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Autor Thema: Tal des Sirannon  (Gelesen 13275 mal)

Thorondor the Eagle

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Tal des Sirannon
« am: 27. Mär 2010, 11:04 »
Elea und Brianna von der Wildnis nahe Imladris


Unentwegt marschierten die beiden Frauen den schmalen Pfad entlang des Nebelgebirges. Die weißen Dornen die sich zu ihrer Linken in den Himmel bohrten waren von der abendlichen Sonne in ein sattes Rot getaucht. Der Schnee zeigte sich im Winter in vielen Farben. Morgens war er dunkelgrau im Schatten der Berge, gegen Mittag verwandelt er sich in ein strahlendes Goldgelb, im Dämmerlicht war er so weiß wie er einst vom Himmel fiel und am Abend leuchtete er so rot wie Feuer.
Tag für Tag beobachtete Elea dieses Spektakel während sie einen Schritt vor den nächsten setzte um ihr Ziel zu erreichen. Mehrmals mussten sie einen Halt machen um wieder zu Kräften zu kommen.
Elea und Brianna sammelten ein bisschen Reisig in der Umgebung, um ein Feuer zu entzünden. Er war feucht und so dauerte es dementsprechend, bis die Funken auf das dünne Holz übersprangen.
Brianna war in eine dicke Wolldecke gewickelt und sah Elea zu wie sie immer wieder die Steine gegeneinander schlug.

„Elea. Hier hast du etwas zu essen“, sagte sei und reichte ihrer Wegbegleiterin ein Stück elbisches Brot.
„Danke. Leg es dorthin, ich will zunächst das Feuer entzünden.“
„Warst du schon einmal in dieser Gegend?“
„Nein. Soweit südlich bin ich noch nicht gewesen. Ich war früher oft in Bruchtal und seltener in Mithlond und Bree. Ein einziges Mal durchschritt ich das Auenland.“
„Auenland? Ich sah es auf der Karte die mich in die Elbenstadt führte, aber ich war noch nie dort. Was ist das Auenland?“
„Ein wunderschöner Fleck von Mittelerde. Grüne Hügel übersäht mit hunderten von Blüten, Büschen und von Bäumen die älter sind als alle Hobbits die dort wohnen.“
„Hobbits? Halbling nicht wahr. Ich habe schon Geschichten über dieses kleine Volk gehört. Wenige nur aber doch genug um zu wissen, dass es sie gibt.“
„Ja, ein eigenbrötlerisches Volk. Sie leben in ihren vier Vierteln vor sich hin. Sie sind stur und weltenfremd, aber auch treu und freundlich, wenn man sie kennt. Hobbits mögen jeden der die Natur genauso schätzt wie sie, denn kein anderes Volk liebt Dinge dich wachsen so sehr wie sie.“
„Klingt so, als ob dies ein Ort ist an dem man gerne lebt.“
„Ja, doch als 'Großer' von Außen, bist du dort kein willkommener Gast.“

Elea nahm das Brot und begann es genüsslich zu essen. Währenddessen starrte Brianna in die lodernde Flamme vor sich. Sie legten beide die Füße zum Feuer, denn sie waren kalt. Die beiden Frauen waren nun schon weitab von Imladris und der wärmenden Sitten und Einflüsse der Elben. Dunland war nicht mehr weit entfernt.


Elea und Brianna zur Pforte von Rohan
« Letzte Änderung: 6. Feb 2021, 17:16 von Fine »
1. Char Elea ist in Bree  -  2. Char Caelîf ist in Palisor

Eandril

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Re: Das Tal des Sirannon
« Antwort #1 am: 23. Aug 2015, 14:26 »
Oronêl, Mathan, Halarîn und Orophin aus Rohan...

Den Abend des siebten Tages nach ihrem Aufbruch verbrachten die Elben auf einem Hügel am Rand des Gebirges, der auf das flache Tal des Sirannon herabblickte. Zwar waren sie auf ihrer Reise zuvor häufig die Nacht durchgewandert um der Aufmerksamkeit der Dunländer zu entgehen, doch jetzt, kurz vor ihrem vorläufigen Ziel, hatten sie beschlossen das Tageslicht abzuwarten. Trotz ihrer Elbenaugen wäre es im Dunkeln deutlich schwerer geworden, nach Amrothos' Spuren zu suchen, und Oronêl wollte ungern das Risiko eingehen, etwas zu übersehen.



Nach ihrem nächtlichen Aufbruch von den Isenfurten waren sie zunächst ein Stück weit den Resten der alten Nord-Süd-Straße gefolgt und dann nach Norden entlang des Nebelgebirges abgebogen. Oronêl hatte das Land mit großen Interesse betrachtet, denn hier waren vor dem ersten Aufgang der Sonne seine Vorfahren unter Lenwes Führung nach Westen gewandert und hatten sogar eine Zeit lang am Fuße der Berge gelebt.
Auf dem Weg entlang der Berge mussten sie mehrfach Siedlungen der Dunländer ausweichen - zwar hatten diese zuletzt auf Sarumans Seite gestanden und dürften ihnen also nicht feindlich gesinnt sein. Doch selbst wenn sie nach wie vor Saruman folgten: Oronêl traute auch dessen Absichten nach wie vor nicht, und so wichen sie jeglichem Kontakt mit den Dunländern aus.



Während Orophin die erste Wache übernahm hatten sich Mathan und Halarîn nebeneinander auf dem von Heidekraut und weichem Moos bedeckten Boden ausgestreckt und blickten in den nächtlichen Sternenhimmel. Ab und zu flüsterte Halarîn Mathan etwas ins Ohr, der daraufhin meistens leise lachen musste.
Oronêl betrachtete die beiden und war sich seiner Gefühle nicht im klaren. Einerseits freute er sich für sie, dass ihre Liebe nach so langer gemeinsamer Zeit noch immer so frisch zu sein schien, doch andererseits beneidete er sie auch darum. Gedankenverloren strich er über das Kästchen, dass er am ersten Tag ihrer Reise in seinem Beutel gefunden hatte.  Er wusste, dass Mithrellas es dort hineingetan hatte, und er ahnte auch, was sich darin befand - eben darum fürchtete er sich auch davor, das hölzerne Kästchen zu öffnen.

"Öffne es endlich.", hörte er plötzlich Orophin hinter sich sagen und wandte ihm den Kopf zu. Der Grenzwächter stand mit dem Rücken zu ihm und blickte wachsam über das Tal des Sirannon. Oronêl stand auf und steckte das Kästchen schnell in seinen Beutel. "Was soll ich öffnen?"
Orophin drehte sich zu ihm um und sah ihm in die Augen. "Stell dich nicht dumm. Ich meine natürlich das Kästchen, dass du jedes Mal wenn wir lagern anstarrst. Vielleicht hast du geglaubt niemand würde es bemerken, aber da irrst du dich, mein Freund."
Oronêl nahm das Kästchen wieder aus seinem Beutel. "Was weiß du davon?" Orophin zuckte mit den Schultern. "Nichts - außer dass es vermutlich etwas enthält, was sehr wichtig für dich ist. Ein Andenken vielleicht."
"Wie kommst du darauf?", fragte Oronêl scharf. "Du hast weder eine Tochter noch eine Frau. Was kannst du also davon wissen?"
"Ich hatte zwei Brüder.", erwiderte der Grenzwächter und zog seinen Dolch aus dem Gürtel. "Hier, dieser Dolch gehörte meinem Bruder Haldir, der in der Schlacht gegen Saurons Truppen gefallen ist. Manchmal sehe ich ihn mir an und denke an meinen Bruder. Und wenn du dieses Kästchen ansiehst erkenne ich diesen Blick bei dir wieder."
Oronêl senkte für einen Moment den Blick und sah Orophin dann wieder an. "Verzeih mir. Meine Worte waren unbedacht und zu hart."
Orophin nickte, sagte aber: "Es gibt nichts zu verzeihen. Aber vielleicht nimmst du meinen Rat nun an: Hör auf die zu quälen und öffne dieses Kästchen. Was kann schon schlimmes darin sein?"
Oronêl sagte nichts darauf, sondern öffnete das Kästchen. "Erinnerung.", sagte er leise. "Fehler. Bedauern." Und er erzählte.



Nach der Schlacht auf der Dagorlad blieb Oronêl nicht beim Heer des Letzten Bundes. Zusammen mit den anderen Überlebenden aus Lórinand brachte der die Leichen Amdírs und aller anderen, die sie finden konnten - und das waren leider nicht viele - nach Hause und begruben sie dort unter den Bäumen. Nach dem Begräbnis floh Oronêl, ohne noch ein einziges Wort mit seiner Frau oder Tochter zu wechseln. Sein Schmerz, seine Trauer und seine Schuldgefühle über Amdírs Tod überwältigten ihn und so zog er sich an die Nordgrenze das Landes zurück. Er floh vor jedem der nach ihm suchte, selbst vor Mithrellas und Calenwen - besonders vor Calenwen, denn Amdír war ihr Onkel gewesen und er konnte es nicht ertragen, ihr in die Augen zu sehen.
Doch über seinen eigenen Schmerz vergaß er den Schmerz zu sehen, den er seiner Familie mit seinem Verhalten zufügte, und der schließlich Calenwen dazu brachte Lórinand und Mittelerde zu verlassen.
Als er schließlich im ersten Jahr des Dritten Zeitalters nach Caras Galadhon zurückkehrte war Calenwen nicht mehr dort, doch sie hatte ihm etwas hinterlassen.



In dem Kästchen lag ein Medaillon aus dem Holz eines Mallornbaumes, auf dem ein eben solcher eingeritzt war. "Das hatte sie mir hinterlassen - und einen Brief." Oronêl schluckte, denn die Erinnerung daran war immer noch schmerzhaft. "Sie schrieb, dass sie mir eines Tages verzeihen würde. Und dass sie hoffte, dass ich ihr ebenfalls eines Tages verzeihen könnte. Wenn soweit wäre und ich nach Westen führe, dann sollte ich dieses Medaillon tragen zum Zeichen, dass ich ihr verziehen habe."
"Und was hast du getan?", fragte Orophin. "Was schon?", erwiderte Oronêl müde. "Ich habe es weggeschmissen. Ich konnte mir nicht vorstellen ihren Verrat - denn so sah ich es damals - jemals zu verzeihen. Mithrellas muss es gefunden und aufgehoben haben... bis heute."
"Warum hat sie es dir mitgegeben, wenn es solche Erinnerungen bei dir hervorruft?", wunderte Orophin sich. "Ich weiß es nicht. Es sei denn..." Oronêl zögerte. "Es sei denn, sie vermutete, dass ich bereit war mich auf dieser Reise zu opfern um Amrothos zu retten und den Ring zu zerstören. Dass ich keinen Sinn mehr sehe nach der Zerstörung Lóriens weiterzuleben. Sie weiß, dass ich Calenwen längst verziehen habe, und auf diese Weise erinnert sich mich daran, dass es doch etwas gibt für dass es sich lohnt weiterzumachen." "Und?", fragte Orophin. "Hatte sie Recht?"
Oronêl atmete tief ein. "Ich... weiß es nicht. Möglich. Aber zumindest hat sie mit deiner Hilfe erreicht was sie erreichen wollte."
« Letzte Änderung: 9. Feb 2021, 11:33 von Fine »

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Curanthor

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Re: Das Tal des Sirannon
« Antwort #2 am: 7. Apr 2016, 20:08 »
Nach mehreren Tagen des Wanderns und auf dem Boden starren, machte die Gruppe an einem kleinen Kiefernwäldchen Rast. Bislang gab es keine Spuren von den Ring oder seinem Träger. Unterdessen waren sie schon recht nahe der alten Hauptstadt von Eregion. Mathan zog ein unwilliges Gesicht dieser Tage, da er es vermeiden wollte noch näher an seine alte Heimat zu kommen.
Oronêl und Orophin sprachen öfters miteinander, aber meistens nur dann, wenn sie hinter ihnen gingen. Ihm war es aber egal, da es wohl offensichtlich private Themen waren.
Glücklichweise konnten sie bishher einen Kampf vermeiden, dank Mathans Ortskenntnisse und Halarîns guten Sinn für Veränderungen konnten sie sich gut zurrechtfinden. Bis auf eine Horde Warge die gefährlich nah an sie herankam blieb es ruhig. Die Dunländer mieden diese Gegend offenbar, dagegen fanden sie hin und wieder Spuren von Lagerfeuer, Stiefelabdrücken und anderen Zeichen von Zivilisation. Oronêl mutmaßte, dass es Flüchtlinge sein mussten. Gewissheit gab es dann, als sie eine Puppe fanden die eindeutig aus Rohan stammte. Offenbar waren einige Flüchtlinge nach dem katastrophalen Rat in Aldburg weiter nach Norden gezogen. Mathan konnte es ihnen nicht verübeln und hätte an ihrer Stelle ebenfalls so gehandelt.

Nach ein paar weiteren Tagen der erfolglosen Suche stießen die Elben auf eine kleine Familie aus Rohan. Orophin war es, der sie ausfindig machte, als sie einen der vielen Hügel erklommen hatten. Ein hagerer Mann mit blonden Stoppelbart stützte eine Frau, deren Beine sie wohl nicht mehr tragen konnte. Mathan schätzte beide auf etwa 30 Jahre, ihre Kleidung war an einigen Stellen dreckig und eingerissen aber den Umständen entsprechend gut. Ein kleiner, blondhaariger Junge lief den beiden auf etwa zehn Schritte hinterher und fragte ständig nach Wasser. Halarîn war es, die sich als Erste in Bewegung setzte und zu winken begann. Wie es der Zufall wollte, setzten die Eltern sich auf einen alten Baumstamm um zu rasten, sodass der Junge sie erblickte. Aufgeregt zupfte er an den Kleidern der Eltern und deutete in ihre Richtung.
"Denkt ihr, dass ist eine gute Idee?", fragte Orophin in die Runde.
"Nun, wir sind schon seit einer Weile unterwegs. Vielleicht haben sie Neuigkeiten.", antwortete Oronêl nachdenklich.
Mathan brummte zustimmend und schritt voraus, Halarîn an seiner Seite.
Inzwischen lief ihnen der hagere Mann entgegen, seine Augen glänzten. Schon vom weiten begann er zu rufen und fragte nach Wasser. Orophin, der die Vorräte überwachte blickte zu Oronêl, dann zu Mathan. Als beide nickten gab er Halarîn eine Flasche mit Wasser. "Mehr können wir nicht geben." sagte er dabei und nickte dem Mann zu. Der verstand sie natürlich nicht und nahm dankbar die Flasche entgegen, die Halarîn ihm gab.
"Es ist ein Wunder hier draußen auf Elben zu treffen!", rief er und verneigte sich tief. "Ich stehe tief in euerer Schuld.
Mathan winkte ab und fragte warum er in dieser gefährlichen Gegend mit seiner Familie reiste. Ein Schatten legte sich auf das Gesicht des Mannes und die Fröhlichkeit erlosch schlagartig.
"Nun da die Schlange Saruman mit unseren Soldaten gegen Sauron zieht kann er mit der anderen Hand erneut unser Land verwüsten. Da laufe ich lieber in der Wildniss umher als meiner Familie den Orks auszuetzten."
"Und warum gerade nach Norden?", fragte Orophin, der leicht irritiert wirkte.
"Habt ihr es noch nicht gehört? Es heißt, dass sich dort Widerstand regt und Saruman Vergeltung üben will.", erklärte der Mann empört und starrte die Elben an.
Mathan und Oronêl wechselten einen schnellen Blick. Das hieß, dass Merry und Pipin, die sie beim Rat gesehen haben wohl Erfolge verzeichneten. Halarîrn wirkte auf einmal gefasst.
"Was wisst ihr von dieser "Vergeltung"?", fragte sie leise, doch der Mann zuckte mit den Schultern.
"Ich weiß es nicht, aber es ist überall dort besser wo sich Widerstand regt als vor der Tür der Orks.", antwortete der Mann aufgeregt und
Sorge hatte sich auf das Gesicht seiner Frau gelegt und Mathan dachte ebenfalls, dass ein Schlag gegen den Norden auch Mithlond treffen könnte, immerhin ist es neben Bruchtal einer der letzten Zufluchtsorte der Elben.
Nach einer mehr weniger belanglosen Unterhaltung trennten sich die Gruppen wieder. Mathan hatte sich mehr erhofft, doch der Mann war nur ein einfacher Händler gewesen und nicht sonderlich informiert.
"Diese Sache mit dem Widerstand bereitet mir Sorgen.", gestand Oronêl nachdenklich, während sie durch das Tal Schritten.
"Nicht nur dir, immerhin sind im Norden hunderte, vielleicht ein paar tausende Flüchtlinge. Und auch die Grauen Anfurten.", ergänzte Mathan.
"Und deine Tochter.", fügte Orophin hinzu.
"Ich weiß.", antwortete Halarîn angespannt und warf sich ihr Haar über die Schulter.
Mathan grübelte lange und war mehr als abgelenkt, bis Oronêl stehen blieb.
"Ich denke, wir sollten uns aufteilen.", sagte er direkt und erntete drei verdutzte Blicke.
"Mathan, Halarîn, ihr kennt Amrothos nicht und ich möchte euch nicht mit dem Wissen dabei haben, dass ihr vielleicht eure Tochter verlieren könntet."
Orophin nickte, als er verstand was Oronêl meinte und bekräftigte das Argument mit der Begründung, dass sie sich mittlerweile gut genug auskannten und er auch Spurenlesen kann. Das Paar blickte sich eine Weile lang an und nickte langsam.
"Vielleicht kann man dort ein paar helfende Klingen gebrauchen.", stimmte Mathan zu und Halarîn atmete erleichtert auf.

Als dies beschlossen war, setzten sie sich ins weiche Grass und besprachen eine ganze Weile das weitere Vorgehen. Mathan erkärte den beiden ausführlich die ungefährlichen Wege, beschrieb wo man Wasser finden kann und alles, was man wissen musste, damit man sich in Eregion zurecht finden konnte. "Und passt auf Warge auf, die sind hier leider sehr aktiv geworden.", sagte er am Schluss seiner Ausführungen.
"Oh keine Sorgen, mit denen werden wir schon fertig.", antwortete Orophin und strich über sein Schwert, dass er neben sich gelegt hatte.
Oronêl nickte dagegen ernst und bedankte sich. Die Sonne stand hoch am Zenit als sie sich erhoben und einander viel Glück wünschten. Mathan überreichte Oronêl eine seiner Karten und nahm ihn das Versprechen ab, dass er sie ihm zurückgeben würde. Mit einem Schmunzeln nahm er Mathans Karte und vertraute sie Orophin an. 
"Mögen die Sterne euren Weg erleuchten.", verabschiedte sich Halarîn mit ihren Akzent und deutete eine Verneigung an.
"Mögen sie auch euch wohl gesonnen sein.", erwiderte Oronêl und Orophin nickte zustimmend.
"Bis zum nächsten Wiedersehen.", sagte Mathan frech und zwinkerte den beiden Elben, denen sich ein leichtes Schmunzeln auf die Lippen schlich.

Nachdem sie sich veabschieden, gingen die jeweils zwei Elben getrennte Wege. Mathan und Halarîn schlugen eine nord-westliche Richtung ein, während Oronêl und Orophin am Fuße der Berge weiter nach Spuren suchten.

Sie verließen das Gebiet um Eregion und Dunland nach ein paar Tagen und gelangten ohne besondere Zwischenfälle an die große Oststraße, die deutlich belebter war, als die ganze Strecke zuvor. Mathan fand viele Spuren, hauptsächlich von Menschen und ein paar wenige Elbenabdrücke. Halarîn erfuhr von einem gesprächigen Hobbit, dass ein geheimnissvoller Bund von Menschen im Norden lebe und dort Saruman die Sirn bieten würde. Mathan erklärte ihr, dass es ungewöhnlich sei, soweit außerhalb des Auenlandes einen Hobbit zu treffen. Je weiter sie wanderten, umso mehr Gerüchte kamen ihnen zu Ohren. Hauptsächlich ging es um Saruman und was er plante. Vieles davon war nur um Angst zu verbreiten, allerdings war schon öfters die Rede davon, dass es bald vielleicht einen größeren Angriff geben kann, weil der Norden sich langsam im Aufruhr befindet.

Als die beiden Elben in der Nähe von Bree gelangten, mischten sie sich unauffällig unter die Leute, auch wenn sie durch ihre ungewöhnliche Kleidung, Waffen und Statur sich deutlich von der Menge abhoben. Trotzdem ließ man sie in Ruhe und Mathan belauschte ein Gespräch, indem es um einen geheimnissvollen Bund von Vagabunden ging, der sich in den nördlichen Ruinen versteckt hielt. Neugierig geworden verfolgte er diese Spur und schlich sich Nachts in Richtung Bree und stieß vor dem Tor auf eine Gruppe übel aussehender Männer. Scheinbar Schergen Sarumans, wie ihm die Weiße Hand auf den Schilden zeigte. Sie maulten über mangelnde Pausen und wirkten alles andere als diszipliniert. Sie verstummten, als eine vermummte Gestalt in einem dunkelgrünem Mantel zu ihnen trat. Mathan hatte schon von den verräterischen Waldläufern gehört, jedoch noch nie einen von ihnen im Norden gesehen. Der Mantelträger bellte ein paar Befehle und unterhielt sich mit einem zweiten Vermummten, der gerade zu ihm trat. Seine elbischen Ohren konnten das Gespräch gut verfolgen und so erfuhr er von einer Gruppe rebellischer Waldläufer, die sich womöglich in Fornost aufhielten. Nach einer Weile zog er sich zurück.

Rasch war er wieder bei Halarîn im Lager und berichtete ihr, was er belauscht hatte. Sie kamen zu dem Schluss, dass sie am besten sofort losziehen sollten und schlugen den Weg zum Grünweg ein. Vorsichtig folgten sie dem Weg und vermieden es gesehen zu werden und liefen stellenweise lange Abschnitte abseits der Straße. Hin und wieder machten sie kleine Pausen weil Halarîn nicht Mathans Ausdauer besaß. Auf Lagerfeuer verzichteten sie, da Mathan in dem Gespräch etwas von ständigen Wachen gehört hatte. Nach ein paar Tagen und einem Gewaltmarsch durch das alte Arnor erreichten sie die Umgebung von Fornost.

Mathan und Halarîn nach Fornost

« Letzte Änderung: 9. Feb 2021, 11:39 von Fine »

Eandril

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Re: Das Tal des Sirannon
« Antwort #3 am: 12. Sep 2016, 14:42 »
Nach ihrer Trennung von Mathan und Halarîn wandten Oronêl und Orophin sich am Fuß der Berge hinab ins Tal des Sirannon - oder zumindest in dessen Nähe, denn auf der Straße, die entlang des Baches angelegt worden war, marschierten immer wieder kleine Gruppen von Menschen und Orks mit dem Zeichen der Weißen Hand.
"Wie sollen wir dort die Spur eines einzelnen Mannes finden?", flüsterte Orophin, der neben Oronêl im hohen Gras auf einem Hang südlich der Straße lag, gut versteckt vor den Augen von Sarumans Dienern. Oronêl berührte mit einer Hand das Mallorn-Medaillon, dass er nun um den Hals trug. "Das können wir nicht." Die Erkenntnis machte ihm zu schaffen.
"Die Straße ist gut gepflastert und es wird darauf keine Spuren geben. Und selbst wenn, wird jede Spur inzwischen zerstört sein." Er kroch ein Stück zurück, einen kleinen Abhang hinunter sodass eine Kuppe zwischen ihnen und der Straße saß und setzte sich auf. Orophin folge ihm und setzte sich zu ihm. "Was können wir also tun?", fragte der jüngere Elb.
"Ich glaube nicht, dass Amrothos westlich der Tore auf der Straße geblieben ist.", meinte Oronêl, und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Dabei berührte er die Narbe auf seiner linken Wange, das Andenken an die Kämpfe um das alte Lórinand. Der Gedanke an Lórien machte ihn traurig, und er verdrängte ihn so schnell wie möglich. "Auch wenn er von dem Ring beherrscht wird, ist er vermutlich klug genug sich von Sarumans Dienern fernzuhalten. Wir könnten also..."
Er unterbrach sich, denn von der Straße drangen Stimmen hinauf. Beide Elben krochen schnell wieder auf die Kuppe von der sie eben die Straße beobachtet hatten. Unten im Tal marschierte etwa ein Dutzend Männer in südwestlicher Richtung den Weg entlang, die einen Ochsenkarren mit sich führten, und unterhielten sich gut gelaunt. Obwohl er ihre Sprache nicht verstand konnte Oronêl einige Worte verstehen, denn sie ähnelten Wörtern aus anderen Menschensprachen. "Es sind Dunländer.", flüsterte er, so leise dass nur der direkt neben ihm liegende Orophin mit seinen Elbenohren es hören konnte. "Offenbar haben sie irgendetwas nach Moria gebracht, ich weiß nicht..." Er beendete den Satz nicht, denn er glaubte das Wort "Forgoil" und etwas dass wie "Süd-Mensch" klang, gehört zu haben, und lauschte angestrengt.
"Sie scheinen sich auf etwas zu freuen, was ihr Anführer mit einem Forgoil, so nennen sie die Menschen von Rohan, und einem Süd-Menschen, die bei ihnen im Kerker sitzen, vorhat. Vielleicht sollen sie gegeneinander kämpfen?"
"Denkst du, es wäre möglich dass sie Amrothos meinen?", gab Orophin leise zurück. "Vielleicht." Oronêl spürte, wie sein Herz schneller schlug. "Er muss hier entlang gekommen sein, vielleicht haben sie ihn gefangen genommen."
Inzwischen hatten sich die Dunländer in Richtung Westen entfernt, und die Elben zogen sich wieder hinter die Hügelkuppe zurück. "Auf jeden Fall sollten wir ihnen folgen, denn selbst wenn es nicht Amrothos ist, würde es Saruman zumindest schaden die Gefangenen zu befreien."

Oronêl und Orophin nach Dunland
« Letzte Änderung: 9. Feb 2021, 11:45 von Fine »

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Fine

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Verräterblut
« Antwort #4 am: 18. Sep 2017, 12:05 »
Córiel, Jarbeorn, Sabri und Calanto aus Ost-in-Edhil


Je weiter sie nach Osten kamen, desto leerer wurde das Land und erinnerte Córiel daran, wie Eregion vor der Ankunft der Avari ausgesehen hatte. Bewachsen war es von den für die Region typischen Hulstbäumen, doch abgesehen davon gab es kaum Vegetation. Ähnlich wie der Norden Dunlands war es in diesem Landstrich felsig und uneben. Kleine Büsche und verstreute Ansammlungen von Gras wuchsen zwischen den Steinen und hin und wieder sah Córiel vereinzelte Blumen mit hellblauen Blüten herausstechen. Sie ließen die Pferde inzwischen im raschen Trab gehen, sodass sie sich nicht allzu rasch verausgaben würden, aber die Gruppe auch nicht zu langsam vorankommen würde.
Córiel war schweigsam während des Rittes nach Osten, während sich ihre drei Gefährten schon bald blendend miteinander verstanden und sich angeregt unterhielten. Der Elbin gelang es zum Glück gut, den Großteil dieser belanglosen Unterhaltungen auszublenden. Sie ritt meist an der Spitze der Gruppe, denn Calanto hatte ihnen den Weg nicht groß erklären müssen. Ihr Ziel waren die Berge, die mit jeder Meile höher vor ihnen aufragten. Es war schier unmöglich, vom Weg abzukommen.
Es wird Zeit für ein paar Antworten, dachte Córiel grimmig. Wenn wir Veca gefunden haben, wird sie unsere Fragen beantworten... dafür werde ich sorgen. Sie hatte kein Problem damit, notfalls auch Gewalt anzuwenden. Während der Audienz bei der Avari-Königin hatte sie sich dabei ertappt, dass ein kleiner, dunkler Teil in ihrem Inneren einem Krieg zwischen Dunland und Eregion nicht ganz abgeneigt gewesen war. Wider jeder Vernunft gab es dort, tief drinnen etwas, das sich nach Blutvergießen sehnte, auch wenn es ihr bislang noch gelungen war, dieses Verlangen zu unterdrücken. Ein Krieg würde niemandem helfen, sagte sie sich und versuchte, diese Wahrheit bis in die hintersten Winkel ihrer Seele dringen zu lassen. Doch noch gelang es ihr nicht vollständig.

