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Autor Thema: Im Untergrund von Gortharia  (Gelesen 1231 mal)

Fine

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Im Untergrund von Gortharia
« am: 25. Okt 2016, 11:22 »
Cyneric und Ryltha von Königspalast


Am Ende seiner Wachschicht, die bis zum späten Nachmittag gedauert hatte war Ryltha (nun wieder gehüllt in ihre Soldatenrüstung) am großen Tor aufgetaucht und hatte Cyneric mitgenommen.
"Es gibt da etwas, das ich dir zeigen möchte. Sozusagen als Dank für deine Dienste gestern Nacht," hatte sie geflüstert.
"Sozusagen?" hatte sich Cyneric gewundert.
"Es geht nicht nur um Dankbarkeit, sondern die Sache hat auch noch ein paar mehr Gründe," hatte Ryltha geheimnisvoll geantwortet. "Komm. Hier entlang."
Sie hatte ihn durch die Straßen geführt, zuerst auf den breiten Wegen des Palastviertels, doch schon bald durch kleinere, verschlungene Gassen, bis sie an eine unscheinbar wirkende Tür gekommen waren. Ryltha hatte einen kleinen Schlüssel gezückt und die Tür aufgeschlossen. Drinnen waren sie in einen kleinen Raum gekommen, in dem es nichts außer einer nach unten führenden Treppe zu geben schien.

Ryltha entzündete eine Fackel, die in einer Halterung an der Wand hing und stieg die Stufen hinunter.
"Willkommen im Untergrund von Gortharia," sagte sie lächelnd und bedeutete Cyneric, ihr zu folgen. Zunächst ging es eine Zeit lang durch gemauerte Gänge, in denen es viele Abzweigungen gab, doch Ryltha schien den Weg genau zu kennen. An den Wänden waren fremde Zeichen angebracht, die denjenigen, die den Sinn dahinter verstanden, offenbar den Weg durch dieses Labyrinth unterhalb der Stadt weisen konnten. Je weiter sie gingen desto abwechslungsreicher wurden die Gänge: Mal waren sie enger, mal waren sie weiter; mal bestanden die Wände aus Felsen, mal aus Mauerwerk oder sogar aus festgetretener Erde; mal ging es aufwärts, bald wieder abwärts; und noch immer kamen sie an unzähligen Abzweigungen vorbei. Die Katakomben kamen Cyneric schier endlos vor.
"Wo gehen wir hin?" wagte er zu fragen als sie eine in den Felsen gehauene Wendeltreppe erreichten und Ryltha mit dem Abstieg begann.
"Du wirst es sehen, Cyneric. Hab' Geduld. Es wird sich lohnen," gab sie zurück ohne weitere Details zu verraten.

Am Ende der Wendeltreppe kamen sie in einen dunklen Gang, der nur vom flackernden Licht von Rylthas Fackel erhellt wurde. Hier unten war es merklich kühler als in den oberen Ebenen, und seltsamerweise schien ein kalter Windhauch in der Luft zu liegen. Cyneric zog seinen Umhang enger um seine Schultern und folgte Ryltha tiefer hinein in die Höhle.
Die Wände verschwanden, und sie betraten eine große Grotte, deren Decke im Schatten verborgen blieb. Das Licht der Fackel drang nicht weit genug nach oben. Von vorne sah Cyneric ein Glitzern, das das flackernde Leuchten der Fackel zu reflektieren schien. Sie gingen direkt darauf zu. Vier schlanke Säulen standen dort, in einem Quadrat angeordnet und mit jeweils ungefähr drei Metern Abstand zueinander. Sie waren offenbar genau wie die Wendeltreppe direkt aus dem Felsen geschlagen worden. In der Mitte zwischen den Säulen erkannte Cyneric ein rechteckiges Becken mit dunklem Wasser darin, auf dessen Oberfläche sich keine Wellen oder Regungen zeigten. Als er den Blick wieder hob sah er, dass auf der anderen Seite des Beckens, gegenüber von ihm, eine Gestalt in einem dunklen Umhang stand.
"Wir sind da," sagte Ryltha, und ihre Stimme hallte von den Wänden der Grotte wider, jedoch leiser als Cyneric es erwartet hatte.
Die Gestalt setzte die Kapuze ab. Morrandirs Gesicht kam zum Vorschein. Und jetzt bemerkte Cyneric, dass eine weitere Frau hinter ihr stand, halb in den Schatten verborgen. Auch sie war in dunkle Gewänder gehüllt. Sie war etwas kleiner als Morrandir und hatte schulterlange schwarze Haare.
"Was ist das hier?" fragte Cyneric und blickte sich staunend um.
"Dies ist der Ort, an dem sich vor Jahrtausenden die ersten Schattenläufer versammelten," sagte Morrandir mit Bedacht. "Unsere Vorläufer fanden ihn, als der erste König seinen Sitz auf dem Hügel über uns nahm. Sie erkannten die Macht, die ihm innewohnte, und verbargen ihn vor allen, die seine Kraft für die falschen Zwecke gebrauchen würden. In unserer Überlieferung lautet sein Name Anntírad, der Weitsichtige. Wir glauben, dass der Brunnen einst von Elben geschaffen wurde, doch sie sind schon viele lange Jahre fort. Dennoch hüten wir ihn, bis sie zurückkehren. Falls sie zurückkehren."
"Warum habt ihr mich hierher gebracht, wenn all dies so geheim ist und beschützt werden muss?" wollte Cyneric wissen, der sich keinen Reim auf all die Mysterien machen konnte, die die Schattenläufer umgaben.
"Du hast bewiesen, dass du die Aufgaben erfüllst, die wir für dich haben. Hast du etwa den Handel bereits vergessen, den ich dir angeboten habe?" gab Morrandir ausdruckslos zurück.
"Ihr sagtet, ihr hättet Informationen über meine Tochter," rekapitulierte Cyneric.
"Vieles von dem das wir über die Ereignisse in allen Winkeln Mittelerdes wissen, stammt aus diesem Brunnen," erläuterte Morrandir. "Da du dich - fürs Erste - als vertrauenswürdig erwiesen hast, gewähren wir dir nun einen Einblick in das, was der Brunnen uns über deine Tochter offenbart hat." Sie wandte sich zu der dritten Frau. "Teressa, das Wasser," bat sie und erhielt von der Angesprochenen ein Fläschchen, in dem eine silbrig glänzende Flüssigkeit zu sehen war. Sie öffnete es und schüttete den Inhalt mit einer lockeren Bewegung des Handgelenks auf die glatte Wasseroberfläche des Brunnens.
"Tritt an seinen Rand," forderte sie Cyneric auf, "und sieh hinein. Konzentriere dich auf das Gesicht deiner Tochter, sonst wird der Brunnen dir nicht das zeigen, was du sehen willst."
"Und gib Acht, dass du nicht hineinfällst," fügte Ryltha mit einem seltsamen Lächeln zu. "Es ist sehr, sehr tief."

Cyneric ließ sich auf ein Knie herab und starte in das dunkle Wasser des Brunnens, das nun ebenfalls einen silbrigen Glanz angenommen hatte. Zuerst sah er nichts, doch als er gerade fragend zu Morrandir blicken wollte, erschienen sieben Lichtpunkte auf der Wasseroberfläche. Sie sahen aus wie Sterne, doch einer nach dem anderen verloschen sie, bis nur noch ein einziger übrig blieb. Der Stern wurde etwas größer und nahm ein goldenes Schimmern an. Dann jedoch färbte er sich rot und verschwand. An seine Stelle traten nun konkrete Bilder: Flammen, die über trockenes Holz tanzten. Das Bild verbreiterte sich und nahm die ganze Fläche des Brunnens ein. Cyneric sah, wie ein blondes Mädchen in einem dunkelroten Kleid durch ein brennendes Dorf hastete, sich immer wieder angstvoll umschauend. Das muss Hochborn sein! schoss es ihm durch den Kopf, und als das Gesicht des Mädchens ins Bild kam erkannte er seine Tochter. Doch ehe er sehen konnte, wohin sie lief, wechselte die Szene, und zeigte die Furten des Isen, an denen er einst selbst Wache gestanden hatte. Eine große Gruppe Menschen überquerte den Fluss. Männer, Frauen und Kinder verließen Rohan in westlicher Richtung, beladen mit allem, was sie tragen konnten. Deórwyn war unter ihnen. Also ist sie der Eroberung der Riddermark und der Verwüstung im Hargtal entkommen! folgerte Cyneric und sein Herz machte einen Sprung. All die Jahre hatte er geglaubt, von seiner Familie wären nichts als schmerzhafte Erinnerungen geblieben.
Als nächstes sah er eine Stadt, umgeben von einer dichten grünen Hecke. Er sah, wie seine Tochter eines der Tore durchquerte und im Strom der Menschen auf der Hauptstraße verschwand. Als die Szene erneut wechselte sah er Déorwyn am Ufer eines großen Sees stehen, auf dem sich die Sonne spiegelte. Sie trug nun kein Kleid mehr sondern feste Lederbekleidung, wie sie bei Wanderern üblich war, die durch die Wildnis streiften. Neben ihr stand ein hochgewachsener Mann in einem grauen Umhang, dessen ernstes Gesicht Cyneric an jemanden erinnerte, den er während des Krieges gesehen hatte... doch er konnte sich nicht erinnern, wer das war. Ehe er sich Gedanken darüber machen konnte änderte sich das Bild wieder und zeigte ein Land mit grünen Hügeln, durch das seine Tochter in Begleitung zweier Gestalten zog, die er als Halblinge erkannte. Einen der beiden erkannte er sogar, denn in Aldburg war diesem Halbling gemeinsam mit Irwyne begegnet; es kam ihm vor als wäre das vor Jahren gewesen, Das ist doch Meriadoc, der Schwert-Than der Königin, dachte er, doch da wechselte die Szene ein letztes Mal. Sie zeigte Déorwyn, stehend auf den Zinnen einer belagerten Stadt, mit sorgenvollem Blick im Gesicht. Pfeile zischten ringsum sie her. Ehe der Brunnen jedoch mehr zeigen konnte war es Cyneric, als erklänge ein lautes Krachen und das Geräusch einstürzender Mauern, und das Bild wurde schwarz.
"Was ist geschehen?" rief er aufgeregt. "Sie ist in einer Schlacht, in Gefahr... ich muss -"
"Warte!" unterbrach ihn Morrandir mit befehlsgewohnter Stimme. "Sieh hin! Der Brunnen hat dir noch mehr zu zeigen."
Und tatsächlich erschien auf der dunklen Wasseroberfläche nun wieder ein Eindruck. Cyneric sah, wie seine Tochter an einer düsteren Mauerwand lehnte, die Arme um die Knie geschlungen. Der Raum, in dem sie sich befand, schien verschlossen zu sein, als wäre sie eingesperrt. Der Brunnen wurde nun sehr hell und zeigte für einen Moment nur Weiß, doch dann erkannte Cyneric, dass es sich um Schnee handelte. Von Weitem sah er eine Gruppe von Gestalten, die sich ihren Weg über die verschneite Ebene suchten, doch wohin sie gingen konnte er nicht erkennen. Dann wurde die Wasseroberfläche wieder dunkel, und das silbrige Glänzen verschwand.
"Das war alles, was es zu deiner Tochter zu sehen gibt," stellte Morrandir fest.
"Aber... sie ist in Gefahr, ich muss... ich muss sofort zu ihr!" wehrte er sich.
"Die Dinge, die du gesehen hast, sind nicht alle bereits passiert," sprach Morrandir bedacht. "Ich habe gesehen, was der Brunnen dir gezeigt hat. Hättest du die Ausbildung eines Schattenläufers, hättest du mehr gesehen, und den Unterschied erkannt. Für den Augenblick ist sie außerhalb deiner Reichweite, doch sie hat Freunde, die auf sie Acht geben. Du musst dir jetzt keine Sorgen um sie machen."
"Das ist schwer zu glauben; all das hier," murmelte Cyneric.
"Glaub es ruhig, Cyneric," sagte Ryltha mit ihrem typischen Lächeln. "Der Brunnen hat uns noch nie fehlgeleitet. Die Quelle, aus der er entspringt, ist eine Quelle der Wahrheit."
"Also gut," fügte er sich. "Doch wenn sich etwas am Schicksal meiner Tochter ändert, will ich, dass ihr mich gehen lasst. Ich werde euch zu Diensten sein, solange ich muss, doch auf diese Sache bestehe ich."
"Selbstverständlich," antwortete Morrandir nickend. "Erfülle weiter deine Aufträge, und ich werde für dich in den Brunnen blicken und dir berichten, was mit deiner Tochter geschieht, und dich zu einem günstigen Augenblick zu ihr schicken - wenn dies dein Schicksal ist."

Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich damit zufrieden zu geben. Das Treffen war beendet, und Ryltha brachte ihn durch die Katakomben zurück an die Oberfläche. Auf dem Weg dorthin erzählte sie ihm, dass sich bald einige Dinge in Gortharia zu ihren Gunsten ändern würden. "Im Osten regt sich etwas, das ganz Rhûn in Aufregung versetzen wird," sagte sie. "Ich schätze, es wird Krieg geben - einen Krieg, den wir für unsere Zwecke gebrauchen können."
Mehr verriet sie jedoch nicht; es blieb bei geheimnisvollen Andeutungen. Nachdenklich blieb Cyneric zurück, als sie sich am Ausgang des Untergrunds von ihm verabschiedete und in den Schatten der Nacht verschwand, die inzwischen angebrochen war.


