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Autor Thema: Das Tal von Dalvarinan  (Gelesen 1577 mal)

Fine

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Die Stämme der Avari
« Antwort #15 am: 12. Aug 2019, 16:27 »
Córiel und Jarbeorn aus den Orocarni


Obwohl kein offensichtlicher Grund zur Eile bestand, legte Córiel ein rasches Tempo vor, als die Hochelbin sich mit Jarbeorn ihren Weg durch die immer flacher auslaufenden Vorgebirge der Orocarni bahnte. Sie waren einem kleinen Bach hinab bis zur Baumgrenze gefolgt, der sich schon bald zu einem sich rasch verbreiterndem, seichten Fluss zu vergrößern begann. Dem Stand der Sonne nach, die durch das inzwischen schon sehr dichte Blätterdach fiel, plätscherte das Flüsschen in südwestlicher Richtung dahin. Córiel beschloss daher, es an einer geeigneten Stelle zu überqueren und sich einen Weg nach rechts zu suchen, nach Nordwesten hin, wo sie das Dorf Gan Lurin vermutete. Helle Steine säumten das Flussbett und ermöglichten es, das flache Wasser nahezu überall zu passieren, was die beiden Gefährten nach einer kurzen Rast auch taten. Nachdem sie den kleinen Fluss hinter sich gelassen hatten, kamen sie schon bald in ein dichtes Waldgebiet, das Córiel vermuten ließ, dass sie das weitläufige Tal von Dalvarinan bereits wieder betreten hatten.

Sie sprachen nur wenig miteinander. Sowohl Mensch als auch Elb hingen eigenen Gedanken nach. Jarbeorn erzählte Córiel später, dass er während jener Reise oft an seine Familie gedacht hatte, insbesondere an seine jüngere Schwester Jekka, die im Firienwald lebte. Der Beorninger war besorgt um das Wohlergehen seines Volkes, das kaum einen Tagesmarsch von der bedrohten Grenze Rohans und dem Schatten Mordors entfernt lebte. Zweifel plagten den jungen Krieger bezüglich der Entscheidung seines Vaters, das Tal des Anduin zu verlassen und in Lothlórien, im Goldenen Wald Schutz zu suchen. Gerüchten nach stand das Anduin-Tal zwar nominell unter der Vorherrschaft Sarumans, dessen Macht vom Nebelgebirge, Moria, Lórien und dem südlichen Düsterwald ausging, doch seitdem die meisten Bewohner die Heimat der Beorninger verlassen hatten, war es vergleichsweise ruhig in dem schmalen Landstrich zwischen Wald und Gebirge geblieben. Dort waren die Schrecken Mordors fern, oder jedenfalls ferner als in Rohan, und mit dem Wiedererstarken der Elben des Düsterwalds, wovon man selbst in Rhûn wohl gehört hatte wenn man den Menschen der Stadt Dervogord glauben konnte, wäre ein zuverlässiger Verbündeter in nächster Nachbarschaft für Grimbeorns Volk gewesen.
Córiel hingegen war die meiste Zeit mit Erinnerungen beschäftigt, die aus Melvendës Gedächtnis ungefragt in Córiels Wahrnehmung aufstiegen, wenn ein äußerer Eindruck sie an etwas erinnerte, was vor Jahrtausenden geschehen war. Oft waren es Bäume, die solche unfreiwilligen Rückblenden auslösten. Melvendë hatte einen Großteil ihres Lebens unter dem Blätterdach des gewaltigen Wilden Waldes von Palisor verbracht und hatte ein Haus in den Baumkronen besessen. Und obwohl seit jenen lange vergangenen Tagen so viele Jahre ins Land gegangen waren, gab es noch immer viele Bäume, die aussahen, als entstammten dieser uralten Zeit. Selbst in Caras Galadhon hatte Córiel keine so mächtigen Bäume gesehen. Es gab Baumstämme, die breiter als viele Häuse waren, und so manche Baumkronen ragten so hoch hinauf, dass man die Spitze kaum sehen konnte. Gerne hätte die Hochelbin einen solchen Riesen erklommen, wenn die Zeiten unbeschwerter gewesen wären. Doch noch immer verspürte sie einen inneren Drang, der ihre Schritte beschleunigte und sie dazu antrieb, so rasch wie möglich zu den Hwenti zurückzukehren.

