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Autor Thema: In der Nähe von Ain Salah  (Gelesen 2266 mal)

Eandril

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In der Nähe von Ain Salah
« am: 16. Dez 2016, 14:35 »
Narissa von Norden

Die Reise durch die Wüste nach Süden dauerte lange, und beinahe jeder Tag brachte für Narissa neue Schmerzen und Erniedrigung. Abel schien nicht zu wissen, wen genau er in seiner Gewalt hatte - nur, dass Suladân einen hohen Preis für Narissa zahlen würde, nicht warum. Diese Ungewissheit quälte ihn offensichtlich, denn an mehreren Tagen versuchte er diese Informationen aus Narissa herauszuprügeln. Doch da er seine Beute nicht allzu sehr beschädigen wollte, begnügte er sich mit Schlägen und Fausthieben, anstatt seine Waffen einzusetzen. Und so zog sich Narissa während dieser Verhöre in den hintersten Teil ihres Verstandes zurück, und sagte kein Wort.

Am ersten Tag ihrer Reise hatte sie einen Fluchtversuch unternommen, den Abel geradezu erwartet hatte. In dem Moment, in dem Narissa es gelungen war ihre Fessen durchzuschneiden, war er bereits über ihr gewesen, und hatte ohne einen Funken Emotion in seinen schwarzen, toten Augen zugeschlagen. Nach diesem Tag hatte Narissa keinen Widerstand mehr gezeigt, obwohl tief in ihr immer noch der Wille zu entkommen brannte. Doch solange sie alleine mit Abel war, hatte sie keine Chance - vielleicht in Ain Salah, auch wenn ihr rätselhaft blieb, was ihr Peiniger dort vorhatte.

Narissa hatte aufgehört die Tage zu zählen, als die Wüste allmählich in eine trockene Steppe überging, in der vereinzelte Bäume wuchsen. Je weiter sie nach Süden kamen, desto häufiger wurden kleine Baumgruppen, und obwohl das Land insgesamt trocken blieb, gab es hin und wieder kleine schlammige Flüsse, die sich durch die Steppe schlängelten. In diesem Land erreichten sie schließlich ein kleines, von einer hölzernen Palisade umgebenes Dorf, dessen Torwachen die Farben von Ain Salah trugen und Abel ohne ein Wort passieren ließen - obwohl vor ihm auf dem Pferd die gefesselte Narissa saß und die Gegend mit leerem Blick betrachtete. Ihr eigenes Pferd hatte Abel nicht beachtet, sondern einfach im Norden im Stall stehen lassen - was Narissa wunderte, denn ihre Waffen hatte er eingesammelt und sorgfältig verstaut. Auch das Medaillon von Elenosse war im Norden zurückgeblieben, denn Narissa hatte es im Kampf gegen Abel verloren und im staubig-blutigen Hof war es liegen geblieben.
Vor dem örtlichen Gasthof stieg Abel vom Pferd und stieß Narissa mit einer knappen Bewegung einfach hinunter, ein Ritual, das ihm zumindest immer wieder ein Zucken der Mundwinkel entlockte. Narissa landete hart auf der Straße, denn mit gefesselten Händen konnte sie sich nicht gut abstützen, doch weniger unsanft als es einem Menschen ohne ihre Ausbildung gelungen wäre. Sie kam schnell wieder auf die Füße, denn inzwischen war sie geübt darin, und betrat vor Abel das Gasthaus. Der dämmrige Raum hatte eine niedrige Decke und war nur von wenigen Leuten bevölkert. Der Wirt lehnte gelangweilt auf dem Tresen, und in einer hinteren dunklen Ecke blubberte eine Wasserpfeife vor sich hin. Der Kopfgeldjäger stieß Narissa unsanft auf einen Stuhl, band ihre Arme daran fest und setzte sich ebenfalls, nachdem er dem Wirt bedeutet hatte, ihm etwas zu essen und zu trinken zu bringen.
Während Abel mit dem Wirt sprach, bemerkte Narissa, dass der Mann mit Kapuze am Nebentisch sie aufmerksam beobachtete. Auch Abel schien es bemerkt zu haben, denn als der Wirt verschwand um seine Bestellung auszuführen, wandte er sich an den Kapuzenträger und sagte in gleichmütigem Tonfall: "Setzt das Ding ab wenn ihr etwas wollt, ansonsten verzieht euch."
Der Mann hob die Hände, streifte die Kapuze ab, und Narissa erkannte ein Gesicht mit edlen Zügen und pechschwarzen Haaren, dass ihr sofort bekannt vorkam.
"Abel."
"Karnûzîr Wüstenklinge", gab Abel zurück ohne dass sich ein Muskel in seinem knochigen Gesicht regte, und bei dem Klang des Namens begriff Narissa, wem der Mann ähnelte. Zum ersten Mal seit Tagen dachte sie wieder an Aerien, und der Gedanke schloss sich wie eine Faust um ihr Herz und zerbrach gleichzeitig den Panzer aus Gleichgültigkeit, den sie um sich gelegt hatte. Sie musste Abel entkommen, so bald wie möglich und egal auf welche Weise.
"Zu euren Diensten", meinte Karnûzîr mit einem spöttischen Lächeln, und Abels Hand verirrte sich auf seinen Schwertgriff. "Was wollt ihr hier?"
"Ich?" Karnûzîr hob die Schultern. "Ich bin rein zufällig hier. Viel interessanter ist doch die Frage, was ihr hier treibt - wenn man bedenkt, wen ihr bei euch habt." Er schenkte Narissa einen anzügliche Blick, doch in seinen Augen sah sie, dass er kein bisschen zum Scherzen aufgelegt war. In diesen grauen Augen brannten großer Ehrgeiz und die Gier nach Macht und Reichtum. Abel verzog keine Miene, doch Narissa hatte genug Zeit in seiner Gesellschaft verbringen müssen um zu bemerken, wie er sich anspannte und zum Kampf bereit machte. "Wen habe ich denn bei mir, denkt ihr?"
Das Lächeln auf Karnûzîrs Gesicht schien gefroren zu sein, denn seine Augen fixierten Abel jetzt mit höchster Aufmerksamkeit. Dennoch war Narissa sich sicher, dass er es nicht zum Kampf kommen lassen würde, denn offensichtlich wusste er um Abels Kampfkünste und behielt seine Hände daher deutlich sichtbar über der Tischkante.
"Eine ziemlich wertvolle Person, die den Sultan sehr interessiert", erwiderte er. "Und deshalb frage ich mich, was ihr mit ihr hier treibt, weit von Qafsah entfernt."
"Meine Angelegenheiten mit dieser Kleinen sind meine Angelegenheit. Und ihr irrt euch, sie ist keineswegs wertvoll, sondern ganz und gar unbedeutend." Unter dem Blick von Abels toten, feuchten glänzenden Augen erschauerte Narissa unwillkürlich.
Karnûzîr zuckte erneut mit den Schultern. "Nun, wenn ihr das meint." Er leerte den vor ihm stehenden Becher mit einem Zug, legte eine Münze auf den Tisch, und stand auf. "Ich wünsche euch viel Erfolg bei was immer ihr vorhaben mögt. Und auch wenn dieses Mädchen noch so unbedeutend sein mag - passt lieber gut auf sie auf, denn ungefährlich ist sie ganz bestimmt nicht." Einen winzigen Augenblick blickte er Narissa direkt in die Augen, und das genügte um ihr zu zeigen, dass er genau wusste wer sie war, woher sie kam und was Suladân von ihr wollte. Während er an ihr vorbeiging, erkannte sie an einem quer über die Brust verlaufenden Ledergurt mehrere Sterne aus Metall, die vermutlich zum Werfen gedacht waren.

Als Karnûzîr auf die Straße hinaus getreten war, stieß Abel einen leisen Fluch in einer Narissa unbekannten Sprache aus. Narissa wunderte sich, denn nach ihren Erlebnissen mit dem Kopfgeldjäger hätte er Karnûzîr vermutlich besiegen können - und außerdem hatte der Mann nicht den Eindruck vermittelt, Abel seine Beute mit Gewalt abnehmen zu wollen. Der Wirt brachte das Essen, und Abel schob Narissa einen Teller zu.
"Iss", sagte er auf ihren verwunderten Blick hin. Zuletzt hatte sie höchsten die Reste seiner Mahlzeiten bekommen und niemals so reichhaltig wie jetzt. "Du bekommst das nicht weil ich so freundlich bin", erklärte Abel mit ausdrucksloser Stimme. "Morgen erreichen wir Ain Salah, und dann wirst du deine Kräfte brauchen." Narissa nickte stumm, und begann zu essen. Was auch immer sie in Ain Salah erwartete, es konnte nichts gutes sein.

Narissa nach Ain Salah
« Letzte Änderung: 17. Dez 2016, 13:16 von Eandril »

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Eandril

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Re: In der Nähe von Ain Salah
« Antwort #1 am: 18. Dez 2016, 13:31 »
Aerien und Narissa aus Ain Salah

Als Aerien sie auf den Pferderücken hob, begann vor Narissas Augen alles zu verschwimmen - besser gesagt, vor dem einen Auge, denn das linke sah nur rotes Blut. Sie spürte ihr Bewusstsein entgleiten und kämpfte trotz der Schmerzen in ihrer linken Gesichtshälfte noch einen Augenblick dagegen an. Doch als das Pferd sich unter ihr in Bewegung setzte, fiel sie hinab in die Schwärze.

~~~~

Narissa fand sich am Ostufer von Tol Thelyn wieder, und sie wusste sofort, welcher Tag es war. Von Norden trieben schwere Regenwolken über das Meer heran, und von Osten näherten sich Boote mit schwarzen Gestalten darauf über den schmalen Meeresarm, der die Insel vom Festland Harads trennte. Neben ihr stand ihr Großvater, und mit ihnen hatten sich beinahe alle Bewohner der Insel versammelt und erwarteten ihr Schicksal.
Nach einem Moment der Stille, während sich die Bote unbarmherzig weiter näherten, sagte Hador bitter: "Nun, anscheinend habe ich mich geirrt, und du hattest Recht, Narissa." Er wandte sich ihr zu, zog den Dolch den er immer bei sich trug, hielt ihn Narissa mit dem Griff nach vorne entgegen. "Hier. Du weißt, dass dieser Dolch zusammen mit dem Amulett, das du bereits trägst, eines der beiden Erbstücke unseres Hauses ist." Narissa nickte, nahm den Dolch, und ihr Kiefer verkrampfte sich. Sie wusste, was ihr Großvater ihr sagen wollte, doch sie hatte Angst davor.
"Du musst gehen, damit unsere Familie überlebt, und du musst m..." Hador unterbrach sich, und in seinen Augen stand Traurigkeit. "Nimm Bayyin mit, denn die Sache, der er auf der Spur ist, ist von großer Wichtigkeit. Und außerdem wäre er uns im Kampf wohl keine große Hilfe. Und... Elendar!" Ein junger Mann, der nur wenige Jahre älter als Narissa war, trat zu ihnen. Trotz seines Names trug er keinerlei númenorische Züge, denn er war der Sohn Yulans, des Mannes der früher ihr Lehrer gewesen war, und hatte den Namen zu Ehren von Hadors in Umbar gefallenem Bruder erhalten.
"Hast du dich von deinem Vater verabschiedet?", fragte der Herr des Turmes, und Elendar nickte.
"Gut. Du wirst Narissa und Bayyin begleiten. Verlasst die Insel, und wartet an einem sicheren Ort ab. Und wenn ihr in Sicherheit seid, verfolgt Bayyins Spur weiter. Es ist wichtig."

Plötzlich verschwand die Insel vor Narissas Augen, und sie war in Qafsah, und ihre Mutter verabschiedete sich von ihr, Sorge in den Augen, die ebenso grün wie Narissas eigene waren. Willst du sie noch länger leiden lassen?, flüsterte eine boshafte Stimme in ihrem Kopf, und dann zerplatzte das Bild zu schwarzem Rauch. Die Bilder wechselten schneller, sie sah Qúsay, der ein Heer in die Schlacht führte, Abel, der einen Gegner niederstreckte und sich dann mit einem Grinsen zu ihr umwandte, das Gesicht ein Totenschädel, Edrahil, der mit einer edel gekleideten Frau sprach, und schließlich ein schreckliches rotes Auge, das ihren Blick gnadenlos anzog. Und unter dem Auge stand... Aerien. War es wirklich Aerien gewesen, die ihr geholfen hatte? Das konnte nicht sein. Wahrscheinlich war dies hier nur ein weiteres grausames Spiel, dass Abel mit ihr trieb. Sein Totenschädel schien zu nicken, und bevor Narissa einen klaren Gedanken fassen konnte, war sie zurück auf der Insel.

Dieses Mal kauerte sie mit Bayyin und Elendar im Eingang des Tunnels, der unter der Insel angelegt worden war und zu einer Höhle mit einem Boot am Nordufer führte. Elendar und Bayyin hatten so schnell wie möglich fliehen wollen, doch Narissa hatte sich geweigert, und so beobachteten sie den letzten Kampf des Turmherren und seiner Gefolgsleute. Hador und seine Gefährten brachten den Gegnern schwere Verluste bei, doch sie selbst fielen ebenso, einer nach dem anderen, und wichen immer weiter zurück in Richtung des Turmes. Vor der Haupttür des Turmes sammelten sie sich, Hador selbst und vier weitere seiner Kämpfer, darunter der alte Yulan.
"Der Turm wird immer überdauern, ganz gleich was ihr tut", rief der Herr des Turmes seinen Feinden entgegen, doch er klang müde.
"Wo ist sie, alter Mann?", entgegnete eine kalte Stimme, und Narissa erschauerte. "Weit fort von hier", gab Hador zurück, und die andere Stimme lachte. "Du lügst. Aber gut, so soll es sein. Tötet sie alle."

Das Bild verschwamm erneut, doch dieses Mal war Narissa dankbar dafür. Sie, Bayyin und Elendar waren gerade noch rechtzeitig durch den Tunnel entkommen und hatten mit dem Boot die Insel verlassen, während hinter ihnen der Turm in Flammen stand.
Zu ihrem Glück waren sie nur wenige Tage später auf Níthrar und seine Nomaden getroffen, ein Wiedersehen, dass von den Geschehnissen auf Tol Thelyn überschattet wurde.
Elendar war nur kurze Zeit vorher gefallen, als Suladâns Häscher sie aufgespürt hatten, um Narissa und Bayyin Zeit zur Flucht zu verschaffen.

