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Autor Thema: Anórien  (Gelesen 108 mal)

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Anórien
« am: 28. Mai 2018, 15:05 »
Faramir, Valion, Rinheryn und Elfmar mit den Reitern von Rohan von Aldburg


Das Reiterheer, bestehend aus fünf Abteilungen, die éoreds genannt wurden, war im Schutze der Dunkelheit durch die Ostfold entlang der Straße nach Minas Tirith geritten und hatte nach mehreren Stunden schließlich die bewachte östliche Grenze Rohans erreicht. Die éored, mit der Valion und Rinya ritten, war ungefähr einhundertfünfzig Reiter stark, ähnlich wie die anderen vier Kompanien. Angeführt wurde sie von Elfmar, dem Marschall der Ostmark, einem langhaarigen, blonden Krieger in Valions Alter, dessen Bart kunstvoll geflochten war. Elfmar war ein Mann nach Valions Geschmack. Als die beiden Gondorer sich neben ihm eingereiht hatte, hatte er sie aufmerksam gemustert, dann genickt und nur gesagt: „Ihr seht aus, als könntet ihr auf euch aufpassen. Seht zu, dass ihr nicht sterbt, und tötet ein paar Orks für mich. Ihr werdet schon sehen, es ist gar nicht so schwer.“
Daraufhin hatten sie gelacht und ihm versprochen, jeder mindestens ein Dutzend Orks zu erlegen, um sich Elfmars Respekt zu verdienen. Der junge Marschall schien wenig auf Titel und Ämter zu geben. Ihm war es wichtiger, sich auf die Reiter unter seinem Kommando verlassen zu können.

Jenseits des Mering-Stromes, der Anórien von der Ostfold trennte, ließ Faramir seine Streitmacht anhalten und schickte einige berittene Späher voraus. Sie rasteten eine Stunde lang in der Finsternis. Einige der Männer nutzten die Rast für ein Nickerchen unter den dichten Bäumen des Firienwaldes, der südlich der Straße wuchs. Andere kümmerten sich um allerletzte Schlachtvorbereitungen und prüften den Sitz ihrer Sättel oder schärften die Klingen ihrer Waffen.
Rinheryn hingegen saß auf dem Rücken ihres Rosses, still und schweigsam, und starrte aufmerksam nach Osten, als würde sie auf etwas warten. Als Valion neben das Pferd trat und dem Tier gedankenverloren über den Hals strich, hörte er Duinhirs Tochter leise und tief ausatmen.
„Ich liebe diese schönen ruhigen Momente, kurz bevor der Sturm losbricht,“ sagte sie, ohne sich zu ihm umzudrehen. „Ich fühle mich immer so, als würde ich in diesen Augenblicken viel mehr wahrnehmen als sonst. Hörst du dein Herz in deiner Brust schlagen und das Blut durch deine Venen passieren? Siehst du das fahle Licht, das sich im fernen Osten am Himmelsrand andeutet? Riechst du den würzigen Geruch der alten Bäume jenseits der Straße, und spürst du die Anspannung, die von den Reitern ausgeht? Ich nehme sie alle wahr, und ich liebe es.“
„Jetzt werd‘ bloß nicht sentimental,“ meinte Valion schmunzelnd. „Sonst muss ich meine Meinung über dich doch noch ändern.“
„Was denn für eine Meinung?“ fragte sie neugierig nach.
„Ich dachte, du bist hart im Nehmen und sagst immer das, was du denkst. Direkt und vielleicht ein bisschen frech, aber das gefällt mir. Oder täusche ich mich da?“
„Ich zeige dir gleich, wie hart im Nehmen ich bin,“ hielt sie dagegen. „Die Schlacht ist nicht mehr fern. Bleib einfach in meiner Nähe, dann kannst du dir ein Bild davon machen, wie ich an meinen rohirrischen Namen gekommen bin.“
„Na, da bin ich mal gespannt,“ sagte Valion.

In diesem Moment kehrten die Späher zurück, und nur wenige Minuten später kam der Befehl zum Aufbruch. Das Reiterheer setzte sich wieder in Bewegung und nahm Formation an. Sie ließen die Straße hinter sich und bogen nach Nordwesten ab, auf die flachen, sanft in Richtung der Mündung der Entwässerung abfallenden Ebenen Anóriens. Das Land lag still und verlassen vor ihnen. Die meisten seiner Bewohner waren bereits vor dem Fall von Minas Tirith nach Rohan geflohen.
Faramirs éored ritt an der Spitze, flankiert von jeweils zwei weiteren Abteilungen, sodass das Heer nun eine breite Angriffslinie bildete. Elfmars éored war am linken Rand der Formation positioniert. Und als sie über einen flachen Hügel hinweg preschten, sahen sie ihr Ziel vor sich. Fackeln in der Finsternis, die von drei Seiten auf eine in schwaches, bläuliches Licht getauchte befestigte Stellung einrannten. Dort flatterte das rotsilberne Banner von Imladris im fahlen Sternenlicht, und die Elben unter dem Kommando ihres Anführers Calachír hielten verzweifelt die Stellung gegen eine vierfache Übermacht. Zusätzliche Streitkräfte waren aus Mordor herangezogen worden, wie Valion später erfuhr, um die vollständige Vernichtung der Elben zu gewährleisten. Und hier, in der ungeschützten Ebene, hatten die Orks ihre Beute eingekreist.
Kriegshörner wurden geblasen, und die Pferde zum Galopp angetrieben. Speere und Lanzen senkten sich zum Sturmangriff herab und Valion wünschte sich, ebenfalls eine Waffe mit größerer Reichweite erhalten zu haben. So blieb ihm nichts anderes übrig, als es Rinya gleichzutun und sein Schwert zu ziehen, als sie schon beinahe die Stellung der Elben erreicht hatten. Die Rohirrim teilten sich auf, um die Position ihrer Verbündeten an beiden Seiten zu umrunden und die Umzingelung zu brechen. Mit lautem Getöse krachten die vorderen Reihen auf die überraschten Orks südlich und nördlich der Elben.
Valions Pferd schleuderte einen Ork-Bogenschützen brutal beiseite und trampelte einen unglücklichen Krieger Mordors nieder, ehe er es zum Stehen brachte. Der Schwung des ersten Angriffes war zum Erliegen gekommen, und Valion kämpfte sowieso lieber zu Fuß. Er sprang aus dem Sattel und landete inmitten von Feinden, die sogleich auf ihn eindrangen. Also ließ er sich fallen und zog sein zweites Schwert. Nach den Füßen der Orks stechend musste er nur wenige Augenblicke warten, bis seine Feinde von heranstürmenden Reitern beiseite gefegt worden waren und er wieder auf die Beine springen konnte.

