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Autor Thema: Vor der Stadt  (Gelesen 241 mal)

Fine

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Vor der Stadt
« am: 9. Okt 2018, 15:26 »
Qúsay, Dírar und Beregond mit dem westlichen Heer des Malikats aus Aín Séfra


Aus der Sicht Beregonds

Beregond blinzelte angestrengt in die sengende Sonne des haradischen Mittags und fragte sich (nicht zum ersten Mal), was er hier eigentlich verloren hatte. Hätte er in jenem Augenblick sein Spiegelbild sehen können, hätte er sich selbst kaum wiedererkannt. Sein Bart war lang und ungepflegt, genau wie die Haare auf seinem Kopf. Seine gondorische Rüstung trug er schon lange nicht mehr. Stattdessen war er wie einer der lahmidischen Krieger im Malikatsheer gekleidet. Das einzige, was noch an seine wahre Heimat erinnerte, war die Klinge aus Minas Tirith, die Aerien einst für ihn besorgt hatte.
Während er sein Pferd im gemächlichen Schritt gehen ließ, um die marschierenden Krieger Qùsays nicht zu überholen, wanderten seine Gedanken zu der jungen Frau, die ihn einst so unerwartet in Minas Tirith getroffen und kurzerhand befreit hatte. Beregond fragte sich, wo Aerien wohl inzwischen sein mochte. Das Mädchen war in aller Eile von Aín Séfra aus aufgebrochen und war in den Monaten, die seither vergangen waren, nicht mehr in die Wüstenstadt zurückgekehrt. Seitdem war vor den Mauern der Malikatsresidenzstadt eine große Schlacht gefochten worden und es waren Kriegsvorbereitungen getroffen worden. Und obwohl so viel Zeit vergangen war, war Beregond nicht nach Gondor zurückgekehrt.
Am Horizont tauchten die Türme Umbars auf und lenkten Beregonds Aufmerksamkeit darauf, ehe er an den wahren Grund dafür denken konnte, weshalb er seine Heimkehr weiter und weiter verschoben hatte. Die Krieger des Malikats gerieten in Aufregung - scheinbar konnten sie es kaum erwarten, endlich wieder in die Schlacht zu ziehen. Seit dem Aufbruch des Heeres von Aín Séfra waren ihnen kaum Feinde begegnet. Ungefähr auf halbem Weg war die berittene Vorhut, die von Qúsay persönlich angeführt worden war, auf eine kleine Abteilung quafsahnischer Reiter getroffen, die sie rasch in die Flucht geschlagen hatten. Seither hatten die Getreuen Sûladans keinen Versuch gemacht, Qúsays Heer aufzuhalten. Beregond vermutete, dass stattdessen das östliche Heer des Malikats in Schwierigkeiten geraten sein musste. Irgendwo mussten die Truppen des Sultanats ja zuschlagen. Qúsay hatte nach dem Sieg vor den Mauern von Aín Séfra seine Streitmacht aufgeteilt und seinem engsten Vertrauten Marwan den Befehl über die Hälfte seiner Krieger gegeben. Marwans Auftrag lautete, einen Bogen um das Gebiet rings um Sûladans Machtsitz Qafsah zu schlagen und die Stämme, die östlich des Harduinflusses wohnten, vom Joch des Sultanats zu befreien. Gleichzeitig rückte Qúsay selbst auf Umbar vor, wo er hoffte, seinen Onkel Hasael in die Finger zu bekommen, der ihn einst um sein Erbe als Häuptling des Quahtan-Stammes betrogen hatte.

Eine Stunde später hatte das Heer die Stadt erreicht. Qúsay verschwendete keine Zeit und befahl sogleich, ein großes Kriegslager zu errichten. Gerade außerhalb der Reichweite der vereinzelten Katapulte, die auf den Mauern zu sehen waren, wuchs schon bald ein befestigtes Lager in die Höhe. Gleichzeitig schwärmten die ersten Soldaten des Malikats aus, um sämtliche Fluchtwege, die aus der Stadt heraus führten, abzuschneiden. Einen Weg würden sie jedoch notgedrungen offen lassen müssen, denn Umbar war noch immer der größte Hafen des Südens, und Qúsay hatte keine Schiffe mitgebracht. Doch niemand in seinem Heer machte sich darüber Sorgen. Qúsay selbst hatte dazu gesagt, dass jene, die aus Umbar fliehen wollten, dies gerne tun könnten... damit würde es nur noch einfacher werden, die Mauern zu erstürmen.
Da in der nahen Umgebung von Umbar kaum Bäume wuchsen, hatte das Heer bereits unterwegs so viel Holz wie möglich beschafft und mit sich geführt, und nun begann der Bau der benötigten Belagerungswaffen. Qúsay schien nicht vorzuhaben, die Stadt auszuhungern, sondern bevorzugte offensichtlich die Einnahme Umbars im Sturm. Dieses Vorgehen würde Verluste fordern, doch Beregond vermutete, dass die Zeit der entscheidende Faktor für Qúsays Entscheidung gewesen war. Eine langwierige Belagerung würde die gesamte westliche Armee Qúsays für lange Zeit an Umbar binden und es Sûladan erlauben, ungehinderte Gegenschläge auf Qúsays Gebiet durchzuführen. Je schneller Umbar fiel, desto besser würde die Kriegslage sich für das Malikats entwickeln.
Noch ehe die Stadt von der Landseite her vollständig eingeschlossen war, entsandte Qúsay bereits eine kleinere Abteilung seiner Soldaten nach Süden. Beregond erfuhr später, dass sie den Auftrag erhalten hatten, die Gebiete, die von Süden her an Umbar angrenzten, zu befreien. Dort lebten nur vereinzelte Stämme auf dem schmalen Streifen fruchtbaren Landes zwischen Umbar im Norden und dem Nekropolenkönigreich von Ta-Mehu jenseits der Mehu-Wüste im Süden.

