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Autor Thema: Konzil der Zauberer  (Gelesen 1947 mal)

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Konzil der Zauberer
« am: 9. Jan 2019, 14:37 »
Aus der Sicht Pallandos

03. Dezember, 3021 D.Z.

Pallando fröstelte. Eine heiße Tasse Tee wäre jetzt genau das Richtige, dachte er verdrossen. Die Terrasse, auf der er stand, bot kaum Schutz vor dem kühlen Wind, der über der mächtigen Hauptstadt des Ostling-Reiches dahin fegte und vereinzelte Schneeflocken mit sich brachte. Alatar hatte diesen Ort ausgewählt, um sich mit ihm zu treffen, und von Pallandos letzter Reise zu erfahren. Erst am Tag zuvor war Pallando entlang der Kalevin-Küste nach Rhûn zurückgekehrt, nachdem er Palisor durchstreift hatte. Im Gegensatz zu Alatar hielt es ihn nur selten an Ort und Stelle. Obwohl sie beide die Farbe Blau im Orden der Zauberer repräsentierten, ähnelten Alatar und Pallando sich nur wenig. Alatar bevorzugte ein helleres Blau, ähnlich der Farben des Himmels, das seine Beständigkeit repräsentierte. Er war tief in die Gesellschaft Gortharias verwurzelt und war als "Ewiger Berater" am Hofe der Könige Gortharias ein geschätztes Mitglied des Rats der Zehn. Pallando hingegen hatte sich dem dunkleren Blau des Ozeans verschrieben und war ebenso unbeständig wie die See. Nie verweilte er lange an einem Ort, sondern zog quer durch die Lande im Osten und hatte bei den unterschiedlichen Völkern Rhûns und Palisors so viele unterschiedliche Namen, dass er alle kaum noch aufzählen konnte.

Der Zauberer lehnte seine Ellbogen auf das hohe Geländer, das Gesicht in die Hände gestützt. Die Terrasse befand sich auf dem flachen Dach eines der Häuser im Südwesten Gortharias, das sich in Alatars persönlichem Besitz befand. Drei Stockwerke weiter unten gingen die Menschen ihren alltäglichen Geschäften nach und die engen Straßen des Viertels waren, wie gewöhnlich, zur Mittagszeit besonders überfüllt. Pallando seufzte leise. Er mochte keine Städte. Sie gaben ihm stets das Gefühl, eingeengt zu sein. Stattdessen liebte er die Wildnis mit ihren weitläufigen Ebenen und Steppen, auf denen die Rinder Oromës in großen Herden dahin zogen. Ein Windstoß zerzauste Pallandos Bart und ließ ihn sich weit weg, in wärmere Gefilde wünschen.

"Also," erklang Alatars volltönende, tiefe Stimme hinter ihm. "Was gibt es Neues aus den Ostlanden?"
Pallando drehte sich um. Alatar saß in einem Stuhl aus hellem Holz und hatte bis gerade eben ein altes Ahnenregister eines der Adelshäuser Rhûns studiert. Doch nun lag das Buch zugeklappt auf dem Schoß des Zauberers. Seine dunklen Augen musterten Pallando mit einer Mischung aus Strenge und kühlem Abwarten.
"Man hört allerlei Gerüchte," erwiderte Pallando. "Die Hallen der Zwerge in den Orocarni sind noch immer versiegelt. Seit Jahren besteht kein Kontakt mehr zu ihnen. Die Stämme der Avari, die in verstreuten Winkeln Palisors überdauert haben, erzählen von Orks, die an den unteren Hängen der Berge aufgetaucht sind. Es heißt, dies sei das Werk des Ilcalocë."
Alatar hob mit milder Überraschung die Augenbrauen. "Du warst dir doch einst sicher, dass der Ilcalocë nur eine Legende sei," sagte er.
"Der Meinung bin ich noch immer," erwiderte Pallando. "Dennoch ist es nicht von der Hand zu weisen, dass sich in Palisor Dinge regen, die womöglich unserer Aufmerksamkeit bedürfen."
Doch Alatar schüttelte den Kopf. "Das denke ich nicht. Ich habe alle Hände voll zu tun, um dem Einfluß von Saurons Gesandten Khamûl hier in Gortharia entgegenzuwirken. Es gereicht uns zum Vorteil, dass der Ringgeist mit dem Heer des Königs zum Erebor gezogen ist, doch weiß ich nicht, wie lange dies noch so sein wird. Ich kann es mir nicht leisten, meine mühsam erarbeitete Position am Hofe aufzugeben."

Sie debattierten noch eine ganze Weile und kamen letzten Endes zu dem Kompromiss, der ihre Beziehung zueinander seit Jahrhunderten geprägt hatte: Alatar würde in Gortharia verweilen, während Pallando den unheilvollen Gerüchten auf den Grund gehen und erneut aufbrechen würde.
Als sie sich gerade darüber unterhielten, welchen möglichen Ausgang der Feldzug der Ostlinge gegen Thal und den Erebor haben könnte, kam unerwartet einer von Alatars Wächtern auf die Terrasse.
"Ein Bittsteller steht vor der Tür und wünscht eine Audienz, Herr," sagte der Soldat.
"Wer ist es?" wollte Alatar wissen.
"Er nannte keinen Namen. Er sei ein alter Freund," lautete die Antwort.
Alatar dachte einen Augenblick darüber nach, dann nickte er. "Also gut."

Eine hochgewachsene Gestalt betrat die Terrasse, gehüllt in einen schmutzigen grauen Mantel mit Kapuze. Doch der Stab, den der Fremde trug, ließ keinen Zweifel daran zu, dass auch er ein Zauberer war.
"Rómestámo. Morinehtar," sprach er sie mit ihren ältesten Namen an. "So also sehen wir uns endlich wieder." Er nahm die Kapuze ab und begegnete ihrem Blick.
"Curumo..." entwich es Pallandos Lippen.
"Was ist der Grund deines Besuches?" entgegnete Alatar, nach außen hin so gefasst wie eh und je.
"Meine langjährigen Freunde und Begleiter. Ich bin hier, um euch ein Angebot zu machen," sagte Saruman. Pallando fiel auf, dass der Weiße Zauberer einen anderen Stab trug als bei ihrer letzten Begegnung, die viele Jahrhunderte zurücklag. Anstatt einer schwarzen Kugel war dieser neue Stab von einer ganz weißen, geschnitzten Spitze gekrönt. "Im Westen haben sich die Ereignisse überschlagen. Sicherlich wisst ihr, dass Sauron den Meisterring zurück erlangt hat. Doch noch ist Mittelerde nicht verloren. Mit vereinten Kräften können wir ihn besiegen und uns diese Welt zu eigen machen; sie ordnen und gestalten nach unseren Wünschen. Schließt euch mir an, und gemeinsam werden wir an jenen Rache nehmen, die sich gegen uns gewandt haben, und Mittelerde vom Dunklen Herrscher befreien. Ich als Oberster unseres ehrwürdigen Ordens bitte euch, mir erneut zu folgen, wie ihr es einst so viele Jahre lang tatet."

Eine Pause trat ein. Weder Alatar noch Pallando hatten sich bewegt. Saruman starrte sie beide herausfordernd an, die Hände fest an seinen Stab geklammert.
"Ja, wir hörten vom Fund des Einen Ringes," entgegnete Alatar langsam. "Doch noch mehr Nachrichten drangen an unser Ohr. Wir erfuhren auch von deinem Fall, Curumo, und davon, dass Olórin dich aus dem Orden verstoßen hat. Du bist nicht länger unser Oberhaupt."
"Und wir werden dir nicht dabei helfen, aus Rache zu handeln," fügte Pallando hinzu.
"Ihr versteht nicht," widersprach Saruman, und Zorn leuchtete in seinen Augen auf - oder war es Wahnsinn? "Ich werde mir die Orks des Nebelgebirges untertan machen und mich ihrer bedienen, um die Demütigung zu rächen, die mir widerfuhr. Gegen Lothlórien werde ich sie führen, damit diese fehlgeleiteten Narren erkennen, dass ich es ernst meine. Derweil werdet ihr dafür sorgen, dass sich Rhûn gegen Sauron erhebt und sich unserer Allianz anschließt. Mit der Macht der Orks und Ostlinge unter unserem Befehl wird sich niemand in Mittelerde uns widersetzen können. Die Welt wird uns gehören."
"Dies entspricht nicht dem Auftrag, den die Herren des Westens uns gaben," sagte Pallando mit fester Stimme. "Lass' ab von diesen selbstsüchtigen Zielen, Curumo! Du magst nicht mehr dem Orden angehören, doch noch immer gebietest du über große Macht. Setze sie zum Wohle dieser Welt ein, und nicht um sie zu unterwerfen!"
Alatar blieb bei diesen Worten still. Saruman hingegen zeigte seine Wut nun unverhohlen. "Ich kam als Freund zu euch und bot euch die Möglichkeit, sich mir freiwillig anzuschließen, doch ihr habt diese Gelegenheit mit den Füßen getreten, wie Diebe, die einen schlafenden Drachen in seinem Hort wecken. Wenn ihr euch mir nicht anschließt, werdet ihr es bereuen. Ich werde einen Weg finden, es euch ebenso heimzuzahlen wie den Verrätern, die im Weißen Rat sitzen und sich in Sicherheit wiegen. Glaubt nicht, dass ihr hier in Rhûn sicher vor mir seid!"
"Diese Unterhaltung ist beendet," sagte Alatar leise, aber deutlich. "Es gibt nichts mehr zu sagen, Curumo." Er erhob sich und ließ Saruman stehen, der vor Wut schäumte. Pallando beeilte sich, Alatar zu folgen. Ihm war klar, dass er etwas unternehmen musste. Jemand musste die Elben Lothlóriens warnen. Und dieser jemand würde er selbst sein.

Pallando nach Lothlórien
« Letzte Änderung: 30. Dez 2019, 13:13 von Fine »
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Unterredung der Ithryn Luin
« Antwort #1 am: 7. Feb 2019, 15:51 »
Aus der Sicht Pallandos:

Pallando aus Taur-en-Elenath

Alatar hatte sich verändert. Pallando konnte es deutlich spüren. Sein alter Freund glich kaum noch dem einstigen Weggefährten, der ihm über Jahrhunderte eine wichtige Konstante gewesen war. Ein Jahr war vergangen, seitdem die Ithryn Luin zuletzt miteinander gesprochen hatten. Und damit nicht genug: Auch die Stadt Gortharia war nun eine völlig andere. Ein neuer König saß auf dem Thron, der ihm vom Sendboten Mordors gegeben worden war. Der Bevölkerung ging es trotz der Expansion des Reiches der Ostlinge schlechter. Pallando hatte es an vielen Orten in Gortharia gesehen: die Reichen vermehrten ihren Besitz und die Armen mussten hungern. Unzufriedenheit war deutlicher zu spüren als er es gewohnt war. Er fragte sich, ob dieser Stimmungswandel der Grund dafür war, dass Alatar ihm deutlich grimmiger und verschlossener als noch vor einem Jahr vorkam.
"Nun, Rómestámo. Du darfst beginnen," forderte Alatar ihn auf.

