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Autor Thema: Die umliegenden Berge von Gorak  (Gelesen 1804 mal)

Rohirrim

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Die umliegenden Berge von Gorak
« am: 12. Okt 2017, 00:49 »
Zarifa und Tekin aus den Straßen von Gorak

Zarifas Plan war aufgegangen. Es war ihnen gelungen, aus der Stadt zu fliehen und in einer Höhle im Gebirge Unterschlupf zu finden. In der ersten Nacht war es zwar noch ziemlich unangenehm gewesen, in dieser kalten und fremden Umgebung zu schlafen, doch inzwischen fühlte Zarifa sich dort regelrecht wohl. Es erinnerte sie an ihre Zeit in Umbar. Zwar hatte sie keine Arbeit, kein Geld und nie besonders viel zu Essen, doch sie war frei. Sie konnte tun und lassen, was immer sie wollte. Und genau das war es, was sie an ihrem Leben in Umbar so geschätzt hatte. Es dauerte nicht lange und Zarifa hatte auch hier am Stadtrand von Gorak ihre Methoden gefunden, um zu überleben. Morgens kamen immer Händler in die Stadt, darunter auch solche, die Lebensmittel verkauften. Und mit Tekins Hilfe war es für die geübte Diebin kein Problem, Essen für die beiden zu besorgen. Und auch andere Waren, die ihr Leben in der Höhle etwas angenehmer gestalteten, wie etwa Kerzen oder Decken, konnte sie erbeuten. Zwar behagte es ihr nicht, einfache Leute zu bestehlen, doch ihr blieb kaum eine andere Wahl. Tekins Geld war schon lange aufgebraucht und die Stadt konnte sie zumindest nicht ohne Risiko betreten. Sie wussten zwar nicht, ob und wie gründlich Kazimir nach Zarifa suchen würde und ob er in der Lage war zwei und zwei zusammen zu zählen und darauf zu kommen, dass Tekin ihn verraten hatte, doch sie vermuteten, dass er Zarifas Flucht als persönliche Beleidigung sehen würde. Daher blieben sie erst einmal außerhalb der Stadt. Hier trieben sich zwar auch bisweilen Stadtwachen herum, doch es war nicht besonders schwierig, ihnen auszuweichen und ihre Höhle war zu gut versteckt, als das jemand zufällig über sie stolpern würde.
Alles in allem ging es Zarifa daher schon bald wieder besser. Zwar hatte sie immer noch nicht viel zu Essen, doch die Unterernährung, der sie in Radomirs Anwesen ausgesetzt gewesen war, war nun Vergangenheit. Auch ihre Muskeln und Knochen erholten sich allmählich wieder von der Schufterei. Und um ihre neu gewonnene Lebensfreude noch abzurunden, stellte sie fest, dass Tekin noch viel hübscher und netter wirkte, wenn sie selber gut gelaunt und gesättigt war. Die Liebe war nun nicht mehr der einzige Hoffnungsschimmer in Zarifas ansonsten trostlosem Leben, sondern vielmehr der Gipfel ihrer neu gewonnen Freiheit. Während sie so darüber nachdachte, flog ein Schmetterling an ihrer Höhle vorbei.
Doch leider musste die junge Haradan feststellen, dass Tekin dieses Leben nicht so sehr zu behagen schien. Er hatte noch nie ohne Geld auf der Straße leben müssen und schien ständig nervös und beunruhigt. Es behagte ihm nicht, Leute zu bestehlen. Es behagte ihm nicht, schlafen zu gehen, ohne zu wissen, was der nächste Tag bringen würde. Und es behagte ihm nicht, ständig auf der Flucht zu sein. Zarifa kannte dieses Leben bereits zu genüge und hatte es irgendwann schätzen gelernt, doch für Tekin war das alles neu. Und so war es nun an Zarifa, ihm da durchzuhelfen. Genau wie Zarifa jemanden in Radomirs Anwesen gebraucht hatte, der sie wieder aufrichtete, brauchte Tekin nun jemanden, der ihm die positiven Seiten dieses Lebens aufzeigte. Und Zarifa wäre auch mehr als bereit, dieser jemand zu sein, wenn sie nicht selber immer noch mit Problemen zu kämpfen hätte.
So sehr sich die junge Frau auch bemühte, die Ereignisse während ihrer Gefangennahme zu verdrängen, es gelang ihr einfach nicht. Immer wieder wachte sie nachts schweißgebadet auf, nachdem sie im an die Stadttore von Umbar zurückgekehrt war. Finger, die sie berührten, obwohl sie es nicht wollte. Ein lautes, fast hysterische Lachen, wenn Zarifa um Hilfe rief. Das Gefühl, vollkommen wehrlos zu sein. Blutspritzer auf ihrer Kleidung. Die Leiche ihres besten Freundes und Mentors. Der Geschmack von Blut. Immer wieder. Zarifa wollte nicht an diese Dinge denken. Sie wollte das Alles vergessen und einfach weiterleben. Doch es verfolgte sie im Schlaf. Und auch tagsüber, wenn sie sich in ihren Gedanken verlor. Allmählich begann Zarifa auch sich selber dafür zu hassen, dass ihre Gedanken immer wieder in diese Richtung abdrifteten. Doch was sollte sie tun?
Auf einmal konnte sie Ziad viel besser verstehen. Wie er in den Straßen von Umbar während des Aufstandes auf einmal dem Mann wieder begegnete, der ihn fast 16 Jahre lang gefangen gehalten hatte. Wie er daraufhin komplett die Kontrolle über sich verloren hatte und anfing, den Mann zu Tode zu prügeln, ohne zu bemerken, dass dessen Sohn dabei zugesehen hatte. War das etwa die Lösung? Töten, um zu vergessen? Ziad hatte ebenso wie sie alles getan, um seine Erlebnisse in Gefangenschaft zu verdrängen. Doch auch ihm war es nicht gelungen. Man konnte sich zwar ablenken und an andere Dinge denken, doch die Bilder würden früher oder später immer wieder zurückkehren. War Zarifa nun dazu verdammt bis an ihr Lebensende von Ziads Leiche zu träumen? Oder würde der Tod Kazimirs und all der anderen Leute, die ihr unrecht getan hatten, etwas ändern. War Rache die Lösung? Verdient hatten sie es auf jeden Fall. Zarifa musste mit Tekin darüber sprechen. So konnte es jedenfalls nicht weiter gehen.   

Zarifa und Tekin in die Straßen von Gorak
« Letzte Änderung: 13. Okt 2017, 01:04 von Rohirrim »
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Char Zarifa in Rhûn

Rohirrim

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Re: Die umliegenden Berge von Gorak
« Antwort #1 am: 27. Okt 2017, 23:44 »
Zarifa und Tekin aus dem Anwesen des Fürsten von Gorak

„Wir haben es geschafft.“ Zum ersten Mal seit sie von Yasin verraten worden und als Sklavin an Radomir verkauft worden war, fühlte sich Zarifa wieder richtig erleichtert. Es war, als wäre ihr ein Stein vom Herzen gefallen, von dem sie vorher nicht einmal wusste, dass er ihr auf dem Herzen lag. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie sehr sie der Fakt belastet hatte, dass der Mörder von Ziad immer noch frei herumgelaufen war. Zwar waren ihr natürlich die Albträume und schlimmen Gedanken aufgefallen, doch selbst in den scheinbar glücklichen Momenten, hatte sie sich noch nie so frei und leicht gefühlt wie in diesem Moment. Endlich hatte dieser grausame, unmenschliche Vertreter eines Fürsten, seine gerechte Strafe erhalten. Die Welt war ein zumindest kleines bisschen besser. Während Zarifa gemeinsam mit Tekin zurück zu ihrer Höhle schlenderte, fiel ihr erstmals so richtig die Schönheit dieser Berglandschaft auf. Die exotischen Pflanzen, die natürlichen Felsformationen und die hohen Berggipfel am Horizont: all das war wunderschön.
Es begann allmählich zu dämmern. Auf ihrem Weg aus dem Anwesen und aus der Stadt, hatten sie keinerlei Schwierigkeiten gehabt. Zwar waren sie aus Vorsicht wieder über die Stadtmauer geklettert, statt durch das Tor zu fliehen, doch die Tatsache, dass in der Stadt bisher noch alles ganz normal zuging ließ darauf schließen, dass die Information über Kazimirs Tod noch nicht die Runde gemacht hatte. Vermutlich tat sie das in diesem Moment, doch außerhalb der Stadt, in ihrer gut versteckten Höhle, waren sie zumindest vorläufig einigermaßen in Sicherheit. Sie hatten sich jedoch entschieden, am nächsten Morgen zu fliehen. Zwar erschien es riskant, noch eine Nacht in der Höhle zu verbringen, doch Zarifa war ja schon die ganze Zeit über erfolglos gesucht worden. Da würde eine Nacht mehr, in der im Anwesen des Fürsten vermutlich ohnehin das reinste Chaos herrschte, auch nicht schaden.
Die beiden jungen Haradrim erreichten die Höhle, die sie nun schon so lange vor Kazimirs Leuten geschützt hatte. Es fühlte sich inzwischen fast wie eine Heimat an. Zarifa hatte eine Menge Decken und Kerzen gestohlen, sodass es hier sogar richtig gemütlich war. Und Tekin hatte die Höhle mit einigen Pflanzen aus der Umgebung dekoriert. Ihre Hände berührten sich. Zarifa blickte zur Seite. Tekin lächelte sie an. Ja, hier war sie wirklich zu Hause. Es waren diese wunderschönen braunen Augen, die ihr das Gefühl tiefster Geborgenheit vermittelten. Vorsichtig trat Zarifa einen Schritt auf Tekin zu. Tekin tat es ihr gleich. Zarifas Herz klopfte immer schneller. War dies der richtige Moment? Noch ehe sie weiter darüber nachdenken konnte, kamen ihr die Worte über die Lippen, die ihr bereits seit ihrem ersten Kuss auf der Zunge lagen:
„Ich liebe dich.“
Einen Augenblick lang, sah Tekin Zarifa einfach nur an. Dann lächelte er.
„Ich liebe dich auch, Zarifa.“
Langsam kamen sie sich näher. Dies war tatsächlich der perfekte Moment. Zarifa spürte Tekins warmen Atem in der immer kälter werdenden Abendluft. Sie strich ihm sanft durch sein strubbeliges, braunes Haar. Tekins Kopf war leicht geneigt. Ohne es so recht so wollen doch gleichzeitig ohne den Drang es aufhalten zu wollen, berührten sich ihre Lippen. Tekins Lippen fühlten sich trocken, doch gleichzeitig auch weich an. Ihre Lippen öffneten sich. Dies war der beste Moment, in Zarifas gesamten Leben.
Als sich die Beiden nach einigen sehr langen Augenblicken wieder voneinander lösten, legte Tekin sanft seine Hand auf Zarifas Taille, blickte ihr tief in die Augen, und sagte: „Du bist die schönste und wunderbarste Frau, die mir je begegnet ist. Ich weiß, die letzten sechs Wochen waren schrecklich und geprägt von Leid, doch ich würde keine Sekunde eintauschen wollen. Denn all das Leid und all der Schmerz, hat mich letztlich zu dir geführt: der Frau meiner Träume.“
Zarifa wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie war zutiefst gerührt. In ihren Augen bildeten sich Tränen, doch es waren Tränen des Glücks. Sogar die Erwähnung der letzten sechs Wochen schreckten sie nicht. Keine schrecklichen Bilder, die vor ihr geistiges Auge schossen. Stattdessen sah sie Tekin: den Mann ihrer Träume.
Während sie sich weiterhin küssend und die Arme umeinander geschlungen hinlegten, flog ein Schmetterling an der Höhle vorbei.
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Char Zarifa in Rhûn

