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Autor Thema: Der Hohe Pass  (Gelesen 7634 mal)

Khamul

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Der Hohe Pass
« am: 21. Mär 2008, 17:29 »
Jutans Start:

Es wurde kälter. Jutan hatte sich in eine Wolldecke, die er im Inneren des Wagens gefunden hatte, eingewickelt. In den letzten Stunden war der Weg viel steiler geworden, er hatte das gespürt. Die Wagen der Elben überquerten wohl gerade einen Berg, um ins Waldreich Lothlórien zu gelangen.
Was passiert wohl, wenn sie mich finden? Werden sie mich wieder zurück nach Bruchtal schicken?
Diese Frage ging ihm schon seit der Abfahrt durch den Kopf. Er war heimlich in einen Wagen voller Essen eingedrungen und hatte sich in einer Ecke in der Nähe der Wagenführer zusammengekauert. Obwohl sein Hunger mit jeder Stunde zunahm, traute er sich nicht, etwas von dem Essen zu nehmen. Die Elben könnten ihn womöglich noch als Dieb ansehen! Immer wieder unterhielten sich die beiden Elben, die den Wagen lenkten, doch er konnte keines der Worte verstehen. Die Sprache der Elben klang irgendwie wie Gesang, doch er war sich fast sicher, dass einer der Elben vor ihm Gwilieth oder so hieß. Das nannte er Verbündete! Sogar ihre Namen waren unaussprechlich, ebenso wie ihre Sprache! Es würde ihn nicht wundern, wenn sie ihn nicht schon längst entdeckt hätten!
Nein, dass kann nicht sein, dann hätten sie sicher schon längst versucht, mich einzufangen! versuchte sich Jutan zu beruhigen. Sein Blick fiel auf etwas Pökelfleisch, welches die Elben im Wagen aufgehängt hatten. Schon meldete sich sein Hunger wieder zu Wort. Er musste an irgendetwas Anderes denken!
Jutan dachte zurück in seine Vergangenheit. Das erste Bild, das ihm in den Sinn kam, waren die Massen von Uruks, die Helms Klamm belagert hatten. So viel Leid, so viel Tod... Das war keine Ablenkung für ihn! Er hatte doch noch Schönes erlebt, vor der Schlacht um Helms Klamm! Die Fechtstunden mit seinem Vater, der Reitunterricht, so viel Schönes hatte er eigentlich schon erlebt, doch dies alles schien ihm unendlich weit weg...
... „So, Jutan, du steckst den Faden durch das Nadelöhr hindurch, und dann nähst du den Riss in deinem Hemd zu.“ Dies hatte meine Mutter zu mir gesagt, als sie mir das Nähen beigebracht hatte. Ich erinnere mich noch genau an die Nadel. Sie war ein wenig groß, doch ansonsten hätte ich nie den Faden durch das Nadelöhr hindurch gekriegt. Meine ersten Nähversuche waren erbärmlich gewesen, ich hatte sie oftmals wieder auftrennen und mit ihnen von Vorne beginnen müssen, doch kurz vor... vor dem EREIGNIS hatte ich das Nähhandwerk, für einen Knaben in meinem Alter, schon gut beherrscht...
Es war zum Verzweifeln! Jedes seiner Lebensereignisse schien auf die Schlacht von Helms Klamm hinauszulaufen! Er musste es vergessen, er musste...
Plötzlich hörte Jutan ein Pochen. Etwas drückte sich durch die Plane! Schnell war Jutan auf den Beinen und kroch durch den Wagen nach Hinten. Als er hinausspähte, entdeckte er Orks, die gerade den Versorgungstrupp überfielen!
Was soll ich jetzt tun? Wenn ich den Elben helfe, werden sie mich entdecken, und wenn ich nur hier sitzen bleibe, dann könnten die Orks mich entdecken und abstechen wie ein Spanferkel! Ich sollte wenigstens kämpfen, bevor ich sterbe! Ich werde nicht zurückweichen, nicht so wie in der Schlacht um... wie bei dem EREIGNIS...
So zog Jutan das Kurzschwert seines Vaters und sprang aus dem Wagen. Seinen Schild und sein Kettenhemd hatte er im Wagen liegen gelassen, er hatte sich nicht mehr getraut, noch einmal zurückzukriechen, um sie noch einmal zu holen. Wenn er einen Ork nicht mit einem einzigen Hieb niederstreckte, dann wäre sowieso alles mit ihm vorbei!
« Letzte Änderung: 15. Feb 2016, 07:47 von Fine »
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Re: Der Hohe Pass
« Antwort #1 am: 21. Mär 2008, 18:41 »
Gwilwileths Start:
Gwilwileth-Dúlin aus Imladris


Gwilwileth zog sich die Kapuze weiter nach unten, denn die eisigen Winde auf dem hohen Pass waren dieses Jahr unerträglich. Sie war am Ende der Karawane und dachte über den Auftrag nach den Elrond ihr gegeben hatte.
Warum habe ich nur zugestimmt? Ich verabscheue das Waldreich östlich des Nebelgebirges.
Gwilwileth hatte ihre Nachtigall zum auskundschaften vor geschickt, denn die Sicht war schlecht und bei dem Heulen der Winde war es schwer feindliche Truppenbewegungen wahrzunehmen.
Plötzlich hörte sie Aufschreie von einem der vorderen Wagons und sie spurtete nach vorne. Trotz der schlechten Sicht sah sie schon nach ein paar Schritten zahlreiche dunkle Gestalten die in grausamen Gebrüll die Wagons plünderten.
In Gwilwileth regte sich etwas, denn dies war nicht unweit der Stelle, an der der Trupp der Celebrian begleitete überfallen wurde. Binnen Sekunden war Gwilwileths Kampfrausch zum Leben erwacht. Sie warf den Bogen zur Seite und ergriff ihre Schwerter und stürzte sich mit lauten Kampfschreien auf die plündernden Horden von Orks.
Sie erledigte gleich zwei auf einen Streich und Blut, schwarz wie Tinte, benetzte Gwilwileths Kleidung.
Nachdem sie weitere Orks, mit Hilfe der übrigen Elben, erstochen und enthauptet hatten sah Gwilwileth einen Jungen, ein Mensch , der etwas unbeholfen auf ein paar Orks zu rannte.
« Letzte Änderung: 22. Feb 2016, 08:29 von Fine »


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Re: Der hohe Pass
« Antwort #2 am: 22. Mär 2008, 16:19 »
Fortsetzung von "Jutan am hohen Pass":

Jutan rannte auf den erstbesten Ork zu und hieb mit seinem Schwert auf ihn ein. Das scheußliche Biest war einen Kopf kleiner als er und trug einen Holzschild und einen kurzen Säbel. Jutans Klinge zerschmetterte den Schild des Orks und hackte ihm noch zusätzlich seinen Arm ab. Der Ork schrie zwar vor Schmerz auf, ging aber zum Gegenangriff über.
Dieses widerliche Biest ist viel zu klein! Wie soll man seinen Hieben dann noch ordentlich ausweichen können?
Mit einer ruckartigen Bewegung nach Hinten versuchte er, dem Säbel des Orks zu entgehen, schaffte es aber gerade noch nicht. Jutan spürte einen Schnitt auf seiner Brust, sah, wie sich ein Schlitz auf seinem Hemd auftat. Der Schnitt war aber nicht sehr tief, und schon ging er zum Gegenangriff über. Das Kurzschwert seines Vaters durchstieß die Brust seines Gegners. Der Ork spuckte Blut, verdrehte die Augen, als wolle er in das Innerste seines Schädels blicken, und erschlaffte schließlich vollends. Wieder kamen die Bilder aus der... aus dem EREIGNIS in ihm auf. Er musste sie niederkämpfen!
Er zog das Schwert seines Vaters aus dem toten Körper des Orks heraus und hieb sofort auf den nächsten ein. Schon war eine Elbin rechts von ihm, bekleidet in Leder, bewaffnet mit einem langen Schwert, die ihn vor einem weiteren herannahenden Ork schützte. Sie war ganz plötzlich aufgetaucht, scheinbar aus dem Nichts, doch er wusste es besser. Aus den Augenwinkeln sah er, dass die Elbin rote Haare hatte, etwas hellere als er selbst, und auf ihrem Gesicht befand sich ein Schnitt.
Nun wurde Jutan von zwei Orks gleichzeitig angegriffen, die Elbin neben ihm war ebenfalls mit einigen Gegnern beschäftigt. Zwei weitere Elben kamen in seine Nähe und fochten ebenfalls gegen die herannahenden Orks. Während Jutan eines der grässlichen Biester niederstach, biss sich ein anderes, welchem die rothaarige Elbin einen Arm abgeschlagen hatte, an seiner Brust fest. Schmerz durchfuhr in. Mit einem raschen Schwerthieb auf den Kopf seines Gegners tötete er diesen und riss ihn von seiner Brust. Er hätte doch sein Kettenhemd anlegen sollen!
Schon zischten Pfeile aus beiden Richtungen an ihm vorbei. „Runter!“, rief die rothaarige Elbin ihm in der allgemeinen Sprache Mittelerdes zu. Kaum hatte er sich auf den Boden geworfen, ging schon ein Pfeilwind aus der Richtung der Elben über ihn drüber.
Als Jutan so dalag, im Schnee, überkam ihn plötzlich wieder sein Hunger. Er blickte an sich hinab. Sein Hemd war über seiner Brust zerfetzt, die beiden Wunden waren jedoch nicht sonderlich tief und bluteten wenig. Stechende Kälte, kroch in seine Brust und breitete sich schließlich über seinen ganzen Körper aus. Er spürte, wie er an den Haaren gepackt und hochgezogen wurde. Schon blickten ihn tiefblaue Augen an, dunkel, beinahe schon kalt, ohne jegliche Regung. Es war die rothaarige Elbin.
Was hat sie jetzt mit mir vor?
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Re: Der hohe Pass
« Antwort #3 am: 22. Mär 2008, 16:29 »
Fortsetzung von "Gwilwileth am hohe Pass":

Gwilwileth musterte den Jungen, den sie an den Haaren hochgezogen hatte. Er ist jung! Dennoch sehe ich in seinen Augen dass er schon viel erlebt hat. Viel mehr als andere seines Alters von sich behaupten konnten.
Ein Ork hatte ihr eine Schnittwunde am Bein zugefügt. Sie blutete aber es kümmerte nicht, denn sie erinnerte sich an ihren Schwur nie wieder Gefühle zuzulassen.
Sie sah sich nocheinmal um und sah auf den von blutgetränkten Boden und die Orks die in Haufen auf den Bogen lagen. Es waren auch drei ihrer Mitstreiter gefallen, aber Gwilwileth wusste, dass keine Zeit war ihren Tod zu betrauern.
Sie befürchtete dass es nicht die einzigen Horden in der Nähe war, deshalb befahl sie zwei ihrer Begleiter auf elbisch, dass sie nach den übrigen sehen sollten und sich bereit machen sollten weiter zu reisen.
Jetzte wandte sie sich den Jungen zu.
Sie sprach laut und deutlich und ihre Stimme verriet nicht dass sie soeben gegen mehrere Feinde gekämpft hatte und ihr Bein schmertzte.
" Wer bist Junge, dass dich hier aufhältst?"
« Letzte Änderung: 22. Mär 2008, 16:35 von Vexor »


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Re: Der hohe Pass
« Antwort #4 am: 22. Mär 2008, 17:15 »
Soll ich ihr die Wahrheit sagen? Wird sie mich töten?
Jutan atmete einmal tief ein, seine Brust schmerzte, und er kniff die Augen zusammen.
Darauf sollte ich in Zukunft lieber verzichten!
Schließlich begann er, mit der Elbin zu sprechen, langsam, denn er suchte die besten Worte: "Ich bin Jutan, Haleths Sohn. Ich gehöre zu den Flüchtlingen aus Rohan. Da ich nicht dabei zusehen will, wie Mittelerde zerstört wird, habe ich mich in einem der Wagen versteckt... Ich habe nichts vom Essen gestohlen!"
Der Gesichtsausdruck der Elbin zeigte keine Regung, es schien ihm fast so wie eine Maske. Endlich öffnete sie ebenfalls den Mund...
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Re: Der hohe Pass
« Antwort #5 am: 22. Mär 2008, 17:29 »
Ein Rohirrim ich ahnte es
" Und was Jutan, Haleths Sohn, soll mich davon abhalten dir nicht gleich die Kehle durchzuschneiden? Wie kann ich sicher sein, dass du nicht ein Spitzel Sauron, des Verfluchten, bist?"
Sie sprach es schnell, kühl und ohne mit der Wimper zu zucken. Sie zog einen ihrer Schwarzblattdolche und hielt sie Jutan vors Gesicht.
Sie sah das entsetzen auf Jutans Gesicht, aber er zeigte genügend Mut ihr zu antworten
« Letzte Änderung: 22. Mär 2008, 19:42 von iForce| Brownie »


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Re: Der hohe Pass
« Antwort #6 am: 22. Mär 2008, 17:59 »
"Du machst mir keine Angst!", Jutan konnte ein leichtes Zittern in seiner Stimme nicht unterdrücken: "Ich habe schon hundete Menschen sterben gesehen, hingerichtet vom dunklen Gebieter! Warum sollte ich ihm dienen? Ich...", ihm versagte die Stimme, und er brach in Tränen aus.
Er hatte das EREIGNIS endgültig vergessen wollen, und nun schien es wieder vor ihm zu sein, so klar, als stünde er gerade mitten im Geschehen. Seine Trauer durfte ihn nicht überwältigen! Er fasste noch einmal all seine Willenskraft und sagte zu der Elbin, so ruhig er es unter seinen Schluchzern noch hervorbrachte: "Ich war dabei, bei der Schlacht um Helms Klamm. Es kommt mir so vor, als wäre es gestern gewesen... Bekannte, Freunde, sogar meinen Vater haben sie mir genommen! Das werde ich ihnen beiden nie verzeihen! Weder Saruman noch IHM!"
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Re: Der hohe Pass
« Antwort #7 am: 22. Mär 2008, 18:16 »
Gwilwileth sah in Jutans Gesicht und sie sah nun nicht mehr einen jugendlich-kindliches Gesicht, nein das Gesicht strahlte Erwachsenheit und Entschlossenheit aus.
Soll ich ihn Vertrauen?
Vertrauen, Gwilwileth versuchte sich zu erinnern was vertrauen war und wann sie es zuletzt gespürt hatte. Sie hatte Vertrauen bei Celebrian und ihren Stiefgeschwistern verspürt, doch es war so lange her; viel zu lang um sich daran zu erinnern.
Doch Sauron ist ein Geschöpf, dass sich mit List und Tücke auskennt, wenn nicht gleich seinem alten Herren
Gwilwileth erinnerte sich an all die Sagen und Mythen die sie von Sauron und Morgoth gelesen hatte. Doch dann sah sie wieder in das Gesicht Jutans und ein Lächeln huschte ihr übers Gesicht.
Sie wusste nicht wieso, denn gelächelt hatte sie seit ihrer Kindheit nicht mehr, aber irgendetwas an Jutan mochte Gwilwileth.
Sie senkte ihre Dolche und lies ihn los und mit weniger Kühle in der Stimme fasste sich Gwilwileth ein Herz und sagte:
" Jutan, Haleths Sohn, ich vertraue dir und deinem Wort, aber sei gewarnt sollte ich doch Verrat an Herr Elrond oder mir spüren werde ich nicht zögern dein Leben zu beenden, wie das Leben der Orks zu deinen Füßen". Sie fuhr nun, nur erstaunlicher Weise lächelnd, fort
" Ich biete dir noch mehr an! Ich sah dich gegen die Orks kämpfen und, obwohl du behauptest du seiest bei der Schlacht von Helms Klamm anwesend gewesen, so beurteile ich deine Kampfkünste als eher bescheiden. Ich werde dich in die Lehre der Schwertkunst einweisen, sobald wir in den Wäldern Lothloriens angekommen sind, denn ich spüre etwas an dir dass mich beeindruckt und aufmuntert".


