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Autor Thema: Westgrenze des Waldes  (Gelesen 2847 mal)

-|sZ|- Brownie

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Re: Westgrenze des Waldes
« Antwort #30 am: 4. Apr 2008, 22:06 »
Weldalas schaute ihn an.
"Unsere Sippe ist gut freund mit Thranduils Sippe, du hast Glück uns dabei zu haben."
Dann blickte er in die Runde der Zwerge.
"Dann sagt uns halt nicht, was ihr vorhabt. Eure Angelegenheiten sind mir egal, so wichtig können sie eh nicht sein."
Liutasil grinste ihn kurz an.

Zur selben Zeit, am Rande des östlichen Düsterwalds, schrieb eine in schwarz gehüllte Gestalt grade mit dem Blut seines Opfers:"Geh zurück zu den Sternen, Verräter!"
Nur noch zwei lebten.
Doch nicht mehr lange...

Liutasil schaute Weldalas an. Kurz zuvor war die Karawane weitergereist, Weldalas und er gingen etwas abseits.
"Ich brauche diese Zwerge. Rühre ihnen kein Haar und beschütze sie ... sie sind wichtig."
"Wichtig? Das glaube ich kaum. Wichtig ist der, der wichtiges tut. Nachrichten überbringen gehört definitiv nicht dazu. Das Schlachtfeld ruft nach Tod, und wir sind hier mit diesen ... Versagern."
"Ich glaube, sie haben eine ganz eigene n Wichtigkeit an sich."
Liutasil war über seinen eigenen Satz erstaunt. Weldalas blickte ihn sichtlich verwundert an.
"Sicher, dass sie wichtig sind? Oder soll ich sie beschützen, weil du sie magst?"
Liutasil sah ihn an.
"Nein." Er blickte auf Nimrais. Er dachte an Tharon und Siniel. Ihr Tod durfte nicht vergebens sein!
"Du irrst dich."


Liutasil, Thanderin, Weldalas und Wogrin weiter nach Lothlórien
« Letzte Änderung: 22. Feb 2016, 08:52 von Fine »
Aber dass er (aus welchen Gründen auch immer) meinen Post löscht, find ich nicht in Ordnung ... Ich hab mir so viel Mühe gegeben! 
Zitat von The_Forsaken

Foren sind keine Chat Programme - Spammen könnt ihr woanders!

Fine

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In Rhosgobel
« Antwort #31 am: 3. Mär 2018, 12:43 »
Córiel, Jarbeorn und Pallando aus Caras Galadhon


Die dunklen Bäume am Saum des Düsterwaldes zogen rasch an Córiel vorbei, während sie Jarbeorn durch das dichte Unterholz folgte. Seitdem sie das kleine Boot am Ostufer des Anduins zurückgelassen hatten, hatten sie kaum ein Wort gesprochen. Der alte Mann, den der Beorninger als "Eldsten" bezeichnete, ging eiligen Schrittes voran. Er schien genau zu wissen, wohin er wollte. Und tatsächlich dauerte es nicht länger als einige, anstrengende Stunden, bis sie auf eine Lichtung kamen, auf der die Finsternis des sie umgebenden Düsterwaldes weniger stark zu sein schien. Obwohl es früh am Morgen war, drangen bereits kräftige Sonnenstrahlen durch die Lücke im dichten Blätterdach über ihnen und schienen herab auf ein kleines, gemütlich aussehendes Haus aus Holz, das in der Mitte der Lichtung lag.
"Ah, da sind wir endlich," sagte Eldsten zufrieden. "Ich war mir sicher, dass es hier ist. Zu schade, dass der gute Aiwendil nicht zuhause ist."
"Ich habe von diesem Ort gehört," meinte Jarbeorn. "Mein Vater hat sich hier mehrere Male mit dem Zauberer Radagast getroffen. Dies ist Rhosgobel, nicht wahr?"
"Rhosgobel hat er es genannt? Wie passend." Eldsten schien amüsiert zu sein. "Ja, in der Tat. Dies ist Aiwendils Heim - oder Radagast, wie er in diesen Landen genannt wird. Die, die uns verfolgen, werden uns hier bis auf weiteres nicht finden. Kommt! Herein mit euch, es gibt viel zu besprechen."
Córiel fühlte sich noch immer merkwürdig. Seitdem sie der Zauberer - denn darum musste es sich bei Eldsten zweifelsfrei handeln, wie sie dachte - aus dem Bann gerissen hatte, in dem Vaicenya die Hochelbin gefangen gehalten hatte, war sie nicht mehr sie selbst gewesen. Sie erinnerte sich an Dinge, die ihr nie zugestoßen waren. Sie sah Eindrücke, die gar nicht da waren. Die wirkliche Welt kam ihr seltsam verschwommen vor und sie wusste mitunter nicht, was real und was Täuschung war. Sie trug wieder ihre Reisekleidung, die Jarbeorn aus Lórien gerettet hatte, und sie war froh darüber. Das einfache Elbenkleid, das Vaicenya ihr gegeben hatte, wäre im Unterholz des Düsterwalds längst zerfetzt worden.
"Komm, Stikke." Jarbeorn ergriff Córiels Hand und zog sie in das kleine Haus, in dessen Innerem es nur zwei Räume gab. Der kleinere der Beiden war offensichtlich der Schlafraum des Zauberers Radagast gewesen. Radagast der Braune, der den Gerüchten nach im Augenblick in Eriador weilte. Und Eldsten trug blaue Gewänder. Konnte es sein, dass...