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Re: Die umliegenden Berge von Gorak
« Antwort #2 am: 30. Okt 2017, 02:26 »
Zarifa erwachte. So gut hatte sie seit langem nicht mehr geschlafen. Kazimir war Tod und sie lag hier Arm in Arm mit ihrer großen Liebe. Konnte ein Morgen überhaupt schöner beginnen?
Auch Tekin erwachte nun und blickte Zarifa in die Augen. Sofort begann er zu lächeln.
„Na, gut geschlafen?“, fragte Zarifa grinsend.
„Bestens. Wie könnte es auch anders sein, wo ich doch die schönste Frau der Welt neben mir liegen hab?“
„Schleimer!“
„Ich sage nur die Wahrheit.“
„Nun, wenn das so ist, sollten wir vielleicht da weitermachen, wo wir gestern Abend aufgehört haben“, meinte Zarifa mit einem Grinsen im Gesicht.
„Da habe ich nichts dagegen“, entgegnete Tekin lächelnd und bewegte seinen Kopf langsam in Richtung der jungen Frau. Erneut küssten die beiden sich und erneut fühlte Zarifa sich wie im siebten Himmel. Für diese Momente lohnte es sich zu leben. Sie wünschte, es würde niemals enden.
Tekins Hand fuhr langsam in Richtung von Zarifas Brust...



„So, nun aber genug davon. Wir müssen langsam mal sehen, dass wir von hier wegkommen“, meinte Zarifa. Sie fühlte sich erschöpft, doch gleichzeitig auch voller Energie. Sie wusste auch nicht genau, wie das möglich war. Es war ein wunderbares Gefühl.
„Stimmt. Man wird sicherlich bereits nach uns suchen und früher oder später wird auch diese Höhle nicht mehr sicher sein. Hast du denn eine Idee, wie wir hier wegkommen?“
„Nicht wirklich. Zu Fuß brauchen wir ewig, um die nächste Ansiedlung zu erreichen und wir sind nicht gerade gut ausgerüstet. Ich könnte zwar versuchen ein paar Sachen zu stehlen, aber es wäre riskant, mich zu nahe an die Stadt zu begeben.“
„Warte mal... gibt es nicht auch irgendwelche Kutschen, die einen gegen Geld mitnehmen? Dann müssten wir nur etwas Geld auftreiben. Das wäre deutlich einfacher.“
„Mit 'WIR müssen Geld auftreiben', meinst du, ICH muss Geld stehlen, richtig?“
„Exakt!“
„Nun, das kriege ich hin. Die Frage ist nur, wie wir so eine Mitfahrgelegenheit ausfindig machen können, ohne dass uns jemand von den Wachen bemerkt.“
„Da brauchen wir wohl etwas. Im schlimmsten Fall müssen wir uns halt fürs Erste etwas weiter ins Gebirge zurückziehen.“
„Im Gebirge kann ich uns aber weder Essen stehlen, noch Geld stehlen, um uns Essen zu kaufen.“
„Das ist richtig. Eine Ansiedlung wäre deutlich einfacher. Vielleicht finden wir ja auch einfach eine Reisegruppe, der wir uns anschließen können?“
„Hmm, mir gefällt das alles nicht. Zu viel hängt vom Zufall ab. Wollen wir nicht doch lieber hier bleiben? Man hat uns bisher doch auch nicht gefunden.“
„Das wäre sehr riskant. Ich bin mir sicher, dass wer auch immer jetzt das Sagen hat, auch die umliegenden Berge durchsuchen lassen wird. Kazimir war in dieser Hinsicht ja einfach extrem dämlich. Und vergiss nicht, dass auch der Fürst irgendwann zurückkommen wird. Spätestens dann sollten wir uns nicht mehr hier aufhalten!“
„Wieso nicht?“
„Nun, wir haben doch seinen obersten Vertreter ermordet oder nicht? Und Radomir ist nicht gerade als jemand bekannt, der Gnade mit seinen Feinden zeigt.“
„Aber auch Radomir müsste uns erst einmal finden.“
„Das stimmt, aber meinst du nicht, dass auch diese Höhle früher oder später entdeckt wird? Sie ist zu nahe bei der Stadt, um nicht irgendwann gefunden zu werden.“
„Auch wieder war. Nun, ich denke wir müssen heute einfach nach einer Fluchtmöglichkeit suchen. Wir können uns ja zumindest noch ein wenig verkleiden. Ich habe uns ja inzwischen ein paar verschiedene Kleidungsstücke gestohlen. Da kriegen wir bestimmt etwas hin, was nicht allzu auffällig ist. Und falls sich bis zum Sonnenuntergang keine Möglichkeit zur Flucht ergeben hat, bleiben wir doch erst einmal hier. Wir müssen halt noch ein wenig vorsichtiger... Moment, was war das?“
Ein Rascheln war zu hören. Schritten schienen sich zu nähern. Zarifa und Tekin blickten sich erschrocken an. Waren das Wachen, die nach ihnen suchten? Oder doch nur einfache Zivilisten, die einen Spaziergang im Gebirge machten? Und wenn es wirklich Wachen waren? Was sollten sie dann tun? Sie saßen hier in der Falle. Sie konnten nur hoffen, dass die Höhle nicht entdeckt wurde.
Zarifa wagte kaum zu atmen, geschweige denn ein Wort zu sagen. Unwillkürlich berührte sie Tekins Hand und der hielt sie fest. So als wollte er ihr das Gefühl von Sicherheit vermitteln. Doch es funktionierte nicht. Die Schritte kamen näher und jetzt hörten sie Stimmen
„Ich könnte schwören, dass sie hier irgendwo war.“
Zarifa erschrak. Sie kannte diese Stimme. Und auch wenn sie sie erst einmal in ihrem Leben gehört hatte, kam ihr sofort das dazugehörige Gesicht in den Sinn. Fünf Sekunden später sah sie es mit eigenen Augen: das Gesicht von Fürst Radomir. Er war hier.