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Re: Der hohe Pass
« Antwort #8 am: 22. Mär 2008, 21:25 »
Das Gesicht der Elbin war keine Maske mehr - sie lächelte! Und sie hatte ihm doch tatsächlich angeboten, ihn im Schwertkampf zu unterrichten! Jutan hatte so viele Geschichten über die Kaltherzigkeit der Elben gehört, doch bei dieser rothaarigen schienen diese Geschichten nicht zuzutreffen.
Wie heißt sie denn eigentlich?
Dies alles war irgendwie schnell für ihn gekommen. Zuerst hatte die Elbin ihn noch bedroht, und jetzt bot sie ihm an, seine Lehrmeisterin zu werden! Seine Tränen hörten auf zu fließen, und zum ersten Mal seit dem EREIGNIS fühlte er sich wieder fröhlich.
Hat sie mich vielleicht verzaubert?
Jutan wollte zwar schon ihr Schüler werden, doch wichtiger war es ihm, etwas anderes von ihr zu erfahren. Ein wenig zaghaft fragte er sie: "Wie ist eigentlich dein Name?"
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Re: Der hohe Pass
« Antwort #9 am: 22. Mär 2008, 22:05 »
"Meine Name ist Gwilwileth-Dúlin, doch ich werde nur Gwilwileth gerufen"
So erstaund Gwilwileth über die anhaltende Fröhlichkeit war, so beunruhigte sie es auch.
Sie sah sich um und erblickte ihre Nachtigall die zu ihr zurückkam.
Gwilwileth strich sich das Haar aus dem Gesicht, denn ihr Knoten im Nacken hatte sich während des Kampfes gelöst. Sie redete mit ihrer Nachtigall und erfuhr, dass auf ihrem Weg über das restliche Nebelgebierge keine Orks lauerten.
Sie müssen sich zusammenziehen. Wir müssen uns beeilen, bevor sie uns erneut bemerken.
Sie wendete sich erneut Jutan zu. Ihr Lächeln lies allmählich nach, aber sie strahle nun mehr Freundlichkeit aus.


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Re: Der hohe Pass
« Antwort #10 am: 23. Mär 2008, 19:27 »
Jutans und Gwilwileths restliche Reise über das Nebelgebierge:

Nachdem sie eine windstille Stelle gefunden hatten schlugen sie ihr Nachtlager auf, da die meisten sich von dem überaschenden Angriff der Orks erholen mussten und die Kälte unerträglich wurde.
Am darauf folgenden Tag brachen sie auf. Zu aller Freude gab es auf den restlichen Weg nach Lorien keine weiteren Zwischenfälle und bald sahen sie in der Ferne die blühenden Wälder Lothloriens.


Jutan und Gwilwileth nach Wälder Lothlóriens
« Letzte Änderung: 10. Feb 2016, 23:37 von Fine »


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Über das Gebirge
« Antwort #11 am: 15. Sep 2016, 23:09 »
Antien, Finelleth und Irwyne von Dol Guldur


17. Juli 3022
Aus der Sicht Finelleths

"Ich sagte ja, dass die Pelze nützlich sein würden," verkündete Antien, der voranging. "Du kannst es gerne weiterhin abstreiten, aber Irwyne wird mir gewiss Recht geben."
"Auf jeden Fall," sagte Irwyne vergnügt. "Es war gut, dass Antien mit den Flussmenschen gesprochen hat und sie uns diese Pelze verkauft haben. Sonst würden wir hier oben ziemlich frieren!"
Finelleth, einen weißen Wolfspelz um die Schultern, gab keine Antwort. Sie hoffte, die beiden würden von selbst aufhören, sie mit ihrer Übervorsichtigkeit aufzuziehen. Sie hatte davon abgeraten, mit den Bewohnern des Anduin-Tals Kontakt aufzunehmen, da sie befürchtete, dass diese unter dem Einfluss Sarumans standen.
Wenn der Zauberer Düsterwald und Nebelgebirge beherrscht, wie lange wird es dann dauern, bis ihm auch die Lande dazwischen in die Hände fallen? dachte sie.
Antien schien genau zu wissen, was ihr durch den Kopf ging und seine gute Laune wurde noch unerträglicher.
"Manchmal muss man einfach an das Gute in den Leuten glauben und ihnen vertrauen," sagte der Elb mit breitem Lächeln.
"Nicht alle Probleme lassen sich mit einem Lied oder freundlichen Worten lösen," gab Finelleth zurück.
"Aber gewiss die meisten," konterte Antien.

Irwyne kicherte. Das Mädchen hatte die lange Reise durch das Tal des Anduins erstaunlich gut überstanden und sich als robuster als erwartet erwiesen. Finelleth hatte befürchtet, das hohe Tempo das sie den anderen beiden vorgab um Irwynes Willen nicht lange halten zu können, doch sie hätte sich keine Sorgen machen müssen. Die Gruppe war von Dol Guldur nach Nordwesten aufgebrochen und gut vorangekommen als sie sich ihren Weg entlang des Großen Stromes gesucht hatten. Beim Carrock hatten sie den Anduin überquert und sich nach Westen zum Gebirge gewendet. Nach einem kurzen Halt in einem der Dörfer der Bewohner des Tales hatten sie den Aufstieg zum Hohen Pass erreicht. Bis auf die Flussmenschen waren ihnen auf ihrer Reise keine anderen Leute begegnet. Das Tal des Anduins kam ihnen verlassen und wild vor. Wie ein Land, in dem alles Leben vor dem Krieg geflohen ist, dachte Finelleth.

Den ganzen Vormittag hatten sie damit verbracht, den Pass hinaufzuklettern. Früher als gedacht erreichten sie die Schneegrenze und nun sah Finelleth ein, wie klug Antien gewesen war. Die Pelze hielten sie warm und schützten sie vor dem eisigen Wind, der von den Berggipfeln blies. Sie hofften, am späten Abend das Gebirge hinter sich zu lassen. Dann würde es nicht mehr weit bis zum verborgenen Tal von Imladris sein. Antien war als Einziger schon mehrfach dort gewesen und würde ihnen den Eingang zeigen. So lautete zumindest der Plan.

Der Weg vor ihnen bog um eine scharfe Kurve, so dass sie nicht sehen konnten, was hinter der Felskante lag, die ihnen die Sicht versperrte. Finelleth setzte sich an die Spitze der Gruppe und ging vorsichtig voran. Sie umrundeten die Kante - und blieben erschrocken stehen. Wenige Meter voraus verbreiteterte sich der Pfad zu zu einer Art Lichtung im Gebirge, ein beinahe kreisrunder Platz, an dessen Ost- und Westseite sich der Hohe Pass fortsetzte. Und dieser Platz war gefüllt mit Leichen.
"Orks," stellte Finelleth fest und zog eines ihrer Wurfmesser hervor. Das Kurzschwert in die andere Hand nehmend schlich sie vorwärts. Keiner der Gefallenen rührte sich als sie näher kamen. Es waren ungefähr zwei Dutzend Tote dort.
Antien trat einem der Orks gegen den Helm. "Bei ihm sind schon lange alle Lichter aus," kommentierte er. "Wenn ich könnte, würde ich den Geruch, den er freundlicherweise verströmt, dankend ablehnen."
Irwyne hielt sich die Nase zu. "Wer hat hier gekämpft?" fragte sie.
"Es sieht so aus als ob die Orks einen Streit untereinander hatten," sagte Finelleth, die die Leichen untersuchte. Mehrere Orks waren ineinander verkeilt gestorben, wie von tödlicher Rauflust dahingerafft. Zunächst sahen sie alle ähnlich aus, doch mit der Zeit konnte sie zwei Gruppen identifizieren.
"Von der Sorte wie dieser hier habe ich viele bei Dol Guldur gesehen," sagte sie und drehte mit ihrer Klinge einen der Toten auf den Rücken. "Da seht, die S-Rune an seinem Helm, die steht für Saruman. Wahrscheinlich kam er aus Moria. Die Hälfte hier scheinen Orks die der Weißen Hand dienen zu sein."
"Und die anderen?" wunderte sich Irwyne.
"Sie tragen keine Abzeichen oder Markierungen," stellte Finelleth fest. "Doch eindeutig sind sie Feinde Sarumans."

Ein lautes Geräusch ließ sie herumfahren. Am Westrand des Platzes war eine weitere Gruppe Orks aufgetaucht. Als sie die Elben und Irwyne sahen zogen sie johlend ihre Waffen. Es waren neun an der Zahl.
"Wohl Überlebende des Gefechts hier," zischte Finelleth und machte sich kampfbereit, stellte sich schützend vor Antien und das Mädchen.
Die Orks kamen heran, siegessicher und unvorsichtig. Zweien kostete dies das Leben, als die Elbin ihre Wurfmesser mit gezielten Würfen zwei Kehlen durchbohren ließ. Der Rest stockte einen Moment, brüllte dann vor Zorn und Blutlust auf. Dann stürzten sie sich auf Finelleth.
Dem ersten Schlag einer schartigen Doppelklingenaxt wich sie aus und ließ auch den zweiten ungestümen Angriff, den ein Ork mit seinem Speer führte, ins Leere laufen. Ihre Feinde behinderten sich gegenseitig in ihren Versuchen, die Elbin zu treffen. Einen raschen Streich führte sie und der dritte Ork sank tot zu Boden.
Drei erledigt, sechs noch übrig, dachte sie als sie hektisch mehrere Schläge in schneller Abfolge zu parieren versuchte. Zu ihrem Glück waren die Orks vom vorigen Gefecht verwundet und hatten nur wenig Zeit gehabt, sich auszuruhen. Ihre Klinge blitzte auf und durchtrennte den Hals des vordersten Feindes. Ein weiterer Gegner verlor auf dem glatten Boden das Gleichgewicht und stürzte zu Boden, wobei er ungünstig auf einem scharfen Felsen landete und nicht wieder aufstand.
Rückwärts springend gelang es Finelleth, weiteren Treffern zu entgehen und ihr letztes Wurfmesser fand sein Ziel. Nur noch drei Orks verblieben. Diese schienen nun zu merken, dass sie gegen diesen Feind wenig ausrichten konnten und traten den Rückzug an.
"Saruman wird nicht mehr lange der Herr der Berge sein!" riefen sie noch ehe sie in westlicher Richtung den Pass entlang flohen.

Finelleth starrte ihnen nach, schwer atmend. Das Adrenalin des Kampfes begann, ihren Körper zu verlassen und sie konnte wieder klarer denken. Wem dienen diese Orks, wenn sie Feinde Sarumans sind? fragte sie sich.
"Gut gekämpft," sagte Antien anerkennend.
"Ich sagte ja, du würdest noch froh darüber sein, mich dabei zu haben", antwortete die Elbin. Sie fühlte sich seltsam.
Irwyne kam heran und riss die Augen auf. "Du blutest, Finelleth, du bist verwundet!"
Sie blickte an sich herunter. An Bauch und Oberschenkel klafften zwei tiefe, stark blutenden Wunden. Erst jetzt spürte sie die Kälte und den Schmerz, die davon ausgingen. Sie hatte im Rausch des Kampfes gar nicht gemerkt, wie sie verwundet worden war. Verwirrt hob sie die Hände an den blutgetränkten Stoff. Alle Luft verließ ihre Lunge und ihr wurde schwarz vor Augen.

Das erste, was sie hörte, war leiser, melodischer Gesang. Eine weit entfernte Stimme sang Worte, die sie nicht verstand und es klang, als wäre sie unter Wasser.
"Faerwen," drang ein Name durch den Schleier, der sie umgab. Eine neue Stimme. Es hörte sich nach der Stimme ihrer Mutter an. Sie versuchte, im Dunkel etwas zu erkennen, doch ihre Hände griffen ins Leere.
"Faerwen," wiederholte die Stimme. Und während sie den Namen aussprach veränderte sich ihr Klang, wurde höher, besorgter, und weniger tröstlich.
"Faerwen!," erklang es ein drittes Mal, und endlich erkannte sie die Stimme von Irwyne. Finelleth schlug die Augen auf. Es war Nacht geworden. In der Nähe prasselte ein Feuer, an dem Antien saß und eine verträumte Weise sang. Sie befanden sich in einer kleinen Höhle, nicht mehr als fünf Meter tief. Der Ausgang lag direkt am Pass, auf dem es zu schneien begonnen hatte.
"Du bist wach!" stellte Irwyne erfreut fest. Finelleth sah, dass das Mädchen geweint hatte. "Erst als ich deinen wahren Namen rief, hast du reagiert."
"Was... ist geschehen?" fragte die Elbin.
"Du hattest so einiges abbekommen, mehr als du zunächst spürtest," erklärte Antien. "Du kannst wahrlich froh sein, dass unsere Freundin hier eine so fähige Heilerin ist. Aber womöglich war es auch der Tee, den ich dir gekocht habe."
"Meine Wunden..." setzte Finelleth an.
"Die habe ich behandelt, aber nun habe ich keine Verbände mehr," sagte Irwyne. "Wir müssen nun so bald wie möglich Bruchtal erreichen damit du dich ganz erholen kannst."
"Für heute bleiben wir hier," entschied Antien. "Morgen lassen wir dann dieses ungastliche Gebirge hinter uns und kommen wieder in bessere Gegenden, wo vernünftigere Leute leben. Es wird euch in Imladris gefallen."