Während die Vorbereitungen für die Belagerung liefen, betrachtete Beregond aus dem Schatten eines der zu Beginn errichteten Zelte die mächtigen Mauern Umbars. Einst war diese Stadt einer der wichtigsten Stützpunkte Gondors gewesen, wie er sich erinnerte. Heutzutage war es kaum vorstellbar, dass sich die Macht der Flügelkrone einst so weit in den Süden erstreckt hatte. Beregond selbst, der aus Minas Tirith stammte, fühlte sich trotz seiner Kleidung und seines Aussehens in Harad noch immer wie ein Fremdling. Anderen hingegen war es ganz offensichtlich besser gelungen, sich anzupassen, wie ihm klar wurde, als Qúsays rechte Hand sich mit schnellem Schritt näherte. Der Krieger namens Dírar sprach und verhielt sich zwar wie einer vom Stamm der Qahtan, doch seine Haut- und Augenfarbe ließen ihn in Beregonds Augen dennoch unter ihnen herausstechen. Er vermutete, dass Dírars Eltern selbst aus Gondor stammten und sich aus unerfindlichen Gründen zu einem Leben bei den Stämmen Harads entschlossen hatten. Beregond war zu vorsichtig, um Dírar direkt darauf anzusprechen, aber sein Gefühl sagte ihm, dass er mit seinen Vermutungen richtig lag.
„Der Malik wünscht Eure Anwesenheit bei den Unterhandlungen am Haupttor der Stadt,“ sagte Dírar, als er Beregond erreicht hatte. „Der Gesandte Imrahils soll bezeugen, dass wir Hasael und seinen Speichelleckern die Gelegenheit gegeben haben, sich kampflos zu ergeben, ehe wir ihre Stadt mit Schwert und Speer einnehmen.“
„Nun denn,“ erwiderte Beregond und folgte Dírar durch das im Aufbau befindliche Kriegslager. Sie kamen auf eine breite, mit hellen Steinen gepflasterte Straße, die in gerader Linie aus dem Haupttor Umbars in die Wüste hinein und von dort weiter nach Qafsah führte. Außerhalb des Tores wartete bereits Qúsays Delegation, angeführt vom König des Malikats selbst, der auf dem Rücken seines Schlachtrosses saß und herausfordernd zu den Soldaten auf den Mauern über ihn hinaufblickte.
„Hasael!“ rief er, als Beregond und Dírar in Hörweite gekommen waren. „Zeig dich! Ich will ein letztes Mal selbst mit dir sprechen, ehe ich die Waffen meiner Krieger für mich sprechen lasse.“
Tatsächlich erschien der Herr von Umbar selbst kurz darauf jenseits der Zinnen über dem Tor. „Hier bin ich,“ antwortete Hasael. „Doch ich sehe, dass es nichts zu besprechen gibt.“
Er wollte sich bereits wieder abwenden, als Qúsay erwiderte: „Du besitzt keine Ehre, Onkel. Ein wahrer Anführer würde von Angesicht zu Angesicht mit seinem Rivalen sprechen, und nicht von oben herab aus der Sicherheit seiner Wehrgänge. Seht ihr es, meine Freunde? Er fürchtet sich.“
„Ich bin nicht so dumm, vor mein Tor zu treten, wenn Wegelagerer und Strauchdiebe dort draußen nur darauf warten, mich in ihre schmutzigen Finger zu bekommen. Ich traue dir nicht, Neffe.“
„Eine Unterredung vor einer Schlacht ist heilig, wie du wissen solltest, wenn du nur einen Funken Ehre im Leib hättest,“ antwortete Qúsay. „Niemand wird Hand an dich legen, wenn du heraus kommst.“
Hasael schien für einen Augenblick nachzudenken, doch dann lachte er. „Ich gebe nichts auf das Wort von Verrätern und Rebellen,“ rief er. „Euer Unterfangen wird scheitern und dein sogenanntes Malikat wird untergehen. Du hast dir den falschen Ort ausgesucht, um dein eigenes Reich zu gründen, Qúsay. Sûladan ist nicht der einzige Feind, den du dir mit deinen Taten gemacht hast. Von Süden droht dir die schwarze Schlange, doch von Norden blickt das rote Auge auf dich herab... und es brennt voller Zorn über den Verrat bei Linhir, sei dir dessen gewiss.“
„Und wo sind die Armeen, die Mordor schicken würde, wenn deine Worte wahr wären?“ hielt Qúsay auftrumpfend dagegen. „Viele Monate sind seit meiner Ankunft in Aín Séfra vergangen, doch von den Orks Saurons haben wir kein einziges Zeichen gesehen. Deine Drohungen sind so leer wie die Anlegestellen deines Hafens, Onkel.“
„Sei dir deiner Sache nur nicht zu sicher,“ erwiderte Hasael daraufhin. „Du wirst feststellen, dass Umbar nicht so leicht fallen wird wie du denkst.“
„Weder deine Mauern noch deine Krieger werden mich aufhalten können.“
„Wir werden sehen, „Malik“... wir werden sehen...“
Mit diesen unheilvollen Worten wandte sich der Fürst Umbars ab. Danach dauerte es nicht lange, bis die ersten Pfeile schwirrten.

