20. Sep 2021, 16:59 Hallo Gast.
Willkommen Gast. Bitte einloggen oder registrieren. Haben Sie Ihre Aktivierungs E-Mail übersehen?

Einloggen mit Benutzername, Passwort und Sitzungslänge. Hierbei werden gemäß Datenschutzerklärung Benutzername und Passwort verschlüsselt für die gewählte Dauer in einem Cookie abgelegt.


Select Boards:
 
Language:
 


Autor Thema: Draganhrod  (Gelesen 133 mal)

Curanthor

  • Gefährte der Gemeinschaft
  • **
  • Beiträge: 444
  • Don't ask what is possible, aim for the impossible
Draganhrod
« am: 4. Jun 2021, 19:30 »
Beschreibung: Draganhrod ist die Hauptstadt des Fürstentums Govedalend im östlichen Teil von Rhûn. Sie ist Sitz des Fürsten Govedalends, Vakrim Castav.

Die Stadt besitzt eine gut ausgebaute Stadtmauer mit mehreren Toren. Durch die Hauptstraße, die mitten hindurch direkt zum Fürstenpalast im Zentrum Draganhrods verläuft, wird sie in zwei Teile geteilt: Im Westen das reiche Kaufmannsviertel, in dem Händler und der niedere Adel hauptsächlich wohnen und handeln, hier befinden sich auch die meisten Brunnen. Im Osten befindet sich die ärmlichere Bevölkerung, eine der zwei Kasernen und ein alter Tempel.

Abgesehen von der großen Hauptstraße gibt es ein wahres Labyrinth an Gassen und kleinen Sträßchen. Die meisten Häußer sind aus Holz gebaut und haben ein steinernes Fundament. Bis auf einige Wachtürme, dem Fürstenpalast, den alten Tempel und den Turmgarnisonen der Stadtwache gibt es keine hohen Gebäude in der Stadt.





Dragan mit Kenshin, Tiana, Nerassa und Ukko aus Gortharia

 „Aufgewacht, die Sonne lacht… naja hier unten wohl eher nicht.“ Metall rasselte. Das leise Klacken, von Holz, das auf Steinboden gestellt wurde, ertönte knapp vor seinem Gesicht. „Die tägliche Portion. Essen würde ich das nicht nennen.“ Ein hämisches Lachen ertönte, dann fiel eine schwere Tür laut polternd ins Schloss. Ein Riegel wurde davor gelegt. Das Rasseln entfernte sich. Ein unappetitlicher Duft stieg ihm unter die Nase. Es war warm, anders als der kühle, steinerne Boden, auf dem er die meiste Zeit des Tages verbrachte. Mühsam zog er die Beine an. Leise rasselte dabei die Kette über den Boden. Er öffnete mühsam die Augen und erkannte die übliche Holzschale mit dem unaussprechlichen Eintopf darin. Angewidert rümpfte er die Nase, doch der Hunger siegte. Im Licht des fahlen Sonnenaufgangs, das durch ein fingergroßes Loch in die Zelle fiel, tastete er nach dem Löffel. Mit angehaltener Luft begann er sich den Eintopf reinzuschaufeln. Als das überstanden war, lehnte Dragan sich wieder an die Wand und begann an den Eisenring zu rütteln, der in der steinernen Wand eingelassen war. Er vermisste das leckere Essen, dass er in der Taverne von Tiana gegessen hatte.
