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Autor Thema: Die Bucht von Belfalas  (Gelesen 4358 mal)

PumaYIY

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Die Bucht von Belfalas
« am: 26. Sep 2010, 13:01 »
Karthull kommend von Edhellond und Umgebung:


Unterwegs zu Schiff

Einen Tag war Karthull nun schon auf dem Meer und es war ähnlich schön wie er die Fahrten mit dem Fischerboot seines Vaters in Erinnerung hatte. Das gleichmäßige Wogen der Wellen an den Bauch des Schiffs gab ihm ein Gefühl der Ruhe.
Er war den letzten Tag von mittags bis zum frühen Abend beschäftigt gewesen, den Befehlen des Kapitäns Folge zu leisten, wenn er beispielsweise mit fünf anderen Matrosen die Segel immer wieder neu ausrichten sollte. Von gefährlichen Klippen hatte er bis dahin noch nicht so viel mitbekommen, doch als in der Nacht durch für den Teil der Mannschaft auf Deck gedachte energische Befehle aufgeweckt wurde und kurz dannach durch eine heftige Drehung über den Boden geschleudert wurde, meinte er etwas von außen schabendes am Bug des Schiffs zu hören. Bis auf diesen Zwischenfall schlief Karthull aber ruhig und erschöpft vom harten Tag.
Am nächsten Morgen erfuhr er dann das es in der Nacht nebelig gewesen sein sollte und die erste Felsengruppe nun umschifft sei. Karthull aber sah nur den strahlend blauen Himmel und die warme Sonne, von Nebel keine Spur. "Das Meer ist tückisch!" , warnte ihn ein älterer Matrose und hob dabei bedrohlich eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger. "Du denkst es ist das schönste Wetter aber ich rieche förmlich den Sturm der in der Luft liegt!"
"Sturm heute?" , lachte Karthull. "Sie können mir ja viel erzählen aber es ist keine einzige Wolke am Himmel. Selbst am Horizont ist nichts zu sehen."
"Wir werden ja sehen." , sagte der Mann in einem furchterregend, glaubwürdigem Ton.
An diesem Tag musste Karthull nur vormittags und dann erst abends wieder arbeiten, also hatte er den ganzen Nachmittag zum herumdösen an Deck. In der Zeit schaute er oft zum anderen Schiff, dass etwas weiter vom Land weg segelte, es hatte auch mehr tiefgang weil die Schiffherren meinten es lohne sich nicht die Fracht für zwei Tage gleichmäßig zu verteilen.
Was Karthull auch gefiel waren die gemeinsamen Mahlzeiten die jeweils die Matrosen und der von den zwei Kapitänen an Bord einnahmen, die gerade nicht auf Deck eingeteilt waren, die zwielichtigen Leute, die alten Seemannsgarn vor sich hinsponnen und der vergleichsmäßig hohe Lohn für eine so kurze Strecke. Ein anderer Matrose erzählte ihm, dass seit die Dörfer in der größeren Umgebung von Dol Amroth nicht mehr so ertragreich anbauen konnten, weil sie regelmäßig Angst haben mussten überfallen zu werden, der Lebensmittelhandel über den Seeweg flourierte und somit viele Matrosen auf den Strecken nach Dol Amroth versuchten reich zu werden.
"Über den Seeweg kommt aber auch übeles Gesindel in die Stadt." , erklärte der Matrose Karthull. "So manches Mal haben die Soldaten des Fürsten Leute hinausgejagt oder Exempel an ihnen statuiert."
Als Karthull fragte was für Exempel antwortete der Matrose nur, dass sie als Spione angeklagt wurden und auf solche Verbrechen stehe in harten Zeiten die Todesstrafe.
Gegen vier Uhr kamen die beiden Schiffe sich näher und als beide nebeneinander trieben berieten sich die Kapitäne. Der große kräftige Bettnachbar, der wie Karthull nun feststellte der erste Kapitän des anderen Schiffs war und der dünnere Schwarzhaarige, der der oberbefehlende Kapitän von Karthulls Schiff war, entschieden für den nächsten gefährlich felsenreichen Abschnitt, um besser manövrieren zu können, weiter auseinander zu segeln. Karthull wurde etwas nervös als er von dem gefährlichen Teil der Strecke hörte und die aufziehenden Wolken in der Ferne beobachtete.
« Letzte Änderung: 16. Feb 2016, 14:30 von Fine »

PumaYIY

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Der Sturm
« Antwort #1 am: 26. Sep 2010, 18:32 »
Es wurde später und war Karthull bald mit dem Dienst an Deck dran.
"Es braut sich was zusammen." , hörte er im vorbeigehen jemanden sagen.
Karthull hätte es nicht für möglich gehalten, doch tatsächlich brachte eine frische Brise dunkle Wolken näher an die noch sonnenbestrahlte Küste. "Langsam aber sicher zieht der Sturm auf." , sagte Karthull zu dem älteren Matrosen, den er vorhin noch für seine Warnung belächelt hatte. "Ich glaube das langsam kannst du streichen. Ich befürchte wir hätten nicht mal mehr genug Zeit an Land zu kommen..."
"Ich schmecke schon das Salz in der feuchten Luft." , hauchte Karthull und ihm fröstelte bei dem was er auf sich zukommen sah. "Das ist die Ruhe vor dem Sturm."
Ein Ausläufer von der Wolkendecke hatte nun den Himmel über ihrem Schiff bedeckt, und allzu grell schien der Besatzung nun die Sonne an der Küste. In der Kombüse gab es eine heiße Suppe bevor Karthull und die andern Matrosen an die Arbeit mussten.
Inzwischen pfiff ein gar schriller Wind und das Schiff ächzte bei den ersten größeren Wellen die ankamen.
"Auf eure Plätze!" , rief der zweite Kapitän, nicht Karthulls Bettnachbar, forsch. Die Männer mussten zu sechst mit aller Kraft an einem Seil ziehen, um die Segel zum Kreuzen auszurichten. Dann ging es los: Die erste Welle schwabbte über die Reling und das Salzwasser spritze herum, bis es wieder abgelaufen war kam schon eine neue Welle und donnerte gegen den Bug. Wer nicht mit Leibeskräften bei der Sache war wurde schnell auf dem Deck hin und her geschleudert.
Nach einer halben Stunde begann es außerdem noch zu donnern und Karthull konnte die Befehle die der Kapitän nun gegen den Wind anschrie kaum noch verstehen. "Soviel zum schönen Teil!" , brüllte ihn sein am nächsten stehender Matrose, der wusste , dass Karthull diese Strecke neu war, ihm ins Ohr. "Jetzt fängt es an Spaß zu machen wenn wir um die Felsen müssen!" , ergänzte der Matrose mit einem kraftstrozenden Grinsen. Und da sah Karthull auch schon eins der riesigen Felsstücke, das aus einem Wellental ragte und auf das sie genau zu rasten. Auf Befehl vom Kapitän kamen sie knapp rechts an dem Felsen vorbei, ohne dass das Schiff ihn berührte. Besonders anstrengend war es zur Dämmerung, doch als der Sturm wieder nachließ, war das Schiff ganz von der Nacht umfangen. Kein einziger Stern war am Himmel, kein einziges Licht sah Karthull außerhalb vom Schiff. Dennoch ging es mit gleichbleibender Geschwindigkeit vorran. Zweimal rammte das Schiff noch Felsen leicht, bis sie laut einem Mitmatrosen aus dem gefährlichen Teil raus waren, woran er das erkannt haben mochte, davon hatte Karthull keinen Schimmer. Der Kapitän lies das Schiff treiben und sagte man müsse auf das andere Schiff warten, die Matrosen hatten also eine Verschnaufpause.
Nach einiger Zeit, es muss wohl gegen Mitternacht gewesen sein sah Karthull ein Flackern auf dem offenen Meer und als er jemanden drauf aufmerksam machte sah der das auch. In unregelmäßigen Abständen sahen sie ein rötliches Licht auftauchen, das größer zu werden schien. Der andere lief kurz dannach eilig zum Kapitän, Karthull blieb an der Reling und schaute wie gebannt, ob sich das Licht wieder zeigte.

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Durch den Nebel
« Antwort #2 am: 28. Sep 2010, 20:23 »
"Da!" , Karthull zeigte auf die Stelle wo er gerade das Flackern gesehen hatte. Der andere Matrose hatte den Kapitän geholt, der nun wissen wollte wo Karthull es war. "Tatsächlich, schon wieder." , raunte der Kapitän. "Von unserem anderen Schiff ist immernoch nichts zu sehen?" , fragte der nun energisch einen Matrosen, der am Heck des Schiffs Ausschau hielt. "Nichts!"
"Dann hoffen wir das Beste! Weckt die Schlafenden und löscht alle Lichter! Sammelt euch auf dem Deck!" , befahl der Kapitän. Das Schiff auf dem Karthull war musste schon von weitem sichtbar gewesen sein, denn es waren viele Lichter, die er zu löschen hatte. "Was ist eigentlich genau los?" , dachte Karthull. "Wieso sind alle so verstört?" Niemand traute sich es aus zu sprechen, doch alle dachten daran, bis der Kapitän alle versammelt hatte und zu ihnen sprach: "Ich habe die Befürchtung, das wir von Korsaren verfolgt werden. Die Lichter die wir sahen sind zwar mit dem flüchtigen Nebel gerade verschwunden, doch die roten Segel der Korsarenschiffe färbten sicher auch das Licht das wir eben sahen."
Die Erkenntnis verängstigte Karthull, doch der Kapitän sprach weiter: "Wir haben unsere Lichter gelöscht, damit sie uns nicht mehr sehen können, doch ich fürchte die scharfen Augen der Korsaren haben sich so durch die Dunkelheit gebohrt, dass sie unseren Standpunkt immernoch kennen."
"Dann lasst uns weiter segeln!" , rief einer aus der Menge.
Ein Stimmengewirr. Der Kapitän mahnte zur Ruhe und fuhr unbeirrt fort: "Das können wir nicht! Wir müssen auf das zweite Schiff warten. Aber..."
"Und wenn sie uns einholen wie sollen wir uns wehren?!" , der Querdenker trat jetzt ein Stück hervor, es war ein junger Mann, er sah nur ein paar Jahre älter als Karthull aus und war sichtlich emotional bewegt.
"Aber " , fuhr der Kapitän unbeirrt fort: "Wir können uns wehren, denn wir transportieren nicht nur Lebensmittel nach Dol Amroth sondern auch Waffen!"
Zwei Kisten wurden auf das Deck getragen und für den Fall einer erneuten Sichtung eines Korsarenschiffs bereitgestellt. "Welche Waffen da wohl drin sein mögen?" , dachte Karthull. Weiter wurde zur Stille gemahnt und es wurde zum Spähdienst eingeteilt, immer acht Mann; zwei schauten je in eine Richtung. Der Rest sollte sich ruhig verhalten und warten. Karthull schlief unruhig in der Nähe der Treppe zum Deck.

