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Autor Thema: Östliches Rhovanion  (Gelesen 878 mal)

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Östliches Rhovanion
« am: 19. Mär 2018, 16:57 »
Córiel, Jarbeorn und Pallando aus dem Düsterwald


Sie hatten etwas länger für die Durchquerung des Düsterwaldes gebraucht, als Córiel angenommen hatte, da sie auf überraschend viel Aktivität gestoßen waren. Es schien regen Austausch zwischen Sarumans Stützpunkt in Dol Guldur, im Süden des Waldes, und dem Nordteil Düsterwalds zu bestehen, wo laut Pallando das Hauptheer der Weißen Hand stand, unter Sarumans persönlichem Kommando. Immer wieder hatten die drei Gefährten einzelnen Orks oder Gruppen von Orks ausweichen müssen, die in beide Richtungen unterwegs waren - vermutlich um Nachrichten, Befehle und Proviant zu überbringen.
Daher waren sie erst am folgenden Tag an die Stelle gelangt, an der die Bäume sich lichteten und einer kahlen, mit alten Stümpfen übersäten Ebene wichen, die sich vor ihnen erstreckte.
„Man nennt diesen Ort die Ostbucht,“ hatte Jarbeorn erklärt, der offenbar schon einmal hier gewesen war. „Die Menschen von Rhovanion lebten einst hier und hatten ganz in der Nähe eine große Stadt errichtet. Ihr Bedarf an Bauholz war so groß, dass sie mit der Zeit eine große Schneise in den Grünwald schlugen. Und wenn ihr Reich nicht von den Wagenfahrern aus dem Osten zerschlagen worden wäre, hätten sie vermutlich eines Tages das westliche Ende des Waldes erreicht und ihn vollständig in zwei geteilt.“
„Etwas ganz Ähnliches geschah an dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin... an dem Córiel aufgewachsen ist.“ Córiel verzog das Gesicht, doch dann sprach sie rasch weiter. „Ich erinnere mich an ein dicht bewachsenes Land, gelegen zwischen sanften Hügeln und dem weiten Meer, und durchflossen von vielen schnellen Strömen. Dann kamen die Númenorer aus dem Westen und fällten die Bäume, um neue Schiffe zu bauen. Heute gibt es zwischen Rohan und Lindon nur noch einige kleinere Wälder - traurige Erben des lange verlorenen großen Grüns, das im Zweiten Zeitalter mein Zuhause war... für einige wenige, glückliche Jahre.“
„Vielleicht werden die Bäume eines Tages zurückkehren,“ sagte der Beorninger. Er war unermüdlich in dem Versuch, Córiel aufzuheitern, seitdem sie Rhosgobel verlassen hatten. Meistens gelang es ihm, jedoch nicht immer.
„Vielleicht. Ich weiß es nicht, Jarbeorn.“

