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Autor Thema: Der Rabenberg  (Gelesen 1279 mal)

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Der Rabenberg
« am: 21. Dez 2017, 11:07 »
Helluin und Kerry mit den Dúnedain von den Ebenen vor Thal


Die gewaltige Bergflanke, die sich vor der ungefähr zwanzig Mann starken Gruppe erhob, ragte bedrohlich hoch über Kerrys Kopf auf.
Da sollen wir hochklettern? dachte sie und warf einen raschen Blick zurück auf den Weg, den sie gekommen waren. Südöstlich von ihrer Position rückte das Heer der Weißen Hand mit lautem Getöse in Richtung der Stadt Thal vor. Die Orks und Uruk-Hai Sarumans im Zentrum und an vorderster Front, während die Flanken von zwei großen elbischen Regimentern gesichert wurden. Irgendwo mittendrin mussten Oronêl, Finelleth und Eryniel sein.
Die Dúnedain hatten Thal in einem großen Bogen umrundet und dann die südliche Spitze der Bergflanke angesteuert, die von den Zwergen als Rabenberg bezeichnet worden war. Als erfahrene Fährtenleser und Kundschafter hielten Helluins Leute die Augen offen und sahen sich wachsam nach Feinden um. Bis hierhin schien man sie noch nicht entdeckt zu haben.
Einer der Waldläufer hob die Hand, um zu signalisieren, dass er etwas entdeckt hatte. Zwischen zwei großen, aufrecht stehenden Felsen war ein leicht zu übersehender Eingang, vor dem der Dúnadan nun stand und vorsichtig hindurch spähte. Dahinter befand sich eine Treppe, die sich offenbar eng an das Gestein des Rabenbergs schmiegte und steil aufwärts führte. Stufen waren in den Fels geschlagen worden, die einen raschen, aber mühsamen Aufstieg ermöglichten.
Helluin ließ zwei Dúnedain als Nachhut am Fuße der Treppe zurück, und der Rest machte sich an den Aufstieg. Kerry ging am Ende der Gruppe und bemühte sich, nicht zurückzufallen. Aufgrund des steilen Anstiegs und der Größe der Treppenstufen fiel ihr das nicht leicht. Sie biss die Zähne zusammen und zwang sich dazu, mit den Waldläufern mitzuhalten.

Seit der Überquerung des Hohen Passes war Kerry nicht mehr so sehr außer Atem geraten wie beim Aufstieg auf den Rabenberg. Als sie nach über einer Stunde endlich den Gipfel erreicht hatten, tanzten bereits schwarze Punkte durch Kerrys Sichtfeld und ihre Beine fühlten sich an, als würden sie sie keinen einzigen Schritt weiter tragen. Sie ließ sich auf einen flachen Stein fallen und wollte in jenem Augenblick am liebsten nie mehr aufstehen.
Ein Zischen erklang, und etwas rauschte so knapp an Kerrys Gesicht vorbei, dass es eine Strähne ihres blonden Haares mit sich riss. Sie kreischte und sah, als sie die Augen öffnete, wie ein schwarz gefiederter Pfeil klirrend von dem Felsen abprallte, auf dem sie sich ausruhte. Die Dúnedain zogen ihre Schwerter und sahen sich alarmiert um. Der Feind hatte sie gefunden.
Auf der Spitze des Rabenberges stand ein alter Wachturm der Zwerge, in einiger Entfernung zu Helluins Gruppe. Von dort näherte sich ihnen jetzt eine johlende Horde Orks, die das Zeichen Mordor trugen: Das rote, von Flammen umrandete Auge Saurons.
“Sie haben uns kommen sehen,” knurrte Helluin. “Und nur darauf gewartet, dass uns der Aufstieg erschöpft. Los, bildet einen Kreis! Es sind nicht so viele, dass wir sie nicht in die Flucht schlagen können. Kämpft!”
Kerry fand, dass das eine sehr optimistische Meinung war, denn für sie sahen die Orks durchaus so aus, als gäbe es mehr als genug von ihnen, um die Waldläufer einfach zu überrennen. Sie stolperte so rasch sie konnte in die Mitte des sich bildenden Kreises und zog ihr kleines Schwert. Ein rötliches Licht schimmerte auf der Klinge, als die Fackel tragenden Orks näher kamen.
“Forgam!” rief Helluin seinem Stellvertreter zu. “Wir brauchen das Feuer!”
Der ältere Waldläufer nickte und zog etwas aus der großen Umhängetasche hervor, die er seit dem Aufbruch aus dem Heereslager Sarumans mit sich getragen hatte. Kerry konnte nicht genau erkennen, worum es sich dabei handelte, nur dass der Gegenstand rund, metallisch und ungefähr so groß wie ihr Kopf zu sein schien.
Die Orks waren nun beinahe heran. Forgam ließ sich von seinem Nebenmann eine Fackel reichen und führte den seltsamen Gegenstand an die Flamme, was dazu führte, dass ein weißer Funkenregen Aufstieg. Forgam holte aus - und warf die noch immer funkensprühende Kugel in Richtung der nahenden Orks.
Ein Lichtblitz und ein so lautes Krachen, dass Kerrys Ohren klingelten, folgte. Für einen Augenblick war Kerry orientierungslos. Was ist da gerade passiert?
Eine Rauchwolke stieg dort auf, wo Blitz und Donner hergekommen waren, und Kerry musste husten. Aus dem Rauch tauchten mehrere, taumelnde Gestalten auf. Sie waren alles, was von den Orks übrig geblieben war und wurden rasch von den Dúnedain außer Gefecht gesetzt. Als der Rauch sich mehr und mehr verzogen hatte, konnte Kerry sehen, dass der Großteil der Orks wie auf magische Art und Weise geradezu zerfetzt worden war. Sie musste den Blick abwenden, damit ihr nicht schlecht wurde.
“Was war das gerade?” fragte sie Helluin, der ein siegessicheres Lächeln im Gesicht trug.
“Eines der vielen Wunder unseres Meisters. Dies, Kerry, ist die Macht des Orthanc-Feuers.”
“Feuer hat... das angerichtet?”
“Mit den richtigen Zutaten vermischt, kommt es zu einer gewaltigen Explosion, die Stein, Felsen und Gebein zunichte macht.”
Kerry erinnerte sich an eine Geschichte, die sie in Rohan gehört hatte, aber nie so recht hatte glauben können. Als Sarumans Heer die Bergfestung von Helms Klamm belagert hatte, hatten die Uruk-hai mithilfe des Orthanc-Feuers eine Bresche in den Klammwall gesprengt. Jetzt, wo sie mit eigenen Augen gesehen hatte, wozu Sarumans Zauber fähig war, lief es ihr eiskalt den Rücken hinunter. Wenn selbst Stein und Felsen diese Macht nicht aufhalten konnten, welche Burg oder Stadt wäre dann noch sicher vor Sarumans Zugriff? Der Gedanke machte Kerry mehr Angst, als die Schlacht, die inzwischen im Tal unter ihnen ausgebrochen war.
“Sehen wir uns den Turm an. Position beziehen!” befahl Helluin, und die Dúnedain setzten sich in Bewegung. Kerry folgte ihnen, doch ihre Gedanken rasten noch immer. Sie nahm ihre Umgebung kaum wahr, während sie hinter Helluin herging und der Zwergenturm immer näher kam. Noch immer konnte sie nicht verstehen, wie das Orthanc-Feuer Stein zunichte machen konnte. Die Gefahr, die davon ausging, war ihr nur allzu schmerzlich bewusst. Was würde eine solche Explosion in einem Wald anrichten? fragte sie sich, als sie an das Waldlandreich dachte. Sollten sich Thranduils Elben von Saruman abwenden, würden sie sich der Gefahr durch das Orthanc-Feuer aussetzen, und Kerry fürchtete, dass der Düsterwald in jenem Falle schon bald in Flammen stehen würde. Es muss also verhindert werden, dass mehr von diesen Feuerkugeln hergestellt werden. Doch wer kennt das Geheimnis? Sie vermutete, dass es nur Saruman selbst kannte. Denn was würde seine Diener davon abhalten, es gegen ihn selbst einzusetzen, wenn er ihnen verriet, welche Zutaten zur Herstellung benötigt wurden? Also müssen wir Saruman ausschalten, dachte sie. Und stellte fest, dass sie damit wieder ganz am Anfang stand. Saruman aus dem Spiel zu nehmen war schon von Beginn an der zentrale Teil ihres Plans zur Befreiung des Düsterwalds gewesen. Sollte der Zauberer fallen, würden seine Heere und sein Reich führerlos sein und hoffentlich zerbrechen.

