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Autor Thema: Nan Faerrim  (Gelesen 232 mal)

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Nan Faerrim
« am: 3. Nov 2017, 10:51 »
Valion, Valirë, Lóminîth und Erchirion aus Anfalas


Das Tal von Nan Faerrim lag zwischen zwei niedrigen Ausläufern des westlichsten Arms des weißen Gebirges, der sich in südwestlicher Richtung zum Kap von Andrast hinzog und das Lehen von Anfalas von den wilden Landen auf der anderen Seite trennte. Eine kleine, mit Steinen gepflasterte Straße führte in das Tal hinein, an dessen Eingang ein aus weißem Stein errichteter Torbogen stand. Linker Hand des Durchgangs hing das Banner der Herren des Tals: der rote Luchs von Haus Seren. Zu Valions Missfallen hing auf der rechten Seite nicht etwa der Weiße Baum von Gondor, sondern der Fisch von Anfalas - Golasgils Siegel, doch vermutlich im Namen seines Sohnes Toradan aufgehängt. Kein gutes Zeichen, dachte er, während sie durch den Torbogen ritten. An dieser Stelle verabschiedeten sich die Soldaten, die Golasgils Sohn ihnen als Eskorte mitgegeben hatte von ihnen, und ritten zurück in Richtung Maerost.
Das Tal schien sich auf den ersten Blick nur wenig verändert zu haben, seitdem die Zwillinge zuletzt dort gewesen waren. Die Bäume trugen Blätter in den verschiedensten Gelb- Rot- und Brauntönen, und erinnerten sie deutlich daran, dass der Herbst gekommen war. Die verstreuten Dörfer und Höfe der Talbewohner strahlten ein Bild des Friedens aus. Nan Faerrim war eine verschlafene Gegend, die noch nie von einem Krieg heimgesucht worden war, denn das Tal lag fern der Küste und musste keine Korsarenüberfälle fürchten. Und auch die anderen bedrohten Grenzen Gondors waren weit weg. Da die Erntezeit nahte, waren die Felder voller Aktivität, und auch die vielen Apfelbäume erfreuten sich großer Aufmerksamkeit. Valion fiel auf, dass sich die Anzahl der Bewohner des Tals vermehrt hatte; vermutlich hatten Flüchtlinge aus den Ostgebieten Gondors hier Zuflucht gesucht und gefunden.
Sie folgten der Straße im gemächlichen Schritt durch das Tal, bis ihr Ziel in Sicht kam: Die kleine Burg von Haus Seren, der Wohnsitz der Vorfahren Míleths, der Mutter der Zwillinge.
Valirë lenkte ihr Pferd neben ihren Bruder. "Denkst du, der alte Luchs wird erfreut sein, uns zu sehen?"
"Natürlich wird er das. Du weißt doch, dass sein Zorn genauso schnell verraucht, wie er sich entflammt," antwortete Valion.
"Nicht, wenn Mutter dabei ein Wörtchen mitzureden hat," erwiderte seine Schwester.
"Welchen Grund sollte sie dazu haben? Sieh uns doch an. All ihre Wünsche sind in Erfüllung gegangen." Er deutete auf Lóminîth und Erchirion. "Unsere Verlobungen betreffend, meine ich."
"Ich habe schon verstanden, kleiner Bruder," gab Valirë schnippisch zurück. "Ich frage mich nur, weshalb Mutter uns gerade jetzt zu sich ruft. Du hast doch ebenfalls das Banner von Anfalas am Torbogen gesehen. Denkst du, die Gerüchte über die Separatisten könnten wahr sein? Steckt Toradan vielleicht doch dahinter?"
"Wir werden sehen. Wenn wir mit Mutter gesprochen haben, werden wir der Sache auf den Grund gehen."

Sie kamen ans Burgtor. Der Sitz von Haus Seren bestand aus einer kleinen, von einer einzelnen Mauer umgebenen Burg, die von zwei gleich hohen Türmen gekrönt wurde. Dazwischen befand sich die große Halle des Talherren.
Im Innenhof saßen sie ab und ließen ihre Pferde zu den nahen Stallungen bringen. Valion war froh, keine Soldaten von Anfalas in der Burg zu entdecken. Auf den Schilden der Bewaffneten war ausschließlich der Luchs von Haus Seren zu sehen. Etwas besserer Laune führte er den Rest der Gruppe zur großen Halle und stieß die schweren Torflügel weit auf.
Die Halle erinnerte an den Fürstensaal von Dol Amroth, auch wenn sie deutlich kleiner war. Am gegenüberliegenden Ende war ein erhöhter Sitz, hinter dem drei große Banner von der Rückwand herabhingen. In der Mitte hing der rote Luchs von Nan Faerrim, und rechts davon der Fisch von Anfalas. Links hing der Weiße Baum von Gondor, doch auf dem Banner lag ein Schatten. Ob das wohl ein Zeichen sein soll? fragte sich Valion, während sie die Halle durchquerten.
Auf dem erhöhten Sitz saß eine imposante Gestalt. Breitschultrig und aufrecht trotz seines hohen Alters musterte Maecar Serenion, Herr von Nan Faerrim, seine Besucher. Und als er sie erkannte, erhob er sich mit freudestrahlendem Gesicht. Um seine Schultern hing ein breiter, fellbesetzter Umhang, und seine Kleidung war die eines Jägers, wenngleich sie etwas prunkvoller war. Neben ihm standen zwei weitere Menschen: ein junger Mann, der Jagdkleidung über einem Kettenhemd trug und ein Schwert umgegürtet hatte, und die Mutter der Zwillinge, Maecars Tochter Míleth Sereniel.