Als er aufwachte war es schon Morgen und Licht kam durch den Türspalt herein, doch es waren nur Sonnenstrahlen die durch den diesigen Nebel krochen, der das ganze Schiff umhüllte. Karthull stand auf und ging zur Tür. Er sah, dass das andere Schiff wohl wieder herangekommen sein musste, denn es segelte direkt neben dem auf dem er war. Die Kisten mit den Waffen standen noch an Deck und als er einen Matrosen fragte was passiert sei antwortete der: "Nichts, wir haben die ganze Nacht Ausschau gehalten, doch niemand ist gekommen bis vor einer halben Stunde die anderen zu uns gestoßen sind." Karthull wurde von dem Kapitän, kurz darauf ermahnt, dass er bald wieder zu seinem Dienst auf Deck sollte. "Das ist mir unheimlich, sind die Korsaren jetzt noch da oder nicht?!" , dachte Karthull und als er, nachdem er nochmals im Schiffsbauch war, durch die Befehle des Kapitäns und die Mannschaftsablösung nach oben gerufen wurde und begann die Matrosenarbeit zu verrichten sah er zu immer nah bei den zwei Kisten mit den Waffen zu bleiben.
« Letzte Änderung: 26. Aug 2011, 21:16 von PumaYIY »

PumaYIY

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Rückblick 1
« Antwort #3 am: 2. Okt 2010, 20:59 »
"OAHH" , gähnend erwachte Karthull. Was ist passiert? , dachte er noch etwas schlaftrunken. Vor zwei Tagen bin ich in Dol Amroth angekommen und nun wache ich in einem bequemen Bett des Schwanenlazaretts auf. Beim Aufstehen schmerzte seine linke Schulter, aber die Wunde fühlte sich nicht mehr so stechend an wie vor zwei Tagen. Er saß da, schloss die Augen und versuchte nochmal den Ablauf des Angriffs zu vergegenwärtigen.

Wie aus dem Nichts waren die Pfeile aus dem Nebel herausgeflogen und hatten die Matrosen überrascht. "Alarm!" , schrie der Kapitän der selbst nur knapp von einem Pfeil verfehlt worden war. Karthull und zwei andere hatten gerade mit einem Tau die Segel hochgezogen, als es passierte. Ein Sirren durchzog die Luft und Karthull schaute nach links, die Seite von der die Pfeile gekommen waren, auf der anderen war in einiger Entfernung das zweite Schiff. Er sah immernoch nichts außer der Nebelwand, hinter der Reling des Schiffs. Die Reihe von Matrosen war nach vorne umgekippt, als die ersten Pfeile kamen, denn der Mann hinter Karthull, er selbst war der mittlere, wurde von einem Pfeil in den Oberarm getroffen und hatte plötzlich losgelassen. Der Mann schrie kurz, aber intensiv bis ihn ein zweiter Pfeil in die Kehle traf. Karthull kroch sofort zur Kiste mit den Waffen, die am Eingang zur Treppe in die Kajüten stand. Sie war länglich, schmal, aus robustem Holz und der Deckel ging schwer zu öffnen, vor allem wenn man dies im liegen versuchte. Ein Matrose der aus der Tür vor der Treppe hergerannt kam half Karthull. Nach einigem rütteln öffnete sich die Kiste und den beiden Matrosen offenbarten sich Reiterlanzen deren Wert sie nicht einmal zu schätzen wagten. Sie waren so fein bearbeitet wie nichts was die beiden bisher gesehen hatten und als Karthull nach einer Lanze griff fühlte er den Rang dieser Waffen. Er hatte noch nie kämpfen müssen und war so unerfahren und schlecht im Umgang mit der Lanze, die auch eigentlich für die fürstlichen Ritter Dol Amroths gedacht war. Doch ein gutes Werkzeug ist die halbe Arbeit und so lagen, standen und duckten ca. dreißig bewaffnete Seemäner an der Reling und hinter Fässern und Mästen an Deck als das Korsarenschiff aus dem Nebel auf sie zu kam. Auf dem andern Schiff passierte zu der Zeit dasselbe, nur das die Korsaren bei ihnen etwas später und von der anderen Seite kamen und das Feuer eröffneten, sodass sie schon von den Schreien auf Karthulls Schiff gewarnt gewesen sind.
Karthull lag vor Pfeilen versteck hinter der hüfthohen Reling, seine Lanze dicht an seinen Körper gepresst. Was passiert hier nur?! Mucksmäuschenstill lag Karthull da und hielt den Atem an. Etwas krachte gegen ihr Schiff. Karthull schaute dem Matrosen der ihm im Sturm mutig zugelächelt hatte in die Augen und dieser nickte ihm nur zu, stand auf hielt seine Lanze gegen den Nebel und rammte sie einem heranspringenden Korsaren in den Bauch.

Karthull öffnete seine Augen, seine Schulter tat wieder weh, doch er war so hungrig, dass er sich nicht wieder hinlegen wollte. Man hatte ihm gesagt er habe Glück gehabt, die Wunde würde schnell verheilen, doch es ging ihm nicht schnell genug. Im Lazarett herschten strenge Regeln und er hatte seit der Zeit als er ins Lazarett getragen wurde nichts von der Stadt gesehen, da es ihm nicht gestattet war hinauszugehen und er von seinem Zimmer aus "nur" das Meer sehen konnte. Heute durfte er das erste Mal in Begleitung nach draußen. Der Kapitän vom Schiff, der Karthull noch einen Gefallen schuldig war hatte ihn gestern schon besucht und kam nun ins Zimmer um Karthull für eine Stadtführung abzuholen. Er grüßte die Ärzte und ging mit Karthull durch die Tür auf die Straße.


Karthull nach Dol Amroth: In der Stadt
« Letzte Änderung: 12. Feb 2016, 08:15 von Fine »

PumaYIY

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Fahrt nach Edhellond
« Antwort #4 am: 18. Okt 2010, 13:01 »
Karthull kommend von Dol Amroth: Hafen


Die Sonne schien Karthull fröhlich ins Gesicht und das Ausschlafen war für ihn eine angenehme Abwechslung zum Kasernenalltag in Dol Amroth. Er war nämlich als Passagier auf dem schnellen Schiff. Es war der zweite Morgen seit sie Dol Amroth in der Nacht verlassen hatten und der Kapitän hatte Karthull gesagt, dass er hoffe gegen Mittag in Edhellond einzulaufen. Die frische Brise auf dem Meer hatte Karthull in Dol Amroth etwas vermisst, da er nicht allzu oft Zeit gefunden hatte an den Hafen zu gehen und es in den Gassen zunehmend nach Abfall und Tiermist gerochen hatte, obwohl die Obrigkeit viel für eine saubere Straße tat. So hatte Karthull einmal eine Gruppe Soldaten beobachtet, die einen Hausherren solange unter Druck gesetzt hatten bis er dafür gesorgt hatte, dass die Straße vor seinem Haus gesäubert wurde, aber das half nicht immer viel.
Hmm... wenn ich wirklich heute Mittag schon ankommen soll dann muss das Schiff hier aber wirklich um einiges schneller sein als das mit dem ich nach Dol Amroth gekommen bin. Dann muss ich mich wohl besser mal auf den Weg nach Minas Tirith vorbereiten.
Karthull wollte nicht direkt in die weiße Stadt laufen, sondern hatte sich vorgenommen nochmal bei gewissen Leuten vorbeizuschauen. Oft hatte er in der vergangenen Zeit an die Familie Lûdhra gedacht und oft hatte er auch um sie gebangt, als Nachrichten von zerstörten Höfen nach Dol Amroth kamen, doch er hatte ab und zu Briefe bekommen in denen Herr Lûdhra eine ruhige Lage bestätigte. "Bis die sich soweit in den Westen trauen wird hoffentlich noch einige Zeit vergehen." , hatte er mal geschrieben. Einige Sache hatte Karthull schon zusammengelegt, er hatte eine Einzelkoje, die bei der Rückfahrt des Schiffs mit Lebensmittel gefüllt werden sollte. Seine Sachen hatte Karthull während des gestrigen Tages im ganzen Raum verteilt, darunter waren: Sein schnittiges Säbel, dass er an sein Bett gelehnt die gesamte Zeit von der safranfarbenen Scheide ummantelt stehen hatte, eine Tasche mit Proviant und einem Geschenk für die Familie Lûdhra. Außerdem hatte er noch zwei Kleidungsstücke, die er mitnehmen sollte, um noch mehr wie ein Kosar aussehen zu können, denn sie waren von einem bei einem Überfall auf den Hafen gefallenen Korsaren. Ein wenig ekelte sich Karthull vor dem Hemd und der Hose und er wusste nicht ob er wirklich die Kleidung eines Toten anziehen würde, doch im Moment störte ihn das weniger, er packte einfach alles in seine Tasche und kaum hatte er dies getan rief jemand an Deck: "Da ist Edhellond, wir sind gleich da!"


