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Autor Thema: Tum-en-Dín  (Gelesen 4916 mal)

Eandril

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Tum-en-Dín
« am: 25. Sep 2016, 17:20 »
Hilgorn aus Dol Amroth...

Langsam ritt Hilgorn die alte Straße durch die Cirith Lenthir hinauf, denn die Schlucht war eng und die Straße durch die vielen kleinen Wasserfälle, die der Limceleth herabfloss oftmals nass und glitschig. Dennoch kam er schließlich an den Punkt, an dem die Felswände zu beiden Seiten der Straße nach einem letzten steilen Anstieg plötzlich zurückwichen, und vor ihm breitete sich das Tal Tum-en-Dín im Abendlicht aus. Etwa eine halbe Meile vor ihm sah er die hellen Mauern von Tíncar leuchten, und obwohl er der Begegnung mit seinem Bruder nicht gerade freudig entgegensah, freute er sich den Ort seiner Kindheit vor sich liegen zu sehen.
Er folgte der Straße entlang des munter plätscherndem Limceleth, als er plötzlich eine leise Flötenmelodie vernahm. Hilgorn zog an den Zügeln, blickte sich suchend um, und die Flöte verstummte. Von links hörte er eine Kinderstimme fragen: "Wer bist du?" In einem kleinen Baum saß ein Mädchen in einem blauen Kleid auf einem dicken Ast saß und ließ die Beine baumeln. In der Hand hielt sie eine kleine Flöte. "Mein Name ist Hilgorn, und ich komme aus Dol Amroth.", antwortete er, und lenkte Nacht ein paar Schritte von der Straße weg auf den Baum zu. "Und wer bist du?"
"Iorweth.", erwiderte das Mädchen. "Und ich komme von da." Sie deutete in Richtung Tíncar, dessen Mauern sich etwa einhundert Fuß weiter erhoben. Hilgorn betrachtete das Mädchen genauer. Sie konnte nicht älter als sechs, sieben Jahre sein, und die schwarzen Haare und grauen Augen kamen ihm sehr bekannt vor.
"Ist dein Vater der Herr von Tíncar?", fragte er mit einem Lächeln.
Iorweth nickte eifrig. "Dann kannst du runterkommen.", meinte Hilgorn, und saß ab. "Dein Vater ist mein Bruder, also bin ich dein Onkel." Er machte einen Schritt auf den Baum zu, sodass er direkt unter ihr stand. "Nun komm schon."
Iorweth schüttelte den Kopf, dass die schwarzen Haare flogen. "Ich weiß nicht, wie.", gab sie zaghaft zu.
"Genauso, wie du rauf gekommen bist."
"Aber... ich weiß nicht mehr, wie ich rauf gekommen bin." Hilgorn musste unwillkürlich lächeln, denn ihm war einst genau das gleiche passiert - wenn auch der Baum damals etwas höher gewesen war. "Lass dich einfach fallen.", sagte er und breitete die Arme aus. "Ich fange dich auf."
"Aber... ich hab Angst.", kam es von oben zurück. "Brauchst du nicht.", versicherte Hilgorn dem Mädchen - seiner Nichte, wie ihm erst langsam wirklich bewusst wurde. "Vertrau mir, ich würde meine Nichte nicht fallen lassen."
"Ich... na gut." Im nächsten Moment plumpste das Mädchen schon direkt in Hilgorns wartende Arme, und er ging leicht in die Knie um den Aufprall abzufedern - auch wenn sie noch leichter war als er erwartet hatte. Für einen Augenblick wurde ihm bewusst, dass er Faniels Tochter in den Armen hielt, doch er verdrängte den Gedanken und stellte Iorweth rasch wieder auf die Füße.
"Und, willst du mit mir nach Hause reiten, Prinzessin?", fragte er das etwas atemlose Mädchen. Sie zog die Nase kraus und antwortete: "Ich weiß nicht. Ich soll nicht einfach mit Fremden mitgehen."
Na, wenigstens etwas. Hilgorn fragte sich, was in seinen Bruder gefahren sein mochte, seine Tochter einfach unbeaufsichtigt außerhalb des Gutes herumlaufen zu lassen - in diesen Zeiten. "Das ist auch richtig so, aber ich bin kein Fremder." Er ergriff Nachts Zügel und strich dem Rappen über den Hals.
"Aber was ist... wenn ich dich reiten lasse und nur daneben hergehe? Dann kannst du mir immer davon reiten."
Iorweth trat unsicher von einem Fuß auf den anderen, offenbar zwischen dem verlockenden Gedanken auf Nacht reiten zu können und den Befehlen ihrer Eltern hin und her gerissen. "Na gut.", sagte sie schließlich, und Hilgorn hob sie auf den Rücken des Pferdes.
"Nicht so an der Mähne festklammern. Hier, nimm die Zügel." Er gab ihr die Zügel in die kleinen Hände, die Flöte hatte sie inzwischen in den Gürtel ihre Kleides gesteckt, ergriff selbst das Zaumzeug des Hengstes und gab Iorweth mit der anderen Hand halt.
"Auf gehts!"

Sie erreichten Tíncar ohne weiteren Zwischenfall, und als sie vor dem geschlossenen Tor standen rief sie eine Wache von oben an: "Wer kommt da?"
Hilgorn blickte auf, und der Wächter schien ihn sofort zu erkennen. "Herr Hilgorn, seid ihr das?"
"Bin ich.", gab Hilgorn zurück. "Schön, dass du immer noch hier bist, Ergon." Die Strahlen der untergehenden Sonne beleuchteten das Gesicht des alten Wachmannes, als er antwortete: "Schön euch mal wieder hier zu sehen, Herr. Und die Fräulein Iorweth habt ihr auch mitgebracht, da wird die Herrin aber erleichtert sein."
Ergon verschwand für einen Moment und rief auf der anderen Seite der Mauer etwas in den Innenhof hinunter. Kurz darauf schwangen die Torflügel auf, und Hilgorn führte Nacht auf den Gutshof.
Während sie unter dem Torbogen hindurchgingen beugte Hilgorn sich zu Iorweth hinüber und sagte leise: "Du durftest gar nicht draußen sein, oder?" Seine Nichte antwortete nicht, schüttelte aber unbehaglich den Kopf.

"Iorweth!", hörte er eine Frauenstimme von rufen. "Wo hast du gesteckt?" Hilgorn führte Nacht nach rechts in Richtung der Ställe, aus der auch die Stimme gekommen war. Von dort kam eine schwarzhaarige Frau, die in ein schlichtes grünes Kleid gekleidet war, ihnen entgegen, und Hilgorns Herz begann bei ihrem Anblick sofort schneller zu schlagen.
"Ich danke euch, dass ihr..." Sie beendete den Satz nicht, sondern schlug entsetzt die Hand vor den Mund. "Hilgorn?"
Hilgorn nickte. "Faniel.", sagte er leise. Mehr brachte er nicht heraus, denn obwohl sie sich seit neun Jahren nicht mehr gesehen hatten, hatte sich für ihn nichts verändert. Sie war die Tochter des Herren von Tugobel, einem Gut, das weiter den See hinauf lag, und als Kinder hatten sie oft gemeinsam gespielt. Eine Zeit lang waren sie unzertrennlich gewesen, oftmals mit Hilgorns Bruder Aldar Verbündete gegen ihre älteren Brüder, Imradon und Beleg, die ebenfalls eng befreundet gewesen waren. Nachdem Hilgorn sich nach dem Tod seines Vaters der Wache von Dol Amroth angeschlossen hatte, hatten sie sich nur noch selten getroffen, das letzte Mal als sie neun Jahre zuvor ihren Bruder Beleg nach Dol Amroth begleitet hatte. Damals hatten sie einen ganzen Abend miteinander verbracht, und sie hatte ihn zum Abschied geküsst.
Nur wenige Tage später kam aus Tíncar die Nachricht, dass sie Hilgorns ältesten Bruder Imradon geheiratet hatte, und an diesem Tag hatte Hilgorn sich geschworen, nie mehr nach Tíncar zurück zu kehren. Und nun war er doch hier.

Hilgorn räusperte sich, um die unangenehme Stille zu durchbrechen die sich über sie beide gelegt hatte, und hob Iorweth, die mit geöffnetem Mund zwischen beiden hin und her geschaut hatte, aus dem Sattel. "Ich bringe dir deine Tochter zurück.", sagte er mit belegter Stimme, und schob das Mädchen sanft in Faniels Richtung. Dabei konnte er den Blick nicht von Faniels Gesicht lösen, der Andeutung von Sommersprossen unter ihren grauen Augen, den glänzenden schwarzen Haaren, den sanft geschwungenen Lippen... Er zwang sich, den Blick abzuwenden, und zog unbewusst den leicht verrutschten Mantel zurecht.
Iorweth machte ein paar langsame Schritte auf ihre Mutter zu, und sagte schließlich: "Es tut mir Leid, Mutter, dass ich weggelaufen bin." Jetzt gelang es auch Faniel, sich von Hilgorns Anblick zu lösen und ihre Tochter anzusehen. "Aber Belegorn hat..."
"Ich weiß, was dein Bruder getan hat.", unterbrach Faniel ihre Tochter. "Das entschuldigt aber nicht, dass du einfach so wegläufst. Deine Großmutter und ich waren krank vor Sorge."
"Ich weiß, aber ich..." Wieder wurde Iorweth von ihrer Mutter unterbrochen. "Du gehst sofort auf dein Zimmer, und kommst erst wieder raus wenn ich es dir erlaube. Keine Widerrede!"
Hilgorn sah, wie sich die Augen des Mädchens mit Tränen füllten, doch sie gab keine weiteren Widerworte und lief in Richtung des Haupthauses davon.
"Ist das nicht ein bisschen hart?", wagte Hilgorn leise zu fragen. "Du weißt wie Imradon früher war, und wenn mein Neffe nur halbwegs nach meinem Vater kommt..." Faniel schüttelte den Kopf und schloss einen Moment die Augen. Als sie sie wieder öffnete, erschrak Hilgorn über die Müdigkeit, die er darin sah. Kein Funken mehr von der Lebensfreude, die sie früher ausgestrahlt hatte. "Hilgorn, ich... Du weißt wie die Zeiten sind, und..." Sie stockte, und schüttelte abermals den Kopf. "Ich denke, du solltest jetzt gehen, bevor..."

Vor dem Tor erschallte ein gebieterischer Ruf, und mit einem unwillkürlichen Schaudern erkannte Hilgorn die Stimme seines ältesten Bruders. Er stählte sich innerlich während die Wachen zu Tor eilten um ihrem Herrn zu öffnen und sagte mit einem gequälten Lächeln und so leise, dass Faniel ihn nur gerade so noch hören konnte: "Na schau an, wenn das nicht mein Lieblingsbruder ist..."
« Letzte Änderung: 25. Sep 2016, 17:23 von Eandril »

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Eandril

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Re: Tum-en-Dín
« Antwort #1 am: 26. Sep 2016, 13:03 »
Imradon ritt ohne anzuhalten durch das Tor in den Hof, so nah an Nacht vorbei dass Hilgorns Rappe nervös tänzelte, hielt direkt vor den Ställen und sprang in einer fließenden Bewegung von seinem Pferd.
Hilgorns Bruder war zur Jagd in braun-grünes Leder gekleidet und hatte einen Bogen über der Schulter hängen. Hinter ihm kamen langsamer als er seine Jagdgefährten.
"Kleiner Bruder!", rief Imradon mit einem eindeutig falschem Lächeln aus, und war die Zügel seines Pferdes achtlos einem eilig herbeigeeilten Stallburschen zu. Während er mit langen Schritten auf Hilgorn und Faniel zuging betrachtete Hilgorn den Bruder, den er so lange nicht gesehen und kein bisschen vermisst hatte. Was er sah, erschreckte ihn. Imradons Gesicht war fahl, seine Augen trübe und in seinem schwarzen Haar waren viele graue Strähnen zu sehen.
Imradon küsste seine Frau, und die Geste war eindeutig demonstrativ. Mit leichter Genugtuung stellte Hilgorn jedoch fest, dass Faniel den Kuss keineswegs leidenschaftlich erwiderte, sonder eher über sich ergehen ließ. Schließlich wandte Imradon sich ihm zu.
"Was führt dich her, kleiner Bruder? Habt ihr in Dol Amroth nicht genug eigene Probleme?"
"Die Probleme in Dol Amroth sind fürs erste gelöst.", gab Hilgorn so kühl und ruhig wie möglich zurück. "Ich bin hier um Mutter zu sehen." Sein Bruder verzog das Gesicht als ob ihm etwas Schmerzen bereiten würde. "Nur zu."
Er wandte sich an Faniel. "Lass das Essen vorbereiten, Hilgorn isst mit uns. In einer halben Stunde!" Mit diesen Worten ging er in Richtung des Haupthauses davon, und Faniel eilte mit einem letzten Blick auf Hilgorn in Richtung der Küchen.



"Also, Bruder. Hast du es schon zu etwas gebracht in deiner geliebten Stadt?", fragte Imradon kauend. Der Herr von Tíncar saß am Kopfende der Tafel, flankiert von seiner Mutter und seiner Frau. Das Wiedersehen zwischen Hilgorn und seiner Mutter Iorweth war wesentlich freudiger und ehrlicher gewesen als die mit Faniel und Imradon, und sie hatten sich bis zum Essen unterhalten - wie es Aldar ging, ob Hilgorn inzwischen verheiratet war und über seine Nichte und seinen Neffen. Seine Mutter erzählte begeistert von ihren Enkeln, die sie offenbar ganz ins Herz geschlossen hatte.
"Nun... so könnte man es sagen.", antwortete Hilgorn vorsichtig. Es war nicht seine Art mit seinen Leistungen anzugeben, aber an Imradons Miene konnte er sehen, dass sein Bruder bereits einiges zu wissen schien.
"Erzähl.", sagte Faniel, die Hilgorn schräg gegenüber saß. "Was ist dir so widerfahren?" Hilgorn blickte ihr für einen Moment in die Augen - eigentlich zu lange um noch schicklich zu sein, doch er konnte sich nicht beherrschen.
"Nun... nach dem zweiten Angriff auf Dol Amroth hat der Fürst mir den Befehl über einen großen Teil seiner Streitkräfte gegeben und mir ein Stück Land an der Küste versprochen, sobald der Krieg vorüber ist." Imradon steckte ein Stück Fleisch in den Mund, kaute einen Moment und erwiderte dann: "Sehr beeindruckend. Obwohl ich gehört habe, dass der Angriff eher von diesem Edrahil von Belfalas abgewehrt worden ist. Wie kommt es dann, dass du dafür belohnt wurdest?"
Hilgorn biss zornig die Zähne zusammen, antwortete aber: "Ich hatte den Befehl über die Männer die das Tor verteidigten auf das der Hauptangriff geführt wurde, und ich habe das Tor gehalten."
"Soso.", gab sein Bruder zurück, und trank genüsslich einen Schluck Wein. Es war bereits sein dritter Becher im Lauf des Essens. "In Dol Amroth wird man also schon belohnt, nur weil man seine Arbeit tut... ist das Pflichtbewusstsein der Soldaten Dol Amroths so gering, dass es schon auffällt wenn jemand seine Pflicht erfüllt? Oder hat nur dein Freund, der Prinz ein gutes Wort für dich eingelegt?"
"Elphir hatte nichts damit zu tun.", sagte Hilgorn in so eisigem Tonfall, dass sowohl Faniel als auch seine Mutter vor Schreck aufhörten zu essen und das Besteck sinken ließen. Von der anderen Tischseite ihn seine Nichte Iorweth mit offenem Mund, in dem zwei Zahnlücken zu sehen waren, an, während ihr Bruder Belegorn langsam zwischen Hilgorn und Imradon hin und her blickte. "Und das Pflichtbewusstsein der Soldaten von Dol Amroth steht außer Zweifel, und ist mit Sicherheit höher als das mancher Adligen, die sich lieber hinter ihren Mauern verkriechen als ihr Land zu verteidigen."
Er sah, wie Imradon den Weinkelch so fest umklammerte, dass seine Knöchel weiß hervortraten.
"Ich muss mich in meinem eigenen Haus nicht von meinem Bruder beleidigen lassen." Imradon stand auf und stellte den Becher so heftig auf den Tisch, dass der rote Wein herausschwappte. "Morgen früh verlässt du Tíncar, und solange ich lebe wirst du nie wieder zurückkehren."
Mit einem Schwung seines goldbestickten Mantels wandte er sich um und verließ den Raum, wobei der die Tür hinter sich zuknallte und den Rest der Tischgesellschaft in bedrücktem Schweigen zurückließ.

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Eandril

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Re: Tum-en-Dín
« Antwort #2 am: 26. Sep 2016, 19:44 »
Zwei Stunden nach dem katastrophalen Abendmahl stand Hilgorn auf der kleinen Plattform an der Spitze des östlichen Turmes und blickte nach Osten über das Tal. Der Mond stieg langsam über die Berge im Norden, und warf einen silbernen Streifen auf den Cenedril-See, der nur eine kurze Strecke östlich des Gutes begann. Hilgorn erinnerte sich, wie er oft als Kind hier oben "Wache gestanden" hatte. Es war eine von den vielen kleinen Aufgaben, die die Soldaten aus der Kaserne ihm gegeben hatte, damit er sich nützlich fühlen konnte - natürlich war ihm inzwischen klar geworden, dass es damals keinen Grund gegeben hatte, eine Wache auf den Türmen aufzustellen, denn Überfälle der Korsaren auf Belfalas waren selten geworden und überhaupt waren diese selten bis nach Tíncar vorgedrungen.
Hilgorn seufzte, und stützte die Ellbogen auf die Mauerkrone. Er ließ den Blick schweifen, von den steilen Bergen im Süden über die Felder zu den Lichtern des Dorfes am Rand des Cenedril, und dann über den See nach Norden zu den sanfter ansteigenden Berghängen im Norden, wo das Jagdgebiet der Herren von Tíncar lag. Es sah ruhig, friedlich, idyllisch aus - und seltsam unberührt. Allein auf dem kurzen Ritt von Dol Amroth hier her war Hilgorn durch zwei niedergebrannte Dörfer und an der Ruine eines Gutes vorbeigekommen. Und auch wenn das Tal abgelegen lag, vor dem Bruch der Belagerung war ganz Belfalas fest in Mordors Hand gewesen.