Kerrys Gedanken kamen zu einem jähen Ende, als sie gegen Helluins Rücken stieß. Der Anführer der Dúnedain war stehen geblieben, und als Kerry sich umsah, erkannte sie auch den Grund dafür. Sie standen am Eingang des Zwergenturms, der mehrere Stockwerke in die Höhe ragte. Die mit Eisen beschlagenere Eingangstüre stand offen und Fackelschein fiel heraus. Helluin gab den Waldläufern ein rasches Zeichen. Zwei von ihnen gingen vorsichtig hinein und blieben für mehrere Minuten verschwunden. Dann ertönte von oben ein Ruf der Entwarnung. Die Dúnedain hatten die Turmspitze erreicht und das Gebäude leer vorgefunden.
Erneut sah sich Kerry mit einer steilen Treppe konfrontiert, doch sie zwang ihre lädierten Beine dazu, noch einmal ihre Arbeit zu tun und schleppte sich hinauf. Das Innere des Turms war schlecht beleuchtet und voller Anzeichen orkischer Besetzung. Kerry war froh, als sie hinter Helluin auf die Turmspitze stolperte und sich schwer auf die Zinnen stützen konnte. Ihr Blick ging nach Südosten, wo sich ihr ein grandioser Blick über das Tal und die Ebenen vor der Stadt Thal bot.
“Die Schlacht ist bereits im Gange,” stellte Forgam fest.
“Und es sieht ganz so aus, als würde sowohl im Zentrum als auch an den Flanken gekämpft,” ergänzte eine schwarzhaarige Frau, die gerade ihre graue Kapuze absetzte.
“Bleibt wachsam,” ermahnte Helluin seine Leute. “Wir halten die Stellung, bis wir das Zeichen zum Eingreifen erhalten. Ruht euch aus, aber lasst weder Schlacht noch Rabenberg aus den Augen. Wenn das feindliche Heer Verstärkung erhalten sollte - ob nun aus dem Inneren des Berges oder aus Süden oder Osten - müssen wir es rechtzeitig sehen, um den Meister zu warnen. Ihr alle seid mit Brandpfeilen ausgerüstet.  Benutzt sie, wenn ihr euch sicher seid, dass feindliche Verstärkung im Anmarsch ist. Sie sollten von weitem gut zu sehen sein.”

Kerrys Gedanken über das Orthanc-Feuer und Saruman waren wie fortgeblasen. Ihr Blick hing an der großen Schlacht, die sich im Tal unter ihr ausbreitete. Tatsächlich wurde bereits sowohl an den Flanken als auch in der Mitte, vor den Toren von Thal, erbittert gekämpft. Dort stellten sich die Orks des Roten Auges den Uruk-Hai der Weißen Hand. Als Kerry sah, wie die beiden Armeen aufeinander stießen, konnte sie nicht anders, als eine gewisse Genugtuung zu verspüren, denn sie stellte sich vor, wie sich die Orks auf beiden Seiten gerade gegenseitig abschlachteten. So, wie sie es auch verdient haben, dachte sie. Doch gleichzeitig war sie voller Besorgnis über ihre Freunde, die inmitten der Wirren der Schlacht um ihr Leben kämpfen mussten. Bilder zogen vor Kerrys innerem Auge vorbei. Bilder von jenen, die sie in Kämpfen hatte sterben sehen. Sie fürchtete sich davor, am Ende des Tages auf Oronêls Leichnam zu stoßen oder Finelleths Begräbnis beizuwohnen. Sie versuchte, nicht daran zu denken. Alle dort unten sind große Krieger und können auf sich acht geben. Sie werden es schon schaffen.
Ihre Knie zitterten. Kerry wendete den Blick von der Schlacht ab und sank mit dem Rücken an die Zinnen gelehnt in sich zusammen. Sie fühlte sich einsam und wünschte sich weit fort von all dem. Doch es würde niemand kommen, um sie fortzubringen. Sie war auf sich allein gestellt.
« Letzte Änderung: 21. Dez 2017, 13:30 von Fine »
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Lass die Vergangenheit sterben
« Antwort #1 am: 3. Jan 2018, 19:09 »
Eine halbe Stunde verging, in der Kerry nur selten einen Blick auf die Schlacht auf den Ebenen warf. Sie wusste, dass sie nichts tun konnte, um ihren Verlauf zu ändern. Und sie hasste es. Mittlerweile war ihre Angst so weit geschwunden, dass sie sich am liebsten mit gezogener Klinge in das tobende Gefecht stürzen wollte, nur um sicherzugehen, dass ihre Freunde die Schlacht heil überstanden.
Daran war natürlich nicht zu denken. Sie saß hier oben fest, mit den Dúnedain-Verrätern - und mit Helluin. Der junge Anführer der Waldläufer war zunächst aufmerksam an der Turmspitze gestanden und hatte nach Anzeichen dafür Ausschau gehalten, dass die Feinde Sarumans Verstärkung bekamen, doch mit der Zeit schien sich seine Aufmerksamkeit mehr auf Kerry zu richten. Er sprach kein Wort zu ihr, doch die Blicke, die der Dúnadan ihr zuzuwerfen begann, gefielen ihr gar nicht. Als sie so intensiv geworden waren, dass sie beinahe glaubte, er stelle sich gerade vor, wie Kerry wohl nackt aussehen würde, hielt sie es nicht länger aus und stand mit einem Ruck auf. Raschen Schrittes verließ sie den alten Zwergenturm durch den Vordereingang und kehrte dorthin zurück, wo die Gruppe die Spitze des Rabenberges über die steile Treppe an der Bergflanke betreten hatte. In der Nähe kauerten drei Waldläufer, den Blick auf den Berg gerichtet. Kerry ignorierte sie und stellte sich auf die oberste Treppenstufe. Noch immer wogte die Schlacht in der Tiefe unter ihr hin und her. Sie konnte nicht erkennen, welche Seite die Oberhand hatte. Soweit Kerry es sehen konnte, hatten die Kämpfe bereits auf die Mauern Thals übergegriffen. Aus der Entfernung konnte sie Freund und Feind allerdings kaum auseinander halten.

“Hier oben bist du in Sicherheit,” sagte Helluins Stimme neben ihr. Sie verschränkte die Arme demonstrativ vor der Brust und drehte sich weg von ihm. Sie wollte nicht mit ihm sprechen. Sie wollte, dass er sie in Ruhe ließ. In diesem Moment war es ihr egal, was Oronêl gesagt hatte. Kerry wusste, dass sie besser beraten wäre, sich freundschaftlich mit Helluin zu verhalten, doch ebenso wusste sie, dass Helluins Absichten ihr gegenüber wohl weit über eine einfache Freundschaft hinaus gingen. Sie hatte den Blick, den er in den letzten Tagen immer öfter in den Augen hatte, wenn er sie ansah, schon früher gesehen. Noch war keine unverhohlene Gier darin zu erkennen, sondern nur unterdrücktes, unerfülltes Verlangen. Kerry fürchtete sich vor dem Moment, in dem Helluin jegliche Zurückhaltung ablegen würde.
“Deine Freunde sind dort unten, nicht wahr?” flüsterte der Dúnadan in ihr Ohr und kam ihr unangenehm nahe. Sie rief sich ins Gedächtnis, dass er nicht älter als sie war - vermutlich waren sie sogar ungefähr gleich alt. Doch er war ein Mann mit Befehlsgewalt, und sie hatte nichts als ihr kleines Schwert zur Verteidigung. Sie nahm einen tiefen Luftzug und sagte: “Ja. Ich mache mir Sorgen um sie.”
“Tu das nicht, Kerry. Sie sind es nicht wert. Sie stehen für deine Vergangenheit und all die Fehler und Schmerzen, die hinter dir liegen. Diese Last... ich sehe, wie schwer sie auf dir liegt. Eine unnötige Bürde.”
Jetzt konnte sie den Blick nicht mehr von ihm abgewendet halten. Zu groß war ihre Verärgerung darüber geworden, was Helluin da sagte. “Das ist nicht wahr!” entgegnete sie scharf.
“Lass die Vergangenheit sterben,” fuhr er fort. “Töte sie, wenn es sein muss! Nur so kannst du werden, wozu du bestimmt bist.” Er sprach nun mit einer Leidenschaft, die Kerry überraschte. Er glaubt wirklich daran, stellte sie fest.
“Die Ketten, die dich halten, werden zerbersten, wenn du nur fest genug daran zerrst,” sagte Helluin mit Nachdruck. “Deine Freunde dort unten... sie mögen diese Schlacht überstehen, oder auch nicht. Letzten Endes ist es gleich. Bleiben sie heute am Leben, dann fallen sie eben in den kommenden Kriegen. Es wird niemals aufhören, es sei denn... es sei denn, Mittelerde wird endlich unter dem einen Meister vereint, der versteht, was diese Welt wirklich braucht: Ordnung, Stabilität, und Regeln. Unter Saruman wird es echten Frieden geben, Kerry. Ich habe diese Wahrheit erkannt. Und ich hoffe, du wirst es mir eines Tages gleichtun.”
Er hatte ihre Hände in seine genommen und stand nun ganz nahe bei ihr. Unangenehm nahe. Zu nahe. Sie spürte die Kälte, die von seinen Fingern ausging, und erschauerte. Das sind nicht deine Worte, dachte sie und ihre Gedanken rasten. Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Das sind nur die Lügen Sarumans, die deinen Geist vergiftet haben.
Helluins Hände ließen sie los und legten sich auf ihre Schultern. Noch immer hatte Kerry sich nicht wegbewegt. Doch ihre Finger ballten sich zu Fäusten.