~~~~

Am Rand ihres Bewusstseins spürte Narissa sanfte Hände auf ihrem Gesicht, der Hälfte die verwundet war. Mit großer Mühe schlug sie die Augen auf, doch alles war verschwommen und sie erkannte das Gesicht nicht, das über ihr schwebte. Sie versuchte die Lippen zu bewegen, etwas zu sagen, doch vergeblich, und ihr Bewusstsein verließ sie erneut.

Als sie erneut erwachte, konnte sie mit ihrem linken Auge nichts sehen, und ein dumpfer Schmerz pochte in ihrer linken Gesichtshälfte. Sie hob tastend die Hände, was ihr bereits große Mühe bereitete, und konnte gerade noch einen dicken Verband über ihrem Gesicht ertasten, bevor sich raue aber sanfte Hände um ihre Handgelenke schlossen und sie zurückhielten. "Das solltest du lieber noch nicht machen", sagte eine weibliche, Narissa gut bekannte Stimme.
"Aerien...", murmelte sie, ohne die Augen zu öffnen, und musste mit einem Schwindelanfall kämpfen. "Du kommst aus Mordor... warum hast du mir geholfen? Warum..." Wieder verlor sie das Bewusstsein.

Narissa hatte keine Ahnung wie viel Zeit vergangen war, als sie das nächste Mal erwachte. Dieses Mal spürte sie, dass sie in einem weichen Bett lag, und der Schmerz in ihrem Gesicht hatte ein wenig nachgelassen. Nun kam allerdings ein bohrender Hunger ihn ihrem Magen dazu, und Narissa erkannte, dass einige Zeit vergangen sein musste. Sie schlug die Augen auf und blickte mit dem freien Auge einen Moment orientierungslos umher, bis sie Aerien neben sich sitzen sah. Narissa schwieg, bis Aeriens Blick ihren traf, und fragte dann mühsam: "Was ist passiert?" Alles, was nach ihrer Ankunft in Ain Salah geschehen war, erschien ihr jetzt wie ein Fiebertraum, und sie wusste nicht, was Realität und was Traum war.

Narissa und Aerien zum Versteck von Eayans Gruppe

« Letzte Änderung: 9. Jan 2017, 14:51 von Eandril »

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Die Ruinen von Sarn Amrun
« Antwort #2 am: 20. Feb 2017, 15:28 »
Narissa, Aerien, Thorongil und Karnuzîr von der Harduin-Ebene


Nur wenige Stunden des schnellen Rittes durch die frühe Dämmerung genügten, um die Gruppe bis nach Ain Salah zu bringen. Als die Sonne im Osten über den Horizont kletterte, tauchten die Mauern der Stadt in der Ferne auf. Zu Aeriens Erstaunen lenkte Thorongil, der vorausritt, und hinter dem der noch immer bewusstlose Karnuzîr im Sattel hing, sein Pferd in einem weiten Bogen nach rechts. Dort, ungefähr zwei Meilen westlich der Stadt, lag eine ausgedehte Ruine, die Aerien bei ihrem ersten Besuch in Ain Salah gar nicht aufgefallen war. Damals war sie nur darauf konzentriert gewesen, Narissas Spur zu folgen. Jetzt hingegen staunte sie, denn die teilweise verfallenen Mauern zeugten eindeutig von númenorischer Bauweise.
"Ein alter Vorposten aus dem Zweiten Zeitalter, als die Dúnedain dank ihrer Schiffe die Küsten der bekannten Welt beherrschten?" fragte sie neugierig, als die Gruppe ihre Pferde neben einem breiten, eingestürzten Torbogen zum Stehen brachte.
"Nein, ganz so alt ist dieser Ort nicht," antwortete Thorongil. "Narissa wird dir sicherlich mehr über die Festung von Sarn Amrun erzählen können, wenn sie so von meinem Vater unterrichtet wurde, wie ich auch."
Narissa verdrehte die Augen, doch sie sagte einen Text auf, den sie wahrscheinlich irgendwann auswendig gelernt hatte: "Sarn Amrun, der Fels im Osten, war eine Festung und Grenzposten des Reiches der Turmherren, der von Valandil I. im Jahr 301 des Dritten Zeitalters errichtet wurde. Unter Palandras I. kam es schließlich zu einer großen Rebellion der Haradrim, die gegen die Herrschaft der Turmherren aufbegehrten, im Zuge derer Sarn Amrun belagert und erobert wurde." Sie machte eine kurze Pause und fügte dann hinzu: "Und deswegen vertrauen wir heutzutage auf unsere Fähigkeiten und auf Heimlichkeit, anstatt auf angeberische Mauern."
"Gut aufgepasst, auch wenn du dir den Kommentar hättest sparen können," sagte Thorongil, der sich seinen Gefangen über die Schulter geworfen hatte und den Innenhof der Ruine betrat. Aerien und Narissa folgten ihm, sich aufmerksam umschauend.

Es war kühl im Schatten der Mauern, die trotz ihres Alters und des Schadens, den sie erlitten hatten, noch immer recht hoch hinaufragten. Thorongil legte Karunzîr neben einer aufrecht stehenden Säule ab und überprüfte dessen Fesseln, ehe er an einer unscheinbaren Stelle mit dem Fuß am Boden herumscharrte. Zu Aeriens Überraschung förderte Narissas Onkel ein großes Bündel zum Vorschein, das offenbar hier gut versteckt gewesen war.
"Vorräte," erklärte er. "Dies ist nur eines von vielen Verstecken dieser Art, die die Thelynrim überall in Harad angelegt haben. Die Leute, die mein Vater ans Festland entsandt hat um seine Augen und Ohren zu sein, konnten sich nicht immer selbst versorgen."
Aerien strich staunend über eine alte Wandmalerei, die ein Schiff mit vom Wind prallen Segeln zeigte, und von der bereits viel Farbe abgeblättert war. Am Bug stand ein Mann mit silbernem Haar und einem Dolch in der Hand, den er empor gestreckt hielt.
"Das ist Ciryatan von Eldalondë, mein Vorfahr," erklärte Narissa. "Die Malerei zeigt ihn auf seinem Schiff, der Rossigil, wie er von Númenor zur Insel fährt."
"Ist das das gleiche Schiff das im Hafen von Tol Thelyn liegt?" fragte Aerien.
"Ja, ist es," erwiderte Narissa. "Es hat all die Jahre überdauert. Genau wie meine Vorfahren."
"Es war Meister Edrahil, der den entscheidenden Hinweis auf den Verbleib des Schiffes entdeckte," sagte Thorongil, der neben Karnuzîr in die Knie gegangen war. Er versetzte dem Gefangen einen festen Hieb gegen die Wange. "Wird Zeit aufzuwachen, Freund. Ich habe noch ein paar weitere Fragen an dich."

Während Thorongil den Gefangenen verhörte, erkundeten die beiden Mädchen die weitläufige Festung, denn Aerien hatte sich in Karnuzîrs Gegenwart unbehaglich gefühlt und wollte nicht mit ihm sprechen, sondern viel lieber die Ruinen genauer unter die Lupe nehmen. Und Narissa wollte Aerien offenbar nicht alleine gehen lassen.
"Wer weiß, was sich in den Jahren hier so alles eingenistet hat," sagte sie und ließ Ciryatans Dolch lässig in der Hand herumwirbeln. "Wir sollten vorsichtig sein und nicht alleine herumstreunen."
"Ich streune nicht herum", erwiderte Aerien. "Ich bin doch keine Katze."
"Und wenn doch, dann wärst du eine besonders schöne," antwortete Narissa spielerisch und stupste Aerien sachte in die Seite, was ein warmes Kribbeln bei ihr auslöste. "Komm. Da hinten hab' ich eine Treppe gesehen."
Die Stufen waren zwar teilweise abgebrochen, aber nach einer kurzen Kletterpartie standen sie nebeneinander auf den Mauern der Festung und blickten nach Osten, wo die Sonne nun bereits etwas höher stand und Ain Salah in ein warmes Licht tauchte. Aerien fragte sich, weshalb die Haradrim der umliegenden Stämme die Festung nach deren Eroberung nicht selbst genutzt hatten. Stattdessen hatten sie eine Stadt in der Nähe gegründet. Vielleicht hatten sie nicht die baumeisterlichen Fähigkeiten, die Mauern der Dúnedain instand zu setzen, überlegte sie.
"Glaubst du, hier drin könnte ein Schatz versteckt sein?" fragte Narissa und riss Aerien aus ihren Gedanken.
"Die Festung fiel doch schon vor über zweitausend Jahren," erwiderte Aerien. "Seitdem war bestimmt jeder Grabräuber, Plünderer und Schatzjäger, der jemals gelebt hat, mindestens einmal hier."
"Also - nein?"
"Hier gibt es nichts, nein."
"Eine Sache gibt es schon," sagte Narissa und ihre Hand schloss sich um Aeriens. "Dich."
"Ja," hauchte diese. "Und dich."

