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Autor Thema: Tan Hollinór / Nördliches Eregion  (Gelesen 1387 mal)

Eandril

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Tan Hollinór / Nördliches Eregion
« am: 6. Okt 2016, 22:32 »
Oronêl und Orophin aus Dunland...

Nach ihrem Aufbruch aus Dunland wanderten die Elben entlang der langgezogenen Kette des Nebelgebirges nach Norden. Orophin war noch nie hier gewesen, und Oronêl nur ein einziges Mal, als er und Amdír Mitte des zweiten Zeitalters eine Reise nach Imladris unternommen hatten. Dennoch, über viertausend Jahren hatte sich das Land verändert. Damals hatte das Reich von Eregion noch existiert, und sie waren auf einer gepflasterten Straße, von der inzwischen keine Spur mehr zu sehen war, nach Norden gereist.
So kam es, dass sie am dritten Tag nach dem Aufbruch ihren Weg schnurgerade nach Norden fortsetzten, obwohl sich die Hügel im Westen immer höher erhoben. Schließlich wurde ihnen klar, dass sie sich in einem engen Tal zwischen der Hauptkette der Nebelberge und einer Seitenkette befanden, und hier trafen sie auch das erste Mal auf Orks.
Die erste Gruppe mit dem Zeichen der Weißen Hand konnten sie noch problemlos umgehen, doch nur eine Meile nach Norden stießen sie auf ein größeres Lager, dass sich in einem dunklen Tannenwald, der die Orks vor der Sonne verbarg, über den gesamten Talgrund erstreckte und ihnen so den Weg nach Norden versperrte.

"Was machen wir jetzt?", fragte Orophin flüsternd. Die Elben lagen verborgen in einem Gebüsch, neben einem munter plätschernden Gebirgsbach, der vermutlich zum Lautwasser hinunterfloss, und beobachteten das Orklager.
"Zurückgehen kostet uns zu viel Zeit", gab Oronêl ebenso leise zurück. "Und außerdem könnten wir unten auf weitere Orks stoßen." Im Lager war währenddessen ein Kampf ausgebrochen, was nicht unüblich unter den Orks war. Oronêl betrachtete die Kreaturen mit einer Miene des Abscheus, während der Kampf von einigen größeren Orks mit dem Zeichen der Weißen Hand auf ihre Weise geschlichtet wurde - indem sie einige Köpfe abschlugen.
"Umschleichen können wir sie auch nicht, und ich fürchte, dass das Tal eine Sackgasse ist. Ich kann mich nicht an diese Gegend erinnern, aber ich vermute dass die alte Straße westlich dieser Bergkette verlief."
"Also steigen wir hinüber", schlug Orophin vor, auch wenn Oronêl an der Miene seines Gefährten erkennen konnte, dass ihm der Gedanke wenig behagte. Orophin war noch mehr als er selbst an die sanften Wälder Lothlóriens gewöhnt, und mochte die Berge nicht. Dennoch stimmte Oronêl zu. "Das ist vermutlich der schnellste Weg." Er robbte, von Orophin gefolgt, langsam wieder zurück auf die andere Seite des Gehölzes und richtete sich dort außerhalb des Sichtfeldes der Orks wieder auf.
"Wir sollten uns beeilen", sagte er, und nahm den Bogen den er dort liegen gelassen hatte, wieder auf den Rücken. "Auch wenn wir Sommer haben kann es in den Bergen sehr kalt werden und sogar schneien. Und ich weiß nicht, wie hoch die Berge im Westen sind." Er ärgerte sich, dass er sich in dieser Gegend so wenig auskannte.

Bald stießen sie auf einen schmalen Pfad, der sich in steilen Kehren entlang des Berghangs durch die Kiefern und Lärchen nach oben wandte. Trotz der Steigung kamen die Elben schnell voran, und bald wurden die Bäume weniger und hörten schließlich ganz auf. Weiter oben waren die Hänge nur noch von Gräsern und Heidekräutern bewachsen, und die Felsen waren weiß- und braungefleckt von Flechten. Die plötzliche Weite und Freiheit gefiel Oronêl, obwohl ihm die Bäume fehlten. Er genoss den Wind, der kühl aus dem Norden kam und die Gräser rascheln ließ, beobachtete einige Bergziegen, die nördlich von ihnen in einer steilen Felswand herumkletterten und die schneebedeckten Gipfel der Hauptkette im Osten, die in der Sonne glänzten. Orophin zeigte sich deutlich weniger begeistert von seiner neuen Umgebung, und er sah sich immer wieder nervös nach unten um, wo die Wipfel der letzten Bäume im Wind schwankten.

Unten im Tal sahen sie weitere Orklager, die sich nach Norden erstreckten, und in denen es von schwarzen Gestalten wimmelte.
"Ich wusste nicht, wie viele Orks es in diesen Bergen gibt", meinte Oronêl, als sie vor einem Geröllfeld, dass sich quer über ihren Weg erstreckte, auf einem sonnenbeschienenen Felsen rasteten. Es war inzwischen Nachmittag geworden, und obwohl die Sonne inzwischen tiefer stand und der Talgrund bereits im Schatten lag, brannte sie in der dünnen Luft heiß auf sie hinunter. Die Macht Sarumans erschien ihm von hier oben gleichzeitig größer als er gedacht hatte und weit entfernt, als ob ihn nichts erreichen könnte. "Aber nicht alle scheinen Saruman zu dienen", gab Orophin zu bedenken, und zeigte auf das Nordende des Tales. Dort strömten schwarze Punkte von den Berghängen auf eines der Orklager hinab, und offenbar entbrannte ein erbitterte Kampf, der von weitaus größerem Ausmaß als die üblichen Streitereien unter den Orks zu sein schien.
"Wer auch gewinnt, es ist in keinem Fall gut für uns", erwiderte Oronêl düster, straffte sich dann aber und stand auf. "Wir sollten nicht zu lange verweilen, ich würde gerne auf der anderen Seite sein bevor die Nacht herein bricht."
Orophin sprang erleichtert auf. "Ich würde ebenfalls gerne so schnell wie möglich aus diesen Bergen verschwinden... und zurück in die Wälder." Oronêl warf ihm einen mitleidigen Blick zu, auch wenn er selbst sich der Faszination der Berggipfel nicht entziehen konnte.

Ihr Pfad führte sie nur noch wenig höher, auch wenn das letzte Stück über steile Felsen führte und sie teilweise klettern mussten. Schließlich erreichten sie den Berggrat zwischen zwei hoch aufragenden Gipfeln, und konnten nach Westen auf die Ebenen von Eriador hinabblicken.
"Sieh nur", sagte Oronêl, und deutete ein Stück nach Westen ins Land hinein. "Der Fluss, der sich dort nach Süden zieht, müsste die Bruinen sein, die von Imladris hinabkommt und sich schließlich mit dem Mitheithel vereinigt." Dieser zweite Fluss war noch weiter im Westen als schmales silbernes Band zu sehen, und als Oronêl seinen Blick weiter nach Nordwesten richtete glaubte er, in weiter Ferne ein weißes Aufleuchten im Abendlich zu sehen, das nach einem kurzen Augenblick wieder verschwunden war.
"Komm", drängte Orophin, der schon ein paar vorsichtige Schritte den Steilhang hinuntergeklettert war. Es war deutlich, dass er die Berge so schnell wie möglich verlassen wollte. "Ich möchte hier oben nicht verweilen, in dieser... Leere."
Oronêl wusste was er meinte, denn rings um sie war nur Himmel zu sehen, doch im Gegensatz zu Orophin genoss er die Weite und den Wind, der hier aus dem Westen herankam. Trotzdem folgte er seinem Gefährten, denn auch er wollte ungern so hoch oben wo er sich nicht auskannte von der Dunkelheit überrascht werden, und die Sonne stand bereits tief. Das Tal im Osten lag bereits in tiefem Schatten, und nur die höchsten Hänge der östlichen Bergkette waren noch beleuchtet.

Sie erreichten den Fuß der Berge noch vor dem Einbruch der Dunkelheit, denn bergab kamen sie schneller voran als bergauf, und die steilen Hänge der Gipfelregion gingen unterhalb der Baumgrenze in sanftere Abhänge über. Am nächsten Tag stießen sie erneut auf den Pfad, der sich westlich der Berge nach Norden zog und alles war, was von der alten Straße noch übrig war, und folgten ihm von da an ohne weiter Zwischenfälle.
Nur drei Tage später sahen sie die Lichter von Bruchtal leuchten, eine Woche nach ihrem Aufbruch in Dunland.

Oronêl und Oropin nach Imladris...
« Letzte Änderung: 9. Okt 2016, 18:53 von Eandril »

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Eandril

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Re: Eregion
« Antwort #1 am: 14. Jan 2021, 11:30 »
Oronêl, Kerry, Elea, Finjas, Arwen und Pippin von Norden...

Sie schlugen ihr nächstes Nachtlager am Rand der nördlichen Rand der Ebene von Eregion auf, am Grund einer tiefen, mit Heidekraut bewachsenen Mulde. Der kleine Bach, dem sie seit einiger Zeit nach Süden gefolgt waren, bildete hier einen flachen Tümpel, dessen Ufer mit Schilfrohr bestanden waren. Da der Lagerplatz gut geschützt war, hatte Oronêl nichts gegen ein Feuer einzuwenden, das Finjas mit einigem Geschick bald in Gang gebracht hatte.
Als sie eine karge, aber immerhin warme Mahlzeit eingenommen hatten war die Nacht bereits weit fortgeschritten.
"Schlaft", kam Oronêl den Menschen zuvor, die gerade bedeutsame Blicke gewechselt hatten. "Ich übernehme die Wache - ihr werdet eure Kräfte für die Weiterreise brauchen." Kerry öffnete den Mund, vermutlich um wie üblich zu widersprechen, doch statt Worten wurde ein herzhaftes Gähnen daraus. Oronêl hob bedeutungsvoll eine Augenbraue, und spürte seinen Mundwinkel amüsiert zucken.
"Na schön", erwiderte Kerry, musste aber selbst lächeln. "Das heißt wohl, du bekommst deinen Willen."
Elea jedoch schüttelte den Kopf. "Selbst das ältere Volk benötigt Ruhe, wenn schon keinen Schlaf. Ich werde dich in ein paar Stunden ablösen." Ihr Tonfall war ruhig, aber unmissverständlich bestimmt, und Oronêl kam nicht umhin sich vorzustellen, wie Elea einen jungen Helluin in eben jenem Tonfall zurecht wies. Er verdrängte den Gedanken rasch wieder, denn er wollte eigentlich nicht an Helluin denken.
Oronêl tauschte einen Blick mit Arwen, die leicht belustigt wirkte, und zuckte dann mit den Achseln. "Meinetwegen."

Die Nacht war noch nicht besonders weit fortgeschritten, als er leise, raschelnde Schritte hinter sich hörte - zu leise für die Menschen oder den Hobbit Peregrin. So war er auch wenig überrascht, als Arwen sich anmutig neben ihm auf dem breiten, flachen Felsen, den er als Sitzplatz ausgewählt hatte, niederließ. Sie schwiegen einen Augenblick, bevor Arwen, den Blick nach Süden gerichtet, fragte: "Was glaubst du wird in Eregion geschehen?"
"Ich weiß es nicht", erwiderte Oronêl. "Es ist eine seltene Gabe, in die Zukunft blicken zu können, und mir ist sie nicht gegeben." Als Arwen schwieg, fügte er hinzu: "Vielleicht ist die Schlacht um Eregion längst geschlagen. Vielleicht finden wir nur noch Asche und Ruinen vor. Oder die siegreichen Manarîn. Vielleicht geschieht eines der beiden erst, wenn wir dort sind. Vielleicht wird Eregion gar nicht angegriffen, und wir haben uns geirrt. Ist das denn wichtig?"
Arwen schwieg noch eine weitere Weile, bevor sie antwortete: "Nein, ich denke... nicht." Sie klang verwundert. "Lange Zeit war ich mir sicher in meinem Wissen über die Zukunft. Nur wenig hat mich überrascht, bis... die Nachricht aus dem Süden kam. Über die Schlacht am Schwarzen Tor, und Saurons Triumph." Die ohnehin schon kalte Luft schien noch ein wenig abzukühlen, als Arwen den Namen aussprach. "Und nun breche ich das erste Mal in meinem Leben ins vollkommen Unbekannte auf."
"Manchmal muss man den Sprung ins Unbekannte wagen, um ans Ziel zu kommen", meinte Oronêl. "Wichtig ist nur, dass wir die Hoffnung bewahren, dass, egal was passiert, am Ende jede Dunkelheit besiegt werden kann." Er senkte den Blick, und ergänzte leise: "Es hat einige Zeit gedauert, bis ich das begriffen habe. Und manchmal fällt es mir noch immer schwer, es zu glauben."
Als er wieder auf sah, war Arwen bereits wieder fort, doch sie hatte etwas zurückgelassen. Auf dem Stein lag eine Brosche in Form eines einzelnen goldenen Mallornblattes.

Als schließlich Elea kam um Oronêl abzulösen, hatte es leicht zu schneien begonnen, und weiße Flocken wirbelten durch die Nacht. Oronêl hatte die Hand um die Brosche, die Arwen ihm dagelassen hatte, geschlossen und war in Gedanken versunken, doch als Elea sich ihm mit leise im Schnee knirschenden Schritten näherte, stand er auf.
"Jetzt wünsche ich mir beinahe, ich hätte nicht auf der zweiten Wache bestanden", sagte Elea halb scherzhaft, und zog die Decke, die sie vom Lager mitgenommen hatte, ein wenig enger um sich. Tatsächlich war es im Laufe der Nacht empfindlich kalt geworden, und ihnen beiden stand der Atem in kleinen Wölkchen vor dem Mund.
"Du musst es nicht tun, nur um dich nützlich zu fühlen", erwiderte Oronêl, aber ohne großen Nachdruck. Elea zuckte mit den Schultern und ließ sich auf dem schneefreien Fleck, auf dem Oronêl zuvor gesessen hatte, nieder, die Decke fest um den Oberkörper gewickelt. "Ich weiß." Offensichtlich hatte sie nicht den Wunsch, weiter darüber zu sprechen. Oronêl legte ihr nur kurz die Hand auf die Schulter und sagte: "Ich habe mir dich und die anderen als meine Gefährten für diese Reise freiwillig ausgewählt - ich wusste, worauf ich mich einlasse."
Er nahm die Hand von Eleas Schulter, und ging ohne eine Antwort abzuwarten in Richtung des kleinen Lagers davon, blieb allerdings auf halber Strecke stehen, als er ein Geräusch aus nördlicher Richtung hörte. Die Augen zusammengekniffen starrte er angestrengt in die Dunkelheit und den immer dichter fallenden Schnee.  In der Dunkelheit bewegte sich etwas.
Oronêl blickte kurz über die Schulter zurück, wo Elea mit den Rücken zu ihm saß und Wache hielt, bevor er mit vorsichtigen Schritten in die Richtung der Bewegung zu gehen begann, die Hand auf Hatholdôrs Griff gelegt. Als er die Stelle erreicht hatte, an der seiner Schätzung nach die Bewegung gewesen sein musste, blieb er stehen, und lauschte. Einen Augenblick lang war nur das beinahe unhörbare Geräusch des fallenden Schnees zu vernehmen, und Oronêl begann zu glauben, seine Wahrnehmung habe ihm einen Streich gespielt.
Und doch... sein Blick blieb an etwas vor ihm im Schnee hängen. Ein einzelner Fußabdruck, groß, mit gekrümmten Zehen und offenbar langen, krallenartigen Nägeln. Oronêl ging in die Hocke, um den Abdruck genauer zu betrachten. Im selben Augenblick hörte er etwas hinter sich klirren, ein heftiger Schlag traf ihn am Hinterkopf und alles wurde dunkel.



