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Autor Thema: Die Bibliothek des Túron  (Gelesen 544 mal)

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Die Bibliothek des Túron
« am: 11. Dez 2019, 15:26 »
Valion und Areneth aus dem Palast des Fürsten


Die Bibliothek des Túron lag im westlichen Teil der Stadt und grenzte an eine der Promenaden, die entlang der großen Klippen erbaut worden waren, auf denen Dol Amroth errichtet worden war. Der Namensgeber, Fürst Túron von Dol Amroth, der fünfzehnte in der Reihe der Schwanenfürsten hatte sie vor ungefähr dreihundert Jahren errichten lassen, als für die persönliche Büchersammlung des Fürsten innerhalb des Prinzenpalastes nicht mehr genügend Platz gewesen war. Seitdem war die Ansammlung an Büchern, Dokumenten und Schriftrollen stetig angewachsen, bis sie nach dem königlichen Archiv von Minas Tirith und der númenorischen Bibliothek von Pelargir die drittgrößte Einrichtung ihrer Art in Gondor geworden war. Und nun, da sowohl Minas Tirith als auch Pelargir in Feindeshand gefallen waren, war sie auch die Einzige.
Valion hatte wenig Schwierigkeiten dabei, Einlass zu erlangen. Die Soldaten der Stadtwache, die vor dem Eingang postiert waren, machten den Weg frei, als sie Valion erkannten.
"Sie gehört zu mir," sagte er, während er mit dem Daumen auf Areneth deutete, die sich hinter ihm versteckt hatte. So schüchtern hatte ich sie gar nicht in Erinnerung, wunderte Valion sich, während er das altehrwürdige Gebäude betrat.

Drinnen wurden sie von einem der Archivare empfangen, einem älteren Mann in weißer Robe, der sich nervös die Hände rieb. "Valion vom Ethir, welch eine Überraschung," sagte der Mann und deutete eine Verbeugung an. "Es ist viele Jahre her, dass Ihr zuletzt hier gewesen seid. Womit darf ich Euch dienen?"
Valions Blick wanderte an den schier endlosen Reihen von Bücherregalen entlang, die hier im schummrigen Licht mehrerer Öllampen ruhten. "Ich bin auf der Suche nach dem alten Thandor," sagte er gedehnt. "Man sagte mir, dass ich ihn hier finden würde."
"Ah, Meister Thandor," die Miene des Bibliothekars hellte sich auf und der mürrische Ton verschwand aus seiner Stimme. "Welch glückliche Führung es war, die ihn zu uns brachte! Die Schriftstücke, die er aus Minas Tirith retten konnte, sind von unschätzbarem Wert. Und sein Wissen hat uns trotz seines erst kurzen Aufenthaltes hier bereits geholfen, verschiedene Diskurse zu einem zufriedenstellenden Ergebnis zu bringen. Und außerdem..."
"Ja, guter Mann, ich verstehe Euren Enthusiasmus, aber würdet Ihr mir jetzt vielleicht freundlicherweise verraten, wo Thandor ist?" unterbrach Valion den Redefluß des Bibliothekars.
"Gewiß, gewiß," antwortete dieser. "Er hält sich in den hinteren Gewölben auf. Wenn ihr mir folgen würdet?"
Es dauerte mehrere Minuten, bis Valion und Areneth den Teil der großen Bibliothek erreicht hatten, in dem sie Thandor schließlich fanden. Der alte Archivar saß tief über einen Schreibtisch gebeugt in der Nähe eines schmalen Fensters, durch dessen milchige Scheibe schwaches Tageslicht hereinfiel und die Schriftrollen auf der Tischoberfläche beleuchtete. Thandor schien tief in seine Studien versunken zu sein und hob erst dann den Kopf, als der Bibliothekar, der Valion und Areneth hergeführt hatte, ein höfliches Hüsteln von sich gab.
"Oh! Na sieh mal einer an," sagte Thandor und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht auf. "Besuch, und das um diese Zeit! Was führt euch beide her, meine Freunde?"
