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Autor Thema: Marwans Residenz  (Gelesen 7594 mal)

Eandril

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Re: Marwans Residenz
« Antwort #15 am: 6. Aug 2015, 11:45 »
Elphir, Hilgorn, Qúsay, Thjodbjörg, Dirar und Marwan vom Marktplatz...


Am Morgen nach dem Fest erwachte Hilgorn einigermaßen frisch und ausgeruht - ganz im Gegensatz zu Elphir. Der Prinz hatte am gestrigen Abend aus der Freude über das gelungene Bündnis mit Qúsay und die Rückeroberung Linhirs dem Alkohol, der in rauen Mengen ausgeschenkt worden war, ein wenig zu sehr zugesprochen. Zwar nicht so sehr, dass er sich hoffnungslos betrunken hätte, aber doch genug um nun am nächsten Morgen empfindlich ins Licht zu blinzeln und über Kopfschmerzen zu klagen.
Während Elphir sich langsam aufrichtete und dabei den Kopf hielt, dachte Hilgorn über Qúsay nach. Der selbsternannte Malik von Harad, was eine Art Großkönig zu sein schien, hatte ihn mit seiner Rede überrascht. Er hatte eigentlich erwartet, dass Qúsay seinen Männern Hass gegenüber seinen Feinden einreden würde - so waren Reden solcherart schon immer gehalten worden, und auch Hilgorn selbst hatte schon selbst so gesprochen.
Aber Qúsay hatte etwas anderes getan: Er hatte seinen Männern klar gemacht, dass ihre Feinde keine gefühllosen, bösartigen Wesen waren, sondern Menschen wie sie, die nur auf der falschen Seite des Schlachtfelds standen.
Hilgorn stand auf und blickte aus dem Fenster hinaus auf den Platz vor dem Haus, wo sich bereits erste Vorbereitungen für ihren Ritt nach Dol Amroth getroffen wurde.
Die Gedanken, die Qúsay ausgesprochen hatte, waren neu für Hilgorn. Bislang war es einfach gewesen: Gondor und die freien Völker führten Krieg gegen die Streitkräfte der Finsternis. Gondor wurde angegriffen und musste sich verteidigen. Aber der Krieg der jetzt in Harad heraufzog war von gänzlich anderer Art. Wenn Qúsay Recht hatte, dann standen auf jeder Seite ebenso viele gute Männer wie auf der anderen. Wie sollte man einen solchen Krieg führen?

Als er hinter sich ein spritzendes Geräusch hörte, wandte Hilgorn sich um und sah, wie Elphir sich in einen Eimer übergab, denn offenbar ein Diener in weiser Voraussicht in die Nähe seines Bettes gestellt hatte. Als der Prinz sich wieder aufrichtete war er zwar blass, sah allerdings insgesamt besser aus.
"Nun, mein Prinz?", fragte Hilgorn spöttisch. "Geht es euch wieder besser, jetzt, wo ihr das gesamte köstliche Festmahl vergeudet habt?"
Elphir winkte ab, und erwiderte: "Fahr doch zur Hölle. Oder tu es nicht, aber hör auf jeden Fall auf, von Essen zu reden."
Hilgorn grinste breit und sagte: "Ich fand das Festmahl wirklich köstlich - auch wenn ich bei mindestens der Hälfte der Sachen die ich gegessen habe keine Ahnung habe, was es gewesen sein könnte."
"Hör auf der Stelle auf damit, oder ich schwöre dass ich dir sofort das Kommando entziehen werde.", drohte Elphir der aussah, als sei ihm bereits wieder schlecht.
Hilgorn verneigte sich ironisch und meinte: "Ganz wie mein Prinz befiehlt."
Elphir ging zur Tür und öffnete sie. "Los, komm. Von mir aus könnten wir sofort aufbrechen, ich glaube nicht, dass ich vorher noch etwas zu mir nehmen werde..."
« Letzte Änderung: 14. Sep 2016, 16:26 von Fine »

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Eandril

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Re: Marwans Residenz
« Antwort #16 am: 13. Aug 2015, 11:37 »
Unten im Hauptraum des Hauses hatten Marwans Diener ein Frühstück bereitet bei dessen Anblick Elphir beinahe sofort rückwärts aus dem Raum gegangen wäre. Hilgorn schaffte es ihn zu überreden, wenigstens ein wenig trockenes Fladenbrot zu sich zu nehmen um sich für den Ritt nach Dol Amroth zu stärken. Er selbst hatte keine Probleme damit, sich an Joghurt, Buttermilch und Käse zu seinem Fladenbrot gütlich zu tun und stellte nach dem gestrigen Abend zum zweiten Mal fest, dass ihm das haradische Essen entgegen seiner Erwartungen sehr gut schmeckte.
Was wiederum ein Beweis dafür wäre, dass die Haradrim nicht wirklich böse sein können dachte er, und musste innerlich schmunzeln dass er diese Schlussfolgerung daraus zog, dass die Haradrim ihrem Essen ebenso viel Aufmerksamkeit schenkten wie die Menschen Gondors.
Schließlich beendete er sein Frühstück, Elphir war deutlich früher als er fertig gewesen, und sie verließen das Haus. Draußen trafen sie auf Qúsay, der sie mit einem Lächeln begrüßte, Marwan und Túrin. Elphir wandte sich an letztere und bat sie, in der Stadt eine Wahl zu organisieren, bei der ein Statthalter gewählt werden sollte. "Außerdem befördere ich euch zum Kommandanten der Garnison von Linhir.", sagte der Prinz an Túrin gewandt, und Hilgorn war von der plötzlichen Spontanität Elphirs überrascht. Zuvor war der Prinz bedacht und zögerlich gewesen, aber vielleicht hatten die Schlacht und seine Begegnung mit dem Nazgûl ihn entschlussfreudiger gemacht. Túrin wusste offensichtlich nichts zu sagen, und so fuhr Elphir fort, während er bereits sein Pferd bestieg: "Wenn wir beim Heerlager vorbeikommen wird Hilgorn die Befehle ausgeben, die wir gestern besprochen haben."
"Ich denke, ich werde etwa dreihundert Mann als Garnison zu euch entsenden können.", meinte Hilgorn an Túrin gewandt und bestieg dann ebenfalls sein Pferd. Qúsay und Dirar waren ebenfalls bereits aufgestiegen, und so verließen sie Linhir Richtung Westen.