Karthull nach Edhellond und Umgebung
« Letzte Änderung: 12. Feb 2016, 08:21 von Fine »

Eandril

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Zwei Abenteuer auf See
« Antwort #5 am: 24. Jan 2012, 21:41 »
...Edrahil und Lothíriel von Tolfalas

Edrahil stand am Bug des Schiffes, das ihn nach Dol Amroth bringen sollte, und schaute nach Westen in den Sonnenuntergang. Seit dem Aufbruch am frühen Morgen hatten sie Tolfalas hinter sich gelassen, und schickten sich nun an, die südliche Landspitze von Belfalas zu umrunden, um von dort aus in Richtung Norden, nach Dol Amroth, abzudrehen.
Der Wind hatte ein wenig abgeflaut, und so kamen sie nur noch langsam voran. Doch Edrahil war zufrieden, denn sie hatten ein gutes Stück seit Tolfalas zurückgelegt, und die Chancen standen gut, dass er noch morgen in Dol Amroth ankam. Außerdem erinnerten ihn das Meer und das Schiff an seine längst vergangene Jugend, und während er auf die Reling gelehnt nach Westen blickte, überfluteten ihn die Erinnerungen.


"Komm schon, Edrahil, trödele nicht so." "Ja Vater! Ich komme schon.", antwortete dieser, und eilte auf seinen noch kurzen Beinen seinem Vater hinterher. Es war sein zehnter Geburtstag, und heute würde er endlich mit seinem Vater aufs Meer hinausfahren dürfen.  An Vaters kleinem Fischerboot, das an einem Steg im flachen Küstenwasser dümpelte, angelangt, sprang Edrahil an Deck, und wartete ungeduldig, dass seine Vater die Taue löste, und es endlich losgehen konnte.
"Na komm schon Vater, jetzt trödelst du aber!", drängelte er ungeduldig. Sein Vater jedoch fuhr unbeirrt, die Taue sorgfältig aufzurollen und trocken in einem kleinen Verschlag am Anfang des Steges zu verstauen. "Das ist eine wichtige Regel, mein Sohn: Verstaue deine Taue immer sicher und trocken, denn wenn sie dir abhandenkommen, oder Risse bekommen, kann dein Boot sich eines Tages losreißen. Und wenn das geschieht, bist du verloren, denn ohne Boot kannst du als Fischer nicht überleben." Edrahil hörte ihm aufmerksam und mit ernstem Gesicht zu. Er mochte es gerne, wenn sein Vater mit ihm über das Fischen sprach, denn nur dann hatte er das Gefühl, wirklich von ihm beachtet zu werden. Der Vater stieß das Boot ab, und setzte sich an die Ruder. Er würde ein Stück aus der Bucht, an der ihr Dorf lag, rudern müssen, bevor er das kleine Segel hissen konnte.
"Die zweite Grundregel für den Fischer ist ebenso wichtig.", fuhr er fort, ohne zu keuchen, obwohl das Boot gewiss schwer war. Doch der Vater hatte starke Arme vom Rudern und Schleppen der Fische bekommen. "Befestige dein Netz immer sicher am Boot, denn Netze sind teuer. Und wenn es sich löst, verlierst du außerdem deinen ganzen Fang. So etwas kann einen Fischer ruinieren. Und als dritte Regel gilt: Fahr niemals so weit hinaus, dass du das Land aus den Augen verlierst. Draußen auf dem Meer lauern die verfluchten Piraten aus Umbar, und die Wellen dort können so hoch werden, dass dein Boot kentert. Jetzt sag mir noch einmal alle drei Regeln auf, damit ich weiß, dass du sie verstanden hast." Edrahil konnte alle Regeln perfekt aufsagen. Es gab wenige Dinge, bei denen er so genau zuhörte, wie bei solchen, die für das Fischen wichtig waren, denn er wollte seinen Vater nicht enttäuschen.
An diesem Tag machte Vater einen der größten Fänge seines ganzen Lebens als Fischer, und Edrahil sah, dass er so glücklich war, ihn noch nie zuvor erlebt hatte. Als die Sonne langsam zu Sinken begann, machten sie sich auf den Heimweg. Als sie sich der Bucht näherten legte der Vater plötzlich den Arm um Edrahils Schultern und sagte: "Mein Sohn, ich weiß, du wirst ein guter Fischer werde. Ich bin stolz darauf, und du solltest auch so stolz auf dich sein, wie ich es bin."
In diesem Moment hatte Edrahil das Gefühl, er könnte alles auf der Welt schaffen, wenn er nur wollte.


Edrahil lächelte bei dem Gedanken daran, wie naiv er damals noch gewesen war. Es war sein erstes großes "Abenteuer" auf See gewesen, jedenfalls hatte er es damals so empfunden. Sein zweites Seeabenteuer erlebte er, als er fünfundzwanzig Jahre alt war. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Korsaren ihm bereits alles genommen, und der glückliche Fischer war einem von Zorn und Hass beherrschten Soldaten gewichen. Es war der Angriff auf Umbar unter dem Befehl des Hauptmanns Thorongil gewesen...

Die Schiffe der gondorischen Kriegsflotte liefen nahezu lautlos in den halbkreisförmigen Hafen Umbars ein. Edrahil stand an der Reling, gemeinsam mit vielen anderen Seesoldaten, die von der ganzen langen Küste Gondors kamen und sich wie er freiwillig für dieses Himmelfahrtskommando gemeldet hatten. Am Bug des Schiffes stand Thorongil, der geheimnisvolle Hauptmann Truchsess Ecthelions, um dessen Herkunft und Taten im Dienst des Truchsessen und auch des Königs von Rohan bereits Legenden rankten, und zu dem viele Soldaten ehrfürchtig aufschauten.
Edrahil allerdings, obwohl auch er von den Taten Thorongils gehört hatte und dessen Tapferkeit und Kampfgeschick wohl anerkannte, wusste nicht, was er von diesem Mann halten sollte. Irgendetwas verbarg er, ein finsteres Geheimnis, da war Edrahil sicher, und stimmte darin mit Denethor, dem Sohn des Truchsessen, überein.
Es war verdächtig ruhig im Hafen. Sollte es möglich sein, das nicht eine einzige Wache die fremden Schiffe bemerkt hatte? (Tatsächlich war an jenem Abend ein rauschendes Fest unter den Korsaren gefeiert worden, und die Wachen, so sie überhaupt auf ihren Posten waren, waren noch vom Alkohol benebelt. Die Korsaren fühlten sich hier in ihrer Trutzburg  offensichtlich sicher vor der schwindenden Kraft Gondors.) Als sie die Kais erreicht hatten, entfernte Thorongil die Abdeckung von einem Kohlebecken, das vor ihm stand, und entzündete einen Pfeil darin. Er legte ihn auf die Sehne seines Bogens und schoss ihn mitten in das zusammengerollte Segel eines Korsarenschiffes. Das war das Zeichen zum Angriff gewesen, und auf allen Schiffen wurden Kohlebecken enthüllte, Pfeile angezündet und auf die feindlichen Schiffe abgeschossen. Bald stand das erste Schiff vollkommen in Flammen, und die Korsaren, von Rauch, Licht und Lärm des Feuers aufgeweckt, griffen zu den Waffen - oder zu den Wassereimern, um zu retten, was zu retten war.
Währenddessen hatte einige Schiffe, die besonders stark mit Soldaten besetzt waren, Boote zu Wasser gelassen, in denen die Soldaten, unter ihnen auch Edrahil, mit Fackel bewaffnet, an Land übersetzten, um dort Taue loszuschneiden, Boote und Häuser anzuzünden, und so viel zu zerstören wie möglich, um den raschen Wiederaufbau der Korsarenflotte zu verhindern. Gerade als die ersten bewaffneten Korsaren ankamen, legten die Boote an, und Edrahil stürmte als einer der ersten von Bord, nur von dem Gedanken beseelt, so viele Korsaren zu töten, wie möglich. Außerdem glomm unter all dem Hass noch immer die schwache Hoffnung, seinen Sohn zu finden.

Edrahil riss sich gewaltsam von den Erinnerungen an diese Nacht los. Er wollte nicht daran denken, wie grausam er unter den Korsaren gewütet hatte, nicht nur unter den bewaffneten Männern, sondern auch unter den Wehrlosen, Frauen, Alten, ja selbst Kindern, immer wieder den Namen seiner ermordeten Frau herausschreiend. Noch lange Jahre hatte diese Nacht der Grausamkeit ihm Albträume beschert und den Schlaf geraubt.
Gerade als er sich von der Reling abwenden wollte, um in seine Kajüte zu gehen, ertönte die Stimme des Ausgucks: "Schiffe in Sicht, direkt vor uns." Der Kapitän kam nach vorne gelaufen, so schnell es ging, und beschirmte die Augen mit der linken Hand. "Tatsächlich. Aber was können das für Schiffe sein? Könnte die Flotte Dol Amroths ausgelaufen sein? Aber wieso?" "Nein Kapitän", antwortet Edrahil grimmig, "Das sind keine unserer Schiffe. Diese Form erkenne ich immer noch: Es sind Korsaren, die Vorhut von Suladans Armee, die Dol Amroth angreifen wird. Wir müssen sofort an Land gehen, der Seeweg ist nun für uns versperrt. Seht ihr diese Bucht dort?", fragte er, und deutete nach Nordosten, zu Küste. Der Kapitän bejahte. "Steuert sie an, und landet dort. Setzt mich und, so es denn ihr Wille ist, aus die Tochter des Fürsten mit einer kleinen, unauffälligen Eskorte dort ab. Dann fahrt zurück nach Tolfalas", fuhr er fort, "und warnt die Fürstin. Hier könnt ihr nichts mehr tun." Dem Kapitän war sichtlich unwohl dabei, doch er nickte und antwortete: "Wie ihr wünscht. Ich sehe ein, dass ihr allein weiter müsst."

Edrahil und Lothíriel nach Belfalas...
« Letzte Änderung: 21. Okt 2016, 13:21 von Fine »

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Den Strom abwärts hinein in die stürmische See
« Antwort #6 am: 10. Mai 2015, 22:02 »
Merian aus Linhir.

Den Strom abwärts hinein in die stürmische See

Schnell war Linhir außer Sicht gekommen und der Fluss öffnete sich zu einem Ausläufer der Bucht von Belfalas.
Einen salzigen Geschmack hatte Merian im Mund, als sie immer weiter gegen den Wind und die Wellen anruderten. Merian hätte gedacht, dass der nach der regnerischen Nacht nicht nasser werden könnte, doch nun wurde alles an Nässe und Kälte übertroffen. Er hätte genauso gut über Bord ins Meer springen können und wäre nicht nasser geworden. Einzig das Rudern, die Bewegungen des Körpers, verhinderten das er erfror, schätzte Merian.

