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Autor Thema: Die Eiswüste  (Gelesen 877 mal)

Curanthor

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Die Eiswüste
« am: 22. Jan 2017, 20:01 »
Mathan, Oronêl, Halarîn, Faelivrin, Súlien, Finelleth, Adrienne, Valandur, Kerry, Farelyë, Anastorias, Angatar, Asea und Fanael aus Carn Dûm

Mathan ging neben Súlien, die immer einen Fuß in den Schnee einsank. Der Wind heulte und bließ ihnen einzelne Schneeflocken in die Gesichter. Sie hatten die Berge um Carn Dûm rasch verlassen und mehrere falsche Fährten gelegt. Zu ihrem Glück gelangten sie an die letzten Ausläufer eines Schneesturms, der weitere Spuren verwischte, aber dafür Eiseskälte mit sich brachte. Der Elb spürte diese kaum, dafür aber den schneidenden Wind, der jedes Stück nackter Haut maltretierte. Er blickte zurück und zählte nochmal durch; Dreizehn. Für sich selbst nickte er zufrieden und beugte sich etwas nach vorn um den brutalen Wind mehr Kraft entgegen zu setzen.
"Dort hinten gibt es eine Felsformation, wir sollten dort rasten!", brüllte Súlien gegen das Heulen des Windes und der Elb nickte.
Mathan blickte sich um und durch das flirrende Schneetreiben erbklickte er die Felsen, die Súlien gemeint hatte. Sie waren einige Meter entfernt und würden eine willkommene Pause darstellen, die jeder von ihnen nötig haben würde. Selbst seine elbischen Augen konnten nicht sehr weit sehen, weshalb er Súlien für ihren Orentierungssinn bewunderte. Kurz fühlte er sich beobachtet. Er blickte nach rechts und in dem durcheinanderwirbelnden Weiß bemerkte er zwei aufrechtstehende Schemen. Sie verschwanden sofort, als er die Anderen darauf aufmerksam machen wollte. Stirnrunzelt lief er vor und erreichte die Steinformation, zu seiner Verwunderung waren es acht große Steinplatten, die aneinander gelehnt einen großen Schutzraum boten. Mathan steckte den Kopf zwischen die Steine heraus und winkte die Anderen herbei und zuckte kurz, als sich die Wundränder der Schnitte an seinen Unterarmen verzogen.
Die Menschen betraten den Schutzraum zuerst, bibbernd und mit roten Gesichtern traten sie ein, die Elben folgten ihnen und verteilten sich in kleine Grüppchen. Súlien kniete sich neben einen der Steinplatten und wühlte in einer kleinen Gletscherspalte herum. Triumphierend zog sie ein lederndes Bündel hervor, das kompliziert verpackt war. Zur allgemeinen Überraschung entzündete sie kurz darauf ein wärmendes Feuer an, um das sich sofort die Menschen drängten.
"Was ist das für ein Ort, wo du uns hinführst?", fragte Kerry an Súlien gewandt und konnte die Neugierde in der Stimme nicht verbergen. Das Mädchen war in dicke Gewänder gehüllt, die Halarîn ihr kurz nach Carn Dûm gegeben hatte. Farelyë schlief auf Kerrys Schoß ganz eng an sie gekuschelt, den Kopf auf der Brust und die Augen friedlich geschlossen.
Súlien schmunzelte bei dem Anblick und stocherte kurz im Feuer herum. "Ein Ort, kurz vor der trostlosen Forodwaith. Niemand kommt dort hin und es ist sehr ruhig."
"Ein Lebensort inmitten einer Eiswüste?", fragte Oronêl und wirkte etwas skeptisch.
Súlien nickte und grinste. "Ihr werdet es verstehen, wenn ihr es seht.", verriet sie geheimnissvoll und begann eine kleine Mahlzeit über dem Feuer zu bereiten.
Die Elben blickten sich an, bis Anastorias zu Kerry trat und sich neben ihr setzte.
"Ist dir kalt?", fragte er etwas unbeholfen und schüttelte sofort den Kopf, "Verzeih meine Manieren. Ich bin Anastorias aus dem Hause Manarîn. Du kannst mich aber auch einfach "Gwanur" nennen. Das bedeutet "Bruder". Er schenkte ihr ein bezauberndes Lächeln, das sie erwiderte.
"Mit dem Feuer geht es schon besser, danke... Gwanur.", sie blickte ihn neugierig an und strich Farelyë über den Kopf, die sich kurz bewegte, "Wie bist du eigentlich mit Nésa verwandt?" Platzte es aus ihr heraus und die Gruppe spitzte die Ohren.
Anastorias lachte und blickte zu Faelivrin, die ihre Pfeile zählte und aufmerksam zuhörte. "Nun, ich bin ihr Enkel", antwortete er geradeheraus und strich sich seine langen, schwarzen Haare zurück, "Auch wenn ich nicht danach aussehe. Mein Mutter ist Isanasca Manarîn, ihre Tocher."
Kerry staunte nicht schlecht und Valandur schaltete sich ein, der gerade von Halarîn den Verband erneurt bekam. "Und wie alt bist du? Deine Kraft ist wirklich außergewöhnlich."
Der junge Elb grinste schelmisch und seine Augen blitzten auf. "Ich bin etwa vierhundert Jahre alt, das mag viel klingen, aber eigentlich gelte ich noch als Jugendlicher. Trotzdem darf ich mich als der Stärkste von dem Hause Manarîn bezeichnen.", sagte er stolz und spannte seine Muskeln an, die man unter seiner vergleichweisen dünnen Kleidung noch sehen konnte. Scheinbar schien ihm die Kälte nicht viel auszumachen.
"Er ist ein ungehorsamer aber sehr starker Elb. Ich kenne niemanden der sich mit seiner Kraft messen kann", schaltete sich nun auch Faelivrin ein, die sich auf die andere Seite von Kerry setzte und ihre Köcher sorgsam verstaute. Anastorias wurde eine Spur röter im Gesicht und winkte ab. "Ach, da gibt es mit Sicherheit noch Stärkere als ich." Er nestelte an seinen eisernen Armschienen und hoffte, dass Faelivrin ihn nicht zurechtwies. Valandur dagegen schüttelte den Kopf und schliff seine Waffe.
"Und wie bist du hierhergekommen? Ihr lebt doch alle in den Neuen Landen. Wie ist es dort?", fragte nun Kerry, die ihre Neugierde nicht mehr zügeln konnte.
"Ich hatte erwartet, dass du das fragst, Ténawen", sagte Anastorias und grinste wieder, "Ich bin mit der Vorhut gekommen," beantwortete er die Frage als ob das alles erklärte. Alle Gefährten horchten auf und hoben die Köpfe. "Die Vorhut?", fragten Oronêl und Mathan fast gleichzeitig. "Das klingt aber, als ob dann noch mehr kommen würden," warf Adrienne bibbernd vom Eingang ein und Faelivrin tauschte mit ihr den Platz. Anastorias warf seiner Königin einen langen Blick zu und schwieg, die neugierigen Fragen ignorierte er, bis sie sich an Faelivrin wandten.
"Was ist die Vorhut?", fragte nun auch Halarîn vorsichtig, die gerade Mathans Wunden versorgte. Dieser hob eine Braue und zwinkerte ihr zu.
Mit einem Seufzen hob Faelivrin den Kopf, ihr Gesicht war erfüllt von Sorge. Es war selten, dass sie so sehr ihre Gefühle zeigte. "Ich denke, es geht nicht anders...", murmelte sie und trat wieder näher an die Gruppe heran und reckte das Kinn.
"Die Vorhut sind die ersten zwei Schiffe der Manarîn, die nach Mittelerde zurückkehren.", verkündete sie nach einer langen Pause, in der nur der Wind heulte.
"Also... ihr kehrt zurück? Alle?", fragte nun Finelleth, die bisher geschwiegen hatte.
Faelivrin nickte und wirkte traurig, die Gardisten und Anastorias senkten ebenfalls die Köpfe. Eine unangenehme Stille senkte sich über die Gruppe.
"Was ist geschehen?" Die Frage von Oronêl brach das eiserne Schweigen und die Avari tauschten lange Blicke, bis Faelivrin stellvertreten für alle sprach.
"Das Reich der Manarîn wird untergehen und mit ihr-...", ihre Stimme brach, Tränen stiegen ihr in die Augen. Wortlos wandte sie den Gefährten den Rücken zu und erneut legte sich eine bedrückte Stille über sie. Keiner wagte es die Königin anzusprechen, bis Anastorias leise zu erklären begann: "Die Vorhut sollte eigentlich sehr viel später eintreffen. Unsere Ankunft bedeutet außerdem das...", er stockte und holte tief Luft, "Es bedeutet, dass unser Volk keine Heimat mehr hat", würgte er hervor und versank in Schweigen. Faelivrin ging langsam aus der Zuflucht hinaus in den Schnee und verschwand in dem Schneetreiben.
"Ich würde euch alle bitten, erst darüber wieder zu sprechen, wenn Faelivrin auch dazu bereit ist. Ich weiß, ihr seid neugierig aber es ist sehr schmerzhaft für sie.", sagte Anastorias betreten und warf einen Holzscheit in da Feuer.
"Selbstverständlich nehmen wir Rücksicht, der Verlust der Heimat ist immer ein schwerer Schlag. Ich fühle mit euch, glaubt mir", sagte Oronêl schließlich und blickte wehmütig in den Süden, wo der Goldene Wald liegen musste.
"Das ist wahrscheinlich nur die Hälfte der Geschichte, "flüsterte Mathan Halarîn in das Ohr, kaum hörbar für die Anderen. Er kannte sie und wusste, dass ihr Gefühlsausbruch auch etwas Anderem galt. Ihre Augen hatten das verraten.
"Wenn du magst, kannst du mir erzählen wie es dort ist", bot Kerry nun nach einer Weile an und lächelte Anastorias aufmunternd zu.
"Sehr clever, ich kann meinen Kummer rauslassen und du deine Neugierde stillen!", rief der schwarzhaarige Elb mit gespielter Empörung und grinste. Einige lachten und die trübe Stimmung lockerte sich ein wenig.
"Es ist ein Reich aus Inseln. Eigentlich weiß ich gar nicht wie viele genau, aber wir konnten einige von ihnen mit Brücken verbinden, Andere hatten schon natürliche Landbrücken." Er grübelte kurz und zählte an den Fingern, während er leise vor sich hinmurmelte. Kerry belauschte aufmerksam und spitzte die Ohren, sie konnte Eresion und Ascan verstehen. "In etwa zwanzig Inseln umfasst es insgesamt. Davon sind aber nicht alle bewohnt."
"Mit Brücken verbinden und dem Meer trotzen? Das müssen herausragende Baumeister sein", stellte Súlien bewundernd fest und betastete einen der Steine.
"Meinst du die Brücken oder diese Zuflucht?", fragte Mathan fest und blickte sich um, "Diese hier scheint mir nicht natürlichen Ursprungs zu sein."
Súlien grinste und fuhr mit der Hand über den Stein und entfernte mühsam die Eisschicht auf dem Gestein. Darunter kam ein kompliziert aussehendes Muster im Gestein zum Vorschein, es wurde sorgfältig eingeritzt.
"Ist das so etwas wie eine Rune?" Die Frage von Adrienne ging auch alle anderen durch den Kopf. Ehe Súlien antworten konnte, kehrte Faelivrin zurück und entschuldigte sich, dass sie einfach verschwunden war.
"Sorge dich nicht, wir haben vollstes Verständniss dafür", antwortete Oronêl stellvertretend für alle und nickte ihr zu. Die Avari lächelte scheu und trat zu Súlien, die noch immer die Rune untersuchte. "Draußen habe ich etwas gesehen..." sie dachte nach und schüttelte den Kopf "Ich konnte es aber nicht genau erkennen. Es waren nur irgendwelche Gestalten im Schneetreiben. Sie waren schnell und ich konnte ihnen nicht folgen."
Súlien blickte überrascht, aber wissend auf. Einige wandten ihnen die Köpfe zu.
"Ich habe sie auch gesehen", warf Mathan von der anderen Seite der Zuflucht ein und sorgte für Verwirrung. "Schemen im Schneetreiben, eindeutig irgendwelche Wesen."
Súlien blickte wieder zur Rune und nickte schließlich, ehe sie sich umwandte. "Wir nennen sie Eiswächter. Wo immer sie auftauchen, sind auch diese Runen", erklärte sie nachdenklich und strich über den achteckigen Stern in der Mitte des verschlungenen Zeichens, "Wir wissen nur, dass sie aus der Forodwaith kommen und manchmal Reisende retten, die sich hier in der Eiswüste verlieren und kurz vor dem Tod stehen. Sie liegen dann bei uns im Eingang des Dorfs, ohne, dass jemand Etwas gesehen hat."
"Wenigstens sind sie uns nicht feindlich gesinnt", sagte Oronêl schließlich und trat an die Rune heran. "Vielleicht ist es eine Art Botschaft?", fragte er mehr sich selbst.
"Das wissen wir nicht", gestand Súlien und beobachtete Faelivrin, die das Zeichen betrachtete, sah aber dann zur Seite als diese sagte, dass auch sie es nicht kennt.
"Es ist sehr sorgsam dort eingebracht, man erkennt keine Kratzspuren. Wie sie das  auch immer gemacht haben, es wurde mit extremer Sorgfalt getan.", sagte Oronêl schließlich und setzte sich wieder, um seinen verletzten Arm etwas Ruhe zu gönnen.
Die Anderen setzten sich wieder hin und Kerry wollte schon etwas fragen, als Farelyë erwachte. Kurz blickte sich die Elbe um und strich Kerry wortlos über die roten Wangen und augenblicklich verschwand die Kälte aus ihrem Gesicht. Ihr Blick fiel auf die Rune an dem Stein und ihre silbernen Augen blitzten für einen kurzen Moment.
"Elentai!", rief sie sofort und stand auf. Gebannt sahen ihr alle dabei zu, wie sie erst etwas wackelig, aber dann mit schnellen Schritten zum Stein ging und ihre zierliche Hand über das Gestein fahren ließ. Zur allgemeinen Überraschung blitzte der Stern in der Mitte kurz auf und die Elbe zog ihre Hand zurück. Die Elben blickten erstaunt drein und zeigten deutliche Verwunderung.
"Wie hat sie das gemacht?", flüsterte Adrienne und erhielt nur ratloses Kopfschütteln.
"Ród", sagte Farelyë und ging wieder zu Kerry zurück. Während sich die kleine Elbe an sie kuschelte blickte sie fragend zu den Elben, die aber alle ratlos wirkten. Einzig Halarîn runzelte die Stirn und zog somit alle Aufmerksamkeit auf sich.
"Was ist los?", fragte Finelleth und hob eine Braue. Mathan legte seiner Frau die Hände auf die Schulter, die sich mit der Antwort Zeit ließ.
"Macht", erwiderte Halarîn schließlich und blickte zu der kleinen Elbe, die wieder schlief, "Sie hat Avarin gesprochen, zwar mit sehr starken Akzent aber trotzdem... scheinbar lauscht sie selbst im Schlaf."
"Sie ist eine der Ersten, sie wird uns wohl noch öfters mit Etwas überraschen", warf Mathan ein und erhielt zustimmendes Gemurmel, "Es ist so oder so ein Wunder, dass sie so viel schlafen kann, selbst bei dem Sturm."
"Ich glaube der Sturm hat auch abgeschwächt, sodass wir weitergehen sollten, es ist nicht mehr weit", sagte Súlien als sie nach draußen Blicke, "Trotzdem frage ich mich, was sie mit "Macht" meinte..."
"Darüber sollten wir weitergrübeln, wenn wir angekommen sind. Sonst gehen uns noch die Vorräte aus und ich will nicht auf die Güte der Eiswächter hoffen." Mathan war aufgestanden und hatte seine Sachen zusammen gesucht.
So beschlossen sie aufzubrechen, löschten das Feuer und suchten ihre Sachen zusammen. Nach einigen Momenten ging es wieder hinaus in die Kälte und den Schnee. Anastorias ging voraus und setzte seine Füße absichtlich so, dass er in dem Neuschnee versank und bildete so eine Spur für die Menschen, damit sie ihnen einfacher folgen konnten. Kerry bedankte sich mit einem Lächeln und zog ihren Schal wieder schützend vor das Gesicht. Schweigend und mit Mundtücher als Schutz gegen den schneidenden Wind gingen sie durch die trostlose Eiswüste.

Nach einem langen, anstrengenden Marsch und zwei kleinen, ereignislosen Pausen stoppten sie erneut. Inzwischen befanden sie sich in einer von Schluchten zerfurchteten Gegend und Súlien schlug öfters große Hacken. Sie ahnten, dass unter dem ganzen Schnee tiefe Gletscherspalten lauerten und so achteten sie darauf, nicht von dem Weg abzukommen. Kerry hatte sich die ganze Zeit über beobachtet gefühlt und schaute ständig über die Schulter um die Eiswächter zu entdecken, doch blieben sie verborgen. Nachdenklich blickte sie zu der schlafenden Farelyë, die von Halarîn getragen wurde, da sie doch nach einer Zeit zu anstrengend wurde. Zum Glück war die Elbe dabei nicht aufgewacht. Nachdenklich fragte sie sich die ganze Zeit, was sie mit "Macht" gemeint hatte und versuchte dadurch das Brennen ihrer Muskeln in den Beinen zu ignorieren. Sie blickte zu den Waldläufern und Adrienne, die ebenfalls bald am Ende ihrer Kräfte war. Das Mädchen schien ihren Blick zu bemerken und kam zu ihr, wortlos schlang die Gondorerin einen Arm um sie und half ihr durch den Schnee zu stapfen. Zwar wollte Kerry protestieren, doch dafür fehlte ihr schon die Kraft.

Mathan lief neben Súlien, die in der Furche von Anastorias lief und ihm sagte, wohin er gehen musste. "Wir sind gleich da", verkündete sie nun endlich und die gute Nachricht verbreitete sich bis nach hinten, wo Oronêl mit Finelleth das Schlusslicht bildete, wie zuvor in Carn Dûm. Anastorias blieb stehen und ließ die Waldläuferin vorgehen, die in eine der vielen Gletscherspalten einbog.
"Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?", fragte Mathan skeptisch und blickte in den schmalen Schlund, "Ich stelle nicht deine Ortskenntnis in Frage aber hier?"
"Vertrau mir", antwortete Súlien und deutete zu der Wand aus Eis rechts von ihnen. Mathans Elbenaugen erkannten eine weitere Rune, die tief im Eis saß. Der achteckige Stern in der Mitte war deutlich sichtbar. Der Elb nickte ihr zu und gemeinsam folgten sie der Gletscherspalte, die sich tief in das Eis grub. An einzelnen Stellen wurde es etwas eng, doch war alles passierbar.