"Wer seid Ihr, Meister?"
Eldsten, der gerade im Hauptraum des Hauses nach Vorräten gesucht hatte, drehte sich mit einem etwas verwunderten Gesichtsausdruck zu Córiel um, die sich erschöpft auf einen hölzernen Stuhl nahe der Türe sinken ließ. Jarbeorn setzte sich neben sie, einen besorgten Ausdruck im Gesicht.
"Ein alter Freund von mir pflegte als Antwort auf diese Frage zu sagen: Viele Namen habe ich in vielen Ländern. Bei mir ist es ganz ähnlich. Die Nordmenschen nannten mich Eldsten, den ehrwürdigen Alten, doch bei den Elben des Alten Westens heiße ich Pallando, oder Rómestamo bei meinem eigenen Volk."
"Ich verstehe," sagte Córiel langsam. "Ihr seid also tatsächlich Pallando der Blaue, der Zauberer. Aber... wie seid Ihr hierher gekommen?"
Pallando schmunzelte. "Sie hat so viele Fragen, und doch stellt sie die Unwichtigsten zuerst," sagte er zu Jarbeorn. "Ich kam auf demselben Weg hierher wie du, liebe Córiel. Ich setzte einen Fuß vor den anderen, durchquerte den dichten Wald, bis ich die Lichtung erreichte, auf der dieses Haus steht in dem wir uns nun befinden."
Jarbeorn mischte sich ein. Ernst sagte er: "Als ich endlich aus Elrond herausbekommen hatte, was du getan hattest, und wohin du gegangen bist, wäre ich am liebsten sofort losgestürmt und hätte versucht, dich einzuholen. Ich weiß nicht, ob es eine Laune des Schicksals oder nur ein günstiger Zufall war, aber am Ausgang von Elronds Haus versperrte mir ein Mädchen mit dem schlimmsten Mundwerk, das mir je begegnet ist, den Weg. Sie schien über irgend etwas furchtbar erbost zu sein und ich verlor eine halbe Stunde, bis ich mit ihr fertig wurde. Und in dieser halben Stunde kam ein Adler nach Bruchtal und brachte Elrond die Nachricht, dass Vaicenya auf dem Weg nach Lothlórien sei und die Minen von Moria betreten hätte. Da wusste ich, dass ich dir dorthin nicht würde folgen können. Ich beschloss also, eine Abkürzung zu nehmen und über den Hohen Pass durch das Tal des Anduin zu gehen. Ich kenne das Land meiner Heimat noch immer so gut, dass ich nur wenige Tage benötigen würde. Den Pass fand ich frei von Feinden vor, auch wenn er dank des frischen Schneefalls nicht mehr lange offen bleiben wird. Ich eilte weiter, ließ den Carrock links liegen und war gerade dabei, die Schwertelfelder zu passieren, als ich ihm begegnete." Er deutete auf Pallando, der sich ihnen gegenüber niedergelassen hatte und außerordentlich guter Laune zu sein schien.
"Ich suchte gerade nach Kräutern für einen guten Tee, gegen die Kälte," setzte Pallando die Erzählung fort. "Ich war auf Meister Elronds Anraten wegen einiger wichtiger Angelegenheiten in Angmar unterwegs gewesen, und hatte einige Zeit in den Kerkern von Gundabad verbracht - eine Erfahrung, die ich wirklich nicht weiterempfehlen kann. Dank glücklicher Umstände fand ich mich schließlich nahe der Quelle des Anduins wieder und machte mich von dort auf den Weg nach Süden, um wieder in wärmere Gefilde zu gelangen. Als mir der liebe Jarbeorn erzählte, weshalb er so hastig durch die schöne Landschaft stapfte und dabei mein Teekraut zertrampelte, merkte ich rasch, wie wichtig die Angelegenheit war. Ich habe viele Jahre im Osten verbracht, und hatte schon mit der guten Vaicenya zu tun. Wäre nur Curunír nicht seiner Machtgier verfallen! Er wüsste, wie man mit ihr fertig wird. Er hat sie schon einmal in die Schranken gewiesen, und er könnte es mit Leichtigkeit wieder tun. Doch nun höre ich, dass er mit seiner Armee vor dem Einsamen Berg steht und versucht, den Obersten der Ringgeister auszuräuchern. Was für absonderliche Zeiten dies sind!"
Jarbeorn übernahm wieder und fuhr fort: "Wir kamen rasch nach Lothlórien, und dank Eldstens Fertigkeiten gelangten wir ungesehen nach Caras Galadhon. Wir hatten Glück, dass die meisten Orks südlich der Stadt beschäftigt waren und dass sich am Ufer des Anduins ein herrenloses Boot fand."
"Der Ork, der darin saß, hätte sein Eigentum sicherlich nicht als herrenlos bezeichnet," warf Pallando schmunzelnd ein.
"Zu dumm, dass er nicht schwimmen konnte," erwiderte Jarbeorn ungerührt. "Als ich sah, was dieses verdammte Elbenweib mit dir anstellte, Stikke, hätte ich beinahe die Kontrolle verloren. Ich sprang los und vergeudete unser Überraschungsmoment. Sie hörte mich kommen, aber ich fegte sie beiseite und riss dich aus dem Wasser. Du hast dich nicht bewegt, aber deine Augen waren offen und starrten ins Leere. Ich hätte schwören können, dass sie wie Sterne geleuchtet haben, aber Eldsten behauptet, dass ich mir das eingebildet habe."
"Wir hatten natürlich keine Zeit zu verlieren. Bis zu unserem Boot war es nicht weit, und dort angekommen hatte ich Zeit, dich zurückzurufen, während unser kräftiger Freund hier eine ordentliche Distanz zwischen uns und unsere Feinde brachte, ehe sie dein Verschwinden bemerken konnten. Ich muss schon sagen, es ist wirklich eine Schande, was Curunírs Horden aus dem Goldenen Wald gemacht haben. Das Land gleicht nun einer Wunde in dieser Welt, die erst dann heilen wird, wenn er seine Fehler eingesehen hat und zu seinem wahren Auftrag zurückkehrt."