Doch mehr Orks als erwartet waren nach Anórien gekommen. Zwar war die Umkreisung der Elben verhindert worden, und Faramir gelang es, sich mit Kommandant Calachír zu treffen, doch noch immer hielten die Orks im Osten stand, wo das Gelände unwegsamer wurde und den Angriff der Rohirrim zum Stehen gebracht hatte. Beide Streitkräfte waren nun ungefähr gleich groß. Da der Morgen noch ungefähr zwei Stunden entfernt war, besaßen die Orks den Vorteil der besseren Nachtsicht; darüber hinaus kämpften die Diener Mordors für gewöhnlich nur ungern unter der Sonne, die noch lange nicht aufgegangen war. Es gab noch viele Kämpfe für Valion und Rinheryn zu bestreiten, die inzwischen Rücken an Rücken an der südlichen Front der Schlacht fochten. Beide hatten sie leichte Stichverletzungen erlitten, doch ihr Mut war ungebrochen. Die Stormhére führte ihren runden Schild wie eine zweite Waffe, die sie ihren Feinden ins Gesicht rammte und sie dann mit einem Schwerthieb erledigte. Dabei blieb sie ständig in Bewegung und wirbelte von einem Ork zum Nächsten, sodass Valion mitunter Schwierigkeiten hatte, ihr zu folgen. Während die Schlacht eine Stunde lang hin und her wogte, spürte er mehr und mehr die Strapazen der letzten Tage. Seit seinem Aufbruch aus Nan Faerrim hatte es keine wirkliche Pause für Valion gegeben. Aus Maerost waren sie in aller Eile aufgebrochen, und Valions Ritt auf Gilvorns Spuren war ebenfalls von Hastigkeit geprägt gewesen. Er ließ sich ein wenig zurückfallen, als sie den Elben gelang, eine Lücke in die Schlachtreihe der Orks wenige Meter nördlich von Valions Position zu schlagen. Die silbern glänzenden Rüstungen der Krieger von Imladris waren an vielen Stellen vom schwarzen Blut ihrer Feinde verunstaltet, doch noch immer wehte ihr Banner standhaft über den Reihen der Elben, die zwar einige Verluste erlitten hatten, ihre Feinde jedoch teuer für jede Verletzung hatten bezahlen lassen.
Nach einer kurzen Verschnaufpause kehrte Valion ins Gefecht zurück Dort fand er Rinheryn vor, die noch keinerlei Anzeichen von Ermüdung zeigte. Aus einem Schnitt, der quer über ihre Stirn lief, tropfte etwas Blut, und ihr Schild wies mehrere tiefe Kerben auf, doch der Kampfgeist von Duinhirs Tochter schien ungebrochen zu sein. Valion sprang vorwärts und köpfte einen Ork, der sich von hinten an Rinya herangeschlichen hatte. Sie nickte ihm aufmunternd zu und begann dann erneut ihr blutiges Werk. Während Valion sich ihr wieder anschloss, fragte er sich, ob die Sonne, die in ungefähr einer Stunde aufgehen würde, über ihrem Sieg oder ihrer Niederlage scheinen würde...

