22. Aug 2018, 09:59 Hallo Gast.
Willkommen Gast. Bitte einloggen oder registrieren. Haben Sie Ihre Aktivierungs E-Mail übersehen?

Einloggen mit Benutzername, Passwort und Sitzungslänge. Hierbei werden gemäß Datenschutzerklärung Benutzername und Passwort verschlüsselt für die gewählte Dauer in einem Cookie abgelegt.


Select Boards:
 
Language:
 


Autor Thema: Rogash's Weihnachtsgeschichten  (Gelesen 2193 mal)

Rogash

  • Soldat Gondors
  • ***
  • Beiträge: 1.633
Rogash's Weihnachtsgeschichten
« am: 1. Dez 2013, 21:28 »
Hallo miteinander :)
Anlässlich der Adventszeit hab ich mir die Pflicht aufgebürdet an jedem Adventssonntag selber eine (gesellschaftskritische) Weihnachtsgeschichte zu schreiben. Da heute der erste Advent ist hab ich logischerweise auch heute den ersten Teil "veröffentlicht". Veröffentlicht heißt hier, dass ich daraus ein uuunglaublich professionelles Mini-Hörbuch für YouTube gemacht habe...  [ugly]
Wie dem auch sei, ich würde mich freuen wenn einige von euch, ganz besonders diejenigen, die hier im Schreib-RPG besonders aktiv sind und daher ein gewisses Maß an Ahnung mitbringen, ihre Kritik dazu dalassen würden :)

Hier die Kurzgeschichte:

