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Autor Thema: Die Burg des Silbernen Bogens  (Gelesen 1882 mal)

Eandril

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Re: Die Burg des Silbernen Bogens
« Antwort #15 am: 27. Jan 2017, 13:49 »
Narissa schlug die Augen auf, doch um sie herum blieb es dunkel und das Atmen fiel ihr schwer, als ob irgendetwas schweres auf ihr liegen würde. Etwas Spitzes drückte unangenehm in ihren Bauch, und als ihre Hände orientierungslos umhertasteten stellte sie fest, dass sie auf einigen Felsen lag. Nun stieg ihr auch der Blutgeruch in die Nase, und sie erinnerte sich schlagartig daran, was geschehen war. Anscheinend hatte sie ihren Angreifer mit dem zweiten Stich tödlich verwundet, und sie waren gemeinsam ein Stück den Hang hinunterstürzt. Dann musste das Gewicht auf ihrem Rücken von ihrem Angreifer kommen, der vermutlich auf sie gefallen war. Die Seilschlinge, mit der er versucht hatte, sie zu erwürgen, lag noch immer um ihren Hals, doch so locker, dass sie ihre Atmung nicht behinderte - was ihr Glück war, denn ansonsten wäre sie sehr wahrscheinlich gestorben.
Mit einer mühsamen Bewegung, durch die auf ihr liegende Leiche behindert, zog Narissa den Kopf aus der Schlinge und krabbelte unter dem Mann hervor. Einen Augenblick rang sie nach Luft, und blickte sich um. Der Sturz war nicht allzu tief gewesen, denn zu ihrem Glück war sie auf einem kleinen Felsvorsprung nur wenige Schritt unterhalb des Kraterrandes zu liegen gekommen. Zu beiden Seiten fielen die Felswände deutlich steiler ab, und dort wäre sie vermutlich zu Tode gestürzt. "Glück gehabt", sagte Narissa vor sich hin, und rieb sich den schmerzenden Hals. Die Nacht ging auf ihr Ende zu, über den östlichen Horizont kroch bereits ein bleicher Lichtschein, und unwillkürlich fragte sie sich, ob der Kampf wohl bereits vorbei war - und wie er ausgegangen war.
"Nur ein Weg, das hinauszufinden", murmelte sie, und begann sich an der schrägen Felswand langsam nach oben zu ziehen. Nahezu jede Faser ihres Oberkörpers schien zu schmerzen, und über ihrem rechten Knie war das dünne Leder ihrer Hose aufgerissen und die Haut darunter aufgeschürft. Trotzdem erreichte sie nach kurzer Zeit die Spitze des Kraters und spähte aufmerksam hinunter. Auf dem Boden des Kraters und in der Burg liefen kleine Gestalten hin und her, die sie von ihrer Position in der Dunkelheit nicht genauer erkennen konnte.
So vorsichtig wie möglich eilte Narissa den Weg, den sie gekommen war zurück, und erreichte schließlich den Wehrgang. Auch hier liefen einige Männer und Frauen geschäftig hin und her, und zu Narissas Erleichterung waren sie in die Gewänder des Silbernen Bogens gekleidet, und sie erkannte das ein oder andere Gesicht. Bevor sie sich weiter umsehen konnte, hörte sie Aeriens Stimme von der Seite: "Wo bei allen Sternen bist du gewesen?" Sie hatte keine Zeit zu antworten, sondern wurde sofort in eine stürmische Umarmung gezogen, und plötzlich schmerzten ihre Prellungen und Schürfwunden deutlich weniger als zuvor.
"Ich sehe, ich bin vermisst worden", sagte Narissa, als sie sich sanft aus der Umarmung befreite, und konnte nicht anders als überaus zufrieden mit sich selbst zu klingen.
"Allerdings bist du..." Aerien unterbrach sich, zog scharf die Luft ein und fragte entsetzt: "Ist das dein Blut?"
"Blut...?" Narissa ertastete verwirrt etwas feuchtes, dass sich von ihrem Nacken über beide Wangen zog, und als sie die Hand zurückzog, waren ihre Finger rot vom Blut. "Oh", sagte sie langsam. "Nein, das ist nicht mein Blut, sondern von... Ich muss fürchterlich aussehen."
"Ziemlich wild", erwiderte Aerien, der die Erleichterung deutlich anzusehen war. "Du solltest das auf jeden Fall abwaschen."
Narissa nickte zustimmend, sagte aber: "Vorher würde ich gerne wissen, wie der Kampf ausgegangen ist. Hat Eayan überlebt?"
"Ja, hat er", bestätigte Aerien. "Für den Moment sind Saleme und ihre Gefolgsleute vertrieben."
"Nicht zuletzt, weil jemand so klug war, die Bogenschützen auf der anderen Seite zu erledigen." Narissa konnte es sich nicht verkneifen, ein wenig damit anzugeben, und genoss Aeriens empörten Blick, der allerdings sehr schnell wieder weich wurde.

