Drei weitere Tage folgten sie der Küstenstraße nach Osten, bis in der Ferne die südöstliche Bucht des Meeres von Rhûn auftauchte. An der Stelle, wo sich das südliche und das östliche Ufer des Meeres trafen, hatten die Könige von Gortharia einen hohen Leuchtturm errichten lassen, und um diesen Turm herum war mit den Jahren eine kleine Stadt gewachsen, die Varek genannt wurde. Die Häuser hier bestanden aus dem hellen Stein der umliegenden Klippen und besaßen Dächer aus Ziegeln. Eine hölzerne Palisade umschloss die Stadt und die drei Tore wurden von Männern mit Speeren und Schilden bewacht. Die Wachen trugen dieselbe Rüstung wie die Stadtwachen von Gortharia und Cyneric vermutete, dass sie man sie aus der Hauptstadt hierher entsandt hatte. Als er ans Westtor geritten kam, winkten ihn die Wachen sogleich durch als sie ihn als Gesandten erkannten.
"Gut dass du kommst, Gesandter," meinten die Goldröcke. "Es gibt Arbeit für dich."
"Worum geht es?" fragte Cyneric.
"Rechtsprechung," wurde die Frage beantwortet. "Der hiesige Richter ist zurzeit verreist, aber als Gesandter steht es in deiner Macht, Urteile zu fällen wenn die Situation es verlangt."
Die Männer baten Cyneric, ihnen zu folgen und führten in über die Hauptstraße bis zum zentralen Platz der Stadt. Dort war ein großer Galgen aufgebaut worden. Die betroffenen Leute wurden herbeigerufen, während man Cyneric in der Zwischenzeit die genaueren Umstände erklärte. "Es hat in der letzten Zeit vermehrt Diebstähle in Varek gegeben. Dabei werden hauptsächlich Nahrungsmittel gestohlen, aber in letzter Zeit machen die Diebe auch vor Geld und anderen Wertgegenständen nicht mehr halt. Die Bauern und Händler haben besonders darunter zu leiden. Aber gestern ist es uns endlich gelungen, den Kopf der Bande zu fassen, die dafür verantwortlich ist. Sie hat die Nacht in Eisen verbracht."
"
Sie?" wiederholte Salia. "Es steckt also eine Frau hinter den Diebstählen?"
"Ja. Nennt sich selbst Habicht, nach den großen Greifvögeln, die man hier ab und zu sieht. Hält sich für besonders clever. Du wirst es gleich sehen."
Zwei Gefängniswärter zerrten die gefesselte Frau herbei, während sich um sie herum eine Menschenmenge ansammelte. Der Habicht trug einen Sack über dem Kopf, den die Wachen erst wegrissen, nachdem man sie bis zum Galgen geschleift hatte. Darunter kamen lange dunkle Haare zum Vorschein, und ein auf Cyneric erschreckend jung wirkendes Gesicht - sie kam ihm sogar jünger als Salia vor.
"Habt ihr es euch endlich überlegt, Jungs?" rief sie trotzig. "Jetzt also doch der Galgen?"
"Halt dein freches Maul!" knurrte einer der Gefängniswärter und versetzte ihr einen Faustschlag. Getroffen krümmte sie sich zusammen.
"Wie lautet die Anklage?" fragte Cyneric und trat dazu, um die Wächter von weiteren Gewalttaten abzuhalten. Er sah aus den Augenwinkeln, wie Salia bereits nach ihrer Armbrust tastete. Sie spürte ebenfalls die Anspannung, die in der Luft lag, denn die Menschen beobachteten aufmerksam, was vor sich ging. Eine falsche Bemerkung konnte jetzt schlimme Folgen haben, befand Cyneric.
"Dreister Diebstahl!" antworteten die Wachen. "Über mehrere Wochen hin. Wir sollten sie aufhängen, dann ist Schluss damit!"