Weihnachtsgeschichte I
Der Kinderfreund


Er blickte zum Mond auf. Die Sichel lag halb hinter Wolken und dem Rauch der umliegenden Kamine verborgen. Das leise Rauschen des Windes, ungetrübt vom Kreischen des Verkehrs und dem Lärm der Stadt, flüsterte der Nacht zu. Schnee fiel in dicken Flocken auf die Stadt, legte sich gleich einer Decke auf Häuser, Bäume und Straßen, ummantelte alles und jeden mit einem weißen Schleier. Mehr und mehr Flocken fielen, immer dichter werdend und verliehen dem sonst so grauen Angesicht der Stadt Frieden und Geborgenheit.
  Er befand sich auf einem rundem kleinen Platz, im Herzen der Stadt. In der Mitte des Platzes stand ein Tannenbaum, behangen mit roten und goldenen Christbaumkugeln. Ein Stern leuchtete an seiner Spitze und am Fuße des des Baumes lagen eine Reihe von Geschenkattrappen, allesamt halbherzig mit silbernen Schleifen verziert und größtenteils vom Schnee verdeckt. Den großen Baum, den man für die Weihnachtszeit hatte bringen lassen, umringten einige Buchen und Kastanien. Beim Anblick der Kastanienbäume dachte er, Da hängen ja immer noch ein paar Kastanien dran. Ob die wohl außer mir überhaupt jemand bemerkt hat? Er wandte den Blick von den Kastanien ab und betrachtete die großen, üppig gefüllten Schaufenster, der umliegenden Geschäfte. Sie alle stellten Geschenke, die man seinen Liebsten schenken konnte, zur Schau. Doch es war bereits Heiligabend und wer zu dieser Stunde noch nicht alle nötigen Besorgungen erledigt hatte, für den kam jede Hilfe zu spät. So waren die Schaufenster zwar beleuchtet, die Läden aber allesamt geschlossen. Niemand rechnete noch mit Kunden und die Verkäufer wollten den Abend im Kreise ihrer Familie verbringen. Lichterketten und kitschiger Weihnachtsschmuck zierten die ausgestellte Ware. Sein Blick wanderte von einem Schaufenster mit Kinderspielzeug zu den Fenstern der darüber liegenden Wohnung. Aus dem einen kam das Flimmern eines Fernsehers, die anderen waren dunkel.  Vielleicht schaut sich die Familie gemeinsam einen Film an … oder es ist jemand, der Weihnachten alleine und einsam vor dem Fernseher verbringt, überlegte er. Niemand sollte Weihnachten alleine verbringen.
  Und doch stand auch er hier auf dem Platz, ohne eine Menschenseele die ihm Gesellschaft leistete, während ihm diese Worte durch den Kopf gingen. Ein Mittzwanziger im Weihnachtsmann-Kostüm, die rote Zipfelmütze halb zugeschneit, mit einem kleinen Glöckchen daran. Mit den Stiefeln bis zu den Waden im Schnee stehend, vor einem kleinen Traktor-Anhänger, der den Schlitten des Weihnachtsmannes darstellen sollte. Damit hatte sich kein Erwachsener täuschen lassen, als er vor noch wenigen Stunden Kindern in seiner Verkleidung Geschenke überreicht hatte. Doch das war auch nicht Sinn und Zweck des ganzen. Es ging nicht darum die Erwachsenen zu überzeugen, es ging darum den Kindern eine Freude zu machen. Und diesen Zweck hatte es auch erfüllt.
  Bei der Arbeit hatten sie ihn ausgelacht, als er sich freiwillig für den Job als Weihnachtsmann gemeldet hatte. Hatten ihn einen Kinderfreund genannt. Was waren das für Zeiten, in denen Kinderfreund eine Beleidigung war …
  Er hatte sich damals die Arbeit bei der Polizei ausgesucht, in der Hoffnung dort auf gute Menschen zu treffen. Menschen, die für etwas eintraten, wenigstens hier bei denen, die sich selbst die „Hütern des Gesetzes“ nannten. Vor zwei Tagen bei der betriebsinternen Weihnachtsfeier hatte einer seiner Kollegen in der Runde erzählt, wie er es geschickt anstellte weniger Unterhaltskosten für seine Kinder, die bei seiner Ex-Frau lebten, zu zahlen. Er und sein Steuerberater hätten dazu eine Reihe von Lücken im Gesetz ausgenutzt. Daraufhin war er von den meisten für seine Gerissenheit gelobt worden.
  Was waren das für Zeiten, in denen ein Vater, der für Profit das Schicksal seiner Kinder aufs Spiel setzt, bejubelt wird …
  Er hasste sie nicht dafür, all die Menschen, die keinen Sinn darin sahen gut zu sein, ja nicht einmal auf die Idee kamen. Seine Gefühle ihnen gegenüber konnte man eher als eine  Mischung aus Mitleid und Bedauern auffassen.
  Mitleid, da sie niemals erfahren würden wie es sich anfühlt eine gute Tat, einzig und allein weil sie gut ist, getan zu haben. Sie würden niemals Freude daran haben die Welt zu verbessern, ohne dass für sie dabei etwas besseres herausspringt als für die anderen.
  Bedauern, da sie nie etwas anderes tun würden als aus Eigennutz zu handeln und stets darauf bedacht zu sein ihren Stellenwert in der Gesellschaft zu verbessern, koste es was es wolle. Sei es das Schicksal der eigenen Kinder, die doch selber schauen sollten, wie sie zurecht kamen. Oder das der alten Mutter, die alleine und einsam im Krankenhaus stirbt, weil man doch genau jetzt bei dieser Internet-Auktion diese einmalige Chance auf jenes Traumauto hat, das einem die Bewunderung der Nachbarn sichern würde. So bleibt die Welt eine schlechtere, als sie sein könnte.
  Was war das für eine Welt, in der die Gier und Geltungssucht der Menschen oberste Priorität hatten …
  Was machte Weihnachten überhaupt noch aus? War Weihnachten einer jener Anlässe, bei dem die Menschen versuchten sich ein wenig idealbehafteter zu fühlen? Eine Art Alibi um sich selbst einzureden, man verkörpere Nächstenliebe und Güte? Vermutlich, dachte er. Wieso sollte man nur zu bestimmten Zeiten Ideale vertreten? Warum nicht immer?
  Gab es nicht all die großen Kinofilme mit all den großen moralischen Botschaften? Verschwand die Vorstellung von Gerechtigkeit, Tapferkeit und Edelmut aus den Köpfen, ehe der Kinobesucher den Saal verließ?
  Wenn es so etwas wie einen Gott gab, hatte er wohl das Gewissen mit dem Untertitel geschaffen: Ich bin ein netter Gedanke, aber es nicht wert, dass man nach mir handelt.
  So war es nun mal. Er allein war nur eines von Tausend, Millionen, Milliarden Sandkörnern. Und doch hatte er Einfluss, Einfluss auf die Welt. Jede gute Tat machte die Welt um eine gute Tat reicher. Und so war sie es doch wert getan zu werden.
  Er stand noch eine ganze Weile da, in der Hoffnung, es würde jemand vorbei kommen, dem er eine Freude bereiten konnte. Als die Kirchturmuhr das Ende seiner Schicht einläutete, klopfte er sich den Schnee von den Schultern, drehte sich zur Seite und machte sich auf den Weg nach Hause.

