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Autor Thema: Der Drúadan-Wald  (Gelesen 584 mal)

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  • Ich hab da ein ganz mieses Gefühl bei der Sache...
Der Drúadan-Wald
« am: 31. Okt 2019, 10:09 »
Aerien, Narissa, Aragorn, Gimli und Aino aus Cair Andros


Die letzten Meilen bis zum Waldrand waren Aerien wie eine schiere Ewigkeit vorgekommen. Ihre Schmerzen hatten wieder zugenommen und es wurde klar, dass es wahrscheinlich besser gewesen wäre, wenn sie sich noch mindestens einen Tag mehr Ruhe in Henneth Annûn gegönnt hatte. Doch welche Wahl war ihr geblieben? Die Diener Mordors schliefen nicht und waren sicherlich längst auf der Jagd nach ihnen. Einen so wichtigen Gefangenen wie Aragorn zu verlieren konnte sich keiner der hohen Kommandanten des Schwarzen Landes erlauben und Aerien war sich sicher, dass für dieses monumentale Versagen zahlreiche Köpfe rollen würden.
Immerhin haben wir es über den Fluss geschafft, dachte sie, als sie die dichten Bäume endlich erreicht hatten. Aerien biss die Zähne zusammen und schleppte sich noch einige Schritte weiter in den Schutz des dunklen Blätterdaches. Sie atmete schwer. Aragorn schien es ähnlich zu gehen. Während der Durchquerung Ithiliens hatte er gesünder gewirkt, was Aerien darauf schließen ließ, dass Aragorn seinen Körper mit schierer Willenskraft dazu gezwungen hatte, den harten Marsch vom Barad-Dûr bis nach Cair Andros zu überstehen. Jetzt lehnte der Dúnadan in sich zusammengesunken an einem breiten Baumstamm, während Gimli, Narissa und Aino einen kleinen Bereich des Waldbodens vom Unterholz befreiten und das Nachtlager vorbereiteten.
Sie wagten kein Feuer anzuzünden. Es war so dunkel, dass Aerien kaum die eigene Hand vor Augen sah. Als das Lager fertig war, kam Narissa um nach ihr zu sehen.
"Verdammt," sagte sie, als sie Aeriens Stirn vorsichtig abgetastet hatte. "Du schwitzt ja wie verrückt. Und du bist heiß!"
Aerien besaß nicht die Kraft, zu antworten. Narissa untersuchte sie voller Sorge und musste feststellen, dass sich Aeriens Zustand verschlechtert hatte. "Das muss Fieber sein," murmelte Narissa.
"Wahrscheinlich war die Anstrengung für die Kleine zuviel," brummte Gimli verdrossen. "Wären wir nur schon in Rohan, da gibt es gute Menschen, die sich um sie kümmern könnten."
"Bis zur Grenze ist es noch ein weites Stück," stieß Aragorn angestrengt hervor. "Anórien misst viele Wegstunden in seiner Breite. Und ich fürchte, die Straßen nach Westen werden bewacht."
Wie um seine Worte zu bekräftigen trug der Wind, der durch die Baumwipfel rauschte, einen fernen Schrei heran, der sie alle zusammenfahren ließ. In Mordor hatten sie ihn schon einmal gehört. Es war der Ruf der Nazgûl, die auf der Jagd waren. Sie waren dem Schattenland entkommen - doch ihre Verfolger waren bereits unterwegs.