"Ein Leben zu nehmen ist niemals leicht, selbst wenn schon Hunderte unter deiner Klinge gefallen sein mögen," erklang Sabris angenehme Stimme neben Córiel und riss die Hochelbin aus ihren düsteren Gedanken. Sie musterte ihn nachdenklich und fragte sich, woher ein Mensch wie er, der wahrscheinlich jünger als Jarbeorn war, solche Sprüche aufgeschnappt hatte.
"Wie poetisch. Hat dir das deine Mutter eingeflüstert, kurz bevor sie dir Schlaflieder gesungen hat?" gab sie schnippisch zurück.
Sabri schien nicht beleidigt zu sein, sondern hob nur die Schultern, ehe er sagte: "Meine Mutter hat mir keine Lieder gesungen. Sie besitzt... nicht ganz die richtige Persönlichkeit dafür."
"Was meinst du damit?"
Der Südländer rieb sich nachdenklich über den Unterarm, während er sein Pferd noch näher an Córiels Elbenross lenkte, damit sie sich besser unterhalten konnten. "Mein Vater mag ein Falke sein, doch meine Mutter... ist eine Schlange. Ich habe sie seit Jahren nicht gesehen, und ich fürchte, bei einem Wiedersehen werden wir uns als Feinde gegenüberstehen. Deswegen ist es vorm größter Wichtigkeit, dass ich meinen Auftrag hier im Norden so bald wie möglich erfolgreich abschließe und zu meinem Vater und seinen Kriegern zurückkehre."
Im Hintergrund lachten Jarbeorn und Calanto gerade über einen derben Witz. Córiel ignorierte die beiden und beschloss, mehr über das, was Sabri ihr erzählte, herauszufinden. "Worum geht es dabei? Vielleicht kann ich helfen," sagte sie.
"Nun, das wird sich zeigen, wenn wir Veca gefunden haben," antwortete Sabri mit einem schwachen Lächeln. Dann seufzte er leise, ehe er fortfuhr. "Vielleicht sollte ich ganz von vorne beginnen. Ich stamme aus dem Land, das hier im Norden als Harad bezeichnet wird. Mein Vater führt dort einen Bund von Kriegern an, die für das Wohl des Landes kämpfen. In letzter Zeit mussten wir einen schweren Rückschlag hinnehmen und vermuten jetzt, dass niemand anderes als Saruman dahinter stecken könnte. Deshalb kam ich mit dem Auftrag in den Norden, einen Diener Sarumans gefangen zu nehmen und herauszufinden, ob es tatsächlich eine Verbindung nach Harad gibt."
"Und deshalb bist du mit Veca aneinandergeraten," schlussfolgerte Córiel.
"Gut aufgepasst," lobte Sabri. "Ärgerlicherweise gelang es dieser Frau, mir meinen wichtigsten Besitz zu stehlen: eine Karte, die die verborgenen Stützpunkte meiner Verbündeten in Harad zeigt, und insbesondere mir den Weg zum Aufenthaltsort meines Vaters weisen soll, wenn ich nach Süden zurückkehre. Ohne diese Karte kann ich nicht heimkehren. Zu groß wäre die Schande."
"Wenn wir Veca gefunden haben, werden wir auch deine Karte zurückholen."
"Darauf zähle ich. Ich würde es nämlich wirklich gerne vermeiden, in Schande zurückzukehren."
"Weshalb?"
Diese einfache Frage schien Sabri etwas aus dem Konzept zu bringen, was bei ihm offenbar nur sehr selten geschah. Er brauchte einen Moment, ehe er antwortete: "Nun, wenn du es genau wissen willst..."
"Es geht natürlich um ein Mädchen," mischte sich Jarbeorn ein. "Das sieht selbst ein Blinder." Córiel warf dem Beorninger einen vernichtenden Blick zu, doch er tat die Geste wie immer mit einem herzlichen Lachen ab. "Hab' ich recht? Ich habe Recht, stimmt's?"
Sabri hatte seine anfängliche Verlegenheit rasch überwunden und sagte auftrumpfend: "Genauer gesagt geht es sogar um zwei Mädchen."
"Wie bitte?" wiederholte Jarbeorn ungläubig. "Das nimmt kein gutes Ende, Freund."
"Wir werden sehen. Sobald ich mich für eine der beiden entschieden habe, wird es einfacher werden. Aber gerade diese Entscheidung ist es, die mir den Schlaf raubt. Sie sind so unterschiedlich wie Sonne und Mond. Wie weiß und schwarz. Was übrigens ihre Haarfarben sind. Jedenfalls kann ich es mir nicht leisten, mich vor ihren Augen zu blamieren."
Córiel wurde das Thema langsam leid. "Vielleicht solltest du sie einfach fragen. Dann hast du deine Antwort und kannst wieder ruhig schlafen."
"Wenn ich nur die Zeit gehabt hätte, mit einer der beiden zu sprechen! Doch ich hatte kaum die Gelegenheit, mehr als einen Blick auf sie zu werfen. Kurz nach meiner Ankunft im Stützpunkt meines Vaters wurde dieser von den Schlangen angegriffen. Nachdem dieser Angriff überstanden war, gab mir mein Vater meinen Auftrag, und ich brach in aller Eile auf."
"Die Schlangen? Willst du sagen, dass deine Mutter..."
Sabri zuckte gleichgültig mit den Schultern. "Sie ist die Anführerin der Assassinen."
"Oh verdammt, bei den sieben Toren von Gondolin," stieß Córiel frustriert hervor. "Können wir bitte wieder dazu übergehen, schweigend nach Osten zu reiten? Oder hat noch jemand hier unglaubliche Enthüllungen parat?"
"Ich bin der Enkel der Königin und soll euch auf eurer Reise genau im Auge behalten," platzte Calanto heraus, der alles mitangehört hatte.
Den Fluch, den Córiel nun von sich gab, verstand zum Glück niemand der Anwesenden.

Sie schlugen ihr Nachtlager auf der Spitze eines Hügels auf, der alleine inmitten der leeren Ebene des östlichen Eregions stand und von einem kleinen Wäldchen aus Hulstbäumen bewachsen war. Rasch teilten sie sich für die Nachtwache ein, und alle außer Córiel legten sich schlafen.
Die Hochelbin starrte gedankenverloren in den von Sternen übersäten Himmel. Der Mond war nicht mehr als eine schmale, kaum sichtbare Sichel, die über den weiten Ebenen im Westen hing. Es waren kaum Wolken zu sehen, was das Sternenlicht ungetrübt erstrahlen ließ. Und für einen Augenblick fand Córiel Frieden in diesem Anblick. Sie war viele Jahre nach dem ersten Aufgang von Sonne und Mond geboren, und hatte von den Zeitaltern der Sterne nur einige Geschichten gehört. Doch nun bot sich ihr ein Eindruck, wie es damals gewesen sein musste.
Ein seltener Anflug von Ehrfurcht überkam sie, und sie wisperte: "Elbereth, Gilthoniel, ó menel palan-díriel..."

Ein Knacken im Unterholz zu ihrer Linken ließ Córiel aufspringen und nach ihrem Speer zu greifen. Sie blickte sich wachsam um, doch außer dem leisen Rauschen des Windes in den vertrocknenden Blättern des Herbstwaldes war nichts zu hören. Córiel hielt den Atem an. Dann, wenige Augenblicke später, erklang ein ähnliches Knacken von der anderen Seite. Sie fuhr herum. Trotz des wenigen Lichtes, das die Sterne spendeten, erkannte sie die Gestalten sofort, die aus dem Unterholz hervorbrachen.
"Orks!" rief sie warnend und weckte damit Sabri, der sich sofort aufrappelte und Jarbeorn und Calanto wachrüttelte. Derweil war Córiel den Orks entgegengetreten, die mit jeder Sekunde mehr wurden. Sie wartete nicht darauf, dass sie angegriffen wurde, sondern ging mit stummem Zorn selbst zum Angriff über. Mit einem großen Sprung legte sie die letzten beiden Meter zurück, kam vor ihren Feinden wieder auf die Beine, und ließ ihren Speer in Halshöhe durch die Nachtluft rauschen. Zwei Orks brachen mit geöffneten Kehlen zusammen; der Rest brüllte und stürzte sich auf Córiel und ihre Gefährten.
Die Hochelbin duckte sich unter einem gegen ihren Kopf geführten Hieb weg und trat ihrem Feind nach einer flinken Drehung gegen die Schläfe. Noch in derselben Bewegung schnellte ihr Speer um ihre Achse und fand zielsicher die schwache Stelle der Rüstung eines weiteren Orks, unter der Achsel. Neben ihr griff nun Jarbeorn in den Kampf ein, dessen Großaxt blutige Ernte unter den Orks einfuhr. Ein rascher Blick hinter sich zeigte Córiel, dass auf der anderen Seite ihres kleinen Lagers Sabri und Calanto kämpften, denn die Orks hatten die vier Gefährten vollständig umzingelt. Calanto schwang seinen schweren Hammer mit großer Kraft und Geschick und schien den Kampf auf eine Art ähnlich wie Córiel selbst zu genießen. Sabri führte ein leicht gebogenes Schwert in der Rechten und einen langen Dolch in der Linken und war ein sehr beweglicher und flinker Kämpfer, der seine Feinde mit gut gezielten Stichen und präzisen Treffern außer Gefecht setzte.
Córiel ließ ihren Speer nach vorne schnellen und durchbohrte den Kopf eines weiteren Orks. Dann zuckte die Speerspitze nach unten, fegte zwei Gegnern die Beine weg, und sie fanden ihr Ende unter Jarbeorns Axt. Córiel geriet mehr und mehr in einen echten Kampfrausch und spürte, wie ihr Herz laut und deutlich in ihren Ohren pochte. Schon bald hatte sie alle Übersicht über das Gefecht verloren und tötete Feind um Feind, ohne dass die Orks weniger wurden. Córiel schlug eine blutige Schneise in die anstürmenden Orks, hielt jedoch nicht ihre Stellung sondern sprang und rannte vorwärts, in die entstandene Lücke, auf der Suche nach dem Anführer der Horde. So entfernte sie sich von ihren Gefährten, bis sie sie nicht mehr sehen konnte. Aus einiger Entfernung dran ein warnender Ruf Jarbeorns an Córiels Ohr, als sie gerade mit der stumpfen Seite ihres Speeres den brüchigen Schild eines Orks zerschmetterte. Sie hatte keine Zeit, um sich nach dem Beorninger umzusehen, denn sie wurde von allen Seiten von Feinden bedrängt. Rasch ließ sie den Speer in einem vernichtenden Halbkreis um sich herum rauschen, der zwei Orks sofort tötete und mehrere Gliedmaßen abtrennte. Dann sprang sie über die Leichen hinweg, verteilte einen heftigen Tritt gegen einen taumelnden Ork und rollte sich geschickt ab. Als sie wieder auf die Beine kam, traf sie ein heftiger Keulenhieb in den Rücken und schleuderte sie gegen den eisernen Brustpanzer des nächsten Orks. Benommen versuchte sie, ihr Gleichgewicht wieder zu erlangen, als sie aus den Augenwinkeln sah, wie die Kante eines Schildes auf ihr Gesicht zu rauschte. Etwas explodierte an ihrer geschundenen Schläfe, und sie sah erst rot, und dann nur noch schwarz.

Als Córiel wieder zu sich kam, war alles dunkel. Sie konnte nichts sehen. Der Schmerz hingegen war nur allzu präsent, und sie musste die Zähne zusammenbeißen, um nicht schreien zu müssen. Ihr Kopf brannte wie Feuer und ihr Rücken fühlte sich an, als wäre eine ganze Reiterhorde darüber hinweg getrampelt. Sie bekam nur schlecht Luft und konnte sich kaum bewegen. Ihre Hände waren hinter ihrem Rücken zusammengebunden. Zwar stand sie auf ihren Füßen, doch ihr Oberkörper war fest an einen Pfahl gebunden worden.
Jemand zog den Sack weg, der über ihrem Kopf gestülpt gewesen war, und endlich konnte Córiel etwas sehen. Sie befand sich auf einer Lichtung inmitten eines Waldes aus Hulstbäumen, jedoch nicht mehr dort, wo ihr Nachtlager gewesen war. Mehrere Feuer brannten in der Nähe. Es war noch immer dunkel, doch erste Anzeichen für den nahenden Sonnenaufgang waren am Himmel zu erkennen.
Orks streiften auf der Lichtung hin und her und lungerten an den Feuern herum. Der, der Córiel den Sack weggezogen hatte, ließ ihn achtlos zu Boden fallen und stellte sich neben die Elbin, als würde er auf etwas oder jemanden warten.
Mehrere Minuten vergingen. Von ihren Gefährten sah Córiel keine Spur. Die Orks unterhielten sich lautstark in ihrer Sprache, doch mit einem Mal verstummten sie.
Veca betrat die Lichtung. Und mit ihr kam der Elb, den Córiel an den Furten des Glanduin gesehen hatte. Sie warf ihm einen wütenden Blick zu und stellte fest, dass ihr erster Eindruck korrekt gewesen war: er glich dem Attentäter, den Córiel getötet hatte, beinahe bis zum Verwechseln.
"Ah, du bist wach, meine Liebe," sagte Veca gut gelaunt und kam näher. Die Frau betastete Córiels Schläfe beinahe zärtlich, was dennoch große Schmerzen verursachte. "Nun, das sieht zwar übel aus, aber du hast es verdient. Immerhin hast du Kivan getötet."
Bei diesen Worten bedachte der elbische Begleiter Vecas Córiel mit einem hasserfüllten Blick, sagte jedoch nichts. Auch Córiel verfiel in ein zorniges Schweigen.
"Hat es dir die Sprache verschlagen? Ich sagte dir doch schon, dass wir uns bald wiedersehen würden. Und hier sind wir nun. Also, soll ich dir diese Fesseln abnehmen? Das sieht wirklich unbequem aus."
"Nimm sie mir ab, und ich töte dich und all deine Orks," fauchte Córiel. "Wo sind Jarbeorn und die anderen? Was hast du mit ihnen gemacht?"
"Sie sind unwichtig. Du solltest dich lieber anderen Fragen widmen. Wie wäre es damit: Wo kommen so plötzlich all diese Elben her, die Eregion neu besiedeln?"
"Ich weiß es nicht," musste Córiel wahrheitsgemäß zugeben.
"Aber ich weiß es," gab Veca zurück. "Die meisten kamen aus dem Osten Mittelerdes hierher, um sich hier zu verstecken. Sie sind geflohen, anstatt ihre Heimat zu verteidigen, wie echte Feiglinge. Und jetzt haben sie sich dieser... Königin unterworfen, die Verräterblut in ihren Adern hat. Genau wie du. Doch im Gegensatz zu ihr, hast du noch die Wahl. Du kannst dich noch abwenden von den Schandtaten deines Volkes."
Córiel war so verblüfft, dass sie keine Worte fand. Hier stand eine einfache Dunländerin vor ihr, die von Dingen sprach, von denen der Großteil der Menschen Mittelerdes noch nie gehört hatte.
"Wer bist du?" stieß sie hervor.
Veca betrachtete sie einen langen Augenblick, ehe sie sich das dunländische Kopftuch abstreifte, das sie seit ihrer ersten Begegnung mit Córiel getragen hatte. Darunter kamen lange, dunkelbraune Haare zum Vorschein... und zwei auffallend spitze Ohren. Córiel fühlte sich schmerzlich an den Moment erinnert, als sie die Identität des Attentäters in Corgans Haus aufgedeckt hatte.
"Mein Name ist Vaicenya von den Avari. Merke dir diesen Namen gut, meine Liebe. Schon bald wird ihn jeder Elb in Eregion entweder voller Ehrfurcht aussprechen... oder voller Furcht flüstern."
"Warum tust du das? Einen Krieg zwischen deinem Volk und den Dunländern anzetteln?" Córiel verstand die Welt nicht mehr und fühlte sich verletzlich und ihrer Feindin vollständig ausgeliefert. Sie rüttelte an ihren Fesseln, doch diese lockerten sich nicht.
"Sie sind nicht mein Volk. Nicht mehr. Sie haben sich selbst zu Verrätern gemacht, als sie sich dem Verräterblut unterworfen haben." Vaicenya legte Córiel die linke Hand auf die Wange, beugte sich leicht vor, kam näher, und flüsterte: "Schließ dich mir an, Córyeldë. Beweise mir, dass es noch Noldor gibt, die keine Verräter sind. Gemeinsam können wir viel erreichen." Es klang wie ein Versprechen, doch es lag noch etwas anderes in Vaicenyas Stimme; etwas, womit Córiel kaum Erfahrung hatte. Die andere Elbin sprach mit ihr wie mit einer fehlgeleiteten, aber geliebten Tochter, oder wie mit einer...
"Nein," sagte Córiel mit fester Stimme. "Ich werde mich dir nie anschließen. Ich werde dich aufhalten."
Vaicenya richtete sich wieder auf. Für einen Augenblick flackerte Enttäuschung über ihr Gesicht, dann nahm sie wieder die Haltung an, die sie in ihrer Rolle als Veca stets gewahrt hatte: Frohsinn und Überlegenheit. "Ich sehe, dass du noch Bedenkzeit brauchst, Mädchen. Dann sei es so. Wäge sorgfältig ab! Wenn ich zurückkehre, werden wir uns erneut unterhalten. Komm, Altan - wir haben viel zu tun." Sie drehte sich um und verschwand von der Lichtung, gefolgt von dem Elben, den sie Altan genannt hatte.

Córiel blieb gefesselt zurück. Die Orks schienen sich nicht für sie zu interessieren - offenbar hatte Vaicenya ihnen genaueste Befehle gegeben. Langsam wurde es heller, als die Sonne über die Gipfel des nahen Nebelgebirges kletterte.
Ich muss irgendwie diese Fesseln loswerden, dachte Córiel und versuchte es erneut. Doch anstatt sich zu lockern schienen die Knoten nur noch enger zu werden.
Da gerieten die Orks plötzlich in Aufruhr. Mehrere der grobschlächtigen Gestalten waren mit gezogenen Waffen auf die Lichtung gestürzt und stifteten nun große Aufregung unter Córiels Bewachern. Ein fernes Grollen erklang, und Kampfgeräusche näherten sich von links. Chaos brach unter den Orks aus und einige ergriffen die Flucht in die Richtung, in der Vaicenya verschwunden war. Und dann brach mit einem furchterregenden Brüllen ein gewaltiger, schwarzer Bär aus dem Unterholz hervor und riss die Orks mit Gewalt auseinander. Keiner von ihnen hielt vor der Bestie Stand, die die wenigen Überlebenden von der Lichtung vertrieb und die Verfolgung aufnahm. Gleichzeitig tauchte Sabri aus den Schatten auf und durchtrennte Córiels Fesseln mit seinem Dolch. "Komm," raunte er der Elbin aufgeregt zu. "Wir müssen hier verschwinden, solange die Orks abgelenkt sind!"
Córiel fiel auf die Knie als die Fesseln sich lösten. Sabri nahm ihren Arm, legte ihn sich über die Schulter und hievte sie rasch hoch. "Keine Zeit für Fragen! Es gibt ein Versteck in der Nähe, bis dorthin musst du durchhalten. Komm!"
Córiel biss die Zähne zusammen und griff auf ihre letzten Kraftreserven zurück. Mit Sabris Hilfe verließ sie die Lichtung, während in ihrem Rücken noch immer die Todesschreie der Orks und das drohende Brüllen der Bestie zu hören waren.
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Im Versteck der Manarîn
« Antwort #5 am: 18. Sep 2017, 16:32 »
Je weiter sie sich von dem Lager der Orks entfernten, desto mehr gelang es Córiel, auf eigenen Beinen zu stehen. Der Schmerz in ihrem Rücken ließ nach, doch ihre Schläfe brannte noch immer wie ein loderndes Feuer und vernebelte ihre Sicht. Soweit sie es erkennen konnte, ging es nach Osten, bergauf in die Vorgebirge der Nebelberge. Sabri blickte sich immer wieder aufmerksam um, schien jedoch genau zu wissen, wohin er zu gehen hatte. Offenbar hatte er sich sehr gut auf seine Rolle in Córiels Befreiung vorbereitet. Der Südländer stützte die Hochelbin noch immer, hielt aber in der freien Hand sein Schwert gezogen und erweckte den Anschein von höchster Wachsamkeit.
Schließlich kamen sie vor einer unscheinbaren Felswand an, nachdem sie ungefähr eine halbe Stunde gelaufen oder in Córiels Fall gestolpert waren. Ihr Kopf dröhnte noch immer, doch die Schmerzen klangen langsam ab. Sie fühlte sich unendlich müde. Und als Sabri einen Vorhang aus dichtem Efeu beiseite schob und einen verborgenen Höhleneingang enthüllte, nahm sie ihre letzte Kraft zusammen und folgte dem Südländer ins Innere, wo Calanto bereits auf sie wartete. Und sogar ihre Pferde waren am hinteren Ende der Höhle zu sehen.
Der Elbenkrieger saß in einer sich verbreiternden Höhle, die von einer großen Elbenlampe erhellt wurde und hatte ein Feuer entfacht, über dem ein Topf voller Suppe erhitzt wurde. Als er Córiel sah, schlug Calanto erfreut die Fäuste gegeneinander und sprang auf.
"Ich wusste, dass unser Plan aufgeht," sagte er, wurde jedoch gleich darauf wieder ernst. "Hier, das wird dich stärken." Er reichte Córiel eine gut gefüllte Schüssel, die geradezu herrlich duftete und ihre Sinne wieder etwas erfrischte. Sie probierte vorsichtig, nachdem sie sich am Feuer niedergelassen hatte und spürte, wie die Suppe sie von innen wärmte und die Heilung ihrer Wunden anregte. Dennoch wusste sie, dass sie jetzt vor allem Ruhe und Schlaf brauchen würde. Sabri und Calanto schienen das ebenfalls zu denken, denn sie nickten, als Córiel ihnen zu verstehen gab, dass sie für einige Minuten die Augen schließen würde. Kaum hatte sie das getan, driftete sie schon in einen tiefen Schlaf.

Es dauerte zwei Stunden, bis man sie weckte. Sabri beugte sich über sie und deutete auf Jarbeorn, der zwar zerzaust und sehr verdreckt war, aber ansonsten unverletzt geblieben war. Seine Axt trug er wie einen Schatz in beiden Händen und stellte sie vorsichtig an eine der Höhlenwände, ehe er sich neben Córiel setzte. Die Hochelbin erinnerte sich daran, dass ihr der Beorninger einst von der Gabe seiner Vorväter erzählt hatte. Und wie diese besaß auch er die Fähigkeit, sich in einen gewaltigen Bären zu verwandeln. Doch dies gelang ihm nur selten, meist in Momenten großer Not, und das Wechseln zwischen den Formen bereitete ihm stets Schmerzen.
"Du warst das also, der die Orks wie kreischende Hühner auseinander getrieben hat," lobte Córiel ihn mit einem schwachen Lächeln.
"Du hättest sehen sollen, wie sie gelaufen sind. Sie sollen sich noch lange an diesen Tag erinnern," antwortete Jarbeorn mit grimmiger Freude. "Meine Vorfahren wurden von den Orks der Berge immer gefürchtet. Jetzt fürchten sie auch mich."
"Was ist seit dem Angriff auf unser Nachtlager geschehen?" wollte Córiel wissen.
Jarbeorns Miene wurde etwas betretener. "Du hast die Kontrolle verloren, Stikke. Als wir uns nach dir umblickten, warst du bereits inmitten einer so großen Masse von Feinden, dass wir dich nicht mehr erreichen konnten. Sicher, du hast viele von ihnen getötet, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sie dich überwältigten und verschleppten."
"Uns drängte man nach Norden ab," ergänzte Calanto. "Glücklicherweise kenne ich mich in der Gegend ein wenig aus, und wir konnten unseren Verfolgern entkommen, nachdem wir uns etwas Luft verschafft hatten. Sie schienen damit zufrieden gewesen zu sein, dich geschnappt zu haben. Ich zeigte den anderen beiden diesen versteckten Vorposten der Manarîn, den unsere Kundschafter kurz nach der Ankunft in Eregion angelegt haben, und hier schmiedeten wir unseren Plan. Ein Plan, der wirklich wunderbar aufgegangen ist, wenn ich das so sagen darf."
Córiel deutete auf das Feuer, das inzwischen erloschen war. Als sie die Höhle betreten hatte, war dessen Rauch zur Decke der Höhle aufgestiegen. "Wird das Feuer denn nicht unsere Position verraten?"
Calanto lächelte. "Über uns, jenseits des Höhlengesteins, befindet sich ein großes Becken mit heißem Wasser, das aus dem Gebirge kommt. Deswegen steigt dort immer heißer Dampf auf. Der Rauch aus dieser Höhle entweicht durch einen Schlot am Ufer dieses Beckens und vermischt sich dort mit dem Wasserdampf. Das Feuer darf nur nicht allzu lange brennen, denn sonst wird die Rauchwolke zu groß um noch als Teil des Wasserdampfs durchzugehen. Für die Suppe hat es zum Glück gereicht." Er deutete gut gelaunt auf den Topf und rieb sich die Hände.
"Wir fanden rasch heraus, wohin man dich gebracht hatte, indem wir einer Gruppe Orks folgten, die aus dem Gebirge herabkamen und beinahe direkt vor dem Eingang dieser Höhle vorbeikamen. Und sobald wir wussten, wo du bist, haben wir losgeschlagen."
"Das hat alles erstaunlich gut funktioniert," lobte Córiel, der jedoch nicht nach Lachen zumute war. "Doch ich fürchte, unsere Probleme fangen gerade erst an."

