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Autor Thema: El Kurra  (Gelesen 715 mal)

Melkor.

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El Kurra
« am: 25. Mai 2017, 13:46 »
Aerien, Narissa und Músab mit Gefolge von der Harad-Straße

Die Reisegruppe folgte der Harad-Straße über die Grenze Kerma hinein. Je weiter sie in Músabs Reich hinein kamen, desto bewachsener war die Landschaft und die Straße war breit und gut ausgebaut. Denn der Atbara, ein Nebenfluss des Sobat, hatte hier sein Schwemmland. Immer öfters begegneten ihnen grasende Antilopen- und Gazellenherden,die manchmal sogar die Straße kreuzten. Músabs strenge Miene, die er seit einiger Zeit im Gesicht getragen hatte, verflog nun langsam.
"Bald sind wir wieder daheim, Bruder," Músab legte ein schwaches Lächeln auf, das durch seinen Bart teilweise  verdeckt wurde. Auch Alára schien nun, umso näher sie ihrem Heimatland kamen, entspannter zu sein als zuvor. Seine Blicke gingen nicht mehr forschend in alle Richtungen und  durchsuchten die Umgebung nicht mehr ständig nach möglichen Gefahren.
"El Kurra ist nur noch ungefähr acht Meilen entfernt," sagte Alára. "Ich denke, wir sollten dort eine Rast einlegen. In knapp einer Stunde müssten wir die Festung erreicht haben, wenn wir unser Tempo halten..."  schlug er vor.
Músab nickte zustimmend. "Das ist ein guter Vorschlag, Bruder."
"Und du meinst wirklich, dass wir das Bündnis, welches die beiden jungen Frauen uns vorgeschlagen haben, annehmen sollten?"
Músab überlegte einen Augenblick. Ihm war selbst bewusst, dass ein weiterer militärischer Bündnispartner, wie Wa'aran einer ist, deutlich nützlicher als eine Allianz mit Tol thelyn zu sein schien, dennoch wäre ein Spionagenetzwerk in Harad wahrscheinlich ebenfalls sehr hilfreich. "Nun ja," sagte er daher. "Wenn wir bedenken, dass unser Bruder auf freiem Fuss ist und sein Befreier und Mörder unserer Mutter sich ebenfalls sich in Harad aufhält, dann wären mir zusätzlichen Spione lieber als eine Armee. Und man darf auch dabei nichts vergessen, dass dein Sohn Gatisen nun endlich eine Frau bekommt." Músab konnte deutlich beobachten, wie Alára ebenfalls darüber nachdachte. "Eventuell wirst du ja bald Großvater, alter Mann." sagte er abschließend mit einem gut sichtbaren schelmischen Lächeln.
"Alter Mann nennst du mich? Du bist doch selbst schon Großvater!" gab Alára gespielt beleidigt zurück.

Nachdem beide noch einige politische Angelegenheiten besprochen hatten, schloss sich die Vorhut der Kermer dem Tross wieder an. Músab konnte hören, wie sich eines der beiden  Mädchen von Tol Thelyn mit den Wachen unterhielt. "In Kürze erreichen wir die kleine Festung El Kurra; dort werden wir eine Rast einlegen." sagte der Leibgardist gerade. Und schon kurze Zeit später tauchte die Festung am Horizont vor ihnen auf.

Vor den Toren El Kurras angekommen zügelten sie ihre Pferde und hielten an. "Was ist das für ein Ort?" fragte Aerien.
"Dies ist El Kurra, eine alte Festung Kermas. Mein Großvater hatte sie errichtet um die Harad-Straße besser überwachen zu können," gab Alára zurück.
Nachdem sie einen Augenblick gewartet hatten, öffnete sich das große Tor. Ein junger, braunhaariger Mann schritt mit einer kleinen Gruppe Speerkämpfer dem König entgegen. "Eure Majestät," grüßte er und deutete eine Verbeugung an, während seine Männer auf die Knie fielen. "Es ehrt meinen Bruder und mich, euch hier zu sehen. Vergebt mir, dass ihr warten musstet.." Demütig neigte der junge Mann sein Haupt und seine langen Haare fielen ihm über das Gesicht.
"Es gibt nichts zu vergeben, Talor," gab Músab zurück.
"Wir werden hier eine kurze Rast halten und anschließend weiter nach Kerma reisen., erklärte Alára.
In der Zwischenzeit hatte sich die Gruppe bereits im Burghof eingefunden. "Wir haben euch nicht erwartet, und unsere Tafel ist daher nicht königlich gedeckt," sagte Talor entschuldigend.
Músab nickte. "Wenn es nach mir ginge, bräuchte ich nur ein Bad. "
« Letzte Änderung: 29. Mai 2017, 12:57 von Melkor. »
Er hat noch gezuckt weil ich ihm meine Axt in seine Nervenstränge getrieben habe.