Eine Stunde später sprang Aerien auf, da sie leise Schreie aus dem Innenhof hörte. Auch Narissa rührte sich und hob ihren Dolch auf, der dort lag wo sie ihn fallen gelassen hatte.
"Hörst du das? Klang, als würde dein Onkel noch immer Antworten aus Vetter Karnuzîr herausholen... auf die unsanfte Art und Weise."
"Sag nicht, dass er das nicht verdient hat," meinte Narissa.
"Oh, und wie er es verdient hat. Ich frage mich nur, was er Thorongil alles erzählt hat - und wieviel davon wahr ist," gab Aerien zurück.
"Ich glaube nicht, dass er Thorongil belügen könnte. Der weiß, was er tut, und kann die Wahrheit erkennen," sagte Narissa. "Komm, sehen wir nach, was es zu erfahren gibt."
Sie kletterten die verfallene Treppe wieder hinunter und kamen zurück an die Stelle, wo sie Thorongil mit dem Gefangenen zurückgelassen hatten. Karnuzîrs Kopf hing schlaff auf seine Brust herab, und er schien wieder das Bewusstsein verloren zu haben. Aerien stellte mit einer gewissen Genugtuung fest, dass ihm zwei Finger fehlten.
"Ah, da seid ihr beiden ja," begrüßte Thorongil sie gut gelaunt. "Wie ich sehe, haben wir alle die Zeit für ein wenig Spaß genutzt."
Aerien und Narissa tauschten einen vielsagenden Blick, und Thorongil nickte. "Was hast du herausgefunden?" fragte Narissa.
"Einige wichtige Dinge," antwortete ihr Onkel. "Am Ende war Freund Karnuzîr sehr gesprächig. Ich habe einige möglicherweise kriegswichtige Informationen aus ihm herausbekommen, die ich so bald wie möglich an Edrahil weiterleiten werde. Ihr wisst schon: Truppenbewegungen, Armeegrößen, solche Sachen."
"Und?" hakte Narissa nach.
"Ich habe ihn noch einmal etwas genauer zu den beiden Gefährten befragt, die ihn auf die Insel begleitet haben. Rae und Breyyad. Zu Breyyad hatte er nicht sonderlich viel zu sagen. Der Mann ist einer der Banu Abbas, ein Haradrim-Stamm, der östlich von Qafsah lebt und mit Suladan verbündet ist. Er ist ein sehr fähiger Krieger, aber ansonsten unwichtig. Die Frau hingegen..." Thorongil verstummte und blickte nachdenklich zu Boden.
"Was ist mit ihr?" fragte Aerien und überlegte. Ihr fiel ein, was sie Rae in Qafsah hatte sagen hören; irgendetwas über ein Anrecht auf den Fürstentitel von Umbar und eine Verwandschaft zu Haus Minluzîr...
"Wenn Karnuzîr die Wahrheit sagt, handelt es sich bei Rae um Taraezaphel Bellakanî... Die Jungfrau von Arzâyan."
"Sagt mir nichts," meinte Narissa. "Dir etwa?"
"Mir auch nicht," wunderte sich Aerien. "Das sind eindeutig adûnâische Namen, aber ich habe noch nie von ihr gehört. Und... sie sah auch nicht... wie eine Jungfrau aus."
"Arzâyan, für diejenigen die in nachnúmenorischer Geschichte nicht aufgepasst haben, war ein Reich, das weit südlich von hier nach dem Untergang Númenors gegründet wurde," erklärte Thorongil. "Ich habe es bereist, auch wenn dort heute kaum noch Menschen mit Dúnedain-Blut leben und die Herrscherlinie längst ausgestorben ist. Vor ungefähr fünfzehn Jahren begannen die ersten Gerüchte über eine Kriegerin, die die Jungfrau von Arzâyan genannt wurde, und die mit ungewöhnlichen Kriegstaten in den vielen kleinen Konflikten der örtlichen Stämme von sich reden machte. Es hieß, sie könne in Windeseile ganze Armeen unter ihrem Banner vereinen, allein durch ihre Ausstrahlung. Zuerst war ihr Gefolge nur sehr klein, doch mit der Zeit schaffte sie es, die zerstrittenen Fraktionen im Gebirgsland zu vereinen; sogar jene, die am Rande der großen Urwälder leben, hatten sich ihr angeblich angeschlossen. In den letzten Jahren hatte ich nichts mehr von ihr gehört, doch wenn Suladan es geschafft hat, sie auf seine Seite zu ziehen, bedeutet das nichts Gutes."
"Wir werden sie finden und aufhalten," sagte Narissa entschlossen.
"Erst einmal sollten wir zur Insel zurückkehren," antwortete Thorongil. "Lasst uns noch ein Weilchen hier ausruhen, ehe wir entscheiden, welche Route wir nehmen."
« Letzte Änderung: 21. Feb 2017, 00:23 von Fine »
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Erzählungen aus dem Süden
« Antwort #3 am: 5. Mär 2017, 19:04 »
Thorongil hatte im Schutze der Ruinen ein kleines Feuer entzündet, und streute nun ein weißliches Pulver darüber. Staunend sah Aerien zu, wie er Rauch der Flammen nahezu farblos wurde, nachdem das Pulver knisternd im Feuer aufgegangen war.
"Was war das denn?" fragte sie neugierig.
"Osphlim," erklärte Thorongil. "Es stammt aus Westernis. Jeder der Späher meines Vaters trug etwas davon bei sich, um selbst dann nicht auf Feuer verzichten zu müssen, wenn eine Entdeckung vermieden werden sollte."
"Äußerst praktisch," kommentierte Aerien. "Das hätten wir auf dem Weg vom Silbernen Bogen zur Insel gut gebrauchen können."
"Es ist sehr selten, und seine Zusammensetzung ist ein Geheimnis der Turmherren," stellte Thorongil klar. "Ich vermute, in Gondor ging dieses Wissen bereits verloren. Aber hier im Süden ist es von besonderer Wichtigkeit, da die Nächte in den Wüsten und Einöden Harads sehr kalt werden können."   
"Eine der ersten Lektionen Hadors," murmelte Narissa. "Ich vermisse ihn," fügte sie leise hinzu und stocherte mit einem Stock im Feuer herum.
"Ich wünschte, ich hätte ihn kennenlernen können", sagte Aerien mitfühlend.

Narissa war an diesem Abend sehr einsilbig und schien einer merkwürdigen Trübsal anheim gefallen zu sein. Aerien vermutete, dass es mit den Erinnerungen an ihren Großvater zu tun hatte. Sie sprach ihre Freundin nicht darauf an sondern beschränkte sich darauf, neben Narissa zu sitzen und ihr hin und wieder über den Rücken zu streichen, während sie ins Feuer starrte. Schließlich stand Narissa auf und verkündete, dass sie sich hinlegen würde. Aerien hingegen war noch nicht müde und beschloss, noch ein Weilchen wach zu bleiben. So saß sie einige Zeit alleine am Feuer, bis Thorongil zurückkehrte, denn er hatte sich ungefähr eine halbe Stunde in der Umgebung der Festung umgesehen nachdem er den gefangenen Karnuzîr in einem der intakten Räume im Inneren eingesperrt hatte.
Der Herr von Tol Thelyn ließ sich ihr gegenüber nieder und blickte einige Zeit schweigend zu Aerien hinüber. Hoch über ihnen waren die Sterne zu sehen, denn es war eine klare Nacht. Das Feuer strahlte eine angenehme Wärme aus, nun, da die Sonne untergegangen war.
"Wir hatten noch gar nicht die Gelegenheit, uns einmal richtig zu unterhalten, Aerien," sagte Thorongil nach mehreren Minuten der Stille. "Ich bin auf meinen Reisen weit herumgekommen und habe viele Länder gesehen, doch trugen mich meine Schritte nie nördlicher als bis zu den Ufern des Poros-Flusses. Wenn du möchtest, dann erzähle mir vom Schattenland. Es erscheint mir, als sei es Narissas Absicht, Arandirs versteckten Pfad zu benutzen und in das Land unseres größten Feindes zu reisen. Ich will wissen, was sie dort erwartet."
"Ich spreche nicht gerne über Mordor," sagte Aerien leise, doch ehe sie weitersprechen konnte, unterbrach Thorongil sie mit einer Handbewegung.
"Sprich diesen Namen nicht aus, Mädchen. Selbst hier sind wir vor seinen Schatten nicht sicher. Gerade du solltest doch wissen, welche Macht Namen haben können."
Aerien blickte betroffen zu Boden. "Es tut mir Leid," presste sie hervor. "Ich werde ihn nicht mehr verwenden. Es ist nur so, dass es in... meiner ehemaligen Heimat normal ist, sie beim Namen zu nennen."
"Und damit verleihen die Menschen dem Dunklen Herrscher eine gewisse Macht über sie," erklärte Thorongil. "Umso schlimmer, dass es für sie ganz normal geworden ist."
Aerien wunderte sich ein wenig über diese Aussage. Narissas Onkel kam ihr nicht abergläubisch vor sondern schien ein großes Maß an Vernunft und Verstand zu besitzen. Sie schlussfolgerte daher, dass er auf seinen Reisen mit eigenen Augen gesehen haben musste, welche Macht der Name Mordor besaß. Sie beschloss, ihn nicht weiter damit zu behelligen, und fing an, das Land Saurons zu beschreiben. Sie begann mit den geographischen Eigenschaften Mordors und zog im Sand neben dem Feuer den Verlauf der zwei großen Gebirgsketten nach, die das Schattenland umschlossen. Außerdem erwähnte sie die Zugänge nach Mordor und die Befestigungen, die es schützten. Dann ging sie zu seinen Bewohnern über.
"Menschen leben innerhalb der Grenzen des Landes eigentlich nur an zwei Orten: Als Sklaven auf den Feldern von Nurn, und im Tal von Aglarêth, wo ich geboren wurde."
"Der Name hat einen üblen Klang, selbt wenn man des adûnâischen mächtig ist," meinte Thorongil. "Ist damit die alte Festung Durthang gemeint, die einst von Gondor erbaut wurde?"
"Ja," bestätigte Aerien. "Der Dunkle Herrscher gab sie meinem Vorfahren zum Sitz, als er nach... als er in sein ehemaliges Reich zurückkehrte."
"Wie viele schwarze Númenorer leben dort?" fragte Thorongil.
"Wenige," gab Aerien zurück. "Etwas mehr als hundert, schätze ich. Es gibt nicht viele Kinder in Aglarêth."
"Es muss schlimm gewesen sein, an einem so finsteren Ort aufzuwachsen," meinte Narissas Onkel.
"Ich kannte kein anderes Leben, und es ging mir als Tochter des Fürsten vergleichsweise gut. Die Anforderungen an mich waren immer sehr hoch, und es gab kaum Lob, aber ich weiß, dass meine Mutter mich liebte und es noch immer tut. Sie hat mich nicht verraten, als ich ihr Lebewohl sagte."
"Und dein Vater?"
Darüber musste Aerien einen Augenblick nachdenken. Ihr fiel ein, was ihr Vater ihr gesagt hatte, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten - ehe er nach Dol Guldur aufgebrochen war. "Du bist mir wichtiger als alle Schätze auf Erden." Doch damals war sie noch Azruphel gewesen. Sie hatte sich verändert. Aerien wusste nicht, was Varakhôr heute von ihr hielt. Sie hoffte, dass sie ihm nicht eines Tages gegenübertreten musste. "Ich weiß es nicht," gab sie daher zu. "Er schenkte mir dies," sie zog den Stern von Akallabêth hervor, "Aber seine Erwartungen an mich waren hoch. Ich schätze, er wird sehr enttäuscht sein, wenn er von meinem Verrat hört."
"Warhscheinlich hat er bereits davon erfahren," meinte der Herr von Tol Thelyn.