Nach einem Tag erreichten sie die Straße, der sie auf der Hinreise ins Gebirge hinein nach Osten gefolgt waren. Sie verlief inmitten des Waldes und schien gut gepflegt zu sein, denn sowohl Bäume als auch Unterholz hielten zu beiden Seiten des mit fester Erde ausgetretenen, recht breitem Weg ausreichend Abstand. Córiel und Jarbeorn überquerten die Straße, die zur Linken ebenfalls nach Südwesten verlief und setzten ihre Reise in Richtung des Hwenti-Dorfes fort.
Als es einige Meilen später zu dämmern begonnen hatte, schlugen sie ihr Lager für die Nacht auf einer kleinen Lichtung auf, die über ein Rinnsal voller klarem, kaltem Wasser verfügte. Jarbeorn entschied, ein kleines Lagerfeuer zu riskieren, um eine warme Mahlzeit zuzubereiten, während Córiel die Augen nach Gefahren offen hielt. Und obwohl das Feuer kaum rauchte, dauerte es kaum eine Viertelstunde, als es im Unterholz nahe der Lichtung verdächtig raschelte.
Córiel sprang auf und legte einen Pfeil auf die Sehne ihres Bogens, den sie griffbereit neben sich gelegt hatte. Doch was dort zwischen zwei breiten Baumstämmen zum Vorschein kam, war keine wilde Bestie, sondern ein Elb, in grüne Reisekleidung gehüllt, dessen Gesicht Córiel gleich erkannte.
"Vatharon?" fragte Córiel, als der Hwenti-Elb näher kam und ein breites Lächeln zeigte.
"Wie unvernünftig von euch," sagte Vatharon amüsiert. "Wisst ihr denn nicht, dass dieser Rauch alle möglichen unfreundlichen Dinge anlocken wird? Dies ist Hisildi-Gebiet, oder war es zumindest früher."
"Was meinst du damit?" wollte Jarbeorn interessiert wissen.
Vatharon setzte sich zu ihnen ans Feuer und warf einige grüne Blätter in die Glut, die er aus einer der Taschen seines Umhangs gezogen hatte. Beinahe augenblicklich wurde der Rauch erst weiß und dann geradezu unsichtbar. "Hier in diesem Teil des Waldes haben vor vielen Jahren die Hisildi-Elben gelebt. Sie sind ein Stamm der Windan und daher natürlich relativ verschlossen und bleiben gerne für sich. Bei den Hwenti hat man schon lange nichts mehr von ihnen gehört, aber ich glaube, dass sie noch immer hier in dieser Gegend leben."
Während Córiel nun die weitere Zubereitung des Abendessens übernahm, begann Jarbeorn, Vatharon über die unterschiedlichen Stämme der Avari in Palisor auszufragen, worauf sich der Hwenti-Elb nur allzu gerne einließ. Fröhlich erzählte er dem Beorninger mehr als dieser jemals fragen konnte.