Beregond hielt sich während dem Verlauf der Belagerung im Hintergrund. Er war von Qúsay als offizieller Beobachter Gondors benannt worden, und für den Moment genügte ihm das als Rechtfertigung für sein Hiersein. Die Tatsache, dass er um Gondor fürchtete, und seine Heimkehr aus der Angst verzögerte, dort nur noch Ruinen vorzufinden, verdrängte er für den Moment tief in die schwarzen Ecken seines Bewusstseins. Er wusste, dass Mordor die bröckelnde Verteidigung Gondors mit jedem Tag, der verging, aufs Neue auf die Probe stellen würde. Doch solange keine Nachricht vom Fall des Reiches nach Harad drang, würde es zumindest in Beregonds Vorstellung noch immer existieren... und er wollte diesen Status Quo so lange wie möglich aufrecht erhalten.
Der erste Sturm auf die Mauern scheiterte. Die Verteidiger Umbars waren zahlreich, und Hasael hatte die Stadt gut vorbereitet. Die hastig zusammengezimmerten Leitern, mit denen die Krieger des Malikats versuchten, die Zinnen Umbars zu erklimmen, erwiesen sich als zu fragil und boten ihren Träger zu wenig Schutz. Am Abend des ersten Tages der Belagerung befahl Qúsay den Bau von Belagerungstürmen und Katapulten. Beregond wusste, dass das die Dauer der Belagerung in die Länge ziehen würde. Er hoffte, dass Qúsays Fixierung auf Umbar ihm nicht den Sieg im Krieg gegen das Sultanat Sûladans kosten würde...
« Letzte Änderung: 22. Okt 2018, 10:48 von Fine »

Eandril

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Re: Vor der Stadt
« Antwort #1 am: 8. Mai 2019, 22:05 »
Edrahil aus Tol Thelyn

"Da bin ich wieder, alte Freundin", murmelte Edrahil, die Hände auf den Knauf seines Sattels gestützt. Er und seine Eskorte hatten die Kuppe eines niedrigen Hügelkammes, der sich in ost-westlicher Richtung am Ufer der Korsarenbucht dahin zog, erreicht, und vor ihnen erstreckte sich die Stadt Umbar, am östlichsten Ende der Bucht.
"Was sagt ihr?", fragte Langlas, einer der beiden absolut vertrauenswürdigen Männer, wie Thorongil es ausgedrückt hatte, nachdem er sein Pferd neben Edrahil zum Stehen gebracht hatte. Edrahil deutete mit einem Kopfnicken in Richtung der Stadt. "Es ist das dritte Mal, dass ich nach Umbar komme", erklärte er. "Und das zweite Mal mit einem feindlichen Heer."
"Ihr scheint der Stadt nicht besonders viel Glück zu bringen", stellte Hírilorn fest, der auf Edrahils anderer Seite angehalten hatte, sodass seine beiden Begleiter ihn nun flankierten. Hallatans Sohn hatte seinen kleinen Hof nach Edrahils Geschmack ein wenig zu eilig verlassen. Edrahil befürchtete, dass der junge Mann sich selbst und der Welt dringend etwas beweisen wollte, war er doch der Sohn eines verdienten Kapitäns, der überdies einer von Thorongils engsten Vertrauten war. Solche Männer neigten nach Edrahils Erfahrung dazu, unnötige Risiken einzugehen und gut gemeinte Warnungen in den Wind zu schlagen. Doch sowohl Thorongil als auch Hallatan hatten für Hírilorn gesprochen, und so hatte Edrahil sich nicht lange gesperrt - zumal er nach der Trennung von Tórdur und seinen Männern für jede Unterstützung dankbar war. Dennoch würde er die riskanteren Aufgaben vorerst Langlas übertragen, der um einige Jahre älter als Hírilorn war und entsprechend gelassener und verlässlicher wirkte.
"Glück ist ohnehin das letzte, was ich Umbar bringen wollen würde", erwiderte Edrahil schließlich, nachdem er einen langen Blick über den Belagerungsring vor der Stadt hatte schweifen lassen. "Reiten wir."