Oronêl erwachte in beinahe vollständiger Dunkelheit. Er wollte sich instinktiv den schmerzenden Hinterkopf reiben, musste jedoch feststellen, dass seine Hände mit einem groben Seil auf dem Rücken aneinander gefesselt waren. Schlagartig wurde sein Kopf klar, und er begann seine Umgebung wahrzunehmen. Seine Augen gewöhnten sich schnell an die Dunkelheit. Keine Sterne schimmerten über ihm, also nahm Oronêl an, dass er sich in einer Höhle befand - dafür sprachen auch die abgestandene Luft und der felsige, feuchte Untergrund.
Trotz seiner gefesselten Hände kam Oronêl ohne größere Mühe auf die Füße, musste allerdings leicht geduckt stehen, um mit dem Kopf nicht gegen die Decke zu stoßen. Die Höhle öffnete sich nur in einer Richtung, wo er nur wenige Schritte entfernt ein hölzernes, aber stabil wirkendes Gitter entdeckte, dass den weiteren Weg versperrte.  Er blieb am Gitter stehen, und lauschte. Von vorne vernahm hallten grobe, unangenehme Stimmen in der Höhle wieder, und Oronêl verzog das Gesicht, gleichzeitig angewidert und zornig auf sich selbst. Er hatte sich von Orks beschleichen lassen - ausgerechnet.
Sein Ärger wurde allerdings beinahe sofort von der Sorge um seine Gefährten verdrängt. Waren sie auch irgendwo in diesen Höhlen eingesperrt, oder waren sie den Orks auf irgendeine Weise entkommen? An die letzte Möglichkeit wollte Oronêl gar nicht erst denken.
Er hörte ein leises Rascheln hinter sich, und bemerkte erst jetzt die Gestalt, die in einer Ecke auf dem Boden lag - schlafend oder bewusstlos. Vorsichtig trat Oronêl näher und ging auf die Knie hinunter. Sofort schnellte der vorgeblich Bewusstlose wie eine Sprungfeder hoch, und Oronêl konnte nur mit Mühe dem Stein ausweichen, der nach seinem Kopf geschwungen wurde. Er rollte sich rückwärts ab, kam auf die Füße und stockte, als er das Gesicht seines Angreifers unter den langen, dunkelbraunen Haaren erkannte.
"Haleth?"
Sie erstarrte mitten in der Bewegung, und blickte aus ihrer halb sitzenden, halb liegenden Position zu ihm auf, die Augen weit aufgerissen. Dann schüttelte sie den Kopf.
"Oronêl." Sie stieß einen halb belustigten, halb verzweifelten Laut aus. "Ich fürchte du bist nicht hier, um mich zu befreien?"
Oronêl drehte ihr wortlos die gefesselten Hände zu, und schüttelte den Kopf. Haleth kam auf die Füße, und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Selbst in der Dunkelheit sah sie blass aus, und hatte mehrere Schnitt- und Schürfwunden im Gesicht.
"Was ist passiert?", fragte sie, während sie sich mit dem offenbar scharfkantigen Stein an Oronêls Fesseln zuschaffen machte, und dabei immer wieder nervöse Blicke den Tunnel entlang zum Gitter warf. "Wie kommst du hierher?"
Oronêl biss die Zähne aufeinander, bevor er antwortete: "Jemand - ich nehme an, ein Ork - schlug mich in der Nacht nieder. Ich... nun, man könnte sagen, ich habe mich beschleichen lassen wie ein Anfänger."
Die Fesseln rissen mit einem Knirschen, und Oronêl rieb sich dankbar die wunden Handgelenke. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Höhlenwand, und betrachtete Haleth einen Augenblick lang. Bislang hatte er sie eher aus der Ferne wahrgenommen und kannte sie nicht gut. Doch auf der Reise von Isengart nach Dunland hatte er Rilmir zu schätzen gelernt, und die Unbeugsamkeit, die er trotz der Erschöpfung und Verzweiflung in Haleths Blick erkannte verriet ihm, dass sie aus dem gleichen Holz geschnitzt war.
Als sie sich ihm gegenüber gesetzt hatte, erzählte Oronêl weiter: "Wir waren auf dem Weg nach Süden - Finjas, Elea, Arwen und... Kerry." Mit jedem Namen wurden Haleths Augen größer vor Schrecken. "Ich weiß nicht, was mit ihnen geschehen ist, ob es ihnen gut geht oder..." Er verstummte, und schüttelte den Kopf.
"Die Orks haben keine weiteren Gefangenen hergebracht, also..." Haleth unterbrach sich abrupt. "Ich denke, es geht ihnen gut. Vielleicht... hatten die Orks nur Interesse an dir. Seit meiner Gefangennahme habe ich das ein oder andere gehört. Blut der Ersten und Blut der Zweiten."
"Das verheißt nicht wirklich gutes", meinte Oronêl, und massierte sich die schmerzende Stirn. "Wie bist du überhaupt gefangen genommen worden? Wir glaubten, du wärst mit Rilmir in Fornost."
Bei seinen Worten hob Haleth ruckartig den Kopf. "Rilmir ist im Süden, bei Tharbad. Nicht in Fornost."
"Das war er", erwiderte Oronêl, und berichtete in knappen Worten, wie er und Kerry Rilmir in Isengard begegnet waren, und dass er schließlich über Bruchtal nach Arnor zurückgekehrt war. Während seiner Erzählung wurde Haleth immer blasser, und vergrub schließlich das Gesicht in den Händen.
"Ich habe geahnt, dass er in irgendwelche Schwierigkeiten geraten sein muss", sagte sie dumpf zwischen ihren Händen hervor. "Das Leben in Fornost hat mich rastlos gemacht, und ich konnte Belens Wichtigtuerei nicht länger ertragen, also habe ich Fornost in der Nacht verlassen und bin nach Süden aufgebrochen. Vermutlich habe ich Rilmir nur knapp verpasst." Sie nahm die Hände vom Gesicht, und fuhr sich mit einer Hand nach hinten durch die Haare, eine hilflose Geste. "Ich habe die Straße gemieden, doch in den südlichen Höhen haben mich vor ein paar Tagen diese Orks erwischt und mit sich geschleppt."
Haleth hatte gerade ausgesprochen, als schwere Schritte und metallisches Klirren aus dem Höhlengang zu vernehmen waren.
"Drück die Fesseln zusammen, sodass es aussieht, als wären deine Hände noch gefesselt", zischte sie Oronêl zu, und nur einen Augenblick später trat ein großer Ork an das Holzgitter heran. Er hatte ein langes Gesicht mit nur einem Ohr und zwei eisernen Ringen in der Nase, und auf seinem Kopf sprossen einzelne lange schwarze Haare. Seine schwarzen Augen funkelten boshaft, als sein Blick auf Oronêl fiel.
"Sieh an, unser neuer Gast ist wach." Der Ork kicherte heiser. "Dann hat Gûldrak seinen Teil des Auftrags erledigt. Auf die Füße, hohe Gäste. Wir haben einen weiten Weg vor uns..."
« Letzte Änderung: 14. Jan 2021, 15:01 von Fine »

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Thorondor the Eagle

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Keine Spur von Oronêl
« Antwort #2 am: 3. Feb 2021, 06:36 »
Ich habe mir dich und die anderen als meine Gefährten freiwillig ausgewählt hallte es durch Eleas Kopf als sie dort in der Kälte saß und in die Dunkelheit starrte. Die Schneeflocken vollführten noch ihren winterlichen Tanz vor ihren Augen. Warum sollte er mich auswählen? War dies seine Art wieder gut zu machen, da Helluin ihm das Leben rettete? Will er uns als Ausgleich wieder zusammenführen?
Trotz dieser Gedanken, hatte sie den Waldelben bereits in ihr Herz geschlossen. Sie freute sich über die innige Beziehung die Kerry und er hatten und wie sie sie immer wieder zum Ausdruck brachten. Kerry hatte ein ganz besonderes Verhältnis zu ihm.
Die Dúnadan gähnte leise Wie dumm von mir mich für die nächtliche Wache zu melden Ärgerte sie sich kurz über sich selbst und obwohl der Schlafplatz kaum als bequem zu bezeichnen war, sehnte sie sich danach. Reiß dich zusammen, Elea! befahl sie sich selbst halte durch, sei Tapfer sprach sie sich dann selbst im Gedanken zu.

Es war ihr Großvater, der ihr immer einbläute tapfer zu sein. Du entstammst dem Hause Isildur hörte sie seine tiefe aber gütige Stimme in ihrem Kopf Tapferkeit liegt dir im Blut, kleine Elea Dirhael war ein stolzer Mann, unbeugsam, still und nicht leicht zu beeindrucken. Und seine Familie war im das höchste Gut, auch wenn er es nicht immer zum Ausdruck bringen konnte. Elea erkannte einige dieser Eigenschaften auch in Finjas.

Vielleicht hat Oronêl mich deshalb mitgenommen. Er hat mit den Dunedain gekämpft, er weiß um ihre Tapferkeit. Plötzlich wurde Elea aus den Gedanken gerissen. Ihr war, als hätte sie etwas gehört. Ängstlich und angespannt kniff sie die Augen zusammen und versuchte etwas zu erspähen. Ihre Hand lag auf dem Schwertheft. Etwas abseits glomm das Lagerfeuer kaum sichtbar vor sich hin. Weder Schatten noch sonstige Bewegungen waren dort zu erkennen. Erfüllt von Angst sehnte sie sich die Morgendämmerung herbei. Es würde nicht mehr lange dauern, aber jede Minute kam ihr vor wie eine Ewigkeit in der ihr Herz unentwegt raste. Als ihre Umgebung in ein graublaues Dämmerlicht getaucht war und sie die meisten Konturen der Umgebung erahnen konnte, erkannte sie, dass keine unmittelbare Gefahr drohte. Sie wurde ruhiger und löste den Griff von der Waffe.
Verunsichert von der letzten Stunde schlich sie zum Lagerplatz zurück. Sie wollte den Elben bitten die Abreise vorzuverlegen und diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen. Am Lagerplatz angekommen fand sie aber nur Finjas, Pippin, Arwen und Kerry vor. Von Oronêl war keine Spur.

Leise schlich sie zu Finjas hinüber. „Finjas“, weckte sie ihn auf „Wo ist Oronêl?“ Der Dunadan öffnete seine Augen. Nachdem er sich orientiert hatte, setzte er sich auf und gab nur ein brummiges „Ich weiß nicht“, von sich. Arwen, die gleichzeitig aus ihrer Ruhe erwacht war, sah sich ebenfalls um und antwortete mit einem feinen Achselzucken. „Kerry, Pippin“, weckte die Elbe die beiden noch schlafenden Gefährten. Sie wartete einen Augenblick bis sie bei Sinnen waren und stellte dann dieselbe Frage, aber auch ihnen hatte Oronêl nichts über seinen Verbleib gesagt.

„Ist in der Nacht etwas vorgefallen?“, fragte Finjas nun Elea. Ihr Puls raste bei dem Gedanken an das Geräusch: „Etwa eine Stunde vor der Dämmerung hörte ich ein kurzes Rascheln im Gebüsch, mehr nicht.“
„Und hast du etwas gesehen?“
„Nein, nichts. Ich habe euch im Blick behalten und versucht in der Dunkelheit etwas zu erkennen, aber da war nichts. “
„Ein kurzes Rascheln sagst du? Das kann auch ein Tier gewesen sein, ein Fuchs oder ähnliches“, antwortete Finjas.
„Oder eine einzelne, unvorsichtige Bewegung eines Elben der durch die Wildnis streift“, legte Arwen nach.
Elea klopfte nervös mit ihren Fingern gegen den äußeren Oberschenkel, bemerkte es aber nicht. Sie machte sich Sorgen und auch Vorwürfe. Was wenn ich etwas übersehen habe? Ich hätte gleich Alarm schlagen sollen.
„Und was sollen wir nun tun? Was wenn ihm etwas passiert ist?“, nahm Kerry nun die Worte in den Mund die Elea auf der Zunge brannten. Falten legten sich auf die Stirn der blonden Rohirrim.
„Das glaube ich nicht“, antwortete Finjas nun „Oronêl ist ein Krieger. Wäre er auf Feinde getroffen hätte er gekämpft und das hätten wir in jedem Fall gehört oder er hätte Hilfe geholt.“
„Dem stimme ich zu“, unterstützte ihn Arwen „wir sollten uns in der Umgebung ein wenig umsehen. Vielleicht ist er einer Spur nachgegangen oder späht den weiteren Weg aus.“
„Ja, gute Idee“, stimmte Elea zu. Es beruhigte sie ein wenig einen Plan und Hoffnung zu haben.

Sie beschlossen sich in drei Gruppen zu teilen. Pippin ging mit Arwen, Elea mit Kerry und Finjas ging alleine. Finjas, als erfahrener Krieger untersuchte die östliche Richtung. Arwen und Pippin gingen Richtung Nordwesten und Elea und Kerry nach Südwesten.
Sorgsam suchten sie auf dem Boden und im niedrigen Gebüsch nach Spuren. Im besten Fall würden sie einen Fußabdruck oder ein kleines Stück seiner Ausrüstung finden oder vielleicht auch nur einen abgebrochenen Ast. Jeder Hinweis war wichtig, aber es war nichts Ungewöhnliches zu sehen.
„Elea?“, begann schließlich Kerry „Was, wenn Oronêl etwas geschehen ist?“
Die Dúnadan rechnete mit dieser Frage, aber bisher war ihr noch keine entsprechend einfühlsame Antwort eingefallen.
„Es ist ihm sicherlich nichts geschehen“, sagte sie platt. Und dabei wurde ihr bewusst, dass sie diese leeren Worte oft genug gehört hatte nachdem Haldar in den Krieg gezogen war. Sie streckte ihre Hand aus und legte sie dem Mädchen auf die Schulter, woraufhin es unverzüglich stehen blieb.
„Wir haben bisher nichts gefunden Kerry. Falls Oronêl in einem Kampf verwickelt worden wäre, hätten wir irgendwelche Spuren gefunden.“
Die blonde Rohirrim drehte sich zu Elea. Sie biss sich auf die Lippen so als wolle sie etwas sagen, wusste aber bereits, dass sie es anschließend bereuen würde. Die Dúnadan strich ihr mit der Hand über den Kopf, ihr Haar und ließ sie schließlich auf der Schulter ruhen.
Beklommen sagte Kerry: „Er ist schon einmal einfach so über Nacht abgehauen.“

Elea fühlte sich weiter unbehaglich, denn es erinnerte sie noch immer stark an die Zeit als ihr Mann in den Krieg zog und so tat sie das Einzige was auch ihr damals geholfen hatte. Sie nahm Kerry in den Arm: „Es ist nur eine Frage der Zeit bis wir ihn wiedersehen. Ganz bestimmt“, flüsterte Elea ihr ins Ohr.

Keiner von ihnen hatte Hinweise über den Verbleib ihres Anführers gefunden. Es war eine schwierige Entscheidung, doch letztlich war es Finjas der die Gruppe davon überzeugte weiterzuziehen. Oronêl wusste schließlich wo das Ziel ihrer Reise lag und würde sie dort auch finden, aber um einen starken Krieger weniger in der Gruppe, waren sie Orks oder anderen Feinden hilflos ausgeliefert. Sie mussten schleunigst Schutz bei den Elben Eregions finden.