"Erinnerst du dich noch daran, weshalb Areneth und ihr Bruder nach Gondor gekommen sind?" fragte Valion.
"Natürlich," entgegnete Thandor. "Mein Verstand ist im Gegensatz zu meinem Körper noch immer so flink wie einst. Das Mädchen sucht nach einem Artefakt - nein, einem Schlüssel, richtig? - der sich in den Händen der Nachfahren von Haus Glórin befinden soll. Ja, das war es."
Areneth nickte zustimmend. "Wir hatten gehofft, Ihr könntet uns vielleicht bei der Suche behilflich sein, Meister Thandor."
"Nun, ich will gerne tun, was ich kann," sagte Thandor und erhob sich mit einem leisen Ächzen. "Kommt, wir werden in den Annalen von Belfalas mit der Suche beginnen."
Er bog um mehrere prall gefüllte Regale herum, dicht gefolgt von Valion und Areneth, bis Thandor schließlich vor einem besonders hohem Exemplar stehen blieb. Die faltigen Finger des Archivars fuhren behutsam über die alten Buchrücken, die hier dicht an dicht standen, bis er gefunden hatte, was er gesucht hatte. Thandor zog ein staubiges Buch hervor und trug es zurück zu seinem Schreibtisch, wo er es sogleich aufschlug, nachdem er sich wieder hingesetzt hatte.
"Dann wollen wir mal sehen, was uns diese Chronik verraten kann," murmelte Thandor und blätterte vorsichtig in den alten Seiten herum. "Diese Schrift muss wohl um die fünfhundert Jahre alt sein", fuhr er fort. "Ich weiß, dass das Haus Glórin ursprünglich aus Arnor kam und sich im Tal von Tum-en-Dín niederließ. Aber der genaue Zeitpunkt jener Ankunft ist mir entfallen. Es müsste irgendwann um... sechsundzwanzig? Nein, siebenundzwanzig..."
Thandors Stimme verlor sich zu einem wortlosen Laut, als der Alte die Annalen weiter nach einer Spur durchforstete. Valion und Areneth blieb nichts anderes übrig, als Thandor über die Schultern zu sehen, bis dieser endlich etwas entdeckte. "Ah, hier haben wir es," sagte der Archivar und warf Areneth einen gutmütigen Blick zu. "Hier steht: >>Im Jahre 2743 des Dritten Zeitalters kam ein junger Adeliger aus dem Nordreich nach Belfalas und trat in die Dienste Fürst Aradans von Dol Amroth<< - dem Sohn jenes Fürsten, der ebendiese Bibliothek erbauen ließ," unterbrach Thandor seinen Bericht, ehe Valion ihm zu verstehen gab, fortzufahren. ">>Nachdem er sich im Kampfe gegen die Korsaren und in der Seeschlacht von Cobas' Hafen hervorgetan hatte, belehnte Aradan seinen Günstling mit dem Dorfe Tugobel, gelegen im Tale von Tum-en-Dín, als Vasall der Herren von Tíncar. Dies geschah gegen den Willen Fürst Hilgorns, dem Fünften seines Namens. So kam es, dass eben jener Hilgorn als "der Unwillige" bekannt wurde, während man den neuen Herrn von Tugobel von da an als "Glórin der Begünstigte" kannte. Er erwählte eine der Hofdamen Aradans zur Frau und begründete das Haus Glórin, das seitdem in Tum-en-Dín besteht.<< Nun, das war interessant, auch wenn ich die meisten Details bereits wusste."
"Habe ich richtig gehört? Hilgorn der Fünfte?" wiederholte Valion den Namen, den Thandor aus der Chronik vorgelesen hatte. Auch Areneth blickte interessiert über die Schulter des Alten auf die vergilbten Seiten des Buches hinab.
"Hilgorn Thoron von Tíncar, genannt "Der Unwillige", ja," bestätigte Thandor. "Er ist der Vorfahr des heutigen Generals von Dol Amroth, wenn mich nicht alles täuscht."