"In den alten Überlieferungen der Hwenti gab es einst sieben Stämme der Avari, von denen uns heute nur noch fünf bekannt sind," sagte Vatharon. "Hier in Palisor kann man den Hwenti, den Kindi, Cuind und den Kinn-lai begegnen, und wenn man Glück hat, auch manchmal den Windan. Die Hwenti habt ihr ja bereits kennengelernt. Mein Volk hat sich hauptsächlich in Sonuvien - ihr kennt es als Dalvarinan - ausgebreitet, aber manche von uns leben auch östlich der Berge, der Orocarni, während andere weit in den Westen gezogen sind, wo unsere Erste, Ivyn, sie erwartet. Im Süden des Wilden Waldes lebt das zahlreiche Volk der Kindi, die sich den Bäume ganz besonders verbunden fühlen. Sie besitzen wundersame Bauten in ihren Wohnsitzen, die nicht erbaut, sondern gewachsen sind, und sind ein lebensfrohes, offenes und freundliches Volk, mit dem wir Hwenti nur aufgrund der größeren Distanz nicht ganz so häufig in Verbindung stehen. Ich selbst habe Awld-aronémer, eines ihrer Dörfer, erst einmal betreten, und befinde mich gerade auf dem Weg zu einer weiteren ihrer Siedlungen, das schillernde Makallin ganz im Süden. Dabei werde ich schon bald ins Gebiet der Kinn-lai kommen, die von den Avari den Sternen am engsten verbunden sind. Sie leben sehr verstreut im nordwestlichen Teil des Wilden Waldes, und sind die Hüter unserer heiligen Städten in Áyanvinvë, einem wichtigen Versammlungsort ganz in der Nähe von hier. Auch wenn die Kinn-lai uns Hwenti nicht feindlich gesinnt sind, habe ich doch oft das Gefühl, dass sie aus irgend einem Grund eine gewisse Abneigung gegen uns hegen, die ich noch nicht ganz verstehe. Mein Vater könnte dieses Rätsel gewiss lösen. Doch er hat im Augenblick andere Sorgen. Diese Sorgen sind auch die Ursache meiner Reise, denn unser Anführer bedarf den Rat von einem alten Freund, einem der Fürsten der Kindi, der in der besagten Stadt Makallin weilt und den er durch mich bitten will, sich mit ihm zu treffen. Ach, und wo ich gerade von gewissen Abneigungen rede - von den Windan, den Höhlen-Elben, habe ich ja bereits gesprochen: sie bleiben wirklich gerne unter sich. Sie sind Einzelgänger und leben in den Bergen, ähnlich wie die Zwerge. Einige von ihnen, die man die Gilthandi nennt, sollen wohl im südlichen Teil der Orocarni eine Stadt erbaut haben, aber ich kenne niemanden, der einen solchen Ort mit eigenen Augen gesehen hat. Die Windan sind nun einmal etwas geheimnisvoll, selbst für Avari. Da sind mir die Cuind schon deutlich lieber: sie haben eine Vorliebe für gutes Essen, und siedeln gerne in der Nähe von Wasser - ob an Flüssen, am Meer oder gar inmitten eines Sumpfes. Ihr müsst unbedingt eines Tages die Pfahlbauten in Cémende oder den Hafen von Sirafalma besuchen, wenn ihr Zeit habt. Die Cuind sind sehr gastfreundlich, und ich für meinen Teil kann von Fisch kaum genug bekommen. Ich hoffe, mein Vater entsendet mich als Nächstes zu Fürstin Nénsilmë! Sie soll neben ihrem Ruf als kluge und besonnene Anführerin auch eine exzellente Köchin sein. Ihr seht, meine Freunde, Palisor hat viel zu bieten, und ich hoffe, ihr werdet die Wunder dieses Landes alle auskosten können. Aber sagt, rieche ich da etwa fein gebratenes Wild?"
Vatharons Redeschwall hatte Jarbeorn keine Gelegenheit für Unterbrechungen gelassen. Nur der Geruch des fertigen Abendessens brachte den Hwenti-Elben schließlich dazu, seine Rede zu beenden. Das Wild, das der Beorninger unterwegs erjagt hatte, teilten sie gerne mit Vatharon, denn im Gegenzug ließ er sie von einem süßen Wein kosten, den er in einem großen Trinkschlauch mitgebracht hatte.
"Du bist also im Auftrag deines Vaters nach Süden unterwegs," setzte Córiel die in Vatharons Redeschwall enthaltenen Informationen zusammen. "Er wünscht, sich mit dem Fürsten der Kindi zu treffen?"
Vatharon nickte. "Ich bin mir nicht ganz sicher, worum es dabei geht, aber ich denke, das Thema der Orks in Palisor, deren Zahl weiter zugenommen hat, wird auf jeden Fall Teil dieser Unterhaltung sein."