Cyneric zurück zum Palast des Königs
« Letzte Änderung: 17. Jan 2017, 08:52 von Fine »

Curanthor

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In die Dunkelheit
« Antwort #1 am: 12. Mär 2017, 01:07 »
Dragan, Tiana und Kenshin von Irgendwo in Gortharia

"Also ich weiß nicht wie euch es geht, aber ich hasse es unter der Erde zu wandeln. Da gehört man erst hin, wenn man sein Leben aushaucht... auch wenn mir der Beginn dieser Treppe gefallen hat, zumindest der Raum davor. So schön weich..." Dragan räusperte sich umständlich und lief hinter Kenshin, der die Fackel trug. Vor dem Krieger ging Tiana, die ihnen den Weg wies. Nachdem sie die lange Treppe hinunter genommen hatten, waren sie durch enge Tunnel gewandert und zweimal in Sackgassen gelandet. Schließlich schien sich ihre Führerin doch besser daran zu erinnern wohin sie gehen mussten, denn sie wies ihnen nun selbstsicher den Weg. Ab und zu erhaschte Dragan einen Blick auf Gänge oder sogar Räume, doch Tiana marschierte unermüdlich weiter. Ihm war es auch nur Recht, denn ihm stand nicht großartig der Sinn danach stundenlang durch die staubigen und dazu engen Gänge zu latschen. Genervt seufzte er hin und wieder, doch beherrschte er sich noch eine Weile. Bis Tiana schließlich an einer schweren Eisentür stehen blieb. Dragan entließ langsam die ganze Luft, die er angestaut hatte und bließ sie laut aus der Nase. Die Attentäterin warf ihm einen genervten Blick zu, woraufhin hin er grinsen musste. Für einen Augenblick meinte er gesehen zu habe, dass Kenshin den Kopf geschüttelt hatte, doch auf Nachfrage verhaspelte sich der Krieger. Dragan blickte ihn argwöhnisch an und wurde von Tiana abgelenkt, die ihm auf die Schulter tippte und dabei Kenshin die Fackel aus der Hand nahm. Dieser verneigte sich knapp und blickte sich gemeinsam mit Dragan um. Sie befanden sich in einem langgezogenen Raum, der mit Bücher vollgestellt war. In der Mitte befanden sich mehrere Tische, auf denen ebenfalls stapelweise Schriftrollen lagen. Selbst für Dragan, der eigentlich der Literatur und Schreiberei nicht sonderlich zugetan war, wirkte es beeindruckend auf ihn, was hier gelagert wurde. "Was ist das für Schrift...zeug?", fragte Kenshin nachdenklich und drehte sich einmal im Kreis. Dragan bemerkte, dass sein Leibwächter deutlich interessierter war, besonders nachdem Tiana sagte, dass dies nur ein altes Archiv sei.
"Und was wollen wir hier?", fragte er schließlich und handelte sich einen Seitenblick von Kenshin ein, der wohl seinen Ton recht unhöflich fand.
"Wissen sammeln. Ich muss nachschauen, wie viele Namen mein Zirkel über die königlichen Hunden herausgefunden hat. Der Falke ist nur ein Deckname und es ist lange her, dass ich die anderen Namen gelesen habe. Vielleicht habe ich damals immer Etwas übersehen. Ich war anfangs auch nämlich nicht sonderlich fleißig verstaubte Bücher zu finden. In der Regel sollten wir aber Erfolg haben." Nachdem Tiana ihren Monolog beendet hatte, seufzte Dragan entnervt auf. Er hasste die Aussicht darauf, nur mit einer einsamen Fackel beleuchtet die ganzen Staubfänger durchzugehen. Fiel lieber würde er das Licht benutzen um ein ganz großes Licht zu machen, aber der Rauch würde wieder problematisch für ihn werden.
"Eigene Dummheit, wenn man sich nicht um die wichtigen Dinge kümmert", murmelte er und erhielt einen heftigen Stoß in die Seite.
"Sei still, immerhin bin ich in höheren Rängen als du", zischte Tiana und entzündete an Kenshins Fackel zwei weitere, die sie in die passenden Halter steckte.
Nun konnte man besser erkennen, dass das Archiv doch weitläuiger war als es zuerst erschien. Vor Dragan erstreckten sich dutzende Reihen Regale, doch Tiana durchwühlte nur die Pergamente auf dem Tisch. Auf einer Aufforderung hin half er ihr, konnte aber einen beträchtlichen Teil der Schrift nicht lesen, entweder wegen ihm unbekannten Schriftzeichen oder sehr eigentümlichen Dialekten. So suchten und lasen sie in dutzenden Pergamenten und alten Wälzern, bis Dragan genug hatte. Nach gefühlten Stunden des stehen und lesens schlug er mit der Hand auf dem Tisch.
"Scheiße!", entfuhr es ihm, woraufhin Tiana ihn überrascht anblickte, "Wonach suchen wir eigentlich?", fragte er entnervt und fegte ein Pergament zur Seite.
"Nach einer Schriftrolle, die einer meiner Spione einst gestohlen hatte, darin waren einige Decknamen eingetragen."
"Etwa die da?" Die Frage Kenshins ließ beide herumfahren, denn der Krieger hatte die ganze Zeit nichts gesagt. Weil er keine der Schriften Gortharias verstand, hatte er nichts getan und nur mit geschlossenen Augen herumgestanden. Insgeheim fragte sich Dragan, ob der Krieger nicht irgendwelche Mittel nahm. Kenshin schüttelte den Kopf, als sie ihn anblickten und deutete zu ihren Füßen. Tiana fluchte leise und sprang zurück. Dragan sah, dass sie die ganze Zeit auf dem Pergament gestanden hatte und lief rot an, Zorn pulsierte in seinen Ohren.
"Wie ungeschickt", murmelte Tiana entschuldigend und lachte unsicher, "Ich bin auch nicht gut in sowas..."
Ihr Lachen beruhigte seinen Zorn etwas, da es ihn irgendwie an Cheydan erinnerte. Sie hatte auch immer so gelacht, wenn er einen Witz gemacht hatte, der eigentlich gar nicht sonderlich witzig war. Sie hat trotzdem gelacht und sich dann über sein Gesicht lustig gemacht, woraufhin Dragan sich dann über ihr erstickendes Lachen lustig gemacht hatte. Er räusperte sich und nickte auf Tianas unsicheren Blick hin und blockte eine Frage ab, sobald sie Luft holte. Dragan runzelte die Stirn und hob das Pergament auf. Rasch überfolg er die Schriftzeichen, die in einem recht modernen Dialekt verfasst worden waren. "Es ist zwar etwas älter, vielleicht vier Jahre schätze ich mal... aber vielleicht hilft es wirklich." Tiana nickte nachdenklich und strich sich über das lange Haar, da sie inzwischen die Kapuze abgenommen hatte. Sie nahm ihm das Pergament aus der Hand und sagte: "Ich dachte mir, wir könnten in paar Namen unter die Leute bringen. Für uns, als Gegenteil zu den Decknamen der Mörderbande. Falke, da würde ich dann Adler nehmen."
Dragan rupfte das Pergament wieder in seinen Besitz und las vor: "Falke, Luchs, Elster, Rabe, Ratte... wer zum Geier nennt sich "Ratte"? Ungeziefer... Hmm... den Rest kann man nicht erkennen." Er legte das Schriftstück auf den Tisch zurück und bemerkte ein Schmunzeln auf Kenshins Gesicht, der sich sofort räusperte.
"Eine Ratte ist äußerst klug, mein Herr", erklärte dieser schließlich auf Nachdruck und verneigte sich knapp.
"Ich schätze das ist der Kerl, der die ganzen großen Aktionen plant,"mutmaßte Tiana und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, "Falls er so klug ist, wird er sich eher im Hintergrund halten. Von der "Ratte" haben wir noch nie gehört, selbst der Innere Zirkel nicht obwohl dort die meisten wichtigen Informationen zusammenlaufen..."
"Dann ist der Kerl wirklich so gut wie Kenshin sagt", sagte Dragan und runzelte die Stirn, "Wie lange seit ihr schon im Konflikt?"
"Der Zirkel existierte schon eine ganze Zeit. Damals waren viele damit unzufrieden, dass Rhûn keinen Fortschritt macht. Wir sahen dabei zu wie in fremden Ländern ständig neue Dinge erfunden wurden, wie etwa Katapulte oder andere Dinge. Hier dagegen blieb alles fast immer beim Alten. Das wollte der Zirkel ändern und jetzt mehr denn je", erklärte Tiana langsam und winkte ab, als sie endete, "Lassen wir das, Geschichtsstunde erfolgt später, wenn wir den Rest von meinen Leuten treffen."
Kenshin und Dragan tauschten einen raschen Blick, denn sie hatten Tiana nicht so eingeschätzte, dass sie so offen aber zugleich verschlossen sei konnte. Insgeheim hatte der Fürstensohn sogar Hochachtung davor, dass sie das Spiel der Masken so gut beherrschte. Für seinen Geschmack sogar etwas zu gut, denn die unscheinbare Cousine seiner Jugendliebe war offenbar tief in die untergründigen Angelengenheiten Gortharias verstrickt.
"Wir sollten gehen, ich denke, die Anderen dürften von dem Angriff erfahren haben. meist flogt darauf ein großes Treffen aller Zirkel", sagte Tiana und klappte ein Buch zu.
"Aller Zirkel? Wie viele gibt es denn?", fragte Kenshin überraschend und hob skeptisch eine Braue.
Tiana schien etwas erstaunt, schüttelte jedoch nur den Kopf und ordente sogleich ihre Haare wieder neu. Dragan schwieg und strich sich über den Bart. Nachdenklich folgte er ihr, wobei alle drei eine Fackel trugen.