Ehe sie etwas unternehmen konnte, ertönte ein warnender Ruf hinter ihr und ließ Helluin aufschrecken. Der Dúnadan drehte sich in die Richtung, aus der die Warnung gekommen war: vom Berg her, entlang des Weges, der vom alten Zwergenturm nach Nordosten auf der Spitze der Bergflanke entlang führte. Dort standen drei Waldläufer, die ihre Schwerter gezogen hatten. Und auf sie zu, vom Berg kommend, bewegte sich eine große Gruppe schwer gerüsteter Soldaten, deren Rüstungen und Schilde aussahen, als wären sie mit Gold überzogen.
“Ostlinge!” riefen die Waldläufer und bildeten eine Kampflinie nahe dem Treppenaufgang, über den sie den Berg betreten hatten. Vom Turm her kam der Rest von Helluins Gruppe gerannt, gerade noch rechtzeitig bevor die Ostlinge sie erreicht hatten. Kerry zog ihr Schwert und hielt es mit beiden Händen umklammert vor sich, während die Dúnedain rings um sie herum Stellung bezogen. Die Ostlinge waren in der Überzahl, doch nicht so sehr, dass es vollkommen aussichtslos aussah. Schon begannen die ersten Pfeile zu fliegen, als die Waldläufer in der hinteren Reihe ihre Bögen spannten und einige Feinde niederstreckten. Dann waren die schwer gerüsteten Krieger heran, und ein wildes Gefecht entbrannte.
Zunächst gelang es keinem der Ostlinge, zu Kerry vorzudringen. Einige Minuten lang waren die Dúnedain imstande, den Angriff ohne eigene Verluste abzuwehren, auch wenn die goldfarbenen Rüstungen die meisten Schwerthiebe der Waldläufer wirkungslos abprallen ließen. Soweit Kerry es erkennen konnte, verließen sich die Dúnedain auf ihre höhere Beweglichkeit, um den Fakt, dass sie in der Unterzahl waren, auszugleichen. Dann jedoch ging der Mann vor Kerry getroffen zu Boden und sie wusste nicht, ob er tot oder lebendig war. Sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn schon drängten sich zwei Ostlinge in die entstandene Lücke und kamen direkt auf sie zu. Der Vordere der beiden hielt einen winzigen Augenblick inne, als er sie ins Auge fasste und schien überrascht zu sein, ein Mädchen ihres Alters inmitten der kampferprobten Dúnedain vorzufinden. Kurzerhand rammte sie die Spitze ihres Schwertes durch den schmalen Sehschlitz seines Helmes und zog es mit einem Schrei wieder heraus. Schon sprang der zweite Ostling vor und schlug mit seiner Hellebarde nach ihr. Ein rascher Satz zur Seite rettete ihr das Leben, doch dabei trat sie auf dem steinigen Untergrund fehl und strauchelte. Dann tauchte Helluin neben ihr auf und streckte den Ostling mit einem schnellen Schwerthieb nieder. Er packte Kerrys Hand und riss sie auf die Beine. Kurz nickte er ihr zu, nachdem er sich vergewissert hatte, dass ihr nichts fehlte, und schon wendete er sich wieder dem Kampf zu.
Da ergriff eine Kälte Besitz von Kerrys Herzen, wie sie sie erst ein einziges Mal in ihrem Leben verspürt hatte. Sie fühlte sich wie gelähmt durch dieses unerklärliche Gefühl. Und auch den Dúnedain schien es so zu gehen. Selbst die Ostlinge schienen in jenem Augenblick vorsichtig geworden zu sein, und drängten nicht mehr wie wild gegen die Kampfreihe der Waldläufer vor. Stattdessen öffnete sich eine Gasse in ihren Reihen. Eine finstere Gestalt tauchte darin auf, die alles Licht mit ihrer bloßen Gegenwart zu verdunkeln schien. Es war eine Erscheinung, die Kerry an den Augenblick erinnerte, an dem sie diese Kälte in ihrem Herzen zum ersten Mal verspürt hatte: Im Inneren der Ringschmiede von Eregion, als der Fürst der Ringgeister gekommen war, um seinen Ring einzufordern. Es war, als wäre der Hexenkönig wieder auferstanden, denn die Gestalt, die sich ihnen nun langsam und bedrohlich näherte, war von ganz ähnlicher Erscheinung. Eine tiefschwarze, bis zum Boden reichende Kutte verhüllte den Krieger, der stählerne Handschuhe, Stiefel und Schulterpolster trug, die mit Stacheln besetzt waren. Und in jeder Hand führte er ein grausam aussehendes Schwert. Dort, wo das Gesicht sein sollte, war nur Finsternis unter seiner Kapuze zu sehen.
Das schlimmste an dem Ringgeist war seine Stimme, die Kerrys Blut zum Gefrieren brachte. Als er nahe genug herangekommen war, zischte die Kreatur: “Ihr Narren. So wenige von euch können diese Position niemals halten. Euch wird es ergehen, wie der erbärmlichen Armee dort unten im Tal, die schon bald zermalmt oder zum Rückzug gezwungen sein wird.”
Er kam näher und mit einem Mal bewegte sich der Ringgeist mit geradezu unmenschlicher Schnelligkeit. Beide seiner Klingen fanden ihr Ziel, und zwei Dúnedain sanken tot zu Boden. Das brachte den Rest von Helluins Gruppe dazu, sich vorsichtig mehrere Schritte zurückzuziehen.
“Jetzt werdet ihr sterben,” drohte die Kreatur und hob erneut die Schwerter.
“Nicht, wenn ich etwas dazu zu sagen habe,” mischte sich eine neue Stimme ein, die von der Treppe her kam. Ein heller Blitz blendete sie alle, und als Kerry die Augen wieder öffnete, sah sie, dass mehrere Ostlinge regungslos auf dem Felsboden lagen und leichte Rauschwaden von ihren Körpern aufstiegen. Zwischen die beiden Gruppen trat nun eine Gestalt, die in Weiß gehüllt war. Doch Kerry erschien es, als sie genauer hinsah, dass sich die Farbe immer wieder zu ändern schien. Saruman war eingetroffen.
“Du wagst es, dich mir zu stellen?” zischte der Ringgeist, der nur wenige Schritte gegenüber Sarumans stand.
“Ich habe nicht vor, dir den Vorteil dieser strategischen Position einfach so zu überlassen, Khamûl,” erwiderte der Zauberer. “Du wirst feststellen, dass sich meine Kräfte mehr als nur messen können mit der Macht, über die du zu gebieten glaubst.”
“Wir werden sehen, Zauberer,” zischte der Ringgeist. “Wir werden sehen...”
Dann stürzte der Schatten vorwärts, während sowohl Ostlinge als auch Dúnedain dem Duell wie gebannt zusahen. Saruman erhob seinen Stab und wehrte beide Klingen geradezu mühelos ab. Er versetzte dem Ringgeist - Khamûl - einen heftigen Stoß und ließ die Spitze des Stabes hell aufleuchten. Dem Licht entsprang ein Strahl, der sich genau dorthin bohrte, wo sich das Gesicht des Ringgeists befinden sollte. Ein ohrenbetäubendes Kreischen ertönte, und die Kreatur wich zurück. Saruman zögerte keine Sekunde und holte mit beiden Händen aus, dann ließ er seinen Stab mit aller Kraft auf Khamûl niedergehen. Ein weiterer, noch hellerer Blitz flammte auf und ein so lautes Donnern erschallte, dass Kerrys Ohren klingelten. Als sie wieder hinsah, bekam sie gerade noch mit, wie sich der Ringgeist geschlagen in Richtung des Berges zurückzog. Die Ostlinge folgten ihm.