Rasch erzählte sie den anderen von ihrer Unterhaltung mit der geheimnisvollen Vaicenya. Jarbeorn und Sabri reagierten mit Sorge, während Calanto immer wütender wurde. Schließlich sprang er auf. "Diese Frau ist zu weit gegangen! Ich reite sofort nach Vincarna Maranwë und berichte der Königin davon. Sie muss erfahren, was hier geschehen ist."
Hastig verabschiedete er sich von den drei Gefährten und eilte hinaus, ehe sie ihn aufhalten konnten.
"Die Frage ist, was wir jetzt tun werden. "Veca" hat uns gefunden, ehe wir sie finden konnten, und ist jetzt wieder spurlos verschwunden," stellte Jarbeorn fest.
"Ich sage, wir bleiben bis morgen hier," schlug Córiel vor. "Ich fühle mich noch nicht bereit, schon wieder auf die Jagd zu gehen. Außerdem wüsste ich nicht, wo wir mit der Suche anfangen sollten."
"Dem stimme ich zu," sagte Sabri. "Ich werde in der Zwischenzeit nach draußen gehen und mich umsehen. Vielleicht finde ich einen Anhaltspunkt darauf, wohin Veca gegangen ist."
Auch er verließ die Höhle, und Córiel blieb mit Jarbeorn alleine zurück. Eine Weile herrschte Schweigen, ehe sie etwas zaghaft beschloss, den Anfang zu machen und ein Gespräch zu beginnen - etwas, mit dem sie sich schon immer schwer getan hatte. "Hat es sehr geschmerzt, als du dich... verwandelt hast?"
Der Beorninger, der auf ganz untypische Art und Weise bis dahin ins Leere gestarrt hatte, wandte ihr den Blick zu und legte den Kopf leicht schief. "Hat es, aber ich musste es tun," antwortete er. "Die Umstände haben es erfordert."
"Du sagtest, du hast diese Gabe noch nicht unter Kontrolle."
"Das ist wahr. Ich habe noch viel zu lernen. Ich besitze zwar die Fähigkeit, aber es gelingt mir nur selten, sie einzusetzen."
Córiel holte tief Luft, ehe sie sagte: "Mir ging es zu Anfang ähnlich. Als mein Vater mich zu einer Waffe für den Krieg gegen Sauron schmiedete. Er verlangte mir Übungen ab, Tag und Nacht, ohne viele Pausen. Ich besaß das Talent, aber es dauerte viele Jahre, bis ich freien Zugriff auf mein Potenzial erlangte."
"Erzähl mir von dieser Zeit," bat Jarbeorn sanft. "Es muss schwer für dich gewesen sein, denn du warst noch sehr jung als Sauron Eriador angriff, nicht wahr?"
Córiel nickte. Sie hatte nur sehr wenigen Personen jemals davon erzählt, doch in der Sicherheit der Höhle und der vertrauten Gesellschaft des Beorningers fühlte sie sich nun dazu bereit. Sie fing mit der Flucht aus ihrem Heimatdorf an, in dem ihre Großeltern gestorben waren, und ließ nur wenige Details ihrer überaus harten Ausbildung unter ihrem Vater aus. Córiels Eltern hatten damals erwartet, dass Sauron Lindon schon bald überrennen würde, und beschlossen, so viele Feinde wie möglich mitzunehmen. Und deshalb sollte ihre Tochter in der kurzen Zeit, die ihnen blieb, zu einer Kriegerin geschmiedet werden, die zahllosen Orks in kurzer Zeit den Tod bringen konnte, ohne auf eigene Verluste zu achten.
"Das klingt furchtbar," meinte Jarbeorn. "So ohne Hoffnung auf eine Zukunft aufzuwachsen, und stets den eigenen Tod vor Augen zu haben... Ich verstehe jetzt besser, weshalb du im Kampf stets Gefahr läufst, die Kontrolle zu verlieren, und weshalb du diesen Blutdurst in deinem Herzen trägst."
"Krieg und Tod sind alles, was mich damals angetrieben hat," gestand sich Córiel ein. Es tat auf seltsame Art und Weise gut, darüber zu sprechen. "Bis ich die See kennenlernte. Auf ihren endlosen Weiten kann ich den Kampfesdrang vergessen, aber nirgends sonst. Doch es ist schon über ein Jahr her, seitdem ich zuletzt in See gestochen bin."
"Und es gibt niemanden, der dieselbe Wirkung auf dich haben könnte? Gab es jemals jemanden in deinem Leben?" Jarbeorns Stimme hatte einen seltsamen Klang angenommen.
"Falls du dir Hoffnungen machst, meine momentane Schwäche auszunutzen, um an körperliche... Annehmlichkeiten zu kommen - vergiss es," gab sie halb scherzhaft zurück. Damit überspielte sie den Fakt, dass sie bei Jarbeorns Worten zwei Gedanken gehabt hatte: Ich hoffe, Jarbeorn sieht in mir nach wie vor nur eine Kampfgefährtin und Kameradin. Der zweite Gedanke hatte Lasseron gegolten, und das verwirrte Córiel mehr, als sie zugeben wollte.
Jarbeorn lachte schallend und war wieder ganz der Alte. "Du hast aber eine hohe Meinung von deinen weiblichen Reizen, Stikke. Weißt du denn nicht, wie wir zueinander stehen? Ich halte dir den Rücken frei, und du mir meinen. Wie Bruder und Schwester." Er zeigte ihr ein listiges Grinsen, als er hinzufügte: "Außerdem bist du für meinen Geschmack viel zu dürr - und zu alt."
Als empörte Antwort warf sie ihm einen ihrer Stiefel an den Kopf, doch beide lachten dabei.

Sie wagten trotz Calantos Erläuterung nicht, das Feuer erneut zu entzünden. Als Sabri am Abend zurückkehrte, berichtete er davon, dass die Orks ihr Lager verlassen hatten und ihre Spur zurück in die Berge führte. Von Vaicenya hatte er hingegen keinerlei Anzeichen entdecken können.
"Wir könnten hier auf die Manarîn warten, deren Jäger sicherlich bald in großer Zahl in dieses Gebiet reiten werden," schlug Sabri vor. "Vielleicht können sie uns bei der Suche behilflich sein."
Córiel schüttelte den Kopf. "Vaicenya hat sich als listenreiche Gegnerin erwiesen. Wir sind von einer ihrer Fallen in die nächste gestolpert. Selbst inmitten einem ganzen Dorf voller Dunländer waren wir vor ihrem Zugriff nicht sicher. Ich sage, es ist Zeit, dass wir den Spieß umdrehen."
"Was schlägst du also vor, Stikke?"
"Wir sollten versuchen, sie zu uns zu locken. Ich bin mir sicher, dass noch mehr hinter ihren Motiven steckt, als wir bislang wissen. Ich glaube nicht, dass sie nur vom Hass auf mein Volk angetrieben wird. Da muss noch etwas anderes sein."
"Nun, die naheliegendste Erklärung wäre, dass Saruman seine Finger im Spiel hat. Selbst im Tal des Anduins haben wir von der Macht seiner Stimme gehört. Wer weiß, was er Vaicenya eingeflüstert hat, um sie zu solchen Taten zu verleiten..."
"Die Avari sind immer noch Elben, und Elben lassen sich nicht so leicht beherrschen. Außerdem braucht es schon sehr viel, um die Erstgeborenen zu einem Bündnis mit ihren Todfeinden, den Orks zu bringen," befand Córiel. "Ich denke zwar auch, dass Vaicenya und ihre Gefolgsleute mit Saruman im Bunde stehen, doch ob sie wirklich eine zutiefst ergebene Dienerin des Zauberers ist, bezweifle ich stark. Ich habe das Gefühl, dass sie ihre ganz eigenen Ziele verfolgt."
"Wenn wir nur mehr über diese Avari wüssten," ärgerte sich Jarbeorn. "Die Königin hat sich in dieser Hinsicht sehr bedeckt gehalten."
Sabri, der ein gutes Namensgedächtnis zu haben schien, sagte: "Wenn ich mich recht entsinne, stammt der Großteil der Elben in Eregion vom Stamm der Hwenti. Aber Vaicenya hat sich dir gegenüber nicht als eine der Hwenti vorgestellt, korrekt?"
"Nein, hat sie nicht," bestätigte Córiel. "Aber das bedeutet wahrscheinlich nichts; wir müssen davon ausgehen, dass jedes ihrer Worte eine Lüge sein kann."
"Dann stehen wir wieder ganz am Anfang. Irgend einen Anhaltspunkt muss sie dir doch gegeben haben."
"Sie sagte, ich solle mich ihr anschließen," sagte Córiel und rief sich die vergangene Nacht wieder ins Gedächtnis. "Zwar nahm sie es mir durchaus übel, dass ich den Attentäter getötet habe, den sie auf den Wolfskönig angesetzt hat, aber dennoch..."
"Man sollte meinen, dass sie dich aus Rache sofort töten würde, sobald sie dich gefangen genommen hatte, vor allem, wenn sie die Noldor wirklich so sehr hasst, wie sie behauptet hat," überlegte Sabri.
"Ja, das frage ich mich auch. Ihr Blick und ihre Berührungen waren wirklich... merkwürdig. Ich... kann es nicht recht beschreiben." Córiel würde noch mehr Zeit brauchen, um sich darüber klar zu werden.

Sie verfielen alle drei in nachdenkliches Schweigen. Keiner schien eine zündende Idee für ihr weiteres Vorgehen zu haben. Jarbeorn stand nach einer Weile auf und begann, in der kleinen Höhle auf- und abzugehen, während er angestrengt nachdachte. Schließlich blieb er stehen und sagte: "Ich glaube, sie wusste bislang über jeden unserer Schritte Bescheid. Wahrscheinlich war auch die Begegung mit ihr kurz hinter den Furten des Isen kein Zufall. Wenn wir also davon ausgehen, dass sie uns stets beobachten lässt, könnten wir uns diesen Fakt zu Nutze machen."
"Wie meinst du das?" fragte Córiel.
"Wie du vorhin schon sagtest, Stikke," antwortete der Beorninger mit einem breiten Grinsen. "Wir drehen den Spieß um."
« Letzte Änderung: 19. Sep 2017, 11:13 von Fine »
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Den Spieß umdrehen
« Antwort #6 am: 18. Sep 2017, 23:00 »
"Das hier muss die Königin aller schlechten Ideen sein," murmelte Córiel und fragte sich, wie Jarbeorn es nur geschafft hatte, sie von der Sache zu überzeugen. Ich muss noch im Fieberwahn gewesen sein, als ich dem hier zugestimmt habe, dachte sie. Ohne ihre Rüstung fühlte sie sich schutzlos und verletzlich. Vorsichtig tastete sie nach ihrem Dolch, der unter einem der Steine verborgen war, auf denen sie saß, und spürte die beruhigende metallische Berührung des Griffes der Klinge. Sie atmete tief durch und versuchte, sich zu entspannen und abzuwarten.
Erstaunlicherweise fiel es ihr relativ leicht. Das Wasser besaß genau die richtige Temperatur, und Córiel spürte, wie nach und nach die anstrengenden Ereignisse der letzten Tage und die Sorgen um die Zukunft in den Hintergrund rücken, und sie nur noch in der Gegenwart lebte. Sie spürte ihren Körper, nun, da er nackt war, zum ersten Mal seit einer langen Zeit wieder richtig, und wurde sich jeder einzelnen Faser davon ganz genau bewusst. Sie hatte am Ufer des Teiches, der von einer heißen Quelle gespeist wurde und der direkt oberhalb des Verstecks der Manarîn lag, gleich eine gute Stelle gefunden, an der ein großer, flacher Felsen sanft ins Wasser abfiel. Hier saß sie nun, mit dem Rücken an den warmen Stein gelehnt, und umgeben von angenehm heißem Wasser, das ihr bis zum Schlüsselbein ging.
Doch gänzlich gab sie ihre Wachsamkeit nicht auf. Noch immer streiften ihre Finger gelegentlich über den Griff des verborgenen Dolches. Und hin und wieder ließ sie den Blick über den Teich schweifen, von dem weißer Dampf zum Nachthimmel aufstieg. Der Wald jenseits des Wassers war finster, doch über der Quelle standen die Sterne und sandten vereinzelte Lichtstrahlen auf das brodelnde Wasser. Córiel spürte, wie ihr geschundener Körper den Heilungsprozess beschleunigte und schloss die Augen. Ihr Gehör hingegen war geschärft und unterschied nahezu meisterlich die nächtlichen Geräusche des Waldes von allem, was auf Feinde in der Nähe hinweisen konnte. Doch eine Stunde verging, ohne dass sich etwas regte. Und dann eine weitere. Und eine weitere.

Es war kurz vor Mitternacht, als Córiel die Augen wieder öffnete, langsam und träge. Sie war nicht müde, denn sie hatte tagsüber viel geschlafen und sich Ruhe gegönnt. Ihre Ohren fingen keine verdächtigen Geräusche auf, doch ihr Herz sagte ihr, dass irgendetwas nicht stimmte. Rasch tastete sie nach dem Dolch. Er war noch da, genau dort, wo sie ihn gelassen hatte. Mit einem Mal stellten sich die Härchen an Córiels Nacken auf, und trotz des heißen Wassers lief es ihr eiskalt den Rücken hinunter. Sie bereitete sich innerlich darauf vor, was nun kommen mochte, ließ sich aber äußerlich nichts anmerken. Córiel blieb ruhig im Wasser liegen und wartete ab. Sie regte sich nicht einmal, als sich eine Hand an ihren Hals legte.
Beinahe erwartete sie, dass man sie würgen würde, doch stattdessen strich die Hand geradezu sanft über Córiels Nacken und blieb schließlich auf ihrer linken Schulter liegen. Sie spürte die Wärme, die davon ausging.
"Ein schönes Plätzchen für eine wohlverdiente Pause," sagte Vaicenya. Es klang so, als meinte sie es tatsächlich so.
Langsam wandte Córiel der anderen Elbin den Blick zu. Jetzt, wo sie die Verkleidung als Dunländerin abgelegt hatte, war Vaicenya auf den ersten Blick als Elbin zu erkennen. Sie trug eine feste Lederrüstung, die im Sternenlicht silbern schimmerte und mit eindeutig elbischen Mustern verziert war, und darunter ein Kettenhemd. Ihre Haare trug sie nach elbischer Art geflochten und auf ihrer Stirn ruhte ein kleiner, silberner Reif. Córiel fragte sich, wie sie Vaicenya jemals für einen Menschen hatte halten können. Das Gesicht wies keine Anzeichen des Alters auf und war von großer Schönheit. Und dennoch spürte Córiel deutlich, dass die Avari-Elbin viele Jahrtausende älter als sie selbst war.
"Das Wasser ist äußerst angenehm," stimmte Córiel ihr zu. "Du solltest es selbst einmal versuchen."
"Vielleicht mache ich das," antwortete Vaicenya. "Hast du über mein Angebot nachgedacht? Ich habe dir wahrlich genug Zeit dafür gelassen."
Córiel nickte. "Ich kann dir keine andere Antwort darauf geben, bevor du mir nicht erklärt hast, was du eigentlich vorhast. Was du wirklich vorhast. Den Hass auf die Noldor kaufe ich dir nicht ab."
"Kluges Mädchen," lobte Vaicenya. "Nein, es ist nicht mehr als ein Vorwand, um jene auf meine Seite zu ziehen, die dein Volk tatsächlich hassen." Sie streifte ihre aus feinem Leder gefertigen Stiefel ab und tauchte die Füße in das warme Wasser neben Córiel. "Du hast recht. Es ist wirklich sehr angenehm." Ihr Blick streifte Córiels nackten Körper, und sie zog leicht die Augenbrauen hoch, ehe sie weitersprach. "Also gut. Lass mich dir eine Geschichte erzählen. Vor einigen tausenden von Jahren reisten drei Boten des Alten Westens bis in den östlichsten Winkel Mittelerdes und kamen auch bis zur Heimstatt meines Volkes. Der Oberste von ihnen war unübertroffen an Weisheit, und gab unseren Anführern so manchen guten Rat. Und es trug sich sogar zu, dass er den Großteil meines Stammes vor der Vernichtung durch wilde Reiterhorden bewahrte, in dem er einfach nur mit den Barbaren redete. Er besaß schon damals eine unglaubliche Überzeugungskraft."
"Saruman," wisperte Córiel, als ihr klar wurde, von wem Vaicenya sprach.
"Ich lernte ihn als Curumo kennen," stellte diese richtig. "Da er mein Volk gerettet hatte, standen wir tief in seiner Schuld. Er jedoch sprach uns davon frei und sagte, er würde eines Tages unsere Hilfe benötigen. Und vor zwei Jahren war es soweit. Er kehrte nach einem schweren Rückschlag zu meinem Volk zurück und forderte unsere Hilfe ein. Durch das Gesetz der Ehre waren - und sind - wir daran gebunden, sie ihm zu gewähren. Das ist einer der Gründe, weshalb ich in diese Lande gekommen bin, und warum ich tue, was in Sarumans Namen getan werden muss."
Córiel betrachtete die Dunkelelbin, die neben ihr am Ufer saß, und die Beine ins Wasser baumeln ließ. Sie wirkte nicht wie ein Feind der Freien Völker. Und doch hatte sie versucht, den König der Dunländer zu ermorden und einen Krieg zwischen dem Reich der Manarîn und den Stämmen Dunlands auszulösen. Offenbar auf Sarumans Befehl hin. Doch Córiel war sich beinahe sicher, dass noch mehr dahintersteckte.
"Verstehst du es jetzt besser?" fragte Vaicenya und ergriff Córiels Hand. "Spätestens wenn du erst mit Saruman selbst gesprochen hast, wird es dir klar werden. Er ist die beste Chance, die Mittelerde im Kampf gegen den Dunklen Herrscher hat."
"Ich habe seine Methoden bei Dol Guldur zu genüge gesehen," widersprach Córiel. "Saruman will sich selbst zum Herrscher Mittelerdes aufschwingen, wenn Sauron besiegt ist."
Vaicenya dachte nicht einmal daran, das abzustreiten. "Mag sein," sagte sie und löste vorsichtig ihren Zopf, sodass ihr hellbraunes Haar wie ein Wasserfall ihren Rücken hinab fiel. "Und was wäre daran so schlimm? Ich habe ihn als weisen und gerechten Herrscher erlebt, solange man ihm keinen Widerstand leistet."
"Du nimmst mir die Worte aus dem Mund, meine Schöne," sagte Sabris Stimme, und die schlanke Klinge seines Dolches legte sich an Vaicenyas Hals. "Also... leiste bitte keinen Widerstand. Ich würde dir nun ungerne wehtun."
Auch Córiel packte nun ihren eigenen Dolch und hob ihn drohend aus dem Wasser. Innerlich konnte sie es kaum fassen, dass Jarbeorns Plan tatsächlich funktioniert haben sollte, und Vaicenya ihnen in die Falle gegangen war. Doch ganz offensichtlich hatte sie Sabri nicht kommen gehört. Der Südländer schien ein Talent dafür zu besitzen, sich ungehört bewegen zu können.
Auf Vaicenyas Gesicht spiegelte sich pure Enttäuschung wider. "Du brichst mir das Herz, Coryeldë," stieß sie hervor, als wäre sie den Tränen nahe. "Ich hatte wirklich geglaubt, du würdest ernsthaft über mein Angebot nachdenken. Doch nun sehe ich, dass du noch immer verblendet bist."
"Rede," sagte Córiel, leise und gefährlich. "Was hast du als Nächstes vor? Wieso willst du einen Krieg zwischen Eregion und Dunland auslösen.
Vaicenya sah sie an, als wäre sie ein Kind und hätte gerade die dümmste Frage der Welt gestellt. "Ist es nicht offensichtlich? Wenn die Dunländer merken, dass sie gegen die Manarîn nicht siegen können, werden sie ihren König absetzen und sich einen neuen, stärkeren Herrscher wählen. Einen, der treu zur Weißen Hand steht. Gemeinsam mit den Orks des Gebirges werden sie die Elben in die Knie zwingen. Und sobald das Reich der Manarîn aus dem Weg geräumt ist, werden sich Sarumans Diener daran machen, Eriador zurückzuerobern."
"Ich fürchte, das können wir nicht zulassen," warf Sabri ein.
"Zu dumm, dass ihr mir nicht im Weg stehen werdet," konterte Vaicenya gelassen. Von ihrer Enttäuschung war nichts mehr zu hören. Dann schnellte ihre Hand vor, schneller als man es sehen konnte, und prellte den Dolch aus Sabris Hand. Sie fuhr herum und stürzte sich auf den Südländer. Sabri war schnell und geschickt, doch Vaicenya war er auf Dauer nicht gewachsen. Drei ihrer Hiebe wehrte er ab, doch dann schickte sie ihn mit einem Fausthieb in die Magengrube zu Boden.
Córiel sprang aus dem Wasser, den Dolch noch immer in der Hand. Die Eiseskälte der Nacht traf sie wie ein Hammerschlag. Gleichzeitig brach Jarbeorn aus einem nahen Gebüsch hervor, die Axt schon zum Schlag erhoben. Doch Vaicenya beachtete ihn gar nicht. Sie nahm Anlauf und sprang mit einem gewaltigen Satz über den Teich hinweg, weiter als ein Mensch jemals springen konnte. Am anderen Ufer blieb sie einen Augenblick stehen und warf Córiel einen langen Blick zu. Dann verschwand sie in Richtung der Berggipfel im Wald.

"Wir waren so nahe dran," ärgerte sich Jarbeorn. Beiläufig warf er Córiel seinen mit Pelz besetzten Umhang zu und blickte betreten beiseite, bis sie sich damit bedeckt hatte.
Sabri regte sich bereits wieder und kam langsam auf die Beine. "Immerhin kennen wir jetzt Vaicenyas Plan," ächzte er.
"Vergesst nicht, dass sie auch gelogen haben könnte," warf Córiel ein. "Zwar hat sie mir einiges erzählt, was stark nach der Wahrheit klang, aber ich bin mir nicht sicher, weshalb sie mir das alles erzählt hat. Und ob sie wirklich nicht wusste, dass ihr beiden euch in der Nähe versteckt gehalten habt."
Sie beschlossen, den Rest der Nacht im Versteck der Manarîn zu verbringen und im Morgengrauen wieder aufzubrechen, um Vaicenyas Spur zu verfolgen. Die beiden Menschen waren rasch eingeschlafen, während Córiel noch einige Zeit wach lag und sich darüber den Kopf zerbrach, was Vaicenya von ihr wollte. Ganz offensichtlich hatte die Avari-Elbin ein spezielles Interesse an Córiel, doch worum es dabei ging, verstand die Hochelbin nicht.
Als der Morgen gekommen war, sattelten die drei Gefährten die Pferde und verließen Eregion in östlicher Richtung. Das Nebelgebirge lag vor ihnen, mit all seinen Geheimnissen und Gefahren.


Córiel, Sabri und Jarbeorn ins Nebelgebirge
« Letzte Änderung: 22. Sep 2017, 18:12 von Fine »
RPG:

Eandril

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Re: Tal des Sirannon
« Antwort #7 am: 21. Apr 2021, 19:20 »
Oronêl und Haleth aus Moria

Sie stolperten aus dem Tunnel hinaus ins Freie, wo Oronêl sofort erkannte, das es früher Morgen war. Die Sonne stand noch weit im Osten hinter den Bergen, und das obere Tal des Sirannon lag noch im tiefen Schatten. Erst ein ganzes Stück weiter westlich trafen bereits die ersten Sonnenstrahlen auf das Land, und viel weiter im Westen glaubte Oronêl, die Mauern von Ost-in-Edhil in der Sonne zu sehen.
"Weiter", rief Haleth ihm über die Schulter zu. Sie war bereits ein gutes Stück voraus, denn Oronêl war vollkommen unbewusst am Ende des Tunnels stehen geblieben. Der Weg folgte in einem nördlichen Bogen dem Ufer des Sees, dessen schwarzes Wasser Oronêl ein merkwürdiges Unbehagen bereitete. Es erinnerte ihn ein wenig an das Gefühl, dass er tief unter Moria, in der eisigen Kammer, verspürt hatte. Im Laufen blickte er kurz über die Schulter zurück zu den Toren von Moria, doch noch rührte sich nichts. Als sie die nördliche Hälfte des Sees umrundet hatten und sich nun direkt gegenüber der Tore befanden, blieben Oronêl und Haleth kurz stehen. Hier verließ der Sirannon, ein dünnes, ärmliches Rinnsal, den See, doch merkwürdigerweise waren sogar die Stufen der Steintreppe, die daneben den Steilhang hinabführten, nass.
"Seltsam...", murmelte Oronêl, und hockte sich hin um den unregelmäßigen Steindamm, der den Sirannon zum See aufstaute, genauer zu betrachten. Bevor dazu jedoch Zeit gehabt hatte, packte Haleth ihn fest an der Schulter, und sagte angespannt: "Wir müssen weiter. Schnell." Oronêl folgte ihrem Blick zu den Toren, wo jetzt aus drei der Tunnel Orks mit dem Banner der Weißen Hand hinaus und den Weg am Seeufer entlang strömten. Ohne ein weiteres Wort sprang er wieder auf die Füße, und eilte hinter Haleth die Treppe hinunter, so schnell der nasse und teilweise gefrorene Stein es zuließ. Am unteren Ende der Treppe machte der Weg eine Biegung nach Westen hin, um einen Felsvorsprung herum. Der Blick über das untere Tal des Sirannon war nun frei, und Oronêl fiel sofort der Turm aus hellem Stein aus, der sich ungefähr eine Meile weiter westlich auf der Südseite des Baches erhob. An der Spitze des Turms flatterte ein blau-rotes Banner mit einer untergehenden Sonne - das Banner der Manarîn. Das gleiche Banner war auf den Mauern, die den Turm umgaben, gehisst, und bei seinem Anblick verspürte Oronêl eine grenzenlose Erleichterung.
Mit einer letzten Anstrengung legten er und Haleth die letzte Meile bis zu der kleinen Festung zurück, und überquerten schließlich die Brücke, die die Manarîn über den Sirannon geschlagen hatten. Das Tor auf der anderen Seite hatte sich geöffnet, als sie die Brücke betreten hatten, und als sie unter dem Torbogen hindurch waren ließ sich Haleth ohne ein weiteres Wort keuchend an der Mauer zu Boden rutschen. Oronêl schöpfte einen kleinen Augenblick Atem, bevor eine Elbin in voller Rüstung von Fuß eines der Maueraufgänge auf ihn zugeeilt kam.
"Ich bin...", setzte Oronêl an, noch immer etwas außer Atem, doch sie unterbrach ihn. "Oronêl Galion aus Lórien, ich weiß. Wir haben uns zuletzt in Tharbad gesehen." Als sie den Helm, in dem ein einzelner Bernstein eingelassen war, abnahm, erkannte Oronêl sie ebenfalls wieder. "Ihr seid Isanasca, Faelivrins Tochter", stellte er fest, erleichtert über ein bekanntes Gesicht. Nach seiner und Kerrys letzter Begegnung mit den Elben von Eregion auf dem Weg nach Bruchtal war er sich nicht sicher gewesen, wie ihre Begrüßung ausfallen würde.
Isanasca nickte knapp und deutete ein Lächeln an, doch sie war unverkennbar angespannt. Sie trug eine kunstvoll verzierte Rüstung, die aber eindeutig nicht nur zu Zeremoniezwecken gedacht war, und drei Schwerter - eines auf dem Rücken und zwei an der linken Hüfte. "Euch ist bewusst, dass euch ein kleines Orkheer auf den Fersen war?"
Oronêl nickte, doch Haleth, die sich wieder in eine stehende Position gekämpft hatte, fragte: "War?"
"Sie haben am Ausfluss des Sees angehalten", erklärte Isanasca. Seltsamerweise schien diese Tatsache sie noch besorgter zu stimmen.
"Haben sie oft angegriffen?", fragte Oronêl, und Isanasca nickte. "Die letzten zwei Nächte hatten wir im Grunde dauerhaft mit ihnen zu tun. Sie haben es nie über die Mauern geschafft, aber sie sind hartnäckig. Dass sie sich jetzt am Tag zeigen ist... nicht gut." Oronêl verspürte ein vages Schuldbewusstsein, doch er konnte sich kein Zögern leisten. "Orks haben in den Tiefen Morias etwas aufgeweckt. Etwas Uraltes, Böses, etwas... ich weiß nicht was es ist, doch ich fürchte, dass wir es nicht ohne weiteres besiegen können."
Isanasca hörte ihm aufmerksam zu, und ließ dann den Blick über den Hof und die Elben auf den Mauern schweifen. "Ich habe den Befehl, diesen Turm zu verteidigen, und das werde ich tun. Doch ich danke euch für die Warnung." Oronêl neigte kurz den Kopf zur Anerkennung, und fuhr dann fort: "Wir müssen so schnell wie möglich nach Ost-in-Edhil, um eure Mutter zu warnen und mit Ivyn und Farelyë zu sprechen, doch weder Haleth noch ich sind in der Verfassung für einen langen Fußmarsch. Habt ihr..."
Erneut unterbrach Isanasca ihn. "Wir haben nur wenige Pferde hier, doch ich habe den Eindruck, dass die Sache wichtig ist und wirklich höchste Eile erfordert." Sie musterte Oronêl ein wenig genauer, der sich nur allzu bewusst war, wie abgekämpft, dreckig und zerschrammt er aussehen musste. "Und ihr seid wirklich nicht in der Verfassung für einen langen Fußmarsch." Sie rief einen Befehl in der Sprache der Manarîn über ihre Schulter, und wandte sich dann wieder Oronêl zu, während zwei Elben mit Pferden über den Hof herbei eilten. "Falls es euch ein wenig Freude bereitet - mein Großvater ist vor kurzem in der Hauptstadt eingetroffen." Oronêl lächelte, und ergriff die Zügel des einen Pferdes. "Danke, Isanasca", sagte er schlicht.
Von der Spitze des Turmes erklang ein warnender Ruf, und schlagartig änderte sich Isanascas eben noch beinahe entspannte Haltung.
"Wenn ihr gehen wollt, solltet ihr es schnell tun", sagte sie angespannt. "Die Orks machen sich am Damm zu schaffen - sie haben schon zwei Mal versucht den See abzulassen um uns abzuschneiden, und ich fürchte, beim dritten Mal könnte es ihnen gelingen."
Oronêl schwang sich in einer flüssigen Bewegung auf den Rücken seines Pferdes, und Haleth tat es ihm gleich. "Ich werde eurer Mutter berichten, was hier geschieht", sagte er an Isanasca gewandt, die ein wenig blass geworden war aber gleichzeitig ruhige Entschlossenheit ausstrahlte. "Danke. Aber nun geht!"
Ohne weitere Worte zu verschwenden riss Oronêl sein Pferd herum, und galoppierte über die Brücke, dicht gefolgt von Haleth. Hinter ihnen schlug das Tor mit einem dumpfen Knall zu. Sie waren der Straße nach Westen erst einige Meter weit gefolgt, als Oronêl hinter sich ein dumpfes Grollen hörte. Ein Blick über die Schulter verriet ihm, dass die Orks in ihrem Vorhaben erfolgreich gewesen waren. Eine Flutwelle aus Wasser und Fels ergoss sich aus dem aufgestauten See hinunter ins Tal, und rollte unaufhaltsam auf den Wachturm der Manarîn zu. Als sie eine etwas erhöhte Stelle erreicht hatten, hielten Oronêl und Haleth an, gerade rechtzeitig um zu beobachten, wie das Wasser die Festung erreichte. Die Mauern hielten dem Ansturm des Wassers stand, doch die Brücke wurde den Fluten ergriffen und fortgerissen. Mit einem Augenblick war aus dem schmalen Torbach ein reißender Strom geworden.
"Wir sollten nicht verweilen", sagte Haleth leise, und tätschelte dabei den Hals ihre Pferdes, das nervös schnaubte und tänzelte.
Oronêl wandte sich ab, und nickte. "Nein, Eile ist geboten. Jetzt noch mehr als vorher."