Vereinzelnd hörte Merian Wortfetzen, die durch den Wind zu ihm herüber getragen wurden. Er hörte Angbor Odjana als Verräterin beschimpfen. Wenig später hörte er zwei Korsaren höhnisch lachen. Merian sah sich um und entdeckte die zwei Männer Umbars dabei einen regungslosen Mann über die hölzerne Reling zu schieben und ins Wasser zu werfen. Merian erkannte das junge Gesicht des toten Mannes. Es war der Haradrim Eandril, den Merian in Abdaberies Haus getroffen hatte und mit dem er eine Vereinbarung getroffen hatte um Angbor und seine Begleiter zu schützen.
Keine Zeit hatte er Eandrils Tod zu betrauern, da einer der Korsaren Merians Ruderpause mitbekommen hatte und ihn nun durch einen Schlag in den Nacken bis zur letzten Entkräftung antrieb das Korsarenschiff weiter ins stürmische Gewässer zu rudern.

„Das ist Wahnsinn!“, rief einer der Männer aus Cirith Dûm, der vor Merian an die Ruderbank gekettet war. Merian wusste, was der Mann meinte. Schon jetzt, noch in einiger Nähe zum Ufer, hob und senkte sich das Schiff gewaltig in den Wellen. Die Planken ächzten bei jeder Bewegung und der Hauptmast wankte gewaltig. Einen solchen Sturm hatte Merian noch nicht erlebt und schon gar nicht auf einem Schiff im tosendem Meer.
Der einfache Steinmetz aus Lamedon befürchtete jeden Moment, dass das Schiff beim Abwärtsfahren in ein Wellental nicht mehr daraus hervor kommen würde. Wasser würde über das ganze Deck fluten und er, angekettet an die Ruderbank, jämmerlich ertrinken.

Der Kapitän der Korsaren kannte kein Halten, kein Anlegen, kein Abwarten. Sie mussten weiter hinein in den Sturm der Gewalten. Doch bald nahmen sogar die erfahrenden Seeleute mit die Ruder in die Hand versuchten das Schiff auf Kurs zu halten. Die Wellen wurden höher, der Wind stärker und der Regen stach in die Augen. Der Kapitän stand verkrampft am Steuerrand und brüllte Befehle, dessen Ausführungen nahezu unmöglich waren, da sich nun noch nicht einmal die Korsaren gezielt auf dem Deck bewegen konnten. Noch einmal wurde der Kurs leicht geändert um den Wellen besser trotzen zu können. Vereinzelt wurden kleine Hilfssegel in den reißenden Wind gesetzt, die das Schiff zusätzlich antrieben.

„Wir sind verloren“, hörte Merian eine ferne dumpfe Stimme durch die Geräusche des Windes, des Meeres, des Regens und des Bootes hallen. Die Korsaren und die gefangenen aus Gondor kämpften nun gleichermaßen gegen den Sturm. Bei jeder Fahrt über eine Welle hinweg floss Wasser zwischen Merians Füßen hindurch über den  Boden des Decks. Und immer mehr Wasser sammelte sich. Es brach über den Bug oder die Seiten herein.

Die Überfahrt wurde zu einer Irrfahrt, bei der jede Orientierung verloren ging und das Land außer Sicht geriet. Das Korsarenschiff wurde zum Spielzeug der See. Selbst die vereinten Kräfte der Männer reichten nicht aus um den Kurs zu halten.  Einige übergaben sich, Andere hielten sich mit letzter Kraft an ihren Bänken fest. Das Rudern wurde aufgegeben und die Ruder zum Stabilisieren und Abbremsen bestmöglich ins Wasser gehalten. Seile wurden gekappt und somit die noch existierenden Segel aus dem Wind genommen.

„Macht uns los“, schrie Merian und zog an seinen Ketten. Merian hatte das Gefühl, dass das Schiff jeden Moment unter ihm auseinander brechen würde. Er konnte ohnehin nicht schwimmen und ob er jetzt zusammen mit seiner Ruderbank oder alleine untergehen würde, machte wahrscheinlich keinen Unterschied. Dennoch nahm sich Merian vor bis zu Letzt zu kämpfen.
Erst machte keiner der Korsaren Anstalten Merian und die anderen Angeketteten zu befreien, aber als Odjana ihnen zuredete, versuchten einige ihr möglichstes. Reihum wurden die Gefangen von ihren Ketten befreit.

Eine gewaltige Welle brach über das Schiff. Einige Männer wurden von ihren Plätzen gerissen. Ein Korsar wurde über Bord gespült. Doch wieder tauchte das Schiff aus der Versenkung auf und setze seine ungewisse Fahrt fort.
Am Horizont backbords erhellten einige Blitze den sonst verdunkelten Morgen. Im Licht der Naturgewalt erkannte Merian eine Wand aus Fels nicht weit  vor ihnen. Er wollte schon warnend rufend, doch schon Odjana und einige Andere schrien zum Kapitän, der immer noch das Steuerrad hielt.

Keine Worte der Hoffnung gab es. Nur immer wieder hörte Merian Auszüge von Sätzen wie: „Wir werden Zerschellen“. Merian selbst hatte ebenfalls Befürchtungen wie diese. Er hatte keine Ahnung von der Seefahrt, aber es schien fast so, als zog sie ein Sog immer näher an die Felskante heran. Vielleicht waren es aber auch die Wellen, die das Schiff nun gefährlich nahe an die scharfen Zacken der Felsen schoben. Merian und die Männer auf der linken Seite des Schiffes wechselten kriechend und rutschend auf die andere Seite, als sie nur knapp einen vorstehenden Felsen verpassten.

In jedem der Männer, egal ob Korsar, Haradrim, oder Gondorer, konnte Merian nun die bloße Todesangst sehen. Sie kauerten, sie hofften und einige beteten zu ihren Göttern. All dies half nichts, denn plötzlich hörten sie ein tierisches Krachen vom Bug. Das  Schiff blieb hängen, wurde dann von einer Welle erfasst und seitlich auf einen Felsen geworfen. Das Holz splitterte mit ohrenbetäubendem Geräusch und es wurde ein Loch in den Rumpf gerissen. Das Schiff, immer wieder von den Wellen gegen den Felsen geschlagen, kippte immer weiter zur Seite um. Der Hauptmast stieß oben gegen den Fels und brach. Immer mehr des Decks wurde weggerissen.

Merian konnte sich nicht mehr halten. Er stürzte in die Tiefe. Das kalte Wasser machte seine Glieder kurzzeitig bewegungsunfähig. Der Schock setzte ein, während Merian immer weiter unter Wasser gezogen wurde. Er zappelte und versuchte dabei die schwere Kleidung loszuwerden, die ihn immer weiter nach unten zog.
Merians Fuß stieß auf etwas Hartes. Er verharrte kurz, dann stieß er sich mit aller Kraft ab. Wasser sammelte sich in seinem Mund. Mit Armen und Beiden kämpfte er sich weiter nach oben, bis sein Kopf die Wasseroberfläche durchstieß. Er schnappte nach Luft, bevor ihn eine Welle überspülte. Danach sah Merian sich panisch um, während er wild paddelnd versuchte über Wasser zu bleiben.

Merian befand sich irgendwo zwischen halb untergegangenem Schiff und den scharfen Felsen. Ein, zwei Leute sah Merian am Schiff herum klettern, Weitere waren wie er im Wasser und versuchten nicht gegen die Felsen gespült zu werden.

Was sollte er tun? Wo sollte er hin? Merian hatte niemand, der ihm helfen konnte. Er war alleine. Alleine in tödlicher Gefahr. Die Wellen warfen ihn hin und her als spielten sie mit ihm.
Dann sah Merian nicht weit von ihm ein Fass schwimmen. Er bewegte sich dorthin und hängte sich mit den Armen dran. Es würde seinen Kopf über Wasser halten und seinen Körper beim Aufprall gegen einen Felsen schützen.
Doch wie lange? Wie lange könnte er so überleben?


Merian nach Tolfalas.


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Die Überfahrt
« Antwort #7 am: 20. Aug 2015, 22:19 »
Merian, Angbor und Odjana vom Hafen der Insel Tolfalas.

Die Überfahrt

Merian hatte erwartet, dass ihr Schiff sofort Kurs auf die offene See setzte würde nachdem sie den Hafen verlassen hatten. Der Kapitän entschied jedoch nach Angbors Berichten anders und segelte an der Küste der Insel entlang. Zu seiner Rechten sah Merian im letzten Licht der untergehenden Sonne eben jedes Land, auf dem er Tage zuvor entlang gewandert war. Geschickt lenkte der Kapitän das stolze Schiff der Flotte Dol Amroths entlang der Felsen, an denen das Korsarenschiff zerschellt war. Sie ankerten in einer kleinen Bucht in Sichtweite des großen, runden Steines am Strand von Belfalas.
In einer kleinen Kajüte versuchte Merian beim Kreischen der Möwen und schaukeln des Schiffes einzuschlafen. Es gelang ihm lange Zeit nicht, doch irgendwann überkam ihn die Müdigkeit. 

Den gesamten nächsten Tag verbrachten sie damit den Palantír auf das Schiff zu verladen. Der Stein war nicht nur groß und schwer, sondern auch so glatt, dass er kaum Halt zum Anfassen bot. Schließlich schafften sie es mit Hilfe einer Holz- und Seilkonstruktion und beförderten den Palantír in den größten der Lagerräume des Handelsschiffes. Mit einem Reservesegel umschlossen sie den Stein und der Kapitän verbot jedweden Zugang.

Tags darauf stachen sie in See und setzten Kurs auf das Kap von Belfalas um von dort aus weiter nach Dol Amroth zu segeln. Während der Überfahrt suchte der Heiler aus Umbar Merian immer wieder auf um seine Genesung zu überwachen. Die anderen Begleiter Merians halfen auf Befehl des Kapitäns täglich einige Stunden auf Deck.