Das Feuer prasselte und knackte, doch mit der Zeit brannte es herunter, denn Thorongil legte kein neues Holz nach. Sie hatten in Sarn Amrun nur wenig Brennbares gefunden.
"Du hast vorhin von Arzâyan gesprochen, einem ehemaligen númenorischen Reich tief im Süden," sagte Aerien nach einiger Zeit des Schweigens. "Kennst du die Geschichte dieses Reiches?"
Thorongil kratzte sich nachdenklich am Bart. "Ich bin viel herumgekommen, vor allem im Süden. Und man schnappt auf solchen Reisen durchaus das ein oder andere über die Gegenden auf, die man durchquert. Aber über Arzayân gibt es nur alte Legenden - bis Taraezaphel auftrat. Im Zweiten Zeitalter beherrschten die Númenorer eigentlich alle Küsten der bekannten Welt, aber der Kontinent, von dem Harad ein Teil ist, lag ihrer Insel genau gegenüber. Deswegen waren sie natürlich hier besonders stark vertreten, und gründeten hier viele befestigte Häfen. Die Stadt, die später zur Hauptstadt von Arzayân werden sollte, und deren Name heute vergessen ist, lag am Oberlauf eines großen Flusses, weit im Süden von hier. Die Númenorer fuhren auf diesem Fluss weit ins Landesinnere hinein. Und mit der Zeit siedelten sich einige von ihnen dauerhaft in dem Hafen an, der inmitten der fruchtbaren Ebene gebaut wurde - genau an der Stelle, an der der Fluss aufhörte, von Hochseeschiffen befahrbar zu sein."
"Wie kam es, dass diese Stadt in Vergessenheit geriet?" fragte Aerien fasziniert.
"Dazu komme ich später," beschwichtigte Thorongil sie. "Jedenfalls blieb diese Stadt beim Untergang Númenors bestehen, und seine Bewohner errichteten in den Jahren während Saurons Abwesenheit ein kleines, selbstständiges Reich und wählten einen König, der stellvertretend für Tar-Calion regieren sollte. Als der Dunkle Herrscher einige Jahrzehnte später wieder nach Mittelerde zurückkehrte und Gondor angriff, kamen seine Gesandten auch nach Arzayân, doch die Menschen dort verweigerten ihm die Gefolgschaft. Sie wussten nun, dass er sie nur für seine Zwecke benutzen wollte, und dass er verantwortlich für den Untergang Akallabêths war. Doch sie schlossen sich auch nicht Elendil an, sondern hielten sich aus dem Krieg des Letzten Bündnisses heraus. Und auch im Dritten Zeitalter blieben die Azaryâni meist unter sich, obwohl sie sich mit der Zeit langsam mit den an sie angrenzenden Haradrim-Stämmen vermischten."
"Meine Vorfahren hingegen achteten darauf, dass Dúnedain-Blut möglichst rein zu halten," warf Aerien ein.
Thorongil musterte sie einen Augenblick nachdenklich und fuhr dann fort: "Die Erzählungen werden an dieser Stelle widersprüchlich, aber fest steht, dass eines Tages ein großer Bürgerkrieg in Arzayân ausbrach. Ich vermute, es hatte mit der Thronfolge zu tun. Jedenfalls gab es keinen richtigen Sieger, denn der Krieg verwüstete das Land und zerstreute seine Bewohner in alle Winde. Seitdem war Arzayân ein kaum bewohntes, verödetes Land gewesen und seine Hauptstadt lag in Trümmern. Bis Taraezaphel Bellakanî kam."
"Wer ist die Jungfrau von Arzayân? Weißt du mehr über sie?"
"Nein, leider nicht," sagte der Herr von Tol Thelyn. "Ich habe bisher nur Gerüchte über sie gehört. Man sagt, dass sie durch einen sonderbaren Zufall von mehreren wichtigen Blutlinien abstammt: den Fürsten von Umbar, den Herren von Lónik und eben den Königen von Arzayân, um nur einige zu nennen."
"Das würde erklären, was Rae über ihre Verbindung zu Umbar gesagt hat," murmelte Aerien.
"Jedenfalls hat ihr Name und Titel im Süden viel Gewicht," fuhr Thorongil fort. "Sie als Feind zu haben verkompliziert unsere Lage ziemlich. Ehrlich gesagt hoffe ich, dass der Krieg sie für den Augenblick ablenkt."
"So scheint es zumindest," meinte Aerien und gähnte herzlich.

Wenige Minuten später wünschte sie Thorongil eine gute Nacht und machte sich auf die Suche nach Narissa. Aerien fand sie schließlich im Winkel zwischen zwei hohen Mauerstücken, wo es windgeschützt war. Narissas helles Haar fiel ihr in Strähnen über das Gesicht, und das Licht der Sterne ließ es geheimnisvoll schimmern. Aerien ging neben ihr in die Hocke und betrachtete sie. Narissa wirkte friedlich und entspannt, doch Aerien konnte auch Spuren der anstrengenden Verfolgung und dem eiligen Ritt von der Insel bis hierher erkennen. Du hast all das wegen mir auf dich genommen, dachte sie. Wie kann ich dir dafür jemals genug danken? Wie kann ich diese Schuld begleichen? Sie fand keine Antwort. Nachdenklich legte sie sich neben Narissa und starrte eine Weile zu den Sternen hinauf. Aerien war zu müde, um sich weiter darüber den Kopf zu zerbrechen. Als sie die Augen schloss, kam der Schlaf innerhalb kürzester Zeit über sie.
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Re: In der Nähe von Ain Salah
« Antwort #4 am: 7. Mär 2017, 10:18 »
Narissa erwachte früh am nächsten Morgen, erst ein schwacher rötlicher Schein war über dem östlichen Horizont zu sehen. Sie fröstelte ein wenig in der noch kühlen Morgenluft, und zog vorsichtig ihre linke Hand unter Aeriens Rücken hervor. Ihre Freundin schien sich im Schlaf darauf gerollt zu haben, und Narissa musste die Finger erst ein wenig bewegen, um das Blut wieder zirkulieren zu lassen. Dann strich sie Aerien eine verirrte Haarsträhne aus dem Mundwinkel, und fragte sich nicht zum ersten Mal, ob das irgendein Scherz der Welt war - Schwarz und Weiß.
Sie erhob sich langsam, streckte sich um den Schlaf aus ihrem Körper zu vertreiben. Dann machte sie sich auf die Suche nach ihrem Onkel.
Narissa fand Thorongil im Hof der Turmruine, wo er das kleine rauchlose Lagerfeuer bereits wieder in Gang gebracht hatte und darüber eine kleine Mahlzeit zubereitete. Sie ließ sich ihm gegenüber auf einem flachen Mauerbruchstück, dass eine wie zum Sitzen geschaffene Kuhle bildete, nieder, und zog eine Grimasse.
"Schläfst du eigentlich auch mal?", fragte sie. "Ich hatte gehofft, das heute mal für euch machen zu können."
Thorongil stocherte mit einem Ast in der Glut, während er antwortete: "Je älter man wird, desto weniger Schlaf braucht man." Er zwinkerte Narissa zu. "Und außerdem wusste ich nicht, dass du Kochen kannst." Das kam nicht von ungefähr, denn während ihrer Verfolgung hatte Narissa andere Dinge im Kopf gehabt und die Verpflegung vollständig ihm überlassen. Trotzdem stieß sie heftig die Luft aus, und erwiderte: "Vielleicht nichts, was man in einem Palast servieren könnte, aber... irgendjemand musste schließlich dafür sorgen, dass wir nicht verhungern. Aerien ist vollkommen unfähig, was das angeht."
Sie musste grinsen, und hinter sich hörte sie Aeriens verschlafene Stimme: "Wobei bin ich unfähig?"
Narissa rutschte ein Stück auf ihrem Stein zur Seite, sodass Aerien sich links neben sie setzen konnte. "Kochen", antwortete Narissa noch immer grinsend und schlang ihren Arm um Aeriens Taille. Diese gähnte herzhaft, legte dann den Kopf auf Narissas Schulter und meinte: "Da kann ich kaum widersprechen." Beide mussten lachen, denn Narissa war sich sicher, dass Aerien an den selben Tag dachte wie sie. Auf ihrer Reise nach Qafsah hatte Aerien ein Mal darauf bestanden, sich abends im Lager ebenfalls nützlich zu machen, und hatte das Kochen übernommen. Als Serelloth das Ergebnis gesehen hatte, hatte sie Aerien in unnachahmlicher Art heftig ausgeschimpft, und Narissa hatte sich vor Lachen beinahe nicht mehr beherrschen können. Es war das einzige Mal auf der Reise gewesen, dass sie Ziel und Zweck ihrer Unternehmung einige Zeit vergessen hatten.
Es war klar, dass Aerien ebenfalls daran gedacht hatte, als das Lächeln von ihrem Gesicht verschwand und sie leise sagte: "Ich hoffe, es geht Serelloth gut. Ich könnte nicht ertragen, wenn sie..."
"Ich bin mir sicher, dass sie auf dem Weg der Besserung ist", erwiderte Narissa sanft, und bettete ihre linke Wange gegen Aeriens weichen Haarschopf.
"Die Wunde, die Karnuzîrs Wurfstern gerissen hatte, war tief", sagte Thorongil ruhig. "Aber sie hat wie durch ein Wunder nichts lebensbedrohliches verletzt, und wir haben sie rechtzeitig gefunden. Es geht ihr gut, da könnt ihr sicher sein."
"Ganz im Gegensatz zu Karnuzîr", murmelte Aerien, und ihre Mundwinkel zuckten. Narissas Blick wanderte in die Ecke, wo Karnuzîr zusammengekrümmt und offenbar bewusstlos lag, und unwillkürlich fragte sie sich, welche Pläne ihr Onkel und Edrahil noch für ihn haben mochten. Sie hoffte, dass er noch lange für seine Taten büßen müssen würde.

Die Sonne hatte gerade den Horizont überschritten, als sie ihre Sachen zusammengepackt hatten und bereit zum Aufbruch waren. Sie verließen Sarn Amrun in südlicher Richtung, würden also in etwa dem Weg folgen, den Aerien und Narissa bereits genommen hatten, als sie von der Burg des Silbernen Bogens zur Insel aufgebrochen waren. Karnuzîr hing noch immer bewusstlos und gefesselt über dem Rücken des überzähligen Pferdes, doch trotz dieser Erinnerung an die unangenehmen Geschehnisse war Narissa bester Laune. Mit Karnuzîr schien das letzte Hindernis zwischen ihr und Aerien gefallen zu sein, und ganz egal welche Macht Sauron auch besaß, in diesem Moment schien er ihr nicht länger unbesiegbar zu sein.
Während sie ritten unterhielt Narissa sich viel mit ihrem Onkel, und sie erfuhr vieles über das Leben, dass er vor seiner Rückkehr nach Tol Thelyn geführt hatte. Er hatte sich als Söldner in den endlosen Kleinkriegen der Haradrim verdingt, hatte sich einige Zeit als Händler durchgeschlagen, schließlich damit begonnen, im Geheimen gegen Mordor zu arbeiten und am Ende Pläne für eine Versöhnung mit seinem Vater gefasst. Diesen Plänen war leider Suladâns Angriff zuvorgekommen.
Am zweiten Tag ihrer Rückreise stießen sie auf Spuren einer großen Menschengruppe, die ebenfalls in Richtung Westen unterwegs war.
"Meint ihr, es könnte der Silberne Bogen sein?", vermutete Narissa, und Thorongil strich sich durch den Bart. Es war Narissa bereits zuvor aufgefallen, dass er das häufig tat wenn er überlegte, und es selbst gar nicht wirklich zu bemerken schien. "Das wäre eine Möglichkeit", meinte er schließlich. "Die Richtung stimmt, und die Gegend ebenfalls. Trotzdem sollten wir vorsichtig sein, wenn wir sie einholen, es könnte auch jemand anderes, weniger freundliches sein."
"Es wäre schön, wenn es wirklich der Silberne Bogen wäre - ich würde mich freuen, Eayan zu sehen", sagte Aerien, und Thorongil nickte langsam. "Ich würde den legendären Schattenfalken sehr gerne kennenlernen... nun, ich denke wir werden sie ohnehin bald einholen. Eine größere Gruppe kommt langsamer voran."