"Des ehemaligen Generals," korrigierte Valion. "Im Augenblick hat er nur das Amt eines Kerkerinsassen inne."
Areneth blickte ihn bei diesen Worten erschrocken an, während Thandor belustigt wirkte. "Ist das so? Nun, dies sind turbulente Zeiten, in der Tat. Jedenfalls entstammt jener Hilgorn ebenfalls dem Tal von Tum-en-Dín, so wie die Nachfahren Glórins."
Areneth schlug die Hände zusammen. "Dann... könnte er vielleicht etwas über den Schlüssel wissen!"
Thandor musterte die junge Dúnadan nachdenklich, voller Interesse. "Ihr habt während der Fahrt den Anduin hinab bereits über einen Schlüssel gesprochen. Dürfte ich erfahren, worum es dabei geht?"
Areneth blickte Valion fragend an, doch dieser schüttelte den Kopf. Ohne Ardóneths Zustimmung würde er das Geheimnis, das die beiden Geschwister aus Arnor bis nach Minas Tirith geführt hatte, nicht ohne Weiteres preisgeben. "Später, Thandor," sagte er beschwichtigend. "Konzentrieren wir uns auf das Buch. Wo sind die Erben Glórins heute? Gibt es lebende Nachfahren?"
Der alte Archivar nahm Valions Reaktion schweigend hin, dann nickte er langsam. "Nun, ich glaube, im hinteren Teil dieser Chronik lässt sich ein Ahnenregister der kleineren Häuser in Belfalas finden. Wenn wir Glück haben, wurde ein solcher Aufschrieb auch für das Haus Glórin angelegt." Er blätterte mehrere Kapitel weiter, bis er auf einer Seite angelangt war, deren obere linke Ecke mit einem grünen Wappen verziert war, auf dem eine goldene Flügelkrone prangte. "Ah, hier ist es. Haus Glórin. Die Handschrift hat sich verändert - vermutlich wurde dieser Teil von einem Mitglied des Hauses geschrieben oder in Auftrag gegeben. Ah, hier: Finglor, Sohn Lengriels, von Tugobel. Er schreibt einleitend: >>Aus dem verlorenen Norden sind wir gekommen um das Erbe zu bewahren, das uns anvertraut worden ist in den Tagen unserer Großväter. Möge Gilgroth friedlich im sanften Lichte des Vandassars schlummern, bis die Tirn wiederkehren. Dies sind die Aufzeichnungen meiner Familie und ihrer Taten hier in Gondor. Ihre Namen sind...<< Ah, hier folgt nun der Stammbaum. Reichlich kurz!" meinte Thandor. "Der Schreiber war der Enkel des Hausbegründers Glórin. Er hatte einen Sohn, Lanhael, aber weiter gehen die Aufzeichnungen nicht."
"Vielleicht lebt dieser Lanhael noch," überlebte Areneth. "Selbst nach der Zählung der Dúnedain des Nordens wäre er heute zwar bereits hochbetagt, aber eine kleine Möglichkeit besteht."
"Wir sollten Hilgorn dazu befragen," meinte Valion. "Selbst wenn der Herr von Tugobel bereits tot ist, könnte Hilgorn einen seiner Nachfahren kennen."
Thandor schien das Gesagte gar nicht gehört zu haben. Er murmelte leise vor sich hin, während er fieberhaft in den Aufzeichnungen von Haus Glórin weiterlas. Erst als Valion und Areneth sich zum Gehen wandten blickte der Alte auf. "Ah, verzeiht meine Unhöflichkeit! Etwas hat meine Aufmerksamkeit erweckt und ich habe euch beide ganz vergessen."
"Sorgt Euch nicht, Thandor," sagte Valion kameradschaftlich. "Wir haben dank Euch nun eine Spur, der wir nachgehen können."
"Das ist gut! Das ist gut," meinte Thandor. "Ich wünsche euch viel Erfolg bei der Suche!"