"Da sind ja meine tapferen Enkel!" rief Maecar und breitete die Arme aus, während er ihnen entgegenkam. Valirë war die Erste, die ihm in die Arme sprang. "Kleiner Wildfang, hast du dich also endlich zähmen lassen?" kommentierte der Herr von Nan Faerrim.
"Niemals," antwortete sie fröhlich. "Ich ... dulde ihn nur."
Maecar lachte schallend. "Du bist genau wie deine Mutter. Und du, mein Junge!" Er wandte sich Valion zu. "Selbst hier im verschlafenen Nan Faerrim haben wir von deinem Abenteuer in Umbar gehört. Wie ich sehe, hast du dir ein ziemlich hübsches Andenken mitgebracht."
Lóminîth - eindeutig verärgert - gab ein empörtes Hüsteln von sich, was den Herrn des Tales jedoch nicht zu stören schien.
"Ich vergesse meine Manieren, edle Dame," sagte der alte Luchs und bot ihr galant die Hand an. "Maecar, Alastars Sohn, zu Euren Diensten. Ich heiße Euch in meinem bescheidenen Heim willkommen."
"Ich danke Euch, Herr," antwortete Lóminîth, und ihr frostiger Unterton in der Stimme ließ dabei tatsächlich ein wenig nach. "Ich bin Lóminîth von Haus Minluzîr."
Maecar nickte respektvoll, doch ehe er weitersprechen konnte, nahm zum ersten Mal die Mutter der Zwillinge das Wort. "Da seid ihr beiden ja endlich," sagte sie streng, doch ihre Miene strafte ihre Worte Lügen, denn sie lächelte. "Es ist gut, dass ihr gekommen seid." Rasch umarmte sie ihre Kinder und wandte sich dann an Erchirion. "Mein Prinz, du bist ein mutiger Mann, doch ich setze darauf, dass du weißt, was du tust." Sie warf dabei einen bedeutungsvollen Blick auf ihre Tochter.
"Oh, ich folge nur den Wünschen meines Vaters, Frau Míleth," antwortete Erchirion mit einem zuversichtlichen Lächeln. "In seiner Weisheit hat er diese Verlobung angeordnet und wer wäre ich, mich seinen Anweisungen zu widersetzen?"
"Imrahil gelingt es nach all den Jahren noch immer, für eine Überraschung zu sorgen," meinte Míleth. "Ich freue mich für euch. Und nun lasst mich sehen, wer es geschafft hat, das Herz meines Sohnes für sich zu vereinnahmen!" Sie stellte sich vor Lóminîth und musterte sie von Kopf bis Fuß. Dann nickte sie, scheinbar zufrieden. "Sie ist ansehnlich und kräftig. Sie wird dir gesunde Kinder schenken, Valion."
Valion verschluckte sich bei diesen Worten, und Valirë und Maecar brachen in Gelächter aus. Die sonst so beherrschte Lóminîth errötete und sagte schließlich etwas betreten: "Ich bin froh, Euren Ansprüchen zu genügen, Herrin Míleth."
"Warum so förmlich, meine Liebe? Du wirst mich Mutter nennen - wir sind jetzt eine Familie," sagte Míleth entschieden.
"Eine ganz besondere Familie, wie es mir scheint," sagte eine Valion unbekannte Stimme. Der junge Jäger, der neben seinem Großvater gestanden hatte und der etwas abseits abgewartet hatte, trat nun hinzu. "Es wärmt mein Herz, Zeuge dieser Wiedervereinigung zu werden."
"Dies ist Gilvorn, Jäger von Lossarnach," stellte Maecar den jungen Mann vor. "Er kam mit einer großen Gruppe Flüchtlinge vor ungefähr einem Jahr hierher und hat sich bereits in dieser kurzen Zeit als unschätzbar hilfreich für mich erwiesen."
"Ihr beschämt mich, mein Herr," erwiderte Gilvorn und blickte zu Boden. "Ich bin nur ein einfacher Mann, der versucht, seinen Weg in Mittelerde zu gehen."
"Er ist ein guter Junge, das kann ich euch sagen. Seinen Ratschlägen zu folgen hat sich für mich bislang noch immer ausgezahlt."
Valion nickte Gilvorn freundlich zu, der sich wieder zu entspannen schien. Dann wandte er sich an seinen Großvater. "Wie du weißt, sind wir nicht nur wegen der Familie hier, alter Mann." Die Bezeichnung entlockte Maecar ein belustigtes Schnaufen, während Lóminîth aufgrund der augenscheinlichen Respektlosigkeit hörbar nach Luft schnappte. Valion warf einen kurzen Seitenblick auf den Jäger von Lossarnach, entschied dann jedoch, dass der junge Mann ruhig hören konnte, was er jetzt sagen würde. Wenn Großvater ihm vertraut, dann tue ich das ebenfalls. "Imrahil entsandte uns wegen der Gerüchte über Separatisten in Anfalas und den Pinnath Gelin."
Maecar nickte ernst. "Ja, das ist eine üble Angelegenheit, das kann ich euch sagen. Das Ganze geht von Arandol aus. Die Stadt ist seit Hirluins Tod nicht zur Ruhe gekommen, und dem neuen Lehensfürsten, Elatan, ist es bislang nicht gelungen, Ordnung zu schaffen. Das hat er davon, dass er sich die meiste Zeit in Dol Amroth aufhält. Doch in den letzten Monaten hat sich die Lage verschlimmert. Es drang Kunde an mein Ohr, dass einer der Verwandten Elatans inzwischen genügend Anhänger um sich geschart hat, um die Macht in Arandol und den Pinnath Gelin an sich zu reißen und Gondor die Treue aufzukündigen."