Narissa, Aerien und Thorongil zur Mehu-Wüste...
« Letzte Änderung: 11. Mär 2017, 20:58 von Fine »

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Die Schlacht von Ain Salah
« Antwort #5 am: 2. Mai 2021, 20:58 »
Narissa, Valion, Edrahil, Qúsay, Valirë, Erchirion, Dírar und Beregond mit dem Heer des Malikats von der Mehu-Wüste


Valion hatte sich nach dem Gespräch mit seinem Onkel direkt auf die Suche nach Edrahil gemacht, um ihm die Neuigkeiten zu berichten, doch es war ihm nicht gelungen, den Herrn der Spione rechtzeitig vor dem Abmarsch der Malikats-Streitmacht zu finden. Erst als sich das Heer der freien Haradrim bereits in Bewegung gesetzt hatte, erfuhr Valion von seiner Zwillingsschwester, dass Edrahil sich in der Gesellschaft des Fürsten Qúsay befand, der an der Spitze der Armee ritt, wohl um einige Pläne zu besprechen.
Dann wird Onkel Tórdurs Nachricht eben warten müssen, dachte sich Valion, während er sich den übrigen Gondorern bei der Nachhut anschloss. Er konnte sich zwar denken, was Edrahil davon halten würde, die Überbringung wichtiger Neuigkeiten auf später zu verschieben, doch Valion war ebenso klar, dass er den Alten nicht bei seiner "Arbeit" stören sollte.

Da sie nun als Teil einer großen Streitmacht ritten, die zu zwei Dritteln aus Fußsoldaten bestand, ließen Valion und Narissa ihre Pferde im Schritttempo gehen und konnten sich ein wenig unterhalten, während sie entlang einer staubigen Straße langsam in etwas weniger öde Gefilde kamen. Sie hatten nun die Mehu-Wüste hinter sich gelassen und näherten sich den Umlanden der Stadt Ain Salah. Hier und da sahen sie kleinere Zeltsiedlungen oder Gehöfte in der Ferne, denn das Land war hier nicht mehr so trocken, dass sich nichts anbauen ließe. Dennoch war es warm - sehr warm. Die Sonne blickte von einem wolkenlosen Himmel auf die Streitmacht herab, und obwohl der Winter Harad noch immer fest im Griff hatte, war es hier im Süden dennoch deutlich wärmer als in Gondor.
"Hier kennt man wohl keinen Schnee, was?" fragte Valion seine Reisegefährtin.
Narissa schüttelte den Kopf. "Ich habe bis ich in Rohan gewesen bin gar nicht gewusst, wie Schnee überhaupt aussieht," erzählte sie. "Auch auf der Weißen Insel wird es nie so kalt wie in den Ländern im Norden. Dennoch kann man in der Wüste durchaus frieren, wenn es Nacht wird..."
"Ja, das hab' ich gemerkt," sagte Valion und erinnerte sich an ihren Ritt von Tol Thelyn durch die Einöde. "Aber mal eine andere Sache... was kannst du mir über diese Stadt erzählen, gegen die das Heer nun zieht?"
"Ain Salah?" Narissa zog die Brauen ein wenig zusammen, und Valion hätte schwören können, dass für einen Sekundenbruchteil ein Schatten über ihr Gesicht gezogen war. "Ach, es... ist im Grunde genommen eine Stadt wie es viele in Harad gibt," sagte die Weißhaarige dann leichthin. "Sie besitzt einfache Wälle aus Lehm und Stein und wird von einer Mischung aus vielerlei Stämmen bewohnt. Ain Salah lebt vom Handel, denn es ist ein wichtiger Wegpunkt zwischen den Reichen im Osten und denen auf der Westseite Harads."
Valion nickte verstehend, doch ehe er Narissa weitere Fragen stellen konnte, gerieten die Soldaten vor ihnen in sichtliche Unruhe. "Was ist da denn los?" wunderte sich Valion.
Erchirion und Valirë, die ein Stück hinter ihnen geritten waren, schlossen zu Narissa und Valion auf. "Irgendetwas scheint an der Spitze des Heeres zu geschehen," sagte Erchirion. "Lasst uns einen Bogen um die Marschkolonne schlagen, sie überholen und nachsehen."

Sie brauchten eine Weile, um die große Zahl von Kriegern alle hinter sich zu lassen, doch noch ehe sie ganz an der Spitze angekommen waren, sahen sie schon, was den Aufruhr verursacht hatte. Am Horizont erhob sich eine Staubwolke, ganz ähnlich derer, die das Heer der freien Haradrim verursachte. Eine zweite Streitmacht näherte sich ihnen und stellte sich ihnen in den Weg. Und als Valion die vorderste Reihe der Krieger hinter sich gelassen hatte, sah er die roten Banner, auf denen die schwarze Schlange Sûladans prangte. Ein Heer der saurontreuen Haradrim war ihnen aus Ain Salah entgegengekommen, um Qúsays Krieger zur Schlacht zu stellen.
Erneut kam Bewegung in die Reihen der freien Haradrim, als Qúsay und seine untergebenen Kommandanten die Streitmacht hastig in eine grobe Schlachtordnung brachten. Die Gondorer sammelten sich ein wenig abseits, bis ihnen von einem reitenden Boten ein Platz an der rechten Flanke der Schlachtordnung zugewiesen wurde.
"Ich werde das Spektakel aus sicherer Entfernung beobachten," sagte Edrahil, der nun kurzzeitig wieder zu ihnen gestoßen war. Er deutete auf einen nahe gelegenen Hügel. "Von dort sollte ich den Schlachtverlauf gut im Blick behalten können."
"Und ich komme ebenfalls mit," beschloss Narissa. "Große Schlachten sind nichts für mich - die eine, die ich in Kerma erlebt habe, hat mir schon gereicht. Ich gehe mit Edrahil und sorge dafür, dass kein Feind ihm zu nahe kommt."
Erchirion wollte es dabei nicht belassen, und gab den beiden eine zehnköpfige Eskorte mit, wodurch sich die Anzahl der an der Schlacht teilnehmenden Gondorer auf nurmehr ein Dutzend reduzierte.
"Endlich kommt etwas Bewegung in diesen Krieg," sagte Valirë und zog ihr langes Elbenschwert. Gekonnt ließ sie die Klinge hinter dem Rücken kreisen, dann schleuderte sie die Waffe in die Luft und fing sie lässig mit einer Hand auf.
Auch Erchirion und Valion zogen ihre Waffen. Der Prinz trug eine Rüstung, Valion musste allerdings mit seiner festen, ledernen Reisekleidung Vorlieb nehmen, denn seine eigene Rüstung war in Dol Amroth geblieben. Immerhin hatte er daran gedacht, sich von einem der Quartiermeister ein Kettenhemd zu leihen, weshalb er nicht allzu defensiv würde kämpfen müssen - das war ohnehin nicht sein Stil. In jeder Hand ein Schwert haltend nahm er seinen Platz in der Schlachtreihe ein. Nominell besaß Erchirion das Kommando über den gondorischen Trupp, doch Valion wusste, dass der Prinz selbst nur wenige Schlachten miterlebt hatte. Und das Dutzend Gondorer war zwar kampferprobt, aber als Einheit zu klein, um wirklich von taktischer Bedeutung zu sein. Sie würden versuchen, alle Feinde zu besiegen, die sich ihnen entgegenstellten; mehr Strategie hatte Valion nicht im Sinne.

Qúsays Heer besaß mehrere Signalgeber, die sich großer, aus den Stoßzähnen der mächtigen Mûmakîl gefertiger Hörner bedienten, um die Befehle des Heerführers an seine Krieger weiterzugeben. Ein Soldat, der sich neben Valion eingereiht hatte, und sich knapp als Beregond vorstellte, erklärte Valion hilfreich die einzelnen Signale, die die freien Haradrim verwendeten. Beregond hatte an den Schlachten um Ain Séfra und Umbar teilgenommen und kannte daher Qúsays Vorgehensweise.
"Sobald alles auf Position ist, halten wir unsere Stellung, so lange wir kein Signal hören. Ein einzelner Hornstoß ist das Signal zum Vorrücken, zwei Hornstöße signalisieren den Befehl zum Rückzug."
"Und was passiert bei drei Horntönen?"
"Das bedeutet, dass sich das Zentrum ein wenig zurückfallen lassen soll, die Flanken aber vorrücken und um jeden Preis angreifen sollen, um den Feind in der Mitte in die Zange zu nehmen," sagte Beregond. Er trug Schwert und Schild, und deutete auf die nahende feindliche Armee, die keine zweihundert Meter mehr entfernt war, aber zum Stehen gekommen war. Beregond hob den Schild über den Kopf, als er sah, wie die meisten Haradrim ihre Schilde bereits angehoben hatten. "In Deckung," fügte der Gondorer noch hinzu, dann prallte bereits der erste Pfeil gegen seinen Schild.
Valion blieb nichts anderes übrig, als sich zu Boden zu werfen und sich so klein wie möglich zu machen. Mit einem Pfeilhagel vor Beginn der Schlacht hatte er nicht gerechnet, und er hatte keinen Schild, um sich zu schützen. Rings um ihn prasselten die Pfeile auf das Heer Qúsays ein, welches den Beschuss aus den hinteren Reihen, wo die Bogenschützen standen, längst erwidert hatte. Valion, der noch immer auf dem Boden kauerte, spürte, wie die Erde erbebte, als seine Position von rechts von Qúsays Kamelreitern überholt wurde, die gegen die feindliche Kavallerie ausritten. Ein Pfeil erwischte Valion an der Schulter, blieb jedoch zwischen den Kettengliedern hängen und piekste ihn so nur ein wenig. Dann hörte der Beschuss glücklicherweise auf, und ein lauter Hornstoß war zu hören.
"Auf geht's!" brüllte Valirë, die den Pfeilhagel offenbar hinter Erchirions breitem Schild schadlos überstanden hatte. Valion sprang auf die Beine, und marschierte gemeinsam mit den übrigen Gondorern los. Er sah, wie sich die feindlichen Reihen noch nicht rührten, wohl waren sie von dem plötzlichen Vormarsch der freien Haradrim etwas überrascht worden. Valion fragte sich noch, ob es in den Schlachten in Harad üblich war, zunächst eine lange Zeit Pfeilbeschuss auszutauschen und ob es zu Qúsays Strategie gehörte, mit dieser Tradition zu brechen, als wie auf ein unsichtbares Zeichen hin alle verbündeten Krieger in einen Laufschritt verfielen, die Waffen erhoben, und die letzten fünfzig Meter bis zum Feind in einem gewaltigen Ansturm überwanden. Dann prallten die Schlachtreihen in einem gewaltigen Getöse aufeinander.