Sie schliefen, ohne eine Wache aufzustellen. Am Morgen stellten sie fest, dass Finelleth einigermaßen gut laufen konnte und so setzten sie ihren Weg über den Pass fort. Am späten Vormittag überquerten sie die höchste Stelle und konnten einen Blick auf das Land, das sich vor ihnen ausbreitete, werfen. Von nun an ging es nur noch bergab. Bruchtal rückte mit jedem Schritt näher.


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Deeman

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Re: Der Hohe Pass
« Antwort #12 am: 12. Jan 2017, 21:16 »
Gromnirs Start

Lange Wege und große Steine
Sommer 3022 D.Z.
Mürrisch wie eh und je packte Gromnir seine Sachen. Viel hatte er sowieso nicht, lediglich ein paar Kleidungsstücke und das Rüstzeug welches er nun schon seit vier geschlagenen Tagen am Stück trug. Es sollten nun weitere Tage dazukommen aber das störte ihn nicht. Seit er denken kann, wurde er für den Kampf geschult, er lernte den Kampf zu lieben und zu leben.
Als er alles beisammen hatte, schaute er sich noch einmal um. Den anderen Kriegern fiel es leichter sich vorzubereiten, es herrschte sogar Aufbruchstimmung. Der junge Wolf brummelte missmutig, wie konnte man nach all den Verlusten und der Entscheidungen der Ältesten so fröhlich sein? Man sollte sich rüsten und die Verstecke der Orks ausfindig machen um sie auszulöschen! Gromnirs Blut begann wieder zu brodeln aber dann schüttelte er sich. Die Nebelwölfe waren auch seine Familie, an diese sollte er auch denken. Seine Mutter bei der Geburt starb, man erzählt sich dass Gromnir mitten in einer Schlacht geboren wurde denn seine Mutter gebar ihn angeblich noch mit dem Schwert in der Hand. Gromnir wusste noch nie was er von dieser Geschichte halten sollte, er war schon immer ein Mann der im Hier und Jetzt lebte, einem Ork interessiert es nämlich nicht wer oder was die Altvorderen taten. Die Blutmondnacht war dazu bestimmt den Toten zu gedenken und so hielt er es auch immer schon. Was mit seinem Vater geschah, klang nach den Erzählungen Úlfrik deutlich glaubwürdiger, er starb nämlich bei der Jagd nach einem Warg. Geschwister oder andere nahe Verwandte hatte der junge Wolf keine.
In Gedanken versunken verließ er das Langhaus. Man war bereits fleißig, die meisten Hütten brannten schon, die Mine war eingestürzt. An den Bergspitzen konnte man sehen dass bald die Sonne kommen sollte. Gromnir richtete seinen Blick nach Südwesten, dort wo der Weg der Nebelwölfe hinführen sollte. Er dachte nach. Ob es wirklich klug ist wenn der ganze Stamm gesammelt auf einem Haufen den Pass überquert oder solle man sich doch besser aufteilen. Große Gruppen erregen schliesslich viel Aufmerksamkeit und wenn man den Geschichten Glauben schenken durfte, wimmelte es dort oben mittlerweile vor Orks. Die neuerlichen Angriffe auf die Siedlung bestätigten die Geschichten. Kurzerhand beschloss er seinen Häuptling aufzusuchen und seinen Gedanken auszusprechen. Vielleicht würde der alte Mann diesmal zuhören?
Úlfrik stand wieder im Zentrum der übrigen Siedlung, gab den anderen Siedlern hier und dort noch Anweisungen was zu tun ist. "Häuptling, ich hab nachgedacht und möchte einen Vorschlag machen" erhob Gromnir seine Stimme. Der alte Mann richtete seinen Blick auf jenen, seine Augenbrauen hoben sich. "Sprich, Junge" forderte er mit einer lässigen Geste auf "Statt gesammelt den Pass zu überqueren, sollten wir uns aufteilen. Ich schlage vor wir bilden eine Vorhut, der alle möglichen Gefahren beseitigt. Die Hauptgruppe mit Frauen und Kindern in der Mitte und eine Nachhut der ihnen den Rücken frei hält" fasst er kurz und knapp zusammen. Der älteste Zwerg Kibli, welcher daneben stand, nickt zustimmend und brummelte etwas in seinen Bart. Man konnte nicht verstehen was er sagte aber es klang nach Zustimmung. Úlfrik nickte ebenso "Wir hatten uns darüber beraten und stimmen dem überein. Die Vorhut sollst du übernehmen, mein junger Krieger". Gromnirs Mundwinkel zuckten erfreut, endlich wurde ein Vorschlag angenommen. "Ich werde mir die besten fünf Krieger mitnehmen und sofort aufbrechen, achtet auf die Steine am Wegesrand" sprach der junge Wolf und machte sich auf die passenden Leute aufzusuchen. Es dauerte nicht mal eine Stunde und schon hatte er alle beisammen, darunter auch Furin der rothaarige Zwerg und Lehrer von Gromnir, außerdem vier weitere Krieger der Nebelwölfe, alle ähnlich gekleidet wie Gromnir. "Wir haben die Aufgabe die Vorhut zu bilden und sollen sofort aufbrechen" erklärte er kurz und bündig. "Habt ihr alle eure Sachen beisammen?" seine grüne Augen huschten über die Anwesenden, jene prüften ihre Habe. Alle waren bereit zum Aufbruch. "Dann los".
Mit strammen Schritt verließen sie die Siedlung Richtung Süden, dabei hielten sie sich immer am Gebirge. Als sie einige Hügel und Bäche überquerten, die Siedlung am Horizont zu sehen war, drehte sich Gromnir noch ein letztes mal um. Das lebenslange Training und die regelmäßigen Ausflüge in das Gebirge hatten sich bezahlt gemacht, schon wenige Stunden später erreichte die kleine Truppe den Aufstieg. Voller Spannung blickten sie hinauf. Mit einem deutlichen Nicken in die Gruppe signalisierte Gromnir dass es losgehen soll.
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Re: Der Hohe Pass
« Antwort #13 am: 13. Jan 2017, 00:24 »
Zwergenriten und kalter Wind
Der Aufstieg verlief friedlich und dennoch war er beschwerlich. Die Kälte wurde mit jedem Meter stärker, der Wind wehte um die Nasen der Reisenden. Doch sie waren die Nebelwölfe, ihre Heimat war das Nebelgebirge. Wo andere froren, marschierten sie unbeirrt weiter. Fast schon trotzig bahnte Gromnir sich seinen Weg nach oben. Der Weg war mehr oder weniger sicher und schlängelte sich durch die Felsen. Gromnir fragte sich einen Moment ob man hier mit einem Pferd durchkäme geschweige mit einer ganzen Karawane. Dieses Problem hatten die Nebelwölfe jedoch nicht, sie besaßen keine Pferde und ihre Habseligkeiten beschränkten sich auf das Nötigste.
Immer mal wieder hielt die Truppe einen Moment inne, denn ihr zwergischer Begleiter Furin drappierte immer wieder ein paar Steine am Wegesrand in bestimmte Postionen. "Meister Kibli wird es zu deuten wissen" brummelte er den fragenden Gesichtern entgegen, die es allesamt mit einem stummen Nicken hinnahmen. Man vertraute sich gegenseitig, es gab keinen Grund sich gegenseitig zu verraten. Seit jeher waren die Zwerge, wenn auch nur eine kleine Schar, fester Bestandteil der Gemeinschaft. Manchmal etwas eigenbrötlerisch und launenhaft, dennoch standen sie stets an vorderster Front wenn es einen Konflikt gab.
Nach einer Stunde strammen Marsch, zumindest fühlte es sich für die Gruppe so an, hielten sie das erste mal inne. Ein Höhleneingang breitete sich zwischen einigen zerklüfteten Felsen aus. Gromnir betrat sie als Erster, die anderen folgten nach und nach. Man konnte eine alte verlassene Feuerstelle entdecken, dennoch waren keine Spuren zu sehen. Es scheint als wurde die Höhle lange nicht genutzt. "Eine gute Raststelle für Reisegruppen" stellte Gromnir fest, Furin nickte und machte sich wieder dran Steine zu drappieren. So führte ihr Weg weiter Richtung Westen.
Auch wenn man wusste dass Orks nachts aktiv sind, so huschten doch immer wieder die misstrauischen Blicke auf die Hänge. Schliesslich gab es noch andere Gefahren im Gebirge, das wussten Gromnir und seine Begleiter nur zu gut. Hier und dort fielen kleine Schneelawinen herab oder Steine rollten die Hänge runter. Der Wind jaulte während er sich seinen Weg durch die Schluchten bahnte.
Wieder hielt der Trupp inne, Gromnir hob die rechte Faust hoch und ging in die Hocke. Vorsichtig streichte er mit seiner Linken über den Boden. "Ork, acht...nein, Zehn" stellte er fest. Doch runzelte er die Stirn, denn eine der Abdrücke wirkten eher menschlich als orkisch. "Obacht" gab er seinen Begleitern zurück. So setzten sie ihren Weg fort und kamen dann an einer weiteren Höhle vorbei die jedoch deutlich kleiner war. Die Orkspuren führten daran vorbei und waren gerade mal einen Tag alt. Mittlerweile war es schon fast Abend. Die Sonne war im Begriff unterzugehen. "Wir werden hier auf sie warten" beschloss Gromnir dann mit festen Blick, die anderen grinsten freudig und begaben sich in die Höhle. Endlich durften sie wieder dem frönen was ihnen am liebsten ist...der Jagd.
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Re: Der Hohe Pass
« Antwort #14 am: 13. Jan 2017, 20:11 »
Schwarzer Schnee
Aus Úlfriks Sicht...
"Wir bleiben zusammen" erschallte es entschlossen am Fuße der Berge. Der Häuptling hatte seine Meinung offenbar geändert und erntete dafür so manchen verständnislosen Blick. Kibli dagegen war bereits damit beschäftigt die Steine zu lesen welche Furin hinterlassen hatte. "Hier lang, der Weg ist sicher" brummelte er Úlfrik entgegen. Dieser nickte zufrieden, Gromnirs aufmüpfige und vorlaute Art war ihm schon immer ein Dorn im Auge dennoch war ein fähiger Krieger und wenn es sein muss Führer. Nur war er noch jung und zu hitzköpfig, oftmals viel zu besessen von der Jagd. Aber er konnte es auch irgendwie verstehen denn seine Eltern lebten und liebten die Jagd ebenso. Aber dennoch ging immer das Wohl der Gemeinschaft vor und so hielt es der Häuptling.
Innerlich zufrieden wies er die Nebelwölfe an den Weg nach oben anzutreten. Auch wenn der Stamm freiheitsliebend ist, war er auch durchaus in der Lage diszipliniert vorzugehen. Mit Úlfrik, Kibli und Arni an der Spitze bildete sich eine Zweierreihe, bestehend aus den Frauen und Kindern, und schlängelte sich nach oben. Diese wurden von den Stammeskriegern flankiert, welche dennoch immer mal wieder umherblickten, all dem folgten die Zwerge als Nachhut.
Kibli führte die Gruppe zur ersten Höhle welche von Gromnirs Gruppe entdeckt wurde. Gerade noch rechtzeitig, denn die Sonne war schon dabei unterzugehen und die Kälte nahm mit jedem Moment deutlich zu.

Währenddessen bei Gromnirs Trupp...
Sprichwörtlich wie die Wölfe lauerten Gromnir und seine Begleiter in ihrer Höhle. Der Wind wehte heftig und peitschte den Schnee auf. Es schien so als wolle der Pass die Nebelwölfe vor einer Probe stellen. Diese Probe bestanden sie, waren sie gut vorbereitet auf die Kälte. So wild ihre Erscheinung sein mag, sind sie doch in hochwertiger Fellkleidung gehüllt. Mit den Jahrhunderen hatten sich die Altvorderen den Gegebenheiten angepasst.
Direkt am Eingang hockte Gromnir und lauschte ins Gebirge, von den Anwesenden hatte er das beste Gehör. Seit Kindesbein an fehlte ihm ein Auge, entsprechend war er mit der Sicht eingeschränkt, so war er gezwungen seine anderen Sinne zu schulen. Der Lohn dieser Mühen sollte folgen denn unter dem Jaulen des Windes mischten sich schwere Schritte und verdächtiges Grunzen welche sich der Höhle nährten. Eindeutig Orks und schon erschallte es: "Macht schon, ihr Maden. Mir is kalt, bewegt eure Ärsche!". Offensichtlich gab es sowas wie einen Anführer in der Truppe die dazu verdonnert war Patroullie zu gehen. Die Geräusche wurden lauter und so stapfte der Truppe an der kleinen Höhle vorbei. Die Motivation der Orks war offensichtlich nicht so groß, mit starren Blick nach vorne bahnten sie sich ihren Weg, ihr vorrangiges Ziel war es wohl schnellstens wieder ins Warme zu kommen. Die Nebelwölfe warteten ab bis die Orks einige Meter entfernt waren. Der Anführer war deutlich größer als seine Begleiter, fast schon so groß wie ein Mensch. Seine Spuren stimmten mit denen im Schnee überein. Zu dem war er deutlich besser gerüstet als die anderen. Ein schwarzer Brustpranzer schützte seinen Oberkörper und der Helm wurde von einem seltsamen Motiv geziert, einer weißen Hand. Das Schwert wirkte fast schon zu hochwertig für einen Ork.

