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Autor Thema: Die Sarnfurt  (Gelesen 754 mal)

Azaril

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  • I am the bone of my sword.
Die Sarnfurt
« am: 22. Mär 2016, 10:12 »
Aldoc und Girion von der Nord-Süd-Straße

"Wir sind fast da", teilte Aldoc seinem hochgewachsenen Reisegefährten mit.
Sie hatten schon vor einiger Zeit den Grünweg bei der Abzweigung zur Sarnfurt verlassen und näherten sich nun dem Baranduin, der von Aldocs Volk Brandywein genannt wurde. Aldoc stellte fest, dass die Gegend ihm mit jedem Schritt ein wenig vertrauter vorkam. In den Jahren seiner Reise durch Eriador hatte er die Sarnfurt einige Male überquert. Dieser leicht überwucherte Weg, die kleinen Bäume an dessen Rande, die Hügel in der Umgebung... das alles hatte sich kaum verändert, seitdem er das erste Mal hier gewesen war. Das Land blieb zeitlos. Oder es veränderte sich einfach zu langsam, als dass ein Hobbitleben reichte, um es zu bemerken.
Wenn Aldoc sich jedoch an die drastischen Veränderungen im Auenland vor seinem Aufbruch nach Bruchtal erinnerte, gewaltsam herbeigeführt durch Scharkers Schergen, an all die gefällten Bäume, die hastig errichteten neuen Gebäude, dann erfüllte ihn ein gnadenloser Zorn auf diese Menschen, die glaubten, sie könnten das Auenland ungestraft nach ihren Vorstellungen formen. Würde seine Heimat jemals wieder zu dem werden, was sie einmal gewesen war? Nein, vermutlich nicht. Das einstmals friedliche, weltfremde, unbehelligte Auenland existierte nur noch in Erinnerungen. Der Ort, an den er nun zurückkehrte, war das vom Krieg gezeichnete, ausgebeutete, unterdrückte Auenland.
"Eines Tages wird Saruman für all die Dinge bezahlen, die er meinem Land und meinem Volk angetan hat", murmelte Aldoc. "Und vielen anderen darüber hinaus."
Girion, der ihn offenbar gehört hatte, räusperte sich vernehmlich. "Vergiss nicht, ich bin im Grunde ein Diener Sarumans."
"Bist du dir da wirklich sicher?", fragte der junge Tuk. "Immerhin bist du mir nach meiner kleinen Rede auf dem Grünweg trotzdem hierher gefolgt. Sagtest du nicht außerdem, Saruman sei für dich nur irgendein ferner, bedeutungsloser Name? Du dienst jetzt nicht mehr ihm. Stattdessen... diene mir."
"Ich weiß nicht... zahlt ihr Hobbits gut? Kann ich mich bei euch als Wachmann verdingen? Bekomme ich einen gefüllten Magen? Dann denke ich vielleicht darüber nach."
"Wenn es eines gibt, was du im Auenland jederzeit bekommen kannst, dann ist es ein voller Magen", behauptete Aldoc, ehe ihm aufging, dass er sich dessen nicht mehr sicher sein konnte, und resigniert seufzte. "Zumindest war das früher einmal so."
"Aldoc..." Girion wollte wohl irgendetwas sagen, schien aber noch nach den richtigen Worten zu suchen. "Was wirst du tun, wenn du diese anderen beiden Hobbits gefunden hast? Immerhin bist du nun offiziell einer von Lutz' Spionen. Ich bin mir nicht sicher, ob du ungeschoren davonkommst, wenn du dich ihm nicht fügst. Er ist der Statthalter von Tharbad und verfügt als solcher über nicht wenig Einfluss. Vergiss das lieber nicht."
Aldoc hatte Giron davon erzählt, dass er vorhatte, nach Pippin und Merry zu suchen, aber er hatte ihm noch nicht gesagt, was genau er tun wollte, sobald er sie gefunden hatte. Was vermutlich daran lag, dass er es selbst noch nicht so genau wusste. "Ich habe doch bereits klargestellt, dass ich nicht gedenke, mich zu einer Marionette Sarumans machen zu lassen. Und vor Lutz Farnrich habe ich keine Angst. Was kann er schon tun, wenn ich mich widersetze? Er hat dich mitgeschickt, um mir den Kopf abzuschlagen, wenn ich mich ihm widersetze, aber das wirst du nicht tun."
"Warum bist du dir da so sicher? Warum vertraust du mir, Aldoc? Es gibt viele Gründe, aus denen ich mich besser auf Sarumans Seite stellen sollte, aber nur wenige, warum ich euch Hobbits helfen sollte. Ich bin nach wie vor ein Feind. Verstehst du das nicht?"