"Nun, das ist
eine Möglichkeit," sagte Cyneric vorsichtig. "Ich kann jedoch nicht nur aufgrund von Anschuldigungen ein solches Urteil verhängen. Habt ihr Beweise, dass sie es war?"
"Wir alle sind Zeugen!" rief ein anderer Wächter. "Sie und ihre Bande sind immer frecher geworden und haben irgendwann sogar direkt vor unserer Nase gestohlen!"
"Also gut. Dann würde ich jetzt gerne mit der Angeklagten sprechen," sagte Cyneric. "Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen, Habicht?"
Sie warf ihm einen abschätzenden Blick zu. "Du siehst nach einem anständigen Kerl aus, Gesandter. Würdest du mir glauben, wenn ich dir sage, dass ich all das Essen nicht für mich und meine Leute gestohlen habe?"
"Möglich," antwortete Cyneric. "Gibst du die Taten also zu?"
"Selbst ein Kleinkind könnte diesen Nichtsnutzen alles Mögliche stehlen," höhnte sie. "Ja, ich war es. Aber ich hatte einen guten Grund!"
"Hör nicht auf sie, sie lügt wenn sie nur den Mund aufmacht!" meinte einer der Stadtwächter.
"Das werde ich entscheiden," befand Cyneric. "Ich muss diese Entscheidung gut überdenken und die Gefangene gründlich verhören. Alleine. Gibt es ein Haus, wo ich ungestört sein kann?"
Man zeigte Cyneric und Salia ein verlassenes Haus, das nur wenige Minuten vom zentralen Platz Vareks entfernt stand. Während die Wachen die Gefangene ins Innere bugsierten, raunte Cyneric Salia zu: "Sieh zu, ob du mehr herausfinden kannst, weshalb diese Goldröcke hier sind. Wir treffen uns in zwei Stunden wieder hier." Sie nickte und eilte davon. Cyneric schloss die Tür des Hauses hinter sich und setzte sich gegenüber des Habichts auf einen wackeligen Holzstuhl. Man hatte ihr ebenfalls einen Stuhl zur Verfügung gestellt, sie aber daran angebunden.
"Also gut, Habicht. Ich bin geneigt, mir deine Geschichte anzuhören," begann Cyneric. "Zunächst eines: Wie heißt du wirklich, und was soll dieser Vogelname?"
"Wüsste nicht, was dich das angeht," gab sie patzig zurück.
"Es geht mich etwas an, weil dein Leben in meiner Hand liegt. Wenn du ehrlich zu mir bist - und zwar in Allem - können wir uns vielleicht einigen."
Sie seufzte und gab den Widerstand auf. "Ich heiße Tyra. Aus Dervesalend. Habicht nennen mich meine Leute, weil ich besonders verwegen bin."
"Nun, Tyra aus Dervesalend, dann erzähle mir von den Diebstählen. Du hast gesagt, du hast nicht für dich selbst gestohlen. Für wen dann?"
"Bist du im Krieg gewesen? Vielleicht sogar in der Schlacht um den Zwergenberg?" fragte Tyra. "Nein, danach siehst du nicht aus. Du hast den Schatten nicht gesehen, der die Armeen des Königs jetzt anführt. Aber viele andere schon, Männer und Frauen, die zum Kriegsdienst gezwungen wurden. Einige von ihnen hatten genug davon. Also desertierten sie, und holten ihre Familien aus Gortharia heraus, unter Lebensgefahr. Auf Desertion steht die Todesstrafe, wie du weißt. Sie haben in der Nähe eine kleine versteckte Siedlung errichtet, aber noch können sie sich nicht selbst versorgen und müssen Hunger leiden."
"Und was geht dich das an?" fragte Cyneric, obwohl ihm bereits ein Verdacht gekommen war.
"Ich helfe den einfachen Leuten, wenn sie in Not sind. Und ich bin nicht alleine." Sie strich sich die Haare aus der Stirn und dabei wurde eine schwarze Zeichnung auf ihrem Handgelenk sichtbar.