Pallando war im höchsten Tempo entlang der Küste des Binnenmeeres durch die Fürstentümer von Dorwinion und Gorak gereist, bis er das Kronland Gortharias und dessen gleichnamige Hauptstand endlich erreicht hatte. Sorge und üble Vorahnungen hatten seine Schritte beschleunigt, doch er war weiterhin vorsichtig genug, sich nicht offen zu erkennen zu geben. Das Gedränge in der Stadt war ihm noch schlimmer als gewohnt vorgekommen. Die Straßen quollen über von Menschen; hin und wieder sah man sogar vereinzelte Zwerge. Was Pallando allerdings gar nicht gefiel war die ungewöhnlich hohe Zahl an Stadtwachen, die in ihren goldfarbenen Umhängen in Fünfergruppen durch die Straßen streiften und die Aura der Bedrückung in der Stadt damit umso mehr hervorhoben.

"Ich gehe davon aus, dass du es ebenso wie ich gespürt hast," sagte Pallando ernst. "Etwas ist geschehen, das die Grundfesten der Erde erschüttert hat."
Alatar nickte langsam. Er saß auf demselben Stuhl, in dem er vor einem Jahr Saruman die Stirn geboten hatte. Pallando fiel auf, dass ein neues Schwert an der Seite des Blauen Zauberers hing. "Auch wenn ich derzeit einen großen Teil meiner Macht aufwende, um den Blick des Anntírad zu trüben habe ich durchaus wahrgenommen, das sich im Süden etwas geregt hat," fuhr Alatar fort. "In der Tat: Etwas hat sich verändert. Und es bereitet mir große Sorge."
"Dann geht es dir ebenso wie mir," sagte Pallando und atmete auf. Er war froh, dass Alatar ihn verstand. "Wir müssen etwas unternehmen. Ich schlage vor, wir gehen südwärts und folgen den Spuren, die wir dort vorfinden, bis wir dieses Rätsel aufgedeckt haben."
"Nein," entgegnete Alatar kalt. "Ich kann Gortharia derzeit nicht verlassen. Einige wichtige Ereignisse stehen kurz bevor, die meine vollste Aufmerksamkeit benötigen. Ein Umbruch muss in die Wege geleitet werden."
"Ein Umbruch? Wovon sprichst du?"
"Ist dir etwa entgangen, dass das Volk kurz vor dem Aufbegehren steht? Bald schon wird die Macht von Rhûn den Händen des manischen Königs entgleiten. Ich muss dafür sorgen, dass diese Macht nicht ungenutzt bleibt. Sie muss in fähige Hände gelegt werden und für sinnvolle Zwecke eingesetzt werden."
"Sprichst du etwa davon, selbst den Thron zu besteigen?" rief Pallando entsetzt. War nun nach Saruman etwa auch Alatar den Verlockungen von Macht und Einfluss erlegen?
Doch Alatar machte eine beschwichtigende Geste mit der rechten Hand. "So beruhige dich, Rómestámo. Ich strebe nicht nach dem Thron Gortharias. Aber ich werde jemanden darauf setzen, der der Bürde der Verantwortung eines Herrschers dieses mächtigen Reiches besser gewachsen ist als jener Narr, den Khamûl eingesetzt hat."
Pallando nickte. "Ich verstehe. Nun, dann werde ich darauf vertrauen, dass du weißt, was du tust."
"Das tue ich."
"Und wie es scheint, fällt nun die Rolle des Reisenden erneut mir zu, während du hier verweilen wirst."
"So ist es seit Generationen gewesen," antwortete Alatar. "Es liegt nun einmal in unserer Natur, mein Freund. Uns stehen nun entscheidende Tage bevor. Ich kann es mir nicht leisten, gerade jetzt alles aufzugeben. Ich bin von Feinden umringt. Noch blendet mein Zauber ihren finsteren Blick, doch wenn ich jetzt nachlasse, werden sie der Falle entgehen, die ich für sie vorbereitet habe."
Pallando konnte sich keinen Reim darauf machen, wovon Alatar sprach. Doch er war klug genug, nicht nachzufragen. Was in Gortharia geschah, war Alatars Spezialgebiet. Pallando hingegen würde sich seinen Stärken widmen, und alleine nach Süden gehen.

"Eile dich," sagte Alatar und erhob sich. "Ich spüre, dass sich die Dunkelheit nicht länger gedulden wird. Die Schatten wachsen und die Nächte werden finsterer. Etwas ist im Begriff zu geschehen... wir müssen wissen, was auf uns zu kommt."
Pallando nickte entschlossen. "Ich werde gehen, alter Freund, und ergründen, was sich im Süden zusammenbraut."
"Fang in Balanjar an," riet ihm Alatar noch. "Aus jenem Fürstentum ereilte den Rat der Zehn zuletzt reichlich seltsame Kunde. Dort wirst du hoffentlich die Antworten finden, die du suchst."
Von Alatars Dienern erhielt Pallando ein frisches Pferd. Durch das südliche Tor von Gortharia preschte er zurück auf die Ebenen Rhûns, ohne eine lange Rast einzulegen. Die Wälder südlich der Halbinsel Gortharias flogen an ihm vorbei, während er der Straße nach Balanjar, dem südlichsten der fünf Fürstentümer Rhûns folgte.

Pallando nach Balanjar
« Letzte Änderung: 9. Okt 2019, 12:23 von Fine »
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Der Ewige Berater
« Antwort #2 am: 30. Dez 2019, 15:52 »
Cyneric, Morrandir und Ryltha von den Straßen Gortharias


Ryltha hatte Cyneric rasch aus dem Adelsviertel heraus nach Südwesten geführt, den Weg oft durch enge Gassen und andere Abkürzungen nehmend. Im Händlerviertel, das in der südwestlichen Ecke Gortharias lag, waren sie scheinbar zufällig auf Morrandir getroffen, die ihre goldene Kommandantenrüstung mit dem dazugehörigen langen roten Umhang trug und einen Trupp Ostlingsoldaten anführte. Die Männer hatten Cyneric und Ryltha in ihre Mitte genommen, ohne Fragen zu stellen und hatten ihnen den Weg durch die Menschenmenge freigemacht, bis sie zu einem unscheinbaren mehrstöckigem Haus gekommen waren, dessen Flachdach von einem segelartigen Sonnenschutz überspannt wurde.
„Hier ist es,“ sagte Ryltha, während die Soldaten begannen, sich zu zerstreuen. „Dieser Ort wird vom Ewigen Berater für besondere Treffen genutzt. Bevor wir mit ihm sprechen brauchen wir allerdings einen neuen Namen für dich, Cyneric.“
„Wieso das?“ wollte Cyneric wissen.
Morrandir bedachte ihn mit einem düsteren Blick. „Wähle deine Worte weise in Alatars Gegenwart. Je mehr er über dich weiß, desto gefährlicher kann er dir werden. Unsere Allianz mit dem Zauberer ist brüchig genug. Wir fürchten, dass er uns hintergehen könnte. Es ist besser, er misst deiner Gegenwart keinerlei Bedeutung zu.“
Ryltha musterte Cyneric prüfend, dann sagte sie: „Ab sofort bist du Cahir, aus Dorwinion. Name und Aussehen passen gut zu dir. Präge es dir ein, falls der Zauberer dich befragt. Ein einfacher Mann vom Celduin-Ufer. Du bist ja bereits dort gewesen, weißt also wie die Gegend aussieht.“
„Der Name klingt mir eher nach Gondor,“ meinte Cyneric.
„So mancher Dorwinier hat gondorische Wurzeln,“ sagte Morrandir. „Cahir also. Eine gute Wahl, Schwester.“
Ryltha lächelte hinterlistig. „Wir sollten den Alten nicht warten lassen.“

Am Eingang des Hauses hielten zwei Krieger Wache, die blaue Umhänge trugen und mit langen Speeren bewaffnet waren. Morrandir trat vor und sagte: „Richtet Meister Alatar aus, dass die Schatten gekommen sind und eine Audienz einfordern.“
Der linke Wachtposten erbleichte sichtlich und rannte ins Innere, wobei er beinahe gestolpert wäre. Auch der zweite Mann blickte eindeutig unbehaglich drein, sagte jedoch nichts. Es vergingen wenige Minuten, ehe der Wächter zurückkehrte und mit leicht zitternder Stimme sagte: „Er erwartet Euch auf dem Dach.“
Ohne ihn eines Blickes zu würdigen marschierte Morrandir voran, gefolgt von Ryltha und ‚Cahir‘. Drei Stockwerke hinauf ging es über eine mit hölzernen Stufen versehene Wendeltreppe im Zentrum des Hauses, das auf Cyneric nur spärlich eingerichtet wirkte. Er sah nur wenige Möbel und gar keine Dekoration abgesehen von einigen Gemälden, die ausnahmslos Bilder des Himmels zeigten. So kamen sie nach einem kurzen Aufstieg auf das Flachdach des Hauses, das aus einer ausladenden Terrasse bestand. Zwei bequeme Stühle standen gegenüber des Treppenaufgangs. Einer war leer; in dem zweiten saß Alatar der Blaue vom Rat der Zehn, der vom Volk der Ewige Berater genannt wurde. Cyneric hatte den Zauberer bereits zweimal zuvor gesehen, beide Male allerdings nur aus der Entfernung. Ein wenig erinnerte er Cyneric an Gandalf, den Weißen: der stattliche Bart und die buschigen Brauen gehörten dazu. Doch der gelassen wirkende und doch prüfende Blick und das dunkle, nur an den Rändern ergraute Haar gaben Alatar eine deutlich kühlere, strengere Aura als die Herzlichkeit, die Gandalf bei seiner Begegnung mit Cyneric in Aldburg ausgestrahlt hatte.
„Willkommen, Ránt und Mór,“ sagte er mit tiefer, volltönender Stimme. Er fixierte Cyneric und fuhr fort: „Haben die Schattenläufer nun also ihre Aufnahmekriterien dramatisch geändert?“
„Mitnichten, Meister Alatar,“ entgegnete Morrandir ruhig. „Dies ist Cahir aus Dorwinion. Kein Mitglied der Drei Schatten, aber ein Verbündeter.“
„Ich verstehe. Und weshalb ersuchen die Schatten nun eine Audienz bei mir?“
Er kommt wohl direkt zur Sache, dachte Cyneric, der seine innere Anspannung nur mit Mühe unterdrücken konnte.
„Eine der Unseren ist in Gefangenschaft geraten,“ stellte Morrandir klar.
„Dáe ist in Gefahr. Wir wissen wo man sie gefangen hält, kommen aber nicht an sie heran,“ fügte Ryltha hinzu.
„Nicht ohne Hilfe, wie ich vermute,“ sagte Alatar und legte die Fingerspitzen aneinander.
„So ist es,“ antwortete Morrandir. „Findet einen Weg für uns in das Anwesen der Bozhidars, und wir stünden in Eurer Schuld.“
„Nun, die Gefallen der Schatten sind selten,“ meinte Alatar. „Ich würde einen solchen Gefallen durchaus einfordern zu wissen.“ Er erhob sich von seinem Stuhl und stützte sich auf seinen Stab, an dessen Spitze ein blauer Edelstein im kühlen Licht des Wintertages funkelte. „Dennoch muss ich mich wundern. Hat euer Können so weit nachgelassen, dass es den Schattenläufern unmöglich ist, in ein gewöhnliches Anwesen einzudringen?“
„Ihr wisst sicherlich, dass selbst bei einem einfachen Einbruch allerlei Vorbereitungen vonnöten sind,“ sagte Morrandir.
„Und dafür fehlt uns die Zeit,“ ergänzte Ryltha rasch hinzu. „Außerdem...“
Morrandir warf Ryltha einen warnenden Blick zu, doch es war zu spät. Interessiert blickte der Zauberer in ihre Richtung. „Außerdem?“ hakte er nach.
Ryltha kniff verärgert die Augen zusammen. Morrandir blieb ungerührt und sagte: „Einige Einblicke sind uns derzeit verschlossen. Und Ránt hat recht: Die Vorbereitungszeit fehlt uns. Wir müssen Dáe so bald wie möglich retten. Die Zeit drängt.“
Cyneric musste bei diesen Worten daran denken, dass Ryltha auf ihrer Reise von Rohan nach Gortharia eher beiläufig erwähnt hatte, dass der geheimnisvolle Brunnen der Schattenläufer in den vergangenen Wochen von einem geheimnisvollen Nebel getrübt worden war. Er fragte sich, ob der Zauberer vielleicht erahnte, wovon Morrandir wirklich sprach.
„Wie es der Zufall will führen mich meine Angelegenheiten noch heute zu besagtem Anwesen,“ sagte Alatar nach einer kurzen Pause. „Der Erbe der verblichenen Velmira, der junge Meister Silan, erwartet mich. Ich gedenke, ihm ein Geschenk zu machen um mir seinen guten Willen zu sichern.“
Morrandir nickte. „Ein weiser Zug. Haus Bozhidar besitzt großen Einfluss, den es nun zu nutzen gilt.“
„Ich werde eine Eskorte benötigen, wenn ich das Anwesen betrete,“ fuhr Alatar fort. „Ihr werdet ein Teil davon sein und erlangt so Zugang zum Inneren.“ Er erreichte die Treppe nach unten und sagte: „Folgt mir.“