Oronêl und Haleth nach Ost-in-Edhil

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Eandril

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Re: Tal des Sirannon
« Antwort #8 am: 24. Apr 2021, 19:52 »
Nicht lange, nachdem sie den Wachturm am Ufer des Sirannon aus den Augen verloren hatten, verließ die Straße den Fluss, der hier in einem Bogen nach Süden verlief, während die Straße geradewegs weiter in Richtung Westen führte.
"Früher verlief der Sirannon immer entlang der Straße", erinnerte sich Oronêl. Etwa eine Meile westlich des Wachturms hatten er und Haleth ihr Tempo ein wenig verringert um die Pferde zu schonen, und konnten sicher daher nun unterhalten. "Er muss mit den Jahren seinen Lauf geändert haben."
"Wenn du früher sagst... wie viel früher meinst du dann?", fragte Haleth nach, und Oronêl dachte einen Augenblick nach. "Nun, als das Reich von Eregion - das alte, meine ich - noch bestand. Also vor... ungefähr fünftausend Jahren?" Er lächelte schwach über Haleths Gesichtsausdruck.
"Es muss... merkwürdig sein, sich so lange zurückerinnern zu können."
"Ich bin es nicht anders gewohnt. All diese Erinnerungen... sie sagen mir, wer ich war und wer ich bin", meinte Oronêl nachdenklich. "Manche Erinnerungen verschwimmen, und versinken mit der Zeit wie in tiefes Wasser, und tauchen erst wieder auf, wenn es einen Anlass dafür gibt. Ich hätte nicht ohne weiteres sagen können, wie der Sirannon vor Jahrtausenden verlief, doch jetzt wo ich ihn gesehen habe..." Er warf einen Blick über das Land um sich. Sie verließen allmählich die letzten Hügel, Ausläufer des Nebelgebirges hinter ihnen. Vor ihnen breitete sich ein flacheres, von Heidekraut und anderen niedrigen Sträuchern und Gewächsen überwuchertes, leeres Land aus. "Einst war dies ein schönes Königreich. Kein Ort an dem ich Leben wollte, doch unbestreitbar schön, voller Kunst, Freude und Leben. Viele Elben von Eregion waren hochmütig und stolz auf das Reich, dass sie geschaffen hatten. Manche sagten, Ost-in-Edhil könnte sich mit den schönsten Städten des alten Beleriand messen. All das ist vergangen, vernichtet durch Saurons Hass. Doch vielleicht..." Er führte den Satz nicht zu Ende.

Gegen Mittag hatte ein kalter Nordwind begonnen, Schneeflocken herbei zu treiben, doch Oronêl und Haleth gönnten weder sich noch den Pferden eine Pause. Oronêl vermutete, dass sie die Hauptstadt einige Zeit nach Einbruch der Nacht erreichen konnten, doch seit einiger Zeit beschäftigte ihn ein metallisches Aufblitzen, dass sich von Westen aus direkt auf die zubewegte und von Meile zu Meile näher kam. Anfangs hatte er befürchtet, dass ein Orkheer in Eregion eingefallen und ihnen den Weg abgeschnitten hätte, doch je weiter sie sich näherten, desto mehr Details konnte er erkennen. Silbrig glitzernde Panzer und Helme, und in der schwach durch die Wolken scheinenden Mittagssonne leuchtende hellrote Umhänge - dies war kein Orkheer. Dies waren Elben.
Oronêl teilte seine Beobachtung Haleth mit, die freudig überrascht schien. "Dann wissen die Elben hier vielleicht schon über die Bedrohung aus dem Nebelgebirge Bescheid und können sie abwehren!" Oronêl teilte ihre Zuversicht nicht vollständig. Zwar hatten die Begegnung mit Isanasca und jetzt der Blick auf die nahenden Elbenkrieger ihn von der Wachsamkeit der Manarîn überzeugt, und er wusste aus eigener Erfahrung welch fähige Krieger sich in ihren Reihen befanden, doch Eregion war noch immer ein äußerst junges, gerade ein paar Monate altes und sicherlich noch wenig gefestigtes Königreich. Wenn Sauron abwartete, bis Sarumans Truppen die Elben geschwächt hatten und erst dann seine Horden und das Wesen, dass die Orks in der eisigen Tiefe erweckt hatten, auf Eregion losließ würde die Lage äußerst bedrohlich werden.

Als Oronêl bereits die Anzahl der Elbenkrieger und ihre Bewaffnung genau erkennen konnte, hielten er und Haleth am Fuß der Böschung, die sich nördlich der Straße entlang zog, an und warteten. Während sie abwarteten betrachtete Oronêl die nahenden Elben genauer - sie waren noch etwas mehr als eine Meile entfernt, und allmählich konnte er die ersten Gesichter halbwegs erkennen. Sein Herzschlag beschleunigte sich ein wenig, als er das Gesicht des vorweg marschierenden, hochgewachsenen Elben mit dem rot-goldenen Mantel erkannte - offenbar war Mathan endlich aus dem Gebirge zurückgekehrt. Als sie Manarîn bereits ziemlich nah herangekommen waren, berührte Haleth ihn an der Schulter, deutete auf Mathan und fragte: "Ist das nicht...?"
"Genau der Mann, den zu treffen ich gehofft hatte", unterbrach Oronêl sie mit einem Lächeln und glitt aus dem Sattel. Mathan bedeutete seinen Kriegern mit einer knappen Geste Halt, und legte dann die letzten Schritte im Eilschritt zurück, bevor er Oronêls dargebotenen Unterarm mit festem Schritt umfasste.
"Oronêl", sagte er, und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, dass Oronêl ohne Zögern erwiderte. "Ich hätte dich beinahe nicht erkannt unter all dem... Staub und Blut."
"Die Minen von Moria sind kein besonders angenehmer - oder sauberer - Ort", gab Oronêl scherzhaft zurück, und musste Lachen. "Es tut gut, dich wohlbehalten zu sehen, mein Freund."
"Es war ein weiter Weg, seit wir uns zuletzt sahen", meinte Mathan ernst. "Ich hatte von deinem Verschwinden auf dem Weg hierher gehört - nach Moria hat es dich also verschlagen?"
Oronêl machte eine abwinkende Geste. "Eine lange Geschichte, für einen anderen Ort. Dann sind Kerry und die anderen sicher in Ost-in-Edhil eingetroffen?" Als Mathan nickte atmete er erleichtert durch. Er hatte den Gedanken so lange es ging beiseite geschoben, doch die Sorge um seine Gefährten hatte ihn nie verlassen - bis jetzt. "Seid ihr auf dem Weg den Sirannon hinauf?"
Mathan nickte abermals. "Nach Fórmen Tirion, dem neuen Wachturm am Oberlauf. Meine Tochter macht sich große Sorgen um seine Verteidigung."
"Zurecht, fürchte ich", mischte sich Haleth, die ebenfalls abgesessen war und ihr und Oronêls Pferd am Zügel hielt, in das Gespräch ein. "Als wir von dort aufgebrochen sind machten sich die Orks gerade zum Angriff bereit."
Mathans Augen verengten sich besorgt, und er fragte: "Ihr wart dort? In Fórmen Tirion?"
"Wir haben mit deiner Enkelin gesprochen - Isanasca", antwortete Oronêl. "Bislang haben sie den Angriffen offenbar gut standgehalten, sie schein eine fähige Kommandantin zu sein. Aber die Orks haben den See des Sirannon freigesetzt und die Brücke zum Turm fortgespült."
Mathan wirkte, als würde er eilig nachdenken, und seine Pläne überdenken. "Das sind keine guten Neuigkeiten." Er blickte Oronêl aufmerksam an. "Aber ich spüre, dass das noch nicht alles ist."
Oronêl schüttelte den Kopf, und mit einem Mal spürte er die Erschöpfung in allen Knochen. "Die Orks - Saurons Orks, vermute ich - haben irgendein uraltes Übel in den Tiefen von Moria erweckt. Irgendein Wesen aus Kälte und Dunkelheit, voller Hass und Bosheit. Ich habe noch nie etwas derartiges gesehen. Ich weiß nicht, wann es aus den Bergen hervorkommen wird und ich weiß nicht, ob es überhaupt nach Eregion kommen wird, doch du solltest vorbereitet sein. Es ist... ungeheuer mächtig, und ich weiß nicht, ob es besiegt werden kann."
Mathan, der mit ernster Miene zugehört hatte, blickte kurz nachdenklich auf seine Hände hinab. Dabei fiel Oronêl auf, dass er nicht länger seine länger seine Zwillingsschwerter, sondern ein Bastardschwert, dass Oronêl als Halarîns Waffe erkannte, trug. "Das werden wir sehen", sagte Mathan schließlich langsam. "Aber ich werde auf jeden Fall vorsichtig sein."
"Ich werde mit Farelyë und Ivyn darüber sprechen, vielleicht wissen sie mehr darüber." Mit einem Nicken in Richtung des Schwertes fügte Oronêl hinzu: "Geht es... Halarîn gut?"
Mathan machte eine beruhigende Geste und legte einen Hand auf den Knauf der Waffe. "So gut es ihr gehen kann, immerhin steht sie kurz vor der Geburt." Der Gedanke schien ihn gleichermaßen zu freuen wie nervös zu machen, und Oronêl konnte dieses Gefühl vollkommen nachvollziehen. Ebenso hatte er sich kurz vor Mithrellas' Geburt gefühlt. "Nur kann sie ihr Schwert im Augenblick natürlich nicht gebrauchen, und da ich meine Schwerter gerade nicht führen kann, haben wir getauscht." Er verzog ein wenig das Gesicht. "Ebenfalls eine lange Geschichte."
"Wir werden Zeit haben, Geschichten auszutauschen... wenn diese Bedrohung für Eregion vorüber ist", sagte Oronêl. "Nichts würde ich lieber tun als dich zu begleiten und an deiner Seite zu kämpfen, aber..." Mathan winkte ab. "Und nichts würde mich mehr freuen, als deine Axt in Fórmen Tirion an meiner Seite zu sehen. Doch der Zeitpunkt wird kommen, an dem wir wieder gemeinsam in den Kampf ziehen - das weiß ich."
Oronêl nickte stumm, und schwang sich wieder auf den Rücken seines Pferdes. "Ich werde nach Fórmen Tirion kommen, sobald es geht", versprach er. "Mögen die Valar dich und Isanasca und eure Krieger beschützen."
Mathan neigte kurz den Kopf, und erwiderte: "Ich hoffe, das wir uns bald wiedersehen, mein Freund. Und... grüß meine Familie von mir."

Oronêl und Haleth nach Ost-in-Edhil...
« Letzte Änderung: 28. Apr 2021, 15:34 von Fine »

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Curanthor

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Das Gefecht auf der kleinen Hochebene
« Antwort #9 am: 27. Apr 2021, 00:38 »
Mathan mit dem kleinen Elbenheer aus Ost-In-Edhil

Mathan blickte seinem Freund eine lange Weile noch hinterher und ließ die dreihundert Elben eine kleine Rast einlegen. Sie hatten ein strammes Tempo an den Tag gelegt und bis in die Dämmerung marschiert. Aus dem Augenwinkel sah er, wie sich die geordneten Reihen zerfaserten und an den Wegesrand der alten Weststraße  verteilten, wo sich die Avari in kleine Grüppchen zusammenfanden. Manche aßen eine Kleinigkeit, andere unterhielten sich gedämpft. Die Stimmung war ein wenig angespannt, je näher sie dem östlichen Bollwerk kamen. Einzig die Sturmspitze, die Elite der Manarîn blieb in geordneten Reihen und wartete geduldig auf Befehle.
Die Nachrichten, die Oronêl Mathan über das uralte Wesen überbracht hatte, hatten ihn sofort an seine Erlebnisse bei seiner Mutter im hohen Norden denken lassen. Nur mit großer Mühe hatte er die dunklen Geschehnisse wieder von sich geschoben. Stattdessen freute er sich, dass sein Freund mehr oder weniger wohlbehalten aus Moria entkommen war, trotzdem schlichen sich wieder Sorgen an ihn heran. Seine Enkelin war von der Außenwelt abgeschnitten und der Sirannon würde wieder Wasser führen. Eine schlechte und eine gute Nachricht, doch er gedachte die schlechte Nachricht zu beheben.
Tarcáno?“ Mathan wandte sich um und starrte die drei Kommandanten der jeweils drei Kompanien erwartungsvoll an.  Sie hatten ihn ungefragt als Feldherr angesprochen, obwohl er sich anfangs einfach als Hauptmann vorgestellt hatte. Sein alter Rang schien wohl ausgedient zu haben, oder den übrigen Elben erschien er zu niedrig. Mathan musste zugeben, dass er die Einheiten und Truppeneinteilungen der Manarîn noch nicht kannte, bis auf besagte Kompanie, die einhundert Elben umfasste. Er beschloss es zu dulden und nickte dem Sprecher der drei Kommandanten zu. Sie trugen noch immer Tücher vor dem Mund, sodass er Schwierigkeiten hatte sie auseinander zu halten, bis auf den Anführer der Sturmspitze, der Elitetruppe. Er war einfach an der rotorangen Farbe seines Umhangs zu erkennen und den eingelassenen Rubinen an den Armschienen zu erkennen. Er war es auch, der ihn angesprochen hatte und sich nun als Lorindion vorstellte. Der Avar nickte knapp und fragte, wer der fremde Elb war und meinte damit offensichtlich Oronêl.
„Ein Freund, mit dem ich eine lange, gemeinsame Reise hinter mir habe“, antwortete Mathan ausweichend und beschloss im Gedanken den Sindar später zu einem Becher Wein einzuladen. Lorindion schien noch etwas Fragen zu wollen, entschied sich aber lieber zu schweigen. Einer der beiden Kommandanten, die sich als Nénmaril vorstellte, berichtete, dass die Späher zurückgekehrt waren und Neuigkeiten hatten. Mathan hatte sie ausgesandt, um eventuelle Überraschungen zu vermeiden. Ein marschierendes Heer war ein leichtes Ziel, das wusste jeder angehende Kommandant. Er folgte Nénmaril, deren himmelblauer Mantel aus Seide sich bei einer leichten Brise leicht aufbauschte. Die Kommandantin  führte ihn in den steinigen Hang hinauf, auf einen kleinen Hügel, der von zwei Hulstbäumen gekrönt wurde. Irgendwie kam ihm der Anblick vertraut vor und Mathan hatte Mühe, alte Erinnerungen mit der Realität zu trennen. Hier hatte es einst ein schweres Gefecht zwischen Saurons Schergen und den Elben Eregions gegeben, von dem er nur gehört hatte. Er kannte nicht mehr das genaue Datum, aber es war im Juli, 1694 im zweiten Zeitalter gewesen. An dieser Stelle wurde sein Kindheitsfreund Lanym in einem unerwarteten Hinterhalt erschlagen worden. Er selbst war damals gerade erst dreißig Jahre alt gewesen, in Elbenmaßstäben noch ein Jugendlicher. Mathan ballte unbewusst die Fäuste. Damals waren die Orks über das Gebirge gekommen und hatten die Frontlinien umgangen. Eine Taktik, die zu dem Zeitpunkt das erste Mal angewendet wurde und sich danach immer wieder häufte, sehr zum Zorn der Zwerge, die das mit allen Mitteln versuchten zu verhindern. Vor seinem geistigen Auge, sah er eine Handvoll Elben, die sich erbittert gegen eine Übermacht aus Orks unter großen Verlusten zur Wehr setzte, doch es war ein verzweifelter Überlebenskampf, den sie letztendlich mit dem Leben bezahlten.
Nénmaril räusperte sich respektvoll und katapultierte Mathan mehr als viertausend Jahre wieder in die Gegenwart. Noch immer hallten ihm die Schmerzensschreie seines Freundes in den Ohren, auch wenn es nur seine Einbildung gewesen war. Er fasste sich unmerklich an den Kopf und folgte dem Nicken der Kommandantin. Unter den Bäumen warteten vier leicht gerüstete Elben, einer davon zu Pferde. Nacheinander berichteten sie, dass sie eine große Flutwelle durch das alte Flussbett beobachtet hatten, die vom Osten kam. Somit hatte sich Oronêls Bericht bewahrheitet, auch wenn Mathan ihm von vornherein geglaubt hatte. Der Sirannon war damals ein recht breiter und tiefer Fluss gewesen mit einigen Nebenarmen, auf dem auch kleine Schiffe gefahren waren. Er vermutete, dass das Land sich dadurch noch besser erholen konnte und sich das auch auf die Ernten auswirkte.
Der Reiter berichtete schließlich von Orksspuren, in nord-östlicher Richtung, was Mathan aufhorchen ließ. „Was für Spuren?“, hakte er nach und kam damit Nénmaril zuvor, die eigentlich die Berichte abfragte. Einen Moment der Überraschung später, berichtete der Späher ausführlicher, dass er Spuren von etwa einhundert Orks gefunden habe, davon trennte sich die Hälfte und führte nach Moria. Die andere Hälfte verlor sich in steinigen Hügelgruppen, vorgelagerte Ausläufer des Nebelgebirges, die dicht mit Tannen und anderen Nadelhölzern bewaldet waren.
„Irgendwelche Hinweise auf die ungefähre Richtung?“
Der Späher überlegte kurz und deutete auf eine kleine Hügelkette im Norden von ihnen. „Etwa dort müssten wir ihren Spuren folgen können. Entweder wollen sie weiter nach Norden, Westen, oder haben uns entdeckt und machten kehrt nach Moria…“
„Das vermute ich auch“, murmelte Mathan und entließ die Späher wieder in die Obhut ihrer Kommandantin. Nachdenklich schritt er den kleinen Hügel hinab, der ihm noch immer ein mulmiges Gefühl bereitete. Wenn die Orks sie gesichtet hätten, würde die Rettung von Isansca wahrscheinlich noch schwerer werden, oder es würde ihre Feinde dazu provozieren eher zuzuschlagen, da sie schon relativ weit weg von der Hauptstadt waren und diese momentan über weniger Verteidiger verfügte. Mathan beschloss kein Risiko einzugehen und winkte die drei Kommandanten heran. Wobei der Dritte, sich am Tor von Ost-In-Edhil als Angadil vorgestellt hatte. Dieser hatte mit hinter dem Rücken verschränkten Armen geduldig auf neue Befehle gewartet und wachsam den Osten im Blick gehalten. Etwas widerwillig gab er seinen Aussichtspunkt auf und trat an Mathan heran. Man sah Angadil an, dass er nur durch Faelivrins ausdrückliche Anordnung ihm gehorchte.
Mit knappen Worten wiederholte Nénmaril den Bericht der Späher und Mathan verkündete seinen Entschluss: „Wir müssen diese Orks unschädlich machen. Sie dürfen auf keinen Fall Kunde von unseren Vorstoß nach Moria bringen; auch die zweite Gruppe, deren Spur sich verloren hat muss gestellt werden. Wenn sie uns mit Verstärkung in den Rücken fallen, wird es übel ausgehen.“
Die drei Elben nickten ernst, doch blieb die Frage in den Raum, welche Kompanien die beiden Aufgaben erledigen würden. Mathan schielte zu Angadil, den er als stolzer, aber fähigen Mann einschätze, dann zu Lorindion, der sich gelangweilt an seine Glefe lehnte und zum Schluss zu Nénmaril, die sich aufmerksam umblickte und eine gewisse Ruhe ausstrahlte.
„Lorindions Kompanie kommt mit mir. Die Dämmergarde. Ihr seid schwerer gerüstet und weniger geeignet um schnell anderen den Weg abzuschneiden“, sagte er nach einer Weile und grinste verschmitzt in die verwunderten Gesichter, „Wenn ihr schon unter mir dient, denke ich mir passende Namen aus.“
„Dann marschieren wir im Laufschritt als Vorhut und stellen die Orks, die nach Moria wollen“, schlug Nénmaril nach einer kurzen Überlegung vor.
Angadil, der offenbar erleichtert war, dass er nicht mit Mathan marschieren musste, nickte bekräftigend und schlug vor, dass er seine Kompanie in die Flanke und den Rücken der Orks führe, dass niemand entkommen konnte. Die beiden Kommandanten tauschten einen Blick und beschlossen den Feind einzukreisen, sodass niemand entkommen konnte. Und für den Fall, dass sie schneller als die Orks waren, schlug Mathan einen Hinterhalt vor, der widerspruchslos angenommen wurde. Er lächelte erfreut von dem taktischen Können der Manarîn klatschte in die Hände. „So sei es. Nénmaril, achtet darauf, dass ihr den Wind nicht im Rücken habt, Orks haben gute Nasen.“
Sie nickte und auch Angadil wirkte dankbar für den Tipp. Die beiden verneigten sich knapp und kehrten zu ihren Kompanien zurück. Kurz darauf kam der Befehl zum Aufbruch und die zweihundert Elben zogen versetzt zur Straße in nord-östlicher Straße durch das Gelände, wobei die Vorhut jetzt schon einen Vorsprung herausholte. Lorindion gab ebenfalls den Befehl zum Aufbruch. Inzwischen hatte sich der neue Name der Kompanie herumgesprochen und löste eine gewisse Begeisterung aus. Dazu kam wohl der Umstand, dass viele von ihnen noch nie gegen Orks angetreten waren und auf den Kampf brannten. Die Veteranen dagegen schienen ruhig, aber dennoch glitzerte die Motivation ihre neue Heimat zu säubern in ihren Augen. Er hörte, wie einige sich kaum hörbar darüber beschwerten, dass sie keine Trommeln des Krieges dabei hatten. Mathan beschloss nachher genauer nachzufragen und gab das Zeichen zum Aufbruch.