Dann gab Gromnir das Zeichen zum Angriff. Er wies die seine vier menschlichen Krieger an vorauszugehen, mit gezogenen Messern liefen sie los. Statt mit lautem Gebrüll, schlichen sie lautlos hinter dem Trupp her und so wurden die kleineren Orks nach und nach ausgeschaltet. Erst nach dem fünften Opfer bemerkten sie den Angriff und einer brüllte alarmierend "Wir werden angegriffen" ächzte er mit schriller Stimme. Der gesamte Orktrupp, nur noch aus sechs Mannen bestehend, ging sofort zum Gegenangriff über ohne den Befehl ihres Anführers abzuwarten. "Dreckige Maden, dämliches Pack" brüllte er und schloss sich dem Angriff an. Die Nebelwölfe zogen sich rasch zurück, sie waren deutlich schneller, die kräftigen Beine trugen sie schnell vom Feind weg. Auf einer kleinen Lichtung, umgeben von einigen Felsen und zerklüfteten Vorsprüngen, hielten die Wölfe inne. Vermeintlich in der Falle wandten sie sich den Verfolgern zu die freudig gackerten. Gerade als sie zum Angriff ansetzen wollten, kamen von jeweils links und rechts Wurfäxte geflogen. Es waren Furin und Gromnir die dafür verantwortlich waren. Vier weitere Orks ließen ihr Leben, die restliche Zwei wurden wiederum von den Speerstichen der anderen Nebelwölfe niedergestreckt. Das Gurgeln und Ächzen der sterbenden Kreaturen wurde vom Wind der Berge übertönt. Lediglich der orkische Anführer wart übrig. Gromnir positionierte sich in der Mitte der Lichtung, die anderen versteckten sich hinter den Felsen.
Mit schweren Schritten und gezückten Schwert trat der Hüne heran. "Mutig, Mensch. Doch eure Zeit ist vergangen, beugt euch Saruman". Gromnir legte den Kopf schief und betrachte die Bestie vor sich. Er beantwortete die Forderung mit beharrlichen Schweigen, der Ork deutete dies wohl als Ablehnung. "Dann stirb.." mit lauten Gebrüll stürmte er auf Gromnir zu. Das Blut des Wolfes begann zu pulsieren, endlich gab es einen Kampf. Mit Schild und Schwert trat er seinem Feind entgegen. Gromnir überließ die ersten Hiebe seinem Gegner, kraftvoll prügelte dieser immer wieder auf den Holzschild ein, es schepperte immer wieder. Während Gromnir mit dem Anführer beschäftigt war, beobachteten die anderen Wölfe die Gegend. Doch es kamen keine anderen Orks, dafür nahm die Kälte immer weiter zu.
Mit jedem abgewehrten Schlag wurde der Ork immer wütender, für Gromnir war es ein Spiel, mit derlei Kreaturen hatte er schon so oft zu tun. So ging er in den Gegenangriff über, mit einem gezielten Schildhieb gegen das Orkkinn begann er, gefolgt mit einem gezielten Hieb auf des Gegners Schwerthand. Schmerzvoll brüllte dieser als ihm die Hand abgeschlagen wurde, das schartige, schwarze Schwert fiel in den Schnee. Mit einer gezielten Drehung begab er sich in den Rücken des Orks und schlitzte ihm die Kniekehlen auf, dieser ging zwangsläufig in die Knie. In den Schlägen des jungen Nebelwolfes lag soviel Kraft dass das Orkblut regelrecht in Strömen spritzt, Gromnirs Barthaar färbte sich schwarz und ebenso sein Helm.

Gromnir packte den Kopf des Orks, riss ihm den Helm vom Kopf und hielt ihm das Schwert an die Kehle. "Die Nebelwölfe beugen sich niemanden..." mit dieser deutlichen Antwort beendete Gromnir mit einem gezielten Schnitte in den Hals das Leben der finsteren Kreatur. Die anderen Krieger traten hervor und stießen ihre Speere an die Schilde "Blut-bart, Blut-bart, Blut-bart" mit einem triumphalen "Haruuu!" beantworte Gromnir die Rufe, worauf die anderen einstimmten. In der Ferne ähnelte dieses Gebrüll dem Ruf eines Wolfsrudels...
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Re: Der Hohe Pass
« Antwort #15 am: 13. Jan 2017, 22:14 »
Was am Horizont wartet...
Bei Gromnirs Truppe...
Die Feierlichkeiten waren kurz. Gromnirs Truppe fasste sich wieder und schaute sich um was sie da eigentlich angerichtet hatten. Der Kampf war nicht annäherend so heftig wie sie in den letzten Wochen waren, die Orktruppe war auch bedeutend kleiner und man hatte den Vorteil auf seiner Seite. Gromnirs Blick fiel auf den Helm des Orksanführers und das schwarze Schwert. "Das nehmen wir mit" beschloss er während er die beiden Gegenstände aufsammelte. "Vielleicht können uns die Ältesten erzählen was es mit diesem Saruman auf sich hat...". Kurz wiegelte er mit dem Orkschwert umher und machte einige Hiebe durch die Luft. Erstaunt nickt Gromnir "Liegt gut in der Hand" brummelte er und steckte es erstmal in seinen Gürtel.
Die Nacht war nun mittlerweile hereingebrochen und es wurde unerträglich kalt. "Schauen wir uns noch etwas um, vielleicht streunen noch ein paar von ihnen hier rum". Die anderen Krieger nickten. Furin fummelte wieder an einigen Steinen herum und nickte dann ebenfalls. Im fahlen Mondlicht begutachteten sie die Lichtung und Umgebung. "Bald ist die Blutmondnacht" murmelte Gromnir leise. Kurz war er in Gedanken versunken und da war es schon geschehen, er verlor das Gleichgewicht und stolperte über etwas. Mit gerunzelter Stirn blickte er sich um. Scheinbar lag da etwas im Schnee, Gromnir nahm von einem seiner Begleiter den Speer und stocherte im Boden herum. Es war hart wie Stein, er wischte den Schnee etwas weg und nach einigen Momenten offenbarte sich eine weitere Orkleiche. "Der is nicht von uns", meinte Gromnir. Furin bestätigte "Der liegt hier schon länger". So entdeckten sie sogar ein altes Schlachtfeld wo sich einige Orks gegenseitig abschlachteten, zumindest konnte man das anhand der tiefgefrorenen Leichen erahnen.
Doch dann schien es so als wolle das Gebirge seine Geheimnisse bewahren denn Nebel stieg plötzlich auf. Die Gruppe beschloss den Weg zur kleinen Höhle zurückzugehen und bis zum Morgengrauen zu warten. "Hoffentlich geht es den anderen gut" murmelte Gromnir. Der Nebel wurde nach kurzer Dauer fast undurchdringlich, nur Narren würden unter diesen Umständen umherwandern.
So harrten die Wölfe in ihren Höhlen. In der Ferne konnte man immer wieder das Brüllen von Orks und das metallene Klirren von Waffen hören. Was auch immer in diesem Gebirge passiert, es fordert viel Blut. So dachte Gromnir.
Man organisierte sich und legte eine Wachreihenfolge fest, so ruhten die Nebelwölfe bis zum Morgengrauen, unberührt vom orksichen Treiben. Dennoch hielten sie ihre Waffen immer griffbereit.
Kurz nach Sonnenuntergang kehrte Ruhe im Gebirge ein und der Nebel lichtete sich. Der Weg wurde fortgesetzt, vorbei an den Schlachtfeldern ob alt oder neu, die sich auf dem Pass angesammelt haben. Nach einigen Biegungen und Krümmungen wurde die Straße weniger zerklüftet und breiter.
Der Truppe offenbarte sich eine saftig grüne Landschaft, durchzogen mit einigen kleinen Flüssen, bewaldeten Hügelketten und einigen Dörfern die man in der Ferne erblicken kann. Die Straße schlängelte sich die Hänge hinunter und mündete in einer breiteren Straße die sich durch die grüne Landschaft zog.
Man hatte das Ende erreicht. Doch mussten sie noch auf die Nachhut warten. So machte es sich Gromnirs Gruppe auf einer kleineren Felsformation gemütlich, einerseits den Ausblick geniessend, andererseits immer ein aufmerksames Auge zurück zum Pass.

Derweil bei Úlfrik...
Die große Hauptgruppe zwängte sich in die Höhle. "Hört ihr das?" fragte einer der Frauen. Alle Nebelwölfe lauschten in die Ferne, zu genau kannten sie die Laute die ihnen da zu Ohren kamen. Der eine oder andere musste grinsen. Úlfrik schmunzelte "Hat der junge Wolf sich ausgetobt" sprach er leicht amüsiert. Der Häuptling stellte einige Krieger zur Nachtwache während die anderen sich erholen sollten. "Wenn alles gut geht, erreichen wir morgen vor Sonnenuntergang das Ende" schätzte er ein. Durch die Zusammenarbeit mit der Vorhut und dem Wissen über die Beschaffenheit des Gebirges, wussten die Nebelwölfe welche Wege die Besten sind. Auch hier breitete sich der Nebel bis zum Morgengrauen aus.
Doch anders als Gromnirs Truppe, befahl Úlfrik noch kurz vor Sonnenaufgang aufzubrechen um die Vorhut einzuholen. Man war sich dem Risiko mehr als bewusst aber ein jeder war bereit es einzugehen.

Trauer mischte sich jedoch in die Aufbruchsstimmung, denn drei Frauen und zwei Männer, allesamt im schon im fortgeschrittenen Alter, erlagen der Kälte des Gebirges. Der Hohe Pass hatte seinen Tribut gefordert. Eine Bestattung war hier nicht möglich, die Leichname wurden lediglich abgedeckt. Dann brach die Hauptgruppe auf, ihr Weg führte ebenfalls an die Schlachtfelder vorbei.
Für alle fühlte es sich an als würden tausend Steine von ihren Schultern fallen als man Gromnir und seine Vorhut erblickte. Die Krieger fielen sich gegenseitig in die Arme. Úlfrik klopfte auf Gromnirs Schulter und blickte ins Tal hinab: "Wir haben es geschafft!" kam es voller Erleichterung. "Nun lass uns diesen verfluchten Pass hinter uns bringen". Geschlossen verließen die Nebelwölfe den Hohen Pass nach Westen und sollten bald die große Oststraße betreten.

...zur Großen Oststraße
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Hinauf zum Pass
« Antwort #16 am: 8. Mai 2017, 00:27 »

Oronêl, Mathan, Ardóneth, Celebithiel, Finelleth, Mírwen und Kerry aus der Umgebung von Imladris

Am folgenden Tag hatte die Gruppe vor, die Spitze des Passes zu erklimmen. Sie kamen nun endgültig ins Nebelgebirge und ließen die Umgebung von Bruchtal und damit Eriador hinter sich. Finelleth setzte sich erneut an die Spitze der Reisegruppe, dicht gefolgt von Oronêl. Direkt dahinter ging Mírwen. Ardóneth, der die letzte Wache gehabt hatte und daher schon etwas länger als die anderen wach gewesen war, schirmte blinzelnd die Augen gegen das Sonnenlicht auf, das von den schneebedeckten Gipfel links und rechts vom Pfad, den sie ins Gebirge hinauf folgten, reflektiert wurde. Er unterdrücke ein Gähnen und stapfte weiter. Hinter sich hörte er leise Stimmen: Mathan und Kerry, die sich auf Quenya unterhielten. Ardóneth fiel auf, dass seine junge Freundin die Elbensprache mit jedem Tag besser und fließender sprach.
Es dauerte gar nicht lange, da holte Kerry zu ihm auf und ging eine Weile neben Ardóneth her. Sie schien ihre Gedanken zu ordnen und fragte schließlich: "Was hat es mit Cairien auf sich, Ardan? Ist sie vielleicht... mehr als nur eine gute Bekannte für dich?" Ihm entging nicht, dass sie ein neckisches Lächeln im Gesicht hatte.
Ardóneth schaute sie verwundert; an lächelte jedoch schließlich. "Hmm, ich weiß es nicht," sagte er. "Finrien war schwanger als sie damals entführt wurde, und nachdem ich sie aufgegeben hatte, kümmerte sich Cairien um meine Tochter. Als ich schließlich bei Carn Dum erneut verletzt wurde, versorgte sie meine Wunden und kümmerte sich um mich."
Kerry schien mit dieser Antwort nicht sonderlich viel anfangen zu können. "Da steckt doch mehr dahinter," bohrte sie weiter nach. "Ich hab' genau gesehen, wie du sie in Bruchtal angeschaut hast. Bist du sicher, dass das schon alles war?"
"Ich weiß es wirklich nicht," gab Ardóneth wahrheitsgemäß zurück. "Finrien ist nun bereits 7 Jahre tot und das erste mal seitdem fühle ich mich... geborgen."
"Geborgen," wiederholte Kerry. "Das ist ja äußerst interessant. Ich freue mich für dich," fügte sie mit einem fröhlichen Grinsen hinzu.   
"Danke," antwortete er, angesteckt von Kerrys guter Laune. "Wie sieht es eigentlich bei dir aus, Kerry? Gibt es jemanden da jemanden?"
Kerry errötete beinahe augenblicklich und gab ihm dadurch eine eindeutige Antwort. "Er heißt Aéd... und er ist der Wolfskönig von Dunland, von dem ich dir in Imladris schon erzählt habe."
"Soso, eine der Rohirrim lässt sich mit einem Dunländer ein," sagte er mit einem schelmischen Lächeln. "Sieht er denn wenigstens gut aus?"
"Natürlich," antwortete Kerry. "Sogar sehr gut. Aber es werden noch viele Tage vergehen, bis ich ihn wiedersehe, nun, da ich ins Waldlandreich reise. Und er hat so viel zu tun in seiner Heimat, nun da er diese große neue Aufgabe hat..."