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Kani
« Antwort #1 am: 26. Mai 2017, 15:53 »
Aerien hatte darauf bestanden, nicht gemeinsam mit Narissa untergebracht zu werden, was für einige verwunderte Blicke gesorgt hatte. Zwar schienen die meisten Kermer nicht über die genaue Art der Beziehung Bescheid zu wissen, die die Mädchen teilten, dennoch schienen die Meisten davon ausgegangen zu sein, dass beide Gesandten von Tol Thelyn eine gemeinsame Unterkunft vorziehen würden. Und so kam es, dass Aerien für die Nacht, die sie in der kermischen Festung El Kurra verbrachten, im Zimmer der Tochter des Kommandanten der Burg einquartiert wurde. Talors Tochter hieß Kani und war ein Mädchen von ungefähr sechzehn Jahren, mit dem sich Aerien sogleich gut verstand. Während es draußen Nacht wurde, unterhielt sie sich mit Kani, um sich einerseits die Zeit zu vertreiben und sich anderseits nicht mit Narissa auseinander setzen zu müssen - weder gedanklich noch im direkten Kontakt. Aerien wusste, dass sie Zeit brauchen würde, um wirklich zu verstehen, was den Streit ausgelöst hatte. Und sie hoffte, dass Narissa dasselbe tun würde, und vielleicht irgendwann einsehen würde, dass sie einen Fehler gemacht hatte.
Kani erzählte fröhlich davon, dass König Músabs Großvater Nastasen den Bau der Festung El Kurra befolhen hatte, nachdem es auf der Harad-Straße immer wieder zu Überfällen gekommen war. Zu Nastasens Regierungszeit waren hin und wieder nomadische Haradrim-Stämme aus dem Norden und dem Westen Kermas über die Grenze gekommen und hatten geplündert und gebrandschatzt. Dank seiner strategischen Lage setzte der Bau von El Kurra den Überfällen ein rasches Ende.
"Seither bringt der Kommandant von El Kurra der Nordgrenze Kermas Frieden," erklärte Kani stolz. Es war ihr deutlich anzusehen, dass sie die angesehene Stellung ihres Vaters gerne und oft hervorhob. Aerien fühlte sich ein klein wenig an sich selbst erinnert, denn auch sie hatte in Durthang oft den Rang ihres Vaters zu ihren Gunsten ausgenutzt.
"Mein Vater führt ebenfalls den Befehl über eine starke Festung," erzählte sie, ohne auf ihre genaue Herkunft einzugehen. "Sie liegt hoch in den Bergen, in einem verbotenen Tal. Doch genau wie deine Heimat, Kani, bewacht auch die Festung, in der ich geboren wurde, einen wichtigen Punkt an der Grenze meines Heimatlandes, nämlich einen der wenigen Pässe über das Gebirge, das zwischen Mo... zwischen meiner Heimat und den angrenzenden Ländern liegt." Es war ihr gerade noch gelungen, sich daran zu hindern, den Namen Mordor auszusprechen.
Kani schien es nicht aufzufallen. "Dann bist du also auch eine Fürstentochter," stellte sie erfreut fest. Und sofort begann sie, Aerien mit Fragen über die Lebensweise und die Gebräuche am Hofe ihres Vaters auszufragen, und Aerien merkte rasch, dass dies Kanis Lieblingsthema zu sein schien.
"In Gondor gelten etwas andere Tugenden als in Kerma," antwortete Aerien ausweichend. "Die Fürstentümer und Lehen, aus denen das Land besteht, haben großes Selbstbestimmungsrecht. Nur König und Statthalter stehen noch über den Fürsten und Herren Gondors. Doch für gewöhnlich regeln die einzelnen Gebiete ihre Angelegenheiten selbst."
"In Kerma gibt es zwar auch mehrere Regionen, in die unser Land aufgeteilt ist, doch das Wort unseres Königs scheint etwas mehr Gewicht zu haben, wenn ich dich richtig verstehe," meinte Kani. "In Gondor scheinen Titel und Posten sehr oft erblich zu sein. In Kerma ist dies nur in einigen Ausnahmen der Fall - vor allem bei jenen Linien, die ihre Vorfahren bis zu den großen Gefährten Anlamanis zurückverfolgen können."
"Wer war dieser Anlamani?" fragte Aerien, denn sie hatte den Namen auf der Reise nach Süden schon einige Male gehört.
"Er war ein legendärer Krieger, der einst einen großen schwarzen Drachen erschlug, vor vielen, vielen Jahrhunderten. Und nach seinem Sieg begründete er das Reich von Kerma, wie wir es heute kennen. König Músab und seine Brüder stammen von ihm ab. Und noch heute wird Anlamani von vielen Kermern in hohen Ehren gehalten. Jedes Jahr wird zur Erinnerung an Anlamani das Krönungsfest in der Hauptstadt gefeiert - bald ist es wieder soweit. Doch auch sonst wird er überall im Land verehrt. Es gibt sogar einige Menschen, die in ihrer Verehrung so weit gehen, dass sie Anlamani als Halbgott ansehen und sich als "Gesegnete" bezeichnen. Da Anlamani im Kampf gegen den Drachen den Gebrauch seines linken Armes verlor, eifern diese Fanatiker ihm dadurch nach, dass sie sich ihren Arm so sehr abbinden, dass er unbrauchbar wird."
Aerien hatte bereits mit Fanatikern zu tun gehabt, denn in Mordor gab es nicht wenige, die sich auf Gedeih und Verderb dem flammenden Auge verschrieben hatten, und ähnliche Dinge wie die von Kani beschriebenen Gesegneten Anmalanis getan hatten. Daher nickte sie verständnisvoll, während das Mädchen fortfuhr.
"Das Krönungsfest ist jedes Jahr ein wunderbares Spektakel. Ich hoffe, mein Vater wird mir erlauben, daran teilzunehmen. Wirst du Qore Músab in die Hauptstadt begleiten, Aerien von Tol Thelyn?"
"Ja, das werde ich."
Kani ergriff Aeriens Hand. "Dann werde ich meinen Vater bitten, mich für den Weg dorthin an deine Seite zu stellen, wenn du mir diese Ehre gewährst. Ich würde alles dafür geben, um das Krönungsfest mitzuerleben..."
Aerien zögerte. "Ich werde nicht lange in der Hauptstadt bleiben, Kani. Du wirst mich nicht in meine Heimat begleiten können."
"Nach Tol Thelyn? Nein, nein, das habe ich damit auch gar nicht gemeint. Weißt du, Gastfreundschaft hat in Kerma Tradition. Du bist mein Gast, da du in meinem Zimmer übernachtest. Und ich biete dir an, die Gastfreundschaft auszudehnen, indem ich dich bis zur Hauptstadt bringe. Dies ist kein ungewöhnlicher Vorschlag in Kerma, und ich hoffe, dass mein Vater darauf eingehen wird, wenn du zustimmst. Wenn wir in der Hauptstadt angekommen sind, endet mein Dienst für dich, und ich werde dort bleiben, bis das Krönungsfest vorbei ist und ich mit einer Reisegruppe nach El Kurra zurückkehren kann. Bitte, Aerien, erfüllst du mir diesen Wunsch?"
Aerien nickte. Es kann nicht schaden, Kani dabei zu haben, und bis zur Hauptstadt ist es sicherlich nicht mehr allzu weit, dachte sie. Außerdem wird es schön sein, etwas mehr Gesellschaft zu haben, falls es unterwegs langweilig wird.
Kani fiel ihr dankbar um den Hals. "Ich werde deine Großzügigkeit nicht vergessen, und dir und deiner Freundin so gut zu Diensten sein, wie ich kann," versprach sie eifrig.
Aerien verzog das Gesicht, als sie an Narissa erinnert wurde. "Meine... Freundin wird deine Dienste nicht benötigen," stellte sie kühl klar.
Kani blickte sie fragend an, doch die Antwort blieb aus. "Sie hat eine außergewöhnliche Haarfarbe," sagte Kani in die unangenehme Stille hinein, die entstanden war.
"Mag sein. Ich möchte jetzt nicht über Narissa sprechen," wiegelte Aerien ab. Sie hatte mit einem Mal genug von Kani, und wollte allein sein. Also erhob sie sich und verabschiedete sich so höflich es ging von der Tochter des Kommandanten der Festung, ehe sie Kanis Zimmer verließ.

Der Mond stand als schmale Sichel hoch über den wolkenlosen Nachthimmel, und die Sterne spiegelten sich auf dem Fluss Atbara, der westlich der Festung vorbeiströmte. Aerien stand auf der Brustwehr oberhalb der mächtigen Mauern und ließ den Blick durch die Dunkelheit gleiten.
Die Sterne scheinen heute so schön wie jener Nacht, in der Narissa mich zum ersten Mal ans Meer gebracht hat, dachte sie und spürte, wie sich ihre Kehle verengte.Doch sie schluckte ihre Traurigkeit mit neuem Ärger herunter. Narissa ist selbst schuld, dachte sie zornig. Sie konnte oder wollte nicht sehen, dass mir ihr Interesse an diesem kermischen Schönling weh tut. Und trotz ihrer Dickköpfigkeit wird sie es hoffentlich eines Tages verstehen, und zu mir zurückkommen. Sie soll sich entschuldigen und sich erklären. Dann werde ich wieder mit ihr sprechen.
"Ich glaube nicht, dass die Sterne dir bei deinem Problemchen helfen können, Nichte," sagte eine dunkle Stimme neben ihr. Es war Aglazôr, gehüllt in einen schwarzen Umhang, der ihn vor dem Nachthimmel nahezu unsichtbar machte.
Aerien überwand ihren Schock und sagte: "Wir müssen wirklich aufhören, uns so zu treffen, Onkel."
Aglazôr schmunzelte belustigt. "Wenn ich dich das nächste Mal vertieft in Gedanken vorfinde, werde ich versuchen, meine Gegenwart etwas vorsichtiger anzukündigen," versprach er. "Dennoch frage ich mich, was mit dir los ist, Azruphel. Du warst doch früher nicht so... grüblerisch."
"Ich habe mich verändert," sagte sie leise. "Ich bin nicht mehr das kleine Mädchen, das tut und lässt was Vater und Mutter ihr befehlen. Ich treffe meine eigenen Entscheidungen... und mein Schicksal ist frei von Mordors Willen."
"Das mag so sein, doch nun scheinst du dich mit den Fesseln einer neuen Bindung selbst zu behindern."
"Wie meinst du das?"
"Ich bin nicht blind, Mädchen. Und ich habe mehr Lebenserfahrung als du. Auch ich war einst in einer ähnlichen Situation wie du. Ich öffnete mich und verschenkte mein Herz. Doch es hat nur zu Leid und Schmerz geführt. Seitdem lasse ich niemanden mehr zu nahe an mich heran. Höchstens körperlich, wenn du verstehst was ich meine."
"Deine Eskapaden interessieren mich nicht. Du verstehst nicht, worum es hier geht."
"Oh doch, ich verstehe es nur zu gut. Ich sehe doch das Verlangen in deinen Augen, wenn du Narissa anblickst. Das ist doch ihr Name, oder nicht?"
Aerien gab keine Antwort darauf.
"Es wird nicht aufhören, Azruphel. Du kannst sie nicht verändern. Sie wird immer diejenige sein, die sie ist. Und du kannst dich nicht ewig für sie verbiegen. Eines Tages wirst du zerbrechen."
Mit vor Wut funkelnden Augen starrte Aerien ihren Onkel an, doch dieser blieb unbeeindruckt davon.
"Beende es," sagte er leise. "Beende es jetzt. Vielleicht wird sie dann tatsächlich Prinz Gatisen heiraten, und das Bündnis Kermas mit Tol Thelyn ist endgültig besiegelt."
"Wie kannst du es wagen," knurrte Aerien und stürtzte sich wild vor Zorn auf ihn. Doch Aglazôr machte nur einen raschen Schritt beiseite, der ihren Angriff mühelos ins Leere gehen ließ.
"Denk darüber nach, Mädchen," hörte sie ihn noch sagen, ehe er verschwunden war und sie alleine und durcheinander auf den Mauern El Kurras zurückließ.
« Letzte Änderung: 7. Jun 2017, 14:18 von Fine »