Es dauerte nicht lange, bevor Qúsays Späher sie entdeckt hatten - was auf der flachen, baumlosen Ebene südlich der Stadt nicht überraschend war.
"Wer seid ihr, und weswegen seid ihr hier?", blaffte sie ein hochgewachsener Krieger an, dessen Kopf von einem Turban vor der brennenden Sonne geschützt wurde, und an dessen Seite ein gefährlich aussehendes Krummschwert hing. Seine vier Begleiter, die zusätzlich mit Lanzen bewaffnet waren, blickten Edrahil und seine Gefährten finster an, als befürchteten sie jeden Augenblick einen Angriff. Alle fünf trugen die Farben des Malikats: Schwarz, Grün und Weiß.
"Mein Name ist Edrahil, Revions Sohn", antwortete Edrahil, ohne eine Spur von Unruhe oder Angst, was ihn verdächtig gemacht hätte, zu zeigen. "Dies sind meine Gefährten Hírilorn, Hallatans Sohn, und Langlas, ähm..." "Arastors Sohn", ergänzte Langlas, und deutete vom Pferderücken aus eine Verbeugung an.
Edrahil nickte, und ärgerte sich über sich selbst, dass er versäumt hatte, nach dem Namen von Langlas' Vater zu fragen. "Ich komme im Auftrag des Truchsess von Gondor, und muss mit Malik Qúsay sprechen."
Die Miene seines Gegenüber verfinsterte sich einen Augenblick, bevor ihm offenbar einfiel, dass sein Herr ja inzwischen mit Gondor verbündet war. "Beweist es."
Edrahil hielt ihm den Siegelring mit dem Zeichen des silbernen Schwans von Dol Amroth, den er seit seiner Ernennung zum Herrn der Spione tragen durfte, hin. "Genügt das?"
Der Anführer der Späher schüttelte den Kopf. "Es könnte eine Fälschung sein. Habt ihr ein Schreiben des Truchsess, dass eure Identität bestätigt?"
Auch wenn es Edrahil ungelegen kam, musste er Qúsays Sicherheitsvorkehrungen Respekt zollen. "Nein, habe ich nicht", erwiderte er, und kam einer Antwort des Mannes zuvor, indem er weiter sprach: "Meine Begleiter und ich werden euch unsere Waffen übergeben - drei unbewaffnete Männer werden kaum eine Gefahr für euer Heer darstellen. Ich werde alleine mit dem Malik sprechen, wenn ihr darauf besteht. Sind diese Bedingungen für euch annehmbar?"
"Das sind sie", meinte der Späher nach einem leichten Zögern. Edrahil nickte seinen Begleitern zu, und sie übergaben Qúsays Männern ihre Schwerter und Dolche - Hírilorn ein wenig zögerlich, während Langlas Edrahil einen Blick zuwarf der sagte: Ich hoffe ihr wisst, was ihr tut.
Zuletzt überreichte Edrahil dem Anführer seinen eigenen Dolch - ein Schwert trug er nicht. "Ich verlasse mich darauf, dass uns die Waffen wieder übergeben werden, sobald der Malik unsere Vertrauenswürdigkeit bestätigt hat", sagte er, und blickte seinem Gegenüber dabei direkt in die Augen. Dieser nahm den Dolch entgegen, und verneigte sich dabei leicht. "Ich schwöre es bei meiner Ehre. Kommt, ich werde euch zum Zelt des Malik führen."

