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Autor Thema: Westlich von Aín Sefra  (Gelesen 688 mal)

Eandril

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Westlich von Aín Sefra
« am: 13. Dez 2016, 16:29 »
Narissa aus Aín Sefra

Narissa war die ganze Nacht durchgeritten, zunächst in wildem Galopp und später, als Aín Sefra hinter ihr verschwunden war, in langsamem Trab. Egal wie sie sich fühlte, es war falsch deswegen ihr Pferd zuschanden zu reiten.
Als die Sonne hinter ihr aufging stellte sie fest, dass sie unbewusst nach Westen geritten war, in Richtung Umbar. Vielleicht sollte sie in die Hafenstadt zurückkehren und Edrahil von ihrer Begegnung mit Qúsay berichten, was ja im Grunde auch ihr Auftrag gewesen war. Narissa erreichte die Kuppe des sandigen Hügels, den die Straße überquerte, und erblickte auf der anderen Seite zwei niedrige Häuser mit einem umzäunten Hof. Innerhalb der Umzäunung standen außerdem ein Brunnen - vermutlich der Grund für diese Ansiedelung - und ein langgestreckter Stall. Außerhalb hatten verschiedene Reisende ihre Zelte im Schatten einiger Palmen und Büsche mit einem winzigen See aufgeschlagen. Narissa erinnerte sich an diesen Ort, es war eine der Oasen mit Herbergen, die sich entlang der meisten Straßen in Harad finden ließen. Hier im Norden waren sie noch nicht unbedingt nötig, denn die großen Wüsten begannen erst weiter südlich und östlich, doch meistens waren sie dennoch gut frequentiert.

Narissa betrachtete die Herberge müde von der Kuppe des Hügels aus, und fasste schließlich einen Entschluss. Eigentlich wollte sie in ihrer jetzigen Situation möglichst viele Meilen zwischen sich und Aín Sefra bringen, doch irgendein Gefühl hielt sie zurück. Sie weigerte sich, auch nur Aeriens Namen zu denken. Außerdem war sie nach einer durchrittenen Nacht einigermaßen erschöpft, und könnte eine Ruhepause gut gebrauchen. Sie lenkte Grauwind den Hügel hinab und durch das hölzerne offenstehenden Tor in den Innenhof, wo sie absaß und die Stute in Richtung des Stalles führte. Sie rieb sich die von ihrem Kampf mit den Kopfgeldjägern noch immer schmerzende Schulter, warf einem Jungen, der vielleicht zwölf Jahre alt war, eine der Münzen aus dem Beutel, den sie von König Músab erhalten hatte, zu und sagte: "Hier. Sorg dafür, dass mein Pferd gefüttert und getränkt wird - und pass gut auf es auf." Der Stallbursche betrachtete die kermische Münze zweifelnd, offenbar waren sie in dieser Region nicht allzu häufig, doch seine Miene hellte sich nach einem Biss auf die Münze, der ihre Echtheit bestätigte, auf.
"Ich werde gut auf sie aufpassen", versprach er, nahm Grauwinds Zügel entgegen, und fügte mit Kennermiene hinzu: "Ein schönes Pferd habt ihr da."
Narissa nickte nur abwesend, und wollte den Stall ohne ein weiteres Wort verlassen, als ihr plötzlich eine in weiße Gewänder gehüllte Gestalt den Weg vertrat. Narissa erkannte sie sofort, und seufzte: "Elyana. Ich frage nicht wie ihr mich gefunden habt, aber verschwindet."
Sie wollte um die Frau herumgehen, doch Elyana trat ihr erneut in den Weg. "In dieser Herberge ist ein sehr gefährlicher Mann, der auf dich wartet."
"Ich bin schon mit einigen sehr gefährlichen Männern fertig geworden", gab Narissa zurück. "Dieser ist anders." In Elyanas Augen zeigte sich Sorge, und nur das hinderte Narissa daran, ihre Warnung einfach zu ignorieren. Normalerweise strotzte die Anführerin der Sieben Schwestern nämlich geradezu vor Überlegenheit, und Sorge hatte Narissa bei ihr noch nie feststellen können.
"Aber sei unbesorgt, meine Schwestern kümmern sich bereits darum." Die alte Überlegenheit kehrte in Elyanas Gesicht zurück, doch Narissa glaubte irgendwo einen kleinen Funken Unsicherheit zu sehen.