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Durch das Dickicht
« Antwort #1 am: 28. Jun 2018, 19:25 »
Noch ehe die letzte Stunde der Dunkelheit verstrichen war, kam Nachricht aus den hinteren Reihen, dass der Feind Verstärkung aus Osten erhalte. Verunsicherung machte sich unter den Rohirrim breit. Valion, der noch immer Rücken an Rücken mit Duinhirs Tochter kämpfte, spürte, dass dies ein entscheidender Moment war. Der Ritt Faramirs und seiner Reiter von Rohan war zur Rettung der Elbenstreitmacht geführt worden, und dieses Ziel hatten sie erreicht. Doch wenn sie diese Schlacht nicht nur überlebten, sondern den Feind schlagen konnten, wäre der erste Schritt zur Rückeroberung des von Mordor besetzten Anóriens getan, und Saurons nördliche Flanke wäre bedroht. Dies würde womöglich dazu führen, dass der Druck auf die Grenze bei Linhir nachließ...
Ehe Valion sich noch weiter darüber Gedanken machen konnte, trug man den Befehl zum geordneten Rückzug an die Einheit heran, bei der der Gondorer sich gerade aufhielt. Faramir hatte beschlossen, das Risiko nicht länger einzugehen.  Die Rohirrim und die Hochelben würden sich durch die Lücke zwischen den beiden Hügeln im Westen zurückziehen und dabei feindliche Vorstöße zurückschlagen. Der Sonnenaufgang zeichnete sich bereits am Firmament im Osten ab und das aufsteigende Licht würde dafür sorgen, dass die Orks einen Teil ihres Kampfeswillens verlieren würden.
RInya packte Valion am Arm. „Wir können nicht mit ihnen gehen,“ stieß sie hervor, während schwarzes Orkblut von ihrem Schwert auf den von vielen Füßen zertrampelten Erdboden tropfte. „Wir haben eine Aufgabe, schon vergessen?“
Valion nickte. Sie hatte natürlich recht. Der Ausgang der Schlacht hatte nichts daran geändert, dass der Verräter Gilvorn noch immer auf freiem Fuß war und weiteres Unheil stiften konnte. Also bedeutete er der Stormhére, ihm zu folgen, und begab sich an die Stelle, wo er den rohirrischen Marschall Elfmar zuletzt gesehen hatte. Im Südosten der Front waren die Kämpfe teilweise zum Erliegen gekommen, da das flache Gelände hier in einer steilen Böschung endete, die von dichtem Gestrüpp bewachsen war. Elfmar, der noch immer beritten war, befehligte bereits den geordneten Rückzug und sorgte dafür, dass so viele Reiter wie möglich zurück in ihre Sättel steigen konnten.
„Elfmar!“ rief Valion dem Marschall zu, als er nur noch wenige Meter entfernt war.
„Was gibt es? Ist dir die Lust auf‘s Kämpfen vergangen?“
Rinya schüttelte heftig den Kopf. „Davon können wir beide nie genug bekommen.“
„Stormhére? Ich hätte dich inmitten der heftigsten Kämpfe erwartet, aber nicht hier,“ meinte Elfmar etwas verwundert.
„Du weißt doch, weshalb wir mit euch geritten sind,“ erklärte Valion. „Unser Ziel ist nicht mehr in Rohan, sondern ist unterwegs nach Osten. Ich muss ihm folgen.“
„Und ich ebenfalls,“ stellte Rinheryn klar.
Elfmar zögerte einen kurzen Augenblick, dann nickte er. „Also gut. Dann geht, und seht zu, dass ihr den Bastard diesmal auch wirklich erwischt. Zu zweit sollte es euch gelingen, zwischen den Büschen hindurch und durch die feindlichen Linien zu schlüpfen.“
„Wollen wir es hoffen. Auf bald, Elfmar,“ sagte Valion zum Abschied.
Elfmar hob die Hand zum Abschiedsgruß, dann wendete er sein Ross und trabte davon, geradezu beiläufig einen Ork mit seinem langen Speer aufspießend.

Da sich die gesamte Streitmacht der Freien Völker in Bewegung befand, richtete sich die Aufmerksamkeit der Orks mehr auf die sich zurückziehenden Reihen der Elben und Rohirrim als auf zwei einzelne Menschen, die sich mühsam bergauf durch die von Dornen besetzten Büsche nach Südosten kämpften. Zweimal entdeckte sie ein herumirrender Ork, und jedesmal war Rinyas Klinge schnell genug, um die Kreaturen zum Schweigen zu bringen, ehe der Rest von Mordors Heer auf sie aufmerksam werden konnte. Als sie schließlich zerstochen und zerkratzt das Gestrüpp hinter sich gelassen hatten, bot sich ihnen von der Spitze des bewaldeten Hügels ein hoffnungsvoller Anblick. Den Elben und Rohirrim unter dem Befehl Faramirs schien es gut gelungen zu sein, sich aus dem Kampfgeschehen zu lösen und den Rückzug nach Westen, zur Grenze Rohans anzutreten. Dennoch konnte sich Valion nicht wirklich darüber freuen. Dies war noch immer eine Niederlage im Kampf gegen Mordor, und auch wenn die Verluste aufseiten der Orks vermutlich höher waren, würde dieser Ausgang der Kämpfe nicht dafür sorgen, dass der Druck auf die Grenze Gondors bei Linhir nachließ. Valion hoffte, dass das Heer Dol Amroths den Angriffen, die zweifellos kommen würden, standhalten würde. Er fragte sich, ob Hilgorn bereits in Linhir das Kommando übernommen hatte, und ob der General die Verteidigung aufrecht erhalten konnte...