"Das ist das Kap von Belfalas", erklärte Angbor Merian, als sie Beide an Deck die Aussicht genossen, "siehst du den Turm dort? Er warnt die Schiffe bei Nacht oder Sturm den Felsen nicht zu nahe zu kommen. Er ist Teil von Lontirost, der Festung der Herren von Belfalas. Ardamir herrscht dort." Merian erkannte Angbors unterschwelligen Tonfall: "Du magst ihn nicht?"
"Alles Heuchler", antwortete Angbor, "du hättest hören sollen, wie sie in Dol Amroth redeten und Imrahil zum neuen Statthalter von Gondor ernannten, anstatt auf Faramirs Rückkehr zu warten."
"Ich war dabei", entgegnete Merian und Angbor wandte sich ab. "Bist du deshalb ins Exil an die Grenzen von Lamedon gegangen?", fragte Merian vorsichtig in die Richtung des Herrn von Lamedon. Eine Antwort erhielt Merian darauf nie.

Sie ließen das Kap hinter sich und steuerten nun in Richtung Dol Amroths entlang an der Küste von Belfalas. Der Wind stand denkbar schlecht und sie kreuzten kontinuierlich, was der Besatzung viel abverlangte und einiges an Zeit kostete.


Merian, Angbor und Odjana nach Dol Amroth.


« Letzte Änderung: 6. Jan 2016, 22:22 von Herr Mithlond »

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Der Prachthaubenadler
« Antwort #8 am: 24. Mär 2016, 21:11 »
Der Prachthaubenadler

Merian, Lothíriel und Odjana aus Dol Amroth

Die Korsaren hatten gespottet, als Merian sie bat ihn vom Schiffsmast loszubinden. „Du bist vom Kapitän aus Amroth festgenommen worden. Wir dürfen dich nicht befreien“, hatten sie gelacht. Somit stand der Steinmetz aus Lamedon noch immer gefesselt auf dem Schiff aus Gondor, welches die Korsaren erobert hatten und nun an der Küste von Belfalas entlang segelten.
Auf der anderen Seite des hölzernen Mastes stand Lothíriel, dreiundzwanzig Jahre jung und wunderschön mit ihren langen, dunklen Haaren, aber ebenso festgebunden wie Merian. Der einfache Mann aus Cirit Dûm und die Tochter des Fürsten von Dol Amroth, Rücken an Rücken nur getrennt durch den Schiffsmast, konnten leise miteinander sprechen.
„Ich habe die letzten Tage immer wieder versucht eurem Bruder oder eurem Vater davon zu überzeugen, dass die Gefahr einer Entführung größer ist als sie diese einschätzen. Und jetzt sieh nur, was geschehen ist! Noch mögt ihr es als lustigen Ausflug sehen oder als Rebellion gegen euren Vater, aber ich kann euch sagen, wir segeln weder nach Tolfalas noch in ein anderes Prinzessinnenland, in dem ihr das Privileg hattet eure Kindheit zu verbringen.“
Merian war wütend und das hörte man ihm auch deutlich an. Er war nie reich gewesen, hatte nie Ansehen oder Ruhm erlangt und er wollte es auch nie. Merian hatte wenig bis gar keinen Kontakt zur Obrigkeit gehabt, worüber er bislang und insbesondere in diesem Moment auch sehr froh war. Er verstand es, das es auch Menschen wie Prinzessin Lothíriel geben musste, aber es ärgerte ihn feurig, dass sie offenbar kaum um die vielen Feinde in der Welt wusste und sich so leicht entführen lassen hatte. Noch mehr ärgerte es Merian allerdings, dass er mit ihr zusammen entführt worden war als er versucht hatte dem fremden Mädchen zu helfen. -Als er ganz Gondor helfen wollte, indem der Sultan Suladan keines der Kinder Imrahils in die Finger bekommt.
Merian hatte eben erst seinen Sohn wiedergetroffen und er stellte sich vor, wie er mit ihm nach Westen zog und ein neues Leben begann.
 
„Ein Schiff verlässt den Hafen!“, rief eine Stimme über ihnen. Ein Mann aus Umbar hatte den Ausguck besetzt und könnte die Schwanenstadt noch immer in der Entfernung sehen.
„Das muss die Angelimar sein“, flüsterte Lothíriel zu Merian, „sie ist erst vor ein paar Wochen vom Stapel gelaufen und mit Abstand unser schnellstes Schiff. Die Elben aus Mithlond waren beim Bau behilflich. Das Schiff wird rasch aufholen und uns befreien.“
Bei der Vorstellung, dass vielleicht Angbor und ein Trupp der Stadtwachen Dol Amroths die Verfolgung aufgenommen haben könnten, stimmte Merian nur mäßig zufriedener. In ein Seegefecht wollte er schon gar nicht geraten. Er erinnerte sich an das letzte Schiffsunglück vor ein paar Tagen noch allzu gut und hätte am liebsten nie wieder den festen Boden verlassen. Verdammter Steinmetz, fluchte Merian, nicht Seefahrer. Bodenständig, nicht seegängig.
 
„Dein Vater hat sich wohl entschieden lieber dein Leben zu riskieren, als zuzulassen, dass du Suladan erreichst“, zischte Odjana zu Lothíriel mit Blick über das Heck des Schiffes Richtung Dol Amroth als Suche sie das angesprochene Schiff. „Wir müssen schneller werden“, gab die Frau danach den Befehl an ihre Landsleute, „werft über Bord was entbehrt werden kann.“ Kurz überlegte Merian, ob er anbieten sollte auch von Bord zu springen um Gewicht zu verlieren, aber die Gefahr tatsächlich und mit aufgeschlitzter Kehle im Wasser zu landen, war ihm zu groß. Von seiner Position aus beobachtete er lieber die Korsaren, die eilig begannen Kisten und Fässer von Bord zu werfen. „Diese Kiste nicht!“, rief Lothíriel plötzlich und deutete so gut es angebunden eben ging auf eine mittelgroße, hölzerne Kiste, die kleine Belüftungsschlitze hatte. „Warum nicht?“, fragte Odjana interessiert, „etwas wertvolles kann im Vergleich zu dir nicht drin sein. Du bist Suladan wertvoller als das ganze Schiff.“
„Es wäre ein qualvoller Tod“, wollte Lothíriel anfangen zu erklären aber der Heiler, der Merian gepflegt hatte, hatte die Kiste schneller geöffnet und darin fanden sich drei Prachthaubenadler. „Was tut dein Volk mit diesen Tieren?“, fragte der Mann und hob einen der gekränkten Vögel auf seinen Arm. „Essen“, gab die Prinzessin prompt zurück, „zu mindestens an Festtagen. Das Vogelherz soll heilende Wirkungen haben. Ansonsten halten sich die Adligen gerne diese Vögel. Was macht ihr denn mit diesen Tieren?“ „Nicht essen zu mindestens“, erklärte der Korsar, „wir trainieren mit ihnen die Jagt und schenken ihnen viel Liebe und Zuneigung.“

„Schluss damit“, beendete Odjana die Unterhaltung, „Aḥmad, komm, wirf die schwere Ladung von Bord und hiss die letzten zusätzlichen Segel. Wir haben noch immer ablandigen Wind der uns schnell davon trägt.“
„Unsere Verfolger hilft der Wind ebenso, Odjana“, sprach Merian und wollte sie ein letztes Mal zur Vernunft überzeugen, „du hättest ein gutes Leben haben können in Gondor. Du hast in Linhir den Bewohnern geholfen und verhindert, dass meine Begleiter und ich ertrinken.“ „Ach! Hör auf“, rief Odjana und trat dabei wütend einen Eimer von Bord. „Ein gutes Leben“, spottete sie, „in Gondor? Sie dir doch dieses Land mal an. Es ist am Ende. Gondor kann mir nicht geben was ich suche. Damals hattet ihr zu mindestens noch Prinzipien, als unsere Feinde! Aber schaut euch an, euer Volk kauert hinter Mauern und versucht Waffenruhen und Bündnisse zu verhandeln, wo es keine Hoffnung gibt! Müssen wir das tatsächlich noch einmal diskutieren? Zu sehr erinnert mich dieses an unsere Gespräche in Linhir, die allesamt nutzlos waren.“
Merian hatte zwischenzeitlich die Augen geschlossen und dachte nach. Jetzt öffnete er sie wieder und begann mit leiser, fester Stimme: „Nutzlos? Das war kein Gespräch. Denn sie zeigten und zeigen noch immer, wer hier die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat. –Wer die Menschen als gemeinsames Volk nicht aufgegeben hat.“

Merians Blick wandte sich nach oben. Es schien ihm, als sollte er ein Zeichen erhalten für seine ehrlichen Worte, die seine Überzeugungen ausgedrückt hatten. Ein brauner Vogel war es, erkannte Merian nach längerem Hinsehen, der das Schiff von Norden kommend überflog. Aufgeregte Rufe vernahm der Steinmetz von den Korsaren, die den Vogel und eine am Bein des Tieres befestigte Papierrolle ebenfalls gesehen hatten. Zwei der Männer Umbars schossen mit ihren Bögen mehrmals erfolglos auf den Vogel, bis es ihnen Odjana verbot und stattdessen befahl einen der Prachthaubenadler zu befreien. Der Jäger der Lüfte erhob sich rasch und nahm die Verfolgung auf.
„Der kommt nicht wieder“, erklärte Lothíriel freudig, doch Odjana entgegnete: „Siehe dich mal um Prinzessin. Weit und breit nur Wasser. Wenn er seine Beute hat wird er genau hierher zurückkommen und wir werden wissen welch eilige Nachricht von Dol Amroth ausgeht.“
Genauso wie Odjana es prophezeite geschah es. Im Lichte der untergehenden Sonne im Westen kehrte der Prachthaubenadler in seiner ganzen Anmut und seinem bunten Federkleid mit seiner Beute zurück. Der Brief am Bein des Opfers wurde entwendet und unter den Korsaren und Odjana eingehend geprüft.
„Wartet bis Mitternacht, dann löscht alle Lichter, gebt Ruhe und ändert den Kurs nach Süden. Es hat tatsächlich ein Schiff vor uns den Hafen verlassen und könnte uns einiges vor raus sein und noch Schwierigkeiten machen“, hörte Merian Odjana von der Kapitänsbrücke aus sagen, „ich bin lieber ein paar Tage mehr unterwegs, als das uns zwei Schiffe der Flotte in die Zange nehmen. Und knebelt um Himmelswillen unsere beiden Passagiere, bevor sie noch bei Nacht herumschreien und unseren geänderten Kurs verraten. Das Verfolgerschiff hat tatsächlich schon aufgeholt. Ich kann es jetzt deutlich sehen. Verfluchte weiße Segel!“ Die Männer grunzten zustimmend und Odjana verabschiedete sich zur Nacht: „Ich gehe in meine Koje. Auf das hier keiner auf dumme Ideen kommt. Und Finger weg von der Prinzessin.“

Nach dem Abend kam die Nacht, in der weder Merian noch Lothíriel viel Schlaf bekamen in ihrer ungemütlichen Position. Das Wendemanöver  um Mitternacht bekamen Beide jedoch deutlich mit.