Seine Gedanken kreisten dabei wieder zurück in die Vergangenheit. Irgendwo war ihnen ein Fehler unterlaufen. Eigentlich war alles anfangs nach Plan gelaufen. Sie hatten Gortharia ohne Probleme mit der großen Karawane nach Govedalend verlassen. Nerassa hatte sogar mit den Wachen am Tor gescherzt, dass sie Waffen schmuggelten. Dragan war klar geworden, warum sie als Fuchs bezeichnet wurde, auch wenn sie es eigentlich nicht mochte. Sie konnte einem offen ins Gesicht lügen und gleichzeitig dabei die Wahrheit sagen. Eine gefährliche Frau. Und erstaunlich geschwätzig. Auf der Reise, hatten sie viel miteinander geredet. Nera - wie er sie später genannt hatte – schwelgte gerne in glückliche Erinnerungen über ihre gemeinsame Heimat. Dabei war es ihm immer wieder wunderlich vorgekommen, wie so eine eigentlich liebenswürdige Frau zu den Waffen greifen konnte. Egal wie oft er unauffällig das Gespräch in die Richtung ihrer Vergangenheit gelenkt hatte, machte sie Ausflüchte, oder suchte direkt das Weite. Am dritten Tag ihrer Reise hatte Ukko, der – wie sich später rausstellte - eigentlich ein Rüstungsschmied gewesen war, sich zu ihm gesellt und gefragt hatte, ob er Interesse an dem Fuchs hätte. Das Lachen und das anschließende Männergespräch hatte sie kurz das gefährliche Ziel ihrer Reise vergessen lassen. Aber eben nur kurz. Dragan und seine Gefährten hatten sich am Mittag des fünften Tages bereits in Govedalend befunden, als ein großer Trupp Soldaten ihnen entgegenkam. In dem Moment hatte er bereits gewusst, dass es vorbei war. Tiana und Kenshin bestanden aber darauf, dass ihre Tarnung fehlerfrei war. Das war sie, aber offenbar gab es irgendwo eine undichte Stelle. Deswegen saß er nun hier fest. Kenshin hatte sich wie ein Wilder auf die Wachen gestürzt, doch die Übermacht konnte auch ihn niederringen. Dragan schwor sich den Krieger als Erstes zu befreien, der sich noch selbst in Fesseln mit den Soldaten geprügelt hatte. Wütend riss Dragan an dem Ring aus Eisen, der sich einen Fingerbreit bewegte. Er knurrte zufrieden und gönnte sich eine Pause, in der er einige Liegestütze machte. So ging es wahrscheinlich schon seit einigen Tagen. Nach den Kraftübungen begab er sich wieder an den Eisenring und begann daran zu rütteln, in der Hoffnung, er würde sich irgendwann aus dem Mauerwerk lockern.