Curanthor

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Zirkelangelegenheiten
« Antwort #2 am: 14. Mär 2017, 16:26 »
Dragan und Kenshin folgten Tiana durch den Untergrund von Gortharia, auch wen an manchen Stellen scheinbar bewusst Teile der Tunnel verschüttet worden waren. Sogar einige zugemauerte Abschnitte mussten sie umgehen, doch Tiana schien sich hier gut auszukennen. Für Dragans Geschmack vielleicht etwas zu gut, doch erstmal hielt er sich zurück und beobachtete. Ihm war noch nicht ganz klar, was er davon halten sollte, denn eigentlich zog es ihn nach Draganhrod. Er verspürte keine große Lust in die Angelegenheiten Gortharias verstrickt zu werden, doch dafür war bereits zu spät. Spätestens seit dem Kampf in der Straße, wo sie den Falken getroffen hatten. Wenigstens kannte man sein Gesicht hier nicht, zumindest hoffte er das. Dragan gähnte herzlich und schob die ganzen Gedanken zur Seite, während er um einer weitere Ecke bog, um die Tiana sie führte. Kenshin wirkte leicht abwesend wie eh und je, doch er schien genau zu merken, was um ihn herum geschah. So war er der Erste, der die zwei Schatten bemerkte, die in dem nächsten Gang lauerten. Er wollte schon seine Waffen ziehen, doch Tiana hielt ihn mit einer Handbewegung davon ab.
"Ich dachte, dass Ihr alleine kommt", sagte eine der verhüllten Gestalten an Tiana gewandt, die nur mit den Schultern zuckte.
Die zweite verhüllte Gestalt trat ebenfalls in den Fackelschein und senkte den gespannten Bogen, doch sprach kein Wort.
"Wie haben sie eigentlich hier um Dunkeln sehen können?", fragte Dragan neugierig und versuchte einen Blick unter die Kapuzen zu erhaschen.
"Das erfährst du später, falls die Anderen es erlauben", antwortete Tiana schließlich und nickte den zwei Attentätern zu, die sofort voraus eilten.
"Also wird das ein Treffen mit den anderen Anführern?" Kenshin schien heute recht gesprächig, wie es Dragan auffiel, auch wenn er dem Krieger zutraute, dass er damit alles für den restlichen Verlauf des Tages gesagt hatte.
"Man weiß nie, wie viele Mitglieder letzetendlich erscheinen. Die Treffen sind immer ungeplant um die Sicherheit der Zirkel zu gewährleisten", erklärte Tiana schließlich und führte sie einen langgezogenen Tunnel entlang, der sich in einem großen Saal öffnete. Fackelschein und Wärme schlug ihnen entgegen, sobald sie den Saal betraten. Leise Gespräche wisperten in den Ecken und Dragan meinte in den Schatten einzelne Gestalten zu erblicken. Der Saal war erstaunlich groß und wies in der Mitte eine große, kreisrunde Fläche auf, die in Ringen stufenweise nach unten führte. In der mittigen Vertiefung des Kreises befand sich ein altertümlich geformte Metallschale, in der ein ungewöhnlich rotes Feuer loderte.
"Die Flammen der Hoffnung", sagte Tiana hinter ihnen und nickte zu der Feuerschale, "Man sagt, dass dies eine Teil der Flamme ist, die aus dem alten Gebieten im Osten stammte. Dem Ort, wo die ersten Menschen lebten und heidnischen Göttern huldigten."
"Woher weiß du das?", fragte Kenshin sofort und verstaute sein Nikana, das er zuvor gezogen hatte, "Mein Volk erzählt sich seit langer Zeit von einer geheimnisvollen Flamme, die aus dem Himmel fiel und ein rotes Feuer entfachte."
"Also bist du ein Nachfahre der Ishantar", sprach eine Stimme hinter ihnen und ließ sie herumfahren, "Verzeiht, ich kenne diese Bezeichnung nur in meiner Sprache."
"Kein Grund sich zu entschuldigen, Mardus", antwortete Tiana rasch und blickte sich um. Um sie herum traten mehr und mehr Mitglieder der Zirkel aus den Schatten oder kamen von der anderen Seite des Saals zu ihnen herüber. Die meisten der Mitglieder setzten sich jedoch auf die Ringe. Dragan versuchte herauszufinden, was für Leute das waren, doch zu seiner Enttäuschung trugen die meisten weite Kapuzen. Selbst der Mann, den Tiana mit Mardus angesprochen hatte trug eine Robe mit weiter Kapuze, das Gesicht selbst lag im Schatten. Insgeheim fragte er sich, wie sie sich untereinander erkannten und folgte einer freundliche Eindladung sich neben Tiana und Kenshin auf den obersten Ring zu setzen. In der Zwischenzeit waren über fünfzig verhüllte Mitglieder der Zirkel auf den kreisrunden Rängen und tuschelten leise miteinander. Die meisten blickten jedoch erwartend zu der Flammenschale am Grund der Vertiefung. Dragan wollte schon etwas fragen, als eine schlanke Gestalt sich geschickt zwischen die Sitzenden hindurch schlängelte. Einige der Anwesend machten ihr sogar Platz, sodass er vermutete, dass die Gestalt eine hohe Position inne hatte.
Sein Verdacht wurde bestätigt, als die Gestalt die Feuerschale erreichte, die sogleich aufloderte. Dragan starrte für einen Augenblick auf die Flammen und meinte gesehen zu haben, dass die Gestalt etwas hineingegeben hatte. Sogleich erhob sich eine rauchige, männliche Stimme: "Werte Mitglieder, es ist erstaunlich zu sehen, dass so viele von euch erschienen sind. Die sieben Zirkel der Hoffnung scheinen erstmalig vollständig, denn alle Ränge sind besetzt, auch wenn wir noch immer Lücken haben, so ist von jedem Zirkel mindestens einer anwesend. Das erfreut mein Herz."
Dragan blickte er für einen Moment verwirrt drein und bemerkte er später, dass die Stimme zu der schlanken Gestalt neben der Feuerschale gehörte. Nachdem die Ansprache verklungen war, schlug der Mann langsam seine Kapuze zurück. Zu Dragans und Kenshins Überraschung trug der Mann eine weiße Maske, die einem Menschen ähnelte, jedoch zwei unterschiedliche Seiten aufwies. Die rechte Gesichtshälfte der Maske war fröhlich gestaltet, während die linke Maskenhälfte unendliche Traurigkeit ausdrückte. Für Dragan war das Bild der Maske äußerst verstörend und er wandte den Blick ab. Dabei sah er, wie die restlichen Mitglieder die Kapuzen zurückschlugen, wobei jeder der über fünfzig Anwesenden verschieden gestaltete Masekn trug. Selbst Tiana neben ihm hatte nun eine der weißen Masken aufgesetzt. Kurz starrte er sie an, bis sie ihm den Kopf zuwandte. Durch die Augenschlitze konnte er ihre eigentliche Augenpartie erkennen, denn ihre Maske zeigte ein durch Qual verzogenes Gesicht. Lange konnte er ihren Anblick nicht aushalten und blickte zu Kenshin, der sich sorgfältig jeden Maskierten ansah.
"Das Wort hat Anastia", verkündete der Sprecher laut und riss Dragan aus dem Gedanken. Innerlich fluchte er, denn er hatte nichts von der Besprechung mitbekommen. Bevor der Fürstensohn jedoch Kenshin fragen konnte, was zuvor gesagt worden war, erhob sich Tiana, welche nun unter ihren Decknamen angesproche wurde. Sogleich begann sie zu erzählen: "Werte Mitglieder, heute hat sich wieder einer unserer Feinde offen gezeigt, denn der Mörder mit dem Decknamen "Falke" lauerte mir auf." Ihre Worte liesen Getuschel und empörte Rufe laut werden, bis der Mann mit der Doppelmaske gebieterisch die Hand hab. Sofort wurde es wieder still. "In meiner Anwesenheit befindet sich ein wertvoller Verbündeter, den ich zuvor rekrutieren wollte. Nun ist sein Gesicht dem Falken bekannt und ich habe Zweifel, ob es Sinn macht ihn aufzunehmen..."
"Und aus welchen Grund wolltet Ihr ihn aufnehmen, Tiana?", fragte eine weibliche Stimme, die zu einer stämmigen Gestalt mit einer breit grinsenden Maske gehörte.
"Weil er bereits Verbindung zu den Zirkeln hat", beantwortete eine neue Stimme die Frage und alle drehten sich um, "Denn er ist ein guter Bekannter von mir."
Dragan zuckte bei dem Klang der Stimme zusammen. Sein Blick suchte sofort den Sprecher und seine Abneigung wuchs, denn auf der anderen Seite des Ringes stand ein Mann, der zwar gebeugt ging, jedoch teure Kleidung trug und sehr stolz wirkte. Das Gesicht wurde von eine emotionslosen Maske verborgen, doch wusste der Fürstensohn sofort, wen er da vor sich hatte. In der Zeit, in der Dragan den Kerl anstarrte, holte dieser etwas Weißes aus seinem Mantel hervor und warf es geschickt quer über die ganzen Ränge. Kenshin reagierte sofort und schnappte es aus der Luft heraus und setzte die geworfene Maske Dragan vor das Gesicht. Er widerstand dem Drang sie abzunehmen und die Gestaltung der Maske zu begutachten. Seine Aufmerksamkeit galt dem Mann, den er einst Vater genannt hatte.
"Was kann dein Bekannter uns bieten, Wolf", ertönte die Stimme von Mardus, dabei klang es eher nach einer Feststellung, als einer Frage. Auch hatte der Kerl sich nicht erhoben, so konnte Dragan nicht feststellen, welche Maske er trug.
"Die besten Hände für verdeckte Aufgaben. Er kann Gegner aus dem Weg räumen, ohne dabei gesehen zu werden. Ich bin mir sicher, dass er auch noch andere Fähigkeiten zu bieten hat, doch das müssen die Zirkel selbst herausfinden", beantwortete sein Vater die Frage ruhig und schien dabei mit dem Blick auf Dragan hängen zu bleiben. Er selbst war mehr als verwundert solch, fast schon lobende Worte aus dem Munde Ivailos zu hören.
"Viele unsere Mitglieder können das, ich möchte weitere Stimmen hören. Anastia, wollt Ihr ihn noch immer empfehlen, so sprecht nun", forderte der Zweigesichte sie dazu auf, woraufhin Tiana Dragan einen Blick zuwarf, den er nicht richtig deuten konnte.
"In der Tat möchte ich das. Doch werde ich nicht über ihn sprechen, denn ich denke, dass wir alle seine eigene Stimme hören sollen."
Dragan nickte ihr zu, woraufhin sie ihm eine Hand auf die Schulter legte und sich wieder setzte. Nach kurzen Zögern erhob er sich und atmete tief durch. Zuerst blickte er zu seinem Vater, der noch immer auf dem obersten Ring stand und sich nicht rührte. Der Füstensohn konzentrierte sich und atmete tief aus, dabei schob er seine Wut beseite und seinen Hass vergrub er unter guten Erinnerungen an ein geselliges Lagerfeuer von vor drei Jahren. Sein Blick fing die Flammenschale und er fixierte sich auf das Feuer, das ihm half sich zu beruhigen.
"Viele von euch fragen sich, was ich hier will und ich kann sagen, dass ich es selbst nicht weiß", begann er und blickte kurz zu seinem Vater, "Doch da wäre gelogen, denn wenn ich in die Flammen der Hoffnung blicke, so denke ich, dass es für unser Volk noch Hoffnung gibt. Ich weiß, dass viele von euch schon lange kämpfen oder mit dem Gedanken spielen irgendwas zu tun, dass es bald Zeit dafür ist aufzustehen. In den letzten fünf Jahren bin ich durch die Lande gezogen und habe das Leid der Leute am eigenen Leib erfahren. Ich habe jede Arbeit angenommen und mir war es egal was ich tat. Dabei habe ich aber nie meine eigene Flamme vergessen, die Flamme, die ich schon in meiner Jugend fand." Dragan blickte zu seinem Vater, der sich nun auf den Rängen niederließ, "Jemand hat mir diese Flamme weggenommen, doch ist sie nie verloschen. Ich habe in der Zeit aber viele Menschen kennengelernt, deren Flammen erstickt wurden. Selbst meine eigene Flamme zittert nun unter dem Schatten und droht zu erlöschen. Ihr mögt mich jetzt egoistisch nennen, aber das ist mir verflucht nochmal egal." Er bemerkte, dass einige der Zirkelmitglieder aufgeregt tuschelten, doch er ballte die Hand zur Faust und sprach weiter: "Ich werde euch benutzen meine Flamme zu retten und dabei ein Zeichen setzen: Niemand ist verloren. Selbst nach fünf Jahren nicht."
Ein kurzer Tumult brach los, den der Zweigesichte nur mühevoll zum Schweigen brachte. Als es soweit wieder ruhig war, sprach der Mann mit eisigen Tonfall:" Also wollt Ihr uns nur benutzen, aber gleichzeitig ein Zeichen für alle setzen. Das wird nicht funktionieren, denn-"
"Doch, es wird", unterbrach Dragan, der nun erbost seine Stimme erhob, "Ich sehe über fünfzig Männer und Frauen, die sich nicht trauen einen Schritt zu wagen, der irgendwann gewagt werden muss. Ich vermute, dass ihr fünzig jeweils sieben Anführer von kleinen Gruppen seit. Ihr seid eine Macht, die man im Königspalast fürchtet, denn sonst hätte der feige Falke sich nicht versucht an Anastia zu vergreifen!" Seine Worte brachten die Mitglieder des Zirkel wieder zum Schweigen, die zuvor stellenweise aufgebracht aufgesprungen waren. Er atmete tief aus und sprach weiter, die Stimme nun wieder kontrollier: "Ich hasse es vor Versammlungen zu sprechen... Ich werde die Zirkel benutzen und zeigen, dass wir Etwas erreichen können."
"Und was wäre das, Feuergeist?", fragte sein Vater an Dragan gewandt und erhob sich, "Denn das bist du: Ein feuriger Geist, dessen Flammen mal strahlend hell lodern und mal zornig prasseln. Sage mir, was willst du tun?"
"Wolf, das weißt du genau. Ich werde den räudigen Fürsten in die Ärsche treten in das Mädchen holen, das mein Herz erobert hat; selbst wenn der König daneben steht, denn dann werde ich ihm in seine häßliche Visage spucken, bevor ich ihm meinen Dolch in den Fettwanst ramme."
Ivailo schien leise zu lachen und nickte langsam, ehe er sprach: "Schön zu sehen, dass ich als einziger verstehe. Nun, meine lieben Zirkelmitglieder, was Feuergeist vorschlägt ist, dass er seine Geliebte befreien und dabei einen der Fürsten beseitigen will. Dafür will er euch benutzen, aber gleichzeitig könnt ihr auch ihn benutzen um den Menschen in dem Königreich zu zeigen, dass wir uns nicht länger gefallen lassen, was imt diesem Land geschieht. Ich denke, dass wäre ein fairer Tausch."
Erneut brach Getuschel los und einige hitzige Diskussionen wurden geführt, bis der Zweigesichte nach einer ganzen Weile die Hand hab. Langsam wurde es wieder still.
"Stimmen wir ab, ob der Mann mit der Maske des Feuergeistes in unsere Reihen aufgenommen wird. Wer dagegen ist, erhebt nun die Hand."
Dragan blickte sich um und zählte etwa zwanzig Hände, wobei einige zögerlich in die Höhe gehalten wurden. Sein Blick ging zu seinem Vater und dann zu Tiana, doch beide hielten die Hände unten. Erst als die Aufforderung für die Zustimmung gegeben wurde, erhoben sie die Hände, mit ihnen weitere zwanzig Mitglieder, doch fünf enthielten sich.
Nach einer kurzen Pause erhob der Zweigesichtige erneut seine rauchige Stimme: "Ich sehe, dass große Unsicherheit herrscht, doch gibt es eine positive Mehrheit. Für den Anfang sehen wir Euch jedoch als aufgenommen, Feuergeist. Ihr werdet Anastia unterstellt, da sie dich empfohlen hat. Der Wolf wird eure Gruppe solange mit Informationen und Aufträgen versorgen, bis ihr eure ultimatives Ziel angehen könnt. Nach der Versammlung erhaltet Ihr genauere Anweisungen und werdet auf ein paar Regeln hingewiesen." Damit schien alles für Dragans Belange gesagt, denn die Zirkelmitglieder gingen zu der restlichen Besprechung über. Dabei hörte er nur mit einem halben Ohr zu und warf immer wieder Blicke zu seinem Vater, der auf dem gegenüberliegendenen rängen saß. Dessen Maske war mit wölfischen Merkmalen versehen, was Dragan leicht irritierte, doch passte es zu seinem Vater. Nachdenklich griff er sich an seine eigene Maske und wollte sie betrachten, doch jemand packte ihm am Handgelenk. "Warte damit, bis wir fertig sind", zischte Tiana und ließ sogleich seine Hand los. Grummelnd ließ er den Arm sinken und blickte wieder nachdenklich auf die Feuerschale.
« Letzte Änderung: 14. Mär 2017, 16:41 von Curanthor »

Eandril

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Re: Im Untergrund von Gortharia
« Antwort #3 am: 1. Mai 2017, 14:35 »
Milva und Salia von den Straßen Gortharias
Cyneric vom Hafen

Teressa führte sie den gleichen Weg wie Ryltha beim letzten Mal - zumindest glaubte Milva das. Sie hatte ihre Orientierung bereits bei der ersten Abzweigung, die sie genommen hatten, verloren, und würde alleine vermutlich nie wieder zurück ans Tageslicht finden.
Ganz gleich, welchen Weg Teressa sie führte, schließlich erreichten sie die in den felsigen Untergund gehauene Wendeltreppe, die Milva wiedererkannte. Teressa bog jedoch nicht wie Ryltha zuvor in den Raum zur Linken der Treppe ab, sondern begann die engen Windungen der Treppe hinunterzusteigen. Milva folgte ihr vorsichtig, und am unteren Ende traten sie in einen dunklen Gang, der nur von Teressas Fackel erhellt wurde. Die Luft war kühl und ein wenig feucht, als würde sie aus noch viel tieferen Gebieten kommen, und ein kalter Luftzug ließ die Fackel flackern.
Am Ende des Ganges konnte Milva ein schwaches Licht sehen, und als sie näher kamen, verschwanden plötzlich die Wände zu beiden Seiten. Sie trat hinaus in eine Grotte, deren Decke nicht zu sehen war - sie mussten tief unter der Stadt sein, noch tiefer, als Milva angenommen hatte. Sie schauderte bei dem Gedanken an die Massen an Stein und Erde über ihrem Kopf. Was, wenn die Decke nicht hielt? Sie würde hier lebendig begraben werden, oder, wenn sie Glück hatte, sofort erschlagen werden... Sie atmete tief durch, versuchte die Gedanken zu verscheuchen und sah sich stattdessen um, während sie Teressa weiter folgte.
In der Mitte der Grotte standen vier mächtige, offenbar direkt aus dem Stein geschlagene Säulen, an denen jeweils eine Laterne hing. Diese waren das Licht, dass Milva bereits aus dem Tunnel gesehen hatte.
Die Säulen waren im Kreis um ein rechteckiges Wasserbecken angeordnet, dass das Licht der Laternen und von Teressas Fackel glitzernd zurückwarf. Obwohl auch hier der kühle Luftzug wie in dem Gang zu spüren war, zeigte sich auf der Wasseroberfläche nicht die geringste Regung. Teressa legte ihre Fackel zu Füßen der nächsten Säule ab, ging um das Becken herum und gesellte sich zu den beiden anderen Gestalten, die Milva dort gegenüber standen. In der Mitte stand Ryltha, in einen schwarzen Umhang mit Kapuze gehüllt, ebenso wie Teressa links und eine Milva unbekannte Frau rechts von ihr.
Ein wenig abseits im Hintergrund entdeckte Milva Cyneric, der sich offensichtlich unwohl fühlte und dem Wasserbecken hin und wieder beinahe sehnsüchtige Blicke zuwarf.
"Willkommen, Milva", sagte die Frau zur rechten, und ihre Stimme hallte leise in der Höhle wieder. "Ich bin Morrandir von den Schattenläufern."
Milva, die ihnen gegenüber auf der anderen Seite des Beckens stehen geblieben war, nickte nur und wartete ab.
"Du hast die Aufgabe, die wir dir gestern gestellt haben, erfüllt", fuhr jetzt Ryltha fort. "Und du sollst deine Belohnung erhalten."
"Mir würde es reichen, wenn ihr mir eine Frage beantwortet: Wen habe ich gestern Nacht getötet?", fragte Milva, und die Schattenläufer wechselten rasche Blicke.
"Wozu willst du es wissen?", fragte Ryltha. "Du hast gezeigt, dass du in der Lage bist, unsere Aufträge ohne Fragen auszuführen - warum also jetzt? Lass mich dir verraten, dass es besser für dich ist, wenn du es nicht weißt."
"Das ist mir egal", gab Milva zurück, und versuchte Rylthas Blick so fest wie möglich zu erwidern. "Antwortet mir."
Ryltha seufzte. "Also schön. Der Mann, den du getötet hast, hieß Varan. Er war ein reicher Bürger, der für seine flammenden Reden gegen König Goran, Mordor und den Krieg bekannt war." Milva benötigte einen Augenblick, um das Gehörte zu verarbeiten. Dann fragte sie ungläubig: "Also war er ein Feind des Königs - warum musste er dann sterben? Er hätte euer Verbündeter sein können!"
"Das war er - mit seinem Tod", erwiderte Morrandir ruhig. Ein Stück hinter Teressa regte Cyneric sich unbehaglich, und auch auf seinem Gesicht malte sich Unglauben. Offenbar hatte der Mann aus Rohan ebenso wenig davon gewusst wie Milva. "Der Pfeil, mit dem du ihn getötet hast, war einer von der Art, wie ihn die Attentäter des Königs benutzen", erklärte Morrandir weiter. "Nach dem angeblichen Anschlag auf Goran wirkt Varans Tod wie ein Gegenschlag des Königs und Zeichen seines Verfolgungswahns. Im Tod könnte Varan mehr dazu beitragen, dass sich mehr Leute gegen den König stellen, als im Leben."
Milva atmete tief durch, denn in diesem Moment wurde ihr zum ersten Mal klar, wie skrupellos diese Leute wirklich waren. Sie würden auch nicht zögern, sie selbst zu opfern um einen Vorteil zu erlangen - also würde sie sehr vorsichtig sein müssen. "Oder sein Tod schüchtert die Leute ein, und sie trauen sich nicht länger, etwas gegen die Macht des Königs zu unternehmen", sagte sie leise, und erntete einen kühlen Blick von Ryltha. "Dieses Risiko ist uns bewusst, und wir gehen es wissentlich ein. Also, wirst du deinen Lohn annehmen und in den Brunnen Anntírad schauen?"
Der Name löste irgendetwas in Milva aus, doch sie war sich nicht sicher, was.
"Was ist er?", fragte sie. "Und was werde ich sehen?"
"Viele Fragen auf einmal", sagte Morrandir ohne die Spur eines Lächelns. "Er ist uralt, älter als die Schattenläufer selbst. Die ersten von uns fanden ihn bereits hier, bevor Gortharia existierte. Er ist die Quelle unseres Wissens über die Geschehnisse in Mittelerde, selbst solche, die weit von hier stattfinden. Und was du sehen wirst, kann niemand vorhersagen. Aber du kannst ihn ein wenig lenken, wenn du die auf das konzentrierst, was auch immer du sehen willst."
"Wirst du hineinsehen?", fragte Ryltha, und nach kurzem Zögern nickte Milva.
Ryltha zog ein Fläschchen mit einer silbrig glänzenden Flüssigkeit aus dem Ärmel, öffnete sie und goss den Inhalt in den Brunnen. Sofort nahm das dunkle Wasser einen silbrigen Schimmer an, und Ryltha machte eine einladende Geste, und sagte: "Sie hinein. Konzentriere dich auf das, was du sehen möchtest, sonst weiß niemand, was du vielleicht sehen musst. Und gib acht", fügte sie mit einem merkwürdigen Lächeln hinzu. "Der Brunnen ist sehr tief, also fall nicht hinein."