Eine kurze Pause entstand, in der sie beide hinter Mírwen und den beiden Waldelben, die vor ihr liefen, den Pass hinaufstiegen. Schließlich ergriff Ardóneth jedoch erneut das Wort.
"Ich kenne dich nun bereits sehr lange, doch weiß ich nichts über deine Kindheit, Kerry. Wie war sie für dich?" fragte er.
"Hm," machte Kerry. "Ich schätze, es war eine glückliche Zeit. Ich bin in einem kleinen Dorf namens Hochborn aufgewachsen. Es liegt ganz in der Nähe der Hauptstadt Rohans, Edoras. Meine Eltern besaßen dort ein kleines, aber gemütliches Haus, und ich hatte viele Freundinnen."
"Wie war das Leben dort?" fragte Ardóneth weiter.
"Ich weiß nicht," druckste Kerry herum und es war offensichtlich, dass sie nicht allzu gerne darüber sprach. "Es war ruhig, und angenehm. Gelegentlich etwas langweilig, aber dennoch vermisse ich den Frieden, den ich damals hatte."
"Ich wuchs in Minas Tirith auf, der große Hauptstadt Gondors," erzählte Ardóneth daher seinerseits. "Mein Vater war in das Südreich gekommen, weil seine Frau - meine Mutter - das Leben unter den Waldläufern satt hatte, und in einer richtigen Stadt leben wollte."
"Von dieser Stadt habe ich bislang nur Geschichten gehört", meinte Kerry. "Erzähl mir von dort."
"Minas Tirith ist eine sehr alte, sehr große Stadt. Sie besitzt sieben Verteidigungsringe. Meine Familie lebte damals im dritten Ring der Stadt. Wir besaßen dort ein kleines Haus, das mein Vater gekauft hatte noch bevor ich geboren wurde. Ganz oben, in der Zitadelle der Stadt, liegt der Thronsaal Gondors, von dem aus der Truchsess, der Vertreter des Königs, regierte und auf dem Hof davor wuchs der Weiße Baum Gondors."
"Das klingt wunderschön," schwärmte Kerry. "Ich möchte Minas Tirith eines Tages besuchen und es mir mit eigenen Augen ansehen."
"Wenn du möchtest, könnten wir gemeinsam dorthin reisen. Doch ich schätze, die Weiße Stadt hat ihren Glanz verloren, seitdem die Diener des Dunklen Herrschers sie in ihrem Griff haben."
"Ach, das hatte ich vergessen," meinte Kerry mit plötzlicher Bedrücktheit. "Gondor wurde ja erobert...."
Ardóneth erkannte wie sich das zuvor fröhliche Gesicht Kerrys verändert hatte. "Kerry, was ist los?" fragte er nach.
"Mein Vater ritt damals mit dem König zur Rettung der Weißen Stadt aus," erzählte sie. "Doch er kehrte nicht zurück. Stattdessen kamen aus dem Osten die Orks von Mordor, die... mein Dorf niederbrannten. Mein Vater überlebte zwar, aber das habe ich erst vor Kurzem durch Oronêl erfahren."
"Das tut mir Leid, Kerry. Ich wollte diese schmerzhaften Erinnerungen nicht wieder wecken." Ardóneth wusste nicht so ganz, was er tun sollte und umarmte Kerry schließlich. "Dein Vater wird sicher nach dir suchen," fügte er hinzu.
Kerry blickte nachdenklich in die Ferne, während sie weitergingen. "So habe ich das noch gar nicht betrachtet," murmelte sie. "Natürlich würde er nach mir suchen, aber dafür müsste er wissen, dass ich am Leben bin. Der Fall Rohans und das Feuer in Hochborn sind nun schon vier Jahre her... wahrscheinlich hat er die Suche längst aufgegeben."
"Das denke ich nicht. Er wird sicher alles unternehmen, um dich wieder zu finden." antwortete Ardóneth und versuchte Kerry damit zu trösten.
Sie schwieg einen langen Augenblick und sagte dann leise: "Vielleicht hast du recht."
"Die Hoffnung nicht aufzugeben ist nie falsch," fügte Ardóneth rasch hinzu.

Vor ihnen stieg der Pfad, dem die Reisegruppe folgte, zu einem steilen Anstieg auf. Sie hatten den oberen Teil des Hohen Passes erreicht, und wagten sich nun an die Überquerung. Ardóneth hörte Kerry neben sich seufzen, als das Mädchen sah, was vor ihnen lag. "Du schaffst das schon - oder willst du dich etwa vor den Augen deines Vaters blamieren, weil du vor dem Anstieg kapitulierst?" neckte er sie lächelnd.
"Aufgeben? Kommt gar nicht in Frage!" gab Kerry entschlossen zurück und beschleunigte ihre Schritte. Rasch folgte Ardóneth ihr hinauf zur Spitze des Hohen Passes...
Er hat noch gezuckt weil ich ihm meine Axt in seine Nervenstränge getrieben habe.

-Gimli Gloinssohn zu Legolas, Schlacht bei Helms Klamm-

Eandril

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Re: Der Hohe Pass
« Antwort #17 am: 8. Mai 2017, 20:17 »
Oronêl war der erste, der das Plateau an der höchsten Stelle des hohen Passes erreichte. Sie waren jetzt hoch hoben im Gebirge, doch links und rechts von ihnen ragten die Berge noch höher in den Himmel.
"Wie es wohl wäre, dort oben zu stehen...", sagte er versonnen vor sich hin, und Finelleth, die kurz nach ihm den letzten Anstieg bewältigt hatte, schüttelte den Kopf. "Das finde nur alleine heraus. Ich bin froh, wenn wir wieder unten sind."
Oronêl warf einen Blick über das schneebedeckte Plateau, über das ein kalter Wind von Osten pfiff. "Beim letzten Mal seid ihr hier angegriffen worden, oder?"
Finelleth verzog das Gesicht und fasste sich an den Oberschenkel. "Allerdings. Damals waren wir aber nur zu dritt, und weder Irwyne noch Antien kann man als Kämpfer zählen - und das sieht man ihnen auch an. Ich hoffe, dass die Orks eine größere und besser gerüstete Gruppe wie uns in Frieden lassen." Sie warf einen bedeutsamen Blick auf Mathan, Celebithiel und Mírwen, die gerade hintereinander auf das Plateau hinaustraten. Als letzte folgten Kerry und Ardóneth. Den Menschen hatte der Aufstieg am meisten abverlangt, obwohl sie trotzdem noch ausreichend Luft zum Reden fanden.
"Du könntest recht haben", antwortete er Finelleth schließlich. "Nach der Schlacht von Carn Dûm sind beide Seiten geschwächt, und werden sich wohl eher aufeinander konzentrieren als auf uns."
"Ich hoffe es", warf Ardóneth mit einem breiten Lächeln ein. "Das wird es uns leichter machen, auch noch den Rest von Sarumans Schergen aus Eriador zu vertreiben."
"Vielleicht solltet ihr euch mit Aéd, dem neuen Wolfskönig von Dunland in Verbindung setzen", meinte Oronêl. "Er ist ein Feind Sarumans und braucht Verbündete - ich halte ihn für vertrauenswürdig, und Kerry wird mir sicherlich beipflichten..."
"Ja, ich habe davon gehört", erwiderte Ardóneth mit einem Augenzwinkern, und Kerry errötete.
"Nun, dann muss ich euch wohl nicht weiter von seinen Vorzügen berichten - das wird Kerry schon erschöpfend getan haben", meinte Oronêl mit einem möglichst unschuldigen Lächeln, und Kerry schien ihn mit ihren Blicken erdolchen zu wollen. "Das habe ich nicht getan! Ich weiß schließlich nicht, ob ich wirklich..."
"... verliebt bin?", beendete Oronêl den Satz liebenswürdig für sie. Kerry schüttelte den Kopf, und setzte sich wieder in Bewegung, wobei sie anscheinend zu sich selbst sagte: "Kümmere du dich lieber um deine eigenen... Frauengeschichten."
Oronêl seufzte, und tat so als hätte er keine Ahnung, wovon sie redete. Ardóneth blickte Kerry einen Moment hinterher, wie sie sich zu Mathan gesellte, und sagte dann: "Sie ist schon irgendwie etwas besonderes, nicht wahr? Ich kenne keinen Menschen - oder Elben - der es so schnell schafft, Freundschaft zu schließen."
"Und das trotz allem, was sie erlebt hat", meinte Oronêl leise. "Aber vielleicht ist es gerade das. Wen man alles verliert was kannte, wird man vielleicht offener gegenüber anderen." Oder man verkriecht sich für tausend Jahre in der Wildnis.

"Also", mischte Finelleth sich wieder in das Gespräch ein. "Nicht weit von hier, hinter dem Plateau, ist ein kleines Kiefernwäldchen, in dem ich letztes Mal mit Irwyne und Antien gelagert habe. Wir sollten es vor Einbruch der Dunkelheit erreichen können - wenn unsere jungen Gefährten uns nicht zurückhalten."
"Ich glaube nicht, dass Kerry uns aufhalten...", begann Ardóneth, stockte aber, als ihm klar wurde was Finelleth eigentlich gesagt hatte. "He! Mit über vierzig ist man selbst bei meinem Volk nicht mehr wirklich jung."
"Vierzig", sagte Finelleth genüsslich, und ihre Augen funkelten in gut gemeintem Spott. "Kommt wieder, wenn ihr vierhundert seid."
"Mein Mangel an elbischem Blut macht diesen Wettstreit etwas ungerecht, werte Herrin", gab der Waldläufer zurück, und verneigte sich spöttisch vor ihr. "Aber in diesem Fall werde ich vorausgehen, damit ihr sicher sein könnt, dass ich euch nicht zurückhalten werde."
Oronêl sah ihm nach, wie er durch den Schnee davonstapfte, und sagte zu Finelleth: "Vielen Dank. Nun fühle ich mich wirklich alt, wenn vierhundert für dich schon nicht mehr jung ist." Finelleth zuckte mit den Schultern: "Man sollte sich nicht für das schämen, was man ist. Immerhin hast du so viel mehr Erfahrung als alle anderen von uns."
"Was soll das werden?", fragte Oronêl, und zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen. "Ich hätte ja Spott erwartet, aber nicht... Ah."
Finelleth wandte ertappt den Blick ab. "Du möchtest die unangenehme Rolle der Anführerin wieder loswerden, Faerwen? Dann solltest du dir jemand anderen suchen, der dich ablöst." Er legte ihr eine Hand auf die Schulter. "Du wirst deine Sache gut machen, das weiß ich. Auch, wenn wir deinem Vater gegenübertreten."
Unter seiner Hand verkrampften sich bei diesen Worten die Muskeln von Finelleths Schultern, und sie schüttelte den Kopf. "Ich wünschte, ich könnte dabei so sicher sein wie du. Wenn ich ihn sehe, und mit ihm als meinem Vater, nicht als meinem König sprechen will, wird es so sein wie früher. Ich werde mich klein fühlen, nicht beachtenswert, und als Eindringling."
"Vielleicht wird das so sein", antwortete Oronêl. "Du darfst es ihn nur nicht spüren lassen, sonst wird sich niemals etwas ändern." Sie warf ihm einen unsicheren Blick zu. "Meinst du wirklich?"
"Wenn ich nach Amdírs Tod auf der Dagorlad Amroth gegenüberstand, fühlte ich mich jedes Mal wieder dafür verantwortlich, dass sein Vater gestorben und er die ungeliebte Herrschaft übernommen hatte. Aber ich ließ es ihn nie spüren, denn auch wenn er mir lange verziehen hatte: Hätte er um meine Gefühle gewusst, hätte er vermutlich begonnen zu zweifeln, und es hätte früher oder später einen Keil zwischen uns getrieben. Und wenn du deinem Vater offen und fest gegenüber trittst, als seine Tochter und Erbin, ihn deine Unsicherheit nicht spüren lässt, dann wird er gar nicht anders können, als dich so wahrzunehmen und zu behandeln."
"Ich... weiß nicht ob ich das kann", meinte Finelleth langsam, und Oronêl seufzte. "Das wissen wir nie im Voraus. Wir können es nur versuchen, und unser Bestes geben." Er schenkt ihr ein aufmunterndes Lächeln, und sagte mit nur leichtem Spott: "Also los, große Anführerin Faerwen. Geh' voran."

Als Finelleth über den Schnee davonging um sich an die Spitze der Gruppe zu setzen, bemerkte Oronêl, wie Mírwen ihr einen wenig freundlichen Blick hinterher warf. Er stöhnte innerlich auf, und ging dann langsam, mit zögerlichen Schritten zu der jungen Elbin hinüber. "Mírwen, es... ist nicht so, wie du glaubst." Ein Teil von ihm fragte sich, was er hier tat. Er hegte keine Absichten in Bezug auf Mírwen, wozu sie dann noch ermutigen? "Finelleth... ist eine gute Freundin und sie ist mir teuer. Doch sie ist wie eine Schwester für mich, die ich nie hatte. Nichts anderes." Vielleicht sollte er Calenwen erwähnen, um die Hoffnungen, die sie hegen mochte, im Keim zu ersticken.
"Oh", erwiderte Mírwen, und eine feine Röte überzog die helle Haut ihrer Wangen. "Ich wollte nicht... also, ich meinte nicht, dass..." Sie schüttelte den Kopf, und eilte wortlos davon. Oronêl blieb allein zurück, den Blick in den Himmel gerichtet, an dem dunkle Wolken heranzogen. Er wurde das Gefühl nicht los, dass er seine Lage gerade noch komplizierter als vorher gemacht hatte, und ärgerte sich über sich selbst - es wäre schließlich so einfach zu vermeiden gewesen.
Schließlich - die anderen waren bereits mehr als hundert Meter voraus - setzte er sich langsam wieder in Bewegung. Die Wolken, die von Osten herantrieben sahen nach Schnee aus, und vielleicht würden irgendwelche Orkbanden dann einen Angriff auf sie wagen. Ein kleiner Kampf würde ihm gut tun, und seine Gedanken zumindest für einige Zeit ablenken.

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Fine

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Komplikationen
« Antwort #18 am: 10. Mai 2017, 16:32 »
Kerry war einige Zeit neben Mathan hergelaufen und hatte hin und wieder einige Worte mit ihrem Vater gewechselt; doch sie merkte deutlich, dass er noch immer seinen eigenen Gedanken nachhing. Sie wollte ihm nicht auf die Nerven fallen, weshalb sie sich kurze Zeit später wieder zu Ardóneth gesellte, der den Elben an der Spitze der Gruppe mit leichterem Schritt als noch zuvor folgte, da es nun stetig bergab ging. Sie hatten das Plateau an der höchsten Stelle des Hohen Passes hinter sich gelassen, und begannen nun den langen Abstieg auf die andere Seite, nach Wilderland hinein.
"Ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist, Ardan, aber..." begann Kerry, doch der Dúnadan unterbrach sie mit einer Handbewegung.
"Ich bin nicht blind, Kerry. Genausowenig wie Oronêl. Ich glaube, die einzigen, die sich noch nicht im Klaren darüber sind, was da ganz offensichtlich vor sich geht, sind Finelleth und Mírwen. Ich dachte nicht, dass Elben so..."
"Was meinst du?" fragte Kerry neugierig nach.
"Es ist nichts. Ich meinte nichts damit," gab Ardóneth mit einem schnellen Kopfschütteln zurück. "Mich überrascht nur, wie anders diese Elben sich verhalten. Die meisten von ihrer Art sind eher... nun, ich hatte vielleicht einfach etwas anderes erwartet."
"Hm," machte Kerry. Sie war nun schon sehr weit in Begleitung vieler Elben gereist, und hatte durchaus gesehen, dass die Erstgeborenen nicht immer nur ernst und würdevoll waren. Dennoch hatte Mírwens Verhalten auch Kerry unvorbereitet getroffen. Sie hatte sich ein wenig ertappt gefühlt, denn so offensichtlich wie Mírwen Oronêl nachlief, hatte es Kerry selbst einst bei Rilmir getan, auch wenn dieser sich ihrer Verliebtheit deutlich weniger bewusst gewesen war, als es Oronêl nun war.
Kerry verfiel in ein nachdenkliches Schweigen und stapfte grübelnd hinter Ardóneth her. Soll ich mit Mírwen sprechen? überlegte sie. Ihr fiel ein, wie sie sich mit Irwyne über den gescheiterten Versuch unterhalten hatte, Oronêl und Finelleth zusammenzubringen, und schloss daraus, dass alle Hoffnungen, die Mírwen sich womöglich machte, von Beginn an zum Scheitern verurteilt waren. Oronêl würde sich auf keine Beziehung einlassen, so viel stand fest. Aber wie bringt man es ihr am besten bei? Sie würde augenblicklich jeglichen Grund verlieren, mit unserer Gruppe zu reisen, wenn es stimmt, dass sie nur wegen Oronêl dabei ist, dachte Kerry. Was, wenn sie sich so sehr aufregt, dass sie etwas Dummes tut? Was wenn sie alleine in die Wildnis davonrennt? Sie beschloss, bis zur Überquerung des Passes zu warten, ehe sie mit Mírwen sprach, und dachte sogar darüber nach, erst innerhalb der sicheren Grenzen des Waldlandreiches über das Thema zu reden. Aber wie lange wird sich Oronêl die Annäherungsversuche noch gefallen lassen? Was, wenn es zum Streit kommt?