Jarbeorn stand schweigend auf und begann, ein Feuer in dem kleinen Ofen zu machen, der in einer der Ecken des Raumes stand. Pallando nahm den Platz des Beorningers neben Córiel ein und blickte sie prüfend an.
"Du hast noch immer Fragen, nicht wahr?"
Córiel nickte langsam. "Ich... weiß nicht, was dort in Caras Galadhon mit mir geschehen ist. Ich sah Dinge... die gar nie passiert sind."
"Erzähle mir davon. Was hast du gesehen?"
Langsam und stockend berichtete die Hochelbin dem Zauberer von den Dingen, die sie unter Vaicenyas Bann gesehen hatte. Es war ihr alles sehr real vorgekommen, doch gleichzeitig wusste sie, dass sie niemals an diesem fernen Strand gestanden hatte, den sie gesehen hatte. Während sie Pallando Detail für Detail weitergab, sah sie die Erinnerung daran bildlich vor sich, als wäre es tatsächlich ein Ereignis, das sie selbst einst miterlebt hätte.
"Kein Zweifel, du hast das Erwachen der Elben gesehen," sagte Pallando, nachdem Córiel geendet hatte. "Und doch bist du selbst im Zweiten Zeitalter geboren, nicht wahr?"
"Ja. Meine Eltern stammen..."
"...aus Gondolin, ja, ich weiß. Ich habe schon von Haus Arheston gehört. Und doch klingt das, was du erzählst, nicht einem Bild der Täuschung, sondern nach einer echten Erinnerung."
"Aber wie kann das sein? Ich war nicht dabei!" Während Córiel noch diese Worte sagte, spürte sie, dass das nicht ganz stimmte. Weshalb sie sich so fühlte, wusste sie nicht.
"Hmm," machte Pallando nachdenklich. "Ich habe eine Vermutung, aber zunächst muss ich mehr darüber wissen, was Vaicenya eigentlich vorhatte. Erzähl' mir von ihr. Was wollte sie von dir?"
"Das habe ich mich die ganze Zeit ebenfalls gefragt," antwortete Córiel. "Sie ist vollkommen wahnsinnig. Irgendetwas an mir bringt sie dazu, mich mit ihrer einstigen Kampfgefährtin Melvendë zu verwechseln, die in den ersten Kriegen gegen die Diener des Schattens fiel."
"Níthrar sagte, Melvendë wäre dir wie aus dem Gesicht geschnitten gewesen," meinte Jarbeorn, der gerade einen Topf voller Wasser auf dem Ofen erhitzte.
"Ist das nicht derselbe Name aus der Erinnerung von den Wassern des Erwachens?" fragte Pallando nach.
Das war Córiel noch gar nicht aufgefallen. Wie lautet dein Name? hatte Vaicenya sie in der Erinnerung gefragt. Und sie hatte geantwortet...
"Es gibt zwei Möglichkeiten," sagte der Zauberer. "Entweder hat Vaicenya versucht, dich so lange den Erinnerungen an ihre gefallene Gefährtin auszusetzen, bis sie deine eigenen Erinnerungen überdecken und du vergisst, wer du wirklich bist, oder..."
"Oder?" wiederholte Córiel zaghaft. Sie hatte Angst davor, was Pallando als Nächstes sagen würde, aber sie musste es aus seinem Mund hören.
Der Zauberer stand langsam auf und nahm seinen Stab von der Wand, an der er gelehnt hatte. "Oder du bist tatsächlich Melvendë von den Tatyar, deren Geist nach ihrem Tod in den Hallen des Mandos verweilte, bis ihr die Rückkehr nach Mittelerde gestattet wurde und sie in einem neuem Körper geboren wurde, ohne jegliche Erinnerungen an ihr früheres Leben und unter einem neuen Namen aufwachsend."

Klirrend fiel der große Löffel zu Boden, mit dem Jarbeorn die Suppe umgerührt hatte, die er während des Gesprächs zubereitet hatte.
"Das kann nicht sein. Das klingt noch verrückter als alles, was wir bis jetzt von Vaicenya gehört haben! Niemand kehrt von den Toten zurück."
"Die Seelen der Eldar verlassen Arda nicht, wie es die der Menschen tun, Jarbeorn. Es geschieht zwar nur äußerst selten, aber einige von ihnen können tatsächlich nach Mittelerde zurückkehren. Glorfindel, der heute die Heere des Westens befehligt, hat dies getan. Und wenn mich nicht alles täuscht, ist deiner Freundin ein ähnliches Schicksal wiederfahren, ohne dass sie davon wusste."
Córiel wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie wusste, dass der Zauberer recht hatte, denn sie spürte es deutlich in ihrem Herzen. Und doch wollte sie nicht, dass er recht hatte. Sie wollte vergessen, was Melvendë wiederfahren war. Sie wollte an diesem früheren Leben nicht teilhaben. Doch je mehr sie daran dachte, desto mehr Erinnerungen kehrten in ihr Gedächtnis zurück. Noch waren sie undeutlich und verschwommen, doch Córiel befürchtete, dass sie schon bald klarer werden würden.
"Was können wir dagegen tun?" fragte sie.
"Dagegen tun?" wiederholte Pallando verwundert. "Nichts. Du wirst dich erinnern - doch was du dann damit anfängst, entscheidest du selbst."
"Ich will mich nicht erinnern," erwiderte sie. "Ich wünschte, ich könnte einfach so weitermachen wie früher, ohne diese neue Last."
"Du wirst sie akzeptieren müssen," sagte der Zauberer mit überraschender Härte in der Stimme. "Daran können wir nichts ändern. Aber es gibt etwas, das wir tun können. Wir können Vaicenya aufhalten."
"Wie?" fragte Jarbeorn.
"Wir stellen ihr eine Falle. Sie wird schon bald unsere Spur aufgenommen haben, daran gibt es keinen Zweifel. Aber ich kenne sie gut genug, um zu wissen, dass sie uns zunächst aus den Schatten heraus beobachten wird, ehe sie sich zeigt. Deswegen müssen wir ihr etwas geben, das sie hervorlocken wird. Etwas, das sie über alles andere begehrt." Er blickte Córiel prüfend an.
"Ich... ich verstehe," sagte sie langsam. "Aber... wie? Wo?"
"Wir lassen diesen Wald hinter uns und gehen nach Osten. Dort lebt eine alte Freundin von mir, die uns helfen wird. Doch zunächst müssen wir uns für die Reise stärken. Die Suppe riecht wirklich ausgezeichnet, mein gutmütiger Freund."
Jarbeorn fand drei Teller in Radagagst Haus und füllte sie mit der Suppe, die er gekocht hatte. Sie war heiß, aber schmackhaft, und sie brachte Córiel zumindest für einige Zeit auf andere Gedanken.