Selbst im Feld marschierte die Dämmergarde in geordneten Reihen, wenn es das Land zuließ. Mathan marschierte wie gewohnt an der Spitze und nickte hin und wieder Spähern zu, die ihren Zug deckten. Es war von großer Wichtigkeit, dass sie sich unentdeckt den Orks näherten. Er schaute sich um. Hier war er bisher nur selten gewesen, da es relativ weit von seiner Heimat entfernt war. Dunkel erinnert er sich, dass es trotzdem einst einige Siedlungen gegeben hatte. Lorindion, der neben ihm lief wirkte ein wenig gelangweilt. Seine Hand öffnete und schloss sich aber unruhig um den Schaft seiner Glefe. Mathan betrachtete die Stangenwaffe genauer, die eine lange, kurzschwertartige Klinge besaß, die an den Seiten zwei Sporne besaß, die man als Rüstungsbrecher einsetzen konnte. Ein seltenes Bild in Mittelerde, da hier der Speer die vorherrschende Stangenwaffe war, zumindest im westlichen Teil. Er erinnerte sich, dass es an der Ostküste einige Völker gab, die eine Vielzahl an verschiedenen Waffentypen verwendeten. Ein Späher unterbrach seine Gedanken, der direkt auf sie zugelaufen kam.  Lorindion reagierte sofort und hob den Arm mit geballter Faust im Winkel. Die Kompanie machte abrupt halt. Mathan eilte dem Späher auf leisen Sohlen entgegen. Dabei blickte er sich um. Sie befanden sich in einem kleinen Tal, aus dem ein verschlungener Pfad hoch auf eine kleine Hochebene führte. Dichte Tannen wuchsen an den Rändern und verbargen das Tal vor dem Blicken von der Hochhebe. Mathan vermutete, dass dort die Orks lagerten. Der Späher bestätigte seine Vermutung auch prompt. Also war ihre Ankunft unentdeckt und die Orks haben nicht vor, heute noch weiterzuziehen. Der Elb berichtete weiter, dass es wie erwartet etwa fünfzig bis sechzig waren, doch waren nicht nur Orks darunter. „Gefangene, oder Sklaven“, vermutete Mathan leise, woraufhin der Späher knapp nickte.
Lorindion kratzte sich unter seinem Mundtuch am Kinn und blickte zu seiner Glefe. Im Wald waren die Stangenwaffen eher hinderlich, das bemerkte der Kommandant auch selbst und tätschelte den Griff seines Langschwerts. Mathan musterte ihn genauer. Er trug das Langschwert rechts am Gürtel, einen Brustgürtel mit Dolch quer über die Brust, wo auf dem Rücken noch ein Kurzbogen befestigt war. Ein halb gefüllter Köcher mit etwa zwanzig Pfeilen baumelte an seiner linken Hüfte. Den Rundschild trug er seit dem Aufbruch aus der Stadt am linken Unterarm, die Glefe stets in der Linken. So waren alle Elben von dem ersten Sturmtrupp ausgestattet. In seinem Kopf formte sich ein Plan, der klarer wurde, als er den Späher nach dem Gelände ausfragte. Schließlich wusste er soweit alles, was er brauchte.
„Lorindion, hole mir deine Truppführer“, bat er ihn, „Da dies unser erster gemeinsamer Kampf ist, möchte ich ihnen sagen, dass mir jeder ihrer Untergebenen wichtig ist.“
Der Avar schaute ihn etwas überrascht an, lächelte aber dann und schüttelte den Kopf. „Das ist nicht nötig, wir kämpfen für die Königin und Ihr seid in gewisser Weise der Vater der Krone. Nur durch Euch sind wir, wer wir sind und niemand würde sein Leben leichtfertig aufs Spiel setzen. Außerdem haben die meisten Euch sowieso gehört.“
Mathan sah, dass die einhundert Elben versteckt im Schatten der Bäume in Hörweite waren und lächelte geschlagen. Dann grinste er kurz: „Ich sehe schon, wir werden gut miteinander auskommen.“
Lorindion grinste ebenfalls, zumindest konnte er das an dessen Augen ablesen und klopfte ihm respektvoll auf die Schulter. „Sehe ich auch so. Dann weiht mich mal in Euren Plan ein, Feldherr.“
Mathan erklärte in knappen Worten, was er vorhatte. Der Kommandant hörte aufmerksam zu und wirkte mehr und mehr begeistert. Zum Schluss sprühten seine Augen vor Kampfeslust. Eilig nickte er nach der Ausführung und gab die Befehle sofort weiter. Dabei traten die neun Truppführer an Lorindion heran, der ihnen den Überfall genau beschrieb. Mathan bemerkte, dass sie einen etwas exotischeren Dialekt des Avarin verwendeten, den er nicht verstand. Er vermutete eine Eigenart, die sich bei den Manarîn im Lauf der zweitausend Jahre Isolation entwickelte. Bei den Erklärungen schauten einige hin und wieder zu ihm, doch die meisten der neun Anführer nickten knapp. Schließlich war die Besprechung abgeschlossen und Lorindion teilte die Trupps ihre Aufgaben im kommenden Kampf zu. Drei von ihnen zogen sofort los und begannen das Tal südlich der Hochebene ostwärts zu erklimmen. Sie würden die Bogenschützen sein, die als erstes vom Hang des Gebirges aus die Hochebene unter Beschuss nahmen. Mathan spürte, wie das Blut in seinen Ohren zu pochen begann. Auch ihn packte die Kampfeslust und er legte die Hand an den Griff von Halarîns Schwert, das einige wichtige Aufgabe in dem Plan einnahm. Einige Manarîn betrachteten es neugierig, begaben sich aber rasch auf ihre Posten. Lorindion gesellte sich mit zwanzig Elben zu ihm, als er zu dem Pfad ging. Links von ihnen schlichen ebenfalls zwanzig Elben durch das Unterholz, sie würden den Orks in die linke Flanke fallen. Atemlos beobachtete Mathan, wie sie ohne einen Laut parallel zum Pfad den Hang erklommen. Niemand schlug Alarm. Er atmete erleichtert aus. Ein Teil des Plans war geglückt. Er blickte an den Osthang des Gebirges und zählte innerlich weiter bis zweihundert. So lange würde es etwa dauern, bis die Bogenschützen Stellung bezogen hatten. Sie würden Pfeile hageln lassen und die Orks auf den Pfad treiben, den Mathan und Lorindion versperren würden. Die Nachhut aus dreißig Elben würde dann die Gefangenen befreien und Orks stellen, die den Osthang angriffen. Alles in allem sah sein Plan eine Einkreisung vor und die Nutzung des Geländes. Seine Jahrzehnte lange Schlachterfahrung machte sich hier nun bezahlt. Der Gesang einer Nachtigall ertönte und irgendwo weiter im Süden erklang der Ruf eines Falken. Mathan lächelte in die Nacht hinein. Selbst die Natur war auf ihrer Seite. Lorindion und er tauschten einen kurzen Blick der Bestätigung, dann folgten sie dem Signal und erstiegen den steilen Pfad.

Kurz vor der Hochebene hielten sie an und drückten sich gegen die steinige Felswand, als ein hoher Schrei ertönte. Eindeutig un-orkisch. Keinen Augenblick zu früh. Fackelschein fiel auf die Hälfte des Pfades, dort wo sie gerade noch gelaufen waren.
„Nichts hier“, murrte eine krächzende Stimme vielleicht zwei Schritt über ihren Köpfen, „Du siehst überall Gespenster, Gûrakul. He du, mach das mal wieder ganz. Ist stumpf.“
Die Antwort war nicht zu vernehmen und ging in einen weiteren, eindeutig weiblichen Schrei unter, gefolgt von wüsten Beschimpfungen in zwergischer Sprache. Mathan überlegte kurz, flüsterte Lorindion dann zu, dass sie wohl direkt unter dem Gefangenenlager waren. Der Kommandant nickte und schlug vor, dass er mit seinen Händen einen Tritt bildete, um ihn das Lauschen zu ermöglichen. Mathan nickte knapp und balancierte kurz darauf auf einem Bein auf den Händen Lorindions. Ganz vorsichtig spähte er über die Felskante. Der Wächter war weiter nach Süden gegangen und starrte angestrengt hinunter ins Tal. Mathan konnte zehn Gefangene zählen, die dicht aneinander gedrängt um ein Feuer hockten. Ihre Füße lagen in Ketten. Direkt vor seinen Augen hockte ein Zwerg, dessen feuerroter Bart zerzaust und wild wirkte. An seinem Bein lag eine Fußfessel ohne Kette. Der Gefangene schliff an einem zwergischen Schwert und tat dies mit einem unzufriedenen Gemurmel. Er bemerkte Mathan nicht, obwohl er ihn in die Seite zwicken könnte. Wo die Frau war, konnte er aber nicht erkennen. Er blickte nach links, wo der Pfad auf der kleinen Hochebene endete. Zwei Wächter standen dort und taten ziemlich nachlässig ihren Dienst. Hinter ihnen war der Großteil der Meute, die einen großen Pulk bildete und sich um Etwas tummelte. Dabei grölten sie und schienen irgendwas anzufeuern. Ein leises Stimmchen in seinem Hinterkopf ahnte was es war, aber er schob es von sich. Hinter der Meute war der dichte Wald, von dem Bericht des Spähers. Mathan hatte genug gesehen. Leichtfüßig sprang er wieder auf den Boden und berichtete Lorindion, der nur ernst nickte und einen Boten zu der Nachhut schickte. Mathan atmete noch einmal tief durch. Sein Herz raste, dennoch zog er Halarîns Schwert und führte die die Parierstange sacht an die Lippen. Die Klinge leuchtete bereits in einem unübersehbaren Blau in der Nacht. Dann hielt er sie über die Steinkante und spitzte die Ohren. Ein verwundertes „Fanâd Thikil?“ ertönte vom Zwerg, was in erschrockenes Orkgekreische unterging.
Mathan sah, wie die zwei Wächter am Pfad ihren Posten verließen und wohl in die Mitte der Hochebene liefen. Ihr Plan schien aufzugehen. Lorindion schlug mit seiner Glefe gegen den Schild und brüllte aus vollem Halse „Póna!“ und stürmte die letzten Schritte zum Pfad hinauf, seine Formation von zwanzig Elben folgte ihm auf dem Fuße. Der Kommandant ließ seine Glefe auf den Kopf eines der Wächter krachen, doch niemand reagierte. Mathan eilte hinter die Zweierlinie aus Elben. Die meisten Orks sammelten hastig ihre Waffen ein, andere rannten zu dem Osthang. Ein weiterer Pfeilhagel tötete vier Orks. Die gefangenen Menschen riefen und flehten um Hilfe, manche deuteten sogar auf sie. Mathan sah, dass ein Großteil aus dreißig und mehr Orks der Meute umschwenkte und sich mit Gebrüll auf die neuen Feinde warf.

„Sandastan!“, erklang der Ruf zum Schildwall und die Elben befolgten ihn augenblicklich. Die Glefen blitzen im Schein des Lagerfeuers. Die Orks jaulten fröhlich und wahrten sich ihrer Übermacht sicher. Mit einem Krachen prallte die geordnete Schlachtlinie der Elben auf die Orkmeute. Fünf von ihnen wurden vom Elbenstahl aufgespießt, die mit einem kollektiven Schildstoß antworten. Die zweite Reihe stach nun mit ihren Glefen nach, wobei diesmal sieben Orks fielen. Das Quieken und Kreischen der Sterbenden rief die übrigen ihrer Art zum Geschehen. Wütend brüllend kamen sie angelaufen, diesmal jedoch geordneter. Vereinzelte Pfeile prallten von den Stahlschilden wirkungslos ab. Mathan bemerkte, dass es mehr als vierzig waren. Mehr und mehr Orks strömten aus der Dunkelheit. Offenbar hatte ein großer Teil im Schatten des Gebirges gelagert. Siebzig Orks brandeten über die Hochebene. Er fluchte leise und hob sein Schwert und ließ es weit über seinem Kopf kreisen. Das Donnern von Schilden erfüllte die Ebene und wurde von den mächtigen Bergen zurückgeworfenen. Die Nachhut hatte an der Stelle, wo er gelauscht hatte die Felswand erklommen und warf sich nun in die Schlacht. Aus dem kleinen Wald links von ihnen hagelte es Pfeile in die Flanke der Orks und die zuvor heimlich postierten zwanzig Elben stürmten mit gesenkten Glefen und erhobenen Schilden ebenfalls in den Kampf. Die Orks sahen sich plötzlich von allen Seiten eingekeilt. Mathan änderte seinen Plan und rannte zu den Gefangenen, den Blick auf den unbewaffneten Zwerg gerichtet, der um sein Leben kämpfte. Der Orkwächter hob sein Schwert zum Todesstoß, bemerkte aber den neuen Feind aus dem Augenwinkel. Der Wächter sprang ihn an. Mathan machte einen tänzelnden Schritt zur Seite. Das Orkschwert streifte seinen Schild. Er wechselte den Griff des Schwert und stach dem Ork im vorbeitaumeln in den Nacken. Ein Gurgeln ertönte. Mathan schleuderte das Blut von der Klinge und reichte dem verdatterten Zwerg die Hand. Dieser warf einen Blick auf die tobende Schlacht, dann den toten Ork neben ihnen und ließ sich aufhelfen.
„Ich hätte nie gedacht, eines Tages einem Fanâd mein Leben zu schulden. Das war wirklich in letzter Minute, “ sagte der Zwerg mit seiner sonoren Stimme dankbar und nahm den Toten etwas ab. Es war das Zwergenschwert, das er zuvor poliert hatte. „Grám Feuerhammer, wird diese Schuld nie vergessen, auf in die Schlacht! Khazâd ai-mênu!“ Ehe Mathan etwas antworten konnte, rannte der Zwerg auch schon zu den Reihen der Elben. Dort rammte Grám Feuerhammer einen von drei Orks das Schwert in den Rücken, die einen Elbenkrieger von der Schlachtreihe abgedrängt hatten. Der Krieger tötete sofort einen der beiden überraschten Orks und entledigte sich den Dritten mit einem gezielten Stich ins Auge. Mathan verlor den Zwerg in dem Getümmel aus den Augen. Bisher konnte er dort noch keinen toten Elben entdecken. Wütend biss er die Zähne zusammen. Er wollte heute niemanden verlieren. Die Gefangenen mussten warten. Mit einem Kriegschrei warf er sich in die Schlacht.
„Kämpft! Der Feldherr ist hier!“, rief ein anderer Elb, der ihn bemerkte, als er durch die Reihen der Elite schlüpfte. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er mit dem goldroten Mantel eine aufgemalte Zielscheibe trug. Doch das war egal. Mathan gab dem Pochen in den Ohren und den Kribbeln in seinem Körper nach. Der Rausch des Kampfes spülte jeden klaren Gedanken fort. Ab den Moment lebte er nur für den Lärm der Schlacht, dem Bellen von Befehlen, das Schreien der Sterbenden und dem Geruch von Blut. Er blockte einen Schlag mit dem Schild und schlitze mit dem Schwert den ungedeckten Bauch auf. Ein weiterer Schlag landete auf dem Schild. Mathan rammte ihm den Angreifer ins Gesicht. Der Orks spuckte Blut, Zähne und ein Teil der Zunge. Mit einem gezielten Stich durch Mund hinauf ins Gehirn fiel er Tod zu Boden. Mathan fuhr wie ein Schnitter unter die Orks, blockte einen Hagel von Schlägen und verteilte Rückhandhiebe, Stiche und hackte sich durch Beine, Torsos und Hälse. Sein Schild prallte gegen einen besonders großen Ork, der mit dem Rücken zu ihm gestanden hatte. Es war ein schwer gepanzerter Uruk, der einen Streithammer schwang. „Kämpft, ihr Maden“, brüllte er und bemerkte Mathan, „Verdammtes Elbenpack!“ Mit einem Schrei schwang der Uruk den Hammer. Mathan lenkte den Hieb mit dem Schwert ab, der in dem Rücken eines Orks landete. Er konterte mit einem geraden Schlag mit dem Schild. Die Kante traf den Sehschlitz des Helms des Uruks, der zurücktaumelte und dabei wütend knurrte. „Hrmpf, ich hab euch unterschätzt, dachte ihr findet uns nicht.“ Der Uruk ging auf Abstand und schubste einige Orks aus dem Weg, „Das ist persönlich, macht Platz!“
Die Manarîn hatten inzwischen das Schlachtfeld dominiert und von den etwa achtzig Orks waren nur noch zwanzig übrig, die sich in einem Ring aus Elbeschilden eingesperrt sahen. Mathan bemerkte, dass auch seine Bogenschützen dabei waren und zählte eilig mehr als neunzig Elben. Erleichterung überkam ihn und das Pochen in seinen Ohren ebbte etwas ab. Den übrigen Orks war der Kampfesmut vergangen und sie kauerten ängstlich hinter ihrem Anführer, der ihn immer wieder lauthals zum Zweikampf herausforderte. Mathan musterte den Uruk mit Abscheu, der nun anfing Schmähung von sich zu geben, um ihn zu provieren. „Bist du nicht Manns genug? Hast du nichts zwischen den Beinen? Ihr Elben könnte nichts als Bastarde zeugen und-„
Der restliche Satz blieb ihm im Halse stecken. Lorindion löste seine Glefe aus dem Helm des Uruks und säuberte den spitz zulaufenden, blutigen Sporn mit einem Lumpen. Achtlos warf er ihn auf den Uruk, der indessen in die Knie brach und leblos vornüber kippte. „Niemand beleidigt unsere Königin“, befand der Kommandant kühl und nickte Mathan entschuldigend zu, „Er war unwürdig Euer Gegner zu sein.“ Lorindion schien zu überlegen und setzte trocken nach: „Und er stank.“
Mathan unterdrückte ein Grinsen über die Ausrede und winkte ab. „Erzählt mir, wie der Kampf für uns verlaufen ist.“
„Einige Verletzte, nichts ernstes. Keine Toten.“, antwortete der Kommandant knapp und schien stolz zu sein. Mit Recht, wie Mathan fand und beschloss es auch seiner Tochter zu sagen. Einige Soldaten gingen durch die Reihen und verbanden Schnitte und andere kleine Wunden. Mathan befahl die Orks weiterhin scharf zu bewachen und ging hinüber zu dem Gefangenlager, wo ein bestimmter Zwerg bereits auf ihn wartete. Grám Feuerhammer zog seine buschigen Augenbrauen zusammen und kratzte sich mit dem Blick auf die überlebenden Orks am Ohr. „Ich würde diesem Pack den Hals durchschneiden, nichts anderes machen sie mit unsereins.“
Mathan musste ihm zustimmen, erklärte aber, dass er gerne wissen würde, woher sie kamen und warum sie Gefangene mit sich führten. Und wie viel sie über die Verteidigung und der Lage von Eregion wussten.

Grám tippte sich energisch mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. „Der große Uruk ist komplett durchgeknallt. Mûrgol oder so. Faselt ständig was von Blut der Ersten, der Zweiten und so einen Kram.“
„Durchgeknallt gewesen“, berichtigte Mathan zufrieden und hakte nach: „Also Blutzauber?“
Der Zwerg schien nachzudenken. „Wenn es sowas wirklich gibt… möglich wäre es. Aber so weit kam es nicht, da der Bekloppte keine Elben fand und zu feige war eine Siedlung anzugreifen. Die übrigen Gefangenen hier sind Kriegsbeute aus Gondor, die meisten zumindest. Sind auch ein paar Sklaven aus dem fernen Osten dabei.“
„Und wie haben sie Euch bekommen, Meister Grám?“, fragte Mathan neugierig, da es eigentlich ziemlich schwer war, an Zwerge heranzukommen, geschweige denn, sie gefangen zu nehmen.
Grám schien erneut zu überlegen, schüttelte aber den Kopf. „Später, Meister Heerführer.“
„Nennt mich Mathan. Mathan Nénharma.“
Der Zwerg verneigte sich, „Mathan, erneut meinen Dank. Grám Feuerhammer zu Euren Diensten.“
Etwas unwohl bedeutete er Grám sich zu erheben und nickte zu den Gefangenen mit der Frage, welche davon Kriminelle waren, ob sich Soldaten unter ihnen befanden und ob sie kämpfen konnten. Der Zwerg strich sich nachdenklich durch den struppigen feuerroten Bart und deutete auf einen fremdländischen Mann mit einem schlangenähnlichen Gesicht, blass-gelblicher Haut und blutunterlaufenen Augenringen. „Verräterschwein. Er hat uns immer wieder die Wächter auf den Hals gehetzt. Durch seine Schuld ist auch ein junge Frau heute Nacht geholt worden.“
Mathan horchte alarmiert und bestürzt zugleich auf. „Etwa in diesen Pulk von Orks?“
„Armes Mädel“, befand Grám und schaute auf das Schlachtfeld, „Ich weiß nicht, ob die Herren Elben schnell genug waren. Sie müsste irgendwo unter diesen Leichen liegen… Wird kein schöner Anblick.“
„Lorindion!“ Der Kommandant eilte rasch zu ihnen und starrte erst mit unverhohlenem Interesse auf dem Zwerg. Mathan räusperte sich und deutete auf den Verräter, den Grám gerade entlarvt hatte, „Schafft mir dieses widerwärtige Subjekt aus den Augen, bitte. Für immer.“, befahl Mathan mit harter Stimme und setzte sanfter nach. „Und sucht unter den Leichen nach einer jungen Frau, ihr Name ist…“
Er verstummte und sah den Zwerg fragend an, der jedoch ratlos mit den Schultern zuckte. Einer der Gefangenen richtete sich mit dem Rasseln seiner Ketten auf. Es war ein kräftig gebauter junger Mann mit mandelförmigen Augen, schwarzen Haaren und ausgeprägten Wangenknochen. Seine Lippen waren rissig und er schien ziemlich schwach, sodass Mathan sich zu ihm hinabbeugen musste, bis er den Namen verstand.
„Sucht nach einer gewissen Verdandi, vielleicht braucht sie unsere Hilfe“, bat Mathan Lorindion, der sich knapp verneigte und auf dem Absatz kehrt machte. Er selbst begann die Gefangenen zu befragen.

« Letzte Änderung: 28. Apr 2021, 15:36 von Fine »

Curanthor

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Marsch nach Rómen Tirion
« Antwort #10 am: 30. Apr 2021, 01:08 »
Mathan strich sich nachdenklich über das Kinn. Er hatte ein Dilemma. Sein Blick ruhte auf den angeketteten Gefangenen der Orks. Er könnte sie unmöglich mit nach Rómen Tirion nehmen und auch keine Truppen zur bewachen abstellen – sie brauchten alle verfügbaren Schwerter und sie wussten nicht, ob man ihnen trauen konnte. Es waren zwölf Gefangene und Grám Feuerhammer – den Zwerg, dem er das Leben gerettet hatte, deutete auf die Stelle, wo die vielen Orks aus der Dunkelheit hergekommen waren.
„Dort ist eine alte Mine. Darin war ein Großteil der Meute und die übrigen Gefangenen… darunter auch die Meinen… Ich vermute, ein alter Elbenschacht.“
Das erklärte auch, woher die vielen Orks kamen, die ihren Spähern entgangen waren. Der Zwerg murmelte etwas davon, dass er schauen wollte, ob seine Freunde noch lebten. Mathan nickte ihm zu und winkte einen der Truppführer heran, der gleich verstand und mit seinen neun Kriegern Grám eskortierte. Weiter hinten suchten die übrigen Elben das Schlachtfeld nach der Gefangenen ab, die kurz vor ihrem Angriff geholt wurde. Der ostländisch aussehende Mann, der ihm den Namen von Verdandi zugeflüstert hatte, wurde inzwischen von einigen Heilern mit Wasser versorgt und wirkte etwas kräftiger. Er räusperte sich und neigte knapp den Kopf.
„Danke, für die Rettung, edle Herren“, sprach er Mathan demütig mit schwerem Akzent auf Westron an, „Mein Name ist Sunshu Jin.“ Er streckte beide Arme im rechten Winkel vor, ballte die rechte Faust und legte die Linke gestreckt dagegen. Erneut senkte Sunshu seinen Kopf. „Mein tiefster Dank.“
Mathan nickte etwas unangenehm, da er die Geste schon einmal aus Erzählungen der Avari kannte. Vor ihm war ein Mensch aus Minzhu, was er auch gleich zu Sprache brachte: „Ihr seid sehr weit weg von zu Hause, Sunshu. Wie kommt es, dass Ihr hier her verschleppt wurdet?“
Mathan ließ indessen den Blick über die übrigen Gefangenen schweifen. Es waren neun Männer und drei Frauen, alles Menschen aus den unterschiedlichsten Winkeln Mittelerdes. Sie hatten es inzwischen aufgegeben darum zu bitten befreit zu werden. Ehe Sunshu antworten konnte, ertönte ein scharfer Ruf. Mathan sprang auf und lief zu Grám, der am Eingang der Mine mit beiden Armen winkte. Der Zwerg blickte düster drein und bedeutete ihm wortlos zu folgen. Tiefer in der alten Mine fanden sie noch ein paar Orkleichen, deren krude Waffen verstreut umherlagen und gelegentlich verschlossene Kisten die am Rande standen. Es war kühl und trocken. Ihre Schritte hallten dutzendfach wieder. Stimmen drangen schließlich dumpf an seine empfindlichen Ohren. Der Gang öffnete sich zu einer größeren Kaverne. Als erstes erblickte er die rotorangen Mäntel der zehn Elben, die ihre Speere im Anschlag hatten. Vor ihnen, mit dem Rücken zur Felswand standen fünf verdreckt und wild aussehende Menschen. Sie hatten vier Geiseln genommen und forderten lautstark freien Abzug. Mathan erkannte zwei Zwerge, einen Mann mittleren Alters, der noch einen verdreckten Wappenrock Gondors trug und eine junge Frau mit dunkelroten, seidigen Haar, dass ihr wild durcheinander vor dem Gesicht hin. Sie war offenbar kaum bei Bewusstsein und wurde nur durch die grobe Hand die sich in ihre sehr langen Haare krallte oben gehalten. Er bemerkte, dass ihre Kleidung durcheinander war, das Oberteil zur Hälfte hochgerollt. Sein Blick fiel auf die Geiselnehmer, zwei von ihnen trugen keine, oder halb geöffnete Gürtel, einer von ihnen trug nur einen Lendenschurz.
Unbewusst sog er scharf die Luft ein. „Abschaum“, entfuhr es ihm mit mühsam beherrschtem Zorn. Grám knurrte so tief wie es einem Zwerg nur möglich war und packte sein Schwert fester, sodass seine Knöchel weiß hervortraten.
Der Anführer der Wilden, ein bärtiger, grobschlächtiger Kerl rief etwas in einer unbekannten Sprache und fuchtelte mit seinem Messer herum. Dann legte er es vielsagend an die Kehle der jungen Frau. Seine bernsteinfarbenen Augen blitzten drohend auf. Der kalte Stahl an ihrer Haut ließ sie zusammenzucken. Plötzlich sprang sie auf und schubste mit aller Kraft den Kerl von sich. Chaos brach aus. Zwei der Elben warfen ihre Speere und trafen jeweils Hals und Kopf der zwei Geiselnehmer, die kurz ihren Blick zur Seite gewandt hatten. Mathan und Grám stürmten vor. Der Gondorer ließ sich nach hinten fallen und entging der Klinge an seinem Hals haarscharf mit einem flachen Schnitt. Der Zwerg rettete ihn mit einem beherzten Wurf seines Schwerts und tötete den Kerl, der gerade nachstechen wollte. Mathan erreichte indessen den Anführer, der sich wutentbrannt auf die junge Frau – wahrscheinlich Verdandi – stürzte. Seine Elbenbeine waren schneller. Mit vollem Körpereinsatz prallte Mathan mit dem Schild voran gegen ihn. Verdandi trat dem Anführer gleichzeitig noch mit aller Kraft zwischen die Beine. Durch die Wucht beider Angriffe wurde er von ihr geschleudert und landete krachend an der Felswand und blieb benommen liegen. Mathan reichte der jungen Frau eine Hand, die sie mit festem Griff packte, dann zog er sie auf die Beine. Ihr Blick aus hellgrünen Augen traf kurz den seinen. Er verstand die wortlose Bitte. Respektvoll trat er einen Schritt zurück und wandte sich um. Die übrigen Elben taten es ihm gleich. Ein knapper, gellender Schmerzensschrei ertönte hinter ihnen. Dann ein zweiter, diesmal aus voller Kehle, bis die Stimme brach. Kurz ertönte ein Wimmern, dass nach einer Zeit verstummte. Mathan sah aus dem Augenwinkel, dass sich in Gráms abgehärteten Gesicht - der bei der Rache zusah - sich eine Mischung aus Wut, Abscheu und sogar eine Spur Furcht widerspiegelte. Barfüßige Schritte nährten sich, dann trat die Rothaarige unter den Blicken des sprachlosen Zwergs in sein Blickfeld, ein blutiges Messer in der Hand. Sie trug eine einfache, blutgetränkte Leinenhose, die mit einer Kordel gehalten wurde. Ihr Leinenoberteil war ebenfalls getränkt von Blut. Ein leichter Schnitt zierte ihre blutbesprenkelte Wange. Sie hatte tiefe Ringe unter den Augen, doch ihr Blick war ungebrochen. Sie murmelte einen kaum hörbaren Dank und sackte plötzlich zusammensackte.
Grám fing sie geistesgegenwärtig auf und schien sich ehrliche Sorgen um sie zu machen. Er befühlte ihren Puls und kontrollierte sie nach weiteren Verletzungen. Die übrigen Elben befreiten indessen die restlichen Geiseln von ihren Handfesseln. Die zwei anderen Zwerge eilten an Gráms Seite. Einer von ihnen schien mit ihm verwandt zu sein, da sie sich recht ähnlich sahen. Zu dritt kümmerten sie sich um die Bewusstlose. Der Älteste von ihnen, ein weißhaariger Zwerg mit einer Halbglatze und prächtigem Bart sagte, dass sie das übernehmen würden. Mathan nickte und wandte sich zu dem Gondorer, der sich ein abgerissenes Stück Stoff an den Schnitt am Hals hielt. Der Mann versteifte sich und verneigte sich tief, nur um dann zu taumeln. Mathan half ihm und setzte ihn auf eine der umstehenden Kisten.
„Habt Dank, werter Elbenherr“, bedankte der Soldat sich  und schien noch etwas sagen zu wollen, fragte aber stattdessen mit den Blick auf die Manarîn: „Wie kommt es, dass Ihr hier seid? Was sind das für Krieger?“
Mathan beschloss vorsichtig zu sein und antwortete höflich, dass ihr Ziel die Orkhorde war. Wer genau sie waren, behielt er erst einmal für sich und er konnte sehen, dass der Mann auch verstand warum. Er schlug vor, ein anderes Mal zu sprechen und trat an die drei Zwerge heran, die gerade die Bewusstlose begannen aus der Mine zu tragen. Mit einem Handzeichen bedeutete er den Manarîn die Truhen einzusammeln und folgte den Zwergen hinaus ins Freie.
„Wir müssen weiter. Denkt Ihr, dass ihr die Gefangenen beaufsichtigen könnt?“
Der alte Zwerg, hob skeptisch eine Braue und wuchtete die Beine Verdandis auf ein behelfsmäßiges Bett. „Wollt Ihr sie nicht freilassen?“
Mathan schüttelte zögerlich den Kopf. „Ich weiß, dass sie wahrscheinlich nichts verbrochen haben, aber niemand darf von uns erfahren, noch nicht.“ Er schaute auf die Gruppe von Gefangenen, die etwas unschlüssig und unzufrieden beisammen saßen. „Und wir können keine Krieger zur Bewachung abstellen.“ Die übrigen Manarîn hatten die überflüssig gewordene Suche eingestellt und machten sich bereit weiterzuziehen.
Grám trat etwas näher und wisperte, sodass er ihn nur dank seiner Elbenohren verstehen konnte: „Ihr geht zu diesem Elbenturm beim Tal von Moria, ja?“
Ein wie gewohnt scharfsinniges Volk, die Zwerge, dachte er sich mit einem leichten Schmunzeln und nickte knapp.
Grám schien zufrieden mit sich selbst und flüsterte weiter: „Wir können das Beaufsichtigen übernehmen. Neben dem Mann da aus Gondor“, Er nickte zu dem Soldaten, der sich noch immer seinen Hals betupfte und die frische Luft einatmete, „Sind unter den anderen zwölf etwa sechs die vernünftig sind. Den Rest kenne ich nicht, da es getrennte Gruppen gab.“
„Warum tut Ihr das?“, flüsterte Mathan zurück, „Es ist nicht so, dass es eine angenehme Aufgabe ist.“
Grám sah aus, als ob ihm jemand in den Bierkrug gespuckt hatte. „Eine Lebensschuld nimmt ein Zwerg sehr ernst. Das war mein Todesstoß, den Ihr da verhindert habt. Meine Dienste gehört Euch, Mathan“, sagte er ernst und warf ihm einen bohrenden Blick unter seinen buschigen Augenbrauen zu, „Vertraut mir.“
Mathan nickte geschlagen, wohl wissen, dass das Thema bereits abgeschlossen war. Die berühmte Sturheit der Zwerge. Rasch machten sie einen Treffpunkt auf der Weststraße aus.
Er warf der bewusstlosen Verdandi noch einen kurzen Blick zu. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass auch Sunshu Jin sie betrachtete. Mathan fragte sich, was zwischen den beiden vorgefallen war, schob den Gedanken aber von sich. Es gab wichtigeres zu tun. Lorindion steuerte seine Schritte in ihre Richtung und er ging ihm entgegen. Der Kommandant legte als Begrüßung seine rechte Hand mit gestreckten Zeige- und Mittelfingern gegen die linke Schulter. Es war eine sehr knapp ausgeführte Geste und Mathan ahnte, dass es ein militärischer Gruß war. Ebenso rasch erwiderte er sie. Der Blick des Avar wanderte zu dem Lager, auf dem Verdandi schlief, dann zu den Kisten, die aus der alten Mine geholt wurden und zu den ‚Gefangenen‘. Mit knappen Worten erklärte er ihm, was er mit Grám besprochen hatte. Lorindion nickte und vermutete, dass in den Kisten die Habseligkeiten der Gefangenen waren, was einer der Zwerge bestätigte. Mathan blickte zum Nachthimmel, der von einigen Wolken bedeckt war. Er trat an den Rand der kleinen Hochebene und blickte hinab in das Tal. Unten hörte er eine Nachtigall und atmete tief durch. Es wirkte friedlich. Schließlich straffte er sich und fokussierte sich wieder auf sein Ziel. Seine Enkelin nach Hause holen… und vor allem so weit wie es geht von Moria wegbringen. Dabei dachte er an das Wesen, dass Oronêl vorhin beschrieben hatte. Er war froh, dass sein Freund so glimpflich davongekommen war. Sein Gefühl sagte ihm, dass er und Haleth unglaubliches Glück gehabt hatten. Lorindion rief, dass sie bereit waren und Mathan drehte sich um. Grám hob einen Arm zum Abschied, während er sich an die Spitze der Kompanie setzte. Man konnte hören, wie die übrigen ‚Gefangenen‘ Empörung äußerten, doch Grám blaffte sie an, dass sie gefälligst nicht so undankbar sein und sich noch ein paar Stunden gedulden sollten. Begleitet von der Diskussion befahl Mathan ein leicht erhöhtes Marschtempo und die Kompanie eilte los, die kleine Hochebene ohne Namen hinter sich lassend.