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Re: El Kurra
« Antwort #2 am: 29. Mai 2017, 15:10 »
Nachdem Músab einige Zeit gewartet hatte, wurde er in das Bad der Festung El Kurra geführt. Es handelte sich dabei um einen größeren Raum, der im Untergeschoss lag und aus verschieden rötlichen Sandsteinarten gemauert war. Das eigentliche Bad bestand aus einem quadratischen Becken, in dem mindestens drei Personen Platz fanden. Durch eine natürliche heiße Quelle, die unterhalb der Festung lag, hatte das Wasser eine angenehme Temperatur. Músab stieg langsam in das warme Nass und ließ sich bald darauf vom Wasser treiben. Seit Tagen hatte er kein Bad mehr nehmen können.

Nachdem er sich knapp eine halbe Stunde im Becken entspannt hatte, verließ er das Bad wieder. Auf einer Kommode hatte die Dienerschaft Taloraqens, einige Kleidungsstücke für Músab bereit gelegt. Er entschied sich für ein schlichtes Hemd aus grüner Seide und eine einfachen Hose.
Seine alten Sachen hatte er, bevor er das Bad wieder verlassen hatte, der Dienerschaft zum Waschen gegeben. "Wascht diese Kleider bitte, wenn ihr Zeit dafür habt," hatte er sie gebeten.
Erst jetzt hatte Músab die Chance, sich in der Festung umzusehen, die sein Großvater errichtet hatte. Sie war aus Sandsteinen erbaut worden. Als er sich auf den Mauern umschauen wollte, war es bereits dunkel. Obwohl die Festung noch einige Meilen von der großen Wüste östlich von El Kurra gelegen war, war es hier dennoch kalt.
Einige kleine Ölschalen waren auf der Mauer entzündet worden und erzeugten so ein schwaches, aber ausreichendes Licht. Músab konnte jedoch die vielen Wachen, die auf den Mauern patrouillierten, kaum erkennen. Dennoch war er sich sicher, dass die Festung gut bewacht war.
Nachdem er die Mauern schließlich wieder verlassen hatte, kehrte er zum Burgfried zurück. Dort angekommen stellte er fest, dass sein Bruder Alára, Wa'aran Haywat von Da'amat sowie Burgherr Talor gemeinsam an einem großen Tisch saßen undsich angeregt miteinander unterhielten.
"Músab, setz dich doch zu uns," bot Alára ihm an.
Músab jedoch winkte ab. "Wenn es genehm wäre, würde ich mich doch lieber zurück ziehen." Alára nickte verstehend.
"Ich lasse Euch zu Eurem Zimmer bringen," sagte Talor und gab einem der Wachmänner ein Zeichen.

Als der Diener Músab kurze Zeit später zu seinen Zimmer gebracht hatte, bedankte sich der König Kermas bei dem Wachmann. "Ich werde vor der Türe Wache halten." sagte dieser mit gebührendem Respekt. Mit einem Nicken gab Músab sein Einverständnis und betrat das Zimmer.
Wie der Rest des Burgfriedes war das Zimmer schlicht, dennoch einem König würdig. Ein großes Fenster lag direkt gegenüber der Tür und bot einen herausragenden Ausblick auf das Schwemmland des Atbara. Das Bett stand mittig, flankiert von einigen Kleiderschränken und Bücherregalen. Músab nickte zufrieden und legte sich schlafen.

Am folgenden Tag genoss Músab das Frühstuck, das auf den Tisch gegenüber dem Bett serviert wurde. Frisches Brot,  Marmelade und Sahne standen in verschiedenen Sorten auf den Tisch. Für eine reichhaltige Mahlzeit war gesorgt worden.
Als Músab kurz darauf die Wendeltreppe zum großen Saal hinunterging, konnte er hören, wie sich zwei Personen stritten.
"Du kannst dich nicht einfach mit der Leibgarde des Königs reisen," sagte eine Stimme, die dem König wohl bekannt war.
"Warum denn nicht?" fragte eine Junge Frauenstimme zurück.
"Weil es der König ist, und nicht dein Onkel, oder deine Vetter! Er kann nicht noch auf dich aufpassen."
Músab war über den lautstarken Streit sichtlich verwundert, betrat aber trotzdem den Saal und ließ sich nichts anmerken.
"Und hast du schon darüber nachgedacht, wie du wieder nach Hause kommst? Du kannst nicht einfach alleine von der Hauptstadt zurück nach El Kurra reisen!" sagte Talor gerade. "Ich habe hier Pflicht... " Er stoppte mitten im Satz, als er Músab bemerkte. "Eure Hoheit. Es tut mir leid, dass ihr das mit anhören musstet." 
"Nun, Talor, worum geht es dabei denn?" fragte Músab verständlich. Er fühlte sich dabei an sich selbst erinnert, wie er mit seiner einzigen Tochter Asáta stritt.
"Meine Tochter, Kani, würde gerne dem Krönungfest in Kerma beiwohnen," erklärte Taloraqen.
Der Qore nickte verstehend. "Was hindert dich, sie nach Kerma gehen zu lassen?"  fragte er interessiert.
"Sie ist erst sechzehn Jahre alt und zu jung, um alleine so eine lange Reise hin und zurück zu unternehmen - und selbst wenn, wo soll sie schlafen?" gab Taloraqen zurück. Obwohl man Kani ansah, dass sie sehr erbost über die Worte ihres Vater war, sagte sie kein Wort und blieb still.
Músab zögerte für einen Augenblick, und fuhr sich mehrmals durch seinen Bart. "Wenn du damit kein Problem hast, werde ich sie als Gast in den königlichen Palast einladen.  Nach dem Krönungsfest werde ich sie in Begleitung einiger Männer wieder hierher zurück bringen lassen. Das ist das Mindeste, was ich für deine Gastfreundschaft tun kann," bot Músab an. Er kannte Taloraqen schon seit seiner Jugend und beide waren gute Freunde.
Talor runzelte die Stirn und blickte zu Kani. Obwohl sie nichts sagte, konnte Músab das unausgesprochene "Bitte" ihr deutlich von den Lippen ablesen. "Unter diesen Umständen, hätte ich wohl kein Problem damit," rang sich Talor schließlich ab. Auf Kanis Gesicht erschien ein frohes Lächeln, das die anfangs eher zornige Miene rasch ersetzt hatte; und ehe Talor noch etwas dazu sagen konnte, eilte sie davon - scheinbar in Richtung ihres Zimmers.
"Es tut mir leid, Músab, dass du das mitansehen musstest," meinte Talor. "Seit dem Tod meiner Frau, Kanis Mutter, vor drei Jahren, weiß ich nicht mehr, wie ich mit ihr umgehen soll. Meine ältere Tochter kam damit deutlich besser zurecht als Kani..."  Músab nickte verstehend. "Du brauchst dich nicht zu entschuldigen; wir haben schließlich alle dieselben Probleme," gab er spaßend zurück. "Wenn du Zeit und die Möglichkeit dafür hast, lade ich dich ebenfalls nach Kerma ein," bot er darüber hinaus an.