Soweit der Textteil :)

Wem das Lesen weniger liegt, der kann sich die "Hörbuch-Variante" anhören :)


In Hoffnung auf konstruktive Kritik, Rogash :)

(Palland)Raschi

  • Turmwache
  • ***
  • Beiträge: 1.987
  • Fanatiker sind unbeständige Freunde
Re:Rogash's Weihnachtsgeschichten
« Antwort #1 am: 2. Dez 2013, 00:08 »
Erstmal sei an der Stelle gesagt, dass man bei eigenen Textwerken selten den Luxus bekommt, dass die Sache vorgelesen wird.
Gerade weil Lesen am PC relativ anstrengend ist, kann ich viele längere Ausführungen selten mit der gebotenen Aufmerksamkeit verfolgen, die möglicherweise angebracht wäre, und tue ihnen damit ein Stückweit Unrecht.

Ich bin zwar kein Fan von Weihnachtsgeschichten und habe deine inhaltlich noch nicht erfasst. Aber die Mühe die Du dir gemacht hast, jedenfalls eine Geschichte zu verfassen, und dann auch noch mit guter Ton-und Lesequalität hochzuladen, möchte ich an dieser Stelle dennoch honorieren.
Zudem auch viel Glück bei deinen weiteren Produktionen  ;)



MfG Raschi

[Jedwede rechtliche Äußerung, Kommentierung oder Information über PM oder öffentlichen Beitrag von meiner Seite stellt lediglich eine reine Gefälligkeit dar und erfolgt ohne jeglichen Rechtsbindungswille.]

Ohne Schuld verfasst einen Forumsbeitrag, wer beim Abfassen eines Beitrags wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, die Verletzung der Forenregeln einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.

Rogash

  • Soldat Gondors
  • ***
  • Beiträge: 1.633
Re:Rogash's Weihnachtsgeschichten
« Antwort #2 am: 9. Dez 2013, 21:30 »
Soo..hier kommt die Geschichte für den zweiten Advent :)

Die Hörbuch-Variante:

Und in Textform:


Weihnachtsgeschichte II
Von Stolz und Sturheit


Wie eine Schar Gänse stapften sie entlang des Weges um den See herum durch den Schnee. Die vereiste Oberfläche des Sees war an den Ufern von Schilf und Treibholz durchbrochen. Der Schnee reichte ihm fast bis zu den Knien und er freute sich schon darauf am Abend die durchnässte Hose gegen eine neue auszutauschen. Andererseits grauste es ihm davor zurückzukommen. Sie, er und seine mit ihm hier durch den Schnee marschierende Verwandtschaft, würden später alle gemeinsam zu Abend essen. An sich war das natürlich keine allzu schlimme Angelegenheit. Zumindest wenn man von dem Zwang Entenleber zu probieren absah. Es war vielmehr die Tatsache, dass wann immer die Familie sich an einem Tisch befand, innerhalb kürzester Zeit eine Diskussion ausbrach. Worüber sie diskutierten war zweitrangig, aber dennoch wollte jeder Recht behalten. So bildeten sich schnell mehrere einander bis aufs Blut bekämpfende Lager. Die einen attackierten den anderen und die anderen die einen. Beendet wurde der Krieg stets durch eine oder mehrere Personen, die wutschnaubend oder in Tränen aufgelöst den Tisch verließen und alle Verbliebenen, sich gegenseitig mit Mienen von Unschuldslämmern ansehend, zurückließen. Das wiederum war Anlass für eine erneute Diskussion, in welcher sich alle gegenseitig die Schuld für die Eskalation der Diskussion vorwarfen. Großartig … ein unvermeidliches, aber sich im voraus ankündigendes Übel.
  Er hatte nichts gegen Familientreffen bei feierlichen Anlässen wie Weihnachten, Ostern oder an den Geburtstagen, aber die Tatsache, dass es stets in Streit ausartete nahm ihm fast jegliche Freude daran sowie darauf.
  Heutzutage war eine Diskussion etwas, bei dem man sich gegenseitig die Meinung ins Gesicht klatschte. Dabei war es nebensächlich zu einer Lösung zu kommen. Man wollte nur seine Meinung verbalisieren. So war eine Diskussion doch nichts weiter als eine Anhäufung von Monologen. Niemand versuchte den anderen zu verstehen, startete einen Überzeugungsversuch indem er ihm erneut die eigene Meinung an den Kopf warf.
  Hauptsache man gewann die Diskussion indem man geschickt argumentierte und diverse Kniffe der Überzeugungskunst anwandte. Sein Schwager hatte hierfür „Die Kunst, Recht zu behalten“ von Arthur Schopenhauer gelesen um auch ohne inhaltlich bessere Argumente die Diskussion zu gewinnen. Auch gab es all diese Kurse bei denen man lernte wie man Körpersprache, Mimik und Gestik gekonnt anwandte um den eigenen Standpunkt noch überzeugender zu vertreten. Manipulation war das A und O. Man wollte durch Verhalten und nicht durch Inhalt überzeugen.
  Musste das wirklich sein? Ging es darum als Sieger hervorzugehen? Brauchte man überhaupt einen Sieger? War es nicht vielmehr Sinn und Zweck zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen, eine Erkenntnis zu erlangen statt eines Sieges?
  Wenn jemand sich nicht auf sein Gegenüber einließ, versuchte seine Argumente nachzuvollziehen, so ließ er wissentlich einen Teilaspekt der Sache aus, ignorierte alle außer nur einem Blickwinkel. Ignorierte man auch nur einen Aspekt, war es unmöglich sich ein hinreichendes Bild zu machen. Folglich wäre es also ohne Toleranz und Offenheit unmöglich gerecht und weise über auch nur irgendetwas zu urteilen. Gerade bei Diskussionen, wo Urteilsbildung Sinn und Zweck war, sollten dann Toleranz und Offenheit notwendig sein. Jeder der behauptete zweifellos Recht zu haben, obwohl er auf andere nicht einging, unterlag also einem Irrtum.
  Die angemessene Reaktion auf Andersdenkende war dann anstelle von Wut Dankbarkeit, da sie einem einen neuen Blickwinkel offenbarten und somit der Wahrheit einen Schritt näher brachten.
  Natürlich musste dabei der eigene Stolz überwunden und dann und wann zugeben werden, sich geirrt zu haben. Unbeugsamer Stolz und Sturheit brachten niemanden weiter. Sie befielen den Menschen gleich einer Krankheit und schirmten ihn sicher und zuverlässig vor Erkenntnis ab. Alles was nicht ins eigene Weltbild passte, war schädlich und musste abgewiesen werden. Wie wollte man sich so weiterentwickeln? Da bedurfte es eines traumatischen Erlebnisses oder etwas Vergleichbarem um sich zu ändern.
  Während er schweigsam den anderen hinterherlief, fasste er den Entschluss, all diese Dinge beim Weihnachtsessen heute Abend nach seinen Möglichkeiten umzusetzen. Und obwohl es sicherlich anstrengend sein würde, so wollte er es doch immerhin versuchen. Schließlich musste irgendjemand den ersten Schritt tun, um die Welt zu verbessern. Warum nicht er?