Elea, Finjas, Pippin, Arwen und Kerry nach Ost-in-Edhil
« Letzte Änderung: 6. Feb 2021, 17:50 von Fine »
1. Char Elea ist in Bree  -  2. Char Caelîf ist in Palisor

Eandril

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Re: Eregion
« Antwort #3 am: 5. Feb 2021, 22:39 »
Zum Glück hatten Oronêl und Haleth ihre Fesseln rechtzeitig wieder in Form gebracht, keinem der Orks aus Gûldraks Truppe schien etwas aufgefallen zu sein. Gelegenheit zur Flucht ergab sich jedoch nicht, denn sie waren permanent von den Orks umgeben, die sie im Laufen von den Seiten misstrauisch beäugten und von hinten anstießen, wenn sie zu langsam wurden.
Die Orks trieben sie mitleidlos durch die Nacht, über die nördlichen Hügel von Eregion, hinab in Täler und durch kleine Wasserläufe. Dies waren die nördlichen Grenzlande von Eregion, wusste Oronêl, und die Wahrscheinlichkeit, hier auf Elben oder Menschen zu stoßen, war äußerst gering. Am Ende der ersten Nacht erreichten sie eine Höhle, die ganz ähnlich der ersten war. Gûldrak, der einohrige Anführer der kleinen Orkschar, warf Oronêl einen Blick zu und kicherte leise und hämisch in sich hinein. "Oh ja, Elbenherr. Gibt viele dieser Höhlen in diesen Landen. Einst herrschten Orks hier, lange her. Doch der Meister wird uns dieses Land und alle Lande zurückgeben."
Oronêl überwand seinen Abscheu vor der Kreatur, und fragte: "Der Meister? Saruman?" Er vermutete, dass diese Orks aus Moria stammten - ihre Aufmachung und ihre offensichtliche Furcht vor der Sonne sprachen deutlich dafür. Und sofern er wusste, hatte Saruman Moria zuletzt beherrscht, doch viel mochte sich inzwischen geändert haben.
Zur Antwort kicherte Gûldrak nur heiser, und stieß Oronêl unsanft in den kleinen, vergitterten Raum am Ende der Höhle. "Der große Elbenherr sollte sich nicht mit Fragen aufhalten. Er wird seine Kraft brauchen, hä hä..."
Sobald sie einigermaßen alleine waren, ließ Haleth sich auf den Boden sinken und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Diese Höhle war feuchter als die letzte. Auf dem Boden hatte sich Wasser in kleinen Pfützen gesammelt, und an den Wänden sprossen schleimige Flechten und Pilze.
"Sie haben es eiliger als vorher", stellte Haleth leise fest. Ihrer Stimme war die Erschöpfung anzuhören, denn die Orks hatten sie unbarmerzig angetrieben und während der Nacht keine Pause eingelegt. "Bevor sie dich erwischt haben, sind sie langsamer vorangekommen, und es gab sogar Nächte, in denen sie am selben Ort geblieben sind. Nur einige von ihnen waren jede Nacht unterwegs."
Oronêl setzte sich vorsichtig auf einen der wenigen halbwegs trockenen Flecken. "Sie haben etwas gesucht", vermutete er, und rieb gedankenverloren die Narben an seiner linken Hand. Die Schlussfolgerungen, zu denen er kam, gefielen ihm gar nicht. "Einen Elben, denke ich."
Haleths dunkelbraune Augen waren weit geöffnet, als sie ergänzte: "Blut der Ersten. Das... klingt nicht gut."
"Nun, davon kann man bei Orks grundsätzlich ausgehen." Oronêl seufzte. "Aber ich fürchte, diese haben mehr als die üblichen Ork-Teufeleien im Sinn. Orks nehmen nur Gefangene, wenn sie mit ihnen Übles im Sinn haben."
Haleths Kiefer zuckte, als ob sie die Zähne aufeinander biss, und sie richtete sich ein wenig auf. "Geben wir ihnen keine Möglichkeit dazu. Unsere Hände sind nicht gebunden - wann fliehen wir?"
Oronêl erwiderte ihren erwartungsvollen Blick einige Zeit, bevor er langsam antwortete: "Ich denke, das sollten wir nicht - noch nicht."
"Was? Wieso?" Haleth schüttelte ungläubig den Kopf.
"Selbst wenn uns die Flucht gelingt, was ich nicht glaube, werden sie sich jemand anderen suchen. Wir müssen herausfinden, was diese Orks im Schilde führen, bevor wir handeln."
"Und gehen das Risiko ein, dass sie ungehindert ihr Ziel erreichen, bevor wir etwas unternehmen können", erwiderte Haleth mit zusammengezogenen Augenbrauen. "Aber wahrscheinlich hast du recht."
Oronêl nickte nur stumm. Tatsächlich wahr ihm selbst überhaupt nicht wohl dabei, einen Fluchtversuch hinauszuzögern, doch der Gedanke an Gûldraks Absichten jagte ihm einen Schauer den Rücken hinunter.
"Versuch ein wenig zu schlafen", sagte er schließlich an Haleth gewandt. "Ich fürchte, du wirst noch alle Kraft brauchen..."

Gûldrak kehrte früher zurück als Oronêl erwartet hatte, und öffnete das hölzerne Gitter. "Aufstehen, feine Herrschaften", knurrte der Ork, und trat der im Sitzen eingeschlafenen Haleth unsanft gegen das Bein. "Die Dunkelheit kommt früh heute. Zeit zum Rennen, hä hä."
Haleth blinzelte ein paar Mal, doch obwohl sie so unsanft aus dem Schlaf gerissen worden war, hielt sie geistesgegenwärtig ihre Hände auf dem Rücken zusammen und verbarg so die durchschnittenen Fesseln.
Draußen erkannte Oronêl den Grund für den verfrühten Aufbruch. Von den Bergen her war ein Scheesturm gekommen, und die dicken Wolken verdeckten jeden Sonnenstrahl. Weiße Flocken wirbelten umher, und bedeckten die Hügel.
Der Schnee machte das Laufen mühselig, selbst für Oronêl. Haleth erging es schlimmer, und als sie, die Dunkelheit war inzwischen hereingebrochen, einen steilen Abhang hinunter liefen, stolperte sie und fiel. Sie rollte einige Schritt weit den Hang hinunter, und bevor Oronêl bei ihr angelangt war, hatte Gûldrak sie bereits erreicht und zog sie unsanft am Arm auf die Füße. "Nicht liegen bleiben. Dafür ist noch nicht Zeit, hä hä." Seine Miene verfinsterte sich als er Haleths durchschnittene Handfesseln bemerkte. Beim Sturz war es ihr nicht gelungen, die Hände weiter auf dem Rücken zusammenzudrücken.
"Ah, tückische Waldläufer", knurrte der Ork, und versetzte Haleth mit der freien Hand einen Schlag ins Gesicht, der sie mit Sicherheit zur Seite geschleudert hätte, hätte sich ihr Arm nicht in Gûldraks eisernem Griff befunden. "Bindet sie, Jungs, aber etwas fester, hä hä." Nur kurze Zeit später waren Haleths Hände erneut fest auf dem Rücken zusammengebunden, und Gûldrak gab das Zeichen zum Aufbruch. Im Laufen wechselte Oronêl einen Blick mit Haleth. Zwischen Nase und Oberlippe hatte sich getrocknetes Blut gesammelt, und über ihrem linken Wangenknochen war die Haut aufgerissen und blutig. Die größten Sorgen bereitete Oronêl allerdings die Verzweiflung in ihren Augen - selbst wenn sie fliehen wollten, nun war es unmöglich.

Im Laufe der Nacht ließ der Schneesturm schließlich nach, und bald waren sogar vereinzelte Sterne zu sehen, was die Orks mit zornigem und unbehaglichen Zischen und Fluchen kommentierten. "Nur weiter, Jungs", spornte Gûldrak seine Schar im Laufen an. "Bald erreichen wir das Dunkel darunter, und dann können wir die Lichter nicht länger sehen. Also rennt!"
Tatsächlich schien das Erscheinen der Sterne die Orks zu größerem Tempo anzuspornen, und sie wurden immer schneller, je näher die mächtige Silhouette des Nebelgebirges rückte. Schließlich, nach Oronêls Schätzung nur kurz vor Sonnenaufgang, erreichten sie einen niedrigen Höhleneingang, versteckt zwischen zwei Bergkämmen inmitten einer finsteren, von kahlen Kiefern bestandenen Schlucht. Dies schien jedoch noch nicht das Ziel der Orks darzustellen, denn sie marschierten unbeirrt weiter, tiefer in die Finsternis der Höhle hinein, Oronêl und Haleth jetzt in der Mitte.
Immer tiefer marschierten sie, während der Gang zunächst schmaler und niedriger wurde, bis immer nur noch eine einzelne Person gehen geduckt hindurch gehen konnte. Während sich der Stein des Nebelgebirges um ihn schloss, spürte Oronêl, wie sich ein wenig Hoffnungslosigkeit in sein Herz schlich. Sein Vorhaben, mehr über die Pläne dieser Orks herauszufinden, erschien ihm mehr und mehr töricht, die Entscheidung, nicht bei erster Gelegenheit zu fliehen, immer mehr wie Wahnsinn.
Schließlich öffnete sich der Gang nach beiden Seiten und nach oben hin, und sie betraten eine eckige Halle. Fackeln spendeten schwaches, flackerndes Licht, und noch mehr Orks erwarteten sie.
Gûldrak wurde von zwei ihm sehr ähnlich sehenden Orks - soweit Oronêl das beurteilen konnte - in einer hässlichen, kehligen Sprache begrüßt, wobei viel in seine und Haleths Richtung gestikuliert wurde.
Oronêl nutzte die Gelegenheit, kurz nach seiner unfreiwilligen Gefährtin zu sehen, die schwer atmete und stumpf geradeaus blickte. "Kannst du noch stehen?", fragte er leise, und ihre Antwort war zur Hälfte ein Nicken, zur Hälfte Kopfschütteln.
"Nicht... mehr lange", stieß Haleth abgehackt hervor. "Wo... sind wir?" Oronêl warf einen raschen Blick durch den Raum. Die Wände waren, soweit er es erkennen konnte, eindeutig nicht natürlich entstanden, sondern behauen worden. "In Moria, nehme ich an."
"Moria, ja", mischte sich Gûldrak ein, der sein Gespräch beendet hatte und nun zu ihnen getreten war. "So nennt ihr das Dunkel darunter, hä hä. Bald ist der letzte Tag. Müssen alles vorbereiten, ja."
"Vorbereiten. Für was?", wagte Oronêl zu fragen, doch Gûldrak kicherte nur heiser. "Wirst es sehen, Elbenherr, hä hä." Er gab den übrigen Orks einen Befehl in seiner eigenen Sprache, und Oronêl und Haleth wurden unsanft in einen Seitenraum gestoßen und die Tür hinter ihnen zugeschlagen.

Oronêl und Haleth nach Moria...
« Letzte Änderung: 6. Feb 2021, 17:54 von Fine »

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Curanthor

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Eine Lichtung im Tannenwald
« Antwort #4 am: 15. Feb 2021, 23:25 »
Mathan von den westlichen Hängen

Es war, als ob er eine unsichtbare Grenze überschritten hatte. Mathan verlangsamte seine Schritte, bis er letztendlich stehen blieb. Hier war seine Heimat, sein Geburtsland und der Ort, der für ihn stets den den Geruch des Unheils verströmte, das das Land erdulden musste. Als er mit seinen Gefährten vor einigen Wochen hierher zurückgekehrte, war es das erste Mal, dass Eregion nicht wie ein blutgetränkes Land für ihn roch. Er erinnerte sich, dass es ihm dennoch schwer gefallen war. Bedächtig setzte er den rechten Fuß nach vorn. Der feuchte Waldboden gab ganz sanft nach. Vor ihm breitete sich ein undurchdringlicher Tannenwald aus. Es roch nach feuchtem Waldboden, modriger Erde und Harz. Seine feine Nase nahm jedoch unterschwellig einen weiteren Duft war. Rauch. Mathan biss die Zähne zusammen, als seine Hände zu den kalten Schwertgriffen wanderten. Kurz verharrten sie dort, bis er sich erinnerte, dass er sie kaum nutzen konnte. Andere Waffen hatte er nicht dabei. Mit einem Fluch auf Westron beschloss er sich durch das Unterholz zu pirschen. Hin und wieder blieb er dabei stehen und sog die Luft ein. Es war dabei unheimlich still. Der beißende Geruch von brennenden, nassem Holz wurde stärker, je weiter er nach Westen eilte. Bedacht darauf so wenig wie Geräusche zu machen wie möglich, huschte er von Baumschatten zu Baumschatten. Das mumlige Gefühl in seinem Magen hatte sich inzwischen zu einer altbekannten Empfindung gewandelt, die er aus seinem langen Leben kannte: Der Gewissheit, dass etwas Großes im Gange war. Gleichzeitig war es, als ob ein Teil von ihm den Verlust von etwas Wichtigem verspürte und es drohte in die Dunkelheit zu stürzen. All das drückte auf seine Stimmung. Mathan fühlte sich um Jahrtausende in der Zeit zurückversetzt. Rasch unterdrückte er die aufkommenden Erinnerungen.

Nach einigen angespannten Augenblicken wurde der beißende Geruch stärker. Rauch umwaberte die Stämme der hochgewachsenen Nadelbäume und ließ die Wälder gespenstisch wirken, so als ob ein unnatürlicher Nebel aufgezogen war. Mathan überlegte kurz. Die Nacht war schon vorangeschritten und es war nicht mehr fern bis zum Morgengrauen. Unter normalen Umständen hätte er gewartet, doch die Sorge um seine Halarîn trieben ihn dazu, trotzdem voranzugehen. Lautes Knistern, durchsetzt von gelegentlichen Knacken bestätigte seine Befürchtungen. Hier brannte kein Lagerfeuer. Als er auf die große Lichtung trat, schlug ihm eine unglaubliche Hitze entgegen. Die Luft war erfüllt von beißenden Rauch. Vor ihm zeichnete sich ein Bild des Grauens ab. Das, was einmal ein Elbendorf gewesen war, ein Flammenmeer. Brennende Gerippe, was einmal Häuser gewesen waren, umbringten die Lichtung. In der Mitte brannte ein riesiger Scheiterhaufen, von dem die größte Hitze ausging. Mathan wandte den Blick von ihm ab. Er wusste, was dort bis zur unkenntlichkeit verbrannt lag. Die Hilflosigkeit, die in ihm aufstieg, wandelte sich zur Wut. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Auf dem trockenen Waldboden entdeckte er jedoch einen zerrissenen Wandteppich. Mathan ging daneben in die Hocke und schob die halb verbrannten, schlammbedeckten Fetzen aneinander. Es war nur die Ecke eines größeren Gebildes, aber die verschlungenen Zeichen der Hwenti erkannte er sofort. Neben dem Wandteppich erblickte er einen Fußabdruck in dem getrockneten Schlamm. Sofort erhob er sich und wandte sich gen Süden. Diese Fußabdrücke kannte er nur zu gut. Sie waren es, die Lórien verbrannten und nun waren sie in seine Heimat gekommen. Er hatte vor langer Zeit einen Fehler gemacht und seine Heimat und seinen Vater im Stich gelassen. Diesen Fehler würde er nicht noch einmal machen. Halarîn brauchte ihn, ihr ungeborenes Kind brauchte ihn, seine Tochter brauchte ihn und vielleicht sogar sein Volk. Waren es keine Noldor, so sind es noch immer Elben, so wie er selbst.
So schnell wie ihn seine Beine trugen eilte Mathan gen Süden, nach Hause.

Mathan nach Ost-in-Edhil
« Letzte Änderung: 18. Mär 2021, 16:06 von Curanthor »

Curanthor

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Re: Tan Hollinór / Nördliches Eregion
« Antwort #5 am: 18. Mär 2021, 23:18 »
Aus Adriennes Sicht

Es war kalt und leichter Nebel lag über den Hügeln von Eregion. Adrienne saß auf einem niedrigen Plateau, das von einem kleinen Nadelwald beherrscht wurde. Sie starrte gedankenverloren hinaus auf das Land. Seitdem die Elben wieder zurückgekehrt waren, schien auch das Leben mit ihnen in gekommen zu sein. Auf den vormals ausgetrockneten und spärlich bewachsenen Hügelkuppen hatten sich mehr und mehr Grashalme vorgekämpft. Das Land ergrünte, doch der Winter gab sich nun alle Mühe die Zeichen des neuen Lebens zu verdecken. Mehr und mehr Schneeflocken tanzten vom Himmel hinab und bildeten eine weiße Decke. Fröstelnd zog sie die Pferdedecke enger, die sie sich bei den Stallungen der Elben ausgeliehen hatte. Obwohl es nur für Pferde war, hielt der Stoff erstaunlich warm und war sogar besser als das, was die Flüchtlinge in Fornost hatten. Wieder wurde ihr der große Unterschied zwischen Menschen und Elben bewusst. Hadernd biss sie sich auf einen Finger, bis der Schmerz ihr die Tränen in die Augen trieb. Vielleicht war sie etwas überstürzt fortgegangen. Und sie hätte Kerry nicht so viel erzählen sollen. Adrienne wusste selbst nicht so recht, was mit ihr los war. Sie gab sich größte Mühe und entspannte ihren verkrampften Kiefer. Ihr Finger pochte dankbar, als sie ihn befreite. Als sie sich über die Lippen strich, hatte sie sofort wieder das Bild vor den Augen. Der Kuss. Es war ihr Erster gewesen. Sie senkte den Blick, als er erneut verschwamm. Im Gedanken betete sie, dass Kerry es nicht falsch verstehen würde. Trotzdem bereute sie es nicht. Adrienne hatte insgeheim immer zu ihr aufgeblickt. Deshalb hatte sie es auch nicht mit ansehen können, dass Kerry in ihrer Entwicklung immer weiter einen Schritt zurück machte. Vielleicht war es sogar durch die Verhätschelung der Elben, dass ihr Vorbild fast wieder zu einem weinerlichen Mädchen geworden wurde. Letztendlich kam es nicht dazu, dank der Reise in den Düsterwald - was auch immer dort vorgefallen sein mochte. Adrienne ballte die Fäuste. Doch jetzt war sie wieder bei den Elben. Vielleicht passiert es wieder? Unbewusst schob sie sich den Faust in den Mund und biss zu. Der Gedanke, dass Kerry wieder so schwach und weinerlich wurde machte sie wütend. tränen tropften hinab auf den feuchten Waldboden. Ihre Wangen brannten vor Kälte, das getrocknete Salz ihrer Tränen fühlte sich fast schon an wie eine zweite Haut. Sie unterdrückte den Impuls laut hinauszuschreien. Adrienne war sich fast schon sicher, dass man nach ihr suchen würde. Sie tastete an ihre Hüfte. Der kühle Knauf ihres Schwerts ließ ihr pochendes Herz etwas langsamer schlagen. Die Waffe und die Kleidung die sie trug war das einzige, was ihr noch geblieben war. Alles andere hatte sie hinter sich gelassen. Ihre Hoffnungen und Träume. All das war bedeutungslos. Doch ihre Liebe hatte sie Kerry überlassen, dass sie an ihrer statt liebte. Es war das Einzige, das sie ihr geben konnte, dafür, dass sie ihre einzige Freundin gewesen war. Adrienne schmunzelte traurig über den Gedanken, dass die arme Kerry wohl ganz durcheinander sein musste. Und doch bereute sie nichts. Sie wollte nicht, dass andere in ihre Fehde hineingezogen wurden, von den Leuten, deren Namen sie nicht einmal kannten, oder warum sie hinter ihr her waren. Selbst in Fornost hatten sie sie gefunden und ihren Bruder und sie schwer verwundet.