Mehr schlecht als recht richteten sie sich für die Nacht ein und teilten sich die Nachtwache auf. Aerien blieb davon verschont. Sie war mittlerweile ohnehin kaum in der Lage, die Augen noch lange offen zu halten. Eine bleierne Müdigkeit hatte ihren gesamten Körper befallen und die Morgulwunde hatte wieder zu pulsieren begonnen. Ihre Stirn und ihr Oberkörper waren heiß, als ob sie in Flammen stünden, doch Hände und Füße froren. Als Decke hatte sie nichts als ihren Umhang und machte es sich darin so gut es ging gemütlich, ehe sie in einen unruhigen Schlaf abdriftete.
Ihre Träume waren zunächst wirr. Blitzschnelle Eindrücke zogen an ihr vorbei, ohne dass sie Zeit hatte, irgendwelche Details zu erkennen. Doch je länger sie schlief, desto mehr kam ihr der Traum wie die Realität vor. Sie sah sich selbst, wie sie am Rande des kleinen Lagers lag und sich im Schlaf hin und her wälzte. Ein kleiner Strahl von Mondlicht brach durch das Gewirr von Ästen über ihr und fiel auf Aeriens Gesicht. Da öffnete sie träge die Augen und sah die Erlebnisse des Traumes ab da wieder aus ihrer gewohnten Sicht. Eine tiefe Ruhe lag über ihren Gefährten. Aino schien Wache zu haben, doch sein Kopf war auf seine Brust herabgesunken und sein Atem ging in regelmäßigen Zügen. Aerien stand auf und fühlte sich, als würde sie schweben. Im Traum hätte sie beinahe darüber gelacht. Das Mondlicht hatte zugenommen und sie konnte die Formen der krummen Bäume um sich herum erkennen. Ein fernes Geräusch erregte ihre Aufmerksamkeit. Es lang nach Trommelschlägen, die in unregelmäßigen Abständen von weit weg durch das Dickicht drangen. Aerien schwebte oder ging darauf zu, ohne sich zu fragen warum. Weiter und weiter führte sie ihr Weg durch unstetes Gelände und über große gefallene Äste hinweg, bis sie sich am Rande eines dichten Gebüsches verfing und der Länge nach hinschlug. Und da wachte sie auf.
Entsetzt stellte sie fest, dass ein Teil ihres Traums wahr geworden zu sein schien. Sie lag auf dem Waldboden zwischen zwei großen Farnpflanzen und wusste nicht, wo das Lager ihrer Gefährten war. Die Fieberschmerzen waren keineswegs verschwunden, sondern sogar noch ein wenig stärker geworden. Nur mit großer Anstrengung gelang es Aerien, sich zu einem nahen Baum zu schleppen und sich mit dem Rücken dagegen zu lehnen. Sie blickte nach oben und sah den Vollmond, dessen Zwielicht durch das Blätterdach drang. An den Rändern der leuchtenden Kugel am Himmel schimmerte ein rötlicher Glanz, als würde der Mond bluten.
Da hörte sie erneut die Trommeln. Diesmal gab es keinen Zweifel mehr daran. Das Geräusch war echt und kein Teil ihres Traumes gewesen. Aerien suchte den Wald mühsam mit Blicken ab, doch nichts war zu sehen. Nur das Trommeln kam langsam näher - oder bildete sie sich es nur ein?
Einige Minuten vergingen, die Aerien wie Stunden vorkamen. Ihre Glieder schmerzten und ihre Hände waren so kalt, dass sie sie kaum bewegen konnte.
Narissa, dachte sie verzweifelt. Aragorn, Gimli... wo seid ihr nur alle?
Keine Antwort kam. Der Mond färbte sich langsam immer rötlicher. Dann erklang noch einmal das Trommeln, diesmal war es eindeutig näher gekommen. Und ehe Aerien es sich versah, raschelte es im Gebüsch vor ihr und eine untersetzte Gestalt schälte sich aus der Finsternis heraus. Im trüben Mondlicht konnte Aerien kaum etwas erkennen, doch glaubte sie ein grimmiges, bärtiges Gesicht mit schwarzen Augen zu sehen, als die Gestalt sich ihr vorsichtig näherte. Ein Speer - oder vielmehr ein angespitzter Holzstab - richtete sich auf Aeriens Kehle, als der Fremde direkt vor ihr stehen blieb.
Sie besaß nicht die Kraft, zu sprechen. Stattdessen blieb ihr nur, den Blick aus den dunklen Augen zu erwidern und müde beide auf dem Waldboden ruhenden Hände ein Stück zu heben, um zu zeigen, dass sie unbewaffnet war.
Eine volle Minute verharrte die Speerspitze an Aeriens Kehle, ehe sie langsam gesenkt wurde. Der Fremde sagte ein Wort in einer Aerien ganz und gar unverständlichen Sprache. Seine Stimme war kehlig und tief, aber nicht böse, wie es die eines Orks gewesen wäre. Als Aerien nicht antwortete, wiederholte die Gestalt das Wort noch einige Male, ehe ihr klar zu werden schien, dass Aeriens Zustand es ihr nicht erlaubte, zu sprechen.
Eine kräftige Hand legte sich an Aeriens Wange. Die Haut auf der Handinnenfläche fühlte sich beinahe wie gegerbtes Leder an. Die Finger wanderten über Aeriens Nase bis zu ihrer Stirn, wo die Hand zum Stillstand kam. Ihr fiel auf, dass der Fremde ihr kaum bis zur Brust reichen konnte, wenn sie in der Lage gewesen wäre, aufzustehen. Und doch war sein Gesicht eindeutig menschlich. In den tiefschwarzen Augen glaubte Aerien, ein Aufblitzen von Sorge zu erkennen. Der Mensch murmelte zwei oder drei Worte, ehe er seine Hand wieder wegnahm. Dann setzte er Aerien einen Trinkschlauch an die Lippen. Begierig öffnete sie den Mund weit genug, damit die kühle Flüssigkeit im Inneren hereinströmen konnte. Doch falls sie auf einen Heiltrank gehofft hatte, wurde sie enttäuscht: Es war kühles, klares Wasser, wie ihre Zunge sogleich feststellte. Dennoch war die Erfrischung ihr sehr willkommen und für einige Zeit legte sich die starke Hitze in ihrem Oberkörper.
Der Waldmensch verschwand für einige Zeit und überließ Aerien wieder sich selbst. Noch immer stand der Blutmond am Himmel und sie fragte sich, wieviel Zeit mittlerweile wohl vergangen war, und ob inzwischen jemand ihr Fehlen im Lager bemerkt hatte. Sie hoffte, dass es ihr irgendwie möglich sein würde, sich mit dem geheimnisvollen Fremden zu verständigen. Das kühle Wasser hatte ihr ein wenig die Zunge gelöst und sie versuchte zaghaft, einige Worte zu sagen, was ihr schließlich auch gelang.
Eine ganze Weile verging, bis der Fremde zu ihr zurückkehrte. Er trug einen kleinen Korb mit sich, in dem Aerien im darauf fallenden Mondlicht mehrere rötliche Beeren erkennen konnte. Ehe sie danach fragen konnte, begann der Waldmensch bereits, sie damit zu füttern. Die Früchte zerplatzten bei der ersten Berührung mit dem Gaumen und entfalteten ihr Aroma schlagartig. Doch anstatt einer von Aerien erwarteten Süße breitete sich ein starker Geschmack von Bitterkeit in ihrem Mund aus. Und danach kam ein Aroma, das ihr ganz und gar zuwider war. Sie kam sich vor, als hätte sie etwas Verfaultes gegessen.
Der Fremde schien ihren Abscheu nicht gleich zu bemerken und führte ihr bereits die nächste Portion an den Mund. Ich weiß wirklich nicht, warum ich dir vertraue, dachte Aerien und ließ notgedrungen zu, dass weitere Beeren den Weg in ihren Mund fanden. Als sie die ungewöhnliche Mahlzeit herunterschluckte, hatte sie das starke Gefühl, sich zu übergeben und würgte ein Weilchen, bis die Welle der Übelkeit gnädigerweise nachließ.
Der Waldmensch gab ein Schnauben von sich, das Aerien für ein Lachen hielt. Sehr witzig, dachte sie und fand sogar die Kraft, empört drein zu blicken. Das schien den Fremden noch mehr zu amüsieren, denn nun brach er in offenes Gelächter aus. Es war kein schadenfrohes Lachen, sondern war von einer unschuldigen Freude durchdrungen. Spätestens jetzt wusste Aerien, dass dies kein Diener des Dunklen Herrschers sein konnte.
"Danke," stieß sie mit einiger Anstrengung hervor. Denn als die Übelkeit verschwunden war, hatte Aerien festgestellt, dass auch ihr Fieber von ihr gewichen zu sein schien. Langsam kehrte Wärme in ihre Gliedmaßen zurück. Der Waldmensch tastete ihr erneut über die Stirn und nickte zufrieden. Dann nahm er Korb und Speer auf und schien sich zu verabschieden: er neigte den Kopf bis auf die Brust und sagte mehrere Worte in seiner Sprache.
"Lebe wohl," antwortete Aerien. Der Fremde sah ihr noch einmal in die Augen, ehe er sich abwandte und im Dickicht verschwand.