Sie eilten weiter nach Südosten, auf die im Licht der aufgehenden Sonne rötlich schimmernden Gipfel des Weißen Gebirges zu, das sich jenseits der Ebenen von Anórien vor ihnen erhob. Beide Menschen waren erschöpft und mehr als müde, doch es galt, so viel Abstand zwischen sie und das Heer Mordors zu bringen, wie nur irgend möglich war.
Am späten Vormittag knickte Rinya schließlich auf ein Knie ein. „Ich kann nicht mehr weiter, Valion,“ stieß sie angestrengt hervor. „Diese verdammte Verletzung aus dem Hargtal... ich spüre sie erneut. Es tut mir Leid, aber... für mich geht es heute nicht weiter.“
Valion nahm ihren linken Arm und legte ihn sich um die Schulter. „Komm schon, Rinya. Noch ein kleines bisschen. Siehst du das Wäldchen da drüben?“ Er deutete nach Süden, wo das Land begonnen hatte, zu den ersten Ausläufern des Gebirges hin anzusteigen. Das gesamte Gebiet war leicht bewaldet, doch direkt vor ihnen lag eine Ansammlung von dichter stehenden Bäumen. Soweit Valion erkennen konnte, handelte es sich dabei zum Großteil um Eichen, mit vereinzelten Tannen dazwischen. „Dort werden wir vor unfreundlichen Blicken besser geschützt sein als hier mitten im Freien.“
Duinhirs Tochter biss die Zähne zusammen und mühte sich vorwärts. Sie war zu erschöpft, um etwas zu sagen. Mit Valions Hilfe schleppte sie sich bis unter die vordersten Baumkronen, wo sie im weichen Laub des Spätherbstes zusammenbrach und keuchend liegenblieb.
„Bist du verletzt“? fragte Valion besorgt.
„Nein, es geht schon. Nichts was etwas Schlaf nicht wieder in Ordnung bringen würde.“
Und endlich erlaubte Valion es sich selbst, seine Anspannung und Wachsamkeit aufzugeben. Entkräftet sank er neben Rinya auf den weichen Waldboden. Die Strapazen der Nacht und die Schlacht hatten ihm alle Kraftreserven abverlangt.
Für einen kurzen Augenblick schloss der die Augen und stellte sich vor, zurück in Dol Amroth zu sein und einen entspannten, sorgenfreien Nachmittag mit Lóminîth zu verbringen. Er sah sie vor sich stehen, auf einem der Balkone des Prinzenpalastes, von dem sich ein atemberaubender Ausblick über das Meer bot. Lóminîth lachte über etwas, das Valion nicht hören konnte, und ihr strahlendes Lächeln war schöner als alles, was er sich in diesem Augenblick vorstellen konnte...