Der Lichtspeer fiel nun in voller Stärke durch das Loch. Wahrscheinlich hatte er den halben Tag an dem Eisen gearbeitet. Ein Rasseln ließ ihn die Ohren spitzen. Er schätzte, dass es Mittag war. Um die Zeit hatte man noch nie die Zelle geöffnet. Hastig schob er die kleinen Steinchen, die sich um den Ring herum gelöst hatten hinter sich. Dumpfe Schritte, begleitet von dem typischen Rasseln von Schlüsseln ertönten. Sie verstummten vor der Zellentür. Der Riegel wurde zurückgeschoben, der Schein von einer Fackel erleuchtete die Zelle. Dragan kniff die Augen etwas zusammen und stierte durch das Gitter.  Vor der Zelle stand der fette Zellenmeister, dessen schweineähnliches Gesicht diesmal nicht hämisch grinste. An seinem Gürtel baumelte der große Ring mit den Schlüsseln. Dragan erkannte einen vermummten Kerl, der die schwere Rüstung der rhûnischen Soldaten trug. Der Krieger gab dem Zellenmeister einen auffordernden Schubs. Hastig schloss dieser die Gittertür auf und kniete sich vor Dragan nieder. Aufmerksam beobachtete er, welcher Schlüssel in den wurstigen Fingern lag. Es war einer mit gezackten Bart und einer Kerbe an der Spitze. Mit einem Klicken öffnete sich das schwere Schloss an der Fußfessel.
„Der Fürst will dich sehen, Verräter!“, bellte der Soldat, „Solltest du dich weigern, sterben deine Mitverschwörer. Du sagst nur etwas, wenn du dazu aufgefordert wirst.“ Er wandte sich an den dicken Zellenmeister, „Auf die Füße mit ihm!“
Der dicke Kerl griff Dragan grob unter die Arme und boxte ihm dabei unauffällig gegen die Rippen. Er schwor sich dieser fetten Kröte eigenhändig den Hals umzudrehen. Leise knurrte Dragan den Zellenmeister an, der sich neben die Tür stellte und auf ihn wartete. Der Soldat hatte die Zelle schon mit einem ungeduldigen Schnauben verlassen. Dragan folgte ihm und trat den Zellenmeister im Vorbeigehen mit dem Stiefelabsatz auf die Zehen. Der Dicke keuchte und schubste ihn von sich. Der Soldat, der das wohl aus dem Augenwinkel gesehen hatte, drängte zur Eile und unterband eine Schlägerei. Dragan funkelte den Dicken seinerseits hämisch an und trat in den Gang. Rechts und links von ihm lagen noch mehr Zellen. Er fragte sich, ob Tiana, Nera und Ukko ebenfalls in einer von ihnen gefangen waren, ohne Licht und nur das absolute Minimum an Wasser und Nahrung. Wütend ballte er die Fäuste und folgte dem Soldaten, der ihn schließlich die Treppe nach oben schubste. Dragan überlegte kurz die Flucht anzutreten, aber dann würden seine Gefährten den Preis dafür zahlen. Er straffte sich und trat in die Wachstube. Er kniff kurz die Augen zusammen um sich an das Licht zu gewöhnen. Vier Wachmänner blickten ihn mit einer Mischung aus Neugierde, Feindseligkeit und Verachtung an. „Los weiter“, brummte der Soldat hinter ihm und gab ihm einen relativ harmlosen Stoß in den Rücken. Dragan stolperte durch die offene  Tür ins Freie. Die Sonne blendete ihn, sodass er eine Hand hob um seinen Blick gegen die Strahlen abzuschirmen. Er befand sich in einem Innenhof einer Kaserne, auf dem ein Trupp Soldaten mit ihren Lanzen Formationen übten. Die Gebäude kamen ihm vage bekannt vor. Sie befanden sich in einer der zwei Kasernen von Draganhrod. Er konnte aber nicht sagen wo genau, zu lange war er nicht mehr hier gewesen und in den fünf Jahren hatte die Stadt sich gewandelt. Rasch warf er einen Blick zurück auf das Gefängnis, das wohl einer der neuesten Gebäude war. Ein unscheinbarer, strohbedeckter Bau, kaum größer als ein Bauernhaus. Es war so unscheinbar, dass man normalerweise keine Kerker darunter vermuten würde. Der Soldat schubste ihn ungeduldig weiter. Am großen Tor zur Kaserne warteten drei weitere Soldaten, die sich ihnen wortlos anschlossen. Dragan wurde von ihnen in die Mitte genommen, sodass jeder Fluchtweg versperrt war. Sorgsam prägte er sich den Weg durch die verwinkelten Gassen ein, die sie nahmen. Ihm fiel der jämmerliche Zustand der Stadt auf. Viele Fenster und Türen waren zugenagelt, dutzende Häuser standen leer. Einige von ihnen waren wohl niedergebrannt worden. Ein hölzernes Schild, auf dem ein rotes Auge gemalt wurde, lag meistens in oder an der verkohlten Ruine. Sie kamen an einem Waisenhaus für Mädchen vorbei, dem er einst einige Goldstücke gespendet hatte, doch auch dieses schien verlassen. Auch hier war ein Holzschild mit rotem Auge achtlos auf die schwere Eichentür genagelt worden. Er ballte unmerklich die Fäuste. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie dutzende Blicke hinter vernagelten Fenstern ihnen folgten.