Er hörte leise Schritte die Wendeltreppe hinaufkommen und ein Kleid rascheln, und als er sich umwandte stand er Faniel gegenüber.
"Dein Bruder will dich von hier vertreiben.", sagte sie ansatzlos, und machte einen Schritt auf ihn zu. Dann einen weitern. "Ich weiß.", meinte Hilgorn. Sie nahm seine Hand, und die Berührung schien seinen ganzen Arm zu elektrisieren.
"Ich will aber nicht, dass du wieder gehst." Kaum waren die Worte gesprochen packte Hilgorn sie, zog sie in seine Arme und küsste sie. Faniel ließ ihn widerstandslos gewähren, und erwiderte den Kuss sogar mit einer Leidenschaft, die Hilgorn überraschte. Dennoch, als sie sich etwas atemlos voneinander lösten schob er sie sanft von sich, obwohl es ihn geradezu unmenschliche Überwindung kostete.
"Wir sollten das nicht tun. Du bist verheiratet, hast Kinder und..." Er stockte, als er Tränen in Faniels wunderschönen Augen glitzern sah. "Ich hasse ihn." Die Worte kamen leise, und sobald sie heraus waren schlug Faniel die Hände vor den Mund, offenbar erschrocken über ihre eigenen Worte.
"Warum hast du ihn geheiratet?" Hilgorn machte sicherheitshalber einen Schritt zurück, und stieß mit dem Rücken gegen die Mauerkrone.
"Weil... ich..." Im Mondlicht sah er ihre Unterlippe zittern, und wünschte sich nichts mehr als sie erneut zu küssen. "Er war so nett und charmant zu mir als er mich umworben hat. Mein Vater wollte die Hochzeit auch, und so... habe ich damals eingewilligt." Faniel klang hilflos.
"Hast du ihn geliebt?", fragte Hilgorn nach, und erschrak über den verbitterten Klang seiner eigenen Stimme.
"Ich weiß nicht... ich denke nicht wirklich.", antwortete Faniel. "Aber du warst nicht hier und mein Vater wollte nicht dass ich nach Dol Amroth gehe - außerdem warst du nur ein Mann der Wache, und mein Vater wollte etwas besseres für mich." Auch wenn die Erinnerung an den Tag, als er von ihrer Hochzeit erfahren hatte noch immer wie ein Stachel in seinem Herzen steckte, taten ihre Worte Hilgorn gut, und er öffnete die Arme, die er vor der Brust verschränkt hatte. Zu seiner Erleichterung nahm Faniel die Umarmung an und legte den Kopf an seine Brust, obwohl er befürchtet hatte, sie mit seinen Fragen verärgert zu haben.
"Aber jetzt bin ich ein General von Dol Amroth, und sobald der Krieg vorüber ist werde ich mein eigenes Land besitzen.", sagte er leise und strich Faniel sanft über den Rücken. "Würdest du mich also jetzt nehmen?" Fanieln hob den Kopf und blickte ihm in die Augen. "Sofort.", erwiderte sie mit einem Lächeln, dass allerdings sofort wieder verschwand. "Aber dazu ist es zu spät." Sie legte den Kopf wieder auf seine Brust, und für einen Moment verharrten sie schweigend, während unten der Limcelleth leise plätscherte.

Schließlich brach Hilgorn das Schweigen. "Was hat Imradon getan, dass du ihn hasst?"
"Müssen wir wirklich über ihn reden?" Faniel löste sich aus seiner Umarmung und blickte ihm ins Gesicht. Hilgorn schüttelte den Kopf. "Nicht, wenn du nicht willst. Aber ich wüsste gerne, warum."
"Er... seit einiger Zeit behandelt er mich, als wäre ich eine Dienerin, und wenn er mich ansieht kann ich keine Gefühle in seinen Augen erkennen. Das einzige was ihn noch interessiert sind Macht und Geld."
"Und seine Kinder?" Faniel lachte bitter auf. "Für Belegorn ja, er ist ja sein Erstgeborener und Erbe. Aber für meine kleine Iorweth hat er kaum einen Blick übrig, nur wenn sie etwas angestellt hat - und deshalb stellt sie immer wieder irgendetwas an, nur um ein wenig Aufmerksamkeit zu bekommen."
Hilgorn beschloss, dass Thema etwas von Imradon wegzulenken, denn Faniels Augen glänzten wieder verdächtig. "Wie stehen die Dinge in Tugobel? Wie geht es deinem Vater?" Zu seinem Entsetzen begann Faniel nun doch zu weinen, und er zog sie erneut an sich und strich ihr etwas hilflos über die Haare.
"Ist er etwa..." "Tot.", schluchzte sie. Die Nachricht erschütterte Hilgorn. Lanhael Glórin war zwar nur wenig jünger als sein eigener Vater gewesen, doch Ithons Tod war ein Unfall gewesen und Lanhael hätte sicherlich noch einige Jahre zu leben gehabt.
"Wie ist das passiert?", fragte er nach, obwohl der Gedanke daran für Faniel schmerzhaft sein musste.
"Orks aus Mordor.", sagte sie leise. "Sie haben Tugobel überfallen und geplündert und meinen Vater getötet."
"Sie haben..." Hilgorn legte ihr beide Hände auf die Schultern, beugte sich vor sodass ihre Gesichter auf einer Höhe waren, und blickte ihr direkt in die Augen. "Wer ist jetzt Herr von Tugobel?"
"Imradon.", erwiderte sie, und verzog bei der Erwähnung ihres Gemahls das Gesicht. "Nachdem Beleg gefallen ist war ich die Erbin, und da ich eine Frau bin..."
Eine sehr schöne, dachte Hilgorn unwillkürlich.
"... ist Imradon nun der Herr." Für einen Moment herrschte Stille, und Hilgorn spürte wie sich eine eisige Faust um sein Herz zu schließen schien. Ihm kam ein furchtbarer Verdacht.
"Faniel, wie kann es sein dass Tugobel geplündert wurde aber Tíncar nicht - so glücklich ich darüber auch bin?" Mit einem Mal wurde ihm klar, dass ihm Tíncars Unversehrtheit schon seit seiner Ankunft stärker hätte auffallen müssen.
"Ich..." Für einen Augenblick schien Faniel sich zu kämpfen, und zu versuchen die Treue zu ihrem Gemahl zu überwinden. Gedankenverloren strich Hilgorn ihr eine Haarsträhne, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatte, aus dem Gesicht.
"Wir hörten Gerüchte, dass Mordor die Dörfer unten an der Küste plünderte.", sagte sie schließlich tonlos. "Imradon ist hingeritten um sie auszuspähen, und kurz nachdem er zurückkehrte kam eine Gruppe Orks die von ganz in schwarz gekleideten Menschen angeführt wurde, die Cirith Lenthir hinauf. Aber anstatt Tíncar anzugreifen sind sie einfach am Gut vorbeimarschiert, haben einen Bogen um das Dorf geschlagen und sind nach Osten weitergezogen. Zwei Tage später kamen sie mit Beute und Sklaven wieder zurück, haben uns aber wieder nicht behelligt. Und..."
Sie stockte als sie den Ausdruck auf Hilgorns Gesicht sah, doch er bedeutete ihr mit einem Kopfnicken, weiterzusprechen. "Seit dem Tag war Imradon auf Herr von Tugobel, und fing an, Lebensmittel die Straße herunter zu schicken. Er sagte, es wäre für Widerstandskämpfer die von außerhalb der Stadt gegen Mordor kämpfen würden, aber..." Faniel verstummte abermals, denn Hilgorn hatte sie losgelassen und vor Wut mit der Faust gegen eine Zinne geschlagen. Der Schmerz brachte ihn wieder zur Besinnung und ließ ihn klar denken. Es ergab Sinn: Mordors Streitkräfte mussten sich auf eine längere Belagerung einstellen, und geplünderte Ländereien warfen auf lange Sicht keine Lebensmittel ab.
"Imradon hat einen Pakt mit Mordor geschlossen.", sagte er mit belegter Stimme. Faniels graue Augen wichen seinem Blick nicht aus. "Ich habe es geahnt.", flüsterte sie. "Ich habe es geahnt, aber ich wollte es nicht wahrhaben."
Hilgorn griff an seine Seite, doch sein Schwert hatte er unten in seinem Zimmer gelassen. Und das war auch gut so, denn ansonsten hätte er seinen Bruder wahrscheinlich sofort aufgesucht und auf der Stelle erschlagen, doch das Fehlen der Waffe gab ihm Zeit zum Nachdenken.
"Er hat ihnen den Weg nach Tugobel gewiesen, damit sie deinen Vater töten und ihn zum Herren machen. Und dann hat er sie bis zum Ende der Belagerung mit Nahrung versorgt. Dafür wird er hängen.", stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, und es war ihm egal dass Imradon sein Bruder war.
"Du musst es beweisen.", unterbrach Faniel ihn. "Finde einen Beweis oder bring ihn zum gestehen, dann übergib ihn dem Fürsten und... ich bin frei." Ihre Blick fand kühn den seinen.
"Aber wie? Wie soll ich so etwas beweisen?", fragte Hilgorn.
"Imradon lässt niemanden in sein Studierzimmer hinein." Er erinnerte sich an dieses Studierzimmer, dort hatte er sich als Kind regelmäßig die Strafpredigten seines Vaters anhören müssen. Faniel stellte sich auf die Zehenspitzen, küsste ihn sanft auf die Wange und sagte: "Ich muss jetzt gehen, bevor Imradon sich fragt wo ich bin. Viel Glück."
Mit diesen Worten wandte sie sich um, eilte die Treppe vom Turm hinunter und ließ Hilgorn alleine im Mondlicht stehen.

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Re: Tum-en-Dín
« Antwort #3 am: 27. Sep 2016, 17:10 »
Auch nachdem Faniel gegangen war blieb Hilgorn noch einige Zeit auf der Turmspitze, ging ein wenig hin und her und genoss die kühle Nachtluft. Inzwischen waren auch die letzten Lichter im von Tíncar und Tugobel auf der anderen Seite des Sees erloschen, und das Tal wurde nur noch von Mond und Sternen erhellt. Im Wald im Norden rief eine Eule.
Schließlich gab Hilgorn sich einen Ruck und ging die Treppe hinunter. Am unteren Ende durchquerte er mit ein paar Schritten den dunklen Flur und betrat sein altes Zimmer, dessen Fenster nach Norden hinaus auf den Limceleth ging. Er entzündete die Kerze, die auf dem Tisch in der Zimmerecke stand und packte sein Schwert, dass an das Bett gelehnt stand. Er zog die Waffe ein kleines Stück aus der Scheide und betrachtete die Klinge nachdenklich, steckte sie jedoch nach einem Augenblick wieder zurück. Er würde seinen Bruder nicht kaltblütig in seinem Bett ermorden, und nun war auch nicht die Zeit, sich in Imradons Studierzimmer zu schleichen. Mitten in der Nacht mochte das Licht jemandem auffallen, also blies er die Kerze aus und legte sich schlafen.



Am nächsten Morgen erwachte Hilgorn früh, die Sonne war gerade im Osten über den Bergen aufgegangen. Er kleidete sich an, schnallte sein Schwert um und verließ den Raum. Draußen auf dem Flur hielt er eine junge Dienerin an, und fragte: "Ist der Herr Imradon schon auf?"
Das Mädchen starrte ihn mit aufgerissenen Augen an, und schüttelte schließlich zaghaft den Kopf. "Nein, d-der Herr bevorzugt es, länger zu schlafen. B-bitte, ich muss jetzt gehen." Hilgorn bedeutete ihr mit einer Geste zu gehen, und ging nachdenklich den Flur entlang in Richtung des Hauptteils des Hauses, wo Imradon residierte. Er erreichte das Studierzimmer seines Vaters - nun Imradons - und blieb vor der geschlossenen Tür stehen. Versuchsweise drückte er dagegen, doch die Tür rührte sich kein Stück. Faniel hatte also recht gehabt, dass Zimmer war abgeschlossen.
Hilgorn kratzte sich das noch unrasierte Kinn und wog seine Optionen ab. Er könnte die Tür mit Sicherheit eintreten, aber das würde Lärm machen und Imradon mit Sicherheit wecken. Nach Norden hin hatte das Zimmer einen kleinen Balkon über dem Limceleth, doch er bezweifelte dass er es schaffen würde, diesen zu erklettern. Während er noch darüber nachgrübelte, hörte er hinter sich Faniels Stimme: "Ich habe den Schlüssel."
Hilgorn wandte sich um, und spürte sein Herz bei ihrem Anblick schneller schlagen. Heute trug sie ein weinrotes Kleid, dass hervorragend zu ihren schwarzen Haaren passte. "Imradon versteckt ihn immer in seiner Truhe wenn er schlafen geht, ich habe ihn dabei beobachtet."
Hilgorn riss sich zusammen, und erwiderte: "Wird er dich nicht vermissen?"
"Ich stehe meistens vor ihm auf und helfe den Dienern alles für ihn vorzubereiten.", verneinte Faniel, und ihre Stimme bekam einen bitteren Klang. Sie zog einen eisernen Schlüssel aus der Tasche und hielt ihn Hilgorn entgegen. "Hier, der Schlüssel."
Hilgorn nahm ihn entgegen, und wog ihn für einen Moment in der Hand. "Du solltest vielleicht lieber gehen. Wenn er uns hier zusammen sieht..."
Faniel schüttelte den Kopf, und ihre Augen glänzten wie purer Stahl. "Nein, ich komme mit dir. Ich will die Wahrheit wissen." Hilgorn erwog nur kurz zu widersprechen, zuckte dann aber angesichts des Ausdrucks in ihren Augen nur resigniert die Schultern und öffnete die Tür. Heute erschien Faniel ihm deutlich weniger verletzlich und stärker als in der Nacht zuvor.

Gemeinsam betraten sie das Studierzimmer, und Hilgorn warf einen raschen Blick durch den Raum. Es sah noch fast genauso aus wie zu Lebzeiten seines Vaters, als er oft hier gewesen war um sich eine weitere Strafpredigt oder sogar Tracht Prügel abzuholen. Direkt gegenüber der Tür führte eine weitere Tür hinaus auf den kleinen Balkon. Auf der rechten Seite des Zimmers stand ein alter, wuchtiger Schreibtisch, an dem schon Hilgorns Großvater seine Geschäfte erledigt hatte. An den Wänden standen mehrere hohe, schmale Regale, in denen die Herren von Tíncar Bücher mit Aufzeichnungen über Ein- und Ausgaben, Grundbücher und Verträge aufbewahrten. An der dem Schreibtisch gegenüberliegenden Wand hing ein großer Stammbaum des Hauses Thoron, und auf dem Boden darunter standen zwei große Truhen.
Beide Truhen standen offen, und in einer blitzten verschiedene Gold- und Silbermünzen, während sich in der anderen verschiedene Papiere stapelten. Auch der Schreibtisch war von Briefen und anderen Dokumenten bedeckt. Zaghaft machte Faniel ein paar Schritte in den Raum hinein, und Hilgorn folgte ihr langsam.
"Such du auf dem Tisch, ich durchsuche die Truhe.", sagte er, und kniete sich vor der Truhe vorsichtig auf den Boden, bemüht seine Kleidung nicht übermäßig zu beschmutzen. Offenbar erlaubte Imradon nicht, dass in dem Studierzimmer geputzt wurde, denn auf dem Steinboden lag eine Staubschicht.
"Wonach soll ich suchen?", hörte er Faniel hinter sich fragen. "Ich weiß nicht.", antwortete er, und nahm das oberste Dokument aus der Truhe. "Irgendetwas verdächtiges."

Eine zeitlang suchten sie beide schweigend, und das einzige Geräusch das zu hören war, war das rascheln von Papier. Schließlich hörte Hilgorn Faniel entsetzt einatmen. Er warf den Stapel Briefe von seinem Bruder Aldar zurück in die Truhe und stand auf. "Hast du etwas gefunden?"
Faniel stand am Schreibtisch und hatte ein altes Grundbuch aufgeschlagen in der Hand. Sie nickte. "Ja, ich denke schon." Hilgorn ging um den Schreibtisch herum und blickte ihr über die Schulter, wobei er unauffällig ihren Duft einatmete. In dem Buch lag ein Brief, der an Imradon adressiert war.
Gutsherr Imradon Thoron,
wir sind euch für eure Informationen über Dol Amroth dankbar, obwohl uns einiges davon bereits bekannt war. Eure Bezahlung liegt am vereinbarten Ort.

Die kurze Nachricht trug keine Unterschrift, doch ihr Inhalt war kein bisschen missverständlich.
"Imradon hat Informationen über Dol Amroth verkauft.", sagte Faniel. Trotz allem klang sie noch erschüttert.
"Mhm...", Hilgorn strich sich über das Kinn, wobei er sich über das Gefühl der Bartstoppeln ärgerte. "Aber an wen? Und woher hatte er nennenswerte Informationen? Er ist seit Ausbruch des Krieges nicht mehr dort gewesen." Für einen Augenblick herrschte Stille, bis Hilgorn die Briefe wieder einfielen, die er in der Truhe gefunden hatte. Er durchmaß den Raum mit drei langen Schritten und nahm den obersten Brief vom Stapel. Das Schreiben war von Aldar an ihre Mutter gerichtet, und trug ein Datum dass nur wenige Tage in der Vergangenheit lag. Sein Bruder schilderte darin erstaunlich detailliert die Lage in der Flotte von Dol Amroth und berichtete von Lóthiriels Entführung. Ein älterer Brief schilderte die Schlacht von Linhir. Kurz kam Hilgorn der furchtbare Verdacht, dass auch Aldar in den Komplott verstrickt sein könnte, aber einige Formulierungen, die Imradon in wenig schmeichelhaften Licht erschienen ließen, beruhigten ihn. Wenn Aldar nur zur Tarnung an seine Mutter geschrieben hätte, hätte er so etwas mit Sicherheit ausgespart.

"Hat meine Mutter in letzter Zeit Briefe von Aldar erwähnt?", fragte Hilgorn.
"Nein, ich kann mich nicht daran erinnern.", erwiderte Faniel verwundert, stellte sich neben ihn und sah sich den Brief an, den er in der Hand hielt. "Imradon muss sie abgefangen haben."
"Richtig.", meinte Hilgorn grimmig. "Und alles was er daraus erfahren hat, hat er weitergegeben."
Bevor Faniel antworten konnte, unterbrach sie eine zornige Stimme von der Tür her. "Was soll das werden? Ein Verschwörung?"
Hilgorn blickte auf und sah sich Imradon gegenüber, der mit vor Zorn und Schreck weißem Gesicht in der Tür stand, das Schwert gezogen und mit der Spitze auf Hilgorn gerichtet.