Rinya zog scharf die Luft durch ihre Zähne ein, und Valion schlug die Augen auf. Er brauchte einen Augenblick, um sich zu orientieren. Die Sonne stand hoch am Himmel und ihr Licht sickerte träge zwischen den Baumkronen hindurch. Es war Mittag, oder sogar noch später. Valion musste eingeschlafen sein, ohne es recht mitbekommen zu haben. Er verfluchte sich für seine Unachtsamkeit und blickte sich hastig um. Und musste feststellen, dass sie nicht mehr alleine in dem kleinen Wäldchen waren...
Am Waldrand waren zwei Gestalten aufgetaucht. Es waren Menschen, ein Mann und eine Frau. Die Frau hielt sich im Hintergrund, ein gezogenes Schwert in der Hand, während der Mann bedrohlich näher kam. Er war in grün und in Grautöne gekleidet und trug einen langen Umhang mit Kapuze. Bewaffnet war er mit einem Langschwert und einem Bogen, den er schussbereit hielt. Auf die Sehne hatte er einen Pfeil gelegt, dessen Spitze genau auf Valions Gesicht zielte.
Valion versuchte sich vorsichtig aufzurichten. Er stieß sich in eine sitzende Position hoch und hob die leeren Hände, damit die Situation nicht außer Kontrolle geriet. Rinya hätte vermutlich nach ihrem Schwert gegriffen, doch sie schien noch nicht wieder in der Lage zu sein, aus eigener Kraft aufzuspringen. Sie keuchte und mühte sich ab, doch es hatte keinen Zweck. Schon war die Frau, die feste Reisekleidung aus Leder mit hohen hellbraunen Stiefeln trug, bei ihr, und setzte ihr das Schwert an die Kehle.
Ihr Begleiter stand nun direkt vor Valion, den Bogen noch immer gespannt.
„Wer seid Ihr, und was tut Ihr hier?“ fragte er misstrauisch.
„Dasselbe könnte ich Euch fragen,“ erwiderte Valion vorsichtig. „Wir sind nicht mehr als zwei einfache Wanderer, die dieses Wäldchen für eine wohlverdiente Pause ausgewählt haben.“
„Wie einfache Wanderer seht ihr nicht aus,“ meinte der Fremde. „Ihr seid bewaffnet nach der Art Gondors und wirkt, als kämt ihr direkt aus dem Gefecht. Sprecht - habt ihr an den Kämpfen teilgenommen, die meine Schwester und ich gestern Nacht von Ferne beobachteten?“
Valion war nicht bereit, so einfach alles preiszugeben, solange er nichts über die Neuankömmlinge wusste. Gab er zu, dass Rinya und er zu Gondor gehörten, und erwiese sich der Fremde als Diener Mordors, war sich Valion sicher, dass der Mann nicht zögern würde, sie beide zu töten.
„Ich wüsste nicht, was Euch das angeht. So wie es sich anhört, habt Ihr die Schlacht, von der Ihr sprecht, nur beobachtet, anstatt einzugreifen.“
„Ich habe wichtigere Angelegenheiten, um die ich mich kümmern muss,“ erwiderte der Fremde.
„Bruder,“ mischte sich die Frau ein. „Wir haben keine Zeit dafür. Triff eine Entscheidung! Bleiben sie am Leben, oder gehen wir auf Nummer sicher?“
Da wusste Valion, dass er das Risiko eingehen musste, wenn er sich und Rinheryn retten wollte. „Wenn Ihr auf Gondors Seite steht, tätet Ihr gut daran, uns in Frieden zu lassen,“ sagte er daher. „Dies ist Rinheryn, Tochter des Duinhir vom Schwarzgrundtal. Und ich bin Valion, Herr des Ethir Anduin. Wir sind in wichtiger Mission in Anórien unterwegs.“
Mehrere Sekunden verstrichen, ohne dass eine Reaktion erfolgte. „Bruder,“ drängte die Frau erneut, und dann endlich ließ der Fremde den Bogen sinken.
„Auch wir stammen aus Gondor,“ sagte er und half Valion auf die Beine. „Unser Weg führt meine Schwester und mich zur Weißen Stadt, wo wir eine Familienangelegenheit zu klären haben. Mein Name ist Ardóneth, Sohn des Argóleth.“
„Und ich bin Areneth von Haus Maratar... seine Schwester.“ Die Art und Weise, wie Areneth das Wort Schwester aussprach, ließ Valion für einen Augenblick verwundert drein blicken. Es klang beinahe so, als wären die Geschwister noch nicht sehr lange miteinander vertraut. Vielleicht wurde sie vor Kurzem adoptiert, und es ist noch ganz neu für sie, einen Bruder zu haben, dachte er.
„Wir haben in der Schlacht mitgekämpft, doch in Wahrheit jagen wir einen Verräter, der für große Probleme in Gondor gesorgt hat. Er war von Anórien aus nach Osten unterwegs,“ erklärte Rinheryn, die langsam wieder etwas zu Atem kam.
„Nach Osten?“ überlegte Areneth. „Es mag sein, dass auch Euer Weg Euch nach Minas Tirith führen wird. Mein Bruder und ich fingen gestern Nacht einen orkischen Boten ab, der einen Brief für den Kommandant Mordors in Minas Tirith mit sich trug. Darin war von einem gewissen Gilvorn die Rede, der ein Treffen mit besagtem Kommandanten erbat.“
„Gilvorn!“ riefen Valion und Rinya gleichzeitig aus.
„Er ist derjenige, den wir jagen,“ fügte Valion rasch hinzu. „Also ist er auf dem Weg nach Minas Tirith...“
„Dann werden wir ihn dort einholen,“ sagte Rinheryn entschlossen.
„In Eurem jetzigen Zustand wird Euch das wohl kaum gelingen,“ überlegte Ardóneth, der seinen Bogen inzwischen auf seinen Rücken gehängt hatte. „Ihr werdet noch ein paar Stunden Erholung benötigen. Lasst mich Euch daher einen Vorschlag machen. Legt Euch zur Ruhe, während meine Schwester über Euch wacht. Derweil werde ich ausreiten, und nach versprengten Pferden der Rohirrim Ausschau halten. Selbst eines wäre schon genug, um uns alle vier schnell nach Minas Tirith zu tragen, denn Areneth und ich brachen mit drei Pferden aus Imladris auf.“
„Wir wären Euch zu großem Dank verpflichtet,“ erwiderte Rinheryn.
„Es genügt uns, wenn Ihr uns nach der Ankunft in der Weißen Stadt dabei unterstützt, ungesehen in Elternhaus zu gelangen,“ sagte Ardóneth. „Dort befindet sich ein für uns außerordentlich wichtiger Gegenstand, den wir um jeden Preis in Sicherheit bringen müssen.“
Valion reichte Ardóneth die Hand und sie schlugen ein. „So sei es, mein Freund. Wir helfen euch, und ihr helft uns.“
Ardóneth nickte zufrieden. „So sei es.“

Melkor.