“Er ist nicht vernichtet worden,” stellte Helluin fest. Der Dúnadan blutete aus einem Schnitt an der Wange, schien aber abgesehen davon noch unverletzt zu sein. Doch mindestens zehn Waldläufer waren schwer verwundet oder getötet worden.
“Nein, dafür fehlte mir die Zeit,” erwiderte Saruman, der sich auf seinen Stab stützte. “Wichtiger als sein Ende ist der Sieg in dieser Schlacht. Deshalb muss ich zurück nach unten, und...” er brach mitten im Satz ab, als seine Augen Kerry streiften, die versucht hatte, seinem Blick zu entgehen. “Was tut dieses Mädchen hier? Hast du sie den ganzen Weg mitgeschleppt?” verlangte er von Helluin zu wissen. “Du Narr. Sie ist dir hier nur um Weg und nichts als eine Ablenkung. Bleibe hier und beweise deinen Wert. Halte diese Stellung um jeden Preis. Versagst du, werde ich nicht erneut zu deiner Rettung eilen. Und was sie betrifft... sie kommt mit mir.”
Bedrohlich näherte er sich Kerry und in seinen Augen funkelte ein Zorn, der sie zu verbrennen drohte...
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Erste Zweifel
« Antwort #2 am: 16. Jan 2018, 14:08 »
“Nein.”

Dieses einzelne, kurze Wort sorgte dafür, dass die Welt rings um Kerry für einen Augenblick zum Stillstand zu kommen schien. Das ferne Tosen der Schlacht rückte ebenso in den Hintergrund wie die überraschten Stimmen rings um sie herum. Sie stand nahe der Treppe, die sie hinauf auf den Bergkamm des Rabenbergs geführt hatte und hielt den Atem an. Saruman stand nur wenige Schritte von ihr entfernt, und war ihr zugewandt. Der Zauberer war stehen geblieben und schien ebensowenig wie Kerry glauben zu können, was gerade geschehen war.

“Sie ist hier sicherer als dort unten,” fuhr derjenige fort, dessen einzelnes Wort der Weigerung diese denkwürdige Situation ausgelöst hatte.
Langsam drehte sich Saruman um. Zuerst wandte er den Kopf herum und blickte über seine Schulter, dann folgte der Rest seines Körpers. Eine bedrohliche Ausstrahlung ging von ihm aus.
“Du widersetzt dich?”
Helluin kam in Kerrys Blickfeld. Der junge Anführer der Dúnedain hatte die Hände zu Fäusten geballt und er bot Saruman die Stirn, ohne beiseite zu sehen oder den Blick zu senken.
“Ich habe jeden Befehl befolgt, den Ihr mir gegeben habt, Meister. Doch ich werde nicht zulassen, dass Ihr sie in Gefahr bringt. Ich habe sie nicht hierher hin mitgebracht, damit sie eine Ablenkung für mich ist, sondern weil dies der sicherste Ort für sie ist.”
“Der sicherste Ort wäre in Thranduils Hallen gewesen,” entgegnete der Zauberer.
Kerry stellte fest, dass sie ihm zustimmte. Verwunderung machte sich in ihr breit, als sie sich die Situation genauer ansah und anhörte. Die Starre, die über sie gekommen war, verging und sie machte einen Schritt zur Seite, um Helluin besser sehen zu können. Wie konnte er Sarumans Entscheidung in Frage stellen? Der Dúnadan war kaum ein oder zwei Jahre älter als Kerry es war - Saruman hingegen hatte die Jahrtausende überdauert. Der Zauberer musste viel gesehen und erlebt haben und gewaltige Mengen an Erfahrung und Wissen besitzen. Mit einem Mal sah sie Helluin nicht mehr als robusten Waldläufer, sondern mehr wie einen rebellischen Jungen, der sich aus selbstsüchtigen Zielen gegen seine Autoritätsperson stellt. Was hatte er sich nur dabei gedacht, sie, Kerry, bis hierhin, auf die Spitze eines vom Feind besetzten Berges zu schleppen? Sie hatte hier absolut nichts verloren. Sie hätte in der Sicherheit der Hallen des Elbenkönigs bleiben sollen, wo ihr kein Leid hätte zustoßen können.
Helluin musste das ebenfalls erkennen. Sicherlich würde er sich fügen und seinen Fehler eingestehen. Es lag für Kerry ganz klar auf der Hand, dass Saruman Recht hatte. Selbstverständlich würde sie mit ihm gehen.
“Ich sagte, sie bleibt hier. Thranduils Hallen sind sicher, doch um sie zu erreichen, müsste sie die Schlacht durchqueren. Dieses Risiko ist zu groß.”
“Du bist ein Narr, Helluin,” erwiderte Saruman streng. “Das Mädchen ist eine Belastung, die dich von deiner Aufgabe ablenkt. Du hast einen Befehl erhalten. Nun führe ihn aus.”
“Das tue ich. Ich halte diese Stellung und warne das Heer, falls der Feind Verstärkung erhält.”
Saruman blieb wenige Schritte vor dem Dúnadan stehen und eine Pause trat ein. Beide Kontrahenten starrten sich an, ohne etwas zu sagen. Kerrys Anspannung wuchs. Sie konnte nicht verstehen, weshalb Helluin Widerstand gegen Sarumans weise Worte leistete. Sie beschloss, sich einzumischen.
Gerade als sie etwas sagen wollte, ertönte aus dem Tal ein lautes Krachen, und einer der Waldläufer rief: “Das Tor des Berges hat sich geöffnet! Mehrere Kompanien von Ostlingen sind auf dem Weg zur Stadt!”
Sarumans Kopf fuhr herum und er warf einen raschen Blick ins Tal. Ein unwilliger Ausdruck huschte über sein Gesicht und er sagte mit unterdrücktem Zorn in der Stimme: “Ich werde dort unten gebraucht. So habe vorerst deinen Willen, doch sei dir gewiss, dass diese Angelegenheit Konsequenzen haben wird.”
Ohne ein weiteres Wort wandte der Zauberer sich um und eilte die Treppe hinab.

Kerrys Gedanken waren ein einziges Chaos. Sie brauchte einen Augenblick um zu verarbeiten, was gerade geschehen war. Die Waldläufer hingegen standen am Rand des Bergkammes und beobachteten aufmerksam, wie die Ostlinge den Berg verließen. Es war keine so große Streitmacht, dass sie die Schlacht entscheidend wenden würde, doch die Heere der Weißen Hand, die gerade dabei waren, in die Stadt Thal vorzurücken, würden sich darauf einstellen müssen, aus einer neuen Richtung angegriffen zu werden.
“Es sind weniger als erwartet,” meinte Forgam, Helluins Stellvertreter. “Kein Grund, die Brandpfeile abzuschießen. Das Heer wird damit zurechtkommen.”
Helluin schien dieser Einschätzung zuzustimmen. “Ja. Solange sie nicht mehr Verstärkung als diese kleine Gruppe erhalten, wird der Angriff auf Thal wie geplant fortgeführt werden können.”
Kerry war froh, das zu hören. Langsam ordnete sich das Chaos in ihrem Kopf und sie war wieder in der Lage, sich Sorgen um ihre Freunde zu machen. Sie fragte sich, wie sie nur dazu gekommen war, dass sie beinahe freiwillig mit Saruman mitgegangen wäre. Sie rief sich all den Schrecken ins Gedächtnis, den sie seinetwegen in Eriador erlebt hatte. Eine dunkle Zelle in den Verliesen Carn Dûms. Mírlinns Tod auf dem Mauern Fornosts. Foraths Opfer in den Tiefen der Schmiede Eregions. Heftig schüttelte sie den Kopf, wie um den Zauber zu vertreiben, der offenbar auf ihr gelegen hatte.
Helluin gab einige Befehle und kam dann zu ihr hinüber. Schweigend blieb er neben ihr stehen, während sie beide den Verlauf der Schlacht in und um Thal herum beobachteten. Im Inneren der Stadt war inzwischen ein heftiges Gefecht rings um einen der Glockentürme entbrannt, doch Kerry konnte nicht erkennen, wer oder was sich dort bekämpfte. Sie sah nur dunkle und hellere Schemen, die als hin- und her wogende Masse in den Straßen rings um den Turm zu sehen waren. Auch außerhalb der Mauern wurde noch immer gekämpft. Obwohl Sarumans Streitmacht die Stadt von drei Seiten in die Zange genommen hatte, war es ihnen noch nicht an allen Stellen gelungen, die Stadtmauer zu erreichen oder gar zu überwinden. Im Zentrum, nahe des großen Tores, schien der Widerstand der Orks und Ostlinge am stärksten zu sein. Dort waren die Uruk-hai bereits dreimal unter großen Verlusten zurückgeschlagen worden. Doch noch während Kerry hinsah, brachten sie in einem erneuten Versuch ihre von starken Trägern beförderten Rammen vor das Tor. Bis hinauf an Kerrys Ohren drang das Hämmern auf die mit Stahl beschlagenen Torflügel. Und diesmal gab das Tor mit einem deutlichen Krachen nach. Dunkle Gestalten drängten gegen die geborstenen Holzflügel und pressten sich durch die sich verbreiternden Öffnung ins Innere.