Nachdem beide sich noch ein Weilchen über ihre Töchter unterhalten hatten, kam eine der Leibwachen des Königs herein und berichtete, dass die Reisegruppe nun für den Aufbruch bereit war. Rasch folgte der König dem Burgherren in den großen Innehof der Festung, wo bereits der Großteil der Gruppe versammelt war. Auch Kani saß abreisefertig auf dem Rücken eines hellbraunen Pferdes, und Talor ging rasch zu ihr hinüber.
"Pass gut auf dich auf, versprichst du mir das?" konnte Músab, Taloraqen zu Kani sagen hören. Músab beobachtete wie sie ihm um den Hals fiel.

Kurz vor der Mittagsstunde verließ der Königliche Trupp die Festung El Kurra. Músab ritt neben der neuen jungen Begleiterin. Jene erwiderte den Gruß ihres Vaters, der ihnen von den Mauern aus zum Abschied winkte, und schloss sich den restlichen Tross an. Sie lenkte ihr Pferd neben Aerien, mit der sie sich schon bald lebhaft zu unterhalten begann.
Músab nickte Talor ein letztes Mal zu und folgte schließlich. In wenigen Tagen, so hoffte er, würden sie pünktlich in Kerma eintreffen. Zur größten Sensation des Jahres, dem Krönungsfest.

Músab, Narissa, Aerien, Kani, Wa'aran Haywat, Alára und Gefolge zur großen Nordstraße
« Letzte Änderung: 31. Mai 2017, 08:11 von Fine »
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Die Schlacht bei El Kurra
« Antwort #3 am: 19. Okt 2018, 16:32 »
Músab, Aerien, Aglarân, Narissa, Gatisen, Alára und Abdul mit dem königlichen Heer Kermas aus der Hauptstadt


Das hastig zusammengezogene Heer war unter großen Anstrengungen in einem Gewaltmarsch entlang der Nordstraße Kermas marschiert. Große Sorgen trieben es an, denn je weiter es kam, desto mehr Berichte von der Grenze trafen ein. Fliehende Menschen, die den Soldaten entgegenkamen, erzählten von Verwüstung in den Gebieten jenseits der großen Burg von El Kurra und von marodierenden Banden von Plünderern, die im Auftrag des Tyrannen Kashta durch die umliegenden Dörfer zogen und Tod und Leid hinterließen.
Aerien war den Großteil des Weges schweigend neben Narissa hergeritten. Ihre Pferde, Grauwind und Karab, waren nach dem kurzen Aufenthalt in der Hauptstadt Kermas genügend ausgeruht gewesen, um die nächste Reise anzutreten. Während sie auf der Nordstraße zur Grenze gezogen waren, hatte die bevorstehende Schlacht Aerien die Lust an Unterhaltungen verdorben, was sich auch auf Narissa ausgewirkt hatte. Nur hin und wieder hatten sie ein paar Worte miteinander gewechselt. Beide hatten sich innerlich auf das vorbereitet, was nun kommen würde.
Als die Burg von El Kurra am Horizont aufgetaucht war, hatten die Kermer erleichtert aufgeatmet. Die Festung stand noch und es stieg auch kein Rauch von den Mauern auf. Sie waren rechtzeitig eingetroffen. Einige lokale Truppenverbände waren bereits vor Ort, um die Garnison der Burg zu verstärken. Doch die Freude währte nicht lange. Von Músab entsandte Kundschafter kehrten bereits nach wenigen Minuten zurück und sie alle berichteten dasselbe: Kashtas Armee war dem Heer des Königs zahlenmäßig deutlich überlegen, und es war nur noch eine kurze Entfernung von El Kurra entfernt.
Hastig ließ Músab seine Krieger auf der Ebene außerhalb der Festung antreten und seine Kommandanten brachten die königliche Streitmacht in Formation. In die vordersten Reihen bezogen schwere kermische Schildträger Position, verstärkt durch die Männer aus Músabs königlicher Garde und den Jägern von Aryasel. Den linken Flügel des Heeres stellte Músab unter das Kommando Abduls von Assuit, der selbst ein erfahrener Heerführer war. Den rechten Flügel befehligte General Aspelta, während das Zentrum der Streitmacht von Taloraqen, dem Burgvogt von El Kurra angeführt wurde. Músab selbst stellte sein Banner auf einem flachen Hügel hinter der linken Flanke auf, von der er das gesamte Schlachtfeld überblicken konnte. Für seinen Schutz sorgten sein Bruder Alára, der schweigsame Gardist Aglâran und der Rest der Palastwachen sowie die Garnison der Burgwächter von El Kurra. Auch Aerien und Narissa hatten sich dort eingefunden. Beide hatten nur wenig Interesse daran, persönlich an der Schlacht teilzunehmen und dadurch eine Verletzung oder gar den Tod zu riskieren. Sie würden aus der relativen Sicherheit von Músabs Kommandoposten den Verlauf der Schlacht beobachten und auf das Beste hoffen.

Eine gewaltige Staubwolke am nördlichen Horizont kündigte nur wenige Minuten später das Eintreffen der feindlichen Streitmacht an. Als die Armee Kashtas nahe genug heran gekommen war, konnte man erkennen, dass sie unter dem Banner Kermas marschierte, das durch ein stilisiertes schwarzes Auge ergänzt worden war. Eine nur allzu deutliche Erinnerung daran, dass sich der Tyrann, der Músab stürzen wollte, auf Unterstützung aus Mordor verließ.
Aerien hatte erwartet, dass vor Beginn der Schlacht eine letzte Verhandlung zwischen den verfeindeten Anführern der beiden Heere stattfinden würde, doch Kashta schien dafür keine Geduld übrig zu haben. Kaum hatten seine Soldaten ihre Kampfformation eingenommen, erschallten von Norden Hörner, die das Heer der Invasoren zum Angriff aufriefen. Ein Teil der Truppen Kashtas bestand, soweit Aerien es erkennen konnte, aus Kermern, doch der Großteil der Soldaten Kashtas schienen Haradrim von anderen Stämmen zu sein. Darüber hinaus verfügten sie über mehr Reiter, von denen ein Teil anstatt auf Pferden auf dem Rücken von Kamelen in die Schlacht zog. Obwohl sie Músabs Heer zahlenmäßig deutlich überlegen waren, verfügten sie jedoch nicht über Mûmakil. Auf der Seite der Loyalisten waren zwei der gewaltigen Ungetüme aufgestellt worden, eines an jeder Flanke. Aerien hoffte, dass die mächtigen Kreaturen den Nachteil, in dem sich Músabs Heer befand, ausgleichen würde.
"Die rechte Flanke soll sich dagegen wappen, von Kavallerie angegriffen zu werden," befahl Músab, der aufmerksam beobachtete, wie Kashtas Armee vorrückte. "Es muss verhindert werden, dass sie unserem Zentrum in den Rücken fallen können. Das Heer soll sich zunächst defensiv verhalten, bis sich eine Gelegenheißt zum Vorstioß zwischen die feindlichen Reihen ergibt." Boten eilten davon, um die Befehle ihres Königs weiterzuleiten. Die verfeindeten Streitmächte waren inzwischen nur noch einen Steinwurf voneinander entfernt. Die kermischen Bogenschützen auf beiden Seiten eröffneten das Feuer und sorgten für erste Verluste und etwas Unordnung in beiden Formationen. Dann schwoll das Getöse auf dem Schlachtfeld zu großem Lärm an, als die vordersten Krieger Kashtas auf die Schildträger in Músabs Frontlinie trafen und die eigentliche Schlacht begann.