Sie rasteten noch drei Stunden in Rhosgobel. Dann brachen sie in östlicher Richtung auf, den Düsterwald rasch durchquerend.


Córiel, Jarbeorn und Pallando nach Rhovanion
« Letzte Änderung: 19. Mär 2018, 16:57 von Fine »

Eandril

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Rhosgobel
« Antwort #32 am: 16. Jul 2018, 00:02 »
Oronêl und Kerry aus dem tiefsten Wald

Die finsteren, eng zusammenstehenden Bäume des Düsterwaldes schienen lichter und freundlicher zu werden, je weiter Oronêl und Kerry nach Südwesten gelangten, weiter von der Düsternis Dol Guldurs entfernt. Auch Geräusche des Waldes waren nun wieder zu hören, freundliche, natürliche Geräusche von Tieren, die diesen Wald noch ihre Heimat nannten - nicht die bedrohlichen Geräusche, die den Wald weiter im Norden beherrschten. Eichhörnchen rannten die Stämme der Bäume hinauf, und in den Wipfeln und im Unterholz zwitscherten Vögel, immer auf der Suche nach Nahrung. Erst jetzt bemerkte Oronêl, wie sehr ihm die Finsternis des Waldes in den letzten Tages auf der Seele gelegen hatte, und er atmete tief durch. Auch die Luft an sich schien frischer, reiner zu schmecken. 
Unvermittelt traten sie auf eine Lichtung hinaus, die von der Sonne des späten Nachmittags in ein goldenes Licht getaucht wurde, und Oronêl hörte Kerry neben sich tief Luft holen. "Ich hätte nicht gedacht, dass es einen solchen Ort hier im Wald gibt", meinte sie erstaunt. Oronêl lächelte. "Glaubst du, Radagast würde an einem finsteren Ort leben? Das hier ist der Große Grünwald, wie er einst war, bevor Saurons Finsternis ihn verdarb, als die Elben darüber herrschten."
"Hier haben auch Elben gelebt?", fragte Kerry. "Wer waren sie?"
"Nun...", sagte Oronêl langsam. "Einer von ihnen steht neben dir." Kerry schüttelte verwundert den Kopf. "Aber ich dachte, du kommst aus Lórien. Und das ist doch auf der anderen Seite des großen Flusses."
"Heute ist das so", antwortete Oronêl. "Doch vor langer Zeit, als es noch Lórinand genannt wurde, erstreckte es sich bis zur Ostgrenze des Großen Grünwaldes - wie auch das Waldlandreich unserer Verwandten viel größer war, und bis zu dem Ort reichte, wo heute Dol Guldur liegt. Ich erinnere mich noch gut an diesen Baum." Er deutete auf die mächtige, sichtlich uralte Eiche in der Mitte der Lichtung, zwischen deren gewaltigen Wurzeln ein kleines, gemütliches Holzhaus lag. "Ein guter Freund von mir hatte darauf ein Flett gebaut, doch er ist schon lange fort. Heute nennt man diesen Ort..."
"Rhosgobel", ergänzte eine tiefe Stimme hinter ihnen. Kerry fuhr geradezu herum, während Oronêl sich langsam zu Radagast umwandte - er hatte die Schritte des Zauberers bereits hinter sich gehört. "Meister Radagast", sagte er. "Ich freue mich, dich zu sehen - doch warum hast du dich so an uns angeschlichen?" Für einen Augenblick huschte ein Schatten über das lächelnde Gesicht Radagasts. "Der Wald ist dieser Tage selbst hier nicht ungefährlich. Ein Vogel brachte mir Nachricht, dass sich zwei Zweibeiner Rhosgobel näherten, die er nicht kannte - ein Mann und eine Frau, wobei ihm der Mann irgendwie sympatischer zu sein schien."
Kerry murmelte etwas, das wie "Spatzenhirn" klang, und Radagast lachte leise. "Die meisten Vögel sind klüger, als ihr Menschen glaubt, junge Dame. Es ist nun aber so, dass sie Elben in der Regel lieber mögen als Menschen, insofern hat dein Begleiter natürlich einen Vorteil."
"Dann hat er Oronêl noch nicht zu seinen griesgrämigen Zeiten kennengelernt", erwiderte Kerry mit einem Seitenblick zu Oronêl, der ihm klar machte, dass sie seine Entscheidung noch lange nicht akzeptiert hatte. Radagast hingegen lachte herzlich über Kerrys Aussage. "Im Gegensatz zu diesem Vogel finde ich dich sehr sympathisch - auch wenn wir uns, wie ich glaube, noch nicht begegnet sind."
Kerry schüttelte den Kopf. "Ich heiße Kerry - oder Déorwyn, oder Morilië, was immer euch lieber ist." Radagast zog eine buschige Augenbraue in die Höhe. "Nun, du hast eine ganze Menge Namen für ein so junges Ding. Aber ich werde bei Kerry bleiben. Kerrrry - der Klang gefällt mir." Kerry warf Oronêl einen leicht verwunderten Blick zu, und er zuckte nur leicht mit den Schultern. Schließlich besaßen alle Zauberer einen etwas wunderlichen Ruf, natürlich mit Ausnahme Sarumans, dessen Ruf einfach nur finster war.
Radagast klatschte in die Hände. "Aber wir sollte hier draußen nicht die Zeit vertrödeln. Kommt herein, und macht es euch in meinem Haus gemütlich."