Sie durchquerten das Tal ohne Probleme und nahmen den Weg, den sie zuvor genommen hatten. Mathan brauchte gar nicht zur Eile antreiben, die Manarîn hielten das Tempo ohne zusätzliche Befehle. Das Gefecht und die Rettung hatte fast die halbe Nacht gedauert, dazu der Rückweg... Er vermutete, dass sie vielleicht den Sonnenaufgang zu ihrem Vorteil nutzen konnten.


Etwa auf halber Strecke kam ihnen eine Späherin von Nénmarils Kompanie entgegen. Die Elbe ritt auf einem der wenigen Pferde kurzzeitig neben ihnen her und berichtete in knappen Worten, dass sie die achtzig Orks ohne Probleme stellen konnten. Mathan wollte sie schon wieder entlassen, doch sie hatte noch mehr zu sagen. Sie räusperte sich und sagte mit fester Stimme: „Angadil hat versucht eigenmächtig gen Rómen Tirion zu ziehen. Nénmaril konnte ihn kurz vorher einholen und… festsetzen. Sie warten hinter in den Hügeln, direkt nördlich der Weststraße. Der Sirannon maß vorhin schon… etwas mehr als zehn Schritt.“
Lorindion stieß scharf zischend die Luft aus. Mathan konnte es ihm nicht verübeln. Eigenmächtiges Handeln und das mit einer ganzen Kompanie, die keine Wahl hatte als den Befehl zu befolgen, war unentschuldbar. Er beschloss das Problem später anzugehen. Ihm bereitete der Fluss mehr Sorgen. Wenn er schon mehr als zehn Schritt breit war, dürfte er auch mehr als zwei Schritt tief sein. Mit Rüstung und Waffen ihn zu durchqueren dürfte einem Selbstmord gleichkommen. Sie würden irgendetwas bauen müssen und wahrscheinlich gleichzeitig Angriffe abwehren. Er blickte zum düsteren Horizont. Etwa fünf Hügelketten trennten sie noch von der Weststraße.
Ein Flackern in der Dunkelheit irritierte ihn. Mathan kniff die Augen zusammen. „Seht ihr das auch?“, fragte er besorgt.
Die Späherin reckte sich in ihrem Sattel, gab ihrem Pferd dann aber doch die Sporen und ritt einen etwas höheren Hügel vor ihnen hinauf. Kurz darauf erreichte auch die Kompanie die vierte Hügelkette.
„Das Leuchtfeuer!“, rief die Späherin alarmiert und lenkte wieder ihr Pferd neben ihm, „Rómen Tirion droht zu fallen.“ Ihre Stimme war erstaunlich ruhig, aber eine Spur von Panik schwang dennoch mit.
Mathan tauschte mit Lorindion einen raschen Blick. „Laufschritt!“, kam es gleichzeitig aus ihren Mündern.
Mit leisem Geflüster breitete sich die Alarmbotschaft in der Kompanie aus. Die Reihen gerieten etwas in Ordnung, als sie den Hügel hinabströmten. Die Nachhut drängte vor und schob die Mitte zusammen. Die Späherin preschte voraus um von ihrer baldigen Ankunft zu berichten. Mathan konnte die Anspannung der Elben spüren, doch mahnte er sie zur Besonnenheit. Ihm selbst raste das Herz. Isansaca war von seinem Blute und er hatte sie noch besser kennenlernen wollen. Doch vor allem wollte er aber seiner Tochter den Schmerz des Verlustes des eigenen Kindes ersparen. Um jeden Preis. Er blickte hinauf auf die Kuppe der dritten Hügelreihe, die sich weit in den Westen streckte. Oben angekommen, konnte er das Leuchtfeuer deutlicher erkennen, auch wenn es noch ein kleiner, flackernder Fleck vor dem massiven Gebirge war. Er meinte in dem Feuerschein schlanke Gestalten zu sehen. Mathan lockerte Halarîns Schwert in der Scheide und steuerte den Hang hinab in die Senke, den Blick auf die zweite Hügelkette gerichtet. Vereinzelte Bäume wuchsen hier, meist Tannen. Lorindion marschierte stumm neben ihm, doch auch er wirkte unruhig. Seine Glefe war permanent zum Angriff bereit angewinkelt. Den restlichen Weg wurden sie unbewusst schneller, überquerten die zweite Hügelkette im Lauf und erblickte das restliche Heer, das gerade in der Senke in Formation ging. Mathan konnte den großen Turm von hier aus erkennen und sein Blick hatte ihn nicht getäuscht, auf der Spitze standen Elben. Vielleicht war seine Enkelin ebenfalls dort oben. Er ballte die Fäuste und zog den Riemen seines Schildes fester. Mit einem Wink bedeutete er Lorindion die Kompanie direkt an die massive Bergflanke zu führen, die sich links von der letzten Hügelkette erhob. Sie würde er die Weststraße blockieren und die Hauptlast der Verteidigung tragen lassen. Auf halber Strecke kamen ihnen die anderen beiden Kommandanten entgegen, Nénmaril zu Pferde und Angadil zu Fuß. Bis auf schwarze Blutspritzer auf den Seidenmänteln schienen sie vollkommen sauber und unverletzt zu sein.
„Feldherr“, begrüßte sie ihn, Angadil nickte nur knapp, „Die Orks wurden vor kurzem zurückgeschlagen und formieren sich für einen neuen Angriff“, fuhr die Kommandantin fort, „Anfangs waren es noch wenige, mittlerweile sind es über vierhundert und die Intervalle zwischen den Angriffen werden immer kürzer. Wir haben die Zeit genutzt und kleine Flöße gebaut, maximal für zwei.“
Angadil ergänzte: „Der Fluss hat sich beruhigt und misst nun fünfzehn Schritt in der Breite. Ein Teil der Turmanlage steht in den Fluten des Sirannon, die Mauern des Innenhofs werden wohl dem Druck der Wassermassen nicht mehr lange standhalten. Außerdem haben sich Orks südlich des Turms auf den Bergflanke postiert und verhindern jede Flucht über diese Route.“
Mathan fluchte im Gedanken, versuchte aber Ruhe auszustrahlen. Damit war sein eigentlicher Plan, den Sirannon etwas weiter westlich zu überqueren und die Besatzung Rómen Tirions über die Bergflanke zu retten wortwörtlich ins Wasser gefallen. Außerdem hatte er nicht damit gerechnet, dass die Orks auch daran denken würden die Südseite zu blockieren. So intelligent waren gewöhnliche Moria-Orks nicht und das bereitete ihm Sorgen. Sie mussten improvisieren und Mathan wusste auch wie.  Er winkte die drei Kommandanten heran, die aufmerksam lauschten, als er ihnen den groben Schlachtplan erläuterte. Als Mathan endete, erntete er gemischte Reaktionen. Lorindion legte beinahe gleichgültig den Kopf schief, ihm war es egal wo er für seine Königin kämpfte.
„Das wird Ihrer Majestät nicht gefallen, falls der schlechtere der beiden Fälle eintritt“, mahnte Angadil und strich sich nachdenklich unter dem Tuch über das Kinn, „Aber ich bin nicht so anmaßend darüber zu entscheiden.“
Nénmaril wirkte als einzige etwas zuversichtlich und nickte ohne große Worte. Rings herum wurden Befehle weitergeflüsterte. Wie eine Perlenkette, schob sich das Elbenheer schließlich auf leisen Sohlen über die Hügelkuppe. Mathan lief geduckt den flachen Hang hinab zur alten Weststraße. Sein Blick ging kurz zur Turmspitze. Er konnte sehen, wie einer der schlanken Schatten genau zu ihnen schaute und auf sie deutete. Links versperrte noch ein großer Felsen den Blick auf den Pfad, der in das Tal von Moria führte. Noch wussten die Orks noch nicht von ihnen. Mathan war an der Spitze des gesamten Heeres, Lorindion hockte sich neben ihm in den Schatten des Felsens. Wolken zogen wieder vor den schwachen Mond. Sein Herz klopfte. Erneut ein Kampf. Erneut sein Leben in die Waagschale werfen, doch er hatte es nicht vor, es zu verlieren. Noch nicht. Nicht heute und auch nicht morgen. Nicht so lange, bis seiner Familie keine Gefahr mehr drohte. Mathan legte die Hand an den Griff des Schwerts seiner Geliebten Halarîn, die zu Hause auf ihn wartete. Zu Hause… der wehmütige Gedanke wurde von einem leisen Quieken unterbrochen. Und dem Gestank von Orks.

Curanthor

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Die Schlacht um Rómen Tirion
« Antwort #11 am: 4. Mai 2021, 00:51 »
Isanascas Sicht

„Prinzessin!“, einer der Soldaten von der Turmspitze eilte an ihre Seite. Er wirkte aufgeregt, „Verstärkung. Sie sind jenseits des Flusses an der Straße.“
Isanasca ließ den Eimer fallen, der in dem knöchelhohen Wasser davontrieb. Der stetige Strahl, der zwischen den beiden Torflügeln hervorsprudelte würde niemals wieder versiegen, es war ein vergeblicher Kampf. Sie gab den zehn Elben am Tor ein Zeichen weiter zu schöpfen. Eine Eimerkette hatte sich gebildet und versuchte das eindringende Wasser so gut es ging abzufangen und über die Mauer zu schütten. Der halbe Innenhof stand unter Wasser, zu ihrem Glück lag das Tor durch das abschüssige Gelände tiefer. Die Pferde in den Stallungen spürten den herannahenden Tod und wieherten ängstlich, andere traten mit einem Poltern immer wieder gegen die hölzernen Pferdeboxen. Ein dumpfer Schlag erschütterte die Mauern, irgendwo rieselten Steinchen herab. Isanasca hielt kurz auf der Treppe zum Turm inne und biss die Zähne zusammen. Ein weiteres Trümmerstück hatte die Mauer getroffen. Die Orks hatten damit begonnen die Felsbrocken die den Damm gebildet hatten in den Fluss zu werfen. Manchmal hatten sie Erfolg. Halb rollend und halb treibend schlugen sie gegen ihre Wälle, die im Wasser standen. Sie warf einen kurzen Blick zurück. Die östliche Mauer hatte bereits eine tiefe Wölbung nach innen. Noch zwei oder drei solcher Einschläge und ihr Schicksal war besiegelt – wenn nicht durch das Wasser, dann durch die zahlreichen Orks, die sich an den Mauern die Zähne ausbissen. Eilig erklomm sie den Turm. Im Inneren lagen ein Dutzend gerüstete Körper, deren Gesichter mit den gefalteten Mänteln bedeckt waren. Sie mied den Blick und stieg höher, wo einige Verwundete sich erholten. Einem Krieger fehlten mehrere Finger, einer Späherin wurde gerade ein Pfeil aus der Schulter gezogen.  Isanasca ballte die Fäuste und sprintete die Treppen bis zur Spitze empor. Oben angekommen kniff sie Augen zusammen. Sie wollte es kaum glauben, doch auf der Straße, wo nur noch ein Brückenkopf übrig war, hatte sich ein Elbenheer versammelt.
Ein lautes Brüllen einer Bestie aus dem Osten ließ ihren Blick hoch zum Tal von Moria wandern. Rávi? Ihr Gedanke verlor sich bei dem Anblick. Die Treppen und der Weg hinauf zum Tal wimmelten vor Orks. Es waren dutzende hundert, viele trugen das Zeichen einer weißen Hand. In blaues Funkeln in der Nacht in ihrem Augenwinkel ließ sie wieder zu den Elben schauen. Die Gestalt an der Spitze hatte gerade einen Ork geköpft, der wohl Ausschau halten wollte. Sie kannte nur eine einzige Waffe, die blau leuchtete. Isanasca wollte schon freudig nach ihrer Großmutter rufen, bis ihr einfiel, dass sie hochschwanger sicherlich in die Schlacht ziehen würde. Sie selbst würde es auch nicht. Die Elben formierten sich indessen zu einer Schlachtreihe und blockierten die gesamte Breite der Straße, bis hinab zum Fluss. Sie standen vier Mann tief, ihre Glefen funkelten im Mondschein. Sofort erkannte sie welche Truppen dort angekommen waren, die sie selbst mit ausgebildet hatte. Eine Welle der Erleichterung überkam sie. Indessen rollte eine schwarze Flut aus Orks heran, die durch den Tod des Orkspähers alarmiert worden waren. Ein weiteres, fernöstliches Brüllen ließ sie nachdenklich werden. Hinter der schwer gerüsteten Schildfront machte sich eine Hand voll Elben daran, hölzerne Flöße an die Böschung des Flusses zu tragen.
Isanasca verstand sofort und wandte sich an die Soldaten neben ihr: „Sammelt alles, was sich zu einem Seil oder einem Tau verknoten lässt. Zaumzeug, Seile, Gürtel, alles! Sofort!“
Der Elb nickte und verschwand im Inneren. Der Befehl wurde weitergegeben und die Rufe hallten in Rómen Tirion wieder. Hoffnung keimt wieder auf. Sie selbst eilte ebenfalls den Turm hinab. In ihrem Kopf formierte sich ein wahnwitziger Plan. Ein weiter dumpfer Schlag erschütterte das Bollwerk, Steinchen und Staub rieselten auf sie hinab, doch sie hatte einen Plan, wie sie die ihr anvertrauten Leben retten konnte.



„Meinst du, dass sie begriffen haben, was wir vorhaben?“, fragte Lorindion nachdenklich und hob seinen Schild.
Mathan packte die Glefe fester, die er von einem der Späher Nénmarils ausgeliehen bekommen hatte. Auch er hob seinen Schild. Das dumpfe Trampeln von hunderten Orkfüßen wurde bedrohlich lauter. „Die da sicherlich“, antwortete er mit einem Nicken zu Sarumans Horden und rief lauter: „Bereit machen!“ Zweihundert Schritt trennte sie noch voneinander. Das Geräusch von aneinander reibenden Schilden ertönte. Jemand klopfte ihm auf die Schulter und Mathan nickte bestätigend. Der Elitekrieger hinter ihm schob seine Glefe zwischen die Spalte zwischen Lorindion und Mathans Schilden. Er ging etwas in die Knie und ein weiterer Krieger hob seinen Schild und deckte Mathans Kopf, womit der Schildwall bei ihm geschlossen war.
Der Befehl wurde weitergegeben, wobei er Nénmarils kristallklare Stimme deutlich heraushören konnte. Weiter im Hintergrund meinte er Befehle in der Sprache der Manarîn aus dem Bollwerk zu hören. Er hoffte, dass sie es verstanden, was sie vorhatten. Etwa einhundert Schritt. Er linste zwischen die Schilde. Die Orks wirkten seltsam auf Mathan. Sie schrien unablässig und schwangen ihre Schwerter, hatten keine klare Ordnung oder Struktur. Es war einfach ein massiver Pulk, der auf sie zurollte. „Halten!“, rief er und stemmte seine Beine mit aller Kraft in den steinigen Boden. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen prallten die Orks gegen die Schilde. Mathan spürte, dass seine Glefe sich in einen Körper bohrte. Gewicht drückte sich auf seinen Schild und verstärkte sich. Er sah einen Schatten über seinem Kopf. Was zum… „Jetzt!“ Sogleich schwand das Gewicht der Orks, die über ihre Köpfe gebrandet waren, als die dritte Reihe mit ihre Glefen von oben herab auf sie einhakte. Ein kollektives Quieken und krächzend ertönte. Lorindion gab den Befehl für die Bogenschützen. Erneut prallte etwas gegen seinen Schild, doch der Krieger hinter Mathan tötete den Ork, der nach seinen Beine schlagen wollte mit einem gezielten Stich ins Auge. Durch den Pfeilhagel entstand eine kurze Pause. Wie ein Mann machte der Schildwall einen Schritt zurück. Die Orks mussten nun über ihre toten Kameraden steigen, um sie anzugreifen, doch das störte sie nicht. Mathan gab ein Zeichen und die erste Reihe zog ihre Waffen etwas zurück. Nur um die sogleich neu anstürmenden Orks zu erstechen. Er spürte, wie er traf und schwarzes Orkblut über den Glefenschaft und seiner Hand spritzte. Erneut ertönten die Todesschreie der Orks. Die zweite Reihe stach nach den Überlebenden. Mathan blickte kurz hastig über die Schulter. Die Späher aus Nénmarils Kompanie hatten die Hälfte der fünfzig Flöße über die breite Straße ans Flussufer geschafft. 

Das Manöver wurde sechsmal wiederholt, zwei Pfeilhagel von Orksschützen prasselten indessen wirkungslos gegen ihren Schildwall. Vereinzelt ächzten einige Elbenkrieger auf, wenn einer der Pfeile eine schmale Spalte zwischen den Schilden fand, doch niemand fiel. Vor Mathans Füßen stapelte sich bereits ein kleiner Wall aus toten Orks, die jedoch unablässig angriffen. Es mussten mehr als fünfhundert sein. Mathan stach erneut mit seiner Waffe nach vorn, als Lorindion mit leichter Anstrengung sagte: „Denkst du nicht auch, dass sie irgendwie viel zu rücksichtslos mit ihrem eigenen Leben angreifen?“
Mathan stimmte zu und gab den Befehl für einen Schildstoß. Sein eigener Schild verwandelte das unförmige Gesicht eines Orks, der ihn ansprang in eine blutige Masse. Ähnliches Geschah auf ganzer Länge der Schlachtreihe. Die zweite und dritte Reihe ließen ihre Glefen wie Vipern vorschnellen und töteten die taumelnden Orks. Mathan klopfte dem Krieger hinter sich auf die Waffe. Sofort tauschten sie die Plätze.
„Lorindion, du übernimmst das Zentrum. Haltet die Stellung!“, rief er noch, was der Kommandant bestätigte.
Mathan atmete etwas durch und ließ den Blick über die hinteren Reihen schweifen. Etwas weiter hinten konnte er zwei gefallene Elben ausmachen, die auf dem Rücken lagen und deren Gesichter von ihren hellblauen Mänteln bedeckt waren. Einige Heiler versorgten eine Hand voll Verwundete und zogen Pfeile, säuberten und verbanden Wunden. Ein lautes Krachen ertönte von der Frontreihe, gefolgt von dem Geräusch kollektiven Sterbens der angreifenden Orks. Mathan war klar, dass sie das nicht ewig durchalten konnten.
Er ließ das schwarze Blut von seiner Glefe spritzen und ging zu der Flussböschung, wo der Spähtrupp die Flöße vorbereitete. Einige zwirbelten Grasfasern zu Seilen, die anderen legten die kleinen Stämme aneinander. Mathan nahm sich vor, Nénmaril bei Faelivrin lobend zu erwähnen. Ihre Späher hatten vorsorglich schon Holz besorgt, das wohl von den Bauvorhaben um Rómen Tirion stammte. Sie bauten mit flinken Händen die restlichen Flöße, auch wenn sie nicht wussten, wie viele genau sie brauchen würden. Auf der Mauer über dem Tor erschien eine schlanke Gestalt, die ihnen mit beiden Armen zuwinkte. Über dem Lärm der Schlacht konnte er nichts verstehen, doch war das dumpfe Grollen, dass aus Moria heranrollte war deutlich zu hören. Es war wohl eine Warnung. Seine Elbenaugen machten einen Felsblock aus, der den Strom hinabgespült wurde und unnatürlich schnell war. Er deutete mit seinem Schwert darauf. Als Antwort sprang das Tor von Rómen Tirion auf. Ein gewaltiger Sog im Fluss entstand und der Felsblock wurde von der neuen Strömung von der Ostmauer weggezogen, prallte aber dennoch mit einem gut hörbaren, dumpfen Schlag gegen die Mauerecke. Etwas weiter hinten polterten Steine ins Wasser, vermutlich war eine Mauer zusammengebrochen. Ein Pferd wieherte laut und Mathan konnte sehen, wie ein einzelner Reiter auf einem Pferd furchtlos in den Fluss preschte. Wasser spritzte auf, als das Tier das Tor passiert. Der Reiter hielt einen gespannten Bogen in der Hand und zielte. „Späher zu mir!“, rief Mathan geistesgegenwärtig und schnappte das Geschoss aus der Luft. Es war ein Gürtel an einem Pfeil, der an einem weiterer Gürtel geknotet war. In dem langen, selbstgeknoteten Seil konnte er Zaumzeug, Elbenseil und auch einige Mäntel erkennen. Es reichte quer über den Fluss und einige Elben erschienen in dem Innenhof. Der Reiter hatte indessen Mühe sich auf dem Pferd zu halten, das tatsächlich schwamm. Es kämpfte tapfer gegen die Strömung und warf seinen Reiter nicht ab. Erst auf dem dritten Blick erkannte er den Bernstein in der Stirn des Helmes. Die Person auf dem Pferd war Isanasca. Sie trieb es unbarmherzig den Fluss hinauf. Ein Pfeil verfehlte sie knapp. Mathan fluchte. Wie konnte man nur so leichtsinnig sein? Was hatte sie nur vor? Rasch wandte er den Kopf zu den kämpfenden Elben, die noch immer die Flut an Orks zurückhielten und biss sich auf die Lippen.
„Nehmt das Seil und vertäut es mit den Flößen, arbeitet euch so Stück für Stück vor“, befahl er den Spähern und drückte einen von ihnen den Gürtel in die Hand. „Und mach den hier an dem zerstörten Brückenkopf fest.“
„Mein Herr!“, rief einer der Späher bittend, doch Mathan winkte ab und antwortete entnervt: „Befolgt Eure Befehle! Auf der anderen Seite bauen sie ebenfalls etwas und nehmen dafür ihre Schilde. Nun macht schon!“
Mathan eilte hinter den Linien der kämpfenden Elben entlang, die noch immer tapfer ihre Position hielten, doch es gab mehr und mehr Verwundete, da die Orks offenbar auf die Idee gekommen waren Steine zu werfen. Neben den zwei Gefallenen lagen nun drei weitere, deren lebloses Gesicht von einem hellblauen Mantel bedeckt wurde. Mathan packte einem Boten an der Schulter und erklärte, dass er Lorindion ausrichten sollte, dass sie versuchen sollten vorzurücken.
Der Bote schüttelte jedoch den Kopf und berichtete, dass sie keinen festen Grund unter den Füßen hätten, da sich die Orks mittlerweile verzweifelt gegen den tödlichen Schildwall warfen. Es waren zu viele Leichen im Weg. Sie würden auf Körpern stehen.
Mathan blinzelte erstaunt. „Wie war das?“
Der Bote wiederholte etwas unsicherer: „Zu viele Leichen im Weg?“
„Nein, das davor. Sie sind verzweifelt?“
Der Elb wirkte unsicher, nickte dann aber zaghaft. Mathan dämmerte es langsam, was die Orks zu den selbstmörderischen Angriffen anstachelte. Nicht Hass, sondern Furcht. So große Furcht, dass sie sich lieber in einen unüberwindbaren Schildwall stürzten. Und seine Enkelin ritt genau in die Richtung. Was hatte sie nur vor?
Mathan war hin- und hergerissen. Alles drängte in ihm ihr zu folgen. In der Ferne konnte Isansca auf ihrem Pferd sehen, wie sie fast eine halbe Meile dem Fluss auf der südlichen Seite folgte. Sie steuerte auf ein großes Orklager zu, das offenbar durch die Fluten von dem Rest abgeschnitten wurde. Er blickte über die Schulter, wie die Elben hastig eine behelfsmäßige Brücke bauten, die auf dem Fluss schwamm. „Trolle!“, rief einer der Soldaten alarmiert. Die Rufe verbreiteten sich in den Schlachtreihen. Mathan blickte alarmiert nach vorn und reckte den Kopf. Tatsächlich konnte er in der wimmelnden Orkgewühl zwei massige Gestalten ausmachen, die sich einen Weg zu ihnen bahnten. Er fluchte laut. Sie waren weniger als eine halbe Meile entfernt und eine ernstzunehmende Gefahr für die Elben, die schon seit mehr als zwei Stunden im Schildwall kämpften. Irgendjemand musste etwas tun. Wenn sich die Trolle an den Ansturm anschlossen, würden sich die restlichen Orks ermutigt fühlen und die Elben von einer dreifachen Übermacht überrollt werden
„Bringt mir ein Pferd!“, rief er über den Schlachtenlärm hinweg, „Rasch!“ Er wandte sich an einen der Boten: „ Lorindion hat den Oberbefehl, haltet die Stellung und rettet so viele ihr könnt. Es soll eine Rettung sein, keine glorreiche Schlacht. Geht kein unnötiges Risiko ein.“
„Aber mein Herr, die Prinzessin, ihr-“
 „Genug!“, fuhr Mathan dazwischen. „Gebt die Befehle weiter. Ich werde das da vorne übernehmen“, befahl er mit eiserner Stimme und rammte Halarîns Schwert in die Scheide. Die Späherin, die sie zuvor über das Leuchtfeuer unterrichtet hatte, führte ihr Pferd am Zügel und nickte ihm zu. „Es hat keine Scheu vor Wasser und Pfeilen. Möge es Euch Glück bringen, Heerführer.“
Mathan nickte und schwang sich in den Sattel. Rasch prüfte er den Sitz seines Schildes und nahm die Glefe entgegen, die man ihm reichte. Etwas umständlich nahm er die Zügel zwischen die Zähne, klemmte sich die Stangenwaffe unter den Arm und strich dem Pferd beruhigen über den Nacken. Dann nahm er die Zügel und gab dem Tier die Sporen. Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, wie die ersten Elben aus Rómen Tirion leichtfüßig über die schwimmende Brücke entkamen. Sie wirkten abgekämpft und die meisten trugen Verbände. Mathan schüttelte den Kopf über die Leichtsinnigkeit von Isanasca und preschte in die Böschung des Flusses. Der äußerste Flügel des Elbenheeres reagierte und öffnete sich. Er passierte die Manarîn, die ihm Kampfesrufe nachriefen. Sein Pferd machte einen Satz über die zahlreichen toten Orks, die einen dichten Teppich bildeten. Er ritt einen Angreifer über den Haufen und hielt sich ganz nah am Fluss. Die meisten von Orks hatten nur Augen für die gerüstete Elben, die den Weg verperrten. Sie waren ungeordnet, manche bildeten kleine Meuten, andere liefen wie aufgescheuchte Hühner quer durcheinander, doch eines hatten sie alle gemeinsam: Alles drängte nach Westen, fort von Moria. Manche rannten, als ob Sauron persönlich hinter ihnen die Peitsche schwang. Vereinzelte Uruk-Hai konnte er ebenfalls ausmachen. Mathan war sich sicher, dass das mit Oronêls Erzählung zu tun hatte. Sarumans Truppen verließen den westlichen Teil Morias fluchtartig. Sein scharfer Blick erfasst die zwei Trolle, die eher im normalen Tempo die Straße hinabliefen. Noch schenkte ihm keiner große Beachtung und er hoffte, dass es noch so blieb.