Im Stockwerk direkt unterhalb des Daches befand sich ein Raum, in dem mehrere Geräte herumstanden, die offenbar zur Beobachtung des Himmels dienten. Darüber hinaus befand sich an einer der Wände eine Vitrine aus Glas, die Alatar nun öffnete. Er nahm ein Schwert heraus und reichte es an Cyneric weiter, der es überrascht entgegen nahm.
„Dies ist mein Geschenk an Meister Silan,“ erklärte der Zauberer. „Ein wertvolles Schwert, das als Kriegsbeute nach Gortharia kam. Er wird dessen Wert rasch erkennen. Tragt es, Cahir, bis ich Euch das Zeichen zur Übergabe gebe. Verliert Ihr es jedoch, so ist Euer Leben verwirkt.“ Bei den letzten Worten funkelte ein gefährliches Leuchten in Alatars Augen auf.
Cyneric hielt das Schwert mit beiden Händen fest umklammert. Die Klinge steckte in einer Fassung aus Leder und besaß einen leicht gebogenen Griff - eine Machart, die Cyneric noch nie zuvor gesehen hatte. Die Waffe war leichter als er bei dieser Größe erwartet hatte - das Schwert war lang genug, um als Anderthalbhänder geführt zu werden.
Diener kamen herein und brachten ihnen dieselbe Ausrüstung, die Alatars Wachen getragen hatten: eine einfache Kettenhemdrüstung mit ledernen Schulterschützern und Eisenhandschuhen, dazu ein langer, tiefblauer Umhang und ein Speer. Rasch legten sie die Verkleidung an und stießen dann zum Rest der Eskorte des Zauberers, die aus insgesamt fünfzehn Soldaten bestand. Gemeinsam schickten sie sich an, das Anwesen zu verlassen, als ihnen am Eingang eine Frau in einem langen, dunklen Gewand entgegenkam.
Alatar wirkte für einen kurzen Augenblick überrascht. „Nun, dies kommt unerwartet,“ sagte er, als die Frau vor ihm stand. „Die Herrin der Schatten persönlich.“
Da erkannte Cyneric sie: Merîl, die geheimnisvolle Anführerin der Schattenläufer. Es schauerte ihn, als er daran dachte, wozu diese Frau in der Lage war.
„Ich werde mit euch gehen,“ stellte Merîl in einem Tonfall klar, der keine Widerrede duldete. „Daés Befreiung hat oberste Priorität für mich.“
„So sei es,“ stimmte Alatar zu, was Cyneric wunderte. Er hatte erwartet, dass der Zauberer Einspruch einlegen würde. Doch dieser wirkte im Gegensatz dazu sogar regelrecht zufrieden. „Meister Silan ist über mein Eintreffen unterrichtet worden. Lassen wir ihn nicht länger warten.“
Die Eskorte setzte sich in Bewegung. Cyneric, der sich am Ende des Trupps eingereiht hatte, hatte sich das Schwert, das der Zauberer ihm anvertraut hatte, an den Gürtel gehängt, doch seine freie linke Hand verharrte am Griff der wertvollen Klinge. Er hatte nicht vor, sein Leben für diese Waffe aufs Spiel zu setzen...


Cyneric, Alatar und die Schattenläufer zum Bozhidar-Anwesen
« Letzte Änderung: 14. Jan 2020, 20:59 von Fine »
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Das Wissen der Altvorderen
« Antwort #3 am: 27. Feb 2020, 16:34 »
Milva, Cyneric, Alatar, Salia und Fiora aus dem Bozhidar-Anwesen


Alatar hatte sie allesamt aus dem Anwesen der Bozhidars heraus gebracht. Seine in Blau gekleideten Wachen hatten die Gruppe in die Mitte genommen und sie durch einen der Nebenausgänge zurück auf die Straßen Gortharias geführt. Dann waren sie zur Behausung des Zauberers zurückgekehrt, wo dieser sie in einen Raum geführt hatte, den Cyneric bei seinem vorherigen Besuch noch nicht gesehen hatte. Dieser Raum lag auf der mittleren Ebene des Gebäudes und war bis auf einen steinernen Sitz am hinteren Ende leer. Der Boden war zur Mitte hin leicht abgesenkt und war mit sanft ineinander übergehenden, kreisförmingen Blautönen bemalt worden. An der Decke waren ganz ähnliche Muster zu sehen, während die Wände ein einfarbiges, dunkles Blau zeigten und mit Holz ausgekleidet waren. Vier von der Decke hängende Lampen aus Kristall spendeten kühles Licht.
Der Ewige Berater schritt zu dem Steinsitz und ließ sich nieder, während seine Wachen hinaus gingen und Cyneric, Milva und Salia alleine mit ihrem Meister ließen. Fiora war in ein anderes Zimmer gebracht worden, wo sich eine Heilerin um sie kümmern würde.
"Ihr seid vorerst hier in Sicherheit," begann der Zauberer mit volltönender Stimme. "Ich nehme an, ihr fragt euch - insbesondere du, Cyneric - weshalb ich euch hergebracht habe."
"Ich kam nicht umhin, mir dieser Frage immer wieder zu stellen," entgegnete Cyneric. "Immerhin habt Ihr die Schattenläufer verraten und sie Silans Männern ausgeliefert."
"Du sprichst leichtfertig von Verrat," sagte Alatar scharf. "Verrat lag den Schatten im Sinne, als sie zu mir kamen und mich gegen Silan wenden wollten. Ich habe sie nur dem Schicksal zugeführt, das ihnen schon lange zusteht. Sie sind fehlgeleitet und besudelt von der Dunkelheit Mêrils."
"Mêril..." hörte Cyneric Milva neben sich sagen. "Ihr ... habt diesen Namen vorhin schon verwendet. Wer... wer ist sie?"

Der Zauberer stützte die Ellbogen auf seine Knie und legte die Fingerspitzen beider Hände aneinander. Leicht vorgebeugt begann er, zu sprechen. "Ihre Geschichte beginnt in der Altvorderen Zeit, noch vor dem Aufgang von Sonne und Mond," berichtete er im ernsten Tonfall eines Gelehrten, der seinen Schülern eine besonders wichtige Lektion beizubringen versucht. "Als die Sternenentzünderin Elbereth ihre Lichter an den Himmel setzte, tat sie dieses große Werk nicht alleine. Varda - der Name, unter dem ich sie einst kannte - war stets in Begleitung ihrer Zofe, Ilmarë, die sie durch das Dunkel der jungen Welt leitete und beschützte. Darüber hinaus gab es viele geringere Maiar in Vardas Gefolge, doch die Wichtigsten unter ihnen waren jene, die als die Sieben Schwestern bekannt wurden. Ihre Namen sind heute allesamt vergessen, doch wenn ich sie in das imladrische Quenya des Hauses Elrond übertragen müsste, würden sie lauten... " Er schloss für einen Moment die Augen und fuhr dann fort: "...Túlcarna, die Standhafte... Vilhistë, die Weitsichtige... Telrossë, die Nachdenkliche... Merendë, die Ausgelassene... Lirulin, die Geschwinde... Sovallë, die Reinigende... und schließlich Micaurëa, die Vorsichtige. Sie halfen der Sternenentzünderin und brachten das erste Licht in die noch dunkle Welt. Auch waren sie später am Bau der beiden großen Säulen beteiligt, ehe diese vom Dunklen Herrscher umgestürzt wurden. Lange wandelten die Sieben Schwestern ohne Heimat durch Mittelerde, doch als ihre Herrin sich im schneeweißen Palast an der Seite des Altvorderen Königs niederließ und ihr Gefolge zu sich rief, waren sich die Schwestern zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Arda uneins. Drei von ihnen wollten nach Valinor gehen, doch die anderen vier liebten das Licht der Sterne, und nicht das neue, von der Erdherrin geschaffene Licht der beiden Bäume, das ihnen zu grell war. Schließlich gelang es den Vieren, ihre drei Schwestern zum Bleiben zu überreden. So vergingen der Mittag von Valinor und das Dunkel legte sich mit der Flucht des Großen Feindes und des Todes der Lichtbäume wieder über die Welt, die so lange Frieden gehabt hatte. Die Schwestern lebten inzwischen an einem Ort... auf genau dem Felsen, auf dem diese Stadt errichtet wurde. Die Rückkehr des Schattens im Norden versetzte sie alle in Schrecken und so zerstreuten sie sich, obwohl sie einander sehr liebten. Eine von ihnen schuf damals die sieben Gewässer der Weisheit - eines für jede der Schwestern. Über diese konnten sie trotz der Trennung miteinander in Verbindung bleiben. Da sich die Kriege des Ersten Zeitalters hauptsächlich in Beleriand abspielten, waren jene Jahre für die Sieben zwar unruhig, aber noch mehr als die Rückkehr des Schattens überraschte sie der Aufgang von Sonne und Mond, die das geliebte Sternenlicht verblassen ließen. Doch als Morgoth schließlich auch seine Schattenkreaturen in den Osten entsandte, da flohen die Schwestern, eine nach der anderen, in die Unsterblichen Lande... bis auf zwei."