Qùsay, Dirar, Hilgorn, Elune und Elphir nach Dol Amroth...
« Letzte Änderung: 20. Feb 2016, 22:09 von Fine »

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Eandril

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Re: Marwans Residenz
« Antwort #17 am: 26. Jan 2018, 18:29 »
Hilgorn von den Straßen der Stadt

Das alte Herrenhaus, das vor der Befreiung Linhirs Marwan als Sitz gedient hatte, war von Turin und Bürgermeisterin Ioreth zu ihrem Hauptquartier gemacht worden. Der ursprüngliche Besitzer war nicht aufzufinden gewesen, entweder war er längst tot oder nach Westen geflohen, erklärte Turin als er gemeinsam mit Hilgorn die Eingangshalle betrat. Hilgorn sah sich aufmerksam in der Halle um. Sämtliche Zeichen der Haradrim waren daraus verschwunden, und ohne sie wirkte das Haus ein wenig kahl und vernachlässigt.
An das Zimmer, dass Hilgorn zur Verfügung gestellt worden war, erinnerte er sich gut - es handelte sich dabei um den gleichen Raum, in dem er und Elphir nach der Befreiung Linhirs untergebracht worden waren. Er hatte jedoch nur wenig Zeit sich dort aufzuhalten, denn er hatte ein frühes Abendessen mit Turin und Ioreth geplant, vor Einbruch der Dunkelheit. Denn Hilgorn befürchtete einen Angriff Mordors, sobald die Sonne untergegangen war.