"Das werden wir nicht zulassen," warf Valirë entschlossen ein, und Erchirion nickte bekräftigend.
"Ich bin mir sicher, ihr werdet der Sache auf den Grund gehen und diesen Unfug beenden, Kinder," sagte Míleth. "Doch dafür ist auch morgen noch Zeit. Heute werden wir einen gemeinsamen Abend als Familie verbringen." Ihr Tonfall, obwohl freundlich und liebevoll, sagte ganz klar aus: Keine Widerrede. Die Zwillinge kannten diesen Ton nur allzu gut.
Maecar lachte laut. "Gebt Acht! Wenn sich meine Tochter etwas in den Kopf gesetzt hat, solltet ihr euch ihr lieber nicht widersetzen!" sagte er, an Lóminîth und Erchirion gewandt. "Gilvorn, mein Junge! Geh und sieh zu, dass wir heute Abend ein Festmahl auf dem Tisch haben."  Der junge Jäger nickte und eilte aus der Halle.
"Was hältst du von Golasgils Sohn, Großvater?" fragte Valion kurz darauf. "Er scheint es sich in den Kopf gesetzt zu haben, seinen Vater als Lehnsherrn von Anfalas abzulösen."
"Pah! Er ist ein grüner Junge, der nichts vom Krieg versteht," erwiderte Maecar verächtlich. "Ich habe ihn sein Banner am Torbogen des Taleingangs aufhängen lassen, damit er mich in Ruhe lässt. Scheint viel auf diese kleinen Machtspielchen zu geben, aber ich glaube nicht, dass da mehr dahinter steckt."
"Ich hoffe, du hast recht, alter Mann... ich hoffe, du hast recht."
« Letzte Änderung: 30. Jan 2018, 15:38 von Fine »

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« Antwort #1 am: 10. Nov 2017, 09:45 »
Der Herr von Nan Faerrim war bester Laune. Maecar saß am Kopfende eines großen, reich gedeckten Tisches und war umgeben von seiner Familie. Er ließ sich von den Zwillingen bis ins kleinste Detail erzählen, was sie auf ihrer Fahrt nach Umbar erlebt hatten, und hakte immer wieder nach. Ganz besonders die Insel von Tol Thelyn und der Aufstand in Umbar schienen ihn zu interessieren. Valions Mutter hingegen, die ebenfalls aufmerksam zuhörte, stellte Zwischenfragen zu einem anderen Thema, nämlich dazu, wie es zu den Verlobungen ihrer Kinder gekommen war.
"Ihr beiden habt euch ja schon als Kinder sehr gut verstanden," sagte Míleth zu Erchirion und Valirë, was beide zum Lachen brachte. "Und wie ich bereits sagte, Erchirion, weißt du ja daher auch, worauf du dich eingelassen hast."
"Sei nicht um mich besorgt, Míleth. Ich denke, ich werde mit deiner Tochter schon zurecht kommen." Er versetzte seiner Verlobten, die neben ihm saß, dabei einen spielerischen Schlag gegen die Schulter.
"Du wirst dich noch wundern," entgegnete Valirë mit breitem Lächeln. "Ich mag dem Ganzen ja zugestimmt haben - immerhin hat es der Fürst so angeordnet - aber das heißt nicht, dass ich es dir leichtmachen werde!"
Míleth hatte sich inzwischen an Lóminîth gewendet. "Es kommt nicht jeden Tag vor, dass mir das Schicksal eine neue Tochter ins Haus bringt. Wenn ich fragen darf - leben deine Eltern noch, Lómíril?"
Lóminîth schien es nichts auszumachen, dass Míleth die Sindarin-Version ihres Namens benutzte; sie hatte es ihr sogar selbst angeboten. Auf die Frage antwortete sie: "Meine Mutter starb bei meiner Geburt und mein Vater, nun..."
"Er kam beim Angriff auf Dol Amroth ums Leben," ergänzte Valion. "Er war ein Korsarenkapitän."
Míleth zog die linke Augenbraue hoch. "So ist das also. Nun, ich werde nicht wegen der Taten deiner Vorfahren vorschnell über dich urteilen," sagte sie zu Lóminîth. "Du scheinst eine anständige Dame zu sein, und ich glaube, dass Edrahil und deine Schwester dabei richtig lagen, diese Verlobung einzufädeln."
"Obwohl sie nun nicht mehr für ein Bündnis zwischen Gondor und Umbar steht," merkte Lóminîth an.
"Nein, das nicht, aber dafür stärkt sie nun die Verbindung zwischen Dol Amroth und Tol Thelyn, wenn ich eure Geschichte richtig verstanden habe. Deine Schwester ist doch die Herrin der Insel, nicht wahr?"
Lóminîth nickte. "Ich habe vor, sie zu besuchen, nachdem Valion und ich nach Dol Amroth zurückgekehrt sind."
"Und das wirst du. Doch zunächst müssen wir uns um die Probleme in Anfalas kümmern," meinte Valion.
Maecar, der gerade über einen Witz von Valirë gelacht hatte, nickte bei diesen Worten bekräftigend und nahm einen großen Schluck aus seinem Trinkhorn. Dann sagte er: "Verdammt richtig, mein Junge. Sprechen wir darüber." Er winkte Gilvorn, den Jäger von Lossarnach heran. Der junge Mann hatte während des Festmahls in der Nähe des großen Fensters gestanden, das sich gegenüber des Kopfendes des Tisches erhob und sich bislang nicht an den Gesprächen beteiligt. Nun trat er neben seinen Herrn.