Alatar machte eine lange Pause und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Der Zauberer wirkte vollkommen gelassen, obwohl seine Worte den schweren Klang großer Bedeutsamkeit hatten. Alle drei Menschen - Milva, Salia und Cyneric - hatten bis jetzt wie gebannt zugehört und schienen es nicht zu wagen, Fragen zu stellen. Alatar schien das beinahe sofort aufzufallen. Er machte eine kleine Geste mit dem Finger, und das Licht im Raum begann, sich langsam zu verändern. Die blauen Kristalllampen nahemn an Intensivität zu und schon bald warfen Cyneric und die beiden jungen Frauen lange Schatten, die sich an die kalten Wände klammerten. Nachdem noch ein weiterer Augenblick vergangen war, nahm der Zauberer wieder das Wort. "Als Sauron nach dem Krieg des Zorns floh und sich im Osten verbarg, war er stark geschwächt und nur ein Schatten seiner selbst. Hier, in den Ruinen einer längst verfallenen Elbensiedlung aus den Tagen der Großen Wanderung, begegnete ihm durch Zufall eine der beiden Schwestern, die gerade auf Wanderung nach Norden war. Es kam zum Kampf. Dabei gelang es Sauron, seiner Gegnerin ihre Lebenskraft zu entziehen und sich selbst damit zu regenerieren. Der Dunkle Herrscher ließ sie gebrochen zurück, in dem Glauben, sie getötet zu haben. Dann machte er sich im Süden auf die Jagd nach der zweiten verbliebenen Schwester. Doch jene, die er hier, in den Tiefen unterhalb des Felsens zurückließ, war nicht tot... noch nicht. Sie klammerte sich mit aller Kraft an das wenige Leben, das ihr verblieben war. Sie war es, die einst die Wasser der Weisheit geschaffen hatte. Und sie fand hier, am Ort ihrer Niederlage, einen tiefen, natürlichen Brunnen. Doch als sie versuchte, ihre Macht erneut einzusetzen, um sich mit den reinigenden Kräften des Wassers zu heilen, verfärbte es sich stattdessen schwarz. Saurons Dunkelheit war auf sie übergegangen und er hatte sie damit befleckt. So gelang es der sterbenden Maia nur, ein Zerrbild ihrer einstigen Schöpfung zu erschaffen - den dunklen Brunnen, den die Schattenläufer Anntírad nennen. Der Zufall wollte es, dass in jenem Augenblick, als die Schwester ihre letzte Lebenskraft beinahe aufgebraucht hatte, eine vom Volk der Ostlinge zu ihr fand. Die Ostlinge waren aus Beleriand vertrieben worden und das Volk Gorthars hatte begonnen, sich auf dem Felsen hier am Kap niederzulassen. Dabei stießen sie auf die uralten Elbenruinen und das Gewirr von Tunneln im Gestein darunter. Eine von ihnen musste sich dort verirrt haben. Sie... war die Erste in einer langen Linie von Frauen, der ein grausames Schicksal bevorstand. Die gefallene Maia packte sie und stürzte sie in die Fluten des Brunnens, wo sie ihr das nahm, was ihr Sauron entzogen hatte: Die Lebenskraft. Als sich die Wogen geglättet hatten, enstieg nur eine Person dem Brunnen. Sie hatte die Gestalt der Menschenfrau, doch ihr Geist gehörte jener, die einst Merendë von den Sieben Schwestern gewesen war."
"M-mêril," erkannte Salia flüsternd.
"So ist es," sagte Alatar kalt. "Sie scharte drei Anhänger um sich, und begann einen Zyklus, der von den ersten Jahren des Zweiten Zeitalters bis heute andauert. Begann einer der Körper Mêrils Schaden zu nehmen, ob durch Verletzungen oder das Gewicht des Alters, erwählte sie sich die geeignetste unter ihren Dienerinnen und übernahm deren Gestalt. Sie war klug genug, ihre Gefolgschaft stets klein zu halten, um nicht Saurons Aufmerksamkeit zu erregen, weshalb sie die Regel der Drei ersann und damit die Zahl der Schattenläufer auf ewig festschrieb. Denn das sind sie: Gefäße für die Maia der Dunklen Wasser, Nahrung für Mêrils unheilbares Siechtum und Spielfiguren in ihrem Spiel der Macht. Doch nun... wird es enden. Ein für allemal. Ich habe lange Jahrhunderte gebraucht, um all dieses Wissen zusammenzutragen. Doch nun ist mir Mêril in die Falle gegangen. Eine ihrer Dienerinnen habe ich hier - und sie ist noch lange nicht gebrochen worden, habe ich recht?" Er blickte Salia an, welche dem Zauberer mit ernster Miene entgegenstarrte, ohne jedoch etwas zu erwidern, sodass Alatar fortfuhrt: "Nun, die zweite fiel im Kampf im Anwesen, die dritte entkam gemeinsam mit Mêril selbst, doch... sie sind beide verwundet, und während wir hier sprechen, spüren Silans Leute sie auf. Das wird das Ende der Schattenläufer sein, und das Ende Mêrils."

"Doch wieso das alles?" wollte Milva wissen. "Und was... was hat die Herrin der Quelle damit zu tun? Ist sie auch eine der Sieben Schwestern?"
"Nein," entgegnete Alatar. "Sie ist nur eine der Hüterinnen der Wasser der Weisheit. Sie war eine meiner wichtigsten Informantinnen, denn ihr Wissen über die Schwestern und ihre Geschichte ist groß, wenn sie auch nicht alles weiß. Aber zurück zu deiner ersten Frage... Die Schattenläufer haben auf eine Destabilisation Rhûns hingearbeitet. Grundsätzlich sehe ich dieses Ziel nicht als falsch an, aber... es ist der falsche Zeitpunkt. Rhûn braucht eine vereinte Streitmacht, um gegen das zu bestehen, das kommt. Es braucht einen starken König, der sowohl Adel als auch Volk hinter sich vereinen kann."
"Und Ihr seid der Meinung, Silan ist dafür der Richtige," meinte Cyneric zweifelnd.
"Nun, er ist jedenfalls ein besserer Kandidat als dieser Wahnsinnige, den Khamûl auf den Thron gehievt hat," entgegnete Alatar. "Er ist klug, aber dennoch offen für Ratschläge."
"Ihr meint, Ihr glaubt ihn kontrollieren zu können," folgerte Salia, die mit verschränkten Armen dastand. "Deshalb unterstützt Ihr ihn. Er soll Eure Marionette sein."
"Ich leugne nicht, dass sich dieses Land so am einfachsten lenken ließe," antwortete der Zauberer bedrohlich. "Doch ist dies nicht der Weg meines Ordens. Wir wurden als Berater entsandt, nicht als Herrscher. Andere haben diese Lektion bereits missachtet und dafür bezahlt."
"Saruman," murmelte Cyneric, als er verstand, wovon der Zauberer sprach.
"Ihr sagtet... Rhûn müsse vereint sein, gegen das was da kommt," wiederholte Milva nachdenklich. "Wie... habt Ihr das gemeint? Was wird kommen?"
Alatar erhob sich und sein Stab flog in seine Hand. "Der Dunkle Herrscher höchstpersönlich," sagte er grimmig und blickte sie alle nacheinander mit blitzenden Augen an.
« Letzte Änderung: 29. Feb 2020, 00:43 von Fine »
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Fine

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Ein gewagter Plan
« Antwort #4 am: 5. Mär 2020, 09:48 »
Alatars Worte hallten wie ein Donnerschlag im Raum wieder und hinterließen ein geschocktes Schweigen. Eine ganze Weile verging, in der die drei Menschen den Zauberer einfach nur anstarrten, ohne zu Worten imstande zu sein. Schließlich war es Salia, die als Erste die Sprache wiederfand.
"Der... dunkle Herrscher?" wiederholte sie langsam, mit einem Zögern in der Stimme. "Also... also stimmen die Gerüchte, die man aus Balanjar hört? Mordor greift tatsächlich das Königreich Rhûn an, und..."
"So ist es," sagte Alatar mit einem grimmigen Nicken. "Und Sauron persönlich führt das Heer an, das noch während wir hier sprechen, die Weiden und Felder der Balanjari niederbrennt. Ich kann nur hoffen, dass mein Mitstreiter Pallando rechtzeitig dort eingetroffen ist, um die Bevölkerung in Sicherheit zu bringen."
"Und Ihr glaubt, dass dieses Heer... als nächstes Gortharia angreifen könnte?" fragte Cyneric alarmiert.
"Nun... das kann derzeit niemand vorhersagen," erwiderte Alatar ruhig. "Aber die Möglichkeit besteht - und allein diese Tatsache bedeutet, dass ich mir für diesen Fall einen Plan machen muss. Jetzt, wo die Gefahr durch die Schattenläufer gebannt ist, steht Silans Aufstieg zum König nichts mehr im Wege, und das ist gut so. Je rascher er seine Herrschaft festigen kann, desto früher kann das Heer vom Erebor zurückgerufen werden und desto früher können wir an eine Verteidigung der Stadt denken."
"Überseht Ihr da nicht etwas?" meinte Milva nachdenklich. "Auf dem Thron sitzt noch immer König Goran."
Alatar erlaubte sich ein scharfsinniges Lächeln. "Diese Tatsache gedenke ich noch heute zu ändern," stellte er klar.
"Wie... wie wollt Ihr das bewerkstelligen? Wollt Ihr einfach so in den Palast marschieren, und Goran seines Amtes entheben?" fragte Salia zweifelnd.
"Mehr oder weniger... Ja," sagte der Ewige Berater. "Aber ich werde ihn nicht seines Amtes entheben. Sondern... seines Lebens."
Cyneric lief es bei diesen Worten eiskalt den Rücken hinunter. Er staunte noch immer darüber, wie sehr sich dieser Zauberer von dem zwar strengen, aber gütigen Gandalf unterschied, den er in Aldburg kennengelernt hatte.
Milva hingegen nickte knapp. Sie schien weniger ein Problem mit diesem offenen Bekenntnis zum Königsmord zu haben. Auch Salia wirkte nicht allzu beeindruckt. "Heute also noch," meinte sie nachdenklich.
"Noch heute," wiederholte Alatar. "Und ihr werdet mit mir gehen, als meine Zeugen."
"Wie bitte?" rief Milva. "Wir sind gerade erst aus Silans Keller entkommen, wenn er uns sieht, wird er...."
"Er wird nichts dergleichen tun," stellte Alatar klar. "Mein Mitverschwörer und ich selbst werden für eurer Sicherheit sorgen."
"Und wer ist dieser Mitverschwörer Etwa Silan selbst?" wollte Cyneric wissen.
"Silan der wichtigste Teil in unserem Plan zur Stabilisierung Rhûns. Ich habe mich nicht umsonst gerade mit ihm verbündet, obwohl er aus einem Adelshaus stammt, das traditionell das haus Gorthar unterstützt hat und loyal zur Krone stand. Seine Ambitionen und sein Ehrgeiz machen ihn zu dem perfekte Verbündeten für mich. Aber er ist nicht derjenige, von dem ich gerade sprach. Nein, mein Mitverschwörer ist jemand, der sich in den Reihen des Adels auskennt wie kein Anderer, der mir, der ich zeitlos bin, den Vorteil hat, am Puls der Gesellschaft Gortharias zu lauschen." Er machte eine subtile Handbewegung, und neben dem Sitz des Zauberers glitt eine bislang unsichtbar gewesene Türe auf. Hindurch trat eine Gestalt, die vom hellen Licht, das durch den Tührramen drang, von hinten angestrahlt wurde und deswegen zunächst nur als Silhouette zu erkennen war. Erst als sich der Mann etwas spöttisch verbeugte und neben Alatar trat, erkannte Cyneric ihn.
"Meister Castav?" entfuhr es ihm überrascht.
Branimir Castav lächelte und verschränkte die Arme vor der Brust. "Überrascht, mich hier zu sehen?" fragte er freundlich.
"Wer ist der Kerl?" wollte Milva wissen - Salia hingegen schien den Neuankömmling bereits erkannt zu haben.
"Branimir Castav," stellte sich der Adelige vor und nickte Milva zu. "Und Ihr müsst diejenige sein, wegen der Cyneric bei mir war und um meine Hilfe bat."
"Und Ihr standet die ganze Zeit über mit dem Zauberer im Bunde?" fragte Cyneric, was mit einer bejahenden Geste beantwortet wurde.
"Ich hatte den Ewigen Berater schon viele Jahre im Auge behalten. Als er vor einiger Zeit von sich aus auf mich zukam, war ich zunächst ebenso überrascht wie ihr," erklärte Branimir. "Doch rasch erkannte ich die Weisheit in seinen Worten. Unser geschätzter König... ist untauglich. Er hätte niemals den Thron besteigen sollen. Der junge Silan hingegen ist schlau, kommt beim Volke gut an und weiß, was er will. Er wäre ein guter Herrscher... mit den richtigen Beratern an seiner Seite, versteht sich."
"Ihr beiden wollt ihn wohl zu eurer Marionette machen," meinte Salia zweifelnd. "Und was, wenn er sich eurer Vormundschaft entledigen will?"
"Von einer Marionette kann keine Rede sein," erwiderte Alatar gelassen. "Wir sind Verbündete, das ist alles. Und das ist auch gut so, solange es einen so mächtigen gemeinsamen Feind gibt wie den Dunklen Herrscher," fügte er hinzu. "Doch genug der Worte. Jetzt ist die Zeit für Taten." Er erhob sich und setzte sich in Bewegung, gefolgt von Branimir. "Kommt, meine Verbündeten. Es gilt nun, einen König zu stürzen..."