Sie war so vertieft in ihren Überlegungen, dass Kerry nicht mitbekam, wie Ardóneth unvermittelt stehen blieb. So schreckte sie erst aus ihren Gedanken hoch, als sie mit dem Gesicht gegen Ardóneths Rücken stieß.
"Was ist los? Warum bist du stehengeblieben?"
Doch Ardóneth gab keine Antwort. Wachsam blickte er sich um, die Hand am Schwertgriff. Auch Mathan hatte rasch zu ihnen aufgeschlossen und seine beiden eisblauen Klingen bereits gezogen. Die übrigen Elben hatten ihre Gespräche unterbrochen und standen nun in einer Gruppe wenige Schritte unterhalb von Kerrys Position.
Die plötzliche Stille wurde von rauen Stimmen unterbrochen, die von weiter unten kamen. Hinter einer Biegung des Passes kamen mehrere Orks zum Vorschein.
"Feinde im Anmarsch!" rief Celebithiel warnend und reckte ihr Schwert in die Höhe.
"Hinter mich, Ténawen," befahl Mathan seiner Tochter, und Kerry gehorchte rasch. Ardóneth nickte ihr aufmunternd zu, und sie zog ihr Schwert, vorsichtig einen Blick an Mathans imposanter Gestalt vorbei riskierend. Unten waren weitere Orks aufgetaucht. Sie konnte jedoch nicht erkennen, wie viele es insgesamt waren.
"Ich kann nicht glauben, dass sie uns wirklich angreifen," ertönte Finelleths Stimme. "Das ist Selbstmord."
Mathan machte mehrere Schritte in Richtung der Feinde, und Kerry folgte ihm. Jetzt konnte sie sehen, dass es nicht mehr als ein Dutzend Orks waren, die sich gerade mit gezogenen Waffen auf Celebithiel und Oronêl stürzen wollten, die die vorderste Reihe bildeten.
Es surrte zweimal, und zwei Orks stürzten der Länge nach hin. Ein Armbrustbolzen Mírwens und ein Wurfmesser Finelleths hatten sie gefällt. Und dann war Mathan mit einem raschen Satz mitten unter ihnen und begann, die Orks einen nach dem anderen niederzumachen. Kerry hielt etwas Abstand und beobachtete mit einer seltsamen Faszination das Gefecht, dem sich auch Oronêl und Celebithiel mit blitzenden Klingen anschlossen. Ardóneth hatte sich neben ihr auf das rechte Knie niedergelassen und schoss einen gut gezielten Pfeil auf den Anführer der Orks ab, dessen Kehle davon durchbohrt wurde.
Und dann war alles vorbei. Finelleth hielt ein ungeworfenes Wurfmesser zwischen zwei Fingern und sagte: "Ich hatte nicht einmal die Gelegenheit, das dritte Messer zu werfen." Ihr Tonfall war von Enttäuschung geprägt.
"Ich habe euch allen mit meiner Armbrust Deckung gegeben," sagte Mírwen stolz. "Drei dieser Scheusale habe ich gefällt." Dann lief sie hinunter zu Oronêl, der gerade gemeinsam mit Mathan die Leichen der Orks inspizierte. Ehe er reagieren konnte, fiel sie ihm um den Hals. Kerry kam einige Schritte näher, um zu verstehen, was die Elbin sagte. "Bist du verletzt?" fragte Mírwen, ohne Oronêl loszulassen, dem das Ganze offensichtlich ein wenig unangenehm war.
"Es geht mir gut, danke der Nachfrage," sagte er. "Wir sollten herausfinden, wem diese Orks dienen, und..."
"Das ist einfach," unterbrach Celebithiel ihn. "Sie tragen die Weiße Hand auf ihren Rüstungen und Helmen, und die steht für Saruman."
"Und es sieht so aus, als kämen sie gerade aus einem Gefecht gegen andere Orks," sagte Mathan. "Dieser hier hat einen Pfeil in seinem Schild stecken, der ebenfalls von Orks gefertigt wurde. Sie kämpfen hier im Gebirge also noch immer gegen die Orks vom Gundabadberg."
"Die Sauron dienen," ergänzte Ardóneth.
"Das ist gut für uns," sagte Finelleth. "Sonst wären wir vielleicht auf eine größere Gruppe Orks getroffen."
Oronêl hatte sich inzwischen aus Mírwens Umarmung befreit und sagte: "Wir sollten rasch weitergehen, ehe noch mehr von ihnen auftauchen."
"Oronêl hat recht," stimmte Mírwen rasch zu.
Also gut, dachte Kerry während sie es nur gerade eben noch unterdrücken konnte, die Augen zu verdrehen. Planänderung. Sie riss den linken Arm hoch während sie dachte: Ich werde jetzt für Klarheit sorgen! So entschlossen hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt.
"Worauf zeigst du, Kerry?" fragte Celebithiel und Kerry schreckte auf.
"Äh - da oben, seht ihr? Keine Wolken," sagte sie hastig. "Gutes Wetter für einen schnellen Abstieg!" Ihre Wangen hatten sich deutlich erwärmt, was natürlich nicht am Wetter lag.
Celebithiel bedachte sie mit einem verwunderten Blick, nickte dann aber. "Ich bin auch froh, dass es nicht regnet."
Weiter vorne hatte sich Finelleth gerade in Bewegung besetzt. Der Abstieg ging weiter.

Während sie dem sich durchs Gebirge windenden Pfad weiter folgten suchte Kerry nach einer Gelegenheit, alleine mit Mírwen zu sprechen. Diese bot sich ihr schließlich, als sie eine Stunde später eine kurze Rastpause einlegten und Oronêl zwischen den Büschen, die hier bereits zu wachsen begannen, verschwand. Kerry war sich sicher, dass Mírwen ihm dabei nicht folgen würde. Also ergriff sie die Elbin am Arm, die etwas unschlüssig herumstand, und zog sie beiseite, bis sie außer Hörweite der Reisegruppe waren.
"Was soll denn das, Kerry?" wollte Mírwen verärgert wissen als Kerry angehalten hatte.
"Du liebst Oronêl, aber er hat eine Frau, die zwar schon in den Westen gefahren ist, aber er liebt sie noch immer!" platzte Kerry mit der Wahrheit heraus. Sie hatte keine Lösung dafür gefunden, die Situation Mírwen schonender beizubringen, und sie hatte das starke Gefühl, dass es jetzt höchste Zeit für die junge Elbin war, die Wahrheit zu erfahren. "Ihr Name ist Calenwen, und sie hat Oronêl eine Tochter geschenkt, die mit meiner Freundin Irwyne nach Dol Amroth gefahren ist," fuhr Kerry rasch fort.
Mírwen starrte sie aus weit aufgerissenen Augen an. "Weshalb erzählst du mir das?" stieß sie hervor. "Ich..."
"Es ist doch offensichtlich, was du dir von Oronêl erhoffst."
"Ist es das wirklich?" meinte Mírwen und blickte betroffen zu Boden. "Ich dachte, er..."
"Ich weiß auch nicht, warum er es dir nicht gleich gesagt hat. Sei lieber dankbar! Ich rette dich davor, einen großen Fehler zu machen!"
Mírwen gab darauf keine Antwort. Sie ließ Kerry einfach stehen und ging schweigend zum Rest der Gruppe zurück.

Was war das denn jetzt? War das gut? Oder schlecht? Habe ich alles noch schlimmer gemacht? Kerry blieb einen Augenblick verwirrt stehen, bis Mathan zu ihr aufschloss.
"Weißt du, Ténawen, ich glaube, ich kann mich wirklich glücklich schätzen, schon so lange glücklich mit deiner Mutter zusammen zu sein," sagte er mit einem seltenen Lächeln.
"Oh, das glaube ich auch, Ontáro," stimmte Kerry zu. "Liebe ist so kompliziert..."
« Letzte Änderung: 11. Mai 2017, 10:24 von Fine »

Eandril

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Re: Der Hohe Pass
« Antwort #19 am: 10. Mai 2017, 20:57 »
Sie schlugen das Lager für die Nacht einige Wegstunden hinter dem höchsten Punkt des Passes auf. Der Pfad schlängelte sich hier zwischen zwei mächtigen Berggipfeln hindurch, und die waren noch immer weit oberhalb des Anduintals. In dieser Höhe lag noch immer Schnee, obwohl zwischen den Steinen bereits vereinzelte Büsche und verkrüppelte Bäume wuchsen. Finelleth meinte dazu: "Auf dem Hinweg lag in dieser Höhe kein Schnee. Gut, dass wir so rasch aus Imladris aufgebrochen sind, sonst hätte er uns womöglich den Weg versperrt."
Niemand hatte den kurzen Kampf mit den Orks vergessen, deshalb stellten sie in der Nacht Wachen auf. Oronêl hatte Celebithiel abgelöst als der Mond hinter dem Horizont versank. Er saß auf einem moosbewachsenen Felsen ein Stück entfernt von dem Wäldchen aus niedrigen Kiefern, in dem sie ihr Lager aufgeschlagen hatten, und blickte hinaus in die Nacht. Er glaubte nicht, dass sie in Gefahr waren, denn die Gruppe vorhin waren sicherlich nur Versprengte irgendeines Kampfes zwischen Saurons und Sarumans Orks gewesen, und dennoch... in diesen Zeiten war es besser, vorsichtig zu sein.
Oronêl wandte sich nicht um, als er leise Schritte hinter sich hörte. Er wusste, es konnte nur Mírwen oder Celebithiel sein. Für Finelleth waren die Schritte zu laut, für Mathan ein wenig zu leise, und für Kerry und Ardóneth erst recht. Und da er Celebithiel gerade erst abgelöst hatte, war es vermutlich Mírwen, unter deren Stiefeln der Schnee leise knirschte. Oronêl atmete tief durch, und bereitete sich innerlich auf das Kommende vor.

Mírwen setzte sich stumm neben ihm auf den Felsen, und ihr rotes Haar streifte seine Schulter. Nach einem Moment der Stille - hier in den Bergen waren keine Nachtvögel oder andere Tiere unterwegs - sagte sie leise: "Kerry hat mit mir gesprochen."
"Worüber?", fragte Oronêl, obwohl er ahnte, worum es ging. "Sie hat mir die Wahrheit erzählt, von deiner... Calenwen." Mírwens Stimme schwankte ein wenig. "Ich dachte, wenn du eine Frau hattest, wäre sie vielleicht tot und du erzählst deshalb nicht davon. Aber... Warum hast du nichts gesagt?"
Oronêl blickte einige Zeit stumm in die Nacht. Auf den Berggipfeln glänzte schwach der Schnee, und darüber leuchteten die Sterne. "Ich weiß nicht", gab er schließlich zu. "Ich liebe Calenwen noch immer, habe ihr verziehen, dass sie mich verlassen hat - vielleicht hat Kerry das auch erzählt."
"Hat sie", erwiderte Mírwen, und wieder schwiegen sie eine Weile. Dann sah Oronêl sie zum ersten Mal an, und fragte: "Warum bist du gekommen, Mírwen? Was erhoffst du dir von mir?"
"Ich...", begann sie stockend, und ihre blauen Augen glänzten verdächtig. "Ich weiß es selber nicht genau - oder vielleicht doch? Ich habe mich in dich verliebt, Oronêl. Ich habe es nicht gewollt, ich habe es nicht geplant, aber es ist einfach so passiert."
"Wie das mit der Liebe so ist", meinte Oronêl langsam. "Seit wann, Mírwen?" Seine junge Gefährtin zuckte mit den Schultern. "Das weiß ich nicht genau. Vielleicht seit Fornost? Aber wirklich bewusst war ich mir dessen erst in Lindon. Es war schmerzlich, dich und Finelleth zu sehen, wie vertraut ihr seit Fornost miteinander umgingt. Ich dachte ja, dass..." Sie wandte den Blick ab. "Und dann, als du vorhin gesagt hast, wie es wirklich ist, da... da dachte ich, dass vielleicht... vielleicht Hoffnung besteht. Für mich. Für uns."
"Du weißt jetzt, wie die Dinge wirklich stehen", sagte Oronêl. "Also warum bist du jetzt gekommen?"
"Um dir bittere Vorwürfe zu machen, weil du mich getäuscht hast? Um zu fragen, warum du mir das verschwiegen hast?", schlug Mírwen vor, und ihr spöttischer Tonfall täuschte Oronêl keine Sekunde lang. "Oder vielleicht, weil es einen Grund dafür geben muss?"
Oronêl schwieg, denn sie hatte ins Schwarze getroffen - auch, wenn er sich über diesen Grund selbst nicht sicher war. "Wenn ich an eine Frau denke, die ich liebe", begann er. "Dann denke ich sanfte braune Augen, nicht an fröhlich funkelnde blaue. An hellbraune Locken, nicht an ein feuriges Rot. Ich denke an Calenwen, nicht an dich." Mírwen rückte bei diesen Worten unwillkürlich ein Stück von ihm weg, und er lächelte bitter. "Ich wollte dir nicht wehtun, Mírwen, doch das habe ich auch so getan. Vielleicht wäre ein kurzer Schmerz besser gewesen als ein langes Leiden voller unerfüllter Hoffnung - Kerry scheint das erkannt zu haben. Aber..." Mírwen hob den Blick, und sah ihm direkt in die Augen. Oronêl atmete tief durch, betrachtete  das ebenmäßige, junge, von roten Haarsträhnen eingerahmte Gesicht, auf dem das Leben noch so wenige Spuren hinterlassen hatte. "Vielleicht ist die Wahrheit auch, dass ich mir meiner Sache nicht sicher war."
"Das ist ein Silberstreif am Horizont", flüsterte Mírwen, und küsste ihn. Oronêl wehrte sich nicht, sondern ließ es geschehen. Einige herrliche Augenblicke. Es war so lange her...
Dann löste er sich sanft, zog sich zurück und schüttelte den Kopf, bedauernd. "Es tut mir Leid, Mírwen. Es geht nicht."
Mírwen blickte ihn an, und blinzelte einige Male rasch hintereinander. Dann sprang sie auf, und eilte in die Dunkelheit davon.