Oronêl folgte der Gemeinschaft, als sie in die Gletscherspalte liefen. Etwas verwundert blickte er sich um und erkannte eine weitere Rune im Eis, an der zuvor Mathan mit Súlien langsamer geworden war.
"Ob das eine gute Idee ist?", fragte Finelleth und zögerte. Der Waldelb konnte sie gut verstehen und wurde etwas langsamer. Er deutete auf seinen verbundenen Arm. "Damit werde ich mich kaum durch enge Spalten quetschen können. Ich vertraue Mathans Urteilsvermögen und wenn er Súlien glaubt, dann tue ich das auch."
"Ich meine ja nur, ich habe gehört, dass diese Gletscherspalten sehr tückisch sind", sagte Finelleth und bschleunigte ihre Schritte um zu den anderen aufzuschließen. Etwas besorgt blickte sie nach oben zu den sich zuneigenden Kanten der Spalte, doe schon dutzende Meter über ihnen schwebten. Der Weg fiel immer weiter nach unten ab und in einigen Metern endete der Weg plötzlich. Die Gefährten sammelten sich und blickten sich verwirrt um.

"Hat die Dame sich verlaufen?", fragte Anastorias freundlich und schaute sich um, "Verständlich im Ewigen Eis. Sollen wir umkehren?"
Súlien grinste und griff nach ihren Schild. Sie löste etwas aus der Innenseite und zeigte es den Anderen. Es war so etwas wie eine Pfeife.
"Haltet euch die Ohren zu. Das ist zwar kaum hörbar, aber ich glaube Elben haben empfindlichere Ohren als wir."
Sie wartete kurz ehe die Elben ihrer Aufforderung nachkamen, doch Anastorias grinste nur und nickte ihr zu. Er ließ es darauf ankommen, Súlien zuckte mit den Schultern und bließ hinein. Sofort bedeckte er seine Ohren und fluchte, als ein durchdringender, hoher Ton erklang.

Kerry bedeckte von Farelyë die Ohren und beobachtete, wie Súlien in die Pfeife bließ, es es tat sich nichts, obwohl sich ihre Wangen aufpusteten. Als Anastorias sich jedoch die Ohren bedeckte, wurde ihr klar, dass der Ton für Menschen nicht hörbar war. Einen kurzen Moment geschah nichts, bis es hinter ihnen rumpelte und ein metallenes Klirren ertönte. Einige von ihren Gefährten zogen ihre Waffen, doch Súlien ging zwischen ihnen hindurch und hob die Hand. Erst jetzt bemerkte Kerry, dass sie zuvor über eine Falltüre gelaufen waren, die sich nun öffnete und den Blick auf eine Treppe freigab, auf der zwei vermummte Gestalten standen. Zuerst dachte sie, dass dort die Eiswächter waren, doch dann begrüßten die Zwei Súlien mit einer Umarmung und blickte die Gefährten an. Sie wechselten leise worte, bis einer der beiden Vermummten vortrat, die grauen Augen musterten jeden von ihnen, ehe eine Stimme sprach: "Súlien hat kurz zusammengefasst erzählt was geschehen ist. Ihr dürft eintreten." Man konnte nicht sagen, ob es ein Mann oder eine Frau war.
"Reichlich kühle Begrüßung", witzelte Anastorias und Kerry musste grinsen.
Vorsichtig stiegen die Gefährten die steilen Stufen hinab, die aus sehr alten Holz bestanden. Die lange Treppe führte durch Gestein und Eis gemischt, es war dunkel und einige von ihnen stolperten immer wieder. Kerry hatte schon aufgehört zu zählen, es waren unsagbar viele Stufen, bis unten Licht den schmalen Gang erhellte.
Sie ging hinter Anastorias, der in das Licht trat und für sie Platz machte. Staunend blickte sie sich um: Vor ihnen lag eine riesige Gletscherspalte, die mit leichten Nebel eingehüllt war. Man konnte nur grobe Schemen am Boden des Tal erkennen, doch war es erstaunlich warm. "Willkommen in meiner Heimat, in Ringechad", sagte Súlien und wirkte sehr erleichtert. Die zwei Vermummten schritten schon voraus und folgten den gewundenen Pfad hinab. Neurierig trat sie zu Súlien und fragte:"Warum ist es hier so warm?"
Die Waldläuferin lächelte und deutete zu dem Teil des Tals, der von dicken Nebelschaden durchzogen war. Die riesigen Eiswände glitzerten dabei majestätisch und Kerry glaubte dort sich etwas spiegeln sehen.
"Es ist eine warme Quelle. Sie ist das Herz des Tals, ohne sie würden wir hier nicht leben können.", erklärte Súlien und nickte zu den beiden Vermummten, "Sie sind Besuch nicht gewohnt. Komm, lass uns ihnen folgen."
Gemeinsam gingen die beiden Frauen den gewundenen Weg hinab und folgten den Gefährten, die bereits vorgegangen waren um nicht den Anschluss an ihre Führer zu verlieren.

Mathan blickte sich um und konnte gerade noch so sein Erstaunen verbergen. Dieser Ort war wahrlich ein Refugium von Ruhe. Es war angenehm warm und man konnte sich entspannen, da keine Feinde hier lauern könnten. Er strich sich über die verbunden Arme und war froh, dass die Schnitte nur oberflächlich waren. Dennoch war der Kampf in Carn Dûm sehr hart gewesen. Er hatte einen beträchtlichen Teil seiner Erfahrung abrufen müssen, um das zu überstehen. Etwas verunsichert dachte er an seinen Sprung zurück, den er hingelegt hatte um Kerry zu retten. Er hatte seine Kraft genau abgeschätzt und war trotzdem weiter gelangt als er wollte. Obwohl dadurch sich die beschädigte Strebe trotzdem gelöst hatte, war es nicht in seinem Sinne gewesen. Was war dort geschehen? Er wusste es nicht und beschloss später nochmal darüber nachzudenken. Sein Grübeln wurde unterbrochen als sie den Grund des Tals erreichten. Kurz warteten sie auf Kerry und Súlien und blickten sich in der Zeit bewundernd um.


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« Letzte Änderung: 23. Jan 2017, 15:58 von Fine »

Eandril

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Re: Die Eiswüste
« Antwort #1 am: 22. Jan 2017, 23:11 »
"Ich muss euch dem Dorfältesten vorstellen", sagte Súlien, als sie mit Kerry zum Rest der Gruppe aufschloss. "Auch wenn ihr mit Sicherheit Freunde seit, es ist Tradition."
"Geh voran", meinte Oronêl, und die anderen nickten zustimmend. Auf dem ganzen Weg von Carn Dûm hierher hatten seine Fingerstümpfe dumpf zu pochen begonnen, und der gebrochene Arm in dem provisorischen Verband schmerzte wie Feuer. Er brauchte wirklich Ruhe, und einen Moment, alles Geschehene zu verarbeiten.
Súlien führte sie über den Grund des Tals, während die beiden Vermummten Wächter zurückblieben. Auf dem Talboden gruppierten sich überall kleine Holzhütten um dampfende Tümpel, einige sogar darüber. "Diese kleinen Quellen sind nicht das, was uns hier das überleben ermöglich", erklärte Súlien im Gehen. "Aber sie machen es deutlich angenehmer. Man muss sich allerdings an eine gewisse Feuchtigkeit gewöhnen." Etwas abseits, mehr an den Rändern des Tales, wuchsen kleine Wälder aus Kiefern, die anscheinend von Menschenhand angelegt und gepflegt worden waren. "Wir haben früh damit begonnen, unser Bauholz selbst anzubauen", berichtete Súlien weiter. "Denn solange Angmar existierte war es fast unmöglich, hier oben an Holz für Reperaturen oder neue Häuser zu kommen, und selbst in Friedenszeiten ist es schwer."
"Beeindruckend", meinte Valandur. "Ich wusste ja, dass dieser Ort existiert, aber eigentlich hatte ich mir eine kleine Ansammlung von Hütten mitten im Schnee vorgestellt."
Als er ausgesprochen hatte, hatten sie das größte Haus des Dorfes erreicht, dass sich direkt südlich der großen heißen Quelle auf einem steinernen Podest erhob. Súlien führte sie die Stufen empor, in die Halle hinein und bis zum hinteren Ende, wo ein großer Mann auf einem kostbar geschnitzten hölzernen Stuhl saß. Sein Haar und kurzer Bart waren grau, doch seine Augen musterten die Neuankömmlinge aufmerksam und wach.
"Sieh an, wen die Eiswinde aus dem Süden hergeweht haben", sagte er mit kräftiger Stimme. "Stell uns vor, Súlien."
Súlien nickte knapp, und begann: "Dies sind Mathan und Halarîn aus dem Haus Nénharma, mit ihren Töchtern Faelivrin und Kerry Ténawen Morilië. Anastorias aus dem Haus Manarîn, und Angatar, Fanael und Asea aus dem Gefolge Faelivrins. Oronêl Galion aus Lothlórien, Finelleth aus dem Waldlandreich, Valandur von den Dúnedain und Adrienne aus Gondor." Sie wandte sich an die Gruppe, und sagte: "Und dies ist Anglaer,  Helcheron von Ringechad."
Anglaer beugte sich in seinem Stuhl leicht vor, und sagte: "Es sind klangvolle Namen unter euch, so viel ist sicher." Sein Blick schweifte nachdenklich von einem Gesicht zum anderen, und blieb kurz bei Mathan hängen. "Selbst nach dem Fall von Angmar hatten wir nicht viel Kontakt zu unseren Verwandten im Süden - meine Tochter ist die einzige seit Generationen, die an ihrer Seite kämpft..." Er unterbrach sich, angesichts der überraschten Gesichter. Valandur war der erste, der das Schweigen brach. "Súlien. Ihr meint Súlien?"
"Nun, selbstverständlich", erwiderte Anglaer, und wandte sich an Súlien, die leicht errötet war. "Du hast es ihnen nicht vorher erzählt? Liebst du deinen Vater etwa nicht?" Er hatte eine Augenbraue amüsiert in die Höhe gezogen, und Súlien trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. "Nein... also natürlich, doch. Ich wollte nicht, dass irgendjemand mich deswegen besonders behandelt."
Zu Oronêls Überraschung, lachte Anglaer. "Ha, sieh dir deine Gefährten doch an. Ist darunter auch nur ein einziger, der dich besonders behandeln müsste, nur weil dein Vater der Anführer eines kleinen Dorfes mitten im Eis ist?"
"Nun... ich vielleicht", meldete Kerry sich zaghaft zu Wort, und Anglaer betrachtete sie mit verengten Augen. "Bist du nicht die mit den elbischen Namen?", fragte er, und Kerry nickte langsam. "Dann bist du wohl der einzige Mensch in Mittelerde, der ein Paar Elben seine Eltern nennen kann", meinte er. "Und wenn das nicht bedeutet, dass du etwas Besonderes bist, weiß ich nichts."
Er wandte sich wieder Súlien zu, die ungeduldig mit dem Fuß auftappte. "Ah ja, richtig. Die Tradition", sagte er, und seufzte. "Nun denn, bringen wir es hinter uns."
"Diese hier ersuchen Schutz und Zuflucht in Ringechad, solange wir ihre Anwesenheit hier erdulden mögen", erklärte Súlien in feierlichem Tonfall, und ihr Vater erwiderte: "Und Schutz und Zuflucht mögen ihnen gewährt werden." Und in überaus weniger feierlichem Tonfall fügte er beinahe verschwörerisch hinzu: "Man sollte doch meinen, dass dieses Ritual nicht mehr notwendig ist, wenn ihr euch bereits vorgestellt habt und in Begleitung meiner Tochter hier eintrefft... Aber gut. Der Tradition ist genüge getan."

Wenig später versammelten sie sich am Fuß der Stufen, die zum Haupthaus führten, und Súlien sagte: "Er ist so... anstrengend." "Das ist nicht das Wort, das ich benutzen würde", meinte Oronêl. "Eher freundlich."
Súlien schnaubte. "Nur, weil er nicht dein Vater ist. Also los, ich zeige euch wo ihr schlafen könnt."
Ihr Quartier stellte sich als ein hölzernes, langgezogenes Haus heraus, dass im hinteren über mehreren dampfenden Quellen stand. "Wir nennen es das Gästehaus", erzählte Súlien, als sie die Tür öffnete. "Es steht meistens leer, und sollte genug Platz für euch alle bieten." Tatsächlich war das innere des Hauses geräumig, und mehrere Türen gingen zu beiden Seiten des breiten Flures ab.
"Wozu ein so großes Gästehaus?", fragte Kerry, die Farelyë an der Hand mit sich führte, verwundert. "Ich kann mir kaum vorstellen, dass ihr hier oft Besuch bekommt."
"Das nicht", erklärte Súlien. "Aber hier im Norden ist Gastfreundschaft wichtig. Und viele derjenigen, die von den Eiswächtern zu uns gebracht wurden, lebten eine Weile hier, bevor sie entweder weiterzogen, oder sich entschieden, in Ringechad zu bleiben." Sie öffnete eine der vier Türen, die zu den Seiten des Flures abgingen, und offenbarte ein niedriges, aber ausreichend großes Zimmer, in dem drei Betten standen. "Hier werdet ihr schlafen können. Und hier..." Sie öffnete die Tür am Ende des Flures, die in einen breiten Raum mit einem großen Tisch führte. "... ist ein Raum zum Essen, Reden, Singen, Tanzen und was euch noch so einfällt." In der hinteren Wand des großen Raumes waren drei weitere Türen eingelassen, auf die Finelleth deutete und fragte: "Wohin führen diese Türen?"
"Zu den Bädern natürlich", meinte Súlien in selbstverständlichem Tonfall. "Wo wir gerade dabei sind, hätte ich Lust auf ein Bad. Sonst noch jemand? Das Wasser ist wirklich angenehm warm, und die Stoffe darin können Schmerzen lindern."
Mathan wechselte einen Blick mit Halarîn, lächelte und sagte: "Später vielleicht." "Schmerzen lindern klingt gut", meinte Oronêl. Nach dem Kampf gegen Laedor und der Wanderung durch die Eiswüste schmerzte nicht nur sein Arm, sondern auf der gesamte Rest seines Körpers, und er sehnte sich nach ein wenig Linderung.
"Du wirst es nicht bereuen", versprach Súlien, und nun meldete sich auch Valandur. "Es war ein langer Tag - und vorher eine lange Nacht. Ein wenig Entspannung wird mir gut tun."
"Da sage ich ebenfalls nicht nein", sagte Anastorias. Sein Blick blieb kurz an Kerry hängen, doch er sagte nichts und zuckte nur mit den Schultern. "Nun denn. Geht voraus, edle Súlien."
Súlien betrat zuerst den mittleren Baderaum, dessen Boden nicht aus Holz sondern aus Stein bestand, und nach ungefähr der Hälfte des Raumes in eine runde Quelle überging, in deren Wasser immer wieder Luftblasen an die Oberfläche stiegen. Ohne zu Zögern begann Súlien sich zu entkleiden, und hielt erst inne als sie feststellte, dass Oronêl und Anastorias ein wenig peinlich berührt zur Seite blickten. "Was?", fragte sie, während sie einen ihrer Stiefel abstreifte. "Das hier ist ein Bad. Wolltet ihr etwa in euren Kleidern baden?"
"Natürlich nicht...", sagte Oronêl langsam, und Anastorias ergänzte: "Aber ihr seid eine Frau."
"Das habt ihr gut beobachtet", erwiderte Súlien, und streifte auch den anderen Stiefel ab. "Und weiter?" Valandur begann ebenfalls, seine Stiefel auszuziehen, und brummte dabei: "Die Herren Elben finden, dass es sich nicht schickt mit einer Frau zu baden. In diesem Fall habe ich noch zwei weitere Bäder gesehen, die ihr sicherlich benutzen könnt."
"Das werde ich auch gerne tun", meinte Oronêl, dankbar für den Ausweg, den Valandur ihm bot. "Wenn ich es recht bedenke, würde ich sowieso gerne einen Moment allein sein."

Als er sich nach einigen Schwierigkeiten im linken der drei Baderäume entkleidet hatte, ließ Oronêl sich langsam in das warme Wasser der Quelle gleiten, wobei er darauf achtete, seine linke Hand nicht ins Wasser zu tauchen. Offenbar war die Form des Beckens von Menschenhand bearbeitet worden, denn in genau der richtigen Höhe befand sich ein glatter steinerner Sims, auf dem man sitzen konnte ohne unterzutauchen. Einen Augenblick lang schloss Oronêl die Augen und genoss die Wärme des Wassers. Es erinnerte ihn an warme Sommerabende in Lothlórien. Dann hatte er oft gemeinsam mit Calenwen am Ufer des Anduin gebadet, obwohl das Wasser des Flusses deutlich kälter gewesen war als das Wasser der warmen Quellen hier. Er lächelte bei den Erinnerungen, und wurde erst aus ihnen herausgerissen, als Finelleth sich neben ihm auf den Beckenrand setzte und die nackten Füße ins Wasser hielt. Zu Oronêls Erleichterung waren sie das einzige, was an ihr unbekleidet war. Und außerdem, dass das Wasser der Quelle relativ trübe und bewegt war.
"Ich bin froh, dass du auf die Idee gekommen bist, meine Flöte Kerry zu geben", sagte sie. "Obwohl sie ja eigentlich für dich bestimmt war."
"Bist du gekommen, um mir Vorwürfe deswegen zu machen?", fragte Oronêl mit halb geschlossenen Augen, und Finelleth schüttelte den Kopf. "Nein, wie gesagt: Ich bin froh darüber. Es ist gut, dass alles gekommen ist, wie es geschehen ist", erwiderte sie. "Wir haben Kerry gerettet und niemanden dabei verloren."
"Bis auf das hier", meinte Oronêl, hob seine linke Hand so weit, wie es ohne Schmerzen ging, und bewegte die drei verbliebenen Finger. Trotzdem lächelte er. "Aber es ist ein geringer Preis für das erreichte - und damit meine ich nicht einmal Laedors Tod. Das war... nun, ich kann nicht behaupten, dass es nicht befriedigend gewesen wäre."
Finelleth betrachtete ihn nachdenklich. "Willst du etwa sagen, dass du ihn lieber am Leben gelassen hättest?"
Oronêl schüttelte sacht den Kopf. "Nein. Ich hätte ihn niemals am Leben lassen können, nicht nach allem was er getan hat. Aber ich hätte ihn gerne noch etwas gefragt..."
Willst du wissen, was ich mit deiner Tochter... Dieser Satz war ihm seit Lórien nicht mehr aus dem Kopf gegangen, und nun blieb nur noch eine einzige Person in Mittelerde, die die Wahrheit kannte: Mithrellas selbst.
"Ich nehme an, du willst mir nicht verraten was das ist?", fragte Finelleth, und Oronêl antwortete: "Nein. Zumindest noch nicht. Für den Augenblick ist es eine Sache, die zwischen mir und... meiner Tochter bleiben sollte. Ich hoffe, das verletzt dich nicht."
Finelleth schüttelte den Kopf. "Tut es nicht, und... ich verstehe." Sie erhob sich, und schüttelte das Wasser von ihren Füßen.
"Falls du Hilfe mit deinem Arm oder deinen Fingern brauchst... sag Bescheid", sagte sie zum Abschied, und ließ Oronêl wieder mit seinen Gedanken alleine.