Qúsays Heerlager war offensichtlich gut organisiert, und unterschied sich im Großen und Ganzen nicht sehr stark von sämtlichen anderen Heerlagern, die Edrahil in seinem Leben gesehen hatte. Die Zelte standen in säuberlichen Reihen, die äußeren Ränder des Lagers waren mit einem frisch ausgehobenen Graben und dahinter aufgeschütteten Erdwall gesichert, und die Latrinen stanken wie immer - vielleicht noch mehr als sonst, da hier die Sonne viel kräftiger darauf herunter brannte. Allerdings war das Lager auffallend leer, und außer den Angehörigen des Trosses schienen nur wenige Soldaten unterwegs zu sein. "Ist gerade ein Angriff im Gange?", fragte Edrahil ihren Führer, und der Mann nickte. "Wir greifen zu unterschiedlichen Zeiten an, damit wir die Hundesöhne vielleicht irgendwann überraschen. Doch bislang sind sie immer wachsam."
"Und nimmt der Malik persönlich daran teil?" "Manchmal, ja. Ich kann euch nicht sagen, ob das heute der Fall ist." Edrahil zuckte mit den Schultern. "Nun, dann kann ich nur hoffen, dass der heute Angriff meine Mission nicht sinnlos werden lässt." Dies trug ihm einen bösen Blick des Mannes ein, als ob allein der Gedanke, dass Qúsay fallen könnte, ein Verbrechen sei.
Sie erreichten ein großes Zelt, etwa in der Mitte des Lagers. Der Eingang des Zeltes war von einer Plane verschlossen, und davor standen zwei mit Lanze und Schild bewaffnete Wächter. Der Mann, der Edrahil und seine Gefährten bis hierher begleitet hatte, überreichte einem der Wächter die Waffen, und sagte: "Diese Männer kommen aus Gondor, und wünschen den Malik zu sprechen."
"Der Malik ist nicht hier", erwiderte der Wächter. "Er führt den Angriff gegen die Mauern an."
"Dann werden wir so lange hier warten", sagte Edrahil schnell, bevor sie weggeschickt werden konnten und so möglicherweise viel Zeit verloren, und ließ sich vom Pferd gleiten. "Unsere Botschaft ist überaus dringend."
Der zweite Wächter musterte ihn durchdringend, und nickte dann. "Wenn ihr meint. Ich kann allerdings nicht versprechen, dass der Malik euch nach der Schlacht empfangen wird."
Edrahil nickte nur stumm, und wandte sich dann Langlas und Hírilorn zu. "Sucht euch einen Ort, wo ihr die Pferde sicher unterstellen könnt, und kommt dann zurück zu mir. Und euch danke ich für das Vertrauen und die Führung", fügte er mit einer Neigung des Kopfes an den Anführer des Spähtrupps gewandt hinzu.
"Lasst es mich nicht bereuen", erwiderte dieser, bevor er sein Pferd herumriss und, gefolgt von seinen Männern, davonpreschte, Edrahil und die beiden Wächter in einer Staubwolke zurücklassend.
Ohne sich weiter mit den beiden Wächtern zu befassen, legte Edrahil die Hände hinter dem Rücken zusammen, und begann langsam auf und ab zu gehen, wobei er den Blick aufmerksam umherschweifen lies. Schließlich kehrten Langlas und Hírilorn zurück, zu Fuß, was bedeutete, dass sie die Pferde erfolgreich untergebracht hatten. Nicht allzu lange danach, die Sonne hatte ungefähr drei Viertel ihrer Bahn durchschritten, näherte sich Lärm von Westen - jede Menge Fußtritte, metallisches Klingen von Rüstungen, Schmerzensschreie der Verwundeten, kurz, der Klang einer marschierenden Armee.
"Klingt nicht so, als hätte Qúsay viel Erfolg gehabt", meinte Hírilorn unbekümmert, was ihm einen wütenden Blick der Wächter eintrug. "Es steht euch nicht zu, den Malik einfach so bei seinem Namen zu nennen", fuhr einer der beiden Hírilorn an, und bevor der junge Mann etwas zurückgeben konnte, hob Edrahil beide Hände und sagte: "Verzeiht meinem jungen Begleiter - er hat noch nicht gelernt, seine Zunge im Zaum zu halten. Ich arbeite daran." Hírilorn öffnete den Mund, doch ein warnender Blick brachte ihn dazu, ihn wieder zu schließen. Dabei entging Edrahil auch nicht, dass Langlas' Mundwinkel amüsiert zuckten.
Der Wächter wirkte nicht sonderlich besänftigt, was vermutlich weniger daran lag, dass Hírilorn nicht Qúsays korrekten Titel verwendet hatte, als viel mehr daran, dass er an einen wunden Punkt gerührt hatte. Keine Belagerungsarmee wurde gerne daran erinnert, dass ihre Anstrengungen keine Früchte trugen. Bevor die Situation allerdings durch irgendeine unbedachte Bemerkung noch heikler werden konnte, kam Qúsay.

Edrahil erkannte den Malik sofort an dessen aufrechter Haltung und der Selbstsicherheit, die er ausstrahlte. Darüberhinaus passten die Merkmale zu dem, was Narissa ihm berichtet hatte - eine schwarze Binde über dem linken Auge, schulterlange pechschwarze Haare und ein kurzer, sorgfältig gestutzter Vollbart, in dem jetzt allerdings Blutflecken zu sehen waren. Außerdem schien Qúsay leicht zu humpeln, was ihn in Edrahils Augen ein wenig sympathischer werden ließ, und hatte einen blutigen Kratzer an der Stirn über seinem linken Auge. "Ich frage mich, warum es meine Feinde immer auf meine linke Gesichtshälfte abgesehen haben", sagte er gerade zu dem Mann zu seiner Rechten, und als Edrahil diesen ansah, glaubte er, den Boden unter sich schwanken zu spüren.
Er blickte in das Gesicht seines Vaters. Und damit vermutlich auch in eine ein wenig jüngere Version seines eigenen Gesichts.
Aber das wahr nicht möglich. Die Spur hatte sich... in Umbar verloren. Nein, er hatte sie aufgegeben. Er hatte sich entschlossen, nicht der Vergangenheit nachzujagen, und stattdessen die Zukunft zu sichern. Und jetzt...
Edrahil riss sich mit größter Mühe zusammen, und das gerade rechtzeitig. "... seid ihr?", hörte er Qúsay fragen.
"Mein Name ist... Edrahil von Linhir", erwiderte er, und sein Blick flackerte dabei zu Qúsays Begleiter hinüber, doch dieser zeigte keine Reaktion. "Ich komme im Auftrag des Truchsessen von Gondor, und würde gerne allein mit euch sprechen, wenn es euch nicht ungelegen ist, Malik." Bei den letzten Worten wanderten seine Augen zu dem blutigen Kratzer auf Qúsays Stirn, doch dieser winkte ab. Sein Blick jedoch wurde aufmerksam, und seine braunen Augen fixierten Edrahil. "Aus Gondor also? Da seid ihr nicht der einzige." Er wandte sich um, schien jemanden zu suchen. "Beregond...? Wo steckt ihr, Mann... Ah." Ein hochgewachsener Mann mit ebenso schwarzen Haaren wie Qúsay aber deutlich hellerer, wenn auch gebräunter, Haut, trat vor. "Beregond ist ebenfalls im Auftrag des Truchsessen hier. Ihr müsst euch bereits begegnet sein."
Edrahil erinnerte sich noch gut an Aeriens Bericht über ihre Reise von Gondor nach Aín Sefra, und das rettet ihn vermutlich.
Er verneigte sich leicht und schüttelte den Kopf. "Nein, ich bin Herrn Beregong noch nie zuvor begegnet - was unzweifelhaft daran liegt, dass er nicht im Auftrag von Truchsess Imrahil nach Harad gekommen ist."
Qúsay hob eine Augenbraue. "Interessant. Nun, in diesem Fall werde ich euch ein wenig meiner Zeit gewähren - wie viel kommt darauf an, was ihr zu sagen habt." Er blickte an seiner Rüstung hinunter. "Sobald ich das Blut der Verteidiger von Umbar losgeworden bin."
"Und das eigene", meinte der Mann zu seiner Rechten, dessen Gesicht Edrahil so aus dem Konzept gebracht hatte, leise. Qúsay schüttelte den Kopf und lächelte zu Edrahils Überraschung. "Und das eigene", stimmte er zu.