Curanthor

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Legenden aus Arand
« Antwort #12 am: 10. Mai 2021, 21:09 »
Aus der Sicht Isanascas

Viele Geschichten hatte sie gehört, von der Heimat ihrer Großmutter und den alten Gestaden der Hwenti, aus denen die Manarîn hervorgegangen sind. Nie hätte sie gedacht, dass sie für eine alte Geschichte ihr Leben riskieren würde. Ich Blick fixierte das Orklager, das nur mäßig befestigt war. Hinter sich hörte sie noch den Schlachtenlärm lauter werden, wenn eine neue Welle Orks gegen den Schildwall brandete. Während sie das Pferd parallel zum Fluss hinaufpreschen ließ, blickte Isanasca immer wieder zu den Orks, die in Scharen aus Moria strömten.  Einige warfen Steine nach ihr, oder spannten Bögen, wenn sie sie bemerkten, doch da sie auf der anderen Seite des Flusses ritt, gaben die Orks rasch wieder auf. Die meisten waren damit beschäftigt in ungeordneten Gruppen fortzulaufen. Stellenweise kam es auch zu Auseinandersetzungen innerhalb der Orks.  Sie atmete tief durch und lenkte ihr Pferd weiter an den Rand des schmaler werdenden Pfads, wohl darauf achten, dass es nicht in das Wasser trat. Das Lager lag direkt vor ihr. Ein tiefes Grollen war zu hören, dann ein leises Brüllen einer Kreatur, die sie nur aus Erzählungen kannte. Ihre Hände begannen etwas zu schwitzen. Ihr Pferd wurde langsamer und peitschte nervös mit dem Schweif. Schließlich kam es zwanzig Schritt vor dem Lager zum Stehen und weigerte sich weiterzugehen. Es tänzelte unruhig und hob und senkte immer wieder den Kopf, die Ohren spitz aufgestellt. Isanasca glitt leichtfüßig aus dem Sattel. Ihrer elbischen Gewandtheit war es zu verdanken, dass der Kies unter ihren Füßen keinen Ton von sich gab. Leise flüsterte sie dem Pferd Worte der Beruhigung auf Quenya in die Ohren. Ein majestätisches Brüllen, das in ihrem Magen widerhallte machte die Beruhigung zunichte. Es klang wütend. Das Pferd scheute mit einem ängstlichen Wiehern und nahm Reißaus. Die Prinzessin legte ihre Hand an den Schwertgriff und huschte geduckt in das Lager. Grob behauene, angespitzte Holzpfähle waren als Abschreckung in den Kiesboden gegraben, ein Zaun aus groben Stein und Treibholz umschloss das halbrunde Lager. Ihre Elbenaugen erblickten große Metallkäfige, in denen drei Pferde passten, die in einem Halbkreis angeordnet waren. Sie zählte vier Stück. Ketten rasselten und ein Schnauben war zu hören, gefolgt von einem leisen Grollen, dann die Stimmen von Orks und… Menschen. Sie verstand dank der Lehren Ivyns den Großteil der Unterhaltung.
„Ich sage euch, meine Waren nehme ich wieder mit!“, zischte ein Mann ungehalten, „Offenbar habt ihr die Kontrolle verloren. Und bezahlt wurde ich auch noch nicht, von der gewaltigen Strecke rede ich noch gar nicht!“
„Wage es nicht, du Made“, knurrte eine tiefe, krächzende Stimme eines Uruks, „Der Herr und Meister hat immer die Kontrolle. Bezahlt wirst du, wenn der Herr es für nötig erachtet. Und du warst es selbst, der die Jungen entkommen ließ!“
Isanasca schlich hinter einem schäbigen Zelt her und erhaschte einen Blick auf die Sprechenden. Es war ein Mann, der einen roten Turban um den Kopf gewickelte hatte, einen schwarzen, staubigen Reisemantel trug und sich auf einem Holzstab mit Goldringen an der Spitze stützte. Er stand mit dem Rücken zu ihr. Ihm gegenüber stand ein massiger Uruk-hai in schwerer Rüstung, das Zeichen der Weißen Hand auf dem Brustharnisch. Die beiden fuhren sich nun gegenseitig in einer ihr unbekannten Sprache an. Ein warmer Luftzug ließ ihren Mantel und ihre Haare nach vorn fliegen. Es war merkwürdig warm. Erst jetzt nahm sie eine Präsenz hinter sich wahr. Isanasca erstarrte und wandte sich langsam um. Aus der Dunkelheit starrte ihr ein großes Paar bernsteinfarbene Augen entgegen. Sie strahlten eine ruhige Wärme aus, doch konnte sie rasenden Zorn darin lesen. Es war, als ob die Zeit stehen geblieben war. So viel konnte sie in diesen Augen lesen. Den Schmerz die Familie zu verlieren und mitanzusehen, wie der Rest gefangen wurde.  Ein tiefes Knurrend entrang sich aus der Kehle des mächtigen Geschöpfs, doch Isanasca wich nicht zurück. Der Blick in den Augen änderte sich, wurde wehmütiger. Den Wunsch nach Heimat konnte sie darin lesen, bis ein zorniges Funkeln ihn wieder überlagerte. Die Elbe kannte dieses Gefühl. Den Wunsch nach Heimat, einen Ort zum Leben. Den Drang wieder nach Hause zu gehen, auch wenn man weiß, dass es nicht mehr so existierte, wie man es in Erinnerung hatte. Man könnte niemals wieder zurückkehren. Langsam zog sie ihren Panzerhandschuh aus. Ihre schlanken Finger näherten sich dem metallenen Gitter. Feuchte Wärme und kalter Luftzug wechselten sich ab. Es schnupperte. Erst zweimal, dann vier-, dann sechsmal. Zum Schluss schnaubte es einmal geräuschvoll, sodass ihr die Haare aus dem Gesicht flogen. Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. Das Wesen legte den massigen Kopf schief und blickte zu den übrigen Käfigen. Es grollte leise, aber deutlich weniger bedrohlich, fast schon versöhnlich. Sie verstand und zog ihr kürzeres Schwert an der Hüfte. Sie blickte noch einmal lange und eindringlich in die bernsteinfarbenen Augen. Und es verstand sie ebenfalls.



Mathan ritt ganz knapp an dem Flussufer entlang, sodass sein Pferd zweimal strauchelte, doch es hielt tapfer den Pfad. Auf der Straße herrschte das blanke Chaos. Ein Krachen und orkische Todesschreie hallten von hinten nach vorn, als ein weiterer Angriff auf den Schildwall erfolgte. Einige Orks sammelten sich immer wieder zu kleinen Meuten, schienen sich gegenseitig aufzustacheln, um dann entschlossen gegen den Schildwall zu stürmen. Niemand schien hier das Kommando zu führen. Drei solche Orkmeuten hatte er schon niedergeritten, wobei sein Pferd zwei Wunden an den Flanken abbekommen hatte, doch der Hengst stürmte unermüdlich weiter nach vorn. Ein lautes Brüllen lenkte seinen Blick wieder ab. Einer der Trolle hatte ihn entdeckt. Weniger als hundert Schritte trennten sie voneinander. Er schwang eine große Keule aus Holz, an der schwarzes Blut klebte. Offenbar war dieser Troll nicht so fügsam. Mathan hoffte, dass der zweite Troll sich weiterhin mit den Uruk-hai anlegte, die ihn mit Lanzen und Ketten versuchten wieder einzufangen. Er biss die Zähne zusammen und gab seinem Pferd die Sporen. Er preschte an einem Ork vorbei und schwang seine Glefe. Der Kopf flog in hohen Bogen davon. Aufgeschreckt davon deuteten mehrere krumme Finger und Arme auf ihn. Er hielt auf eine kleine Meute aus sechs Orks zu und ließ seine Waffe kreisen. Sie durchtrennte Hälse, Arme und hinterließ bei dem Letzten eine klaffende Wunde am Torso. Dann war der Troll auch schon in Reichweite. Mathan riss am Zügel und das Pferd brach nach rechts aus. Die schwere Keule zerschmetterte einen Ork, der gerade sein Pferd anspringen wollte. Seine Glefe zuckte vor und hinterließ einen tiefen Schnitt an der linken Schulter. Der Troll jaulte kurz auf und taumelte zwei Schritt zurück. Dann brüllte er wütend. Mathan riss erneut am Zügel und ließ das Pferd einen großen Bogen schlagen. Er fluchte leise. Der Troll war seinem Stich zum Hals sogar ausgewichen. Offenbar war es kein dümmlicher Höhlentroll. Im Hintergrund sah er, wie der zweite Troll zwei Uruk-hai mit einem Prankenhieb davonsegeln ließ. Sein eigener Gegner stürmte wieder schwer stampfend auf ihn zu und zertrampelte zwei Orks, die nicht schnell genug vor den Kämpfenden davonliefen. Sein Pferd wieherte ängstlich und machte einen tänzelnden Schritt zur Seite. Mathan fluchte und rammte den Troll die Glefe in die Brust, wo irgendwo das Herz schlagen musste, in der Hoffnung, dass es ihn aufhielt. Die schwere Keule streifte die linke Flanke des Hengstes und verfehlte sein eigenes Bein nur um Haaresbreite. Das getroffene Tier bäumte sich vor Schmerz auf und stieg. Mathan krallte sich in die Zügel und drehte geistesgegenwärtig die Glefe in der Wunde. Der Troll jaulte erneut auf und zuckte von dem plötzlichen Schmerz zurück. Schwarzes Blut quoll aus der tiefen Wunde über Brust und Bauch, doch es reichte nicht um ihn zu töten. Der Hengst hinkte auf der linken Seite und Mathan wusste, dass er zumindest mit dem Tier nicht mehr zu den Reihen der Elben zurückkehren konnte. Ein gewaltiges Brüllen, das in seiner Magengegend vibrierte erschütterte das Tal und die Weststraße. Sämtliche Orks erstarrten in Furcht, die Uruk-hai schauten sich verwundert, vielleicht sogar verunsichert um. Selbst der verwundete Troll zögerte einen Moment, dann brüllte er ebenfalls seinen Schmerz in die Welt und stürmte Keulenschwingen vor. Mathan gab seinem Pferd die Sporen, doch reagierte es verzögert. Es war in Panik verfallen und bockte. Er fluchte und machte einen Satz aus dem Sattel. Die Keule sauste haarscharf an seinem Kopf vorbei. Etwas Großes raste in seinem Augenwinkel heran. Mathan ließ sich fallen. Ein Uruk-hai in verbeulter Rüstung flog über ihn hinweg und prallte gegen sein Pferd, dass vollends in blinder Panik verfiel und humpelnd davonlief. Der zweite Troll war in Rage verfallen. Er entledigt sich den letzten Peiniger mit einem Faustschlag und riss sich eine Lanze aus der verwundeten Hand. Mathan wich einem weiteren Keulenhieb aus und stach mit der Glefe in die rechte Schulter. Der zweite Troll warf einen herumliegenden Schild nach Mathan. Ihm blieb nichts anderes übrig, als die Waffe fahren zu lassen und rollte sich zur Seite. Zischen flog das Geschoss knapp an ihm vorbei. Der verwundete Troll brüllte indessen schmerzerfüllt und ließ die Keule fallen. Mathan kam geschwind auf die Füße und zog Halarîns Schwert. Der zweite Troll drängte sich nun vor und schob seinen verwundeten Artgenossen zur Seite. Ein einzelner Lichtstrahl am Himmel erregte seine Aufmerksamkeit. Ein erleichtertes Lächeln bereitete sich auf Mathans Gesicht aus. 
Der Morgen brach an. Und mit ihm kam ein weiteres, majestätisches Brüllen, das ihm in den Magen fuhr. Es klang näher. Viel näher. Gerade als der zweite Troll zum Angriff übergehen wollte, zögerte er. Mathan wagte einen raschen Blick über die Schulter, und traute seinen Augen kaum. Ein gewaltiges Tier bahnte sich einen Weg durch die Orkmassen. Furcht machte sich breit. Hatten die Orks zuvor relativ ruhig das Weite gesucht, stoben sie nun panisch auseinander, um nicht unter die mächtigen Pranken zu kommen. Der verwundete Troll wandte sich um und ergriff die Flucht. Der Zweite war jedoch mutiger und brüllte dem Tier eine Herausforderung entgegen. Mathan machte einen Satz zur Seite, als er einfach ignoriert wurde und der Troll dem mächtigeren Gegner entgegenrannte. Indessen formierte sich eine kleine Gruppe aus zwanzig Uruk-hai mit schweren Schilden und Lanzen zu einer Formation. Doch dem, was da heranstürmte waren sie nicht gewachsen. Mathan starrte noch immer auf das Tier, das er nur aus Geschichten kannte. Pranken mit Krallen, die so lang wie Dolche waren, zerfetzten die Uruk-hai. Das gewaltige Maul schnappte zu und hinterließ eine Spur des Todes. Es war einer der Löwen von Arand. Ein gewaltiges, legendäres Biest aus dem tiefsten Süden von Palisor. Es brach mühelos durch die hastig errichtete Blockade der Uruks und zermalmte alles in seinem Weg. Mathan packte sein Schwert fester und biss die Zähne zusammen. Er ging etwas auf Abstand. Nie hätte er sich träumen lassen, dass er in dem Rücken eines Trolls abwarten würde. Doch genau das tat er. Niemand kümmerte sich um ihn, die Orks erkletterten eilig den Hang des Gebirges und versuchten dem aufkommenden Sonnenlicht oder dem Biest zu entgehen. Einige machten sogar wieder kehrt nach Moria. Der Troll stürmte indessen auf den Löwen zu, der deutlich größer als ein Pferd war. Das schwarz verschmierte Maul öffnete sich zu einem herausfordernden Brüllen. Mathan blinzelte und unterdrückte den Impuls die Ohren zu bedecken. Etwas war auf dem Rücken des Tieres. Und es sah ihm verdächtig nach einer Person aus, die eine eigentümliche Waffe schwang. Ein langer Speer an dessen Ende eine schwere Klinge saß.  So etwas wie eine Schwertlanze. Der Troll schwang seinerseits einen Speer, doch der Löwe schnappte einfach zu und zerbrach den hölzernen Schaft mühelos. Der Reiter ließ seine Waffe niederfahren und hinterließ eine klaffende Wunde in der Schulter des Trolls. Der Löwe sprang vor und bohrte mit einem Knurren seine Fänge in einen Arm des Trolls. Schwarzes Blut quoll hervor und Mathan konnte ein deutliches, trockenes Knacken hören. Der Troll gab einen erstickten Laut von sich.  Dann zuckte die Schwertlanze des Reiters vor und traf genau in das Auge. Der Troll taumelte kurz, fiel aber dann tot auf den Rücken. Der Löwe von Arand stellte seine rechte Pranke auf seinen toten Gegner und stieß ein triumphierendes Gebrüll aus, das von den Berghängen widerhallte. Dann trottete das Tier genau auf ihn zu. Mathan zögerte und suchte nach einer passenden Waffe für einen tödlichen Kampf, bis er seinen Namen hörte. Er blickte überrascht auf. Von dem Rücken des Löwens winkte ihm ein bekanntes Gesicht.
Isanasca schwang ihre schwere Lanze und deutete auf die Schlachtreihe weiter die Straße hinab. „Wir sollten den verwundeten Troll töten, bevor er unsere Reihen erreicht.“
Etwas verblüfft brachte er nur ein Nicken zustande und sagte stattdessen: „Ich dachte, die Löwen von Arand gelten als unzähmbare Legende…“
Ein Blitzen ihrer weißen Zähne durchschnitt die Morgendämmerung. „Das sind sie auch eigentlich. Wir haben aber im Moment die gleichen Interessen. Doch später mehr, erst müssen wir unser Volk retten.“
So als ob das Tier zugehört hatte, schnaubte es und setzte sich wieder in Bewegung. Noch immer verblüfft schüttelte Mathan den Kopf und verfiel im Laufschritt. Der Löwe hatte bereits einen großen Vorsprung. Er konnte sehen, wie sich seine Enkelin in dessen Fell klammerte. Ihm ging es nicht in den Kopf, wie dieses Tier hierherkam.
Er kannte die uralten Geschichten über Aldaron, dem Jäger zu der Zeit der Sterne und seinem Gefolge, die gemeinsam die bösen Kreaturen des Dunklen Herrschers in den Wäldern jagten. Seine Begleiter waren mächtige und intelligente Geschöpfe, von denen sich manche nach dem großen Kriegen in unbewohnten Winkeln Mittelerdes niederließen. Deren Nachkommen lebten angeblich verborgen vor allen Augen in unzugänglichen Wäldern, verborgenen Tälern und anderen friedlichen Plätzen. Man erzählt sich, dass die Löwen von Arand ebenfalls von ihnen abstammten. Mathan schüttelte die Verwunderung ab und setzte sich in Bewegung. Inzwischen war die Weststraße bis auf vereinzelte Orks wieder frei. Die meisten von ihnen hatten kehrt gemacht, oder flüchteten in die Berge und manche ertranken im Sirannon, als sie dem Löwen ausweichen wollten, der alles und jeden zerfetzte, was in Reichweite kam.  Isanasca holte mit ihrem ‚Reittier‘ den Troll sehr bald ein und konnte ihn mit ihm einem einzigen Hieb in den Nacken zur Strecke bringen. Die Gewicht der schweren Waffe und die Wucht durch die Geschwindigkeit reichten aus, um den ohnehin schon geschwächten Troll sofort zu töten, was mit großem Jubel der Elbenkrieger beantwortet wurde. Der Löwe stieß erneut ein triumphierendes Gebrüll aus. Allerdings antworteten ihm zwei ähnliche Laute. Unbemerkt befanden sich drei weitere Löwen auf der anderen Seite des Flusses. Sie waren etwas kleiner als der, auf dem Isanasca ritt. Mathan vermutete, dass sie auf dem Alphatier saß, das seine Enkelin gerade bis zur Linie der Elbenkrieger trug. Er warf einen raschen Blick über den Rücken und erkannte in den Schatten der Berge noch dutzende Orks und auch einige Uruk-hai, die abwarteten, was als nächstes geschah. Nicht darauf hoffend, dass der Schock über das Erscheinen der Löwen lange währte, beeilte Mathan sich zurück zu den Reihen Manarîn.

Dort angekommen ging er außen rum, um nicht über die dutzenden toten Orks steigen zu müssen. Isanasca sprang indessen leichtfüßig von dem großen Löwen herab, der immer wieder den massigen Kopf zu seinen Artgenossen schwenkte. Seine Enkelin schwang ihre Waffe und legte sie sich auf die Schulter, man konnte sehen, dass das Gewicht selbst für Elben belastend war. Eine pure Reiterwaffe, mit der man durch den Schwung und nicht durch Muskelkraft tötete. Seine Enkelin begrüßte ihn mit einem verschmitzten Lächeln. Mathan schüttelte nur mit halben Ernst den Kopf und nickte den drei Kommandanten zu, die zu ihnen traten. Lorindon war unverletzt, jedoch über und über mit schwarzem Blut besudelt. Nénmarils Rüstung hatte einige Treffer abbekommen und ihr Mantel hing in Fetzen, doch auch sie wirkte unverletzt. Angadil hinkte hingegen und wirkte unzufrieden, ließ sich ansonsten jedoch nichts anmerken. Lorindon berichtete von etwa vierzig Gerettete. Sie schauten zu der schwimmenden Brücke, über die gerade die leblosen Körper der Gefallenen von Rómen Tirion getragen wurden. Es waren viele. Mehr als sie gerettet hatten, stellte Mathan traurig fest. Isanasca machte ein düsteres Gesicht und ballte die Fäuste. Er vermutete, dass sie sich die Schuld für die vielen Toten gab und legte ihr mitfühlend eine Hand auf die Schulter. Schweigend beobachteten sie, wie die toten Manarîn geborgen wurden. Zum Schluss wurden die Schwerverletzten aus dem Turm geholt. Seine Enkelin löst sich von ihm und ging zu dem Brückenkopf. Warmer Atem fiel ihm in den Nacken und Mathan bemerkte, wie der riesige Löwe direkt hinter ihm stand und Isanasca aufmerksam beobachtete. Sie ging zu den letzten Elb, der auf einer Trage gerade über die wackeligen Flöße getragen wurde. Mathan konnte von seinem Blickwinkel nur stahlschwarze Haare erkennen. Er erinnerte sich an die Festlichkeit auf dem Deck der Galeasse  in Mithlond, wo er die Eltern von Anastorias genauer kennengelernt hatte. Sein Verdacht erhärtete sich, als seine Enkelin die kraftlose Hand des Verletzten nahm und sich etwas zu ihm hinabbeugte. Offenbar redete sie leise auf ihn ein. Ohne sie weiter zu beachten, wich sie ihrem Mann nicht mehr von der Seite. Ein leises Schnauben ließen Mathans Haare umherwirbeln. Er legte den Kopf in den Nacken, als der Löwe fragend den Kopf zur Seite neigte und seine ruhigen, bernsteinfarbenen Augen zwischen ihm, Isanasca und dem Verletzten hin- und herwanderten. Mathan machte einen Schritt nach vorn und wandte sich um. Neben dem Leittier hatten sich drei weitere Löwen eingefunden, die allesamt ein wenig kleiner waren, generell wirkten sie eher wie eine Mischung aus Löwe und Tiger. Die kleinsten hatten in etwa die Größe eines kleinen Pferdes. Das zweitgrößte Tier hingegen wie ein ausgewachsenes Pferd. Es war auch schlanker als die anderen, wirkte wesentlich unruhiger und scharrte immer wieder mit den mächtigen Pranken. Und auch hatte es keine Ansätze einer Mähne, woraus Mathan schloss, dass dies das Weibchen war, da es sich immer wieder an das Leittier schmiegte. Ihm wurde etwas unwohl, da er sich unter ihren Blicken ziemlich beobachtet vorkam.
Lorindon trat neben ihm und flüsterte ihm zu: „Wir sind bereit abzuziehen. Die Toten nehmen wir auf die Schilde, oder legen sie auf die Flöße und binden diese an die wenigen Pferde.“ Mit Blick auf die Löwen fügte er etwas unsicherer zu. „Was mit ihnen geschieht weiß ich allerdings nicht…“
Ehe Mathan etwas erwidern konnte tauchte seine Enkelin neben ihm auf. Sie wirkte gefasst, ihre Rüstung wies einzelne schwarze Blutspritzer auf, aber ansonsten hatte sie keinen Kratzer abbekommen.
Isanasca tauschte einen langen Blick mit dem Alphatier „Sie werden uns vorerst begleiten. Er hier“, sie nickte zu dem riesenhaften Löwen, „Wird unsere Lande durchstreifen und seine Junge suchen. Meine Mutter muss davon erfahren und wir sollten die übrigen Bewohner warnen. Die Löwen von Arand sind extrem gefährlich und sehr leicht zu reizen. Sie sind in der Tat unzähmbar, allerdings habe ich eine Vereinbarung mit ihnen.“ Sie wandte sich an Angadil und Nénmaril, die beide offenbar widersprechen wollten, „Bei meiner Autorität als Kronprinzessin dulde ich keine Widerrede. Mir wurde versichert, dass sie keine Elben angreifen, solange niemand ihren Nachwuchs anfasst, „Sie atmete tief durch und hob die Hand, um weitere Fragen zu unterbinden, „Das sollte genügen, machen wir uns bereit zum Aufbruch, ehe die Orks wieder angreifen… oder Schlimmeres auftaucht.“
Mathan wartete, bis die drei Kommandanten wegtraten, doch blickten sie ihn erwartungsvoll an, ebenso wie seine Enkelin. Er erinnerte sich, dass das Heer noch immer unter seinem Kommando stand und sie auf Bestätigung warten. Ein knappes Nicken genügte und die Befehle für den Aufbruch wurden weitergegeben. Mathan sah aus dem Augenwinkel, wie der Alphalöwe sich mit einem Stupsen mit der großen schwarzen Nase von seinem kleinen Rudel verabschiedete. Das große Tier blickte noch einmal zu ihnen. Isanasca senkte sacht das Haupt, daraufhin trottete es davon und verfiel in einem leichten Trab. Rasch war es am Horizont zwischen einer Gruppe Bäume verschwunden.
„Und du bist dir sicher, dass er keine Elben angreifen wird?“, fragte Mathan, besorgt um die unwissenden Bewohner Eregions. Gemeinsam ginge sie an den übrigen Soldaten vorbei zur Spitze.
Seine Enkelin blickte rasch über die Schulter, zu den drei verbliebenden großen Löwen, die ihnen auf Schritt und Tritt folgten. „Wenn du gewaltsam aus deiner Heimat herausgerissen wirst, freust du dich doch sicherlich auch über Verbündete.“
Mathan konnte das nicht bestreiten und blickte noch einmal zu den großen Raubtieren, die sie beide aufmerksam beobachteten, während die übrigen Elben ehrfürchtig Platz machten. Ihm war es, als ob sie ihn verstanden. Die Blicke, die sie ihnen zuwarfen war eine merkwürdige Mischung aus Neugierde, Vorsicht, Misstrauen und Interesse.
Isanasca lachte leise und schien seinen Gedanken zu erraten: „Tatsächlich sind sie ausgesprochen Intelligent, doch darüber reden wir besser später.“
Er nickte und wechselte das Thema, das ihm schon seit vorhin durch den Kopf ging. „Wie geht es…“
Sie unterbrach ihn mit einem ernsten Blick aus dem Augenwinkel und seufzte. „Den Umständen entsprechend. Wir sollten so schnell es geht zurückkehren, die fahle Sonne gefällt mir nicht.“
Es war klar, dass sie nicht darüber reden wollte, was er respektierte. Ein rascher Blick zum Himmel ließ eine Erinnerung zurückkehren. „Sauron bedeckte stets den Himmel mit seinem Brodem, damit seine Truppen nicht so sehr von der Sonne geschwächt werden. Wenn sich auch über unserer Hauptstadt der Himmel verfinstert, sollten wir Kampfbereit sein. Obwohl ich denke, dass dies noch ein normaler Winterhimmel ist.“ Er sah, dass Isanasca trotzdem schmunzelte und hob fragend eine Braue.
Sie hob die Hand um einige knappen Grußworte zu erwidern, dann schenkte sie ihm ein Lächeln. Ihre freie, gepanzerte Hand fand die Seine. „Es ist beruhigend, dich an unserer Seite zu wissen. In unserem Land.“
Er drückte sie bekräftigend und ließ den Blick über die hügelige, grasbedeckte Landschaft. „Ja, unser Land…“, sagte er leise und konnte einen Seitenblick auf die Toten nicht unterdrücken, „Ich wünschte nur, wir wären früher gekommen.“
Isanasca umschloss seine Hand mit beiden Händen und schüttelte den Kopf. „Nein, du bist genau dann gekommen, als es nötig war. Belaste dich nicht, mit Dingen, die hätten sein können und blicke auf das, was du erreicht hast. Sanas wird überleben und auch wenn die Hälfte der Besatzung gefallen ist, gaben sie ihr Leben, um dieses Land zu beschützen. Und ihren Willen werden wir weitertragen. Sie sind die Grundsteine was uns zusammenhält. Wir werden ihre Opfer niemals vergessen und mutig nach vorne blicken.“
„In eine strahlende Zukunft“, bestätigte Mathan, überrascht von der Weisheit in ihren Worten und legte seine freie Hand auf die Ihre, „Ihr habt tapfer gekämpft und die Stellung gehalten, jetzt überlasst dies uns.“
Ein silbernes Blitzen in ihren Augen flackerte für einen kurzen Moment auf, dann nickte sie und begab sich zu den Verletzen – wohl um Sanas beizustehen. Die große Löwendame folgte ihr prompt und ließ dabei ein Pferd der Späher nervös wiehern. Die zwei kleineren Löwen blickten ihn dagegen unverhohlen Neugierig an. Mathan seufzte schwer und wandte sich nach Westen. Es würde eine ganze Weile dauern, bis er sich an sie gewöhnen würde. Er richtete sein Blick auf die Straße, wo Grám Feuerhammer auf ihn warten würde mit noch mehr Dingen, über die er seinen Kopf zerbrechen musste. Er zog sein Schwert und schwenkte es weit über den Kopf. Damit brachen sie in Richtung Ost-In-Edhil auf und er fragte sich, was als nächstes auf ihn wartete.