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Re: Tum-en-Dín
« Antwort #4 am: 28. Sep 2016, 19:58 »
Hilgorn machte einen vorsichtigen Schritt, wobei er Faniel mit einer unauffälligen Bewegung hinter sich schob, und hob beschwichtigend eine Hand. Imradon machte einen Schritt in den Raum hinein, auf Hilgorn zu, wobei seine Schwertspitze geradewegs auf Hilgorns Gesicht gerichtet blieb. Das Schwert zitterte leicht.
"Ich habe mich gegen niemanden verschworen.", sagte Hilgorn, wobei er das Wort ich betonte.
"Was soll das heißen?" Imradons Blick fiel auf das Buch, dass Faniel aufgeschlagen auf dem Tisch liegengelassen hatte. Seine Augen weiteten sich vor Schreck. "Ihr habt doch nicht etwa..."
"Doch.", gab Hilgorn zurück. "Wir haben die Nachricht gefunden, die deine Auftraggeber dir geschrieben haben. Du bist ein Verräter."
"Du stellst also die Treue zu deinem Fürsten über die zu deiner Familie?" Imradon starrte Faniel an, die schräg hinter Hilgorn stand. "Und du, Weib? So vergiltst du mir also alles, was ich für dich getan habe?"
"Ein angemessene Vergeltung, so viel ist sicher." Sie blickte ihrem Mann furchtlos in die Augen, und Imradon Gesicht verzog sich noch mehr zu einer hässlichen Fratze. "Dafür werde ich euch beide töten." Er holte aus, doch Hilgorn war schneller als er, ließ Aldars Briefe fallen, zog in einer blitzschnellen Bewegung sein eigenes Schwert und parierte den Hieb. Imradon machte verunsichert einen Schritt zurück, und diesmal trat Hilgorn einen nach vorne.
"Du wirst und nicht anrühren, Bruder.", knurrte er, und schlug mit dem Schwert einen lockeren Bogen. Er machte einen Schritt vor, und Imradon wich wieder zurück. Und noch einen. Inzwischen standen sie auf dem Flur, und Imradon mit dem Rücken zur Treppe die ins Erdgeschoss hinunter führte. "Weißt du, Imradon, ich würde dich gerne töten.", sagte Hilgorn und schlug leicht nach dem Arm seines Bruders, der den Streich mühelos parierte. "Aber trotz allem bist du mein Bruder, und außerdem muss deine Angelegenheit dem Fürsten vorgetragen werden."
"Und dann werde ich hängen.", erwiderte Imradon, trat auf die oberste Stufe, wandte sich um und lief schnell die Treppe herunter. Hilgorn folgte ihm ebenso schnell, und unten nahmen sie ihre alte Position wieder ein.
"Dann wirst du hängen.", bestätigte Hilgorn mit einem Nicken und einem grimmigen Lächeln. "Und zwar zurecht."
Imradon wich immer weiter zurück, bis er mit dem Rücken gegen die Haupttür des Hauses stieß, die zu seinem Glück nach außen aufschwang. Sie traten hinaus in den hellen Sonnenschein auf dem Innenhof. Imradon zuerst, rückwärts und immer das Schwert auf Hilgorn gerichtet, dann Hilgorn, der immer wieder kurze Schläge mit ihm austauschte, und schließlich in sicherem Abstand Faniel.

Auf dem Innenhof schien Imradon etwas Selbstbewusstsein zurückzugewinnen. Er grinste überheblich, so wie Hilgorn es seit seiner Kindheit von ihm kannte, ließ sein Schwert, die alte Familienwaffe, hin und her schwingen und sagte: "Komm schon, kleiner Bruder. Ich war schon immer besser als du."
"Das war einmal." Hilgorn stellte einen Fuß leicht versetzt nach vorne und ging leicht in die Knie, das Schwert zur Seite auf den Boden gerichtet. Dieser Kampfstil unterschied sich sehr davon, wie er in der Schlacht Seite an Seite mit anderen Soldaten kämpfte, doch ein solches Duell war etwas völlig anderes als eine Schlacht. "Ich bin nicht mehr elf und du nicht mehr fünfzehn. In wie vielen Schlachten hast du in den letzten Jahren gekämpft?"
Ein Hauch von Unsicherheit schien über Imradons Gesicht zu huschen, doch er sagte nichts sondern griff an. Hilgorn riss sein Schwert in die Höhe, parierte den Schlag und stieß sich von Imradons Klinge ab. Er nutzte den Schwung um sich in einer halben Pirouette um seinen Bruder herumzudrehen und aus der Drehung heraus nach dessen Kniekehle zu schlagen. Imradon gelang es gerade noch, den Schlag zu parieren, was Hilgorn zeigte dass er zwar etwas eingerostet, aber dennoch ein fähiger Kämpfer war. Er würde vorsichtig sein müssen.
"Warum hast du es getan?", fragte er, und schlug nach Imradons Schulter. Dieser parierte den Schlag und revanchierte sich mit einem Stoß gegen Hilgorns Brust, dem Hilgorn gerade noch so ausweichen konnte.
"Was getan?", fragte Imradon gereizt und wich einen Schritt zurück um sich eine Atempause zu verschaffen. Hilgorn senkte das Schwert, um seinen Bruder zu einem unvorsichtigen Angriff zu provozieren. "Du hast Mordors Truppen mit Nahrung versorgt, während sie Dol Amroth belagerten."
"Woher..." Imradon schüttelte den Kopf. "Was ich getan habe geschah nur, um Tíncar zu beschützen." Er griff erneut an, und für einen Moment tauschten sie schweigen Schläge aus, wobei Hilgorn feststellen musste, dass Imradon sich nicht mit Entwaffnen aufhalten würde, sondern tatsächlich versuchte ihn zu töten.
"Und war es", keuchte er, als sie wieder einmal voneinander zurückwichen: "...auch nötig, Mordor nach Tugobel zu schicken? Oder war das nur, um deine Gier nach Macht zu befriedigen?" Hilgorn bemerkte, dass sich inzwischen einige Diener und Wachen im Hof versammelt hatten und den Kampf entsetzt beobachteten. Allerdings wagte niemand einzugreifen.
"Und warum war es nötig, Informationen an unsere Feinde zu verkaufen?"
"Du verstehst nichts.", erwiderte Imradon außer Atem. Er blutete aus einem Schnitt am Oberschenkel, und auch Hilgorn fühlte ein Rinnsal Blut an seiner Wange herunterlaufen. "Als Herr muss man manchmal Dinge tun, die andere nicht verstehen."
"Das weiß ich." Hilgorn schlug zu, und erneut war nur das Klirren der Schwerter und das Keuchen der Kämpfer zu hören. Schließlich gingen sie langsam im Kreis, die Schwerter wachsam aufeinander gerichtet und nach einer Schwachstelle des Gegners suchend. "Aber das was du getan hast ist simpler Verrat - an Gondor, an Dol Amroth, und an deiner eigenen Familie!"
Er hoffte, dass Imradons Kinder nicht zusahen, und ließ sein Schwert zu Boden fallen. Hinter sich hörte er Faniel entsetzt aufkeuchen, und in Imradons Augen flackerte Überraschung auf, die allerdings schnell von Mordlust ersetzt wurde.
"Wenn du mich jetzt tötest, gewinnst du nichts.", sagte Hilgorn warnend. "Du hast dann einen General von Dol Amroth auf dem Gewissen, und dann wird nicht nur ein Mann kommen um dich zur Rechenschaft zu ziehen."
Imradon biss die Zähne zusammen. "Nein.", sagte er, und griff an.
Hilgorn tauchte unter seinem mit Wucht geführten Schlag weg, zog ihm mit einer raschen Bewegung das Standbein unter dem Körper weg, und Imradon taumelte unkontrolliert rückwärts. Ohne das Schwert war Hilgorn deutlich beweglicher und nicht mehr durch die Länge der Waffe eingeschränkt - und er hatte in Dol Amroth einige Erfahrung während Kneipenschlägereien gesammelt. Er setzte nach und packte das Gelenk von Imradons Schwerthand. Für einen Moment rangen die Brüder miteinander, und Hilgorn spürte wie das Schwert ihm schmerzhaft die Seite aufschnitt, doch schließlich keuchte Imradon vor Schmerz auf und ließ die Waffe klirrend zu Boden fallen. Sofort ließ Hilgorn ihn los, hieb ihm die Faust mit ganzer Kraft in den Magen, und als Imradon sich zusammenkrümmte rammte er ihm das Knie ins Gesicht. Es knackte, aus Imradons Nase schoss Blut und er brach bewusstlos zusammen.
« Letzte Änderung: 9. Jun 2017, 19:25 von Fine »

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Eandril

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Re: Tum-en-Dín
« Antwort #5 am: 30. Sep 2016, 00:44 »
Hilgorn blieb über seinem bewusstlosen Bruder stehen, und über den Innenhof legte sich eine gespenstische Stille. Die Diener die den Kampf beobachtet hatten standen wie angewurzelt da, und die herbeigeeilten Wachen ebenso. Als Hilgorn sich umsah stellte er zu seinem Entsetzen fest, dass seine Mutter an dem kleinen Zaun stand, und neben ihr Imradons Kinder. Iorweth liefen Tränen über das Gesicht, und Belegorn starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
Hilgorn warf Faniel, die noch immer in der Tür des Haupthauses stand von wo aus sie den Kampf beobachtet hatte, einen bittenden Blick zu, und sie eilte zu ihren Kindern. Als sie mit ihnen in den Garten verschwunden war, wandte Hilgorn sich an die Wachen, die sich inzwischen vorsichtig genähert hatten.
"Fesselt ihn, und bringt ihn in eine der Zellen. Es gibt die Zellen doch noch, oder?"
Ergon, der alte Wachmann der ihm am Abend zuvor das Tor geöffnet hatte, nickte. "Ja, die gibt es noch. Aber warum sollen wir..."
Hilgorn schnitt dem Alten mit einer gebieterischen Geste das Wort ab, und sagte, wobei er alle Autorität als General von Dol Amroth in seine Worte legte: "Ich möchte das nicht in aller Öffentlichkeit besprechen. Ihr müsst nur wissen, dass mein Bruder Gondor verraten hat, und unseren Feinden Informationen zugespielt hat."
Ergon blickte ihm für einen Moment in die Augen, und nickte dann langsam. "Also gut." Er wandte sich an die anderen Wachmänner. "Ihr habt den Herrn Hilgorn gehört, fesselt ihn und sperrt ihn weg."
Die Männer tauschten rasche Blicke untereinander aus, gehorchten dann aber, wobei sie äußerst vorsichtig mit ihrem bewusstlosen Herrn umgingen. Als sie ihn schließlich weggebracht hatten, wandte Hilgorn sich an Ergon, der zurück geblieben war.
"Schickt einen Boten zu Aldar, er soll herkommen falls es ihm möglich ist." Er betastete vorsichtig die Wunde in seiner Seite, die inzwischen einen guten Teil seines Gewands rot gefärbt hatte. Ergon nickte. "Sofort." Mit einem besorgten Blick fügte er hinzu: "Ihr solltet diese Wunden versorgen." Hilgorn winkte ab. "Nur ein Kratzer, da hatte ich bereits schlimmeres. Ich muss nach Faniel und ihren Kindern sehen."
"Wie ihr befehlt." Ergon salutierte, indem er die rechte Faust vor die Brust schlug, und verschaffte Hilgorn damit ein Gefühl der Zufriedenheit.

Während der alte Wachmann davon ging um einen Boten loszuschicken, humpelte Hilgorn langsam in Richtung des Gartens. In seiner verletzten Seite breitete sich inzwischen ein Gefühl der Taubheit aus, doch er musste unbedingt mit Imradons Kindern sprechen, ihnen irgendwie erklären was geschehen war. Die kleine Iorweth würde es ihm vermutlich leichter machen als Belegorn, denn sie schien kein besonders enges Verhältnis zu ihrem Vater zu haben.
Als er die Gartenpforte erreichte, kam Faniel ihm bereits entgegen. "Wo willst du hin?", fragte sie besorgt.
"Ich muss mit deinen Kindern sprechen. Es ihnen erklären..."
"Aber nicht in diesem Zustand.", gab sie in bestimmtem Tonfall zurück, und legte ihm stützend den Arm um die Taille, als er plötzlich zur Seite taumelte. Sie achtete nicht darauf, dass sie ihr Kleid dabei mit seinem Blut verschmierte. "Sie sind jetzt bei ihrer Großmutter, die wird sie ablenken bis ich dich verarztet habe."
"Du..."
"Ja, ich.", unterbrach Faniel ihn. "Imradon hat sich auf der Jagd hin und wieder verletzt, und ich habe gelernt ihn zu verarzten. Schwertwunden hatte er zwar noch keine, aber ich denke dass ich das hinkriegen werde. So schwierig kann es ja wohl nicht sein, oder?" Ihr Tonfall war fröhlich als sie Hilgorn in Richtung des Haupthauses führte, doch er konnte den besorgten Unterton darunter deutlich hören.



Eine halbe Stunde später lag Hilgorn mit einem dicken Verband um seine Seite in seinem Bett, während Faniel ihm sorgfältig das Blut aus dem Gesicht wusch, dass aus der Wunde in seiner Wange geflossen war. Trotz der Schmerzen hatte er die sanfte Berührung ihrer Hände genossen, und nun ergriff er ihre Hand.
"Faniel... es tut mir Leid."
"Was tut dir Leid?", fragte sie, machte aber keine Anstalten ihre Hand aus seinem Griff zu befreien. "Dass du mich von Imradon befreit hast? Dass du zu mir zurückgekehrt bist?"
Hilgorn schüttelte den Kopf. "Nein.", sagte er sanft. "Es tut mir Leid dass ich dich damals nicht gebeten habe, bei mir zu bleiben. Dass ich dir damals nicht gesagt habe... dass ich dich liebe." Als Antwort befreite sie ihre Hand nun doch, nahm dann aber sein Gesicht in ihre Hände und antwortete ebenso sanft: "Das sollte es auch." Und dann küsste sie ihn, und Hilgorn wusste dass er sie nie wieder gehen lassen würde.


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Eandril

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Re: Tum-en-Dín
« Antwort #6 am: 30. Sep 2016, 15:25 »
Am Morgen des nächsten Tages saß Hilgorn auf einer Bank im Garten von Tíncar, Faniel neben ihm und ihnen gegenüber ihre Kinder.
"Euer Vater... hat etwas sehr schlimmes getan.", versuchte Hilgorn vorsichtig zu erklären. "Und deswegen wolltet ihr ihn töten?", fragte Belegorn. Die Stimme des Jungen klang feindselig, und dass er Hilgorn gegenüber eine formelle Ansprache verwendete, war ein schlechtes Zeichen.
Faniel sprang zu Hilgorns Verteidigung ein. "Hilgorn wollte ihn nicht töten, nur entwaffnen." "Ja... richtig." Hilgorn zögerte einen winzigen Moment, denn im Kampf hatte er tatsächlich einen Augenblick das Bedürfnis verspürt, Imradon zu töten. "Eure Mutter und ich hatten etwas schlimmes über ihn herausgefunden, und als er uns entdeckt hat, hat er mich angegriffen?"
"Was war es denn?", fragte Iorweth mit offen stehendem Mund. Das Schicksal ihres Vaters schien sie weitaus weniger zu berühren. Hilgorn schüttelte zur Antwort den Kopf. "Ich kann es dir nicht erklären, Iorweth, auch wenn du eine äußerst kluge junge Dame bist." Ein zaghaftes Lächeln stahl sich auf das Gesicht des Mädchens. "Er hat vielen Menschen Unrecht getan, und durch seine Schuld sind Menschen gestorben."

"Ihr hasst ihn.", sagte Belegorn plötzlich mit erstickter Stimme, und erwischte Hilgorn damit vollkommen unvorbereitet. "Und ihr wollt ihm Tíncar wegnehmen."
Daher weht also der Wind... "Hat dein Vater nach meiner Ankunft mit dir darüber geredet?"
Der Junge nickte, und zog geräuschvoll die Nase hoch, worauf er einen vorwurfsvollen Blick Faniels erntete. Trotz der ernsthaften Situation hätte Hilgorn beinahe unwillkürlich gelächelt, doch er behielt seine ernste Miene bei. Belegorn durfte nicht glauben, dass er sich über ihn lustig machte. Hilgorn stand auf, ging vor dem Jungen in die Hocke um sich die Knie nicht zu beschmutzen, und blickte ihm offen ins Gesicht.
"Es ist richtig, dass ich mit Imradon nicht besonders gut ausgekommen bin.", gab er zu. "Aber was ich getan habe, habe ich nicht deshalb getan, sondern weil dein Vater mehr als nur ein Unrecht begangen hat. Und ich will ihm Tíncar nicht wegnehmen, denn es stand mir nie zu. Trotz allem ist er noch der rechtmäßige Herr von Tíncar, und nach ihm wirst du es sein, und dafür werde ich einstehen."

Bevor er mehr sagen konnte, hörte er vom Gartentor ein Räuspern. Als er den Blick dorthin wandte, stand dort ein junger Wachmann, der vorsichtig sagte: "Herr Hilgorn, verzeiht dass ich störe. Aber euer Bruder Aldar ist eingetroffen, und wartet im Studierzimmer auf euch."
Hilgorn nickte, und erhob sich. "Danke, ich komme sofort." Er wandte sich noch einmal an die Kinder. "Was auch immer mit eurem Vater passiert, dies hier wird immer euer Zuhause bleiben, und euer Mutter und - wenn ihr wollt - auch ich werden immer für euch da sein." Beide nickten, Iorweth mit kindlichem Ernst, Belegorn etwas zurückhaltender. Offenbar hatte Hilgorn den Jungen noch nicht restlos überzeugt, aber das hatte er auch gar nicht erwartet. Auch Faniel erhob sich, tauschte einen raschen Blick mit ihm und drückte sanft seine Hand. Wie es aussah, hatte er seine Sache gut gemacht, also wandte Hilgorn sich an den noch immer wartenden Wächter und sagte: "Gehen wir."




Im Studierzimmer stand sein Bruder Aldar vor den geöffneten Truhen und sah sich den an der Wand hängenden Stammbaum des Hauses Thoron an. Als er Hilgorn ins Zimmer kommen hörte sagte er, ohne sich umzuwenden: "Sieh dir das an, lauter Diener der Könige, Verwandte der Fürsten von Pelargir und Dol Amroth... und alles ewig in der Vergangenheit. Wir sind ganz schön heruntergekommen, nicht?"
"Das kann man wohl sagen.", meinte Hilgorn, und stellte sich mit auf dem Rücken verschränkten Händen neben ihn. "Hm, ich wusste gar nicht, dass wir auch mit den Fürsten von Dol Amroth verwandt sind... dann ist Imrahil ja so etwas wie unser Onkel."
"Eher wie unser Vater, schließlich ist er unser Fürst." Aldar lachte, wandte sich dann zu Hilgorn um und schloss ihn kurz in die Arme.
"Es ist gut dich zu sehen, Bruder."
"Dich auch.", antwortete Hilgorn, und er meinte es wirklich so. Auch wenn sie beide in Dol Amroth dienten, bekam er seinen älteren Bruder doch nur selten zu Gesicht, denn Aldar war Kapitän eines Kriegsschiffs der Flotte und Hilgorn an Land stationiert.
"Also, was gibt es. Warum hast du mich hergerufen?"
Hilgorn rieb sich die Stirn und erzählte, wie er Imradons Verrat aufgedeckt hatte, und von seinem Kampf mit ihrem Bruder. Als er fertig war, war Aldars Miene ernst geworden.
"Dieser Mistkerl.", knurrte er. "Ich konnte ihn ja nie leiden, aber so etwas habe ich ihm nicht zugetraut. Und dann nutzt er auch noch meine Briefe um Informationen an Umbar oder die Valar wissen, wen zu verscherbeln!"