Bevor er alleine weiterreiste, fassten Córiel und Jarbeorn in kurzen Sätzen für Vatharon zusammen, was sie in den Orocarni erlebt hatten. Als er von dem Sternendrachen erfuhr, wirkte Vatharon weniger überrascht als erwartet. Er nickte und sagte: "Ich wusste, dass die Legende vom Ilcalocë wahr ist. Und ich teile dein Empfinden, Córiel: Die Bestie ist nicht tot. Umso wichtiger ist es nun, dass ich meinen Auftrag schnell erfülle und nach Gan Lurin zurückkehre." Er erklärte den beiden den Weg zu seinem Heimatdorf und bat sie, seinem Vater Herion von den Geschehnnissen zu berichten. Dann brach er nach Süden hin auf und verschwand beinahe augenblicklich im Dunkel der Nacht zwischen dem Unterholz.
« Letzte Änderung: 15. Aug 2019, 14:52 von Fine »
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Herions Entscheidung
« Antwort #16 am: 15. Aug 2019, 16:32 »
Zwei Tage schlugen Córiel und Jarbeorn sich in nordwestlicher Richtung durch den Wald, bis sie schließlich wieder in die Nähe der Heimat der Hwenti kamen. Wenige Meilen von Gan Lurin entfernt begegneten ihnen drei Elben aus dem Dorf, die ihnen nur zu gerne den Weg wiesen. Am Eingangstor der Siedlung wurden sie bereits von Herion und einigen weiteren Hwenti erwartet. Von Vaicenya war jedoch nichts zu sehen, was Córiel nachdenklich machte. Ob man sie wohl gefangen hält? fragte die Hochelbin sich.
"Willkommen zurück," begrüßte der Anführer der Hwenti sie. "Ich sehe, Eure Reisegruppe ist um ein Mitglied ärmer geworden."
"Durin ist bei den Zwergen der Orocarni geblieben," erklärte Jarbeorn.
Herion nickte zufrieden. "Das ist gut. Ich fürchtete schon, ihm wäre etwas zugestoßen. Ich bin froh zu hören, dass ihr den Bewohnern der Berge tatsächlich begegnet seid. In den letzten Jahrzehnten gab es nur noch sehr selten Kontakt zwischen Elben und Zwergen."
Der Dorfälteste führte Córiel und Jarbeorn ins Zentrum von Gan Lurin, wo noch immer das große, einem Baumstamm ähnlichen Gebäude thronte. Im Inneren wurden ihnen verschiedene Erfrischungen angeboten, die die beiden nur allzu gerne annahmen. Obwohl es Winter war, war es unter dem dichten Blätterdach des Wilden Waldes vergleichsweise warm und in ihren dichten Pelzumhängen hatten Jarbeorn zu schwitzen begonnen.
"Wie ist es euch auf eurer Reise ergangen, meine Freunde?" fragte Herion freundlich, nachdem er sich auf seinem Sitz niedergelassen hatte und auch seinen Gästen Stühle angeboten hatte. "Euer Ziel, die Zwerge der Orocarni zu finden, habt ihr ja offensichtlich erreicht."
Jarbeorn nahm einen großen Schluck von dem Wasser aus seinem Glas und antwortete: "Nun, die Reise war abenteuerlich, um die Wahrheit zu sagen. Wir sind dem Drachen aus den Legenden der Avari begegnet, dem..."
"Ilcalocë," half Córiel nach. "Dem Sternendrachen."
Herion nahm diese Enthüllung einigermaßen gelassen hin, doch die übrigen Hwenti, die sich gerade im Raum auffhielten und mehr oder weniger auffällig dem Gespräch lauschten, gaben Laute der Überraschung von sich. "Tatsächlich?" hakte Herion freundlich nach. "Diese Kreatur existiert also wirklich?"
Córiel nickte. "Ich habe mit der Bestie gesprochen. Er will sich zum Herrscher von ganz Palisor aufschwingen."
"Wieso gerade jetzt?" überlegte Herion. "Ich frage mich, ob er von der Uneinigkeit der Völker dieses Landes weiß und sie ausnutzen will."