Valions erster Gegner war ein Speerträger, dessen Waffe er mit einem schnellen Schwerthieb kurzerhand halbierte, um danach mit dem zweiten Schwert die ungeschützte Stelle am Hals des Kriegers zu durchbohren. Ein schneller Tritt ließ den tödlich Verletzten beiseite kippen. Hinter Valion drängten weitere Gondorer nach vorne, die meisten kämpften mit Schwert und Schild, einige verwendeten ebenfalls Speere, die jedoch im Gegensatz zu den einfacheren Waffen aus Harad vollständig aus Metall gefertigt waren, und hohl waren, damit sie nicht zu schwer wurden. Ein solcher Speer flog an Valion vorbei und bohrte sich mitten durch die Brust eines weiteren Gegners. Valion sprang vor und riss die Waffe heraus, dann reichte er sie dem nachrückenden Krieger, der den Speer ursprünglich geworfen hatte. Als Valion sich umblickte, entdeckte er Beregond, der von zwei säbelschwingenden Haradrim bedrängt wurde, und griff in den Kampf ein. Aus der Drehung heraus hieb er dem einen Krieger den Kopf ab, der zweite fand sein Ende durch Beregonds gut gezielten Schwertstoß in den Hals.
Die erste Wucht des Ansturms, die die gesamte Flanke, zu der die Gondorer gehörten, ein tiefes Stück in die feindlichen Schlachtreihen hatte eindringen lassen, war mittlerweile verflogen. Die feindlichen Truppen hatten sich von dem Schock erholt und kämpften verbissen um jeden Meter. Allerdings hatte Valion mehr und mehr den Eindruck, dass sich die freien Haradrim hier leicht in der Überzahl befanden. Dennoch war es ein harter Kampf, und im Laufe der Schlacht erlitt Valion mehrere kleinere Schnitte an Stellen, wo ihn das Kettenhemd nicht schützte. Einmal wurde er von einem heftigen Schildhieb zu Boden geworfen, und von seiner Schwester gerettet, die mit wirbelnder Klinge genug Raum schuf, dass Valion aufstehen und seine Stellung halten konnte. Valirë war für die meisten Haradrim ein sichtlich unerwarteter Eindruck. Ihr langer Zopf fegte wie eine Peitsche hin und her, während sie flink von einem Feind zum nächsten rauschte. Das lange Elbenschwert gab ihr genügend Reichweite, um ihre Feinde auf Abstand zu halten, und der Fakt, dass eine Frau solche Kampfeslust an den Tag legte, verschaffte ihr immer wieder genug Verblüffung ihrer Feinde, dass sie deren kurzes Zögern auf tödliche Art und Weise nutzen konnte. Dies war der Vorteil daran, gegen Menschen zu kämpfen. In der Schlacht auf dem Pelennor waren die Zwillinge nur Orks gegenüber gestanden, die keinen Unterschied zwischen ihren Feinden oder Opfern machten.
Nach ungefähr einer Stunde waren die Schlachtreihen an der rechten Flanke, wo Valion stand, so ineinander verkeilt, dass niemand mehr vorwärts kam. Valion hatte viele Gegner getötet, aber noch immer hielten die feindlichen Reihen stand. Doch dann geschahen zwei Dinge gleichzeitig. Aus der Ferne trug der Wind über den Schlachtenlärm drei klare Hornstöße zu ihnen herüber, und beinahe im selben Moment sah Valion, wie die feindliche Ordnung sich aufzulösen begann, und die geordneten Reihen ins Chaos gerieten. Später erfuhr er den Grund dafür: Die Kamelreiter hatten die feindliche Reiterei in die Flucht geschlagen und war nun in einem wilden Ansturm in den Rücken der gegnerischen Flanke gekracht. So eingekeilt zwischen den Gondorern, den freiharadischen Fusssoldaten und der Kavallerie im Rücken begann die Moral der Saurontreuen zu bröckeln. Und Qúsays Krieger hatten eine klare Anweisung erhalten: Vorrücken, um jeden Preis, und dann ins Zentrum schwenken. Schlachtrufe wurden gebrüllt, Banner in die Luft gereckt, und ein jeder warf sich, die letzten Kraftreserven mobilisierend, noch einmal ins Gefecht. Auch Valion und Valirë packten ihre Waffen und schlugen sich ihren Weg durch die sich auflösende feindliche Schlachtordnung frei, bis der feindliche Flügel sich bald darauf vollständig in die Flucht schlagen ließ.

Das Zusammenbrechen der Flanke markierte das Ende der Schlacht bei Ain Salah. Eine große Panik breitete sich im feindlichen Heer aus, als der rechte Flügel der freien Haradrim und Gondorer das Zentrum flankierte und sich auch die bewährten Kamelreiter erneut in die Schlacht stürzten. Als sich das Feindheer in Richtung Osten zurückzuziehen begann, waren wieder Hornstöße zu hören, diesmal waren es zwei.
"Qúsay will von einer Verfolgung der Fliehenden absehen," bemerkte Beregond, der sich schwer auf seinen Schild stützte. Er war unverletzt geblieben, aber ziemlich außer Atem.
"Vielleicht hofft er, dass die Stadt sich dank dieser Milde leichter einnehmen lassen wird," überlegte Valion.
"Ich schätze, wir werden es sehen, wenn wir dort sind," sagte Beregond.
Valion sah nach seiner Schwester, die drauf und dran gewesen war, die Verfolgung entgegen der Befehle ganz alleine aufzunehmen, und von Erchirion gerade noch daran gehindert worden war. Sie hatte ein Stück ihres Zopfes verloren und trampelte gerade auf der Leiche desjenigen herum, der offenbar daran Schuld war.
"Sieht ganz so aus, als hätte unser guter alter Edrahil die Schlacht schadlos überstanden," merkte Erchirion mit einem angestrengten Grinsen an, und deutete in Richtung des Hügels.
Als Valion hinsah, nickte er zustimmend, denn von Ferne sah er Reiter unter dem Banner Gondors herankommen, und deutlich konnte er Narissas weißes Haar daneben hervorleuchten sehen...
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Eandril

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Re: In der Nähe von Ain Salah
« Antwort #6 am: 4. Mai 2021, 09:56 »
"Das sieht doch gar nicht so schlecht aus", meinte Narissa, während sie auf die ineinander verkeilten Heere hinunterblickte. Sie verstand nicht allzu viel von Strategie und Taktik - jedenfalls nicht in einem solchen Ausmaß - doch Qúsays Truppen waren denen des Gegners sichtlich überlegen.
Edrahil, der sich neben ihr auf einem toten Baumstamm niedergelassen hatte, nickte langsam, die Hände auf seinen Gehstock gestützt. "Wenn es unserer Reiterei gelingt, ihnen in den Rücken zu fallen, sieht es schlecht für sie aus. Ich schätze, dass Qúsay genau das vorhat."
Narissa zog mit der Stiefelspitze Kreise in den staubigen Boden. Sie war froh, nicht dort unten auf dem Schlachtfeld sein zu müssen, obwohl sie sonst nicht vor einem Kampf zurückschreckte. Doch eine Schlacht war etwas anderes. Man war Teil einer Masse und kaum ein Krieger konnte hoffen, entscheidenden Einfluss auf den Ausgang des Kampfes zu haben. Sie schüttelte den Kopf, wandte sich vom Schlachtfeld ab und blickte stattdessen Edrahil an. Der Alte wirkte äußerlich so entspannt, als säße er irgendwo im Garten des Palastes von Dol Amroth bei einem Glas Wein, nicht auf einem staubigen Hügel kaum eine Meile von einem Schlachtfeld entfernt.
"Du hast wenig zu meinem Bericht zu sagen gehabt", sagte sie schließlich, und Edrahil wandte ihr langsam den Kopf zu.
"Was gab es dazu zu sagen? Der Plan ist aufgegangen und ihr habt euren Auftrag ausgeführt."
Narissa ließ sich neben ihm auf den toten, von der Sonne gebleichten Baumstamm fallen. "Ich weiß nicht. Ein 'Gut gemacht' wäre doch nett gewesen."
"Weder du noch Aerien sind Kinder, die Lob benötigen", gab Edrahil zurück, und seufzte. "Aber... ich bin sehr zufrieden. Euer Auftrag war schwierig, manche würden sagen, gar unmöglich. Um ehrlich zu sein, habe ich euren Erfolg für nicht allzu wahrscheinlich gehalten. Und trotzdem wart ihr erfolgreich, also wenn es dir etwas bedeutet: Gut gemacht." Narissa musste lachen. "Das hat offenbar Überwindung gekostet."
Edrahil ging nicht weiter auf ihre Worte ein, sondern sagte stattdessen: "Ich frage mich allerdings, wie es kommt, dass Valion vom Ethir dich nach Harad begleitet hat - und nicht Aerien." Er warf ihr einen durchdringenden Blick, dem Narissa rasch auswich, zu.
"Sie... wollte Gondor nicht schon wieder verlassen", erklärte sie, den Blick auf ihre Stiefelspitzen gerichtet. "Und Aragorn - der König, sollte ich wohl sagen - hielt es für sinnvoller, dass sie in Gondor bleibt. Offenbar irgendein Gefühl."
"Ich halte es nicht für besonders klug, euch zu trennen. Gemeinsam habt ihr das scheinbar Unmögliche möglich gemacht, doch alleine... nun, wir werden sehen. Und das ist der einzige Grund?" Mit seinen letzten Worten hatte Edrahil einen wunden Punkt getroffen, denn Narissa hatte das Gefühl, dass der Schatten von Aeriens Mutter noch immer zwischen ihnen stand.
"Selbst wenn es nicht der einzige Grund wäre", gab sie zurück. "Du wärst nicht meine erste Wahl über Beziehungsprobleme zu sprechen, Edrahil. Es wundert mich, dass es dich überhaupt interessiert."
Edrahils steinerner Gesichtsausdruck veränderte sich kein bisschen als er antwortete: "Mich interessiert der Gemütszustand meiner... Agenten, um ihre Einsatzfähigkeit einschätzen zu können. Weiter nichts."
Narissa schnaubte verächtlich und kickte einen kleinen Stein von der Hügelkuppe den Abhang hinunter. "Wenn es das ist: Ich bin so einsatzfähig wie gewohnt."
"Gut." Edrahil erhob sich ein wenig mühsam, und deutete auf das Schlachtfeld hinab. "Vielleicht ist das bald von Nöten." Narissa folgte seinem Blick und erkannte, das genau das eingetreten war, was Edrahil vermutet hatte: Qúsays Reiterei hatte es geschafft, die gegnerische Kavallerie aufzureiben, und war den Fußsoldaten in den Rücken gefallen. Gerade in diesem Augenblick begannen sich die Reihen des Feindes aufzulösen, und vom Schlachtfeld wehten drei klare Hornstöße heran.
Narissa sprang ebenfalls auf die Füße. "Na also. Ich hoffe, Valion und seine Schwester haben die Schlacht gut überstanden."
"Das hoffe ich allerdings auch", bemerkte Edrahil trocken. "In einer so unbedeutenden Schlacht zu fallen wäre ein unwürdiges Ende für Valion und Valirë vom Ethir."

In der Zeit, in der Narissa und Edrahil ihre Pferde bestiegen hatten, hatten sich die feindlichen Schlachtreihen beinahe vollständig aufgelöst, und als sie sich dem Schlachtfeld näherten ertönten zwei weitere Hornstöße. Das feindliche Heer zog sich rasch und ungeordnet in östlicher Richtung gen Ain Salah zurück, während das Heer des Malikats offenbar darauf verzichtete, die Verfolgung aufzunehmen.
Nur kurze Zeit später erreichte die kleine Truppe die Stelle, an der Prinz Erchirion und seine Gondorer sich in der Schlachtaufstellung befunden hatten - Narissa, die beschlossen hatte ihre Leibwächter ein wenig hinter sich zu lassen an erster Stelle. Als sie Grauwind zügelte stellte sie überrascht fest, dass Edrahil sich nur knapp hinter ihr befand, und ihre Leibwache erst allmählich aufschloss.
"Ich hätte nicht gedacht, dass du so ein guter Reiter bist", bemerkte sie widerwillig anerkennend, während Edrahil mit einem Ächzen vom Pferd stieg. "In letzter Zeit konnte ich einige Erfahrung sammeln", gab er zurück, und blickte dann zu Erchirion, der gerade einen prüfenden Blick über seine Männer schweifen lies.
"Verluste?"
"Einer gefallen, der Rest teilweise leicht verwundet", gab der Prinz zurück. Er selbst hatte offenbar eine Wunde an der Schulter davon getragen und dort färbte sich der Stoff unter seinem Kettenhemd rötlich. Es schien allerdings nicht besonders ernst zu sein.
"Ich hätte nicht gedacht, dass Qúsay sie einfach so davonkommen lässt", merkte Valirë an. Sie versetzte dem Leichnam eines der feindlichen Haradrim einen Tritt, und zeigte mit der freien Hand das ausgefranste Ende ihres Zopfes vor. "Nicht, nachdem sie mir eine so schlimme Wunde zugefügt haben."
Narissa musste grinsen. Sie hatte noch nicht viel Gelegenheit gehabt, Valirë kennenzulernen, doch selbst ohne die äußerliche Ähnlichkeit wäre sie sehr offensichtlich Valions Schwester gewesen. Valion machte eine Kopfbewegung in Richtung der flüchteten Armee. "Wenn wir die Pferde nehmen, können wir sie sicher einholen und du kannst deine Haarpracht rächen, Schwesterchen."
Edrahil beachtete die beiden nicht, und wandte sich stattdessen an Erchirion. "Ich nehme an, dass Qúsay euch so bald wie möglich sprechen wollen wird - und mich auch."
Erchirion sah an seiner blutbespritzten Rüstung hinunter. "Kein sonderlich angemessener Aufzug, aber vielleicht ist er zufrieden zu sehen, dass ich nun schon das zweite Mal Blut für ihn vergossen habe. Ich komme."
Einer der Männer, die Edrahil und Narissa begleitet hatten, überließ dem Prinzen sein Pferd, und nur wenig später waren sie in der Menge des siegreichen Heeres verschwunden.
Valion schüttelte den Kopf. "Ich komme einfach nicht dazu, ihm zu sagen, was mein Onkel mir erzählt hat", sagte er, während er seine blutigen Klingen kurzerhand an der Kleidung eines gefallenen Gegners abwischte. "Und am Ende darf ich mir wieder die Vorwürfe deswegen anhören."
"Und mein Verlobter lässt mich einfach mitten auf einem Schlachtfeld stehen um sich der Politik zu widmen", ergänzte Valirë. "Besonders ritterlich ist das nicht."
"Machst du dir viel aus Ritterlichkeit?", fragte Narissa, die inzwischen abgesessen war, und tätschelte Grauwinds Hals. Valirë grinste. "Kein bisschen. Aber er könnte es doch wenigstens versuchen, oder?"
"Vielleicht hat er sich einfach daran erinnert, dass du vollkommen freiwillig hier bist", sagte Valion wie zu sich selbst, und stieß mit einem Ruck seine Klingen in die Scheiden zurück. "Glaubt ihr, wir finden irgendwo im Lager etwas zu trinken? Schlachten machen durstig."