Hilgorn lächelte schwach, auch wenn ihm eigentlich nicht fröhlich zu Mute war. Allerdings war er in Aldars Gesellschaft seit jeher entspannter gewesen, und sein Bruder ließ auch die größten Probleme etwas kleiner erscheinen. Aldar machte ein paar Schritte um den wuchtigen Schreibtisch herum und ließ sich dahinter in den Stuhl fallen.
"Verdammt unbequem.", beschwerte er sich.
"Das liegt daran, dass du nur die schwankenden Planken eines Schiffes gewohnt bist.", gab scherzhaft zurück, schloss eine der beiden Truhen und ließ sich auf dem Deckel nieder. Aldar grinste und strich sich über den schwarzen Vollbart, den er seit einiger Zeit trug. Er war schon immer wesentlich lockerer als Hilgorn gewesen, der sich bereits nach einem Tag ohne Rasur ungepflegt zu fühlen begann.
"Das mag schon sein." Aldars Gesicht wurde wieder ernst. "Hast du schon mit Imradon gesprochen?"
"Ja." Die Erinnerung an das Gespräch war nicht besonders schön für Hilgorn. Nachdem Faniel ihn am gestrigen Tag verarztet hatte, war er in die Kaserne gegangen und hatte mit Imradon gesprochen - so viel schuldete er seinem Bruder, so sehr er ihn hasste und verachtete. Imradons Zustand hatte ihn erschreckt, denn von dem selbstbewussten, ja arroganten Herrn von Tíncar war nicht mehr viel geblieben. Stattdessen wirkte Imradon fahrig und trübsinnig, und zu Hilgorns Überraschung hatte er alle Verbrechen, selbst die, die Hilgorn nur vermutet hatte, ohne Umschweife zugegeben.
"Er hat die Truppen Mordors tatsächlich nach Tugobel geschickt um Lanhael zu töten und ihn zum Herrn von Tugobel zu machen. Dann hat er das Belagerungsheer von Dol Amroth mit Nahrung versorgt."
"Und wir haben die Stadt währenddessen mit unserem Leben verteidigt.", warf Aldar grimmig ein.
"Später hat er dann eine Botschaft gefunden, in der ihm das Angebot gemacht wurde, Informationen gegen Geld zu verkaufen. Er wusste nicht, wer sein Auftraggeber war, aber er hat es trotzdem ohne Zögern getan."
"Die Gier nach Macht und die Gier nach Geld.", sagte Aldar, und fügte mit einem Augenzwinkern hinzu: "Wie gut, dass wir von so etwas vollkommen frei sind sondern nur andere Gelüste haben."
Hilgorn erwiderte nichts, denn er wusste dass sein Bruder es nicht ernst meinte und auf ihn und Faniel anspielte.
"Also, was machen wir jetzt mit ihm?"
Hilgorn zupfte seinen Ärmel zurecht, was Aldar mit verdrehten Augen quittierte, und erwiderte: "Ich hatte vor ihn nach Dol Amroth zu bringen. Weder du noch ich haben das Recht über ihn zu richten, das kann nur der Fürst."
"Du hast Recht.", stimmte Aldar mit einem Nicken zu. "Aber dir ist klar, dass er dann vermutlich hängen wird."
"Ja, ich weiß.", antwortete Hilgorn kalt. "Und es macht mir nichts aus. Dir etwa?"

Sein Bruder stand auf, und warf einen Blick aus dem Fenster auf den Limceleth und die Wälder dahinter. Er schüttelte den Kopf. "Nein, er ist ein Verräter und muss bestraft werden, und ich konnte ihn sowieso nie leiden. Aber..." Aldar breitete ein wenig hilflos die Arme aus. "Mir ist nicht ganz wohl dabei, meinen eigenen Bruder an den Henker zu liefern."
"Mir ebenfalls nicht.", gab Hilgorn zu. "Aber es muss sein."
Bevor Aldar etwas erwidern konnte, kam ein atemloser Soldat in das Studierzimmer gestürmt. "Herr Hilgorn, kommt schnell. Es geht um euren Bruder!"
« Letzte Änderung: 30. Sep 2016, 15:30 von Eandril »

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Eandril

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Re: Tum-en-Dín
« Antwort #7 am: 2. Okt 2016, 17:10 »
Augenblicklich sprang Hilgorn von der Truhe auf. "Was ist passiert?"
"Er ist fort, und Ergon ist tot." Der junge Mann sah aus, als würde er mit den Tränen kämpfen. "WAS?", stießen Aldar und Hilgorn gleichzeitig entsetzt aus. Der alte Ergon hatte schon seit der Zeit ihres Großvaters auf Tíncar gedient, und beide konnten sich das Gut kaum ohne den Mann vorstellen. Aber noch viel bedeutender war die Nachricht, dass Imradon entkommen war.
"Bring uns sofort hin." Anstatt zu salutieren nickte der Soldat nur, und eilte den Brüdern voran. Als sie die Treppe hinuntergingen begegneten sie Faniel, die ihnen fragend entgegen blickte, doch Hilgorn winkte ab. "Später.", sagte er knapp, die Gedanken ganz auf seinen ältesten Bruder gerichtet. Wie konnte er entkommen sein, und wo mochte er inzwischen sein? So leicht ließ Faniel sich allerdings nicht abspeisen, und sie schloss sich den Männern an. "Was ist passiert?", fragte sie nach, und als Hilgorn nicht sofort antwortete, wandte sie sich an Aldar. "Sag mir sofort was geschehen ist. Ist es Imradon?" Ihr Tonfall war einer Herrin von Tíncar mehr als würdig und hätte auch einer Königin gut angestanden. Im Augenblick spürte Hilgorn nichts mehr von der Verletzlichkeit, die sie vorletzte Nacht auf dem Turm gezeigt hatte - bis auf eine winzige Spur von Angst in ihrer Stimme.
Aldar seufzte, während sie auf den Hof hinaustraten. "Ja, es sieht so aus als wäre er entkommen."
"Wie konnte das passieren? Und wieso wolltest du es mir nicht sagen?", setzte sie an Hilgorn gerichtet hinzu, während sie sich bemühte mit den Brüdern Schritt zu halten. "Ich wollte dich nicht beunruhigen bevor wir genau wissen was passiert ist.", antwortete Hilgorn unbehaglich, denn offenbar hatte er genau das Gegenteil davon erreicht.
"Mich nicht beunruhigen!" Faniels Stimme wurde lauter, doch bevor sie weitersprechen konnte hatten sie zu Hilgorns Erleichterung die kleine Kaserne neben dem Tor erreicht.
Der junge Soldat der sie benachrichtig hatte machte für Hilgorn Platz, der das Gebäude von Aldar und Faniel gefolgt betrat. Sie kamen zunächst in die Wachstube, in der sich die Soldaten die gerade nicht schliefen oder Dienst auf den Mauern hatten, meistens aufhielten. Jetzt waren allerdings kein Lachen und das Geräusch von Würfeln zu hören, sondern es herrschte eine bedrückende Stille. Auf einem der Tische lag der alte Wachmann Ergon, die Augen geschlossen als ob er schlafen würde.

"Wie ist er gestorben?" fragte Hilgorn, und erschrak über den erschütterten Klang seiner eigenen Stimme. Er hatte Ergon gekannt seit er denken konnte, und der Alte hatte ihn als Kind immer freundlich und respektvoll behandelt - seinetwegen hatte Hilgorn sich in der Kaserne immer heimisch gefühlt. Seinetwegen war er heute ein General von Dol Amroth und Vertrauter des Erben des Fürstentums.
"Ein Stich ins Herz.", gab einer der Soldaten zur Antwort, den Hilgorn nicht kannte. "Wir glauben, dass er gerade mit Herrn Imradon gesprochen hat, als ihn jemand von hinten überraschte und ihm ein Messer ins Herz stieß."
"Ist die Zelle aufgebrochen worden?"
Der Soldat schüttelte den Kopf und verneinte: "Nein, jemand hat sie mit dem Schlüssel geöffnet. Einer von uns, fürchte ich."
Aldar warf ihm einen scharfen Blick zu. "Und ihr wisst nicht, wer es war? Oder wollt es nicht sagen?"
"Herr Hilgorn hat uns erzählt was euer Bruder getan hat.", gab der Soldat in respektvollem Ton zurück. "Und daher ist unser Treueid ihm gegenüber erloschen. Einer von uns fehlt, ein Mann der erst vor zwei Jahren zu uns gekommen ist. Er behauptete, ein Flüchtling aus Ithilien zu sein und Herr Imradon hat ihn in die Wache aufgenommen, obwohl er niemals wirklich einer von uns geworden ist."
"Und ihr meint, er hätte Imradon befreit und Ergon getötet? Wie heißt der Mann überhaupt?", fragte Hilgorn nach.
"Gelion.", antwortete zu seiner Überraschung Faniel. "Ich mochte ihn nicht, er hatte etwas merkwürdiges an sich, und hat nie etwas von sich erzählt... ich dachte, es läge daran dass er ein Flüchtling ist und seine Vergangenheit vergessen wollte."
"Er wusste jedenfalls, wo die Zellenschlüssel sind, und er und Ergon waren die einzigen die heute morgen in der Kaserne waren.", fügte der Soldat hinzu.
"Sehr gut." Hilgorn wandte sich zum Gehen, und vergaß vollkommen den Mann nach seinem Namen zu fragen. "Wir müssen Imradon sofort verfolgen.", sagte er zu Aldar, doch Faniel unterbrach ihn: "Und mich alleine mit den Kindern hier zurücklassen? Was, wenn er zurückkommt und sie mir wegnehmen will? Oder mich mitnehmen will?"

"Ich kann mir kaum vorstellen dass du das zulassen würdest.", warf Aldar mit einem Grinsen unter seinem Bart ein, und Hilgorn ergriff ihre Hände. "Du wirst zehn Männer der Wache hierhaben, und er hat nur einen einzigen. Er wird nicht an dich herankommen, das verspreche ich dir." Er küsste sie auf die Wange, und sah über Aldars hochgezogene Augenbraue hinweg. Hilgorn wusste, dass es seinem Bruder an sich egal war, wie sein Verhältnis mit Faniel aussah, doch in den Augen des Gesetzes war Faniel noch immer verheiratet - und obendrein mit seinem Bruder, was sie strenggenommen zu seiner Schwester machte.
Er räusperte sich. "Könntest du die Pferde bereitmachen?" Aldars Augenbraue verschwand beinahe unter seinen schwarzen Haaren, so sehr schoss sie in die Höhe, doch er nickte und wandte sich zum Gehen. Bevor jedoch mehr als zwei Schritte in Richtung der Ställe zurückgelegt hatte, hörte Hilgorn, wie der Wächter über dem Tor jemanden anrief. Die Antwort konnte er nicht verstehen, doch der Wächter wandte sich um, sah ihn auf dem Innenhof stehen und sagte: "Dort ist einer, der behauptet in eurem Auftrag unterwegs zu sein, Herr Hilgorn."
Hilgorn, der Faniels Hände schnell losgelassen hatte, rief nach oben: "Wie heißt er?"
"Er nennt sich Ladion. Soll ich das Tor öffnen?"
Hilgorn erinnerte sich an Ladion, einen der Elben aus Lothlórien. Er hatte zu denen gehört, die Hilgorn losgeschickt hatte um das Land zwischen Dol Amroth und dem Gilrain nach versprengten Feinden zu durchkämmen. Er nickte. "Öffnet das Tor!"

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Eandril

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Re: Tum-en-Dín
« Antwort #8 am: 4. Okt 2016, 18:18 »
Einer der Soldaten zog ächzend einen der beiden Torflügel aus Eichenholz auf, und der grüngekleidete braunhaarige Elb trat in den Innenhof. Ladion neigte respektvoll den Kopf vor Hilgorn, der zwischen Faniel und Aldar stand und sagte: "Ah, General Hilgorn. Ich hatte nicht erwartet, euch hier zu treffen."
"Ich hatte auch ursprünglich nicht vor, hierher zu kommen", erwiderte Hilgorn. "Dies ist das Gut meiner Familie, und ich bin hergekommen um hier nach dem Rechten zu sehen."
"Das ist verständlich. Es freut für euch, dass der Krieg euer Zuhause noch nicht erreicht hat." Bei diesen Worten flackerte Schmerz in den Augen des Elben auf, und Hilgorn erinnerte sich daran, dass Ladion aus dem zerstörten Lothlórien nach Gondor gekommen war.
"Nun, ganz so kann man es nicht sagen.", warf Aldar ein, und streckte Ladion eine Hand entgegen, die dieser zögerlich ergriff. "Ich bin Aldar, Hilgorns Bruder, und das ist Faniel, die Frau unseres Bruders Imradon", stellte er sich vor, und warf Hilgorn, der dies versäumt hatte, einen vorwurfsvollen Blick zu.
Ladion neigte auch Faniel gegenüber den Kopf und sagte dann: "Ich weiß was ihr meint. Ich bin am anderen Ufer dieses Sees auf die Ruinen eines Dorfes gestoßen, dass offenbar vor nicht allzu langer Zeit niedergebrannt wurde."
"Tugobel", meinte Faniel leise.
"Ihr kommt von dort?", fragte der Elb. "Dann tut es mir Leid, was mit eurer Heimat geschehen ist."
"Und mir tut es Leid um die eure", erwiderte Faniel leise, und Ladion neigte erneut dankbar den Kopf, sagte aber nichts.

Hilgorn nutzte die Pause, um Ladions Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen. Obwohl der Elb, wie alle seines Volkes die Hilgorn getroffen hatte, immer sehr höflich und freundlich war, legte er immer eine gewisse Distanziertheit an den Tag, und Hilgorn wurde nie ganz schlau aus ihm. Trotzdem, gerade jetzt konnte er die scharfen Augen des Elben gut gebrauchen.
"Mein Bruder Imradon, der Herr von Tíncar, hat Gondor verraten", sagte er, doch in Ladions Gesicht zeigte sich kein Zeichen der Überraschung.
"Ich hatte bereits gespürt dass etwas hier nicht stimmte. Ist das der Grund, warum das Gut und das Dorf unberührt sind?" Der Scharfsinn des Elben überraschte Hilgorn, und er bejahte: "Er hatte einen Pakt mit Mordor geschlossen, und sie im Gegenzug mit Nahrung beliefert. Später hat er Informationen über Dol Amroth an unsere Feinde geliefert."
"Verzweifelte Zeiten erfordern verzweifelte Maßnahmen", erwiderte Ladion, und Hilgorn fragte sich ob er an die Elben aus dem Waldlandreich dachte, die sich nach der Zerstörung Lothlóriens Saruman angeschlossen hatten. Als er mit Mithrellas, der Anführerin der Erben Lenwes, wie die Elbentruppe sich nannte, über Lothlórien gesprochen hatte, hatte sie mit großer Bitterkeit von Thranduils Bündnis mit Saruman erzählt. "Aber Verrat kann nicht geduldet werden", fügte er Elb hinzu. "Habt ihr ihn gefangen genommen?"
"Ja", erwiderte Aldar an Hilgorns Stelle. "So wie ich gehört habe hat Hilgorn ihm kräftig die Fresse poliert, aber der Bastard ist entkommen." Eigentlich hatte Hilgorn eine Reaktions Faniels auf diese deftige Wortwahl erwartet, doch sie ergänzte nur: "Ein Mitglied der Wache hat ihn befreit und dabei einen alten Wachmann getötet. Hilgorn und Aldar wollten gerade aufbrechen um sie zu verfolgen, als ihr angekommen seid."
"Wir könnten eure Hilfe bei der Verfolgung gut gebrauchen", schloss Hilgorn, und blickte Ladion fragend an. Natürlich hätte er es auch einfach befehlen können, aber strenggenommen war Ladion ein Verbündeter und kein Untergebener, auch wenn er in Hilgorns Auftrag unterwegs war.
"Natürlich", erwiderte dieser ohne zu zögern. "Ich bin auf meinem Weg auf keine Feinde gestoßen und war sowieso auf dem Rückweg nach Dol Amroth."
"Sehr gut", meinte Hilgorn, doch Faniel unterbrach ihn. "Wollt ihr vorher noch etwas essen oder trinken?" Der Blick, den sie Hilgorn dabei zuwarf, sprach Bände, und neben ihm verdrehte Aldar die Augen.
Ladion jedoch ließ sich nichts anmerken, und schüttelte höflich den Kopf. "Nein danke, ich habe mich bereits heute morgen kurz gestärkt, und für den Moment brauche ich nichts."
"Also los." Hilgorn konnte die Ungeduld nicht vollständig aus seiner Stimme verbannen, denn mit jeder Minute wurde Imrados Vorsprung größer. Nur zwei Minuten später verließen Aldar, Ladion und Hilgorn das Gut, wobei Hilgorn und Aldar beritten waren und Ladion, der ein Pferd abgelehnt hatte, in lockerem Tempo nebenher lief.