Nur wenig später saß Narissa nackt in einer hölzernen Wanne, während Aerien ihr sanft das getrocknete Blut von Nacken und Rücken wusch. Als Narissa sich ausgezogen hatte, hatte ihre Freundin sich zu ihrer Belustigung beschämt umgedreht, und weigerte sich auch jetzt noch standhaft, etwas anderes als ihren Rücken anzusehen. "Eayan und Saleme scheinen also mal ein Paar gewesen zu sein - hm", stellte Narissa interessiert fest. Aerien beendete ihre Arbeit, ließ den Lappen ins inzwischen blassrosa gefärbte Wasser fallen, und erhob sich aus ihrer knienden Position. "Scheint so", antwortete sie dabei. "Das muss ein ziemliches Beziehungsdrama gewesen sein."
Narissa grinste, erhob sich ebenfalls, ergriff mit einem leisen Seufzer das neben ihr liegende Handtuch, und wickelte es sich um den Körper. "Und was ist mit diesem Meister, dem sie angeblich folgt?", fragte sie, und tippte Aerien auf die Schulter zum Zeichen, dass sie sich umdrehen konnte.
"Eayan vermutet, dass es irgendjemand mächtiges von außerhalb Harads ist", antwortete Aerien, über deren Gesicht sich eine feine Röte zog. "Aber wer genau... er ist sich zumindest ziemlich sicher, dass sie nicht Mordor folgt."
"Das zumindest ist etwas gutes - auch wenn es beunruhigend ist, wenn sich Mordors Feinde untereinander bekämpfen", meinte Narissa, und Aerien nickte bedrückt. "Genau das macht Sauron stärker, und deshalb fürchte ich, dass er eines Tages tatsächlich siegen könnte."
"Aber das wird er nicht", sagte Narissa sanft, und küsste sie zärtlich und lange. Die Tatsache, dass sie dabei nur ein Handtuch um den Körper gewickelt trug, machte sie Sache dabei deutlich... interessanter. Schließlich löste sie ihre Lippen von Aerien, und murmelte leise: "Vielleicht sollte ich noch ein Bad nehmen... oder wir..."
Aerien wich einen Schritt zurück und hob drohend einen Finger. "Du bist unverbesserlich."
Narissa grinste. "Würdest du mich denn anders wollen?", fragte sie, und Aerien schüttelte den Kopf.
"Was deine Verführungskünste angeht...", sagte sie dann. "Das hier war schon deutlich besser als mit Narben anzugeben - auch wenn beim nächsten Mal etwas weniger Blut im Spiel sein könnte."
"Ich werde es mir merken", erwiderte Narissa, und hob die Hand um ihr Handtuch zu lösen. Aerien wich einen weiteren Schritt zurück. "Wag es nicht!"
Narissa hob eine Augenbraue, und sagte: "Nun, ich wollte mich gerne anziehen, und dazu muss das Handtuch runter... Du kannst natürlich gerne bleiben, aber falls du nicht zusehen willst: Raus mit dir."