„Ah, perfekt. Genau wie ich es mir gedacht hatte.“ Neben ihm tauchten nun mehrere Wachen auf. Zarifa zitterte. Wie hatte er sie so schnell gefunden? Vor weniger als zwölf Stunden war er noch nicht einmal in der Stadt gewesen. Sie blickte zu Tekin. Er schien dieselbe Mischung aus Angst und Ratlosigkeit zu empfinden wie sie selbst.
„Zwei entflohene Haustiere, die sich in einer Höhle verkriechen. Ein gutes Versteck, das muss ich zugeben. Nur zu schade, dass ich diese Höhle in meiner Kindheit selber gerne als Versteck genutzt habe. Als man mir berichtete, was ihr mit dem bedauernswerten Kazimir gemacht hattet und dass man euch in der Stadt bisher nicht aufspüren hatte können, kam mir die Idee. Ich wusste, ihr konntet noch nicht weit gekommen sein. Als mir dann noch erzählt wurde, dass man euch bereits vorher vergeblich gesucht hatte, kam mir die Idee. Und ich hatte wie immer Recht. Ihr seid hier!“
Da hatten sie ihre Antwort. Es war also einfach nur Pech. Radomir kannte diese Höhle und konnte sie daher leicht aufspüren. Wären sie doch nur schon früher aufgebrochen. Zarifa verfiel nun mehr und mehr in Panik. Dies konnte nicht gut für sie ausgehen. Würde man sie und Tekin töten? Oder würde man sie bestrafen? Verdammt, sie konnte nichtmal sagen, was schlimmer war. Ein zahnloses Grinsen tauchte vor ihrem geistigen Auge auf.
„Ihr habt euch also in meinem Anwesen nicht wohlgefühlt? Ihr habt meine Abwesenheit zum Anlass genommen zu fliehen? Nun, ich versichere euch, wir sehen es hier gar nicht gerne, wenn Ungeziefer glaubt, es könne sich selbstständig machen. Ihr habt einen Platz und dieser Platz ist im Dreck. Immerhin das scheint ihr eingesehen zu haben, als ihr euch hier versteckt habt.“
Neben der Angst mischte sich nun auch Wut in Zarifas nicht enden wollenden Schwall an Gefühlen, die sie mühsam zu kontrollieren versuchte. Dieser Mensch war wirklich überzeugt von der Idee, im Recht zu sein. Er glaubte, das alles zu verdienen. Sein Reichtum und seine Macht stünden ihm tatsächlich zu, während seine Sklaven Menschen niedriger Klasse seien, die wiederum nichts anderes verdienten, als wie Dreck behandelt zu werden. Was für ein wiederwärtiger Hurensohn!
„Doch genug geplaudert. Kommen wir nun zum Geschäftlichen. Zunächst zu dir, Tekin.“
Zarifa spürte förmlich das Grauen, welches Tekin überkam, als sein Name genannt wurde. Es war, als würde sein Körper plötzlich Kälte statt Wärme ausstrahlen. Auch Zarifa spürte die Angst. Was würde Radomir mir Tekin machen? Hoffentlich werden sie ihn nicht töten. Der Gedanke traf Zarifa wie ein Messerstich ins Herz. Würde sie erneut den Menschen verlieren, der ihr am meisten auf der Welt bedeutete? Das konnten sie nicht tun. Das durften sie einfach nicht. Tekin war es gewesen, der Zarifas Lebenswillen wieder hergestellt hatte. Ein Leben ohne ihn konnte und wollte sie sich nicht vorstellen. Zarifa spürte, wie sie heftig zu Schwitzen begann und das obwohl es ein eher kühler Morgen war. Ihre Lippen waren trocken. Es graute sie vor dem, was als Nächstes passieren würde Bitte tötet ihn nicht. Tötet lieber mich an seiner Stelle.
„Wie mir berichtet wurde, hatte der bedauernswerte Kazimir dir ein Angebot gemacht. Ein gütiges Angebot, dass es dir erlaubte in die Freiheit zu gehen. Obwohl es dir nicht zustand, solltest du die Möglichkeit bekommen, als freier Mensch das Anwesen zu verlassen. Der arme Kazimir war schon immer zu gutmütig.“
Zarifa schnaubte. Das Bild eines silbernen Dolches in ihrem Mund kam ihr in den Sinn. Radomir überging das.
„Dieses Angebot nahmst du an. Du erklärtest dich bereit, deine Freundin, mit der du gemeinsam fliehen wolltest, zu hintergehen und dafür genau das bekommen, was du dir mit der ganzen Aktion ursprünglich erhofft hattest: die Freiheit. Und mehr noch, er gab dir sogar etwas Geld, um dir deinen Start ins freie Leben zu erleichtern. Welch eine gute Seele, möge er in Frieden ruhen.“
Radomir blickte kurz gen Himmel. Zarifas konnte ihre Abscheu nur noch mit äußerste Mühe verbergen. Jeder der gut über diese grausame Existenz sprach, welche die Bezeichnung Mensch nicht verdient hatte, weil zum menschlichen Dasein ein gewisses Maß an Empathie gehörte, war schon automatisch ihr Feind. Sie stellte sich vor, wie sie Radomir genau wie dessen Vertreter mit einem Dolch durchlöcherte. Es war eine gute Vorstellung, doch leider völlig unrealistisch. Sie hatte keinen Dolch und Radomir wurde von Wachen geschützt.
„Du nahmst also das Angebot an und tatest auch zunächst, wie dir geheißen. Doch wie sich hinterher herausstellte, war das alles nur Schein, nicht wahr?“
Tekin zitterte nun am ganzen Leib.
„In Wahrheit hast du alles getan, um deiner Freundin hier ebenfalls zur Flucht zu verhelfen. Und der arme Kazimir hat sich tagelang gefragt, ob du ihn wirklich hintergangen hattest, oder ob deine Freundin hier einfach unfassbares Glück gehabt hatte. Der arme Kerl konnte sich in seiner Gutherzigkeit einfach nicht vorstellen, dass du sein Angebot ausschlagen würdest.“
Zarifa musste irgendetwas tun, um ihre Wut herauszulassen. In Ermangelung einer Alternative, schlug sie unauffällig mit der Faust gegen die Höhlenwand. Doch das bewirkte lediglich, das sich zu ihren sich langsam anbahnenden psychischen Schmerzen bestehend aus schmerzlichen Erinnerungen auch physische Schmerzen gesellten. Doch vielleicht war diese Ablenkung gar nicht so schlecht?
„So kam es dann also, dass du gemeinsam mit deiner Freundin hier einen Plan schmiedetest, um die Gutherzigkeit Kazimirs auszunutzen. Als er sah, wie du mit deiner Freundin gefesselt vor dir hergehend in sein Büro kamst, war er sofort bereit alles zu glauben. Sein gutes Herz war seine größte Schwäche und letztlich sein Untergang.“
Radomir seufzte. Zarifa hätte sich am liebsten übergeben. Unfassbar, wie der Fürst die Geschichte so zurechtbog, als sei Tekin der Böse. Das machte Zarifa nachdenklich. War es wirklich so einfach, die Geschichte im eigenen Sinne zu verändern?
„Du warst als Sklave unserem Haus verpflichtet und doch entschiedst du dich entgegen deinem Recht, einen Fluchtplan auszuarbeiten. Kazimir bot dir großherzig an, darüber hinwegzusehen und dir darüber hinaus sogar einen Gefallen zu tun, wenn du eine Sache für ihn erledigen würdest. Du erledigtest diese Sache nur zum Schein und verhalfst deiner Freundin zur Flucht. Doch damit nicht genug. Es reichte dir nicht, einfach die Belohnung und deine Freundin mitzunehmen. Nein, du nutztest erneut das Vertrauen von Kazimir aus und leitetest so seinen Tod in die Wege. Du hattest bereits deine zweite Chance. Kazimir hatte sie dir großzügig gewährt und du hast sie gleich doppelt verspielt. Ich weiß nichts mehr mit dir anzufangen. Tötet ihn!“
„NEIN!“ Zarifa schrie dieses Wort hinaus unmittelbar nachdem ihr schlimmster Gedanke ausgesprochen worden war. „Bitte, das könnt ihr doch nicht tun. Ihr könnt ihn doch nicht einfach töten. Tötet mich stattdessen. Es war ohnehin alles meine Idee. Bitte, bitte, ich tue alles. Nur tötet ihn nicht.“
Zarifa schwitzte, zitterte und überschlug sich fast mit ihren Worten. Sie würde alles tun, um Radomir von seinem Entschluss abzubringen. Sie konnte einfach nicht mit ansehen, wie noch ein geliebter Mensch vor ihren Augen getötet werden sollte. Der eigene Tod wäre die bessere Alternative.
„Ach nein, wie rührend. Mir scheint, als bestünde hier mehr als nur Freundschaft. Diese Bereitschaft den eigenen Tod in Kauf zu nehmen, um den eines Anderen zu verhindern ist durchaus faszinierend. Und doch muss ich dir leider mitteilen, dass das überhaupt nicht infrage kommt. Tekin hat seine zweite Chance gleich doppelt verspielt. Er verdient nichts anderes, als den Tod.“
„NEIN! BITTE NICHT!“
Zarifa warf sich nun vor Tekin in einem verzweifelten Versuch, ihn irgendwie zu beschützen. Sie streckte ihre Arme aus, um eine Art menschlichen Schild vor ihm zu bilden. Vor ihrem geistigen Auge sah sie Ziads Leiche, wie sie vor ihr lag. Das würde sie nicht noch einmal zulassen. Radomir lachte.
„Glaubst du wirklich, deinen Freund so retten zu können? Los, zieht die Kleine zur Seite und tötet ihn. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“
Die Wachen reagierten sofort. Zwei von ihnen zogen Zarifa beiseite, die sich wütend strampelnd versuchte zu wehren. Eine weitere Wache schritt mit gezogenem Schwert auf Tekin zu. Der rührte sich nicht von der Stelle. Er zitterte und doch sprach laut und deutlich:

„Zarifa... du bist das Beste, was mir in meinem Leben je passiert ist. Die letzte Woche mit dir, war all das Leid wert. Was auch immer du tust, gib nicht auf. Ich liebe dich!“
„NEIN! ICH DARF DICH NICHT VERLIEREN!“ Zarifa verpasste einem der Wachen einen heftigen Tritt in die Magengegend. Der war so überrascht, dass er seinen Griff kurz löste. Zarifa riss sich von ihm frei und versuchte auf die Wache mit dem Schwert zuzuspringen. Doch die andere Wache hielt sie immer noch fest und machte keine Anstalten, loszulassen. Zarifa drehte sich um und  wollte ihm einen Faustschlag verpassen, der jedoch abgefangen wurde.
„Halt endlich still, du dummes Mädchen!“
Zarifa versuchte alles, um sich loszureißen, doch es hatte keinen Zweck. Sie konnte nur zusehen. Ein silbernes Schwert blitzte im herein schimmernden Sonnenlicht auf. „NEIN! TEKIN, RENN DOCH WEG! TU IRGENDWAS!“, schrie Zarifa, doch Tekin schien wie festgewachsen. Die Wache hob das Schwert. „NEIN! BITTE! HABT GNADE!“ Die Wache schwang das Schwert im hohen Bogen. Zarifa schloss die Augen. Ein ekelerregendes Geräusch war zu hören. Etwas fiel auf den steinigen Höhlenboden. Der Geruch von Blut stieg Zarifa in die Nase.
„Den Kopf nehmen wir mit. Als Mahnmal für das restliche Gesindel. Den Körper könnt ihr hierlassen.“
Sie hatten es tatsächlich getan. Zarifa wurde von einer Hoffnungslosigkeit erfasst. Sie wollte Schreien. So laut, dass jeder in der Stadt sie hören würde. Doch sie brachte keinen Ton heraus.
„Und nun zu dir, meine liebe Zarifa.“ Sie hörte, wie Radomir einige Schritte auf sie zukam. Die Augen hielt sie weiterhin geschlossen. Sie wollte Tekins Leiche nicht sehen. Sie zu sehen hieß, dass es real war. Noch konnte sie so tun, als sei das alles nur ein schrecklicher Albtraum.
„Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede.“ Ohne es bewusst zu wollen, stieß sie ihre Augen auf. Da lag er: Tekins toter Körper. Um ihn herum eine riesige Blutlache. Sein Kopf fehlte. Und dann traf es die junge Frau wie ein Schlag: Der einzige Mensch, den sie jemals wahrhaftig geliebt hatte, war tot. Für immer weg. Sie würden nie wieder zusammen lachen. Sie würden sich nie wieder zusammen betrinken. Sie würden sich nie wieder küssen. Eine Träne lief ihre Wange herunter. Ihre Kehle wurde trocken. Sie wollte raus aus dieser Höhle. Einfach nur weg. Sie bekam keine Luft mehr. Sie versuchte sich loszureißen, wurde jedoch weiterhin von einer Wache festgehalten. Und dann trat Radomir in ihr Blickfeld. Der Fürst von Gorak und Mörder des Menschen, der ihr wieder Lebenswillen eingehaucht hatte. Und der Hass fraß sich mit rasender Geschwindigkeit durch jede Zelle ihres Körpers. „DU!“, begann Zarifa mit anklangender und lauter Stimme.
„Ich?“, fragte Radomir ruhig. Zarifa wollte ihrem Zorn Luft machen, doch sie fand keine Worte, die beleidigend genug waren. Und im nächsten Augenblick kam ihr schon wieder Tekin in den Sinn. Und die Trauer schob den Zorn beiseite. Sie brachte keinen Ton mehr heraus.
„Nun, wie dem auch sein“, meinte Radomir beiläufig. „Ich wollte gerade dazu kommen, was ich mit dir vorhabe.“ Wenn es ein Leben nach dem Tod gibt, werden Tekin und ich uns wiedersehen.
„Du hast genau wie dein junger Freund hier“, und er deutete auf den kopflosen Körper, während er sprach, „entgegen deinem Recht einen Fluchtversuch geplant, der letztlich über verschiedene Umwege gelungen ist. Doch im Gegensatz zu deinem Freund hier hast du kein Angebot von Kazimir erhalten. Du hattest keine zweite Chance, die du verspielen konntest. Nein, du hast dich dank deines eigenen Geschicks und Könnens aus der Lage befreit, in die dein Freund dich gebracht hatte. Und anschließend wolltest du dich an Kazimir rächen, für diesen unerfreulichen Zwischenfall vor den Toren von Umbar. Weißt du, das kann ich verstehen. Es erfordert Mut und Talent, für seine Vergeltung zu kämpfen. Du hattest ein Motiv und das Talent für die Umsetzung eines Plans. Im Gegensatz zu Tekin, hast du nicht einfach ein Angebot angenommen und dann deinen Teil der Abmachung gebrochen. Nein, du hast dich selbst befreit und hattest anschließend den Mut, Rache zu üben. Ob du es glaubst oder nicht, das weiß ich durchaus zu schätzen. Vielleicht bist du tatsächlich mehr als nur Ungeziefer. Du hast es immerhin geschafft, meinen obersten Vertreter zu töten und anschließend zu entkommen, bevor dich jemand bemerkt hat. Das ist beeindruckend. Und auch wenn ich deine Tat nicht gutheiße, so kann ich doch nur den Hut vor deinem Talent und deiner Entschlossenheit ziehen. Und daher gebe ich dir nun eine zweite Chance. Auch wenn Großherzigkeit das war, was Kazimir letztlich in den Tod getrieben hat, will ich dir ein Angebot machen. Du hast gesehen, was mit Leuten passiert, die ihre zweite Chance verspielen, also rate ich dir, mich nicht zu hintergehen.
Also, in Gortharia musste ich leider feststellen, dass es Leute gibt, dir mir nicht wohlgesonnen sind. Ich bin mir sicher, dass sie mir nach Gorak folgen. Du bekommst die glorreiche Möglichkeit, mich vor ihnen zu schützen. Du wirst alles, was ich esse und trinke, probieren. Du wirst alles in deiner Macht Stehende tun, um herauszufinden, wer etwas gegen mich im Schilde führt. Wenn ich in einer Woche nicht tot bin, meine Feinde dagegen schon, biete ich dir eine Anstellung in meinem Anwesen an. Nicht als Sklavin, sondern als eine hohe Vertreterin von mir. Na, klingt das gut?“
Zarifa wollte ihren Ohren nicht trauen. Erwartete Radomir ernsthaft, dass er erst Tekin ermorden lassen und anschließend sie zu seiner Vorkosterin machen konnte, und Zarifa das Ganze gutheißen würde. Ihr gesamter angestauter Hass manifestierte sich nun in den folgenden zwei Worten:
„FICK DICH!“
„Wie bedauerlich. Nun gut. Nehmt sie mit. Sie ist immer noch eine Sklavin. Sie wird schon das tun, was ich ihr sage. Auch wenn es vielleicht etwas Überzeugungsarbeit braucht.“

Zarifa wurde nun aus der Höhle geschleift. Es gab nichts, was sie tun konnte. Auch wenn sie am liebsten alles gleichzeitig tun wollte, was sie menschenmöglich tun konnte, tat sie nichts, um sich zu wehren. In einem nicht enden wollenden Wechselbad der Gefühle, schwankte sie hin und her zwischen Wut, Trauer, Hass, Angst und einer inneren Leere. Zarifa dachte an Finger, die sie berührten, obwohl sie es nicht wollte. An einen silbernen Dolch. An Blutspritzer auf ihrer Kleidung. An Ziads Leiche. An einen blutigen Dolch in ihren Mund. An ein zahnloses Grinsen. Hörte das Leid niemals auf? War das gesamte Leben nur eine nicht enden wollende Flut an Schmerz und Leid, in denen Hoffnung und Glück nur die Abwesenheit von Unglück darstellten? Kurze Momente der Freude, bevor man unweigerlich wieder Schmerzen empfand? Hatte das alles überhaupt irgendeinen Sinn?
Stumme Tränen rannen Zarifas Gesicht herunter. Als sie die Höhle verlassen hatte, stoppte Radomir noch einmal und die Wachen taten es ihm gleich. Es begann zu regnen.
„Habt ihr den Kopf des Verräters mitgenommen?“
„Ja, Herr!“
„Sehr gut! Mir kommt da gerade eine Idee. Unsere junge Freundin hier möchte sich doch bestimmt noch von ihrer großen Liebe verabschieden. Ein letztes Mal in die Augen sehen? Vielleicht sogar ein letzter Kuss?“
Zarifa wurde schlecht. War das sein Ernst?
Radomir nahm Tekins Kopf und packte ihn an den Haaren. Zarifa schloss die Augen. Sie konnte diesen Anblick nicht ertragen. Sie hörte wie Radomir auf sie zuschritt.
„SIEH HIN!“, brüllte er. Sie weigerte sich. Sie spürte, wie Tekins Kopf nun direkt vor ihr Gesicht gehalten wurde. Wie seine Haare in ihrem Gesicht kitzelten. Sie konnte nicht anders. Sie öffnete ihre Augen unwillkürlich einen winzigen Spalt. Sie blickte in die einst wunderschönen braunen Augen Tekins. Jetzt waren sie tot, leer und blutverschmiert. Sie weinte immer heftiger und schloss die Augen wieder. Sie wollte das nicht sehen. Sie wollte nur noch hier weg. Alles hinter sich lassen. Alles vergessen
„Was ist? Kein Abschiedskuss?“ Zarifa spürte, wie Tekins Kopf an ihr Gesicht gepresst wurde. Sie begann heftig zu schluchzen, doch da sie immer noch kräftig festgehalten wurde, konnte sie nichts tun. Blut tropfte auf ihre Lippen. Der Geschmack stülpte ihr den Magen um. Sie war kurz davor, sich zu übergeben. Angewidert war das Wort, doch es war nicht stark genug. Ihre Tränen vermischten sich mit Tekins Blut. Sie wollte einfach nur noch weg.

Zarifa in das Anwesen des Fürsten von Gorak
« Letzte Änderung: 21. Nov 2017, 18:05 von Rohirrim »
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Rohirrim

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Re: Die umliegenden Berge von Gorak
« Antwort #3 am: 20. Nov 2017, 21:56 »
Zarifa und Alvar aus dem Anwesen des Fürsten von Gorak

„Warum hast du das getan? Du hast dich selber in große Gefahr gebracht.“
Zarifa stand in der Uniform einer fürstlichen Wache in den Bergen von Gorak, gegenüber von Alvar. Sie konnte immer noch nicht ganz begreifen, was passiert war. Nachdem Alvar ihre Zelle betreten und seine Absicht dargelegt hatte, hatte er ihr zunächst etwas zu Essen und zu trinken gegeben und sie anschließend kurzerhand in eine entwendete Uniform gesteckt, ihre langen Haare gekonnt versteckt und sie problemlos aus dem Anwesen aus der Stadt begleitet. Er schien bereits Erfahrung mit der geschickten Tarnung von Leuten zu haben. Und jetzt stand Zarifa wieder hier in den Bergen. Hier ganz in der Nähe war die Höhle, in der sie sich gemeinsam mit Tekin tagelang vor Kazimir versteckt hatte und in der Tekin letztlich sein Leben verloren hatte. Bei dem Gedanken daran lief eine Träne Zarifas Wange herunter. Als sie sich anschließend daran erinnerte, was danach geschehen war, überkam sie ein Gefühl von Ekel und ihr Hass auf Radomir schwoll erneut an. Es schien, als hätten die frische Luft und die Freiheit ihr erneut Leben eingehaucht. Die letzten Tage hatte sie relativ resigniert in ihrer Zelle verbracht. Doch jetzt, umgeben von freier Natur, in der Lage sich frei zu bewegen und mit einigermaßen gefülltem Magen, kehrten auch ihre Gefühle wieder verstärkt zurück. Im Guten, wie im Schlechten. Und während die Gefühle und Erinnerungen zwar hauptsächlich von negativer Natur waren, so sorgten sie auch dafür, dass ihr innerer Antrieb wieder zurückkehrte. Wenn sie in ihrer Zelle an Tekin und Radomir gedacht hatte, empfand sie nur Trauer und eine innere Leere, die nicht gefüllt werden konnte. Nun jedoch spürte sie, wie die Erinnerung sie wieder sie zornig machte und sich erneut der Wunsch nach Rache in ihr manifestierte.Und doch, war sie sich gleichzeitig unsicher, ob es das alles wirklich wert war. Ob sie den Schmerz jemals wieder loswerden würde, selbst wenn es ihr wie durch ein Wunder gelingen würde, sich an Radomir zu rächen. Und neben diesem ganzen Gefühlschaos ging ihr auch die Frage nicht aus dem Kopf, die sie Alvar soeben gestellt hatte.