Alatar, Milva, Cyneric, Branimir und Salia zum Königspalast
« Letzte Änderung: 10. Jun 2020, 14:32 von Fine »
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Eandril

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Re: Konzil der Zauberer
« Antwort #5 am: 9. Jun 2020, 10:55 »
Milva und Cyneric vom Königspalast

Den Weg vom Königspalast zu Alatars Behausung legten Milva und Cyneric schweigend zurück. Cyneric schien keinen dringenden Redebedarf zu verspüren, eine Tatsache, die Milva nur recht war. Ihre Kopfschmerzen hatten sich durch die letzten Ereignisse noch verschlimmert, und sie fühlte sich mit jeder Minute die verging, unbehaglicher - seit ihrer Befreiung aus Silans Kerker hatte sie weder ihre Kleidung gewechselt noch sich waschen können, und sie fürchtete, den muffigen Kerkergeruch nie wieder aus der Nase zu bekommen.
Erst als sie vor der Tür des dreistöckigen Hauses angelangt waren, wandte Cyneric sich um, öffnete den Mund wie um etwas zu sagen, schloss ihn allerdings sogleich wieder. Er blinzelte überrascht, und fragte dann: "Wo ist Salia?" Milva schüttelte ein wenig verwirrt den Kopf, bevor sie ebenfalls hinter sich blickte. Von der dunkelhaarigen Schattenläuferin war allerdings keine Spur zu entdecken.
"Ich weiß nicht...", sagte Milva langsam. "Ich dachte, sie wäre hinter mir, aber..."
"Wahrscheinlich hat sie sich heimlich abgesetzt, um herauszufinden, was mit Ryltha und Morrandir geschehen ist. Ich hatte noch keine Gelegenheit ihr zu erzählen..." Cyneric unterbrach sich, und machte einen ein wenig unentschlossen Schritt von der Tür des Hauses weg, doch Milva packte seine Hand und hier ihn zurück.
"Du wirst sie ganz sicher nicht finden, indem du einfach durch die Straßen läufst", sagte sie und suchte ein wenig mühsam nach Worten. "Vielleicht will sie auch gar nicht gefunden werden. Oder sie kommt von selbst zurück. Oder... Was ist denn überhaupt passiert?"
Cyneric fuhr sich mit einer Hand durch die verschwitzen dunklen Haare, die daraufhin noch unordentlicher als zuvor wurden und wie in Stacheln von seinem Kopf abzustehen begannen. "Es... wir..."
Milva unterbrach ihn, indem sie auf die Knie fiel und das wenige, was sich in ihrem Magen befunden hatte, erbrach. Vor ihren Augen flimmerte es, in ihrem Kopf drehte sich alles, und dann wurde es schwarz.