“Die Schlacht geht ihrem Ende entgegen,” sagte Helluin eine gute Stunde später. Sie hatten schweigend nebeneinander gestanden und zugesehen, während der Rest der Dúnedain-Waldläufer nach weiterer feindlicher Verstärkung Ausschau gehalten hatte. Inzwischen war die Stadtmauer an vielen Stellen durchbrochen worden und der Großteil der Kämpfe fand nun innerhalb der Stadt Thal statt. Der Ausfall der Ostlinge durch das Tor des Erebors war, soweit Kerry hatte erkennen können, unter Sarumans persönlicher Führung zurückgeschlagen worden. Noch immer war die Stadt von drei Seiten umschlossen, doch der Großteil des Heeres der Weißen Hand befand sich nun auf der Innenseite der Mauern.
“Ich hoffe, die Elben haben keine oder nur wenige Verluste erlitten,” meinte Kerry, die sich nicht um Orks oder Uruk-hai scherte.
“In jedem Krieg müssen Opfer gebracht werden,” entgegnete Helluin. “Ein jeder Elb - oder Dúnadan - der heute sein Leben gab, tat es in dem Wissen, einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen den Schatten Saurons geleistet zu haben.”
Das mag sein, dachte Kerry. Doch ich frage mich, ob Saruman wirklich das geringere Übel ist...
Helluin schien ihr die Zweifel am Gesichtsausdruck abzulesen und sagte: “Einer von beiden wird triumphieren, Kerry. Sauron oder Saruman. Und von beiden ist Saruman derjenige, der Menschen, Elben und Zwerge nicht vernichten will, sondern gewillt ist, mit ihnen zusammenzuarbeiten.”
Zusammenzuarbeiten, dass ich nicht lache, dachte Kerry und machte ein spöttisches Geräusch. Sie hatte gesehen, wie diese “Zusammenarbeit” Sarumans nur allzu oft aussah. Der Weiße Zauberer war kein gütiger, verständnisvoller Anführer, sondern ein machtbesessener Herrscher. Das würde Helluin vermutlich bald schon selbst erfahren müssen.
“Du hast dich ihm widersetzt,” sagte Kerry. “Was wird nun geschehen?”
Zum ersten Mal zeigte sich so etwas wie Unsicherheit auf Helluins Gesicht. “Ich weiß es nicht,” gestand er. “Es ist das erste Mal, das so etwas passiert ist. Seitdem wir Dúnedain uns dem Meister angeschlossen haben, stellte niemand jemals seine Befehle in Frage, denn bis heute haben sie für mich einfach... Sinn ergeben. Er sprach stets weise und voller Nachsicht.”
“Bis heute.”
“Ja, bis heute. Ich konnte nicht zulassen, dass er dich in das Chaos dort unten bringt.”
“Warum nicht?”
Helluins Blick in ihre Augen und sein beinahe betretenes Schweigen machten Kerry nur allzu deutlich klar, was der Grund für seinen Widerspruch gegen Saruman war. Sie versuchte, nicht entnervt mit den Augen zu rollen. Das hätte ich längst kommen sehen müssen, dachte sie.

Glücklicherweise schien Helluin sich mit diesem Gespräch für den Moment zufrieden zu geben. Er kehrte in Begleitung Forgams zu dem von Zwergen errichteten Turm an der Spitze des Rabenberges zurück und überließ Kerry sich selbst. Ihr blieb daher im Augenblick nichts anderes übrig, als auf das Ende der Schlacht zu warten.
« Letzte Änderung: 16. Feb 2018, 12:47 von Fine »
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Vormarsch der Weißen Hand
« Antwort #3 am: 16. Feb 2018, 14:01 »
Kerry saß am Rand der Felskante, direkt über dem Abgrund an der Ostseite des Rabenberges und ließ die Beine baumeln. Sie sah zu, wie die Stadt Thal befreit wurde. Mehr und mehr Krieger des Heeres der Weißen Hand drangen ins Innere der Stadt ein und der Lärm der Schlacht begann nachzulassen. Als schließlich auf dem Turm der großen Halle im Zentrum der Stadt zwei Banner gehisst wurden, kamen die Kämpfe innerhalb Thals endgültig zum Erliegen. Kerry kniff die Augen zusammen und erkannte schließlich das blaue Banner Thals mit der schwarzen Drossel darauf, doch es hing im Schatten der Weißen Hand. Beide Flaggen flatterten nebeneinander im Wind, der inzwischen stärker geworden war und über die Bergflanke ins Tal hinein pfiff. Die Schlacht war vorbei. Saruman hatte gewonnen und Thal war befreit worden. Doch so richtig freuen konnte sich Kerry darüber nicht.

Sie zog ihren grauen Umhang enger um ihre Schultern. Die Kälte des Winters war nun nicht mehr allzu fern. Auf der Bergspitze und den oberen Hängen des Erebors lag bereits Schnee und Kerry vermutete, dass auch der Rest der umliegenden Lande allzu bald von einer dichten weißen Schicht bedeckt sein würde.
Mit einem Mal musste sie an ihre Mutter denken, die beim Angriff auf Kerrys Heimat Hochborn gestorben war. Was würde sie wohl sagen, wenn sie ihre Tochter dort sitzen sähe, am Rande einer großen Schlacht, die Beine über einen tiefen Abgrund hängend? Der Gedanke sorgte dafür, dass sich Kerrys Lippen zu einem Grinsen verzogen. Mutter würde sich mächtig darüber aufregen, was ich hier bloß verloren hätte, und wieso ich nicht warm genug angezogen bin, dachte sie. Und Vater würde es schwer fallen, sie wieder zu beruhigen. Da musste sie an Cyneric denken und wendete den Blick nach Südosten, über das große Heerlager der Weißen Hand hinweg bis zum Horizont, an dem sich eine endlos erscheinende Ebene zu beiden Ufern des Celduin-Flusses erstreckte. Irgendwo dort ist er in gefahrvoller Mission unterwegs, jenseits der Grenzen der uns bekannten Reiche. Im geheimnisvollen Rhûn, mit all seinen fremdartigen Völkern, Sprachen und Gebräuchen. Sie versuchte sich vorzustellen, an was für einem Ort sich ihr Vater wohl gerade aufhielt. Vor ihrem inneren Auge sah sie eine Stadt mit hölzernen Mauern, von deren Türmen rote Banner hingen und die von Soldaten in golden schimmernden Rüstungen bewacht wurden. Sklaven gingen in Ketten durch eines der Tore in die Stadt hinein, doch niemand kam wieder heraus. Und hoch über der Stadt kreiste einer der geflügelten Schatten, der vom falschen König Khamûl geritten wurde.
Nein, dachte Kerry. Der Ringgeist ist hier, im Inneren des Berges. Er ist wohl eher mein Problem, nicht Vaters. Mit einem Mal war sie sogar ganz froh, dass Saruman sich entschlossen hatte, seine Streitmacht persönlich anzuführen. Der Zauberer schien ohne Weiteres in der Lage zu sein, es mit Khamûl aufzunehmen. Und dennoch machte seine reine Anwesenheit Kerry nervös. Ihr war mittlerweile klar geworden, dass sie zuvor unter dem Bann der Stimme Sarumans gestanden hatte. Es war eine Erfahrung, die sie nicht noch einmal machen wollte. Sie war wehrlos gegen diese Macht und fürchtete sich davor, was Saruman mit ihr anstellen könnte. Jeglichen Befehl, den er ihr geben würde, würde Kerry befolgen müssen, solange sie unter dem Bann seiner Stimme stand. Es war ein Gedankengang, den sie lieber nicht zu Ende dachte.