« Letzte Änderung: 13. Apr 2016, 09:14 von --Cirdan-- »

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Über den Rand - der Grenzen Gondors
« Antwort #9 am: 29. Apr 2016, 08:33 »
Über den Rand - der Grenzen Gondors

Tage, wenn nicht gar Wochen, segelte das Schiff aus Gondor unter der Flagge Umbars über das offene Meer. Nichts als Wasser sah Merian, denn die Korsaren hatten ihren Kurs weit nach Süden fernab der Küsten Mittelerdes korrigiert um den Schiffen der Flotte Dol Amroths aus dem Weg zu gehen und zu entkommen. Inzwischen hatte selbst Prinzessin Lothíriel erkannt, dass eine baldige Rettung nicht zu erwarten war und sie wurde von Tag zu Tag stiller und in sich gekehrt wie ein alter, einsamer Mensch mit tödlicher Krankheit.
Von den Korsaren wurde es Merian und Lothíriel erlaubt sich frei auf dem Deck zu bewegen, da sie ohnehin nirgendwo hin entkommen konnten. Allerdings mussten sie zur Belustigung der Korsaren alle ungeliebten Arbeiten erledigen. Meisten schruppten Merian und Lothíriel das Deck unter Androhung Kiel zu holen, wenn sie ihre Aufgabe nicht sorgfältig ausführten.

Bei Nacht studierte Aḥmad, der Heiler, der auch in anderen Belangen anscheinend der einzige Gelehrte war, die Sterne und bestimmte ihren weiteren Kurs. Merian sah ihm dabei gerne zu, denn noch immer war er dankbar für die Pflege und Heilung Aḥmads in den letzten Tagen und zudem war Ahmad der Einzige, der sie nicht verspottete und zur Arbeit zwang.
Merian erzählte dem Mann aus Umbar, dass sich viele Menschen aus seinem Bergdorf in den Ered Nimrais davor fürchteten zur See zu fahren oder zu weit auf das Meer hinauszuschwimmen. „Lasse dich nicht von dem Ciril, so hieß der Fluss an unserem Dorf, zu weit abwärts treiben, riet man sich vor dem Badengehen, denn er trägt dich raus auf das Meer und über den Rand“, erklärte Merian und Ahmad lachte kurz auf. „Ihr Leute aus Gondor werdet immer für so schlau und kultiviert gehalten, aber letztendlich wisst ihr wenig über die Welt im Ganzen“, spottete der Korsar, „es gibt so manches da draußen, Seeungeheuer, Meerjungfrauen, verfluchte Inseln, Meeresstrudel und Geister aus Westernis vom Grund des Meeres, aber mit Sicherheit kein Rand und Abgrund. Wobei auch ich mich einst in jüngeren Jahren fragte, wohin das zusätzliche Wasser landet, das aus den Flüssen und durch den Regen täglich dazu kommt und vielleicht das Meer nach und nach das Land überflutet.

In den darauffolgenden Tagen wurden die Korsaren Müde ihre beiden Passagiere zu Quälen, denn sie selbst litten stark da die Lebensmittel zur Neige gingen. Die Prachthaubenadler wurden jetzt doch einen Kopf kürzer gemacht und in einer Suppe serviert, von der Merian jedoch nicht viel erhielt. Lothíriel immerhin bekam etwas mehr, was wahrscheinlich Odjanas Angst geschuldet war, dass die Prinzessin verhungerte und dann nichts mehr wert war.

Einige Tage dauerte ihre Reise noch bis der Ausguck Meldung gab und über das Land in Sicht informierte. Odjana und Ahmad erkannten die Küsten Harads und korrigierten ihren Kurs nach Norden, da sie weiter nach Süden abgekommen waren, als ohnehin schon geplant. Das stolze Schiff aus Dol Amroth segelte an der Küste entlang. Merian blickte mit hoffenden Blicken nach Westen und hielt Ausschau nach den weißen Segeln der Schwanenschiffe Gondors, doch er wurde enttäuscht.
Nach knappen zwei Tagen erreichten sie die Bucht an dessen Ende der Korsarenhafen Umbar lag. Noch nie zuvor hatte Merian die Grenzen Gondors verlassen und jetzt setzte er Kurs auf die Stadt des Feindes, obwohl Merian wie fast keinem Anderen bewusst war, dass auch dieses eine Menschenstadt war und der Mensch kein Feind des Menschen sein muss.



« Letzte Änderung: 17. Aug 2016, 14:08 von --Cirdan-- »

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Über den Rand - ins kalte Nass
« Antwort #10 am: 17. Aug 2016, 14:43 »
Über den Rand - ins kalte Nass

Merian stand auf dem Rand. Ob er springen sollte, das wusste er nicht. Wo war Lothíriel, die schöne Prinzessin aus feinem Haus? Ohne sie zu fliehen hätte Sinn und Zweck seines Aufbäumens in Dol Amroth verfehlt.
Die Korsaren schienen abgelenkt. Der Blick auf ihre Heimatstadt ließ sie am Bug des Schiffes stehen und nach Umbar blicken.
Nicht weit war das Ufer, überlegte der Steinmetz aus Lamedon. Sein Magen knurrte laut vor Hunger. Erschreckt sah er sich um. Noch hatte ihn keiner auf dem Rand der Bordwand am Heck entdeckt und das musste bis zum Sprunge auch so bleiben. Jetzt sah Merian die Tochter Imrahils. Lothíriel stand direkt neben Odjana am Hauptmast. Für ihn gab es keine Gelegenheit sie zur plötzlichen Flucht zu überzeugen.
Merian überlegte wie er ihr helfen könnte, dann sprang er.
Allen Mut fasste der Manne Gondors und stieß sich vom Rand des Schiffes ab. Er tauchte ein ins kalte Wasser der Bucht vor Umbar und begann sofort in Richtung Ufer zu schwimmen. Eintausend Gedanken durchströmten Merian in diesen Momenten des Schocks. Zu seiner Beruhigung  stellte er allerdings fest, dass wohl niemand seinen Sprung bemerkt hatte. Zwei Schwimmzüge später zog es ihn mit dem Kopf unter Wasser. Seine Kleidung hatte sich vollgesogen und seine Stiefel waren ungemein schwer. Er öffnete die Schnürsenkel und ließ die Stiefel zu Grund sinken. Was der arme Fischer von Tolfalas wohl sagen würde, fragte sich Merian, erkannte aber schnell das er größere Probleme hatte.
Nicht mehr weit war das Ufer. Merian sah einen kurzen steinigen Strand und dahinter einen groß aufragenden Wald. Erschöpft kam er an Land und blickte hastig zurück. Inzwischen hatte man seine Flucht bemerkt. Zornig erkannte er die Korsaren an Bord, aber wegen ihm umdrehen und anlanden taten sie nicht. Das brauchen sie auch nicht, überlegte Merian, ich werde wohl oder übel zu ihnen kommen müssen, wenn ich Lothíriel nicht aufgeben will.
Eilig, durchgefroren und noch immer hungrig betrat Merian den Wald zu seinen Füßen und hoffte auf Hilfe.

Merian zu den Kindern des Waldes


« Letzte Änderung: 1. Sep 2016, 17:19 von --Cirdan-- »

Fine

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Über das stille Meer
« Antwort #11 am: 6. Okt 2016, 23:46 »
Valion, Valirë und Veantur mit der Súlrohír von Dol Amroth


Der günstige Wind blieb ihnen nicht erhalten.
"Verdammte Flaute!" rief der Kapitän frustriert und schlug voller Ärger mit seinen Fäusten auf das Steuerrad.

Sie kamen zunächst sehr gut voran und die Súlrohír schnellte über die weite See der Bucht von Belfalas hinweg während zu ihrer Linken das Lehen Ardamirs an ihnen vorbei zog. Überall an der Küste von Belfalas sahen sie Zeichen des Wiederaufbaus. Seit Elphírs Sieg bei Linhir waren die meisten der Bewohner aus den sicheren Zufluchten Dol Amroth und Lontirost wieder in ihre Dörfer oder auf ihrer Höfe zurückgekehrt und langsam, aber sicher kehrte wieder etwas Normalität ein. Doch der Frieden war trügerisch, denn er war durch die Befreiung des Ethirs bereits stark belastet worden. Valion hoffte, dass sein Lehen auch in seiner Abwesenheit frei bleiben würde.
Sobald diese Angelegenheit erledigt ist kehren wir heim, dachte er. Wir setzen Belegarth instand und bauen die Burg stärker als zuvor wieder auf. Ich werde nicht zulassen, dass Mordor erneut seine Klauen nach Ethir ausstreckt.

Bei Lontirost, dem Sitz des Herrn von Belfalas, legten sie einen kurzen Halt ein und füllten ihre Wasservorräte auf. Sie blieben jedoch nicht lange. Nach weniger als einer Stunde verließ das Schiff der Zwillinge Ardamirs Hafen wieder. Der große Leuchtturm vom Kap Belfalas schrumpfte hinter ihnen zusammen und verschwand schließlich hinter dem nördlichen Horizont. Es war Nacht geworden und Valion und seine Schwester zogen sich zum Schlafen zurück, jeder in seine eigene private Unterkunft in der Nähe des Kommandodecks.