"Glaubt ihr, ihr werdet die Stadt halten können?", fragte Ioreth mit bemühter Ruhe, nachdem das Essen einige Zeit lang schweigend vonstatten gegangen war. Niemand zeigte angesichts der bevorstehenden Kämpfe viel Appetit, und so war Hilgorn erleichtert eine Ausrede zu finden, Messer und Gabel zur Seite zu legen, obwohl er sich vor dieser Art Fragen gefürchtet hatte.
"Ich kann nichts versprechen", antwortete er langsam. "Obwohl ich es gerne könnte, aber ich werde euch keine schönen Lügen erzählen und Hoffnungen machen, die dann umso bitterer enttäuscht werden könnten." Auch Ioreth hatte das Besteckt beiseite gelegt und die Stimme der alten Frau klang müde, als sie sagte: "Ich habe zwei Mal meine Heimat verloren, und ich dachte... vielleicht könnten wir uns ein drittes Mal halten."
"Vielleicht können wir das ja auch", erwiderte eine neue Stimme, bei deren Klang Hilgorn unwillkürlich lächelte. Von allen unbemerkt hatte sein Bruder Aldar den Raum betreten, und nickte Turin zu, bevor er eine Verbeugung in Richtung Ioreth andeutete. "Kommandant. Meine Verehrung, Frau Ioreth." Er ließ sich auf einem freien Stuhl nieder, zog ungeniert Hilgorns halb geleerten Teller zu sich heran und begann zu essen. "Wir werden sie spätestens am Hafen aufhalten, falls mein Bruder nicht das Wunder vollbringt, die Ostmauer zu halten."
"Du hast ein Händchen dafür, anderen Mut zu machen", meinte Hilgorn lächelnd. "Wenn es gut läuft, werden wir dich und die anderen Kapitäne gar nicht brauchen."
"Und das wäre eine verfluchte Schande", gab Aldar mit halb vollem Mund zurück. "Ich wäre empört, wenn ihr uns nicht den ein oder anderen Ork überlassen würdet - seit wir die Korsaren bei Dol Amroth geschlagen haben, hatten wir keine anständige Seeschlacht mehr, da wollen wir wenigstens ein paar von den Scheusalen vom Hafen aus abschießen."
"In diesem Fall werden wir uns am besten direkt hinter den Gilrain zurückziehen, damit ihr euren Spaß bekommt", erwiderte Hilgorn ironisch. Ioreth blickte mit unsicherem Lächeln zwischen den Brüdern hin und her, und Hilgorn wandte sich an sie, um sie zu beruhigen: "Es ist lediglich ein Scherz. Wir werden natürlich unser möglichstes geben, das Ostufer zu halten, und sollte uns das nicht möglich sein, werden Aldar und die übrigen Kapitäne sicherlich in der Lage sein, uns dabei zu helfen, sie am Fluss aufzuhalten."
"Wie wäre es, wenn ihr uns etwas über den Sieg in Morthond erzählt?", warf Turin ein, um das Gespräch in weniger bedrückende Gefilde zu lenken. "Wir haben hier nur Gerüchte und Erzählungen aus zweiter Hand gehört."
"Das würde mich auch interessieren", meinte Aldar, dessen Miene ernst geworden war, und warf Hilgorn einen scharfen Blick zu, doch dieser schüttelte den Kopf. "Nicht heute Abend. Bitte, würdet ihr uns einen Augenblick entschuldigen?" Die Frage war an Turin und Ioreth gerichtet, die beide verständnisvoll nickten - natürlich hatten sie davon gehört, dass Hilgorns Bruder in Morthond auf Seiten des Feindes gekämpft hatte und dort gefallen war. Aldar zog eine Augenbraue in die Höhe, erhob sich aber wortlos und folgte Hilgorn hinaus in den verlassenen Innenhof des Anwesens.
"Also", begann er nach einem Augenblick unangenehmer Stille. "Wie genau ist er gestorben? Man hört die wildesten Gerüchte, über einen Bruderkampf inmitten der Schlacht..."
"Unsinn", erwiderte Hilgorn nüchtern. "Es gab keinen Zweikampf oder ähnliches. Er wollte mir den Rest geben, nachdem ich zu Boden gegangen war. Nur ist ihm Valion glücklicherweise zuvor gekommen, ansonsten würden wir dieses Gespräch jetzt nicht führen."
"Valion vom Ethir?", fragte Aldar ungläubig. "Nach allem, was ich über ihn gehört habe, ist er er ein verwöhntes Fürstensöhnchen."
Hilgorn lächelte ein wenig verkrampft. "Deine Informationen sind ein wenig veraltet, Bruder. Valion mag unüberlegt und uneinsichtig sein, aber verwöhnt würde ich ihn nicht mehr nennen."
"Jedenfalls bin ich froh, dass er Imradon erledigt hat, und du es nicht selbst tun musstest. Ich meine... er war ein Verräter und ist schon immer ein Arschloch gewesen, aber..."
"Ich verstehe, was du meinst. Trotz allem war er noch immer unser Bruder, und ich weiß nicht, ob ich ihn selbst hätte töten können. Nur schade, dass er diese Skrupel nicht ebenfalls hatte", erwiderte Hilgorn, und Aldar lachte. "Ja, wirklich schade." Er legte Hilgorn eine Hand auf die Schulter, und fragte mit einem Augenzwinkern: "Und, wie geht es seiner armen Witwe, meiner schönen Bald-Wieder-Schwägerin? Und meinem Neffen und meiner Nichte?"
Hilgorn beschloss, die Anspielung zu ignorieren, und antwortete stattdessen: "Es geht ihnen allen gut - sie fühlen sich wohl in Dol Amroth, und Tírneth ist eine gute Freundin für Faniel geworden."
"Das freut mich zu hören." Aldars Miene wurde wieder ernst. "Ich hoffe wirklich, dass wir es hoffen, Mordor hier aufzuhalten. Ich weiß nicht, ob Dol Amroth einer weiteren Belagerung standhalten würde." Er wartete keine Reaktion von Hilgorn ab, sondern fuhr fort: "Und ich hoffe, dass es bald gute Neuigkeiten aus dem Süden gibt - es wäre wirklich wünschenswert, wenn dieser Qúsay seinen Krieg für sich entscheiden kann. Falls wir ihm wirklich trauen können, natürlich."
Hilgorn zögerte einen Augenblick, bevor er antwortet: "Ich glaube, das können wir. Immerhin fließt das Blut Númenors auch in seinen Adern."
"Ja, genauso wie in denen vieler von Saurons Kommandanten", entgegnete Aldar zweifelnd, und Hilgorn schüttelte den Kopf. "Das mag sein. Aber es war Qúsay, der Elphir von seiner Verletzung durch den schwarzen Atem geheilt hat - es war hier in diesem Haus, und ich war dabei."
Aldar hob überrascht eine Augenbraue. "Nun, das klingt tatsächlich nicht danach, als wäre er insgeheim ein Verräter. Dann verlasse ich mich auf dein Urteil, und auf das Imrahils natürlich. Er hätte schließlich kaum seine Tochter mit ihm verlobt, wenn er ihm misstrauen würde, oder?"
"Vermutlich nicht", stimmte Hilgorn ihm zu, und fragte dann: "Wo wir beim Thema Verlobung sind - wie kommt es eigentlich, dass du noch keine Frau gefunden hast?" Zu seiner Überraschung, wich Aldar, den man sonst mit nahezu nichts aus der Fassung bringen konnte, seinem Blick aus. "Das, äh... auf See hat man wenig Gelegenheit, Frauen kennen zu lernen. Außerdem besitze ich ohnehin nichts, was ich vererben könnte." Hilgorn hatte das Gefühl, dass sein Bruder einer ehrlichen Antwort ausgewichen war, doch bevor er Zeit hatte, weiter nachzuhaken, ertönte von Osten der helle Klang einer Signaltrompete.
Die Brüder sahen einander an, und Aldar wirkte geradezu erleichtert, als er sagte: "Nun, offenbar sollte ich zu den Schiffen zurück - und du zu den Mauern."
Bevor er sich davonmachen konnte, packte Hilgorn seine Hand. "Pass auf dich auf." Aldar erwiderte den Händedruck. "Und du auf dich, kleiner Bruder. Wir sehen uns wenn die Sonne aufgeht." Hilgorn nickte nur stumm, und sah Aldar hinterher, wie er durch die Tür zurück ins Haus trat, und von dort in Richtung Hafen davoneilte. Er selbst verharrte noch einen Augenblick, und blickte zum Himmel hinauf, an dem sich die ersten Sterne zu zeigen begannen. Ein Wind von Osten trieb Wolken heran, und schon bald würden die Sterne verhüllt sein. Schon bald würden die Heere Mordors gegen die östliche Mauer branden, und in diesem Augenblick fürchtete Hilgorn sich davor.
Dann rief Turin, der in der Tür erschienen war, seinen Namen, und Hilgorn straffte sich innerlich. Die Schlacht stand bevor, und jetzt war keine Zeit, sich von Furcht überwältigen zu lassen.