Die Ostbucht verbreiterte sich mehr und mehr, je weiter sie vorankamen. Das Gebiet war leicht zu durchqueren, denn bis auf die vielen uralten Baumstümpfe gab es kaum Hindernisse auf der flachen, von niedrigem Gras bewachsenen Ebene, die sich nun vor ihnen ausbreitete, nachdem die Ostbucht in das offene Gebiet östlich davon überging. Sie hatten das Land jenseits des Düsterwaldes erreicht. Córiel war nur einmal so weit im Osten gewesen - zumindest seit ihrer Rückkehr aus dem Alten Westen, wie sie nun wusste. Damals, als die Zwerge von Durins Volk erst vor wenigen Jahren aus dem Grauen Gebirge vertrieben worden waren, war Córiel dem Fluss Carnen bis zu seiner Quelle in den Eisenbergen gefolgt. Sie hatte die Zwerge, die sich dort eine neue Heimat am Eisernen Pass errichteten, nicht behelligt und war rasch nach Westen zurückgekehrt. Das war viele Jahrhunderte vor dem Aufstieg des großen Königreichs von Gortharia gewesen, als rings um das Meer von Rhûn noch viele kleine, unabhängige Reiche bestanden hatten. Eines davon war das Land von Dorwinion, an dessen Grenzen laut Pallando das Ziel ihrer Reise lag.
Der Osten Rhovanions bot einen trostlosen Anblick. Sie kamen in ein zerrüttetes Grenzgebiet, in dem in den Jahren vor dem Ringkrieg immer wieder kleinere Gefechte zwischen den wachsamen Menschen von Thal und Kundschaftern der Ostlinge stattgefunden hatten. Zwar hatte es bis zu Saurons Angriff auf Gondor keine offizielle Kriegserklärung gegeben, und zwischen Thal und Gortharia war reger Handel getrieben worden, doch dass die Menschen vom Langen See mithilfe der Zwerge vom Erebor ihre Eigenständigkeit bewahrt hatten, war den Königen Rhûns nach der Unterwerfung der letzten Bergstämme in Gorak stets ein Dorn im Auge gewesen. Und als der Moment gekommen war, hatten sie ihre gesamte militärische Macht gegen Thal ausgesandt und hatten Berg und See nach drei Jahren der Belagerung erobert.
Dies erzählte ihnen Pallando, während sie über die vom Krieg zerrütteten Ebenen Ost-Rhovanions wanderten. Es blies ein kühler Wind aus Norden über das Flachland, der Córiels Haare zerzauste und sie frösteln ließ. Der Winter war nicht mehr fern.
Immer wieder fanden sie Anzeichen dafür, dass die Könige Thals seit dem Tod des Drachen Smaug ihre Grenzen stetig nach Süden und Osten ausgedehnt hatten. Alte, verfallene Wachposten in der Bauweise des Nordens sowie Meilensteine mit nordischen Runen darauf waren eindeutige Indizien für die einstige Gegenwart der Seemenschen, die vor allem den Fluss Celduin für ihre Expansion genutzt hatten, auf dessen schnell fließenden Wassern sie mit ihren Langbooten rasch große Distanzen zurücklegen konnten. Doch auch Reiter konnten die Ebenen Rhovanions geschwind überqueren. In den Tälern östlich von Esgaroth lebte eine ausdauernde, kräftige Pferderasse, die die Menschen von Thal kurz nach der Wiederherstellung ihres Reiches zähmten und für Botengänge einsetzten. In den wenigen Jahrzehnten bis zum Ausbruch des Ringkriegs gelang es ihnen sogar, eine kleine Reiterrei im Heer des Königs vom See zu unterhalten, auch wenn sich diese in den Schlachten gegen die speertragenden Ostlinge als nur wenig effektiv erwies.
„Ich habe viele Jahrhunderte in Rhûn und den Ländern noch weiter im Osten verbracht,“ erzählte Pallando, als sie gerade unter einem einsam inmitten der Steppe stehenden Baum rasteten. Es war Mittag, doch die Sonne war hinter dichten Wolken kaum zu erkennen. „Und ich kann euch sagen, das Reich von Gortharia ist wie eine gierige Krake, die ein Volk nach dem anderen verschluckt und sich dessen Heimat einverleibt. Aber das wird nicht ewig gut gehen. Die Menschen, die nun unter der Krone Rhûns stehen, sind zu verschieden. Allein die Sprachen westlich und östlich des Binnenmeeres unterscheiden sich so sehr, dass sich Reisende meist der Gemeinsprache bedienen müssen, um sich verständigen zu können. Und auch die Kulturen sind ganz unterschiedlich. In Gorak zum Beispiel lebt ein recht wildes Bergvolk, das uralten Gebräuchen nachgeht, während in Dervesalend, im Nordwesten Rhûns, hauptsächlich Hirten und Nomaden leben, deren Sprache und Kultur stark von den durch ihr Land ziehenden Händlern geprägt werden und daher unregelmäßigen Änderungen unterworfen sind.“
„Glaubst du, es wird zu einem Aufstand kommen?“ fragte Jarbeorn, der seine große Axt über das Knie gelegt hatte, um die Schneiden zu reinigen.
„Nach allem was ich gehört habe, brodelt es unter der Oberfläche in Gortharia, und das Verhalten des neuen Königs heizt die Temperatur nur noch mehr an. Er ist ein Tyrann, wie er im Buche steht, und dazu noch ein vom Verfolgungswahn geplagter Verrückter. Sollte sich das Volk erheben, fürchte ich, dass die Straßen von Gortharia vom Blut der Unschuldigen überfließen werden.“
„Und was können wir dagegen unternehmen?“
„Wir? Im Augenblick gar nichts. Unsere Aufgabe ist es, Vaicenya aufzuhalten. Wenn das erledigt ist, können wir vielleicht an Rhûn denken. Doch sorgt euch für heute nicht darum. Noch weilt einer der Istari im Herzen Rhûns, um die Wogen des Zornes zu glätten... zumindest hoffe ich, dass er das tut.“
„Ihr sprecht von Alatar, dem Blauen, nicht wahr?“ Córiel beobachtete den Zauberer genau, der gerade die Spitze seines Bartes betastete.
„Alatar, oder Morinehtar, so wie sein Name einst lautete. Ganz recht. Er ist die rechte Hand des Königs und sitzt im Rat der Zehn, der die Geschicke des Reiches von Gortharia lenkt. Und das seit vielen Jahrhunderten. Er ist beständiger als ich und trat daher meist an einem Ort auf, während ich die Weiten des Ostens durchstreifte. Ich agierte aus den Schatten heraus, während er offen als Berater der Könige diente und so seinen steuernden Einfluss auf das Königreich ausübte. Doch weder er noch ich konnten verhindern, dass Sauron die Menschen Rhûns für seine Kriege gewann. Und als er den Schatten aus dem Osten nach Gortharia entsandte, schwand unser Einfluss noch mehr. Nun herrscht Khamûl im Erebor, und bedroht die Länder des Nordens, und Alatar verbleibt im Herzen des Königreiches. Ich hoffe, seine Absichten zielen noch immer auf den Auftrag ab, den die Herren des Westens uns einst gaben und haben sich nicht, wie ich befürchte, mehr und mehr dorthin gewandelt, eigene Macht anzuhäufen, wie es Curunír getan hat.“