Aufgeregte Rufe weckten Valion. Er warf sich eilig seine Bekleidung über und stürmte an Deck. Das erste, was ihm auffiel, war der fehlende Wind. Weit und breit um das Schiff herum war nichts zu sehen als der endlose Ozean, auf dem sich nichts regte bis auf ein paar winzige, müde Wellen.
"Osse will sich wohl einen Scherz mit uns erlauben!" regte sich der Kapitän auf. "Wir beide haben schon viele seiner Stürme überstanden, nicht wahr?" sprach er zum Schiff, welches ihm jedoch eine Antwort schuldig blieb. "Ja, das haben wir," beantworte Veantur die Frage selbst. "Aber das hier? Das ist schlimmer. Es kommt nicht oft vor, dass der Golf von Belfalas so ruhig ist wie heute. Die Strömung wird uns weit nach Südwesten treiben - in die falsche Richtung!"
Der Kapitän erklärte ihnen, dass sie sich in der Mündungsströmung des Anduins befanden. "Wie ihr sicherlich wisst, trifft der Große Strom bei Ethir auf Belegaer und umfließt Tolfalas in zwei großen Strömungen - eine nordwestlich der Insel und eine südlich davon. Ich schätze, uns hat nun der Südstrom erwischt. Zwar ist das besser als in den Nordweststrom zu geraten der uns in Richtung Anfalas und Kap Andrast tragen würde, doch auch der Südstrom kommt eher ungelegen. Wenn wir nicht bald genug Wind bekommen um aus dem Schlamassel wieder herauszukommen, werden wir weit am Kap von Umbar vorbeitreiben. Dann kommen wir in die wilden Gewässer des fernen Südens, und dort bin selbst ich bisher nur wenig unterwegs gewesen und kenne mich kaum aus."
"Können wir nicht rudern um aus der Strömung zu gelangen?" warf Valirë ein. "Lasst uns mit Muskelkraft den Wind ersetzen!"
"Dafür ist unsere Besatzung zu klein," antworte Veantur. "Selbst so weit draußen ist die Strömung noch stark, denn die Flüsse Poros und Harnen verleihen ihr zusätzlichen Schwung. Wir würden uns ganz umsonst verausgaben."
"Was also wollt Ihr nun tun?" verlangte Valion zu wissen. "Es muss doch etwas geben, was wir tun können!"
"Wir können Uinen bitten, ihren Gemahl Osse dazu zu bringen, uns die Brise nicht länger zu verweigern," sagte der Kapitän.
Na das kann ja was werden, dachte Valion. Er glaubte nicht, dass sich die Maiar der trennenden See wirklich so für ihr kleines, unbedeutendes Schiff und ihre Mission interessierten. Er wusste nicht einmal, ob Osse und Uínen wirklich real waren oder nur eine Ausrede für Seefahrer darstellten, wenn sie in Seewetter gerieten, dem sie nicht gewachsen waren.

Die Flaute dauerte drei lange Tage an, in denen das Schiff weiter nach Südwesten driftete ohne dass sie Land sichteten. Die Mannschaft war froh, den zusätzlichen Halt in Lontirost gemacht zu haben, denn ohne die zusätzlichen Vorräte wäre ihnen das Wasser bereits ausgegangen. Eine niedergeschlagene Stimmung breitete sich  an Bord aus. An den vorherigen Tagen hatten die Seeleute verschiedene Lieder angestimmt um bei Laune zu bleiben, doch nun rationierte der Kapitän das Wasser, und alle Kehlen wurden zu trocken für Gesang. Es war vor allem das schier endlose Warten, das Valion belastete. Das Meer ringsum veränderte sich nicht und es kam ihm vor, als würde sich das Schiff gar nicht mehr bewegen, auch wenn Veantur das Gegenteil behauptete.
Es wäre mir lieber, wenn uns jetzt eine wilde Seeschlange aus den Tiefen Belegaers überfallen würde oder wir in ein hitziges Gefecht mit der Flotte der Korsaren geraten würden. Alles ist besser als dieser quälende Stillstand, dachte Valion während er auf die glatte Oberfläche des Meeres starrte.

Eine Klinge legte sich an seinen Hals.
"Na, unaufmerksam geworden, Bruder?" neckte Valirë und zog das Schwert weg. "Komm, verschaffen wir uns etwas Bewegung!"
Valion ließ sich das nicht zweimal sagen. Er zog seine Waffen und machte sich bereit: die linke Klinge niedrig haltend und nach vorne gerichtet, das zweite Schwert in der Rechten und nach hinten ausgestreckt. Seine Schwester hielt ihre lange, gebogene Klinge mit der Spitze nach unten, die Hände nahe ihrer Wange. Sie führte das von Elben gefertigte Schwert von Haus Cirgon, das eines der Erbstücke ihrer Familie war und den Namen Gilrist, Sternenklinge, trug. Obwohl es eigentlich Valion als Erben Cirgons zustand hatte er es Valirë überlassen da er sich lieber auf seine beiden kürzeren, geraden Schwerter verließ. Er blieb im Kampf gerne in Bewegung.
Er ließ die Klinge in seiner Rechten nach vorne schnellen und Valirë blockte den Schlag problemlos ab. Doch Valion hatte nichts anderes erwartet; der erste Hieb war nichts als eine Finte gewesen um die Verteidung seiner Schwester zu prüfen. Denn nun schlug er mit der Linken tief zu und drehte sich um die eigene Achse, sodass auch die  Rechte erneut einen Schlag führte. Aufgrund der längeren Klinge war Valirë langsamer als er, und sie musste einen beherzten Sprung rückwärts machen, um dem Hieb zu entgehen.
"Sehr gut," stieß sie hervor und grinste, Kampfeslust in den Augen glitzernd. "Weiter! Jetzt zeige ich es dir, kleiner Bruder!"

Sie kreuzten eine ganze Weile die Klingen und überquerten das Hauptdeck während des Übungskampfes mehrfach, verfolgt von den schaulustigen Blicken der Besatzung, die beide Geschwister anfeuerten und Wetten abschlossen. Valirë, die zwei Minuten älter als Valion war, konnte mit ihrem Zweihänder schwerere Hiebe führen, doch ihr Bruder war mit seinen beiden kürzeren Waffen beweglicher. So oft schon hatten sie miteinander geübt dass sie meist genau wussten, wie ihr Gegner reagieren würde. Hinter ihnen ging über der stillen See die Sonne unter, und als sie nicht mehr genug Licht hatten, stoppten sie den Kampf schließlich.

In der Nacht frischte der Wind endlich auf, doch der Kapitän blieb dennoch besorgt.
"Wir haben Kurs nach Osten gesetzt, müssen aber vorsichtig sein. Wenn wir im Dunkeln auf ein Riff auflaufen ist die Reise vorbei, eher wir Umbar überhaupt gesehen haben."
Er ließ die meisten Segel reffen und die Súlrohír glitt in gemächlichem Tempo weiter nach Osten, einem ungewissem Schicksal entgegen. Am Bug des Schiffes standen drei Seeleute mit Fackeln, die die Nacht hindurch nah vorne spähten um nach Hindernissen Ausschau zu halten und den Kapitän, der am Steuer stand, rechtzeitig zu warnen. Sie wussten nicht genau, wie weit die Strömung sie getragen hatte und planten, in Sichtweite der Küste zu fahren um sich dort zu orientieren.

Am Morgen setzte die Mannschaft volle Segel. "Zeig' uns, wie schnell du sein kannst," flüsterte Veantur dem Schiff zu. "Zeig' uns, was Eile bedeutet!" Und das tat die Súlrohír.
"Land in Sicht!" rief der Mann auf dem Ausguck am späten Vormittag. "Land in Sicht!"
Doch sie hatten kein Festland erreicht. Am östlichen Horizont war eine langgezogene Insel aufgetaucht. Rauch stieg von ihr auf, und als sie näher heran kamen sahen sie einen hohen, weißen Turm, dessen Flanken vom Ruß verschmutzt waren.
"Muss wohl ausgebrannt sein," vermutete Valirë.
"Wo sind wir hier, Kapitän?" wollte Valion wissen. "Ist das ein Vorposten Umbars?"
Der Alte kratzte sich nachdenklich am Kopf. "Diese Insel habe ich noch nie gesehen," sagte er. "Wir müssen wohl weiter südlich sein als ich dachte." Er wühlte in seinen Karten herum bis er schließlich triumphierend ein altes Pergament hervorzog, welches Brandflecken an den Rändern aufwies und von einer dicken Staubschicht bedeckt war. Veantur hustete und deutete auf einen Punkt auf der Karte.
"Hier, das muss es sein. Ist nur noch auf den ganz alten Seekarten eingezeichnet. Ich selbst hatte immer vermutet, die Weiße Insel wäre nur eine Legende. Schätze, ich habe mich getäuscht, und sie existiert wirklich."
Valion folgte dem Finger des Kapitäns bis zu einer Insel, die ein gutes Stück südwestlich Umbars eingezeichnet war, mehrere Seemeilen von der Küste Harads entfernt.
"Tol Thelyn," las er vor was dort in Sindarin-Runen auf der Karte eingezeichnet war. "Heimstatt der Turmherren."
"Wir sollten der Insel einen Besuch abstatten, wenn wir jetzt schon hier sind," schlug Valirë vor. "Allein schon um neue Vorräte zu finden."
Valion nickte. "Wir werden sehen, was es zu sehen gibt. Und womöglich herausfinden, wer den Turm in Brand gesetzt hat."
"Seid vorsichtig, Herrschaften," sagte der Kapitän. "Vielleicht sind die Brandstifter noch in der Nähe."
"Sorge dich nicht, alter Mann," gab Valirë lächelnd zurück. "Wir geben gut acht auf uns und auf dein geliebtes Schiff."
"Also gut. Kurs auf die Insel halten!" befahl Veantur seiner Mannschaft. "Und macht das Beiboot bereit! Wir gehen an Land!"