Curanthor

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Valena
« Antwort #13 am: 14. Mai 2021, 21:34 »
Der Rückweg war ruhig und Mathan konnte die Gelegenheit nutzen, mehr Zeit mit seiner Enkelin zu verbringen. Isanasca machte sich zwar große Sorgen um Sanas, doch vertraute sie auf die Heiler, die die Verletzten versorgten. Sie wirkte dennoch zwar ein klein wenig abwesend, doch lauschte sie aufmerksam der Erzählung Mathans, der ihr berichtete, wie sie zu ihrer Rettung ausgezogen waren. Seine Enkelin hatte bereits von den befreiten Gefangenen von den anderen Kommandanten erfahren, wie sie knapp bei einer Atempause einwarf. Mathan warf einen finsteren Blick nach hinten, wo Lorindon an der Spitze der Dämmergarde marschierte, die in beiden Gefechten keinen einzigen Verlust zu beklagen hatte. Sein Blick wurde jedoch kurz darauf von den drei Löwen von Arand versperrt, die genüsslich hinter ihnen her trotteten. Die zwei kleineren Tiere waren etwas größer als ein Pony, das Weibchen hingegen fast so groß wie ein ausgewachsenes Pferd. Letzteres war besonders auf seine Enkelin fixiert und wich ihr kaum von der Seite. Kurz warf es ihm einen abschätzigen Blick zu und knurrte leise. Abgelenkt davon brach er seinen Satz ab und blickte wieder nach vorn. Isanasca warf einen kurzen Blick über die Schulter.
„Sie weiß nicht, was sie von dir halten soll“, erklärte seine Enkelin nachdenklich und legte den Kopf schief, „Ganz genau verstehe ich aber auch nicht, was sie meint.“
Endlich konnte Mathan das fragen, was ihn schon die ganze Zeit umtrieb: „Wie kommunizierst du eigentlich mit ihnen?“
Isanasca blickte noch einmal zu der großen Löwendame und rückte etwas näher an Mathan heran. Mit gesenkter Stimme sagte sie: „So wie die Weisen unseres Volkes miteinander sprechen, aber sie sind äußerst stolze Geschöpfe und haben auch nicht viel mit Zweibeinern zu bereden. Ich habe sie befreit und dadurch fühlen sie sich mir in gewisser Weise verbunden.“
„Hmm“, machte Mathan bestätigend und mied es nach hinten zu blicken. Er spürte den abschätzigen Blick der Löwendame in seinen Nacken. Eigentlich interessierte es ihn brennend, ob es noch mehr ihrer Art gab und wie sie hier so weit im Westen gelandet waren, doch sparte er sich die Fragen für später auf. Seine Enkelin bat ihn indessen, seine Erzählung über ihren Vormarsch nach Rómen Tirion fortzuführen, was er auch tat. Knapp fasste er das Gefecht auf der Hochebene zusammen und die Rettung der Gefangenen. Isanasca erzählte, dass sie in dem Lager ebenfalls auf Sklavenhändler getroffen war, die mit den Orks gemeinsame Sache machten. Sie vermutete, dass es sich dabei um billige Arbeitskräfte für den Feind handelte, da Orks nicht so geschickt mit den Händen waren wie die Menschen. Mathan musste ihr zustimmen. Sauron wollte beherrschen, nicht alles Leben auslöschen und Orks waren auch gerade nicht für große Baukünste oder Schmiedearbeiten bekannt. Ihm bereitete es aber Sorgen, dass die Zugehörigkeiten der Orks aus Moria nicht klar einzuordnen war. Nachdenklich flüsterte er Isanasca seine Sorgen zu, die ihn fragend anblickte. Er erinnerte sich, dass sie nicht in Mittelerde aufgewachsen war und die Machtverhältnisse nicht so gut kannte wie Faelivrin, die wohl noch nicht die Zeit hatte sie über alles, was bisher vorgefallen war aufzuklären. Rasch erklärte er die Verhältnisse von Sauron und Saruman und dessen Verrat. Sie verstand rasch und bestätigte, dass die ersten Angriffe von Orks ohne irgendwelche Zeichen ausgingen. Erst später hatten sich jene mit dem Zeichen der Weißen Hand darunter gemischt. Und nachdem Oronêl aus Moria entkommen war, wurden die Angriffe verzweifelter, da die Besatzung des großen Ostturms keine Orks über die Weststraße entkommen ließ. Sie beide wussten auch den Grund dafür, brachten ihn aber nicht zur Sprache.

Die Unterhaltung zerfaserte schließlich und sie marschierten schweigend an der Spitze des Heeres. Mathan blickte zu Isanasca und studierte ihr Profil. Ihre Stupsnase war etwas kleiner als die seiner Tochter, ihre dunkelblonden Haare hatten einen winzigen Schimmer von Kupfer, wenn man ganz genau hinsah – ein Merkmal, das wohl Halarîns Blut mit sich trug. Sie bemerkte seinen Blick und hob fragend eine Braue, doch Mathan winkte ab und sagte nur, dass er froh ist, dass ihr nichts weiter zugestoßen war. Isanascas Mundwinkel hoben sich für einen winzigen Augenblick, doch erreichte es nicht ihre Augen. Mathan schwieg und blickte wieder nach vorn auf die alte Straße. Links von ihnen –südlich - zog ganz langsam ein hügeliges Gebiet vorbei, das von dichten Wäldern beherrscht wurde. Der alte Flusslauf des Sirannons war  noch immer ausgetrocknet und er vermutete, dass der Fluss jetzt durch oder hinter den Hügeln floss. Nördlich von der Straße befand sich ebenfalls hügeliges Waldland, wenn auch nur spärlich bewachsen. Mathan erkannte die Stelle. Dieser Teil der Straße war früher deutlich belebter, da sich hier eine kleine Stadt befunden hatte, in denen sich einige Schmuckschmiede niedergelassen hatten. Er spähte in die südlichen Hügel, konnte aber nichts genauer erkennen, bis auf unzählige Bäume. Er blickte wieder nach Norden, auf die weniger bewachsenen Hügeln, wo sich ebenfalls eine größere Siedlung befunden hatte, die die umliegenden Felder in dem großen Tal des Sirannon bestellt hatten. Leider erinnerte er sich nicht mehr an die Namen der Städte und Ländereien, da er noch relativ jung war, als seine Heimat fiel. Er wusste aber noch, dass er hier öfters Leckereien von den Bäckern ergattern konnte, die nördlich der Straße gelebt und die Früchte der Feldarbeiten zu einem wahren Gaumenschmaus verarbeitet hatten. In der kleinen Stadt südlich davon hatte er seine Lehre als Schmuckschmied abgeschlossen, um später unter Celebrimbor und Amarin bei den Ringschmieden zu arbeiten. Mathan senkte leicht den Kopf und seufzte bei den Gedanken unmerklich. Er konnte sehen, wie Isanasca ihm einen Seitenblick zuwarf und dabei angestrengt überlegte, ob sie ihn darauf ansprechen sollte oder nicht. Er legte ihr kurz eine Hand auf die Schulter und schüttelte dabei den Kopf. Jetzt wollte er nicht über seine Vergangenheit sprechen. „Später“, sagte er nur. Seine Enkelin schenkte ihm eines ihres seltenen, aufmunternden Lächeln und respektierte seinen Wunsch. 

Sie marschierten ohne große Probleme bis zu den vereinbarten Treffpunkt auf der alten Weststraße. Die Späher, die ihren Zug permanent umkreisten, um irgendwelche Überraschungen zu verhindern hatten bereits berichtet, dass eine kleine Gruppe von Menschen und einige Zwerge auf sie warten würde.  Mathan tauschte einen Blick mit Isanasca. Sie hatten zuvor schon darüber gesprochen, was sie mit den befreiten Gefangenen tun würden. Er hatte den Befehl über das Heer, aber seine Enkelin konnte stellvertretend für die Königin entscheiden, ob jemand Zuflucht in Eregion gewährt wurde oder nicht. Und es sah nicht so aus, als ob ihr der Gedanke gefiel. Isanascas Stirn lag in Falten, als sie eine Kuppe erreichten und die kleine Gruppe erblickte, die am Wegesrand lagerte. Mathan kniff die Augen zusammen und erblickte die drei Zwerge, die etwas abseits auf einigen Steinen saßen und kleine Rauchwolken ausstießen.  Er schmunzelte und musterte den Rest der Gruppe, von denen die meisten am Boden saßen und sich ausruhten, oder in einem Kreis um ein kleines Lagerfeuer saßen. Es dauerte auch nicht lange, bis die Elben bemerkt wurden – oder eher die drei Löwen hinter ihnen. Isanasca hatte Mühe die Tiere zu bitten etwas auf Abstand zu bleiben, wie sie ihm erklärte. Mathan hatte schon bemerkt, dass es sehr stolze Geschöpfe waren – was seine Enkelin ihm bereits gesagt hatte - und hütete sich einen bissigen Kommentar von sich zu geben. Die Zwerge liefen ihnen auf halber Strecke entgegen und Mathan beschleunigte ebenfalls seine Schritte. Isanasca hielt mühelos Schritt. Die drei Löwen hinter ihnen schwärmten etwas aus und beäugten die Zwerge misstrauisch. Die Löwendame schnaubte schließlich und trabte wieder den Hügel hinauf, um sich in die Sonne zu legen.
Grám Feuerhammer schaute dem Tier mit großen Augen hinterher und sagte anstelle einer Begrüßung ehrfürchtig: „Wo habt ihr… es gefunden?“
Mathan nickte ihm knapp zum Gruß und deutete auf seine Enkelin: „Sie hat sie befreit. Dies ist die Prinzessin dieser Lande, Isanasca, Tochter der Faelivrin, Königin der Manarîn.“
Der bohrende Blick des Zwergs wanderte zwischen seinem und dem Gesicht Isanscas hin und her, dann verneigte er sich – nicht zu knapp, aber auch nicht sonderlich tief. In seinen warmen, rehbraunen Augen funkelte die Erkenntnis, dass beide wohl verwandt sein mussten.
Mathan fuhr mit der Vorstellung fort: „Und dies ist…“
Der Zwerg räusperte sich jedoch und stellte sich selbst vor: „ Grám Feuerhammer, Sohn des Thrám.“ Dann deutete er auf seine beiden Begleiter, zuerst auf den älteren Zwerg mit mächtigen, weißem Bart und einem eigentümlichen, runden Helm auf dem Kopf. „Dies ist Andak, Sohn des Gordac.“ Seine Hand wanderte weiter zu einem jungen Zwerg mit schwarzen Haar und einem kurzen Vollbart. „Lorim, Sohn des Andim.“ Die zwei Zwerge verneigten sich knapp und Grám fuhr fort: „Wir sind aus den Roten Bergen, vom Volk der Schwarzschmiede. Sie begleiten mich, da ich die Schmiedekunst bei unseren Brüder im Westen studieren wollte, doch auf dem Weg gerieten wir diesem Natterngezücht in die Hände.“
Mathan bemerkte, wie der alte Zwerg mit den Namen Andak sich versteifte und hob daraufhin beruhigend eine Hand. Er wusste um die Geheimniskrämerei der Zwerge und sagte: „Eure Angelegenheiten sind Eure Sache, aber es freut mich, dass wir eine Hilfe sein konnten.“
„Grám plaudert zu viel“, brummte Andak missmutig, machte aber dennoch einen leichten Knicks, „Noch einmal unseren Dank für die Rettung. Und auch Euch, Prinzessin, dafür, dass Euer Volk den Meinen in der Not beigestanden hat.“
Isanasca, die bisher schweigend und mit einer Mischung aus Vorsicht und Neugierde zugehört hatte, erwiderte die Geste äußerst knapp. „Mir gebührt kein Dank, da auch ich durch die Taten des Heerführers aus einer prekären Lage befreit wurde und nichts zu Eurer Rettung beigetragen habe.“ Seine Enkelin warf ihm einen dankbaren Blick zu, „Und ich meine mich zu erinnern, dass unsere Völker in den alten Zeiten schon öfters Seite an Seite gekämpft haben.“
Das faltendurchzogene Gesicht des alten Zwergs erhellte sich bei den Worten. Er merkte an, dass er an ihrer Art zu sprechen sie als eine der Avari erkannte, mit denen sie stets freundschaftliche Beziehungen hatten. „Aber von den Manarîn habe ich noch nie etwas gehört“, setzte Andak nachdenklich nach.
Isanasca lächelte verständnisvoll und erklärte, dass ihr Volk einst aus den Hwenti hervorging und einigen Auswanderern der anderen Stämme. Die Zwerge tauschten einen erstaunten Blick, doch seine Enkelin bot an, das Gespräch zu verschieben und lud sie in die Hauptstadt ein.
Grám grinste breit und stieß Mathan den Ellenbogen in die Seite. „Das hatte ich auch ohne Einladung vor, da ich diesem feinen Elbenherr mein Leben schulde. Gibt’s bei euch auch Bier?“
Er musste grinsen, während Lorim leise in seinen Bart nuschelte, dass er die Existenz von Elbenbier stark bezweifelte. Die Zwerge verfielen in ein dröhnendes Gelächter. Isanasca lächelte höflich, blinzelte aber etwas verwirrt, da sie den Witz daran nicht verstand. Mathan war sich sicher, dass sie noch nie Zwergenbier gekostet hatte, was als eines der besten Biere der Welt galt, zumindest unter Kenner. Sein Vater hatte stets ein kleines Fass gehabt, von dem er ein paar Mal gekostet hatte, als sie noch regen Handel mit Khâzad-dûm getrieben hatten.
Seine Gedanken wurden von einem unerwarteten Geräusch unterbrochen. Dem Klang einer Laute und den Gesang einer sanften Stimme, die sich im Wind wiegte. Es war eine alte Sprache der Menschen, die Mathan nur äußerst selten zur Ohr bekommen hatte und auch nicht verstand. Zwar konnte die Singstimme sich nicht mit der Stimmgewalt von Halarîn oder gar Anastarios messen, aber für ihn war es eine der klangvollsten und melancholischsten Stimmen, die ihm zu Ohren gekommen waren. Sie sang eine traurige Melodie, mit langgezogenen, hohen Noten, die immer wieder abstiegen, nur um dann zu neuen Höhen zu wandern. Inzwischen war auch das Elbenheer heran, von denen sich einige Soldaten unbewusst verlangsamten. Isanasca, die gerade mit den Zwergen sprach blickte immer wieder umher, bis der Gesang verstummte.

Eine junge Frau mit einer Laute in der Hand trat aus dem Unterholz. Ihre dunkelroten Haare waren etwas unordentlich und reichten ihr bis über den Po, während sie sanft im Wind wiegten. Ihr durchtrainierter Körper steckte in einem schlichten, grauen Kleid, das ihr nicht ganz passte. Der Stoff spannte an der Brust durch eine Oberweite, für die viele Frauen sie beneiden würde. Doch die Ärmel des Kleids standen ebenfalls unter Spannung, da die kräftigen Oberarme sich deutlich gegen den Stoff abzeichneten. Er erkannte sie als Verdandi, die offensichtlich eine geübte Kriegerin war. Zumindest strotzte ihr Körper vor Muskeln und auch die Art, wie sich bewegte verriet, dass sie im Kampf geübt war. Die Kriegerin wirkte sichtlich unwohl unter den zahllosen Blicken, die auf ihr lagen. Sie biss sich angespannt auf die Unterlippe, den Blick aus hellgrünen Augen stur auf ihn gerichtet. Hinter ihr trat eine kleinere Gestalt hervor und Mathan erkannte Sunshu Jin, den Mann aus Minzhu – besser gesagt den Jungen. Er wirkte im Sonnenlicht, ohne Matsch und Staub im Gesicht viel jünger, deutlich unter zwanzig. Sie bedeutete ihm mit einer knappen Geste zu warten und trat an Mathan heran. Erst etwas unwohl, dann hob sie trotzig den Blick und verschränkte die Arme. Er wartete ab und nickte ihr freundlich zu.
„Ich habe gehört, was Ihr getan habt … Herr Elb“, sagte sie kaum hörbar und in ihrem Blick flackerte Furcht auf, „Wenn Ihr nicht mit den Euren gewesen währt, dann…“, Sie nestelte unwohl mit dem Saum ihres Kleides und biss sich auf die Lippen. Ihre vernarbten Hände ballten sich bebend zu Fäusten.
Mathan deutete eine Verneigung an. „Ich bin froh, dass wir Euch aus den Klauen dieses Abschaums befreien konnten. Niemand sollte so etwas durchmachen“, sagte er mitfühlend.
Ihre Augen weiteten sich einen Moment und sie winkte hastig ab, „Nein, nein, Ihr wart in der Tat zeitig zur Stelle, Meister Elb.“ Kurz senkte sie beschämt den Blick, „M-meine… uhm… Unschuld ist unversehrt“, murmelte sie kaum hörbar.
Er atmete hörbar auf und dankte den Sternen, dass seine Befürchtung sich nicht bewahrheitet hatte. Sie berichtete indessen mit leise Stimme, dass die Orks die menschlichen Aufseher dazu angestachelt hatten ihr Gewalt anzutun. Noch immer etwas erschüttertet, aber mit immer fester werdender Stimme fuhr sie fort und wurde immer detaillierte, wie sie vom Lager fortgezerrt wurde und die drei Wächter unter Beifall der Orks über sie hergefallen waren. Sie erzitterte und rasende Wut funkelte in ihren Augen, als sie von den gierigen Händen erzählte, die ihre Kleider fortrissen. Dann wurde ihr Blick dankbar, als sie von dem plötzlichen Auftauchen einer Gruppe Elbenkrieger erzählte. „Die drei Wächter konnten mich durch das Chaos der Schlacht in den alten Schacht schleppen, wo sie bereits andere, wertvolle Geiseln hingebracht hatten… Und den Rest kennt Ihr ja.“
Beeindruckt von der gewaltigen Stärke, so offen über ein traumatisches Erlebnis zu erzählen, das erst wenige Stunden zurücklag, wusste Mathan erst gar nicht, was er sagen sollte. Offenbar waren sie wirklich in der aller letzten Sekunde angekommen.
Schließlich fand er seine Stimme wieder und sagte freundlich: „Durch und durch eine Kriegerin, wie ich sehe, denn ich habe nur einen Teil zu Eurer Rettung beigetragen. Mein Name ist Mathan Nénharma.“ Er verneigte sich knapp.
Sie erwiderte die Geste steif und sagte etwas leise: „Verdandi… aber das wisst Ihr ja bereits. Mein Leben lang hat er mir kein Glück gebracht und die letzten Monate waren… unschön. Nennt mich Valena, wie meine Mutter es einst wollte…“ Ihr Blick ging in die Ferne, „Doch dann gab sie meinem Vater nach, der… „ Sie verstummte blinzelnd und lächelte flüchtig, „Ich will Euch nicht langweilen.“
Mathan versicherte, dass es ihm nichts ausmachte, doch aus dem Augenwinkel sah er, dass Isanasca das Zeichen zum Aufbruch gab. Valena, wie sie sich nun nannte, winkte Sunshu Jin heran, der sich knapp verneigte und ein Breitschwert, eine Axt und einen kurzen Speer trug. Sie nahm ihn die Waffen ab und gürtete sie sich um. Valena nahm ihren Speer und legten ihn quer vor Mathans Füße. Dann zog sie ihr Schwert, ging auf ein Knie und rammte die Klinge in den Boden, halb darauf stützend.
„Hiermit schwöre ich, Verdandi Valena, Tochter von Bjorn und Lavea, dem Mann, der mein Leben und meine Unschuld bewahrt hat meine Treue, bis die Schuld begleichen ist. Akzeptiert Ihr?“
Etwas überrumpelt wusste Mathan nicht, was er darauf antworten sollte. Ohne groß zu überlegen nickte er langsam. Eine weitere Klinge im Kampf würde nicht schaden. Valena blickte auf und schaute vielsagend auf den Knauf ihres Schwerts. Mathan verstand und neigte sich vor, seine Hand umfasste die ihre.
„Ich, Mathan Nénharma, Heerführer der Manarîn und Begründer des Hauses Manarîn nehme hiermit Eure Dienste an, bis die Schuld beglichen ist; erhebt Euch, Valena.“
Sie blinzelte einen Moment ungläubig und kam mit seiner Hilfe rasch wieder auf die Beine. Dann lächelte sie unsicher und murmelte, dass sie nicht erwartet hat, dass er aus so edlem Hause stammte.
„Nicht, dass ich was davon verstehe“, setzte sie etwas mürrisch nach, „Ich bin weit im Norden aufgewachsen und verstehe nicht viel von… höfischen Dingen. Selbst Elben gab es bei uns nur in Erzählungen…“
„Das ist nicht schlimm“, beruhigte er sie und bedeutete ihr den Weg zur Straße, „Dafür haben wir noch später Zeit. Wir sollten erst einmal in die Hauptstadt.“
Valena nickte knapp und setzte sich in Bewegung. Mathan beeilte sich ein wenig und trieb die zwei Menschen zur Eile an. Warum Sunshu Jin ihnen auf Schritt und Tritt folgte war ihm nicht ganz klar, doch auch die übrigen ehemaligen Gefangenen brachen auf. Wahrscheinlich hatte Isanasca mit ihnen gesprochen, während er sich mit Valena unterhalten hatte. Er blickte kurz über die Schulter, doch bis auf die Nachhut und einem der jungen Löwe, die ihm unablässig folgten war niemand mehr dort. Mathan bemerkte, dass die Zwerge sich etwas zurückfallen ließen und schließlich neben ihnen marschierten. Grám begann auch gleich eine Unterhaltung mit Valena, über den Geschmack von Bier, wobei sie stets den Met als besseres Getränk hervorhob. Bald darauf warfen sich die beiden harmlose Beleidigungen an den Kopf, sehr zur Belustigung der übrigen Marschierenden im Zug. Schmunzelnd ließ er den Blick über die mittlerweile bunte Truppe schweifen. Menschen, Elben und Zwerge, dazu noch aus den verschiedenen Winkeln Mittelerdes. Mathan wurde bewusst, wie sehr es ihn an das Letzte Bündnis erinnerte. Eine schmerzliche, düstere Erinnerung stieg dabei aus den tiefen seines Gedächtnisses hervor. Merlan. Rasch sperrte er sich dagegen und verschloss die Erinnerung wieder in dem tiefsten Verließ seiner Erinnerungen. Angestrengt blickte er umher und blieb bei den ehemaligen Gefangenen hängen, mit denen er bisher noch nicht gesprochen hatte, dann zu den Jungen aus Minzhu und zu Valena. Sie lachte zwar gerade über einen Zwergenwitz von Grám, doch ihr Blick war düster wie noch nie zuvor. Entfernt erinnerte es ihn an Adrienne, die ebenfalls eine ähnliche Dunkelheit im Herzen getragen hatte, doch weitaus düsterer. Er ballte seine Faust um den Griff von Halarîns Schwert. Er würde niemanden mehr an die Dunkelheit verlieren.