Schließlich kamen sie in das ehemalige Brunnenviertel. Es war das Älteste von Draganhrod und hier befand sich auch der Fürstensitz, der den Brunnenplatz beherrschte. Wenn man Wasser wollte, musste man dies immer unter den Augen des Herrschers tun, zumindest bis einer der Vorgänger seines Vaters neue Brunnen hatte graben lassen. Dragan erkannte die Straßen wieder und wollte langsamer werden, als sie auf den Platz traten. Viel hatte sich nicht verändert, doch der Westflügel verfügte nun über eine große Empore, von der man den ganzen Platz beobachten konnte. Eine steile Treppe, die hinaufführte wurde von sechs Wächtern scharf bewacht. Einige Bewohner eilten über den Platz, manche holten Wasser, doch die meisten hielten den Blick gesenkt und wagten es nicht zum Fürstenpalast zu blicken. Dragan ballte erneut wütend die Fäuste, als sie schließlich die breite Treppe zum Haupttor hinaufstiegen. Er hasste es. Er haste den Gedanken, dass die Menschen, die er langsam seine Freunde nennen konnte gefangen waren. Er hasste es, dass sie gegen ihn als Druckmittel genutzt werden, doch am meisten hasste er einen einzigen Mann. Der, der dafür verantwortlich war. Nach einer schweigsamen Marsch durch sein altes Elternhaus wurde die doppelflügelige Tür zum Thronsaal aufgestoßen. Grob wurde er nach vorn geschubst. Dragan hielt den Blick gesenkt und trat in den Saal. Etwa in der Mitte wurde ihm der Schaft einer Lanze gegen die Beine geschlagen. Dragan nahm all seine Kraft zusammen und blieb stehen. Mit mörderischer Wut hob Dragan langsam den Blick. Auf einer neu gebauten Empore saß der Mann, den er fast genauso sehr hasste wie seinen eigenen Vater.
Vakrim Castav saß auf demselben vergoldeten Stuhl und blickte mit einer Mischung aus Verachtung und Häme auf ihn hinab. „Sieh da“, sagte der (falsche) Fürst höhnisch, „Der verlorene Sohn kehrt zurück… aber mein unfähiger Vorgänger ist nicht mehr da. Hmmm… was machen wir nur mit dir?“
Dragan musste an sich halten, um den gut gebauten Mann nicht an die Kehle zu springen. Vakrim wirkte jedoch absolut gelassen. Er hatte aristokratische Gesichtszüge, war glatt rasiert und wirkte äußerst gepflegt, seine blutunterlaufenen Augen funkelten jedoch bösartig. „Ah“, machte der Fürst überspitzt und winkte zur Seite, „Fragen wir doch jemanden, der sich damit auskennt.“
Er verstand erst nicht, bis hinter dem Thron eine bekannte Gestalt die Empore betrat. Vakrim grinste überheblich und ließ die schlanke Frau auf seinem Bein Platz nehmen. „Was meinst Ihr, werte Dame?“ Er spielte mit einer von Tianas brünetten Strähnen im Gesicht und strich ihr demonstrativ über den Schenkel.
Irgendwas setzte in seinem Kopf aus. Dragans Hand war so schnell, dass keine der Wachen reagieren konnte. Der Dolch flog so schnell aus der Gürtelscheide des Soldaten wie ein Vogel im Sturzflug. Mit einem Pochen nagelte die Klinge Vakrims Kragen an die Lehne des Throns. Ein dünner Blutfaden sickerte aus einem leichten Schnitt am Hals in den blütenweißen Stoff. Die Soldaten traten Dragan sofort in die Kniekehlen und verdrehten ihm grob die Arme auf den Rücken. Einer der dreckigen Sandalen eines der Wächter trat ihm in den Nacken und damit sein Gesicht flach auf den Boden .Es war still, dann ertönte ein schallendes Lachen. Der Druck auf seinem Kopf verschwand, als die Soldaten ihn überraschend losließen. Dragan hob den Blick. Vakrim grinste breit und klatschte laut in die Hände. „Bravo! Wirklich ausgezeichnet!“ Dann wurde er wieder ernst, ein gefährliches Lächeln legte sich auf seine schmalen Lippen, „Und das war deine einzige Chance, mich umzubringen. Ich muss sagen, dieses kleine Spielchen war doch ganz lustig. Niemand kommt sonst an mich heran, wenn ich es nicht will. Du nicht, sie nicht...“ Er blickte zu Tiana, die auffällig Dragans und Vakrims Blicke mied, „Oder irgendeine dieser Witzfiguren von diesen Kreiseln, Zirkeln, Dreiecken oder was auch immer.“ Der Fürst lachte erneut schallend und ließ seine Hand von ihrem Knie ihren Schenkel hinaufwandern, „Als ob ich meine Feinde nicht beobachte, vor allem den Spross meines Vorgängers. So blöd kann man doch nicht sein, aber das hat sich ja nun erledigt. Damit ist meine Herrschaft ab heute unangefochten.“