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Re: Anórien
« Antwort #2 am: 13. Jul 2018, 19:18 »
Nachdem sich Ardóneth noch kurz mit seiner Schwester abgesprochen hatte, sattelte er widerspenstig sein Pferd und ritt vorsichtig zurück zum Schlachtfeld. Der Geruch von Blut fuhr ihm in die Nase. Dutzende Leichen konnte er links und rechts von sich entdecken. Die Orks aus Mordor hatten erneut eine Schlacht für sich entscheiden können. Und Rohan war nun von Gondor abgeschnitten. Verzweifelt suchte der Dúnedan nach einem lebenden, reiterlosem Ross, das er mitnehmen konnte. Erst einige Zeit später entdeckte er eine Gruppe Orks, die ein Pferd in eine schnell gebaute Koppel gefangen hielten. Langsam glitt er von seinem Ross und versteckte es hinter einem großen Gebüsch, während er durch das hohe Gras der Steppe schlich. Gruzend und jubelnd standen mehrere Orks um ein größeres Feuer und feierten ihren Sieg gegen die Truppen des Lichts.
Ardóneth wusste das er gegen alle auf einmal kaum eine Chance hatte und so versuchte er sich vorsichtig zur Koppel zu schleichen,  das Pferd zu befreien und so schnell wie möglich zum Gebüsch zu fliehen. Vorsichtig schlich er über die trockenen, abgebrochenen Halme die auf dem Boden verteilt lagen. "Hoffentlich kommt dieser Menschling in Minas Tirith an." grunzte einer. "Was willst du von dem? Denen kann man nicht trauen." Ardóneth lauschte kurz dem Gespräch der Orks als er in einem Moment der Unachtsamkeit auf einen Stock trat, der mit einem lauten krachen in zwei kleinere zerbrach. Ardóneth kniff impulsiv seine Augen fest zusammen Verdammt dachte er sich und griff zu seinem Schwert.
Er wartete einen kurzen Augenblick und nutzte schließlich seine Chance als ein Reh am Lager der Orks vorbei rannte. Wie Tiere  sprangen die Orks auf und versuchten das Reh zu fangen. Ardóneth hingegen kletterte durch die Absperrung der Koppel und ging vorsichtig auf das Pferd zu. Schüchtern ging es wenige Schritte zurück doch dann blieb es schließlich stehen. Ardan schwang sich schnell auf den Rücken des Pferds und brachte es mit einem tritt in die Leistengegend zum galoppieren. Er konnte von weitem hören wie die Orks furchtbar fluchten als sie bemerkten das ihre Beute ihnen gestohlen wurde.
Erst vor dem Gebüsch ließ er das Pferd wieder traben, er band beide aneinander und beschloss den restlichen Weg zu Fuss zu gehen. Erst spät am Abend kehrte er im Lager zurück. Areneth hielt immer noch Wache, während die beiden neuen Gefährten sich ausruhten. " Ha, hast du es doch geschafft?" fragte Areneth die ihm half die Pferde an die Bäume zu binden. "Ich dachte ja nicht das du noch zurück kommst." spottete sie mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht. " Ich musste mich ja auch um ein Orklager schleichen um das Pferd zu bekommen." verteidigte er sich. "Oh, ich dachte du ziehst einen Kampf dem schleichen vor?" warf sie ein. "Ich wollte ja nicht in Stücken zurück kommen." Ardóneth rieb sich die Hände. "Geh schlafen, ich übernehme nun. " Areneth nickte mehrmals und zog sich schließlich zurück, während Ardóneth sich an einen Baum gegenüber seinen schlafenden Gefährten lehnte.
« Letzte Änderung: 13. Jul 2018, 20:03 von Fine »
Er hat noch gezuckt weil ich ihm meine Axt in seine Nervenstränge getrieben habe.

-Gimli Gloinssohn zu Legolas, Schlacht bei Helms Klamm-

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In die Schatten
« Antwort #3 am: 16. Jul 2018, 15:09 »
Es war stockfinster, als Valion von Ardóneth geweckt wurde. „Wie spät ist es?“ murmelte der Gondorer, als er sich langsam aufsetzte und mit der Hand den Schlaf aus den Augen rieb.
„Kurz nach Mitternacht,“ antwortete der Waldläufer mit gedämpfter Stimme. „Wir sollten nicht vor Sonnenaufgang weiterreiten. Noch immer sind Orks in der Umgebung unterwegs, und nachts werden sie uns leichter bemerken, während wir kaum etwas sehen können. Ich habe bis jetzt gewacht... jetzt bist du an der Reihe.“
„Also gut,“ gab Valion sich geschlagen. Er fühlte sich einigermaßen erfrischt durch den langen, ungestörten Schlaf und starrte ein Weilchen in die Dunkelheit hinein, die unter den Bäumen ringsherum herrschte, während Ardóneth sich nun seinerseits schlafen legte. Als sich Valions Augen so gut es ging an die Finsternis gewöhnt hatten, ließ er seinen Blick über die Lagerstätte wandern, die die vier Gefährten notdürftig errichtet hatten. Rinya lag zusammengerollt in einer von Moos gefüllten Mulde, gehüllt in ihren schmutzigen Umhang und gab regelmäßige Atemgeräusche von sich. Die beiden Dúnedain hatten sich einige Meter weiter entfernt zurückgezogen. Zur Linken war hin und wieder ein Schnauben von den Pferden zu hören. Vier Tiere waren es, die unter den Bäumen angebunden waren und die dort geduldig ausharrten. Zwei von ihnen hatten sich ebenfalls hingelegt, während die anderen beiden etwas unschlüssig zwischen den Baumstämmen standen und den Waldboden nach etwas Gras absuchten.

Valion war froh, dass sie den Verräter Gilvorn nicht zu Fuß verfolgen mussten, und dass sie nun durch etwas Glück sein Ziel kannten. Minas Tirith lag noch mindestens zwei Tagesritte entfernt, doch immerhin kannte Valion sich in der weißen Stadt einigermaßen gut aus. Er wusste allerdings nicht, wie die Lage vor Ort war. Als er mit seiner Zwillingsschwester zuletzt in der Hauptstadt Gondors gewesen war, hatte sie gerade eine gewaltige Belagerung durch die Horden Mordors überstanden. Doch nach der Niederlage Gondors am Schwarzen Tor war Minas Tirith nicht lange frei geblieben. Im Frühjahr hatte es dort, wie Valion gehört hatte, einen Aufstand der Bevölkerung gegeben, die bis zu diesem Zeitpunkt mit einigen Einschränkungen ihr Leben so wie vor dem Krieg fortgesetzt hatte. Doch nun hieß es, dass Minas Tirith von den meisten Gondorern verlassen war und dass dort nun Orks und noch schlimmere Dinge ihr Unwesen trieben.