Von ihrer Position auf Músabs Hügel konnte Aerien den Verlauf der Schlacht recht gut im Auge behalten. Die Vorsicht hatte sie dazu gebracht, einen Teil ihrer Rüstung anzulegen, die sie aus Tol Thelyn mitgebracht hatte. Brust, Schultern und Oberarme waren in Stahl gehüllt und ihr Schwert hing auf ihrem Rücken. Narissa hingegen hatte auf zusätzlichen Schutz verzichtet und trug ihre gewöhnliche Reisekleidung. Aerien wusste, dass ihre Freundin trotzdem gut auf sich aufpassen konnte und es bevorzugte, flink und beweglich zu bleiben.
Aerien beobachtete, wie die Krieger Kermas dem ersten Ansturm standhielten. Bogenschützen feuerten über die Köpfe ihrer Verbündeten hinweg und die Mûmakil waren wie zwei gewaltige Felsen in der Brandung, die die Flanken der Kermer verankerten. Pferde und Kamele scheuten vor den mächtigen Tieren und hielten die feindlichen Reiter davon ab, Músabs Streitmacht zu flankieren.
"Ich glaube, es läuft einigermaßen gut für uns," sagte Aerien zu Narissa, die einen ihrer Dolche in der linken Hand kreisen ließ, während sie den Ablauf des Gefechts beobachtete.
"Es hat gerade erst begonnen," erinnerte Narissa ihre Freundin. "Wir werden sehen, ob sich das Blatt wendet." Narissa hatte darauf bestanden, die Pferde ganz in der Nähe anzubinden, um sich die Möglichkeit der Flucht stets offen zu halten.