Dragan schwieg. Ihm war das Geschwätz dieses Trottels egal, auch wenn ihm bewusst wurde, dass Vakrim durchaus ein erfahrener Krieger war, so wie die meisten des Hochadels. Sein Blick galt Tiana, die ihm einen verstohlenen Blick zuwarf. Ihre Augen schimmerten feucht, dann wandte diese sich wieder an Vakrim, der sich gerade mit einer weißen Serviette den Schnitt betupfte. „Warum sich weiter noch mit ihm befassen? Lass uns etwas essen gehen“, bat sie mit einer samtig-säuselnden Stimme, ohne jede Spur von Furcht oder Abneigung. Würde er sie nicht kennen, hätte er es ihr glatt als Ergebenheit abgekauft. 
Der Fürst überlegte kurz, grinste aber dann und leckte sich begierig über die Lippen. „Wenn du heute nach dem Abendessen bei mir bleibst, vielleicht.“ Etwas Unheilvolles blitzte in den Augen des Fürstens auf, eine Art dunkle Begierde.
Dragan konnte sehen, wie auch Tiana es verspürte und einen Augenblick zu lange zögerte. Offenbar war sie nicht freiwillig dort… oder sie spielte ein gefährlich perfides Spiel. Schließlich verlor Vakrim das Interesse und entließ sie mit einem gelangweilten Handwedeln. „Eines Tages wirst du mir erliegen und meine Kinder austragen. Und dir wird es wie eine Ehre vorkommen meine Linie zu sichern. Immerhin bin ich dein Fürst. Dein Herr und Meister. Jeder in Govedalend hat mir zu gehorchen. “
Ekel überkam Dragan bei den Worten. Aus dem Augenwinkel sah er, wie einer der Soldaten kaum merklich unruhig von einem Fuß auf den anderen trat. Ihm wurde bewusst, dass er mit einer Abneigung nicht alleine war. Vielleicht ließe sich das nutzen.
„Das ist nicht korrekt, Fürst Castav“, mischte sich eine neuerliche, gebrechliche Stimme ein. Ein Mann in einer schwarz-roten Robe trat aus einem der Schatten und stütze sich schwer auf eine großen, reich mit Gold verzierten schwarzen Eschenstab, „Der einzige dem jeder gehorchen muss ist unser Herr und Meister, Sauron der Große, Herr der Erde und Gott über allem Leben.“
Vakrim verzog kurz das Gesicht – offenbar genervt durch die Störung -, nur für den Bruchteil eines Augenblicks, dann lächelte er ergeben. „Aber natürlich! Ihm haben wir all das hier zu verdanken. Niemals würde ich es wagen unseren Gott in Frage zu stellen.“
„In der Tat. Das wäre äußerst unklug“, erwiderte der Alte und schlug die Kapuze zurück. Dragan erkannte einen Greis mit weißem Bart, eingefallen Wangen und tiefen Falten im Gesicht, der sich ein flammendes, liedloses Auge auf die Stirn tätowiert hatte, „Der Herr und Meister sieht alles.“
Dragan unterdrückte den Drang dem Greis dessen Stab in den Rachen zu schieben. Sauronisten waren eine Plage. Sein Vater hatte viele Jahre damit zu kämpfen gehabt ihren Einfluss zu mindern, doch der Kult um den Dunklen Herrscher war wie Unkraut. Er selbst war zum Glück nicht mit diesem Glauben aufgewachsen, was er wohl seiner Mutter zu verdanken hatte. Ivailo hatte den Kult nur aus machtpolitischem Interesse in die Ecke gedrängt, da die Kultisten mehr und mehr an dem Machtgefüge im Fürstentum zu rütteln begonnen hatten. Dragan musterte den Greis mit Abscheu. Offenbar war dies einer der Hohepriester oder so etwas. Menschenfresser, wurden sie von den „Ungläubigen“ genannt, da sie Menschenopfer verlangten und sehr oft dafür junge Frauen auswählten. Was genau mit ihnen geschah, war ein gut gehütetes Geheimnis, doch sie tauchten nie wieder auf. Ein weiterer Grund, warum Ivailo sie verdrängt hatte, da er das sinnlose Blutvergießen als Stratege und Pragmatiker nicht nachvollziehen konnte. Beim einfachen Volk war der Kult Saurons jedoch schon immer Teil des Alltags gewesen, bis sich der Krieg immer weiter in die Länge zog und mehr Blut forderte.
„Nun“, riss ihn Vakrim wieder aus dem Gedanken. Er sprach gedehnt und nahm einen großen Schluck aus einem Weinpokal, „Der Tempel wird eine großzügige Spende erhalten.“ Es blieb offen, was für eine Art von Spende gemeint war.