Sie schwankte, als sie sich streckte. Adrienne hatte mehrere Nächte kaum bis gar nicht geschlafen und irgendwie war der vergangene Tag und die darauffolgende Nacht so anstrengend wie noch nie gewesen. Doch sie wollte die Augen nicht mehr schließen. Wenn sie es tat, wurde sie von blutigen Bildern verfolgt, Gesichtern die sie nicht kannte. Ein leises Knacken ließ sie herumfahren. Ihre Hand wanderte zum Schwertgriff. Eine prüfende Bewegung lockerte die Waffe in der Scheide, sodass sie sofort ziehen konnte. Adrienne starrte in das Wäldchen. Hinter einer dicken Tanne trat eine gebeugte Gestalt hervor. Langsam hob diese die behandschuhten Hände in die Höhe. Eine brüchige Stimme krächzte: "Ich bin unbewaffnet."
Adrienne erhob sich skeptisch und zog ihr Schwert. Ihre Finger umklammerten den Griff. Sie hatte vom Sternenbund gehört, dass Saruman in der Vergangenheit oft als alter Mann verkleidet durch die Lande streifte. War dies wieder eine List von ihm?
"Keinen Schritt weiter!", rief sie drohend und hob ihr Schwert zum Stich, obwohl der Fremde noch fünf Schritte weit weg war.
"Nur nicht so angespannt, Mädchen", antwortete der Alte und schob seine Kapuze ein Stück zurück, sodass sie seinen grauen Bart und eine knollige Nase erkennen konnte. Ein Paar himmelblaue Augen starrten sie aus dem Schatten der Kapuze abwartend an. "Wollt ihr einem alten Mann Gesellschaft leisten? Es ist kalt und Ihr sitzt hier ganz alleine, junge Dame", bot der Alte freundlich an, "Mein Lagerplatz ist nicht weit, dort habe ich ein warmes Feuer und eine warme Mahlzeit."
Adrienne zögerte, noch immer unsicher, ob sich unter der Kapuze nicht doch ein Zauberer verbarg. Sie hatte keine Absicht zu Saruman oder zu gehen oder von Gandalf überredet zu werden. Der Alte schien ihre Skepsis zu erraten und öffnete seinen Mantel, unter dem nur schäbige Kleidung zu sehen war. "Ich habe keine versteckten Waffen und auch nicht an meinem Lager."
Sie dachte eine Weile nach, doch die Kälte und der Hunger siegten über ihre Vorsicht. Adrienne senkte die Klinge, steckte sie jedoch nicht fort. Dem Alten schien das zu genügen, denn er senkte wieder die Schultern winkte ihr zu ihm zu folgen.

Sie liefen einige Zeit durch das Unterholz, das immer dichter wurde. Sie passierten einige Steingruppen. Erst als sie daran vorbeigelaufen war, erkannte sie es als überwucherte Ruinen. Dahinter öffnete sich eine steinige Senke, die wohl in der Mitte des Waldes lag. Ein umgestürzter Baumstamm diente als Sitzgelegenheit, ein Feuer prasselte in der Mitte der Senke. Ein braunes Pferd scharrte unruhig mit den Hufen und blickte abschätzend an. Adrienne zögerte, folgte dann aber den Alten, der unsicher den niedrigen Hand hinabtapste. Unten angekommen, blickte er zu ihr hoch.
"Wollt Ihr nicht endlich dieses Ding wegstecken? Wenn ich Euch schaden wollte, hätte ich das im Wald getan und nicht hier, wo ich dabei meinen schönen Lagerplatz versaue."
Adrienne blickte zu der Klinge in ihrer Hand. Sie zitterte ein wenig. Schon seitdem sie die Elbenstadt verlassen hatte, zitterten ihre Finger unaufhörlich. Widerwillig schob sie das Schwert in die Scheide. Als sie sich neben den Alten ans warme Feuer setzte fragte dieser: "Woher habt ihr es?"
"Ich...", Adrienne wollte Gondor sagen, doch das Wort wollte nicht über ihre Lippen kommen, "Von einem Freund", sagte sie stattdessen und fragte sich ernsthaft, wann sie das Schwert das erste Mal in der Hand gehalten hatte.
"Hmm", machte der Alte nur und kaute auf einem getrockneten Stück Fleisch herum, "Was führt Euch hierher? Es sind gefährliche Zeiten, um für ein Mädchen alleine zu reisen."
"Ich bin kein Mädchen", grollte Adrienne und erhob sich halb.
"Nicht doch. Sicherlich, Ihr seid kein Mädchen. Mein Fehler. Ich bin ein alter Mann, verzeiht mir, junge Dame."
Sie schnaubte kurz, setzte sich aber wieder. Dabei entging ihr nicht der fragende Blick.
"Ich weiß es nicht...", gestand sie schließlich leise, "Es ist, als ob irgendwas fehlen würde, aber ein Teil von mir will es nicht wissen, was es ist."
Der Greis brummte zustimmend und sagte, dass das in der Tat schwierig sei. Er packte sein Räucherfleisch weg und begann sich eine Pfeife zu stopfen.
"Vielleicht bin ich auch einfach nur verrückt", murmelte Adrienne.
"Das denke ich nicht", erwiderte der Alte ohne von seiner Arbeit aufzublicken, "Manchmal ist es so, dass man naheliegende Dinger nicht sehen möchte. Man sperrt sich dagegen. Er deutete umher. "So wie dieses Land einst in Blut getränkt wurde, scheint sich die Geschichte zu wiederholen, aber keiner will es wahr haben."
Adrienne runzelte fragend die Stirn. Der Greis versuchte mit einem Feuerstein seine Pfeife zu entzünden, dabei zog er ab und an. Als es endlich zu glimmen begann, paffte er eine große Wolke Rauch hervor und leckte sich die Lippen.
"Ach Kindchen, was meinst du, wessen Schuld es war, dass dieses Land einst unterging?", fragte der Alte und streckte ächzend den Rücken durch.
Adrienne erinnerte sich ganz leise an die Erzählung Mathans von seiner Heimat. "Nun, Sauron führte Krieg gegen die Elben von Eregion."
"Und warum?"
Sie zögerte. War das Wissen nicht verbreitet? Kannten die normalen Menschen die Geschichte um die Ringe und den Grund des Krieges? Hatten sie überhaupt eine leise Ahnung von dem, was vor tausenden Jahren hier geschah. Ihre pochenden Kopfschmerzen kehrten wieder zurück. Sie hielt sich unauffällig die schmerzenden Schläfen.
"Hmm", machte der Alte erneut, "Keine Antwort. Wie erwartet. Viele wissen nicht, dass es die Elben selber waren, die ihr Verderben heraufbeschworen. Man gibt Sauron die Schuld, aber er war nur der, der ihnen den Preis ihres Hochmuts bezahlen ließ."
"Moment", ging Adrienne dazwischen, "Wir reden hier von dem Dunklen Herrscher, der, der die Welt in die Dunkelheit stürzt."
"Tut er das? Waren es nicht die Elben, die zuerst die Ringe der Macht schmiedeten? Er tat es ihnen nur gleich. Nein, er machte es noch besser als sie es taten. Sie wollten die Schöpfung beherrschen, nun tut es ein anderer an ihrer Stelle."
Adrienne antwortete nicht. Ein stechender Schmerz in ihrem Auge ließ sie ihre Hand an den Kopf legen. Der Alte blickte sie kurz an und sagte: "Sicherlich, seine Methoden sind brutal, aber die Elben haben sich mindestens genauso viel zuzuschreiben. Ihre Kriege in der altvorderen Zeit ließen Mittelerde zerbrechen und erzürnten die Herren des Westens. Das wird dir nur keiner erzählen. Entweder sind sie längst alle zu Staub zerfallen, oder fortgesegelt."
Sie schwieg und massierte sich die Schläfen. Eine kleine Stimme in ihrem Hinterkopf sagte ihr, dass sie vorsichtig sein sollte.
"Schweigendes Einverständnis? Wohl kaum, aber denk darüber nach. Elben sind Menschen gar nicht so unähnlich. Sie sind wie sie, nur alles verstärkt. Schneller, stärker, intelligenter, brutaler, melancholischer und vor allem gefährlicher."
"Und trotzdem glaube ich nicht, dass sie an Saurons Taten irgendeine Schuld trifft", erwiderte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen.
Der Alte paffte weiter an seiner Pfeife und blies eine weitere, große Wolke Rauch hervor.
"Du glaubst, aber du weißt es nicht. Genauso wie du glaubst, dass du nicht weißt wohin dich dein Weg führt. Das ist falsch. Menschen, die nicht weiter wissen glauben. Menschen, die sich Dinge nicht erklären können, glauben an etwas, was ihnen am wenigstens Angst bereitet. Sie sind blind, für offensichtliche Dinge."
Adrienne verschränkte trotzig die Arme. Der Alte wirkte mehr und mehr wie ein Mann mittleren Alters. Er saß aufrecht und streckte nur selten hin und wieder den Rücken durch. Sie blinzelte. Der Eindruck war wieder verschwunden. Himmelblaue Augen starrten sie an. Je länger es ruhig war und sie Zeit zum Nachdenken hatte, umso mehr machten seine Worte Sinn. Tatsächlich hatte sie bisher nur geglaubt, was sie als richtig empfunden hatte. Vielleicht lag sie falsch? Aber dann würde sie auch mit ihren Gefährten falsch gelegen haben? Erschrocken bei dem Gedanken schüttelte sie den Kopf. Nein, selbst wenn sie Elben wären, hatten sie sie gut behandelt.
"Du glaubst wieder. Du möchtest, dass es nicht wahr ist, und sperrst dich. Ich verstehe dich. Unangenehme Dinge schiebt man gerne von sich und baut sich eine wundervolle Illusion."
Alarmiert blickte sie ihn an, eine Hand wanderte zu ihrem Schwert. "Woher...?"
"Wenn man so alt ist wie ich, lernt man aus Gesichtern und der Körpersprache zu lesen. Du musst dich nicht bedroht fühlen. Ich möchte einfach nur reden."
Erneut blickte sie in den Schatten der Kapuze. Himmelblaue Augen starrten kalt wie Eis ihr entgegen. Der von grauen Strähnen durchzogene Bart wirkte wohl gepflegt. Zwei Reihen weißer Zähne blitzten im Schatten auf, als der Alte lächelte.
"Mein Gesicht kann man nicht lesen, junge Dame. Hast du wirklich die Zeit und Nerven, dich mit einem alten Mann wie mir so eingehend zu beschäftigen? Du schienst ziemlich aufgewühlt zu sein, als ich dich gefunden habe. Also, reden wir nicht über mich, oder willst du immer vor deinen Problemen davon laufen?"
"Ich..." Adrienne wusste nicht, was sie antworten sollte und ihre Kopfschmerzen lenkten sie von dem Gespräch ab. Eigentlich hatte sie nach seinem Namen fragen wollen, doch die Bilder von den vergangenen Stunden holten sie wieder ein.
"Es tut weh, nicht wahr?" Die Stimme des Mannes schien eine Spur kräftiger zu sein.
Sie schreckte aus dem Gedanken und blickte wieder in die himmelblauen Augen. Noch immer fand sie dort nur Eiseskälte. Nervös leckte sie sich über die trockenen Lippen. Das Feuer knackte einmal laut und jagte ihr einen Schauer den Rücken hinab. Möglichst unbekümmert fragte sie, was er meinte. Der Mann tippte sich an den Kopf und nickte vielsagend. Adrienne lief ein weiterer Schauer ihren Rücken hinab. Ihr Körper spannte sich instinktiv. Die kleinen Härchen an ihren Armen und Nacken stellten sich auf.
Dann ging alles sehr schnell. Sie zog ihr Schwert so schnell wie noch nie zuvor. Stahl prallte auf Stahl. Die Wucht des Aufpralls ließ ihre Hände taub werden. Ihre eigene Klinge presste gegen ihren Hals. Der kalte Stahl wurde plötzlich warm.
"War das klug?" Die Stimme des Mannes hatte einen höhnischen Tonfall und der Druck auf ihrem Schwert wurde plötzlich unmenschlich. Mit einem Schrei drehte sie den Kopf weg und ließ den Mann an sich vorbeisausen. Sein Schwert ritzte ihr dabei die Schulter auf. Blut sickerte durch den Stoff und ließ in feucht auf ihrer Haut kleben. "Hmm", machte ihre Angreifer anerkennend. Adrienne machte einen Satz zurück und packte ihr Schwert mit beiden Händen. Ihr Blick fixierte den Schatten unter der Kapuze. Die himmelblauen Augen starrten sie noch immer ausdruckslos an. Ein kleines Lachen war zu hören. Es klang höhnisch und ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
"Warum tut Ihr das?", fragte sie keuchend und umklammerte ihr Schwert fester.
Der Mann packte sein eigenes Schwert mit einer Hand und fuhr sich durch den schwarzen Bart. "Ich wollte nur wissen, wie weit Ihr Euch entwickelt habt." Er machte einen Satz auf sie zu, seine Klinge zielte auf ihren Bauch. Sie parierte und schlug die Klinge zur Seite. Seine Faust prallte hart gegen ihr Kinn. Adrienne taumelte rückwärts. "Tz, enttäuschend. Früher hättest du das locker kommen sehen", kommentierte der Kerl und ging etwas auf Abstand, "Vielleicht ist es noch zu früh."
Sie wischte sich mit dem Handrücken das Blut von der aufgeplatzten Lippe. Diesen Augenblick nutzte ihr Gegner sofort und überwandt die drei Schritt in einem einzigen Atemzug. Adrienne riss ihre Klinge hoch. Stahl prallte auf Stahl. Der Gewalt des Zusammenstoßes ließ sie in die Knie gehen. Sie biss die Zähne zusammen und stemmte sich mit aller Macht dagegen. Die Muskeln in ihren Armen zitterten vor Anstrengung. Ihr Blick fiel auf die Hände ihres Gegner, die in schwarzen Handschuhen steckten. Sie hielten den Griff der fein gearbeiteten Waffe völlig mühelos. Eine Mischung aus Zorn und Neid flammten in ihr auf. Der stechende Schmerz an ihren Schläfen verschwand für einen Augenblick.
"Ah, da kommt es. Wurde auch Zeit. Komm, ein bisschen noch."
"Verdammtes A-", Adrienne stockte vor Wut und atmete tief ein. "Verarsch mich nicht!", brüllte sie und stemmte sich erneut mit aller Macht gegen die Klinge, die auf ihren Hals zielte. Ihre Muskeln schrien durch die Anstrengung auf, doch machte es sich bezahlt. Das Schwert ihres Gegners bewegte sich! Erst einen nagelbreit, dann ein fingerbreit.
"Hoo. Du kannst es ja doch", kommentierte ihr Gegner mit gespielter Überraschung und machte lässig einen Schritt zur Seite. Adrienne fiel keuchend vornüber. Mit der linken Hand fing sie ihren Sturz auf, sodass sie fast auf allen vieren da hockte. Ihre Rechte umklammerte noch immer den Griff ihres Schwerts. Aus ihren Augenwinkel konnte sie die Stiefeln ihres Gegners stehen, der ganz sicher kein Greis war. Sie war in eine Falle geraten. Fluchend hieb sie mit der Faust auf dem Waldboden. Ihre Beine zitterten vor Erschöpfung. Mühsam kämpfte sie sich auf die Knie und blickte auf. Vor ihr ragte der Fremde auf wie ein unbesiegbarer Turm, sein Schwert lässig in einer Hand. "War's das? Vielleicht ist es tatsächlich noch zu früh..."
"Wer... wer bist du, elender Mistkerl?", stieß sie keuchend hervor.
Die himmelblauen Augen im Schatten der Kapuze verengten sich, dann blitzten die perfekten weißen Zähne auf. "Ich bin der Reisende. Noch sagt dir das nicht, warte noch ein paar Tage ab, dann wird es Sinn machen."
Der Reisende stieß sein Schwert mit der Spitze in den Waldboden und balancierte seinen rechten Ellenbogen auf die breite Parierstange, auf dem er seinen Kopf stützte.
"Du weißt, dass du bei einem ernsten Kampf längst Geschichte wärst... ach nein, Geschichten erzählt man sich nur über Dinge, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben." Er packte sein Schwert und ließ es kreisen. "Und so wie du jetzt bist..." Die blutbesprenkelte Klinge stoppte nur einen Fingerbreit vor ihrem Gesicht, "Bist du es nicht wert, dass von dir erzählt wird. Du hinterlässt nichts. Dein Leben war wertlos und hatte keinen Sinn."
In Adriennes Kopf platzte ein Knoten. Ihre aufgestauten Gefühle und verdrängten Emotionen brachen hervor. Wie eine rote Welle aus Wut, spülte sie ihre Zurückhaltung davon. "Ich sagte...", knurrte sie leise und richtete sich mühsam mit ihrem Schwert auf, "Du sollst mich nicht verarschen, so wie es alle anderen auch schon tun! Und schon gar nicht du!!"
Die himmelblauen Augen des Reisenden blitzten kurz auf. Stahl sirrte. Adriennes Schlag war nur ein flirrender Schatten. Etwas klirrte metallisch. Dann war es vorbei.