Als Milva zu sich kam, lag sie in einem Bett mit einer weichen Matratze und einer Decke aus einem ihr unbekannten Stoff - Seide vielleicht? Sie rieb sich die verklebten Augenlieder, und richtete sich im Bett auf. Der Kopfschmerz, der sie zuletzt geplagt hatte, war beinahe vollständig verschwunden. Nur ein hartnäckiges Pochen hinter ihrer rechten Schläfe war geblieben, und am Hinterkopf fühlte sie eine Beule, bei deren Berührung sie unwillkürlich zusammenzuckte.
Nach und nach nahm sie mehr von ihrer Umgebung war. Das Bett, in dem sie nun aufrecht saß, stand direkt unter einem Fenster, durch das gerade die letzten goldenen Strahlen der Abendsonne herein fielen. Mit einer zaghaften Bewegung - Milva konnte noch nicht vollständig glauben, dass die Kopfschmerzen vollkommen verschwunden waren - strich sie sich die vom Schlaf unordentlichen Haare aus dem Gesicht. Tatsächlich fühlten sich ihre Haare, obwohl durcheinander und verworren, überraschend sauber an. Das gleiche galt für ihr Gesicht und... den Rest ihres Körpers. Erst jetzt viel Milva auf, dass sie unter der Bettdecke vollkommen nackt war.
Im gleichen Augenblick vernahm sie leise Schritte, Stiefel auf hölzernem Fußboden, von außerhalb des Raumes, und gleich darauf klopfte es sacht an der Tür.
Milva räusperte sich. "Wer... ist da?" In Gedanken fügte sie hinzu: Und wo bin ich überhaupt?
Durch die hölzerne Tür hörte sie ein wenig gedämpft Cynerics Stimme: "Ich bin es, Cyneric. Du bist wach, gut. Also..." Milva glaubte ein etwas unbehagliches Räuspern zu hören. "Darf ich hereinkommen?"
"Nein!", gab Milva sofort zurück, sich ihres Zustandes jetzt vollkommen bewusst. Dann setzte sie sich mit überkreuzten Beinen auf die Matratze, wickelte sich die Decke auf Höhe der Achseln fest um den Oberkörper und ließ sie dann bis zum Bett herunterfallen, sodass nur noch ihre Schultern und Arme entblößt waren. Unsicher, ob Cyneric nicht vielleicht bereits wieder gegangen war, sagte sie laut: "Cyneric? Du kannst hereinkommen."
Die Tür öffnete sich ohne einen Laut, und Cyneric trat ins Zimmer, ein hölzernes Tablett mit mehreren Tonschalen und einem großen Becher unter den Arm geklemmt. Als er Milva sah, glaubte sie ihn unmerklich erröten zu sehen. Sein Gesicht zeigte jedenfalls überdeutlich wie peinlich berührt er war, und er sagte: "Soll ich wieder gehen? Ist... ist das ein schlechter Zeitpunkt?" Milva hätte gerne lässig abgewunken, doch der köstliche Geruch der Speisen, die sich in den Tonschalen befanden, verursachte ihr ein plötzliches Schwindelgefühl. Vor ihren Augen begann es sich zu drehen, also lehnte sie sich stattdessen nur zurück, mit dem Hinterkopf gegen die hölzerne Wandverkleidung, und schloss kurz die Augen.
Währenddessen sagte sie: "Nein, ist schon in Ordnung. Hauptsache... bring dieses Essen hierher, was immer es sein mag." Erst jetzt wurde Milva allmählich bewusst, wie hungrig sie tatsächlich war. Während ihrer Gefangenschaft hatten sie nur eine dürftige Mahlzeit am Tag bekommen, und die letzte musste inzwischen mehr als einen ganzen Tag zurück liegen.
Cyneric kam langsam näher und blieb vor dem Bett stehen, bevor er sich zögerlich auf die Bettkante setzte, wobei er einen Abstand zu Milva hielt, den wichtige Leute vermutlich als "schicklich" bezeichnet hätten. Da der Schwindel inzwischen vergangen war und Milva die Augen wieder geöffnet hatte, konnte sie das Tablett entgegennehmen und zwischen den Knien festhalten. Als Cyneric sich für einen Moment zu ihr hinüber beugte, nahm sie zwischen dem Duft des Essens seinen Geruch war. Er roch angenehm, sauber und nach trockenem Leder, vielleicht ein wenig nach Metall.
Ohne ein weiteres Wort fiel Milva zuerst über eine tiefe Schüssel mit Suppe her. Sie ignorierte den hölzernen Löffel, hob stattdessen die Schüssel an die Lippen und nahm einen tiefen Schluck, ungeachtet der Tatsache, dass die heiße Flüssigkeit ihr Lippe und Gaumen verbrannte. Nur zwei Schlucke später hatte sie die Schale komplett geleert, und Milva riss ein Stück von dem weichen, hellen Brot ab, und wischte die Schüssel damit bis auf den letzten Rest sauber. Nachdem sie auch suppengetränkte Stück Brot verspeist hatte, breitete sich eine wohlige Wärme in ihrem Bauch aus, und sie hatte das Gefühl, dass die widerwärtige Schwäche in ihren Gliedmaßen ein wenig nachgelassen hatte. Anstatt sich ohne weiteres auf das Stück Braten - es mochte Hirsch oder Reh sein - dass sich auf einem Holzbrett befand, zu stürzen, griff Milva nach dem großen Becher. Mit Hunger kannte sie sich gut genug aus um zu wissen, dass sie, wenn sie zu viel und zu schnell auf einmal aß, nur erreichen würde, alles wieder zu erbrechen. Sie warf einen Blick in den Becher, in dem sich eine dunkelgelbe, trübe Flüssigkeit befand, und wandte sich dann mit hochgezogener Augenbraue nach links, in Cynerics Richtung.
"Was soll das sein?" Cyneric, dessen Miene nicht verriet, was er dachte, antwortete: "Saft, von einer Frucht aus dem fernen Süden, die ich nicht kenne - jedenfalls sagte der Koch mir das." Auf Milvas misstrauischen Gesichtsausdruck hin lächelte er leicht, und ergänzte: "Ich habe auch etwas davon getrunken. Es ist gut."
Die Antwort genügte Milva, und sie nahm einen kräftigen Schluck. Das Getränk war süß und ein wenig sauer, und prickelte auf der Zunge. Mit einem bedauernden Blick auf den Rest des Essens stellte sie dann das Tablett für den Augenblick beiseite, und wandte sich stattdessen wieder Cyneric zu.
"Ich... habe mir Sorgen gemacht", ergriff dieser die Gelegenheit. "Ich hatte befürchtet, du wärst verwundet worden, aber offenbar waren es nur die Nachwirkungen der Gefangenschaft."
"Nur", gab Milva zurück, doch nicht ärgerlich. In der Regel gefiel es ihr nicht sonderlich, wenn andere versuchten, sich um sie zu kümmern, oder sich Sorgen um sie machten, doch seltsamerweise störte Cynerics Besorgnis sie nicht weiter. "Ich habe... keine Ahnung wie lange in einem dunklen Kerker verbracht, nur um heute - es ist noch heute, oder?" Cyneric nickte, und Milva fuhr fort: "Nur um heute befreit und dann von diesem Zauberer oder was auch immer mit irgendwelchen Geschichten erschlagen zu werden. Und dann diese Geschichte mit dem König, und dem Dunklen Herrscher der kommt um uns alle zu töten und..." Sie presste die Handflächen gegen die Schläfen, und versuchte ihren Atem zur beruhigen.
Nach kurzem Zögern beugte Cyneric sich zu ihr hinüber und ergriff sanft ihre Hände.
"Es ist... schwierig, dass alles zu verstehen. Alles was hier passiert ist so..." Er lächelte schwach. "Es ist viel. Und eigentlich... eigentlich möchte ich mit alldem nichts zu tun haben, aber..." "... man hat das Gefühl, dass alles viel schlimmer werden könnte, wenn man wegläuft", beendete Milva den Satz für ihn.
Cyneric nickte, ohne den Blick von ihrem Gesicht abzuwenden. "Ich wäre viel lieber in Rohan geblieben, bei meiner Tochter. Aber ich..."
Milva unterbrach ihn erneut. "Du hast sie gefunden!" Der Gedanke erfüllte sie mit mehr Freude als sie erwartet hätte. Vielleicht... vielleicht war es doch möglich, dass manche Dinge ein gutes Ende hatten.
"Und viel zu schnell wieder verlassen", erwiderte Cyneric. "Es gab keinen Streit oder ähnliches", erklärte er schnell auf Milvas besorgten Gesichtsausdruck hin. "Déorwyn und ich, wir müssen beide für den Moment unsere eigenen Wege gehen, aber dieses Mal weiß ich, dass wir uns wiedersehen werden."
"Hm", machte Milva. Sie bemerkte, dass Cyneric noch immer ihre Hände hielt, doch sie machte keine Anstalten, die Berührung zu unterbrechen. "Ich nehme an wir sind in... Alatars Haus?"
"Das Konzil der Zauberer, so nennt er es", antwortete Cyneric. "Ja, als du... vor der Tür ohnmächtig geworden warst, habe ich dich hereingetragen."
"Und hast du..." Sie löste eine Hand aus seinem Griff, und deutete mit einer vagen Geste auf Raum und Bett, bevor sie eine saubere Haarsträhne in die Höhe hielt. Die Bewegung machte Cyneric darauf aufmerksam, dass er immer noch ihre linke Hand hielt, und zu ihrem leichten Bedauern ließ er sie los. Als er begriff, worauf sie anspielte, wirkte er ein wenig verlegen und erklärte: "Nein nein, Alatars Diener haben sich um dich gekümmert und in dieses Zimmer gebracht, und..." Er räusperte sich unbehaglich. "Gewaschen, nehme ich an. Ja."
Milva zog eine Augenbraue hoch, biss sich auf die Lippe und beugte sich ein wenig vor, wobei die Decke ein Stück verrutschte. Sie tat als bemerkte sie es nicht. "Und wenn keine Diener dagewesen wären? Hättest du dann..." Cyneric rutschte ein Stück in Richtung Fußende des Bettes, von Milva weg, räusperte sich erneut und heftete den Blick an einen Punkt irgendwo über ihrem Kopf.
"Ähm, die... die Decke ist..." Milva blickte nach unten, doch die Decke war keineswegs weit nach unten gerutscht und hatte nichts entscheidendes freigelegt. Sie verdrehte die Augen, rückte die Decke allerdings nicht wieder zurecht.
"Warum bist du überhaupt nach Gortharia zurückgekommen? Wir hatten noch keine Gelegenheit, darüber zu sprechen." Cyneric fuhr sich unruhig mit einer Hand über den Bart. "Nun, Ryltha, sie..." Er brach ab, als Milva ein unmerkliches Stück näher in seine Richtung gerutscht war.
"Was soll das werden?" Milva ächzte vernehmlich. Sie betrachtete Cynerics Gesicht einen Augenblick lang schweigend, bevor sie eine Entscheidung traf. Sie lehnte sich weiter nach vorne, und sagte leise: "Wie auch immer, ich sollte mich für die Befreiung bedanken." Sie beugte sich noch weiter vor, ganz nah an sein Gesicht heran, und küsste ihn sanft auf die Lippen - nur einen Moment lang, bevor sie sich wieder zurück zog. Zu ihrer Erleichterung hatte Cyneric sich nicht von der Stelle gerührt und sie auch nicht von sich gestoßen. In seinen grauen Augen, die sie intensiv betrachteten, spiegelte sich Unruhe und Nervosität. Schließlich sagte er leise: "Milva, hör zu. Wir können nicht... ich... ich bin..."
Milva unterbrach ihn zum dritten Mal. "Oh nein nein nein. Zu alt? Die Tochter-Masche kannst du bei mir vergessen. Ich hatte einen Vater, ich brauche keinen zweiten. Und überhaupt, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie alt genau du überhaupt bist, du hast dich auf jeden Fall ziemlich gut gehalten." Sie rieb sich die Schläfen. "Oh, bei allen... Ich habe auch keine Ahnung, ob das eine gute Idee ist. Aber, verdammt noch mal, du siehst nun einmal ziemlich gut aus, du hast bewiesen, dass du ein guter Mann bist und obendrein hast du mich gerade aus einem finsteren Kerker befreit. Wie ein tapferer Ritter eine Prinzessin in all den Märchen. Habt ihr diese Märchen in Rohan auch."
Cyneric lächelte. "Die haben wir allerdings."
"Schön. Also sei mein Ritter, Cyneric. Allerdings..." Milva musste unwillkürlich grinsen, auch wenn ihre Hände vor Anspannung zitterten. "Ich gebe vermutlich keine besonders gute Prinzessin ab."
"Ich habe mich ohnehin nie nach einer Prinzessin gesehnt", erwiderte Cyneric sanft. Er griff nach einer Haarsträhne, die sich in ihr Gesicht verirrt hatte, doch anstatt sie ihr einfach aus der Stirn zu streichen, drehte er sie zunächst sanft zwischen den Fingern. "Und zu behaupten du wärst keine, hm... attraktive, junge Frau, wäre sicherlich eine Lüge, und dass ich... mich auf seltsame Weise zu dir hingezogen fühle, doch..." Er verstummte, und schüttelte leicht den Kopf.
"Doch was? Wovor hast du Angst, Cyneric? Dass du das Andenken deiner Frau beleidigst? Ich habe einen Jungen geliebt, vor ein paar Jahren, doch er ist tot, genau wie sie. Wir leben noch. Und ich glaube nicht, dass sie es missbilligen würden, wenn wir ein wenig Freude und... Liebe... mit jemand anderem finden. Und deine Tochter? Hast du Angst, dass sie es missbilligen würde? Wenn es soweit kommt, könntest du dich immer noch entscheiden, wer dir wichtiger es."
"Nur wäre es dann sicherlich schwieriger", meinte Cyneric ruhig, weiterhin ohne den Blick abzuwenden. Milva rang sich zu einem grimmigen Lächeln durch. "Mit Sicherheit."
Cyneric schwieg einen Augenblick, nachdenklich. "Das Risiko gehe ich ein. Wir könnten ohnehin morgen beide tot sein, also..." Er zuckte mit den Schultern, bevor er sich soweit nach vorne lehnte, dass Milva seinen Atem auf ihrem Gesicht spürte, und seine Stirn fast ihre berührte. "Ich gebe mich geschlagen... Prinzessin." Sie lachte beide, gemeinsam, wie über einen Witz, den nur sie beide verstanden, bevor Cyneric ergänzte: "Also. Lass es uns versuchen, und wir werden sehen, was passiert."
Damit küsste er sie, und dieses Mal lange und ausdauernd, viel länger als eben, als sie ihn geküsst hatte. Milva schlang die Arme um ihn, zog ihn näher an sich heran, bevor sie mit beiden Händen durch die Haare an seinem Hinterkopf fuhr.
Als sie sich schließlich lösten, waren sie beide ein wenig außer Atem, und Milva spürte, dass ihre Wangen gerötet waren. Cyneric stand auf, und nahm das Tablett vom Bett. Das übrig gebliebene Essen war inzwischen kalt geworden, doch im Augenblick verspürte Milva ohnehin keinen Hunger mehr, sondern nur eine behagliche, sehr zufriedene Müdigkeit.
Cyneric entfernte sich langsam, rückwärts, das Tablett in den Händen, bis er mit dem Rücken gegen die Tür stieß. "Ich denke, für heute solltest du noch ein wenig mehr Schlaf finden."
"Alleine?", versuchte Milva verführerisch zu fragen, doch ein herzhaftes Gähnen unterbrach sie und verdarb jegliche Wirkung. Cyneric lachte leise in seinen Bart hinein. "Alleine."
"Na schön", gab Milva zurück, und als Cyneric die Tür hinter sich geschlossen hatte, fügte sie leise für sich hinzu: "Für heute jedenfalls..."

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

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Die Dunkelheit rückt näher
« Antwort #6 am: 23. Jun 2020, 23:05 »
Nachdem er Milvas Zimmer verlassen hatte, brachte Cyneric das Tablett mit dem übrigen Essen zurück in die Küchen des Zaubereranwesens, die im Keller gelegen waren. Inzwischen war es Abend geworden. Von draußen drangen immer noch hin und wieder die Stimmen derjenigen gedämpft herein, die den Aufstieg des neuen Königs verkündeten. Alatar hatte nicht einmal einen halben Tag gebraucht, um das, was vom Rat der Zehn noch übrig war, hinter sich zu vereinen und Silan Bozhidar auf den Thron zu hieven. Der Zauberer hatte sich seither in seinem Anwesen nicht sehen lassen sondern war direkt im Palast geblieben.
Cyneric nahm auf einer hölzernen Bank im Essraum der Bediensteten des Anwesen Platz. Immer wieder schwirrten geschäftige Menschen um ihn herum, ohne ihn zu beachten, während er ein karges Abendessen zu sich nahm. Es gelang ihm recht gut, das Treiben in den Küchen auszublenden und in Gedanken zu versinken.
Ich frage mich, wie es jetzt weitergehen wird, dachte er. Das Reich der Ostlinge befand sich im Umbruch. Der neue König hatte seine Macht zwar auf den ersten Blick hin gefestigt, da er Rat ihn unterstützte und die Stadtwachen und die Armee hinter ihm standen, doch wie das Volk reagieren würde, war noch unklar. Auch die Schwarze Rose und andere Untergrundgesellschaften würden noch ein Wörtchen mitzureden haben. Und dann war da die dunkle Bedrohung aus dem Süden. Ob es wirklich stimmte, was Alatar gesagt hatte, dass der Dunkle Herrscher persönlich an der Spitze einer gewaltigen Streitmacht auf Gortharia vorrückte? In diesem Fall hätte Cyneric keine Zeit mehr zu verlieren. Er war nach Rhûn gekommen um Milvas Willen, und Milva war gerettet worden. Darüber hinaus hatte sie... ihn geküsst. Und er sie. Bei dem Gedanken spürte er, wie sich seine Mundwinkel anhoben und er unterdrückte verlegen die Miene. Ich sollte mit Milva so bald es geht von hier verschwinden. Sie zurück nach Rohan bringen, wo sie sicher sein wird, und...
Er unterbrach sich. Ertappt stellte er fest, dass er erneut über Milva als eine Frau, die es zu retten galt, gedacht hatte. Aber Milva war Rohan fremd, wer konnte wissen, ob sie überhaupt dorthin mitkommen wollen würde, oder ob sie nicht viel lieber in ihre Heimat Dorwinion ziehen würde. Cyneric nahm sich vor, so bald wie möglich mit Milva darüber zu reden.
Als er an seine Heimat dachte, tauchte das Gesicht seiner Tochter vor seinem inneren Auge auf. Déorwyn grinste frech und schien zu sagen: "Wie? Du hast eine Frau kennengelernt? Und was ist mit Mutter? Hattest du nicht vor, ihr Ansehen zu wahren?" In Cynerics Vorstellung gab seine Tochter die gespielte Strenge dann auf und kicherte. "Ich hab' es ja geahnt! So wie du von dieser Milva gesprochen hast, als du mir von deinen Abenteuern in Rhûn erzählt hast. Ich will sie unbedingt kennenlernen! Bestimmt wird sie hocherfreut sein, eine so wundervolle Tochter wie mich zu bekommen, denkst du nicht auch?"
Cyneric ertappte sich dabei, wie er bei diesem Gedanken grinste und begann, seinen Teller zu leeren. Sein Entschluss stand mittlerweile fest. Er würde Milva gleich morgen fragen, ob sie ihn nach Rohan begleiten würde... nach Hause.