Die Strecke, die sie auf geradem Weg nach Osten zurücklegten, war weiter, als Córiel erwartet hatte. Und da sich das Land kaum zu verändern schien, hatte sie das Gefühl, kaum voran zu kommen. Eine wachsame Stille lag über dem Osten Rhovanions, als würden Pflanzen und Tiere den Atem anhalten; gespannt darauf, was als Nächstes passieren würde.
Ein Tag verging, und dann ein weiterer. Wenn Pallando ihnen nicht von seinen unzähligen Reisen erzählte, hatte Córiel Zeit zum Nachdenken. Erinnerungen an ihr früheres Leben stiegen in dieser Zeit des Schweigens in ihr auf. Anfangs hatte sie sich dagegen gewehrt, doch mit jeder Minute, die verstrich, verstand sie mehr und mehr, dass sie sich ihrer Vergangenheit stellen musste. Dass es keine Flucht davor gab. Sie überließ ihren Körper ihren Instinkten, die sie Schritt für Schritt in Jarbeorns Fußstapfen folgen ließen, und öffnete ihren Geist für das, was an der Türschwelle in ihrem Inneren pochte.
Ein Bild tauchte vor ihr auf. Zunächst sah sie nur ein Leuchten, das von intensivem Grün geprägt war, bis die Erinnerung deutlicher wurde, und sie feststellte, dass sie rittlings auf dem breiten Ast eines Baumes saß. Sie war barfuß und trug nur ein leichtes, hellblaues Gewand, und hatte ihr Haar mit zwei Blüten verziert. Vor ihr auf dem Ast ruhte eine Elbenlampe, die ein warmes Licht ausstrahlte, das sie jedoch nicht blendete. Die dichten Blätter des Waldes warfen das Licht tiefgrün zurück, und Córiel - nein, Melvendë - hörte sich auflachen.
„Gefällt sie dir?“ sagte eine Stimme. Vaicenyas Gesicht tauchte vor ihr auf. Geschickt kletterte die Tatyar-Elbin aus der Baumkrone zu Melvendë herab und setzte sich ihr gegenüber auf den Ast, sodass die Lampe zwischen ihnen stand. „Die Schmiede Finwës haben sie gemacht. Sie sagen, sie wollen noch mehr davon anfertigen, um alle möglichen Farben zu erforschen und ihnen Namen zu geben.“
„Sie ist wunderschön,“ antwortete Melvendë und strich vorsichtig über das hauchdünne Glas, das die Lichtquelle umgab. „Als wäre einer unserer geliebten Sterne zu uns herab gestiegen.“
„Und doch verblasst das Licht seiner Geschwister dort oben am Firmament nicht,“ erwiderte Vaicenya mit einem Lächeln.

Das Bild verschwamm und wich Dunkelheit. Dann setzte eine weitere Erinnerung ein.
Melvendë fuhr aus dem Schlaf hoch, als eine Hand sich auf ihren Oberarm legte. Es war Vaicenya. Sie war in die kleine Behausung in den Baumwipfeln geklettert, die sie sich teilten, und schien von irgend etwas verschreckt worden zu sein.
„Erwache, meine Liebe,“ stieß Vaicenya hervor. „Es ist hier nicht mehr sicher. Es... es ist schon wieder geschehen.“
„Was ist geschehen?“ hörte Melvendë sich fragen.
„Die Schatten sind zurückgekehrt und haben uns jene genommen, die auf der Lichtung der singenden Quellen lebten, am Nordrand des Waldes.“
„Sie... sie sind alle fort?“
„Die ganze Sippe,“ sagte Vaicenya mit erstickter Stimme. „Dies ist das dritte Mal, dass so etwas geschieht. Und von den Stämmen, die weiter im Norden und im Westen leben, hören wir, dass sie dort noch ärger bedrängt werden.“
„Das ist furchtbar. Gibt es denn gar nichts, was wir tun können?“
„Ich werde morgen mit den Schmieden sprechen. Das kann so nicht weitergehen.“
Melvendë nickte und erhob sich. „Also gut. Gehen wir.“

Diesmal löste sich die Erinnerung nicht in Dunkelheit auf. Stattdessen flackerte ein rotes Licht vor Córiels Sicht auf, das rasch alles ausfüllte.
Der Wald stand in Flammen. Melvendë hustete, als sie einen Pfeil auf die Sehne ihres Bogens legte. Vor ihr, nur wenige hundert Meter entfernt legten die Kreaturen des Schattens Feuer und brachten der bislang unberührten Natur den Tod. Sie hasste sie dafür. Die Elbin zielte, atmete aus und ließ die Pfeilspitze los. Das Geschoss schwirrte davon und schloss sich einem ganzen Hagel von Pfeilen an, die aus den Baumwipfeln südlich der Flammen hervorbrachen. Rasch sandte sie drei weitere Pfeile auf die Reise, ehe sie den Bogen beiseite legte, die schlanke Klinge neben ihr ergriff und behände vom Ast sprang. Drei Meter tiefer rollte sie sich geschickt auf dem weichen Waldboden ab und kam wieder auf die Beine.
Vaicenya tauchte neben ihr auf, gehüllt in ihre silberne Rüstung, die bereits mit dem schwarzen Blut der Kreaturen des Schattens befleckt war. Sie schien sich darin wohlzufühlen.
„Heute treiben wir sie zurück in den Abgrund, aus dem sie gekrochen sind,“ stellte Vaicenya dar. Sie war die Anführerin und Initiatorin dieses Angriffs, und sie handelte auf Geheiß Finwës, dessen Schmiede die Tatyar mit Waffen ausgestattet hatten. Und sie stürmte voran, auf die flackernden Flammen zu.
Rasch folgte Melvendë ihr, um ihren Wald zu verteidigen - und dafür zu sorgen, dass Vaicenya heil aus dem Gefecht heraus kam.