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Re: Tum-en-Dín
« Antwort #9 am: 7. Okt 2016, 20:58 »
Beinahe den ganzen Tag lang folgten Hilgorn, Aldar und Ladion Imradons Spur, die der Elb mit Leichtigkeit gefunden hatte. Die Fährte führte sie zunächst nach Norden, über die Brücke östlich von Tíncar und dann eine längere Strecke entlang des Nordufers des Cenedril. Mehrmals hatte Hilgorn geglaubt, den Entflohenen schon direkt auf den Fersen zu sein, doch immer wieder wurde die Spur undeutlicher und sie fielen wieder zurück.
So ging es den ganzen Tag, bis die Fährte nach Norden in die Berge in ein Geröllfeld abbog, in dem selbst Ladion mit seinen Elbenaugen sie nicht mehr verfolgen konnte, und inzwischen stand die Sonne auch schon tief.
"Wir haben ihn verloren, fürchte ich", sagte Aldar.
"Wir könnten auf die andere Seite der Felsen steigen und nachsehen, ob wir seine Spur dort wiederfinden", schlug Hilgorn vor, der abgestiegen war und sein Nacht an den Zügeln hielt. Der Rappe wieherte, als ob er die Unruhe seines Herrn spürte.
Ladion, der bereits ein paar Meter in das Geröllfeld vorgedrungen war, schüttelte den Kopf. "Nein, ihr solltet umkehren. Die Sonne geht bald unter, und eure Augen sind nicht gut genug um euch im Dunkeln zurecht zu finden. Außerdem nehme ich keine Geräusche der Flüchtigen mehr wahr."
"Also komm schon", meinte Aldar ungeduldig an Hilgorn gewandt. "Unser lieber Bruder wird sich alleine nicht nach Tíncar zurückwagen, und neue Informationen kann er dem Feind auch nicht liefern."
Hilgorn presste die Lippen zusammen, nickte aber und schwang sich wieder in den Sattel. "Vielleicht habt ihr Recht."
"Du hast doch nur Angst, Faniel ohne deine Beute unter die Augen zu kommen." Hilgorn reagierte nicht, denn die Vermutung seines Bruders war überraschend zutreffend. Tatsächlich wollte er ungern mit leeren Händen zurückkehren, weil er wusste dass Faniel in Tíncar keine Ruhe finden würde, solange Imradon in Freiheit war.
"Mit eurer Erlaubnis werde ich die Spur weiter verfolgen, wenn ich sie auf der anderen Seite wieder finde", sagte Ladion beruhigend, und Hilgorn nickte dankbar.
"Ihr habt meine Erlaubnis - und meinen Dank."
"Dankt mir, wenn ich euren Bruder zurückbringe", gab der Elb zurück. Mit diesen Worten wandte er sich um und lief mit leichten Schritten über die Felsen davon.
"Na komm, Bruder", sagte Aldar. "Lass uns nach Hause reiten."



Da sie auf dem Rückweg keiner Fährte folgen mussten, kamen sie deutlich schneller voran und erreichten Tíncar mit den letzten Sonnenstrahlen. Faniel erwartete sie bereits im Innenhof, und ihr genügte ein Blick in Hilgorns Gesicht um zu erkennen dass ihre Suche nicht erfolgreich gewesen war. Nachdem die Brüder abgesessen und ihre Pferde in den Stall gebracht hatten warf Aldar einen Blick von Faniel zu Hilgorn und sagte dann: "Ich, äh... gehe mich mal waschen, ich stinke nach Pferd."
Während er mit schnellen Schritten dem Haupthaus zustrebte, gingen Hilgorn und Faniel Seite an Seite langsam zum Garten auf der Ostseite des Hauses. Sobald sie im Garten vor jeglichen neugierigen Blicken geschützt waren, gab Hilgorn ihr einen zärtlichen Kuss, denn sie zwar erwiderte aber gleichzeitig die Nase kraus zog.
"Was ist?", fragte er, als sie sich voneinander gelöst hatten, und Faniel lachte. "Das was Aldar gesagt hat war nicht nur ein Vorwand um uns alleine zu lassen - du stinkst wirklich nach Pferd." Hilgorn konnte nicht anders, als sich von ihrem hellen Lachen anstecken zu lassen, erwiderte aber: "Ich finde nicht, dass Pferde stinken."
"Nein", gab Faniel immer noch lachend zurück, ließ sich auf einer der steinernen Bänke nieder, und zog ihn an der Hand mit sich. "Aber sie riechen manchmal sehr intensiv."
Dann wurde ihre Miene ernst. "Ihr habt Imradon nicht gefunden, oder?"
"Nein." Sein Versagen einzugestehen schmerzte Hilgorn. "Wir haben seine Spur an einem Geröllfeld für den Moment verloren, aber Ladion sucht weiter. Er wird ihn finden." Faniel legte den Kopf auf seine Schulter.
"Dann nimm mich und die Kinder mit nach Dol Amroth. Lass den Fürsten einen Verwalter schicken. Ich will nicht alleine hierbleiben, und du kannst nicht hierbleiben."
Eigentlich hatte Hilgorn Bedenken gehegt, sie mit in die Stadt zu nehmen. Was, wenn dort die wahre Natur ihre Verhältnisses bekannt wurde? Nach geltendem Recht würden sie immerhin Ehebruch begehen, doch jetzt, in diesem Moment, konnte er ihr nichts abschlagen.
"Natürlich nehme ich dich mit", sagte er und schob seine Finger durch die ihren. "Lass uns gleich morgen aufbrechen, ich muss dem Fürsten berichten was geschehn ist.

Hilgorn, Faniel und ihre Kinder nach Dol Amroth...
« Letzte Änderung: 22. Sep 2018, 22:58 von Fine »

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Eandril

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Re: Tum-en-Dín
« Antwort #10 am: 1. Aug 2018, 13:51 »
Hilgorn mit Serelloth und Ta-er aus Linhir

Da Hilgorn jetzt nur mit fünf Begleitern unterwegs war - Serelloth, Ta-er, und drei der fünf Soldaten seiner Eskorte - schlug er nicht die Hauptstraße entlang der Küste von Belfalas nach Dol Amroth ein, sondern wählte den schmaleren, aber direkteren Weg durch die Berge von Dor-en-Ernil. Nur wenig südlich von der Bucht, in der die Thoroval gelegen hatte, zweigte ein schmaler Weg von der Hauptstraße nach Westen ab, auf die Berge zu, und führte über einen schmalen Pass hinauf auf eine weite Hochebene, umgeben von Bergen. Hier oben kamen sie schneller voran, und durchquerten schon bald das Dorf Cûm Tangad, das auf einem Hügel im Zentrum der Hochebene lag. Die Sonne begann hinter den Bergen zu versinken, als sie die Berge im Westen erreichten, die sich noch mehrere hundert Meter über die Ebene erhoben. Ein schmaler, steiniger Pass wand sich in Serpentinen zwischen zwei steilen Hängen hinauf.
"Es wird Nacht", bemerkte Ta-er schließlich ruhig, kurz bevor sie die Höhe des Passes erreichten. "Ich hoffe, ihr habt bereits einen Lagerplatz im Sinn, denn nach dem Sturm in der letzten Nacht ist es ein wenig länger her, dass wir mehr als einige Augenblicke Schlaf bekommen haben."
"Mir geht es nicht anders", entgegnete Hilgorn über die Schulter, und lenkte Nacht um einen mächtigen Felsen herum. "Das letzte Mal geschlafen habe ich vor zwei Tagen, und wir haben die ganze letzte Nacht gekämpft." Hier, in der Einsamkeit und Stille der Berge schien der Krieg weit weg zu sein, doch Hilgorn vergaß die Gefahr nicht, die noch immer von Osten drohte. Deswegen hatte er sie nicht in Cûm Tangad rasten lassen, sondern weitergeführt, obwohl die Erschöpfung ihm mit jedem Augenblick tiefer in die Knochen kroch. "Aber sorgt euch nicht", fuhr er fort. "Auf der anderen Seite dieses Passes liegt ein Dorf, in dem wir die Nacht verbringen können."
Nur kurze Zeit später erreichten sie die Passhöhe, und konnten hinunter auf das Tal dahinter blicken. Zu ihrer linken plätscherte ein kleiner Bach die Felsen hinunter, und auf dem Talgrund lag am Ufer des sich dort verbreiternden Gewässers ein kleines Dorf, dessen Lichter im schwindenden Licht des Abends einladend blinkten. Nach Westen zog sich das Tal lang hin, eine lange, weitläufige, von vielen Gewässern durchzogene Ebene. Hilgorn deutete hinunter auf das Dorf unter ihnen. "Rendûl", erklärte er. "Dort werden wir für die Nacht rasten - wir sollten mit dem Abstieg nicht zögern, denn im Dunkeln ist es gefährlicher."

Sie erreichten den Talgrund ohne größere Schwierigkeiten, und die ersten Sterne blinkten bereits am Himmel. Hilgorn führte seine Begleiter geradewegs die Hauptstraße entlang zu einem kleinen, ein wenig heruntergekommenen Gasthaus, vor dem er absaß und dann Serelloth, die sich vor Müdigkeit kaum noch im Sattel halten konnte, beim absteigen half. "Passt auf die Pferde auf bis ich wieder komme", befahl er den Soldaten seiner Eskorte, und betrat dann den niedrigen, schwach erleuchteten Gastraum. Drinnen brannte ein Feuer im Kamin, und ein halbes Dutzend Einheimische saß um einen Tisch herum. Als Hilgorn sich lautstark räusperte, sprang einer der Männer auf, und eilte ihm dienstfertig entgegen. "Willkommen, willkommen im Stürzenden Falken, mein Herr... und äh, meine Damen", fügte er mit einem Blick auf Serelloth und Ta-er hinzu, die Hilgorn ins Innere gefolgt waren. "Was kann ich..." Der Wirt stockte, und sein Blick blieb an Hilgorns Gesicht hängen. "Oh, verzeiht mir, dass ich euch nicht gleich erkannt habe, Herr Imradon. Was führt euch..."
Hilgorn unterbrach ihn, indem er die Hand hob. "Mein Bruder ist tot, guter Mann."
Der Wirt schlug eine Hand vor die Stirn, und sein verlegenes Lächeln entblößte zwei prächtige Zahnlücken. "Neuigkeiten kommen langsam in Rendûl an. Mein Beileid, Herr..."
"Hilgorn", ergänzte Hilgorn. "Und kein Grund für Beileid, mein Bruder war ein Verräter und starb in der Schlacht gegen Gondor." Die Augen des Wirts weiteten sich, und die Blicke der anderen Männer am Tisch wandten sich von ihren Bierkrügen ab und Hilgorn zu. Er spürte auch geradezu die Blicke von Ta-er und Serelloth in seinem Rücken. "Ein Verräter?", fragte der Wirt entsetzt. "Aber... er sah so edel und herrschaftlich aus, als er kam nachdem der alte Herr gestorben war."
"Ein edles Gesicht verbirgt manchmal ein umso schwärzeres Herz", erwiderte Hilgorn sanft, bevor er einen neutraleren Tonfall anschlug. "Wir brauchen drei Zimmer - eines für mich, eines für meine Begleiterinnen, und eines für drei Soldaten."
"Selbstverständlich, selbstverständlich." Der Wirt rieb sich eifrig die Hände. "Es ist mir eine Ehre, unseren neuen Herrn unter meinem Dach zu bewirten." Hilgorn ächzte innerlich, verzichtete aber darauf, sein Gegenüber über seinen erneuten Irrtum aufzuklären. "Benötigt ihr auch noch eine Mahlzeit?" Hilgorn warf einen Blick über die Schulter, und Ta-er schüttelte den Kopf. "Morgen früh", antwortete er also. "Für heute Abend sollen uns Betten genügen." Der Wirt verschwand durch eine Tür im hinteren Teil des Raumes, wo Hilgorn ihn den Namen einer Frau rufen hörte, und die Männer am Tisch wandten sich wieder ihren Bierkrügen zu. "Ihr hattet nicht erwähnt, dass ihr über diese Land herrscht", sagte Ta-er hinter ihm, und Hilgorn zuckte mit den Schultern, während er sich zu ihr umwandte. Serelloth hatte sich mit verschränkten Armen an den Türrahmen gelehnt und beobachtete ihn unter gesenkten Augenlidern hindurch, während Ta-er keinerlei Müdigkeit erkennen ließ. "Tue ich auch nicht. Nach dem Tod meines Bruders erbte sein Sohn den Titel. Der Sitz meiner Familie liegt weiter im Westen, und wir werden morgen gegen Mittag dorthin kommen."
"Jedenfalls verschafft euch diese Tatsache ein billiges Quartier", meinte Ta-er, und ein amüsiertes Lächeln spielte um ihre Mundwinkel.

Der Wirt kehrte zurück, und zeigte ihnen den Weg zu ihren Zimmern. Bevor Hilgorn sich zum Schlafen niederlegte, sorgte er noch dafür, dass die Pferde im Stall des Gasthauses untergebracht wurden, und wandte sich dann noch einmal an den Wirt. "Ich traue meinen Begleiterinnen nicht vollständig", sagte er leise. "Bitte stellt einen eurer Knechte dazu ab, heute Nacht ihr Zimmer zu bewachen. Ich möchte nicht, dass sie sich heimlich in der Nacht davonschleichen." Der Wirt nickte eifrig. "Natürlich, Herr. Wird gemacht - wir werden wachsam sein wie die Füchse."
Kaum hatte Hilgorn sich auf der harten, ein wenig klumpigen Matratze seines Bettes ausgestreckt, fiel er in einen tiefen, traumlosen Schlaf, und erwachte erst, als die aufgehende Sonne durch das nach Osten gehende Fenster auf sein Gesicht fiel.
Als er auf den schmalen Flur hinaustrat, hörte er bereits Geräusche aus dem Zimmer, in dem seine Eskorte untergebracht worden war, doch im Zimmer neben ihm, in dem Ta-er und Serelloth geschlafen hatten, war alles still. Der Knecht, den der Wirt als Wache abgestellt hatte, saß neben der Tür auf einem Stuhl und scharchte leise vor sich hin. Hilgorn seufzte, und klopfte dann an der Tür. Er wartete einen Augenblick, und als keine Antwort kam, klopfte er erneut. Weiterhin Stille. Vorsichtig öffnete Hilgorn die Tür und trat hindurch. Sofort fiel sein Blick auf die offensichtlich unberührten Betten, das offene Fenster, und das Papier, dass auf der Fensterbank lag. Mit schnellen Schritten durchquerte er den Raum, und las, was auf dem Papier mit ein wenig krakeligen, unregelmäßigen Buchstaben geschrieben stand.

Hilgorn - es tut uns Leid, aber wir können nicht mit euch nach Dol Amroth kommen. Wir müssen meinen Vater und seine Freunde retten, denn wenn der Krieg so schlecht läuft wie ihr sagt, sind sie in großer Gefahr. Ich verspreche euch, dass wir Mordor nichts verraten werden, selbst wenn wir gefangen werden sollten. Und ich habe ja Ta-er bei mir, also wird das nicht geschehen. Bitte verzeiht uns unseren hastigen Aufbruch, es soll nicht unhöflich sein. Serelloth.
P.S. Ich habe Ta-er dazu überredet, also wenn ihr wütend seid, dann auf mich und nicht auf sie.


Wider Willen musste Hilgorn lächeln, als er den Brief las, doch nur kurz. "General?", fragte einer seiner Soldaten, der in der Tür stand. "Was ist geschehen?"
"Sie sind fort", erwiderte Hilgorn knapp. "Durch das Fenster." Er drängte sich an dem Soldaten vorbei durch die Tür, und packte den inzwischen erwachten Knecht unsanft an der Schulter. "Das nennst du Wache halten? Stündest du in meinem Dienst, würde ich dich dafür auspeitschen lassen."
Sein Zorn kam aus der Sorge, dass Serelloth und Ta-er vermutlich gefangen genommen werden würden. Und trotz aller Versprechen, die Serelloth in ihrem Brief gegeben hatte, war ihm klar, dass sie unter der Folter Mordors vermutlich doch alles verraten würde, was sie hier gesehen hatten. "Ihr reitet zurück", wandte er sich den drei Männern seiner Eskorte zu, die sich auf dem Flur versammelt haben. "Wenn ihr die beiden findet, nehmt sie gefangen. Ohne Gewalt, wenn möglich - nur, wenn es unbedingt nötig ist."
Im Gastraum traf er auf den Wirt, der ihn strahlend lächelnd begrüßte. Hilgorn erwiderte das Lächeln nicht. "Eure Wachsamkeit lässt stark zu wünschen übrig", sagte er. "Wenn Mordor den Gilrain erneut überquert, sollte sich das ändern. Ich bezweifle, dass sie euch erneut ignorieren würden." Ohne eine Erwiderung abzuwarten, verließ er das Gasthaus, und eilte mit langen Schritten zum Stall. Seine Soldaten folgten ihm. "Ich gehe allein nach Dol Amroth", stellte er fest. "Wenn ihr sie vor Linhir nicht findet, benachrichtigt alle Stationen entlang des Gilrain, dass zwei Frauen versuchen könnten, die Grenze nach Mordor zu überschreiten." Vermutlich würde es dafür zu spät sein, wenn der Befehl ankam, doch Hilgorn hatte vor, keinen weiteren Fehler in dieser Angelegenheit zu machen. "Sollten sie gefunden und gefangen werden, schickt einen Boten", fuhr er fort, während er sich auf Nachts Rücken schwang. Die Soldaten salutierten, und Hilgorn stieß dem Rappen die Fersen in die Flanken, sodass er in einen schnellen Trab die Straße nach Westen entlang fiel, und seine Eskorte in einer Staubwolke zurückließ.