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Pläne für die Weiterreise
« Antwort #16 am: 28. Jan 2017, 10:51 »
Aerien zögerte einen winzigen Augenblick, doch dann riss sie sich vom Anblick der wenig bekleideten Narissa los, und verließ den Raum. Widerstreitende Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Ein Teil von ihr wollte bleiben, und sich voll und ganz in das Abenteuer stürzen, dass Narissa mit Worten, Gesten und Berührungen versprach und zu gleichen Teilen Anspannung und Vorfreude in Aerien auslöste. Doch ein anderer Teil von ihr war noch immer vorsichtig und sogar zurückhaltend gegenüber dieser für sie noch immer ganz fremden Welt der Akzeptanz und Freundschaft, die sie in den einundzwanzig Jahren ihres Lebens bisher nie erlebt hatte. Wenn das so weitergeht, drehe ich bald vollkommen durch, dachte sie. Und doch... gefiel es ihr irgendwie.

Um auf andere Gedanken zu kommen machte sie sich auf die Suche nach Eayan. Die Sonne war mittlerweile aufgegangen, doch Aerien verspürte keine Müdigkeit. Die Aufregung der Schlacht hatte sich zwar gelegt, aber so wie sie sich kannte, würde es noch ein, zwei Stunden dauern, bis sie wirklich müde werden würde. In der Burg herrschte ein reges Treiben: Verletzte wurden versorgt, Gefallene beiseitegeschafft, und die Burg wurde von oben bis unten auf versteckte Feinde durchsucht. Die Silberbögen trauten dem Rückzug der Assassinen nicht und schlossen daher die Möglichkeit nicht, aus dass einige versteckte Attentäter in der Burg geblieben waren, um zuzuschlagen wenn Eayans Leute sich in Sicherheit wähnten. Und tatsächlich erfuhr Aerien von zwei Frauen, die sie oben auf dem Wehrgang traf, dass bereits zwei verborgene Assassinen aufgespürt und getötet worden waren. "Salemes Schlangen sind niederträchtig und gerissen," sagte einer beiden Kriegerinnen, die gerade die Leichen der gefallenen Assassinen unrühmlich über den Rand des Kraters die steile Wand nach draußen warfen. Die Körper würden dabei zerschlagen und zerbrochen, und anschließend zur Beute für Aasfresser werden - ein passendes Ende, wie Aerien fand.