Würde mich über Feedback/Kritik freuen :)

--Cirdan--

  • RPG Team
  • Lehenfürst
  • ***
  • Beiträge: 2.300
  • Beiträge: 2.217
Re:Rogash's Weihnachtsgeschichten
« Antwort #3 am: 9. Dez 2013, 22:08 »
Sehr, sehr schön :)
Die Hörbuch-Variante ist wirklich klasse. Danke, dass du dir da die Mühe gemacht hast.

Inhaltlich auch sehr interessant, irgendwie kam ich beim zweiten Teil nicht drumrum mir bildlich Enten-Familien vorzustellen. Ich weis auch nicht warum :D
Allgemein musste ich auch immer an eine Geschichte denken, die mir vor langer Zeit mal mein Deutschlehrer vorgelesen hat und in der es darum ging, dass sich minimale Unstimmigkeiten zu gigantischen Konflikten steigern können. (Ich weis, ist irgendwie was anderes - aber ich musste dran denken [uglybunti])

Ist wirklich toll geworden, deine Geschichte, und lässt glatt vergessen, dass der zweite Teil einen Tag zu spät kam xD
Ich bin gespannt auf den dritten Advent (da kommt doch wohl noch was? :o). Ich will mehr, mehr über das es sich lohnt nachzudenken...

Rogash

  • Soldat Gondors
  • ***
  • Beiträge: 1.633
Re:Rogash's Weihnachtsgeschichten
« Antwort #4 am: 16. Dez 2013, 00:15 »
Da bin ich mit meiner Weihnachtsgeschichte einmal auf YouTube pünktlich, vergesse aber sie hier auf der MU zu posten, sowas aber auch :D