Stattdessen fragte sie sich, was als Nächstes geschehen würde. Thal war befreit worden, doch noch immer hielten die Feinde Sarumans den Einsamen Berg besetzt. Während Kerry noch hinunter auf die Ebenen vor der Stadt starrte, kam erneut Bewegung in die finstere Masse, die von den Orks und Uruk-hai der Weißen Hand gebildet wurde. Kriegsgesang drang die Bergflanke hinauf als das Zentrum von Sarumans Streitmacht aus der Stadt ausrückte und sich vor den Toren des Erebors formierte. Aus dem Heerlager wurden große Belagerungsmaschinen auf eisernen Rädern herangerollt, die gewaltige stählerne Pfeile verschießen konnten. Kerry erinnerte sich, dass Oronêl sie während ihres Marsches von Esgaroth bis zum Berg als Ballisten bezeichnet hatte. Und nun war ihr klar, was geschehen würde. Saruman würde sich nicht mit Esgaroth und Thal zufrieden geben. Er streckte die Hand nach dem gefallenen Zwergenreich aus und hoffte, seinen dort in die Enge getriebenen Widersacher endgültig zu zermalmen. Die Belagerung des Einsamen Berges begann.
Oberhalb des großen Tores in der Mitte der Vorderseite des Erebors war ein Wehrgang in den Felsen gegraben worden, wo Kerry, als sie genauer hinsah, die markanten Rüstungen und Schilde der Ostlinge aufblitzen sah. Die Verteidigungslinie Khamûls war stark bemannt worden. Und auch das Tor selbst war nicht ohne Schutz geblieben. Ein tiefer Graben versperrten Sarumans Heer den Weg, denn die sich zurückziehenden Krieger von Rhûn hatten die einzige Brücke zerstört, die darüber hinweg geführt hatte. Zunächst blieben die Orks daher auf der Südseite des Grabens stehen und beschossen die Verteidiger mit Pfeilen und Armbrustbolzen, während die Ballisten in Stellung gebracht wurden. Auch die Elben des Düsterwaldes rückten inzwischen vor und bezogen wie auch in der Schlacht um Thal die Positionen auf den Flanken. Elbenpfeile schwirrten durch die windige Luft, doch Kerry konnte von ihrer erhöhten Aussichtsstellung kaum erkennen, ob sie auf dem von allen Seiten gut geschützten Wehrgang ihre Ziele fanden.
Es dauerte eine ganze Weile, bis das Heer der Weißen Hand einen Weg über den Graben fand. Einige Orks waren an flach über den Abgrund gelegten Leitern hinüber geklettert, während andere Behelfsbrücken aus notdürftigen Holzkonstruktionen errichteten. Doch noch gab es keinen Weg für die schweren Rammen, die das Tor und die Stadtmauer von Thal durchbrochen hatten, auf die andere Seite zu gelangen.

Kerry hatte inzwischen das Interesse an der Belagerung verloren. Ihre Freunde unten im Tal schienen vorerst außer Gefahr zu sein, da sich die Elben nur am Rande des Gefechts beteiligten und die Menschen in Thal geblieben waren. Also stand sie schließlich träge auf und streckte sich. Kerry gähnte. Es gab nichts für sie zu tun. Sie würde hier oben bleiben und abwarten müssen, bis es Sarumans Leuten gelang, durch die Verteidigung Khamûls zu brechen.
Eine halbe Stunde später war sie schon fast froh, als sie Helluin mit einigen weiteren Dúnedain auf sich zukommen sah.
“Die Belagerung hat also begonnen,” stellte der Anführer der Waldläufer unnötigerweise fest. “Haltet die Augen offen. Es mag unwahrscheinlich sein, aber sollte sich zu dieser späten Stunde noch Verstärkung unserer Feinde nähern, müssen wir den Meister warnen.”
Die Waldläufer bestätigten den Befehl und bezogen entlang des Bergkammes Position. Zuvor hatten sie sich offenbar innerhalb des verfallenen Zwergenturmes miteinander beraten und das Ausschauen nach Feinden vernachlässigt. Doch nun blickten wieder wachsame Augen von der Turmspitze auf die den Berg umliegenden Lande herab.
“Ich kann es kaum erwarten, von dieser windigen Bergspitze weg zu kommen,” sagte Kerry wenige Momente später. “Unter den Baumkronen des Düsterwaldes ist es beinahe noch Sommer, während hier oben schon der Winter naht.”
Helluin schien überrascht zu sein, dass sie das Wort an ihn richtete, weshalb er einen Augenblick brauchte, um zu antworten. “Der Düsterwald hat viele Geheimnisse,” sagte er schließlich. “Wir haben ihn in seiner ganzen Länge von Dol Guldur bis zu den Hallen des Waldlandkönigs durchquert, und dennoch habe ich das Gefühl, noch nicht einmal an der Oberfläche dessen gekratzt zu haben, was es unter seinem verwunschenen Blätterdach zu sehen gibt.”
“Was habt ihr denn auf dem Weg so gesehen?”
“In der nahen Umgebung Dol Guldurs lebte nichts bis auf übles Getier, doch je weiter wir nach Norden kamen, desto wundersamer war das Wildleben, das uns begegnete. Einmal, als ich mit der Vorhut vorausging, glaubte ich, einen weißen Hirsch im Dickicht zu erspähen, doch er floh, als er die Orks witterte, die hinter uns her marschierten und eine Schneise durch das Unterholz schlugen. Doch was mich am meisten beeindruckte, waren die Spinnen.”
“Igitt! Spinnen?”
“Sie scheinen sich von Süden über den gesamten Wald ausgebreitet zu haben, und besitzen eine unverkennbare Intelligenz,” erzählte Helluin. “Wir gerieten in einen Hinterhalt, als wir einen Pfad nahe der Berge des Düsterwaldes auskundschafteten, und mussten um unser Leben kämpfen. Mehrere Orks verfingen sich in ihren gewaltigen Netzen und wurden von diesen Kreaturen verschleppt. Doch als die Spinnen merkten, dass unser Heer im Anmarsch war, zogen sie sich im völligen Einklang miteinander zurück und behelligten uns nicht wieder.”
“Spinnen, die Orks verschleppen? Wie - wie groß waren die denn?” Kerrys Augen hatten sich geweitet, als sie sich vorstellte, was für widerwärtige Kreaturen unter dem Dach des Düsterwaldes lauerten.
“Größer als du oder ich,” meinte Helluin. “Sei froh, dass es im nördlichen Teil des Waldes nur wenige von ihnen zu geben scheint. Du wärst sicherlich ein ganz besonderer Leckerbissen für sie.”
Kerry wurde schlecht bei dem Gedanken, in einem großen Netz als Mahlzeit für eine riesige Spinne zu enden. Sie schüttelte sich. “Daran will ich gar nicht denken,” stieß sie hervor. “Wie kannst du sowas überhaupt sagen?”
Helluin gab ein etwas gequält klingendes Lachen von sich. “Ich schätze, das heißt dann wohl, dass mein Kompliment bei dir nicht sonderlich gut angekommen ist,” sagte er und strich sich betreten über den Hinterkopf.
“Wie bitte? Ich verstehe nicht, was du sagen willst.”
Helluins Verlegenheit wurde noch stärker. “Ich meinte damit... ach, vergiss es einfach.”
“Nein, jetzt will ich es wissen. Spuck es schon aus!”
“Ich meinte... du wärest für diese Spinnen ein besonderer Leckerbissen, weil du... weil du, nun, besonders süß bist.” Er brachte es nicht über sich, sie bei diesen Worten anzusehen.
”Blóden hel,” fluchte Kerry auf Rohirrisch. Mehr brachte sie nicht heraus. Obwohl sie es schon früh vermutet hatte, blieb ihr nun doch die Spucke weg. Sie presste beide Augen zu und dachte angestrengt an Aéd.
“Du, äh... bist wohl gerade nicht in der besten Stimmung für ein Gespräch,” meinte Helluin, der sich bereits einen Schritt von ihr entfernt hatte. “Ich sollte vermutlich nach meinen Leuten sehen, und...” Seine Stimme verklang, als er sich hastig entfernte.