Ehe sie sich ebenfalls verabschieden konnten, hatte der alte Archivar sich bereits wieder in das Studium des alten Wälzers vertieft.

Sie bogen einige Male falsch ab, bis es Valion und Areneth schließlich gelang, demn Ausgang der Bibliothek zu finden. Inzwischen war die Sonne draußen bereits im Sinken begriffen. Sie hatten gar nicht bemerkt, wie rasch die Zeit vergangen war. Sie hatten kaum die Türschwelle nach draußen überschritten, als ein junger Page angerannt kam.
"Hír Valion, gut dass ich Euch gefunden habe," brachte der Junge außer Atem hervor. Valion schätze, dass er vierzehn oder fünfzehn Jahre alt sein musste. "Eure Verlobte lässt nach Euch schicken."
"Tut sie das?" meinte Valion, der nicht sonderlich überrascht war. Die bevorstehende Hochzeit schien Lóminîth noch herrschsüchtiger als früher werden zu lassen. "Wie ist dein Name, Junge?"
"Bergil", kam die Antwort. "Bitte folgt mir zum Haus des Schwarzen Segels! Die Herrin wartet schon."
"Na schön. Areneth, am besten kommst du mit. Wir werden sehen, was Lóminîth möchte, und danach werden wir im Kerker mit Hilgorn sprechen."
Areneth nickte etwas überrascht, doch Bergil zupfte drängend an Valions Arm. "Habt Ihr es noch nicht gehört? Der General wurde auf Anordnung des Fürsten aus den Kerkern befreit."
Böse Vorahnungen verdunkelten Valions Gedanken, doch er beherrschte sich. Das muss Mithrellas' Werk gewesen sein, dachte er, und hoffte, dass er damit Recht haben würde...


Valion, Areneth und Bergil in die Stadt
« Letzte Änderung: 7. Jan 2020, 15:08 von Fine »
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Das Geheimnis von Westernis
« Antwort #1 am: 29. Mär 2021, 21:29 »
Aerien vom Hafen


Nachdem das Schiff mit Narissa und Valion aus dem Hafen ausgelaufen war, hatte Aerien wie erstarrt an Ort und Stelle verweilt und der Falthaleth nachgeblickt, bis das Schiff kaum noch ein Punkt am Horizont gewesen war und sich dann nach Süden gewendet hatte, um den großen Felsen, auf dem Dol Amroth erbaut worden war, in Richtung Umbar zu umrunden. Schließlich war es Faniel gewesen, die Aerien sanft eine Hand auf die Schulter gelegt hatte, und sie dann mit leisen, beruhigenden Worten vom Hafen fort geführt hatte. So waren sie nach einer kurzen Wegstrecke durch die Straßen der Stadt bei Sonnenuntergang wieder zum Palast des Fürsten gekommen. Aerien hatte in ihren Gemächern übernachtet, die sich nun leer und unheimlich angefühlt hatten. Am folgenden Morgen war sie sehr früh auf den Beinen gewesen und war aus ihr unerfindlichen Gründen wieder zum Hafen spaziert, wie als würde sie die seltsame Hoffnung dazu treiben, dass Narissa vielleicht - so unwahrscheinlich das auch sein mochte - plötzlich wieder dort an den Anlegeplätzen auftauchen würde. Dort war sie jemandem begegnet, den Aerien nicht erwartet hatte: dem Zauberer, Gandalf.

Wie es seine Art war, hatte der Alte recht schnell erfasst, wie Aerien sich fühlte. Und es war ihr so vorgekommen, als wäre ein Teil der Härte in seinem strengen Blick gewichen, als er ihr in die Augen geblickt hatte und gesagt hatte: "Ich wüsste da vielleicht etwas, das dir hilft, deine Gedanken wieder in etwas produktivere Bahnen zu lenken. Folge mir."