Am Waldrand knackte es, und Valion verbannte seine Gedanken an die Zukunft. Er durfte seine Wachsamkeit nicht ruhen lassen. Der Gondorer hielt den Atem an und lauschte angestrengt in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Zunächst blieb alles still, bis auf die nächtlichen Geräusche des Wäldchens, die auch zuvor schon da gewesen waren. Doch dann raschelte es auffällig laut, als würde jemand sich seinen Weg durch ein Gebüsch bahnen, und dann knackte es erneut. Und nun hörte Valion eindeutig die schweren Schritte von mit Eisen beschlagenen Stiefeln, die über den weichen Waldboden stapften. Rasch zog er sein Schwert und pirschte sich so lautlos er es vermochte in Richtung der Schritte. Er hielt den Kopf unten und kam nahe genug heran, um eine in Schatten gehüllte Silhouette zu entdecken, die sich gemächlich näherte. Anhand des Geruches, der Valion in die Nase stieg, war er sich sicher, dass es sich um einen Ork handelte. Er fluchte lautlos über das Pech, das ihn ereilt zu haben schien, und versteckte sich hinter einem breiten Baumstamm, der den wahrscheinlichsten Weg des Orks flankierte. Eine Hand auf seinen Mund gelegt, die andere fest am Griff eines seiner beiden Schwerter, so wartete er dort ab, während der Ork sich Schritt für Schritt seiner Position näherte. Und dann war die Kreatur heran und würde den Baumstamm sogleich passieren. Valion spannte seine Muskeln an, bereit, sich auf seinen Feind zu stürzen und ihn zu überraschen. Doch da hörte er, wie der Ork stehen blieb und schnüffelte. Das Geschöpf zog die nächtliche Luft durch die Nase ein und hielt inne. Eine tastende Hand legte sich auf den Baumstamm und verfehlte nur um Haaresbreite Valions Gesicht. Rasch ließ er sein Schwert los und warf es mehrere Schritte entfernt von sich. Der Ork grunzte und machte einen Schritt nach vorne, vom Baum weg. Sofort war Valion bei ihm und legte der Kreatur seinen Arm um den Hals. Mit dem linken Fuß trat der dem Ork die Beine weg, während er seinem Feind die Luft abdrückte. Die behandschuhte rechte Hand presste er auf Mund und Nase des Orks, sodass dieser ohne einen Laut erwürgt wurde. Denn Valion wusste, dass ein Ork nur selten alleine unterwegs war. Selbst ein einzelner alarmierender Schrei der Kreatur konnte binnen weniger Minuten eine ganze Horde von Saurons Geschöpfen herbeirufen. Als der Ork sich nicht mehr regte, ließ Valion seinen Gegner langsam zu Boden gleiten.

Er nahm einen tiefen Atemzug. Der Gestank des Orks hatte ihm beinahe den Verstand geraubt. Sicherheitshalber schnappte er sich sein Schwert und durchbohrte der Kreatur damit das Herz. Danach verbarg er den Kadaver unter einem Haufen Laub, um den üblen Geruch fernzuhalten.
Glücklicherweise schienen die Pferde durch die Zwischenfall nicht verschreckt geworden zu sein. Valion tätschelte ihnen beruhigend über den Hals, ehe er zu seinen Gefährten zurückkehrte.
Rinya war inzwischen erwacht und blickte wachsam in die Finsternis jenseits der Bäume, als Valion zu ihr trat.
„Was ist passiert?“ flüsterte Duinhirs Tochter, als er sich neben sie auf einen alten Baumstumpf gesetzt hatte. „Ich hatte davon geträumt, dass wir hier überfallen wurden, und als ich erwachte, glaubte ich, im Dunkeln die Gestalt eines Orks zu erkennen. Ich wusste für einen Augenblick nicht recht, ob ich noch immer träumte.“
„Da war tatsächlich ein einzelner Ork,“ antwortete Valion mit gedämpfter Stimme. „Ich hab‘ mich um ihn gekümmert... so leise es ging.“
Rinya rümpfte die Nase. „Das riecht man,“ meinte sie. „Hättest du ihn nicht aus sicherer Entfernung erstechen können?“
„Ich konnte nicht riskieren, dass er dabei brüllt,“ verteidigte Valion seine Vorhergehensweise. „Wir wissen nicht, wie viele Orks hier noch in der Umgebung unterwegs sind. Wir können nur hoffen, dass dieser eine uns nur per Zufall gefunden hat, und dass nicht noch mehr in der Nähe sind.“
„Hm,“ machte Rinheryn nachdenklich. „Ich vermute, dass sich die Überlebenden der Schlacht im freien Feld sammeln, ehe sie in Richtung der Grenze Rohans marschieren. Hätten die Rohirrim doch nur einen Sieg errungen - dann wäre Anórien jetzt vielleicht frei von Mordors Besatzung. So wird der Krieg am Mering und in der Ostfold nun wie zuvor weitergehen.“
„Und Gondors Verteidigungslinie am Gilrain wird nicht entlastet werden,“ ergänzte Valion niedergeschlagen. „Falls sie inzwischen überhaupt noch stand hält.“
„Ach komm schon, Kopf hoch. Die Soldaten Gondors geben sich nicht so leicht geschlagen, und ein Fluss wie der Gilrain lässt sich gut verteidigen,“ versuchte Rinya Valion aufzumuntern. „Ich bin mir sicher, die Heerführer in Linhir und den anderen Grenzfestungen haben alles im Griff.“
„Ich hoffe es,“ wisperte Valion. „Sonst waren all unsere Bemühungen umsonst.“
Rinheryn legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: „Na komm schon. Es bringt doch nichts, sich Dinge auszumalen, über deren Verlauf wir keinen Einfluss haben. Lass uns lieber auf das schauen, was wir verändern können. Wir haben unseren Auftrag, und wir werden ihn erfüllen. Danach können wir uns Sorgen um die östliche Verteidigungslinie machen.“
„Du hast Recht,“ pflichtete Valion ihr bei. „Wir geben nicht auf. Wir schnappen uns Gilvorn und bringen ihn zur Strecke.“
„Am liebsten würde ich ihn lebendig in die Finger bekommen und dem Truchsess in Dol Amroth vor die Füße schleudern, damit er aus diesem miesen Verräter ein Beispiel für all jene machen kann, die auch nur daran denken, Gondor die Treue zu entsagen,“ knurrte Rinheryn leise. „Er soll hängen, vom höchsten Turm der Schwanenstadt, damit alle gut sehen können, wie man in Gondor mit Verrätern umgeht.“
„Nachdem ihm der öffentliche Prozess gemacht wurde,“ ergänzte Valion, und Duinhirs Tochter nickte zustimmend.
„Ganz genau. Wir haben Gesetze in Gondor, und auf Hochverrat steht der Tod. Eidbruch in seiner schlimmsten Form erfordert nun einmal auch die höchste Strafe.“
„Ich hoffe nur, es gelingt uns, ihn aus Minas Tirith herauszuschaffen.“
„Darüber können wir uns Gedanken machen, wenn wir dort angekommen sind.“ Rinheryn erhob sich und streckte sich. „Ich übernehme den Rest der Nachtwache. Die Sonne geht in zwei Stunden auf, schätze ich. Dann sollten wir uns auf den Weg machen.“