Valion, Valirë und Veantur mit der Súlrohír nach Tol Thelyn
« Letzte Änderung: 4. Nov 2016, 14:00 von Fine »

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Die Rückfahrt
« Antwort #12 am: 16. Jan 2017, 14:49 »
Lothíriel, Valirë, Veantur, Lóminîth und Valion mit der Súlrohír von Tol Thelyn


Der Wind stand günstig und mit vollen Segeln rauschte das schlanke gondorische Schiff über die Wellen der Bucht von Belfalas, einem direkten nordwestlichen Kurs folgend. Die Küste Nah-Harads war vor einiger Zeit außer Sicht geraten und die Sonne stand bereits tief über den Weiten Belegaers im Westen als Valion nachdenklich am Heck der Súlrohír stand. Die Weiße Insel lag hinter ihm, und sein Abenteuer in Umbar war vorbei. Als er in Begleitung seiner Schwester vor wenigen Wochen von Dol Amroth aus aufgebrochen war hatte er sich nie träumen lassen dass er in der Stadt der Korsaren auf so viele freundliche Gesichter treffen würde und dass er Teil eines größeren Ganzen werden würde. Er fühlte sich, als sei die Reise nach Süden eine Art Traum gewesen, aus der er nun langsam erwachte, je näher er der Heimat kam.

Eine feingliedrige Hand legte sich um seine Brust und erinnerte ihn, dass er keineswegs träumte. Lóminîth schob sich unter seinem Arm hindurch sodass ihre Schulter an Valions Oberkörper ruhte und folgte seinem Blick in die Ferne.
"All das fühlt sich noch nicht richtig wahr an," flüsterte sie leise. "Ein neuer Abschnitt meines Lebens beginnt. Ich habe schon einige Reisen gemacht, und Umbar schon zuvor verlassen... doch immer in Begleitung meiner Schwester."
"Und jetzt brichst du sozusagen ins Ungewisse auf," folgerte Valion verständnisvoll.
"Ja," hauchte sie und ergriff die Hand, die er um ihre Hüfte gelegt hatte. "Ehrlich gesagt habe ich Angst davor."
Das war etwas, das Valion nicht erwartet hatte. Er studierte ihren Gesichtsausdruck und erkannte eine untypische Verletzlichkeit darin. Er wusste nicht, wie er damit umzugehen hatte.
"Du wirst dich sicherlich schon bald einleben," sagte er etwas ratlos.
"Sobald Hasael aus Umbar verschwunden ist kehre ich heim und helfe meiner Schwester beim Wiederaufbau," erwiderte Lóminîth und stellte damit klar, wo sie ihre Heimat weiterhin sah. Ihr dunkles Haar bauschte sich im Fahrtwind auf als das Schiff beschleunigte. Der Wind nahm zu und schob es unermüdlich auf sein Ziel zu.

Stunden später saß Valion aufrecht im Bett seiner kleinen Kabine und hielt Edrahils Brief in der Hand. Die kleine Glaslampe, die neben dem Bett stand und etwas Licht spendete, schien seine schlafende Verlobte nicht zu stören. Valion drehte den Brief nachdenklich zwischen seinen Fingern hin und her. Nicht vor deiner Ankunft in Dol Amroth öffnen, hatte Edrahil ihm eingeschärft. Im Zwist mit sich selbst stieg er so leise wie möglich aus dem Bett, warf sich einen leichten Umhang über und ging an Deck. Einer Eingebung folgend kletterte er die Leiter zum höchsten Mast des Schiffes hinauf, wo er seine Schwester vorfand - wie er es erwartet hatte.
"Kannst du auch nicht schlafen?" fragte Valirë mit einem seltsamen Gesichtsausdruck.
"Nein," bestätigte er. "Es ist wie damals in der Nacht unseres verbotenen Aufbruchs aus Dol Amroth, als wir zum Ethir fuhren."
"Ich erinnere mich," sagte sie. "Wir saßen oben auf dem Ausguck und sahen den Sturm von Weitem kommen."
Valion nickte. Das kleine Krähennest bot gerade genug Platz für sie beide. Er zog den Brief hervor und hielt ihn ins Licht der kleinen Lampe, deren Licht zu flackern begonnen hatte.
"Was hast du da? Ist der von Edrahil?" wunderte sich Valirë und nahm den Umschlag aus seiner Hand. Eher er sie aufhalten konnte hatte sie ihn bereits geöffnet, und begann, das dort Geschriebene vorzulesen:

Edrahil von Linhir an Valion und Valirë vom Ethir

Wenn ihr dies lest, seid ihr vermutlich noch auf See und nicht in Dol Amroth – es würde mich jedenfalls nicht wundern. Als ihr nach Umbar kamt, war ich wenig begeistert darüber, wen Fürst Imrahil geschickt hatte, um seine Tochter zu retten, denn ich kannte euch und euren Umgang mit Anweisungen anderer (der Ort, an dem ihr diesen Brief lest, ist der beste Beweis dafür). Aber auch wenn ihr noch viel darüber zu lernen habt, was die Begriff heimlich und unauffällig bedeuten, habt ihr eure Aufgabe gemeistert, und wart mir eine große Hilfe. Ohne euch hätte ich niemals mit Minûlîth zusammengearbeitet, und, ich will ehrlich sein, ich weiß nicht, ob ich alleine erreicht hätte, was wir gemeinsam erreicht haben. Dafür möchte ich euch danken. 

Zum Zeichen meines Dankes findet ihr im inneren dieses Briefes einen weiteren versiegelten Umschlag, der an meinen Stellvertreter Amrodin in Dol Amroth gerichtet ist – er wird wissen, was zu tun ist. Sollte eure Neugierde euch überwältigen und ihr auch diesen öffnen, bevor ihr ihn Amrodin übergebt, so ist alles was darin steht nichtig. Und verlasst euch darauf, dass Amrodin es erkennen wird, wenn das Siegel gebrochen und erneut verschlossen wurde. Achtet gut auf die Prinzessin, möget ihr diesen Krieg überstehen und mögen wir uns eines Tages in den Hallen des Ethir wiedersehen.

Edrahil.

"Da ist noch mehr drin," rief Valirë geradezu aufgeregt nachdem sie geendet hatte. Im Inneren des Umschlages waren nicht nur einer, sondern sogar drei weitere Briefe zu finden, von denen jeweils einer an Valion, an Valirë, und an Amrodin adressiert waren. Wortlos reichte Valion den an seine Schwester adressierten Brief an sie weiter und öffnete seinen eigenen Umschlag.

Valion – falls du Lóminîth liebst, wünsche ich euch alles Glück der Welt, und möge diese Geschichte gut enden. Falls nicht, bitte ich dich vorsichtig zu sein. Vielleicht ist es nur das übersteigerte Misstrauen eines alten Mannes, der sein Amt bereits zu lange ausführt, doch ich habe ein merkwürdiges Gefühl was sie angeht. Ich verlange nicht von dir, dass du sie Tag und Nacht misstrauisch beobachtest, doch sei aufmerksam und vor allem: Verfalle ihr nicht blind. Minûlîth liebt ihre Schwester, doch selbst sie ist nicht blind dafür, dass Lóminîth empfänglich für die Lehren der Schwarzen Númenorer war und vielleicht noch immer ist. Ich wünsche mir, dass ich mich irre und ihr glücklich werdet.
– Edrahil.

Valion strich sich nachdenklich über das Kinn. Was Edrahil ihm schrieb, ergab Sinn, auch wenn es ihm bisher nicht recht bewusst gewesen war. Doch selbst Valion war aufgefallen, dass Lóminîth durchaus Unterschiede den Einstellungen und Überzeugungen ihrer älteren Schwester besaß. Er beschloss, sich Edrahils Worte zu Herzen zu nehmen und vorsichtig zu bleiben.
Er warf einen Blick zu Valirë hinüber, die ungewöhnlich still geworden war. Ein schneller Blick auf das Blatt das seine Schwester in der Hand hielt zeigte ihm, dass Edrahil ihr sehr viel mehr geschrieben hatte als es bei Valion selbst der Fall gewesen war. Valirë hatte die andere Hand vor den Mund geschlagen und las weiter, hektisch und schwer atmend. Valion strich seiner Schwester beruhigend über den Rücken, konnte jedoch nicht verhindern, dass ihr Tränen über die Wangen zu laufen begannen. Sie blieb stumm und ließ bis auf ihren Atem kein Geräusch von sich hören, doch Valion spürte, dass der Inhalt des Briefes sie tief getroffen hatte.
"Ich dachte nicht, dass..." sagte sie und ließ den Satz unvollendet.
"Ist schon gut," sagte Valion, dem es bei seiner Schwester deutlich leichter fiel, Trost zu spenden als zuvor bei seiner Verlobten. Er wusste genau, was er sagen musste. "Du weißt doch, wie Edrahil ist."
"Ja, weiß ich," schniefte sie und ihre Tränen versiegten. "Er ist ein herzloser alter Mann."
"Das ist er," bestätigte Valion, doch sie wussten beide, dass dem keineswegs so war.
"Wenn wir wieder in Dol Amroth sind, schicken wir ihm eine besonders dreiste Antwort, hörst du?" forderte Valirë, die nun schon wieder fast sie selbst war.
"Auf jeden Fall," stimmte Valion zu. "Aber Amrodins Brief werden wir nicht anrühren. Edrahil soll sich wenigstens ein Mal damit irren, was uns betrifft."
"Denkst du, er geht davon aus, dass wir den dritten Brief öffnen?" fragte Valirë.
"Ich glaube, er hofft, dass wir es nicht tun, ist aber realistisch genug es zu erwarten," antwortete er.
"Dann lass uns seine Hoffnungen erfüllen. Dieses eine Mal."
"Dieses eine Mal. Einverstanden."

Der günstige Wind hielt an, und bereits am frühen Morgen des dritten Tages auf See kam der Leuchtturm von Lontírost in Sicht. Als sie näher kamen sahen sie, dass von seiner Spitze das blausilbere Banner von Dol Amroth, der weiße Baum Gondors und das grüne Blatt von Haus Galvor im Wind flatterten. Veantur entschied, diesmal nicht in den Hafen einzulaufen sondern direkt nach Dol Amroth weiterzufahren, solange der Wind so gut stand. Und als die Sonne kurz davor war, ihren höchsten Stand zu erreichen, kamen sie nach einer langen Reise und vielen Abenteuern in und um Umbar endlich wieder zurück nach Dol Amroth.


Lothíriel, Valirë, Veantur, Lóminîth und Valion mit der Súlrohír nach Dol Amroth
« Letzte Änderung: 20. Jan 2017, 11:05 von Fine »