Schließlich fand sie Eayan, der grüblerisch auf der mittleren Ebene der Burg über einen großen Kartentisch gelehnt stand. "Wie ist der Kampf ausgegangen?" fragte Aerien, sls er sie bemerkt und begrüßt hatte.
"Fünfzehn meiner Leute sind gefallen," antwortete er grimmig. "Doch mindestens die doppelte Zahl von Salemes Dienern fanden gleichfalls den Tod. Sie haben teuer bezahlt."
"Wie konnten sie diesen Ort nur finden?" wunderte sich Aerien.
"Ich weiß es nicht," sagte Eayan. "Keiner derjenigen, die mir hierher gefolgt sind, ist ein Verräter - nicht einmal Yana, die ihr hierher gebracht habt. Und anscheinend ist euch auch niemand gefolgt, denn der Angriff der Assassinen kam aus Süden, und nach Süden zogen sie sich zurück. Dort ist nichts als eine leere Gebirgsregion. Es ergibt einfach keinen Sinn. Ich kann es mir nur so erklären, dass Saleme - oder ihr geheimnisvoller Meister - einen Weg gefunden haben, unser Versteck aus der Ferne aufzudecken. Es existieren in Mittelerde nur sehr wenige Artefakte, die dazu imstande sind, aber es gibt sie. Hast du schon einmal von den Sieben Steinen gehört, die die See-Menschen aus dem untergegangenen Westen mit sich brachten?"
Aerien nickte. Natürlich wusste sie über die Palantíri Bescheid. Sie hatte sogar während ihrer Zeit im Dunklen Turm versucht, sich Zugang zum Ithil-Stein zu verschaffen, der dort verwahrt und von Sauron verwendet worden war. Aerien hatte man den Blick in den Stein jedoch verwehrt. "Ich bin überrascht, dass jemand wie du von ihnen weiß," sagte sie etwas unbedacht.
"Ein einfacher Südländer, der sich mit elbischen Artefakten auskennt?" meinte Eayan mit einem seltenen Lächeln. "Du unterschätzt mich. Ich bin weit gereist und habe in meinem Leben viel gesehen. Die Steine habe ich nie zu Gesicht bekommen, aber ich habe mit Menschen gesprochen, die in jenen Genuss kamen, und ich habe einiges darüber gelesen. Wenn eines dieser Dinger wirklich in die Hände Salemes oder die ihres Meisters geraten ist, dann ist keines unserer Verstecke mehr vor ihnen sicher. Ich frage mich nur, weshalb sie uns unbedingt auslöschen wollen. Wir halten uns aus dem Krieg heraus."
"Die Assassinen stehen ja nicht länger auf Suladans Seite," stellte Aerien fest. "Und soweit wir wissen, haben sie sich auch nicht Qúsay angeschlossen. Was könnten sie also wollen?"
"Ich habe mir darüber seit dem Angriff unaufhörlich Gedanken gemacht und mir den Kopf darüber zerbrochen," sagte Eayan. "Eine Möglichkeit ist, dass sie in den Schatten abwarten, wer siegreich aus dem Konflikt hervorgeht, und sich ihm dann erst anschließen. Aber sollte Suladan siegen wird er nur wenig Gnade für Saleme zeigen nachdem sie ihn nun so verraten hat."
"Vielleicht wollen sie beide Seiten zugrunde richten," überlegte Aerien. "Wenn sie aus dem Verborgenen zuschlagen und dafür sorgen, dass Qúsay und Suladan sich gegenseitig vernichten, wäre der Weg frei für einen neuen Herrscher in Harad."
Eayan blickte Aerien nachdenklich an. "Du könntest recht haben... was, wenn sie die Verluste und Schrecken dieses Bruderkrieges in die Höhe treiben, um Qúsay und Suladan als Schreckensherrscher darzustellen, und dann, am Ende des Krieges, heldenhaft als Retter Harads aufzutreten, die diesen furchtbaren Konflikt beenden? Das würde zu Saleme passen - sie fand schon immer Gefallen daran, als Heldin verehrt zu werden."
"Ich verstehe noch immer nicht, weshalb sie den Silbernen Bogen so dringend auslöschen wollen," sagte Aerien.
"Wenn ihr Plan wirklich der ist, sich als neue Herrscher Harads zu etablieren, würden wir sie gnadenlos bekämpfen," erklärte Eayan. "Und dank der Ausbildung, die meine Krieger erhalten, sind sie gegenüber den Assassinen im Vorteil, wie es sonst niemand ist. Wir sind also eine echte Bedrohung für Salemes Pläne - falls sie wirklich das vorhat, was du theoretisiert hast. Deswegen der Angriff. Und das würde bedeuten, dass weitere Attacken folgen werden."
"Dann braucht ihr einen sicheren Ort um die Ausbildung fortzusetzen, und Verbündete, die euch vor Saleme schützen," schlussfolgerte Aerien. "In Gondor könnte es beides geben."
"Gondor ist zu weit entfernt," gab Eayan zurück. "Wir müssen hier in Harad bleiben und die Lage aus der Nähe im Auge behalten. Aber du hast mich auf eine Idee gebracht. Wenn Ta-er as-Safar zurückkehrt und die Lage auf Tol Thelyn sich als so gut erweist, wie ich sie einschätze, könnten sich die Turmherren als die Verbündeten erweisen, die wir brauchen. Wie man gut an deiner Freundin sehen kann, setzen die Thelynrim ebenfalls seit vielen Jahren auf eine vorzügliche Ausbildung. Wenn der Erbe des Turms tatsächlich am Leben ist, könnten wir aus seinen und meinen Techniken und Erfahrungswerten etwas schaffen, dass unsere Krieger unbezwingbar machen würde."
"Und wenn ihr auf der Weißen Insel euere Zelte aufschlagt, seid ihr trotz allem nahe genug an Harad, um die Lage im Blick zu behalten," ergänzte Aerien mit einem Lächeln. Ihr gefiel, in welche Richtung sich das Gespräch entwickelte.
"Die Insel ist leicht zu verteidigen, da Feinde zunächst das Meer überwinden müssen," sagte Eayan. "Also gut. Hoffen wir, dass Ta-er bald mit guten Neuigkeiten zurückkehrt. Sie ist äußerst scharfsinning. So wie ich sie kenne, hat sie dem Erben des Turms bereits ein Bündnis vorgeschlagen, ehe ich auch nur daran dachte."
"Narissa und ich werden ebenfalls zur Insel reisen", sagte Aerien aus einem Impuls heraus. Es ergab Sinn. Narissa hatte ihr versprochen, sie ans Meer zu bringen, und die Gerüchte über den Erben des Turms waren zu wichtig, um ihnen nicht nachzugehen. Wenn die Möglichkeit bestand, dass jemand aus Narissas Familie überlebt hatte, dann würde Aerien sich dafür einsetzen, jeder noch so kleinen Spur nachzugehen. Und nun, da der Silberne Bogen in Gefahr war, könnten sie vielleicht dabei helfen, die Thelynrim von den guten Absichten Eayans zu überzeugen.
"Dann solltet ihr bald aufbrechen," erwiderte Eayan. "Ich weiß nicht, wie lange die Gegend rings um den Vulkan noch sicher für euch sein wird."
Aerien nickte zustimmend. Dann verabschiedete sich einstweilen von Eayan und machte sich auf die Suche nach Narissa.