Oronêl blieb alleine auf dem Felsen sitzen, und blickte zu den Sternen hinauf. "Falls die Geschichten wahr sind...", flüsterte er, und sah einen besonders hellen Stern am westlichen Himmel, der durch eine Lücke zwischen zwei Berggipfeln schien, an. "Falls du mich sehen und hören kannst, Earendil, und falls du tagsüber nach Valinor zurückkehrst... bitte sag Calenwen, dass es mir leid tut."
Er wusste nicht, was er wirklich fühlte. Er war sich ziemlich sicher, dass er Mírwen nicht liebte, jedenfalls nicht auf diese Weise. Aber was war es dann? Mitleid, Sehnsucht? Er wusste es nicht, und auch als einige Stunden später Ardóneth kam, um die Wache zu übernehmen, hatte er noch keine Antwort gefunden.
« Letzte Änderung: 10. Mai 2017, 21:38 von Eandril »

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Curanthor

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Re: Der Hohe Pass
« Antwort #20 am: 11. Mai 2017, 17:00 »
Die Nacht war kühl und irgendwie fand er keine Ruhe. Mathan erhob sich von seinem Lager blickte zu Ardóneth, der noch immer Wache hielt. Nach einem kurzen Moment entschloss er sich zum dem Waldläufer zu setzen. Als er sich erhob bemerkte er, dass der Wind gedreht hatte und nun von Norden her wehte. Auf leisen Sohlen begab der Elb sich durch das Lager und warf einen Blick auf die schlafende Kerry, die sich eingerollt hatte. Mit einem Schmunzeln strich er ihr ein Haar aus dem Gesicht und setzte sich schließlich zu Ardóneth.
"Kannst du nicht schlafen?", fragte der Waldläufer leise und klang dabei kaum müde.
Mathan antwortete nicht sofort, sondern starrte in die Finsternis. Seine Augen gewöhnten sich rasch an die Lichtverhältnisse und er erblickte den verschneiten Hang vor ihnen. Sie hatten Glück gehabt, dass sie eine trockene Fläche zum Lagern gefunden hatten. "Nein, mir gehen zu viele Dinge durch den Kopf," antwortete Mathan schließlich nachdenklich und blickte den erschöpft aussehenden Mann an, "Aber du wirkst auch nicht gerade sehr glücklich."
Ardóneth zuckte erst mit den Schultern, doch das Trübsal in den Augen des Mannes verriet Mathan, dass irgendwas ihn beschäftigte. Doch er bedrängte ihn nicht, sondern wartete, bis er von selbst anfing zu reden. In der Zeit blickten sie aufmerksam umher, doch es war alles ruhig. Der Wind nahm etwas zu und wurde zu einer etwas kräftigeren Brise, doch nichts was sie beunruhigen konnte.
"Ich habe mich noch gar nicht für dein Fürsprechen für mich in Fornost bedankt", sagte Ardóneth plötzlich und überraschte Mathan damit, denn er ihm kam es irgendwie weit entfernt vor. Er räusperte sich leise und winkte ab: "Nichts zu danken, denn der weiße Zauberer ist listenreich. Es ist schwer dahinter zu kommen, doch die Augen eines Mannes sprechen immer die Wahrheit."
"Und was sagen meine jetzt?", fragte der Waldläufer leise und blickte zu den Gipfeln empor.
Mathan hatte mit der Frage schon gerechnet und antwortete behutsam: "Irgendwas beschäftigt dich. Ich weiß nicht, ob es belastend ist oder nicht, aber du wirkst nicht gerade glücklich, das sagte ich ja bereits."
Ein Wispern im Wind ließ Mathan zusammenfahren, doch als er zurückblickte, bemerkte er, dass einer seiner Gefährten im Schlaf gesprochen hat. Sein Blick ging zu Kerry, die sich gerade etwas ruhelos umherwälzte.
"Nun, da gibt es eine Person... und ich habe sie im Stich gelassen...", gestand Ardóneth leise und versuchte seine Trauer zu verbergen.
"Wieso das?", hakte Mathan vorsichtig nach und rückte die Gurte seiner Schwerter auf eine andere Position, da sie unangenehm drückten.
"Fínrien...", er senkte den Kopf und murmelte: "Das war ihr Name."
Mathan wartete geduldig, dass er weitersprach und spielte erneut unbewusst mit dem Medaillon seiner Mutter. Ardóneth schien sich wieder zu fangen und erzählte mit gesenkter Stimme, sodass er seine Elbenohren spitzen musste: "Ich habe sie damals in Bruchtal alleine gelassen... ich fand sie verletzt und brachte sie nach Bruchtal. Doch es stand so schlimm um ihr, dass keiner ihr helfen konnte, also verließ ich sie."
Eine kurze betrübte Pause folgte und Ardóneths Stimme zitterte leicht, als er weiterredete: "Ich erfuhr erst viel später, dass Herr Elrond noch rechtzeitig zurückkehrte und sie pflegte... zumindest so lange, bis meine Tochter geboren war, bis sie verstarb..."
"Du redest von deiner verstorbenen Frau oder?", fragte Mathan sanft um sicher zu gehen, dass er es richtig verstanden hatte, "Verzeih, ich wollte nichts falsch verstehen."
Der Waldläufer nickte stumm und atmete einige Male durch und nestelte an seiner Kleidung herum. "Sie heißt Mara."
"Und nun fühlst du dich schuldig, fortgegangen zu sein. Womöglich sogar schuldig, weil du deiner Tochter nicht ein Vater sein konntest... Das ist wirklich schwer, auch wenn ich so Etwas nicht selbst erleben musste. Es tut weh, wenn man eine geliebte Person verliert, ganz gleich ob Mensch oder Elb...", sagte Mathan schließlich und legte Ardóneth nach kurzem Zögern eine Hand auf den Rücken, "Aber deiner Tochter, Mara, geht es gut, sie ist am Leben. Selbst wenn du es nicht wusstest, dass du eine Tochter hattest, dafür dass man den Tod einer geliebten Person nicht miterleben will, kann man niemanden die Schuld geben. Wie alt ist die Kleine denn?"
"Sieben", antwortete sein Gesprächspartner leise und lächelte schwach in der Dunkelheit. Er schien zu zögern, bis er nach einer kurzen Pause weitersprach: "In der Zeit hat sich eine andere Frau um sie gekümmert... Cairien ist ihr Name."
Mathan legte den Kopf schief und ein kaum merkliches Schmunzeln umspielte seine Lippen, doch Ardóneth schien es etwas peinlich zu sein, denn er wandte den Kopf ab. Oder er hatte Etwas gesehen, denn auch Mathan meinte ein Geräusch gehört zu haben, doch seine Elbenaugen konnten nichts entdecken.
"Sie ist so...", begann der Waldläufer und hob dabei hilflos die Schultern, "Ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll. Geschweige denn, was ich tun soll."
"Höre auf dein Herz und deinem Bauchgefühl", riet Mathan im schließlich mit einem aufmunternden Nicken, "Du kannst nicht das ungeschehen machen, was damals passiert ist. Die Dinge haben sich nun so entwickelt und irgendwann muss man es akzeptieren, dazu gehört auch vielleicht eine neue Bekanntschaft zu machen."
Anhand des Blickes, den Ardóneth ihm zuwarf wusste Mathan, dass er ihn genau verstanden hatte. Sie schwiegen einige lange Augenblicke, bis der Waldläufer langsam nickte und bedächtig sprach: "Danke für den Rat und dafür, dass du mir zugehört hast. Ich werde darüber nachdenken."
"Nichts zu danken", erwiderte Mathan und nickte ihm mit einem aufmunternden Lächeln zu, "Denke nicht zu lange nach, manchmal muss man auch Etwas wagen."