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Re: In der Nähe von Ain Salah
« Antwort #7 am: 5. Mai 2021, 19:58 »
"Ihr scheint die Schlacht unbeschadet überstanden zu haben. Meinen Glückwunsch", begrüßte Edrahil Qúsay, der auf einer niedrigen Erhöhung stand und das Schlachtfeld überblickte. Die ersten Geier kreisten bereits, doch die Menschen, die noch nach Verwundeten und Beute suchten, schienen sie abzuschrecken. Schon bald würden sie sich allerdings zu ihrer Mahlzeit niederlassen.
Der Malik fixierte Edrahil mit einem durchdringenden Blick aus seinem dunklen Auge. "Bei euch kann man sich nie sicher sein, ob etwas ein Kompliment oder eine Beleidigung war."
Edrahil glitt vom Pferderücken hinunter, und benötigte einen Augenblick, sein Gleichgewicht wiederzufinden, als sein linkes Bein unter seinem Gewicht nachzugeben drohte. "Der Menge an Blut auf eurer Rüstung nach zu urteilen, habt ihr euch den Kämpfen keineswegs ferngehalten", erwiderte er schließlich. "Es war also nicht als versteckte Beleidigung gemeint."
Qúsay nickte nur stumm, und wandte sich an Erchirion. "Ich danke euch für eure Unterstützung in dieser Schlacht, Prinz. Sie hat einmal mehr gezeigt, was wir erreichen können, wenn unsere Völker zusammenstehen."
"Nun ja", meinte Erchirion, und fuhr sich mit der Hand durch die noch immer schweißfeuchten Haare. "Ich glaube nicht, dass meine Männer der Schlacht eine entscheidende Wendung gegeben haben. Dennoch... ich stimme zu. Nur gemeinsam werden wir dem Schatten im Norden die Stirn bieten können."
Edrahil unterdrückte ein Lächeln über Erchirions meisterhafte Andeutung. Qúsay verzog ebenfalls keine Miene, sondern neigte leicht den Kopf. "Es wird mir eine Freude sein, eure Hilfe schon bald zu vergelten. Sobald meine Stellung hier gesichert ist - und Suladân tot ist."
"Dazu hätte ich etwas zu sagen", ergriff Edrahil das Wort. "Erinnert ihr euch an eine junge Frau namens Narissa? Ich habe sie einst von Umbar aus nach Aín Sefra geschickt, und bei dieser Gelegenheit hat sie euch einen uralten Treueid geschworen, wenn ich mich recht erinnere..."
Qúsays Miene, die zunächst verständnislos gewesen war, hellte sich bei seinen letzten Worten ein wenig auf. "Allerdings erinnere ich mich. Sie erzählte mir Suladân wäre ihr Vater?"
"Vollkommen richtig", bestätigte Edrahil. "Allerdings tut man gut daran, diese Tatsache ihr gegenüber nicht allzu häufig zu erwähnen. Sie hat hier in Harad und in Mordor selbst große Taten geleistet, und..."
Qúsay unterbrach ihn. "Mordor?"
"Sie ging nach Mordor um den König von Gondor aus der Gefangenschaft zu befreien - erfolgreich", fasste Edrahil kurz zusammen. "Wie dem auch sei, ihre Fähigkeiten und ihre persönliche Verbindung mit Suladân könnten dabei helfen, euren Krieg schneller unblutiger zu beenden als wenn ihr Qafsah am Ende mit Gewalt einnehmen müsstet."
"Durch Mord", stellte Qúsay, der offenbar schnell begriffen hatte, fest, und verzog ein wenig das Gesicht. "Nicht besonders ehrenhaft."
"Nun, wenn Ehre den Tod tausender auf dem Schlachtfeld wert ist..." Neben Edrahil zuckte Erchirion spürbar zusammen. "Ich denke jedoch, dass wir im kommenden Krieg gegen den Schatten jeden einzelnen Krieger brauchen können."
"Der Gedanke gefällt mir nicht sonderlich", gab Qúsay zurück, offenbar nicht beleidigt - zumindest zeigte er es nicht offen. "Doch ich werde darüber nachdenken, denn eure Worte sind nicht einfach abzuweisen. Ich..."
Er brach ab, als sein Blick auf drei Reiter fiel, die in raschem Tempo über das Schlachtfeld herankamen.

Bei näherem Hinsehen stellte sich der vorderste der Reiter als Dírar heraus, der von zwei Soldaten mit dem Wappen des Malikats begleitet wurde. Er sprang in einer flüssigen Bewegung von seinem schnaubenden Pferd, und verneigte sich tief vor Qúsay. "Der Rat von Ain Salah hat Vertreter gesandt um mit euch zu verhandeln, Malik", sagte er dann förmlich. "Sie bitten darum, euch treffen zu dürfen."
Qúsay zog eine Augenbraue in die Höhe. "Noch auf dem Schlachtfeld? Sie müssen wirklich beeindruckt sein. Lasst sie kommen."
Es dauerte nicht lange, bis die Vertreter der Stadt herbeigekommen waren - drei Männer in wertvollen Seideroben, einer sehr dick und kurzatmig, einer alt und ohne ein einziges Haar auf dem Kopf und jünger und schlanker als die anderen. Trotz seiner Jugend schien der letzte der Anführer der Gruppe zu sein.
"Ihr steht vor Qúsay bin Nazir bin Qasim al Qahtani-Qasatamiyun, Scheich der Qahtan, Fürst von Umbar und Malik der Haradrim", sagte Dírar, der sich zu Qúsays rechter postiert hatte, mit klarer Stimme. "Was habt ihr zu sagen?"
Alle drei Männer verneigten sich, die beiden älteren mit sichtlicher Mühe. "Im Namen der großen und mächtigen Stadt Ain Salah bitten wir um Verhandlungen mit dem Malik Qúsay", antwortete der jüngste, und bestätigte damit Edrahils Vermutung. "Mein Name ist Yukrid al-Yazath, und ich spreche im Namen unseres Rates."
"Ich erkenne euch als Vertreter der Stadt an, und auch eure Bitte um Verhandlung", erwiderte Qúsay. Edrahil, der wie Erchirion ein wenig abseits stand, kam nicht umhin den Kontrast zwischen den Vertretern der Stadt in ihren Seidenroben auf der einen Seite und Qúsay in seiner noch immer blutbespritzten Rüstung auf der anderen zu bemerken. Er respektierte den Mut dieser drei Männer, sich direkt nach der Schlacht mitten ins feindliche Heer zu begeben - wenn Qúsay beschloss, gegenüber Ain Salah keine Gnade zu zeigen, wäre ihr Leben als erstes verwirkt.
"Wir... haben uns von den Worten des Sultans von Qafsah und seiner Diener in die Irre führen lassen", ergriff nun der dickste der Männer das Wort. "Doch am heutigen Tag haben wir die Macht des Malik erkannt und seinen Anspruch auf die Führung der Völker des Südens."
"Dafür, dass es so lange gedauert hat, seit ihr nun doch überraschend schnell zu dieser Erkenntnis gekommen", gab Qúsay in sanftem, aber unterschwellig bedrohlichem Tonfall zurück. "Wer garantiert mir, dass ihr bei meiner ersten Niederlage nicht ebenso schnell eure Meinung ändert und euch wieder Suladân anschließt?"
"Wenn ihr es wünscht, wird der Rat euch selbstverständlich den Treueid schwören", sagte der älteste Mann mit samtweicher Stimme.
"Den selben Treueid, den ihr Suladân geschworen habt?", fragte Qúsay ungerührt. "Den Treueid, den ihr damit brechen würdet? Nein. Ich habe mich entschlossen, Ain Salah gegenüber Gnade walten zu lassen - nur deshalb habe ich den Rückzug eures Heeres zugelassen - doch ich brauche mehr." Er tippte, offenbar unbewusst, mit dem Finger auf den Griff seines Schwertes, doch die Geste verfehlte ihre Wirkung nicht.
"Selbstverständlich würde... der Stadtrat Geiseln stellen, wenn ihr dies wünscht", bot Yukrid al-Yazath, dem sichtlich unwohl zumute war, an.
"Gut. Ihr werdet meinem Heer außerdem die Tore öffnen sobald wir die Stadt morgen erreichen, und es für einige Tage beherbergen - und in dieser Zeit selbstverständlich versorgen. Wenn der Krieg vorüber ist und ihr mir eure Treue gehalten habt, werdet ihr angemessen entschädigt werden." Yukrid al-Yazath schluckte sichtlich, nickte aber. "Es wird geschehen, Malik."
Qúsay warf einen Blick in Edrahils Richtung, und Edrahil formte stumm mit den Lippen einen Namen. Qúsay lächelte gefährlich, und wandte sich wieder den Botschaftern zu. "Eines noch. Sollte mein Vetter Calmacil von Umbar sich in Ain Salah befinden, werdet ihr ihn mir ausliefern."
Dieses Mal zuckten alle drei Männer sichtlich zusammen, und Edrahil stellte zufrieden fest, dass er mit seiner Vermutung offenbar direkt ins Schwarze getroffen hatte. Das Verschwinden von Hasaëls drittjüngstem Sohn hatte ihm einiges Kopfzerbrechen bereitet, doch eine Flucht nach Ain Salah war naheliegend gewesen. Er hatte vermutet, dass Calmacil versucht hatte, die Stadt zu einem Gegenangriff auf Qúsay zu bewegen - zumindest teilweise erfolgreich, wie die gerade erst vergangene Schlacht zeigte.
Nach einem unangenehm zähen Schweigen verneigte sich Yukrid al-Yazath schließlich tief. "Er befindet sich tatsächlich in unserer Stadt. Wenn die Nachricht von der Niederlage auf dem Schlachtfeld ihn noch nicht zur Flucht bewegt hat, wird er euch gehören."
Qúsay nickte, wenn auch offenbar nicht ganz zufrieden. Immerhin bestand die Wahrscheinlichkeit, dass sein junger Vetter frühzeitig von der Niederlage erfuhr und noch vor der Rückkehr der Botschafter aus Ain Salah fliehen würde. In diesem Fall hätte der Malik nichts gewonnen, denn der Rat würde seine Hände in Unschuld waschen. Dennoch sagte er: "Kehrt in eure Stadt zurück und unterrichtet euren Rat über meine Bedingungen. Wir werden bei Sonnenaufgang nach Ain Salah marschieren - finden wir die Tore geschlossen vor, werden wir das als Ablehnung meiner Bedingungen deuten und mit der Belagerung beginnen."
Alle drei Botschafter verneigten sich erneut. "Selbstverständlich, oh Malik."
Qúsay entließ sie mit einer gebieterischen Geste, und wandte sich an Dírar, sobald sie außer Hörweite gelang waren. "Sende Späher in die Gebiete rund um Ain Salah aus. Calmacil wird versuchen zu fliehen - vielleicht nach Qafsah, oder zu den Verrätern nach Kerma, oder wer weiß wohin. Vielleicht können wir ihn abfangen." Dírar verneigte sich, und eilte davon.
"Wenn ihr erlaubt...", ergriff Erchirion das Wort. "Ich möchte euch im Namen Dol Amroths und Gondors zu eurem Sieg und zur Einnahme von Ain Salah gratulieren."
Qúsay atmete tief durch, und schien sich endlich ein wenig zu entspannen. Im gleichen Moment beschloss Edrahil, die Forderung des Königs noch ein wenig länger geheim zu halten - es schien ihm im Augenblick kein günstiger Moment zu sein.
"Morgen werden wir sehen, wie es mit der Einnahme von Ain Salah tatsächlich aussieht", erwiderte Qúsay, und lächelte kaum merklich. "Aber ich danke euch, Erchirion - ein Sieg war dies tatsächlich."