Es dauerte nicht lange, bevor einer der Wächter Edrahil bedeutete, das Zelt zu betreten. Der Innenraum wurde durch das  von der Plane gedämpfte Sonnenlicht und zwei Öllampen, die von den Zeltstangen herab hingen, erhellt. Qúsay stand, mit beiden Händen auf die Tischplatte gestützt, an einem hölzernen Tisch, auf dem eine detaillierte Karte von Umbar und der Umgebung ausgebreitet war. Auf der Karte waren entlang der Mauern und davor Holzstücke in verschiedenen Farben und Formen aufgereiht, die die sich gegenüberstehenden Armeen symbolisierten. Hinter Qúsay stand eine verschiebbare hölzerne Abtrennung, die das Zelt in zwei Hälften teilte, und neben ihm stand sein... Leibwächter oder vielleicht Berater, dessen Gesicht so sehr Edrahils ähnelte.
"Ich glaube nicht, dass ihr in Imrahils Auftrag kommt", stellte Qúsay fest, und hob den Kopf, sodass er Edrahil über den Tisch hinweg ins Gesicht blickte. "Allerdings habt ihr nicht den gleichen Fehler begangen wie die anderen falschen Boten aus Gondor, und habt gar nicht erst versucht mir vorzuspielen, dass ihr Beregond kennt."
"Das liegt daran, dass ich sehr genau weiß, auf welchem Weg Beregond nach Harad gekommen ist", erwiderte Edrahil ruhig. "Euren Wachen zu erzählen, dass ich in Imrahils Auftrag unterwegs bin, war ein einfacherer Weg, zu euch zu gelangen, als ihnen die Wahrheit zu erzählen - die ein wenig komplizierter ist."
"Und wie lautet diese Wahrheit?", fragte Qúsays Berater, während er Edrahil konzentriert musterte - beinahe, als würde er in dessen Gesicht die Antwort auf eine Frage suchen, die er bislang gar nicht gekannt hatte.
"Nun, die Wahrheit lautet: Ich bin vor mehreren Monaten von Dol Amroth aus nach Umbar aufgebrochen, einige Zeit vor der Schlacht von Linhir. Ich bin in Imrahils Auftrag nach Harad gegangen, um einen Weg zu finden, Hasaëls Herrschaft über Umbar zu brechen. Wie ihr seht, decken sich unsere Ziele in diesem Fall also", schloss Edrahil, und wandte sich wieder Qúsay zu. "Überdies wäre ich sehr froh, wenn ihr mir den Namen eures Beraters verraten könntet."
"Mein Name lautet Abdul-Nazir Dirar al-Quahtani", erwiderte jener, bevor Qúsay etwas sagen konnte. "Ich ziehe allerdings die Kurzform Dirar vor." Edrahil neigte äußerlich dankbar den Kopf, und versuchte währenddessen das Zittern seiner Hände unter Kontrolle zu bringen. Ihm war nicht entgangen, dass in Dirars Namen kein Name des Vaters vorkam, was nur bedeuteten konnte, dass Dirars Vater unbekannt war. War es wirklich möglich, dass...? Er weigerte sich, denn Gedanken zu Ende zu denken, jedenfalls fürs erste. Jetzt hatte er andere Dinge zu tun, wichtigere.
"Jetzt komme ich von der Insel Tol Thelyn", fuhr Edrahil fort. "Ihr wisst, von welchem Ort ich rede."
"Das weiß ich allerdings. Aber ich dachte..." "Die Insel wäre verlassen und von Suladân zerstört", ergänzte Edrahil. "Als Narissa euch begegnet ist, glaubte sie das selbst noch, doch ihr Volk ist dorthin zurückgekehrt. Die beiden Männer, die mich begleitet haben, gehören zu ihnen."
Qúsay und Dirar wechselten einen Blick, als hätten sie etwas begriffen. "Dann wart ihr derjenige, der das Mädchen nach Aín Sefra geschickt hat? Ich habe schon damals vermutet, dass sie nicht vollständig aus eigenem Antrieb gehandelt hat, als sie mich so offen nach meinen Absichten fragte." Qúsay lächelte bei der Erinnerung, doch Edrahil verdrehte innerlich die Augen. Während ihrer Erzählung auf Tol Thelyn hatte Narissa es so dargestellt, als hätte sie Qúsay mit geschickten Fragen dazu gebracht, seine Absichten allmählich zu enthüllen. Schon damals hatte Edrahil leise daran gezweifelt, und jetzt hatte er Gewissheit.
"Ich bin ihr in Umbar begegnet - ein merkwürdiger Zufall, könnte man sagen", erzählte er. "Und ja, ich habe sie nach Aín Sefra geschickt, um herauszufinden, was für ein Mann ihr seid."
Qúsay beugte sich ein wenig vor. "Und hat sie euch von meiner Vertrauenswürdigkeit überzeugt? Oder seit ihr hier, um meinen Sturz in die Wege zu leiten?"
Edrahil lächelte. "Malik, wenn ich euren Sturz in die Wege leiten wollte, wäre ich zu Suladân gegangen. Ich glaube nicht, dass ihr der beste Verbündete seid, denn Gondor haben könnte, denn ich glaube nicht, dass euch viel an Gondor liegt. Euer Bündnis mit Gondor ist ein Zweckbündnis, denn ihr seid klug genug um die Bedrohung zu erkennen, die von Mordor ausgeht, und, dass keiner von uns alleine stark genug wäre, dem Sturm zu widerstehen."
"Es wird sich zeigen, ob wir gemeinsam stark genug dazu sind", stellte Qúsay fest. "Ich begrüße eure Ehrlichkeit, Edrahil. Und jetzt sagt mir, warum ihr hier seid."
"Ich habe ein wenig Erfahrung darin, Hasaël aus seinem Nest zu treiben - hätte er nicht Suladâns Unterstützung gehabt, wäre er heute nicht mehr der Herr über diese Stadt." Qúsay wechselte erneut einen bedeutungsvollen Blick mit Dirar, und bedeutete Edrahil dann mit einer knappen Geste, weiterzusprechen. Edrahil lächelte gefährlich - dies hier war sein Spiel. "Und da eure Methode bislang von wenig Erfolg gekrönt ist, biete ich euch folgendes an: Umbar und Hasaëls Kopf auf einem silbernen Tablett. Weckt das euer Interesse?"
« Letzte Änderung: 9. Mai 2019, 08:16 von Fine »