Kerry blieb mit hochrotem Kopf zurück. Sie war wütend und wusste nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Als ihr Rilmir während ihrer Zeit in Eriador zum ersten Mal von Helluin und den abtrünnigen Dúnedain erzählt hatte, hatte sie immer gedacht, der Stammesführer der Waldläufer wäre ein vom Ruhm geblendeter, aber dennoch gefährlicher und mächtiger Krieger. Und das war er gewiss auf eine Art auch, doch gleichzeitig war er auch nur ein Junge in Kerrys Alter, der bei dem Versuch, ihr Avancen zu machen, über beide Füße gestolpert war. Sie hätte beinahe gelacht, wenn die Situation nicht gleichzeitig so ernst gewesen wäre.
Das schlägt dem Fass doch echt den Boden aus, dachte sie und stemmte die Fäuste in die Hüften. Es geht hier um Leben und Tod und um das Schicksal Mittelerdes, und ich muss mich mit diesem... diesem Unsinn herumschlagen. Sie gab ein frustriertes Geräusch von sich und wünschte sich zurück nach Dunland, zu Aéd, oder nach Eregion, wo Halarîn sicherlich schon sehnsüchtig auf ihre und Mathans Rückkehr wartete.
Eines Tages werde ich über all das hier lachen können. Wenn diese Welt nicht vorher von Sauron oder Saruman zerstört wird. Was ich nicht hoffe. Es gibt noch viele Orte, die ich vorher gerne bereisen würde. Aber eins ist klar: Auf keinen Fall werde ich das in Begleitung Helluins machen.
Sie kehrte zur Felskante zurück und setzte sich an derselben Stelle hin, an der sie den Beginn der Belagerung des Erebors beobachtet hatte. Noch immer hatte sich die Lage vor den Toren des Berges kaum verändert. Zwar waren inzwischen schon mehr Orks über den Graben geklettert, doch noch immer waren ihre Behilfsbrücken nicht stark genug, um das Gewicht der Rammen zu tragen. Zwar hatten die Ballisten den Wehrgang und das Tor unter Beschuss genommen, doch offenbar hatten sie noch keinen entscheidenden Schaden angerichtet. Es sah ganz so aus, als würde sich die Belagerung noch eine ganze Weile in die Länge ziehen...
« Letzte Änderung: 16. Feb 2018, 15:38 von Fine »
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Aino
« Antwort #4 am: 18. Feb 2018, 01:31 »
So hatte ich mir das aber nicht vorgestellt, dachte Kerry, als sie hastig nach ihrem Schwert griff und es mit einem Ruck hervorzog. Muss das gerade jetzt passieren?
Sie hatte seit ihrer kleinen, merkwürdigen Unterhaltung mit Helluin weiterhin die andauernde Belagerung beobachtet, die Stunde um Stunde uninteressanter für sie wurde, da sich einfach nichts tat. Noch immer war das Tor uneingenommen, auch wenn es nun von den Wehrgängen kaum noch Widerstand gab, da sie durch Beschuss der Ballisten stark beschädigt worden waren. Doch solange das Tor standhielt, würde die Belagerung erfolglos bleiben. Kerry hatte sich schließlich nichts sehnlicher gewünscht, als dass irgend etwas sie von ihrer unaufregenden Zuschauerrolle ablenken würde.
Doch sie hätte vorsichtig mit ihren Wünschen sein sollen. Denn nun war etwas geschehen, das die Langeweile auf dem Rabenberg jäh unterbrochen hatte. Sie waren angegriffen worden.
Orks und Ostlinge waren von Norden auf die Bergflanke gekommen und hatten die Waldläufer in ein Gefecht verwickelt, das nun auch bis zu Kerry vorgedrungen war. Noch immer hielt sie sich in der Nähe der Treppe auf, die zurück hinunter ins Tal führte, bereit, notfalls den Rückzug anzutreten. Bislang hatte es dazu noch keinen Grund gegeben, denn die Orks und Ostlinge beschäftigten die Waldläufer zwar, waren aber nicht zahlreich genug, um sie zu überrennen.
Warum habe ich mir nicht einfach gewünscht, wieder zuhause in Eregion zu sein, dachte sie und ärgerte sich über sich selbst. Dass gerade dieser dumme Wunsch in Erfüllung gehen muss...
Ein gedrungener Ork sprang auf sie zu und sie verbannte ihre verärgerten Gedanken aus ihrem Kopf. Sie rief sich ihr Training wieder in den Sinn und machte einen raschen Ausfallschritt nach links. Der hoch angesetzte Hieb der Kreatur ging ins Leere und Kerry gelang es, ihm ihre kurze Klinge in den Rücken zu rammen. Röchelnd brach der Ork zusammen. Kerry hatte einige Schwierigkeiten, ihr Schwert aus dem Kadaver zu befreien, doch nach mehreren Anläufen geling es ihr schließlich. Ein rascher Blick in alle Richtungen zeigte ihr, dass sie sich nicht mehr in unmittelbarer Gefahr befand. Für einen Augenblick waren die Orks ins Wanken geraten, und die Dúnedain erschlugen mehrere von ihnen. Helluin, der einen Bogen ergriffen hatte, verschoss zielgenau einen Pfeil mitten in das Gesicht eines besonders hässlichen Orks, wie Kerry fand. Neben ihm stand Forgam, sein Stellvertreter, und hielt eine der kleinen Orthancfeuer-Kugeln in der Hand. Er wartete auf den passenden Augenblick, dann warf der grauhaarige Dúnadan Sarumans Werk inmitten der sich wieder sammelnden Orks. Mit einem Lichtblitz und lautem Krachen wurden sie auseinandergeschleudert.
Doch die Ostlinge waren nicht so leicht zu besiegen. Noch mehr von den in golden schimmernde Rüstungen gekleideten Soldaten tauchten am Rand des Bergkammes auf und gingen zum Angriff über. Diesmal waren sie in der Überzahl, und sie ließen sich nicht so leicht einschüchtern wie die Orks. Ihr Kommandant, der ein rotes Banner mit sich führte, schien fest entschlossen zu sein, die Dúnedain vom Rabenberg zu vertreiben. Und so waren Kerry und die Waldläufer gezwungen, um ihr Leben zu kämpfen und konnten daher nicht mehr darauf achten, ob Verstärkung für die im Inneren des Erebors belagerte Streitmacht Mordors eintraf.
Erneut gelang es einigen Feinden, durch die Verteidigungslinie der Waldläufer bis zu Kerry vorzudringen. Zwei schwer gepanzerte Ostlinge kamen auf sie zu und Kerry wich mehrere Schritte zurück, bis sie mit dem Rücken an einen großen Felsen stieß. Da schwirrte ein Pfeil Helluins heran und fand die Schwachstelle der Rüstung am Hals des vorderen Kriegers. Der zweite Ostling blieb stehen und zögerte. Kerry konnte sein Gesicht unter dem Helm nicht erkennen, doch in der Körperpsrache des Mannes glaubte sie Überraschung zu erkennen. War er überrascht, jemanden wie sie hier vorzufinden? An ihrem Geschlecht konnte es nicht liegen. Unter den Dúnedain Helluins waren drei weitere Frauen, die genauso gefährlich wie die männlichen Waldläufer waren. Kerry beschloss, das Zögern ihres Feindes zu nutzen und ging kurzerhand zum Angriff über. Mit einem Schrei sprang sie vorwärts und legte all ihre Kraft in einen beidhändigen Hieb, der auf das Langschwert des Ostlings zielte und zu Kerrys eigener Überraschung sein Ziel genau traf. Sie spürte, wie der Widerstand, auf den sie getroffen war, nachgab und mit einem lauten Klirren sprang das Schwert aus der Hand des Ostlings. Er taumelte rückwärts, ließ seinen Schild fallen und stolperte über einen Stein und strauchelte. Schon war Kerry über ihm, hob das Schwert weit über ihren Kopf, zum Todesstoß ausholend, und...
"N-nein! Oh bitte, nein!"
Kerry hielt inne. Der Ostling hatte seinen Helm verloren als er gestürzt war und sie blickte in die vor Angst weit aufgerissenen Augen eines Jungen. Kaum älter als siebzehn oder sogar sechzehn musste er sein. Mit einer Hand stützte er sich in eine halbwegs aufrechte Sitzposition auf, die andere Hand war abwehrend erhoben. Sein Blick war flehend geworden.
"Verschone mich! Ich... ich will nicht sterben!"
Kerry war entsetzt. Noch immer hatte sie ihr Schwert mit beiden Armen gepackt, aber sie ließ die Klinge langsam mehr und mehr sinken. Sie wusste, dass dieser Junge ihr Feind war. Er gehört zu den Dienern Saurons, dachte sie sich. Und er hätte mich getötet, wenn ich ihn gelassen hätte. Und doch konnte sie es nicht tun. Tränen liefen den Ostling über die Wangen und er begann, leise zu schluchzen. Kaum hörbare Worte in einer fremden Sprache drangen über seine Lippen, die sich beinahe lautlos bewegten.
Da handelte Kerry instinktiv. Sie ließ ihr Schwert fallen. Er war nur ein Junge, der genauso fehl am Platz zu sein schien wie sie selbst. Irgend jemand hatte ihm einen Befehl gegeben, und er war dazu gezwungen worden, ihn auszuführen. Es war nicht seine Schuld. Kerry ließ sich neben ihm auf ein Knie nieder und sagte: "Ist schon gut. Ich werde dich nicht töten."
Der Ostling verschluckte sich und hustete, doch dann begann er, sich zu entspannen. "Bist du verletzt?" fragt Kerry.
"Ich... Nein, mir fehlt nichts, schätze ich," stieß er hervor und wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. "Ich danke dir, gütige Fremde."
"Ich heiße Kerry," gab sie zurück.
"Aino, Sohn des Rauno," antwortete er und blickte sich um. Noch immer tobte das Gefecht, doch die Dúnedain hatten trotz einiger Verluste inzwischen die klare Oberhand gewonnen. Langsam aber sicher drängten sie die verbliebenen Ostlinge zum Berg zurück. Der Bannerträger war bereits gefallen und es würde nicht lange dauern, bis auch der Rest der Ostlinge besiegt oder in die Flucht geschlagen wäre. Kerry und Aino befanden sich daher in einiger Entfernung von den kämpfenden Dúnedain und man schenkte ihnen keine Beachtung.
"W-was hast du nun mit mir vor, Kerry?"
"Ich weiß es nicht. Du bist nicht mein Gefangener. Erzähl mir erst einmal, was hier eigentlich vor geht, Aino. Warum bist du hier?"
Aino blickte zu Boden. "Mein Vater schickte mich zum Berg, um erste Kriegserfahrungen zu sammeln. Er ist einer der höchsten Heerführer des Königs und führt nun das Kommando über die Palastgarde, in Gortharia. Man teilte mich einer Gruppe von Kriegern zu, die zeitgleich mit dem Ausfall den Spähposten auf dieser Bergflanke hier oben angreifen sollten, um als Ablenkung zu dienen."
"Moment mal," unterbrach Kerry. "Ausfall? Ablenkung? Wovon sprichst du?"
Aino setzte ein gequältes Lächeln auf. "Die Belagerung des Berges wird vermutlich scheitern. Verstärkung ist von Süden hierher auf dem Weg und fällt eurem Heer schon bald in den Rücken. Außerdem entsandte der... der Falsche König eine starke Streitmacht durch den Seiteneingang des Berges, um sich der Verstärkung anzuschließen und die Belagerer zwischen Hammer und Amboss zu zerschmettern. Und da bekannt war, dass Späher auf der westlichen Bergkante positioniert sind, befahl man uns, die wachsamen Augen mit einem Angriff abzulenken, damit niemand die Falle rechtzeitig bemerkt."
Kerry fluchte und sagte: "Das ist nicht gut. Meine Freunde sind dort unten! Ich muss sie warnen."
"Aber-"
"Kein aber! Wenn du versuchst, mich aufzuhalten, muss ich dich doch noch töten." Kerry wusste natürlich, dass sie diese Drohung nicht in die Tat umsetzten würde, doch auf Aino hatten ihre Worte dennoch die gewünschte Wirkung. Er erschauerte und seine Augen weiteten sich.
"Bitte nicht!"
Kerry musterte den Jungen. "Du bist aber kein besonders tapferer Krieger," stellte sie fest. "Lässt dich von einem Mädchen herumschubsen und einschüchtern."
Aino gab ein verärgertes Geräusch von sich. "Das ist nicht fair. Ich bin einfach nicht für den Krieg geschaffen! Meine Leidenschaft ist das Musizieren, ganz besonders an der Harfe. Aber mein Vater will unbedingt einen großen Krieger aus mir machen. Ich... ich werde niemals seinen Erwartungen gerecht werden." Ein tiefer Seufzer folgte diesen Worten.
"Unsinn," widersprach Kerry, ehe ihr einfiel, in welcher Gefahr ihre Freunde unten im Tal schwebten. "Ich habe jetzt schon genug Zeit verschwendet. Ich muss..."
"Was haben wir denn hier? Hast du einen Gefangenen gemacht, Kerry?" sagte Helluins Stimme hinter ihr. Gemeinsam mit Forgam war der Stammesführer der Dúnedain unbemerkt herangekommen.
"Ja, ich meine, nein - ist das wichtig? Helluin, hör mir zu! Das ist eine Falle!" rief Kerry und fasste rasch zusammen, was Aino ihr erzählt hatte. Sofort rannten mehrere Waldläufer zur östlichen Felskante des Rabenberges, um die Lage dort unten einzuschätzen.
"Es sieht nicht gut aus," sagten sie. "Das Heer ist bereits von hinten angegriffen worden. Es sieht so aus, als hätten sie die feindliche Vorhut zunächst zurückgeschlagen, doch inzwischen hat sich das Tor des Erebors geöffnet und mehr und mehr Feinde strömen heraus. Sie wagen einen großangelegten Ausfall!"
Und tatsächlich konnte Kerry nun sehen, wie starke Verbände durch das geöffnete Tor des Erebors heraus drängten und das Heer Sarumans von zwei Seiten in die Zange nahmen. Eine heftige, offene Schlacht entbrannte aufs Neue rings um Thal herum.