Hörbuch-Variante

Weihnachtsgeschichte III
Kinder wie Söldner

Das wäre dann geschafft, dachte sie und trat hinter der Ladentheke hervor. Den ganzen Tag hatte sie im Spielzeuggeschäft gearbeitet. Nun konnte sie endlich hoch in die über dem Laden liegende Wohnung zu ihren Kindern. Vermutlich saßen die beiden schon jetzt voller Aufregung vor dem Tannenbaum und konnten den Abend kaum abwarten. Am meisten würden sie sich auf die Geschenke freuen. Sie hoffte jedoch, sie erwarteten nicht zuviel. Obwohl sie ein Spielzeuggeschäft besaß, war sie keinesfalls reich.
  In den letzten Wochen waren all jene reichen Leute in ihren Laden gekommen und hatten die teuersten und größten Geschenke gekauft. Und davon nicht nur eines. Es schien fast so, als wollten sie sich die Zuneigung der Kinder erkaufen. So wie man Söldner erkaufte. Mit dem Unterschied, dass Kinder anstelle von Geld Spielzeug bekamen. Durch die Geschenke standen die Kinder in ihrer Schuld und mussten diese durch Zuneigung und Loyalität abarbeiten.
  Wer hierbei wenig zu geben hatte, den hatten die Kinder meist auch weniger lieb. Doch war 100 Euro für ein Geschenk auszugeben für einen Erwachsenen, welcher nur 50 am Tag verdiente etwas ganz anderes als für jemanden, der am Tag 500 bekam. Ähnlich war es mit  den Steuern. Diejenigen die viel bekamen mussten mehr abgeben, als jene, die weniger Geld hatten. Der Prozentsatz blieb der selbe, der Betrag war ein anderer. Doch leider verstanden die Kinder das eher selten. So war automatisch derjenige, der ihnen Dinge von größerem materiellem Wert schenkte meist auch derjenige, den sie am meisten schätzten, ganz gleich wie hoch der  symbolische Wert des Geschenks war.
  Das erinnerte sie an ihre Schwester. Diese machte sich keine Gedanken was sie ihrem Neffen und ihrer Nichte schenkte. Sie gab ihr stets eine hohe Summe an Geld, sodass sie doch die Geschenke besorgte. Und letztlich fragte sie heiter die Kinder, ob ihnen ihre Geschenke denn gefielen, ohne überhaupt zu wissen was sie geschenkt hatte. Warum beschäftigte sie sich nicht mit den Kindern und fand selber heraus, was ihnen gefiel?
  War das nicht der eigentliche Sinn von Geschenken? Jemandem durch ein Geschenk zeigen, dass man sich für ihn interessierte. Wenn man etwas schenkte, ohne dabei auf einen symbolischen Wert zu achten, wenn es einem egal war was man schenkte, sondern nur wichtig, dass man schenkte, verlor das Geschenk doch an jeglichem symbolischen Wert. So wurde das Schenken zu einem Zwang, einer lästigen Pflicht, der man nachkommen musste, weil es so von einem erwartet wurde.
  Es wurde sich selber eingeredet, man hätte etwas gutes getan, wenn man etwas verschenkte. In diesem Aspekt glichen sich alle Feierlichkeiten: Geburtstage, Weihnachten, Ostern und was es sonst noch alles gab. Geschenke und Glückwünsche waren häufig nur Versuche sich selber einzureden, man sei ein gütiger und freundlicher Mensch. Machten ein Alles Gute und 10 Euro in Kombination mit einer x-beliebigen Glückwunschkarte einen zu einem guten Menschen? Natürlich war es eine nette Geste, aber eine bedeutungslose.
  Sie blickte durch das Schaufenster hinaus auf den Platz vor dem Laden. Dort überreichte jemand im Weihnachtsmannkostüm vor dem großen Tannenbaum kleinen Kindern Geschenke. Deren Eltern wiederum schüttelten nur den Kopf über die behelfsmäßige Schlittenattrappe, auf der sich die Geschenke aufbahrten. Müde wandte sie sich von der Szenerie ab und machte sich auf den Weg in die Wohnung zu ihren Kindern.
« Letzte Änderung: 22. Dez 2013, 14:50 von Rogash, Troll der Lichterketten »

Rogash

  • Soldat Gondors
  • ***
  • Beiträge: 1.633
Re:Rogash's Weihnachtsgeschichten
« Antwort #5 am: 22. Dez 2013, 14:25 »
Diesmal sowohl auf YouTube, als auch hier pünktlich :)

Hörbuch-Variante

Weihnachtsgeschichte IV
Warum habt ihr nichts getan?