Als sie das kleine Zimmer erreichte, das sie sich teilten, war von Narissa nichts zu sehen. Aerien blickte sich im Raum um, doch bis auf das Handtuch, mit dem Narissa sich abgetrocknet hatte und das nun achtlos auf dem Boden lag, fand sie keine Spur. Wo könnte sie nur hingegangen sein? wunderte Aerien sich. Ich war doch nicht einmal eine halbe Stunde weg. Suchend streifte sie durch die Gänge der Burg, bis sie schließlich zu den Stallungen kam, wo Grauwind und Karab geduldig nebeneinander standen und Aerien neugierig beobachteten. "Habt ihr Narissa gesehen?" fragte sie die Rösser, doch diese blieben ihr eine Antwort schuldig. "Das ist nicht sehr hilfreich," sagte Aerien etwas frustriert als Grauwind sie mit dem großen Kopf anstupste und laut schnaubte. Schließlich fütterte sie beide Pferde mit einigen Äpfeln und dachte nach. Da Grauwind noch hier war, konnte Narissa nicht davon geritten sein. Aber was, wenn sie zu Fuß die Burg verlassen hatte? Und weshalb würde sie so etwas tun? Habe ich sie verletzt oder abgewiesen, als ich mich... geweigert habe, sie nackt sehen? überlegte Aerien hektisch und stellte fest, dass sie in einen für sie sehr untypischen Zustand der Unruhe verfallen war. Was stellst du da nur mit mir an, Narissa, dachte sie. Und wo bist du?
Da legten sich zwei Hände über ihre Augen. "Rate, wer ich bin," sagte eine Stimme, und alle Sorgen fielen von Aerien ab.
"Du," antwortete sie heftig. "Du... du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt!" Sie riss sich los, drehte sich um und boxte der lachenden Narissa fest gegen den Arm. Einen weiteren Schlag führte sie, doch ihre Freundin wehrte ihn problemlos ab. "Mach das nie, nie, nie wieder, hörst du mich?" rief Aerien und ließ weitere Schläge folgen. Schließlich landete sie einen Treffer und Narissa stolperte rückwärts, zog Aerien mit sich, und zusammen stürzten sie zu Boden. Aerien landete auf dem Rücken und alle Luft wich aus ihrer Lunge. Narissa, die sie noch immer festhielt, gab immer noch ein Kichern von sich, dass Aerien gleichzeitig rasend und glücklich machte. Sie rollte sich herum und drückte Narissa mit beiden Armen zu Boden. "Und hör auf, das so lustig zu finden!" fügte sie ärgerlich hinzu, doch insgeheim war sie froh, dass sich ihre Sorgen als unbegründet herausgestellt hatten.
« Letzte Änderung: 21. Feb 2017, 09:33 von Fine »