„Nun, das weiß ich selber nicht ganz so genau“, sagte Alvar mit leicht lallender Stimme und seine Fahne verschlug Zarifa kurzzeitig den Atem. Sie blickte leicht zur Seite, um dem Geruch nach Alkohol zu entgehen, hörte jedoch weiterhin aufmerksam zu.
„Als ich gesehen habe, wie du eingesperrt wurdest, erinnerte ich mich an unser Gespräch zurück. Ich hatte mich schon tagelang geschämt, als ich realisiert hatte, dass du, die Person, die ich eigentlich suchen sollte, direkt neben mir saßt und ich dich nicht erkannt habe. Doch dann begann ich auch irgendwie, Respekt vor dir zu entwickeln. Gleichzeitig wurde mir mehr und mehr klar, für was für ein Monster ich eigentlich arbeite. Ich bin Sklaverei ja gewöhnt, aber was Radomir mit seinen Sklaven macht, ist nochmal was völlig anderes. Mir wurde klar, dass du dein Schicksal nicht verdient hattest. Trotz deiner Hautfarbe und trotz deines sozialen Status. Das alles geht einfach zu weit. Ich musste etwas tun.“
Zarifa brauchte einen kleinen Moment, um zu realisieren, was Alvar da gerade gesagt hatte. Und es gefiel ihr überhaupt nicht. Trotz meine Hautfarbe?, dachte sie, während ihr gleichzeitig auch wieder einfiel, wie ihr erstes Gespräch mit Alvar geendet war. Und auf einmal bekam sie Angst. Sie wollte Dankbarkeit für Alvar verspüren. Immerhin hatte er sie vor dem schlimmsten vorstellbaren Schicksal gerettet. Und doch brannten sich Alvars Worte aus der Kneipe, wie ein Gift in ihr Gedächtnis, welches jegliche positive Assoziation mit diesem Mann auslöschte:
“Und er hat demjenigen, der sie findet eine 'besondere Belohnung' im Bezug auf sie versprochen. Das ist auch der einzige Grund, wieso ich überhaupt noch ernsthaft nach ihr suche.“
Was wollte Alvar wirklich? Es war ihm nicht einmal gelungen, so zu tun, als seien seine Motive ehrenhaft. Ansonsten hätte er Zarifas Hautfarbe nicht ins Spiel gebracht. Zarifa zwang sich, ihrem Retter in die Augen zu sehen. Sie wollte sich ehrlich bei ihm Bedanken und ihn bitten, sie jetzt allein zu lassen. Sie musste ihre Gedanken ordnen. Sich ihrer Gefühle bewusst werden und anschließend einen Plan für die Zukunft erstellen. Doch das konnte sie nicht in Gegenwart dieses Mannes, der ihr von Minute zu Minute unsympathischer wurde. Alvar blickte sie nun mit einem sehr seltsamen Ausdruck an. Zarifa betete, dass er sie gleich allein lassen würden. Sie blickte zum Himmel. Dunkle Regenwolken zogen über dem Gebirge auf.
„Also gut. Ich möchte mich aufrichtig bei dir bedanken, Alvar. Du hast mich gerettet. Ich will mir gar nicht ausmalen, was Radomir mit mir gemacht hätte, doch der Tod wäre mit Sicherheit eine Gnade dagegen gewesen. Dank dir bin ich jetzt in Freiheit. Als Gegenleistung bleibt mir nur meine ewige Dankbarkeit. Mehr kann ich dir leider nicht anbieten.“
„Och, also mir würde da schon was einfallen.“
Alvar blickte die junge Frau mit einem gieren Blick an. Zarifa war angewidert. Ein zahnloses Grinsen tauchte vor ihrem geistigen Auge auf. Ihre Befürchtung hatte sich bestätigt. Sie musste so schnell wie möglich weg von hier. Weg von Alvar.
„Alvar, ich bedanke mich an dieser Stelle noch einmal für meine Rettung. Doch was immer du dir jetzt erhoffst, wird nicht geschehen. Bitte lass mich jetzt allein.“
Alvar blickte zunächst verwirrt drein und schien dann allmählich zornig zu werden.
„Ich setze mein Leben aufs Spiel, indem ich dich befreie und das is jetz der Dank. Ich werde einfach weggeschickt.“
Zarifa bekam es nun ernsthaft mit der Angst zu tun. Alvar schien richtig zornig zu sein und außerdem war er stark alkoholisiert. Wenn er nicht gehen wollte, musste sie eben gehen, bevor die Situation eskalierte.
„Nun, du kannst auch gerne hierbleiben. Ich aber werde gehen.“
Zarifa drehte sich um, um tiefer in das Gebirge zu gehen, doch Alvar packte sie so kräftig am Handgelenk, dass es wehtat.
„NEIN! Das lasse isch nischt zu. Ich habe mir meine Belohnung verdient.“
„LASS MICH SOFORT LOS“; schrie Zarifa nun. Sie war in Panik. Sie wusste, was Alvar unter einer Belohnung verstand. Und er schien bereit, diese auch gegen Zarifas Willen einzuholen. Neben dem Schmerz auf ihrem Handgelenk, spürte sie nun auch, wie leichte Regentropfen anfingen, ihre Haut zu bedecken.
„Isch habe dich gerettet und das, obwohl du eine Frau bist. Obwohl du dunkelhäutig bist. Obwohl du eine Sklavin bist. Trotzdem habe ich mich für dich in Gefahr begeben. Da kannst du mich hier doch nicht einfach so stehen lassen.“
Jede Sekunde, die verstrich, ließ Zarifas Dankbarkeit für Alvar schrumpfen und ihre Wut auf ihn wachsen. Er war auch nur ein widerlicher Opportunist. Er hatte sie nicht aus Herzensgüte gerettet. Er hatte sich etwas Bestimmtes erhofft und jetzt, da Zarifa dies verweigerte, zeigte er sein wahres Gesicht. Genauso wie Radomir, fühlte er sich allein aufgrund seines Geschlechts, seiner Hautfarbe und seines sozialen Status überlegen. Er war vielleicht nicht ganz so extrem wie Radomir, doch vom Prinzip her genau gleich. Zarifa versuchte sich in ihrer immer größer werdenden Panik loszureißen, doch Alvars Griff war zu kräftig. Sie wollte das hier nicht. Sie hatte es bereits häufiger erlebt und die Erinnerungen daran raubten ihr bis heute den Schlaf. Sie wollte es nicht noch einmal durchleiden. Dieses Gefühl, der Wehrlosigkeit. Das Wissen, dass niemand ihre Hilfeschreie hören würde. Doch es schien, als gäbe es keinen Ausweg. Selbst ihr vermeintlicher Retter, war genauso wie alle anderen. Dies durfte nicht ihr Schicksal sein. Mit aller Kraft versuchte sie wegzurennen, doch Alvar hielt sie weiterhin fest und grinste.
„LASS MICH SOFORT LOS!“, schrie sie erneut, doch Alvar schien sie gar nicht zu hören. Wie im Wahn blickte er sie an. Sein Grinsen wurde immer breiter.
„Na komm schon, wieso wehrst du dich? Es wäre so viel einfacher, wenn du mir meine Belohnung einfach zugestehen würdest“, sagte Alvar, während er sie immer noch mit einer Hand kräftig festhielt. Mit der anderen Hand zog er ihr langsam das Kleid hoch.
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Re: Die umliegenden Berge von Gorak
« Antwort #4 am: 24. Nov 2017, 16:50 »
Körperliche Wunden heilen. Seelische Wunden heilen nie. Erinnerungen verschwinden nicht einfach. Manche Bilder sind für die Ewigkeit geschaffen. Verdammt dazu, auf ewig die Gedanken einer jungen Haradan zu vergiften. Ein silberner Dolch. Blutspritzer auf ihrer Kleidung. Ziads Leiche. Der Geschmack von Blut in ihrem Mund. Finger, die sie berührten, obwohl sie es nicht wollte. Hilfeschreie, die von niemandem gehört wurden. Ein gieriger Blick. Ein ekelerregendes Geräusch auf dem Höhlenboden. Tekins abgetrennter Kopf in ihrem Gesicht. Der Hieb einer Peitsche. Eine Hand, die langsam ihr Kleid hochzog. Ein zahnloses Grinsen. Verrat, Missbrauch und Tod. Hatte das Leben nicht mehr zu bieten?
Zarifa taumelte den Gebirgspfad entlang, der von der Stadt Gorak wegführte. Immer noch regnete es. In den Bergen regnete es oft. Zarifa blickte auf ihre Hand. Sie sah ihr eigenes Blut, welches langsam vom Regen weggespült wurde. Die Welt interessierte sich nicht für ihr Leid. Wer konnte Tränen und Regentropfen von weitem schon voneinander unterscheiden? So war die Welt nun einmal. Das Leid des Einzelnen spielte keine Rolle. Wen kümmerte es schon, dass eine einsame Haradan den Tod der Menschen, denen sie am nächsten stand mit ansehen hatte müssen? Wen kümmerte es, dass sie im Anschluss daran von den Mördern verhöhnt wurde? Wen kümmerte es schon, wenn eine Sklavin missbraucht wurde? Wen kümmerte es schon, wenn ein Mensch sich selber einen Abhang hinunterstürzte, weil das alles einfach zu viel wurde?