"Doch, ich verstehe das sehr gut", entgegnete Aldoc. "Aber ich glaube trotzdem nicht, dass du mich töten wirst, Girion."
"Das ist verrückt." Der Mensch schüttelte ungläubig den Kopf. "Du solltest nicht so vertrauensselig sein, vor allem nicht in Zeiten wie diesen. Das wird früher oder später deinen Tod bedeuten."
Aldoc griff nach dem Wargzahn, der an einem dünnen Lederband um seinen Hals hing. Ihn zu berühren, gab ihm Mut. Zuversicht. Und Hoffnung. Vielleicht irrte er sich tatsächlich in Girion, aber wenn dem so wäre, würde sich der Mensch dann solch große Mühe geben, ihn darauf aufmerksam zu machen? Gerade dieses Verhalten sah der Hobbit als Bestätigung an, dass er von Girion nichts zu befürchten hatte. Dieser Mann war kein Mörder und auch kein Spion. Er war nur ein Flüchtling, der hoffte, sich irgendwo ein neues, friedliches Leben aufbauen zu können.
Er ließ den Zahn los und blickte wieder auf. Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem leichten Lächeln, als er erkannte, dass sie nun fast am Ziel waren. Nur schätzungsweise zweihundert Schritt voraus floss der Brandywein gemächlich gen Süden, und dort lag auch die Sarnfurt, von den Elben Sarn Athrad genannt.
"Sieht aus, als wäre sie bewacht", stellte Girion fest. Er hatte recht. Auf beiden Seiten der Furt lungerten einige Menschen im hohen Gras oder auf morsch wirkenden Bänken. Die meisten von ihnen schienen lediglich mit gewöhnlichen Knüppeln bewaffnet zu sein, der eine oder andere trug jedoch auch ein stählernes Schwert bei sich. Sie sahen verdächtig nach den Schergen von Scharker aus, die auch schon im Auenland gewütet hatten, als Aldoc zuletzt hier gewesen war. Nur zu gut erinnerte er sich daran, wie einige dieser Kerle ihn einmal verprügelt hatten, weil er durch die Wälder und Hügel gestreift war, anstatt zu arbeiten.
"Das sind keine Dúnedain", fasste Aldoc seine Erkenntnis in Worte. Früher waren die Waldläufer des Nordens unter Aragorn dem Zweiten dafür zuständig gewesen, die Grenzen des Auenlandes zu schützen. Die meisten Hobbits waren sich dieser Tatsache damals nicht bewusst gewesen, aber Aldoc hatte auf seinen Reisen davon erfahren und war hin und wieder auch einem Dúnadan über den Weg gelaufen. Wie stand es dieser Tage um die Dúnedain? Noch so eine Sache, die er nicht wusste. Aber einige waren mit Aragorn nach Süden gezogen, wenn er sich recht entsann.
Die neuen Wächter der Sarnfurt bemerkten die beiden Reisenden schon bald und erhoben sich, um ihnen den Weg zu versperren. Einer von ihnen, ein muskulöser Hüne, der Aldoc irgendwie an den Dunländer erinnerte, den er bei seiner Flucht aus dem Kerker getötet hatte, trat vor und fragte sie in nicht gerade höflichem Ton danach, was sie hier wollten.
"Wir sind im Auftrag Lutz Farnrichs unterwegs, des Statthalters von Tharbad", erklärte Girion, der zwar kleiner war als der Sprecher der Rüpel, dafür aber wesentlich edler und nicht weniger gefährlich wirkte. Seine stählerne Rüstung mit dem an den Schulterplatten befestigten grauen Umhang und das große Schwert an seinem Rücken verstärkten diesen Eindruck noch. "Dieser kleine Hobbit hat sich bereit erklärt, sich bei den Unruhestiftern einzuschleichen und uns mit Informationen zu versorgen. Ist ein ziemlicher Feigling, der Junge, es bedurfte nur ein wenig Einschüchterung, um ihn gefügig zu machen."
"Ist das so?" Der Mann wirkte nicht gerade überzeugt. "Dann kennt ihr sicher auch die Parole."
"Ein Königreich für ein wenig Pfeifenkraut", sagte Girion lächelnd.
Der Anführer der Wächter des Flussübergangs schnaubte unzufrieden, trat aber zur Seite. "Also gut, ich lasse euch durch. Aber ich warne euch, wenn ihr gelogen habt, wird es euch teuer zu stehen kommen. Unsere Leute sind überall im Auenland, und wir können sehr unfreundlich werden, wenn jemand nicht nach unseren Regeln spielt. Merkt euch das, ihr beiden!"