Listen to the wind blow, watch the sun rise
Running in the shadows, damn your love, damn your lies

Fine

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Die Geschichte von Ringechad
« Antwort #2 am: 23. Jan 2017, 17:38 »
Kerry betrachtete die schlafende Farelyë nachdenklich und genoss die Wärme, die in Ringechad und in dem kleinen Raum herrschte, in dem sie mit Halarîn auf einem großen, am Boden ausgebreiteten Fell saß. Das Elbenmädchen war kurz nach ihrer Ankunft im Gästehaus wieder in einen tiefen Schlummer gefallen. Auch Kerry war müde von der harten Reise durch die Eiswüste, doch ihre Neugierde hielt sie wach.
"Was ist sie?" fragte sie leise um Farelyë nicht zu wecken.
Halarîn betrachtete die kleine Elbin nachdenklich und nahm sich einen langen Moment Zeit, bevor sie antwortete. "Sie ist eine der Ersten," wiederholte sie schließlich, was sie bereits in Carn Dûm festgestellt hatte.
"Eine der ersten Elben?" wollte Kerry wissbegierig wissen. "Heißt das, sie ist älter als du? Und älter als Mathan?"
"Älter als jeder von uns," antwortete Halarîn. "Sie erwachte lange bevor Sonne und Mond zum ersten Mal ihre Strahlen über diese Welt sandten, als es nur das Licht der Sterne gab."
"Was ist mit ihr geschehen? Wieso ist sie... so klein?"
"Ich kann nur vermuten, Morilië," meinte Halarîn. "Körperlich ist sie, auf den ersten Blick, sehr jung. Meine Großmutter erzählte mir, dass die Ersten nicht alle gleich "alt" waren, als sie erwachten: Einige waren bereits ausgewachsen, andere glichen Kindern, so wie Farelyë. Ich weiß nicht, wie lange sie unter Vardas neuen Sternen wandelte ehe ihr das große Unglück zustieß, das sie von ihrem Partner trennte und ihr die Zeit stahl."
Kerry strich dem Mädchen vorsichtig über die Stirn. Alles an ihr kam Kerry fremdartig und dennoch auf eine Weise vertraut vor. Die Kleidung, die Farelyë trug, wies seltsame Muster auf und besaß einen eigentümlichen Schnitt, der die linke Schulter freiließ, den Hals jedoch beinahe bis zum Kinn bedeckte. Der dünne Stoff ihres Oberteils schien nicht dazu geeignet zu sein, die Kälte des Nordens abzuhalten, doch auf dem Weg durch die Eiswüste hatte sich die kleine Elbin nicht ein einziges Mal beklagt. Die Hose, die sie trug, war schwarz und bestand aus einem widerstandsfähigen Leder. An beiden Seiten fielen weiße Bänder an ihr herab, die auf Höhe ihrer Taille am Oberteil befestigt und dort einmal um ihren Oberkörper geschlungen waren. Sie trug Handschuhe, die die Finger frei ließen und bis zum Ellenbogen reichten, wo die breiten Ärmel ihres Oberteils endeten.
"Ich habe eine ähnliche Tracht in Zeichnungen meiner Vorfahren gesehen, in Sonuvien," sagte Halarîn, die Kerrys Blick bemerkt hatte. "Aber diese Bänder sind etwas, das nicht recht in das Bild passt, das ich von den ursprünglichen Avari habe. Ivyn wüsste vieleicht mehr darüber."
"Laedor sagte, es gäbe nur sechs Stämme," erinnerte Kerry sich. "Was hat es also mit den Cuventai auf sich?"
Halarîn seufzte. "Die sechs Stämme sind über ganz Mittelerde verteilt, die meisten leben im Osten oder im Süden. Meine Großmutter Ivyn hat mir viel über die frühen Wanderungen erzählt, aber von einem verlorenen, siebten Stamm war nie die Rede. Wenn sie jetzt hier wäre, könnte ich sie fragen, aber..." sie brach ab und ließ den Satz unvollendet verklingen.

Mathan kam leise herein und kniete sich neben seine Frau. "Es ist wirklich beeindruckend, was die Bewohner des Dorfes hier geschaffen haben," sagte er nachdenklich. "Sie versorgen sich vollständig selbst. Ich habe mit dem Helcheron gesprochen und er hat mir die Geschichte Ringechads erzählt."
Kerry blickte auf und ermutigte ihren Vater, weiterzusprechen. "Wie lautet sie?"
"Vor dem Aufstieg Angmars hatte das Land nordöstlich von Arnor Fornlad, die Nord-Ebene, geheißen," erzählte Mathan, der auch aus eigener Erinnerung sprach. Kerry wusste, dass Mathan einige Jahre in Arnor gelebt und an der Verteidigung des Reiches gegen Angmar beteiligt gewesen war. "Damals lebten dort nur wenige Dúnedain, und die Ebene stand nur unter der losen Kontrolle des nördlichen Königreiches, besonders nach dessen Aufteilung in die drei Teilreiche Arthedain, Rhûdaur und Cardolan. Es gab einen Fürsten, dessen Herrschaft im Norden anerkannt wurde und der stets Helcheron, der Eisherr, genannt wurde. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob dieser Titel irgenwann erblich wurde - Anglaer erhielt ihn zumindest von seinem Vater, ehe dieser verstarb. Und Súlien ist sein einziges Kind, also schätze ich, sie wird die nächste Helcheryn werden."
"Aufregend," kommentierte Kerry.
"Jedenfalls kam der Hexenkönig schließlich nach Norden und errichtete das böse Reich von Angmar, und die Dúnedain, die in Fornlad lebten, flohen nach Süden oder wurden getötet. Doch eine kleine Gruppe, die sich um den damaligen Helcheron scharte, schlug einen anderen Weg ein. Die Risiken der Eiswüste auf sich nehmend fanden sie mit Hilfe der Eiswächter schließlich diesen Ort und machten ihn zu ihrer Heimat. Und laut Súlien nahmen sie erst viele Jahre nach dem Sturz Angmars wieder Kontakt zu ihren Brüdern im Süden auf. Súlien ist die Einzige ihres Volkes, die weite Reisen unternimmt - alle anderen verlassen Ringechad nur selten."
"Es erstaunt mich, dass sie hier alles haben, was sie zum Leben brauchen," sagte Halarîn und legte ihrem Mann eine Hand auf die Schulter. "Die Winter hier müssen gnadenlos sein."
"Die heißen Quellen - und vor allem die große in der Mitte des Tales - sorgen für ausreichend Wärme und frisches Trinkwasser," fuhr Mathan fort. "Sie können hier sogar Getreide anbauen und Tiere züchten."
"Beeindruckend," sagte Kerry.

Sie schwiegen eine ganze Weile, bis Kerry schließlich zu ihren Eltern hinüberging und sie lange umarmte. "Ich habe mich noch gar nicht dafür bedankt, dass ihr gekommen seid und mich aus Carn Dûm gerettet habe," sagte sie schuldbewusst.
"Ténawen, wenn du eines Tages selbst Kinder haben solltest, wirst du es verstehen," sagte Mathan mit einem seltenen Lächeln. "Wir würden alles tun, um dich in Sicherheit zu wissen."
"Und wir sind froh, dass du wieder bei uns bist," fügte Halarîn sanft hinzu. "Vielleicht war es vorbestimmt, dass Laedor dich entführt und uns so zum richtigen Zeitpunkt in den Norden brachte."
"Wie meinst du das, Amil?" fragte Kerry.
"Sieh dich um, Morilië," sagte Halarîn. "Dass Anastorias uns gefunden hat, war kein Zufall. Und dass kurz vor unserer Ankunft in Carn Dûm eine der Ersten lebendig aus dem Eis geborgen wird..." erneut ließ sie den Satz unvollendet.
Kerry legte den Kopf in Halarîns Schoß und blickte zu der schlafenden Farelyë hinüber. "Wie kam sie nur dort hinein?"
"Wir können nur vermuten," antwortete Halarîn. "Es gibt jedoch eine Möglichkeit, über die ich nicht gerne nachdenke."
Mathan legte seiner Frau beruhigend einen Arm um die Schulter. "Wir wissen nicht, ob es wirklich so gewesen ist," sagte er.
"Aber es ist die logischste Erklärung," entgegnete Halarîn.
"Wovon sprecht ihr?" fragte Kerry, die nichts verstand.
"Morilië," sagte Halarîn, leise, und mit Bedacht. "Weißt du, wie die... Orks zum ersten Mal auf diese Welt kamen?" Als Kerry den Kopf schüttelte, fuhr Halarîn fort: "Niemand kann mit Sicherheit sagen, woraus der erste Dunkle Herrscher sie schuf. Doch unter den ersten Elben gab es immer wieder Gerüchte von einem namenlosen Schrecken, der hin und wieder die Wälder heimsuchte, und gelegentlich verschwanden Elben spurlos, und kehrten nie mehr wieder. Es hieß damals, der Schatten habe sie geholt. Und als die Orks auftauchten, vermuteten einige, dass es sich dabei um entstellte und verdorbene Elben handeln könnte, die in Jahren der Folter vom Dunklen Herrscher verwandelt worden waren."
"Wie schrecklich," hauchte Kerry. Allein die Vorstellung war zuviel für sie.
"Die große Festung des Feindes lag damals weit nordwestlich von den Wassern des Erwachens und den wilden Wäldern, in denen die Ersten lebten," setzte Halarîn ihre Geschichte fort. "Wäre Farelyë also damals ebenfalls den jagenden Schatten zum Opfer gefallen und nach Norden gebracht worden, ist es gut möglich, dass ihre Häscher damals ganz in der Nähe des späteren Angmar vorbeigekommen sein könnten. Ich vermute... dass sich dabei ein Unfall ereignete, wodurch Farelyë im Eis verloren ging."
"Ein schlimmes Schicksal wurde ihr dadurch erspart, wenn du Recht hast," sagte Mathan.
Kerry blickte nachdenklich zu dem schlafenden Mädchen hinüber. Wenn du nur mit uns sprechen könntest, dachte sie. Halarîn hatte Farelyës wenige Worte zwar als eine Variation des Avarin erkannt, doch selbst sie konnte sich nur schwer mit der kleinen Elbin verständigen.

Erneut öffnete sich die Tür und Anastorias kam herein, unbekleidet bis auf eine leichte Hose, und ein Handtuch, das um seine Schultern lag. Kerry sah, wie muskulös sein Oberkörper und seine Arme waren und wandte schnell den Blick ab, ehe sie Zeichen von Errötung zeigen konnte. Der junge Elb kam zu ihnen herüber, legte sich neben sie auf den fellbedeckten Boden und streckte sich zufrieden aus.
"Die Quellen sind wirklich fantastisch," schwärmte er. "Ihr müsst unbedingt ebenfalls ein Bad darin nehmen."
"Ich weiß nicht recht," druckste Kerry herum. "Sind denn dort viele Leute?"
"Besorgt um aufdringliche Blicke, hmm?" stellte Anastorias lächelnd fest. "Keine Sorge, Ténawen - ich werde persönlich dafür sorgen, dass niemand die Privatssphäre einer Dame stört!"
"Du bist ein seltsamer Elb," sagte Kerry, doch sie erwiderte das Lächeln von Mathans Urenkel. "Wie kann es nur sein, dass du der Enkel von meiner Nésa bist?"
"Das ist ganz einfach," begann Anastorias eifrig. "Wenn ein Mann und eine Frau sich sehr lieben, kann es passieren, dass..."
"Ich bin mir sicher, Morilië weiß, wo Kinder herkommen," unterbrach Halarîn lachend, und auch Mathan grinste belustigt. "Du musst verstehen, dass es für sie sehr ungewöhnlich ist, dass jemand seine Urenkel kennenlernt."
"Verzeih mir," sagte Anastorias etwas betreten. "Bitte, erzähle mir mehr, wo du herkommst," bat er Kerry etwas verlegen. "Wie hast du die Gründer von Haus Manarîn kennengelernt und wie kam es, dass du eine Nénharma geworden bist?"
Kerry stellte fest, dass sie sich über die Aufmerksamkeit des jungen Elben freute, und erzählte ausschweifend von ihrer Zeit in Fornost und ihrer ersten Begegnung mit Mathan und Halarîn, die sie am östlichen Tor der Stadt getroffen hatte. Ein trauriger Ausdruck huschte über ihr Gesicht als sie sich an Mírlinn erinnerte, die damals dabei gewesen war, doch er verging rasch und sie erzählte weiter. Als sie bei der Adoptionsfeier angekommen war trug sie ein breites Lächeln im Gesicht.
"Bei dieser Feier wäre ich gerne dabei gewesen," sagte Anastorias. "Es klingt wirklich nach einem sehr schönen Abend."
"Auf das Ende hätte ich gerne verzichtet," sagte Kerry, und die Elben lachten leise. Jetzt, wo sie in Sicherheit waren, begann der Schrecken ihrer Reise nach Norden und den Tagen im Verlies zu verblassen.

Sie unterhielten sich noch eine Weile und Kerry befragte Anastorias zu vielen Details seines Lebens: Weshalb er so stark war, wie er an die seltsame Waffe gekommen war, die er führte, und was er von Mathan und Halarîn hielt (sehr viel). Schließlich erbaten sich Kerrys Eltern etwas Zeit für sich alleine, und der junge Elbenkrieger schlug vor, Kerry ins Bad zu begleiten. Auf ihren etwas entsetzten Blick hin stellte er klar, dass er ihr nicht dabei zusehen würde sondern nur dafür sorgen würde, dass sie ungestört blieb. Kerry willigte schließlich ein und verließ mit ihm das Zimmer, in dem Mathan und Halarîn mit der schlafenden Farelyë zurückblieben. Am Eingang der Quelle angekommen führte Anastorias Kerry zur rechten der drei Türen, die zum kleinsten der drei Baderäume führte. Er war leer.
"Wenn es dich nicht stört, werde ich an der Tür warten und den Blick abwenden, bis du im Wasser bist," bot der junge Elb an. Kerry fühlte sich zwar etwas unwohl dabei, aber die Wärme, die von dem blubbernden Wasser ausging, übte eine starke Anziehungskraft auf sie aus. Also willigte sie ein und wartete, bis Anastorias sich umgedreht hatte. Zwar schoss ihr die Röte in die Wangen, aber es tat gut, nach so vielen Tagen das Kleid, das sie von Irwyne bekommen hatte, abzulegen und auf den Kleiderhaufen fallen zu lassen, auf dem bereits die Winterkleidung die Halarîn ihr mitgebracht hatte lag. Kerry löste den breiten Zopf, der ihr über die linke Schulter hing, und ihr Haar fiel in losen Strähnen über ihren nackten Rücken als sie vorsichtig einen Fuß in das heiße Wasser tauchte. Im ersten Moment war die Hitze ihr zuviel, doch nach einer kleinen Weile stieg sie langsam in das sprudelnde Becken und signalisierte Anastorias, das sie drinnen war. Obwohl sie dem Elb vertraute war Kerry froh, das das Wasser nahezu keine Blicke durchließ.
"Einfach wunderbar, nicht wahr?" sagte er und hockte sich an den Beckenrand.
Kerry nickte und fragte: "Gibt es in deiner Heimat auch solche Quellen?"
Anastorias schüttelte den Kopf. "Das Meerwasser ist im Sommer angenehm warm, aber nicht hiermit zu vergleichen."
"Erzähl mir noch einmal von deiner Heimat, Gwanur," bat Kerry. "Wieso muss dein Volk sie verlassen?"
Ein trauriger Ausdruck legte sich auf sein Gesicht. "Später," sagte er leise.   
"Eine andere Frage vielleicht," schwenkte Kerry schnell um. "Wer ist Ivyn? Amil hat heute einige Male von ihr gesprochen."
Eifrig stürzte sich Anastorias auf das neue Thema. "Ivyn ist die Begründerin des Avari-Stammes der Hwenti, und Halarîns Großmutter. Sie lebt im Königreich Manarîn."
"Ist sie auch eine der Ersten, so wie Farelyë?"
Anastorias nickte. "Sie ist unglaublich weise und eine begabte Heilerin - die beste, die ich kenne. Alles Leben liegt ihr am Herzen."
"Vielleicht könnte sie ja verstehen, was Farelyë sagt," überlegte Kerry und rutschte aufgeregt im Wasser umher. "Kommt sie auch nach Mittelerde?"
"Darüber solltest du vielleicht mit deiner Nésa sprechen," blockte er die Frage erneut ab.
Kerry beließ es dabei und beantwortete Anastorias noch einige seiner Fragen, auch wenn sein Interesse an ihr ihr etwas merkwürdig vorkam. Schließlich erhob der junge Elb sich jedoch und wandte sich zum Gehen.
"Ich werde mich ein wenig meinen Übungen widmen, Ténawen," sagte er und öffnete die Türe.
"Bis später, Gwanur," verabschiedete Kerry sich von ihn.

Mehrere Minuten blieb sie allein im heißen Wasser und genoss die wohltuende Wärme auf ihrer Haut. Die Schnittwunde, die Laedor ihr am Unterschenkel zugefügt hatte, hatte sich bereits geschlossen und verheilte schmerzlos. Kerry schloss die Augen und lauschte dem Sprudeln des Wassers, das sie mit einem friedvollen Gefühl erfüllte und die Schrecken der Entführung weit in den Hintergrund ihres Bewusstseins rücken ließ. Sie dachte an Ardóneth, und fragte sich, wo er sich wohl gerade befinden könnte, und ob er seinen Auftrag bereits abgeschlossen hatte. Kerry war sich sicher, dass der Dúnadan sein Bestes geben würde.
Eine Bewegung im Wasser weckte sie aus ihrem Halbschlaf, und Kerry entdeckte Finelleth, die gerade unbekleidet zu ihr ins Becken glitt.
"Ich hoffe, ich störe dich nicht," sagte die Waldelbin entschuldigend. "Aber Oronêl braucht im linken Becken gerade etwas Zeit für sich allein, und im großen Becken in der Mitte war es mir zu voll."
"Ist schon gut," sagte Kerry und hoffte, dass Finelleth ihre Verlegenheit darüber, dass sie beide nackt waren, nicht bemerkte. "Ich mache mir Vorwürfe, dass Oronêl seine Finger verloren hat."
"Ein geringer Preis dafür, dich und alle anderen sicher aus Carn Dûm zu retten," sagte Finelleth indem sie Oronêls Stimme überraschend gut nachmachte. "Immerhin war das alles meine Schuld!"
"Du solltest wirklich keine Witze darüber machen," meinte Kerry, doch sie musste grinsen. Die Imitation war wirklich sehr überzeugend.
"Ein bisschen Spaß tut hin und wieder gut," sagte Finelleth lächelnd und fuhr fort, wieder mit Oronêls Stimme: "Wenn du wieder gerettet werden muss, sag Bescheid! Ich habe noch acht Finger übrig, vier Befreiungen sind also noch machbar." Das brachte Kerry nun endgültig zum Kichern und Finelleth stimmte mit ein.
"Vorsichtig," ertönte Oronêls wahre Stimme von der Tür her. Finelleth und Kerry wandten sich um und fanden den Elb lässig in der Tür lehnend vor, einen Eimer in der Hand haltend. "Súlien hat mir von der hiesigen Badetradition erzählt, bei der man sich nach dem Bad in der heißen Quelle mit Eiswasser übergießt. Wie es der Zufall will, habe ich hier frisches Eiswasser, das für gewisse, freche Prinzessinnen bestimmt ist..."
"Das würdest du nicht wagen," sagte Finelleth, doch Kerry hörte die Unsicherheit in ihrer Stimme, als Oronêl näher kam. "Oronêl!" rief Finelleth, doch es gab kein Entkommen - sie konnte ja schlecht nackt aus dem Wasser springen und die Flucht ergreifen.
"Und wie ich es wage," erwiderte er lächelnd - und goss den Eimer über Finelleth aus, die ein lautes Kreischen von sich gab. Kerry spürte, wie das Wasser im Becken für einen Moment deutlich kälter wurde und konnte sich das Lachen nur deshalb verkneifen, weil sie befürchtete, ebenfalls mit Eiswasser bestraft zu werden. Und so erfüllte Oronêls Lachen den kleinen Raum.
« Letzte Änderung: 25. Jan 2017, 12:32 von Fine »

Curanthor

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Zeit für Wahrheiten
« Antwort #3 am: 23. Jan 2017, 21:46 »
Nachdem Kerry mit Anastorias zum Bad gegangen ist, blieben sie für eine Weile lang still und genossen die Ruhe. Zwar hörte man hin und wieder das leise Gemurmel und kurzen einen Schrei, doch es schien keine Gefahr zu drohen.
Mathan streckte sich und entspannte seinen geschundenen Körper, nach wochenlanger Anspannung und Achtsamkeit konnte er endlich etwas runterkommen. Halarîn hatte seinen Kopf auf ihren Schoß gebettet und streichelte ihm über das Gesicht. Sie genossen die Zweisamkeit und er schloss die Augen. Ihr warmen Hände fuhren ihm über die Wangen, an der Schläfe hinauf ins Haar. Dort ließ sie ihre Hände eine Zeit lang ruhen und er hörte ihren regelmäßigen Atem, sowie das Atmen von Farelyë. Es beruhigte ihn und die Last der letzten Tag fiel von ihm ab. Halarîns Hände glitten von seinem Kopf, über seine Brust hinab zum Bauch. Dort machte sie kreisende Bewegungen, zu denen er entspannt brummte.
"Das ist gut... was auch immer mich da getroffen hat, es war verdammt hart", sagte er und entspannte seinen Bauch, desssen Musklen total verkrampft waren.
"Ja, du hast hier ziemlich üble Verspannungen. Eine Schutzreaktion des Körper auf den Schlag. Ein warmes Bad würde dabei Wunder wirken."
Er schlug die Augen auf und blickte in ihr schelmisch grinsendes Gesicht. Seine Mundwinkel hoben sich. "Lass die Jüngeren zuerst ihren Spaß haben, dann haben wir mehr Ruhe für uns", sagte er und gähnte ausgiebig.
Mathan spitzte die Ohren, als der regelmäßige Atem von Farelyë kurz stockte und sie sich bewegte. Halarîn strich ihm beruhigend über die Wange und massierte weiter seinen Bauch. Es tat gut und er würde auch später sich in das Bad begeben,denn er hatte dutzende Prellungen, kleine Schnitte und Blutergüsse am ganzen Körper. Der Aufprall gegen die Wand in Carn Dûm hatte mehr Verletzungen verursacht als der ganze Kampf. Die Wärme ließ ihn dößig werden und seine Augen flatterten, während Halarîn eine angenehme Melodie summend seinen Körper mit ihren weichen Händen entspannte. Er hatte Mühe weiterhin bei Bewustsein zu bleiben, doch seine Frau merkte es nicht und er war zu sehr entspannt, als dass es ihn beunruhigen würde. Nach einigen Moment schloss er die Augen und war eingeschlafen.
Halarîn streichelte ihren Mann weiterhin und summte die Melodie, die Ivyn einst für sie gesungen hatte.

Es roch seltsam vebrannt und es war kühl. Sein Körper schmerzte nicht mehr und er öffnete verwirrt die Augen. Es war Nacht und die Sterne strahlten um die Wette, der Mond versteckte sich hinter einzelnen Wolke. Unsteter Feuerschein flackerte durch die Nacht und Mathan erkannte, dass es ein Bild war, das er tief in seinen Erinnerungen begraben hatte. Seine Heimatstadt brannte, seine Trauer drohte ihn zu überwältigen, doch er blieb standhaft. Er reckte das Kinn und ging den Hügel hinab, näher an die Stadt heran. Seine Furch vor dem, was er sehen würde schob er beseite. Irgendwann musste man sich seinen inneren Dämonen stellen und Mathan hatte nun die Kraft dies zu tun. Ein heiße Hitzewelle ging von dem Inferno aus, doch er hielt weiter darauf zu, sah die Flammen, die an den Gebäude leckten und weit in den Nachhimmel ragten. Feuersäulen stiegen auf, wenn einzelne Gebäude einstürtzten und der Wind fauchte füchterlich. Der Elb blieb vo den dicken Mauern aus Stein stehen, die Hitze war unerträglich, doch weiter konnte er nicht gehen. Seine Erinnerungen führten nicht weiter. Seinen Blick hatte er danach abgewand. Starker Nordwind kam auf, er war schneidend kalt. Er drehte sich um und blickte suchend umher. Alles war unscharf, denn sein Blick vom Hügel aus, auf dem er alles beobachtete reichte nicht weiter. Der Nordwind nahm zu und riss ihm den Schal vom Hals. Eine schneidend kalter Hauch striff ihn, als er sich vor dem Tor noch immer umblickte. Das Flammeninferno der Stadt flackerte für einem Augenblick und verlor an Stärke, bis es wütend aufbrüllte und wieder aufloderte. Die Kälte berührte ihn nun langsamer und schien durch ihn hindurch zu fließen, dann war sie fort.

Ihm war kalt, doch sein Körper war entspannt und schmerzte kaum noch. Er öffnete langsam die Augen und blickte zur hölzernen Decke, lauschte den regelmäßigen Atmen von Halarîn, die offensichtlich sich ebenfalls etwas Ruhe gönnte. Mathan schmunzelte, da sie nur mit einem Dach über dem Kopf wirklich schlafen konnte. Er drehte langsam den Kopf und bemerkte verwundert, dass Farelyë ihn aus silbernen Augen aufmerksam beobachtete. Sie schien kurz zu überlegen und legte den Kopf schief, dann lächelte sie und hob einen Finger an die Lippen.
"Hel...ka", flüsterte sie schwerfällig in einem sehr altertümlichen Quenya, mit einem merkwürdigen Blick zu ihm und streckte sich.
Die Kälte kroch nur langsam aus seinem Körper und er rieb sich die Hände um sie wieder zu wärmen. Die kleine Elbe sah ihn aufmerksam an und setzte sich in den Schneidersitz. Ihre silbern schimmernden Augen ruhten auf ihm und ließen ihn unruhig werden. Eine Zeit lang starrten sie sich gegenseitig an, bis Farelyë eine Kopfbewegung machte, die so aussah wie ein Nicken. Sie rollte sich auf dem Fell zusammen und schlief wieder ein.
Mathan überlegte, was Faelivrin wohl gerade machte, da sie mit Adrienne eine Mahlzeit für alle vorbereiten wollte, während die Anderen sich ausruhten und badeten. Es klopfte an der Tür und riss ihn aus dem Gedanken, Halarîn hob ebenfalls sofort den Kopf. Nach einigen Momenten steckte Súlien ihren Kopf ins Zimmer.
"Das Essen ist fertig, wir sind in dem großen Raum. Mein Vater wird nachher auch eintreffen.", sagte sie, nickte ihnen zu und schloss die Tür leise.


Nachdem die beiden Elben die lockere Kleidung angelegte hatten, die ihnen zur Verfügung gestellt wurde, begaben sie sich durch den Flur zu dem großen Raum weiter hinten. Mathan ging mit Halarîn, seinen Arm um ihre Taille geschlungen, während sie Farelyë an der Hand führte. Schon vom Weiten hörten sie die Gespräche ihrer Gefährten und stellten fest, dass sie die Letzten waren. Abgesehen von den drei Leibwachen hatten alle ihre Kleidung gewechselt und trugen lockere Kleidung, der Gegend entsprechend. Mathan schmunzelte, als er Kerry gegenüber von Anastorias sitzen sah, der ihr hin und wieder verstohlene Blicke zuwarf.
"Habt ihr eine verdiente Pause eingelegt?", fragte Valandur und lächelte den Drei zu.
"Das haben wir", bestätigte Mathan und nickte. Er führte Halarîn an einen Platz und zog den Stuhl zurück, damit sie sich setzen konnte. Zum Dank erhielt er ein warmes Lächeln. Dann fasste er Farelyë vorsichtig unter die Arme und half ihr sich neben Kerry zu setzen. Die kleine Elbe blickte ihn dabei lange an, ehe sie von den Dingen auf dem Tisch abgelenkt wurde: Ein gutes Dutzend Beeren, verschiedene Arten von Gemüse und Pflanzen stapelten sich in flachen Schalen, auch zwei Teller voller Trockenfleisch konnte man entdecken. Sie griff sich sofort einige rote Beeren und verspeiste sie, noch bevor alle Anderen überhaupt richtig am Tisch saßen. Dabei lächelte sie verzückt und nahm sich Nachschub. Ein Grinsen ging durch die Reihen, sodass sich jeder etwas zu Essen nahm. Eine angenehme Stille erfüllte den Raum, während alle mit ihrer Mahlzeit beschäftigt waren. Vereinzelt kamen Kommentare, dass es gut sei, oder man jene Frucht nicht kannte. Kerry musste der kleinen Farelyë öfters helfen und erntete dafür Anmerkungen, dass sie später eine gute Mutter sein würde. Errötend winkte sie ab und konzentrierte sich auf ihr eigenes Essen.

Nachdem alle soweit fertig waren und die Teller von sich geschoben hatten, blieben sie noch sitzen und erzählten über die Ereignisse der letzten Tage. Hauptsächlich was jeder in der Zeit erlebt hatte und wie es aus seiner Sicht ausgesehen hatte. Aus Rücksicht fragte keiner genau nach, was Kerry durchmachen musste. Als sie schließlich bei Anastorias Ankunft ankamen wurde es etwas ruhiger und einige Blicke gingen zu Faelivrin, die gerade an einer Art Zuckerstange kaute. Sie erwiderte die Blicke ruhig und straffte sich, legte die Süßigkeit aus der Hand und faltete die Hände zusammen. Jegliche Aufmerksamkeit ruhte auf ihr, abgesehen von der kleinen Farelyë, die weiterhin fleißig Beeren verputzte.
Kurz senkte die Königin den Blick und sammelte sich, ehe sie wieder in die Runde blickte. Ihre Augen glitzerten vor Tränen.
"Wir wussten, dass dieser Tag kommen würde. Kurz nach unserer Ankunft war uns klar, dass uns die Inseln ein wundervolles Heim bieten würden. Es war warm, nie zu kalt, die Hauptinsel hatte eine Süßwasserquelle und große Wälder. Es war perfekt." Sie blinzelte die Tränen fort und rückte ihren Ring am Finger zurecht. "Ivyn warnte uns, dass wir irgendwann uns von dort wieder zurückziehen musste. Deswegen habe ich schon vor vielen hundert Jahren eine Anfrage zu Círdan geschickt, den Schiffsbauer. Die erste Überfahrt hat uns dutzende Schiffe gekostet und wie haben viel notwendiges Material verloren. Trotzdem haben wir es geschafft, wir haben die Inseln erreicht und uns dort niedergelassen." Sie machte eine kurze Pause und trank etwas Wasser. Alles war still und lauschte ihren Worten, die nun aus ihr herausbrachen wie ein Wasserfall. Niemand wagte es sie zu unterbrechen, ihre Stimme zitterte hin und wieder, doch war sie fest.
"Der Meeresspiegel stieg in den letzten hundert Jahren stetig, kaum merklich. Bis wir unsere erste Insel aufgeben mussten. Dann folgte ein großer Sturm, noch schlimmer, als ihr es euch in euren Träumen vorstellen könnt. Es war ein Inferno aus Wasser und Wind. Es war, als ob die Valar uns zurück nach Mittelerde fegen wollten."
Gespannte Stille herrschte, einige machten betroffene Gesichter. "Aber ihr habt das überlebt", stellte Kerry zaghaft fest. Sie nickte ihrer Schwester zu und fuhr fort: "Das dachten wir auch, doch der Sturm hat alle Ernten vernichtet. Zwei Dörfer sind komplett ausgelöscht worden, über zweitausend Elben...", sie verstummte und schüttelte den Kopf, ihre Hände verkrampften sich, Tränen rannen ihr die Wangen hinab. "Mein Ehemann... Finuor, er-", sie brach ab und vergrub das Gesicht in den Händen.
Halarîn stand auf, umrundete den Tisch und strich ihr mitfühlend über den Rücken. Grabesstille herrschte in den Raum und fast jedem war der Appetit vergangen, Mathan schüttelte betroffen den Kopf und wusste nicht, was er sagen sollte. Sie warteten, bis Faelivrin sich beruhigt hatte, der stumm die Tränen herunterliefen.
"Das war vor dreißig Jahren und wir dachten, dass das es das Schlimmste war, das uns wiederfahren konnte", fuhr sie fort. Sie ahnten, dass es noch mehr war. "Oh nein...", flüsterte Adrienne, die sich die Hände vor dem Mund hielt. Faelivrins Stimme klang nun etwas fester, aber auch verbissener. Zornig wischte sie sich die Tränen fort, "Ivyn warnte uns rechtzeitig, sodass wir alle auf das Festland in Sicherheit bringen konnten. Wir brachten unsere Flotte in einer großen Bucht weit südlich unserers Reiches unter. Dann kam es, die Erde begehrte gegen uns auf. Weit im Norden stieg heißer Dampf aus dem Meer und es rumpelte. Unsere Städte erzitterten bei der urgewaltigen Kraft, die sich dort freisetzte. Heißes Feuer durchbrach die See und ein feuriger Schlot schob sich aus dem Meer. Unsere Städte erzitterteten, wankten, hielten jedoch stand. Es war eine brachiale Kraft, die das Land erzittertern ließ, bis kurz eine trügerische Stille eintrat. Ich ging mit meinem Gefolge an die Klippe des Festlandes und schaute mit Entsetzen dem Specktakel zu. Plötzlich gab es einen erneuten, gewaltigen Stoß und der Feuerschlot spieh flüssiges Gestein hunderte Meter in die Luft. Dann sah ich die Druckwelle, wir bedeckten unsere Ohren als der markerschütternde Knall uns erreichte und ins Taumeln brachte. Eine Wand aus Wasser formte sich und walzte über das Meer. Sie brach an den kleineren Inseln und verheerte unser Reich. Zum Glück standen unsere wichtigen Städte auf Hügeln und wurden kaum beschädigt aber..." Sie verstummte und schüttelte den Kopf.
Ungläubig blickten sich die Gefährten an, bis Mathan seine Worte als erster wiederfand. "Also stehen eure Städte noch?", fragte er.
Faelivrin zögerte und tauschte einen Blick mit Anastorias, de verstand und für sie weitersprach: "Sie stehen noch, aber es ist unbewohnbar geworden."
"Ich schätze wegen der Asche?", warf Oronêl überraschend ein und die Avari nickten betreten.
"Wir müssten warten, bis es besser wird. Die Sterne wissen, wann der Zeitpunkt dafür gekommen. So habe ich beschlossen, dass uns dort nichts mehr hält. Unsere Ernten sind zusammen mit den meisten Vorräten vernichtet worden, viele von uns können es nicht ertragen in der Nähe der Heimat zu sein und doch nicht zu Hause zu sein. So wurde einstimmig beschlossen unser Glück nochmal in die Waagschale zu werfen. Das, was wir einst unsere Heimat nannten wurde von fast allen denkbaren Naturgewalten verheert. Es ist deutlich, das wir dort nicht mehr willkommen sind."
 Die Erklärung Faelivrins erschien vielen schlüssig, doch einige offene Fragen blieben noch. Súlien fasste sich ein Herz und räusperte sich, ehe sie sprach:" Und was ist die Vorhut?", fragte sie und Anastorias musste lächeln.
"Das sind zwei unserer größten Schiffe, die wir auf offener See zurücklassen mussten. Sie waren beschädigt und da wir sie durch Círdans schriftliche Anleitung gebaut hatten, konnte nur er uns sagen, wie wir sie reparieren konnten.", erklärte Anastorias und nickte zu Faelivrin, "Sie schickte uns die nötige Hilfe. Wir konnten die Schäden beheben und zu der Flotte auschließen. Die Vorhut sollte an Land gehen und die Ankunft für den Rest vorbereiten, sobald alle Vorräte auf den Schiffen zuneige gingen. Leider ging das schneller als gedacht...", murmelte er und blickte zu seiner Königin.
"Sie sind in Mithlond gelandet. Die Vorhut umfasst pro Schiff ein paar hundert Elben. Es war aber nicht ausgemacht, dass jemand nach mir suchen sollte.", ergänzte Faelivrin und warf Anastorias einen scharfen Blick zu. Dieser murmelte nur etwas und wickelte unschuldig dreinblickend seine Haare am Finger zusammen.

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Der Hinweis
« Antwort #4 am: 24. Jan 2017, 22:53 »
Die mit Schock und Überraschung gemischten Gesichter der Gefährten beschrieben ganz gut Mathans Gemütszustand. Ihm war klar, dass Faelivrin es nicht leicht hatte, aber das was sie durchmachen musste war wahrlich ein Märtyrium. Er blickte zu Kerry, die sich beide Hände vor dem Mund hielt. "So viel Tod...", sagte sie leise und fragte zaghaft, ob sie bei der Überfahrt weitere Schiffe verloren hatten.
"Zu unserem Glück nicht, mein Volk hat es dank Círdans Hilfe geschafft.", erklärte Faelivrin und wirkte nun erleichterter.
"Und ihr bleibt in Mittelerde?" Die Frage Valandurs erhielt zustimmendes Gemurmel, woraufhin die Avarikönigin mit einem sanften Lächen nickte.
"Aber Nésa... du ..dein Mann...Du bist Witwe!", platzt es aus Kerry heraus und Faelivrin senkte für einen Moment den Kopf, "Tut mir leid, tut mir leid! Das war dumm von mir.", beeilte sie sich schnell zu sagen und beschloss besser den Mund zu halten.
"Ein einziger Trost bleibt aber," Mathan hatte eine Zeit lang geschwiegen und lächelte seiner Tochter zu, "Wenn du nach Westen segelst, wirst du ihn wiedersehen. Genau wie ich meine Eltern dort treffen werde."
Faelivrin trocknete sich die Tränen und nickte, ihre Mundwinkel hoben sich wieder. In ihrer Trauer schien sie gar nicht daran gedacht zu haben. Die Gefährten blickten sich an und man merkte, dass sich die Stimmung wieder etwas hob. Die drei Leibwachen begannen leise auf Avarin miteinander zu sprechen und grinsten hin und wieder, was dazu beitrug.
"Ich bin sicher, dass ihr eine neue Heimat finden werdet, Nésa. Du kannst ja mit uns kommen," sagte Kerry strahlend und nickte ihrer Schwester zu, die eine Braue hob.
"Wir werden nach Eregion gehen, wenn alles vorbei ist. Ontaro und Amil haben das versprochen." Ihr Blick ging zu ihren Eltern, die sich auf Faelivrins überraschten Blick kurz anstrahlten. Das mit dem "Versprechen" war zwar nicht ganz so geschehen aber Mathan schmunzelte darüber.
"Es war eine Idee. Wenn sie bei euch Anklang findet, haben wir nichts dagegen, aber ich denke, darüber muss erst bei euch abgestimmt werden?", fragte er aufmerksam. Sein Wissen über die Manarîn war begrenzt und das Meiste leitete er aus den Briefen her, die er von seiner Tochter im Laufe der Zeit erhalten hatte. Zum Glück war das nun auch überflüssig geworden, eine der wenige positiven Seiten der Tragödie des Königreichs Manarîn. Faelivrin nickte und begann das Regierungssystem ihres Volks zu erklären, einige hörten ihteressiert zu, während Andere mittlerweile in ihre eigenen Gespräche versunken waren. Kerry fütterte Farelyë mit Beeren, die nach jeder Frucht kicherte. Obwohl sie alt genug war für sich selbst zu sorgen, schien die kleine Elbe es zu genießen umsorgt zu werden. Anastorias beobachtete die Beiden dabei mit einem Lächeln und wirkte im Gedanken versunken. Nach einer Weile bemerkte Kerry seinen Blick und rutschte etwas auf ihrem Stuhl hin und her.
"Was ist denn?", fragte sie nach einer Weile unsicher und prüfte, ob ihre Frisur saß. Der Avar errötete, schüttelte nur den Kopf und blickte schnell zur Seite. Faelivrin, die das mitbekommen hatte, grinste in ihrem Vortrag über die Fürsten von Manarîn und unterbrach, als es an der Tür klopfte.

Nach einen Moment trat der Anführer des Dorfes, Anglaer in den großen Raum. Er begrüßte die Runde mit einem warmen Lächeln und verneigte sich knapp.
"Ich hoffe es hat gemundet. Darf ich mich dazu setzen?", fragte er höflich.
"Natürlich.", antworteten Mathan und Oronêl erneut fast gleichzeitig und sie mussten schmunzeln. "Es war vorzüglich.", setzt Faelivrin nach.
Dem Helcheron huschte ein kurzes Grinsen über das Gesicht. Er stellte die kleine Kiste, die er unter dem Arm trug auf dem Tisch ab und setzte sich neben Faelivrin an das Kopfende. Sie rückte ein Stück zur Seite, mehr zu Mathan. Einige Gespräche der Gefährten versiegten, doch er hob die Hand. "Bitte, lasst euch durch mich nicht stören. Ich habe eine Angelegenheit zu klären, auf die ich schon lange gewartet habe.", sagte er volltönend und lächelte zu Súlien, die peinlich berührt sich noch etwas Essen auf den Teller lud und sich wünschte im Boden zu versinken. Valandur, der neben ihr saß grinste breit und stichelte sie, indem er flüsternd ihren Vater imitierte. Adrienne, die neben Súlien saß hielt sich die Hand vor dem Mund um nicht zu lachen und handelte sich einen scharfen Blick von Halarîn ein.
Mathan musterte die Kiste genauer, die sehr alt zu sein schien. Sie hatte kein Schlüsselloch sondern einen runden Kreis als Verschluss. Anglaer wandte sich ihm zu und blickte ihn lange an, bis er die Schwertgurte Mathans bemerkte. "Oh, verzeiht. Ich bin es gewohnt sie zu tragen.", entschuldigte sich der Elb, doch der alte Mann winkte ab. "Nein, das ist es nicht. Es sind die Schwerter...", er wirkte sehr nachdenklich und runzelte die Stirn, "Eines fehlt."
Mathan nickte grimmig, er hatte es im Kampf in Carn Dûm verloren. Somit war das Verbliebene so gut wie nutzlos. Aus jahrhunderter langer Angewohnheit hatte er sie trotzdem mitgekommen. Er erklärte, warum es fehlte, woraufhin Anglaer zu überlegen schien. Nach einer Weile sagte der Herr des Tals langsam: Das ist schade, wenn ich das zweite Schwert begutachten könnte, würde ich mehr sagen können." Er legte die Hand auf die Truhe und zog ein Schieferstein aus seiner Tasche hervor. Mathan hob neugierig den Kopf, doch Anglaer begann schon zu lesen: "Die Ráneceti, zusammen mit dem goldenen Auge," Er deutete auf den Mithrilring mit dem Bernstein an Mathans Finger, "Das goldene Auge, " nun deutete er auf den Griff. "Wie ist der Name von denen?"
"Ráneceti?", fragte Halarîn überraschend und runzelte die Stirn, "Das ist ein seltenes Quenya...sehr alt. Hmm... Wanderung..." sie murmelte und übersetzte einige Momente lang unter den aufmerksamen Augen Anglaes und Mathans. Nach einer Weile starrte sie Mathan verblüfft an. "Wanderne Schwerter!", sagte sie etwas lauter und einige Blickten zu ihnen. "Mathan, es sind deine Schwerter, eigentlich müsste es Rénceti heißen aber so macht es auch Sinn. Was ist das für eine Botschaft?", fragte sie neugierig an Anglaer gewandt, der nun etwas erleicherterter wirkte.
"Eine Anweisung, die wir zusammen mit dieser Truhe erhielten", erklärte er und streichelte über den schlichten, hölzernen Deckel.
"Sind das die Stücke von...", begann Súlien doch ihr Vater unterbrach sie etwas barsch:" Das sind die beiden Stücke von der geheimnisvollen Frau, die unseren Vorfahren dieses Tal zeigte. Sie wurden immer weiter vererbt, wartend auf ihren Besitzer." Anglaer drehte den Schiefer und man erkannte eine Zeichnung der Zwillingsschwerter, die Mathan jeden Tag trug und nun eines verloren hatte. Die leicht gebogenen Klingen, die Edelsteinen an den Griffen, fast alles stimmte.
Adrienne schlug sich mit einem lautem Klatschen gegen den Kopf und alle wandten ihr die Köpfe zu. "Wie kann ich nur so blöd sein, dein Schwert!", rief sie und rannte aus aus dem Raum. Einige sahen sich verwundert an, denn sie hatte die ganze Zeit sich im Hintergrund gehalten. Anglaer blickte Mathan lange in die Augen, bis das Mädchen zurückkehrte. Sie trug in beiden Händen die Elbenklinge von ihrem Meister. Ihr Gesicht war zerknirscht. Mathan starrte auf die matte Klinge, die Adrienne neben die Truhe auf den Tisch legte. Eine Scharte war aus der Klinge herausgesplittert und feine Risse zogen sich durch das Metall. "Das ist sie... zwar beschädigt aber, jetzt bin ich mir sicher", sagte der Dorfvorsteher fast schon ehrfürchtig.
Mathan betastete das Metall, das von feinen Linien durchzogen war, biss die Zähne zusammen und atmete tief durch. Halarîn legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Wie schlimm ist es?", fragte sie einfühlsam. "Vier bis fünf Kämpfe würde sie noch durchstehen." Seine Antwort kam prompt und er setzt sich wieder auf seinem Platz.
Er zog seine andere Klinge und legte sie daneben, während Anglaer nun beide Schwerter betastete. "Wir haben uns schon immer gefragt, was das Ganze zu bedeuten hatte. Die Fremde schien das irgendwie gewusst zu haben..." sein Blick fing den von Mathan, "Nun, ich denke Euer Ring passt zu dieser Truhe."
Der Elb spielte mit dem Ring seines Vaters am Finger und zog ihn unter den neugierigen Blicken seiner Gefährten ab. Es wurde etwas stiller, als er den Ring mit der Fassung und dem Berntstein voran in das passende Loch schob. Ein leises Klicken ertönte und Anglaer drehte die Kiste so, damit Mathan hineinblicken konnte. Der Elb klappte den Deckel zurück und runzelte die Stirn. Am Boden der hölzernen Kiste lag ein Medallion und ein Pergament. Er streckte die Finger danach aus und hob das Schmuckstück aus der Kiste. Es war eine silberne Kette mit einem goldenen Medallion, das man öffnen konnte. Es herrschte beinahe Stille und während Mathan das Schmuckstück inspizierte, holte Halarîn das Pergament hervor und legte es vor ihm hin. Seine Elbenaugen entdeckten ein einzelne Gravur in dem Gold, "M C N", las er vor und ließ geschockt das Medallion auf den Tisch fallen.
"Mathan Carnesîr Nénharma...", flüsterte Halarîn und sorgte für Überraschung.
"Wie" und "Warum" waren die meisten Fragen, ehe Mathan seiner Frau das Pergament abnahm. Es war eine Karte des Tals und am Kopf des Pergaments waren ebenfalls seine Initialen und ein paar Schriftzeichen, die er nicht lesen konnte.
"Darf ich?, fragte Anglaer höflich und der verblüffte Elb gab ihm die Karte. Während der Mann sie untersuchte, wurde Mathan mit Fragen bestürmt.
"Meine Mutter...", sagte er nach einer Zeit leise und strich sich die Haare zurück, "Sie war es, die diesen Menschen das Tal zeigte."
Súlien riss die Augen auf, öffnete den Mund und schloss ihn wieder. "Sie..sie ist eine Eiswächterin?!", fragte sie erstaunt und Mathan schüttelte den Kopf.
"Sie ist eine Elbe, die im zweiten Zeitalter verschollen ist. Bisher habe ich immer nur das Gefühl gehabt, dass sie noch irgendwo da draußen war...", er packte das Medallion und eine angenehme Kälte ging von dem Schmuckstück aus, "Es ist der erste Hinweis nach über zweitausend Jahren...", sagte er ernst und blickte zu Anglaer.
"Es ist eine Schatzkarte...", sagte dieser ernst und reichte sie ihm, "Soweit ich es erkennen konnte, musst du in den Teil hinter der großen Quelle. Wir gehen dort nicht sehr oft hin weil wir dort nicht den Befestigungen trauen."
"Also muss er baden gehen, bevor er diesen Schatz findet?", fragte Faelivrin skeptisch und Súlien nickte. "Das ist untypisch...", murmelte seine Tochter.
"Es ist ideal, die Holzstufen, die durch die Gletscherspalte dahinter führen sind nicht für Menschen gemacht. Jetzt wo ihr hier seid, macht das alles Sinn." Anglaer wirkte zufrieden und nickte ihm zu, "Wenn Ihr Hilfe braucht, lasst es mich wissen."
Mathan nickte ebenfalls und ließ sich in den Stuhl zurückfallen, er atmete tief durch um den Schock zu verarbeiten. Halarîn streichelte mechanisch seine Hand und gönnte ihm die Ruhe, die er nötig hatte, soweit es möglich war. Adrienne unterhielt sich angeregt mit Anastorias über die Truhe und dessen Inhalt, während die Leibwachen auf Avarin schnatterten und öfters lachten.

Nach einigen Momenten holte Mathan nochmal tief Luft und erhob sich. "Entschuldigt mich.", sagte er hastig, verstaute seine Schwerter und packte die Sachen seiner Mutter. Mit schnellen Schritten verschwand er aus dem Raum um seine Gedanken in Ordnung zu bringen. Das Medallion strahlte noch immer eine angenehme Kälte aus und gab ihm irgendwie das Gefühl von Geborgenheit. Eine einzelne Träne stahl sich aus seinen Augen, während er mit großen Schritten das Dorf durchquerte.
« Letzte Änderung: 24. Jan 2017, 23:39 von Curanthor »

Eandril

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Re: Die Eiswüste
« Antwort #5 am: 24. Jan 2017, 23:52 »
Nach Mathans Abgang hatte sich die Gruppe schnell verstreut. “Laedor hat eine merkwürdige Rolle in Mathans Geschichte gespielt”, meinte Finelleth, die mit Oronêl ein wenig durch das Dorf spazierte, und blickte über die große Quelle hinweg. Oronêl nickte. “Allerdings. Hätte er Kerry nicht nach Carn Dûm entführt, ich weiß nicht ob Mathan jemals auf diesen Ort gestoßen wäre.” “Dann hoffen wir, dass er dort etwas Gutes findet”, erwiderte Finelleth.
Oronêl lächelte, als er Kerry ein Stück entfernt auf einem Stein etwas oberhalb des Seeufers sitzen saß. Die Sonne war durch den Nebelschleier gebrochen, der häufig über dem Tal zu liegen schien, und ließ ihre blonden Haare beinahe leuchten. “Ich hoffe, du kannst mir verzeihen, wenn ich ein wenig mit Kerry spreche?”, fragte er, und Finelleth grinste auf die Art und Weise, die sie Calenwen besonders ähnlich sehen ließ. “Natürlich…”, erwiderte sie. “Allerdings habe ich dir die Sache mit dem Eiswasser noch nicht verziehen… meine Rache wird kommen.” Oronêl verneigte sich spöttisch, und lachte. “Ich werde bis zu diesem Tag in Angst davor leben.”