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Eandril

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Re: Vor der Stadt
« Antwort #2 am: 16. Mai 2019, 23:53 »
"Ihr seid ein mutiger Mann, Edrahil", brach Qúsay das Schweigen. "Nicht viele Männer würden gegenüber einem Fürsten so direkt andeuten, dass sie ihn für unfähig halten, eine Stadt einzunehmen." Er hob die Hand, um einer möglichen Erwiderung Edrahils zuvorzukommen, doch Edrahil hatte nicht vorgehabt, etwas zu sagen. Er hatte diese Reaktion durchaus erwartet, denn er hatte einen wunden Punkt berührt. Wie Qúsay reagierte, würde ihm einiges über die Persönlichkeit des Malik verraten.
"Und obwohl ich es ungern zugebe, habt ihr vielleicht nicht unrecht. Ich könnte Umbar im Sturm nehmen, doch es würde in einem Gemetzel enden", sprach Qúsay weiter, den Blick auf die vor ihm liegende Karte gerichtet. "Katastrophale Verluste auf beiden Seiten sind nicht das, was mir weiter helfen würde." Er blickte auf, und Edrahil nickte, wie es offenbar von ihm erwartet wurde. "Weiter im Osten sammelt Suladân weiterhin seine Kräfte. Nachdem Músab von Kerma uns verraten hat - nein, verraten ist vielleicht nicht das richtige Wort. Nach dem er sich für seinen eigenen Weg entschieden hat, ist Suladâns Flanke im Südosten gesichert, und er kann seine Aufmerksamkeit wieder auf mich richten. Ein Weg, die Stadt zu nehmen, ohne gewaltige Verluste zu provozieren, und ohne mich auf eine monatelange Belagerung einzulassen, käme mir also sehr gelegen. Nehmt mein Interesse als geweckt an."
"Ich kenne einen geheimen Weg in die Stadt hinein", erklärte Edrahil ohne weitere Umschweife. "Jedenfalls nehme ich an, dass er noch geheim ist. Ein Tunnel durch die nördliche Stadtmauer, der auf der Innenseite in einem verlassenen Schuppen endet."
Qúsay warf Dirar einen raschen Blick zu, und Dirar schüttelte unmerklich den Kopf. "Ich weiß nichts von einem solchen Tunnel. Seid ihr euch sicher?"
"Vollkommen." Edrahil unterdrückte ein Lächeln. "Immerhin habe ich eure Verlobte durch ihn aus der Stadt geschmuggelt."
Qúsay kratzte sich schweigend am Kinn, was ihn ein wenig verlegen wirken lies. "Meine Verlobte, ja... Ich denke, ich sollte euch für das danken, was ihr für sie getan habt."
Edrahil ging nicht weiter darauf ein. "Dieser Tunnel ist auf keinen Fall groß genug, um eine größere Streitmacht in die Stadt zu schmuggeln, und sie würde auf der anderen Seite auch nicht lange unbemerkt bleiben. Ich habe allerdings während meines letzten Aufenthalts in der Stadt einige... Kontakte geknüpft, die uns von Nutzen sein könnten. Mit eurer Erlaubnis würde ich einen meiner Männer in die Stadt entsenden, um einen Plan zu entwickeln, der euch den Weg in die Stadt ermöglicht."
Qúsay dachte einige lange Augenblicke schweigend nach, während seine Finger gedankenverloren den Verlauf der Stadtmauern auf der Karte vor ihm nachzeichneten. "Ich sehe nicht, wie es uns schaden könnte", sagte er schließlich. "Meine einzige Bedingung ist, dass weder ihr noch eure Männer das Heerlager verlassen, bis Umbar gefallen ist. Ich werde nicht riskieren, dass auf diese Weise ein Kontakt zwischen Hasaël und Suladân hergestellt wird." Edrahil nickte nur, zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Qúsays Vorsicht beleidigte ihn nicht, er hätte an der Stelle des Malik genau dasselbe getan.
"Ich überlasse die genaue Planung euch und Dirar", fügte Qúsay hinzu. "Allerdings erwarte ich, informiert zu werden, sobald der Plan in die Tat umgesetzt werden soll. Enttäuscht mich nicht."