Es war nicht der körperliche Schmerz. Es waren nicht die blauen Flecke auf ihrem Oberschenkel, ihre blutende Oberlippe oder die Narben auf ihrem Rücken. Es waren die immer wiederkehrenden Gedanken, die ihr den Lebenswillen raubten. Die positiven Erlebnisse waren nichts weiter als ein kleiner Lichtblick in einer Welt voller Dunkelheit. Eine kurze Pause vom Leid. Eine leicht süßliche Note, in einer Welt, die nach Verderben roch. Die Gedanken daran konnten keinen Trost bieten, denn sie waren unmittelbar mit den negativen Gedanken verknüpft. Wenn Zarifa an ihren ersten Kuss mit Tekin dachte, musste sie unweigerlich auch an ihren letzten “Kuss“ denken. Der Versuch, sich selber wieder aufzurichten, endete zwangsläufig wieder bei den schmerzlichen Erinnerungen. Die positiven Gedanken, waren die letzten weißen Punkte, auf einer komplett schwarzen Leinwand. Sie waren noch zu erkennen, doch sie wurden langsam aber sicher ausgelöscht.
Zarifa blieb stehen und blickte den Gebirgspfad entlang. Sie vermochte nicht einmal mehr zu weinen. Es war vielmehr eine innere Leere, verbunden mit dem Wunsch, das alles irgendwie beenden zu können. War das möglich? War sie auf dem Weg, ihr Leid zu beenden? Oder hoffte sie insgeheim vielleicht doch, dass jemand sie aufhielt? Das jemand sie am Handgelenk packte und zurückzog? Bei diesem Gedanken spürte sie eine Druckstelle an ihrem Handgelenk. Genau dort, wo Alvar sie gepackt und nicht mehr losgelassen hatte. Sie hatte geschrien, er solle sie loslassen, doch es hatte nichts genutzt. Alvar hatte nur gelacht, als sei er im Wahn. War es der Alkohol, der sein Gewissen ausgelöscht hatte? Oder war es...? Naja, was spielte das schon für eine Rolle? Zarifa ging weiter ins Gebirge hinein. Immer weiter bergauf. Das hatte auch irgendwie etwas Ironisches.
Zarifa blickte stur zu Boden, während immer noch Regen auf sie herunterprasselte, auch wenn es allmählich weniger wurde. Letzteres fiel der jungen Frau jedoch nicht auf, während ihr weiterhin Bilder durch den Kopf schossen. Bilder, von Fingern, die sie berührten, obwohl sie es nicht wollte. Bilder der Leichen von Ziad und Tekin. Das Bild eines zahnloses Grinsens. Es hörte einfach nicht auf. Und jedes Bild schmerzte um ein Vielfaches mehr, als ein Schlag ins Gesicht oder ein Peitschenhieb auf den Rücken. Denn ein schlechter Gedanke führt immer zu weiteren schlechten Gedanken. Gedanken sind miteinander verknüpft. Ein schmerzlicher Gedanke reicht aus, um auch alle anderen schmerzlichen Gedanken aus dem Unterbewusstsein hervorzuholen, sodass dieser eine Gedanke letztlich eine Initialzündung für eine nicht enden wollende Abwärtsspirale darstellt, aus der man nicht wieder herauskommt. Was war dagegen schon ein Schlag ins Gesicht? Knochen und Muskeln verheilen, wenn man sie schont. Doch wie soll man das Gehirn schonen? Diese Schmerzen entstehen im Kopf und den Kopf kann man nicht abschalten. Selbst im Schlaf arbeitet das Gehirn weiter und bringt die schmerzlichen Erinnerungen sogar noch deutlicher zum Vorschein als tagsüber. Es gab kein Entkommen. Es gab keinen Ausweg, bis auf den einen, den Zarifa als ihre letzte Chance erkannt hatte. Immer weiter ging es bergauf. Es hörte allmählich auf zu regnen. Zarifa blickte auf. Da vorne war jemand. Jemand, der ihr entgegen kam. Eine Frau, etwas älter als sie, doch immer noch jung, in einem knielangen blauen Kleid und mit langen, wallenden, blonden Haaren. Sie wirkte fröhlich. Der Regen schien ihr nichts auszumachen. Sie kamen sich nun immer näher. Zarifa erkannte nun ihr Gesicht und darauf bildete sich... ein Lächeln? Zarifa war verwirrt. Die Frau sagte etwas in einer Sprache, die Zarifa nicht verstand. Es klang fröhlich, doch natürlich konnte Zarifa darüber nicht mit hundertprozentiger Sicherheit urteilen. Sie wollte selbst etwas sagen, doch ihr kam kein Wort über die Lippen. Und schon war die Frau an ihr vorbeigelaufen und nicht mehr zu sehen.
Zarifa kratze sich am Kopf. Sollte sie sich noch einmal umdrehen? Wer war diese Frau? Kannten sie sich? Warum sonst, sollte sie ihr einfach so zulächeln, wenn sie sich doch gar nicht kannten? Warum sollte sie einfach so, etwas zu ihr sagen? Die Leute redeten sonst nie mit ihr, es sei denn es ging darum ihr Befehle zu geben oder sie wörtlich und körperlich zu erniedrigen. Sie dachte an die Worte Yasins: Ihr seid Nichts. Ihr seid Maden. Ihr seid Gesindel, das unsere schöne Stadt besudelt. Kein Mensch schert sich um euch. Niemand wird euch vermissen. Und niemand wird euch nachtrauern. War das wirklich die Wahrheit? Sie dachte an Ziad und Tekin. Hatte irgendjemand außer ihr, wirklich um ihren Tod getrauert? Ein silberner Dolch schoss ihr durch den Kopf. Blutspritzer auf ihrer Kleidung. Ziads Leiche. Ein ekelerregendes Geräusch, das durch die Höhle hallte. Tekins abgetrennter Kopf vor ihrem Gesicht. Die absolute Gleichgültigkeit der Mörder. Ein zahnloses Grinsen schoss ihr durch den Kopf. Diese Leute trauerten nicht. Sie genossen das Leid der Anderen. Zarifa ging weiter. Da vorne war das, was sie suchte. Eine Kante, vor einem tiefen Abgrund. Ein Abgrund, der ihr die Erlösung bringen würde. Hoffentlich. Dies war ihr letzter Ausweg. Ihre letzte Idee. Zarifa stellte sich vor die Kante. Sie blickte nach unten. Würde der Schmerz enden, wenn sie einen Schritt nach vorne machte? War es wirklich so einfach? Ein Schritt und alles war vorbei?
Ein silberner Dolch. Blutspritzer auf ihrer Kleidung. Ziads Leiche. Der Geschmack von Blut in ihrem Mund. Finger, die sie berührten, obwohl sie es nicht wollte. Hilfeschreie, die von niemandem gehört wurden. Ein gieriger Blick. Ein ekelerregendes Geräusch auf dem Höhlenboden. Tekins abgetrennter Kopf in ihrem Gesicht. Der Hieb einer Peitsche. Eine Hand, die langsam ihr Kleid hochzog. Ein zahnloses Grinsen... Ein fröhliches Lächeln einer unbekannten Frau?
Zarifa war verwirrt. Sie erinnerte sich an die Begegnung zurück. Sie kannte die Frau nicht und doch hatte sie gelächelt und etwas anscheinend Freundliches zu ihr gesagt. Zarifa wartete, doch es folgte kein negativer Gedanke. Dieser Gedanke war frisch und nicht verknüpft mit...
Es hörte auf zu regnen. Zarifa blickte zum Himmel. Dieser Gedanke war bis eben nicht verknüpft, mit einem zahnlosen Grinsen. Mit Fingern, die sie berührten, obwohl sie es nicht wollte. Der Himmel klarte auf. Zarifa blieb eine Weile stehen und dachte nach. Doch auch jetzt wollten die Bilder nicht aus ihrem Kopf verschwinden. Ein silberner Dolch. Blutspritzer auf ihrer Kleidung. Ziads... Ein Schmetterling, der an Zarifa vorbeiflog. Das rührte an etwas, in Zarifas Unterbewusstsein. Sie beobachtete, wie der Schmetterling, langsam in die Ferne davonflatterte.
Sie saß gemütlich in ihrem selbst gebastelten Zelt und genoss eine vernünftige Mahlzeit. Sie sah, wie Rauch im Kaufmannsviertel von Umbar aufstieg. Sie lief alleine durch die wunderschönen Straßen der Stadt. Unbeschwert und glücklich. Sie lag gemeinsam mit Tekin auf dem Boden eines großen Raums. Beide lachten und blickten sich immer tiefer in die Augen, bis sie sich schließlich küssten. Sie saß in einer gut versteckten Höhle und genoss ihre neu gewonnen Freiheit, hier in der Natur. Sie schlang küssend die Arme um ihre große Liebe.
Kazimir war tot, doch Tekin und Ziad waren es auch. Es stand 1:2. Würde sie einen Schritt nach vorne machen, stünde es 1:3. Zarifa verspürte ein eigenartiges Gefühl. Was war das? War es Glück? Euphorie? Entschlossenheit? Wie war das möglich? Erneut erinnerte sie sich an Tekin und Ziad zurück. Doch diesmal kamen ihr nicht sofort wieder ihre Leichen in den Sinn, sondern der Wunsch, die beiden zu rächen. Sie war noch übrig. Es war nun an ihr. Nicht sie musste sterben, sondern Radomir musste sterben. Ein Feuer flammte in der jungen Haradan auf. Sie trat von der Kante zurück.