Keuchend krallten sich ihre Finger in den feuchten Waldboden. Tannennadeln und Metallstücke stachen in ihre Hände. Ihr Blick lag auf ihrem Schwert, das vor ihr auf dem Boden lag. Tränen ließen ihren Blick verschwimmen.
"Ein Jammer", befand der Reisende gefühllos und schob mit dem Stiefel die abgebrochene Klinge ihres Schwert in ihr Blickfeld, "Eine gute Klinge, aber zu schwach um dieser Gewalt standzuhalten. Ich glaube, sie war dir ein langer Begleiter."
"Warum?", murmelte sie von einem verdrängten Schluchzer unterbrochen, "Warum tust du mir das an?"
Der Reisende rammte sein Schwert direkt vor ihr tief in den Waldboden. "Weil es nötig war. Du wirst es noch sehen."
Sie hob den Blick, doch das Gesicht ihres Feindes war noch immer im Schatten der Kapuze verborgen.
"Hasse mich, hasse diese Welt, was sie aus dir gemacht hat und hasse dich selbst. Sieh her", forderte er sie auf und nahm seine Hände vom Griff des Schwert, sodass er es nur noch mit einem Finger berührte. "Du hast es nicht."
Adrienne biss sich wütend auf die Lippen. Sie wollte ihm nicht die Genugtuung geben nachzufragen. Zornig starrte sie ihn an, während ihre Blickfeld nach und nach schrumpfte. Sie war an ihrem tiefsten Punkt ihres Lebens angekommen und dieser Mistkerl tauchte einfach auf und trat noch einmal nach. Nein, er trampelte auf ihr herum. Dennoch... irgendwie wurde ihr klar, was er meinte. Sie wusste es tief in ihrem Inneren, unafähig es zuzugeben. Den Willen zu töten. Bisher hatte sie nie bewusst ein Leben genommen. Ihre Kopfschmerzen pochten wieder unablässig, sodass sie ein Auge zukneifen musste. Ein leises Ächzen kam über ihre Lippen. Sie hasste ihn. Er ließ sie Dinge klar werden lassen, die nie hatte zugeben wollen. Adrienne hatte sich selbst stets als zu schwach gesehen. Sie hatte sich mit Stärkeren umgeben, um von ihrer eigenen Unsicherheit abzulenken. Ihre eigene Unzufriedenheit hatte sie einfach heruntergeschluckt und weit von sich geschoben. Ihr Blick fixierte wieder die himmelblauen Augen unter der Kapuze. Er war es. Er war schuld. Und die Elben, die sie soweit getrieben hatten. Sie hasste sich selbst. Weil sie nicht verhindern konnte, dass ihre Mutter getötet wurde. Nein, sie hatte untätig dabei zugesehen. Wer nichts tat, war genauso Schuld. Nur durch ihre Untätigkeit ist ihre Mutter umgekommen. Sie biss die Zähne zusammen, dass es knirschte. Ihr Kiefer knackte. Der Reisende war Schuld, dass die schöne Illusion zerbrochen war, die sie sich selbst über die Jahre so mühsam aufgebaut hatte. Den Tod ihrer Mutter. Ein Erlebnis, an das sie sich bis jetzt nicht erinnern konnte, weil sie diesen Weg zu diesen Erinnerungen mit einer schönen Illusion überblendet hatte. Und es war der einzige Moment in ihrem Leben, an dem sie mit ganzem Herzen jemanden töten wollte. Zu sehen, wie das Licht aus den Augen erlischt, das pochende Herz aufhört zu schlagen und der Strom des Blutes versiegt. Sie atmete aus. Den Mörder ihrer Mutter. Ein Mann aus Gondor. Ein Kerl mit himmelblauen Augen. Ein schwarzer Bart, weiße Zähne, die im Dunkeln aufblitzten. Adrienne schrie auf und packte in die blanke Klinge.
"Du!", knurrte sie hasserfüllt.
"Oh, gefährlich." Der Reisende machte einen alarmierten Satz zurück und zog dabei die Klinge weg. Adrienne ließ jedoch nicht los, obwohl das Schwert ihr bis auf die Knochen schnitt. Ein rotes Glimmen ließ sie aufblicken. Die Hohlkehle an dem Schwert ihres Feindes begann zu glühen, doch spürte sie keine Hitze.
"Interessant", befand der Reisende und rammte die Waffe in den Boden, "Scheinbar geht es ja doch."
Adrienne wollte aufstehen, doch aus ihrem Körper war jegliche Kraft gewichen. Ihre Arme und Beine zitterten unkontrolliert. Kalter Schweiß lag auf ihrer Stirn. Die Wunde in ihrer Schulter brannte heiß und kalt. Ihre Kleidung klebte durchschwitzt an ihrem Körper. Der Reisende maß sie mit abschätzigem Blick und neigte dann den Kopf.
"Das Schwert gehört dir." Mit den Worten wandte er sich ab und trat an sein Pferd.
Sie schluckte ihre Wut für einen Moment und rief: "Was soll das? Komm her und kämpfe!"
"So dumm kannst du doch nicht sein. In deinem Zustand wäre es ein Wunder, wenn du es zur Elbenstadt schaffst", erwiderte der Reisende gleichgültig und steckte lässig seine Daumen hinter seinen Gürtel, als er in das Unterholz verschwand. "Nimm den Gaul und verreck' nicht. Wir sehen uns wieder. Dann kannst du dein Glück erneut versuchen. Bis dahin solltest du über das nachdenken, was ich dir gesagt habe. Und denk dran, ich hätte dich von Anfang an ohne Probleme töten können. Bis zum nächsten Mal, Prinzessin der Ketten."
Er winkte ihr noch einmal und war fast verschwunden.
"Warte!, rief Adrienne und versuchte sich aufzurichten, doch war das unmöglich, "Wieso?! Wieso meine Mutter? Wir haben dir nie etwas getan!"
Der Reisende verharrte und antwortete ohne sich umzudrehen: "Das Schwert ist dein, das war es schon immer. Denk dran, wenn du es ziehst. Zu deiner Frage, warum bist du dir so sicher, dass ich es war? Glaubst du es nur, oder weißt du es?"
Mit den Worten verschwand der Reisende im Unterholz. Adrienne konnte nun endlich ihren Tränen freien Lauf lassen. Wie betäubt tastete sie nach ihrem Reisemantel und nahm eine Ecke zwischen die Zähne, mit der unverletzten Hand riss sie einen breiten Streifen ab. Mit etwas Mühe verband sie ihre blutende Hand. Damit war ihre schwerste Wunde versorgt und sie erholte sich an den Baumstamm gelehnt, an dem warmen Feuer.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Adrienne sich ein wenig bewegen konnte. Der Schnitt an ihrer Schulter war zum Glück nicht ganz so tief. Sie vermutete aber, dass der Stoff mit der Wunde zusammenklebte. Zerknirscht blieb sie an dem Baumstamm gelehnt, während das Pferd immer unruhiger wurde. Offenbar war es hungrig, denn es scharrte immer wieder mit den Hufen und senkte den Kopf. Adrienne vergrub das Gesicht in den Händen. Sie wollte nicht nachdenken, was gerade geschehen war. Ihre Haare hingen ihr wirr im Gesicht und sie hatte das Gefühl kurz vor dem Umkippen zu sein. Zähneknirschend fasste sie einen Entschluss. Mühsam rappelte sie sich auf und taumelte auf wackligen Beinen zu dem Schwert, das sie bisher nicht beachtet hatte. Es war eine polierte Klinge, an der noch immer ihr Blut haftete. Das Schwert an sich war generell etwas länger als ihr Altes. Es konnte so gerade noch als Anderthalbhänder zählen. Die Parierstange war aus einem ihr unbekannten schwarzen Stahl gefertigt. Nachdenklich untersuchte sie die Hohlkehle, die vorhin so merkwürdig geglüht hat, doch bis auf mysteriöse Schriftzeichen, die ihr nichts sagten, konnte sie nichts entdecken. Zögerlich berührte sie den stählernen Griff. Trotz ihrer Befürchtung, geschah nichts. Etwas unwohl schob sie die Waffe in die leere Scheide an ihrer Hüfte. Das Schwert lugte durch die zusätzliche Länge etwas hervor. Adrienne beschloss es nur im äußersten Notfall zu benutzen. Zum Schluss band sie das Pferd los und kletterte mühsam hinauf. Erschöpft von der Anstrengung sackte sie im Sattel zusammen. Benommen lenkte sie das Pferd auf den nahen Pfad zur Südstraße. Ohne große Mühe brachte das Tier sie aus dem Unterholz und folgte dem ausgetretenen Pfad nach Süden. Adrienne fielen hin und wieder die Augen zu, ihr Kopf pochte fürchterlich und ihr Mund war staubtrocken. Immerzu rieb sie sich die Hände, um sie warm zu halten. Nach einer Weile fiel ihr auf, dass es an der Brust ebenfalls ungewöhnlich kühl wurde. Sie tastete danach und spürte Feuchtigkeit an den Fingern. „Verdammt“, zischte sie und ließ das Pferd schneller laufen. Der Reisende hatte wohl Recht, ging es ihr durch den Kopf. Es brauchte ein Wunder, dass sie es lebend zurück in die Stadt schaffte. Benommen schaukelte sie mit dem Gang des Pferdes, während ihr Blick immer weiter verschwamm. „Verdammter Mistkerl“, murmelte sie nur noch, dann wurde ihr schwarz vor Augen.

Curanthor

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Von Ungewissheit, Furcht und etwas Uralten
« Antwort #6 am: 9. Apr 2021, 07:03 »
Aus Adriennes Sicht


Es war kalt und dunkel, bis auf gelegentliche Lichtblitze. Irgendwo hörte sie ein kaum vernehmbares Murmeln. Ihr Kopf wackelte kraftlos auf und ab, was ihren Nacken ziemlich strapazierte. Ihre Augen fielen ihr immer wieder zu, während ihr Schädel brummte. Nach einer Weile fiel ihr auf, dass sie wohl auf einem Pferd war, oder getragen wurde. Das Gemurmel wurde etwas lauter, aber sie verstand bis auf einzelne Wortfetzen, die keinen Sinn ergaben kein Wort. Scharfer Schmerz ließ Adrienne keuchen, als sie unsanft zu Boden geworfen wurde. Ihre Schulter pochte dumpf und der ganze rechte Arm kribbelte, so als ob er eingeschlafen war. Das unverständliche Gemurmel wurde klarer, je weiter der Schmerz abebbte. Sie versuchte sich etwas zu bewegen, als sie bemerkte, dass ihr die Arme auf den Rücken gebunden waren. Offenbar hatte man ihr auch einen Sack über den Kopf gezogen.
„… verdammter Oiráno, warum hat er uns nichts gesagt“, zischte eine müde Stimme, die manche Wörter merkwürdig tief betonte. Sie hörte, wie sich jemand ihr vorsichtig näherte. Adrienne zuckte unwillkürlich zurück, als ein Schatten durch den Stoff auf sie hinabfiel.
„Lormornion, deine Überraschung bewegt sich“, stellte eine rauchige, weibliche Stimme erstaunt fest. Dann verschwand der Schatten aus ihrem gedämpften Blickfeld.
„Danke, Alcarúsa, dass du meinen Namen so schön ausplauderst. Vielleicht sagst du ihr gleich wer wir sind, dann hätten wir uns all das hier sparen können. Idiot.“
Adrienne verstand nicht die bissige Antwort, die folgte, da in einer ihr unbekannte Sprache gesprochen wurde. Sie klang rau und zischend, mit tiefen, kehligen Lauten dazwischen. Offenbar wurde hitzig diskutiert. Adrienne atmete flach und hoffte, dass man nicht bemerkte, dass sie wach war.  Probeweise bewegte sie ein Bein ein wenig und stellte fest, dass es nicht gefesselt war. Die winzige Bewegung reichte aber, dass die Auseinandersetzung der Fremden zunahm.
Eine neue, dröhnende Stimme erklang: „Das reicht ihr zwei. Es macht keinen Unterschied, ob sie unsere Namen kennt, niemand kann damit etwas anfangen.“
Die Frau, die wohl auf den Namen Alcarúsa hörte, schnaubte nur wütend. Eine melodische Stimme fragte nachdenklich: „Bist du dir sicher, dass sie es ist?“
Der Mann, der wohl Lormornion hieß, blaffte ungehalten: „Sonst würde ich das hier nicht riskieren, du Feigling.“
Offenbar kam es kurz zur Konfrontation, denn Adrienne erkannte das gedämpfte Geräusch von Klingen, die aus Scheiden gezogen wurden. Sie betete zum Himmel, dass sich die Fremden gegenseitig umbrachten und sie entkommen konnte. Ihre Instinkte drängte sie zur Flucht. In ihrem Magen hatte sich aber ein eisiger Ball eingenistet der sämtliche Kraft aus ihren Gliedern raubte. Ihre Hoffnungen gingen jedoch nicht auf.
„Es reich!“, brüllte die dröhnende Stimme bestimmend und ein Schauer lief ihr den Rücken hinab, „Wir sollten bestätigen, ob sie es wirklich ist. Muinaicu.“
Adrienne konnte geradezu die Blicke auf sich spüren. Ihre Nackenhaare stellten sich auf. Wer waren diese Leute? Was hatten sie mit ihr vor? Wie hatten sie sie gefunden, wo sie gar nicht so weit weg von der Elbenstadt war. Und wer sollte sie sein? Diese und mehr Fragen gingen ihr unablässig durch den schmerzenden Kopf. Plötzlich kehrte mit Wucht die Furcht zurück, dass dies auch die Häscher Mordors sein könnten. Adrienne kniff die Augen zusammen, als unerwartet der Sack von ihrem Kopf gezogen wurde. Sie hatte niemanden gehört, der sich ihr genähert hatte. Zwischen den Augenliedern hindurch blickte sie in eine düstere Kapuze. Ein Paar bernsteinfarbene Augen starrten zurück. Sie konnte kein Gesicht erkennen, kein Umriss, nur zwei Augen, die sie kalt musterten. Adrienne fühlte sich, als ob ein Metzger gerade ein Stück Fleisch betrachtete und überlegte, wie er es am besten in kleine Scheiben schnitt. Nur das der Metzger so aussah, als ob er gerade aus dem Herzen der Finsternis gestiegen war. Je länger er sie anstarrte, umso weicher wurden ihre Knie. Unbewusst hatten ihre Hände angefangen zu zittern. Die Schreckensgeschichten der Ringgeister gingen ihr durch den Kopf, doch das hier war etwas anderes.
„Muinaicu, das genügt.“ Nach der knappen Aufforderung durch die dröhnende Stimme, wich der in schwarze Roben gehüllte Mann zurück. Adrienne war sich zumindest sicher, dass es ein Mann war, denn der geheimnisvolle Fremde trug eine eng anliegende, schwarze Rüstung. Ein Dutzend Dolche hingen an drei Gürteln, die Muinaicu quer über Brust und an der Hüfte trug. Der Fremde wandte sich ab und setzte sich in einen Schatten, mit dem er fast verschmolz, einzig sein Umriss war erkennbar. Adrienne blickte sich hastig um. Sie lag auf einer großen Steinplatte eines großen Baugrundes. Scheinbar wurde hier ein größerer Turm gebaut. Begonnene Wände wanden sich in die Höhe, doch war alles unfertig. Die Treppe endete einfach mitten in der Luft. Ein ungeduldiges Schnalzen ließ sie wieder nach vorn blicken. Erst jetzt erfasste sie ein Dutzend düstere Gestalten in dem Turm. Ein wahrlich massiver Kerl, der einen unmöglich großen Zweihänder gegen seine Schulter gelehnt hatte, winkte ihr zu. Er saß auf einem großen Steinblock und eine schlanke Gestalt saß vor ihm auf dem Boden, gegen den Stein gelehnt und hatte ein Bein angewinkelt. Adrienne vermutete, dass dies Alcarúsa war. Eine Bewegung ließ sie nach rechts blicken, zwei weitere Fremde in schwarzen Roben lösten sich aus dem Schatten und umrundeten sie scheinbar neugierig. Ihr kam es eher so vor wie zwei Wölfe, die ein verletztes Reh umkreisten. Auf ein Zeichen des riesigen Schwertkämpfers packten die zwei Kerle sie grob unter die Arme und stellten sie hin. Etwas Spitzes stieß dabei gegen ihr Bein. Sie versteifte sich. Ihr Blick senkte sich und sie bemerkte, dass einer der beiden einen schwarzen Bogen in der freien Hand hielt. Ihr ging auf, dass seine Hand länger auf ihrer Schulter verweilte als nötig. Ekel stieg in ihr auf, doch sie unterdrückte den Impuls ihn von sich zu stoßen. Der andere hatte sich bereits neben Alcarúsa gesellt und schien sie abschätzig zu mustern.