Erste Meldungen von den Kommandanten unten auf dem Schlachtfeld trafen ein und wurden an Músab überbracht. Der König nahm die Botschaften geduldig entgegen und schickte die Boten mit neuen Befehlen nach unten, während er an der Spitze des Hügels stand und den Blick niemals von der Schlacht abwendete. Und so vergingen viele Minuten, in denen sich das Bild, das sich Aerien und Narissa bot, kaum änderte. Kashtas Armee versuchte weiterhin, Músabs Zentrum zu überrennen und seine Flanken zum Einbrechen zu bringen, doch die Loyalisten kämpften standhaft dagegen an und trieben die Haradrim in Kashtas Diensten wieder und wieder zurück. Beide Seiten erlitten Verluste, doch das Kräfteverhältnis verschob sich in der ersten halben Stunde der Schlacht nicht entscheidend.
All dies änderte sich, als der Mûmak an der linken Flanke in die Knie ging und vor Schmerzen aufbrüllte. Irgendwie war es den Reitern Kashtas gelungen, das Ungetüm zu Fall zu bringen, und als der gewaltige Körper auf den flachen Boden der trockenen Ebene aufschlug, bebte die Erde. Die linke Flanke geriet in Unordnung und das Banner von Assuit, das König Abdul geführt hatte, ging im Gewirr des Gefechts verloren. Der Fall des Mûmaks hatte eine großr Staubwolke aufgewirbelt, die die Sicht auf die linke Flanke deutlich erschwerte. Schemenhafte Gestalten waren zu erkennen, die miteinander kämpften, doch Freund und Feind waren kaum noch auseinander zu halten.
"Aspelta soll Verstärkung zur linken Flanke entsenden und sie um jeden Preis stabilisieren," befahl Músab einem der Boten, der sogleich in der sich nur langsam legenden Staubwolke verschwand. Doch kaum einen Augenblick später tauchte der Bote wieder auf, mehrere Schritte rückwärts taumelnd, ehe er von einem Pfeil getroffen tot zusammenbrach. Aus dem Staub hervor brach eine große Zahl der Krieger Kashtas, die es geschafft hatten, an den Verteidigern der linken Flanke vorbei zu gelangen und die nun Músabs Kommandoposten direkt angriffen.
Aerien drehte sich erschrocken um, um sich in Richtung der Pferde zurückzuziehen, doch es war zu spät. Reiter Kashtas hatten den Hügel, auf dem der König Kermas Stellung bezogen hatte, eingeschlossen. Es gab kein Entkommen.
Die Gardisten des Königs formierten sich in einem Ring um ihren Herrn, der sein Schwert gezogen hatte. Músabs Bruder Alára, der in jeder Hand eine Axt trug, schien es kaum erwarten zu können, Blut zu vergießen. Auch Aerien und Narissa bewaffneten sich, gerade rechtzeitig bevor der Angriff auf den Hügel begann. Chaos breitete sich aus, als sich die Haradrim Kashtas von allein Seiten auf die wenigen Verteidiger des Königs stürzten.
Einige Minuten gelang es den Wächtern des Königs, die Angreifer abzuwehren, doch dann öffnete sich eine Lücke in ihren Reihen, als zwei Gardisten kurz nacheinander von Armbrustbolzen getroffen zu Boden gingen. Mehere brüllende Krieger warfen sich dem König persönlich entgegen, der ihren waghalsigen Vorstoß mit einem schnellen Schwertstich beendete. Doch nun, da die Formation der Verteidiger aufgebrochen war, brach heilloses Chaos auf dem Kommandoposten Músabs aus. Überall tauchten neue Feinde auf und schon bald war ein jeder gezwungen, ums nackte Überleben zu kämpfen.
Aerien gelang es anfänglich gut, sich gegen die Angriffe zur Wehr zu setzen. Da Narissa ihr den Rücken deckte, konnte sie mehrere der, bei ihrem Anblick etwas unvorsichtiger werdenden Feinde, mit ihrer Klinge töten. Blut tropfte von dem Schwert auf den trockenen Boden des Hügels hinab, während das Gefecht mit unverminder Härte weiterging. Aerien sah, wie Alára wie ein Berserker unter den Haradrim wütete, ehe sie sich bereits neuen Gegnern gegenüber wiederfand. Mit einem raschen Blick über die Schulter stellte sie fest, dass Narissa verschwunden war. Doch sie hatte keine Zeit dafür, sich nach ihrer Freundin umzusehen. Schon drangen die Haradrim gegen sie vor und Aerien gelang es nur mit Mühe, die mit langen Speeren geführten Stiche mit ihrer eigenen Klinge zu parieren. Sie machte zwei schnelle Schritte rückwärts, um etwas Abstand zu gewinnen und sich Luft zu verschaffen. Da schwirrte ein verirrter Pfeil heran und traf einen der Haradrim ins Auge. Schreiend ging der Mann zu Boden. Aerien nutzte die Verwirrung und sprang vor. Ein Überkopfhieb ihres Schwertes spaltete den Helm des zweiten Feindes.
Schwer atmend blieb sie stehen und blickte sich nach Narissa um. Zu ihrer Erleichterung entdeckte sie ihre Freundin in einiger Entfernung, als Narissa gerade einem feindlichen Kermer die Kehle durchschnitt, um gleich darauf wieder im Chaos der Schlacht unterzutauchen. Aeriens Sorge minderte sich ein wenig und sie hoffte, dass Narissa größeren Gefahren aus dem Weg gehen würde.  Als sie sich weiter umsah, blieb ihr Blick an einer Gestalt in einem schwarzen Umhang mit Kapuze hängen. Offenbar handelte es sich dabei um einen der feindlichen Kommandanten, denn er sorgte mit Handbewegungen dafür, dass seine Untergebenen ihren Angriff auf Músabs Posten aufrecht erhielten, obwohl sie dabei schwere Verluste erlitten. Der Verhüllte schien selbst keiner der Haradrim zu sein, was Aerien an der Art und Weise erkannte, wie er sich bewegte. Auch führte er keinen der in vielen Stämmen üblichen Krummsäbel oder Speere, sondern hielt ein Schwert in den Händen, das Aeriens eigener Waffe ähnelte. Ein Grauen überkam sie bei diesem Anblick, welches sich noch verstärkte, als der dunkle Krieger sich beinahe mühelos den Weg zu ihr bahnte. Drei Leichen der Gardisten Músabs pflasterten seinen Weg und nichts schien ihn aufhalten zu können.
Da trat der König selbst dem Schatten in den Weg. "Ich kenne dich," stieß Músab hervor, und Aerien hörte den Hass deutlich in der Stimme des Königs. "Der Mörder meiner geliebten Mutter wird mir nicht noch einmal entkommen. Es war ein Fehler, nach Kerma zurückzukehren, Abschaum,"
"Sieh an, Ihr erinnert Euch also noch an mich, Euer Gnaden," erwiderte der feindliche Kommandant spöttisch. Dann ging er ohne ein weiteres Wort zum Angriff über. Músab hielt ihm stand, doch Aerien konnte sehen, dass der König rasch in Schwierigkeiten geriet. Obwoh seine Kampftechnik von großer Erfahrung zeugte, verlangsamten ihn offensichtlich die Wunden, die er im Verlauf des Kriegers erlitten hatten, und so kam es, dass Músab nach einem heftigen Schlagabtausch sein Schwert verlor. Doch anstatt den König zu töten schleuderte der Schatten ihn nur mit einer Leichtigkeit beiseite, die von großer Verachtung und Überheblichkeit zeugte.
"Ich bin nicht Euretwegen hier, Músab," sagte er. Dann setzte er langsam seine Kapuze ab und Aerien konnte sein Gesicht sehen. Und sie erkannte die Augen, die ihr entgegen starrten. Es waren dieselben Augen, die sie in ihrem eigenen Gesicht trug.
"...Balâkan?" stieß sie ungläubig hervor. Eine Woge von Gedanken stürmte auf sie ein. Was tat ihr Bruder hier, so weit im Süden, so fern der Heimat? Er, der stets danach getrachtet hatte, sich in der Gesellschaft Mordors zu beweisen und im Namen Saurons schon viele grausame Taten vollbracht hatte? Er, der einst Titel und Rang von Aeriens Vater erben sollte? Als Aerien Mordor verlassen hatte, war Balâkan in Khand unterwegs gewesen, um einen aufrührerischen Stamm für den Dunklen Herrscher zu unterwerfen, doch es bestand kein Zweifel... nun war er hier. Und in diesem Moment fiel Aerien wieder ein, wie sie - vor wenigen Wochen erst - an der Art des Überfalls, der auf die Mutter König Músabs, Aeriens Großtante Belazîl, durchgeführt worden war, Balâkans Handschrift erkannt hatte. Músabs Worte waren wahr... Aeriens älterer Bruder war bereits zuvor in Kerma gewesen und hatte die Mutter des Königs ermordet. Aerien erinnerte sich daran, wie sie Músab in Aín Séfra kennen gerlernt hatte und wie dieser damals auf der Suche nach dem Mörder gewesen war, den er als einen der Schwarzen Númenorer identifiziert hatte. Nun also sollte sich der Kreis schließen.
Balâkan lächelte weder, noch versuchte er, Aerien zu schmeicheln, wie es Karnûzîr getan hatte. Sie waren in ihrer Herangehensweise so unterschiedlich wie Sonne und Mond. Balâkan war stets direkt und brutal gewesen. Es war eindeutig, weshalb er hier war: Er würde Aerien in Gewahrsam nehmen und sie gewaltsam nach Mordor bringen, um sie vor den Thron des Großen Auges zu schleudern.
"Dein kleines Abenteuer endet hier, Abtrünnige," knurrte Balâkan. Dann sprang er vor, das Schwert zum Angriff erhoben. Aeriens Instinkte übernahmen und sie parierte den Schlag, der ihr den linken Arm abgetrennt hätte. Im Hintergrund erhaschte sie einen Blick auf Narissa, die versuchte, zu ihr durchzudringen, jedoch von mehreren Haradrim daran gehindert wurde. Aerien machte einen Ausfallschritt, ließ dadurch einen Hieb gegen ihre ungeschützte Seite ins Leere laufen und stach dann mit der Spitze ihres Schwertes präzise zu. Sie wusste, wo die Rüstungen aus Mordor ihren Schwachpunkt hatten... oder zumindest hatte sie geglaubt, es zu wissen. Doch aus Balâkans Achsel lief wider Erwarten kein Blut, als Aerien die Klinge wieder zurückzog. Ihr Bruder warf ihr einen verächtlichen Blick zu. "Hast du wirklich geglaubt, ich wäre auf so etwas nicht vorbereitet gewesen?" knurrte er, ehe er wieder zum Angriff überging. Doch Aerien ließ ihn gar nicht erst heran kommen. Sie sprang rückwärts, wirbelte Staub auf und trat ihrem Feind eine Handvoll Sand ins Gesicht. Das brachte ihn für einen Augenblick ins Stocken. Die Gelegenheit nutzend schlug sie halbhoch zu, um ihn zu entwaffnen. Doch seine Klinge drehte sich rechtzeitig und hielt Aeriens Angriff auf.
"Vorhersehbar," hörte sie ihn sagen. Das machte sie noch wütender. Ihre Angst war verschwunden, ersetzt durch einen heißen Zorn. Beide Hände fest um den Griff ihres Bastardschwertes gepresst setzte sie Balâkan mit einer Serie von rapide geführten Schlägen unter Druck, die ihn mehrere Schritte zurückdrängten. Doch es gelang Aerien nicht, seine Deckung zu durchdringen. Sie wirbelte um die eigene Achse, duckte sich unter einem Gegenschlag hinweg und ließ ihr Schwert von unten auf ihn zuschnellen... nur um erneut von seiner Parade aufgehalten zu werden. Sie musste sich eingestehen, dass er deutlich besser als sie selbst war.
"Das genügt jetzt," sagte Balâkan bedrohlich. Und noch während Aerien ihm in die Augen starrte, bewegte er sich schneller, als je zuvor. Flink wie eine Kobra tauchte er unter ihrem hastig erhobenen Schwert hinweg und versetzte ihr zwei brutale Schläge mit seiner gepanzerten Faust, die ihr die Klinge aus der Hand prellten und ihr die Luft aus den Lungen trieben. Etwas Großes sauste auf Aeriens Kopf zu, und im nächsten Moment fand sie sich mit dröhendem Schädel im Staub zu Balâkans Füßen wieder. Verzweifelt tastete sie nach ihrem Schwert und schrie auf, als sein eiserner Stiefel ihre Hand unter sich begrub und sie am Boden festnagelte.
Da rauschte ein weißer Blitz heran, als es Narissa endlich gelungen war, zu Aerien durchzudringen. Aerien sah, wie ihre Freundin von hinten auf ihren Bruder lossprang. Ihre Augen weiteten sich, als sie einen Dolch in Balâkans freier Hand aufblinken sah. Ohne dass sich der Schwarze Númenorer umdrehte, schnellte seine linke Hand rückwärts und sorgte dafür, dass sich die Klinge des Dolches in Narissas Oberkörper nahe der Schulter bohrte. Sie war drauf und dran gewesen, Balâkan von hinten zu erstechen, doch er hatte genau gewusst, wo sie sein würde. Aerien schrie, als Narissa mit weit aufgerissenen Augen taumelte und dann zu Boden sank. Blut lief aus ihrem Mundwinkel, ehe sie aus Aeriens Sichtfeld verschwand.
"Warum? Warum nur hast du das getan?" stieß Aerien hervor, den Tränen nahe.
"Das war nicht ich, Abtrünnige," erwiderte ihr Bruder kalt. "Du selbst bist dafür verantwortlich. Ich stelle nur sicher, dass der Wille des Großen Gebieters geschieht." Er beugte sich vor, um sie zu packen und mit sich zu schleifen.
Etwas sehr Schweres traf Balâkan in die Seite und ließ ihn einen Schritt von Aerien weg stoplern. Mühsam zog sie sich in eine sitzende Position hoch und erkannte, dass jemand sich zwischen sie und ihren Bruder gestellt hatte. Jemand, der dunkle Rüstung und einen ebenso finsteren Helm trug und mit Schwert und Schild bewaffnet war.
"Aglâran..." murmelte sie, als sie den Gardisten erkannte.
"Noch ein Verräter, den es zu richten gilt," knurrte Balâkan und wischte sich das Blut ab, das aus seiner Nase lief. Und während er auf Aglâran losging, kroch Aerien um die Kämpfenden herum zu der Stelle, an der Narissa lag. Ihr weißes Oberteil hatte sich rings um die Stelle, an der noch immer Balâkans Dolch steckte, tiefrot verfärbt und sie war noch blasser als sonst. Doch Narissa atmete und ihre Augen waren offen. Aerien zog sie an sich und hielt sie fest.
"Verdammt," hauchte Narissa schwach, als sie Aerien wahrgenommen hatte. "Dieser Mistkerl hat mich ziemlich übel erwischt..."
"Schhhh," machte Aerien. "Nicht sprechen. Ich muss das Ding rausziehen, hörst du? Das... wird ziemlich wehtun, aber... es muss sein."
Narissa gab ein angestrengtes Geräusch von sich, doch sie wehrte sie nicht. Aerien packte den Griff des Dolches und zog ihn mit einem Ruck heraus. Dann riss sie ein langes Stück von ihrem Stoffärmel ab und presste es auf die Wunde, während Narissa das Gesicht vor Schmerzen verzog.
Lautes Schwerterklirren lenkte Aeriens Aufmerksamkeit wieder auf das um sie herum tobende erbitterte Gefecht. Balâkan und Aglâran lieferten sich einen heftigen Schlagabtausch und schienen einander ebenbürtig zu sein. Beide mussten mehrere Treffer einstecken, doch keinem gelang es, seinen Gegner entscheidend zu verletzen oder zu entwaffnen, bis Aglâran schließlich einen gegen seinen Kopf geführten Hieb mit der Kante seines Schildes abfing und daran abgleiten ließ, und noch in derselben Bewegung den schweren Schild mit der Spitze gegen Balâkans Brust rammte, welcher schwer getroffen rückwärts taumelte und dabei sein Schwert verlor. Sogleich setzte Aglâran nach, um seinem Feind den Todesstoß zu versetzen, doch da griff ihn ein Haradrim-Krieger von hinten an, um seinen Kommandanten zu retten. Wütend fuhr der dunkle Gardist herum und köpfte den vermeintlichen Retter Balâkans. Und dieser kurze Moment der Ablenkung war alles, was Aeriens Bruder benötigte. Er kam geschickt auf die Beine und verschwand im Chaos des Gefechts, das noch immer rings um Músabs Kommandoposten tobte.
Aglâran kehrte zu Aerien zurück. Sein Gesicht war hinter dem schmalen Sehschlitz seines schwarzen Helmes nicht zu sehen. Aerien war sich nicht sicher, was er nun von ihr hören wollte. Er hatte ihr die behandschuhte Hand entgegenstreckt und schien ihre Reaktion abzuwarten. Sie fühlte sich in ihre alte Rolle am Hofe von Durthang zurückversetzt, in der sie beinahe ständig von Gardisten wie Aglâran umgeben war, die ihre Leben für den Adel aufs Spiel setzen mussten. Doch heute war sie nicht mehr Azruphel von den Schwarzen Númenorern, und Aglâran stand nicht mehr in ihren Diensten. Also tat sie etwas, was keiner aus der Gesellschaft von Durthang seinen Untergebenen gegenüber jemals zuvor geäußert hatte: Sie bedankte sich.
"Ohne dein Eingreifen wäre ich jetzt tot, oder noch schlimmer, in Gefangenschaft geraten," sagte sie und ergriff die angebotene Hand, um sich auf die Beine helfen zu lassen. "Dafür bin ich dir dankbar, Aglâran."
Aglâran gab ihr keine Antwort. Er musterte sie nur eindringlich, als wäre er sich selbst nicht ganz im Klaren darüber, was als Nächstes zu tun sein. Dann kehrte er ins Gefecht zurück.