Hilgorn und Turin zu den Verteidigungsanlagen
« Letzte Änderung: 9. Jan 2019, 10:37 von Fine »

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Die Trauer eines Bruders
« Antwort #18 am: 21. Mai 2019, 12:20 »
Valion, Verdandi, Rinheryn, Lóminîth, Balvorn und Berion aus der Umgebung Linhirs


Linhir erinnerte Valion an die wenigen Stunden, die er in Minas Tirith verbracht hatte, bevor die Schlacht auf den Pelennor-Feldern ausgebrochen war. Eine bedrückte, angespannte Stimmung lag über der Stadt. Soldaten waren nahezu allgegenwärtig. Jene Stadtbewohner, die sich gegen eine Evakuierung nach Dol Amroth entschlossen hatten, verließen nur selten ihre Häuser und mieden zum Großteil den Kontakt mit der Garnisonsstreitmacht. Das Flussufer war zu jeder Tageszeit scharf bewacht; sogar eines der Kriegsschiffe war in ständiger Alarmbereitschaft im Hafen unterwegs. Es kam Valion so vor, als würden alle Menschen in Linhir geradezu darauf warten, dass ein weiterer Angriff der Horden Mordors erfolgte.
In der Residenz des Stadtherren angekommen stiegen die gondorischen Kommandanten aus ihren Sätteln und fanden sich in ihren Unterkünften ein. Der Gebäudekomplex, der zum Großteil aus einem alten gondorischen Herrenhaus mit einigen kleineren Nebengebäuden bestand, hatte in Friedenszeiten wohl einen gut gepflegten und beeindruckenden Anblick geboten. Doch nun waren die Gärten mit in den Boden gerammten Holzpfählen gesäumt und Kriegsbanner hingen von den schmutzigen Mauern. Es hatte zu regnen begonnen, nachdem die Sonne untergegangen war und die Soldaten, die die Residenz bewachten, fluchten leise vor sich hin. Der Regen war kalt, als würde der Himmel eimerweise Eiswasser auf Linhir herabschütten. Valion fragte sich, wieviel Grad kälter es wohl werden müssten, um die Regentropfen in Schneeflocken zu verwandeln.
Der Solar des Stadtherren war ein einziges Durcheinander von Berichten, Schriftrollen und Büchern, die sich auf einem gewaltigen Schreibtisch stapelten. Trotz der späten Stunde waren noch immer viele Bedienste unterwegs - zumeist waren es junge, unerfahrene Rekruten, die die Botengänge erledigten. Valion entging nicht, wie sich ihre Blicke auf ihn richteten. Man hatte in Linhir bereits gehört, wen der Fürst von Dol Amroth zum neuen Kommandanten der Ostgrenze ernannt hatte, und Valions Ruf war ihm vorausgeeilt. So war er nicht überrascht, in den Blicken der jungen Soldaten Hoffnung zu erkennen. Hoffnung, dass sich ihr Schicksal in diesem Krieg nun endlich wenden würde.
Valion selbst besaß diese Hoffnung nicht. Er hatte gesehen, welche Macht im Osten lauerte. Dennoch war er nicht bereit, einfach aufzugeben. Mordors Heere waren gewaltig, doch selbst die Orks des Schwarzen Landes waren nicht ohne Zahl. Viele tausende von ihnen hatte der Dunkle Herrscher bereits in den vier Jahren des Krieges mit dem Westen geopfert, und wenn die Berichte aus Rohan wahr waren, war Mordors Streitmacht derzeit an mehr Fronten als nur an den Ostgrenzen Rohans und Gondors verteilt. Späher berichteten, dass Sauron ein Heer gen Dol Guldur entsandt hatte, um jene Festung den Klauen der Weißen Hand Sarumans zu entreißen, und dass die Orks Mordors nun auch in Richtung Harad marschierten, um in den dort wütenden Bürgerkrieg einzugreifen. Und auch die geheimnisvolle Abwesenheit der Ostlinge in den Heeren der Bundgenossen Mordors ließ die Kriegslage etwas besser aussehen. Weshalb das Reich von Gortharia Sauron seit der Schlacht um Dol Guldur keine Truppen mehr zur Verfügung gestellt hatte, war allerdings nur eines der vielen Rätsel, die sich den Kommandanten der Freien Völker in jenen Tagen stellten.
Die Berichte von der eigenen Front am Gilrain waren nicht besonders gut, wie Valion fand. Überall mangelte es an Truppen und Versorgungsgütern. Und immer wieder gab es an den unterschiedlichsten Stellen entlang der Grenze kleinere Gefechte mit den Orks des Ostufers. Der Krieg war seit Hilgorns Fall nie mehr wirklich zur Ruhe gekommen.