Córiel atmete tief durch, als der Eindruck schwand. Sie konnte noch nicht den Mut aufbringen, einen tieferen Blick in den See ihrer Erinnerungen zu werfen. Doch sie wusste, dass es bald dazu kommen würde. Es war unvermeidlich.

„Ah,“ sagte Pallando erfreut, als sie einige Stunden später an einer merkwürdig geformten Steinformation vorbeikamen. Auf den ersten Blick wirkte der aufrecht stehende Fels inmitten der Ebene wie eine breitschultrige Gestalt, die einen Arm nach Norden ausgestreckt hatte. „Der Steinerne Wächter,“ erklärte der Zauberer. „So nennen die Menschen vom Carnen diesen Ort. Man sagt, dass hier einst ein müder Reisender zu Stein verwandelt wurde. Eine Gnade der Götter, wie die Menschen mir erzählten, denn hier in der Nähe gibt es kaum Nahrung oder Dörfer. Er wäre elendig verhungert.“
„Dann sind wir unserem Ziel schon recht nahe gekommen, wenn du den Carnen erwähnst, nicht wahr?“ fragte Jarbeorn.
„Gut aufgepasst, mein pelziger Gefährte,“ lobte Pallando. „Es ist nun nicht mehr weit bis zur Heimstatt meiner alten Freundin. Sie wird sich freuen, mich wiederzusehen, glaube ich. Und es wird sie sehr interessieren, was ihr beiden ihr erzählen könnt.“
„Wieso das?“ fragte Córiel.
„Oh, ihr werdet es schon sehen. Ihr werdet es sehen...“
« Letzte Änderung: 4. Apr 2018, 15:02 von Fine »
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Der Jäger des Alten Westens
« Antwort #1 am: 4. Apr 2018, 17:30 »
Unweit des Steinernen Wächters stand ein kleines, kaum hundert Schritte langes Wäldchen aus alten Eichen, die bereits den Großteil ihrer Blätter verloren hatten. Pallando entschied, dass sie dort ihr Lager für die Nacht aufschlagen würden, denn die Sonne stand bereits tief am westlichen Horizont, wo das dunkelgrüne Band des Saums des Düsterwaldes selbst für Córiels Elbenaugen in der weiten Entfernung kaum noch zu sehen war.
Jarbeorn sammelte etwas von dem vielen herumliegenden trockenen Kleinholz auf, doch ehe er ein Feuer entfachen konnte, hielt Pallando ihn auf.
“Auf der Ebene wäre der Rauch meilenweit zu sehen. Und wir sind längst innerhalb der Grenzen des Reiches von Rhûn, und können es uns nicht leisten, entdeckt zu werden. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass Ostlinge hier vorbei kommen, dürfen wir die Möglichkeit dennoch nicht außer Acht lassen.”
Sie nahmen also ein trockenes, kaltes Abendbrot zu sich, was Jarbeorn unter einigen gebrummten Beschwerden schließlich hinnahm. Und während es dunkel wurde, erzählte Pallando ihnen eine Geschichte.