Hilgorn nach Dol Amroth
« Letzte Änderung: 15. Sep 2018, 22:02 von Fine »

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Eandril

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Re: Tum-en-Dín
« Antwort #11 am: 26. Apr 2021, 14:03 »
Hilgorn, Aerien und Ladion aus Dol Amroth

Früh am nächsten Morgen waren sie zu dritt von Dol Amroth aus aufgebrochen, und hatten für ein Stück die Straße nach Süden eingeschlagen, die zwischen der Küste und den Bergen in einem Bogen südlich um die ganze Halbinsel von Belfalas herum führte. Ladion ritt immer ein wenig vorne weg, offenbar immer Ausschau nach Gefahren haltend, und Hilgorn und Aerien folgten ein Stück weiter hinten. Aerien trug eine leichte Rüstung und ein Schwert, dass sie sich aus der Waffenkammer des Fürsten geliehen hatte, und sah sich vom Rücken ihres Pferdes die ganze Zeit über neugierig um. Das Wetter zeigte sich an diesem Morgen von seiner freundlichsten Seite. Zwar war es - der Jahreszeit angemessen - kühl, doch am Himmel zeigten sich nur einzelne, langsam ziehende Wolken und der sanfte Wind fühlte sich beinahe nach Frühling an. Zur rechten der Straße fiel das Land noch ein Stück weiter ab zu den zahlreichen, immer wieder von steilen Klippen unterbrochenen, Buchten von Belfalas. In den kleinen Fischerdörfern, an denen sie vorbeikamen, herrschte geschäftige Betriebsamkeit, und die ersten Boote legten zum Fischfang ab.
Zur Linken stieg das Land manchmal sanft, manchmal steiler zum Hügelland von Dor-en-Ernil an, von dem zahlreiche Bäche unter Straße hindurch zum Meer hinab plätscherten. Auf der Straße selbst herrschte bereits einigermaßen viel Betrieb - Händler aus den Dörfern nahe Dol Amroth fuhren in die Stadt zum Markt. Nach ein paar Meilen wandte sich Aerien an Hilgorn, und sagte mit leuchtenden Augen: "Ich habe noch nie so viele Menschen auf einmal außerhalb einer Stadt gesehen."
"Die Halbinsel ist relativ dicht besiedelt, vor allem an der Küste", erklärte Hilgorn. "Es wird ein wenig weniger werden, je weiter wir uns von Dol Amroth entfernen und wenn wir ins Landesinnere kommen."
"In Harad leben die Menschen entweder in großen Städten oder viel verstreuter. Ithilien war beinahe vollkommen menschenleer, und in..." Aerien brach rasch ab, und blickte zur Seite. Hilgorn zögerte für einen Augenblick, beschloss dann aber, die ihm auf der Zunge liegende Frage nicht zu stellen. Offenbar war der Ort ihrer Herkunft nichts, worüber Aerien gerne sprechen wollte.
"Jedenfalls bin ich tatsächlich froh, ein wenig mehr von Gondor zu sehen", fuhr Aerien schließlich fort. "Ich wünschte nur, Narissa könnte dabei sein und es ebenfalls sehen."
"Wir alle haben unsere eigenen Wege zu gehen", meinte Hilgorn.
Einige Meilen weiter erreichten sie die Abzweigung, die von der Straße aus nach Osten hinauf in die Berge führte.
"Vorsicht", sagte Hilgorn, bevor er Nacht nach rechts die schmale Bergstraße hinauf lenkte. "Die Straße ist schmal und kann vom Bach glitschig sein. Es sollte kein Problem darstellen, aber es schadet nicht, vorsichtig zu sein." Als sie der Straße die Cirith Lenthir hinauf folgten hörte er Aerien hinter sich sagen: "Es erinnert mich ein wenig an die Berge von Alodia. Nur dass es dort weniger grün und deutlich staubiger war." Hilgorn duckte sich ein wenig zur Seite, um einem herabhängenden, tropfenden Moos auszuweichen. "Ich bin bislang nicht viel herumgekommen", gestand er. "In Gondor kenne ich mich recht gut aus, aber nicht darüber hinaus."
"Vielleicht gibt es irgendwann eine Gelegenheit dazu. Wenn irgendwann Frieden herrscht." Aeriens Stimme klang ein wenig sehnsüchtig, und Hilgorn konnte es ihr nicht verdenken.
Am oberen Ende der Klamm hielten sie kurz an, und blickten über das Tal, das jetzt im vollen Morgenlicht lag. Das Licht glitzerte auf dem Wasser des Cenedril, und ließ die Mauer von Tíncar erstrahlen.
"Es... So ähnlich habe ich mir Gondor manchmal vorgestellt", sagte Aerien nach einem Augenblick leise. "So... voller Farbe und Leben."
Hilgorn musste lächeln. "Und es ist Winter. Im Frühjahr blühen überall kleine Blumen, gelbe und weiße, und die Bäume werden allmählich grün. Im Sommer tragen die Bäume ihr volles Blätterkleid und das Getreide reift auf den Feldern." Er warf Aerien, die noch immer über das Tal blickte, einen Seitenblick zu. "Ich wünsche dir, dass du es eines Tages siehst."
"Ich hätte nicht gedacht, dass du so empfänglich für die Schönheiten dieser Welt bist", bemerkte Ladion von der Seite. Hilgorn hob eine Augenbraue und kratzte sich gedankenverloren unter dem Rand seiner Augenklappe. "Wieso nicht? Weil ich ein Mensch bin?"
"Nein, weil..." Der Elb schüttelte den Kopf. "Es ist schwer in Worte zu fassen. Es war nicht als Beleidigung gemeint."
"So habe ich es auch nicht verstanden", meinte Hilgorn, und blickte zurück, wo Bach neben ihnen in die Cirith Lenthir hinabstürzte. "Das letzte Mal als ich hier entlang kam, war ich in keiner guten Stimmung", erinnerte er sich. "Die Osthälfte Linhirs war gerade gefallen, und dann waren mir in Rendûl auch noch diese beiden Frauen entkommen..."
"Das klingt nach einer interessanten Geschichte." Aerien hatte sich endlich von dem Anblick vor ihnen losreißen können. "Erzähl."
Hilgorn verzog ein wenig das Gesicht, tat ihr allerdings den Gefallen: "Das war kurz nach dem letzten Angriff auf Linhir. Die Schlacht war kaum vorüber als ich die Nachricht bekam, dass ein Schiff aus dem Süden an der Küste von Belfalas angespült worden war. Wie sich herausstellte, kam es geradewegs von der Insel Tol Thelyn."
Bei den letzten Worten fuhr Aeriens Kopf abrupt zu ihm herum. "Wie lange ist das her?", fragte sie. "Einige Wochen bereits", fuhr Hilgorn fort, während sie langsam der Straße weiter in Richtung Tíncar folgten. "Als ich dort ankam stellte sich heraus, dass der Kapitän - Hallatan - eigentlich die Mündung des Anduin angesteuert hatte, aber durch einen Sturm nach Westen abgetrieben war. Das war sein Glück, denn der Ethir war kurz zuvor gefallen und sie wären dort sicherlich Mordor in die Hände gefallen. An Bord hatte er zwei Passagiere die nach Ithilien wollten, Ta-er as-Safar und..."
"Serelloth", beendete Aerien den Satz für ihn, und jetzt war es an Hilgorn, ihr einen verdutzten Blick zuzuwerfen.
"Woher weißt du davon?" Aerien lächelte. "Weil ich sie ein paar Tage vorher auf Tol Thelyn verabschiedet habe. Serelloth ist... eine gute Freundin." Hilgorn musste unwillkürlich über die Merkwürdigkeit dieses Zufalls lachen. "Offenbar ist Mittelerde kleiner als gedacht."
"Oder das Schicksal zieht im Hintergrund seine Fäden", meinte Aerien, und Ladion nickte stumm. "Was ist aus Serelloth und Ta-er geworden?"
"Nun, ich konnte nicht zulassen, dass sie den Gilrain überqueren und sich mitten in das Land des Feindes begeben. Also wollte ich sie mit nach Dol Amroth nehmen. Wir haben in Rendûl - ein Dorf am östlichen Ende des Tals - die Nacht verbracht, und am nächsten Morgen fand ich einen Brief von Serelloth, in dem sie mir sehr freundlich erklärte, dass sie und Ta-er nicht mit nach Dol Amroth kommen würden und stattdessen nach Ithilien aufgebrochen waren." Aerien lachte, ein Geräusch das Hilgorn zum ersten Mal überhaupt von ihr hörte.
"Ja, das klingt ganz nach Serelloth." Schlagartig wurde sie wieder ernst. "Ich hoffe, ihr ist in Ithilien nichts zugestoßen und ich hoffe, sie hat ihren Vater gefunden."
Nachdenklich strich Hilgorn seinem Rappen über den Hals, und versuchte sich an das zu erinnern, was Valion ihm nach seiner Befreiung erzählt hatte. Seine Erinnerung an die Reise zurück nach Dol Amroth war ziemlich verschwommen, doch während er überlegte, fielen ihm einzelne Details wieder ein.
"Wenn ich mich richtig erinnere, verdanke ich ihr und Ta-er in gewisser Weise meine Freiheit", sagte er langsam, und Aerien merkte sichtlich auf. Hilgorn versuchte, weiter, den Nebel seiner Erinnerungen zu durchdringen. Nein, es war nicht nur eine Erzählung gewesen. Er hatte es doch selbst erlebt. "Sie... und Ta-er haben mich gefunden, als ich gefangen war. Und... sie haben Valion benachrichtig. Ich kann mich nicht richtig erinnern, denn..." Er schüttelte den Kopf. "Was immer Arnakhôr damals mit mir gemacht hat, ich kann mich an die ganze Zeit bis mein Geist von ihm befreit wurde, nicht gut erinnern. Aber ich glaube, Serelloth hat erfahren wo ihr Vater war und ist zu ihm gegangen."
Aerien nickte, wobei sie ein wenig abwesend wirkte. "Gut, gut..." Obwohl ihre ganze Aufmerksamkeit eben noch auf Serelloth gerichtet gewesen war, hatte sich etwas verändert. Hilgorn war nicht entgangen, dass sie bei Arnakhôrs Erwähnung sichtbar zusammengezuckt war und er nahm sich vor, sie später danach zu fragen. Jetzt war vermutlich nicht der richtige Zeitpunkt dazu.
Sie kamen an dem Baum vorüber, an dem Hilgorn Iorweth zum ersten Mal begegnet war, und er musste bei der Erinnerung lächeln. Nur kurze Zeit später standen sie vor dem Tor des Gutes, das sogleich aufschwang.
"Willkommen zu Hause, Herr", sagte einer der jungen Wachsoldaten respektvoll, und verneigte sich. Hilgorn hatte seinen Namen vergessen, doch er erinnerte sich vage, dass es der jüngste Sohn des alten Ergon war.
"Danke", erwiderte er, und sprang von Nachts Rücken. "Wo ist meine Mutter?"
"Hier", hörte er ihre gewohnt gebieterische Stimme, und sah sie über mit einem Lächeln über den Hof kommen. Sie ging langsam, doch ungebeugt und er sah ihr kaum noch an, wie krank sie gewesen war. Hilgorn umarmte sie und küsste sie auf die Wange, bevor er seine Gefährten, die ebenfalls abgesessen waren, vorstellte: "Du kennst Ladion, Mutter. Und das ist Aerien Bereneth, eine... gute Freundin."
"Willkommen auf Tíncar", begrüßte seine Mutter sie gleichermaßen herzlich und herrisch.
"Aerien gehört zu jenen, die den König nach Gondor zurückgebracht haben", erklärte Hilgorn, und ignorierte Aeriens warnenden Blick. Seine Mutter dachte jedoch nicht daran, in ehrfürchtigen Dank zu verfallen, wie Aerien vielleicht befürchtet hatte. Stattdessen hob sie nur eine Augenbraue, und sagte: "Der König, so so. Nun, das ist vermutlich nicht schlecht. Ich halte ja große Stücke auf Imrahil, aber vielleicht tut es uns ganz gut, wenn der König wieder da ist und die Führung für ganz Gondor in die Hand nimmt."
Aerien warf Hilgorn einen vollkommen verdutzten Blick zu, denn offenbar war die Reaktion sehr weit entfernt von dem, was sie erwartet hatte, und Hilgorn konnte sein Lächeln nur mühevoll unterdrücken. Seine Mutter hatte sich, vielleicht mit der Ausnahme des Tods seines Vaters und Imradons Verrat, noch nie von irgendetwas erschüttern lassen.
"Wie dem auch sei, es hat keinen Sinn hier auf dem Hof herumzustehen. Jemand wird sich um die Pferde kümmern, und wir können hinters Haus in den Garten gehen. Bei diesem Wetter sollte man nicht drinnen sein."

In dem kleinen Garten hinter dem Haus war es still, umgeben von immergrünen Sträuchern. Hilgorn vermisste ein wenig die blühenden Blumen und das Summen der Bienen, das den Garten sonst erfüllte, doch immerhin war es Winter. Nachdem sie sich gesetzt hatten, Hilgorn neben seine Mutter und Aerien auf eine einzelne Bank - Ladion hatte es vorgezogen, ein wenig die Umgebung zu erkunden - begann Hilgorn: "Wie genau kommt Gilanor von Bar-Erib auf die Idee, Tugobel sollte ihm gehören? Nach Belegs Tod war Faniel die Erbin ihres Vaters. Selbst ihre Verwandten aus dem Norden hätten einen besseren Anspruch als Gilanor."
"Mhm", machte seine Mutter. "Aber Gilanor hat irgendwelche Dokumente hervorgezaubert, die angeblich beweisen, dass das Land auf dem Tugobel steht, früher seinem Haus gehörte, und dass der damalige Fürst kein Recht hatte, es Faniels Ur-urgroßvater zu verleihen. Was natürlich Unsinn ist", fügte sie als Reaktion auf Hilgorns Blick hinzu. "Tugobel und alle dazugehörigen Lehen gehörten rechtmäßig dem Haus Glórin und gehören damit zum Erbe meines Enkels."
Aerien beugte sich ein wenig vor, und fragte: "Was glaubt ihr, bezweckt dieser... Gilanor damit?"
Iorweth schnaubte verächtlich. "Ich weiß nicht einmal, ob Gilanor selbst irgendetwas bezweckt. Sein Sohn, Boradan, hat die Sache angezettelt. Ich kenne Gilanor, er ist viel zu naiv für solche Hinterhältigkeiten. Und was Boradan angeht... vielleicht hofft er einfach nur, sein Erbe zu vergrößern."
"Ein merkwürdiger Zeitpunkt für solche... unbedeutenden Streitigkeiten", wandte Hilgorn langsam ein, und seine Mutter blickte ihn empört an. "Ich glaube nicht, dass das Erbe deines Neffen - oder besser Stiefsohnes - unbedeutend ist."
"Ich glaube nicht, dass Hilgorn das gemeint hat." Aerien klang nachdenklich. "Aber man sollte glauben, dass eure Nachbarn im Augenblick größere Sorgen haben als ihr Land zu vergrößern. Und sie sollten sich eigentlich im Klaren darüber sein, dass sie nur vereint gegen Mordor bestehen können."
Für einige Augenblicke legte sich Schweigen über den Garten, dass Iorweth schließlich brach. "Ihr glaubt, Gilanor - oder Boradan - hätten sich mit Mordor verbündet? Das glaube ich nicht. Die Herren von Bar-Erib waren schon immer gierig und..."
"Mutter", unterbrach Hilgorn sie sanft. "Vergiss nicht, was dein eigener Sohn - mein eigener Bruder - getan hat." Bei der Erwähnung Imradons presste seine Mutter die Lippen so fest zusammen, dass sie ihr Mund nur noch ein dünner Strich war.
"Niemals werde ich das vergessen", sagte sie schließlich mit einem Seitenblick zu Aerien hin. Hilgorn verstand diesen Blick ganz genau - sie war keineswegs damit einverstanden, dass er mit Imradons Verrat so offen umging. Doch er sah keinen Grund, diese Tatsache zu verheimlichen.
Aerien rutschte sichtlich unbehaglich auf der Bank hin und her. "Ich weiß nicht, was Mordor damit bezwecken würde, außer ein wenig Unfrieden in Gondor zu stiften. Aber ich denke es schadet nicht, mit dem Schlimmsten zu rechnen."
Obwohl Hilgorn sich nicht vorstellen konnte, dass Mordor für einen kleinen Nachbarschaftsstreit zweier unbedeutender Adelshäuser verantwortlich war, war er geneigt Aerien zuzustimmen. Wenn sie mit dem Schlimmsten rechneten, würde es keine bösen Überraschungen geben.
"Also schön. Was habt ihr vor zu tun?", fragte seine Mutter. "Wir reiten nach Tugobel - morgen früh, denn es hat keinen Zweck in der Nacht dort anzukommen - und verschaffen uns einen Überblick über die Lage", antwortete Hilgorn. "Mit der gebotenen Vorsicht natürlich. Vielleicht lassen sich Gilanors Männer überreden, das Dorf freiwillig wieder zu verlassen, und wenn nicht... wissen wir wenigstens, womit wir es zu tun haben." Er warf Aerien einen fragenden Blick zu, und sie nickte zustimmend.
"Gut", sagte seine Mutter in einem Tonfall, der eindeutig besagte, dass dieses Gespräch zu Ende war, und fügte an Aerien gerichtet hinzu: "Ich will nicht unhöflich sein, aber ich würde gern ein paar Worte allein mit meinem Sohn sprechen."
Aerien stand so schnell auf, als wäre sie von etwas gestochen worden. "Nein, gut. Ich... werde mich vielleicht ein wenig im Dorf umsehen, oder vielleicht nach den Pferden schauen."
Sie hastete zwischen den Büschen davon, und als sie verschwunden war wandte Hilgorns Mutter sich an ihn: "Wo hast du dieses Mädchen aufgegabelt?"
"Wie gesagt, sie ist eine von denen, die König Elessar aus der Gefangenschaft in Mordor gerettet haben", erklärte er. "Wir dachten, sie könnte vielleicht helfen."
"Nun, wenn sie den König aus Mordor befreit hat, dürfte das zutreffen", stellte seine Mutter fest. "Ich frage mich allerdings, ob sie vertrauenswürdig ist." Hilgorn wandte ihr langsam das Gesicht zu, doch sie hielt seinem Blick ohne Mühe stand. "Oh, nun schau mich nicht so an. Sie spricht mit einem Akzent, den ich noch nie in Gondor gehört habe, kommt also ganz offensichtlich nicht von hier. Und sie hat es geschafft, nach Mordor zu gehen, an den gefährlichsten Ort der Welt, und einen der wichtigsten Menschen der Welt aus der Gefangenschaft eines dunklen Gottes zu befreien? Da frage ich mich doch... wie?"
Hilgorn ahnte, worauf seine Mutter hinaus wollte, und das schlimmste war: Er hatte selbst keine Ahnung, wie es Aerien und Narissa gelungen war, Elessar aus dem Dunklen Turm zu befreien. Genau diese Fragen hatte er sich ebenfalls gestellt, doch bislang hatte er keine passende Gelegenheit gefunden, Aerien danach zu fragen. Fürs erste genügte es ihm, dass der König, Fürst Imrahil und Mithrandir ihr zu vertrauen schienen. Daher zuckte er nur mit den Schultern, und antwortete: "Ich weiß es selbst nicht. Aber ich vertraue meinem Instinkt, und der sagt mir, dass sie vertrauenswürdig und auf unserer Seite ist."
« Letzte Änderung: 26. Apr 2021, 14:06 von Fine »

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Das Gerücht um die Rückkehr des Königs
« Antwort #12 am: 4. Mai 2021, 15:06 »
Als es Nacht geworden war, lag Aerien in dem kleinen Bett, das man ihr zur Verfügung gestellt hatte und konnte nicht richtig einschlafen. Sie hatte den Ritt ins Tal von Hilgorns Heimat genossen und sich sehr darüber gefreut, einen neuen Teil von Gondor zu sehen, doch die Begrüßung war weniger herzlich ausgefallen, als sie es sich gewünscht hatte. Sie gab der Herrin des Hauses natürlich keine Schuld daran - vermutlich hatte diese einfach ihre berechtigen Zweifel an Aerien zur Sprache gebracht. Dennoch hoffte Aerien, dass es Hilgorn gelingen würde, seine Mutter zu überzeugen, dass Aerien wirklich hier war, um zu helfen.
Sie seufzte und drehte sich um Bett auf die Seite. Nicht zum ersten Mal an diesem Tag musste sie an Narissa denken und wünschte sich, sie in diesem Augenblick bei sich zu haben. Sie war noch immer voller Sorge um Narissas Sicherheit, und dass Valion vom Ethir mit ihr gegangen war, milderte diese Sorge nur geringfügig. Ein Teil von ihr wünschte sich, dass Narissa ihren Rachefeldzug einfach aufgeben würde, doch sie wusste natürlich, dass das nicht passieren würde. Und nicht zum letzten Mal machte sie sich Vorwürfe, dass sie Narissa dabei nicht begleitet hatte sondern in Gondor geblieben war...