Nur kurze Zeit später saßen die drei im Hauptraum von Radagasts Haus um ein munter knisterndes Feuer herum, denn zu dieser Jahreszeit wurden die Nächte auch im südlichen Düsterwald mitunter bereits empfindlich kalt.
Oronêl und Kerry berichteten dem Zauberer abwechselnd, was sie gemeinsam erlebt hatten, seit Oronêl Imladris in Richtung Fornost verlassen hatte. So viel war in der Zeit geschehen, dass es Oronêl viel länger vorkam als die wenigen Monate, die tatsächlich vergangen waren, und als sie mit ihrer Erzählung zum Ende kamen, war es draußen bereits dunkel geworden, und das Feuer warf tanzende Schatten an die hölzernen Wände.
"Und was ist dir widerfahren seit wir uns das letzte Mal sahen, Radagast?", fragte Oronêl schließlich. Der Zauberer saß ihm und Kerry gegenüber und rauchte Kraut in einer langen, gebogenen Pfeife - eine Angewohnheit, die beide bereits zuvor bei Gandalf beobachtet hatten. Auf seinem Schoß lag ein Eichhörnchen, dass zuvor aufmerksam gelauscht zu haben schien, inzwischen aber eingeschlafen war. "Nun, dieses und jenes", erwiderte Radagast. "Nichts davon auch nur annähernd so bedeutend oder dramatisch wie die Abenteuer, die ihr erlebt habt, aber ich habe einiges getan um zu verhindern, dass die Schatten sich weiter ausbreiten - auf meine eigene Art."
Er strich mit dem Zeigefinger sanft dem schlafenden Eichhörnchen über den kleinen Kopf. "Viel interessanter ist natürlich, was dieser kleine Unhold zu berichten hatte. Während meiner Abwesenheit sind drei Leute nach Rhosgobel gekommen - eine Elbenfrau mit zwei Geschichten, ein Mann, der eher einem Bären gleicht, und ein unverbesserlicher Einmischer. Sagen euch diese Beschreibungen etwas?" Oronêl schüttelte den Kopf, und Radagast lachte in sich hinein. "Nein? Nun, mir sagen sie jedenfalls etwas." Oronêl wartete geduldig ab - wenn der Zauberer vorhatte, das Rätsel aufzuklären, würde er es tun, und wenn er es nicht vorhatte, würde nichts was sie sagten, ihn dazu bewegen können, es doch zu tun.
Kerry war nicht so geduldig. "Das ist ja schön, dass ihr Bescheid wisst. Also, wer waren diese Leute? Jemand, den wir kennen?"
Radagast schmunzelte. "Niemand, den du kennst, Kerry. Aber was Oronêl angeht - er kennt zumindest zwei von ihnen. Und wenn mich nicht alles täuscht, wird er ihnen in nicht allzu ferner Zukunft auch begegnen."
"Das glaube ich nicht", sagte Oronêl leise, und er spürte, wie sich Kerrys Blick plötzlich auf ihn richtete. Auch Radagasts Augen fixierten ihn unter seinen buschigen Augenbrauen hindurch. "Ich verlasse Mittelerde", erklärte er ruhig. "Es ist zu viel geschehen, dass... nun, sagen wir einfach, dass meine Zeit vorüber ist."
"Damit kommen wir zum wahren Grund eurer Reise, den ihr bislang verschwiegen habt." Radagast nahm einen tiefen Zug aus seiner Pfeife. "Viele haben schon vor dir geglaubt, dass ihre Zeit gekommen ist. Und viele haben sich geirrt."
"Ich irre mich nicht", erwiderte Oronêl mit fester Stimme. "Die Zeit für mich ist gekommen zu denen zurückzukehren, die ich liebe."
Kerry machte eine unwillkürliche Bewegung, doch bevor sie etwas sagen konnte, sprach Radagast. "Die Herzen der Elben sind nicht mein Spezialgebiet, fürchte ich - hier wäre Gandalf deutlich geeigneter als ich. Ich möchte dir nur eine Frage stellen. Was ist mit denen die du liebst, die hier sind?"
Für einen Augenblick fehlten Oronêl die Worte, und diese Gelegenheit ergriff Kerry. "Hörst du, was er sagt?", fragte sie, und Oronêl konnte Wut und Enttäuschung in ihrer Stimme hören. "Wieso läufst du davon, wenn es noch so viel hier gibt, für das es sich lohnen würde, hier zu bleiben? Zählen wir alle nichts?"
"Ich laufe nicht davon." Oronêl verdrängte die Schuldgefühle, die in ihm aufgestiegen waren, und ersetzte sie durch Zorn - einen Zorn, der vollkommen unberechtigt war. "Du kannst das nicht verstehen, Kerry. Eines Tages hat man zu viel verloren, um noch weiterzukämpfen. Und dieser Tag ist vor einer Woche für mich gekommen. Mein Entschluss steht fest."
"Du hast zu viel verloren?", fragte Kerry, jetzt eindeutig zornig. Ihre Augen glänzten im Schein des Feuers verdächtig. "Ich habe in gerade drei Jahren meine Heimat verloren, meine Mutter sterben sehen, habe jahrelang gedacht, mein Vater wäre tot, und ich habe in jeder Schlacht, die ich erlebt habe, Freunde sterben sehen. Aber will ich einfach aufgeben und mich davon machen?" Sich gegenüber sah Oronêl Radagast anerkennend lächeln, und irgendwie ließ ihn das noch zorniger werden.
"Du hast keine Ahnung, wovon du sprichst, du bist nur ein Mensch", erwiderte er kalt.
"Natürlich bin ich nur ein Mensch", gab Kerry, der Tränen über die Wangen liefen, zurück, und jetzt schrie sie bereits. Das Eichhörnchen auf Radagasts Schoß schreckte aus dem Schlaf auf, sprang auf den Boden und lief in den Schatten davon. "Aber wenigstens bin ich nicht selbstsüchtig und kein... Feigling!"
Oronêl sprang von seinem Sitz auf, riss die Tür des Hauses auf, und eilte ohne ein weiteres Wort in die dunkle Nacht hinaus, während Kerry mit Radagast alleine zurückblieb. Draußen blieb er einige Meter von Radagasts Haus entfernt stehen, unter den Ästen der uralten Eiche, und blickte zum sternenübersäten Nachthimmel hinauf, die Hände hinter dem Rücken.
"Was wollt ihr nur alle von mir?", flüsterte er leise, beinahe unhörbar. Selten hatten ihn Worte so heftig getroffen wie Kerrys Vorwürfe, und ein kleiner Teil in ihm begann zu zweifeln, ob sie nicht recht hatte. Vieles, was er liebte, würde er hier in Mittelerde zurücklassen, in der ständigen Gefahr, von Saurons Schatten verschluckt zu werden. Doch jegliche Kraft, dagegen anzukämpfen, schien ihn mit den Ereignissen am Waldrand verlassen zu haben. "Wenn es jemanden gibt, der mir Kraft geben kann", sagte er leise und verzweifelt. "Dann tut es, und vielleicht... vielleicht ist mein Tag noch nicht gekommen." Doch die Sterne antworteten nicht, und schienen weiterhin gleichgültig auf ihn hinab, bis die Sonne sich über die östlichen Wipfel erhob und sich die Tür von Radagasts Haus hinter ihm öffnete.