Milva ging langsam am Rand des Brunnes auf die Knie, und blickte auf das schimmernde Wasser des Brunnens. Dorwinion, dachte sie. Zuhause.
Sieben helle Lichtpunkte erschienen auf dem dunklen Wasser, und verschwanden einer nach dem anderen wieder. Nur der letzte blieb übrig, und wurde größer und größer, bis er die ganze Wasseroberfläche bedeckte. Dann erschien das Bild eines Flusses, der durch eine hüglige Landschaft floss. Das Bild wanderte den Fluss hinauf, und bis zu dem Dorf, das Milva sofort wiedererkannte. Hier hatte sie ihre Kindheit verbracht, bis ihr Vater gestorben war.
Auf dem Wasser erschien eine bescheidene Hütte, mit einem kleinen Grasflecken dahinter, umgeben von den Bäumen am Rand des Dorfes.
Ein kleines Mädchen in einem hellen Kleid hatte einen Bogen in der Hand und zielte angestrengt auf eine Zielscheibe am anderen Ende der Lichtung. Der Pfeil flog, ein ganzes Stück am Ziel vorbei und verschwand zwischen den Bäumen. Das Mädchen stieß einen Laut der Enttäuschung und der Frustration aus. "Ooch... ich werd's nie können."
"Du darfst beim Zielen nicht den Atem anhalten", sagte ein Mann, der neben dem Mädchen an einen wackligen Zaun gelehnt auf dem Boden saß.
"Aber wenn ich weiteratme, kann ich nicht richtig zielen!"
"Doch, du kannst. Versuch es noch mal, Maya." Milvas Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als sie beobachtete, die das Mädchen - sie - einen zweiten Pfeil auf die Sehne legte, zielte und schoss. Diesmal traf der Pfeil, zwar nicht die Mitte der Zielscheibe aber immerhin.
"Sehr gut, Mädchen. Sehr gut." "Haaa! Ich kann es, siehst du, Vater?"
"Ich sehe es..." Der Mann begann schrecklich zu husten, und als er aufhörte, war sein Ärmel rot gefleckt. "Ich hab dich sehr lieb, meine Kleine."
Eine einzelne Träne fiel auf das Wasser des Brunnens, und das Bild veränderte sich. Ein Strick wurde über einen kräftigen Ast gelegt. "Na los, hoch mit ihr", brummte eine Stimme.
Pfeile flogen, und schlugen in Körper ein. Ein schlaffer Körper mit einer Schlinge um den Hals fiel zu Boden.
Wieder wechselte das Bild. Eine große Frau mit langen, silbernen Haaren saß unter mächtigen Bäumen, vor einer Becken, das mit dunklem Wasser gefüllt war. Die Herrin der Quelle, dachte Milva, und im nächsten Augenblick wandte die Herrin ihr den Kopf zu und sah sie.
Milva, erklang die bekannte Stimme in ihrem Kopf. Wie hast du meinen Brunnen gefunden?
Ich... euren Brunnen? Und wie könnt ihr überhaupt...?, dachte Milva verwirrt, und etwas wie ein verhaltenes Lachen ertönte in ihrem Kopf. Die silbrigen Augen der Herrin schienen sich geradezu in die ihren zu bohren.
Der Brunnen Anntírand und meine Quelle hier sind verbunden, denn sie sind beide gewissermaßen ein Teil von mir. Den Brunnen erschuf ich in uralter Vorzeit, als ein älterer Schatten als heute über der Welt lag.
Bilder blitzten auf, von einem gewaltigen schwarzen Gebirge mit einer riesigen Festung darunter, ein Heer mit blitzenden Schwertern, dass gegen eine schwarze Armee in die Schlacht zog, und ein Elb mit wunderschöner Gestalt und einem weisen, gütigen Gesicht, bei dessen Anblick Milva ein entsetzlicher, unerklärlicher Schrecken überkam.
Die Bilder verschwanden, und die Herrin der Quelle kehrte zurück. Ich kenne die, die meinen Brunnen jetzt benutzen - auch wenn sie kaum wissen, was sie tun. Sie gehen auf dem falschen Weg, und sie verwechseln Himmel mit den Sternen, die sich auf einem Teich spiegeln, erklang ihre Stimme wieder. Ich weiß nun, was dich hierher gebracht hat, und was du tun wirst. Ich werde Baldr sagen, was mit seinem Vater geschehen ist.
Wie konntet ihr..., dachte Milva, doch die Herrin unterbrach ihre Gedanken. Während du meine Gedanken gesehen hast, sah ich deine. Und ja, Baldr ist der Sohn und Erbe des Königs von Thal, wie du insgeheim bereits vermutet hast.
Erneut flackerten Bilder über die dunkle Wasseroberfläche, von einer brennenden Stadt unter einem mächtigen Berg, über dem ein geflügelter Schatten kreiste.
Tu, was du tun musst, Weihe, erklang noch einmal die Stimme der Herrin. Doch bedenke, dass unser Schicksal uns alle einholt.
Ein gedrungener Mann mit gelblicher Haut und einer Krone auf dem Kopf stand einem alten Mann in blauen Gewändern gegenüber.
Ein Wolf lief auf zwei Beinen durch die Stadt, doch es war nur eine Maske, die er trug. Als er die Maske abnahm, sah Milva ein Gesicht, dass ihr entfernt bekannt vor kam, doch sie wusste nicht, woher.
Ein Schatten mit zwei mächtigen Flügeln zog über Gortharia hinweg.
Du musst nun gehen, denn deine Kraft schwindet - und meine auch.
Eine Rose mit schwarzen Blüten, die sich an einer Säule vor einem brennenden Palast emporrankte.
Ein blondes Mädchen in einem roten Kleid rannte durch ein brennendes Dorf.
Reiter galoppierten durch eine Wüste aus gelbem Sand.
Und schließlich das Bild, von dem Milva in ihrer ersten Nacht im Sternenwald geträumt hatte, vor so langer Zeit. Ein Dolch in der Nacht, von dem Blut tropfte.

Sie spürte sich fallen, und im nächsten Augenblick lag sie neben dem Brunnen auf dem Rücken. Cyneric und Teressa knieten neben ihr. Cyneric stützte ihren Oberkörper, der ansonsten wohl auf dem kalten Steinboden aufgeschlagen wäre.
Milva blinzelte verwirrt. Für einen Augenblick glaubte sie, zwei formlose Schatten hinter Teressa gesehen zu haben, doch dort standen nur Ryltha und Morrandir und blickten auf sie hinab. Ryltha mit einer Spur von Besorgnis, Morrandir nur mit kühlem Interesse.
"Ich... habe mit ihr gesprochen", brachte Milva leise heraus, und fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen.
"Mit wem hast du gesprochen?", fragte Teressa sanft.
"Mit... der Herrin. Der Herrin der Quelle. Sie lebt im Sternenwald, und sie hat den Brunnen erschaffen. Sie hat mich hierher geschickt", erklärte Milva mühsam, und richtete sich mit Cynerics Hilfe auf. "Sie sagte, ihr würdet den falschen Weg gehen."
In Teressas Augen spiegelte sich eine Mischung aus Bedauern und Überraschung, während Morrandir und Ryltha einen stummen Blick wechselten. Dann sagte Morrandir ausdruckslos: "Der Brunnen zeigt nur Bilder, niemals etwas anderes. Du musst dich geirrt haben. Wenn du diese Herrin kennst, hat der Brunnen dir vielleicht eine Erinnerung gezeigt."
Milva schüttelte den Kopf, und kam langsam ganz auf die Füße. "Nein, ich bin mir sicher, dass..." Das Bild des blutigen Dolches stand ihr wieder vor Augen, und ihre Füße hätten beinahe unter ihr nachgegeben.
"Du hast dich geirrt", sagte Ryltha fest. "Du brauchst nun Ruhe und Schlaf. Teressa wird dich zurück bringen."

Milva blickte von einem steinernen Gesicht ins andere, und nickte langsam. Sie würden nicht auf sie hören, das wusste sie.
Teressa führte sie ohne ein Wort zu sagen durch die endlosen Gänge des Untergrunds zurück zum Ausgang, und zu Milvas Überraschung begleitete Cyneric sie. Als sie draußen ankamen, atmete Milva tief die feuchte Nachtluft ein. Noch immer waren die Straßen von sanft ziehendem Nebel eingehüllt, und auf merkwürdige Art und Weise fühlte sie sich darin geborgen.
Einen Moment lang verharrten sie stumm vor der unscheinbaren Tür, bis Cyneric schließlich fragte: "Ist es wahr, was du gesagt hast? Hast du mit jemandem gesprochen?" Er blickte Milva aufmerksam an, und auch Teressa schien geradezu verzweifelt auf ihre Antwort zu warten.
Milva rieb sich die Schläfen, und antwortete: "Ja. Ja, ich habe mit der Herrin der Quelle gesprochen, oder zumindest habe ich es mir sehr glaubhaft eingebildet."
"Hm", machte Cyneric schließlich. "Das erinnert mich an alte Geschichten über Steine, die ähnliches vermögen. Vielleicht hast du tatsächlich recht."
"Oder nicht", warf Teressa ein, obwohl es sie große Mühe zu kosten schien. "Es nützt uns nichts, darüber nachzudenken."
"Es schadet aber auch nicht, mehr zu wissen", meinte Cyneric, doch Teressa schüttelte den Kopf. "Zu viel Wissen kann gefährlich werden - zumindest für euch." Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich ab und blieb wenige Meter entfernt von ihnen stehen, offenbar nicht länger an einer Unterhaltung interessiert.
"Also...", sagte Cyneric langsam an Milva gewandt. "Wenn du darüber reden möchtet, oder einfach so ein bisschen Gesellschaft brauchst..."
Milva schüttelte den Kopf. "Nein, danke. Ich muss jetzt ein wenig allein sein."
Für einen kurzen Augenblick wirkte Cyneric, als wollte er ihr etwas wichtiges sagen, doch dann verzog er das Gesicht und sagte nur: "Also dann... gute Nacht."
Milva wünschte ihm ebenfalls eine gute Nacht, und eilte so schnell wie möglich durch den Nebel davon, verwirrt und erschüttert von allem, was geschehen war.

Milva in Richtung ihrer Unterkunft
Cyneric und Salia auf die Straßen Gortharias
« Letzte Änderung: 19. Sep 2017, 12:40 von Fine »

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Curanthor

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Der Auftrag des Zirkels
« Antwort #4 am: 6. Mai 2017, 23:03 »
Die Maske vor seinem Gesicht ging ihm auf die Nerven, doch abnehmen durfte er sie nicht. Dragan wusste nicht, wie lange er schon im Untergrund der Stadt war, doch einige Tage waren schon seit seiner Aufnahme in dem Äußeren Zirkel vergangen. Direkt nach der Versammlung hatte man ihn entgegen Kenshins Protest in eine Kammer gesperrt und einer nervenzehrenden, tagelangen Befragung unterzogen. Die Frau, die ihm dort Fragen stellte, war nicht sonderlich begeistert von ihm, zumal er ohne Maske am Anfang aufgetaucht war. Ihm war das aber egal, das hatte er auch öfters in der Befragung betont, was der Frau aber ebenfalls nicht gefallen hat. Schließlich hatte sie öfters die Verbindung zu seinem Vater angekratzt, was er aber immer wieder abgeblockt hatte. Er grinste bei dem Gedanken, denn sie war sehr hartnäckig gewesen, fast so wie Cheydan. Rasch schüttelte er den Kopf und verscheuchte die aufkeimenden Bilder, doch sie ließen sich nicht abschütteln. Der sanfte Spätsommerabend bei Draganhrod hatte sich irgendwie tief in sein Gedächtnis gebrannt, obwohl er nichts außerordentlich Besonderes war. Er saß mit Cheydan auf einem sanften Hügel und gemeinsam betrachteten sie den Untergang der Sonne, während rings um sie herum die Menschen in ihre Häuser zurückkehrten, sodass nur sie beide alleine waren. Ganz deutlich sah er ihr liebliches Gesicht vor sich, die hohen Wangenknochen, die ausdrucksstarken Augen. Sanft zeichnete sich ihr Profil gegen die Abendsonne ab, eingerahmt von blondem Haar, das sanft im Wind wogte. Es war angenehm warm und eine leichte Brise ging. Es war einer der seltenen Momente, in denen sie alleine sein und ihre Gefühle ausleben konnten. Ihre Hände tasteten nacheinander, die Fingerspitzen berührten sich und mit einem scheuen Lächeln schauten sich sich in die Augen. Sein Vater hatte ihm dieses Glück genommen, das würde er ihm nie vergebe können. Fluchend hieb er mit der Faust auf den Tisch, an dem er das Abendessen eingenommen hatte. Dabei tanzten die Teller auf dem Holz und Tiana blickte erschrocken zu ihm auf, wobei ihre Hand an ihre Hüfte glitt. Dragan bemerkte, dass sie eigentlich nie eine Waffe trug und fragte sich, was sie dort versteckt hatte. Es war Ivailo, der sich an ihn wandte: "Was ist los?"
"Halt den Rand und dich aus meinem Leben fern, alter Räuber", grummelte Dragan zur Antwort und setzte sich quer auf die Bank, sodass er seinem Vater den Rücken zuwandte.