"Die Zwerge haben schon viele Jahre mit den Orks zu tun, die der Drache in seinen Bann gezogen hat," sagte Jarbeorn. "Deshalb ist der Kontakt zu den Clans der Orocarni abgebrochen. Wir haben dem Herrn der Kristallhalle, Fürst Gárik, dabei geholfen, dem Sternendrache eine Falle zu stellen. Und Có-- und Melvendë war der Köder."
Herion machte ein verdutztes Gesicht. "Wie das?"
Córiel blickte etwas betreten drein. "Nun, nachdem wir den Zwergen begegnet waren, brachten sie uns zu einem Berg, den sie als Frostspitze bezeichneten."
"Ah ja, Ihr sprecht von Ilmarës Wacht. Dem höchsten Gipfel der Orocarni. Dort oben hatte sich also der Ilcalocë all die Jahrtausende seit dem Fall der Thangorodrim verborgen?" sagte Herion und beugte sich interessiert vor.
"So ist es. Er sprach davon, dem Sternenlicht über ihm zu huldigen und von seinem Licht verzaubert zu sein, weshalb er die Bergspitze, die jenseits der Wolkendecke liegt, nur in den seltensten Fällen verlassen hat," fuhr Córiel fort. "Für die Zwerge ist die Luft dort oben zu dünn, doch offenbar hatten einst Avari vom Stamm der Windan dort oben eine Art Tempel oder Opferstätte errichtet."
Herion nickte wissend. "In der Tat. Jener Ort wurde von den Baumeistern errichtet, die später als Gilthandi bekannt wurden, ehe sie verschwanden." Er bedeutete Córiel, mit ihrer Erzählung fortzufahren.
"Anstatt mich sofort zu vernichten, zeigte der Drache sich interessiert an mir, seiner ungewöhnlichen Besucherin, und offenbarte mir seinen Plan, Palisor zu unterwerfen. Indem ich einen alten Aufzung der Windan verwendete, gelang es mir, die Bestie entlang der Bergflanke hinab in die Falle der Zwerge zu locken."
"Und dort habt ihr den Sternendrachen erschlagen," mutmaßte Herion.
Jarbeorn schüttelte den Kopf. "Nach einem harten Kampf stürzte der Drache von dem Plateau, auf dem die Zwerge ihn erwartet hatten, hinab in eine riesige Schlucht. Aber wir glauben nicht, dass er tot ist."
"Sofern ihr seinen Kadaver nicht mit eigenen Augen gesehen habt müssen wir davon ausgehen, dass die Bedrohung weiterhin besteht," meinte der Anführer der Hwenti mit wachsender Sorge in der Stimme. "Dann ist der Drache nun vermutlich wütend und aus seiner andächtigen Ruhe geweckt. Ich fürchte, seine Ausflüge von der Spitze des Berges hinab werden nun häufiger werden. Das ist gar nicht gut... das ist überhaupt nicht gut." Er verfiel in brütendes Schweigen, während Córiel und Jarbeorn unbehagliche Blicke austauschten.

Die Hwenti im Raum tuschelten untereiander, ohne dass Córiel verstehen konnte, was gesprochen wurde. Es vergingen fünf lange Minuten, ehe Herion sich wieder rührte.
"Hätte ich nur um ein wenig früher gewusst, was geschehen ist, dann hätte ich Vatharon mit größerer Eile und Dringlichkeit gen Makallin entsandt. Aber sei's drum. Ich habe noch andere Boten, die ich zu den Stammesführern entsenden kann." Er erhob sich. "Meine Freunde, ich weiß, dass ihr gerade erst eingetroffen seid, doch ich fürchte, die Nachrichten, die ihr gebracht habt, sind zu dringend, um sie unbeantwortet zu lassen. Dieser Drache, der Ilcalocë, er bedroht uns alle, ganz egal ob wir nun Hwenti, Cuind oder Kinn-lai sind. Es muss ein Rat der Anführer einberufen werden, so wie es einst in regelmäßigen Abständen geschah. Lasst die Fürsten der Avari in den heiligen Hallen von Áyanvinvë zusammenkommen, dmait wir uns vereint dieser tödlichen Bedrohung stellen können."