"Am besten fange ich ganz von vorne an," begann Maecar, und alle Augen richteten sich auf ihn. "Wir ihr wisst, fiel Hirluin von Arandol auf den Pelennor-Feldern, und hinterließ keinen direkten Erben. Hirluin war trotz seines Alters unverheiratet geblieben. Deshalb wurde sein Neffe Elatan nach ihm Herr der Pinnath Gelin. Elatan, der seit über einem Jahr im Rat des Fürsten von Dol Amroth sitzt und seitdem keinen Fuß mehr nach Arandol gesetzt hat."
"Arandol ist der Sitz der Herren der Pinnath Gelin?" fragte Lóminîth nach.
Maecar nickte bestätigend. "Es ist eine kleine Stadt, die einst nicht mehr als ein Grenzposten Gondors war und in den vielen Jahrhunderten seit seiner Gründung zu einer Stadt heranwuchs. Es liegt am südwestlichen Ausgang des wichtigsten Passes, der in dieser Gegend durch das Weiße Gebirge führt und liegt somit auf der Route, die in den letzten Jahren von einem Großteil der Kriegsflüchtlinge aus Ost-Gondor verwendet wurde. Ein Teil von ihnen blieb in Arandol, doch viele zogen nach Enedwaith oder Arnor weiter."
"Das bedeutet, die Separatistenbewegung geht von Arandol aus, und Lehnsherr Elatan ist zu weit weg, um etwas dagegen zu unternehmen," schlussfolgerte Valion.
"Zu weit weg und zu beschäftigt", knurrte Maecar. "Er vernachlässigt sein Amt und nutzt es nur dafür, um seinen Einfluss am Hofe Imrahils zu vergrößern."
Gilvorn nahm zum ersten Mal das Wort. "Uns ist zu Ohren gekommen, dass ein junger Adeliger namens Maegond in Arandol nun danach strebt, Elatans Position an sich zu reißen und sich von Dol Amroth loszusagen."
"Dieser Maegond ist ebenfalls ein Verwandter Hirluins und hätte somit ein gewisses Anrecht darauf," ergänzte Míleth.
"Elatan mag ein Narr sein, doch er ist dennoch der rechtmäßige Herr der Pinnath Gelin," sagte Erchirion. "Ich sage, wir reiten so bald es geht nach Arandol, und setzen dem Ganzen ein Ende."
"Das wäre unklug," meinte Lóminîth. "Sicherlich haben die Separatisten Vorkehrungen getroffen. Sie müssen wissen, dass Dol Amroth eine Abspaltung niemals zulassen würde, denn die Hauptstadt ist auf die Versorgung durch die Gebiete im Westen angewiesen. Mein Rat lautet, dass wir zunächst mit Besonnenheit vorgehen und uns ein Bild der Lage in Arandol machen, ehe wir unsere Identitäten dort offenbaren."
Maecar warf Valion einen Blick zu. "Du hast dir eine scharfsinnige Frau ausgesucht, Kleiner. Ihr alle tätet gut daran, auf sie zu hören."
"Die Frage, die ich mir schon die ganze Zeit stelle, ist, ob sich diese Abspaltungsbestrebungen nur auf die Pinnath Gelin beschränken," warf Valirë ein. "Ihr alle habt gesehen, wie sich Golasgils Sohn Toradan verhält. Wenn er sich mit diesem Maegond verbündet, könnte das Ganze ziemlich übel für uns ausgehen."
"Das bleibt abzuwarten," sagte Gilvorn. "Bislang gibt es keinerlei Anzeichen, die auf ein derartiges Bündnis hinweisen, meine Dame."
"Dann sollten wir unverzüglich damit beginnen, weitere Informationen zu beschaffen." Valion blickte sie alle der Reihe nach an und fuhr fort: "Ich sage, wir reiten morgen früh nach Arandol. Wir verkleiden uns als Kriegsflüchtlinge und sehen uns an, wie es in den Pinnath Gelin aussieht."
"Und wenn wir dann genug über die Lage in Arandol herausgefunden haben, wissen wir wahrscheinlich auch, wie wir dann weiter vorgehen können, um die Abspaltler aufzuhalten," ergänzte Erchirion.
"Ich werde dafür sorgen, dass für euch morgen frische Pferde und Vorräte bereit stehen," sagte der Herr von Nan Faerrim. "Außerdem werde ich euch Gilvorn zur Seite stellen. Er wird euch eine ebenso große Hilfe sein, wie er sie mir in den letzten Monaten gewesen ist."
Valion nickte dankbar. Er war um jegliche Unterstützung froh, und der junge Jäger wirkte, als wäre er sowohl im Kampf als auch im Beschaffen von Informationen gut bewandert. "Also gut, alter Mann. Dann trink' aus und kümmere dich darum."
Maecar lachte. "Das werde ich, mein Junge. Das werde ich." Er hob sein Trinkhorn an die Lippen, leerte es, und ließ es mit einem lauten Krachen auf den Tisch niederfahren. Dann erhoben sich alle Anwesenden. Das Festmahl war beendet und der Plan für die nächsten Tage gemacht.

Lóminîth und Valion zogen sich wenig später in den Raum zurück, den Maecar für sie bereitgestellt hatte. Die Burg von Haus Seren war nicht so groß wie Maerost, der Sitz Toaradans, daher gab es nicht allzu viele große Gemächer. Inmitten des Zimmers standen ein Bett und ein kleiner Schrank - für mehr war kein Platz.