So standen sie nun in der großen Eingangshalle der fürstlichen Bibliothek, einem großen Gebäude im westlichen Teil der Stadt. Gandalf wurde der Einlass ohne Nachfrage gewährt, Aerien hingegen musste ein paar misstrauische Blicke der Wächter hinnehmen, die sie jedoch dann passieren ließen.
"Wonach suchen wir, Gandalf?" wollte Aerien wissen, doch dieser gab ihr keine Antwort. Stattdessen begann er, leise murmelnd die einzelnen Regale abzugehen, als wüsste er schon recht genau, wonach ihm der Sinn stand. Nach einiger Zeit blieb der Zauberer vor einem hohen, staubigen Regal stehen und strich sich nachdenklich durch den Bart. Sein Blick war auf eine Reihe Bücher recht weit oben im Regal gerichtet, genauer gesagt auf eine verdächtig leere Stelle dort, wo eigentlich ein weiteres Buch sein sollte.
"Merkwürdig," sagte Gandalf. "Jemand muss es fortgenommen haben."
"Dort fehlt ein Buch in der Reihe," stellte Aerien unnötigerweise fest. "Was steht darin?"
"Es war ein sehr alter Band, der noch aus Westernis stammt, von der Insel Númenor. Die Vorfahren Imrazôrs haben es aus dem Westen mitgebracht. Dass es all die Jahrhunderte überdauert haben soll, nur um nun spurlos zu verschwinden..."
"Wieso suchen wir nach diesem Buch, Gandalf?" wagte Aerien zu fragen.
Der Zauberer drehte sich zu ihr um und musterte sie einen langen Augenblick. "Erinnerst du dich daran, was bei Elendils Grab auf dem Halifirien geschehen ist?"
Aerien überlegte. "Aragorn nahm uns mit zum Gipfel.. und wir erfuhren von der Bedeutsamkeit jenes Ortes. Und... Narissa fand etwas. Eine Botschaft, geschrieben vom Truchsess Cirion..."
"Du hast ein gutes Gedächtnis," lobte Gandalf sie. "Und erinnerst du dich auch daran, was in der Botschaft geschrieben stand?"
"Cirion entschied, Elendils Ruhestätte zu verlegen, vermutlich nach Rath Dínen in Minas Tirith," antwprtete Aerien.
"Wieder richtig, aber du hast das Detail ausgelassen, dass uns heute hierher führt," sagte Gandalf. "Cirion schrieb davon, dass Elendils Gebeine "im Licht des Vandassars ruhten". Dieses Wort stammt aus dem Hochelbischen der Gelehrten, und es ist mir zuvor nur ein einziges Mal begegnet... in dem Buch, das genau hier stehen sollte."
"Vielleicht kann ich behilflich sein," sagte eine Stimme hinter ihnen, und beide drehten sie sich nach dem Klang um. Im Gang, wenige Schritte entfernt von Aerien und Gandalf, stand ein ergrauter Mensch, der in schlichte, dunkelblaue Roben gekleidet war. In der Hand hielt er ein Buch, das er nun mit einem Lächeln hochhielt. Aber es war nicht der Fakt, dass das Buch nun so plötzlich wieder aufgetaucht war, der Aerien erstaunte. Sie kannte den Mann.
"Einen Moment," sagte sie. "Seid Ihr nicht Thandor? Der Gelehrte, der den Waldläufer Damrod beraten hat?" Gut erinnerte sie sich noch daran, wie die Waldläufer sie verhört und erst nach Thandors Fürsprache freigelassen hatten. Es war der Name von Aragorns Cousine, Erelieva gewesen, der Thandor von Aeriens Aufrichtigkeit überzeugt hatte.
"Sieh mal einer an. Wenn das nicht Aerien Bereneth ist," sagte Thandor und schmunzelte. "So sehen wir uns nun also im Herzen Gondors wieder, nachdem es uns wohl beiden in Ithilien zu ungemütlich geworden ist. Wie ich höre, hast du eine ziemlich außergewöhnliche Reise hinter dir!"
"Das... kann man wohl so sagen," gab Aerien etwas verlegen zu.