Kaum ein halbes Dutzend Minuten später raschelte es erneut im Unterholz. Doch anstatt eines weiteren Waldmenschens stand nun Aragorn von Aerien.
"Ich hätte nicht gedacht, dass du zum Schlafwandel neigst," sagte er einigermaßen amüsiert. Dann rief er nach Narissa, die anscheinend den Wald ganz in der Nähe abgesucht hatte.
"Wäre unser tapferer Nachtwächter nicht so unaufmerksam gewesen, wärest du wohl nicht weit gekommen," meinte Aragorn, während er Aerien vorsichtig untersuchte. Erstaunt befühlte er ihre Stirn, gerade als Narissa stürmisch durch das Gebüsch gerauscht kam. "Das Fieber ist fort," stellte Aragorn fest.
"Da war... ein Mensch," erklärte Aerien mühsam. "Er gab mir Beeren."
Aragorns Stirn legte sich nachdenklich in Falten. Ehe er jedoch etwas sagen konnte, ruckte sein Kopf zur Seite. Alle drei hörten sie das Geräusch von Ferne: Trommeln, in unregelmäßigen Abständen geschlagen.
"Er war klein," fuhr Aerien fort als das Trommeln verklungen war. "Aber er war sehr freundlich."
"Das muss einer der Drûedain gewesen sein," murmelte Aragorn. "Über diesen Wald gibt es in Gondor und Rohan nur wenige Geschichten. Aber eine davon besagt, dass hier ein Volk lebt, das seine Ursprünge auf die ersten Menschen zurückverfolgen kann, die einst unter den Edain von Beleriand lebten und mit ihnen nach Númenor reisten. Ein wahrhaft geheimnisvolles Volk."
"Geheimnisvoll?" wiederholte Narissa. "Was genau hat er mit dir gemacht, Sternchen?"
"Er war nicht böse," sagte Aerien. "Er hat mir geholfen."
"Warum er das getan hat, werden wir wohl nie erfahren," meinte Aragorn. "Kommt. Wir sollten uns auf den Rückweg zum Lager machen. Morgen liegt ein weiter Weg vor uns."


Aerien, Narissa, Gimli, Aragorn und Aino nach Anórien
« Letzte Änderung: 25. Nov 2019, 10:38 von Fine »
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