"Im Augenblick können wir nichts tun, als die Stellung zu halten," sagte Helluin. "Nun zu deinem Gefangenen, Kerry."
"Wenn er keine weiteren wichtigen Informationen hat, sollten wir ihn einfach töten," schlug Forgam vor. "Er ist eine unnötige Belastung."
"Nein!" widersprach Kerry. "Können wir ihn nicht einfach gehen lassen? Er ist doch nur ein Junge, der genauso wenig in diesem Krieg sein will, wie ihr oder ich."
"Ihn gehen lassen? Damit er sich wieder unseren Feinden anschließen kann und uns erneut angreifen kann? Ich denke nicht." Forgam zog sein Schwert und Aino schrie ängstlich auf.
"Er ist mein Gefangener und ich sage, er bleibt am Leben!" Kerry stellte sich schützend vor den Ostling und blickte Helluin flehend an.
"Lass gut sein, Forgam," sagte dieser schließlich. "Im Augenblick haben wir Wichtigeres, mit dem wir uns befassen müssen."
Wie aufs Stichwort traf ein Bote über die steile Treppe aus dem Tal ein. Es war ein Ork, der das Zeichen der Weißen Hand trug.
"Der Gebieter befiehlt den Rückzug," berichtete er. "Das Heer wird sich hier an dieser Position sammeln und dann über die Bergflanke nach Westen in Richtung des Waldes abrücken."
Helluin warf einen Blick nach unten. "Die Ostlinge haben einen Keil zwischen die Uruks und die Elben des Waldlandreiches getrieben," stellte er fest. "Wissen Thranduils Leute Bescheid von diesem Befehl?"
"Es ist zu gefährlich, ihnen jetzt noch eine Nachricht zu senden und ihr Rückweg ist bereits abgeschnitten," antwortete der Bote. "Sie sind auf sich allein gestellt."
Kerry sah Helluin deutlich an, wie er einen inneren Konflikt mit sich austrug. Schließlich nickte er nur, und der Bote verschwand auf demselben Weg, auf dem er gekommen war.
"Wir müssen Oronêl und Finelleth warnen," drängte Kerry.
Helluins Gesicht war eine grimmige Maske. "Ich kann nicht erneut einen direkten Befehl ignorieren. Fehlt auch nur einer meiner Leute, wird Saruman es bemerken."
"Dann... dann werde ich gehen," beschloss Kerry.
"Das ist viel zu gefährlich!" rief Helluin. "Ein ganzes Heer von Ostlingen steht zwischen dir und den Elben. Du wirst niemals lebendig auf der Ostseite des Tals ankommen!"
"Ich muss es zumindest versuchen, das bin ich ihnen schuldig," gab Kerry zurück. "Und außerdem werde ich nicht alleine gehen. Ich nehme Aino mit, und er wird mir schon den Weg freiräumen. Immerhin ist er der Sohn eines Generals."
Sie zog den Jungen auf die Beine, ehe Helluin sie aufhalten konnte.
"Kerry, das ist Wahnsinn!" versuchte er noch einzuwenden.
"Vielleicht. Aber wenn es Wahnsinn ist, seine Freunde zu retten, dann darfst du mich gerne als vollkommen verrückt bezeichnen. Das ist es, was für mich Freundschaft bedeutet. Ich gehe jetzt - versuche nicht, mich aufzuhalten."
Helluin schien es die Sprache verschlagen zu haben. Kerry zog Aino mit sich in Richtung der Treppe, ihr Schwert in der freien Hand haltend.
Forgam machte einen Schritt in ihre Richtung, doch da sagte Helluin schließlich: "Lasst sie gehen."
Und so verließ Kerry den Rabenberg und kam Schritt für Schritt, Stufe für Stufe, der laut tobenden Schlacht vor den Toren des Erebors immer näher...


Kerry und Aino in Richtung Thal den Berg hinab...
« Letzte Änderung: 18. Feb 2018, 20:41 von Fine »
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