Gandalf hatte bislang nichts gesagt, doch nun nickte er und machte einen Schritt auf Thandor zu. "Ich bin froh, dass dieses Buch die Bibliothek nicht verlassen hat. Dürfte ich es bekommen? Ich bin mir sicher, dass es dieser alte Band aus Númenor war, in dem ich das Wort Vandassar einst gelesen habe..."
Thandor, der bereits den Arm mit dem Buch in Richtung Gandalf hatte ausstrecken wollen, hielt inne. "Sagtet Ihr Vandassar, Mithrandir?" Seine Augen hatten zu glänzen begonnen und er hielt das Buch fest.
"So ist es," bestätigte Gandalf. "Wisst Ihr etwas darüber?"
"Nun, ich half unlängst einem Bekannten bei einem ... nennen wir es, genealogischem Problem," erklärte Thandor, dann drehte er sich um und deutete auf eine breite Nische, in der ein Tisch mit vier Stühlen ruhte. "Setzen wir uns doch. Ich werde Euch das Buch gerne überlassen! Ich bitte nur darum, bei den Nachforschungen behilflich sein zu dürfen, denn... es ist ein wirklich sehr spannendes Thema." Ohne eine Antwort abzuwarten begab sich der alte Thandor bereits zu der Sitznische und nahm Platz. "Mein Bekannter, der junge Valion, suchte nach Nachfahren eines alten arnorischen Adelshauses, das sich in Gondor niedergelassen hatte. Die Lösung dieses Rätsels war schnell gefunden, aber am Ende der Spur tauchten die Worte Gilgroth und Vandassar auf, und meine Neugierde - die Geißel eines jeden Gelehrten, wenn man so will - war geweckt. Seitdem habe ich beinahe jeden freien Tag hier inmitten dieses unglaublichen Schatzes von Wissen verbracht und bin der Meinung, langsam eine genaue Vorstellung davon zu haben, was ein Vandassar wirklich ist."
"Nun," sagte Gandalf und nahm ebenfalls Platz, nachdem auch Aerien sich gespannt gesetzt hatte. "Dann habt Ihr mir womöglich einiges an Arbeit abgenommen, mein guter Thandor. Ich möchte aber zunächst einen Verdacht äußern, ehe Ihr eure These vorstellt."
"Nur zu, nur zu," sagte Thandor gut gelaunt, der regelrecht aufzublühen schien.
"Nimmt man das Wort Vandassar für sich, kann man es aus dem Quenya heraus als "Stein der Bindung" oder "Schwur-Stein" übersetzen," sagte Gandalf. "Das lässt mich an den Stein von Erech denken. Jeder in Gondor weiß, dass es einst Isildur war, der den Stein aus Númenor mitbrachte und dass das Bergvolk ihm dort schwor, Gondor im Krieg gegen Sauron beizustehen. Als die Bergmenschen ihren Eid brachen, da verfluchte Isildur sie, niemals Ruhe zu finden bis ihr Eid erfüllt würde. Dank Aragorn ist dies vor ein paar Jahren tatsächlich geschehen. Ich denke daher, dass der Stein von Erech ein Vandassar ist, und dass es neben ihm noch mindestens zwei weitere geben muss."
Thandor nickte zufrieden. "Sechs weitere, um genau zu sein." Er schlug eine Seite im Buch auf, die beinahe leer war, bis auf das hoheitliche Wappen Gondors - der Weiße Baum unter den Sieben Sternen - sowie undeutlichen, kaum sichtbaren Zeichen darunter, die ganz schwach silbrig schimmerten. "Dies sind Mondrunnen," erklärte Thandor. "Ich habe sie erst vorgestern Nacht sichtbar machen können. Hier steht der alte Spruch Gondors, der Euch sicherlich gut bekannt ist, Mithrandir:

Hohe Schiffe und hohe Könige
Drei mal Drei
Was brachten sie aus versunkenem Land
Über das wallende Meer?
Sieben Sterne und Sieben Steine
Und einen Weißen Baum.