Nach dem Gespräch bot der Elb Ardóneth an die Wache zu übernehmen, was dieser nach einem kurzen Moment des Zögerns annahm. Während sich der Waldläufer nahe bei dem glühenden Lagerfeuer niederließ und sich in seinem Mantel einwickelte, spähte Mathan aufmerksam hinaus in die Nacht. Es war still nur das ferne Heulen des Windes in den Gipfeln hallte bis zu ihnen herunter. Ebenfalls hörte er das regelmäßige Atmen seiner Gefährten, auch wenn er wusste, dass die Elben nie fest schliefen, zumindest waren sie bei ihren gemeinsamen stets Reisen sehr leicht zu wecken gewesen. Im schwachen Schein der Glut Lagerfeuers beobachtete er Kerry beim Schlafen und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Seine kleine Abenteurerin hatte sich seit ihrer Befreiung aus Carn Dûm schon gut entwickelt, mehr als sie es selbst ahnte. Er freute sich auf den Moment, wenn sie sich dem bewusst wurde. Ihm war aufgefallen, dass sie den Aufstieg ohne große Probleme bewältigt hatte, was deutlich für sich sprach. Zwar war sie noch immer hinter den Elben geblieben aber das war auch normal. Mathan musste ein leises Lachen unterdrücken bei dem Gedanken, dass Kerry plötzlich schneller als ein Elb wanderte und sie beim Aufstieg überholte. Zwar würde sie sich nie mit einem ausgewachsenen Elb als gleichwertig messen können, aber sie könnte so einigen Menschen Etwas vormachen. Nachdenklich betrachtete er den blonden Schopf seiner Tochter und fragte sich plötzlich, was ihre leiblichen Eltern von ihr gehalten haben. Wie sie auf sie geblickt haben und wie sie sie erzogen haben. Nachdenklich strich er sich einige Haare aus dem Gesicht und stellte sich vor, dass er ihre Eltern eines Tages treffen würde. Was würden sie sagen, dass ein Elbenpaar sie in ihre Obhut genommen hat? Er wusste es nicht, doch würde es mit Sicherheit überraschend sein, für beide Seiten. Mathan hat nie direkt mitbekommen, wie Menschen ihre Kinder erziehen. Für ihn war die Erziehung ein langwieriger Prozess, ein kompliziertes Zusammenspiel aus Liebe, Zuneigung, Empathie und viel Geduld. Zusätzlich gehörten aber auch Respekt, Strenge und eine gute Portion Wissen dazu. Er hoffte nur, dass er es in den passenden Maßen vermitteln kann. Zu einem Teil verstand er Kerrys Sorgen, dass die Menschen im Vergleich zu den Elben ein so kurzes Leben haben, doch seiner Meinung nach war es erfüllter. Auch wenn Mathan es nie zugeben würde, so hatte er stets die Sorge, dass er zu wenig von seiner menschlichen Tochter haben würde. In der Regel lebten Menschen vielleicht achtzig Jahre und für einen Elben war das nicht viel. Oder doch, wenn so viel geschieht wie in diesem Jahr, dachte er sich und wandte den Blick von Kerry ab. Er würde sie so oft es möglich war auf ihren Weg begleiten und ein guter Vater sein. Ihm war klar, dass es auch dazu gehörte, dass sie älter wurde und unabhängige Entscheidungen traf, so wie es Faelivrin nun seit einigen Jahrhunderten tat. Doch er war sehr interessiert und neugierig, wie sich seine Tochter entwickelte. Dabei dachte er unwillkürlich an sein ungeborenes Kind, das zusammen mit Halarîn in Eregion geblieben war. Amandis... ich wünschte, du wärest hier bei mir.
Er schreckte aus dem Gedanken, als der Wind plötzlich zunahm und ihm die Haare aus dem Gesicht blies. Es wurde sogar eine Spur kälter, was ihn dazu veranlasste sich zu erheben. Mit gerunzelter Stirn kniff er die Augen zusammen und starrte hinaus in die Dunkelheit der Nach, doch konnte er nichts erkennen. Seine Hände wanderten zu seinen Schwertgriffen, als ein plötzliches Wispern ihn innerhalten ließ. Es kam ihm irgendwie vertraut vor. Mit dem Wispern nahm auch der Wind zu, der etwas losen Schnee umherwirbelte. Hinter sich hörte er seine Gefährten grummeln, die meisten von ihnen zogen ihre Decken über das Gesicht. Sein Mantel bauschte sich im Wind, während das Wispern nun zu einem Tuscheln wurde. Die Kälte nahm zu, sodass nun feine Wölkchen vor seinem Mund standen. Sogleich zog er seine Waffen, überlegte kurz und fügte die Silmacil zu einem Schwert zusammen. Gerade als er mit seiner freien Hand nach hinten und seiner neuen Waffe langen wollte, hörte er die verschlafene Stimme von Kerry. Sogleich waren auch die anderen Gefährten wach, doch Mathan bedeutete ihnen dort zu bleiben wo sie waren.
"Was ist los?", zischte Oronêl angespannt, der sich halb erhoben hatte.
Mathan wusste es nicht genau zu beschreiben und sagte langsam: "Vertraut mir..."
Das Heulen des Windes war nun sehr nah und von dem Gipfel des nördlich gelegenen Berges löste sich ein Fluss aus Schnee. Mit einem tosenden Geräusch bahnte sich die wirbelnde Schneemassen einen Weg hinab, zu ihrem Glück befanden sie sich gut fünfhundert Schritt entfernt. Dennoch wurden sie sogleich von einer Wolke aus Schnee eingehüllt. Die Glut des Lagerfeuers zischte und wehrte sich gegen die Kälte. Feine Schneeflocken spritzten ihm ins Gesicht und er blinzelte in den Schleier aus Weiß. Plötzlich nahm er Etwas vor sich wahr. Seine Intuition sagte ihm, dass er angestarrt wurde. Das Tuscheln war mittlerweile verstummte und eine ungewöhnliche Stille hatte sich über den Berghang gelegt.
Ein einzelnes Wort hallte klar zu ihm herüber. Es war:"Yondo". Sogleich lichtete sich der Schnee und es war alles wie zuvor und aus den wirbelnden Schneeflocken formte sich eine hochgewachsene Gestalt, die ihm den Atem stocken ließ. Er erkannte den Blick aus hellblauen Augen, das unnatürlich ebenmäßige Gesicht kam ihm ebenfalls entfernt bekannt vor, die langen, silbernen Haare hatten einen hellblauen Ton und doch wusste er, wen er da vor sich hatte. Gehüllt in einer schweren Rüstung mit einem fünffachen, spitzen und abstehen Schulterpanzer, sowie einem Mantel aus dunkelblauer Seide stand sie vor ihm. Kryptische Zeichen zogen sich auf beiden Seiten ihres Gesichts von ihren Kiefer, über die Wangen über die Augen hinauf zu der Stirn. Vor ihr, halb im Schnee verdeckt ruhte ein riesiger Hammerkopf, dessen langer Griff größer war als sie selbst. Ein zerfetztes, türkises Banner war an dem Ende des Griffs angebracht und flatterte im Wind. Mathan starrte sie an und war unfähig auch nur ein Wort herauszubringen, während sie ebenfalls zurückstarrte. Ihr Blick war hart und kraftvoll, während sie gebieterisch ihre rechte Hand hob. Ein Windstoß fegte den restlichen Schnee fort und es sah so aus wie zuvor, nur, dass sie keine sechs Schritt vor ihm stand. Die durchdringende Kälte kam ihm bekannt vor. "Amil," murmelte er leise und ließ seine Waffen sinken, "tye cin hi? tye cin reallui hi? Ringelendis, na i cín esti?
Die Zeit schien wie verlangsamt, als sie den Mund öffnete und sanft antwortete: "Ich bin hier. Ich bin wirklich hier und Ringelendis ist mein Name."
Mathan blickte kurz zu der Waffe in seinen Händen und dann zu seiner Mutter. Sie hatte ein gütiges Lächeln aufgesetzt, wirkte dennoch unnahbar.
"Ich bin es wirklich, mein Sohn", sagte sie erneut und hob eine Hand, "Komm."
Zögerlich folgte er der Aufforderung und trat auf sie zu, sodass die Kälte ihn komplett umfing. Ihre sanfte Hand umfasste die Seine und sie entfernten sich ein paar Schritte von dem Lager.
"Ich... weiß gar nicht was ich sagen soll", gestand Mathan zögerlich und blickte immer wieder zu seiner Mutter. Er konnte es gar nicht fassen, dass sie nun neben ihm stand.
"Gar nichts musst du sagen, Mathan. Ich möchte, dass du mich anhörst", bat sie sanft und nahm seine Hand in beide Hände, während sie sich nun zu ihm drehte, "Ich weiß, dass ich nie die Mutter war, die sich ein Kind wünschen würde, doch habe ich Pflichten, denen ich nachgehen muss. Du musst enttäuscht sein, weil ich einfach verschwunden bin, womöglich hast du nach mir gesucht..."
"Immer", sagte er sofort, was sie zum Lächeln brachte. Diesmal erreichte es sogar ihre Augen und ihr harter Blick wurde weich.
"Ich habe mir so sehr gewünscht bei meinen Kindern zu sein, aber es war mir nicht erlaubt. Dass ich nun hier bin ist nur durch einen bestimmten Umstand zu verdanken," sie wandte den Blick nach Norden und sagte dabei: "Einer der Unseren braucht Beistand, ein alter Freund von mir...  und doch wollte ich dich unbedingt treffen."
"Wovon redest du?“, fragte er verwirrt und blickte ebenfalls nach Norden über die Gipfel des Nebelgebirges.
"Nicht so wichtig, Hauptsache ist, dass ich bei dir sein kann. Als ich spürte, dass du hier bist, konnte ich nicht widerstehen," eine ungewohnte Sehnsucht schwang in ihrer kühlen Stimme mit, sodass er sanft ihre Hand drückte, "Ich kann aber nicht lange bleiben", sagte sie schließlich und wandte sich wieder zurück zum Lager. Zum ersten Mal wandte Ringelendis ihren Blick zu seinen Gefährten und musterte sie alle nacheinander: Oronêl, Finelleth, Ardóneth, Celebithiel, Mírwen und zum Schluss Kerry. Alle waren wach und starrten zu ihnen herüber, besonders Kerry machte große Augen. Langsam Schrittes gingen sie zurück zum Lager, während seine Mutter auf Quenya erklärte, dass er ihr dicht auf den Fersen ist und sie sich bald treffen würden. Unbewusst legte er eine Hand auf den Mantel, in dessen Innentasche das Pergament Elronds steckte. Erst jetzt schien seine Mutter zu bemerken was für ein Mantel es war, denn sie strich mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck über den Stoff aus Gondolin. Gleichzeitig hatten sie ihre Gefährten erreicht, die sich unsicher erhoben und deren Atem in Wolken vor ihren Mündern stand.
"Wer seid Ihr?", fragte Oronêl schließlich respektvoll und blickte zwischen ihr und Mathan hin und her.
"Mein Name ist Ringelendis. Ich habe die Orks mit einer Lawine beseitigt, die Euer Lager überfallen wollten", erklärte sie schließlich und blickte wieder zu Mathan. Erst Finelleths zögerlicher Dank ließ sie ihren Blick abwenden.
"Das ist meine Aufgabe, auch wenn ich mich außerhalb meiner Lande befinde... Meine Zeit hier ist begrenzt."
Die Gefährten blickten sich verständnislos an, während der kühle Blick von Ringelendis erneut über die Gruppe wanderte, bis er an Kerry hängen blieb. Mathan sah, dass seine Tochter neugierig, aber auch etwas eingeschüchtert war. Ihr Gesicht leuchtete rot vor Kälte und Scham, da Ringelendis sie eindringlich anstarrte. Langsam beugte sich die hochgewachsene Frau herab und streckte ihre feingliedrigen Finger nach Kerrys Hand aus, an deren Ringfinger der Ring von Mathan steckte.
"Ist selbst Eure Haut so kalt?", platzte es aus Kerry heraus, was seine Mutter innehalten ließ, ein Schmunzeln umspielte ihre Lippen.
"Finde es heraus", antwortete sie geheimnisvoll und berührte mit ihrer Fingerspitze Kerrys Ringfinger, der den elbischen Ring trug.
Ein kurzer Seitenblick ging zu Mathan, den er nicht richtig deuten konnte. Ringelendis strich sich ihre langen Haare zurück und richtete sich wieder auf. "Ich muss gehen, doch möchte ich euch noch Eines mit auf dem Weg geben: In diesen Zeiten sind die Bande der Freundschaft besonders wichtig. Besinnt euch auf die, die auch am nächsten stehen," bei dem letzten Satz blickte sie zu Kerry, dann wandte sie sich an Mathan: "Radnin, im darthan cin, nin réd.
Mit den Worten wandte sie sich ab und trat an ihre Waffe, die unmöglich für Elben oder Menschen geschaffen wurde. "Lebt wohl", sagte Ringelendis und hob ihren übergroßen, aus schwarzen und eisblauen Stahl geschmiedeten Kampfhammer. Dabei wirbelte unnatürlich viel Schnee auf und hüllte ihre eindrucksvolle Gestalt ein, bis sie aus ihren Blick verschwunden war. Als sich das wirbelnde Weiß gelegt hatte, war Ringelndis fort, nur ein kühler Nordwind blieb.
Mathan atmete ein paarmal durch und blockte aufkommende Fragen mit einer Handbewegung. "Ich brauche gerade Zeit für mich, bitte."
Damit wandte er sich ab und ging ziellos einige Schritte fort vom Lager um seine Gedanken zu ordnen. Es brauchte eine ganze Weile, bis er wieder klar denken konnte, in der Zeit erschien bereits die Sonne als winziger Streifen am Horizont.
« Letzte Änderung: 11. Mai 2017, 17:12 von Curanthor »

Fine

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Hinunter ins Tal
« Antwort #21 am: 29. Mai 2017, 21:52 »
Am folgenden Morgen war Mathan äußerst schweigsam, und wechselte nicht einmal mit Kerry ein Wort. Sie spürte, dass er noch einige Zeit brauchen würde, um die Begegnung mit seiner geheimnisvollen Mutter zu verarbeiten, doch sie war entschlossen, sich bereit zu halten. Wenn der Moment kommen würde, in dem ihr elbischer Vater das Gespräch suchen würde, würde Kerry für ihn da sein.
Ardóneth und die Elben beseitigten rasch die Reste des Nachtlagers der kleinen Gruppe, und schon kurze Zeit später brachen sie unter Finelleths Führung weiter nach Osten auf. Der Hohe Pass fiel nun stetig ab, auch wenn er sich weiterhin in großen und kleinen Windungen durch das Nebelgebirge schlängelte. In Kerrys Ohren knackte es, als sich der Luftdruck veränderte, und sie sah mehr und mehr Anzeichen, dass sie sich den tiefer gelegenen Gebieten jenseits des Gebirges näherten. Hin und wieder entdeckte sie widerstandsfähige Pflanzen, die sich zwischen den Felsen festgesetzt hatten, und nachdem sie zwei Stunden gereist waren, kamen sie an einem alten, verwitterten zwergischen Markstein vorbei, den Finelleth zu kennen schien. Geradezu ausgelassen erklärte sie dem Rest der Gruppe, dass dieser Stein das baldige Ende des Passes markierte.
"Es ist jetzt nicht mehr weit bis zur anderen Seite," sagte die Waldelbin. "Wir haben es fast geschafft."
"Welche Lande liegen jenseits des Passes? Wer herrscht dort?" fragte Kerry neugierig.
"Dort liegt das Tal des Anduin," sagte Oronêl bedächtig. "Soweit ich weiß, leben einige wenige Menschen dort, doch kenne ich ihre Anführer nicht, und weiß nicht, wem sie dienen."
"Einige der Flussmenschen, wie wir sie im Waldlandreich nennen, haben sich an der Belagerung von Dol Guldur beteiligt," erklärte Finelleth, die sich offenbar nun besser mit ihrer Rolle als Anführerin angefreundet hatte. Sie selbst haben sich als Cearlingas bezeichnet."
Das war ein Name, den Kerry kannte. "Dann sind sie mit meinem Volk verwandt!" stellte sie fest. "Denn Cearl war der Bruder Eorls des Jungen, der einst Gondors Hilferuf folgte und in einem großen Ritt nach Süden eilte. Zur Belohung für seine Dienste gaben die Herren Gondors ihm und seinem Volk die Riddermark als Wohnsitz. Doch nicht alle von Eorls Volk mochten ihre Heimat verlassen, und blieben mit Cearl im Anduin-Tal zurück."
"Die Flussmenschen sind allerdings nicht die Einzigen, die jenseits der Berge zwischen Anduin und Düsterwald leben," ergänzte Ardóneth. "Ich traf in Fornost auf einem Stamm von Bergmenschen, die sich als Frostwolfklan bezeichneten. Außerdem leben in der Nähe des Carrocks die Beorninger, die viele Jahre den Hohen Pass frei von Orks gehalten haben."
"Die Beorninger kamen mit uns nach Aldburg, als wir... als wir aus Lothlórien flohen," sagte Oronêl. "Soweit ich weiß, leben sie nun in einem Wald in der Ostfold. Wir werden also auf unserem Weg ins Waldlandreich wahrscheinlich nicht auf sie stoßen."
"Dafür möglicherweise auf Kundschafter meines Vaters," mutmaßte Finelleth. "Wenn er in sein Reich zurückgekehrt ist, wird er Kontakt zu Bruchtal herstellen wollen."
"Wir wissen nicht, wie die Lage in Waldlandreich ist," meinte Celebithiel. "Ich glaube jedoch, dass wir uns ab sofort wieder in Sarumans Einflußgebiet befinden. Er kontrolliert den Großteil des Nebelgebirges, und hat sowohl Lórien als auch den Düsterwald unter seiner Kontrolle. Da fällt es nicht schwer zu glauben, dass auch die Gebiete dazwischen unter seiner Herrschaft stehen."
"Dann sollten wir ab sofort noch vorsichtiger sein, und sobald wir den Pass hinter uns gelassen haben, abseits der Straße reisen," schlug Oronêl vor.
Mírwen nickte zustimmend, und auch der Rest der Gruppe befand Oronêls Vorschlag als sinnvoll. Sie schulterten ihr Gepäck erneut, und brachen wieder auf.

Es dauerte länger als Kerry erwartet hatte, den Abstieg aus dem Nebelgebirge zu bewältigen. Zwar ließen sie gegen Mittag die Schneegrenze hinter sich, doch noch immer verlief der Weg, dem sie folgten, zwischen hoch aufragenden Gipfeln hindurch. Kerry beklagte sich nicht; denn sie wusste, dass es nichts an ihrer Lage ändern würde. Ihr war klar, dass ihre Situation auch deutlich schlimmer sein könnte. Immerhin waren sie keinen weiteren Orks mehr begegnet, und der Pass war nicht von Schneemassen blockiert gewesen.
Während sie unentwegt hinter Finelleth den Pass hinab stieg, hatte Kerry viel Zeit zum Nachdenken. Die Begegnung mit Mathans Mutter am Abend zuvor hatte viele Fragen in ihr aufsteigen lassen. Wer war diese unheimliche Frau wirklich, und welche Macht besaß sie? War die Kälte, die von ihr ausgegangen war, ein Teil von ihr gewesen, oder hatte es sich dabei um Magie gehandelt? Und weshalb war Ringelendis so schnell wieder verschwunden? Und noch eines beschäftigte Kerry: Was hatte Mathans Mutter wohl von ihr gehalten, und wusste sie Bescheid über die Beziehung, die Kerry und Mathan verband?
Was, wenn sie mit meiner Adoption nicht einverstanden ist?
Sie schüttelte heftig den Kopf, um diesen schädlichen Gedanken loszuwerden, was ihr einen verwunderten Blick von Mírwen einbrachte, die neben ihr herlief. Kerry wurde rot als ihr bewusst wurde, wie seltsam das ausgesehen haben musste, doch sie tat es mit einer entschuldigenden Geste in Richtung Mírwen ab. Sie wusste, dass es Zeitverschwendung war, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was Mathans Mutter von ihr hielt. Sie würde es vorerst sowieso nicht erfahren. Dennoch gelang es ihr nicht vollständig, diese Frage aus ihren Gedanken zu verbannen.
Um auf andere Gedanken zu kommen, lenkte sie ihren Verstand auf andere Personen. