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Autor Thema: Kurzgeschichte: Abschiedbrief  (Gelesen 402 mal)

Curanthor

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Kurzgeschichte: Abschiedbrief
« am: 10. Feb 2017, 20:03 »
"Wer wird dich retten?" Diese Frage war das, was mich stets an dich erinnerte. Natürlich hast du sie nicht ausgeprochen, sondern ich, in meinen Gedanken. Nach jedem Streit und jeder Auseinandersetzung, habe ich mich gefragt: "Wer wird dich retten?" und niemals habe ich mit getraut es auszusprechen.
Jetzt sitze ich hier, höre die Stimmen aus allen Ecken, die sich stets um die selben Themen drehen und mich nicht interessieren. Sie sind mir fremd geworden, die Stimmen, denn ich vermisse eine ganz bestimmte. Eine, die ich wohl nie wieder hören würde. Ich weiß, dass ich dafür keine Gewissheit geben wird. Zumindest glaube ich das. Du hast dich selbst soweit gebracht, ohne zu wissen, was du damit anrichstest. Was du mit mir machst, was du mit jenen tust, die dir nahe stehend und es stets getan hast. Du kanntest nicht das Gefühl dabeizustehen und dabei zuzusehen, wie alles wofür du gearbeitet hast kaputt gehst. Dabei hast du behauptet, zu wissen was es heißt zu leiden. Ich wusste was Leiden waren, denn das tat ich jeden Tag und jede Nacht. Wenn ich im Bett lag schrien meine Gedanken, ich solle Etwas ändern, doch das war nicht möglich. Du warst nicht zu ändern, niemand war das. Mir blieb nur die Rolle des teilnahmslosen Zuschauers, der der dich nicht retten konnte. Ist es die Natur, selbstzerstörerisch zu sein? Wir hatten einmal darüber gesprochen, doch du hast es nie verstanden. Ich ließ mir nichts anmerken, doch innerlich zerris es mich, denn meine Gefühle für dich waren stets vorhanden. Nur irgendwann erreichten sie dich nicht mehr. Du wolltest es nicht. Ich war der Zuschauer, dazu verdammt nichts daran ändern zu können. Dabei haben wir so oft darüber geredet und doch blieb es am Ende nur eines: Gerede. Ich haben dutzende Wörter gewechselt, hunderte Sätze formuliert und tausende Buchstaben zusammengesetzt, nur um dich zu erreichen. Doch egal wie oft meine Hand dich beinahe berührt hätte, du stießt sie immer davon. Der Teil, der am tiefsten lag, hattest du stets tief verborgen und mich ausgesperrt. Ich sah, was in dir vorging, ich spürte es und wusste wohin es führen würde. Nach jedem Gespräch dachte ich mir: "Wer wird dich retten?", da ich es nicht mehr konnte. Es zeriss mir das Herz und doch hielt ich durch, bis es mich auffraß. Dabei wusste ich ganz genau, dass es für mich genauso selbstzerstörerisch ausgehen konnte. All das hast du jedoch nicht gesehen, fixiert auf unwichtige Dinge, die plötzlich wichtig gemacht wurden um sich davon abzulenken, was wirklich geschah. Du wusstest es, dass Etwas nicht stimmte, doch hast es ignoriert, denn du wolltest es nicht zulassen. Ich spürte es und konnte nichts machen, da ich dich nie erreichen konnte. Wolltest du das? Einen Freiraum, frei von Gefühlen, Tiefe und Verbundenheit. Das war es, was du dir gewünscht hast und darauf hast du stets hingearbeitet. Unbewusst, wobei sich das Bewusstsein dagegen gesperrt hat und doch habe ich nichts gesagt. Ich habe es versucht aber es endete in einem Desaster, da ich genau den Punkt traf, der sich stets beschäftigte. Deine eigene Persönlichkeit hat sich gegen dich gewandt, obwohl du genau wusstest, dass dies geschehen konnte. Wir beide wussten es, seitdem ersten Moment, an dem wir darüber sprachen. Doch dann hast du neue Probleme erfunden um das Offensichtliche zu verbergen, hast mir deine Last aufgeladen und langsam deine zerstörte Ansicht der Dinge aufgedrückt. Ich wusste, das. Ich konnte sie tragen, weil ich wusste, was es war und was in dir vorging. Du dachtest stets, ich wüsste nicht, was in dir vorging und dass du eigentlich eine schreckliche Person bist. Du dachtest stets das Schlimmste von dir. Ich wusste es aber besser. All die Negativität und Finsterniss in dir, kam mit vertraut vor. Du dachtest, dass du der einzige Mensch auf der Welt seist. Niemand hat so Etwas durchgemacht wie du, aber da hast du dich getäuscht. Manche Menschen sind besser darin