“Im Alten Westen war es während des Mittags von Valinor Sitte, die Vermischung der Lichter der beiden Bäume nicht einfach nur hinzunehmen, sondern dieser, unserer glücklichsten Stunde, Respekt zu zollen,” begann er. Córiel wurde aufmerksam. Bislang hatte Pallando ihnen stets nur von seinen Reisen durch die wilden Lande des Ostens erzählt. Doch nun sprach er zum ersten Mal über die Zeit vor seiner Ankunft in Mittelerde.
“Jeder Bewohner Amans tat dies auf seine eigene Art und Weise. Manche verharrten für einen Augenblick und legten ihr Werkzeug oder ihr Instrument nieder, beugten das Haupt oder hoben eine Hand in Richtung des Lichtes. Andere stimmten Lobgesänge an oder brachen in spontanen Jubel aus. Und wieder andere schlossen die Augen und opferten somit einige kostbare Augenblicke des wunderbaren Zwielichts, aus Respekt vor dem großen Geschenk, das die Herrin von allem, was wächst und lebt, dem Segensreich gemacht hatte. Ah, meine Freunde, es war jedesmal ein ganz besondere Augenblick.”
“Was meinst du damit? Was hat es mit dieser Vermischung der Lichter auf sich?” fragte Jarbeorn wissbegierig nach.
“Er spricht von Laurelin und Telperion, den Zwei Bäumen von Valimar, die vor Anbeginn des Ersten Zeitalters den Westen erleuchteten,” erklärte Córiel. Sie selbst hatte die Bäume nie gesehen - weder als Melvendë noch in ihrem Leben als Córiel - doch Córiels Großeltern hatten ihr oft davon erzählt. “Sie erstrahlten und erloschen in einem zweigeteilten Rhythmus, der sie miteinander wie in einem ewigen Tanz verflocht. Telperion erwachte eine Stunde bevor Laurelin verlosch, und einige Stunden später geschah das Gegenteil, wenn Telperion sich seinem Schlummer näherte. Zweimal am Tag gab es jeweils eine Stunde, in der beide Bäume erstrahlten - die Vermischung der Lichter, silbern und golden.”
“Ich selbst hielt zu diesen Stunden inne und kniete mich auf den warmen, mit Laub bedeckten Boden in den Wäldern der Jagd, und ließ meine Beute ziehen,” fuhr Pallando mit leiser Stimme fort. “Ich wusste, dass ich bald schon neue Spuren finden würde. In den Wäldern meines Herrn Oromë gab es stets genügend Wild für all seine Diener und Gefährten. Drang die Vermischung der Lichter durch das helle Blätterdach, wendete ich mich ihr zu und zollte ihr meinen Respekt. Ich verspürte jedesmal eine so große Dankbarkeit darüber, sie erleben zu dürfen, dass ich gar nicht anders konnte, als ihr in jenen Momenten allergrößte Wichtigkeit einzuräumen und alles andere stehen und liegen zu lassen, zumindest für einen Augenblick. Und so wäre es wohl auf ewig geblieben. Stets war es nur ein kurzer Augenblick - doch selbst ein Augenblick kann so manches Mal entscheidend sein.”
Pallandos Stimme hatte einen traurigen Klang angenommen. “Die Wälder Oromës grenzen an die Pelóri, das gewaltige Gebirge, das Aman im Osten begrenzt. Nur zwei Wege führen hindurch: der Calacircya, durch den das Licht der Bäume auf die Küste der Teleri fiel, und den Úmëaruhta, den Abgrund des Schreckens. Selbst in den Landen des Lichts gibt es Orte, die nicht sicher sind, und die bewacht werden müssen. An jenem schicksalhaften Tag war es meine Aufgabe, den westlichen Ausgang des Úmëaruhta im Auge zu behalten. Oft schon während der ungezählten Tageswechsel des Mittags von Valinor war diese Pflicht an mich gefallen, und nie war die Finsternis daraus hervorgedrungen. Doch Nachrichten verbreiteten sich nur langsam in den wilden Wäldern des Herrn der Jagd, und so kam es, dass ich noch nicht von der Begnadigung und Flucht des verfluchten Feindes der Welt erfahren hatte. Ich gab meine Wacht auf, als das Zwielicht durch das Blätterdach des Waldes drang, nur für einen kurzen Moment. Und so gelang es dem Schatten, mich zu überraschen, just in diesem schicksalhaften Moment. Selbstverstängdlich hätte ich nicht gegen ihn bestehen können, selbst wenn ich ihn kommen gesehen hätte. Doch vielleicht wäre es mir gelungen, zu fliehen und Valimar zu warnen. Viel Leid wäre abgewendet worden. Doch so wurde ich ergriffen und in ein unzerbrechliches Netz gesponnen. Weshalb sie mich am Leben ließen, der Herr der Schatten und seine gewaltige Begleiterin, kann ich nicht sagen. Sie zogen rasch nach Norden davon, um ihr größtes Verbrechen zu begehen, denn sie kamen nach Valimar und ermordeten die beiden Bäume des Lichts. Und so lernte ich die kostspielige Lektion, meine Wachsamkeit niemals ruhen zu lassen, egal aus welchem Anlass. Lasst es euch eine Lehre sein, meine Freunde.”
Sie bedrängten Pallando nicht mit Fragen zu seiner Geschichte, denn Córiel und Jarbeorn konnten deutlich sehen, wie viel es den Zauberer gekostet hatte, sie ihnen zu erzählen. Stattdessen richteten sie ihr Nachtlager ein und teilten die Wachen ein. Córiel bekam die dritte Schicht zugewiesen, von den Tiefen der Nacht bis zum Aufgang der Sonne. Und so zog sie sich zurück, während Pallando die erste Wache übernahm, und fiel rasch in einen traumähnlichen Zustand, während sie mit dem Rücken an eine der Eichen gelehnt dasaß. Erinnerungen überkamen sie erneut.