Mit aller Kraft zog und rüttelte er an dem kleinen Busch. Nach großen Mühen schaffte er es letztlich doch das Gewächs aus dem Erdboden zu ziehen. Diese Pflanze, was immer sie auch war, würde ihnen heute Nacht ein wenig Licht spenden. Er machte sich mit seiner Beute in der Hand auf die Suche nach seinem Enkel. Unterwegs kam er an den Überresten zerfallener Häuser und Bergen von Müll und Unrat vorbei. In der Hoffnung nicht von einer der zahlreichen Straßenbanden überfallen und seines Schatzes beraubt zu werden, schlich er geduckt und leise zwischen den Trümmern hindurch. Hinter dem Dunst und Rauch am Himmel erblickte er das schwaches Glimmen der Sonne. Ihr Untergehen kündigte den Abend an und er sollte sich beeilen, bevor er nichts mehr sehen konnte.
  Vor den Gitterstäben einer eine Villa umgebenden Mauer fand er ihn schließlich. Johann kauerte, mehrere Lumpen wie eine Decke um sich geschlungen, auf einem Betonbrocken und starrte seinen Großvater mit großen Augen an.
  „Großvater! Ich dachte schon dir wäre etwas zugestoßen“, jammerte er vorwurfsvoll.
  „Sieh nur, was ich uns mitgebracht habe“, antwortete dieser beschwichtigend und hielt die Pflanze hoch. „Die wird uns heute die Nacht erhellen.“ Er setze sich dem Jungen gegenüber auf einen großen Stein und holte ein Feuerzeug, seinen wertvollsten Besitz, aus der Jackentasche. Kurz darauf brannte der Busch und er legte ihn zwischen sie beide auf den Boden. Der flackernde Lichtschein der Flammen beleuchtete ihre Gesichter in der dunkler werdenden Nacht.
  „Weißt du, was heute für ein Tag ist?“, fragte er den Jungen.
  „Weihnachten, ich habe die Ehrwürdigen darüber reden hören, während ich auf dich gewartet habe“, antwortete er. „Ich weiß aber nicht, was das ist“, fügte er hinzu. Der alte Mann wandte den Blick auf die von Gitterstäben halb verdeckte Villa. Zwischen der hohen Mauer und dem protzigen Gebäude lag eine große Wiese und vor der Villa stand ein beleuchteter Springbrunnen, aus dem in endlosen Strömen Wasser hervorquoll. Dort lebten diese Ehrwürdigen von denen der Junge gesprochen hatte. Die wenigen wohlhabenden Menschen die es noch gab, bewohnten festungsgleiche, große, von der Außenwelt abgeschirmte, Bauwerke. Sie nannten sich selbst die Ehrwürdigen und machten, wenn ihnen das Fleisch ausging, mit Gewehren Jagd auf einfache Menschen aus der umliegenden Umgebung um ihre Speisekammern zu füllen. Angewidert von dem Gedanken wandte er den Blick von der Behausung ab und sah in das fragende Gesicht des Jungen.
  „Weihnachten ist ein Fest, das wir früher, als ich noch jung war und noch keiner an dich dachte, gefeiert haben. Meistens lag Schnee und es gab für alle Kinder Geschenke.“
  „Was ist denn Schnee?“, fragte Johann.
  „Entschuldige, ich vergesse immer wieder, dass du all diese Dinge nie kennen gelernt hast. Schnee ist wie Regen, nur weiß und in Pulverform. Damit konnten wir als Kinder spielen und Dinge bauen. Zumindest bis er, als es dann wieder wärmer wurde, geschmolzen ist.“
  „Und warum gibt es heute keinen Schnee mehr?“
  „Weil es im Winter nicht mehr so kalt wird wie damals. Stell dir das kälteste kalt vor, das du kennst und stell es dir dann doppelt so kalt vor. So kalt war der Winter für uns.“
  „Aber warum ist es denn nicht mehr so kalt?“
  „Wegen der Klimaerwärmung, so nannten wir es zumindest. Die Menschen haben die Erde mehr und mehr ausgebeutet: Haben alle Wälder abgeholzt, die Luft und die Meere verschmutzt. Daher wurde die Erde wärmer und wärmer. Der Nordpol, ein Land komplett Eis, ist geschmolzen und der Meeresspielgel stieg immer weiter an. So wurde die Welt zu dem, was sie heute ist und deshalb gibt es keinen Schnee mehr.“
  „Habt ihr nicht gewusst, was passieren würde?“
  „Doch, das haben wir. Es war allgemein bekannt, wie die Welt enden würde, wenn wir so weitermachen, wie bisher.“