Aerien verband Narissas Wunde, die zwar noch immer blutete, aber nicht wirkte, als wäre sie lebensbedrohlich. Derweil erstarben die Kampfgeräusche um sie herum ein wenig. Der Ansturm auf den Hügel des Königs ließ nach und Aerien vermutete, dass der Grund dafür Balâkans Rückzug war.
"Wo ist der Mörder meiner Mutter?" stieß Músab ächzend hervor, der sich ganz in der Nähe mühsam auf den Beinen hielt.
"Er ist fort," antwortete Aerien. "Sagt, König Músab, wie läuft die Schlacht?"
Der König ließ seinen Blick nach unten schweifen, wo die beiden Heere noch immer ineinander verkeilt waren. Soweit Aerien es erkennen konnte, war der zweite Mûmak noch am Leben und sorgte für große Verluste in Kashtas Reihen. Ehe Músab auf Aeriens Frage antworten konnte, gelang es einem Boten, zu ihnen durchzudringen. Der Kermer brachte die Nachricht, dass Verstärkungstruppen von Nordwesten her kommend gesichtet worden waren, die unter dem Banner Suladans marschierten.
"Wie die Schlacht läuft?" murmelte Músab. "Nun, bis jetzt haben wir uns behaupten können." Er hob den Kopf und blickte standhaft nach Nordwesten. "Aber das Ende dieses Kampfes naht."
« Letzte Änderung: 24. Okt 2018, 12:42 von Fine »

Fine

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  • Ich hab da ein ganz mieses Gefühl bei der Sache...
Eine folgenschwere Entscheidung
« Antwort #4 am: 21. Okt 2018, 19:48 »
Eine geisterhafte Stille hatte sich über den Hügel, auf dem Músabs Kommandoposten stand, gesenkt. Der Staub, den die Kämpfer aufgewirbelt hatten, sank nur sehr langsam zu Boden. Narissa hustete leise. Ihre Wunde hatte aufgehört zu bluten und Aerien wusste, dass ihre Freundin überleben würde... vorausgesetzt, das Heer Kermas blieb an diesem Tag siegreich.
Aerien kam mühsam auf die Beine. Ganz in der Nähe stand Músab, dessen Blick noch immer starr nach Nordwesten gerichtet war. Dort war nun die feindliche Verstärkungsarmee sichtbar geworden, die sich dem Schlachtfeld näherte. Noch während Aerien hinsah, löste sich ein einzelner Reiter aus den Reihen der Verstärkungsarmee. Sie hörte, wie Músab tief einatmete. "Jetzt wird sich zeigen, wie gut es das Schicksal heute mit uns meint," murmelte der König.
Der Reiter kam näher. Genau auf den Hügel Músabs preschte er zu. Schon nahmen die verbliebenen Gardisten des Königs eine Abwehrformation ein, doch Músab hob die Hand. "Lasst ihn passieren," befahl er.
Als der Bote nahe genug herangekommen war, dass man sein Gesicht erkennen konnte, lief es Aerien eiskalt den Rücken hinunter. Sie hatten den Mann dort erst vor zwei Tagen zuletzt gesehen. "Mustqîm," stieß sie hervor. "Was will dieser Abschaum denn hier?"
Sie musste nicht lange auf die Antwort auf ihre Frage warten. Mustqîm sprang geschickt aus dem Sattel und trat vor den König, eine spöttische Verbeugung andeutend. "Qore," grüßte er knapp.
"Es ist gut, dass Ihr kommt," entgegnete Músab. "Wie steht es nun um unsere Abmachung?"
Abmachung? dachte Aerien. Er hat eine Abmachung? Mit... dem da?
"Ich muss schon sagen, König Músab, ich bin beeindruckt von Eurer Gerissenheit," antwortete Mustqîm. "Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie überrascht ich war, auf dem Heimweg nach Qafsah auf Boten Suladans zu treffen, die mir einen neuen Auftrag gaben."
"Wir haben keine Zeit für Geschichten," unterbrach Músab ihn. "Seht Ihr denn nicht, dass dort unten eine Schlacht geschlagen wird? Sprecht schon - gilt das Bündnis?"
"Was?" entfuhr es Aerien, die fassunglos war. Ein Bündnis? Mit Suladan? Das kann nicht sein Ernst sein!
Mustqîm lächelte, als sein Blick Aerien und die etwas abseits kauernde Narissa streifte. "Ihr mögt in letzter Zeit bei der Wahl Eurer Verbündeten kein besonders gutes Urteilsvermögen bewiesen haben, doch immerhin habt Ihr erkannt, wer den Krieg in Harad gewinnen wird. Nun, da Ihr das Königssymbol besitzt, wird Euer Volk keinen anderen Herrn als nur Euch akzeptieren. Deshalb bleibt Suladan kaum eine andere Wahl, als Euch zu unterstützen, wenn er im Gegenzug auf die Unterstützung Kermas vertrauen will. Haltet das Wort, das Ihr Euren Boten an Suladan überbringen ließet, und sagt Euch von den Rebellen los. Erkennt Suladan als Sultan aller Haradrim an, dann wird er Euch im Gegenzug als Erben von Kush und als König von Kerma anerkennen."
Auch Narissas Gesicht zeugte von Schock, der sich rasch in Wut wandelte. Aerien wusste genau, wie sehr Narissa ihren Vater hasste. Und jetzt zu sehen, wie Músab sich dem Herrn von Qafsah anschloss...
"Ich stehe zu meinem Angebot," bestätigte Músab. "Nun macht schon! Diese Schlacht hat lange genug gedauert."
Mustqîm grinste. Dann zog er ein großes, rotes Horn hervor und stieß dreimal hinein. Beim dritten Ton wechselten die anrückenden Verstärkungstruppen die Marschrichtung... und fielen Kashtas Heer überraschend in die offene rechte Flanke. Gleichzeitig lösten sich die von Suladan zur Verstärkung Kashtas entsandten Haradrim an der linken Flanke der Invasoren aus der Formation und wechselten ebenfalls die Seite. Das Zentrum, das aus verräterischen Kermern und Söldnern bestand, geriet in vollkommene Unordnung.
"Alle Truppen sollen sofort gegen die verbliebenen Verräter vorrücken," befahl Músab. "Und seht zu, dass nicht einer von ihnen entkommen kann."