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Fine

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Ein geruhsamer Abend
« Antwort #8 am: 8. Mai 2021, 20:09 »
Tatsächlich fanden Narissa, Valion und Valirë im Lager des siegreichen Malikatsheeres etwas zu trinken, denn Qúsays Quartiermeister wussten gut genug, dass die Krieger ihren Sieg gebührend feiern wollten und dies ihnen auch gestattet wurde. Die Nachricht, das sich die Stadt Ain Salah kampflos ergeben hatte, breitete sich bald darauf im Lager aus, und sorgte für eine noch bessere Stimmung, denn nun würden sie nach der Belagerung von Umbar nicht gleich die nächste langwierige Belagerung vor sich haben.

Als es Abend geworden war, saßen Valion und seine Schwester mit Narissa an einem Lagerfeuer und ließen es sich ein wenig gut gehen. Das Heerlager war voller Aktivität, denn ein Teil der Streitmacht würde direkt in Ain Salah untergebracht und versorgt werden, während der Rest im Lager verbleiben würde, denn für eine vollständige Unterbringung in den Häusern Ain Salahs war das Heer zu groß. Doch alle Krieger kamen in den Genuss der Verpflegung, die aus der Stadt ins Lager gebracht worden war, und die Abwechslung auf dem sonst recht einseitigen Speiseplan wurde von jedermann euphorisch begrüßt. Es gab Wein und Met und die unterschiedlichsten Säfte, und dazu eine große Auswahl an einheimischen Spezialitäten, die ihren Weg auf die Teller der Krieger fanden. Valion lernte rasch die gewisse Schärfe zu schätzen, die die hiesigen Haradrim beinahe jedem ihrer Gerichte hinzufügten und nahm sich vor, eine Probe der Gewürze mit nach Gondor zu nehmen.
„Der Feldzug läuft ja wirklich gut,“ sagte Narissa mit vollem Mund. „Wenn das so weitergeht, könnte in zwei oder drei Wochen schon alles vorbei sein und Qafsah erobert sein.“
„Wer weiß?“ sagte Valirë. „Mich würde es freuen, ehrlich gesagt bin ich diese endlosen Wüsten schon so langsam etwas Leid.“
„Harad ist mehr als nur Wüste,“ sagte Narissa. „Im Süden gibt es stark bewaldete Dschungelgebiete, und Sümpfe, und an der Ostküste sind die Länder viel fruchtbarer als hier im Westen.“
„Was leben hier denn für Stämme in der Gegend?“ wollte Valion von der offensichtlich ziemlich ortskundigen Narissa wissen.
„Die Qahtan - Qúsays Stamm, außerdem die Qarwaliden, und noch ein paar kleinere Stämme, die meistens unter der Vorherrschaft Umbars gelebt hatten,“ erklärte Narissa prompt. „Das Gebiet, das wir jetzt betreten haben, der Beginn der Harduin-Ebene, wird von einer Mischung unterschiedlicher Völker bewohnt, ebenso wie die Stadt Ain Salah. Und südlich von uns liegt das Reich von Ta-Mehu.“
„Und all diese Stämme sind Qúsay ergeben?“ hakte Valion nach.
„Soweit ich es weiß schon... allerdings habe ich im Heer keinen einzigen Krieger aus Ta-Mehu gesehen - eigentlich sind sie bekannt für ihre Reiter und Streitwägen.“
„Dafür gibt es einen einfachen Grund,“ sagte eine neue Stimme, und ein Mann trat ans Feuer. Valion erkannte seinen Onkel, Tórdur. „In Ta-Mehu ist ein Bürgerkrieg ausgebrochen. Sie werden Qúsay so schnell nicht helfen können... falls sie der Sache des Malikats überhaupt treu bleiben werden.“
„Ob König Músab etwas damit zu tun hat?“ fragte sich Narissa, doch ihr laut gedachte Gedanke ging ein wenig unter, als Valirë aufsprang und ihren Onkel fest in die Arme schloss. „Du verdammter Mistkerl,“ sagte sie grinsend. „All die Jahre kein Wort von dir, und dann tauchst du einfach so in einem dreckigen Kriegslager in Harad wieder auf?“
„Zu meiner Verteidigung, ich hatte mich zuerst deinem Brüderchen offenbart,“, erwiderte Tórdur und lachte, als er Valirë umarmte. „Hab‘ gesehen wie du gekämpft hast, Kleine.  Wirklich nicht übel, meinen Respekt hast du. Jetzt weiß ich, was passiert wäre, wenn meine Schwester Míleth damals ihren Willen durchgesetzt hätte, bei den Rittern in die Lehre zu gehen.“
„Wo hast du all die Jahre gesteckt?“ wollte Valirë nun doch etwas vorwurfsvoll wissen. „Du hast so viel verpasst, und außerdem wirst du dringend zuhause gebraucht!“
„Ich habe ihm schon vom Tod des Alten erzählt,“ wandte Valion ein.
„Und ich hab ihm schon versprochen, dass ich nach dem Krieg heimkehren werde,“ sagte Tórdur. „Aber zuerst hab‘ ich noch etwas zu erledigen. Hast du schon mit Edrahil sprechen können, Junge?“
„Nein,“ musste Valion gestehen. „Er ist nach der Schlacht sofort weitergeritten, wohl ist er jetzt irgendwo in Ain Salah.“
„Vielleicht sage ich es ihm besser doch selbst,“ murmelte Tórdur nachdenklich, dann löste er sich von seiner Nichte. „Haltet die Ohren steif, ihr zwei. Und du auch, Mädchen,“ meinte er mit einem Blick auf Narissa, als würde er sie gut kennen, dann marschierte er in Richtung der Stadt davon.

Narissa schien neugierig geworden zu sein und bestürmte die Zwillinge eine Weile mit Fragen über Nan Faerrim und ihre Familie, welche vor allem Valirë nur zu gerne beantwortete. Valion entging dabei nicht, wie Narissa seine Schwester ansah. Bewunderung und Respekt waren in ihren grünen Augen zu erkennen, wenn er sich nicht sehr täuschte.
„Du hast von Anfang an einfach immer gemacht, was du wolltest,“ stellte Narissa fest, nachdem sie erfahren hatte, wie die Zwillinge aufgewachsen waren. Man musste nicht gerade Edrahil heißen, um ihr ansehen zu können, dass sie sich Ähnliches gewünscht hätte.
„Ich lasse mir nichts vorschreiben,“ sagte Valirë und stupste Narissa kameradschaftlich an. „Bis jetzt hat mich mein Glück noch nie im Stich gelassen.“
„Dein Glück, oder meine tatkräftige Unterstützung, Schwesterchen,“ warf Valion grinsend ein.
„Ich nehme mir eben, was mir gefällt. Ist das so schlimm?“ fuhr Valirë fort. „Solange dabei niemand zu schaden kommt, der es nicht verdient hat....“
„Ach, also hatten all diese armen Ehefrauen es verdient, betrogen zu werden?“ stichelte Valion.
Valirë funkelte ihn an und Narissa musste lachen. „So so, jetzt lerne ich also deine wahre Seite kennen,“ meinte sie zu Valions Zwillingsschwester.
Diese verschränkte die Arme vor der Brust. „Und wenn schon. Ich stehe dazu, und, wer weiß, vielleicht habe ich mich ja mittlerweile gebessert? Ihr könnte ja mal Erchirion fragen...“
„Das mache ich, verlass‘ dich drauf,“ sagte Valion prompt. Er freute sich zwar, dass sich Narissa so gut mit seiner Schwester verstand, immerhin waren die beiden sich in vielerlei Dingen recht ähnlich, aber dass Valirës vielzählige Bettgeschichten ebenfalls auf Narissa abfärbten, wollte er nun wirklich nicht.
„Und jetzt tu nicht so scheinheilig, kleiner Bruder. Bevor du deine Verlobte getroffen hast, warst du selbst nicht gerade ein Eunuch, ganz im Gegenteil.“
Narissa kicherte. „Ihr beiden scheint es ja wirklich faustdick hinter den Ohren zu haben, ihr zwei,“ sagte sie. „Ich hätte gar nicht gedacht, dass es in Gondor so zugehen kann.“
„Die meisten Adeligen sind genauso langweilig wie du es erwarten würdest,“ sagte Valirë und strich sich über den Nacken. „Wir sind eben die Ausnahme.“ Sie beugte sich vor und fixierte Narissa mit einem raubtierhaften Blick, der Valion Böses ahnen ließ. „Und was ist mit dir, Narissa? Du bist doch bestimmt auch keine Jungfrau mehr.“
Die sonst so selbstbewusste Narissa wurde tatsächlich ein wenig rot um die Nase, doch einschüchtern ließ sie sich nicht. „Und wenn es so wäre?“
„Dann würde ich dich dazu beglückwünschen, dein Leben gut gelebt zu haben,“ sagte Valirë zufrieden.
„Sie ist übrigens vergeben, du kannst jedwede Pläne, sie irgendwelchen Gondorern vorzustellen also gleich wieder begraben,“ warf Valion ein.
„Ach? Ist das so? Hm,“ kam es amüsiert von Valirë, die jedoch anscheinend beschlossen hatte, nicht weiter auf das Thema einzugehen.

Sie plauderten an diesem Abend noch bis spät in die Nacht hinein und verbrachten eine relativ unbeschwerte Zeit. Valion war froh: der Feldzug schien außerordentlich gut zu laufen, und Narissa hatte sogar den Verstand bewiesen, sich aus der ersten großen Schlacht herauszuhalten. Ein Auge auf sie zu haben und sie von tollkühnen Dummheiten abzuhalten schien sich als einfacher als gedacht herauszustellen.

Der Morgen kam und mit ihm die Nachricht, dass die Streitmacht der freien Haradrim drei Tage in Ain Salah bleiben würde, um die Vorräte aufzustocken, die Verletzten zu versorgen und neuen Krieger aus den umliegenden Stämmen zu rekrutieren, die sich nun allesamt Qúsay unterworfen hatten. So gestärkt wollte der Malik dann weiter in Richtung Qafsah, dem Herzen von Sûladans Reich vorstoßen, nachdem sich seine Soldaten ausgeruht und gestärkt hatten.
Valion und Narissa hatten beschlossen, sich in der Stadt ein wenig umzusehen, doch schon als sie auf die Tore zuritten fiel Valion auf, dass irgendetwas mit Narissa nicht zu stimmen schien. Sie war schweigsam und blickte finster drein. Seine Scherze, mit der er ihre sichtlich finstere Stimmung etwas auflockern wollte, stießen auf Ablehnung, und kaum waren sie durch das östliche Tor in die Stadt hinein geritten, sah Narissa sogar noch verbissener oder gar depressiver aus.
Was ist denn auf einmal in sie gefahren? dachte sich Valion...


Narissa und Valion nach Ain Salah
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