Lóminîth blieb einige Minuten still, während sie nebeneinander auf dem Bett lagen. Es war dunkel, denn sie hatten die über ihnen hängende Laterne bereits gelöscht.
"Valion?"
"Ja?"
"Deine Familie kennenzulernen hat mich... nachdenklich gemacht."
Valion drehte sich auf die Seite, sodass er seine Verlobte betrachten konnte, die neben ihm lag. Durch das Fenster hinter ihnen drang etwas Mondlicht hinein, das sich in ihren dunklen Augen spiegelte. Er wusste nicht, was er auf ihre Aussage antworten sollte, also wartete er ab, bis sie von selbst weitersprach.
"Denkst du, wir könnten... wenn das hier vorbei ist... ein Kind bekommen?"
Er blinzelte zweimal, doch gänzlich überrascht war er nicht. Míleth musste Lóminîth auf den Gedanken gebracht haben. Valion blieb einen Augenblick still, dann nahm er Lóminîths Hand. "Ich glaube, ich bin... bereit." Er atmete einmal tief durch. "Ja, Lóminîth. Ich fühle mich bereit dafür."
Sie drückte seine Hand und er spürte, wie ein Zittern über ihren Arm lief. Dann zog sie ihn mit einem Ruck zu sich hinüber.

Eine Stunde später war Valion bereits größtenteils eingeschlafen, als die Türe des Raumes aufgerissen wurde und Gilvorn hereinstürzte, eine brennende Fackel in der Hand. Valion fuhr hoch und zog rasch die dünne Decke über seine Verlobte, die ebenfalls aufgeschreckt war. "Wacht auf, mein Herr! Etwas Schreckliches ist geschehen!" rief Gilvorn außer Atem. "Der Herr von Nan Faerrim.... wurde ermordet!"
« Letzte Änderung: 11. Nov 2017, 11:32 von Fine »

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Das Erbe von Haus Seren
« Antwort #2 am: 21. Nov 2017, 14:00 »
Fluchend sprang Valion auf und zog sich notdürftig an, ehe er Gilvorn mit Hast durch die nur von Fackeln beleuchteten Gänge der Burg folgte. Es war nicht weit zum Schlafgemach des Herrn des Tales. Die schwere Tür war weit aufgerissen worden und als Valion hindurch eilte, fand er seine Mutter vor, die neben Maecars Bett kniete und von Weinkrämpfen geschüttelt wurde. Maecar, Herr von Haus Seren und Nan Faerrim, lag auf dem Rücken inmitten blutbespritzter Laken. In seiner Brust steckte noch immer die Waffe, die sein Leben genommen hatte: ein langer, leicht gekrümmter Dolch. Die Klinge hatte das Herz des Alten Luchses durchbohrt. Sein Gesicht hätte friedlich gewirkt, wären die Augen nicht offen gestanden.
Valion war geschockt, doch er wusste, dass er sich den Schock jetzt nicht anmerken lassen durfte. Nan Faerrim brauchte jetzt eine starke Hand, um das Chaos abzuwenden, das nach Maecars Tod drohte. Und solange Maecars Söhne weit weg waren und seine einzige Tochter nicht imstande war, die Herrschaft zu übernehmen, fiel diese Bürde seinen Enkeln zu.
Wie aufs Stichwort kam Valirë in den Raum gestürzt und blieb wie vom Donner gerührt stehen, als sie die Leiche sah. Es gab nur Weniges, das Valions Schwester aus der Fassung bringen konnte, doch dieser Anblick war zu viel für sie. Sie hatte den alten Mann geliebt. Alle Kraft wich aus ihrem Gesicht und sie wurde bleich wie der Tod. Dann brach sie bewusstlos zusammen.
Valion fluchte leise, während er Gilvorn bedeutete, Valirë zurück in ihr Gemach zu schaffen. Dann kniete er sich neben seine Mutter und strich ihr beruhigend über den Rücken, bis Míleth ihm ihr tränenüberströmtes Gesicht zuwendete und sich etwas beruhigte.
“Wir finden denjenigen, der das getan hat, Mutter. Ich verspreche es dir,” sagte Valion fest entschlossen.
“Und wenn ihr ihn habt,” erwiderte Míleth, deren Trauer sich mehr und mehr zu unterdrücktem Zorn wandelte, “Dann bringt ihr ihn zu mir. Lebendig.” Die unausgesprochene Drohung in ihren Worten war nur allzu deutlich zu erkennen, selbst für Valion. Wer auch immer Maecar ermordet hatte, den würde ein grausames Schicksal erwarten wenn er Míleth in die Hände fiele.
Schweigen legte sich über den Schlafraum. Flackernd verlosch eine der Kerzen, die am offenen Fenster standen. Das brachte Valion auf die Idee, nach Spuren zu suchen. Ich glaube nicht, dass der Mörder durch das Fenster geklettert ist, dachte er, während er hinausblickte. Unterhalb des Fensters ging es viele Stockwerke hinunter, und die glatte Außenmauer der Burg bot kaum Möglichkeiten zum Klettern. Der Angreifer musste von innen gekommen sein.
“Gilvorn.”
“Ja, Herr?”
“Wann hast du dies... dies alles entdeckt?”
“Vor einer halben Stunde. Ich bin gleich zu Herrin Míleth gelaufen, und dann habe ich Euch geweckt.”
“Dann ist der Mörder vielleicht noch nicht weit gekommen. Lass die Wachen ausschwärmen.”
“Das habe ich bereits veranlasst, Herr. Wenn der Feigling, der unseren gütigen Herr ermordet hat, noch hier ist, werden sie ihn finden.”