Am folgenden Morgen erwachte Aerien, als die ersten Sonnenstrahlen durch ihr Fenster fielen. Sie hatte allerlei wirre Träume gehabt, die sich nur langsam der Wirklichkeit beugten. Schwerfällig erhob sie sich und zog sich an, dann machte sie sich auf die Suche nach Hilgorn. Stattdessen lief sie allerdings dessen Mutter Iorweth über den Weg.
"Aha, schon auf den Beinen, Mädchen?" wollte die Hausherrin wissen. "Gut, gut. Du kannst mir beim Frühstück behilflich sein."
Aerien wagte es nicht, Einspruch zu erheben und folgte der Frau in die geräumige Küche des Anwesens, welche sich im Untergeschoss befand. Aerien wunderte sich darüber, dass Hilgorns Mutter, die ja adelig war, ihren Bediensteten tatkräftig bei der Vorbereitung half - in Durthang hätte es so etwas niemals gegeben.
"Komm, mach dich nützlich. Du kannst die Äpfel schälen und in Scheiben schneiden," sagte Iorweth und deutete auf einen großen Korb voller Früchte, neben denen ein Schneidbrett und Messer auf einem der Tische lagen.
Aerien nickte gehorsam und nahm Platz, dann griff sie sich einen Apfel und drehte ihn etwas unschlüssig in der Hand herum. Langsam nahm sie das Messer auf und begann, die Frucht zu schälen, womit sie anfänglich etwas Schwierigkeiten hatte, bald schon aber einen Apfel nach dem anderen in Scheiben zerlegte.
Immer mehr Bedienstete waren in die Küche gekommen, und ein munteres Treiben begann. Eines der Dienstmädchen setzte sich neben Aerien und begann ihr beim Schälen zu helfen.
"Du bist mit dem Herrn Hilgorn aus Dol Amroth gekommen, nicht wahr?" wisperte sie Aerien neugierig zu. "Ich bin Beldith, und wie heißt du?"
"Aerien," antwortete Aerien. "Ja, ähm... Herr Hilgorn hat mich aus Dol Amroth hierher gebracht, ich... soll ihm helfen, wegen dieser Erbstreitigkeit..."
"Das ist aber ein niedlicher Name," sagte Beldith und lachte. "Und unüblich dazu. Und was denkt der Herr Hilgorn wie du ihm bei diesem Streit genau helfen kannst?"
"Naja, eigentlich war es Minûl.... ich meine, die Idee einer..." Aerien brach ab und atmete tief durch. "Es war die Idee der Herrin Melíril vom Turm, mich mit Herrn Hilgorn mitzuschicken. Sie war der Ansicht, dass... mir das gut tun würde."
"Melíril vom Turm?" wiederholte Beldith nachdenklich. "Tut mir Leid... wir sind hier leider etwas weit weg vom hohen Hofe der Schwanenprinzen und vielleicht nicht auf dem neusten Stand der Dinge, was Namen und Geschichten angeht. Aber wir haben schon gehört, dass der König wieder da sein soll. Man sagt, dass er ganz allein dem Dunklen Herrscher jahrelang getrotzt hat, und so tapfer und standhaft war, dass der Feind ihn gehen lassen musste, denn er konnte ihn nicht brechen."
"Ich, ähm, habe gehört, dass er Hilfe hatte..." wandte Aerien etwas verlegen ein.
"Du meinst dieses amüsante Gerücht, dass der König von zwei Mädchen und einem Zwerg aus dem Schattenland befreit wurde?" Beldith kicherte. "Eine wirklich witzige Vorstellung. Wie soll so eine bunte Truppe denn an den ganzen Orks vorbei gekommen sein? Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Du etwa?"
"N-naja..." stammelte Aerien verlegen. "Denkbar wäre es doch, oder nicht? Was wenn sie einen geheimen Weg durch Mo... durch das Land des Feindes kannten?"
"Einen Weg den selbst der Dunkle Herrscher nicht kennt? Ich weiß ja nicht... Oh, vorsichtig!" rief Beldith, doch es war zu spät.
"Au!" entfuhr es Aerien. Sie hatte sich so auf das Gespräch konzentriert, dass sie sich beim Schälen tief in die Handfläche geschnitten hatte.
Iorweth, die Herrin des Hauses, kam herüber als sie den Aufschrei gehört hatte. Doch falls Aerien nun Schimpf und Schande erwartet hätte, hätte sie sich in Hilgorns Mutter getäuscht. Die sonst so strenge Miene wurde weich und sie nahm ein Tuch hervor, mit dem sie die Blutung stillte. "Gleich wird es besser gehen," sagte Iorweth und half Aerien, selbst Druck auf die Wunde auszuüben, obwohl diese natürlich bereits viel schlimmere Verletzungen gehabt hatte und eigentlich selbst gut genug wusste, wie man eine derartige Verletzung zu behandeln hatte. Dennoch schloss sie die Augen und ertappte sich dabei, die Behandlung zu genießen. Zwar war Iorweth weder ihre Mutter noch standen sie sich besonders nahe, aber in diesem einen kurzen Augenblick kam sich Aerien wie ein Kind vor, das sich sicher bei seiner Mutter geborgen fühlt. Als ihr das klar wurde, riss sie erschrocken die Augen auf und versuchte hastig, sich ihre Verlegenheit nicht anmerken zu lassen.
"So," sagte Iorweth und ließ Aeriens Hand los, nachdem sie das Tuch fest verschnürt hatte. "Das wird schon wieder. Genug getrödelt!" Sie wandte sich an alle. "Mädchen, es wird Zeit! Bringt das Frühstück in den Speisesaal, danach kommt ihr wieder her und fangt mit den Kartoffeln an, verstanden?"
Ein Chor aus Zustimmung antwortete ihr. "Und du - nimm die Schale Apfelscheiben, und komm mit mir," sagte Iorweth zu Aerien, dann ging sie los.

Durch einen kurzen Gang ging es hinauf ins Erdgeschoss, und dort um eine Biegung in einen kleinen Saal, in dem eine lange Tafel stand. Hilgorn war bereits dort und hatte Platz genommen, neben ihm saß der Elb, Ladion. Zwei weitere Menschen die Aerien nicht kannte saßen ebenfalls am Tisch. Aerien sah, wie die Dienstmädchen das Essen auf dem Tisch abstellten, und blickte etwas zaghaft auf ihre Äpfel herab, dann hakte sich Iorweth bei ihr unter und führte sie sanft, aber bestimmt zum Platz neben Ladion. "Stell die Schale hier ab, und dann setz dich und iss," wies sie Aerien an.
"Guten Morgen Aerien," sagte Hilgorn, als er sie entdeckt hatte, dann hob er verwundert die Brauen. "Bist du jetzt..."
"Ich habe sie gebeten, sich ein wenig nützlich zu machen," sagte Iorweth und setzte sich dann ebenfalls.
Hilgorn nickte und schien die Sachen damit auf sich beruhen zu lassen. Sie frühstückten, ohne dabei viel zu sprechen, während die Dienerschaft nach dem Auftragen des Essens den Saal wieder verlassen hatte. Als sie zum Großteil damit fertig geworden waren, sagte Iorweth: "Am besten reitet ihr gleich los, bis nach Tugobel ist es zwar nicht weit, aber... je eher ihr dort seid, desto besser."
"Ich stimme zu," sagte Ladion. "Und ich denke, ich werde voraus reiten, um die Lage auszukundschaften." Er stand in einer fließenden Bewegung auf und ging hinaus,
"Gut, dann wäre das geklärt," sagte Hilgorn und erhob sich ebenfalls. "Vielleicht sollten wir ein Dutzend Männer mitnehmen, um nicht ganz ohne Schutz dazustehen, ganz egal was uns im Dorf erwartet."
"Würde das nicht eher den Eindruck vermitteln, dass du bereit bist, dir Tugobel mit Waffengewalt zurückzuholen?" wandte Aerien ein.
"Hm. Das wäre möglich..."
"Aber ganz alleine solltet ihr auch nicht gehen," sagte Iorweth. "Nehmt sieben Männer mit. Das ist nicht genug, um ein Dorf einzunehmen, aber es ist besser, als wenn ihr ganz alleine geht." Sie warf Aerien einen schwer zu deutenden Blick zu.
"Sieben. Sieben ist gut," stimmte Hilgorn zu. "Also dann. Die Pferde sind..."
"...bereits gesattelt und bereit," ergänzte seine Mutter wissend.
"Dachte ich mir. Komm, Aerien... dann lass uns mal sehen, was uns in Tugobel erwartet."
RPG:

Eandril

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Re: Tum-en-Dín
« Antwort #13 am: 5. Mai 2021, 10:46 »
Sobald sie unter dem Torbogen hindurch geritten und außer Hörweite seiner Mutter waren, lenkte Hilgorn seinen Rappen neben Aeriens Pferd und räusperte sich ein wenig verlegen.
"Ich... sollte mich vielleicht für meine Mutter entschuldigen. Sie ist immer sehr darauf bedacht gewesen, dass jeder von uns seinen Teil beiträgt, aber ich hätte nicht erwartet, dass sie dich zur Arbeit einspannt."
"Oh nein, das ist schon in Ordnung", erwiderte Aerien. "Das war eine nette Abwechslung zu allem was in letzte Zeit passiert ist. Vor allem, nachdem mich in Dol Amroth die meisten Leute ehrfürchtig angestarrt haben."
"Nicht ganz ohne Grund", meinte Hilgorn, während sie der gepflasterten Straße in Richtung Osten durch das Dorf folgten. Der Morgen war klar und kühl, und Sonnenstrahlen glitzerten auf dem Wasser des Cenedril. Aerien seufzte. "Zum Ausgleich scheinen die Leute hier zu glauben, Aragorn wäre ganz alleine aus dem Dunklen Turm hinausspaziert und nach Gondor zurückgekehrt."
Hilgorn zog die Augenbrauen in die Höhe, wunderte sich aber nicht allzu sehr. "Nun ja, Tíncar ist ein wenig... ländlich. Mich wundert, dass sie überhaupt schon von der Rückkehr des Königs wissen." Er warf Aerien einen interessierten Blick zu. "Stört es dich?"
Aerien schwieg einen Augenblick nachdenklich. Als sie antwortete passierten sie gerade die letzten Häuser des Dorfes und folgten der Straße hinaus zwischen die Felder östlich von Tíncar. "Nein, nicht wirklich. Als Beldith - eines eurer Dienstmädchen - die Geschichte als ein amüsantes Gerücht abtat, hat mich das überrascht, aber... vielleicht ist es besser so."
"Die ganze Aufmerksamkeit kann mit der Zeit anstrengend werden", stimmte Hilgorn ihr zu, und räusperte sich dann erneut etwas verlegen. "Ich meine... ich wollte damit nicht prahlen oder..."
Aerien lachte hell auf, und Hilgorn stellte fest, dass es ein schönes Geräusch war. "So hatte ich es auch nicht verstanden", sagte sie schließlich, und wechselte dann gnädigerweise das Thema. "Deine Heimat ist wirklich schön", meinte sie, während sie sich vom Rücken ihres Pferdes aufmerksam umsah. Sie befanden sich jetzt inmitten von Wiesen und Feldern, die allerdings während dieser Jahreszeit größtenteils brach lagen. Auf einigen Wiesen grasten Schafe und Rinder in der Morgensonne, und zwischen ihnen zogen sich dichte Hecken und niedrige Bruchsteinmauern dahin. "Es ist so still und friedlich hier", fügte Aerien hinzu. "Man könnte hier fast vergessen, was in der Welt geschieht."
"An einem solchen Morgen passt der Name des Tals wirklich gut. Tum-en-Dín, das Tal der Stille, haben es die ersten númenorischen Siedler genannt, wenn ich mich richtig an meine Geschichtslektionen erinnere", erklärte Hilgorn. "Ganz so still wie bei ihrer Ankunft ist es heute nicht mehr - vor allem als Aldar und ich jung waren." Bei der Erinnerung musste er lächeln.

Die Straße führte sie am Südufer des Cenedril entlang immer weiter nach Osten. Gegen Mittag machten sie Rast am sonnenbeschienenen Seeufer, und am frühen Nachmittag näherten sie sich schließlich Tugobel, wo Ladion sie am Rand der Straße in einem kleinen Wäldchen erwartete.
"Soweit ich es beobachten konnte, halten die Männer dieses Gilanor das Gasthaus in der Dorfmitte besetzt und drangsalieren von dort aus die Dorfbewohner", berichtete der Elb. "Sie sind sämtlich bewaffnet, aber ich habe keine schweren Rüstungen gesehen."
"Gewöhnliche Söldner", vermutete Hilgorn. "Männer, die sich mit dem Schwert ein wenig Gold und Macht verdienen wollen."
"Glaubt ihr, wir werden mit ihnen fertig?", fragte einer der Männer aus Tíncar, dem die Nervosität deutlich anzumerken war. Hilgorn warf ihm einen prüfenden Blick zu, und erinnerte sich daran, dass keiner dieser sieben Männer bislang wirkliche Kampferfahrung gesammelt haben dürfte. Sicher, sie waren gut ausgerüstet und hatten vermutlich einige Erfahrung darin, Schlägereien im Dorf aufzulösen, doch keiner von ihnen dürfte bislang eine Schlacht gesehen haben. "Madron, richtig?", fragte er, und der junge Wachmann nickte. Er hatte helle Haut mit Sommersprossen und ebenso helles, blondes Haar. "Ob wir mit ihnen fertig werden hängt ganz davon ab, wie viele es sind." Hilgorn wandte sich an Ladion, der ohne weitere Nachfrage antwortete: "Ich habe ein Dutzend gezählt. Es könnten allerdings weitere im Gasthaus sein, die sich noch nicht gezeigt haben."
"Ein Dutzend ist machbar, vor allem wenn wir das Überraschungsmoment auf unserer Seite behalten", meinte Hilgorn. Er überlegte einen Augenblick, und fragte dann an Aerien gewandt: "Was würdest du vorschlagen?"
Aerien, die offenbar nicht damit gerechnet hatte, gefragt zu werden, zuckte ein wenig zusammen, antwortete aber schnell: "Das hängt davon ab, ob die Sache friedlich enden soll oder nicht."
Hilgorn nickte zustimmend. "Ich würde sagen, wir versuchen es zunächst friedlich. Unnötiges Blutvergießen würde ich gerne vermeiden."
"Wenn es nur Söldner sind, lassen sie sich vielleicht schon verschrecken, wenn wir in voller Stärke ins Dorf einziehen", warf Madron kühn ein, und Hilgorn strich sich nachdenklich über den Bart. "Oder sie nutzen die Gelegenheit uns eine Falle zu stellen und kreisen uns ein", entgegnete er.
"Wir könnten zu zweit gehen", meldete sich Aerien zu Wort, die Hand auf den Schwertgriff gelegt. "So könnten wir prüfen, wie weit sie gehen würden. Währenddessen schleicht der Rest sich zwischen den Häusern hindurch und greift ein, falls sie angreifen."
Hilgorn wechselte einen Blick mit Ladion, und nickte dann langsam. "Ich stimme zu. Aerien und ich reiten auf der Hauptstraße ins Dorf, während ihr euch in Deckung begebt und im Notfall so schnell wie möglich eingreift. Wenn sie tatsächlich zum Kampf bereit sind haben wir weiterhin die Überraschung auf unserer Seite." Er verzichtete darauf, Aerien zu fragen ob sie sich sicher war - sie hatte schon deutlich größere Gefahren überstanden, also war die Frage vermutlich unnötig.