Zarifa in das Anwesen des Fürsten von Gorak
« Letzte Änderung: 27. Nov 2018, 01:11 von Rohirrim »
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Re: Die umliegenden Berge von Gorak
« Antwort #5 am: 2. Apr 2018, 00:06 »
Ceydas Einstieg

Allmählich kam das Stadttor von Gorak in Sicht. Ceyda hatte den kurzen Spaziergang hierher durch und durch genossen. Sie hatten in ihrem Leben noch nie ein Gebirge von Nahem gesehen, geschweige denn eines betreten. Jetzt hier im Regen zu spazieren, war eines der schönsten Gefühle, die Ceyda sich vorstellen konnte. Die Luft war angenehm frisch, die Vegetation war faszinierend und der Blick in die Ferne war atemberaubend.
„Ich wünschte, ich wäre hier aufgewachsen und nicht in Balanjar. Das Klima scheint hier jedenfalls deutlich angenehmer zu sein“, überlegte Ceyda. „Allerdings wäre Jari mir dann vermutlich niemals begegnet“, sponn Ceyda den Gedanken weiter und seufzte. Es fiel ihr immer noch schwer über ihren erst kürzlich verstorbenen Ehemann nachzudenken. Ihren Ehemann, der sie so sehr geliebt hatte, dessen Liebe sie jedoch niemals hatte erwidern können. Es war ein seltsames Gefühl. Sie trauerte um ihren Verlust, doch gleichzeitig schlich sich bei ihr der Gedanke ein, dass sie für eine frisch gebackene Witwe nicht stark genug trauerte. Sie schämte sich dafür, dass sie kurz vor Jaris Tod noch mit einem Sklaven aus Gortharia angebändelt hatte. Doch gleichzeitig erwischte sie sich immer wieder dabei, wie sie sehnsüchtig an den Abend mit Javed in der Kneipe zurückdachte. In diesen Momenten verachtete Ceyda sich selber immer ein wenig. So wie auch jetzt in diesem Moment, wo sie nur daran dachte, wie sie früher mal an den Abend mit Jahved gedacht hatte. Was für ein Chaos!
Ceyda bemerkte, wie es allmählich aufhörte zu regnen. „Welch ein Jammer! Aber ich bin ja ohnehin gleich da“, dachte sie und überbrückte nun schnellen Schrittes die letzten Meter des Weges zum Stadttor. Während sie sich näherte, hörte die junge Frau, wie der Wind laute und anscheinend wütende Stimmen an ihr Ohr trug.
„Wo ist sie? Was hast du mit ihr gemacht?“
„Ich *hicks* weiß nicht, wen ihr meint?“
„Willst du mich verarschen? Du bist doch vor gerade einmal dreißig Minuten auf angeblichen Befehl des Fürsten hin mit einer Sklavin hier aufgetaucht und hast sie mit in die Berge geschleppt.“
„Öjm ja... ähm *hicks*. Ich arbeite für Radomir. Lasst mich gefälligst hier durch.“
„Der Typ ist vollkommen betrunken. Bringen wir ihn einfach zu Fürst Radomir. Soll er sich mit ihm herumschlagen.“
„Nein, das können wir nicht tun. Wir haben zugelassen, dass diese Sklavin die Stadt verlassen hat. Wir müssen sie finden, sonst kriegen wir richtig Ärger.“
„Ach, was ist denn schon eine Sklavin? Der Fürst hat Hunderte von ihnen. Da fällt eine mehr oder weniger doch gar nicht auf.“
Ceyda verlangsamte ihre Schritte. Hunderte von Sklaven? Das hörte sich überhaupt nicht gut an. Sie hatte die Stadt noch nicht einmal betreten und verachtete den Bruder von Rhiannon jetzt schon. Sklaverei war doch einfach das Letzte. Während Ceyda vorsichtig näher zum Tor schlich, lauschte sie angestrengt jedem Wort.
„Nein nein, Radomir scheint irgendetwas an dieser speziellen Sklavin zu liegen. Er hat sie tagelang eingesperrt und dafür gesorgt, dass sie regelmäßig zu Essen bekommt. Das ist sonst überhaupt nicht seine Art.“
„Das stimmt. Sind nicht letzte Woche erst wieder zwei Sklaven verhungert?“
„Ja genau.“
„Hmm, vielleicht hast du Recht. Wir sollten diese Sklavin finden, bevor wir zum Fürsten zurückkehren. Also Alvar, wo hast du sie hingebracht? Sag es uns!“
Ceyda, die sich hinter einem Baum versteckt hatte, keuchte. Sie hatte doch gleich geahnt, dass ihr die Stimme irgendwie bekannt vorkam.
„HEY, WER IST DA?“, rief eine der Wachen in die Dunkelheit hinein.
„Das war sie bestimmt. Los lass uns nachsehen. Das Geräusch kam von dort.“
« Letzte Änderung: 12. Apr 2018, 22:55 von Rohirrim »
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Re: Die umliegenden Berge von Gorak
« Antwort #6 am: 20. Apr 2018, 21:08 »
Ceyda stand der Schweiß auf der Stirn. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Es war nur noch eine Frage von Sekunden, bis man sie hier finden würde. Und wie sollte sie erklären, dass sie sich hier hinter einem Baum versteckte und ein Gespräch belauschte? Und was sollte sie tun, wenn sie Alvar wieder in die Augen sehen musste? Zitternd und voller Fragen schaffte Ceyda es nicht, einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn aktiv zu handeln. Sie konnte nur abwarten, was als nächstes geschehen würde.
„Da ist sie!“, schallte es wie erwartet ein paar Sekunden später durch die Nacht. Eine der Wachen hatte sie entdeckt. Und noch bevor Ceyda ein Wort der Erklärung herausbringen konnte, hatte die Wache bereits die Distanz zwischen ihnen mit schnellen Schritten überbrückt und sie kräftig am Arm gepackt. „Hab ich dich, Sklavin“, sagte er triumphierend. „Hey, was soll das? Du tust mir weh“, protestierte Ceyda, doch die Wache ignorierte sie und zerrte sie mit einem tatsächlich sehr schmerzhaftem Griff in Richtung der Stadttore.
„Ey Navid, sieht die für dich etwa wie ein dürres Mädchen mit zerzausten braunen Haaren und weißem Kleid aus?“, rief eine der Wachen vom Tor aus, als sie sich dem Licht der Fackeln näherten, die das Tor erleuchteten. Die Wache namens Navid, die Ceyda bisher keines Blickes gewürdigt, sondern sie lediglich mit kräftigem Griff hinter sich her gezerrt hatte, drehte sich nun um und errötete beim Anblick der blonden, kurvigen Frau im blauen Kleid. Sofort löste er seinen Griff und Ceyda atmete erleichtert auf. Sie konnte den Druck, der auf ihren Arm ausgeübt worden war, immer noch deutlich spüren.
„Ähm... tut mir leid“, meinte Navid stotternd und offensichtlich peinlich berührt. Bevor Ceyda jedoch etwas erwidern konnte, kamen die anderen Wachen vom Tor zu ihnen und eine Diskussion entbrannte. Ceyda beschloss, vorläufig nichts zu sagen und erst einmal ihre Gedanken zu sammeln. Dort vorne stand Alvar am Tor. Der Mann, der nach einem Streit mit ihr aus Gortharia hatte fliehen müssen. Und er trug dieselbe Uniform, wie die Wachen, die sich nach wie vor wegen einer entflohenen Sklavin stritten. Was hatte sie vorhin mit angehört? Alvar habe die Sklavin aus der Stadt geführt? Und war anschließend ohne sie wieder zurückgekehrt?
Ceyda dachte an die Begegnung zurück, die sie auf dem Weg hierher gehabt hatte. Ein dürres Mädchen mit zerzausten Haaren in einem weißen Kleid? Die Beschreibung passte wie die Faust aufs Auge. Das musste die Sklavin gewesen sein, nach der alle suchten. War es wirklich das, wonach es aussah? Hatte Alvar seine Macht als Wache genutzt, um eine Sklavin zu befreien und dafür sogar Stress mit seinen Kollegen in Kauf genommen?
Ceyda erinnerte sich an ihre letzte Begegnung mit dem angeblich besten Freund ihres Ehemannes zurück. Warum genau hatten sie sich nochmal gestritten? Ceyda hatte dieses Erlebnis schon lange wieder verdrängt. Und aufgrund des vielen Alkohols, der im Spiel gewesen war, konnte sie sich auch nicht mehr an alles erinnern. Sie wusste noch, dass sie zusammen mit Alvar auf ihren verstorbenen Ehemann getrunken hatte und es irgendwann zum Streit gekommen war, weil Alvar grob zu einem ärmlich aussehenden Mann gewesen war. Kurz darauf hatte Alvar Ceyda beleidigt und Ceyda hatte ihm mit Konsequenzen gedroht. Seit diesem Tag hatte Ceyda ein negatives Bild von diesem Mann. Doch nun stand sie hier und wurde Zeuge, wie er sich selbst einer Gefahr ausgesetzt hatte, um eine Sklavin zu befreien. Machte ihn das nicht zu einem guten Menschen? War ihr Streit nicht im Grunde belanglos gewesen? Wem rutschte im Alkoholrausch denn nicht mal etwas raus, was man später bereuen würde? Ceyda musste unwillkürlich schmunzeln, als sie an eine sehr peinliche Unterhaltung mit Jari zurückdachte.
„Zum Glück hat das sonnst niemand mitbekommen“, dachte sie, während sie bemerkte, wie sich das Gespräch um sie herum allmählich auch um sie drehte.