Valion verbrachte die nächsten Stunden damit, jeden Winkel der kleinen Burg persönlich nach Spuren des Mörders abzusuchen, doch schließlich musste er sich der Tatsache geschlagen geben, dass Maecars Mörder entkommen war. Eines der Pferde im Stall fehlte, ebenso wie einige Wertsachen aus Maecars persönlichem Besitz.
Als die Sonne aufging rief Gilvorn die Bewohner der Burg zusammen und verkündete die traurige Nachricht. Der Alte Luchs war beim Volk sehr beliebt gewesen. Sein Tod löste große Bestürzung und Trauer aus. Viele waren ebenso wütend wie Míleth und es mangelte Valion nicht an Freiwilligen, die die Spur des Mörders bis an die Grenzen von Nan Faerrim verfolgen würden. Noch ehe die Sonne vollständig aufgegangen waren, brachen mehrere Reitertrupps in verschiedene Richtungen auf.
“Wir müssen sofort eine Nachricht an Beretar entsenden,” sagte Míleth, während sich die Menge im Burghof zerstreute. Sie hatte jegliche Spuren von Tränen in ihrem Gesicht abgewischt und wieder zu ihrer resoluten und entschlossenen Haltung gefunden. Valion war es ganz recht, ihr nun die Entscheidungen zu überlassen.
“Ich fürchte, Euer Bruder wird seinen Posten bei der Stadtwache nicht aufgeben wollen,” wendete Gilvorn ein, während er und Valion Míleth in die große Halle folgten.
“Er hat sich seiner Verantwortung schon viel zu lange entzogen,” erwiderte Míleth. “Nan Faerrim - seine Heimat - braucht ihn jetzt, mehr denn je. Ich weiß, dass mein Vater und Beretar nur selten einer Meinung waren, aber wir sind eine Familie. Und wir müssen zusammenhalten, damit uns der Sturm nicht auseinander reißt.”
Beretar Seren, Míleth älterer Bruder, hatte sich auf einem Besuch in Dol Amroth in seiner Jugend in eine Frau vom einfachen Volk verliebt und sie insgeheim geheiratet. Maecar war damit nicht einverstanden gewesen, hatte seinem Sohn aber dennoch gestattet, die Ehe fortzuführen. Doch als Beretar auf den Wunsch seiner Frau dauerhaft nach Dol Amroth zog und sein Erbe ausschlug, war kaum noch ein freundliches Wort zwischen Vater und Sohn gesprochen worden, bis der Kontakt schließlich nahezu abgebrochen worden war. Beretar begnügte sich damit, in die Stadtwache von Dol Amroth einzutreten und hatte es bis zum Amt des Kommandanten gebracht. Doch mit Maecars Tod würden ihn nun seine vergessen geglaubten Verpflichtungen einholen, wenn die Nachricht in Dol Amroth eintraf.
“Ich denke, Ihr solltet nun das Volk Eurer Heimat durch diese schwierigen Zeiten führen, Herrin,” befand Gilvorn. “Ihr werdet geliebt und geachtet, während Euer Bruder sich - mit Verlaub - nicht um seine Heimat zu scheren scheint.”
Valion fragte sich, woher der junge Jäger von Lossarnach, der erst wenige Jahre in Nan Faerrim lebte, bereits so viel über die Geschichte von Haus Seren wissen konnte. Offenbar hatte der Alte Luchs Gilvorn mehr anvertraut, als Valion zunächst angenommen hatte.
Míleth setzte sich mit einem tiefen Seufzer auf den großen, erhöhen Sitz ihres Vaters am Ende der großen Halle. “Ich werde tun, was notwendig ist. Doch Haus Seren wird nicht durch mich fortbestehen. Meine Kinder mögen Maecars Blut in sich tragen, doch ihr Erbe ist der Ethir, nicht Nan Faerrim. Nein, Gilvorn. Haus Seren braucht meinen Bruder.”
“Wenn nur der junge Tórdur nicht auf diese verfluchte Fahrt gegangen wäre,” warf eine der älteren Bediensteten ein, die gerade Míleths Haare in annehmbare Form brachte.
Tórdur, Míleths jüngerer Bruder, war ein draufgängerischer Abenteurer gewesen, der sich einen Namen als Entdecker der wilden Lande nordwestlich von Anfalas gemacht hatte. Viele sahen in ihm die Rückkehr des Weißen Jägers von Nan Faerrim - dem legendären Stammvater von Haus Seren, der einst das Tal entdeckt hatte, in dem heute die Burg Maecars stand. Doch als Tórdur sich eines Tages an den wilden Landen jenseits des Gebirges satt gesehen hatte, wandte er sich dem Süden zu, wo noch größere Geheimnisse und Schätze lockten. Er versprach seiner Familie, mit Ruhm und Reichtum zu ihnen zurückzukehren. Bis zum Tag seines Todes wartete Maecar auf die Rückkehr seines zweiten Sohnes, der das Erbe, das Beretar verleugnet hatte, hätte annehmen können.
“Er ist weit weg, und vermutlich tot,” schnaubte Míleth. “Außerdem wäre Tórdur viel zu unverantwortlich für die Aufgabe, die es hier zu erfüllen gibt.” Sie warf Valion einen warnenden Blick zu, denn oft genug hatte sie ihren Kindern die Geschichte ihres Onkels Tórdur als mahnendes Beispiel erzählt.
“Wir werden ohne ihn zurecht kommen müssen,” beschloss Míleth.