„Linuro“, forderte der große Krieger den Bogenschützen mit seiner dröhnenden Stimme auf, „Du bist unhöflich.“ Der Mann erhob sich zu seiner vollen Größe und Adrienne schluckte unwillkürlich. Es war ein Berg von einem Krieger. Der Bogenschütze – Linuro – ließ sofort von ihr ab und verschwand in einem Schatten der Dämmerung. Das, was eigentlich nur ein langes Stück Metall in Form eines übergroßen Schwertes war, legte sich der Kerl ganz locker auf die Schulter. Er war größer als jeder Elb, den sie je gesehen hatte.
„Willkommen“, sagte der Riese schließlich und rammte das Schwert vor ihm in den Boden, beide Hände auf dem Knauf liegend, „Wisst Ihr, wer wir sind?“
Adrienne schüttelte halb benommen, halb eingeschüchtert den Kopf. Noch nie hatte sie von solch einem Krieger gehört. Er war ein wahrer Berg von einem Mann, gehüllt in einer schwarzen Rüstung, die unter seiner schwarzen Robe hervorblitzte. Auch er hatte sich eine Kapuze tief in das Gesicht gezogen. Ihr Blick huschte nach links und rechts, als die übrigen Fremden sich hinter dem Krieger versammelten. Es waren fünf insgesamt. Ihre Chance auf eine Flucht war gleich null. Der Bogenschütze würde ihr sofort einen Pfeil ins Bein schießen, oder der Riese brauchte nur sein unmenschliches Schwert zu werfen.
„Das ist enttäuschend“, sagte Alcarúsa schließlich kühl und machte eine wegwerfende Geste, „Und eine Flucht kannst du gleich vergessen, deine Körpersprache verrät dich.“
„Ganz ruhig“, forderte Lormornion sie auf, der eine große, doppelschneidige Axt vielsagend in beide Hände nahm.
Der Riese hob eine behandschuhte Hand und sagte beschwichtigend: „Es besteht kein Grund sich gegenseitig an die Kehlen zu gehen. Meine Gefährten sind etwas voreilig, seid nicht so wie sie. Zumal wir dann die Sicherheit einer bestimmten Person nicht gewährleisten können.“ Jegliches Blut wich aus ihren Kopf. Adrienne sah sich sofort nach einem Fluchtweg um. Ihre Muskeln spannten sich an. Sie hatte niemanden mehr, der ihr etwas bedeutete, bis auf ihren Bruder. Ihre Hand wanderte zu dem Griff ihres neuen Schwerts „Allerdings können wir dir auch helfen. Du hast Fragen und Schmerzen. Dich zerreißt etwas von innen heraus.“

Sie verharrte. Adrienne kniff die Augen zusammen und schluckte trocken. „Woher weißt du davon?“, fragte sie mit einem leichten Zittern in der Stimme. Ihre Beine waren noch immer wackelig vom Blutverlust, aber ihr Stand war sicher. Ihre Hand fand den Griff ihres neuen Schwerts, doch sie zögerte. Die Worte des Reisenden kreisten wieder im Kopf umher. Das Schwert ist dein, das war es schon immer.
Der Riese senkte die Hand, woraufhin sein Gefährte seine Axt wieder herunternahm. „Alles zu seiner Zeit. Zuerst sollten wir uns vorstellen, das gehört zum guten Ton.“ Der Krieger deutete auf sich selbst. „Die meisten Namen hast du sicherlich mitbekommen. Mich nennt man Naicohtar, oder auch Attëa Númendacil, nur Númendacil geht auch.“ Bei der kürzeren Version hatte sie das Gefühl, dass ihr Gegenüber süffisant grinste, wenn auch nur kurz. Der Name ließ aber dennoch den Ball aus Eis in ihrem Magen etwas schrumpfen und die Kraft kehrte in ihre Glieder zurück. Irgendwas kam ihr daran seltsam vertraut vor. Sie konnte sehen, wie sich die Vermummten Blicke zuwarfen. Offenbar warteten sie auf eine Antwort. In der Zeit der unangenehmen Stille bemerkte Adrienne, wie das Pochen in ihrem Kopf nachließ, der Schmerz in ihrer Schulter aber mit einem Stechen wieder zunahm. Gegen ihren Willen musste sie ihren Schwertgriff wieder loslassen. Es war fast so, als ob ihr Körper ihr nicht gehorchen wollte. „Was ist mit meinem Bruder“, zischte sie schließlich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Wenn du es unterdrückst, machst du es nur noch schlimmer, Tar-“
„Still! Noch nicht“, unterbrach  Naicohtar Alcarúsa scharf, „Halte dich an den Plan.“
Die Kriegerin zischte nur ungeduldig und zuckte mit den Schultern. „Dann nicht. Beschwer dich aber nicht, wenn wir später den Kürzeren ziehen. Sonst wird es so wie früher.“
„Das wird nicht passieren“, schaltete sich Linuro mit seiner melodischen Stimme ein, „aber ich denke, dass wir ihr es sagen können. Sie ist weiter, als wir geplant haben.“
„Scheiße“, murmelte  Naicohtar und fasste sich an den Kopf und schien kurz zu überlegen, „Also gut. Wie ist dein Name, Mädchen?“
Das erwischte sie unvorbereitet. „Ta… A-ad..rienne?“, erwiderte sie stockend. Irgendwie wollte der Name nicht über ihre Zunge. Der pochende Kopfschmerz schoss ihr wieder in die Schläfen. Ihr Blick verschwamm leicht. Die Wunde an ihrer Schulter brannte plötzlich so stark, dass sich ihre Hand ungewollt zur Faust ballte. „Was… geschieht hier?“
„Tar-Minyaheri o Atani.“
Das Rasseln von Ketten begleitete die Nennung des Titels…oder war es ein Name? Sie wusste es nicht genau, doch Adrienne lief es kalt den Rücken hinab. Der Klang hatte etwas bekanntes, doch konnte sie sich nicht rühren. Ihr Körper war wie erstarrt. Kalter Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn. Die Stimme war krächzend, leise und klang wie ein stählernes Reibeisen. Es war fast so, als ob sie in ihren Ohren schmerzte. Mit zusammengekniffen Augen blickte sie zu den vermummten Kriegern, die alle respektvoll den Kopf gesenkt hatten. Erst nach einem Augenblick bemerkte sie, dass etwas hinter ihr stand. Adrienne hatte das Gefühl, dass sich eine eiskalte Hand um ihre Kehle gelegt hatte und nun unbarmherzig zudrückte. Ihr Blickfeld schrumpfte, als sie nach Luft rang. Unfähig irgendetwas zu tun, stand sie einfach nur da.
„Was macht so ein unvollendetes Ding hier?“, fragte die grausame Stimme weiter, diesmal an die Fremden gewandt, „Das war nicht das, was ich angeordnet hatte.“
Linuro, der wohl am besten mit Worten umgehen konnte, antwortete sogleich erstaunlich respektvoll: „Oiráno hat sie fast abgestochen, Lormornion hatte sie rechtzeitig gefunden, verbunden und hergebracht.“
Die Ketten rasselten weiter. „Der Wanderer…“, murmelte die Stimme nachdenklich, „Es war wohl ein Fehler ihm das hier zu überlassen. Er spielt zu gerne herum und verschwendet unsere Zeit.“
Adrienne hielt es nicht länger aus und fiel keuchend auf die Knie, noch immer nach Luft ringend.
„Wie langweilig“, wisperte die Stimme plötzlich dicht an ihr Ohr. Kälte kroch auf ihre Wange. Sämtliche Instinkte im ihren Körper schrien ihr zu, sich nicht umzudrehen. War das einer der Nazgûl? Erneut rasselte eine Kette und das Geräusch schien sich zu entfernen. Ein Schauer lief ihr erneut den Rücken hinab. Der Druck auf ihrer Kehle ließ etwas nach. „Alcarúsa“, krächzte die Stimme bestimmend, „Du erweckst den Schlächter. Und der Rest von euch bringt den Stein ins Rollen und diesmal keine Fehler.“ Dann war der Druck fort und ihr erstarrter Körper schien ihr wieder zu gehorchen. Adrienne fiel kraftlos wie ein altes Mauerwerk zusammen. Sie hatte keine Kraft mehr und Hoffnungslosigkeit überrollte sie. Alles war aussichtslos. Nichts und niemand würde sie retten können und sie selbst war schwach. Es gab keine Antworten… da war nur Ungewissheit und Furcht. Und Wut auf die Welt. Ihre Gedanken kreisten immer weiter. Niemand hatte sie verstehen können. Sie war alleine und ohne Freunde gewesen. Kurze Lichtblicke, die sie hinter sich gelassen hatte. Und selbst wenn sie ihre Gefühle offenbart hatte, hat man sie nicht verstanden. Ihre zitternde Hand fuhr ganz kurz über ihre rissigen Lippen. Vielleicht hatte sie es einfach nicht verstehen wollen… Adrienne wollte weinen, aber ihre Augen weigerten sich. Trocken starrten sie in die aufkommende Dunkelheit. Eine schattige Welt, für die sie nur noch Verachtung übrig hatte. Ein riesiger, schwarzer See. Mit ihr in der Mitte. Ihr Körper war federleicht, losgelöst von dem Schmerz. Egal was sie ihr antaten, sie spürte nichts. Sie schloss die trockenen Augen und weinte eine unvergossene Träne. Vielleicht war es gar nicht so übel einfach vergessen zu werden, ging es ihr noch durch den Kopf. Am besten hätte sie nie existiert. Es gab auch niemanden, der um sie trauern würde. Dann ließ sie los.