Kaum hatte sich Qúsay in den hinteren Teil des Zeltes zurückgezogen, sagte Dirar: "Ist es möglich, dass wir einander bereits begegnet sind? Etwas an eurem Gesicht kommt mir bekannt vor, doch ich weiß nicht..."
"Wir sind einander vor dem heutigen Tag nie begegnet", erwiderte Edrahil fest. "Allerdings... Ihr seid im Jahr 2975 geboren, nicht wahr?"
"Das ist richtig", antwortete Dirar verwundert. "Aber woher...?"
Edrahil unterbrach ihn. "Und nicht in Harad. Ihr seid verschleppt worden, von Sklavenjägern."
"Kurz nach meiner Geburt", bestätigte Dirar, und seine Augen verengten sich. "Doch heute bin ich ein freier Mann."
"Das wollte ich nicht bezweifeln." Edrahil gab sich größte Mühe, ebenso kalt zu sein wie bei allem, was er tat. Es gelang ihm nicht. Manchmal muss man den Sprung wagen um zu sehen, ob man fliegen kann. "Eigentlich wollte ich damit sagen... dass ich aller Wahrscheinlichkeit nach dein Vater bin, Dirar."
Dirar machte einen Schritt zurück, wobei er gegen eines der erloschenen Kohlebecken stieß und es beinahe umgeworfen hätte. "Das ist nicht möglich."
"Hat man dir je von dem Tag erzählt, an dem die Sklavenjäger dich geraubt haben?", fragte Edrahil, und Dirar, der ebenso blass war wie er selbst sein musste, antwortete: "Kurz bevor Nazir, Qúsays Vater, mich gekauft hat, habe ich gewagt, meinen Herrn danach zu fragen. Er war betrunken, sonst hätte er mich vermutlich ausgepeitscht, doch er antwortete mir. Er sagte mir, ich würde aus einer wertlosen Familie gondorischer Hunde stammen, und er selbst hätte meine Mutter..." Er brach ab, und sein Gesicht sah aus, als wäre ihm übel. Edrahil lockerte mit Mühe den vor Zorn verkrampften Kiefer. Wäre er in diesem Moment dreißig Jahre jünger und kein Krüppel, er fühlte sich, als könnte er die Stadt Umbar alleine dem Erdboden gleichmachen. "Ich habe sie gefunden", sagte er leise. "Auf dem Boden unserer Hütte in Belfalas, vor der Feuerstelle, die Kleider zerrisen und..." Er schüttelte den Kopf, um die Erinnerungen zu vertreiben. "Und mein Sohn war fort."
Dirar umklammerte den Ständer des Kohlebeckens so fest, dass die Knöchel seiner Hand weiß hervortraten. "Jahre später, als freier Mann, habe ich nach anderen Sklaven gesucht, die bei jenem Überfall geraubt wurden. Nur eine Frau hatte so lange überlebt, doch das einzige, was sie mir über meinen Geburtsort verraten konnte, war der Name des Dorfältesten."
"Mennion", sagte Edrahil, und Dirar ließ die Hände sinken. "Es ist wahr", sagte er so leise, dass es beinahe ein Flüstern war. "Wie ist das möglich?"
Edrahil räusperte sich. "Es sollte nicht möglich sein, und ich hatte das akzeptiert. Und doch..." Dirar fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. "Ich brauche Zeit, Edrahil. Ich kann jetzt keine Pläne schmieden, und ich kann jetzt nicht... nicht..."
"Ich werde warten", meinte Edrahil. "Allerdings nicht zu lange, denn neben all dem haben wir eine Stadt einzunehmen."
Sich von seinem Sohn abzuwenden, ohne ihn einmal berührt zu haben, war das Schwerste, was er seit langer Zeit getan hatte.

Listen to the wind blow, watch the sun rise
Running in the shadows, damn your love, damn your lies