So sprechen die alten Verse. Und ich glaube, dass viele sie falsch interpretiert haben. Meist wird angenommen, die Sieben Sterne stehen für die Sterne auf dem Wappen Gondors, und die Sieben Steine stehen für die Palantíri... ich jedoch glaube nun, dass die Steine die Vandassari sind, und die Palantíri die Sterne... Hier, seht, es sind die Namen der Eidsteine verzeichnet worden."
Er deutete auf eine Reihe von Mondrunen, die untereinander geschrieben worden waren, und las sie langsam vor. "Helcessar, Tauressar und Ambossar... die Steine des Nordreiches. Ihre Ruhestätten sind verzeichnet; Helcessar ruhte einst in Annúminas, wurde aber wie ich erfuhr in die verborgene Zuflucht von Gilgroth gebracht. Tauressar, der Stein von Rhudaur, wurde von Angmar korrumpiert und mit seiner Hilfe brachte der Hexenkönig die Bergmenschen Rhudaurs in seine Dienste. Beim Fall Angmars ging der Stein verloren, denn einst hatte er die Festung von Varadhost geziert. Ambossar, der Stein von Tharbad, versank in den Fluten des Gwathló als ein großer Sturm Wellen von Belegaer so weit den Fluss hinauf trieb, dass die Stadt für einige Tage beinahe versank." Thandor reichte des Buch an Gandalf weiter, und der Zauberer sah sich die Runen ganz genau an.
"Ithildin... dass ich nicht selbst darauf gekommen bin, als ich das Buch zuletzt in der Hand hatte..." murmelte er, dann begann er die Namen der restlichen Steine vorzulesen. "Hier steht... Landassar, ein Stein der in Dorwinion verschollen ging. Orossar, der Schwarze - er ruht im Tal von Erech und ist noch heute dort. Airessar, der Stein von Umbar... ah, ich erinnere mich! Das muss die funkelnde Kugel gewesen sein, die einst auf der großen Siegessäule geruht hatte, die man zu Ehren Ar-Pharazôns und dessen Sieg über Sauron aufgestellt hatte. Sie stürzte in die Fluten der Bucht von Belfalas, als die Haradrim die Säule einrissen nachdem sie Umbar eingenommen hatten. Dann... bleibt noch Naldessar, der silbrig-weiße... das muss der Stein sein, der nun über Elendils Grab auf dem Halifirien wacht."
"Halifirien?" wiederholte Thandor überrascht. "Davon steht dort aber nichts..."
"Wir sind vor kurzem dort gewesen, und haben dies gefunden. Sorgt dafür, dass es sicher verwahrt wird," sagte Gandalf und zog die Botschaft Cirions aus seinem Gewand hervor, die Narissa gefunden hatte.
Thandor überflog den Text und nickt dann. "So ist der Naldessar also einst aus Rhûn heimgekehrt," sagte er andächtig. "Und wir haben eines der größten Geheimnisse Gondors gelüftet. Die Eid-Steine existieren wirklich. Ich frage mich, ob es die Kraft des Steins von Erech war, die dafür sorgte, dass Isildurs Fluch die Eidbrecher noch bis über den Tod hinaus verfolgte..."
"Das wird sich zeigen," sagte Gandalf. "Féanors Werke sind machtvoll, aber auch gefährlich. Sie können gegen uns verwendet werden, wie man bei den Palantíri bereits gesehen hat. Der Feind darf niemals von der Bedeutsamkeit oder gar der Existenz der Eid-Steine erfahren, wenn er sich ihrer nicht bereits gewahr ist."

Mit einem mulmigem Gefühl im Magen blieb Aerien etwas verloren am Tisch mit den beiden Gelehrten sitzen und hörte alles mit an. Sie wusste nicht, was diese Entdeckung zu bedeuten hatte, und doch spürte sie, dass sie sehr bedeutsam sein musste. Doch trotz allem konnte sie nicht aufhören, daran zu denken, was Narissa wohl gerade tat...
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