„Na toll! Wir haben also eine entflohene Sklavin, einen besoffenen Wachmann und einen weiteren Wachmann, der offensichtlich ebenfalls besoffen ist. Ansonsten würde er nicht einfach eine vollkommen unschuldige Frau mit unserer Sklavin verwechseln.“
„Ähm also, immerhin hat sie sich versteckt.... und es war dunkel.“
„Ach bitte! Selbst im Dunkeln wird man ja wohl noch in der Lage sein, diese fette Qualle von unserer unterernährten Sklavin zu unterscheiden.“
Ceyda dachte einen Augenblick lang, sie hätte sich verhört. Empört sperrte sie den Mund auf und stemmte ihre Hände in die Hüfte. Doch bevor sie etwas entgegnen konnte (wobei vermutlich eh nichts gescheites herausgekommen wäre), griff die Wache namens Navid, die offensichtlich immer noch sehr peinlich berührt war, schlichtend ein.
„Hey, nun lass deine Wut mal nicht an dieser Frau aus. Sie hat nichts Falsches getan. Und so fett ist sie doch gar nicht.“
Unmittelbar nachdem diese Worte aus seinem Mund gekommen waren, schien er zu realisieren, wie bescheuert das klang.
„Ähm... ich meine, also... ähm...“ Navid errötete und brachte keinen Ton mehr heraus. Ceyda gab sich alle Mühe ihren empörten Gesichtsausdruck beizubehalten, während sie sich innerlich ob dieses misslungenen Kompliments kaputt lachte.
„Wir haben keine Zeit für diesen Unsinn!“, warf eine der Wachen ein, die bisher nur wenig gesagt hatte. „Was machst du überhaupt hier? Mitten in der Nacht und ganz allein? Und das auch noch als Frau?“
„Ähm... also“... Ceyda musste sich kurz sammeln. Nach der ganzen Aufregung um Alvar hatte sie beinahe vergessen, weswegen sie eigentlich hier war, „Ich bin nicht alleine. Unsere Kutsche ist nicht weit von hier kaputtgegangen und meine Leute reparieren sie gerade. Ich bin schonmal vorgegangen, um mich zu erkundigen, wo man hier um diese Zeit noch Zimmer bekommen kann. Könnt ihr mir da vielleicht weiterhelfen?“
„Ihr wollt in die Stadt? Darf ich fragen warum?“
„Wir haben einen Auftrag.“
„Aha... Darf ich den mal sehen?“
„Der ist in der Kutsche meiner Leute.“
„Soso... Und das soll ich glauben? Von wem ist der Auftrag denn?“
„Rhiannon, der Schwester des Fürsten von Gorak.“
Bei der Nennung dieses Namens schienen alle Wachen leicht zusammenzuzucken und sie warfen sich bedeutsame Blicke zu.
„HEY!“, schallte es plötzlich vom Tor her zu ihnen rüber. Eine weitere Wache brüllte Befehle zu ihnen herüber. „DRINGENDER BEFEHL VON FÜRST RADOMIR! ALLE WACHEN SOLLEN SICH UNVERZÜGLICH ZUM ANWESEN BEGEBEN.“
Erschrocken wandten sich die Wachen um sie herum in Richtung des Tors und ohne großartig weiter zu zögern, befolgten sie den Befehl. Nur Navid blieb noch kurz stehen und flüsterte Ceyda etwas ins Ohr.
„Ich glaube, im Berghorn ist noch was frei. Es ist etwas weiter nördlich in der Stadt, nicht weit von dem Anwesen des Fürsten entfernt... Und ihr habt einen wunderschönen Körper“, fügte er noch errötend hinzu und machte sich dann ebenfalls daran, dem Befehl zu folgen. Ceyda blieb belustigt zurück und überlegte, was als Nächstes zu tun war. Sie bemerkte, dass die Wachen Alvar anscheinend vollkommen vergessen hatten. Er stand immer noch ein wenig teilnahmslos wirkend am Tor. Ceyda überlegte, ob sie mit ihm reden sollte. Nach einigen Sekunden entschied sie sich dafür. Langsam ging sie auf ihn zu und sprach ihn schließlich an.
„Hallo Alvar!“
Der Mann in der Uniform einer Wache schwankte ein wenig und roch stark nach Alkohol. Außerdem fiel Ceyda auf, dass er an der linken Hand ein wenig Blut hatte. Irgendwie wünschte sie, sie hätte auch ein wenig Alkohol vor dieser Unterhaltung getrunken. Sie war ziemlich nervös. „Du hast mich also gefunden“, lallte Alvar mit Mühe sich auf den Beinen zu halten. Sein Gesichtsausdruck blieb weiterhin seltsam teilnahmslos.
„Ich habe dich nicht gefunden“, entgegnete Ceyda. „Diese Begegnung ist reiner Zufall.“
„Aha...“ Alvar schluckte. Und noch bevor er ein weiteres Wort herausbringen konnte, wandte er sich ab und ergab sich in einen nahen Busch. Ceyda blickte angeekelt auf diesen erbärmlich aussehenden Mann hinab. Sie befürchtete, dass er sich am nächsten Morgen nicht mal mehr an dieses Gespräch erinnern würde. Sah sie auch immer so heruntergekommen und erbärmlich aus, wenn sie betrunken war? „Nunja, immerhin bin ich noch nie mit einer Erinnerungslücke in meiner eigenen Kotze aufgewacht“, dachte sie, während sie beobachtete, wie Alvar Mühe hatte nicht zu stürzen und beim Versuch den Sturz abzufangen, mit seiner Hand in die Pfütze aus Erbrochenem griff. Ceyda konnte sich mindestens tausend Orte vorstellen, an denen sie im Moment lieber wäre, doch andererseits wollte sie Gewissheit. Sie musste wissen, ob sie diesen Mann falsch eingeschätzt hatte. Und sich gegebenenfalls bei ihm entschuldigen. Daher ergriff die junge Frau erneut das Wort: „Du... Alvar? Hast du wirklich gerade eine Sklavin befreit.“ Alvar drehte sich um und schien eine Sekunde lang vollkommen verwirrt zu sein, Ceyda hier anzutreffen. Er fing sich jedoch recht schnell wieder und entgegnete lallend: „Wie bi... äh ich meine ja. Ja das habe ich. Radomir hatte sie eingesperrt und hatte irgendwas schlimmes mit ihr vor. Das konnte ich einfach nicht mit ansehen.“
Es war also wahr. Ceyda hoffte inständig, dass Alvar sich an die folgenden Worte erinnern würde: „Alvar... es tut mir leid. Ich habe in unserem Streit vor einigen Wochen vollkommen überreagiert. Im Grunde war es eine Kleinigkeit und wir waren beide betrunken. Ich hätte dir nicht drohen sollen. Es war meine Schuld, dass du fliehen musstest und es tut mir aufrichtig Leid.“ Ceyda streckte ihre Hand aus, um die Entschuldigung zu besiegeln, doch ein eindringlicher Geruch in ihrer Nase, ließ sie die Hand sofort wieder zurückziehen. Die verbale Entschuldigung musste ausreichen. Alvar indes blickte seltsam ins Leere und es war komplett unergründlich, ob er sie verstanden oder ihr auch nur zugehört hatte. Er sah fast so aus, als würde er gleich hinfallen, bevor er sich plötzlich wieder fing und die folgenden Worte lallte: „Ich muss zum Anwesen. Irgendetwas geht da vor und ich habe da so eine Ahnung.“ Ceyda war von diesem Sinneswandel komplett überrascht, doch anderseits war sie auch erleichtert. Sie wollte sich nicht unbedingt länger mit diesem Trunkenbold unterhalten (zumindest nicht, solange sie selber nüchtern war). Allerdings wollte sie hier auch nicht unbedingt alleine sein. Doch noch bevor sie etwas sagen oder auch nur denken konnte, hörte sie aus der Ferne Hufgetrippel und atmete erleichtert auf. Endlich kamen Rhiannons Leute an. Das würde vieles erleichtern. Sie konnten sich im Berghorn ein Zimmer nehmen und die weiteren Schritte besprechen. Irgendetwas wichtiges schien heute Nacht in Gorak vorzugehen. Ansonsten hätte Rhiannons Bruder nicht alle Wachen vom Tor abgezogen. Und es war ihre Aufgabe, dem auf den Grund zu gehen und Rhiannon anschließend zu berichten.
„Alles klar, man sieht sich“, rief Ceyda dem inzwischen nicht mehr ganz so stark taumelndem Alvar hinterher, ohne sich sicher sein zu können, dass er sie überhaupt verstand. Anschließend drehte sie sich um und lief der Kutsche von Rhiannon entgegen, die sie in der Ferne schon erblicken konnte. Sie wollte hier wirklich nicht allein sein. Auf halber Strecke drehte sie sich jedoch instinktiv noch einmal um. Irgendwie hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Ungefähr dort, wo sie sich vor gerade mal einer Minute mit Alvar unterhalten hatte, stand nun ein dürres Mädchen mit zerzausten braunen Haaren in einem weißen Kleid. Ceyda blieb kurz stehen. Sollte sie zu ihr gehen? Ihr helfen? Das Mädchen wirkte ängstlich. Ceyda erkannte mehrere Blutflecken ihrem Kleid. Doch noch bevor Ceyda eine Entscheidung treffen konnte, ging das Mädchen schnellen Schrittes auf das Tor zu. Warum ging sie zurück in die Stadt? Warum floh sie nicht? Irgendetwas stimmte hier nicht.

Ceyda in die Straßen von Gorak
« Letzte Änderung: 5. Jul 2018, 23:45 von Rohirrim »
RPG:
Char Zarifa in Rhûn