Melvendë kletterte geschickt eine steile Felswand hinauf. Über ihr, auf einem flachen Plateau, stand Vaicenya und streckte ihr die Hand entgegen. Melvendë ergriff sie und ließ sich das letzte Stück hinauf ziehen. Sie bewunderte die Stärke ihrer Gefährtin, doch noch mehr bewunderte sie den Ausblick, der sich ihr bot. Bis über die Wipfel des dichten Daches aus Baumkronen waren sie geklettert und sie konnten im Westen das blaue Band der Wasser von Cúivienen sehen, an denen sie einst erwacht waren. Die Sterne funkelten am Himmel und glitzerten auf der fernen Reflektion des Wassers.
Sie waren nicht alleine. Hinter ihnen wurden Stimmen laut. Melvendë drehte sich um und sah auf dem steinigen Pfad, der auf der Rückseite des großen Felsens, auf dem sie standen hinaufführte, drei Gestalten zu ihnen herankommen. Voran ging Istoron, ein gutmütiger Tatya-Elb aus Vaicenyas Sippe und ein weit gereister Abenteurer, der sich bereits bis in die Lande jenseits des großen Gebirges gewagt hatte, das sich am Ostende des wilden Walds erhob, in dem die Elben lebten. In der Hand hielt er eine kleine Lampe, deren blaues Licht ihm den Weg erleuchtete. Die Tatyar hatten schon einige Zeit auf seine Rückkehr gewartet. Der Felsen, den Melvendë und Vaicenya erklettert hatten, war der angesprochene Treffpunkt gewesen. Wie durch eine günstige Laune des Schicksals waren sie offenbar genau rechtzeitig zu Istorons Rückkehr dort eingetroffen.
Begleitet wurde Istoron von zwei in ungewöhnliche, aus grauem Stoff gefertigte Reisekleidung gehüllten Elben. Ein Mann und eine Frau waren es, die dem Wanderer folgten und nun zu ihm aufschlossen.
“Also bist du noch am Leben,” grüßte Vaicenya Istoron mit einem trockenen Lachen. Dann umarmte sie ihn.
“Nun, ich schätze, es wäre mir aufgefallen, wenn dem nicht so wäre,” gab Istoron schmunzelnd zurück. Er löste sich von Vaicenya, nickte Melvendë fröhlich zu und trat dann beiseite, um seine Begleiter vorzustellen. “Dies sind Cúwen und Tyelpion, von den Stämmen, die an den gewaltigen Wassern jenseits des Gebirges leben.”
Cúwen und Tyelpion verbeugten sich tief. Beide besaßen sie langes, dunkelbraunes Haar, hatten silberne Augen, und waren außerordentlich hochgewachsen. Insbesondere Cúwen war beinahe zwei Köpfe größer als Melvendë, die allerdings als klein bei ihrem Volk galt. Als die Neuankömmlinge sprachen, waren sie trotz einiger für Melvendë merkwürdig klingender Töne und Aussprachen dennoch gut zu verstehen.
“Welch eine Freude, unsere Verwandten unter den Sternen des Westens zu erblicken,” sagte Tyelpion, dessen Stimme melodisch und nachdenklich klang.
“Ich habe schon so viel von Istoron über eure Lande gehört, doch sie endlich zu sehen lässt mein Herz freudige Luftsprünge machen,” meinte Cúwen überschwänglich.
“Zügele deine Neugierde,” bremste Tyelpion sie mit einem Lachen. “Du wirst noch genügend Zeit haben, das Land der Tatyar zu erforschen.”
“In der Tat,” sagte Vaicenya. “Gerne bringen wir euch zu unseren Anführern, denn sie warten bereits begierig auf Istorons Reisebericht.”
Tyelpion und Cúwen nickten. Zu fünft machte sich die Gruppe auf den Weg ins Herz des Elbenreiches unter dem Licht der ersten Sterne.


Die Erinnerung verblasste und Córiel tauchte für einige kurze Momente aus ihrem Schlummer auf. Undeutlich sah sie die breitschultrige Gestalt Jarbeorns, der sich ihr gegenüber gesetzt hatte, um seine Wachschicht anzutreten. Von Pallando war nichts zu sehen. Córiel schloss die Augen und driftete wieder davon.