Das Dorf Tugobel war Tíncar relativ ähnlich, wenn auch ein wenig kleiner. Es lag ein wenig nördlich der Hauptstraße, direkt am östlichen Ende des Cenedril. Hilgorn und Aerien folgten zu Pferd der gepflasterten, menschenleeren Dorfstraße. Obwohl sich kein Dorfbewohner zeigte, glaubte Hilgorn doch geradezu ihre Blicke im Nacken zu spüren. Auch Aerien fühlte sich sichtlich unwohl. "Die Dorfbewohner haben wohl zu viel Angst sich zu zeigen", flüsterte sie Hilgorn über das leise Klappern der Hufe auf dem Straßenpflaster zu. "Kein gutes Zeichen."
Hilgorn nickte angespannt. Er hoffte eigentlich noch immer, dass sich die Situation friedlich lösen lassen würde, befürchtete aber genau das Gegenteil. Das Gasthaus befand sich genau in der Mitte von Tugobel, am Nordrand des kleinen und ebenfalls beinahe menschenleeren Marktplatzes. Vor dem Gasthaus lungerten drei Männer in Lederrüstungen und Kettenhemd herum, die bei Hilgorns und Aeriens Ankunft sichtlich aufmerkten.
"He, Boss", brüllte einer von ihnen über die Schulter in Richtung der offen stehenden Tür des Gasthauses. "Wir haben Besuch!" Er rückte seinen Schwertgurt zurecht, während der Rest der Besatzer aus dem Gasthaus hervorkam. Mit einem raschen Blick zählte Hilgorn ein wenig mehr als ein Dutzend - fünfzehn Söldner, den Anführer eingerechnet. Ein möglicher Kampf würde hart werden. Er saß ab, und versetzte Nacht einen Klaps sodass der Rappe sich langsam die Hauptstraße entlang verzog, und blickte dann dem Anführer entgegen. Er war nicht allzu groß aber sehnig und wies einige beeindruckende Narben auf den bloßen Armen auf.
"Sieh an, die alte Hexe von Tíncar schickt einen Einäugigen und ein Weib um uns zu verschrecken", sagte er, und spuckte auf den Boden. "Ist das alles, was sie zu unserer Unterhaltung zu bieten hat?"
"Das ist alles", erwiderte Hilgorn langsam. Er versuchte unauffällig die ganze Truppe im Blick zu behalten, was ihm aufgrund seines eingeschränkten Sichtfeldes allerdings schwer fiel. Hoffentlich würde Aerien alles bemerken, was ihm entging. "Ich schlage also vor, ihr verzieht euch friedlich, und wir klären diese Frage mit eurem Herrn persönlich."
"Friedlich?", stieß der Anführer verächtlich hervor. "Hmmm... diese Bauern hier taugen kaum zur Unterhaltung, sie laufen ja schon verschreckt davon, wenn man einmal Buh ruft. Also... schlage ich einen Handel vor. Einen Zweikampf. Du, Einäugiger, gegen einen meiner Jungs. Wenn du gewinnst, ziehen wir ab und du kannst dich mit Meister Gilanor selbst auseinandersetzen. Wenn nicht..." Er grinste hässlich. "Wenn nicht bleiben wir wo wir sind und bekommen außerdem dein Mädchen. Wirklich hübsch..."
Hilgorn warf einen raschen Seitenblick zu Aerien, die eine angewiderte Miene zeigte. Als sie seinen Blick erwiderte und beinahe unmerklich nickte, sagte er laut: "Einverstanden. Wer von euch wird mein Gegner sein?"
Der Anführer ruckte mit dem Kopf in Richtung eines sehnigen, südländischen Mannes der zwei gebogene Schwerter an den Hüften trug. "Yuldar. Viel Spaß." Der Südländer grinste, und ließ dabei eine Reihe gelber Zähne sehen, während er langsam seine Schwerter zog. Hilgorn legte eine Hand auf den Schwergriff, doch im selben Augenblick rief Aerien: "Vorsicht!"
Ihre Waffe fuhr schneller aus der Scheide als Hilgorn es für möglich gehalten hatte, und während er noch herum fuhr hatte sie dem Mann, der sich mit seinem Speer von hinten angeschlichen hatten, die Speerspitze abgetrennt. Sie trat dem überrumpelten Söldner mit einer raschen Bewegung die Füße weg, und setzte ihm die Schwertspitze auf den Hals.
"Genug", sagte sie ruhig, und wandte sich an den Anführer. "Verlasst das Dorf, oder er stirbt."
Der Anführer, der die Arme vor der Brust verschränkt hatte, zuckte mit den Schultern. "Meinetwegen. Jungs... bringt sie um!"
Noch im selben Augenblick hatte Hilgorn sein Schwert gezogen, während Aerien ihre Drohung kurzerhand wahr machte, und dem am Boden liegenden Söldner die Klinge in den Hals stieß. Blut von der Klinge spritzend fuhr sie herum um sich den heranstürmenden Söldnern zu stellen. Hilgorn postierte sich mit dem Rücken zu ihr, sodass sie sich gegenseitig decken konnten, und wehrte, das Schwert mit beiden Händen gepackt, den ersten Angriff ab.
Ein Pfeil zischte dicht an seinem Ohr vorüber, und traf einen der Söldner direkt ins Auge. Hilgorn erledigte den schreiend zu Boden gegangenen Mann kurzerhand mit einem Schwertstich, und musste dann einen Wirbel von Schwerhieben abwehren als sich der Südländer Yuldar auf ihn stürzte. Bevor ihn der nächste Söldner angreifen konnte, brachen mit Gebrüll die Männer von Tíncar zwischen den Häusern um den kleinen Marktplatz hervor und fielen den überraschten Söldnern in den Rücken.
Von da an war der Kampf bald vorbei. Die Söldnertruppe war zwar in der Überzahl, doch sie hatten sehr schnell zwei ihrer Männer verloren und die plötzliche Verstärkung hatte sie überrascht. Ladions Pfeile fuhren zielsicher auf das Schlachtfeld nieder, und Aerien kämpfte mit einer Schnelligkeit und Gewandtheit, die jedem der Söldner weit überlegen war. Hilgorn parierte einen weiteren Krummschwerthieb, erkannte, dass Yuldar seine Deckung geöffnet hatte und stieß zu. Sein Schwert versetzte seinem Gegner einen klaffenden Schnitt am Oberschenkel und brachte ihn ins Stolpern. Hilgorn nutzte die Gelegenheit, ihm eine zweite Wunde am Arm beizubringen und schlug ihm eines der Schwerter aus der sich öffnenden Hand. Der Südländer warf einen Blick über den Platz, und ließ dann auch das zweite Schwert fallen.
Hilgorn nickte knapp, und warf einen Blick zu Madron, der bleich aber unverletzt war. "Nehmt ihm alle Waffen ab und bindet ihn", befahl er, und fügte mit einem Blick auf seinen Gegner hinzu: "Und verbindet seine Wunden, sonst verblutet er uns." Die restlichen Söldner waren sämtlich gefallen, beinahe die Hälfte von ihnen durch Ladions Pfeile. Zu Aeriens Füßen lagen, abgesehen von dem Speerkämpfer den sie zu Anfang getötet hatte, drei weiter Leichen, und der Rest hatten die Männer von Tíncar erledigt.
"Gut gekämpft, Männer", meinte Hilgorn anerkennend. "Und Frauen", fügte er hinzu, und klopfte Aerien auf die Schulter, während Ladion elegant von dem Dach, auf dem er sich postiert hatte, hinunterglitt.
"Der Anführer hat sich nach drinnen geflüchtet", berichtete er. "Wir sollten ihn einfangen, bevor er durch eine Hintertür flieht." Hilgorn nickte. "Richtig. Männer, seht nach ob vielleicht noch einer von ihnen lebt. Ladion, Aerien - mit mir." Als er den dämmrigen Innenraum des Gasthauses betrat, musste sein Auge sich erst ein wenig an die Lichtverhältnisse gewöhnen. Im ganzen Innenraum waren leere Weinkrüge und schmutzige Teller verstreut, und an einem der Tische saß der Anführer der Söldner, die Ellbogen auf den Tisch gestützt.
"Nun, das war ein wenig mehr Unterhaltung als erhofft", stellte er trocken fest. "Yóbun von Gorak, zu euren Diensten."
"Ihr hättet es anders haben können", erwiderte Hilgorn, das Schwert noch immer in der Hand. Yóbun zuckte mit den Schultern. "Manchmal verschätzt man sich eben. Ich nehme an, ich bin euer Gefangener?"
"Allerdings. Legt eure Waffen ab und lasst euch fesseln." Ohne eine Miene zu verziehen erhob sich der Ostling und warf sein Schwert, zwei Dolche und eine kleine Axt auf den hölzernen Fußboden, bevor er seine verschränkten Hände darbot. Auf ein knappes Nicken Hilgorns fesselte Ladion seine Handgelenke.
Yóbun betrachtete seine gefesselten Hände versonnen. "Ihr wisst, dass das Meister Gilanor nicht abschrecken wird? Das nächste Mal wird er mehr Männer schicken."
"Dann müssen wir ihm eben zuvorkommen", meinte Hilgorn ruhig, und trat wieder hinaus ins helle Sonnenlicht. Draußen hatten seine Männer begonnen, die toten Söldner auf einen Haufen zu legen, und am Rand des Platzes hatte sich eine kleine Menschenmenge versammelt. Als Hilgorn und hinter ihm Aerien und Ladion mit dem gefesselten Anführer das Gasthaus verließen, brachen die Dorfbewohner in Jubel aus. Ein alter, gebeugter Mann den Hilgorn vage als den Dorfvorsteher in Erinnerung hatte, trat vor und verneigte sich ein wenig unbeholfen. "Danke, Herr, dass ihr uns von diesen Rohlingen befreit habt. Wir stehen in eurer Schuld."
Hilgorn schüttelte den Kopf. "Nein. Ich entschuldige mich im Namen meines Neffen, Belegorns von Tíncar, für das, was Tugobel widerfahren ist. Wir haben nur unsere Schuldigkeit getan." Als der Alte wieder beiseite getreten war, wandte Hilgorn sich an Madron. "Ihr kehrt nach Tíncar zurück, und nehmt die Gefangenen mit. Sperrt sie irgendwo ein, bis ich zurück komme."
Madron salutierte, fügte dann aber etwas unsicher hinzu: "Und ihr? Was habt ihr vor?"
"Ich werde Gilanor von Bar-Erib einen Besuch abstatten", erwiderte Hilgorn grimmig. Madron wurde blass, was seine Sommersprossen noch deutlicher hervortreten ließ. "Allein?"
Hilgorn blickte zu Ladion und Aerien. "Nicht ganz allein, hoffe ich."

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

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Die Straße nach Bar-Erib
« Antwort #14 am: 9. Mai 2021, 11:09 »
"Wir kommen selbstverständlich mit," sagte Aerien prompt, und der Elb Ladion nicht bestätigend. Und so kam es, dass sie sich zu dritt auf den Weg in Richtung des Anwesens von Gilanor machten, während die Wachsoldaten von Tíncar die Gefangenen zurück in Hilgorns Heimatdorf brachten.
Während sie ritten, begann Aerien sich mit Ladion zu unterhalten. Er war der erste Elb nach Níthrar, bei dem sie die Gelegenheit zu einem längeren Gespräch hatte, und sie ritten langsam und ohne Eile, weshalb sie nicht schreien mussten, um einander zu verstehen. Laut Hilgorn würden sie eine knappe Stunde benötigen, um Bar-Erib zu erreichen. Hilgorn selbst war etwas schweigsamer, auch wenn er hin und wieder etwas zum Gespräch beitrug - er wirkte konzentriert auf das, was nun vor ihnen lag: die Konfrontation mit Gilanor.
"Aus welchem Elbenreich stammt Ihr?" wollte Aerien gerade wissen, als der Weg vor ihnen eine scharfe Kehre entlang eines kleinen Hangs machte.
"Aus dem Golden Wald," sagte Ladion mit etwas Schwermut in der Stimme. "Doch nun... ist Dol Amroth meine Heimat."
Aerien erkannte an dem feinen Unterton in seinem Tonfall, dass sie besser in dieser Richtung nicht weiterfragen sollte. "Ihr habt Verbindungen zur Familie des Fürsten, nicht wahr?"
"Meine Mutter, Mithrellas... ist die Ahnherrin der Fürstenfamilie," erklärte Ladion.
"Ich verstehe... ist sie noch, nun...."
"Sie ist weder in den Westen gefahren noch gestorben," sagte Ladion freundlich. "Ich könnte ein Treffen arrangieren, sobald diese Angelegenheit hier erledigt ist."
"Es wäre wundervoll," gab Aerien zu. "Sie kennt noch das alte Gondor der Königszeit... es ist allein schon faszinierend, sich nur auszumalen, was für Geschichten Eure Mutter erzählen könnte."
Ladion warf ihr einen abschätzenden Blick zu. "Dieses Menschenreich hat es Euch wirklich angetan, nicht wahr?"
Aerien schaute etwas verlegen drein, als der Elb den Nagel auf den Kopf traf. "Ich weiß nicht, ob Ihr im Bilde seid über..."
"Ich weiß, woher du stammst," sagte Ladion und hob mit einem Lächeln eine Hand, dabei auf eine vertraulichere Anrede wechselnd. "Ich denke, nun, da wir Seite an Seite gekämpft haben, brauchen wir uns nicht mehr mit Formalitäten aufhalten. Ich bin Ladion von den Erben Lenwes, nicht mehr und nicht weniger. Und du... bist Aerien."
"Die bin ich," sagte Aerien und lächelte. "Ich danke dir, das macht es mir einfacher."
Hilgorn warf ihnen beiden einen Blick über die Schulter zu, denn er ritt vor ihnen. "Schön zu sehen, dass ihr zwei euch gut versteht. Ein Streit wäre das Letzte, was wir jetzt gebrauchen könnten."

Eine halbe Stunde verging, in der Aerien Ladions Fragen zu ihrer Mission zur Befreiung Aragorns beantwortete und er ihr im Gegenzug von einigen seiner Abenteuer entlang der Grenzen Gondors berichtete. Immer wieder war Aerien darüber erstaunt, wie lang die Leben der Eldar sein konnten und nahm sich fest vor, mit der Herrin Mithrellas zu sprechen, so bald es ihre Zeit erlaubte. Sie kamen derweil über den sich immer wieder windenden Pfad einen relativ steilen, dicht bewaldeten Hang hinauf, der von einer Vielzahl kleiner Bächen durchflossen wurde. Das sanfte Rauschen des Wassers, wie es in hunderten kleinen Wasserfällen den Hang hinab floss, war allgegenwärtig, bis sie den oberen Rand des Hanges erreichten und die Straße wieder eben wurde.
"Der Wald zieht sich noch ungefähr eine knappe Meile hin, und jenseits seiner Grenze liegen die Felder, die zu Bar-Erib gehören. Es ist nicht mehr weit," erklärte Hilgorn. "Wir befinden uns quasi schon fast auf Gilanors tatsächlichem Grundbesitz - dass ihm Tugobel nicht gehört, wird er wohl hoffentlich bald verstehen."
Nun, da das Rauschen des Wassers verschwunden war, war der Wald viel stiller als zuvor. Aerien unterbrach ihre Unterhaltung mit Ladion und lauschte. Eine wachsame Stille legte sich über die drei Reiter, während sie ihre Pferde im Schritt gehen ließen.
Ohne Vorwarnung hielt Ladion sein Pferd an. "Was ist los?" fragte Hilgorn sofort mit alarmierter, gesenkter Stimme.
"Ich kann es nicht genau sagen," raunte der Elb. "Es ist, als ob..." Er brach ab und hob langsam eine Hand zu seiner Schulter, über der er seinen Langbogen geschlungen trug.
Ein Vogelruf durchschnitt die Stille, dann noch einer. Beide waren aus unterschiedlichen Richtungen gekommen. Aerien glitt hastig aus dem Sattel und wäre beinahe gestolpert. Der Laut war ihr bekannt vorgekommen. Wo hatte sie ihn nur schon einmal zuvor gehört? Es war... dunkel gewesen, sie hatte nichts sehen können... Sie war geführt worden, ihre Hände waren gebunden gewesen...
"Wartet!" rief sie Hilgorn und Ladion zu. "Wartet, legt die Waffen weg, lasst mich vor gehen..."
"Aerien!" zischte Hilgorn. "Komm zurück, was ist denn in dich gefahren?"
Doch Aerien blieb nicht stehen, erst als sie erneut den Vogelruf hörte, diesmal näher und deutlicher, hob sie beide Hände. "Zeig euch!" rief sie so laut sie konnte.
Dann geschah etwas, womit sie nicht gerechnet hatte. Ein entzückter Aufschrei antwortete ihr, das Unterholz begann heftig zu rascheln, und eine kleine, grüne Gestalt schoss daraus hervor, noch ehe Ladion oder Hilgorn reagieren konnte, und Aerien fand sich in einer engen Umarmung wieder, die sie fast umgeworfen hatte. "Du bist es wirklich!" sagte eine Stimme, die sie schon sehr lange nicht mehr gehört hatte.
"Eine Freundin von dir?" wollte Ladion wissen, der die Hand vom Bogen genommen und ebenfalls abgestiegen war.
Aerien befreite sich so weit aus der engen Umarmung, dass sie sehen konnte, wer sie da so liebevoll angefallen hatte. Zerzaustes, hellbraunes Haar lugte unter einer grünen Kapuze nach Art der Waldläufer hervor, und ein sommersprossiges Gesicht, geziert von einem strahlenden Grinsen offenbarte sich ihr. "Serelloth!" entfuhr es Aerien.
"Endlich hab' ich dich gefunden!" jubelte Serelloth, als langsam drei weitere Waldläufer aus dem Wald auf die Straße traten. "Aber wo ist denn Narissa? Ist sie etwa nicht mehr bei dir?"
"Sie ist nach Harad zurückgekehrt, einstweilen," antwortete Aerien. "Verrätst du mir bitte, was du hier machst?"
Ein Schatten schob sich vor Aeriens Gesicht, als sich hinter Serelloth ein hochgewachsener Waldläufer aufbaute. "So sieht man sich wieder, Kleine." Erst auf den zweiten Blick erkannte Aerien Serelloths Vater Damrod. Er sah abgekämpft und müde aus, der Gesichtsausdruck grimmig wie gewohnt. "Du bist weit weg von Ithilien, Mädchen."
"Es ist... viel passiert, seitdem Ihr mich mit Beregond nach Ain Séfra entsandt habt," gab Aerien zu. "Ich hoffe, ich bin mittlerweile Eures Vertrauens würdig."
"Werden wir sehen," brummte Damrod, dann nickte er Hilgorn respektvoll zu. "General."
"Der Anführer der Partisanen, nicht wahr?" stellte Hilgorn schnell fest. "Was verschlägt Euch so weit ins Landesinnere?"
"Wir verfolgen eine Gruppe Ostlinge, die die Grenze am Gilrain unter der Vorgabe überquert haben, Flüchtlinge zu sein," erklärte der Waldläufer-Veteran. "Die Wachen in Linhir sind zu gutgläubig. Diese Ostlinge werden nichts als Unheil stiften, wenn wir sie nicht zur Strecke bringen."
"Nun... wie es scheint, haben wir Euch in dieser Hinsicht die meiste Arbeit bereits abgenommen, wenn auch unabsichtlich," meinte Ladion. "Die Ostlinge, die ihr sucht, sind besiegt worden und befinden sich gerade auf dem Weg in die Verliese von Tíncar."
"Das sind erfreuliche Nachrichten," sagte Damrod.
"Werden wir sehen?" wiederholte Serelleth die Worte ihres Vaters empört. "Sag bloß, du vertraust Aerien immer noch nicht? Nach allem, was sie geleistet hat?"
Damrod warf Aerien einen Blick aus zusammengekniffenen Augen ab. "Mhm... es machen seltsame Gerüchte die Runde dieser Tage. Wer weiß schon, ob sie wirklich..."
"Ich bürge für sie," sagte Hilgorn und legte Aerien eine Hand auf die Schulter. "Sie ist für die Rückkehr des Königs verantwortlich, an ihrer Loyalität zur Sache Gondors besteht kein Zweifel."
"Rückkehr des Königs? Ja, davon haben wir gehört..." Damrod kratzte sich nachdenklich am Kinn. "Wird wohl Zeit, in Dol Amroth Bericht zu erstatten und auf den neusten Stand zu kommen..."
"Jetzt sag' schon, was macht ihr hier?" wollte Serelloth ungeduldig von Aerien wissen.
"Wir sind auf dem Weg zum Anwesen jenseits dieses Waldes," sagte diese. "Dort lebt der Mann, der eure gesuchten Ostlinge angeheuert hat. Wir wollen ihn zur Rechenschaft ziehen."
"Dann geht uns die Sache ebenfalls etwas an," beschloss Serelloth in einem Ton, der keine Widerrede duldete. "Wir kommen mit euch."
"Nun, ich denke, du schuldest mir ohnehin einen Gefallen, nach deinem spurlosen Verschwinden bei unserer letzten Begegnung," sagte Hilgorn mit einem Schmunzeln, vermutlich meinte er es damit aber nicht sonderlich ernst. "Wenn ihr uns in Bar-Erib helfen wollt, nehme ich das Angebot gerne an."
Serelloth kicherte, dann nickte sie. „Und wenn das erledigt ist, reiten wir alle gemeinsam nach Dol Amroth," sagte Serelloth, als wäre es damit beschlossen.
Damrod und Hilgorn tauschten einen Blick aus, dann hoben sie beide die Schultern. "In Ordnung, schätze ich," sagte der Anführer der Waldläufer.
So verstärkt führten sie die Pferde noch aus dem Wald heraus, und banden sie dann an einem Baum an. Zu sechst folgten sie dem Weg, der sie nun über die Felder rings um das Anwesen von Bar-Erib direkt zum Tor Gilanors führen würde...


Hilgorn, Aerien, Ladion, Serelloth und Damrod nach Belfalas
« Letzte Änderung: 6. Jul 2021, 13:34 von Fine »
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