Im gleichen Moment ertönte von draußen ein gebieterischer Ruf: "Komm heraus, Abel, und bezahle für deine Verbrechen." Narissa spähte unter dem wachsamen Blick Elyanas um die Ecke des Stalls, und sah sieben ebenso wie Elyana gekleidete Frauen in einer Reihe vor der Herberge stehen, jede mit einem elegant geschwungenen Krummsäbel in der Hand. Für einen Moment herrschte Stille, bevor die Tür der Herberge langsam aufschwang und ein sehr seltsamer Mann ins Morgenlicht hinaustrat. Er war sehr groß, allerdings nicht kräftig gebaut sondern geradezu knochig, hatte kurz geschorenes schwarzes Haar, das an den Schläfen grau wurde, buschige Augenbrauen und eine hakenförmige Nase. Er trug lediglich eine Hose, sein Oberkörper war nackt, und er trug sein Schwert unter den linken Arm geklemmt. Mit der rechten Hand hielt er eine angebissene geschälte Orange, deren Saft ihm über das Kinn lief, und als er die sieben Frauen vor sich sah, verzogen sich seine schmalen Lippen zu einer Grimasse, die vermutlich ein Grinsen sein sollte.
"Sieben Täubchen um sich rupfen zu lassen", sagte er, und bei Klang seiner rauen lief Narissa unwillkürlich ein Schauer über den Rücken. "Der ehrenwerte Sultan zahlt viel für jede von eurer Brut."
"Wir sind nicht hier um uns von dir töten zu lassen, Abel", gab die in der Mitte stehende Frau voller Verachtung zurück. "Sondern um deinem Treiben ein Ende zu machen."
Abel biss in seine Orange, kaute und sagte dann mit noch halb vollem Mund: "Meinem Treiben? Ich mache die Welt ein wenig sicherer, in dem ich alles mögliche Gesindel beseitige - ist es denn verwerflich, dass ich mich dafür bezahlen lasse?"
"Du wirst hier sterben. Wir haben es in den Sternen gesehen", erwiderte die Anführerin ungerührt, und in ihrem Versteck schnaubte Narissa verächtlich. Die Sterne waren zwar schön, aber sie zeigten ganz gewiss nicht die Zukunft.
Abel schien ähnlicher Meinung zu sein, denn sein Grinsen wurde noch ein wenig breiter. "In den Sternen, ist ja ein Ding. Aber bitte, wenn ihr darauf besteht..." Dann verengten sich seine Augen einen winzigen Moment, und Narissa wusste, was geschehen würde.

Mit einer blitzschnellen Bewegung hatte der Mann die Orange hinter sich geworfen, sein Schwert in der Hand und sprang seine Gegnerinnen, die nur wenig langsamer reagierten, entgegen. Der Kampf war heftig, doch schien ihre Überzahl den Kämpferinnen der Schwestern keinen Vorteil zu bringen. Staub wirbelte unter den Füßen der Kämpfenden auf und behinderte Narissas Sicht, doch sie erkannte schnell, dass Abel den Frauen mindestens ebenbürtig war. Eine weißgekleidete Kämpferin taumelte zur Seite, die Hand an ihren Hals gepresst, und versuchte vergeblich das daraus hervorschießende Blut zurückzuhalten. Eine zweite fiel neben sie, Abels Hieb hatte ihr den linken Arm über dem Ellbogen abgetrennt und war dann tief in den Brustkorb eingedrungen.
Drei weitere Schwestern fielen in rascher Folge, und für einen winzigen Augenblick kehrte Ruhe ein, als die beiden verbliebenen und Abel, der keinen einzigen Kratzer davongetragen zu haben schien, sich gegenüber standen. Aus einem Impuls wollte Narissa aufspringen, losrennen und ihnen helfen, doch Elyana packte ihre beiden Arme mit eisernem Griff, obwohl sie grau im Gesicht war. "Du kannst hier nichts tun."
Im selben Moment nickten die verbliebenen Kämpferinnen sich zu, und griffen den höhnisch grinsenden Abel erneut an.
Es war schnell vorbei. Der einen Kriegerin rammte Abel sein Schwert durch die Kehle, riss es wieder hervor und traf die andere aus der Drehung heraus genau in den Bauch. Der Schwung des Schlages schleuderte die Frau gegen die Wand der Herberge, wo sie zusammengesackt liegen blieb. Stille senkte sich über den Hof.
"Wir sollte gehen", zischte Elyana Narissa ins Ohr, doch Narissa hatte nicht vor, zu fliehen. Dort draußen waren sieben Frauen ums Leben gekommen, nur um sie zu schützen. Denn für Narissa bestand kein Zweifel, dass Abel ein Kopfgeldjäger war, der sie nach Qafsah zu Suladân bringen würde - warum sollten die Sieben Schwestern sich sonst um ihn scheren. Mit einem Ruck befreite sie ihren Arm aus Elyanas Griff und rammte der Frau den Ellbogen direkt gegen die Luftröhre. Auch der Griff um ihren anderen Arm lockerte sich, und das genügte Narissa um sich endgültig zu befreien und mit einem Satz draußen auf dem Hof zu sein.