Aus dem Augenwinkel sah er wie Tiana und Kenshin einen Blick tauschten. Der Krieger saß neben ihm und schliff seine Waffen. Dragan schüttelte nur den Kopf und versank in Schweigen. Sein Leibwächter hatte schon vor der Tür zu dem Befragungsraum gewartet und sich sogleich erkundigt, ob er wohlauf sei, als er freigelassen wurde. Kenshin hob fragend eine Braue, da Dragan ihn unwissentlich angestarrt hatte. Ehe er etwas sagen konnte, sprach Tiana: "Nun, der Vorfall von heute macht einen Teil unseres Plans zunichte. Die Meuchelgilde des Königs geht nun immer offensichtlicher gegen die rebellisch eingestellten Menschen vor. Das erspart es uns, die Assassinen erst mühsam aus dem Schatten zu zerren, auch wenn es Gerüchte im Innere Zirkel gibt..."
"Gerüchte ist kein fruchtbarer Boden", warf Kenshin ein und zog mit einer schnellen Bewegung seinen Schleifstein über sein langes Katana, "Wir müssen es genau wissen."
"Seit wann bist du eigentlich schon im Zirkel?", fragte Dragan verwundert und blickte den noch immer fremd für ihn wirkenden Mann mit zusammengekniffenen Augen an.
Ivailo schaltete sich überraschend ein: "Ein Mitglied des Inneren Zirkel hat für ihn sehr einleuchtende Argumente dargelegt"
Die Drei sahen den Vater Dragans mit erstaunten Blicken an, auch wenn es so aussah, als ob Tiana mehr wusste, als sie zugab. Kenshin dagegen murmelte nur etwas Unverständliches und widmete sich wieder seinen Waffen. Ivailo zuckte nur mit den Schultern und sagte, dass er Kontakte hätte.
"Typisch", schnaubte Dragan leise und wandte sich an Tiana: "Was steht als nächstes an?"
Etwas verwirrt sammelte sie offenbar ihre Gedanken und strich sich durch die blonden, langen Haare. Der Anblick versetzte Dragan einen Stich und er wandte rasch den Blick ab und starrte auf den unteren Rand seine Maske. Tiana hatte ihre Eigene abgenommen, ebenso wie Kenshin und nur er trug eine. Seinen Vater zählte er nicht mit. Es passte ihm auch so schon nicht in den Kram, dass der Alte ihre Gruppe mit Aufträgen versorgte. Heute war der erste Tag, in denen sie Etwas zu tun bekamen, zumindest wurde er mit dieser Begründung in das Besprechungszimmer gerufen. Abgesehen von Dragan, Tiana, Kenshin und leider Ivailo, war der enge Raum, der durch einen Tisch mit einer Karte Gortharias beherrscht wurde leer.
"Heute Nacht werden wir unsere Gruppe in der Öffentlichkeit das erste Mal auftreten lassen. Deswegen tragen wir die Masken und geben uns nur als "der Zirkel" zu erkennen. Keine Namen, sondern Fingerzeichen, wenn ihr jemanden ansprechen wollt. Keine zivilen Opfer", begann Tiana mit ruhiger Stimme zu erklären und tippte auf der Karte, auf ein Gebäude, das als leerstehend gekennzeichnet war. "Hier ist ein Gefängnis, das als "Verhörstube" bei den Stadtwachen bekannt ist. Dort werden all jene festgehalten, die in der Öffentlichkeit gegen den König gesprochen haben oder mögliche Verbindungen zu anderen Widerstandsgruppen haben."
"Wie die Schwarze Rose...", warf Kenshin murmelnd ein und strich sich nachdenklich über das Kinn, "Heute haben sie auf einem Platz einige Goldröcke erledigt."
"Und das ist unsere Chance den Menschen noch mehr Hoffnung zu geben", sprach Tiana mit fester Stimme und knallte die flache Hand auf den Tisch, "Wenn gleich zwei Organisationen am gleichen Tag oder der darauffolgenden Nacht für Aufsehen sorgen, wird das ein Zeichen sein. Die königliche Gilde hat uns sowieso schon im Blick und auch schon angegriffen. Der Falke wird mit Sicherheit nicht weit sein, also macht euch auf einen Kampf gefasst."
Für einen kurzen Moment blieben sie still und studierten die Karte, die ein verwinkeltes Netz an Straßen, Gassen und sogar Eingänge zum Untergrund darstellte. Durch die Lage des feindlichen Gebäudes konnte man sich nur über einen größeren Platz an den Haupteingang heranwagen.
 "Es gibt einen kleinen Eingang durch das Dach, einer unsere besten Spione hat ihn gefunden", meldete sich Ivailo zu Wort und schlug mit dem Finger einen Bogen um das Gebäude, auf die Hinterseite, die an eine breiten Mauer grenzte. "Auf der Mauer stehen in der Regel vier Wachen, also müssen wir uns aufteilen."
"Kommt du etwa mit?", fragte Dragan mit einem leichten Stöhnen und ballte die Hand zu Faust. Sein Vater schüttelte jedoch den Kopf. Hinter dessen Wolfsmaske erkannte Dragan jedoch ein unbekanntes Blitzen in den Augen, so als ob er gerne mitgekommen wäre.
Tiana räusperte sich: "Ich weiß zwar nicht, was ihr für Probleme habt, allerdings sollten wir bei der Sache bleiben", mahnte sie und nickte wieder zur Karte, "Dragan und ich gehen über die Mauer, Kenshin ist unser Türöffner und auch stärkster Kämpfer. Denkst du, dass du die Goldröcke so lange beschäftigen kannst, bis wir ihnen in den Rücken fallen?"
Der angesprochene Krieger wirbelte sein Katana umher und verneigte sich mit den Worten: "Unschuldige Menschen retten ist mir ein Verlangen und eine Ehre. Und da mein Herr ebenfalls dort ist, werde ich ihm folgen und die ruchlosen Wachen ... hmm habukimasu."
"Was sagt er?", fragte Dragan sogleich und rieb sich ein Ohr, da die Muttersprache Kenshins so merkwürdig klang.
"So etwas wie töten?", fragte Tiana und sogleich nickte Kenshin, "Ah... wenn du es schaffst, aber lasse ihnen die Wahl, manche müssen Dinge auf Befehl erledigen."
Der Krieger verneigte sich knapp und entschuldigte sich, ehe er den Raum verließ. Scheinbar war für ihn der Auftrag klar, denn er setzte sich seinen Helm auf dem Kopf kurz bevor die Tür ins Schloss fiel.
Ivailo blickte ihm eine Weile lang hinterher und schüttelte kaum merklich den Kopf. Tiana hingegen grinste flüchtich und wandte sich an Dragan: "Hast du dein Paket dabei?"
Er nickte und legte eine Hand an seine versteckten Wurfgeschosse. "Wann geht es los?", fragte er und zog die Lederhandschuhe aus seinen Taschen um sich vor dem Gift zu schützen.
"Bald", antwortete Ivailo an Tianas Stelle, woraufhin sie ihm einen bösen Blick zuwarf.
"Noch heute Nacht, wir treffen uns oben auf der Straße, am Seidenhändler vor dem besagten Platz. Ich muss mich ebenfalls noch vorbereiten. Vor Ort erkläre ich dann den genauen Plan. Feuergeist, Wolf, ich lasse euch dann alleine." Mit den Worten schnappte sich die Blondine ihre leicht verstörende Maske und huschte zur Tür hinaus, die sie sanft schloss.
Eine bleischwere Stille überkam den Raum, in denen nichts, bis auf das Atmen der beiden Männer zu hören war. Vater und Sohn schwiegen und der unstete Schein der Kerzen rief alte Erinnerungen wach, aus einer Zeit, in der sie noch unter einem Dach gelebt haben. Dragan hasste diese Zeit noch immer, die Jahre danach waren befreiend gewesen. Den goldenen Käfig hat er nie vermisst, einzig was dort gefangen gehalten wurde.
"Willst du darüber reden?", drang die leise Stimme Ivailos an sein Ohr. Er klang behutsam und erstaunlich ruhig.
Dragan, der sich gerade erhaben hatte, hielt inne. "Ob ich darüber reden will?", seine Stimme begann zu beben, "Du bist der, der sie verloren hat. Du bist der, der sie mir weggenommen hat und du bist der Vater, den ihn nie haben wollte. Jetzt werde ich mir das holen, was mir zusteht, sowie meine Freiheit und Verbündete um einen Krieg zu kämpfen, den du nie gekämpft hast!" Die letzten Wörter schrie er regelrecht und wandte sich wutentbrannt ab. Mit einem lauten Knall fiel die Tür in das Schloss, als Dragan sie zuwarf. Auf dem Gang draußen atmete er tief durch und lehnte sich an eine Wand. Seine Finger tasteten in einer Seiner Taschen und zog den Brief von Cheydan hervor. Vorsichtig strich er über das Papier ohne den Inhalt zu lesen, denn er kannte es schon auswendig. Sein Zorn wandte sich von seinem Vater nun gegen den König, der sie außerhalb seiner Reichweite gebracht hatte.
"Feuergeist...", murmelte er leise zwischen zusammengebissen Zähnen hervor, "Komm ihm zu nahe und sein Feuer wird dich verzehren."
Mit dumpfer Wut stapfte er durch den leeren Gang, durchquerte die große Versammlungshalle und ignorierte die Blicke, die ihm zugeworfen wurden. Sein Auftrag war klar und mehr als ein Ziel brauchte er nicht. Seine Wut wandelte sich nun und mit grimmiger Entschlossenheit nahm er die Treppe nach oben.

Dragan (+Tiana und Kenshin) in die Straßen von Gortharia
« Letzte Änderung: 6. Mai 2017, 23:06 von Curanthor »

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Re: Im Untergrund von Gortharia
« Antwort #5 am: 23. Jan 2018, 16:23 »
Dragan, Tiana, Kenshin und der Fuchs aus den Straßen von Gortharia

Dragan saß mit hochgelegten Füßen an einem Tisch und kaute gelangweilt auf einem Strohhalm herum. Mit zusammengekniffen Augen blickte er zu Tiana, die seit Wochen über Karten brütete, Bücher wälzte und gelegentliche Besucher begrüßte, mit denen sie sich dann für mehrere Stunden in einen abgelegenen Raum verzog. Was dort besprochen wurde, wollte sie ihm nicht verraten. Dass es eindeutig um die Angelegenheiten des Zirkels ging, verrieten die Masken der Besucher, welche meist ausdruckslose Gesichter zeigten. Einmal hatte er sogar Ivailo, seinen Vater mit der Wolfsmaske gesehen. Sie hatten es gekonnt vermieden miteinander zu sprechen. Seitdem sie vor einigen Wochen ein Gemetzel auf einem öffentlichen Platz mit den Goldröcken hatten, versteckten sie sich nun. Dragan stieß entnervt die Luft aus und musterte Kenshin, der gerade die lange Treppe zu dem Versteck herunterstieg, die Arme beladen mit Vorräten, die ein Zirkelmitglied alle zwei Trage in einem Lagerhaus in der Nähe versteckte. Der Krieger nickte ihm respektvoll zu und verschwand in dem Nebenraum, den sie als Küche benutzten. Dragan wusste, was als nächstes geschehen würde: Kenshin kreuzt mit mehreren Bechern Tee auf und Tiana beendet just in dem Moment ihre Besprechung. So kam es auch. Die beiden Türen zu den anliegenden Räumen fielen fast gleichzeitig zu. Tiana verabschiedete gerade sich von zwei Zirkelmitgliedern, die er schon öfters gesehen hatte. Er erkannte sie mittlerweile an der Art, wie sie sich bewegten. Er schätzte sie auf knapp dem Jugendalter entsprungen. Die zwei antworteten ihr, wobei er den Dialekt heraushörte, den sie sprachen. Es kam ihm seltsam vertraut vor. Tiana setzte sich zu ihm an den Tisch, Kenshin stellte die dampfenden Becher vor ihnen auf den Tisch. Dragan war den Geschmack des heißen Tees inzwischen gewöhnt und hatte verstanden, warum der Krieger anfangs immer so viel Zucker in seinen Becher geschaufelt hatte. Bei dem Geschmack war das auch manchmal nötig. Seine Aufmerksamkeit wurde von dem Fuchs auf sich gelenkt, da die noch immer spärlich gekleidete Frau sich an das Kopfende saß. Bisher war sie immer in den Besprechungsraum geblieben. Dort hatte sie sich eine Ecke mit einem Vorhang abgetrennt und wohnte scheinbar dort.
Tiana räusperte sich, als Dragan den Fuchs immer weiter anstarrte, die sich sichtlich unwohl unter seinem stechenden Blick fühlte.
"Es ist soweit, euch in meine Planungen einzuweihen", verkündete die Tavernenbesitzerin schließlich und nickte zum Fuchs, "Durch ihre Hilfe ist der Auftrag überhaupt möglich geworden."
"Und wer ist sie? Ich sehe keine Ohren, als ist sie mit Sicherheit kein Fuchs", warf Dragan ungehalten ein. Ihn nervten die ewigen Decknamen.
"Ich bin Nerassa, oder Nera ganz wie du willst, Dragan", stellte sich der Fuchs schließlich vor.
"Woher kennst du meinen Namen?", zischte er sofort und packte seinen Dolch fester. er hatte seinen Gefährten verboten ihn weiterzugeben und sich selbst nicht vorgestellt. Sein Misstrauen war geweckt.
"Jeder in Govedalend kennt den Sohn Ivailos, der einst den Bauern etwas Gutes tat und dafür ins Exil geschickt wurde. Das Volk vergisst so etwas nicht", erwiderte sie eindringlich.
Dragan horchte auf und blickte zu Tiana. Sein anfängliches Misstrauen war verflogen.
"Und was hast du damit zu tun? Warum ist Nera mit dabei? Was ist das für ein Auftrag? Geht es um Cheydan?"
Es wurde kurz still in dem Raum, bis auf Kenshin, der an seinem Becher schlürfte.
"Ja, das tut es, Dragan", sagte Tiana schließlich leise und nickte dem Fuchs zu, "Nerassa war lange Zeit in den Reihen der fürstlichen Attentäter. Der Wolf hatte einst den Zirkel um Hilfe gebeten und hat sich dafür voll in seine Dienste gestellt. Er hat viele Randgruppen ausgebildet, alte Beziehungen genutzt, auf die wir nun ebenfalls Zugriff haben. Das zahlt sich langsam aus. Meine treue Freundin Nera hier, war in Draganhrod und ist erst wenige Tage vor unseren Zusammentreffen in Gortharia eingetroffen."
"Inzwischen hat sich aber viel getan", fuhr Dragan dazwischen, "Ein Fürst ist vor kurzem getötet worden, Anschläge erschüttern die Oberschicht und wir sitzen hier unten im diesen Loch legen die Hände in den Schoß. Die anderen Geheimniskrämer sind schon lange dabei dieses Pack von ihren Posten zu jagen -..."
"- Und das werden wir nun auch tun", unterbrach Neressa ihn scharf, "Der Zirkel hat viele Jahre geschlafen, hat sich ausgebreitet wie ein Geschwür und alle Bevölkerungsschichten durchdrungen. Es gibt mehrere Kreise, die sich erst richtig anpassen mussten, rund werden, sich der natürlichen Ordnung hingeben. Es hat viele Jahre gedauert alle nötigen Steine in Postion zu bringen. Während Ihr fast zwei Jahre in Govedalend auf den Feldern gearbeitet habt, Dragan, habe ich Leute getötet, die es nicht verdient haben und viele Dinge getan, auf die ich nicht stolz bin..."
Die grünen Augen von Neressa blitzten unheimlich bedrohlich auf, sodass Dragan seine Füße vom Tisch nahm. Diese Frau meinte alles was sie sagte ernst, fuhr es ihm durch den Kopf.
"In der Zeit habe ich viel gelernt und Leute in Positionen gebracht. Bald zahlt sich die ganze Arbeit aus, all die Mühen und all die Opfer, die nicht wussten, wofür sie geopfert wurden. Der Preis ist hoch, aber das Gut der Freiheit wiegt immer mehr als jegliche Opfer, seien sie noch so unschuldig! Dieses Geschmeiß hat diese Land viel zu lange beherrscht! Sie treten auf die kleinen Bürger und pressen den Bauern immer mehr Abgaben ab und in ihrer überheblichkeit sehen sie nicht, dass sie alle gegen sich aufbringen. Und das werden wir sein! Wir werden den Rest aufbringen, der sich nicht traut. Das Blut wird in Draganhrod fließen, wie der Zorn des Meeres in den Straßen von Gortharia gewütet hat. In dem Blut werden die Köpfe der Fürsten rollen und die, die ihnen blinden Gefolgsam geschworen haben, werden in diesem Strom untergehen!"
Nerassa hatte sich so in Rage geredet, dass sie mit gezogenen Dolchen vor dem Tisch stand. "In Govedalend wird es beginnen!", schloss sie wütend und rammte den Dolch in die Karte, nagelte diese an den Tisch.
Dragan hob vorsichtig den Blick und erkannte, dass sie genau die Fürstenstadt getroffen hatte. Seine Heimatstadt. Also geht es zurück nach Hause, dachte er sich.
"Cheydan ist dort", sagte Tiana nun ruhiger, "Vakrim, der Fürst von-.."
"Ich weiß wer er ist", knurrte Dragan plötzlich mit kaum beherrschter Wut, "Der, der mein Fürstentum genommen hat. Und der, der die Bauern unterdrückt, wie Nera es berichtet hat. Was macht sie dort?"
Nerassa antwortete an Tianas Stelle: "Ich habe sie dort gesehen. Vor ein paar Wochen. Einige in der Führungsebene befürchteten Unruhen. Es gab Geflüster. Sie war unerkannt in den Diensten von König Goran und ist scheinbar aufgeflogen. Dann wurde plötzlich eine Leiche gefunden, von der sich niemand erklären konnte, woher sie kam. Dann fiel der Verdacht auf sie. Ich habe nicht lange mit ihr sprechen können damals. Sie war in einem Gefangenentransport nach Govedalend um dort auf den Feldern zu arbeiten. Scheinbar hat man ihr diesen Mord angehängt."
"In Govedalend wird der gesamte Zirkel zuschlagen", schaltete sich Tiana wieder ein, "Vakrim bedrängt die Bauern dort schon zu lange. Die Abgaben sind so hoch, dass sie nicht mehr ihre eigenen Familien ernähren können. Das verursacht Unzufriedenheit. Unzufriedenheit, die wir nutzen können. Und die wir auch nutzen werden. Vakrims Kopf wird auf einer Lanze aufgespießt werden und auf dem Platz des goldenen Drachen ausgestellt."
"Wie wollte ihr das machen?", warf Kenshin überraschend ein, sodass die Drei ihn anblickten, "Die Oberen fürchten sich. Menschen tun unbedachte Dinge, wenn sie Angst verspüren. Sie sind unberechenbar. Den Kopf eines Fürsten vor dem Königspalast aufspießen? Das klingt anmaßend."
Dragan platzte der Kragen. Die vielen Wochen der Untätigkeit rächten sich nun.
"Vakrims Kopf wird noch blutend dort für alle zu sehen sein!", polterte er los, "Besonders für König Goran, der mir mein rechtmäßiges Erbe weggenommen hat. Dann weiß er, dass er der Nächste ist. Bis dieses elende Königreich am Ende ist."
Wieder trat eine Stille ein. Kenshin schien noch immer nicht überzeugt, schweig aber und trank seinen Tee. Tiana wirkte zufrieden und tauschte mit Nerassa vielsagende Blicke. Dragan hingegen juckte es schon lange in den Fingern wieder seine Heimat zu bereisen. Doch mehr noch, wollte er seine Liebe wiedersehen und sie den Klauen der regierenden entreißen. Der Gedanke an Cheydan beruhigte in wieder. Seine Atmung normalisierte sich wieder.
"Gut, dann denke ich, dass wir diesen Auftrag ruhigen Gewissens annehmen können", verkündete Tiana und blickte jeden in der Runde abwechselnd an.
"Und was ist das Ziel? Kenne deinen Ziel und der Weg erleuchtet sich von alleine.", warf Kenshin ein.
"Der Sturz von Vakrim und der Zusammenbruch der Nahrungsversorgnung aus Govedalend." Nerassa hatte sich erhoben und deutete auf die Karte. "Tianas Taverne erhält bald eine Lieferung Brandwein aus ihrer Heimat. Die Fässer, die wieder zurückreisen, werden mit kleinen Überraschungen gefüllt sein. Wir werden uns dieser Karawane anschließen und auch ein paar kleinere Kreise werden uns begleiten. Der Stier, den ihr vor Kurzem befreit habt, hat seine Männer in den Wochen, die wir hier verbracht haben zusammengezogen. Es sind gut ausgebildete Soldaten, Kämpfer, die das tun, was wir nicht können. Er war das fehlende Bindeglied zwischen einer ganzen Kette von verdeckten Operationen. Jetzt gehen wir in die Offensive."
"Auf, auf, es geht Heim. Ich bin dafür", befand Dragan und legte wieder lässig die Füße auf den Tisch, "Kenshin kommt so oder so mit und Tiana will mal ihre Familie wiedersehen... eigentlich ist es auch meine, immerhin gehört Cheydan zu mir."
Tiana warf ihm einen unergründlichen Blick zu, nickte aber dann kaum merklich. Ihm geisterte im Kopf herum, dass er eigentlich fast gar nichts über sie wusste. Sie war die Cousine von Cheydan, seiner Geliebten. Er wusste, dass sie im Zirkel war und dort eine hohe Postion inne hatte, aber ihre Maske mit dem Decknamen bereitet ihm noch immer Kopfzerbrechen. Was war so schrecklich, dass man sie danach benannte? Dragan fand darauf keine Antwort. Sein Blick wanderte zu Nerassa, die sich hingesetzt hatte und ihre Dolche schärfte. Hin und wieder warf sie Tiana Blicke zu, die Dragan nicht einordnen konnte. Es war aber offensichtlich, dass sich die beiden Frauen recht gut kannten. Trotzdem war da eine gewisse Disharmonie zu spüren. Was da zwischen ihnen war, ging ihn aber nichts an. Dragan freute sich, bald wieder in seine Heimat zu gelangen.
« Letzte Änderung: 23. Jan 2018, 16:28 von Curanthor »

Fine

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Lug und Trug
« Antwort #6 am: 3. Feb 2018, 23:03 »
Cyneric aus der Stadt


Das Gespräch mit Morrandir war kurz gewesen. Cyneric hatte sich bei ihr, die sie für seinen Auftrag in Rhûn die kommandierende Befehlshaberin war, offiziell zurückgemeldet und hatte sich eine Rüge dafür anhören müssen, dass er zugelassen hatte, dass Fürst Radomir ermordet worden war. Diese Rüge war natürlich nur für etwaige Lauscher bestimmt gewesen. Während Morrandir ihn kritisiert hatte, hatte sie ihm ein beschriebenes Stück Papier zugeschoben, auf dem ein einziger Satz gestanden hatte:

Gut gemacht; Belohnung heute Abend.

Cyneric hatte mit den Fingern versucht, die Form des Brunnens Anntírad nachzuzeichnen, und Morrandir hatte verstanden, was er wollte. Die Schattenläuferin hatte ausdruckslos genickt und ihm damit bestätigt, dass sein Wunsch sich endlich erfüllen würde und er einen weiteren Blick in den geheimnisvollen Brunnen in den Tiefen des Untergrunds von Gortharia werfen durfte.
Die Wachschicht, die er wenig später außerhalb des Haupteingangs des Palastes geschoben hatte, war Cyneric beinahe unerträglich lange vorgekommen. Er hatte es kaum noch ausgehalten, darauf zu warten, endlich die Stufen der gewundenen Treppe hinab zu steigen, die zu der verborgenen Höhle führten, in der sich der Brunnen der Schattenläufer befand.
Als die Sonne hinter den hohen Dächern Gortharias versunken war, war es schließlich beweit gewesen. Ryltha - gehüllt in die eng anliegende schwarze Tracht der Schatten - hatte Cyneric am Palast abgeholt und ihn durch das Gewirr der Straßen Gortharias bis zu dem versteckten Eingang in den Untergrund geführt. Und eine halbe Stunde später hatten sie die finstere Halle erreicht, die von vier mit bläulich leuchtenden Lampen versehen, massiven Säulen getragen wurde und in deren Zentrum sich die mystisch schimmernde Wasseroberfläche Anntírads befand.

"Willkommen," sagte Morrandir beinahe tonlos. Sie stand mit Salia auf der gegenüberliegenden Seite des Wassers und ihr blasses Gesicht war zum Großteil unter ihrer dunklen Kapuze verborgen. Eine weitere, hochgewachsene Gestalt war undeutlich im Schatten zwischen den beiden Säulen hinter Morrandir zu erkennen. Cyneric vermutete, dass es sich dabei um Merîl, die geheimnisvolle Anführerin der Schattenläufer handelte.
"Du hast deinen Auftrag wie von uns gefordert erfüllt," fuhr Morrandir fort, ohne eine Spur von Emotion zu zeigen.
"Gut gemacht, Cyneric!" fügte Ryltha enthusiastisch hinzu.
Salia blieb stumm. Vermutlich haben sie ihr schon wieder diese verdammte Flüssigkeit eingeflößt, dachte Cyneric.
"Nimm nun deine Belohung in Anspruch. Blicke in den Brunnen und konzentriere dich auf das, was du zu sehen erhoffst. Téressa, das Wasser bitte."
Bei diesen Worten regte sich Salia und trat an den Rand des Beckens. Aus einer kleinen, silbernen Schale goss sie eine bläulich schimmernde Flüssigkeit auf die Wasseroberfläche Anntírads, was leichte Wellen erzeugte.
"Nun mach schon," drängte Ryltha. "Der Effekt hält nicht ewig an."
Cyneric fühlte sich merkwürdig. So lange hatte er auf genau diesen Augenblick gewartet, doch nun, da es soweit war, zögerte er. Was, wenn ihm der Brunnen etwas zeigen würde, das er nicht würde sehen wollen? Was, wenn sein kleines Mädchen tot war? Er schluckte und suchte Salias Blick. Doch anstatt dort Ermutigung oder gar Trost zu finden, fand er nur Leere in ihren Augen.
Morrandir räusperte sich dezent. Da endlich gab sich Cyneric einen Ruck und kniete sich an den Rand des Wassers. Die Wasseroberfläche hatte sich inzwischen beruhigt und war stumm und schwarz geworden.
Déorwyn, dachte er. Zeig mir meine Tochter.
Sieben kleine, kaum sichtbare Lichtpunkte erschienen in der Mitte des Brunnens. Einer nach dem anderen verloschen sie, doch die Schwärze kehrte nicht zurück. Stattdessen erschien ein Bild auf dem Wasser; zunächst unscharf, doch dann immer deutlicher. Ein von Hügeln durchzogenes, teilweise bewaldetes Land, das von einem breiten Fluss begrenzt wurde. Als der Fluss näher kam, sah Cyneric, dass in seiner Mitte ein anmutiges Schiff stromaufwärts fuhr, von einem günstigen Wind angetrieben. Eine dunkelhaarige Gestalt hockte auf der Bugspitze des Bootes, doch Cynerics Blick wurde vom Hauptdeck angezogen. Dort stand ein blondes Mädchen, den Blick nach vorne gerichtet. Seine Tochter, daran gab es keinen Zweifel. Gerade wendete sie den Blick ab und drehte sich zu jemandem um, der Cyneric bekannt vorkam. Spitze Ohren, hellbraunes Haar...
Herr Oronêl? Er war sich nicht sicher, ob er seinen Augen trauen konnte. Die Erinnerung an den Elben kehrte zurück, den er vor vielen Monaten in Aldburg kennen gelernt hatte, und der ihm die Obhut des Mädchens Irwyne anvertraut hatte. Für einen Augenblick schweifte Cyneric ab und hielt inne. Ich frage mich, wie es Irwyne wohl ergangen ist. Ich hoffe, dass es Antien und Finelleth gelungen ist, sie wohlbehalten nach Bruchtal zu bringen...
"Sieh hin, oder du wirst deine Gelegenheit verpassen," riss ihn Morrandir scharf aus seinen Gedanken.
Und tatsächlich war das Wasser wieder beinahe vollständig dunkel geworden, nur noch der blonde Haarschopf von Cynerics Tochter stach aus der Finsternis hervor. Rasch konzentrierte er sich darauf und wisperte leise ihren Namen.
Die Wasseroberfläche erhellte sich wieder, doch diesmal zeigte sie ein anderes Bild. Wieder war ein breiter Fluss zu sehen, doch er durchfloss ein Tal, das zwischen einem großen Wald und einer gewaltigen Gebirgskette lag. Inmitten des Flusses und von ihm an beiden Seiten umströmt ragte ein mächtiger Felsen in die Höhe. Cyneric beobachtete, wie seine Tochter durch das flache Wasser der Furt rings um den Felsen sprang. Sie wirkte ausgelassen und fröhlich. Und sie war nicht alleine. Eine kleine Gruppe folgte ihr durch die Furt hindurch. Doch Cynerics Sichtfeld war zu weit entfernt, als dass er einen von Déorwyns Gefährten hätte erkennen können. Erneut glaubte er Oronêl zu sehen, doch es hätte genausogut ein anderer Elb mit ähnlicher Haarfarbe sein können.
Das Bild verschwamm und an seine Stelle trat ein gewaltiges Felsmassiv, das vor einem dunklen Himmel aufragte. Weiter und weiter hinauf schwang sich die Sicht, die sich Cyneric bot, entlang der Felsenklippe und hinauf bis zu dem schmalen Kamm, der sich an der Spitze befand. Cyneric sah seine Tochter dort stehen, umringt von grimmigen Gestalten in grauen Gewändern, die Bogen und Schwerter gezogen hatten. Doch sein Blick wurde augenblicklich von einer weiteren Erscheinung angezogen. Dort, nur wenige Schritte von Déorwyn entfernt, stand niemand anderer als der Weiße Zauberer persönlich.
Saruman! Cyneric war entsetzt. Er konnte nur zusehen, wie der verhasste Zauberer seine Tochter am Arm packte und mit sich zog.
"Nein!" entfuhr es ihm. Verzweifelt versuchte er, das Bild irgendwie zu verändern, doch stattdessen verdunkelte sich die Oberfläche Anntírads und blieb diesmal schwarz.
Sie ist Saruman in die Hände gefallen, dachte Cyneric entsetzt. Nein, das muss eine Täuschung sein. Der Zauberer würde sich nicht mit ihr abgeben. Oder etwa doch? Gewiss hatte er Wichtigeres zu tun. Aber der Brunnen zeigte stets die Wahrheit...
"Das kann nicht alles gewesen sein," wandte er sich an die Schattenläufer. "Wieso zeigt mir der Brunnen nicht mehr?"
"Stelle nicht den Brunnen infrage," antwortete Morrandir streng. "Du hast gesehen, was du gesehen hast. Es ist keine Lüge in Anntírads Weisheit. Was du gesehen hast, ist bereits eingetreten. Du kannst es nicht verändern."
"Aber das hilft mir nicht weiter, meine Tochter zu finden! Ich wüsste nicht einmal, wo ich nach Saruman suchen sollte, wenn er sie tatsächlich in seiner Gewalt haben sollte. Er könnte längst überall sein!"
"Tut mir Leid für dich, Cyneric", erwiderte Ryltha. "Vielleicht hast du bei deinem nächsten Blick in den Brunnen mehr Glück..."
Cyneric ballte die Hände zu Fäusten. Oh, ich weiß ganz genau, was hier gespielt wird, dachte er wütend. Ihr haltet mich hin, weil ihr mich braucht. Ihr könnt es euch nicht leisten, mich gehen zu lassen. Und ihr habt den Brunnen so beeinflusst, dass er mir keinen eindeutigen Hinweis darauf gegeben hat, wo mein kleines Mädchen ist. Ich hätte es ahnen sollen und mich niemals mit euch Schlangen einlassen sollen!
Von diesen Gedanken drang nichts nach außen. Er wusste es besser, als es sich mit den Schattenläufern zu verscherzen. Cyneric hatte gesehen, wie tödlich Ryltha und Salia bereits waren. Um wieviel gefährlicher war da wohl erst Morrandir, von Merîl selbst ganz zu schweigen?
"Téressa," sagte Morrandir leise. "Bring ihn zurück zum Palast."
Salia trat vor und nahm Cynerics Hand, ohne etwas zu sagen. Dann setzte sie sich in Richtung der Treppe in Bewegung, und ihm blieb nichts Anderes übrig, als ihr zu folgen.

Kurz vor dem oberen Ende der Treppe blieb Salia ohne Vorwarnung stehen, sodass Cyneric fast in sie hineingelaufen wäre.
"Was ist los?" wollte er wissen.
"Shhh!" machte sie und drehte sich zu ihm um, den Finger auf die Lippen gelegt. Sie beugte sich vor und schien angestrengt auf irgend etwas zu lauschen, das Cyneric nicht hören konnte. Schließlich legte Salia sogar ihr Ohr an die oberste Stufe, ehe sie zufrieden nickte.
"Sie sind fort. Wir können zurückgehen."
"Zurückgehen? Wie meinst du das?"
Der Blick, den Salia ihm nun zuwarf, hatte nichts mehr mit der Leere gemein, die er zuvor in ihren Augen gesehen hatte. Er sagte vielmehr: Wie beschränkt bist du eigentlich?
"Sie haben dich reingelegt. Und das wird immer so weitergehen. Du wirst niemals etwas Nützliches im Brunnen sehen, solange sie es nicht wollen. Deswegen müssen wir jetzt die Dinge selbst in die Hand nehmen."
"Wie das? Ich dachte, du hast wieder von diesem unheimlichen Trank trinken müssen."
"Das haben sie gedacht. Doch gleich nach unserer Rückkehr in die Hauptstadt habe ich Rylthas Trankvorrat gegen Wasser ausgetauscht. Ich habe brav meine Medizin genommen, aber sie hat nicht gewirkt! Und ich muss schon sagen, ich habe ihnen die Wirkung dennoch geradezu meisterlich vorgegaukelt."
"Das hast du in der Tat," lobte Cyneric. Dann blickte er den Weg zurück, den sie gekommen waren. "Bist du sicher, dass sie nicht mehr dort unten sind?"
"Ganz sicher kann man sich bei Merîl nie sein. Aber Ryltha und Morrandir sind definitiv weg. Sie haben den Geheimgang zum Palast benutzt, denn heute findet eine Besprechung der wichtigsten Heerführer statt, die sie nicht verpassen können, ohne ihren Rang zu verlieren. Ich habe die Glocke am Turm des Palastes vorhin bereits läuten hören. Wenn sie nicht zu spät gekommen sind - und Morrandir kommt nie zu spät - dann sind sie bereits dort. Komm jetzt, ehe die Gelegenheit verstreicht."
Sie presste sich an Cyneric vorbei und eilte einem Schatten gleich die steilen Stufen zurück hinab in die Dunkelheit des Untergrundes.

Zurück in der weiten Halle Anntírads angekommen verlor Salia keinerlei Zeit und kniete sich an den Rand des Beckens. "Zeig mir seine Tochter," forderte sie.
"Moment, was ist mit dem Wasser, das man darauf schütten muss?"
"Es ist nichts als eine Täuschung. Sie tun so als würde der Brunnen nur funktionieren, wenn man das Wasser darauf schüttet. Aber das ist Unsinn. Sie gaukeln dir vor, dass man den Brunnen nur mit ihrer Hilfe und mit einem geheimnsivollen Ritual benutzen kann. Aber das stimmt nicht."
"Noch eine Lüge," stellte Cyneric fest und kniete sich neben Salia. Angestrengt starrte er auf das Wasser, das sich bereits erhellte.
"Sieh mal einer an," murmelte Salia, als ein Bild erschien, das Cyneric bekannt vorkam. Erneut sah er Saruman, wie er die Hand nach seiner Tochter ausstreckte. Der Zauberer packte Déorwyn am Arm, doch diesmal gebot ihm jemand Einhalt. Eine der in Grau gekleideten Gestalten hielt den Zauberer mit unhörbaren Worten auf und tatsächlich ließ Saruman von Cynerics Tochter ab und verschwand kurz darauf aus dem Bild.
"Das... das ist der Erebor!" stellte Salia überrascht fest. "Der Rabenberg, genauer gesagt. Als Kind hat mich mein Vater einmal dorthin mitgenommen. Dort steht ein Aussichtsposten der Zwerge... nein, dort stand ein Aussichtsposten der Zwerge. Jetzt nicht mehr." Ihre Stimme hatte einen traurigen Klang angenommen.
"Dann ist mein kleines Mädchen also am Erebor?"
"Es scheint so," überlegte Salia. "Brunnen - zeig uns, wo Déorwyn in diesem Augenblick ist!"
Doch anstatt zu wechseln, wurde das Bild nur größer, während die sichtbaren Personen kleiner wurden. Die Spitze des Berges kam in Sicht und schließlich auch das Tal, das sich zwischen den beiden Bergflanken ausbreitete, die unterhalb der Spitze lagen.
"Ja, eindeutig der Erebor. Dazwischen liegt Thal... meine Heimat. Und deine Tochter ist definitiv dort."
"Dann werde ich nach Thal gehen," sagte Cyneric entschlossen. "Ich breche gleich nach dem Fest auf, das Herrin Bozhidar veranstaltet."
"Wieso nicht sofort? Du gehst das Risiko ein, dass die Schatten herausfinden, was wir getan haben."
"Ich habe eine Schuld gegenüber Lilja von den Stahlblüten," erklärte Cyneric. "Wenn ich die nicht begleiche, was wird dann aus Zarifa werden?"
"Ich glaube, die würde schon zurecht kommen," meinte Salia und hob die Schultern. "Aber es ist deine Entscheidung."
Cyneric nickte. "Es sind nur noch wenige Tage, bis das Fest beginnt. Ich werde tun, was die Stahlblüten von mir wollen, und dann breche ich nach Thal auf."
"Wenn du gehst, werde ich mit dir kommen", sagte Salia und sah sich vorsichtig um. "Ich muss mir nur noch eine passende Ausrede ausdenken."
"Dir wird bestimmt etwas einfallen. Doch zunächst..." Cyneric gähnte herzhaft. "Zunächst sollten wir von hier verschwinden, und dann brauche ich dringend ein weiches Bett. Es war ein langer Tag."
Während er Salia zurück an die Oberfläche folgte, nahm er sich vor, gleich am nächsten Tag nach Zarifa zu sehen. Er hoffte, dass es ihr im Haus der Stahlblüten einigermaßen gut ergangen war...


Cyneric auf die Straßen von Gortharia
« Letzte Änderung: 16. Mär 2018, 22:18 von Fine »

Curanthor

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Re: Im Untergrund von Gortharia
« Antwort #7 am: 15. Mär 2018, 20:36 »
Klirrend rasselte die Kette durch den Raum, bis Dragan sie mit einem Ruck zurückzog. Der daran befestigte Dolch flog ihm mit einer gekonnten Bewegung aus dem Handgelenk wieder in die Hand.
"Beeindruckend", kommentierte die Stimme Nerassas.
Er tat das Lob mit einem Schulterzucken ab und übte weiter seinen Kampfstil mit dem Zirrat. Erneut rasselte die Kette durch den Raum, diesmal wirbelte der Hammer in einem Halbkreis durch die Luft. Diesmal fing er die Waffe eher schlecht als recht und knallte sie entnervt auf dem Tisch.
"Ich hasse es dabei beobachtet zu werden", sagte Dragan und funkelte Nerassa gereizt an, die nicht ihren Blick abwandte.
"Ich kann nicht anders. Ein Zirrat ist eine äußerst ungewöhnliche Waffe. Wenn ich mich recht entsinne, stammt sie von einem der Küstenvölker."
Dragan knifft die Augen zusammen, fragte sich, woher sie das wusste.
Nerassa schien seine Gedanken zu erraten, denn sie lächelte schmallippig.
"Die königlichen Attentäter haben große Ohren und viele Augen. Außer bei Euch."
"Das dachte ich mir schon", antwortete er ausweichend und nickte, "Ein ehemaliger Kampfgefährte hat mir den Zirrat überlassen. Er stammte aus einem Land, das talentierte Seefahrer hervorgebracht hatte, bis es in Unruhen verfiel und dann zerbrach."
Damit schien er Nerassa zu überraschen, denn sie zog die Augenbrauen in die Höhe, sagte aber nichts.
"Du bist nicht sehr gesprächig oder?", hakte Dragan nach.
Die Attentäterin zuckte mit den Schultern und setzte sich an den Tisch, an dem sie sonst aßen und Pläne schmiedeten.
"Ich war es einmal. Früher."
"In Govedalend konnte man damals auch freier Reden als heute."
Nerassa warf ihm einen Blick zu. Eine Mischung aus Unsicherheit und Wehmütigkeit lag in ihren grünen Augen. Als sie blinzelte, war der Eindruck verschwunden und die professionelle, distanzierte Attentäterin war wieder vorherrschend. Dragan hatte ziemlich schnell anhand ihrer Aussprache gemerkt, dass sie ebenfalls aus Govedalend stammte. Das erklärte auch, warum sie wusste, dass er einige Zeit bei den Bauern dort untergekommen war. Gleichzeitig war er aber auch erleichtert, dass sie nicht von dem Jahr wusste, indem er ganz andere Dinge erlernt hatte.
"Du redest im Schlaf", sagte Nerassa langsam und lauerte auf eine Reaktion, doch Dragan beherrschte sich. Als er nichts sagte, wandte sie den Blick ab und spielte mit ihren Dolchen, "Ich habe gehört, was dein Vater tat. Tiana hat mir zwar ein wenig erzählt, aber das was du Nachts sagtest-"
"Tut nichts zur Sache", unterbrach er sie scharf und stürmte zur Küchentür.
"Doch, das tut es!", rief sie ihm nach.
Er verharrte und wartete, bis sie weitersprach.
"Deine Gefühle für Cheydan sind dein Antrieb. Wie eine Flamme verzehrt es dich. Noch kannst du dich an diesem Feuer wärmen, doch irgendwann verbrennt es dich. Du wirst dich verbraucht, kalt und leer fühlen. Bis nur noch verbrannte Schwärze übrig ist."
Dragan drehte sich langsam um. Nerassa erhob sich von ihrem Platz und ging halb um den Tisch. Mit dem Finger strich sie über den Zirrat und fuhr fort: "Ich kenne dich kaum, Dragan, Ivailos Sohn, aber ich kenne Männer wie dich. Sie haben ein Ziel und räumen alles aus dem Weg, das sie abhält dieses zu erreichen. Es ist ein gefährlicher Weg. Was wirst du machen, wenn du es erreicht hast? Ganz gleich welches Ende dich dort erwartet."
"Darum mache ich mir Gedanken, wenn es soweit ist", antwortete er schlicht.
Sie schnaubte und nickte. "Ja, das hatte ein Freund von mir auch einst gesagt. Das Letzte, was ich von ihm hörte war, dass er sich als Söldner verdingte und in einer großen Gruppe umherzog. Er nahm jegliche Arbeit an, meist für den Schatten im Westen, denn ihm war es gleich woher die Bezahlung kam. Pass auf, dass du dich auf deinem Weg nicht selbst verbrennst, bis nichts mehr von dir übrig ist."
"Dann werde ich mir einen Eimer Wasser suchen und das Feuer löschen." Mit den Worten schlüpfte er durch die Küchentür um dem unangenehmen Gespräch zu entgehen. Kenshin, der gerade Kartoffeln schälte, blickte ihn überrascht an.
"Braucht Ihr Alkohol, oder was treibt Euch in die Küche?", fragte der Krieger schmunzelnd.
"Sehr witzig", brummte Dragan zur Antwort, konnte sich ein Heben der Mundwinkel aber nicht verkneifen. Es war bekannt, dass er kein einziges Mal in den Wochen ihres Aufenthalts in der Küche gestanden hatte. Meist war es Tiana oder Kenshin gewesen, die eine warme Mahlzeit auf den Tisch gebracht haben. Trotzdem konnte er sich nicht darüber amüsieren wie sonst, denn die Warnungen von Nerassa hingen ihm noch immer im Ohr.
"Euch scheint etwas zu belasten", stellte Kenshin sogleich fest. Ehe Dragan etwas erwidern konnte, warf der Krieger ihm eine Kartoffel samt Schäler zu. Geschickt fing er beides mit einer Hand auf, was ihm einen anerkennenden Blick einbrachte. "Das hilft den Kopf freizubekommen, so sagt man hier."
Wenig begeistert begann Dragan die Schale von der Kartoffel zu entfernen.
"Ich weiß nicht ob es hilft. Es nervt mich nur noch mehr. Ich weiß wo Cheydan ist und weiß auch, wo ich nach ihr suchen kann. Trotzdem sitzen wir hier schon seit Tagen hier unten rum und schälen Kartoffeln. Ich hasse Kartoffeln. Genau wie ich diese Geheimnisskrämer hasse. Oder ein gewisses Raubtier, dass sich hier versteckt hält."
"Ah, daher der Ärger", stellte Kenshin fest und warf ihm eine weitere Kartoffel zu.
"Das ist ja noch nicht alles", regte sich Dragan auf und schälte weiter, "Mein Vater hat ständig und überall seine Finger im Spiel, so wie er es schon damals hatte, bevor er unfreiwillig seinen Arsch vom weichen Fürstenthron erheben musste. Ständig lauert er wie ein Schatten über meinem Leben und beeinflusst es, wo er es nur kann. Selbst jetzt tut er es noch und nutzt den Zirkel für seine eigenen Zwecke. Ihm sind die einfachen Leute doch scheißegal, er sieht sich über ihnen. Er will sie nur wieder beherrschen."
"Aber das lasst Ihr nicht zu, oder?"
Kenshins Zwischenfrage brachte Dragan zum vertummen. Falls Ivailo tatsächlich wieder nach dem Fürtenthron greifen würde, was würde er dann tun? Oder er hat noch höher gesteckte Ziele, ging es ihm durch den Kopf.
"Eine schwere Frage. Trete ich aus dem Schatten das Vaters oder lasse ich ihn weiterhin der ungreifbare Schatten in meinem Leben sein, der alles kontrolliert. In meinem Dorf wäre die Frage erst gar nicht aufgekommen", murmelte Kenshin leise und ließ eine Kartoffel geräuschvoll in den Wasserbottich fallen.
"Wie meinst du das?", hakte Dragan nach, froh darüber, dass es nicht mehr um ihn ging.
Der Krieger zögerte kurz, als er nach der letzten Kartoffel griff, schnappte sie sich aber dann mit den Worten: "Andere Kultur, andere Regeln."
"Dann erläutere sie mir. Was wäre in deinem Dorf in meiner Situation geschehen?"
"Eine Frage der Ehre. Wenn das Familienoberhaupt sich in das Liebesleben seiner Kinder einmischt und deren Ehre kränkt, muss er sich seine Ehre wieder verdienen. Tut er das nicht, verliert er alles. Seine Familie, sein Haus, seinen Posten und sein Platz im Dorf."
"Also wird er verbannt?"
"Das wäre der beste Fall. Hätte mein Vater so etwas getan, würde ich ihn bei unser beider Ehre herausfordern. Shi no buyō nennt sich das bei uns." Dragan merkte, wie Kenshin es aussprach, dass es um Leben und Tod ging. Eine kurze Stille folgte, bis der Krieger fortfuhr: "Die Niwas sind ein Teil des Familienclan der Drachenklingen. Wir sind bekannt dafür, die besten und ehrenvollsten Krieger hervorzubringen. Unsere Klingen sind die schärfsten der Ostküste. Ein Duell zwischen dem alten Drachen - so nennen wir das Familienoberhaupt - und dem Nachwuchs ist immer ein Kampf bis zum fatalen Treffer. Irgendwann muss der Ältere Platz machen, bevor er eine Belastung für die anderen Dorfbewohner wird."
Die Erklärung ließ Dragan die Stirn runzeln, zu seltsam war die Vorstellung, dass sowas normal sein würde. "Also geschieht das öfters? Dass man seinen Vater tötet, wenn es soweit ist?"
Kenshin schwieg, was für ihn wie eine Zustimmung war, also fragte er weiter: "Und was ist, wenn es irgendwie nicht geht? Dass der Vater bei dem Versagen des Sohnes nicht zuschlagen kann?"
Aus dem Augenwinkel sah er, wie der Ronin sich versteifte. Klirrend fiel der Schäler auf den Boden. Dragan hob überrascht den Blick und sah nur noch, wie Kenshin zur Tür hinausmarschierte. Verwundert über die Reaktion des sonst so beherrschten Kriegers erhob er sich und folgte ihm. In dem Hauptraum war aber nicht nur Kenshin und Nerassa anwesend, sondern auch Tiana und den Kerl, die sie vor ein paar Wochen befreit hatten. Dragan erinnerte sich, dass der muskulöse Mann mit dem Decknamen Stier angesprochen wurde. Dieser machte seinem Decknamen alle Ehre, denn die tief liegenden Augen und die bullige Erscheinung des Mannes machten deutlich, dass er für das Grobe zuständig war.
"Ah, Dragan", begrüßte Tiana ihn freundlich, "Ich denke, du erkennst noch den Stier. Da du ihn ohne Maske gesehen hast, kann er dich auch so kennen."
Der Mann verneigte sich knapp, seine dunkelbraunen Augen huschten über Dragans Körperbau. "Mein Name ist Ukko Rantala", stellte er sich vor, "Ich bevorzuge aber Stier."
"Kein Wunder", murmelte Dragan leise und sagte dann lauter: "Mein Name ist Dragan."
Der Stier hatte es gehört und grinste kurz, wobei sich zwei Zahnlücken in der oberen Zahnreihe zeigten.
"Ist alles bereit?", fragte Nerassa streng, woraufhin der Stier nickte.
Tiana, die offenbar die Oberbefehl führte verkündete: "Ich habe den Zirkel bereits unterrichtet. Uns werden sechs Gruppen begleiten, der Kreis von Govedalend wird uns mit zehn weiteren Gruppen unterstützen."
"Kreis?", warf Dragan verwirrt ein.
"So nennen wir die größten Untergruppierungen innerhalb des Zirkels. Ein Kreis für jeweils ein Fürstentum, wobei der Kreis von Gorak im Moment am meisten zu tun hat. Sie können uns keine Hilfe schicken. Wir wissen aber nicht warum, darauf baut der Zirkel auf, dass ein Kreis nicht weiß, was der andere macht, bis hin zu kleinsten Zelle."
"Wenn einer auffliegt, zieht er nicht den Rest mit. So wie Tianas alte Zelle", ergänzte Kenshin knapp.
"Ich habe schon davon gehört", mischte sich Ukko wieder ein und wandte sich an Tiana, "Tut mir leid um Darius. Ich weiß, dass er dir ein guter Freund war und ein ein gern gesehehner Kunde in deiner Taverne."
"Opfer müssen gebracht werden", tat sie es ab und pochte auf den Tisch, "Nochmal zur Klärung: In Gortharia handelt nur der Innere Zirkel direkt, weil es die Hauptstadt ist, in Govedalend ist aber nur der dortige Kreis aktiv. Wenn wir dort sind, verliert kein Wort über unser anderen Missionen, denn sie werden auch nichts von ihren Aktionen erzählen, genau wie wir. Nicht die Rettung des Stiers oder andere Kleinigkeiten, wie die Zerschlagung meiner Zelle. Je weniger die anderen wissen, umso sicherer sind wir. Ihr seid jetzt meine Zelle, verstanden? Ihr hört auf das, was ich sage. Ganz egal was andere des Inneren Zirkels sagen."
Beim letzten Satz blickte sie Dragan in die Augen, der sofort verstand, dass sie gerade Ivailo gemeint hatte. Die anderen drei Anwesenden nickten und bekräftigten, dass sie zusammenhalten würden. Ein merkwürdiges Gefühl stieg in Dragan auf. Ein Gefühl von Zugehörigkeit. Alle blickten ihn an, bis ihm aufging, dass er bisher nichts gesagt hatte.
Er grinste breit. "Also sind wir jetzt ein Haufen von Geheimnisskrämern, was ich absolut hasse. Perfek, auch wenn ich euch zwei Neuzugänge nicht gut kenne, denke ich, dass wir ein gemeinsames Ziel haben. Ich bin dabei."
Nerassa wirkte ein wenig pikiert und hatte die Lippen geschürzt, Ukko grinste dagegen breit und klopfte Dragan kräfitg auf die Schulter, sodass er ein Schritt nach vorn stolperte.
"Das wird schon", sagte er und lachte schallend, "Wir holen deine Holde da raus und treten Vakrims fetten Arsch so heftig, dass er unsere Stiefelspitzen sauber lecken kann. Er hockt schon zu lange auf einem Platz, der ihm nicht gebührt, da ist der Hintern plattgesessen genug, dass es passt."
Dragan stimmte in das Lachen Ukkos ein und erwiderte das Schulterkopfen. "Gut gesprochen! Govedalend, wir kommen."
"Da haben sich ja zwei gefunden...", murmelte Tiana kopschüttelnd, grinste aber dennoch, "Morgen bei Dämmerung treffen wir uns in meiner Taverne. Einzelnd und auf verschiedenen Wegen. Die Lieferung wird bei Einbruch der Nacht starten. Die Leibwachen sind alles Leute vom Stier, die übrigen Händler der Karawane sind nur Tarnung und alles Leute von uns. Es sind die anderen sechs Zellen, die uns begleiten."
"Klingt gut durchdacht, so kann man Spione leicht ausmachen", kommentierte Kenshin anerkennend.
"Gut, also eine Zirkel-exklusive Karawane. Wo soll es hingehen?"
Tiana lächelte, diesmal mit einer Herzlichkeit, die sonst nur in der Taverne zu sehen war: "Zum Gehöft meiner Familie. Mein altes Zuhause."
Die vier blickten sich kurz an und stimmten ohne zu zögern zu. Dragan war schon gespannt zu sehen, wo Tiana ihre Kindheit verbracht hatte. Vielleicht sogar mit gelegentlichen Besuchen von Cheydan, die in einem Dorf weiter gelebt hatte, bevor sie nach Draganhrod gezogen war.

Eandril

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Re: Im Untergrund von Gortharia
« Antwort #8 am: 6. Okt 2018, 15:09 »
Milva aus dem Anwesen der Bozhidar

"Ich bin euch dankbar für eure... Dankbarkeit. Aber ich glaube nicht, dass ich noch einmal in diesen Brunnen schauen will." Milva ging nervös vor dem rechteckigen Becken auf und ab, und vermied es, Morrandir oder Ryltha, die ihr gegenüber auf der anderen Seite des Beckens Aufstellung genommen hatten, anzusehen. Die beiden Schattenläuferinnen tauschten einen rätselhaften Blick, bevor Ryltha antwortete: "Wir wollen dich nicht dazu zwingen, sondern dir raten, dich dazu zu entscheiden, deine Belohnung anzunehmen."
"Du hast getan was wir von dir verlangt haben, doch gewisse Ereignisse sind schneller eingetreten, als selbst wir erwartet haben", ergänzte Morrandir, und das freimütige Geständnis überraschte Milva. Sie hätte nicht gedacht, dass die Schattenläufer eine solche Fehleinschätzung eingestehen würden. "Und gerade das besorgt uns. Da du eine... persönliche Beziehung zu den Geschehnissen der letzten Tage hast, könnte es sein, dass der Brunnen dir mehr verrät als uns."
Nicht zum ersten Mal fragte Milva sich, wie viel genau die Schattenläufer wussten. Sie hatte jedenfalls nicht erwähnt, wie genau es ihr gelungen war, das Pergament zu stehlen, und Silans Beteiligung hatte sie vollständig verschwiegen. Warum genau war ihr selbst nicht klar. Sie blieb stehen, und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. "Wieso glaubt ihr, dass der Brunnen mir mehr verraten würde als euch?" Dieses Mal war der Blick, den Morrandir und Ryltha tauschten, beinahe mitleidig. "Wir wissen inzwischen ziemlich genau, was vor zwei Nächten vorgefallen ist", sagte Ryltha schließlich sanft. "Das ist die persönliche Beziehung, von der wir sprachen."
Milva bemühte sich, keine Miene zu verziehen und hoffte, dass man ihr Erröten im flackernden Licht der Fackeln nicht erkennen konnte. Das erklärte jedenfalls, wie viel die Schattenläufer wussten - und in diesem Fall beunruhigte Milva die Tatsache, dass sie offenbar überzeugt waren, irgendetwas entscheidendes nicht sehen zu können.
"Es gibt noch einen weiteren Grund, Kind", sagte eine leise Stimme hinter ihr. Milva fuhr erschreckt auf der Stelle herum, denn sie hatte die Frau nicht kommen hören, obwohl ihr Gehör durch lange Übung äußerst geschärft war. "Man kennt mich bei Hofe als Laladria, doch du kannst mich Merîl nennen." Sie war mittelgroß, mit pechschwarzen Haaren und durchdringenden, blauen Augen, und flößte Milva ein instinktives Unbehagen ein.
"Ich nehme an, ihr seid die Anführerin der Schattenläufer?", fragte sie, beinahe ein wenig herausfordernd und bemüht, sich ihr Unbehagen nicht anmerken zu lassen. Um Merîls Lippen spielte ein unheimliches Lächeln, während ihre Augen Milvas Blick gefangen nahmen und nicht wieder losließen. "So könnte man es sagen. Und der zweite Grund, warum du in den Brunnen schauen solltest, ist dieser: Du bist dafür geboren. Dies hier ist das, wofür das Schicksal dich auserwählt hat."
"Ich kann nicht sagen, dass dieses Schicksal mir allzu gut gefällt", murmelte Milva, zuckte aber mit den Schultern und fügte hinzu: "Aber meinetwegen... ich reiß' mich nicht besonders darum, aber wenn ihr meint, dass es sein muss..."
Ryltha zog das Fläschchen mit der geheimnisvollen silbrigen Flüssigkeit hervor, dass sie bereits beim letzten Mal verwendet hatte, doch Merîl winkte ab. "Nein, Schwester. Nicht jetzt, da Teressa uns verraten hat..." Milva biss die Zähne zusammen, um sich nichts anmerken zu lassen. Offenbar brauchte es nicht viel um die Schattenläufer zu verraten, und sie fürchtete, was mit Salia geschehen würde, wenn diese je nach Gortharia zurückkehren würde. Und außerdem begann sie sich zu fragen, was genau es war, dass die Schattenläufer mit ihr vor hatten.
Merîl zog ein eigenes Fläschchen mit einer dunklen und doch schimmernden Flüssigkeit aus ihrem eigenen Gewand und hielt es Milva entgegen. "Trink das, Kind." Milva nahm das Fläschchen entgegen, zögerte aber. "Was ist das? Und warum sollte ich es trinken?"
"Es wird dir beim Sehen helfen", antwortete Merîl mit dem gleichen merkwürdigen Lächeln wie zuvor. "Vertrau mir."
Das tue ich nicht, dachte Milva, doch sie sprach es angesichts des stählernen Ausdrucks in Merîls Augen nicht aus. Ihr war beinahe instinktiv klar geworden, dass sie hier jemandem gegenüber stand, der um etliche Male größer war als sie selbst - selbst, wenn man es nicht sehen konnte. Statt also zu widersprechen entkorkte sie das Fläschchen und trank die geruchs- und geschmacklose Flüssigkeit in einem Zug leer. Merîls Lächeln wurde eine Spur zufriedener.
Wie im Traum wandte Milva sich um und blickte auf die dunkle, spiegelglatte Oberfläche des Brunnens. Wie beim letzten Mal erschienen zuerst sieben helle Lichtpunkte, die nach und nach verblassten, doch dieses Mal wurden sie nicht durch Bilder ersetzt. Stattdessen trübte sich die Oberfläche, als ob sie in dichten Nebel blicken würde. Milva glaubte, gedämpfte Geräusche zu hören, doch sie konnte nicht ausmachen, worum es sich dabei handelte. Sie fühlte sich blind und taub, und wollte sich gerade abwenden, als sie einen Hand auf der Schulter spürte. "Streng dich an, Kind", hörte sie Merîls Stimme. "Konzentriere dich auf das, was du sehen musst."
Milva atmete tief durch und rief sich Silans Bild vor Augen, wie er am Fuß der Treppe gesessen hatte, der Leichnam seiner Tante vor sich. Doch der Nebel schwand nicht, sondern schien noch ein wenig dichter zu werden. Milva starrte auf die Wasseroberfläche, bis ihre Augen begannen zu schmerzen, und plötzlich blinkte ein Bild durch den Nebel. Eine brennende Stadt. Schiffe auf einem dunklen Meer. Und plötzlich wieder die Herrin der Quelle, die Milva direkt in die Augen blickte.
Merkwürdig, was für Dinge aus der Vergangenheit in den letzten Tagen auftauchen, hallte ihre Stimme in Milvas Kopf wieder. Bevor Milva fragen konnte, was sie damit meinte, machte die Herrin eine rasche Bewegung mit der Hand, und mit einem Mal wurde Milvas Kopf wieder klar. Lass dich von Merîl nicht benutzen wie von mir, Weihe. Die Stimme klang gleichzeitig warnend und entschuldigend, und plötzlich veränderte sich der Ausdruck in den Augen der Herrin. Dir liegt eine Frage auf dem Herzen.
Mehr als eine, erwiderte Milva stumm. Ihr kennt diesen Brunnen, habt ihr gesagt. Wieso zeigt er mir nur Nebel?
Das Gesicht der Herrin zeigte tiefe Besorgnis. Etwas mächtiges muss am Werk sein, um den Blick des Brunnens zu trüben. Nimm dich in Acht.
Bevor Milva etwas erwidern konnte, riss die Hand auf ihrer Schulter sie zurück, und ihr Blickkontakt mit dem Brunnen brach. Sofort wurde die Oberfläche wieder dunkel, und nichts war mehr zu sehen.
Merîls Augen hatten sich geweitet. "Du hast... sie gesehen. Mit ihr gesprochen. Tarásanë. Wie ist das möglich?" Milva blickte zu Ryltha und Morrandir, doch diese wirkten ebenso ratlos und erschreckt wie sie selbst. Merîl schloss die Augen und schüttelte den Kopf, wie um einen Gedanken zu vertreiben. "Bringt sie fort", befahl sie. "Für heute sind wir fertig. Ich... muss nachdenken, was zu tun ist."

Ryltha führte Milva schweigend bis zum Ausgang, doch bevor sie hinaus auf die Straßen traten, hielt sie sie zurück. "Warte, Milva... was hast du gesehen?"
Milva schüttelte den Kopf. "Nichts... nur etwas wie Nebel. Dichter Nebel, den ich nicht durchdringen konnte." Auch in Rylthas Augen stand nun tiefe Besorgnis. "Seit letzter Nacht sehen Morrandir und ich ebenfalls nichts anderes. Irgendetwas mächtiges scheint den Blick des Brunnens zu trüben. Und was immer es ist - es weiß mehr über uns als wir fürchteten, und es ist uns keinesfalls wohlgesonnen."

Listen to the wind blow, watch the sun rise
Running in the shadows, damn your love, damn your lies