“He, Ron”, sagte Kerry mit einem schelmischen Grinsen, als Oronêl sich neben sie setzte. “Was macht deine Hand?” “Danke, meiner Hand geht es gut - zumindest dem, was davon übrig ist”, meinte Oronêl, und erwiderte das Lächeln. “Und falls dir Oronêl zu schwer ist, du kannst mich auch Archil nennen, oder Alphadar, oder Lasseron…”
“Schon wieder ein Ron”, unterbrach Kerry ihn bevor sie die Hände hob. “Schon gut, schon gut, ich bleibe bei Oronêl. Du hast also auch mehrere Namen, so wie ich?”, fragte sie neugierig, und Oronêl nickte. “Archil hat mich mein Vater genannt, Alphadar meine Mutter. Den Namen Lasseron hatte ich mir selbst gegeben als ich jung war… Und Oronêl stammt von Calenwen, vielleicht benutze ich ihn deshalb am liebsten.” Er berührte nachdenklich mit der Rechten das Medaillon auf seiner Brust, und fragte: “Ich hoffe, du hast nichts dagegen wenn ich es von jetzt an behalte?”
Kerry schüttelte energisch den Kopf. “Natürlich nicht. Immerhin gehört es dir.”
“Eigentlich…”, sagte Oronêl langsam. “... gehörte es nun dir. Ich hatte es dir geschenkt. Daher bin ich dir dankbar, dass du es mir zurückgibst.” Für einen Moment schwiegen sie beide und beobachteten Farelyë, die fasziniert das Spiel der Sonne auf dem Wasser der heißen Quelle beobachtete. Auch wenn die kleine Elbin der Sonne nicht ebenso viel Begeisterung entgegen brachte wie den Sternen, war sie doch offensichtlich von ihrem Schein fasziniert - natürlich, schließlich war die Sonne zum ersten Mal aufgegangen, nachdem sie im Eis gefangen worden war. 
Schließlich sprach Oronêl weiter: “Aber eigentlich bin ich nicht gekommen, um mit dir über Namen zu reden… Ursprünglich hatte ich vor, dich erneut um Verzeihung zu bitten.” Bevor Kerry widersprechen konnte, hob er die unverletzte rechte Hand. “Aber nachdem ich gehört habe, wie Finelleth darüber denkt, verzichte ich darauf, denn ich habe verstanden, dass ich nicht für jede von Laedors Untaten verantwortlich bin. Stattdessen bin ich einfach froh, dass du die Begegnung mit ihm einigermaßen unbeschadet überstanden hast.” Er bewegte abwesend die drei verbliebenen Finger seiner linken Hand, während Kerry aufmerksam zuhörte. Obwohl die Wunden an der Hand sorgsam verbunden worden waren, blieb doch ein dauerhafter Schmerz zurück, der dauerhaft zu pochen schien. Es war ein anderes Gefühl als bei jeder anderen Wunde, die Oronêl zuvor erlitten hatte, und es waren nicht wenige gewesen. Trotz seiner leichten Reden war es nicht leicht, ein Körperteil zu verlieren.
“Außerdem… musste ich mit jemandem sprechen. Über Laedor.” Oronêl sah Kerry aufmerksam ins Gesicht, denn er war sich nicht sicher, wie sie reagieren würde. “Ich muss die Geschichte erzählen - wer er war, und warum er zu dem geworden sein könnte, was du gesehen hast. Und ich dachte mir, nach deinen Erlebnissen hättest du ein Recht dazu, mehr zu erfahren”, sagte er, und ergänzte schnell: “Natürlich nur, wenn du das möchtest und dich bereit dazu fühlst.”
"Du hast so viel riskiert, um mich zu retten. Aber ich höre dir nicht aus Schuld oder Dankbarkeit zu, oder weil ich neugierig bin." Sie hielt inne und musste für eine Sekunde grinsen. "Also gut, vielleicht bin ich ein bisschen neugierig. Aber hauptsächlich werde ich mir das, was du über Laedor zu sagen hast, anhören, weil du mein Freund bist, Oronêl. Und Freunde sind füreinander da, so wie du für mich da warst als du mit meinen Eltern bis nach Angmar reistest um mich zu retten."
“Menschen sind wirklich etwas besonderes…”, sagte Oronêl leise, während ein Sonnenstrahl das Wasser der Quelle aufleuchten ließ, und Farelyë entzückt aufseufzte. “Laedor wurde spät im Zweiten Zeitalter geboren, und sein Vater wurde kurz darauf im Krieg des Letzten Bundes getötet.”  Taradan hatte zu Amdírs Leibwache gehört und war gefallen um das Leben seines Königs zu retten - ein Opfer, dass sich kurz darauf als allzu fruchtlos erwiesen hatte. “In seiner Jugend war Laedor geradezu… besessen davon, ein großer Krieger zu werden und seinen Vater zu rächen. Er war der ideale Schüler, und ich konnte ihm alles beibringen was ich wusste ohne, dass er sich je beklagte - und obwohl wir nie wirklich gute Freunde wurden, habe ich ihn irgendwann zu meinem Stellvertreter gemacht.” Er schwieg erneut für einen Moment und dachte an diese Zeiten zurück. Laedor war immer still und zurückhaltend gewesen hatte wenig Freunde gehabt, und war dennoch ein guter Kämpfer und Anführer gewesen - darauf hatte auch Oronêls Entscheidung, ihn als seinen Stellvertreter zu wählen, beruht.
“Und was geschah dann?”, fragte Kerry nach, als Oronêl nicht weitersprach. “Irgendetwas muss doch geschehen sein, dass er so… böse wurde.” Oronêl sah sie an, und lächelte. “Er hat sich in die falsche Frau verliebt - besser gesagt, in zwei. Die erste war Nimrodel, vielleicht hast du ihre Geschichte einmal gehört. Sie war ein merkwürdiges Elbenmädchen, dabei allerdings sehr schön und freundlich. Niemand wusste so genau, woher sie kam, doch Laedor verliebte sich in sie, und leider nicht nur er. Auch Amroth, der König von Lórien zu jener Zeit liebte Nimrodel, und sie ihn. Jetzt, so viel später, ist mir klar, dass Laedor nie wirklich über Nimrodel hinweg war, und dennoch verliebte er sich in eine weitere Frau: Meine Tochter.”
“Davon hat er erzählt”, warf Kerry, die stumm und neugierig gelauscht hatte, ein. “Er sagte, dass er nach ihr gesucht hat, und dass sie sein sein würde - er hatte sogar ein Bild von ihr.”
“Das wird nicht mehr geschehen”, meinte Oronêl, obwohl ihm ein Schauer über den Rücken lief. Willst du wissen, was ich mit deiner Tochter… “Jedenfalls liebte Mithrellas nicht ihn, sondern Amroth - von Kindesbeinen an, und so verlor Laedor das zweite Mal gegen Amroth. Vielleicht hätte ich dafür sorgen sollen, dass sie Laedor geheiratet hätte, aber…” Oronêl zuckte mit den Schultern. “Sie waren erwachsen, und selbst wenn nicht - man kann niemanden dazu zwingen, jemand anderes zu lieben.” Er seufzte tief, als er fortfuhr: “Ich kann nur vermuten, was in Laedor zu dieser Zeit vorging. Als Amroth und Nimrodel Mittelerde verlassen wollten, stellte er ihnen im Weißen Gebirge eine Falle und trennte sie voneinander. Mithrellas und ich hatten sie begleitet, und während ich Amroth sicher zu seinem Schiff brachte, hatten Mithrellas und Nimrodel sich in den Bergen verirrt. Das war das letzte Mal, dass ich meine Tochter gesehen habe - bis vor drei Monaten. Und erst als Lórien fiel, erzählte mir Laedor, was wirklich geschehen war.” Oronêl verstummte erneut, und blickte erneut gedankenverloren auf die Quelle hinaus, während in seinem Kopf die Kampfgeräusche und das Prasseln der Flammen, die das Holz der Bäume verzehrten, widerhallten. Er spürte, wie Kerrys Hand sich sanft auf seine legte, und erwiderte ihr aufmunterndes Lächeln.
“Hin und wieder braucht jeder Trost. Danke”, sagte er, bevor er mit seiner Erzählung fortfuhr: “Er fand Nimrodel in den Bergen und versuchte sie zu überwältigen, doch durch einen Unfall stürzte sie von einer Klippe in den Tod. Da er Mithrellas nicht finden konnte, verfolgte er Amroths Spuren bis nach Edhellond, wo sein Schiff im Hafen lag, und durchschnitt die Taue, sodass es im Sturm auf das Meer hinaus trieb. Amroth, der nicht ohne Nimrodel nach Westen fahren wollte, sprang schließlich über Bord und ertrank in der Bucht.” Wieder machte Oronêl eine Pause. Der Tag, an dem er von Amroths Tod erfahren hatte, war der schrecklichste in seinem Leben seit langem gewesen, denn vor der Schlacht auf der Dagorlad hatte er Amdír versprochen, auf Amroth zu achten, und dieses Versprechen hatte er nicht erfüllen können. Umso glücklicher war er nun darüber, dass Kerry hier unverletzt und sicher neben ihm saß, denn auch ihr hatte er ein Versprechen gegeben.
“Das interessante daran ist, dass Laedor weder Nimrodels noch Amroths Tod wirklich offensichtlich beabsichtigt hatte”, fuhr er schließlich fort. “Und ich denke, dass sein Fall erst damit abgeschlossen war, dass er diese Tode als sein Tun zu verstehen begann, und sich darüber freute.” Und mit dem, was danach in Lórien geschehen ist, dachte er bei sich, doch danach würde er zuerst Mithrellas fragen müssen. Es war kein Gespräch, auf das er sich freute.
Kerry strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und fragte: “Aber warum hat er dich dann so sehr gehasst? Nach dem was du erzählt hast… hast du ihm doch nichts getan?” Oronêl zuckte mit den Schultern, und erwiderte: “Ich kann es nicht genau sagen. Aber ich denke, nach Amroths Tod war ich für seinen verblendeten Geist die Verkörperung von allem, was er inzwischen hasste. Ich weiß nicht, wie viel Saruman über mich wusste, nach… Jedenfalls könnte er sich diesen Hass zunutze gemacht haben, um Laedor zu einer Waffe gegen mich und alle in meiner Nähe zu machen - falls ich so wichtig bin.”  Er atmete tief durch, und lächelte dann. “Ich wusste, es würde gut tun mit jemandem darüber zu sprechen.”
“Oder zu jemandem”, erwiderte Kerry schelmisch, und Oronêl musste lachen. “Oder zu jemandem, das ist wahr. Ich hoffe, ich habe dich nicht gelangweilt.” Kerry schüttelte den Kopf. “Nein, überhaupt nicht. Und ich würde gerne eines Tages mehr erfahren - über Lórien, Dol Amroth, Amroth und Nimrodel… Alles, was du mir erzählen kannst. Und möchtest.”
“Alles, was du wissen möchtest”, antwortete Oronêl.

“Fürs erste möchte ich nur wissen, was Mathan finden wird… und was es mit Farelyë wirklich auf sich hat.” Kerry klang neugierig, doch Oronêl wusste, dass sie keine wirkliche Antwort erwartete. “Darauf kann ich dir leider keine Antwort geben”, erwiderte er, und betrachtete das junge Elbenmädchen, das entdeckt hatte wie sie flache Steine auf dem Wasser hüpfen lassen konnte, nachdenklich. “Aber zu Farelyë kann ich dir einen Rat geben: Erkläre du ihr die Welt, wie du damit angefangen hast.”
“Ich?”, fragte Kerry verwundert. “Aber ich bin keine Elbin.”
“Ganz genau deshalb. Sieh sie dir an.” Oronêl deutete mit der Rechten auf Farelyë. “Sie ist so jung, und das letzte Mal, dass sie die Welt gesehen hat, war die Welt eine andere. Mathan, Halarîn, ich, oder jeder andere Elb - wir sehen die Welt immer auch durch unsere Erinnerungen. Aber im Vergleich zu uns bist du nahezu unendlich jung, und deine Sicht auf die Welt mag eine ganz andere sein als die unsere - und der Farelyës deutlich ähnlicher. Ich denke, wenn ihr jemand helfen kann sich in dieser Welt zurecht zu finden, dann du. Es war sicherlich kein reiner Zufall, dass du ihr im Kerker von Carn Dûm begegnet bist.”
“Du willst damit sagen, dass ich ein Kind bin, wie sie?”, fragte Kerry, anscheinend empört, doch auf Oronêls betroffenen Gesichtsausdruck hin lachte sie. “Nein, ich verstehe was du meinst - glaube ich. Ich weiß nur nicht, ob ich das wirklich kann.”
“Das weiß niemand von uns, bevor er etwas tut…”, meinte Oronêl leise. “Aber es ist trotzdem wichtig, es zu versuchen.”

Listen to the wind blow, watch the sun rise
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Der Trost einer Tochter
« Antwort #6 am: 25. Jan 2017, 10:25 »
"Also gut," sagte Kerry und ihr Blick verweilte für einen langen Moment auf Oronêls braunen Augen, aus denen die Lebenserfahrung so vieler Jahre sprach. Noch immer konnte Kerry sich kaum vorstellen, wie es sein musste, einfach immer weiterzuleben und immer mehr Erinnerungen und Eindrücke anzusammeln. Sie vermutete, dass eine so lange Zeit wie Oronêl (und Mathan und Halarîn) sie bereits erlebt hatten, auch eine gewisse Last mit sich brachte. Und in Oronêls Augen konnte sie erkennen (oder bildete es sich zumindest ein), dass sie damit richtig lag.
"Ich kann ihr die Welt zeigen, wie ich sie erlebe, wenn es ihr hilft," sagte Kerry schließlich mit einem Blick auf Farelyë, die noch immer am Ufer des kleinen Sees stand und hin und wieder fröhliche Worte von sich gab.
"Und... ich danke dir, dass du mir Laedors Geschichte erzählt hast. Er hat mich zwar schlecht behandelt und mir den besten Tag meines Lebens kaputt gemacht, aber durch sein Handeln hat er dafür gesorgt, dass wir die Wunder dieses Orts erleben dürfen und dass Farelyë gerettet wurde, ehe Saruman oder sonst wer furchtbare Dinge mit ihr anstellen konnte."
Oronêl nickte lächelnd. "Nun, ich bin froh, dass immerhin eine seiner Taten zu einem halbwegs guten Ausgang geführt hat."
"Bis auf deine Finger," warf Kerry mitleidvoll ein. "Oronêl, es tut mir so..."
Er unterbrach sie und sagte: "Genug der Schuldzuweisungen, Kerry. Es ist, wie es ist. Und ich bin froh, dass wir alle mehr oder weniger heil aus der Sache herausgekommen sind."
"Das bin ich auch," erwiderte sie. "Das bin ich auch."

Farelyë kam schließlich zu ihnen herüber und ergriff Kerrys Hand. "Címa," sagte sie fröhlich."
"Das bedeutet Hand," erklärte Kerry eifrig. "Ich versuche, ihre Sprache zu lernen."
"Selbst für Halarîn ist es schwer, dieses uralte Avarin zu verstehen," entgegnete Oronêl. "Schön, dass du es trotzdem versuchst."
Kerry nickte, doch dann schenkte sie Oronêl ein entschuldigendes Lächeln, als Farelyë begann, sie in Richtung des Gästehauses zu ziehen. "Tóla, Morilyë," forderte die kleine Elbin, und Kerry verstand. Komm.
"Bis später, Oronêl," verabschiedete sie sich.

Im Inneren des Gästehauses, in dem Zimmer, das Mathan und Halarîn bezogen hatten, fanden sie Kerrys Mutter, die unruhig auf- und abging. Mathan war nun bereits seit einigen Stunden fort und Kerry konnte deutlich sehen, dass Halarîn die Trennung nicht gut verkraftete. Ehe sie etwas sagen konnte ging Farelyë zu Halarîn hinüber und flüsterte ihr einige leise Worte ins Ohr, die Kerry nicht verstand. Und mit einem Mal blickten beide Elben zu ihr herüber, während Halarîn auf Avarin zu Farelyë sprach. Und die kleine Elbin schien zu verstehen. Sie strahlte und sagte: "Halarîn ni-amilai Morilyë?" Und Halarîn nickte bestätigend.
Halarîn setzte sich auf die Kante des großen Bettes, das an der Rückwand des Raumes stand. Und nun, auf Augenhöhe mit Farelyë, die vor ihr stand, erschienen die beiden für Kerry für einen Augenblick die Rollen getauscht zu haben; sie wirkten wie eine gütige, weise Elbenfürstin, die Trost und Rat an eine junge Elbin weitergab. Farelyë streckte ihren Arm aus und hob mit ihren Fingern sachte Halarîns Kinn an, da diese den Blick gesenkt hatte.
"Hwenti tólai," sagte Farelyë. Es klang wie ein Versprechen.
Dann verging der Moment, und Farelyë rollte sich glücklich auf dem Bärenpelz zusammen, der auf dem Boden lag. Kerry war noch immer darüber erstaunt, wie oft das Mädchen schlief - und wie leicht es ihr gelang, einzuschlafen.
"Was hat sie gesagt?" fragte sie und setzte sich neben ihre Mutter, die sehr nachdenklich drein blickte.
"Sie... sie hat..." begann Halarîn, doch dan stockte sie. Kerry ergriff ihre Hand und war erschrocken, wie kalt diese war. Sie legte ihren Arm um Halarîns Taille und schmiegte sich eng an sie, wie um sie zu wärmen. Und schließlich fuhr Halarîn fort: "Trotz ihrer Jugend - ich kann es nicht anders beschreiben - besitzt sie zumindest einen Teil der Weisheit der Ersten. Ich bin mir gar nicht vollständig sicher, was sie wirklich gesagt hat - sie ist sehr schwer zu verstehen - aber es waren Worte des Trostes und der Ermutigung. Und am Ende sagte sie, dass... dass die Hwenti unterwegs sind."
"Die Hwenti? Dein Volk?" fragte Kerry, und Halarîn nickte bestätigend.
"Ich weiß nicht, was sie damit gemeint hat. Die Avari, die nicht mit Faelivrin in die neuen Lande zogen leben weit im Osten, an der Küste des großen Meeres weit jenseits von Rhûn. Vielleicht hat sie die Bewohner des Königreichs Manarîn gemeint."
"Wahrscheinlich," vermutete Kerry. "Sie muss mitangehört haben wie Nésa von der Vorhut erzählt hat."
Halarîn seufzte leise und ihre freie Hand strich abwesend durch Kerrys Haar. "All diese Geheimnisse und Mysterien in letzter Zeit sind etwas ... anstrengend."
Doch Kerry spürte, dass es etwas anderes gab, das ihre Mutter noch mehr belastete. "Ich bin mir sicher, es geht Ontáro gut," sagte sie mit all der Zuversicht die sie aufbringen konnte. "Seine Mutter hat ihm diese Hinweise hinterlassen damit er..." Sie stockte. Ja, warum eigentlich? Was wollte Mathans Mutter damit erreichen? dachte sie. "Ich bin mir auf jeden Fall sicher, dass sie ihn nicht in eine Falle locken wollte oder ihn vor eine Aufgabe stellen würde, die er nicht lösen könnte. Er schafft das."
Halarîn blickte auf und in ihren silbrig glänzenden Augen standen Zweifel, Sorge... und Hoffnung. "Morilië, ich..." begann sie, aber erneut brach sie ab.
Kerry wiederholte tröstlich: "Er schafft das. Du wirst es sehen. Und dieser Hinweis auf den Verbleib seiner Mutter wird ihn noch stärker machen."
"Es ist nicht nur das," erwiderte Halarîn, nun immerhin etwas zuversichtlicher. "Ich mache mir Sorgen um die Manarîn... nach all dem, was Faelivrin erzählt hat, weiß ich nicht, ob Mittelerde der richtige Ort für sie ist, nun, da die Schatten Saurons und Sarumans über der Welt liegen."
"Sie können nicht für immer siegen," sagte Kerry mit einer Hoffnung aus ihrem Inneren, die sie selbst nicht ganz verstand. "Sie können besiegt werden," bekräftigte sie. "Du hast es gesehen, in Fornost und in Rohan und an anderen Orten. Und Faelivrins Volk kann in Eregion eine neue Heimat finden, jetzt, wo Sarumans Schlagkraft in Eriador und Angmar so geschwächt ist. Und außerdem... haben sie ja dich und Mathan, die ihnen zur Seite stehen."
"Und dich, tapfere Morilië," fügte Halarîn mit einem schwachen Lächeln hinzu. "Du bist stärker, als du aussiehst, meine Tochter."
Anstatt einer Antwort drückte Kerry ihre Mutter einfach. Sie war froh, ihrer Mutter etwas von dem Trost zurückzugeben, die Halarîn ihr in Fornost gespendet hatte. Und schließlich spürte sie, wie Halarîn sich langsam entspannte.