Als die Schlacht vorbei war, warf man die Leichname der Verräter auf einen großen Haufen, während die gefallenen Loyalisten ehrenvoll auf einen großem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Derweil versammelten sich auf Músabs Kommandoposten die Anführer, die die Schlacht überlebt hatten. Músab selbst und seine Generäle, Aspelta und Taloraqen betrauerten den Verlust von König Abdul von Assuit, der beim Fall des Mûmaks an der linken Flanke sein Leben verloren hatte. Zu ihnen gesellten sich auch Gatisen und die beiden Anführer der Haradrim Sûladans: Yusuf al Samaal, der die Haradrim in Kashtas Heer kommandiert hatte, und Mustqîm, der Sohn Suladans. Von Balâkan hatte jegliche Spur gefehlt, und auch Kashta, der Tyrann, war gegen Ende der Schlacht verschwunden.
Aerien hörte, wie Gatisen auf seinen Onkel einredete. Der junge Prinz, der an vorderster Front gekämpft und einen tiefen Schnitt an der Stirn davongetragen hatte, schien von dem Seitenwechsel der Haradrim vollkommen überrascht geworden zu sein. "Du hast ein Bündnis mit Suladan ausgehandelt?" fragte Gatisen fassungslos. "Hast du denn schon vergessen, dass wir damit wieder Sauron unterstehen würden?" Aerien musste Gatisen recht geben. Auch sie hielt Músabs Entscheidung für einen gewaltigen Fehler.
"Kerma untersteht niemandem außer mir," entgenete Músab. "Ich habe lediglich einen Nichtangriffspakt mit Suladan geschlossen. Es wird wieder Handel zwischen Kerma und Qafsah geben, und wir werden beidseitig unsere Grenzen füreinander öffnen. Ich erkenne Sûladan als Sultan seines Reiches an und er mich als König von Kerma. In seiner Weisheit hat er erkannt, dass er gegen den Anspruch, den mir das Königssymbol verleiht, nicht angekommen wäre. Kashta, seine Marionette, wäre gestürzt worden, selbst wenn er diese Schlacht gewonnen hätte."
"Ich hoffe, du hast dir das gut überlegt," sagte Gatisen leise.
"Ich habe sehr viel darüber nachgedacht. Das Leid, das ich in Assuit und Napata gesehen habe, hat ich in meiner Entscheidung bestärkt. Ein Bündnis mit Suladan ist der beste Weg, um mein Volk zu beschützen und vor weiterem Leid zu bewahren."
"Hoffentlich hast du recht," murmelte Gatisen, der nicht sonderlich überzeugt drein blickte.
Músab stieß einen tiefen Seufzer aus. Dann richtete er sich zu voller Größe auf. "Entsendet Reiter mit frischen Pferden in alle Richtungen! Ich will, dass Kashta und der Mörder meiner Mutter gefasst werden!"
Boten eilten davon, um die Befehle des Königs in die Tat umzusetzen.

"Wird es gehen?" fragte Aerien ihre weißhaarige Freundin, die es irgendwie geschafft hatte, in Grauwinds Sattel zu klettern.
Narissa verzog das Gesicht, doch dann nickte sie. "Ja, es wird gehen. Jetzt, da die Schlacht vorbei ist, können wir Kerma endlich verlassen und den Heimweg antreten. Ich habe nämlich einem König, der sich mit Suladan abgibt, nichts mehr zu sagen." Der Blick, den sie dabei hatte, war tödlich.
Aerien stimmte ihr zu. Rasch stieg sie ebenfalls auf den Rücken ihres Rosses. Ihr Gepäck hatte sie bereits in Karabs Satteltaschen verstaut.
Ehe sie losreiten konnten, näherte sich Músab ihnen. Auch der König war inzwischen beritten. Eine zehnköpfige, schwer gerüstete Gruppe von Gardisten folgte ihm. "Meine Freunde," sagte Músab. "Noch immer bin ich in Sorge wegen eurer sicheren Heimkehr. Deshalb habe ich einen Vorschlag für euch. Kerma braucht noch immer Verbündete, und ich werde sie im Westen suchen gehen. Mein Ziel ist das Nekropolenreich von Ta-Mehu."
Narissa würdigte Músab keines Blickes. Doch sie besaß genug Verstand, um nicht einfach davonzureiten. Stattdessen schien sie Aerien die Entscheidung zu überlassen, Músab weiter anzuhören.
"Wie Ihr wisst, sind wir keine Freunde Sûladans," entgegnete Aerien mit angemessener Schärfe. "Ganz im Gegenteil."
"Mein Wort wird für Eure Sicherheit gewähren," antwortete Músab. "Euer Heimweg deckt sich zum Großteil mit meinem Weg nach Ta-Mehu. Lasst uns diesen Weg gemeinsam gehen."
Schweigen antwortete ihm. Der König wartete noch einen Augenblick ab, ehe er sagte: "Ich habe noch einige Dinge zu erledigen, damit Kerma in meiner Abwesenheit nicht ohne Schutz bleibt. Doch meine Gruppe wird in einer halben Stunde aufbrechen. Ihr habt bis dann Zeit, um Eure Entscheidung zu treffen."
Er setzte sich in Bewegung und ritt langsam den Hügel hinab, gefolgt von seinen Gardisten. Doch der letzte der gepanzerten Reiter blieb stehen. Aerien benötigte einen Augenblick, doch dann erkannte sie Aglâran.
"Ich... möchte mich erneut dafür bedanken, was du während des Angriffs getan hast, Aglâran," sagte Aerien vorsichtig.
"Es war ein Reflex," sagte der Krieger kalt. "Ich habe dich schon früher beschützt, Azruphel. Als ich sah, wie du fielst, übernahmen meine Instinkte. Es hat mir keine Freude bereitet."
"Vielleicht sollten wir darüber sprechen," antwortete Aerien.
"Vielleicht. Ein Andermal. Wenn wir unterwegs dafür Zeit haben, habe ich noch einige Fragen."
"Unterwegs?"
"Ihr kehrt zurück an den Ort, von dem sie stammt, nicht wahr?" Der behandschuhte Finger Aglârans zeigte auf Narissa, die ihre Abneigung unverhohlen zeigte.
"Nach Tol Thelyn, das ist richtig," sagte Aerien.
"Dann werde ich euch dorthin begleiten." Es war keine Frage.
"Ähm... nun gut, dann..."
"Das genügt mir," sagte Aglâran. Dann ritt er langsam davon.
"Uuuund er ist immer noch unheimlich," raunte Aerien Narissa zu, die leise lachte.
"Hör auf, solche Sachen zu sagen," beschwerte sie sich. "Wenn ich lachen muss, tut es mehr weh."
Aerien seufzte. "Wir werden mit Músab und mit Aglâran reisen, oder?"
"Führt wohl kein Weg dran vorbei," meinte Narissa. "Bis zur Insel. Das muss reichen."
"Bis zur Insel, ja. Und dann...
"Um das "dann" kümmern wir uns, wenn wir zuhause angekommen sind."


Músab, Aerien, Narissa und Aglâran zur Mehu-Wüste
« Letzte Änderung: 15. Nov 2018, 12:04 von Fine »