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Die Weisheit der Tiere
« Antwort #33 am: 26. Jul 2018, 15:43 »
Kerry bebte vor Zorn. Wie konnte Oronêl nur solche Dinge sagen? Wie konnte er all das ernst meinen? Sie ignorierte die leise Stimme in ihrem Herzen, die Verständnis für all das, was dem Waldelb im letzten Jahr widerfahren war, aufbringen wollte und starrte wutentbrannt auf die Tür, die lautstark hinter Oronêl zugefallen war. Sie konnte weder sprechen noch klar denken. Am liebsten hätte sie in jenem Augenblick irgend etwas zerstört.
Es war Radagasts sanfte Stimme, die Kerry wieder zur Vernunft brachte. „Du solltest dich entschuldigen,“ sagte der Zauberer freundlich, aber in seiner Stimme lag auch ein Hauch von Anklage.
„Mich entschuldigen?“ antwortete Kerry, ohne sich zu Radagast umzudrehen. „Bei Oronêl? Das sehe ich nicht ein.“
„Ich habe nicht von deinem Freund gesprochen,“ erwiderte Radagast sanft. „Sondern von deinem geduldigsten Zuhörer.“
Kerry blickte über ihre Schulter. Der Zauberer saß noch immer an Ort und Stelle. Neben seinem linken Fuß rührte sich etwas. Kerry drehte sich langsam um und erkannte, dass es sich dabei um das Eichhörnchen handelte, das bis zu ihrem Zornesausbruch auf Radagasts Schoß geschlafen hatte.
„Du hast dem kleinen Racker einen ziemlichen Schrecken eingejagt,“ stellte Radagast klar.
Kerry kam vorsichtig näher und kniete sich einen Meter entfernt von dem rotbraunen Nager hin. „Es tut mir Leid, kleiner Bursche,“ sagte sie und kam sich dabei sogar nur ein klein wenig seltsam vor, weil sie mit einem Tier sprach. „Ich wollte dich nicht erschrecken. Ich war nur so... wütend darüber, was Oronêl gesagt hat.“
„Vielleicht verzeiht er dir, wenn du ihm eine Nuss aus dem Korb im Regal links hinter dir holst,“ schlug Radagast vor.
Kerry tat, wie ihr der Zauberer geheißen hatte. Sie musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um an das oberste Brett des Regals zu gelangen, und eine Nuss hervor zu fischen. Mit ihrer Beute in der Hand näherte sie sich in der Hocke erneut dem Eichhörnchen. „Hier, bitte,“ sagte sie und legte die Nuss direkt vor Radagasts Fuß ab. Das Tierchen zögerte zunächst, doch dann griff es zu. Es gab ein zufriedenes Piepsen von sich und kletterte an dem Stuhl hoch, in dem der Zauberer saß. Auf seiner Schulter hielt es inne und machte sich über die Nuss her.
Kerry seufzte tief und blieb an Ort und Stelle sitzen. Sie wusste nicht, wie sie jetzt weiter vorgehen sollte. Traurig lehnte sie sich mit dem Rücken an die Seitenlehne von Radagasts Stuhl und schwieg. Mehrere Minuten vergingen, in denen sie inständig darauf hoffte, Oronêl würde zurückkehren. Doch die Türe nach draußen blieb geschlossen, während es außerhalb der kleinen Behausung längst tiefe Nacht geworden war.
Da legte sich eine Hand auf Kerrys Schopf und strich ihr durch die zerzausten Haare. Es war eine beruhigende Berührung, die sie an ihren Vater, Cyneric, erinnerte. Als Kerry klein gewesen war, hatte ihr ihr Vater oft so über den Kopf gestrichen. Sie vergaß für einen Moment ihre Sorge und ihren Zorn auf Oronêl und ließ den letzten Tränen, die sie noch in ihr getragen hatte, freien Lauf. Wie glitzernde Perlen fielen sie auf ihre Beine oder den hölzernen Boden der Hütte Radagasts herab.
„Ich wünschte, Gandalf wäre hier,“ sagte Kerry leise. „Er wüsste, wie man Oronêl Vernunft beibringen könnte.“
„Da magst du Recht haben, meine junge Freundin,“ erwiderte Radagast. „Aber selbst Gandalf kann nicht überall gleichzeitig sein. Ich hörte, er ruhte sich an den Gestaden Círdans aus, um wieder zu Kräften zu kommen.“
„Das war vor vielen Monaten,“ meinte Kerry. „Inzwischen ist er sicher schon wieder aufgebrochen.“
„Hmm,“ brummte Radagast nachdenklich. „Er war schon immer jemand, der viel herumgekommen ist. Wenn ich darüber nachdenke, ist er vermutlich der am wenigsten Sesshafte unter den Zauberern.“
„Ich habe gehört, dass es fünf von euch gibt,“ sagte Kerry. „Drei davon habe ich schon getroffen: Gandalf, Saruman, und dich. Wo sind denn Nummer Vier und Fünf?“
Radagast schmunzelte. „Einer der beiden war erst vor wenigen Tagen hier. Er ist der Einmischer, von dem ich vorhin gesprochen habe. Wie die Menschen ihn nennen, weiß ich nicht, doch bei den Elben wurde er Pallando genannt. Auch er kam in letzter Zeit wirklich viel herum, doch bis vor wenigen Jahren hielt er sich hauptsächlich im Osten auf... wo der Fünfte in unserem Orden heute noch geblieben ist. Alatar ist sein Name, und er ist von uns Saruman am ähnlichsten. Dennoch verfolgt er ganz eigene Ziele, wenn man Pallandos Bericht Glauben schenken möchte.“
„Mhm,“ machte Kerry, die nun wieder damit begonnen hatte, auf die Türe nach draußen zu starren. Sie hatte gehofft, sich durch Radagasts Geschichten von ihren Gedanken an Oronêl abzulenken, musste jedoch feststellen, dass es nicht funktionierte.
Radagast schien diese Tatsache ebenfalls aufzufallen. „Kerry, lass mich dir eine Frage stellen. Wann hast du Oronêl kennengelernt?“
„Vor einem halben Jahr, während der Belagerung von Fornost,“ antwortete sie wahrheitsgemäß.
„So ist das also,“ sagte Radagast. „Als ich ihn zum ersten Mal traf, hatte er noch einen weiten Weg bis dorthin vor sich. Ich sprach mit ihm und seiner Tochter, wenige Tage vor dem Fall von Lothlórien, und schon damals konnte ich erkennen, dass er einer Kerze glich.“
Kerry wartete einen Moment auf die Erklärung dieses merkwürdigen Satzes, doch als Radagast nicht weitersprach, fragte sie: „Einer... Kerze?“
Radagast schien verwundert darüber zu sein, dass sie nachfragte, doch er sagte: „Ich hatte den Eindruck, dass er nur eine begrenzte Zeit des Kämpfens, Handelns und Leidens würde ertragen können, bis die Kerze seiner Kraft niedergebrannt wäre.“
„Du willst also sagen, diese Kerze ist jetzt verbraucht?“
„Ich halte es jedenfalls für möglich. Du solltest dir also gut überlegen, was du da von deinem Freund forderst, Kerry.“
„Ich habe es mir gut überlegt,“ hielt Kerry dagegen. „Wenn ich es richtig verstanden habe, will Oronêl an einen Ort gehen, von dem niemand jemals wieder zurückkehren kann. Es ist beinahe so, als würde er freiwillig in den Tod gehen!“
„Dieser Ort, von dem du sprichst, hat nur wenig mit dem Tod gemein, dem ihr Menschen verfallen seid,“ erwiderte Radagast. Er seufzte leise, ehe er fortfuhr. „Ich sagte ja schon, dass die Elben wirklich nicht mein Spezialgebiet sind. Wenn ich könnte, würde ich dem guten Oronêl sein Vorhaben ausreden, denn wenn er wirklich so blind dafür ist, was er in dieser Welt, diesem Mittelerde, noch hat, dann wäre es ein gewaltiger Fehler, all das einfach aufzugeben.“
„Du weißt gar nicht, wie groß,“ sagte Kerry leise und dachte an jene, die Oronêl liebten und die sein Abschied schwer treffen würde. Irwyne, Mithrellas, Amrothos und so viele weitere... und natürlich Kerry selbst. „Was soll ich jetzt nur tun, Radagast?“
Der Zauberer schwieg. Auf seiner Schulter turnte noch immer das Eichhörnchen herum. Von draußen war leises Vogelzwitschern zu hören - die ersten Vorboten des nahenden Morgens. Kerrys Blick blieb an den braunen Augen Radagasts hängen und suchte dort nach Antworten, die sie selbst nicht finden konnte. Sie verlor sich darin wie in zwei tiefen Brunnen.