Eandril

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Re: Die Burg des Silbernen Bogens
« Antwort #17 am: 28. Jan 2017, 20:06 »
Trotz Aeriens sichtlichem Ärger, konnte Narissa sich nur schwer beherrschen. "Ich... ergebe mich", stieß sich noch immer lachend hervor. "Ihr könnt mit mir machen, was ihr wollt." Sie hatte lediglich die Wanne, in der sie sich gewaschen hatte, über den Kraterrand geleert und hatte sie gerade zurückgebracht, als sie Aerien mit besorgter Miene aus dem Zimmer hatte kommen sehen. Sie hatte sofort den Entschluss gefasst, die Gelegenheit zu nutzen, und war Aerien bis zu den Ställen gefolgt. "Hast du wirklich geglaubt, dass die Pferde dir verraten können, wo ich bin?", fragte sie, und konnte das Kichern erneut nicht zurückhalten. Sie genoss es, Aeriens Gewicht auf sich zu spüren, im festen Griff ihrer Freundin - genau hier gehörte sie hin.
Aeriens Miene entspannte sich ein wenig, auch wenn sie die Situation nach wie vor deutlich weniger lustig zu finden schien als Narissa. "Einen Versuch war es wert", gab sie zurück, und Narissa musste erneut Lachen, als ihr ein weiterer Einfall kam. "Vielleicht hätte ich antworten sollen, und so tun als hätte ein Pferd gesprochen", sagte sie grinsend.
"Danke, aber du hast mich auch so schon fast..." Aeriens Griff lockerte sich ein wenig, und das genügte Narissa. Mit einer raschen Bewegung befreite sie sich aus dem Griff, und wälzte sich herum so dass sie nun auf Aerien zu liegen kam, und diese zu Boden drückte. Aeriens schwarze Haare breiteten sich wie ein Kranz um ihren Kopf aus, und die Nähe verursachte Narissa ein angenehmes Kribbeln irgendwo tief in ihrem Bauch, und ihr war beinahe ein wenig schwindelig.
"... zu Tode erschreckt. Jetzt zum zweiten Mal!", beendete Aerien ihren Satz protestierend. Narissa schwieg, und blickte sie nur an, genoss den Moment. "Stimmt irgendetwas mit...", begann Aerien verwundert, wurde aber unterbrochen als Narissa sie mitten im Satz heftig küsste. Der Kuss wurde länger und leidenschaftlicher, und als sie die Lippen voneinander lösten waren Aeriens Wangen rot, und Narissa vermutete, dass sie nicht anders aussah. "Ist mir verziehen?", fragte sie ein wenig atemlos, und Aerien nickte so gut es in ihrer Lage möglich war.
"Für dieses Mal ja", antwortete sie ein wenig heiser, und Narissa grinste. Dann küsste sie Aerien erneut, diesmal sanfter und zärtlicher. Sie unterbrachen den Kuss, als vom anderen Eingang des Stalles zwei männliche Stimmen zu hören waren, die sich leise unterhielten. Zum Glück waren sie von dort aus hinter einem Stapel Strohballen und Kisten verborgen, und so bedeutete Narissa Aerien, liegen zu bleiben und keinen Laut von sich zu geben. Die beiden Männer unterhielten sich leise in einer haradischen Sprache, die Narissa weniger gut verstand, aber anscheinend gehörten sie zu jenen, die Eayan ausschickte um den Süden des Berges nach Spuren der Angreifer abzusuchen. Während sie warteten, dass die Männer ihre Pferde sattelten und aus dem Stall führten, ließ Narissa ihre rechte Hand unauffällig von Aeriens linkem Arm an der Seite weiter nach unten gleiten. Auf Hüfthöhe angekommen verschwand sie schließlich unter Aeriens Gewand, strich leicht zitternd über die weiche Haut und fühlte die Muskeln darunter. Narissa spürte ihren Atem schneller und flacher gehen, doch als ihre Finger die lange, frisch verheilte Narbe erreichten, hielt Aerien ihren Arm abrupt fest, richtete sich auf und sagte scharf: "Lass das."