Er hielt inne und wandte sich an Córiel und Jarbeorn. "Ihr beiden habt großen Mut bewiesen, als ihr euch dem Sternendrachen gestellt habt. Deshalb möchte ich euch bitten, zu unserem Nachbarvolk, den Cuind in die Stadt Nendallin zu gehen, und Fürstin Nénsilmë von dem berichten, das ihr mit euren eigenen Augen gesehen habt. Reist entlang der Wasser des Erwachens nach Westen, bis ihr in ein großes Sumpfgebiet kommt, wo ihr den Cuind schon bald begegnen werdet, damit sie euch zu ihrem Dorf inmitten des Marschlandes bringen."
"Was ist mit Vaicenya?" wagte Córiel zu fragen.
"Sie ging mit ihrem Sohn zum Ufer, an dem sie einst erwacht ist, unter dem ersten Sternenlicht," sagte Herion. "Ich bin mir sicher, dass sie euch gerne begleiten werden."

Córiel und Jarbeorn erhielten frischen Reiseproviant von den Hwenti, um am folgenden Tag früh morgens aufbrechen zu können. Die Nacht verbrachten sie erneut in Vatharons Haus, das in der Abwesenheit seines Besitzers leer stand. Am nächsten Morgen trafen sie am Tor des Dorfes auf Vatharons Schwester Lathiawen.
"So, so," sagte die Kriegerin. "Ihr habt euch also einem echten Drachen gestellt." Sie blickte Córiel genau in die Augen, ohne zu blinzeln.
"Und wir sind noch hier," meinte Jarbeorn gut gelaunt. "Enttäuscht?"
Lathiawen grinste. "Unsinn. Es zeigt mir, dass ihr Mut in den Knochen habt. Ich freue mich schon darauf, die Bestie selbst zu sehen und sie spüren zu lassen, dass wir Hwenti keineswegs leichte Beute sein werden."
"Gib gut auf dein Dorf und deine Leute Acht," sagte Córiel. "Ich hoffe, dass ich mich täusche, aber irgend etwas sagt mir, dass der Sternendrache weiß, wohin ich nach dem Kampf auf der Frostspitze gegangen bin."
"Keine Sorge, Melvendë. Soll diese übergroße Eidechse ruhig herkommen," entgegnete Lathiawen. "Ihr werdet sehen: seine Größe wird keine Rolle spielen."
"Ha ha!" lachte Jarbeorn und schlug der Elbin kameradschaftlich auf die Schulter. "Ich mag deine Einstellung, meine Freundin."

Sie verabschiedeten sich bald darauf und zogen los. Der Weg zurück zum See von Cúivienen war von den Hwenti mit kleinen Holzkunstwerken markiert worden, die hier und da von den Bäumen herabhingen. Sie erinnerten Córiel an die Dekorationen, die sie im Dorf der Tatyar in Taur-en-Elenath gesehen hatte.
Als es Abend geworden war, traten sie aus den Schatten der großen Bäume heraus an einen der langen Strände der Wasser des Erwachens. Die Sonne war im Begriff, im Westen über dem See unterzugehen und am Ufer standen zwei Gestalten, die lange Schatten auf den weichen Sand warfen.
"Heda, Níthrar!" rief Jarbeorn und erregte die Aufmerksamkeit der beiden. Der jüngere Elb wandte sich ihnen zu und kam näher, während seine Mutter an Ort und Stelle verweilte, den Blick weiterhin auf das rötliche Wasser gerichtet.
Níthrar war eindeutig erfreut über das Wiedersehen, doch auf seinem Gesicht las Córiel, dass ihn etwas anderes beschäftigte. Als die Hochelbin nachhakte, antwortete er leise: "Ich habe mich jetzt von ihr verabschiedet. Ich kehre zurück in den Westen. Nach Gondor, denke ich."