Kerry fuhr hoch, als eine Berührung am Kopf sie weckte. Über ihr war Radagasts buschiger Bart zu sehen, hinter dem ein belustigtes Lächeln hervorblitzte. Kerry wurde klar, dass sie, von der Müdigkeit übermannt, mit dem Kopf auf dem Schoß des Zauberers eingenickt sein musste.
„T-tut mir Leid!“ stieß sie hervor und sprang hastig auf. Dabei stolperte sie über den an der Wand lehnenden Stab Radagasts und schlug der Länge nach hin.
„Also eines ist mir völlig klar,“ sagte der Zauberer, während er Kerry auf die Beine half. „Dich jetzt hier alleine zu lassen wäre vollkommen unvernünftig von Freund Oronêl. Du bist wirklich ein tollpatschiges Mädchen, kleine Kerry.“
Kerry war zu beschämt, um eine patzige Antwort zu geben. Sie blieb stehen, während Radagast die Tür seiner Behausung öffnete und die Sonnenstrahlen der Morgensonne herein ließ.
„Heda! Fae-Brûn! Wo treibst du dich herum, mein Freund?“ rief der Zauberer, als Kerry ihm gerade nach draußen folgte.
Zwischen zwei großen Eichen tauchte Oronêl auf. Er wirkte auf Kerry wie ein Fremder. Seine Miene war verschlossen und er würdigte sie keines Blickes.
„Ach du meine Güte,“ murmelte Radagast. „Es ist schlimmer, als ich angenommen hatte.“ Er marschierte auf Oronêl zu und legte dem Waldelb die Hand auf die Schulter. „Heute wird ein warmer Herbsttag werden, wahrscheinlich der letzte angenehme Tag des Jahres. Kein guter Tag zum Streiten, wie ich finde. Gerne würde ich euch beiden anbieten, noch ein paar Nächte in Rhosgobel zu verbringen, doch das geht nicht. Ich muss gehen und mich um den Wald kümmern - die Wunden heilen, die Sarumans Diener geschlagen haben - und Kerry wird hier nicht sicher sein. Du hast sie hierher gebracht und wirst wohl nicht umkehren wollen, um sie ins Waldlandreich zu bringen. Also solltest du sie mitnehmen, wenn du wirklich zum Meer unterwegs bist.“
Oronêl sagte nur: „Ich gehe nach Dol Amroth, auf direktem Wege.“
„Dann wirst du durch Rohan kommen, wo deine kleine Freundin in Sicherheit sein wird,“ schlussfolgerte Radagast.
„Ich komme mit bis nach Dol Amroth,“ mischte Kerry sich ein. „Bis er einsieht, was er für einen Fehler macht.“
Ehe Oronêl widersprechen konnte, sagte Radagast: „Ihr beiden erinnert mich an zwei meiner Freunde, die sich vorgestern auf dem Dach meines Hauses gestritten haben. Es waren ein Rabe aus dem Norden, vom Volke Erebors, und ein Falke, der einst in Lothlórien gelebt hatte. Beide hatten sie ihre Heimat durch den Krieg verloren und bei mir Unterschlupf gesucht. Beide wollten sie dasselbe: Frieden und Ruhe. Und doch stritten sie sich so heftig, dass sie gar nicht bemerkten, wie sie diesen einst friedlichen Ort zu einem Kriegsschauplatz machten. Sie hatten sich ihren Frieden selbst verdorben.“
„Was hat das mit uns zu tun?“ warf Kerry ein. „Ich bin doch kein Rabe, und ein Falke schon gar nicht.“
Radagast lachte leise. „Ihr beiden seid einander sehr wichtig, und dennoch streitet ihr euch. Ich schlage vor, dass ihr diesen Streit für den Moment beilegt und zuseht, dass ihr sicher und wohlbehalten an eurem Reiseziel ankommt... wo auch immer das letzten Endes sein wird.“
Kerry war noch immer entschlossen, Oronêl so lange nicht von der Seite zu weichen, bis er seine Entscheidung, in den Westen zu fahren, aufgab. Doch sie erkannte, dass Radagast Recht hatte. Sich mit Oronêl zu streiten würde ihn nicht davon überzeugen, seine Meinung zu ändern, sondern es vermutlich noch schlimmer machen. Also gab sie sich eine Ruck und sagte: „Es tut mir Leid, dass ich dich einen Feigling genannt habe, Oronêl.“
Oronêls Blick fand ihren. Seine Miene war für Kerry trotz der vielen Zeit, die sie gemeinsam verbracht hatten, kaum zu deuten. Er wirkte distanziert und in jenem Moment sehr elbisch auf sie. Doch dann holte er tief Luft und ließ ein lautes Seufzen hören. „Also gut, Kerry. Du kannst mitkommen, bis nach Rohan. Und bevor wir dort nicht angekommen sind, werden wir nicht mehr darüber sprechen, was ich vorhabe. In Ordnung?“
Kerry nickte. „In Ordnung.“