  „Wenn ihr es wusstet, warum habt ihr nichts dagegen unternommen?“
  „Die einen, darunter auch ich, glaubten wir konnten nichts mehr tun. Die anderen meinten es würde schon irgendwie gut gehen.“
  „Und beide sind es Einstellungen, die es euch ermöglicht haben so weiterzumachen wie bisher … konntet ihr wirklich nichts mehr tun?“
  „Doch, das hätten wir gekonnt.“
  „Was hat euch daran gehindert? Wie kann man in so einer Situation nichts tun?“
  „Die Herrschenden waren unsere Vorbilder. Und sie taten nichts. Um die Welt zu retten wären große Veränderungen nötig gewesen. Doch alle die in der Lage waren die notwendigen Entscheidungen dafür zu treffen, hatten Angst ihre Macht dabei zu verlieren und taten daher nichts oder verschlimmerten es sogar noch.“
  „Aber ihr wart doch viel mehr als die. Bestimmt hundert mal so viele! Ihr hättet selber etwas unternehmen müssen.“
  „Ja, da hast du recht. Aber wir behielten unseren Glauben in das System und die Obrigkeit bei und vertrauten darauf, sie würden in unserem Sinne handeln. Ein fataler Fehler, wie ich jetzt einsehe.“
  „Gab es niemanden, der es anders sah und versuchte etwas dagegen zu tun?“
  „Doch, davon gab es einige. Manche wurden, wenn sie eine weltrettende Entdeckung machten, die etwa das Energieproblem löste, kurzerhand verschleppt und waren nie mehr gesehen. Die meisten jedoch verließ mehr und mehr der Mut, da die breite Masse den Herrschenden glaubte und daher alle Andersdenkenden verspottete. Sie bezeichneten sie als realitätsferne Spinner. Es waren jedoch letztlich eben jene Spinner, die am wenigsten in einer Traumwelt lebten.“
  „Wer waren denn diese Herrschenden?“
  „Zum einen waren das sogenannte Regierungen. Vom Volk ausgewählte Personengruppen, denen man die Verantwortung über ein ganzes Land anvertraute. Ein unglaublich kompliziertes und undurchsichtiges System, das die meisten davon abschreckte sich dort hineinzuwagen. Zum anderen waren es reiche Leute und Unternehmen. Sie beeinflussten die Regierung wo sie nur konnten und bestimmten auch über alles was der normale Mensch, zum Beispiel im Fernsehen, zu sehen bekam und was nicht. Und dabei war natürlich ihr Hauptziel ihre Macht und ihren Reichtum nicht zu verlieren, oder sogar noch zu vergrößern. Sie lenkten uns ab von den wirklichen Problemen in der Welt und richteten unsere Aufmerksamkeit auf alles, nur nicht auf das was ihnen gefährlich werden konnte.“
  „Hatten die denn keine Angst um ihre eigene Zukunft?“, fragte Johann.
  „Kaum, sie hatten vorgesorgt. Im voraus trafen sie Vorkehrungen, aber nur für sich selbst. Bauten unterirdische Bunker, mit nahezu allem versorgte Festungen. Es gibt sie heute noch, du kennst sie als … „
  „ … die Ehrwürdigen!“, stieß Johann hervor.
  „Ganz genau. Ihr Plan ist aufgegangen. Sie sind weiterhin die mächtigsten der Welt, einer zerstörten Welt.“
  „Sie sind also Schuld daran, dass ich niemals Schnee sehen werde!“ Johann sprang auf und trat mit dem Fuß gegen die Mauer.
  „Da hast du nicht ganz unrecht. Doch sie als Sündenbock für alles was geschehen ist, darzustellen, wäre falsch.“ Johann warf ihm einen fragenden Blick zu. „Auch mich, auch jeden anderen, der nur ausgeharrt hat, trifft die Schuld. Wir haben ebenso nichts getan und euch, den späteren Generationen eine solche Welt hinterlassen. Es tut mir leid, mein Junge, dass es so gekommen ist. Ich wünschte, meine Sicht auf die Dinge wäre damals ebenso klar gewesen, wie jetzt.Wer weiß, vielleicht hätte ich etwas tun können, hätte mit nur genug Willenskraft etwas in Gang bringen können, wodurch alles anders gekommen wäre“, sprach er. Das Feuer flackerte ein letztes Mal und erstarb.
« Letzte Änderung: 22. Dez 2013, 14:50 von Rogash, Troll der Lichterketten »