Valion blieb an jenem Abend noch lange wach, um sich einen genauen Überblick zu beschaffen. Rinheryn stand ihm dabei zur Seite, während Lóminîth sich schon früh zurückzog. Valions Verlobte hatte das große Schlafgemach des Stadtherren in Beschlag genommen und ließ es von Bediensteten bewachen, die nur ihr selbst loyal waren.
"Wer bewacht den Flussübergang im Norden?" fragte er, die Hand gegen die Stirn gestützt. Das flackernde Licht mehrerer Kerzen erhellte den Schreibtisch nur notdürftig.
"Die Männer vom Ringló-Tal, angeführt vom Sohn ihres Fürsten, Herrn Dervorin," sagte Rinheryn. "Unterstützt werden sie vom Orden der Delferyn."
"Sieh an," murmelte Valion. Die Delferyn waren ein Orden von Kriegern, der einst ins Leben gerufen worden war, um gegen einen Ork-Befall im Weißen Gebirge vorzugehen. Die Krieger des Ordens verstanden sich besonders gut auf Kriegsführung im Gebirge und zählten zu den hartgesottensten Kämpfern Gondors. Ihr Hauptquartiert befand sich in der Stadt Ethring im Tal des Ringló, weshalb sie stets gute Beziehungen zu dem dort ansässigen Lehnsfürsten gepflegt hatten. "Dann brauchen wir uns um die Furten wohl vorerst keine Sorgen zu machen," meinte Valion.
"Dort wurde General Hilgorn zuletzt gesehen," wandte Duinhirs Tochter ein. "Wir dürfen nicht zulassen, dass der Feind den Flussübergang erneut für einen Angriff gebraucht."
"Dann werde ich eine Gruppe von Freiwilligen zur Unterstützung der Delferyn zu entsenden," beschloss Valion. Er gähnte. Den Großteil der Berichte hatte er inzwischen begutachtet, doch noch war seine Arbeit nicht abgeschlossen.
"Du solltest dir etwas Schlaf gönnen," sagte Rinheryn und legte ihm die Hand auf die Schulter. Die Berührung fühlte sich merkwürdig an, wie Valion fand. "Für heute ist die Lage unter Kontrolle," fuhr Rinya fort.
Etwas unwillig entzog er sich ihrem Griff und murmelte: "Nein, noch nicht. Da sind noch mehr Berichte, die ich mir ansehen muss. Das kann nicht bis morgen warten."
"Überlass sie mir," schlug Rinheryn vor und umrundete den Schreibtisch, um nach dem unbearbeiteten Stapel zu greifen.
"Nicht dich hat Imrahil zum Verantwortlichen bestimmt," hielt Valion sie auf. "Diese Bürde ist mir auferlegt worden."
Rinheryn sah ihn an. Ihre rötlichen Haare wirkten im Licht der Kerzen, als stünden sie in Flammen. "Lass mich dir helfen, sie zu tragen," bat sie leise.
"Wieso?" fragte er in derselben Lautstärke. Schwere Tropfen schlugen gegen das Fenster und füllten die Stille mit immerwährendem Trommeln. Der Sitz schien ihm mit einem Mal zu eng zu werden. Er wollte aufspringen und im Raum auf und ab gehen, doch etwas hielt ihn davon ab.
Duinhirs Tochter zögerte. Sie starrte auf die Oberfläche des Tisches und mehrere lange Sekunden vergingen. Dann hörte Valion, wie sie tief seufzte. "Du verstehst es nicht," stieß sie hervor. "Aber das ist in Ordnung." Sie richtete sich auf und blickte an Valion vorbei durch das Fenster auf die schlafende Stadt hinaus, wo die Lichter von fackeltragenden Soldaten zu sehen waren, die trotz des Regens Wacht hielten. Doch dann wandte sie sich ab und eilte aus dem Solar.
Valion blieb mit dem Gefühl zurück, dass er aus dem Verhalten von Frauen wohl niemals wirklich schlau werden würde.