"Die Schwarze Rose," sagte Cyneric und sah seine Vermutung bestätigt. "Das erklärt so einiges."
"Du hast es also herausgefunden," gab sie trotzig zurück. "Und jetzt? Wirst du mich jetzt hinrichten lassen?"
"Im Gegenteil," sagte Cyneric und senkte seine Stimme. "Es mag sich unglaubwürdig anhören, aber ich bin ein Verbündeter der Schwarzen Rose - zumindest indirekt. Ich bin mir sicher, du verfolgst ein edles Ziel. Mich würde nun umso mehr interessieren, was die Goldröcke hier treiben..."
"Sie hetzen die Stadtbewohner gegen mich und meine Leute auf," erklärte Tyra. "Schieben uns alles Mögliche in die Schuhe, während sie selbst im Geheimen die Stadt ausnehmen."
"Tatsache," sagte Salia, die vorsichtig durchs Fenster herein geklettert kam. "Ich habe gar nicht lange suchen müssen, um das herauszufinden. Hab' zwei von diesen Kerlen belauscht. Sie wollen, während die Menge durch die Hinrichtung abgelenkt ist, die Kassen der Händler plündern. Das nenne ich mal saubere Wachen. Aber das ist man von den Goldröcken ja gewohnt. Vor allem seitdem sie diesen neuen Anführer haben."
"Die Kröte streckt ihrer gierigen Finger also jetzt schon bis zur Kalevin-Küste aus," murmelte Cyneric.
"Hier trauen die Leute den Männern des Königs noch, und die Kaleviner haben tiefe Taschen, denn es geht ihnen vergleichweise gut," erklärte Tyra.
"Also gut," sagte Cyneric. "Wir werden Folgendes tun..."
Auf Cynerics Nachricht hin versammelten sich alle in der Stadt stationierten Goldröcke in dem größeren Raum des Hauses, in dem er Tyra verhört hatte. Es waren insgesamt fünfzehn Mann. Salia lehnte mit desinteressiertem Blick an einer der Wände, während Tyra wieder gefesselt worden war und am Boden kniete.
"Was gibt es, Gesandter? Knüpfen wir sie jetzt auf, ja?" fragte der Anführer der Goldröcke, ein Mann mit dichtem schwarzen Bart und Glatze.
"Erst habe ich eine Frage an euch alle. Jeder einzelne von euch steht nun vor der Wahl: Tretet aus der korrupten Wache aus, sagt euch von eurem Anführer los, und werdet anständige Behüter dieser friedlichen Stadt. Oder kehrt in Schande zu eurem Auftraggeber zurück. Euer Beutezug in Varek hat heute ein Ende. Ich weiß, was ihr getan habt, und gebe euch die Chance, es friedlich zu beenden."
Erstauntes Raunen und böse Mienen folgten auf seine Ankündigung hin, und der Anführer zog sein Messer. "Du weißt nicht, was du da sagst, Gesandter. Wir sind viele, und du bist nur einer. Überleg dir lieber nochmal genau, was du tun willst."
Ehe jemand etwas sagen konnte, bewegte sich Salia und hielt ihm blitzschnell ihren Dolch an die Kehle. "Eine falsche Bewegung, und du bist tot," raunte sie unheilvoll.
"Schon gut, schon gut!" wehrte er panisch ab und versuchte zurückzuweichen, doch Salia hielt ihn mit eisernem Griff am Arm fest und ihr Dolch ritzte die weiche Haut auf.
Einen langen Moment blieb es still, und die Spannung war deutlich spürbar. Dann nahm ein Mann langsam seinen Helm ab und ließ ihn achtlos zu Boden fallen. "Ich hatte es sowieso satt, Befehle von diesem unausstehlichen Reptil entgegenzunehmen," meinte er und löste damit verhaltenes Gelächter aus. Einer nach dem anderen warfen die Wachen ihre Helme und die goldenen Umhänge ab. "Recht hast du! Schluss mit der Betrügerei!"