Ein lautes Krächzen unterbrach das Gespräch. Ein Vogelschwarm rauschte aufgeregt über die kleine Lichtung hinweg und verschwand in nordwestlicher Richtung. Radagast packte seinen Stab und blickte besorgt gen Himmel. Ein Spatz landete auf seiner Schulter und piepste ihm etwas ins Ohr, was die Sorgenfalten auf dem Gesicht des Zauberers noch vertiefte.
„Ihr solltet gehen,“ drängte er Kerry und Oronêl. „Noch ist der Weg nach Süden frei, doch ich weiß nicht, wie lange es so bleiben wird. Haltet euch von Dol Guldur fern, und betretet ebensowenig den Goldenen Wald! Überquert den Anduin bei den südlichen Untiefen, und geht auf keinen Fall durch die Braunen Lande! Etwas Übles regt sich. Ich muss fort und es mir ansehen. Geht jetzt! Die Zeit drängt!“
Kerry vergaß ihren Ärger und wurde von Radagasts Besorgnis angesteckt. Ein leiser Anflug von Angst machte sich in ihr breit. Sie hoffte, es würde ihr und Oronêl gelingen, den Düsterwald so bald wie möglich zu verlassen. Rasch packten sie ihre Sachen zusammen und machten sich reisefertig. Radagast war bereits verschwunden, als sie seine Hütte in südlicher Richtung verließen.


Oronêl und Kerry nach Rhovanion
« Letzte Änderung: 15. Sep 2018, 22:01 von Fine »