Man teilte ihm eine kleine Unterkunft im selben Stockwerk zu, in dem auch Milvas Zimmer gelegen war. In dem Raum, in dem Cyneric einquartiert wurde, stand bis auf ein Bett kein anderes Möbelstück - für mehr war auch gar kein Platz. Doch das störte ihn nicht. Er hatte ohnehin nicht vor, mehr als eine Nacht hier zu bleiben. Als er seine Rüstung ablegte, fiel ihm das Schwert auf, das er seit Milvas Befreiung am Gürtel getragen hatte. Es steckte in einer unscheinbaren Hülle aus dunklem Leder, doch als Cyneric die Klinge vorsichtig hervor zog, und sie zum ersten Mal so richtig in Augenschein nahm, fiel ihm auf, was für ein Meisterstück das Schwert sein musste. Die Klinge war mit elbischen Runen beschriftet und wies eine einseitige Krümmung auf, die Cyneric seltsamerweise an einen der Säbel der Haradrim erinnerte, die er in der Schlacht auf dem Pelennor gesehen hatte. Der Griff besaß eine Parierstange, die ebenfalls gebogen war und nur auf der gebogenen Seite der Klinge ausgefertigt worden war. Das Schwert war leicht genug, um es in einer Hand zu führen, konnte aber auch mit beiden Händen gegriffen werden.
Cyneric fragte sich, wie Alatar, von dem das Schwert ja stammte, die Klinge nur vergessen haben konnte. Die Stadt versank zwar im Chaos, aber einem Zauberer war zuzutrauen, dass er ein solches Detail nicht aus den Augen verlieren würde, selbst während eines so großen Umsturzes wie dieser einer war. Cyneric fragt sich, ob Alatar wohl absichtlich zugelassen hatte, dass das Schwert in seinen Besitz gelangte - und aus welchem Grund der Zauberer das wohl getan haben mochte.
Diese Fragen, sowie alle weiteren Rätsel, über die er sich an jenem Abend vielleicht den Kopf zerbrochen hätte, blieben unbeabsichtigt, als sich die Tür des kleinen Zimmers plötzlich öffnete und eine Gestalt in einem schwarzen Kapuzenumhang herein kam, ein blankes Messer in der Hand. Ehe Cyneric reagieren konnte, versetzte der Angreifer ihm einen brutalen Stoß, der ihn mit dem Rücken gegen die Wand unterhalb des kleinen Fensters schleuderte. Er hob reflexartig die Hände und bekam dabei den Saum des schwarzen Umhangs zu fassen. Die Kapuze rutschte herab, als sich die Klinge des Messers an Cynerics Hals legte. Zum Vorschein kam das Gesicht Morrandirs.
Die Schattenläuferin war noch blasser als gewöhnlich und ihr Gesicht war von Wunden und Schnitten übersät. Blut lief ihr aus dem Mundwinkel, nur die Augen waren so kalt und gefühllos wie eh und je. Das schwarze Haar fiel ihn unordentlichen Strähnen zu beiden Seiten des Gesichts herab, die Lippen waren aufgeplatzt, die Nase ganz offensichtlich gebrochen.
"Verräter," sagte Morrandir mit einer grauenvollen Düsternis in der Stimme. "Hast du gedacht, du kannst den Schatten entfliehen?"
Cyneric schloss die Augen. Er wusste, dass es vorbei war. Die Klinge an seinem Hals ritzte ihn und etwas Blut rann daran herab.
"Na los. Tu was du tun musst," stieß er ruhig hervor.
"Sieh mir in die Augen, Verräter," forderte Morrandir und erhöhte den Druck um eine Winzigkeit. "Weigerst du dich, wird das Mädchen unter Qualen sterben."
Milva! dachte Cyneric entsetzt, auch wenn es unklar war, wen Morrandir wirklich gemeint hatte. Er öffnete die Augen und starrte die Schattenläuferin an, wollte etwas sagen... als ohne Vorwarnung das Fenster über seinem Kopf zu explodieren schien und etwas hindurch gerauscht kam, und Morrandir von den Beinen fegte.

Cyneric rappelte sich vollkommen durcheinander auf. Im Halbdunkel des Zimmers konnte er erst nicht sehen, wohin die Schattenläuferin geschleudert worden war. Die Türe, die Morrandir hinter sich geschlossen hatte, hatte den Aufprall aufgehalten und dort lag Morrandirs Umhang, einem großen schwarzen Bündel gleich. Als Cyneric einen vorsichtigen Schritt darauf zu machte, bewegte sich vor ihm etwas, und endlich konnte er erkennen, was er vor sich hatte.
Morrandir lag leblos auf dem steinernen Boden des kleinen Raumes, ihr Kopf ruhte am unteren Ende der Zimmertür. Ihre Gesichtszüge zeugten von der für sie so typischen Ruhe... doch die Augen waren im Schock weit aufgerissen und starrten regungslos, ohne zu blinzeln, ins Leere. Auf der gefallenen Schattenläuferin hockte rittlings eine schmale Gestalt, deren schwarzes Haar im schwachen Licht silbrig glänzte. Als sie den Kopf zu Cyneric drehte, blickte er in zwei entschlossene, grüne Augen.
"Salia..." flüsterte er fassunglos.
Die junge Frau blieb keuchend an Ort und Stelle sitzen. In ihrer Hand blitzte ein blutverschmierter Dolch auf. Ringsherum lagen hunderte Scherben, die Überreste des Fensters, durch das Salia gekracht war. Sie wies mehrere kleinere Schnitte an Armen und Gesicht auf, schien aber abgesehen davon unverletzt zu sein.
"Wo bist du gewesen?" fragte Cyneric atemlos.
"Ich habe die Schatten gejagt," erklärte Salia ausdrucklos und starrte auf die Leiche Morrandirs herab. "Ich wusste, dass sie dich nicht in Frieden lassen würden. Mich auch nicht. Eine habe ich erwischt," sagte sie und spuckte aus. "Rylthas Spur führt zurück zu..."
"Ryltha ist tot," unterbrach Cyneric sie. "Ich habe sie mit eigenen Augen sterben sehen. Und ich dachte, dass auch Morrandir tot wäre."
"Einen Schatten kann man nicht töten, es sei denn man wandelt selbst im Finsteren," sagte Salia, die inzwischen etwas fahrig wirkte. "Ich werde erst glauben dass Ryltha tot ist, wenn ihr Blut von meiner Klinge tropft. Und..."
"Und?"
"Mêril ist auch noch dort draußen."
Cyneric wurde bleich. "Verdammt," entfuhr es ihm. "Und ich dachte, im Haus eines Zauberers sicher zu sein..."
"Kein Ort ist sicher," antwortete Salia düster. "Nicht solange Mêril am Leben ist. Wir müssen es zu Ende bringen... koste es was es wolle."
Cyneric sprang auf. "Wenn Morrandir mich hier gefunden hat, dann müssen sie auch wissen, wo Milva ist." Er stieß die Tür auf und eilte den Gang entlang zu Milvas Zimmer, gefolgt von Salia.

Vor Milvas Zimmer hielt ein in Blau gekleideter Soldat Wache. Cyneric machte ihm noch im Laufen klar, dass er Platz machen sollte. Ihm pochte das Herz bis zum Hals vor Sorge. Glücklicherweise verstand der Wächter und machte ihnen die Tür auf. Drinnen war es hell - offenbar hatte Milva, oder jemand anderes, für viel Licht gesorgt.
Cyneric platzte ohne Vorwarnung hinein - und prallte erschrocken zurück, als er Milva entdeckte, die ihn entgeistert aus einem großen Badezuber heraus anstarrte, der im hinteren Teil des recht großen Raumes nahe des Fensters stand. Das Wasser reichte der Dorwinierin zwar bis über den Bauchnabel, aber der Rest des Oberkörpers war unbedeckt.
"Cyneric..." stammelte Milva und wurde schlagartig rot, die Hände hastig um die Brüste legend.
"Äh..." Cyneric wusste nicht, was er sagen sollte. "Es... geht dir gut," sagte er etwas lahm. "Da bin ich froh..."
Milvas Stirn legte sich in Falten. "Was tust du hier?"
"Ich war in Sorge..."
"In Sorge? Weswegen?"
Salia trat hinter Cyneric hervor. "Wegen der Schatten," sagte sie ernst, versetzte Cyneric dann einen festen Stoß in die Seite. "Dreh dich endlich um, du riesiger Idiot." Als Cyneric entgeistert gehorchte, hörte er ein Geräusch, von dem er nicht gewusst hatte, dass es überhaupt exisistierte: Salias Lachen.
"Was ist so komisch?" verlangte Milva zu wissen.
"Ihr zwei..." sagte Salia und schüttelte den Kopf. "Da lässt man euch einen Tag alleine, und ihr verliebt euch Hals über Kopf ineinander?"
"Naja, ich kann das erklären," meinte Cyneric verlegen.
"Hast du ein Problem damit?" fragte Milva patzig in Salias Richtung und versank dann bis zum Hals im Badezuber, die Füße auf der anderen Seite herausstreckend. "Und kann mir vielleicht endlich jemand erklären, warum ihr hier so reingeplatzt kommt als würde die Welt gleich untergehen?"
Salia wurde schlagartig wieder ernst. "Morrandir hat versucht, Cyneric zu töten. Ich kam gerade noch rechtzeitig. Die anderen Schatten sind noch dort draußen irgendwo. Wir müssen sie erwischen und wir haben nur noch wenig Zeit. Diese Stadt ist dem Untergang geweiht, fürchte ich."
"Langsam, langsam," sagte Milva. "Könnt ihr mir nicht eine einzige verdammte Nacht in Ruhe gönnen, ehe wir wieder gejagt werden und fliehen müssen?"
"Also..." begann Cyneric, doch Salia unterbrach ihn.
"Ich mache mich wieder auf die Suche. Wenn ich bis morgen Mittag nicht zurückgekehrt bin, dann müsst ihr die Stadt verlassen." Ohne ein weiteres Wort eilte sie aus dem Zimmer.
Cyneric drehte sich vorsichtig zu Milva um, die ihn mit einem noch immer recht bösen Blick bedachte und kleine Luftbläschen im Wasser mit ihren Lippen aufsteigen ließ, nachdem sie ihr Kinn und Mund unter Wasser gesenkt hatte.
"Es tut mir Leid," begann er. "Morrandir ist wie aus dem Nichts aufgetaucht. Wäre Salia nicht gewesen... ich bin sofort gekommen, um nach dir zu sehen."
Milvas Blick blieb immer noch auf ihn gerichtet, die Falten auf ihrer Stirn verschwanden hingegen.
"Ich weiß nicht, ob wir hier sicher sein werden, aber... ich vertraue Salia. Sie wird die anderen Schattenläufer finden. Ich ... weiß nicht, was ich tun soll, Milva. Und wohin wir gehen sollen. Ich habe so viele Fragen... Ob du mit mir nach Rohan kommen würdest. Ob wir hier diese Nacht noch vor unseren vielen Feinden sicher sein werden. Was uns wohl noch alles bevorstehen wird. Wie es weitergehen wird...."
Milvas Blick blieb unverändert, aber sie tauchte weit genug auf um etwas zu sagen. "Warum hältst du nicht einfach den Mund und kommst zu mir ins Wasser?"
Cyneric starrte sie einen Augenblick lang an. Dann schwankte er kurz... und machte dann einen Schritt auf Milva zu, seine Bedenken und seine letzten Vorbehalte hinter sich lassend.
RPG:

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Ein Moment des Friedens
« Antwort #7 am: 24. Sep 2020, 11:09 »
Sie hatten gerade genug Platz in der hölzernen Wanne, um nebeneinander im Wasser sitzen zu können. Der Wasserspiegel stieg bedrohlich an, als Cyneric (nur mit einem dünnen Tuch bekleidet) sich niederließ, aber bis auf ein paar Tropfen hier und da schwappte nichts über. Cyneric schloss für einen Moment die Augen und genoss das Gefühl - das angenehm warme Wasser, aber vor allem Milvas weiche Haut, die er an seiner Seite spürte, denn sie hatte sich an ihn geschmiegt.
"Was für ein sonderbarer Abend," murmelte er leise. "Erst werde ich beinahe gemeuchelt, und nun..."
"Und nun?" wiederholte Milva erwartungsvoll und schaute zu ihm auf.
Cyneric lächelte verlegen. "Jetzt sitze ich hier mit der Frau, die es geschafft hat, dass ich seit meiner Heimkehr nicht mehr ständig an meine Tochter denke - sondern an dich - und frage mich... ob das alles vielleicht nur ein Traum ist. Draußen geht die Welt unter... die Schatten jagen uns, der Dunkle Herrscher steht vor der Tür, das Chaos regiert in den Straßen... und doch fühle ich mich so ruhig und entspannt wie schon lange nicht mehr."
Milva machte ein leises, zustimmendes Geräusch, unterbrach ihn jedoch nicht.
"Erinnerst du dich noch an die Nacht, in der du etwas zuviel getrunken hattest, und..."
"Mhmmm," machte Milva.
"Ein Teil von mir wollte dir damals schon nachgeben. Und ein anderer Teil... hatte schon von Anfang an, seit unserer ersten Begegnung gespürt, dass... du etwas Besonderes bist. Ich habe nur... viel zu lange gebraucht, um zu verstehen, was ich wirklich fühle. Ich musste erst von dir getrennt werden, um... zu bemerken, was du mir bedeutest, Milva."
Milva wurde sichtlich rot. "W-was redest du denn da," murmelte sie undeutlich. "Hat dir das heiße Wasser endgültig den Verstand geraubt?"
"Nein, ich... sehe jetzt sogar vieles klarer," antwortete er und drehte sich zur Seite, sodass ihre Gesichter einander gegenüberlagen. "Ich liebe dich, Milva."
Milvas Miene wurde sanfter, und sie nickte sachte. "Und ich... liebe dich. Ich bin froh, dass du bei mir bist... und dass du wegen mir zurückgekommen bist."
Cyneric beugte sich vor, um sie zu küssen. Zuerst zaghaft, dann mit mehr Nachdruck erwiderte sie den Kuss. Sie ließen sich Zeit - Zeit, die sie wahrscheinlich nicht hatten, denn mit jeder verstrichenen Minute rückte die Streitmacht Mordors näher, doch in diesem Moment war beiden alles, was jenseits des Badezimmers geschah, egal. Cyneric hatte eine Hand an Milvas Wange gelegt, während sie den linken Arm um seine Schulter geschlungen hatte. Der Kuss intensivierte sich, und langsam näherten sich ihre Körper weiter an, bis Cyneric Milvas Hand auf seinem Rücken spürte. Sie zog ihn eng an sich, während sie sich auf den Rücken sinken ließ, sodass ihr das Wasser bis zum Schlüsselbein stieg. Sie löste den Kuss und blickte ihm in die Augen, eine unausgesprochene Einladung darin widerspiegelnd. Er hielt eine Sekunde lang inne, ehe er sachte Milvas Beine auseinander schob, und sie erneut küsste... um sich dann mit ihr zu vereinen.

Als Cyneric erwachte, lag er auf Milvas Bett. Die Dorwinierin war eng an ihn gekuschelt und schlief, ihr nackter Körper mehr oder weniger von einer leichten Decke eingehüllt. Stunden waren vergangen und der Morgen nahte schon. Das Liebesspiel hatte sie aus der Badewanne schließlich ins Bett geführt, als das Wasser endgültig überzuschwappen drohte. Cynric gestatte sich einen langen, genüsslichen Augenblick, in dem er die vergangene Nacht noch einmal Revue passieren ließ, ehe er sich den Sorgen des Tages stellen musste. Dann setzte er sich vorsichtig auf, um Milva nicht zu wecken.
Salia ist noch nicht zurückgekehrt, dachte er und mit diesem Gedanken kehrten die Sorgen zurück. Sie hat sich selbst Zeit bis heute Mittag gegeben, aber... Er war sich nicht sicher, ob er Salias Einschätzung in dieser Hinsicht wirklich vertrauen konnte. Die Schattenläufer waren tödlich, was ganz besonders auf ihre geheimnisvolle Anführerin Merîl zutraf. Vor Cynerics innerem Auge sah er Salia bereits verblutend in irgend einer Gasse liegen.
Wild entschlossen sie zu suchen stieg er aus dem Bett und zog sich an. Dann sah er aus dem Fenster. Die Stadtgarde marschierte die Straßen in großer Stärke auf und ab und schien das Chaos in der Stadt mittlerweile einigermaßen in den Griff bekommen zu haben. Milva war noch immer nicht erwacht, weshalb Cyneric den Raum verließ, um seine Waffen und Rüstungen aus dem kleinen Zimmer zu holen, in dem Morrandir ihn am Tag zuvor überfallen hatte. Erstaunt stellte er fest, dass das zerbrochene Fenster bereits wieder instand gesetzt worden war. Der Raum wirkte, als wäre Morrandirs Angriff nie passiert. Cyneric schob es auf die Eigenheiten Alatars und sammelte rasch seine Habseligkeiten ein. Als er zu Milvas Tür zurückkehrte, hielt ihn der in blau gekleidete Wächter auf.
"Dies wurde für Euch abgegeben," sagte der Mann und reichte Cyneric eine Schriftrolle. Rasch öffnete er sie und las:

Cyneric,

Ich habe Merîls Spur aufgenommen. Sie führt nach Dorwinion. Ich muss ihr hinterher - bitte sieh zu, dass du mit Milva so bald es geht aus Gortharia verschwindest. Am besten bringst du sie nach Rohan, dort werdet ihr in Sicherheit sein. Vielleicht werden wir uns dort wiedersehen, wenn mir Erfolg beschieden ist. Falls nicht, dann lebe wohl - ich danke dir für alles, was du für mich getan hast. Dank dir bin ich den Klauen der Schatten endlich entkommen und kann meine Vergeltung üben.

Salia

Nachdenklich ließ Cyneric das Schriftstück sinken. Also ist sie wieder fort, dachte er schweren Herzens. Er hatte es bereits befürchtet gehabt, dass Salia nicht auf ihn warten würde. Seufzend kehrte er in Milvas Zimmer zurück und weckte die Dorwinierin mit einem Kuss auf die Wange. Sie regte sich und schlug die Augen auf.
"Guten Morgen," sagte Milva leise, und der Blick in ihrem Gesicht ließ Cynerics Sorgen verblassen.
"Guten Morgen; gut geschlafen?" wollte er wissen.
"So gut wie lange nicht mehr," erwiderte sie mit einem wissenden Lächeln. "Das ... sollten wir öfter tun."
Cyneric schmunzelte, wandte jedoch den Blick nicht ab. "Das würde mir gefallen."
"Na, das hoffe ich doch," sagte Milva und setzte sich auf, sodass ihr die Decke vom Oberkörper herunterrutschte. Sie errötete zart, ehe sie Cyneric einen Kuss auf die Lippen gab und dann aufstand und sich anzog.
Kaum fünf Minuten später ging die Zimmertür auf und ein Mann kam herein. Er trug einen ähnlichen Umhang wie die Stadtgarde, jedoch deutlich prächtiger, sowie keinerlei Rüstung sondern stattdessen feine Gewänder. Als er den mit einem roten Sporn besetzten Helm absetzte, erkannte Cyneric Branimir Castav.
"Ich grüße euch beide," sagte Branimir, der von zwei Stadtwächtern begleitet wurde. "Ich muss euch bitten, sogleich mit mir zu kommen."
"Sind wir verhaftet?" platzte Milva heraus.
Branimir lächelte ungerührt. "Das würde ich so nicht formulieren, meine Liebe. Vielmehr... hängt es von eurem Betragen ab, wie ich mit euch verfahre."
"Wie ich sehe führt Ihr nun das Kommando über die Stadtwache?" fragte Cyneric beschwichtigend, und der Adelige nickte.
"So ist es. Ich komme im Auftrag König Silans, dem es gefiel, mich mit diesem Posten zu ehren. Er lässt nach euch schicken."
"Nach uns?" fragte Milva entgeistert. "Was kann er bloß wollen?"
"Seid unbesorgt," sagte Branimir. "Der König ist weise und gerecht. Gewiss wünscht er nichts als einen Beweis eurer Loyalität dem Thron gegenüber. Gebt ihm was er will und er wird euch in Frieden lassen."
Cyneric gefiel die Situation nicht, aber ihm war klar, dass ihnen keine Wahl blieb. "Also gut, Meister Castav," sagte er notgedrungen. "Dann gehen wir mit Euch zum König."
"Sehr gut," sagte Branimir zufrieden. "Ich bin mir sicher, es wird nicht lange dauern..."


Milva, Branimir und Cyneric zum Palast des Königs[
« Letzte Änderung: 24. Sep 2020, 15:59 von Fine »
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