Abel betrachtete gerade sein Werk, auf sein blutiges Schwert gestützt, und während sie näher kam rief Narissa: "He, suchst du vielleicht nach mir?"
Der Kopfgeldjäger fuhr herum, und erneut breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus. "Noch ein Täubchen zum rupfen, und diesmal ein ganz weißes." Er fuhr sich mit der Zunge über die dünnen Lippen, und am Ausdruck seiner Augen sah Narissa, dass er auf Anhieb wusste, wen er vor sich hatte. Sie zog ihre Dolche, und verharrte in Kampfposition. "Mit mir wirst du kein so leichtes Spiel haben." Warum sie so handelte, wusste sie nicht, denn eigentlich konnte sie die Schwestern nicht leiden. Doch sie hatten sich für sie in einen Kampf gestürzt, der nicht zu gewinnen war.
Narissa beobachtete Abel aufmerksam. Der Mann war sehr entspannt - vielleicht zu entspannt, was ihr einen Vorteil verschaffen konnte. Eine winzige Verlagerung seines Gewichts verriet ihr, dass er sich zum Angriff bereit machte, und sie ließ ihn kommen.
Nur wenige Augenblicke später wusste Narissa, dass sie verlieren würde. Abel war stärker als sie, hatte eine größere Reichweite, und zudem auch noch mindestens genauso schnell wie sie. Sie parierte Hiebe, wich Schlägen aus, doch gelangte sie selbst nur äußerst selten in die Offensive.  Ein Schweißtropfen lief ihr die Schläfe hinunter und tropfte in den blutigen Staub. Narissa sprang rücklings über eine der Leichen hinweg, und in diesem Moment erkannte sie ihre Gelegenheit. Abel hatte zu weit zum Schlag ausgeholt, und so war seine linke Seite ungedeckt.
Narissa schnellte vor, beide Dolche auf Abels Herz gerichtet - und wurde im nächsten Augenblick brutal nach hinten geschleudert, als Abels Stiefel sie mit ganzer Kraft in den Bauch traf. Es war eine Falle gewesen, in die sie direkt hineingelaufen war.
Als sie stürzte fielen ihr beide Dolche aus der Hand, und ihr Kopf schlug so hart auf dem Boden auf, dass ihr schwarz vor Augen wurde.

Als Narissas Bewusstsein zurückkehrte, hatte der Kopfgeldjäger sie wie einen jungen Hund am Nacken gepackt, und schleifte sie über den staubigen Innenhof, zwischen den Leichen hindurch, in die dämmrige Herberge hinein. "Ist meine Kleidung endlich trocken?"
"J... ja, Herr Abel." Der Wirt streckte ihm mit zitternden Händen die Kleider entgegen. Bevor er sie entgegennahm, stieß Abel Narissa auf einen leeren Stuhl und sagte: "Rühr dich nicht einen Fußbreit vom Fleck, oder du wirst es bereuen."
Dann zog er sich sein Hemd über den Kopf, und im selben Moment sprang Narissa auf und machte einen Satz in Richtung Tür - nur um sofort über Abels ausgestrecktes Bein zu stolpern. Er packte sie mit Händen wie aus Eisen, zog sie wieder auf die Füße und versetzte ihr einen Fausthieb, der Sterne vor ihren Augen tanzen ließ. "Ich habe dich gewarnt", stellte er leidenschaftslos fest, und ließ Narissa dann los.
"Also, zieh dich aus." Narissa zögerte, und augenblicklich versetzte er ihr eine kräftige Ohrfeige.
"Mir geht es nicht um deine lächerlichen Titten oder deinen dürren Körper", erklärte Abel mit höhnisch verzogenen Mundwinkeln. "Ich will sehen, welche Waffen du noch so versteckt hast. Also zieh. Dich. Aus."
Während sie Abels Befehl nachkam, versuchte Narissa die anderen Gäste im Raum zu vergessen.
Die sind gar nicht hier, niemand ist hier - und ich auch nicht. Das war nicht sie, die sich vor einem Mann auszog, der sie gerade brutal verprügelt und sieben Menschen getötet hatte, ohne einen Kratzer davonzutragen. Sie war auf der Inseln, saß mit ihrem Großvater im Zimmer an der Turmspitze, oder später mit Bayyin im Garten. Sie hatte einen Fehler begangen, sie hätte nicht einfach davonlaufen sondern Aerien zur Rede stellen sollen. Doch nun war alles andere egal.
Als es vorüber war und all ihre Waffen und der Geldbeutel aus Kerma auf einem Tisch lagen, nickte Abel zufrieden. "Sehr gut." Er nahm eine Handvoll Münzen aus dem Beutel und legte sie auf den Tisch. "Das ist für denjenigen, der nach Ain Salah reitet und dem guten Händler Kimyet berichtet, dass Abel jemanden für ihn hat. Sagt ihm nur das, das wird genügen."
Den nun beträchtlich leichteren Beutel warf er dem Wirt zu, der ihn geschickt auffing. "Und das ist für die Unterkunft und die Unannehmlichkeiten. Das gute Fräulein und ich müssen nun leider aufbrechen." Er grinste, doch Narissa bekam davon nichts mit. Sie war ja gar nicht da.

Narissa nach Weit-Harad...
« Letzte Änderung: 12. Jan 2017, 09:33 von Fine »

Listen to the wind blow, watch the sun rise
Running in the shadows, damn your love, damn your lies

Fine

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  • Ich hab da ein ganz mieses Gefühl bei der Sache...
Auf Spurensuche
« Antwort #1 am: 17. Dez 2016, 11:41 »
Aerien von Aín Séfra


Die Sonne ging hinter ihr auf als Aerien den Gasthof erreichte, den die geheimnisvolle Frau Elyana ihr beschrieben hatte. Er lag ein Stück abseits der Straße, in Richtung Süden, und bestand aus zwei großen Gebäuden. Eines davon schien eine Art Mischung aus Stall und Scheune zu sein während das zweite einer Gaststätte ähnelte, wie sie überall in Mittelerde an viel bereisten Straßen zu finden waren. Aerien gähnte herzlich und wischte sich die Müdigkeit aus den Augen. Sie war so schnell geritten, wie es ihre Fähigkeiten zugelassen hatten, und Karab hatte sie ohne große Mühe die Straße entlang getragen. Das gondorische Ross war groß, kräftig und ausdauernd und unterschied sich von den flinken, feingliedrigeren und feurigeren Pferden, die die Haradrim bevorzugten. Es schien Aeriens Gewicht auf seinem Rücken kaum zu spüren.

Aerien glitt vorsichtig aus dem Sattel und führte Karab zur Scheune, wo bereits einige andere Pferde angebunden waren. Sie blieb stehen und wandte sich an ihr Ross. "Bitte warte hier auf mich, bis ich mich nach Narissa umgesehen habe;" bat sie. Karab schnaubte leise und sagte nichts. Aerien beschloss, das als Zustimmung zu werten und nahm einen Apfel aus einem Korb den sie in der Scheune entdeckt hatte, den Karab nur zu gerne annahm. "Ich bin bald zurück," sagte Aerien und verließ die Scheune. Sie sah sich den Hof etwas genauer an und erschrak, als sie die ersten Blutspuren fand. Genau konnte sie es nicht sagen, doch für ihr Auge sah es so aus, als hätte jemand blutende Körper über den sandigen Boden geschleift. Die Spur führte hinter die Scheune.... wo Aerien ein erschreckender Anblick erwartet hätte, wenn sie in einem anderen Land als Mordor aufgewachsen wäre. Zwischen zwei großen Heuhaufen lagen sieben Frauenleichen aufgestapelt. Die zerfetzten und blutigen weißen Gewänder erinnerten Aerien an Elyana und ihr wurde klar, dass die geheimnisvolle Frau die Wahrheit gesagt hatte. Die Leichen konnten sie nicht schrecken - schon als Kind war sie hin und wieder mit Toten konfrontiert worden - und so wagte sie einen genaueren Blick. Zu ihrer Erleichterung stellte sie fest, dass Narissa nicht unter den Toten war. Doch Aerien fand bei den Toten keinen Hinweis auf ihren Verbleib.

Aerien beschloss, zum Ort des Kampfes zrückzukehren. Und dort fand sie schließlich die erste Spur: halb vergraben im Sand lag Narissas Medaillon, das sie offenbar erneut im Gefecht verloren hatte. Aerien hob das Schmuckstück auf, strich den Sand ab und betrachtete es nachdenklich. Die silberne Kette wurde von einem runden Anhänger geziert, auf dem ein stilisierter Baum eingraviert war, der Aerien an den weißen Baum Gondors erinnerte. Sie legte die Finger darum und schloss für einen Moment die Augen. "Narissa," flüsterte sie. "Wo auch immer du herkommst. Und wo auch immer du gerade bist. Ich finde dich. Und dann zeige ich dir, dass ich es ernst gemeint habe, als ich dich meine Freundin genannt habe."
Eine kühle Brise aus dem Westen fuhr ihr durchs dunkle Haar, verwirbelte es, und trug Aeriens Worte davon. Sie war erfüllt von einer starken Entschlossenheit. Sie würde Narissa retten oder bei dem Versuch sterben.

Im Inneren der Herberge war niemand zu sehen. Zu dieser Uhrzeit schliefen die Gäste offenbar, doch Aerien wunderte sich, dass auch vom Inhaber jede Spur fehlte. Ihre Hand legte sich an den Griff ihres Schwertes, und langsam zog sie die Klinge von ihrem Rücken und ließ sie locker in der Rechten hängen. Ihre Wachsamkeit nahm zu, und sie hörte deutlich die Stimme ihres Vaters in ihren Gedanken: Sei auf alles vorbereitet, Azruphel. So vorsichtig wie möglich pirschte sie in den hinteren Bereich des großen Raumes, in dem sich abends die Gäste aufhielten, auf eine Tür zu, die wohl in die Küche führen musste. Eine hölzerne Diele knarrte unter ihrem Fuß als sie auftrat, und Aerien wusste, dass sie ihre Position verraten hatte. Reflexartig warf sie sich zu Boden. Dort, wo sie gerade eben noch gestanden hatte, zischte ein Pfeil durch die Luft und schlug in die Wand dahinter ein. Aerien rollte sich ab, kam auf die Beine und stürmte mit großen, schnellen Schritten in die Richtung, aus der der Schuss gekommen war. Ein Mann stand im Türrahmen, und wollte gerade einen neuen Pfeil auflegen, doch da war Aerien bereits heran und stieß ihn mit aller Kraft rückwärts gegen einen großen Schrank voller Geschirr. Krachend schlug er auf. Sein Moment der Benommenheit genügte Aerien und sie richtete die Spitze ihres Schwertes auf sein Gesicht.
"So begrüßt Ihr also Eure Gäste, bazîr?(1)" zischte sie mit zusammengepressten Zähnen.
Der Mann schien mit der adûnâischen Beleidigung nichts anfangen zu können. Er spuckte aus und knurrte: "Habt Ihr und Euresgleichen nicht schon genug Tod und Zerstörung in meine Herberge gebracht? Lasst mich in Frieden!"
Aerien setzte eine verwunderte Miene auf. "Wovon sprecht Ihr?"
"Nun stell' dich nicht dumm, Mädchen. Ich habe gesehen, wie du die Leichen durchsucht hast. Du bist eine von denen!"
"Ich will nur wissen, was hier gestern geschehen ist. Sprecht, und es wird Euch nichts geschehen," antwortete Aerien.
Der Gastwirt dachte einen Augenblick nach. Er schien sich beinahe dazu durchgerungen zu haben, zu reden, doch dann schien ihn eine neue Erinnerung davon abzuhalten. "Ich habe dir nichts zu sagen," knurrte er.
Aerien hatte genug. Dieser Südländer verschwendete ihre kostbare Zeit - Zeit, die Narissa wahrscheinlich nicht hatte. Sie brauchte Antworten, und sie brauchte sie jetzt. "Vielleicht hilft das Eurem Gedächtnis auf die Sprünge," sagte sie und versetzte dem Mann einen gezielten Hieb gegen die Kehle, der ihn würgen und nach Luft schnappen ließ. Aerien zog den kermischen Dolch und legte die Klinge zwischen Zeigefinger und Daumen der rechten Hand des Mannes. Sie übte ein wenig Druck darauf aus und Blut begann, aus dem Schnitt zu quellen. "Ihr sagt mir jetzt, wass ich wissen will, bevor Ihr Eure Finger einen nach dem anderen verliert," flüsterte Aerien unheilvoll. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie tatsächlich dankbar für die Ausbildung, die sie in Durthang erhalten hatte. Sie gab es nicht gerne zu, doch sie wusste wie man jemanden folterte. Nun kam ihr diese Wissen zugute.
"Warte!" stieß der Mann hervor und Aerien wusste, dass sie gewonnen hatte. "Tu das nicht! Ich werde... erzählen, was passiert ist." Die Farbe war aus seinem Gesicht gewichen und Aerien konnte die Angst in seinen Augen sehen. In ihr regte sich Mitleid, doch sie konnte es sich jetzt nicht erlauben, es zu zeigen. Um Narissas Willen musste sie hart bleiben.
"Es gab einen Kampf zwischen den Frauen in Weiß und ... und einem Kopfgeldjäger," begann der Gastwirt und berichtete davon, dass ein Mann für die sieben Leichen verantwortlich war. Derselbe Mann war danach mit einer Gefangenen davongeritten.
"Wie lautet sein Name?" verlangte Aerien zu wissen. "Wo ist er hingeritten? Sprecht schnell, ehe ich euch den Daumen nehmen muss!"
Der Wirt wurde noch eine Spur blasser. "Er wird es erfahren.... und zurückkehren, wenn ich seinen Namen verrate..." flehte er. Doch Aerien ließ nicht locker.
"Seinen Namen!" forderte sie und ließ die Klinge den Schnitt etwas tiefer machen. "Oder wollt Ihr Euch etwa dem Zorn Mordors ausgesetzt fühlen?" Sie wusste, dass man auch in Harad von den schwarzen Númenorern gehört hatte, die als Boten Saurons hin und wieder auftauchten, und sie hoffte, dass ihr Aussehen und Auftreten überzeugend genug waren.
Als er den Namen Mordor hörte riss der Wirt entsetzt die Augen auf. "Abel!" rief er unter Schmerzen. "Er heißt Abel. Er ritt nach Ain Salah, gemeinsam mit dem Mädchen mit den weißen Haaren, das er gefangen genommen hatte. Bitte! Mehr weiß ich nicht!"
Aerien nickte. Endlich hatte sie eine echte Spur. Sie nahm den Dolch weg und der Wirt sackte wimmernd in sich zusammen. Der wird schon wieder, sagte sie sich und ließ den Mann liegen. Eilig verließ sie die Herberge.

Bei der Scheune angekommen wäre sie beinahe mit einem Stallburschen zusammengestoßen, der gerade heraus kam. Aerien warf dem Jungen einen finsteren Blick zu, welcher daraufhin eilig seiner Wege ging. Sie fühlte sich seltsam. Einerseits entsprach es ihrer Erziehung und ihrer Natur, Schrecken zu verbreiten und durch Drohungen an Dinge und Informationen zu gelangen, doch ihre Reise durch Gondor und Harad hatte ihr gezeigt, dass es auch andere Wege gab. Der Wirt, den sie gefoltert hatte, hatte diese Behandlung gewiss nicht verdient gehabt, doch Aerien hatte keine Zeit für lange Überredungen gehabt. Sie ärgerte sich, dass sie ihrem Onkel den ganzen Geldbeutel mit kermischen Münzen gegeben hatte - wahrscheinlich hätte sie sich die Informationen über Narissa und Abel auch erkaufen können. Es ist, wie es ist, dachte sie und beschloss, sich wieder auf die Suche nach Narissa zu konzentrieren. Sie hatte ein Ziel und sie hatte einen Namen. Sie würde den Mann namens Abel in der Stadt Ain Salah finden und Narissa retten. Eilig band sie Karab los und schwang sich in den Sattel. "Trage mich nach Ain Salah, mein Freund," wisperte sie dem Tier ins Ohr. "Es gibt dort jemanden, den ich dir vorstellen möchte." Das Pferd wieherte und setzte sich in Bewegung, den weiten Weg nach Süden antretend....


Aerien nach Aín Salah


(1) adûnâisch "Idiot, Nicht-Denkender"
« Letzte Änderung: 20. Jan 2017, 12:52 von Fine »