Valion gelang es tatsächlich, die zwei verbliebenen Stunden mit einem Nickerchen zu verbringen, bis ihn der erste Sonnenstrahl weckte, der durch das Geäst über ihm drang. Die Dúnedain waren bereits wach und sattelten ihre Pferde. Es vergingen nur wenige Minuten, bis die vier Gefährten abreisefertig waren und die Rösser aus dem Wald heraus führten. Beinahe gleichzeitig schwangen sie sich auf die Rücken ihrer Pferde und ritten los.
Sie schlugen einen parallel zu den Vorgebirgen der Ered Nimrais verlaufenden Weg ein, der sie stetig ostwärts durch Anórien führte. Die gut ausgebaute Straße zu verwenden, die nördlich von ihnen von Minas Tirith nach Isengard und von dort weiter nach Arnor führte, wagten sie nicht. Sie waren sich einig, dass der Feind die Straße überwachen ließ. Zwar kamen sie dadurch etwas langsamer voran, doch Valion war sich sicher, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatten.
Eines nach dem anderen zogen die nördlichen Leuchtfeuer Gondors an ihnen vorbei. Alle waren erloschen - seit dem Ritt der Rohirrim vor mehr als drei Jahren, hatten sie nicht gebrannt. Je weiter sie nach Osten kamen, desto bedrückter wurde die Stimmung, und sie sprachen nur wenig miteinander. Das Land, das einst von freien Menschen bewohnt gewesen war, lag nun zum größten Teil verlassen vor ihnen. Auch von Orks war kaum etwas zu sehen. Und obwohl ihnen niemand begegnete, spürten sie dennoch alle, dass sie sich nun im Herrschaftsgebieten des Meisters von Mordor befanden. Eine ungute Anspannung lag in der Luft.
Sie rasteten in der nächsten Nacht in einer Mulde zwischen zwei felsigen Ausläufern des Gebirges, wo sie vor dem Wind und vor bösartigen Blicken geschützt waren. Dennoch schliefen sie alle nur wenig und hielten stets zu zweit Wacht. Obwohl sie gut vorangekommen waren, war Valion von einem Gefühl der Dringlichkeit ergriffen und hatte den Eindruck, dass sie nicht rechtzeitig in Minas Tirith eintreffen würden. Er schlief in jener Nacht unruhig und träumte von Dingen, die er nicht zuordnen konnte. Er sah einen einsamen Wanderer, der sich einer großen Meeresfestung näherte, die Schultern von Schuld schwer beladen, das Haupt von einem tiefgrünen Umhang verdeckt. In der Hand hielt er eine schartige Axt. Als der Unbekannte an das Tor der Stadt kam, konnte Valion sein Gesicht erkennen und stellte fest, dass es sein eigenes war... doch die spitzen Elbenohren, die das Antlitz einrahmten, wollten nicht dazu passen. Ehe er weiter darüber nachdenken konnte, verblasste der Traum und ließ Valion voller unbeantworteter Fragen zurück.
Am folgenden Tag trieben sie ihre Pferde noch zu größerer Eile an und legten das letzten Stück bis zur Weißen Stadt innerhalb des Tages zurück. Als die Sonne unterging, schlugen sie ihr Nachtlager in Sichtweite von Minas Tirith auf, verborgen in dichtem, hoch wachsendem Gestrüpp, das an den unteren Hängen der Berge zwischen Mindolluin und Amon Dín wuchs. Am nächsten Morgen würden sie versuchen, ins Innere der ehemaligen Hauptstadt zu gelangen.


Ardóneth, Valion, Rinheryn und Areneth nach Minas Tirith
« Letzte Änderung: 17. Jul 2018, 07:23 von Fine »