"Beachte sie gar nicht," meinte Aerien. Ihre Augen hatten sich zu engen Schlitzen verengt während sie Narissa nachstarrte, die sich in Richtung der Spitze der Reisegruppe entfernte.
"Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, wie sehr ich mich auf das Krönungsfest freue, und wie wunderbar es ist, dass ich dabei sein kann," sagte Kani leise und niedergeschlagen. Narissas harsche Worte hatten eine deutliche Wirkung auf das Mädchen gehabt.
"Ja, das hast du, und daran ist auch nichts Schlimmes. Aber Narissa versteht das nicht. Sie versteht
überhaupt nichts. Sie denkt immer nur an sich selbst. Du hast es ja gehört: sie wollte
Ruhe haben. Ruhe! Die hätte sie schon längst haben können, ohne dich so unverschämt anzuherrschen. Sie hätte längst davonreiten können. Aber nein: sie muss immer im Mittelpunkt stehen. Es geht immer nur darum, was
sie gerade braucht. Das ist auch der Grund, warum ich gerade nicht gut auf sie zu sprechen bin. Sie wollte ihre Neugierde befriedigen und die Prinzen Kermas kennenlernen, ohne dass sie sich je gefragt hätte, wie es mir dabei geht."
Aerien stellte fest, dass sie unbedacht gesprochen hatte und hielt erschrocken inne. Kani blickte sie mit einer Mischung aus Verwirrung und Überraschung an.
Natürlich kann sie nicht wissen, welche Art von Beziehung Narissa und ich haben. Ich muss zugeben, dass ich es seit unserer Ankunft in Kerma selbst nicht mehr wirklich weiß... Der Gedanke machte Aerien Angst, und sie schob ihn rasch von sich.
Nein, so etwas darf ich nicht denken. Es wird zwischen uns alles wieder ins Reine kommen. Narissa wird ihren Fehler einsehen und sich entschuldigen. Sie klammerte sich an dieser Hoffnung fest und atmete tief aus.
"Ihr seid...
mehr als nur zwei Gesandte, die sich zufällig auf derselben Mission befinden, nicht wahr?" Kani sah Aerien aus großen Augen an, einen fragenden Ausdruck im Gesicht.
"Wir sind befreundet," gab Aerien leise zurück.
"Nur... befreundet?"
Aerien fixierte Kanis Gesicht und schaute ihr direkt in die Augen. Es dauerte einen langen Augenblick, ehe sie antwortete. "Nein, da ist... mehr zwischen uns."
"Ich hatte es vermutet," sagte Kani leise. "Ich mag zwar noch nicht viel Lebenserfahrung haben, doch ich weiß, wie Liebe aussieht. Ich habe sie in den Augen meiner Eltern gesehen, und an dem Tag, als meine ältere Schwester ihren Verlobten in El Kurra vorstellte. Und gestern und heute sah ich sie bei dir, Aerien von Tol Thelyn. Bei dir und bei Narissa vom Turm. Ich hoffe, es ist noch nicht zu spät, um zu verhindern, dass sie erlischt."
Aerien widerstand dem Drang, Kani ebenso unbeherrscht anzufahren wie Narissa es getan hatte.
Was verstehst du schon davon? Du bist ja noch ein Kind! Rasch schluckte sie diese Gedanken herunter und bemühte sich, eine neutrale Miene beizubehalten. "Ich kann es nicht leugnen, Kani." Ihre Stimme sank zu einem Flüstern herab, und wurde beinahe vom Klang der Hufe ihrer Pferde überdeckt. "Ich liebe Narissa. Aber sie hat mich verletzt, und ich weiß nicht, ob ich ihr verzeihen kann, denn sie zeigt keinerlei Anzeichen von Reue. Ich fürchte, es wird nur erneut vorkommen, wenn ich jetzt nachgebe. Verstehst du?"
Kani nickte langsam. "Ich werde nicht versuchen, einen anmaßenden Rat zu geben. Doch ich wünsche dir von Herzen, dass Narissa Einsehen hat, und erkennt, was sie dir angetan hat."
Es tat gut, Kanis Anteilnahme zu spüren. Gerne hätte Aerien das Mädchen umarmt, doch die Krieger, die an der Spitze der Reisegruppe ritten, zogen nun das Tempo an, und alle Reiter verfielen in einen etwas schnelleren Trab.
"Wir werden die Hauptstadt bald erreichen," erklärte Kani und musste laut sprechen, um das Hufgetrappel zu übertönen. "Du wirst beeindruckt sein!" versprach sie.
Der Fluss, dessen Verlauf sie seit dem Aufbruch aus El Kurra gefolgt waren, vollzog nun eine weitläufige Biegung nach Osten. Und als sie eine große Anhöhe überquert hatten, über deren breiten Rücken die kermische Straße verlief, tauchte am Horizont eine große Stadt mit hohen Türmen und starken Mauern vor ihnen auf. Der Fluss Atbara vereinigte sich hier mit einem zweiten Strom, der aus dem Süden kam. Und genau zwischen den Flüssen, kurz vor dem Zusammenfluss, ragte die Stadt in die Höhe.
"Wir haben es geschafft, mein König!" rief einer der Reiter. König Músab ließ sein Ross neben den Soldaten treten und blieb einen Augenblick still, den Blick unentwegt auf seine Hauptstadt gerichtet. Dann richtete er sich im Sattel auf und hob die Hand - das Zeichen zum Weiterritt. Als Aerien den König nachdenklich musterte, sah sie etwas Weißes hinter ihm aufblitzen. Dort saß Narissa auf Grauwinds Rücken - und unterhielt sich angeregt mit Gatisen, dem Prinzen, den sie womöglich heiraten würde.