Am folgenden Morgen erwachte er davon, dass es an der Tür des Schlafgemaches pochte. Es war ein zögerliches Klopfen, doch es war genug, um Valions Schlaf zu stören. Er blickte zur Tür hinüber und erschrak, als er eine ihm unbekannte junge Frau erblickte, die mit einem gezogenen Dolch nahe der Tür stand und ihre Hand langsam in Richtung des Türgriffes ausstreckte.
"Idríchil, es ist gut," sagte Lóminîths Stimme neben Valion. Seine Verlobte, die Sekunden zuvor noch gewirkt hatte, als würde sie fest schlafen, saß nun aufrecht und vollständig wach im Bett, während Valion sich noch den Schlaf aus den Augen rieb. Auf das Wort ihrer Herrin senkte die junge Frau den Dolch und trat von der Tür fort.
"Mein Herr Valion?" erklang eine dumpfe, vorsichtige Stimme von jenseits der Tür. "H-Hauptmann Balvorn schickt mich, um Euch zu w-"
"Ich komme ja schon," brummte Valion und zog sich hastig an. Um seine volle Rüstung anzulegen war nicht genug Zeit, weshalb er mit einem ledernden Wappenrock mit dem Siegel des Ethirs auf der Brust vorlieb nahm. Während er noch Lóminîths Dienerin misstrauisch beäugte, gürtete er sich sein Schwert um und öffnete dann die Tür. Ein junger Soldat stand davor, welcher hastig zurückwich als Valion hindurchtrat und sie hinter sich schloss.
"Was gibt es?"
"Hauptmann Balvorn schickt nach Euch, Herr. I-Ihr habt einen Besucher in Eurem Solar," brachte der Rekrut mühsam hervor. Valion war sich einigermaßen sicher, dass der Junge vor wenigen Wochen noch Felder in Anfalas oder den Pinnath Gelin bestellt hatte, seiner Aussprache und seinem Aussehen nach. Er beschloss, darüber hinwegzusehen.
"Also gut, gehen wir es an," sagte Valion und streckte sich, um die Müdigkeit aus seinen Gliedern zu vertreiben. Dem Stand des Lichtes nach, der durch ein Fenster zu sehen war, konnte seit Sonnenaufgang kaum eine Stunde vergangen sein. "Vielen Dank, Soldat. Zurück auf deinen Posten mit dir." Mit einem dankbaren Nicken eilte der Rekrut davon.
Im Solar angekommen wurde Valion von Hauptmann Balvorn begrüßt, der aussah, als hätte er ebenso wenig Schlaf wie Valion selbst gefunden hätte. "Gut, Ihr seid wach," sagte Balvorn. "Es gibt da eine gewisse Situation, welche Eurer sofortigen Aufmerksamkeit bedarf."
"Worum geht es?" wollte Valion noch fragen, als aus dem Nebenraum eine tiefe, zornige und lautstarke Stimme ertönte.
"Wo ist er? Wo ist der verwöhnte Bursche, den Imrahil uns als Ersatz geschickt hat?"
Ein Mann kam in den Solar marschiert, die Hände zu Fäusten geballt. Er besaß einen beeindruckenden schwarzen Bart, doch abgesehen davon sah er Hilgorn sehr ähnlich.
"Wo ist der Kerl, der meinen älteren Bruder ermordet hat und der nun versucht, meinen jüngeren Bruder zu ersetzen?" wütete der Mann, bei dem es sich offensichtlich um Aldar Thoron, den Kommandant der Flotte Linhirs handeln musste - Hilgorns verbliebenen Bruder.
Valion musste zugeben, dass Kapitän Aldar nicht gut aussah. Seine Augen und Wangen waren eingefallen und seine Haut war bleich, als hätte er seit Tagen kein Sonnenlicht mehr gesehen. Die Augen waren rot unterlaufen und die Hände waren von Schrammen und Schürfwunden übersät. Ehe Aldar Valion erreicht hatte, stellte sich Balvorn ihm in den Weg.
"Ruhig Blut, Aldar. Niemand hier versucht, Hilgorn zu ersetzen," sagte der Hauptmann.
"Ich bin hier auf Imrahils Anordnung, nicht aus freien Stücken," fügte Valion hinzu.
Aldar schon Balvorn grob beiseite und baute sich vor Valion auf. "Ich wette du hast es genossen," sagte er leise und verbittert. "Als du Imradon getötet hast. Nicht wahr?"
"Ich weiß nicht, was man dir erzählt hat," erwiderte Valion. "Doch wenn ich nichts unternommen hätte, wäre Hilgorn in jener Schlacht gefallen."
"Was macht das jetzt schon für einen Unterschied? Er ist tot."
"Das wissen wir nicht," hielt Valion dagegen und gab Balvorn ein Zeichen, sich nicht einzumischen. Er kannte die Meinung des Hauptmanns zum Thema Hilgorn bereits. "Er könnte ebensogut in Gefangenschaft geraten sein."
"Wenn die Gerüchte stimmen, die man sich über den feindlichen Kommandanten erzählt, wäre es besser, wenn er tot wäre," zischte Aldar. "Was hast du nun also vor, Valion vom Ethir? Willst du den Helden spielen? Ist es das, worum es dir geht? Den Ruhm meines Bruders, der diese Stadt rumhreich verteidigte, zu stehlen?"
"Es geht hierbei nicht um Ruhm, sondern um Sühne," sagte Valion grimmig. "Der Fürst hat mich hierher nicht zur Belohung entsandt. Dieses Amt ist meine Strafe."
"Imrahil muss wohl den Verstand verloren haben, wenn dies seine Art von Bestrafung geworden ist," brummte Aldar.
"Es herrscht Krieg, und wir sind Soldaten Gondors," stellte Valion klar. "Unser beider Befehl lautet, die Grenze um jeden Preis zu verteidigen. Und auch wenn diese ganze verdammte Situation nicht meinem Wunsch entspricht, habe ich vor, meine Aufgabe zu erfüllen. Und wenn Hilgorn noch lebt, dann werde ich alles daran setzen, ihn zu finden und wohlbehalten zu uns zurückzubringen."
Aldar starrte ihn an. Seine blutunterlaufenen Augen blinzelten nicht ein einziges Mal. "Schwöre es," wisperte er. "Schwöre es, dass du ihn nach Hause bringen wirst."
Valion zögerte. Er wusste nicht, wie Aldar auf eine Weigerung reagieren würde. Doch den Verlust eines weiteren Kommandanten konnte Gondor sich nicht leisten. Also nickte er. "Ich schwöre es bei dem Weißen Baum, der für das Südliche Königreich steht," sagte Valion leise.
Der Kapitän atmete tief durch. "Gut. Gut. Ja, das ist sehr gut. Dann besteht vielleicht doch noch Hoffnung."
"Mein Herr..." begann Balvorn, doch Valion brachte ihn mit einem scharfen Blick zum Schweigen.
"Hoffnung gibt es immer," sagte er, noch während er sich über seine eigenen Worte wunderte. Eine seltsame Entschlossenheit war mit einem Mal über ihn gekommen. Er glaubte an sein eigenes Versprechen: Er würde alles daran setzen, Hilgorn zu finden. Sofern dieser noch am Leben war...
"Meine Herren," sagte Valion nach einer kurzen Pause. "Wir haben viel zu tun. Also schlage ich vor, wir gehen es an."
Wie aufs Stichwort kam Rinheryn in den Solar geeilt, einen neuen Bericht in der Hand.


Valion, Verdandi und Rinheryn zu den Verteidigungsanlagen
« Letzte Änderung: 4. Jul 2019, 14:41 von Fine »
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Eine einmalige Gelegenheit
« Antwort #19 am: 21. Jun 2019, 14:17 »
Valion und Rinheryn von den Verteidigungsanlagen


Es vergingen zwei Tage, ohne dass sich die Orks am jenseitigen Ufer des Gilrain erneut regten. Meldungen trafen in Valions Kommandoposten im alten Sitz des Stadtherren ein, doch eine von ihm erhoffte Spur auf den Verbleib Hilgorns war nicht darunter. Die Lage entlang der Grenze war ruhig - und diese Tatsache bereitete Valion Unbehagen. Zwar war jede ruhige Minute sehr kostbar, denn sie gab den Soldaten Gondors Zeit, ihre Verteidigungsanlagen auszubessern und zu erweitern, sowie hin und wieder etwas Frieden zu genießen, doch Valion hatte das Gefühl, dass die Kommandanten Mordors in der Zwischenzeit irgendein Übel ausheckten. Er war nicht sonderlich erpicht darauf, herauszufinden, was da wirklich vor sich ging.
Ein Botenvogel von Ardóneth brachte die Nachricht, dass die Waldläufer Damrods den Fluss überschritten und Posten in einem verlassenen Kriegslager bezogen hatten. Valion ließ ein Antwortschreiben verfassen und richtete den Dúnedain aus, dass sie die Umgebung nach feindlichen Truppen und Lagern auskundschaften sollten, ohne jedoch zuviel Aufmerksamkeit zu erregen. Sobald eine Schwachstelle in den Stellungen Mordors ausgemacht war, hatte Damrod den Befehl, nadelstichartige Überfälle zu führen, wie er es bereits in Ithilien getan hatte, um die Versorgungslinien des Feindes zu stören oder gar zu unterbrechen. All das würde dafür sorgen, den unvermeldichen Großangriff auf Linhirs Westhälfte zu verzögern und würde für Verwirrung in den Reihen der Orks sorgen. Am Ende der Botschaft bat Valion Ardóneth darüber hinaus, nach Gerüchten über Hilgorn die Ohren offen zu halten. Wenn es eine Chance gab, dass der General von Dol Amroth noch am Leben war, wäre selbst die kleinste Spur viel wert.