"Vielleicht solltest du es Farelyë gleichtun und etwas schlafen, Amil," schlug Kerry nach einigen Minuten vor. "Ich wecke dich, wenn Ontáro zurückkehrt. Versprochen!"
Halarîn dachte einen Augenblick darüber nach, dann nickte sie langsam und legte sich auf das Bett. "Womit habe ich nur eine so weise Tochter verdient?" fragte sie schmunzelnd."
"Ich habe so meine Momente," gab Kerry fröhlich zurück.
Sie verließ den Raum in dem die beiden Elbinnen schliefen und traf am Eingang des Gästehauses auf Finelleth und Súlien, die beide mehrere Speere in Händen hielten.
"Was habt ihr denn vor?" fragte Kerry neugierig.
"Wir werden fischen gehen," erklärte Súlien. "Möchtest du mitkommen?"
Kerry nickte und schloss sich den beiden Frauen an, die den Weg zum hinteren Teil der Schluch einschlugen. Súlien führte sie hinter einem der letzten Gebäude hindurch und bog nach rechts ab, auf die steile Eiswand zu, die sich am Rande des Tals senkrecht erhob. Sie blieben stehen und vor ihnen ragte eine gewaltige Eisformation hervor, die Súlien als den gefrorenen Wasserfall vorstellte. "Darunter fließt das Wasser hindurch, das den See speist," erklärte sie.
"Ich nahm an, die heißen Quellen würden den See speisen," sagte Finelleth verwundert.
"Nein, dann wäre er viel zu warm um Leben darin zu ermöglichen," fuhr Súlien mit der Erklärung fort. "Der Fluss, der vor Urzeiten dieses Tal schuf, ist schon lange eingefroren und nur ein sehr kleiner Teil des Wassers ist noch in Bewegung, bis es die Wärme des Tals erreicht und genug davon schmilzt, um den See zu bilden. Und hier ist die Stelle, an der der Tau einsetzt." Sie zeigte mit dem Speer auf eine ausgehöhlte Stelle im Eis, neben ihren Füßen. Darunter war fließendes Wasser zu sehen, das in Richtung des Sees davonströmte. "Wir halten dieses Loch stets offen, denn dieser Engpass ist die beste Stelle zum Fischen. Seht gut zu!"
Súlien spannte sich an und hob den Speer, mit der Spitze auf das Loch zeigend. Mehrere lange Minuten vergingen, in denen Kerry bereits zu glauben begann, dass sich nie ein Fisch zeigen würde. Doch dann erhaschte sie eine schemenhafte Bewegung im Wasser und Súlien reagierte blitzschnell und mit jahrelanger Erfahrung. Ihr Speer schnellte hinab und beinahe sofort riss sie ihn wieder nach oben. Und tatsächlich zappelte ein Fisch an der Speerspitze.
Finelleth war begeistert. "Ich bin als Nächste dran," rief sie und ging in Stellung. Ihr erster Versuch ging daneben, doch bereits beim zweiten Fisch hatte sie Erfolg.
Kerry begnügte sich damit, Súlien und Finelleth die Speere zu reichen und war es zufrieden. Sie genoss die unbeschwerte Zeit im Tal, doch sie ertappte sich auch dabei, wie sie immer wieder Blicke in Richtung der Schlucht warf, in der Mathan auf den Spuren seiner Mutter verschwunden war.
Ich hoffe, er findet, was er sucht, dachte sie.
« Letzte Änderung: 25. Jan 2017, 12:19 von Fine »

Curanthor

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Des Rätsels Lösung
« Antwort #7 am: 25. Jan 2017, 15:15 »
Seine Beine hatten Mathan zu dem kleinen Wäldchen geführt. Ohne große Mühe war er auf einem Baum geklettert und saß auf einem Ast. Von hier oben bot sich ihm ein guter Überblick über das Dorf. Er erblickte ab und zu einige Dortfbewohner am Teich oder an der großen Quelle, doch achtete er nicht besonders darauf. Ihm war es gleich wie viel Zeit verging. Er senkte den Blick und öffnete die Hand, mit der er das Medallion seiner Mutter die ganze Zeit umklammerte. Es strahlte permanent eine kühlen Hauch durch seinen Körper, der ihn aber nicht weiter beunruhigte. Seine Finger schlossen sich um das Gold und er steckte das Schmuckstück in seine Hosentasche. So lange hatte er nichts gehört von seiner Mutter und jetzt, da ihn sein Weg in den Norden führte, hatte er ein so deutliches Zeichen erhalten. Er vergrub den Kopf in den Händen und raufte sich die Haare. Es war ständig ein Verlangen gewesen, nach Norden zu gehen aber getraut hat er sich nie. Jetzt bereute er es, dass er so lange es nicht getant hatte.
Woher wusste sie, dass ich hier her kommen würde? Diese Frage ging ihm ständig durch den Kopf. Verzweifelt hieb er mit der Faust gegen den Baumstamm und betrachtete die Karte, die den Zugang zu der Gletscherspalte hinter der großen Quelle beschrieb. Er legte das Pergament sorgfältig zusammen und steckte es in die Tasche seines Umhangs. Sein Blick ging durch das Tal und er spürte die Trauer in seinem Herzen wachsen. Hier hat also Mutter sich aufgehalten während sie Vater und mich im Stich gelassen hatte. Er spürte einen Stich im Herzen und schüttelte den Kopf. Der Grund musste wohl sehr gut sein, wenn sie woanders herumläuft und sich nicht um ihre Familie kümmert. Zumindest redete er sich das die ganze Zeit ein. Mathan war froh, dass ihn keiner belästigte, denn so zwischen Trauer und Wut war er sich nicht sicher, wie er reagieren würde. Er dachte zurück an das Gesicht seines Vaters, als er erfuhr, dass seine Frau verschwunden war. Die unendliche Trauer... und ein Funken in den Augen, den er sich nie hatte erklären können. Dem Elb war klar, dass er seine Eltern nicht sehr gut kannte, aber er wusste, dass sie ihn sehr geliebt haben. Sein Vater hatte es sehr oft gesagt. Und gezeigt, dachte er sich und strich über den Ring am Finger. Er schluckte hart. Irgendwann muss man über seinen Schatten springen, sagen die Menschen. Ich schätze, nun ist es für mich Zeit., dachte er sich und ballte die Hände zu Fäusten. Er würde nicht mehr vor der Vergangenheit davon laufen, sich nicht mehr hinter Trauer verstecken und sich nicht zurückziehen. Er hatte gute Freunde, das etwas nachdenkliche Gesicht von Oronêl erschien vor seinem inneren Auge, es wechselte zu einer stolz aufblickenden Adrienne, woraufhin er lächeln musste. Acharnor, der sich übermütig kämpferisch gab, Finelleth, die sich immer aufmerksam umblickte, sogar Ardóneth, der etwas traurig dreinblickte aber dann die Mundwinkel hob. Mit ihnen hatte er in kurzer Zeit schon viel erlebt. Eine heftige Schlacht, eine wundervolle Feier und einige schöne Gespräche. Dann die Jagd auf Laedor um seine Tochter zu retten. Er hatte Familie. Eine Familie, die großartig war und viele Facetten besaß. Er würde sie immer beschütze, egal was geschehen würde, sogar vor sich selbst. Kerrys strahlendes Gesicht erschien zusammen mit Halarîns und Faelivrin, die das blonde Mädchen sanft lächelnd in die Mitte genommen haben und ihr jeweils auf eine Wange küssten. Eine einzelne Träne stahl sich erneut davon, die er aber nicht fortwischte. Mathan zog seine Klingen und betrachtete die gesprungene Klinge. Selbst wenn es dabei zerbrechen würde, sein Kamp galt immer seiner Familie.

Er holte schwung und sprang vom Baum herab. Eine Bewohnerin des Tals stieß einen überraschtes "Huch" aus und starrte ihn an. Er lächelte und nickte ihr zu, verwirrt erwiderte sie es und fragte, ob sie etwas für ihn tun könnte. Er fragte freundlich, ob sie auf seine Sachen aufpassen könnte, was sie mit einem Nicken beantwortete. Er schnallte seine Schwerter ab und reichte es ihr. Das Pergament kannte er schon auswendig, so oft hatte er es angestarrt und reichte ihr seinen Mantel. Er nickte der Frau zu, die sagte, sie würde die Sachen in sein Zimmer bringen. Er drehte sich um und blickte zu der Quelle, langsam ging er die Anhöhe herunter und zog dabei sein Oberteil aus. Achtlos warf er es beiseite, grimmige Entschlossenheit durchfuhr ihn.
Seine Hand wanderte in seine Tasche und zog das Medallion seiner Mutter hervor. Verzeih mir, ich war noch nicht bereit... doch jetzt bin ich es, dachte er sich und striff seine Stiefel ab. Dann lief er los. Er rannte und dachte nur an das Gesicht seiner Mutter. Er beschleunigte immer schneller und rannte nun schneller als ein Mensch. Seine Musklen beschwerten sich, doch er ignorierte es. Einigige Meter vor der Quelle zog er sich das Medallion über den Kopf. Das Gold berührte seine Brust und ein kühler Hauch erfasste seinen Körper. Dann war er an der Quelle heran und machte einen unmenschlichen Sprung nach vorn. Er streckte seine Arme nach vorn und tauchte in das Wasser ein. Es war warm und schmeichelte seinen Körper. Seine Hose saugte sich voll, doch konnte er noch gut schwimmen. Mit kräftigen Zügen legte er die Strecke bis zum beschriebenen Steg zurück. Mathan tauchte öfters auf um Luft zu schnappen und die Richtung zu kontrollieren, bis er das alte Holz erreichte. Ohne zurückzublicken kletterte er auf den Holzsteg und blickte in die schmale Gletscherspalte. Einzelne Bretter waren an den Seiten befestigt, weiter hinten machte die schmale Schlucht einen Bogen. Er fragte sich erst gar nicht wie das gemacht wurde und straffte sich. Etwas in ihm sagte, dass er es schaffen kann.

Mathan lockerte seine Muskeln und strich sich über das Medallion seiner Mutter. Ich folge deinen Weg, den du dir für mich überleg hast, Mutter. Aber ich werde auch meinen Eigenen gehen. Er machte den ersten Satz und landete auf dem ersten Holzbrett, dass leise knirschte. Ihm wurde klar, dass er auf den Anderen nicht so lange stehen konnte und wendete seine taktischen Kentnisse an, wie er am besten dadurch kommen würde. Als das Holz schon bedrohlich knackte hatte er einen Plan gefasst und setzte einen Fuß gegen die Eiswand. Er stieß sich von der Wand ab und landete auf der nächsten Holzplatte, dies wiederholte er sechs mal, bis er an der Stelle ankam, an der ein eisiger Sims in das Eis gehauen war. Er zögerte und sprang. Sein Fuß rutschte daran ab, kurz flackerte Panik auf und er griff sofort nach dem Sims. Seine Finger krallten sich in dem Eis fest. Einhändig baumelte er in der Gletscherspalte und hangelte sich keuchend den Sims entlang. Der Elb folgte dem Sims um eine lang gezogene Biegung und betrachtete das Eis vor seiner Nase. Es war von winzigeg Luftblasen durchsetzt und wies mehrere Schichten auf. Als er das Ende des Eissims erreichte, verharrte er und blickte nach oben, doch dort sah er nur das Eis von unten. Ihm kam eine Idee und er blickte nach unten, wo er Wasser sah, das recht wild floss. Kurz blickte er sich in der engen Eisspalte um und bemerkte Etwas an der Wand gegenüber des Sims. Er nahm seine letzten Kräfte zusammen und wechselte den Griff und drehte seinen Körper, damit er das Eis untersuchen konnte. Mathan runzelte die Stirn und erkannte Schriftzeichen. Sie standen über Kopf. Dann begriff er.
Du kennst mich gut, Mutter., dachte er sich und ließ los. Er fiel etwa vier Meter und schlug im Wasser auf. Es zog kurz an den Fußsohlen, als er die Wasseroberfläche traf. Das Wasser war warm und spülte ihn sofort davon, durch eine enge Spalte hindurch, unterhalb der Eiswand, an der er zuvor entlanggeklettert war. Es war dunkel und er hielt die Luft an, während er von dem Wasser weggetragen wurde. Ein Grinsen huschte über sein Gesicht, als er begriff, was auf der Karte gestanden hatte. "Fürchte nicht das Wasser" Das hatte seine Mutter zu ihm gesat, als er das erste Mal in einem Fluss schwimmen gegangen war. Sie hatte die Botschaft auf dem Pergament verschlüsselt, natürlich. Beruhigt ließ er sich treiben und spürte, dass die Strömung nachließ. Er öffnete die Augen und erblickte Licht am Ausgang des Tunnels in dem er sich befand. Zusammen mit den Wassermassen wurde er aus dem Eis gespült. Klatschend landete er in einem kleinen See. Prustend tauchte Mathan auf und blickte sich neugierig um: Er befand sich in einem kleinen, unterirdischen Dom aus Eis. Der Raum war vielleicht zwanzig Schritt im Durchmesser und kreisrund. Er stand in einem kleinen Teich. Das Wasser aus dem Tunnel versiegte und der Elb begriff, dass es ein Mechanismus war, den er zuvor beim Klettern aktiviert haben musste. Seine Mutter wahr wirklich clever, er fragte sich erst gar nicht wie sie das alles erschaffen konnte, denn Zeit hatte sie genug. Vorsichtig zog sich Mathan aus dem Teich und sah sich genauer um. In der Mitte des Doms befand sich eine ringförmige Vertiefung, darin stand zu seiner Überraschung ein Bett. Er näherte sich dem Lager und setzte sich darauf, scheinbar war es schon sehr lange verlassen. Er blickte nach oben und erblickte dutzende Lichtschächte, die die Höhle mit eisblauen Licht durchdrangen. Ein Glitzern an der Wand gegenüber des Teichs erhaschte seine Aufmerksamkeit. Mathan stand auf und näherte sich der Wand. Er bemerkte, dass es eine andere Art Eis war, als das was er in dem ganzen Tal gesehen hatte. Neugierig ließ er seine Hand über die kalte Struktur fahren und ertastete einen kleinen Saphir, der wie ein Stern aussah. Es war das, was zuvor das Licht reflektierte, dachte er sich und runzelte die Stirn, als er weiter tastete. Drei Initialen. Er grinste, seine Mutter war wirklich ein Genie. Aus einer plötzlichen Eingebung zog er das Medallion über den Kopf, mit vor Aufregung zitternden Händen öffnete er den kleinen Verschluss. Überrascht runzelte er die Stirn, es war gefüllt mit Eis, das einen eigenartigen Schimmer besaß. Er schüttelte das Medallion und stellte es auf den Kopf. Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte er sogar das Eis herauszuklopfen, doch es ging nicht. Das Medallion in der Hand und den Finger auf dem Saphir an der Wand stand er etwas ratlos da und betrachtete den Dom. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass womöglich seine Mutter hier gelebt haben musste. Neugierig inspizierte er jeden Winkel des Raumes, doch war alles leer. Der Teich blubberte leise, da er scheinbar zu einer warmen Quelle Zugang hatte. Trotzdem gab es keinen Ausgang. Und wie hat sie die Höhle verlassen? Er grübelte und setzt sich auf das Bett, dass genau in der Mitte stand. Er runzelte die Stirn und legte den Kopf schief. Er verglich den Standort des Bettes mit dem Saphir an der Wand. Das Kopfende des Bettes zeigte genau darauf. Mathan seufzte und schalte sich einen Narren. Er nahm das geöffnete Medallion und drückte die Innenseite mit dem Eis gegen den Saphir. Es geschah nichts. Enttäuscht trat er zurück und betrachtete das Schmuckstück. Ein Knirschen ließ ihn aufblicken, als zwei Blöcke aus Eis wie eine Tür zurückschwangen und den Blick auf einen kleineren Raum freigaben. Mathan bemerkte, dass es stark an das Tor von Moria erinnerte. Zögerlich trat er ein und sah sich um, in der Mitte des kleinen Raumes stand ein riesiger Eisblock, davor lag eine Metallplatte auf dem Boden. Neugierig hob er sie auf und wischte die Eiskristalle darauf fort. "Silmacil", murmelte er leise und fuhr mit den Fingern über die Tengwarzeichen, die den Namen preisgaben. "Das scheinende, weiße Schwert? Wo soll es sein?", fragte er halb laut und erwartete keine Antwort. Er blickte sich suchend um, aber bis auf eine rauschende, warme Quelle, die hinter dem Block aus Eis verlief konnte er nichts entdecken. Wenigstens hatte er einen Ausgang gefunden, denn er war sich sicher, dass dies der Weg nach draußen war. Grübelnd drehte er die Metallplatte um und ihm stockte fast der Atem. Es war eine Nachricht darauf eingraviert. Mit klopfenden Herzen las er die kleinen, eng aneinander liegenden Schriftzeichen:

Mein geliebter Sohn,
du hast einen Teil deines Lebens gemeistert und das ohne mich.
Nun musst du den nächsten Abschnitt meistern, doch dieses Mal werde ich ein Teil davon sein.
Silmacil ist ein Geschenk deines Vaters und mir, für dich.
Es ist ein Meisterwerk, doch unser wahres Meisterwerk, mein Sohn, das bist du.
Ich bin mir sicher, Silmacil wird dir ein Licht sein und ein treuer Gefährte.
Es wird dich stets begleiten und dich an deine Eltern erinnern.
Deine dich liebende Mutter,
Ringelendis