Ein tiefer Stich fuhr in Aeriens Herz. Sie hatte nicht gewusst, dass Narissa sich so gut mit dem Neffen König Músabs verstand. Beide ließen ihre Pferde gemächlich traben, während sie sich über etwas austauschten, das Aerien nicht verstehen konnte. Doch als sie Narissas strahlendes Lächeln sah und entdeckte, dass Gatisen es erwiderte, schien ihr Inneres zu Eis zu erstarren. Sie konnte es nicht länger mitansehen. Karab schnaubte überrascht, als Aerien ihm die Fersen in die Seiten trieb, und das Pferd machte einen Satz vorwärts. Gefolgt von Kani setzte sich Aerien an die Spitze der Gruppe, an der auch Aglazôr ritt.
"Ich sehe, dass es dir nicht schwer zu fallen scheint, neue Freundschaften zu schließen," kommentierte Aeriens Onkel, während sie die letzten Meilen zu den Toren der Hauptstadt von Kerma zurücklegten. "Dieses Talent solltest du verfeinern, bis niemand mehr vor deinem Charme bestehen kann."
Aerien war sich nicht sicher, ob er sich über sie lustig machte oder ihr wirklich einen ernstgemeinten Rat gab. Also blickte sie ihn misstrauisch an und fragte: "Was schert es dich?"
"Ihr kennt einander?" rief Kani überrascht.
Aglazôr betrachtete das Mädchen einen Augenblick, eher er mit einem schiefen Lächeln sagte: "Sie ist meine Lieblingsnichte."
"Ich bin deine
einzige Nichte, Onkel." Aerien verdrehte die Augen.
"Was dich somit automatisch für den ersten Platz qualifiziert. Herzlichen Glückwunsch, Belkâli."
Kani war um eine Spur blasser geworden. "Aber... mein Herr, Ihr seid ein Söldner mit furchterregenden Fähigkeiten, den der Qore in seine Dienste gestellt hat, und von Euch heißt es, Ihr kämt aus..."
"Aus Mordor, ganz recht," vollendete Aglazôr den Satz ungerührt. "Du scheinst ja wirklich eine ganz besondere Auffassungsgabe zu haben, Kleine."
Aeriens Herz krampfte sich erneut zusammen.
Er verrät mein Geheimnis!"Wenn Aerien Eure Nichte ist, dann... ist sie ebenfalls vom Schattenvolk? Aber ich dachte, du kommst von der Insel, so wie Narissa?"
"Tol Thelyn ist meine Heimat," erklärte Aerien leise und voller Unbehagen. "Doch geboren wurde ich im Schwarzen Land."
"Das ist... das ist..." Kani gingen die Worte aus. Aeriens Anspannung wuchs ins Unermessliche. Wenn der Rest der Kermer davon erfuhr, würde man sie ohne Umschweife töten, das wusste sie.
"Das ist einfach wunderbar!" rief Kani.
Moment mal, wie bitte? Wunderbar? Wie... Wieso ist sie nicht entsetzt? Aeriens Gedanken rasten, doch Kani lenkte ihr Pferd direkt neben Karab, und ergriff Aeriens Hand.
"Du bist den Schatten entflohen," sagte sie verzückt. "Das haben vor dir nur wenige geschafft. Du kennst die Geheimnisse von Mordor! Du musst mir
alles darüber erzählen, hörst du? Versprich es mir, bitte!"
"Kani, das ist nicht..."
Aglazôr unterbrach sie beide, indem er sein schwarzes Pferd zwischen sie drängte. Leise und eindringlich sagte er zu Kani: "Wenn du auch nur einem Menschen von Aeriens Geheimnis erzählst, werde ich dich finden, und töten. Hast du das verstanden?"
Kanis strahlendes Lächeln schwand, aber nicht ganz. "Ich werde es mit ins Grab nehmen," versprach sie.
"Wie ich es mir dachte," brummte Aglazôr zufrieden und wandte Aerien den Kopf zu. "Siehst du, Mädchen, jetzt hast du jemanden, mit dem du über all deine Probleme sprechen kannst, ohne dass du von Geheimnissen oder Dingen, über die du nicht sprechen kannst, zurückgehalten wirst. Gern geschehen." Er trieb sein Pferd an und ritt davon.
Er hat das getan, um mir zu helfen, dachte Aerien voller Verwunderung. Sie war froh, dass sie nun keine Geheimnisse vor Kani haben brauchte, doch mehrere Dinge fühlten sich... nicht richtig an.
Ich kenne Kani noch nicht lange genug, um ihr vollständig zu vertrauen. Und außerdem... außerdem sollte es Narissa sein, mit der ich über alles sprechen kann. Sie sollte als Einzige wissen, wie es in meinem Herzen aussieht.Wie aufs Stichwort kam Narissa vorbeigeritten, dicht gefolgt von Gatisen. "Wenn wir in der Hauptstadt angekommen sind, werde ich Euch zeigen, mit welchen Waffen ich es bevorzuge, zu kämpfen," rief der Prinz, und Narissa antwortete mit einem fröhlichen Lachen, ohne Aerien auch nur eines Blickes zu würdigen.
Andererseits wird es mir gut tun, ohne sie zurecht zu kommen, dachte Aerien zornig.
"Kani," sagte sie, leise und gefährlich. "Ich glaube, wir werden gute Freundinnen werden.
Sehr gute sogar."
Músab, Narissa, Aerien, Kani, Gatisen, Alára und Wa'aran Haywat samt Gefolge in die Hauptstadt Kermas