Valion fiel auf, dass Rinheryn ihm die meiste Zeit über kaum von der Seite zu weichen schien. Morgens erwartete sie ihn voller Tatendrang im Solar des Stadtherren und begleitete ihn bei seiner täglichen Inspektion der Verteidungsanlagen am Fluss. Obwohl Valion bei den kargen Mahlzeiten meist die Einsamkeit suchte oder mit den einfachen Soldaten speiste, war Duinhirs Tochter nie wirklich weit weg. Einzig nachts, wenn Valion zu seiner Verlobten im Anwesen des Stadtherren zurückkehrte hielt Rinya sich fern. Sie hatte wieder zu ihrer recht unbeschwerten, frechen Art zurückgefunden und seit Verdandis Abreise war alles Misstrauen Anderen gegenüber von Rinheryn abgefallen. Valion hatte beschlossen, sich über all dies nicht unnötig Gedanken zu machen. Er hatte eine Stadt zu verteidigen und seine Aufmerksamkeit wurde davon beinahe vollständig eingenommen.
Obwohl ihm als hochrangiger Kommandant des Heeres die bestmöglichste Verpflegung zustand, aß Valion zumeist das, was auch die einfachen Soldaten bekamen. Oft gab es Eintopf oder Suppe, sowie geschmackloses, aber halbwegs frisches Brot. Fleisch und Gemüse waren rar gesät. Lóminîth gab den Versuch, ihren Verlobten von diesen Gewohnheiten abzubringen schließlich auf. Ihre Aussage, dass er sich mehr wie ein Mann seines Standes verhalten sollte, trafen bei Valion auf taube Ohren.
In den wenigen freien Minuten, die ihm blieben, dachte Valion oft an seine Schwester, die auf Imrahils Befehl in Dol Amroth geblieben war. Valirë schien sich stets mit einer Aura der Leichtigkeit zu umgeben, die ansteckend auf Valion wirkte. In ihrer Nähe schienen Regeln und Einschränkungen kaum Macht zu besitzen und alles wirkte irgendwie... einfacher. Valion stellte fest, dass er Valirë wirklich vermisste.