Alcarúsa blickte auf die zusammengesackte Gestalt am Boden und verschränkte die Arme. Ein wertloses Häuflein Elend, mehr war es nicht mehr. „Und was jetzt?“, fragte sie etwas ratlos in die Gruppe.
„Was weiß ich, kitzle sie mal mit deinem Schwert, vielleicht weckst du sie damit“, erwiderte Linuro und wandte sich zum Gehen, „Ich kundschafte die Gegend aus, mal sehen ob ich den alten Gauner Oiráno finde.“
„Das brauchst du nicht, er bewacht den Menschenbengel“, schaltete sich Númendacil ein, „Aber du solltest aufpassen, dass die Spitzohren nicht hier nicht plötzlich auftauchen. Lormornion hat bei seinen Schleichereien bemerkt, dass sie recht viel mit deren führenden Persönlichkeiten zu tun hatte. Ich bezweifle es aber, die Eregrim werden bald so oder so alle Hände voll zu tun haben.“
Der Bogenschütze zuckte nur mit den Schultern und verschwand im nahen Unterholz, Muinaicu schloss sich ihm wie gewohnt wortlos an. Alcarúsa blickte zu dem riesigen Krieger Númendacil, der einer der ältesten unter ihnen war. Er hatte sowas schon öfters gemacht, sie hatte bisher nur zugesehen. Númendacil bemerkte ihren fragenden Blick und seufzte ungehalten. Ein kaltes Grinsen schlich sich auf ihre Lippen. Ihr Anführer war zu sehr seinem Ehrenkodex verschrieben und zuvorkommend. Er wusste, dass sie das schamlos ausnutzte, aber sagte nie etwas. Er würde ihr wohl einfach mit der bloßen Faust den Kopf einschlagen, wenn sie es übertrieb. Númendacil begann indessen monoton zu erläutern, was zu tun war. Das Brechen und kleinmalmen der Persönlichkeit war schon fast abgeschlossen. Dann wurde es richtig kompliziert und sie rollte nur mit den Augen, während der Krieger auch gleichdirekt zeigte, wie es ging. Die Erklärung zog sich schon fast eine ganze Stunde lang, bis der Krieger zum Schluss kam: „Wenn du so dumm bist und auf Linuro hörst, wirst du etwas entfesseln, das niemand kontrollieren kann. Gib ihr Zeit. Es dauert eigentlich nicht…“
Ein kühler Wind ging plötzlich durch die Turmbaustelle. Númendacil verstummte und ließ das blutige Messer sinken. Alcarúsa fröstelte ein wenig und zog sich ihre Robe enger. Sie blickte wieder auf den Körper vor ihr am Boden. Blutige Linien und Schriftzeichen zogen sich quer über die Haut der nackten Arme und Beine. Als sie genauer hinsah, bemerkte sie schwarze Linien, die sich anfingen durch die frischen Wunden zu fressen. Wie Risse im Eis bewegten sie sich fort, manchmal übersprangen sie ein Zeichen, das Númendacil sorgfältig in die Haut des Mädchens gearbeitet hatte, manchmal folgten sie den Adern. Selbst die frischen Stellen an Schlüsselbein und Brust wurde von schwarzen Linien durchzogen, die ein archaisches Muster ergaben.
„Ist das eine von den Komplikationen, von denen du gesprochen hast?“, zischte sie beunruhigt und legte ihre Hand an den Griff ihres Schwertes. Es war äußerst selten, dass gerade sie, die immer mit Furcht und Grauen arbeiteten, etwas als bedrohlich empfanden, aber sie konnte stehen, dass all ihre Kampfgefährten ihre Waffen bereithielten.
„Steh‘ ganz langsam auf“, murmelte Númendacil schließlich leise, aber eindringlich „Keine hektischen Bewegungen. Ich glaube, sie hat alles von Anfang an gehört. Jedes. Einzelne. Wort.“
Ihre Augen weiteten sich, als Alcarúsa begriff was das bedeutete. Quälend langsam zogen sie sich von der halbnackten, jungen Frau zurück. Fingerbreit um fingerbreit. Niemand sonst rührte sich. Es herrschte absolute Stille wie in einem Grab. Ihr Blick war auf das unschuldig wirkende Gesicht fixiert. Unter normalen Umständen hätte sie es als äußerst hübsch beschrieben. Die Augen des Mädchens blieben geschlossen. Und sie betete zu dem Dunklen, dass es so blieb. Ein Steinchen geriet unter ihre Sohle und knirschte leise. Sofort blieb sie stehen. Númendacil warf ihr einen angespannten Blick zu. Nach einem kurzen Ausatmen machten sie noch einen Schritt. Sofort schaute sie der Bewusstlosen wieder ins Gesicht. Die geschlossenen Augen waren offen. Sie fand dort nichts als Schwärze.
Ehe noch irgendjemand etwas sagen konnte, brach die Hölle los. Alcarúsa hatte kaum Zeit ihr Schwert zu ziehen. Die rot leuchtende Klinge der Wahnsinnigen prallte gegen ihre halb gezogene Waffe. Sie war so stark, dass sie nicht weiter ziehen konnte. Das funkelnde Rot des Schwerts reflektierte sich in den irislosen Augen. Leere gähnte ihr dort entgegen.
„Sch-“, Ihr Fluch wurde von einer Faust unterbrochen, die auf ihre Nase prallte. Mit einem trockenen Knacken brach sie. Blut spritzte ihr über Mund und Kinn. Die Wucht ließ sie ein wenig durch die Luft segeln. Auf dem Boden aufgekommen, rappelte sie sich gleich wieder auf und hielt sich fluchend die blutige Nase. Númendacil hatte derweil alle Hände voll zu tun, um die randalierende Frau in Schach zu halten. Er nutzte sein riesiges Schwert als Schutzschild und fing die vorschnellende Klinge immer wieder mit bloßen Händen auf. Blut spritzte dabei auf den Boden. Es war kein Kampf, sondern nur blinde Tollwut. Sie kämpfte ohne raffinierten Schwerttechniken, Taktiken, oder Finesse sondern nur dem Willen zu vernichten. Alcarúsa riss sich zusammen und zog ihr Schwert, Wut kochte in ihr hoch.
„Tötet sie nicht“, rief der Krieger indessen angestrengt und prallte das hervorschnellende Schwert mit seiner Klinge zur Seite, „Es wird sich irgendwann überanstrengen und wieder verschwinden. Ihre alte Persönlichkeit sollte dann zurückkehren.“
Linuro, der von dem Kampflärm zurückgekehrt war und gerade seinen Bogen spannte rief: „Ist das schon einmal geschehen?“
Alcarúsa verneinte und warf sich in den Kampf. Sofort flog ihr eine Faust entgegen. So kriegst du mich nicht noch einmal! Sie wich dem Schlag aus, und rammte den Knauf ihres Schwerts in die ungedeckte Rippe. Die Wahnsinnige stolperte zur Seite, nur um dann umso entfesselter auf Alcarúsa loszugehen. Ein Hagel von Hieben prasselte auf sie ein. Sie blockte einen Schlag von links, wich einer Faust aus und parierte einen Stich auf ihren Bauch und konterte ihrerseits mit einem Schnitt am Bauch. Zu ihrem Erstaunen war es nur eine flache Wunde, die kaum blutete.
„Was beim Schwarzen Jäger ist das?“, rief sie keuchend, ihren eigenen Blutdurst kaum in Schach haltend. Ihr Blickfeld verschwamm rot.
„Etwas Uraltes“, antwortete Númendacil kurz angebunden und schubste sie grob zur Seite. Seine gewaltige Klinge prallte gegen das schlanke Schwert, dort, wo vor einem Augenblick noch ihre Kehle gewesen war. Linuro fand endlich die passende Gelegenheit und ließ seinen Pfeil von der Sehne. Das schwarz gefiederte Geschoss durchschlug den linken Oberschenkel. Und auch diese Wunde blutete kaum. Wie war das mit dem ‚nicht töten‘? Ging es ihr durch den Kopf. Das, was da gerade im Körper der jungen Frau kämpfte, ließ nur einen kurzen, unmenschlich hohen Ton von sich, ohne im blinden Wutrausch innezuhalten. Schließlich warf sich Lormornion unerwartet in den Kampf, der sich sonst nie einmischte. Seine große Axt verfehlte den Hintern der jungen Frau um Haaresbreite, als diese sich wegdrehte. Dabei blockte sie Alcarúsas Klinge mit einem erstaunlich akrobatischen Tritt und stach Númendacil durch die unerwartete Nähe in die Schulter. Sofort machte sie einen Satz zurück und auch das Wesen bemerkte die Gefahr. Der große Krieger ging mit einem wütenden Knurren in die Offensive und schwang seine brachiale Waffe. So viel zur Zurückhaltung. Ein weiterer Pfeil Linuros landete zielgenau im rechten Oberschenkel und blieb stecken. Das Bein knickte sofort ein. Númendacil führte einen Überkopfschlag aus. Die Besessene wollte sich aufrappeln, doch als es nicht klappte, riss sie kniend das Schwert zur Parade hoch. Der Krieger reagierte in letzter Sekunde und nahm mit seiner gesamten Muskelkraft den Schwung aus dem Schlag. Ein scharfer Knall ertönte, gefolgt von einem weiteren, unmenschlichen Schrei, der in den Ohren schmerzte. Das rote Schwert war durch die gewaltigen Kräfte zersprungen. Alcarúsa wartete ab, zu dritt umkreisten sie die Verletzte, die sich beide Hände vor das Gesicht geschlagen hatte. Zwischen den Fingern quoll Blut hervor und sie konnte sehen, dass ein langer Schnitt durch Augenbraue, Auge und Wange lief, gespickt von Schwertsplittern.
„Ist es vorbei?“, fragte Linuro leise, mit einem neuen Pfeil auf der Sehne.
Númendacil bedeutete ihm zu warten und ging vor der Verletzten auf ein Knie. „Nahtara?“
Keine Reaktion. Alcarúsa fluchte leise. Diese verdammte, schwarze Blutmagie! Ihr war das so oder so nie so geheuer gewesen, jetzt verabscheute sie es, obwohl sie regelmäßig damit zu tun hatten. Ihre Wut war noch nicht gedämpft, also packte sie die hockende Frau an der Schulter. Sie hoffte darauf, eine altbekannte Reaktion zu bekommen, sei es ein bissiges Wort oder einen Faustschlag.
Unerwartet riss sich die Verletzte los. „Bâ kitabdahê!“ Der Ausruf kam so plötzlich, dass sie alle einen winzigen Moment zurückwichen, bereit für einen weiteren Kampf. Doch dazu kam es nicht.
Schneller als sie es für möglich gehalten hätten, rannte ihre Gefangene stattdessen aus dem Turm und nutzte den Moment der Verwirrung. Ein Pfeil von Linuro schrammte über die Schulter der Fliehenden und hinterließ einen tiefen Schnitt. Sie taumelte kurz, rannte jedoch weiter und war bald außer Reichweite. Erneut stellte Alcarúsa fest, dass die frischen Wunden kaum bluteten. Sie wollte hinterher, doch Númendacil hielt sie zurück. „Entweder stirbt sie am Blutverlust, oder das Ding übernimmt die Kontrolle – so oder so sehen wir sie nie wieder. Und selbst wenn sie es schafft und alles übersteht, wir haben noch immer die Oberhand. Oiráno sollte mit dem Balg bald zurückkehren, dann kümmern wir uns um die wirklich wichtigen Dinge.“
Lormornion schnaubte unzufrieden und warf seine Axt in eine Ecke. Er hasste Niederlagen und Alcarúsa konnte ihn gut verstehen. Selbst für sie hatte das plötzliche Ende des Kampfes einen bitteren Beigeschmack, obwohl es ihr nie ums Gewinnen ging. Sie wollte ihre Opfer in Angst und Schrecken versetzen, was diesmal gründlich misslang und sogar auf sie selbst zurückgefallen war. Sie warf Númendacil einen wütenden Blick zu, der ihr über die Jahre wohl ziemlich viel verschwiegen hatte. Nachdenklich schaute sie auf das viele Blut auf dem Boden und die abgebrochene Schwertspitze. Wer auch immer Tar-Minyaheri finden wird, es würde zu unnötiges Gerede führen. Gerede, dass sie nicht brauchen konnten. Vielleicht war es an der Zeit, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Ein kaltblütiges Grinsen schlich sich auf ihr Gesicht. Es war schon eine Weile her, seitdem sie selbst im Feld war und das Blut ihrer Feinde vergossen hatte. Immerhin musste unnötiges Gerede unterbunden werden. Und sowas nahm man am besten persönlich.
« Letzte Änderung: 9. Apr 2021, 07:29 von Curanthor »

Eandril

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Re: Tan Hollinór / Nördliches Eregion
« Antwort #7 am: 2. Sep 2021, 15:09 »
Oronêl, Helluin und Anastorias mit dem Elbentrupp aus Ost-in-Edhil

Sie verließen die Stadt durch das Nordtor. Die nördliche Straße war bis auf ungefähr eine halbe Meile jenseits von Ost-in-Edhil neu gepflastert worden, doch weiter waren die Arbeiten der Elben noch nicht fortgeschritten. Hier wiesen nur noch einzelne zerbrochene und verwitterte Pflastersteine, überwuchert von Gestrüpp und Gräsern, daraufhin, dass sich hier einst eine Elbenstraße befunden hatte. Zwischen den zerbrochenen Steinen schlängelte sich ein kaum sichtbarer Pfad hindurch.
"Worum ging es da vorhin eigentlich?", fragte Anastorias, der sich mit Oronêl an die Spitze der Truppe gesetzt hatte, leise. "Noch in der Stadt, meine ich."
Oronêl wusste, wovon der junge Anführer sprach - ihn selbst hatte Helluins Offenbarung zutiefst überrascht, sie war allerdings von den darauf folgenden Geschehnissen ein wenig überschattet worden. Er erläuterte rasch, was er über den gefangene und jetzt offenbar befreiten König von Gondor wusste, und Anastorias nickte verständnisvoll. "Dann verstehe ich jetzt die Bedeutung dieser Nachricht. Der Gedanke, dass meine Großmutter in die Gefangenschaft des Feindes geraten könnte... Und ich verstehe auch Arwens Reaktion. Die Nachricht von einer verloren geglaubten Liebe..." Er unterbrach sich und verzog kurz das Gesicht, als überkäme ihn eine unangenehme Erinnerung.
Oronêl schwieg. Er erinnerte sich an Anastorias' erste Reaktion auf Kerry oder eher ihr Aussehen. Vermutlich hatte jeder der Manarîn irgendjemanden in ihren ehemaligen Landen verloren. Oronêl hatte seine Entscheidung längst getroffen, doch Anastorias' Gesichtsausdruck bestärkte ihn darin, seine ganze Kraft für den Schutz dieses zerbrechlichen, wiedererstandenen Königreichs zu stellen.
"Jedenfalls besteht nun die Hoffnung, dass Gondor von der Rückkehr des Königs beflügelt wird", brach Oronêl schließlich das Schweigen. "Doch selbst jetzt werden sie kaum allein gegen den Schatten bestehen können."
Anastorias warf ihm einen Seitenblick zu. "Du meinst, wir sollten ihnen helfen."
"Wenn Eregion gesichert und der Feind in diesen Landen besiegt ist - ja. Das letzte Mal konnte Sauron nur durch den Bund zwischen Elben und Menschen niedergeworfen werden, und damals waren sowohl die Reiche der Menschen als auch die der Elben stärker als heute. Niemand in Mittelerde wird sicher sein, bevor Sauron besiegt ist, und um das zu erreichen, werden wir jedes Schwert, jeden Bogen brauchen."
"Mittelerde ist neu für mich", erwiderte Anastorias. "Und Sauron erscheint mir wie eine ferne, unwirkliche Gefahr. Aber ich spüre die Wahrheit in deinen Worten. Ist das der Grund, warum du beschlossen hast, Helluin eine zweite Chance zu geben?"
Oronêl zögerte einen Augenblick, und warf einen kurzen Blick nach hinten. Der junge Waldläufer ging ganz am Ende des Zugs, allein und schweigend.
"Ja und nein. Ein einzelnes Schwert kann am Ende den Unterschied machen, aber... Kerry hat mich daran erinnert, dass es ein größerer Sieg über Saruman wäre, Helluin wieder ins Licht zu führen als ihn zu töten."
"Hm", machte Anastorias nachdenklich. "Bist du sicher, dass für Kerry dabei nicht... andere Gründe eine Rolle spielen?"
Oronêl hatte halb erwartet, einen Beiklang von Eifersucht in Anastorias' Stimme zu hören, doch er klang nur neugierig. "Ganz sicher ist das der Fall", antwortete er mit einem Schulterzucken. "Aber das ist nicht meine Angelegenheit. Oder, wie die Menschen sagen nicht mein Bier."
Anastorias hob eine Augenbraue. "Eine merkwürdige Redewendung."

Wenig später ließ Oronêl sich zurückfallen, bis er sich ganz am Ende der Truppe neben Helluin wieder fand. Der junge Waldläufer warf ihm einen verwunderten Blick zu, sagte aber nichts. Schließlich ergriff Oronêl das Wort, nachdem sie eine Weile schweigend dem schmalen Weg durch das schneebedeckte Land gefolgt waren. "Der König von Gondor - Aragorn. Wie war er?"
Helluin warf ihm einen verwunderten Blick zu. "Innerlich kaum verändert, so scheint es jedenfalls", antwortete er nachdenklich. "Es war, als hätte die Düsternis von Mordor sein Herz nicht berühren können."
"Dann besitzt er einen stärkeren Geist als andere Menschen", meinte Oronêl, und Helluin, der die Anspielung offenbar verstanden hatte, wandte den Blick ab. "Nicht ohne Grund ist er Elendils Erbe. Wenn irgendjemand Jahre in der Gefangenschaft Mordors verbringen kann, ohne zu brechen, dann Aragorn, Arathorns Sohn. Und dennoch hat er nicht gezögert, die Königin von Rohan zu überreden, mich freizulassen, und mir sogar den Auftrag zu übertragen, das Elendilmir zu Frau Arwen zu bringen."
Oronêl ging einige Minuten schweigend neben ihm her. Schließlich sagte er: "Euer König scheint dir ein großes Vertrauen entgegenzubringen, Helluin."
Helluin richtete den Blick auf den schneebedeckten Pfad. "Ja", antwortete er leise. "So scheint es."
"Und du fragst dich, ob du dieses Vertrauen verdient hast", stellte Oronêl fest. "Gut. Diese Zweifel werden dich daran erinnern, welchen Weg du vor dir hast, um dich als würdig zu erweisen."
Helluin warf ihm einen etwas misstrauischen Seitenblick zu. "Sprechen wir noch vom Vertrauen des Königs, oder von etwas anderem?"
"Es hängt alles miteinander zusammen. Das Vertrauen deines Königs, Vergebung für deine Taten... und Kerry." Oronêl blieb stehen, und nahm Helluin fest in den Blick. "Mir ist nicht entgangen, wie du dich... verabschiedet hast. Mir sind eure Blicke nicht entgangen, und mir ist nicht entgangen, wie sehr sie sich für deine Freilassung eingesetzt hat. Ich missbillige das, doch es ist nicht meine Angelegenheit. Aber als Kerrys Freund warne ich dich. Wenn du ihr irgendein Leid zufügst, körperlich oder anderweitig, oder ihre Gefühle nur ausnutzt um unser Vertrauen zu erringen... dann, Helluin, wird es keinen Ort in Mittelerde geben, an dem du vor mir sicher bist. Und du wirst nur beten können, dass ich es bin der dich findet, und nicht Mathan Nénharma." Helluin wich seinem Blick nicht aus, sondern fixierte ihn fest mit seinen eisblauen Augen. Oronêl musste ihm unwillig Respekt dafür zollen - ein geringerer Mann hätte langst eingeschüchtert oder schamhaft den Blick abgewandt. "Ich habe die Warnung verstanden", erwiderte Helluin schließlich ruhig. "Du wirst keinen Grund haben, sie in die Tat umzusetzen - aber meine Gefühle sind meine Angelegenheit."
Oronêl nickte knapp und setzte sich wieder in Bewegung, der schwachen Spur der Manarîn durch den Schnee folgend. Helluin folgte nur einen kurzen Augenblick später.
« Letzte Änderung: 21. Feb 2022, 23:08 von Fine »

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Thorondor the Eagle

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Re: Tan Hollinór / Nördliches Eregion
« Antwort #8 am: 21. Feb 2022, 06:50 »
Helluin hinterfragte bei dem Marsch seine Entscheidung mit dem Elbentrupp zu kommen. Auch wenn die Manarîn ihm nicht abweisend gegenüber standen so war es doch Oronêl. Andererseits hatte er Kerry ein Versprechen gegeben oder vermutlich hat sie es ihm viel mehr abgerungen. Es war in keinem Fall einfach mit dieser Feindseligkeit umzugehen und so fielen ihm nicht viele Worte ein mit denen er dem Elben entgegnen hätte können. Er ärgerte sich darüber.

Wenn ich eines Tages den Waldläufern begegnen werde, muss ich gewappnet sein. Was Oronêl zu mir gesagt hat ist wohl noch harmlos im Vergleich zu dem was meine Verwandten mir vorwerfen werden. Alleine Haleth hat mich im Kerker kaum zu Wort kommen lassen.
Er beschloss die Zeit bis dahin zu nutzen um mit solchen Situationen besser umgehen zu können. Genau genommen war es eine gute Schule für den steinigen Weg der noch vor im lag.
Für dich mache ich das Kerry! Anscheinend liegt dir doch mehr an mir sonst hättest du Oronêl nicht gebeten besonders Acht auf mich zu geben.
Entschlossen eilte er den Elben hinterher, da er bereits etwas abgefallen war. Ein weiterer Nachteil für ihn als einzigen Menschen und den Erstgeborenen.