"Weshalb?" wollte Córiel wissen, doch Níthrar blickte beiseite. Sie beschloss, nicht weiter nachzubohren und es dabei zu belassen, und gab auch Jarbeorn zu verstehen, es ihr gleich zu tun.
"Sichere Wege, mein Freund," sagte der Beorninger. "Ich hoffe du findest das, was du dort suchst."
Níthrar bedachte Jarbeorn mit einem prüfenden Blick. Dann bot er ihm den Arm zum Gruße an. "Gib gut Acht auf Córiel und auf dich selbst," bat er. "In diesen Zeiten scheint nichts von Dauer zu sein, selbst die engste Freundschaft." Mit diesen Worten wandte er sich ab und verschwand entlang des Strandes.
Córiel hatte sich vorsichtig Vaicenya genähert, die ihre Anwesenheit noch immer nicht zur Kenntnis genommen zu haben schien. Doch als die Hochelbin kaum noch einen Schritt entfernt war, drehte sich Vaicenya mit einem Mal um. Da die Sonne direkt hinter ihr unterging, konnte Córiel den Gesichtsausdruck der Dunkelelbin nicht sehen, doch sie hätte schwören, ein verräterisches Glitzern auf Höhe der Augen erkannt zu haben.
Vaicenya schlang die Arme um Córiel und presst sie an sich, ohne ein Wort zu sagen. Córiel hörte, wie Jarbeorn sich ihnen näherte, aber der Beorninger war taktvoll genug um die Lage zu deuten, weshalb er schwieg.
"Möchtest du darüber reden?" fragte Córiel behutsam und verwendete dabei die Sprache, die vor Zeitaltern von den Tatyar gesprochen worden war.
Sie spürte, wie Vaicenya den Kopf, der an Córiels Schulter ruhte, kaum merklich schüttelte.
"Wir gehen zu den Cuind, in die Stadt Nendallin," fuhr die Hochelbin fort. "Willst du mit uns kommen?"
Ein schwaches Nicken. Mehr nicht.
"Dann sollten wir uns bald auf den Weg machen. Die Sonne ist bereits untergegangen," sagte Córiel leise. "Wir gehen, wenn die Sterne heraufgezogen sind, um uns den Weg zu leuchten."
"Melvendë," wisperte Vaicenya. "Du wirst nicht fortgehen, oder?"
"Nein, werde ich nicht. Ich bleibe bei dir."
Vaicenya schloss die Augen und löste sich von Córiel. Sie nahm einen tiefen Atemzug und fand schließlich zu ihrem eigentlichen Selbst zurück. Córiel vermutete, dass etwas Schwerwiegendes zwischen Vaicenya und ihrem Sohn vorgefallen sein musste, denn so hatte sie die Dunkelelbin noch nie erlebt. Doch sie besaß genug Verstand, um nicht weiter nachzufragen.
"Nendallin", wiederholte Vaicenya nachdenklich. "Ich kenne diesen Ort, aber..."
"Aber?" wollte Jarbeorn interessiert wissen.
"Dort lebt die Fürstin der Cuind," beantwortete Vaicenya die Frage, als würde das alles erklären.
"Und?" bohrte der Beorninger nach.
"Nénsilmë, sie... kann mich nicht besonders gut leiden," gab Vaicenya zu.
"Das kommt nicht gerade überraschend," meinte Jarbeorn mit einem verschmitzten Grinsen.
"Schweig still," murmelte Vaicenya verärgert. "Oder ich muss dir doch noch das Fell über die Ohren ziehen."
Córiel musste lächeln. "Kommt schon. Die Sterne ziehen herauf und von Westen weht ein warmer Wind. Heute können wir noch einige Meilen hinter uns bringen. Und wenn die Fürstin der Cuind uns nicht willkommen heißt, werden wir ihr unsere Botschaft eben unwillkommen überbringen."
So ließen sie das uralte Gewässer hinter sich und machten sich zu dritt auf den Weg durch die Wälder Dalvarinans, zu den sumpfigen Flachlanden, die von den Cuind bewohnt wurden.


Córiel, Jarbeorn und Vaicenya zum Cuindar-Moor
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