Dinge zu verbergen, sie haben erlebt, wie Leute vor ihren Augen vergangen sind und dennoch nicht verrückt geworden sind. Manche Menschen fühlen sich leer im Innersten, da ihnen stets versucht worden war alles zu nehmen. Das Schlimmste ist, dass sie es zugelassen haben und du bist einer von jenen Menschen. Du hast diese Tatsache umarmt und dich damit abgefunden, dass Andere dir dein Leben zerstören. Denkst du, dass macht dich zu Etwas besonderen? Ich weiß, dass du schon am Abgrund standest, das tat ich jedoch auch. Der Mittelpunkt der Welt liegt nicht bei dir, auch wenn es für dich mal so aussah. Ich habe dich zum Mittelpunkt gemacht, das offensichtlich ein Fehler war. Denn dadurch hast du nicht gesehen, was in mir vorging, selbst als ich es dir so oft gesagte habe. Es war für dich unwichtig, auch wenn du in diesem Moment Mitleid zeigtest, so hast du nie ernsthaft darüber nachgedacht warum ich das erzählt habe oder warum ich so reagierte. Es ging stets auf dich, weil du der einzige Mensch warst, der leiden musste. Was Andere durchmachen mussten war zweitrangig. Es exisitierte gar nicht in deinem Universum. Dabei ging es genau darum, was um dich herum geschah. So hast du nicht gesehen, dass ich mich leer fühlte. Ich fühlte mich verlassen, dennoch dachte ich mir stehts: "Wer wird dich retten", dabei habe ich selbst meine eigenen Probleme erkannt. Die Leere, die ich nicht beschreiben konnte. Ich habe von ihr erzählt, von meinen Träumen. Ein großer, schwarzer Ring, der sich ausbreitete. Er verschlang alles, selbst meine Trauer über dich. Nun, da du nicht mehr bist, spüre ich die Leere. Ich weiß woher sie kam und sah sie auch in dir, doch du warst blind dafür. Du hast dir deinen eigenen Dämon erschaffen und den selben Dämon hatte ich selbst bereits besiegt. Du warst ignorant zu glauben, dass ich stets der unscheinbare Kerl sein könnte, den man stets sah. Ich habe dir es von Anfang an gesagt, doch du hast es vergessen, verdrängt und es abgetan. Es war ein Fehler von mir zu glauben, dass du damit umgehen könntest. Ich habe andere Ansicht auf die Dinge, ich weiß, dass das was damals passierte schlimm war, doch war es keinen Grund aufzugeben. Ich habe mich selbst auch nicht aufgegeben und ich mache weiter. Du misst dich an Anderen, legst deine Messlatte zu hoch, du hast dich mit mir gemessen... und verloren. Du wolltest es nicht sehen, aber ich wusste es. Denn ich hatte es dir schon oft gesagt, dass ich meine Seiten gut verstecke und dennoch hast du es nicht hören wollen. Am Ende ware es sogar einfach "nur Worte", dabei wusstest du ganz genau, dass du die Person warst, die nur Worte von sich gab, ohne je zu ihnen zu stehen. Du hast mich angelogen und von mir eine Erklärung erwartet, du hast deine Stimme erhoben und erwartet, dass ich mich Enschuldige. Ich war schlau genug deinen Fallen zu entgehen, denn am Ende war es nur noch Stress für mich mit dir zu reden. Ich wollte dich noch nicht einmal sehen, da ich wusste, es würde schwer werden. Dachtest du ernsthaft, dass ich das alles von dir einfach über mich ergehen lasse? Nein, ich habe auch meine Seiten, die du niemals gesehen hast. Ein einziges Mal schien eine davon durch und du hast ganz verschreckt getan, als ob du mich nicht kennen würdest. Dabei bin ich ein Meister darin meine Gefühle und Gedanken zu ordnen. Du hast keine Ahnung wen du da eigentlich jahrelang neben dir hattest. Doch das macht alles keinen Unterschied mehr, denn du bist für mich nicht mehr. Ich habe dich aus meinem Leben verstoßen. Ich bleibe allein in der Leere und weiß, was mich erwartet. Ich frage nun: "Wer wird mich retten?"
Dabei kenne ich die Antwort:" Ich selbst."
Denn ich glaube an mich, ich weiß, dass ich es kann.
Ich konnte es schon immer.
Man gewöhnt sich dran.




Ein Teil aus einer Sammlung Kurzgeschichten, die eine Verbindung zueinander haben. Dennoch kann man jede von ihnen einzelnd lesen.
Es ist mit Absicht etwas sprunghaft, da es ein persönlicher Brief eines Protagonisten sein soll. Stellenweise vielleicht schwer verständlich, soll aber zum Nachdenken anregen.

Für Fragen (und Feedback) stehe ich natürlich zur Verfügung.

MfG Curanthor