"Verräter! Ich werde jeden einzelnen von euch melden!" schrie der Anführer außer sich vor Zorn, wagte es jedoch nicht, sich noch einmal zu bewegen.
Die Drohung schien jedoch keine Auswirkung zu haben, denn die Männer verließen nun das Haus und gingen jeder seiner Wege. Cyneric schnitt Tyras Fesseln durch und half ihr auf die Beine. "Die werden dir keinen Ärger mehr machen," sagte er. "Aber vielleicht solltest du das Stehlen von nun an sein lassen."
"Ich werde es versuchen", antwortete sie. "Einige meiner Leute sind dabei, ein Fischerboot zu bauen. Wenn es fertig ist, sollte sich unsere Siedlung selbstständig versorgen können."
"Mein Vorgesetzter wird erfahren, was hier geschehen ist!" wütete der Anführer der Goldröcke, den Salia inzwischen losgelassen hatte.
"Er wird sich nicht gegen das Urteil eines Gesandten stellen können", sagte Cyneric. "Und nun geh' deiner Wege. Du bist in Varek nicht länger willkommen."
Auf dem Platz mit dem Galgen standen immer noch viele Stadtbewohner, die neugierig zusahen, wie der letzte verbliebene Goldrock wutschnaubend auf ein Pferd sprang und in westlicher Richtung davonpreschte. Als die Leute sahen, dass Cyneric die befreite Tyra herbeiführte, breitete sich aufgeregtes Getuschel aus.
"Gute Leute von Varek!" rief Cyneric laut genug, dass ihn jeder verstehen konnte. "Ich habe diese Frau für unschuldig befunden. Wenn ihr eurer gestohlenes Geld und anderen wertvollen Dinge sucht, seht in der Kaserne der Goldröcke nach, denn sie sind es, die euch insgeheim bestohlen haben und dem Habicht die Schuld in die Schuhe geschoben haben."
Dies löste weitere Aufregung aus, und die meisten Leute liefen in Richtung der Kaserne davon, die am anderen Ende des Platzes stand. Und tatsächlich bestätigte sich Cynerics Verdacht.
"Hab Dank, Gesandter," sagten die Stadtbewohner. "Wieder einmal zeigt es sich, dass auf die Männer des Königs Verlass ist."
Ehe Cyneric sich weiter mit der Situation befassen konnte, zog Salia seine Aufmerksamkeit auf sich, als sie ihn am Arm packte. Sie deutete zu dem kleinen Hafen hinüber, der nur wenige Schritte vom Platz mit dem Galgen entfernt lag und in dem drei Fischerboote ankerten. Und in diesem Moment legte ein weiteres Schiff an, das etwas größer war und an dessen Mast die rote Flagge von Gortharia wehte. Cyneric und Salia verabschiedeten sich hastig von Tyra und eilten zum Kai, wo gerade eine in Gardistenrüstung gehüllte Gestalt von Bord ging. Es war ein Mann, mit dem Cyneric bereits ein paar Schichten geschoben hatte, den er aber noch nicht sonderlich gut kannte.
"Welch Glück, du bist hier!" rief der Gardist als er Cyneric entdeckte. "Kommandant Rog ruft uns alle zurück zum Palast. Bin ich froh, dass ich dich nicht lange suchen musste! Das Schiff ist schnell, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dich gleich am ersten Ort vorzufinden, an dem ich an Land gehen würde."
"Was ist denn geschehen? Die Gesandten sollten doch mehrere Wochen unterwegs sein," wunderte sich Cyneric.
"Befehl von ganz oben, höchste Dringlichkeit. Die Königsgarde ist in Alarmbereitschaft. Wir brauchen jeden einzelnen Mann im Palast - Anordnung des Königs höchstpersönlich. Er ist etwas paranoid, aber das mit Recht."
"Nun spuck es schon aus, Mann. Was ist passiert?"
"Es gab einen Anschlag auf den König..."
Cyneric und Salia per Schiff zurück nach Gortharia