Am Abend verbrannten sie den Leichnam Maecars in einer feierlichen Zeremonie. Valirë stand stumm neben ihrer Mutter und vergoss Tränen der Schwermut und Trauer, während Erchirion den Arm um sie gelegt hatte. Valion und Lóminîth standen Hand in Hand auf der gegenüberliegenden Seite inmitten der Bewohner der Burg und des Tales. Viele der Talbewohner hatten ihre täglichen Aufgaben unterbrochen, um der Zeremonie beizuwohnen, und so hatte sich eine große Menge auf den Feldern außerhalb der Burg versammelt, wo der Scheiterhaufen errichtet worden war.
Gilvorn brachte eine brennende Fackel und reichte sie an Míleth weiter. Ehe die neue Herrin des Tales das Holz in Flammen setzte, sprach sie einige Sätze und erinnerte die Menschen daran, was für ein außergewöhnlicher Mann ihr Vater gewesen war. Ein starker Krieger und gerechter Herrscher, rasch im Zorn, doch ebenso gutmütig im Frieden. “Diese Welt ist ärmer ohne ihn,” schloss sie. Dann steckte sie den Scheiterhaufen feierlich in Brand.
In der Nacht ließ es sich Gilvorn nicht nehmen, die Wachmannschaften zu verdreifachen. Dennoch schlief Valion unruhig. Seine Pläne, gegen die Separatisten vorzugehen, würden warten müssen, bis sich die Lage in Nan Faerrim beruhigt hatte, doch wie lange würden sie die Weiterreise nach Arandol in den Pinnath Gelin aufschieben können? Die Feinde Gondors schliefen nicht, und langsam, aber sicher, lief den Zwillingen und ihren Verbündeten die Zeit davon...
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Mit Not gen Norden
« Antwort #3 am: 18. Dez 2017, 15:25 »
Zwei Tage später war Valion entschlossen, so bald wie möglich abzureisen. Die Bewohner von Nan Faerrim hatten die Tochter ihres verstorbenen Herrn ohne Widerrede als neue Herrscherin angenommen, und die aufgebrachte Stimmung legte sich mehr und mehr. Noch immer waren die Menschen des Tales erzürnt über das Attentat, doch inzwischen war Valion sich sicher, dass sich die Lage so weit beruhigt hatte, dass er guten Gewissens in Richtung der Pinnath Gelin aufbrechen konnte. Er hoffte darauf, im Norden vielleicht eine Spur des Mörders zu entdecken, auch wenn dies nicht sein dringendstes Ziel war. Valion plante, so rasch wie möglich nach Arandol zu reiten, dem Sitz der Herren der Pinnath Gelin, von wo offenbar die Verschwörung gegen den Fürsten von Dol Amroth und den Rest Gondors ausging.
Doch bis zum Aufbruch verstrich deutlich mehr Zeit, als er erwartet hatte. Entgegen seiner Erwartung hatte seine Mutter noch nicht veranlasst, Vorräte für Valions Reisegruppe zusammen zu stellen. Míleths Gemütszustand schien geradezu stündlich zu wechseln, denn sie driftete zwischen einer energischen, von Rachsucht befeuerten Stimmung zu einer depressionsähnlichen Untätigkeit hin- und her. Das machte Valions Aufgabe nicht gerade einfacher.
“Mutter,” sagte er und stellte sich direkt vor den erhöhten Sitz seines Großvaters, in dem Míleth in jenem Augenblick besonders klein und verletzlich wirkte. Die große Halle der Herren von Nan Faerrim war bis auf einige wenige Menschen verlassen und im Licht der frühen Vormittagssonne, das durch die östlichen Fenster hereinfiel, wirkte sie melancholisch und dem Verfall überlassen. “Wenn wir Großvaters Mörder fassen wollen, müssen wir so schnell wie möglich aufbrechen.” Er hatte mit Nachdruck gesprochen, doch noch wagte Valion es nicht, die Stimme gegen seine Mutter zu erheben. Noch immer besaß sie große Autorität, und in den Phasen ihrer energischen Rachsucht zeigte sie dies auch nur allzu deutlich. Doch in jenem Augenblick schien sie ihren Sohn kaum zu hören. Míleths Blick ging in die Ferne, durch die von bläulichem Glas verzierten Fenster, hinaus zu den fernen Gipfeln des Weißen Gebirges, die das ganze Jahr über schneebedeckt waren.
Valirë mischte sich ein. “Uns läuft die Zeit davon. Wir brauchen Proviant für die Reise, und wir müssen endlich losziehen.” Valions Zwillingsschwester trug eine Rüstung, auf deren Brustpanzer das Siegel von Nan Faerrim und Haus Seren prangte: Der rote Luchs, beide Pranken im Angriffssprung erhoben. Schwere Schulterpanzer ließen Valirë kräftiger wirken, als sie in Wahrheit war, doch Valion wusste, wieviel die Rüstung samt Kettenhemd darunter wirklich wog. Es erforderte eine Ausdauer und Körperbeherrschung, von der er wusste, dass seine Schwester sie sich durch langjährige Übung angeeignet hatte. Die Elbenklinge Gilrist hing nicht wie üblich über Valirës Rücken, sondern sie hatte den Griff mit der linken Hand gepackt und ließ das Schwert durch die abgestandene Luft in der Halle sausen, während sie ihrem Ärger Luft machte.