Mit Tränen in den Augen ließ er die Metallplatte aus der Hand fallen und brach in die Knie. Er hörte die Worte seiner Mutter in seinen Gedanken ständig sich wiederholen. Dabei hörte er sie so, als ob sie gerade vor ihm stand. Er wischte die Tränen fort und die nassen Haare aus dem Gesicht. Sie wusste ganz genau, dass er hier herkommen würde. Es war auch nicht schwer zu erraten gewesen, immerhin ist er ihr Sohn. Er lächelte in sich hinein bei dem Gedanken und erhob sich wieder. Mathan straffte sich und ging hinter den Eisblock und erblickte einen dunkelblauen Schwertgriff, der in dem Eis steckte.
Zögerlich strich er über das kalte Metall und überlegte einen Moment. Mathan kniete sich nieder und betrachtete das Eis, in dem die Waffe steckte. Zu seiner Überraschung waren zwei Schwertgriffe, die perfekt aneinander lagen. Neugierig geworden packte er die Klingen und zog an dem Griff. Erst tat sich nichts, bis er mit aller Kraft sich gegen den das Eis stemmte und mit einem Ruck die Klingen gezogen bekam. Durch den plötzlich fehlenden Widerstand landete der Elb auf dem Hintern, doch es war ihm egal, er hatte nur Augen für Silmacil. Es war, als ob das Schwert...oder die Schwerter? Geradewegs aus dem Ewigen Eis geschmiedet wurden. Ein eisblauer Schimmer ging von den Klingen aus und eine Kälte, die Mathan bekannt vorkam, sie kroch ihm in die Hände. Er strich mit dem Finger über das glatte Metall, dass mit einer leicht gebogenen Klingenspitze tiefe Wunden schlagen konnte. Der Handschutz war exotisch in einer Drachenklaue geformt und er grinste. Sein Vater hatte immer schon Spaß an solchen äußerlichen Spielereien gehabt, seine Mutter hielt das aber immer für überflüssig, ein wahrhaftig ewiges Streitthema. Scheinbar haben sie sich geeinigt... Er legte die Schwerter aneinander und verwundert bemerkte er, dass er einige Kraft brauchte, um die beiden Klingen voneinander zu lösen. Gedankenverloren betrachtete er seine neuen Waffen und strich über das Medallion seiner Mutter. Mathan stand auf und legte Simacil auf den Eisblock und blickte sich nochmals in dem Raum um, beiläufig bemerkte er, dass die Waffe länger war als seine Alte. In einer Ecke, die er zuvor nicht bemerkte, sah er eine kleine Einkerbung im Eis. Ein Schmunzeln lag ihm auf den Lippen, er kniete sich in die Ecke und tastete in das Eisfach. Etwas klirrte und er zog zwei Schwertscheiden hervor und ein abgenutztes Gurtzeug. Scheinbar hat nicht alles die Zeit so unbeschadet überstanden, dachte er sich, während er den Waffengurt anlegte. Ehrfürchtig nahm er Silmacil von dem Eisblock und trennte die Klingen voneinander. Langsam ließ er die Waffen in die passenden, eisblauen Schwertscheiden gleiten und strich zufrieden über die Griffe, an dessen Knauf jeweils ein halber türkiser Kristall saß.
"Danke. Mutter, Vater. Ich werde meinen Weg finden.", sagte er in die Höhle und atmete durch.

Mathan runzelte kurz die Stirn und zögerte, als er an den rauschenden Wasserlauf trat. Es war eine sehr riskante Art zu leben, falls seine Mutter tatsächlich an diesem Ort sich aufgehalten hat. Er zuckte mit den Schultern und holte tief Luft. Dann sprang er in das Wasser und wurde davon gespült. Ein paar Mal schlug er gegen Eisvorsprünge und Wände, die ihm blaue Flecke verpassten, doch es war aushaltbar. Plötzlich nahm der Druck in seinen Ohren zu und es rauschte sehr laut. Dann ging es sehr schnell, er hielt zur Sicherheit seine neuen Schwerter fest und wurde auch schon sehr umbarmherzig nach oben gedrückt. Der Druck gegen seinen Rücken schmerzte, doch er bis die Zähne zusammen, bis Mathan in ruhigere Gewässer angelangte. Vorsichtig streckte er sich und schwamm zur Wasseroberfläche, da ihm die Luft sehr bald ausging. Er schien wohl sehr weit unten gewesen zu sein. Prustend durchbrach der Elb die Oberfläche der kleinen Quelle und schnappte nach Luft. Hustend blickte er sich um und wischte sich das Wasser aus den Augen. Er blinzelte angestrengt und kniff die Augen zusammen.
"Mathan? Wo kommst du her?", fragte jemand sehr gedämpft, die Stimme klang erschrocken. Der Elb schüttelte den Kopf und wartete bis das Wasser aus seinen Ohren lief. Nach einem Moment blickte er auf und sah Kerry und Súlien, die ihn anstarrten. Der Elb grinste und legte die Hand auf das Medallion, das auf seinem nackten Oberkörper ruhte. Er hörte Kerrys Lachen und er grinste noch breiter.
"Ich war einen Teil meines Lebens zurückholen", antwortete Mathan mit einem zufriedenen Lächeln. Dabei bemerkte er, dass endlich das Wasser aus seinem Kopf verschwand und kitzelnd seinen Hals herablief.
Er watete aus dem Wasser und trat zu den beiden Frauen, die ihn halb erschrocken, halb neugierig anblickten.
"Was hast du da?", fragte Súlien neugierig und deutete auf die Schwerter an seinem Gürtel.
"Ein Geschenk. Von meinen Eltern", antwortete er und zog die eisblauen Waffen. Ein eigentümlicher, bläulich-türkiser Schimmer ging von ihnen aus und fiel zu Boden. "Ein Teil meiner Reise endet hier, ein neuer Abschnitt beginnt."
"Das ist... die sind unglaublich", sagte Súlien staunend und tastete nach der Klinge. Sobald sie sie berührte, zog sie sofort ihre Hand zurück, "Die sind ja eiskalt, wie kannst du die nur halten?"", fragte sie stirnrunzelnd.
Mathan wusste es nicht, er spürte nur, wie die Kälte seine Arme hinaufkroch aber es schmerzte nicht. Im Gegenteil, es ließ ihn irgendwie vertraut mit den Waffen werden.

Fine

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Aufbruch nach Westen
« Antwort #8 am: 25. Jan 2017, 21:21 »
Kerry machte große Augen als Mathan die neuen Schwerter locker in den Händen kreisen ließ. "Deine Eltern haben diese Dinger hier im Norden versteckt und darauf gehofft, dass du sie eines Tages findest?" fragte sie neugierig.
"Nicht gehofft," stellte Mathan richtig. "Sie wussten es. Sie wussten, dass ich die Schwerter finden würde."
"Komm," sagte Kerry aufgeregt und nahm seine Hand. "Wir müssen es Amil erzählen! Sie hat sich schon Sorgen gemacht."
Mathan lächelte und ließ sich von Kerry mitzerren. Súlien und Finelleth lachten leise. Dann wandten sie sich wieder dem Fischloch zu.

Im Gästehaus angekommen wartete Kerry nicht ab, bis Halarîn von selbst erwachte. Sie sprang auf das Bett und stupste ihre Mutter übermütig an. "Ontáro ist wieder da!" rief sie fröhlich.
Halarîn blinzelte zweimal und setzte sich auf. Verwundert betrachtete sie die Schwerter, die Mathan vor ihr auf den Boden legte. "Das hat dir deine Mutter hinterlassen?" fragte sie, und Mathan nickte. "Beeindruckend," sagte Halarîn und fuhr mit dem Finger über einen der Griffe, doch sogleich zog sie die Hand überrascht zurück. "Das ist ja eiskalt!"
"Ich komme damit zurecht," antwortete Mathan. "Es fühlt sich... richtig an."
"Wegen deiner Mutter?" vermutete Halarîn und warf ihrem Mann einen geheimnisvollen Blick zu, den Mathan mit einem Schulterzucken quittierte. Er schien es selbst nicht so genau zu wissen.
"Was meinst du damit?" fragte Kerry, die natürlich nicht verstanden hatte was die Elben meinten.
"Das ist eine längere Geschichte," sagte Halarîn langsam. "Wenn du ein braves Mädchen bist, und ganz lieb fragst, erzählt sie dir dein Vater vielleicht auf dem Heimweg."
"Ich bin doch immer brav!" stellte Kerry klar.
"Wenn du mich weiterhin so stürmisch weckst bin ich da aber anderer Meinung, junge Dame," erwiderte Halarîn mit erhobenem Zeigefinder. "Das hat Scalyna auch immer gemacht, als sie noch klein war. Wirklich, ich glaube wir müssen unsere Erziehung überdenken."
Mathan nickte und stellte sich ernst. "Vielleicht sollten wir über strengere Regeln nachdenken. Ich schlage eine allgemeine Schlafenszeit bei Sonnenuntergang vor."
"Heee!" rief Kerry, die sich nicht mehr ganz sicher war, ob ihre Eltern sich nur einen Spaß erlaubten.
"Solange diese Schlafenszeit nur für jüngere Geschwister gilt, bin ich dafür," sagte Faelivrin, die gerade herein kam. Trotz ihrer vorigen Enthüllungen zierte tatsächlich ein schwaches Lächeln ihr Gesicht.
"Natürlich," bestätigte Halarîn spitzbübisch. "Du bist ja glücklicherweise aus dem Alter heraus, in dem man dir noch allerlei Unsinn austreiben müsste."
Kerry stemmte beleidigt die Arme in die Hüften. "Also haltet ihr mich für ungezogen? Na gut, das könnt ihr haben." Sie streckte Halarîn die Zunge heraus und marschierte aus dem Raum.

In einem Anfall von kindlichem Trotz rannte sie durch die Eingangstür, um das Haus herum und entdeckte eine Leiter, die auf das Dach des großen Hauses führte. Dort oben setzte sie sich auf die Kante und ließ die Beine baumeln. Der Blick, der sich ihr bot, war äußerst friedlich. Ein leichter Dunst lag wie immer über dem Boden und die Luft war angenehm warm. Ganz in der Nähe entdeckte sie Súlien und Finelleth, die die gefangenen Fische ausnahmen. Sie sah mehrere Bewohner des Tals, die ihren täglichen Aufgaben nachgingen. Und in der Nähe der Bäume sah sie Oronêl stehen, der sich mit Anglaer, dem Herrn von Ringechad unterhielt.
Ein Geräusch neben ihr ließ Kerry hochfahren. Es war Anastorias. Wie zuvor trug er kein Oberteil und ließ die Sonne auf seinen muskulösen Oberkörper scheinen. Kerry errötete und drehte den Kopf zur Seite.
"Habe ich dich beschämt, Ténawen?" fragte er, halb besorgt, halb schmunzelnd.
"I-ich wundere mich nur, warum du obenrum nichts anhast, Gwanur," gab Kerry zurück, ohne hinzusehen.
Anastorias lachte, hell und klar. "Das war nicht meine Absicht. Ich würde einer Dame niemals Unbehagen bereiten. Nur... habe ich gerade nichts bei mir, um mich zu bedecken."
"Ist schon in Ordnung," sagte Kerry. "Ich... komme zurecht." Sie setzte ein schiefes Lächeln auf und konzentrierte sich auf das Gesicht des jungen Elben. "Was tust du hier?"
"Ich sah dich hinaufklettern, und beschloss, dir Gesellschaft zu leisten," gab er offen zu. "Ich genieße deine Gesellschaft nämlich."
Und erneut spürte Kerry, wie sie errötete. Sie hatte keinerlei romantische Gedanken Anastorias gegenüber, aber der Fakt, dass jemand aktiv ihre Gesellschaft suchte, war unbehaglich und schmeichelnd zugleich. Sie wusste nicht recht, wie sie damit umgehen sollte.
"H-hast du Mathans neue Schwerter gesehen?" fragte sie, da ihr nichts einfiel, worüber sie mit ihm sprechen sollte.
"Das hat Zeit," winkte er ab. "Ich bin mir sicher, sie bald in Aktion zu erleben. Mittelerde hat noch mit vielen Feinden und Bestien aufzuwarten, die beseitigt werden müssen."
"Kämpfst du denn gerne?" fragte Kerry verwundert.
"Für den richtigen Grund, ja," gab er zu. "Es hat etwas Befriedigendes, Orks und anderen Kreaturen des Bösen die gerechte Strafe zu erteilen, die sie verdienen."
"Du lässt es so leicht aussehen," sagte Kerry bewundernd. "Ich habe... erst einmal getötet, und das war aus Notwehr. Ein Diener Sarumans wollte mich erwürgen. Zum Glück bekam ich seinen Dolch zu greifen und landete einen Glückstreffer." Es fiel ihr schwer, davon zu erzählen, doch da sie bereits mit Halarîn darüber gesprochen hatte, kostete es nicht mehr ganz so viel Überwindung, wie Kerry gedacht hatte.
"Wenn er nicht schon durch deine Hand gefallen wäre, würde ich diese Schurken bis in den letzten Winkel dieser Welt jagen," stellte Anastorias klar. "Niemand verletzt ungestraft eine Dame - und schon gar keine aus dem edlen Haus Manarîn."
"Weißt du, ich bin froh, dass du auf unserer Seite stehst," sagte Kerry, und er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln.

Als die Sonne hinter dem Rand der eisigen Klippen verschwand, die das Tal umgaben, legten sich lange Schatten über Ringechad. Anastorias stand auf und bot Kerry die Hand an. Sie ergriff sie und er zog sie auf die Beine. Súlien winkte ihnen bereits von unten zu. "Beeilt euch, sonst verpasst ihr das Abendessen!" rief die Waldläuferin. "Es gibt frischen Fisch!"
Kerry erntete belustigte Blicke von Mathan und Halarîn. Faelivrin, die neben Kerry saß, flüsterte ihr zu: "Du solltest sie nicht noch mehr ermutigen. Sie können wirklich unerträglich werden, wenn sie sich für witzig halten." Kerry verzog das Gesicht und widmete sich der kleinen Farelyë, die gerade ein Stück Fisch probierte. Zu Kerrys überraschung spuckte das Elbenmädchen das Stückchen augenblick lich wieder aus und machte ein angewidertes Gesicht. "Úndula!" befand sie und bediente sich reichlich bei den Beeren, die Kerry ihr reichte. Die Reaktion brachte Oronêl und Finelleth, die gegenber saßen, zum Lachen, und Kerry zog überrascht die Augenbrauen hoch. Farelyë war sonst immer sehr fröhlich gewesen, doch nun war sie für ihre Verhältnisse geradezu verärgert; sie sprach kein Wort mehr und starrte schweigend auf ihren Teller während sie die Beeren eine nach der anderen in sich hineinstopfte. Kerry strich ihr sanft über den Arm, und schließlich fand wieder ein zufriedener Ausdruck auf das Gesicht des Mädchens. "Nísa Morilyë ti-velda," sagte sie und lächelte wieder.

Die meisten der Gruppe gingen an diesem Tag früh schlafen, doch Mathan und Oronêl sprachen noch einige Zeit mit Anglaer über mögliche Reiserouten nach Süden. Kerry bekam davon erst am nächsten Morgen etwas mit, als Mathan beim Frühstück verkündete, dass sie noch einen Tag in Ringechad ausruhen und am frühen Morgen des dritten Tages aufbrechen würden - nach Westen.
"Nach Westen?" wiederholte Finelleth fragend. "Aber Fornost liegt im Süden."
"Wir haben entschieden, nicht nach Fornost zu gehen," erklärte Oronêl. "Mathan und Faelivrin zieht es nach Mithlond, wegen der Vorhut, und wie du weißt, meine liebe Araniel, gehe ich vorerst mit Mathan, bis er mich nach Eregion begleitet." Finelleth verdrehte die Augen und schwieg. "Wir werden also einen Bogen um Carn Dûm schlagen und in westlicher Richtung die Eiswüste verlassen und uns so schnell wie möglich zur Quelle des Flusses Lhûn aufmachen. Dann folgen wir dem Verlauf des Flusses bis nach Mithlond, wo wir einige Zeit rasten werden und neue Pläne schmieden können."
"Mithlond liegt am Meer, nicht wahr?" fragte Kerry mit leuchtenden Augen.
Oronêl nickte bestätigend. "Es wird dir bestimmt gefallen."

Am Morgen des dritten Tages seit ihrer Ankunft in Ringechad standen sie versammelt am Ausgang des Tals. Anglaer hatte sie mit dicker Winterkleidung ausgerüstet, ihnen den Weg erklärt, und Oronêl eine Karte mitgegeben. Súlien und Valandur standen nebme den Dorfältesten und blickten etwas unbehaglich drein.
"Dann heißt es jetzt wohl Abschied nehmen," sagte Súlien traurig. Sie würde bis auf Weiteres in Ringechad bleiben, und Valandur ebenfalls.
"Ich danke dir dafür, dass du uns hierher gebracht hast. Du hast damit wahrscheinlich unser aller Leben gerettet," sagte Oronêl. Einer nach dem anderen umarmten sie die beiden Dúnedain, die, wie Kerry feststellte, ihr schon ans Herz gewachsen waren.
"Wir sehen uns wieder," versprach Súlien mit einem Augenzwinkern, als Kerry bei ihr angelangt war. "Ich will auf keinen Fall verpassen, von wem du dich als nächstes entführen lässt."
Kerry musste trotz allem grinsen. "Ich melde mich, wenn ich mal wieder deinen zielsicheren Speer benötige," versprach sie.
Schließlich verließen sie Ringechad auf demselben Weg, auf dem sie gekommen waren, nun um zwei Mitglieder ihrer Gruppe weniger. Kerry hielt die kleine Farelyë fest an der Hand und folgte in Adriennes Fußstapfen, die vor ihr ging. Hinter ihr kam Oronêl, der das Schlusslicht bildete, während Mathan und Finelleth voraus gingen.


Mathan, Oronêl, Kerry, Halarîn, Faelivrin, Finelleth, Anastorias, Farelyë, Adrienne, Angatar, Fanael und Aesa nach Forochel
« Letzte Änderung: 26. Jan 2017, 14:10 von Fine »