Am dritten Tag geschah etwas, das den sich mit der Zeit einstellenden Alltag in Linhir durcheinander wirbelte. Es war am frühen Morgen, kaum eine Stunde nach Sonnenaufgang, als Valion den Solar des Stadtherren betrat und verwundert feststellen musste, dass Rinheryn nicht bereits dort war. Es vergingen allerdings kaum drei Minuten, bis die Morthonderin hereingestürmt kam. Ihre roten Haare waren wie ein einziges Durcheinander, doch das schien sie nicht zu stören.
"Was gibt es?" fragte Valion und sah von den Berichten aus, die er gerade gelesen hatte.
"Die morgendliche Patrouille hat zwei Personen aufgegriffen, die auf mich höchst verdächtig wirken," erklärte Rinheryn atemlos. "Ich habe sie gleich herbringen lassen. Einige der Männer sagen, es sind Spione des Feindes."
"Spione?" wiederholte Valion. "Das könnte interessant sein."
Die Soldaten, die vor der Türe Wacht hielten, brachten auf Rinheryns Wink hin die beiden Gefangenen in den Solar. Bei der kleineren der beiden Menschen handelte es sich um ein Mädchen, das kaum das Erwachsenenalter erreicht haben konnte. Ihre braunen Haare machten in ihrer Unordentlichkeit der Haarpracht Rinheryns klare Konkurrenz. Ihr Gesicht war voller Sommersprossen und sie trug feste Kleidung nach Art der Waldläufer. Als Valion dem Mädchen ins Gesicht blickte, erkannte er eine gewisse Vertrautheit darin, die ihn sich fragen ließ, ob er sie schon einmal irgendwo gesehen hatte.
Die zweite Person kam ihm ebenfalls bekannt vor - sehr gut sogar. Die enge, schwarze Bekleidung in Kombination mit ebenso dunklem Kapuzenumhang und das - derzeit unter das Kinn herabgezogene Halstuch - ließen keine Zweifel über die Identität der Frau zu, deren dunkelbraue Haare Valion mit einem amüsierten Aufblitzen musterten. Er erwiderte das Lächeln und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
"Sieh mal einer an," sagte Valion. "Wenn das nicht Ta-er as-Safar ist."
"Du erinnerst dich also noch an mich," erwiderte Ta-er, die wie bei ihrer letzten Begegnung in Umbar eine Aura des Geheimnisvollen gehüllt war.
Valion grinste. "Du hast einen bleibenden Eindruck hinterlassen, daran besteht kein Zweifel."
"Wie, du kennst sie?" platzte Rinheryn heraus - mehr verärgert als überrascht klingend.
Das Mädchen neben Ta-er stieß ein resignierendes Seufzen aus. "Selbst in Ithilien habe ich schon gehört, dass es nur wenige Frauen in Gondor gibt, die der große Valion vom Ethir nicht... kennt." Sie verschränkte die Arme vor der Brust, doch in ihrem Blick war keine Feindseligkeit zu sehen. Stattdessen hielt sie den Augenkontakt aufrecht und zog frech die Augenbrauen hoch.
"Die Kleine gefällt mir," sagte Valion amüsiert. "Ihr könnt euch entspannen," wies er die Soldaten an. "Ich glaube nicht, dass wir es hier mit Spionen zu tun haben."
"Wie kannst du dir da so sicher sein? Das könnte ein listenreiches Täuschungsmanöver sein," hielt Rinheryn dagegen, die die beiden Neuankömmlinge keine Sekunden aus den Augen ließ.
Ta-er ignorierte die Bemerkung und stellte sich direkt vor Valions Kartentisch. "Ich hatte nicht erwartet, eine so wachsame Stadt inklusive einem fähigen Kommandanten vorzufinden," sagte sie.
"Ob er fähig ist, wird sich noch zeigen," warf das Mädchen ein.
"Genug jetzt, Serelloth. Vergiss nicht, weshalb wir hier sind." Ta-er schien ein Seufzen zu unterdrücken und suchte erneut Valions Blick.
Etwas machte in Valions Hinterkopf klick, und die Puzzleteile fügten sich ineinander. Er erinnerte sich an die Zeit, die er verletzt im verborgenen Unterschlupf der Waldläufer in Henneth Annûn verbracht hatte. Damals hatte der junge Waldläufer Glóradan jenen Namen erwähnt. Und in der Kneipe in Dol Amroth hatte Damrod selbst über seine Tochter gesprochen, auf deren Suche er war. "Du bist..." setzte Valion an.
"Damrods Tochter?" beendete Rinheryn den Satz. Sie schien den gleichen Gedanken wie Valion gehabt zu haben.
"Ihr kennt meinen Vater? Habt ihr ihn gesehen? Wie geht es ihm, ist er wohlauf?" bestürmte Serelloth sie sogleich mit Fragen.
"Immer mit der Ruhe, Kleine," sagte Valion und hob beschwichtigend die Hände. "Deinem Vater und seinen Leuten geht es gut, sie sind mit Rinheryn und mir aus Ithilien gekommen."
"Und wo sind sie jetzt?"
"Jenseits des Gilrain, in einem vorgeschobenen Kommandposten. Ungefähr einen Tagesmarsch von der Stadt entfernt."
Serelloth ballte die Hände zu fäusten und starrte Ta-er erwartungsvoll an. "Wir müssen..."
Die Bitte schien an der Assassinin abzuprallen wie an einer Wand aus Eis. "Du weißt, dass wir vorher noch etwas erledigen müssen, das wichtiger als dein Vater ist."
"Aber -"
"Er hat all die Jahre hinter feindlichen Linien in Ithilien überdauert, da werden einige zusätzliche Tage wohl kaum einen Unterschied machen," fuhr Ta-er mit fester Stimme fort. "Oder hast du bereits vergessen, worauf du dich "ganz besonders freust"?"
"Auf den Ausdruck auf dem Gesicht dieses schnöseligen Generals, wenn wir ihn aus der Gefangenschaft retten," antwortete Serelloth prompt. "Also gut, du hast ja Recht, Ta-er." Leise murmelnd fügte das Mädchen hinzu: "Wie immer."
"Augenblick mal," sagte Valion, dessen Interesse eindeutig geweckt worden war. "Mit diesem... "schnöseligen General" meint ihr doch nicht etwa Hilgorn Thoron?"
"Eben jenen", bestätigte Ta-er. "Wir wissen, wo er gefangen gehalten wird, und von wem."
"Wo?" fragten Valion und Rinheryn gleichzeitig.
"Im Tal des Celos, nordöstlich von hier," erklärte Serelloth stolz. "Die Orks lassen ihre Gefangenen dort in einem Steinbruch schuften."
"Dann sollten wir keine Zeit verlieren," sagte Valion. An einen seiner Boten gewandt befahl er: "Lasst sofort nach Admiral Aldar Thoron schicken und bringt auch die Hauptleute Berion und Balvorn her. Derweil soll der Quartiermeister Vorräte für zwei Dutzend Krieger für fünf Tage zusammenstellen lassen und es sollen ebensoviele Pferde bereit gemacht werden. Los!"
Während die Boten davon eilten, fuhr Valion an die drei Frauen gewandt fort: "Um die Waldläufer oder Verdandi zurückzurufen bleibt uns wahrscheinlich keine Zeit, das hat Ta-er bereits korrekt erkannt. Wenn wir Hilgorn retten wollen, zählt jede Sekunde. Ihr beiden werdet uns zu diesem Steinbruch bringen, so bald ich die Befehle für den Zeitraum meiner Abwesenheit erteilt habe."
"Du willst selbst mitkommen?" fragte Ta-er. "Das hatte ich nicht erwartet."
"Ich habe es Hilgorns Bruder geschworen," antwortete Valion. "Und ich habe nicht vor, diesen Schwur zu brechen. Das hier ist eine einmalige Gelegenheit. Wenn Hilgorn befreit werden kann, werde ich nicht hier in Linhir in Sicherheit sitzen und Däumchen drehen."
"Ich habe ja schon vieles über dich gehört, Valion vom Ethir," sagte Serelloth und legte den Kopf schief. "Aber noch nie, dass du ein Feigling bist. Wie schön, dass die Gerüchte in dieser Hinsicht wahr sind."
Trotz der Umstände lachte Valion.
« Letzte Änderung: 4. Jul 2019, 14:49 von Fine »
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