurpators herausstellt und unsere Absichten enthüllt.«
»Ich gebe euch mein Wort, so wahr ich hier stehe und bei dem großen Herrn Aule und allem was mir noch heilig ist auf dieser Erde.«
Aivari stand mit breiter Brust und hielt dem Blick des Ostlings stand. Inari schwieg, doch vermutete der Zwerg, dass sie Milan ihre Geschichte schon oft genug selbst erzählt hatte.
Ein Augenblick verging noch, bis Milan seufzte und bereits wieder auf sein Pferd stieg.
»Wir sind nicht hier um Feinden unseres Feindes Schaden zuzufügen. Nehmt sie, wenn Ihr es wünscht, aber gebt Acht auf Euch. Und behaltet sie lieber im Auge.«

Mit einem beherzten Hieb durchtrennte einer der Ostlinge, nachdem er sich bei Milan des Befehls noch einmal versichert hatte, die Fesseln Inaris. Sofort machte sie ein paar humpelnde Schritte in Richtung Aivaris und Kazimirs.

»Und die schwarze Klinge, die den Namen Azanul trägt.«, bemerkte Aivari noch und wies auf das Schwert am Gürtel des Mannes. »Sie ist mein. Ich erhebe weiterhin Anspruch darauf.«
»Für das Mädchen werde ich sie behalten, wenn es euch kein großer Verlust ist.«, erwiderte Milan und schaute sich die Klinge noch einmal an. Nichts spiegelte sich in ihrer mattschwarzen Oberfläche, die alles Licht zu verschlingen schien.
»Ich bezweifle, dass ihr den Fluch auf euch ziehen möchtet, der an dieser Waffe haftet. Verhängnis und Unheil bringt sie jedem ihrer Träger und auch Ihr werdet nicht verschont bleiben.«
Milan rümpfte die Nase und warf dem Zwerg einen argwöhnischen Blick zu. Dieser sah mit ernster Mine zurück. Der Aberglaube triumphierte schließlich.

»Dann nehmt sie zurück«, erwiderte er ächzend, löste die Klinge von seinem Gürtel und reichte sie dem Zwerg von seinem Pferd aus. »Ein alter Zwergenfluch ist das Letzte, dessen wir in diesen Tagen bedürfen.«

So setzte er sich wieder seinen metallenen Helm auf, rückte ihn gerade und gab den Aufbruchbefehl.

»Habt Dank Milan, Dervans Sohn.«, entgegnete Aivari.

»Uns allen tut Eile not, denn der Thronräuber weitet seine Macht mit jeder Stunde aus«, sagte Milan. »Meine Leute brennen darauf, fortzureiten. Und überdies, als Zeichen unseres guten Willens, nehmt eines unserer überzähligen Pferde zu dem eurigen hinzu. Selbst eines der kräftigen Rösser Rhûns dürfte zu wenig für euch drei sein.«

Ein großes dunkelgraues Pferd wurde Aivari gebracht, und er bestieg es hinter Inari, welche die Zügel in die Hand nahm.
»Radko heißt es«, sagte Milan. »Möge es Euch gut tragen und einem besseren Geschick entgegen als seinem letzten Herrn!«

Kazimir bestieg wieder sein Pferd Aila, mit dem sie hergekommen waren und das während der Gespräche wie immer unbeschwert gegrast hatte. Es war offenbar nur sehr schwer aus der Ruhe zu bringen.

»Lebt wohl, und möget ihr finden, was ihr sucht!«, rief Milan, als sie sich langsam trennten.
»Möget ihr auf sicheren Pfaden reiten, Milan. Und mögen unsere Schwerter eines Tages gemeinsam blitzen!«, entgegnete Kazimir und Aivari gab ebenfalls einen Abschiedsgruß. Nur Inari hielt sich bedeckt, denn sie würde ihre rüde Behandlung nicht leichtfertig vergessen.

»Es ist noch ein weiter Weg bis in die westlichsten Gebiete Rhûns.«, sprach Kazimir schließlich an Inari und Aivari gewandt. »Ich werde euch noch bis dorthin begleiten, denn ohne Euer Eingreifen wäre ich nun nicht hier, Aivari. Der Weg ist rau und von Ödnis geprägt und meine Vorräte werden von Nutzen sein.«
»Ihr habt euch durch mein Handeln keine Bürde auferlegt, Kazimir.«, erwiderte Aivari. »Trotzdem ist euch mein Dank weiterhin gewiss, wenn ihr uns noch ein Stück des Weges begleiten wollt.«
Der Ostling nickte zustimmend und preschte mit Aila voran.

Als die Reiter lange im Morgennebel verschwunden waren und auch die drei ungewöhnlichen Gefährten sich auf ihren Weg begeben hatten, ergriff Inari das Wort als Kazimir ein paar Pferdelängen vorausritt. Ihre Stimme klang im Westron noch immer ungewohnt.

»Ich kann unmöglich von dir verlangen mich zu begleiten, Aivari. Zweimal hast du mich nun schon gerettet und ein weiteres Mal würde meine Schuld dir gegenüber untragbar machen.«
»Dann bist jetzt besser du an der Reihe.«, erwiderte der Zwerg und lachte. Als er bemerkte, dass Inari es sehr ernst meinte, fügte er hinzu:
»Inari, wenn Aule noch eine Bestimmung für mich in dieser Welt hat, dann ist es nun jene, dir auf deinem Weg zu helfen, denn meine Lebensschuld dir gegenüber ist noch immer nicht von mir genommen. Anderswo kann ich nichts mehr tun als mich meinem Schicksal zu ergeben, zu diesem Schluss bin ich gekommen.«
Inari nickte und gab zu erkennen, dass sie seinen Entschluss achten würde und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, auch wenn seine Worte sie einen Moment betrübten, denn sie waren in ihrer Tiefe doch von Trauer und sie fühlte offenbar mit ihm.
»Wenn das dein Wunsch ist, will ich ihm entsprechen. Dann lass mich dir mehr über meine Absichten erzählen, mein Freund.«
...


Weiter in den Gebieten westlich des Meeres von Rhûn...
« Letzte Änderung: 15. Okt 2016, 21:06 von Eru »