”Cúwen?”
Melvendë umrundete den Stamm des breiten Baumes, hinter dem sie die Elbin vermutete. Und tatsächlich fand sie dort diejenige, die sie gesucht hatte. Cúwen saß zusammengekauert auf dem Boden und hatte die Arme fest um ihre Knie geschlungen, die sie gegen ihren Oberkörper presste.
“Lass mich in Frieden. Verschwinde.”
Ihre Stimme klang schneidend und abweisend. Sie hatte kaum noch etwas mit der neugierigen und kontaktfreudigen Person zu tun, die Melvendë einst kennengelernt hatte.
“Ich... wollte dir nur etwas sagen,” begann sie vorsichtig.
“Nein. Ich möchte nichts hören.” Cúwen starrte zu Boden, versunken und verloren in ihrer Trauer. Auch wenn Melvendë sie gut verstehen konnte, musste sie dennoch versuchen, zu Cúwen durchzudringen. Es war wichtig.
“Sie haben im Norden eine Spur von Tyelpion entdeckt,” sagte sie schlicht und geradeheraus.
Das genügte, um Cùwen aus ihrer Starre zu reißen. Sie sprang auf und packte Melvendë an den Schultern. “Wo?” stieß sie hervor.
“Nahe der Singenden Quellen. Man vermutet, dass der dortige Überfall mit dem Angriff auf die Kristallbucht zu tun hatte, bei dem.... bei dem Tyelpion verschwand.”
“Und was werden die Tatyar nun tun?” Cúwen sprach fordernd, geradezu aggressiv und in ihren silbernen Augen loderte ein bedrohliches Feuer.
“Die Schmiede fertigen Waffen an, auf Geheiß Finwës.”
“Endlich nehmen sie Vernunft an. Endlich setzen wir uns zur Wehr gegen die Schatten.”
Cúwen hatte erst vor Kurzem gemeinsam mit Tyelpion erneut das Reich der Tatyar bereist und dabei ihren langjährigen Gefährten an die Schatten verloren. Melvendë machte sich Vorwürfe, weil sie Cúwen zuvor einen Brief geschrieben hatte und sie gebeten hatte, sie bei Cúivienen zu besuchen. Indirekt war sie Schuld daran, was mit Tyelpion geschehen war.
“Der Meinung bin ich ebenfalls,” ertönte Vaicenyas Stimme. Als Melvendë sie erblickte, weiteten sich ihre Augen vor Erstaunen. Vaicenya trug eine im Sternenlicht silbern schimmernde Kleidung, wie Melvendë sie noch nie gesehen hatte. Fasziniert strich sie mit dem Finger darüber und stellte fest, dass die Kleidung ganz aus Metall zu bestehen schien und außerordentlich hart war - härter als es Leder je sein könnte. Darunter trug Vaicenya einen Rock aus eisernen Ringen, und auch ihre Arme waren von ähnlicher Art bekleidet. Ihr Kopf war durch einen silbernen Helm geschützt und in jeder Hand hielt sie etwas, das wie ein übergroßes Messer aussah.
“Dies sind Schwerter,” sagte Vaicenya stolz und hielt die langen Klingen empor. “Sie werden jeden Schatten durchdringen und Tod und Rache ernten.”
Begeisterung stieg in Melvendë auf, und sie konnte sehen, dass es Cúwen ähnlich ging. Endlich würden sie sich gegen die Schatten wehren und etwas unternehmen. Endlich würde der Schrecken ein Ende nehmen.
Melvendë begegnete Vaicenyas Blick. “Wo bekomme ich ein... Schwert?”