Der Alte wirkte dennoch zufrieden und wollte noch etwas sagen, doch die Ankunft eines Boten unterbrach sie. Vakrim winkte ihm gönnerhaft zu sich. Der junge Bursche eilte mit käsigem Gesicht die vier Stufen hinauf und beugte sich mit gebührendem Abstand zu dem Fürsten hinab und flüsterte etwas in sein Ohr. Dragan konnte leider kein Wort verstehen, egal wie sehr er seine Ohren spitzte. Vakrim wirkte nun weniger gelassen, wenn auch nur für einen winzigen Augenblick. Nach einem kurzen Moment des Überlegens nickte er, wobei sein Blick auf Dragan fiel.
Mit einem Handwedeln schickte er ihn fort und sagte wieder hämisch: „Wenn es mir irgendwann passt, werde ich Euch in eine angenehmere Unterkunft bringen. Das hängt ganz davon ab, was Eure Begleiter tun werden und einem anderen Umstand…" Er wirkte einen Moment nachdenklich, so als ob er gerade eine teuflich gute Idee hatte, "Vielleicht kann ich ja doch noch etwas mir Euch anfangen… wir werden sehen.“
Ihm war aufgefallen, dass Vakrim wieder formale Töne anschlug und weniger selbstsicher wirkte. Einer der Soldaten packte Dragan an Arm und führte ihn aus dem Saal hinaus. Der Grund für den Verhaltenswandel des Fürsten begegnete ihm sogleich im Flur, denn eine hochgewachsene Gestalt mit zwei vermummten Begleitern versperrte ihnen den Weg. Sie überragte Dragan um mehr als einen Kopf. Vor ihm stand eine schwer gerüstete Frau, deren silberweißes Haar in langen Strähnen auf ihrem dunkelgrauen Mantel fiel. Ihr Oberkörper steckte in einem fein gearbeiteten, stählernen Brustpanzer, ihre Schultern in kunstvollen Schulterpanzer und Arme wurden von schweren Schützern umhüllt. Zwei stahlgraue Augen starrten ihn mit einer Mischung aus Kälte und Abscheu herablassend an, als ob sie gerade ein Insekt in ihrer Suppe entdeckt hatte. Der Blickkontakt hielt nur kurz, doch Dragan beschloss sofort mit ihr keinen Ärger zu suchen. Eine der Wachen riss ihn grob am Arm aus dem Weg. Er erhaschte einen Blick auf das Langschwert, dass die fremde Kriegerin lässig in der rechten Hand trug. Es steckte in einer ledernen Scheide, der Griff hatte ein metallisch-bläulichen Schimmer. Der Knauf erregte jedoch am meisten seine Neugierde. Für einen winzigen Augenblick funkelte dort die Reflektion des Fackelscheins in einem türkis-blauen Saphir. Dragan bemerkte, dass auch die Soldaten der Kriegerin mit einer seltsamen Mischung aus Angst, Ehrfurcht und Abneigung begegneten. Es war das erste Mal, dass Dragan eine Elbenkriegerin begegnete. Anders als in den Geschichten, wirkte diese so gar nicht lieblich, sondern auf eine unbeschreibliche Art und Weise grausam-schön. Ihr Blick war mit einer Finsternis erfüllt gewesen, die ihm sofort klar gemacht hatte, dass sie keine Skrupel hatte, jedem, der ihr in die Quere kam den Kopf abzuschlagen.
Sie beobachteten noch, wie einer der vermummten Begleiter der Elbenkriegerin laut klopfte. Ein kurzer Moment verging. Die Anführerin hatte offensichtlich andere Pläne als zu warten und verschaffte sich mit einem krachenden Fußtritt Zutritt. Dragan blickte verdutzt zu den Soldaten, die ebenfalls perplex wirkten.
„Ah, Frau Rámalin“, ertönte Vakrims Stimme laut in einem schmeichelnden Tonfall, „Verzeiht meinen Dienern…“ Das Geräusch von Stahl, der aus einer Schwertscheide fuhr ertönte und ließ den Fürsten verstummen. Es folgte das dumpfe Poltern von einem Körper, der auf die polierten Holzdielen aufschlug. Dragan wechselte einen raschen Blick mit einem der Soldaten, der seine Lanze so fest umklammerte, dass seine Köchel weiß wurden. Doch niemand rührte sich.
Dann erklang die Stimme der Elbenfrau, die melodisch, aber scharf sagte: „Nutzlose Untergebene und elende Versager sind mir zuwider. Entschuldigt die Sauerei, Fürst von Govedalend, mein Temperament ging mit mir durch.“ Sie sprach ruhig, so als ob sie gerade eine Tasse Tee verschüttet hatte und gar nicht, als ob ihr irgendetwas leid tat, „In Eurem Schreiben habt Ihr von einem lohnenden Geschäft gesprochen.“
Die Antwort von Vakrim bekamen sie nicht mehr mit, da die ramponierte Doppeltür geräuschvoll ins Schloss fiel. Damit erwachten auch die Soldaten aus der Starre und schoben ihn etwas sanfter als zuvor in den Flur, wieder in Richtung Ausgang und brachten ihn diesmal auf direktem Wege zurück in seine Zelle.

« Letzte Änderung: 4. Jun 2021, 23:22 von Curanthor »