Ehe sich die Tagesmitte näherte erreichten sie die ersten Hügelketten welche die Vorläufer des mächtigen Nebelgebirges bildeten. Die Elben unter Anastorias wurden zu besonderer Vorsicht gemahnt, da sie hier keinen Weitblick mehr hatten und in jedem Tal der Feind oder sonst etwas lauern könnte. Nach nur einem kurzen Fußmarsch nach dieser Ankündigung blieben sie endgütlig stehen um sich zu beraten. Helluin nutze die Zeit und setzte sich ein wenig abseits auf einen liegenden Baumstamm. Einige wenige Sonnenstrahlen fanden Ihren Weg durch das Wolkendickicht. Seine Beine waren bereits leicht erschöpft, aber er ließ sich nichts anmerken. Er holte ein Stück Elbenbrot aus seinem Proviant und verschlang es schnell, sodass ihn niemand genau beobachten konnte. Dabei beobachtete er wie Anastorias sich mit einigen Elben, unter Ihnen Oronêl, beriet. Mit den Armen deuteten sie in die verschiedenen Himmelsrichtungen. Oronêl wurde offensichtlich besondere Beachtung geschenkt, vermutlich kannte er diesen Ort am besten.
Als der Erbe der Manarîn deutlich die Hand hob, strömten alle Soldaten zu ihm, Helluin folgte.

„Um in diesem unwegsamen und unüberschaubaren Gebiet schneller einen Überblick zu bekommen, werden wir uns in kleinere Spähtrupps aufteilen und die Täler erkunden. Wir wissen sehr wenig über diese Gegend, man berichtete uns von einigen kleinen Elbensiedlungen unserer Verwandten aus dem Osten. Seid wachsam und inspiziert genau, manche unter den Elbenvölkern des Ostens leben so eng mit der Natur verbunden, dass man eine Behausung kaum von einem Baum unterscheiden kann. Aber sprecht nicht mit ihnen. Wenn die Nacht hereinbricht, werden wir uns wieder hier einfinden und sie in einem zweiten Schritt von der Gefahr dieser Gegend warnen.“
Um die fünfzehn Soldaten bildeten einen der Spähtrupps und so schafften sie es fünf Gruppen zu bilden. Überraschenderweise wurde der Waldläufer Anastorias zugeteilt.
Kaum war die Aufteilung beendet liefen sie auch schon los. Anastorias‘ Trupp folgte einem Pfad in Richtung Nordosten. Soweit sich Helluin erinnern konnte war dieses Tal nur ein Durchgang zu einem großen Becken das von Hulstenwäldern überwuchert wurde. Die Hügel zu ihrer linken und rechten waren nur mit mittelhohem Gestrüpp übersäht, schwer zum durchkommen und kaum ein Ort für Elbenbehausungen. Nach gut einer Stunde schnellem Fußmarsch öffnete sich südöstlich ein weiteres Tal. Sie hielten für einen Moment.

„Ein weiters Stück nordöstlich von uns, zwischen den westlichen Hängen und einem undurchdringbaren Wald, befindet sich einer unserer Spähposten“, begann Anastorias zu berichten „der Wald müsste in dieser Richtung liegen, aber es gibt kaum ein Durchkommen.“
„Der Schneedornwald“, warf Helluin dazwischen und erhielt die Aufmerksamkeit der Elben damit „Ihr habt recht, dass es da kaum ein Durchkommen gibt. Nur einige wenige versteckte Pfade gibt es.“
„Du kennst diese Wege?“
„Teilweise. Südlich des Waldes führt der Weg zum Pass hinauf. In den Sommermonaten gehörte es zu unseren Aufgaben diese Straße zu kontrollieren. Saruman wollte keinen unerwüschten Besuch in Eriador.“
„Dann lag Oronêl mit seiner Vermutung richtig.“
Anastorias überlegte einen Augenblick, dann fasste er einen Entschluss: „Satariel, du begleitest mich und Helluin zu dem Schneedornwald, ihr verfolgt das südliche Tal weiter. Ihr teilt euch keines falls weiter auf!“ Die Elben bestätigten mit einem deutlichen Nicken „Wenn Gefahr droht, zieht ihr euch unmittelbar zurück. Wir sind hier zum Erkunden und nicht um zu kämpfen. Wir wissen noch nicht, was hier vor sich geht und die Nachrichten die wir erhalten sind nicht sehr aufschlussreich.“

Mit diesen Worten trennten sie sich auf und der Großteil verschwand in südöstliche Richtung.
Anastorias, Helluin und Satariel folgten dem Talboden in nördliche Richtung. Das Gelände änderte sich in nächster Zeit kaum. Erst als sie sich dem Ende des Tals näherten wo es sich wieder öffnete wurden die Bäume stetig höher.
„Ab hier sind wir wohl auf dich angewiesen, Helluin.“ Der Waldläufer war von dem Marsch völlig außer Atem. Er stützte sich mit den Händen auf seine Knie und schaute sich in der Umgebung um.
„Drei wesentliche Pfade kenne ich die durch diesen alten Hulstenwald führen. Einer führt von Nord nach Süd, parallel zur Bergflanke, der südliche Zugang ist in einem kleinen Seitental welches zum Aufstieg des Passes führt, der nördliche Zugang ist ebenfalls Nahe dem Gebirge. Er wird vermutlich in der Nähe eures Außenpostens liegen.“ Der Dunadan rang nach Luft „Ein weiterer beginnt eine Meile südlich von hier und verläuft ebenfalls in südliche Richtung. Man überquert eine kleine Lichtung auf der wir immer unser Lager aufgeschlagen hatten. Der dritte Pfad wurde von uns geschaffen und verbindet die Lichtung mit dem Nord-Süd-Pfad. Er ist kaum jemandem bekannt.“
„Dann zeige uns den Zugang“, befahl ihm der Elbenprinz.
„Lasst mich noch kurz einen Schluck Wasser aus meinem Trinkschlauch nehmen.“

Unmittelbar im Anschluss gingen sie mit einem mäßigeren Schritt weiter. Helluin ging nahe dem Waldrand und musterte die Bäume genau. Er suchte nach einer unscheinbaren Markierung auf einem der Baumstämme. Schließlich entdeckte er sie, drei Kerben waren mit einem Messer in die Rinde geritzt die sich im Mittelpunkt überschnitten und somit einen sechstrahligen Stern bildeten.
Er deutete den Elben und sie kamen lautlos zu ihm.
„Denkst du es ist sicher, wenn wir dem Pfad folgen?“, frage Anastorias.
„Wir müssen ganz vorsichtig sein. Es ist unwahrscheinlich, dass noch Männer die Pfade bewachen, aber ausschließen kann man es nicht.“
Der Anführer nickte: „Wir folgen dir.“
Helluin zog ein Kurzschwert, das zu seiner elbischen Rüstung gehörte und ging voraus. Die Äste der Bäume ragten bereits in den schmalen Pfad hinein, was den Waldläufer in seiner Annahme bestätigte. Die dornigen Blätter der Hulstenbäume waren allerdings der negative Beigeschmack. Immer wieder drückte er mit seiner Hand die Äste aus seinem Gesicht und zerkratzte sich dabei Hände und Arme. Fußabdrücke im Boden war keine zu erkennen. Schließlich erreichten sie die besagte Lichtung. Kein Mensch war zu sehen, lediglich ein paar alte Utensilien lagen ungeordnet am Boden um eine längst erloschene Feuerstelle.
„Zum Glück“, hauchte Helluin.
„Ein wahres Wort“, entgegnete Anastorias leise.
„Hier führt der Weg weiter in Richtung Süden. Man erreicht direkt den Weg der zum Pass führt. Hier, hinter dem Lagerplatz geht unser verborgener Pfad in Richtung Norden. Es ist kein langer Marsch, der Wald ist zwar alt, aber nicht allzu groß.“

„Habt ihr das gehört“, unterbrach sie auf einmal Satariel. Augenblicklick spitzen beide die Ohren, doch sie nahmen nichts wahr. Plötzlich, ein Knacken eines Astes und ein leises Rascheln.
„Da kommt jemand“, zischte Anastorias leise.
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Eandril

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Re: Tan Hollinór / Nördliches Eregion
« Antwort #9 am: 4. Jul 2022, 12:07 »
Oronêl führte seinen kleinen Trupp aus vierzehn Elbenkriegern vorsichtig, aber zügig, nach Nordwesten, einem der vielen schmalen Tälern zwischen den Hügeln folgend. Am Grund des Tales lief, beinahe unter dem Schnee verborgen, ein schmaler Bach, der vermutlich von den Ausläufern des Nebelgebirges hinab kam und irgendwann im Westen in den Bruinen münden würde.
"Wäre es nicht sinnvoller, unseren Weg auf dem Hügelkamm zu wählen? Wir hätten eine bessere Aussicht", merkte bald einer der Manarîn an, und Oronêl schüttelte den Kopf. "Wir hätte eine bessere Aussicht, würden aber auch besser gesehen werden. Da wir nicht wissen, mit was genau wir es zu tun haben halte ich das für einen schlechten Tausch. Außerdem ist es wahrscheinlich, dass sich unsere Unruhestifter ebenfalls eher in den Tälern aufhalten." Die Krieger in seiner Gruppe schien diese Erklärung zufriedenzustellen, und Oronêl fühlte sich in lang vergangene Zeiten zurückerinnert, als er junge Elben in Lórinand als Späher und Kundschafter ausgebildet hatte. Zwar kannten die Manarîn dieses Land kaum, doch sie lernten schnell und waren willig, Oronêls Rat zu folgen.

Ungefähr zur Mitte des Tages - die Sonne musste gerade ihren höchsten Stand erreichen, blieb aber hinter den Wolken verborgen - trafen sie auf die ersten Zeichen von Leben. Der Talgrund hatte sich allmählich verbreitert, und traf nun mit drei anderen Senken zusammen, die nach Osten, Westen und Norden verliefen. Wo sie zusammentrafen hatten sie einen beinahe kreisrunden Kessel gebildet, dessen Grund von einem dichten Gestrüpp aus niedrigen Bäumen und Sträuchern überwuchert war. Laicano - der Elb, der Oronêl schon zu Anfang nach ihrem Weg gefragt hatte - blieb stehen sobald sein Blick auf den Talkessel fiel und bedeutete auf dem Rest der Truppe anzuhalten. Auf Oronêls fragenden Blick hin erklärte er im Flüsterton: "Hier leben Elben - unsere Verwandten aus dem Osten." Oronêl wandte seinen Blick wieder dem Gebüsch zu, und suchte konzentriert nach Anzeichen, dass hier wirklich Elben lebten. Es dauerte einen Augenblick, bis er erkannte was Laicano gemeint hatte. In der Mitte des Gebüschs waren die Zweige unnatürlich geformt, als würden sie ein Dach bilden, und am westlichen Rand schienen sie geradezu eine Tür zu formen. Er wandte sich wieder dem Rest des Spähtrupps zu und sagte an Laicano gewandt: "Gut erkannt - schneller als ich."
"Ich bin in meiner Jugend weit gewandert, und habe ein wenig Zeit bei den Avari verbracht. Daher wusste ich die Zeichen zu erkennen."
"Anastorias hat uns angewiesen, nicht mit unseren Verwandten aus dem Osten zu sprechen", stellte Oronêl fest. "Also werden wir sie im Westen umgehen, auf halber Höhe des Hügelkamms. Dann..." Er unterbrach sich, denn der Wind hatte sich gedreht. Er wehte nicht länger aus dem Osten, vom Nebelgebirge hinunter, sondern direkt von Norden, und der trug den schwachen Geruch von Rauch heran.
"Rauch." Laicano wirkte überrascht. "Die Avari entzünden selten Feuer, wenn sie es vermeiden können. Und es ist längst nicht kalt genug, um unvermeidbar zu sein."
"Also müssen wir vorsichtig sein. Wir teilen uns auf, und umrunden die Behausung auf beiden Seiten", sagte Oronêl, und die Manarîn folgten seiner Anweisung ohne zu zögern.

Als Oronêl beinahe auf Höhe der verborgenen Ansiedlung angekommen war, erkannte er, was sie bislang übersehen hatten. Von Tür aus führten tiefe, aber vom Schnee beinahe vollkommen bedeckte Fußspuren in das westliche Tal hinein. "Kein Elb würde solche Spuren hinterlassen", flüsterte er Laicano, der ihn mit fünf anderen Manarîn begleitet hatte, zu. Der andere Elb nickte stumm, eine Hand auf den Griff seines Schwertes gelegt. Mit einigen raschen Gesten wies Oronêl seine Begleiter an, zu beiden Seiten der Tür Aufstellung zu nehmen, und Laicano, mit ihm zu kommen. Bevor sie die Tür erreichten, hatte Oronêl Hatholdôr in der Hand, und Laicano tat es ihm gleich. Oronêl nickte ihm knapp zu, und zog dann leise mit der freien Hand die Tür auf.
Der Innenraum lag im Halbdunkel, doch Oronêl sah mehrere Baumstämme an denen sich Treppen nach oben wandten, in ein von geformten Ästen gebildetes zweites Stockwerk. Es erinnerte ihn ein wenig an die Fletts von Lórien. An einem kleinen, beinahe erloschenen Feuer hockten zwei in schäbige, schmutzige Pelze gehüllte Gestalten, und Teile des Bodens waren mit getrocknetem Blut verkrustet. Oronêl verzichtete darauf, näher zu schleichen, sondern sagte laut und deutlich: "Ihr seht mir nicht nach den Elben aus, die hier leben sollten." Schon beim ersten Wort waren beide Gestalten auf die Füße gesprungen und hatten sich umgewandt, Waffen, wenn man ihre hölzernen Keulen so nennen konnte, in der Hand. Laicano verzog verächtlich den Mund.
"Wer... wer seid ihr?", stieß der eine der beiden hervor, ein stämmiger Mann mit einem struppigen Bart. Sein noch schäbiger wirkender Freund wich noch ein paar Schritte weiter zurück bis sein Rücken beinahe an die Wand aus Ästen stieß, seine Keule wie zum Schutz vorgestreckt. Oronêl überließ Laicano das Wort.
"Wir sind die rechtmäßigen Herren dieses Landes. Was habt ihr mit den Bewohnern dieses Hauses getan?" Der Zorn in Laicanos Stimme war nicht zu überhören.
"W-w-w-wir haben dieses... dieses Haus... requiriert. F-f-f-für den Meister. Die Elben wollten Widerstand leisten, also hat der M-m-m-meister befohlen, sie zu töten und im Tal zu verscharren. S-s-sie wollten es nicht anders."
All das war für Oronêl nicht besonders überraschend, denn er hatte bereits vermutet, dass so etwas passiert war und es passte zu den Nachrichten über Banditen wegen denen sie ausgesandt worden waren. "Dieser Meister", fragte er mit sanfter Stimme und trat einen Schritt näher. "Wer ist er?"
Die beiden abgerissenen Gestalten wechselten einen Blick. "Er ist eben der Meister", antwortete der, der bislang nicht gesprochen hatte. "Er hört die Stimme des Herrn und folgt ihren Befehlen."
"Der Herr?", fragte Oronêl nach, und machte einen weiteren Schritt nach vorne.
"D-d-d-der Zauberer. Der Weiße. Wir folgen seinen Befehlen." Auf Laicanos fragenden Blick hin nickte Oronêl. Er wusste genau, von wem der Mann sprach.
"Und wo ist der Meister jetzt? Mit dem Rest euer Truppe, vermute ich?"
"Sie... sind nach Norden gezogen. Sie wollen eine Gruppe überfallen, die von Norden herunterkommt in dieses Land. Elbenpack und verlauste Waldläufer."
Laicano lachte ein wenig bitter auf. "Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ihr jemand anderen als verlaust bezeichnet." Er wandte sich an Oronêl zu. "Was tun wir mit ihnen?"
Oronêl hob die Schultern. Er empfand keinerlei Mitleid mit diesen Gestalten, die die hier friedlich lebenden Avari überfallen und ermordet hatten, ganz gleich wie verängstig sie waren. "Wir können es uns nicht leisten Gefangenen zu nehmen, also..." Er brauchte nicht weiterzusprechen, denn Laicano trat vor, Schwert in der Hand. Die beiden Menschen mit ihren Keulen waren selbst für einen einzelnen Elbenkrieger keine Herausforderung, und nach wenigen Herzschlägen lagen beide tot am Boden.
"Wir müssen Anastorias Bescheid geben", stellte er fest, und wischte gelassen das Blut von seinem Schwert. "Er wird wissen wollen, wo sich der Rest dieser Strolche herumtreibt." Oronêl stimmte ihm zu, sagte aber: "Wenn die Gruppe, die sie überfallen wollen wirklich von Imladris herunterkommt, ist es wahrscheinlich dass sie sich an ihnen die Zähne ausbeißen - wenn der Rest von ihnen nicht deutlich besser ausgerüstet ist als diese beiden. Also werden wir uns aufteilen. Du nimmst vier andere Krieger und machst dich auf zurück zum vereinbarten Treffpunkt - ich werde mit dem Rest die Spur dieses Meisters aufnehmen und eingreifen, falls es nötig ist."

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