Córiel schrak hoch, als Jarbeorn sie sanft anstupste. Die Erinnerung war noch nicht vorbei gewesen, weshalb sie einen Augenblick benötigte, um sich zu orientieren. Ringsum sie herum standen die alten Eichen des Wäldchens im Ostteil Rhovanions, umgeben von den Schatten der Nacht. Córiel atmete tief durch. Sie wusste wieder, wo sie war.
“Leise, Stikke,” wisperte Jarbeorn. “Eldsten... ich meine Pallando hat im Süden mehrere Lichter entdeckt. Er glaubt, sie stammen von Fackeln.”
Pallando tauchte neben dem Beorninger auf. “Ich glaube es nicht nur, ich bin mir inzwischen sicher. Es ist eine Patrouille. Unser Glück scheint aufgebraucht zu sein, denn es besteht kein Zweifel mehr, dass sie hier her kommen.”
“Sie sind schon zu nahe für eine Flucht,” sagte Jarbeorn. “Sie würden uns sofort sehen, wenn wir den Wald verlassen.”
“Dann verstecken wir uns. Die Baumkronen sollten genügend Platz bieten.” Córiel stand auf und tastete vorsichtig den Baum ab, an den sie sich gelehnt hatte.
“Nein, dafür tragen sie zu wenige Blätter,” widersprach der Beorninger.
“Steigt hinauf, Freunde,” meinte Pallando. “Lasst den Rest meine Sorge sein.”
Rasch kletterte Córiel den breiten Stamm hinauf, gefolgt von Jarbeorn. Pallando hingegen ließ sich an ihrem Nachtlager nieder und zog die Kapuze seines dunkelblauen Umhangs über seinen Kopf. Vorsichtig tastete der Zauberer nach seinem Stab, während das Licht der Fackeln immer näher kam und bereits den Rand des Wäldchens erreicht hatte. Für den Bruchteil eines Moments glitzerte die Spitze des Stabes auf, und ein kaum spürbarer Windstoß zerzauste Córiels Haare. Sie stand bewegungslos auf einem der obersten Äste, während Jarbeorn unter ihr in der Baumkrone saß. Pallando hatte einen Zauber gewirkt, da war sie sich sicher, doch was er genau getan hatte, konnte sie nicht sagen.
Das Licht der Fackeln erreichte das Lager der drei Gefährten. Inzwischen konnten sie sehen, dass es sich bei den Fackelträgern um Ostling-Soldaten in golden schimmernder Rüstung handelte. Córiel schätzte sie auf etwas mehr als ein Dutzend.
“Der Späher hat Recht gehabt,” sagte einer der Soldaten. “Hier ist tatsächlich jemand.”
“Nur ein alter Gevatter, der das Wäldchen für die Nacht bezogen hat,” sagte ein anderer. Dann trat er zu Pallando und sprach den Zauberer direkt an. “Grüß Euch, bärtiger Geselle! Was tut Ihr hier, ganz alleine inmitten dieser Ödnis?”
Pallando erwiderte den Gruß und sagte zwei Worte in einer Sprache, die Córiel und Jarbeorn nicht verstanden. Es musste sich um eine der Sprachen des Ostens handeln und schien eine bekannte Grußformel zu sein. “Die Grüße erwidere ich,” fuhr Pallando fort, ohne sich zu erheben. “Kann ein alter Mann nicht mehr in Frieden durch diese leeren Lande reisen? Sagt, warum stört ihr meine verdiente Ruhe?”
“Es sind gefahrvolle Zeiten, Gevatter,” sagte der zweite Ostling, der nun ebenfalls herangekommen war. Der Rest der Soldaten hielt noch etwas Abstand, nur die beiden Anführer der Patrouille sprachen direkt mit Pallando. “Dieses Gebiet steht noch nicht lange unter der glorreichen Herrschaft Gortharias. Immer wieder gibt es hier in der Gegend Angriffe auf unsere Soldaten. Wir müssen wachsam bleiben. Daher sind wir den Spuren, die wir gestern fanden, bis hierher gefolgt.”
“Nun, ihr habt denjenigen gefunden, dessen Spuren ihr folgtet,” erwiderte Pallando. “Habe ich etwa ein Verbrechen begangen, indem ich die weite Ebene überquert habe?”
“Nein, gewiss nicht,” sagte der erste Ostling. “Doch es herrscht Krieg. Und der Feind im Norden schläft nicht. Wir haben gehört, dass der Herr der Weißen Hand listenreich ist, und seine Spione überall sein könnten.”
“Ihr haltet mich doch wohl nicht für einen Spion?”
Die Ostlinge blickten einander an, dann sagte der Zweite: “Wohl kaum. Ein einzelner, alter Mann ist keine Bedrohung.”
Pallando entspannte sich und lächelte zufrieden.
“Doch wir fanden die Spuren dreier, nicht die eines Einzelnen,” fügte der erste Ostling hinzu.
“Wo sind die anderen beiden?”
“Ich weiß nicht, wovon ihr sprecht,” sagte Pallando. “Ich bin alleine unterwegs.”
“Er lügt,” sagte der zweite Ostling. “Durchsucht das Wäldchen!”
Die Soldaten schwärmten aus und entzündeten zusätzliche Fackeln. Sie waren gründlich und überprüften jeden Busch und jeden Baum. Und so kamen sie schließlich auch zu dem Baum, in dem Córiel und Jarbeorn saßen. Ein Ostling-Bogenschütze leuchtete mit seiner Fackel in die Baumkrone hinauf. Er blickte Córiel genau ins Auge und sie hätte beinahe laut aufgekeucht.
Doch wie durch ein Wunder schlug der Bogenschütze nicht Alarm sondern wandte sich ab, als hätte er den Baum leer vorgefunden.
“Hier ist niemand, Kommandant,” berichteten die Soldaten schließlich ihren Anführern.
“Aber die Spuren deuteten auf drei hin...”
“Womöglich haben wir sie falsch gedeutet. Vielleicht ist der Alte so sehr geschlurft, dass es so aussah, als wären mehrere Reisende an seiner Stelle gegangen...”
“Es war ein weiter Weg bis hierhin. Meine Füße schmerzen noch immer, und ich fürchte, meine besten Jahre liegen hinter mir,” warf Pallando ein.
Der zweite Ostling warf ihm einen misstrauischen Blick zu, dann schnaubte er und gab schließlich den Befehl zum Weiterziehen. Die Soldaten nahmen Marschformation ein und zogen in nordwestlicher Richtung davon.

Erst als die Fackeln am Horizont nicht mehr zu sehen waren, verließen Córiel und Jarbeorn die Baumkrone.
“Warum haben sie uns nicht entdeckt?” wollte der Beorninger wissen. “Einer von ihnen war mir so nahe, dass ich schon dachte, er kann meinen Atem spüren.”
“Meine lieben Freunde,” erwiderte Pallando gut gelaunt. “Ihr habt wohl vergessen, dass ihr mit einem echten Zauberer unterwegs seid. Ich habe schon vor Zeitaltern gelernt, mich vor den Augen meiner Beute zu verbergen. Und es funktioniert natürlich auch anders herum, wenn ich selbst zur Beute zu werden drohte. Doch nun sollten wir keinerlei Zeit mehr verlieren und rasch aufbrechen. Es ist nicht mehr weit, aber dennoch fürchte ich, dass unsere Gelegenheit bald verstreichen wird. Es werden mehr Soldaten kommen und sie werden gründlicher sein. Wir müssen Taur-en-Elenath binnen weniger Tage erreichen, oder der Weg wird versperrt sein. Auf mit euch! Der Endspurt steht uns bevor!
In aller Eile packten sie ihre Sachen und zogen los, angeführt von Pallando, der nun ein äußerst scharfes Marschtempo anschlug. Sie verließen das Wäldchen und hasteten direkt nach Osten, über die offenen Ebenen hinweg.


Córiel, Jarbeorn und Pallando nach Taur-en-Elenath
« Letzte Änderung: 19. Apr 2018, 11:56 von Fine »
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