Erst als Gilvorn, der Jäger von Lossarnach hinzu trat, reagierte Míleth, und ihr Blick wurde klar. “Herrin, Eure Kinder haben Recht. Eile ist geboten. Ich hoffe, Ihr werdet mir verzeihen, denn ich habe bereits vor einer Stunde den Befehl gegeben, Vorräte für die Reise zusammenzutragen. Ich wusste, Ihr würdet ebenfalls zu dem Entschluss kommen, dies zu befehlen, doch gleichzeitig kann ich nur allzu gut nachvollziehen, wie schwer Euch der Verlust Eures ehrwürdigen Vaters getroffen hat. Ich habe - meiner Auffassung nach - also nur etwas Zeit überbrückt.”
Míleth dachte einen Augenblick über Gilvorns Worte nach, ehe sie antwortete: “Du hast gut daran getan, Gilvorn. Mein Vater war weise, dir zu vertrauen.” Sie suchte Valions Blick und fuhr fort: “Ihr alle habt Recht. Die Spur wird erkalten, wenn ihr noch länger hier verweilt. Ich werde... hier schon zurecht kommen. Macht euch keine Sorgen um mich.” Sie brachte ein etwas gequält wirkendes Lächeln zustande. “Ich habe Amlans Tod überdauert, und ich werde auch das hier überstehen. Nun geht! Und findet diesen Mistkerl.”

Im Burghof trafen die Zwillinge mit Erchirion und Lóminîth zusammen, die bereits reisefertig auf ihren Pferden saßen. Zwei weitere Rösser standen nahebei, doch zu Valions Überraschung wartete ein fünfter Reiter in einer gewissen Entfernung auf sie. Es war ein Krieger, der einen großen Langbogen auf den Rücken trug und in schwere Rüstung gehüllt war. Valion brauchte einen Augenblick, bis er das Wappen erkannte, das auf dem Schild des Reiters aufgemalt war. Auf rotgelbem Feld prangten zwei große Äxte, die sich vor dem Weißen Baum von Gondor kreuzten. Valion hatte es zuletzt gesehen, als Forlong von Lossarnach sein Banner in die Schlacht auf den Pelennor-Feldern geführt hatte.
Gilvorn schloss zu ihnen auf, als Valion und seine Schwester in ihre Sättel stiegen. “Wenn ihr nichts dagegen habt, werde ich euch begleiten, denn der Mord an meinem Herrn erfüllt mich noch immer mit Zorn. Der Alte Luchs hat mich damals aufgenommen, als ich aus meiner Heimat fliehen musste, und hat mir ein neues Zuhause gegeben. Ich bin es ihm schuldig, seinen Mörder zur Strecke zu bringen - oder bei dem Versuch zu sterben.”
Valion konnte den jungen Jäger gut verstehen, doch er wies ihn dennoch darauf hin, dass ihre eigentliche Mission darin bestand, die Separatisten in Arandol aufzuhalten. “Auch ich sehne mich nach Rache, Gilvorn. Doch wenn wir diese Verräter nicht aufhalten, steht Gondor schon bald erneut am Rande des Untergangs.”
Gilvorn nickte. “Ich werde euch nach Kräften unterstützen, wenn ich kann. Und wenn die Zeit der Vergeltung gekommen ist, werde ich keine Gnade für den Abschaum walten lassen, der Unfrieden nach Nan Faerrim gebracht hat.”
Erchirion - gehüllt in die silberne Rüstung der Schwanenritter von Dol Amroth - nickte Gilvorn freundlich zu und sagte: “Wir sind dankbar für deine Unterstützung. Es ist gewiss kein Fehler, einen Ortskundigen auf dieser gefährlichen Fahrt dabei zu haben. Doch seht! Die Sonne steigt auf ihren Zenit, und der Mittag ist nicht mehr fern. Wir sollten wirklich aufbrechen.”
“Dem stimme ich zu,” sagte Lóminîth. “Je rascher wir nach Arandol kommen, desto besser.”

Die Zwillinge verabschiedeten sich von ihrer Mutter, die die große Halle der Burg inzwischen verlassen hatte und etwas verloren im Burghof stand. Erneut versprachen sie Míleth, den Mörder zur Strecke zu bringen und dass sie nach ihrem Besuch in Arandol nach Nan Faerrim zurückkehren würden, um von ihren Abenteuern zu berichten. Dann setzte sich Gilvorn an die Spitze der Reisegruppe und sie preschten im hohen Tempo durch das Burgtor.
Wenige Meilen später ließen sie den großen Torbogen hinter sich, der das Ende des Herrschaftsgebiets von Haus Seren begrenzte, und wandten sich direkt nach Norden. Die Pinnath Gelin erhoben sich vor ihnen, mit ihren saftigen grünen Wiesen und sanften Hängen, die im Sonnenlicht leuchtend einen trügerischen Frieden versprachen.
Valions Gedanken waren voller Fragen. Er wusste nicht, was ihn in den nächsten Tagen erwarten würde, und er wusste nicht, ob und wie er diese Mission zum Erfolg führen sollte.
Ein rascher Blick hinüber zu seiner Schwester brachte ihn dazu, sich auf das zu konzentrieren, was ihm während seinem Aufenthalt in Umbar oft genug geholfen hatte. Damals hatten sie vor allem zu Beginn keinen wirklichen Plan gehabt, bis sie Edrahil getroffen hatten. Wir werden improvisieren, dachte er. Wir haben Umbar überlebt, und wir werden auch diese Mission überleben. Und wir werden sie nicht nur überleben, sondern auch erfolgreich zu Ende bringen. Uns bleibt gar keine andere Wahl, denn wenn wir scheitern, steht Gondors Schicksal auf Messers Schneide...


Valion, Valirë, Erchirion, Lóminîth und Gilvorn in die Pinnath Gelin
« Letzte Änderung: 19. Dez 2017, 11:50 von Fine »