"Ihr solltet mal sehen, wie unfreundlich ich werden kann", grummelte Girion, leise genug jedoch, dass nur Aldoc es hören konnte. Der junge Tuk beeilte sich, ein freundliches Lächeln aufzulegen. "Wir werden daran denken, danke."
Der Hobbit und sein menschlicher Gefährte wurden hindurchgelassen und überquerten problemlos die Sarnfurt. Als sie außer Hörweite der Wächter waren, konnte Aldoc ein Kichern nicht mehr unterdrücken. "Ein Königreich für ein wenig Pfeifenkraut? Was ist das denn für eine Parole?"
Girion zuckte mit den Schultern. "Lutz hat behauptet, Saruman persönlich hätte sie ersonnen, aber ich denke eher, dass sich einige seiner Untergebenen einen Scherz erlauben wollten. Weißt du, es geht das Gerücht um, der weiße Zauberer sei dem Kraut von euch Halblingen überaus zugetan."
"Tatsächlich? Das könnte erklären, warum so viel Pfeifenkraut aus dem Auenland exportiert wird, seit Scharkers Schergen die Kontrolle übernommen haben."
Langsam blieb die Sarnfurt hinter ihnen zurück, Schritt für Schritt begaben sie sich weiter ins Auenland hinein. Hier am äußersten Süden des Auenlandes gab es nicht sehr viele Hobbitsiedlungen, was wohl mit einer der Gründe war, warum die Furt über Jahre hinweg von den Dúnedain bewacht worden war und nicht von den Halblingen. Die größten Siedlungen fand man weiter nördlich, Michelbinge und Hobbingen zum Beispiel. Wobei es Aldoc, der auf dem Gebiet des einstigen Königreichs Arnor schon weit herumgekommen war, ein wenig seltsam erschien, in einem vergleichsweise kleinen Bereich wie dem Auenland von weiter nördlich und weiter südlich zu sprechen. Im Grunde kam man binnen kurzer Zeit zu allen Siedlungen der Hobbits, und das sogar zu Fuß.
Bedachte er, dass er einst ohne Reittier bis nach Mithlond, zu Thorins Hallen oder auch nach Bruchtal gewandert war, erschien ihm die Strecke von der Sarnfurt nach Tuckbergen oder sogar weiter nach Hobbingen kaum der Rede wert. Aber mit dieser Einstellung stand er unter den Hobbits ziemlich alleine da. Die meisten von ihnen bezeichneten schon den Weg von Hobbingen nach Wasserau als "Reise". Für Aldoc war das nicht mehr als ein gemütlicher Spaziergang.
Und wieder galt... das alles war vor Scharker gewesen. Gut möglich, dass viele Hobbits ihre Meinung inzwischen geändert hatten. Immerhin konnten sie sich ja nun auch nicht mehr vor der großen, weiten Welt außerhalb ihrer Grenzen verschließen, als würde sie nicht existieren. Denn diese Welt war zu ihnen gekommen. Mit all ihrer unerbittlichen Härte.
"Also, wir sind hier", sagte Girion nach einiger Zeit. "Was nun? Hast du irgendeinen Plan, wo du mit deiner Tätigkeit als Spion beginnen wirst."
Aldoc warf ihm einen verärgerten Blick zu. Girion hatte das auf seine so selbstverständliche Weise gesagt, dass es nicht einmal wie ein Scherz geklungen hatte. Man könnte fast glauben, der Mensch verlangte wirklich, dass er Saruman als Spion diente.
"Ich gehe als erstes nach Hause", antwortete Aldoc schließlich.
"Ich dachte, du bist schon zu Hause? Das hier ist doch das Auenland, oder?"
"Ja. Wir gehen nach Tuckbergen", erklärte Aldoc. "Dort bin ich aufgewachsen. Dort lebt meine Familie."
"Familie, hm?" Girion senkte mit finsterem Blick den Kopf. "Ich habe meine Familie verloren, als Thal erobert wurde."
Aldoc war sich nicht sicher, was er darauf erwidern sollte. "Äh... willst du darüber reden?"
"Nein", gab der Menschenkrieger tonlos zurück. Das war das letzte, was er für einige Zeit sagte.
Schweigend zogen sie weiter nach Norden.

Aldoc und Girion ins Auenland
« Letzte Änderung: 27. Mär 2016, 15:55 von Azaril »

Ich kenne die Hälfte von euch nicht halb so gut, wie ich es gern möchte, und ich mag weniger als die Hälfte von euch auch nur halb so gern, wie ihr es verdient.
- Bilbo Beutlin -

1. Char Aldoc befindet sich in Bree