Narissa zog die Hand zurück, richtete sich ebenfalls auf und setzte sich Aerien gegenüber mit dem Rücken an einen der Holzbalken, die die Decke des Stalles stützten. "Warum?", fragte sie. "War ich zu voreilig, oder..."
"Ich will nicht... Das ist...", begann Aerien stockend, unsicher, und seufzte. "Die Narben sind hässlich, und..." Sie unterbrach sich erneut, und Narissa glaubte, etwas wie Angst in ihren Augen zu sehen. Sie strich sich die Haare, die ihre eigene Narbe halb verborgen hatten, aus dem Gesicht und sagte: "Weißt du, was du in Qafsah über die hier gesagt hast? Du findest, dass sie mir etwas verwegenes gibt - und das ist nichts schlechtes."
"Ja, aber... das war bevor wir... also bevor du...", erwiderte Aerien langsam, und Narissa sagte: "Mich in dich verliebt habe?" Es so auszusprechen war neu - ihr war natürlich klar gewesen, dass das der Fall war, aber sie hatten es einander nie so gesagt. Es war, als wäre diese Tatsache damit nun endgültig besiegelt. Aerien nickte langsam, und ihre Augen glänzten verdächtig. Narissa kroch auf den Knien zu ihr hinüber, setzte sich mit dem Rücken an die Wand aus Strohballen neben sie und legte ihr den Arm um die Schultern. "Das mag sein, aber es ändert überhaupt nichts."
"Nichts...", sagte Aerien leise. "Ich wurde dazu erzogen - gemacht - makellos zu sein. Und ich dachte, vielleicht..."
"Nun, ich kann nicht behaupten, dass es nichts mit deinem wundervollen Aussehen zu tun hatte", gab Narissa zu, was Aerien wenigstens ein schwaches Lächeln entlocken konnte. "Aber daran ändern ein paar Schrammen und Narben überhaupt nichts - für mich bist du immer noch makellos, denn das sind keine Makel. Jedes Mal wenn ich daran denke, erinnere ich mich daran, wie du sie bekommen hast. Du bist mit mir in diesem Gefängnis gewesen, hast an meiner Seite gekämpft, obwohl du es für einen Fehler gehalten hast, nach Qafsah zu gehen. Und ich weiß nicht, ob ich dir jemals genug dafür danken kann."
Einen Moment lang zögerte Aerien, bevor sie lächelte, Narissa leicht auf die Wange küsste und sagte: "Das eben war schon ein guter Anfang."
"Hm", machte Narissa zufrieden, ergriff Aeriens Hand und schob ihre Finger zwischen einander. Eine Zeit schwiegen sie beide, genossen den Frieden und die nur vom gelegentlichen Schnauben eines der Pferde unterbrochene Stille.

Schließlich meinte Aerien: "Ich habe Eayan gesagt, dass wir auf die Insel gehen werden." Bei diesen Worten stand Narissa schlagartig das Bild ihrer Heimat vor Augen, die flachen Strände im Osten, die hohen Klippen an der Westküste, die grünen Wiesen und kleinen Wälder im Inneren, und der hohe Weiße Turm, der die Insel überblickte. Die Segel der kleinen Flotte, die im Hafen ankerte in sanft im Wind schaukelte, die Stimme ihres Großvaters, der ihr von der Geschichte Mittelerdes erzählte... Sie fragte sich, was davon wohl noch übrig war. Ein wenig schreckte sie der Gedanke, dorthin zu gehen - was, wenn die Gerüchte falsch waren, und ihr Zuhause noch immer verlassen und in Trümmern lag? Doch eines Tages würde sie gehen müssen, und warum nicht jetzt?
"Ich hatte ja versprochen, dich ans Meer zu bringen...", erwiderte sie langsam. "Also ja, wir werden gehen. Es wird dir gefallen, da bin ich mir sicher."
"Dann lass uns morgen aufbrechen", meinte Aerien leise. "Sobald die Sonne aufgeht."

Narissa und Aerien zur Mehu-Wüste...

« Letzte Änderung: 21. Feb 2017, 09:35 von Fine »

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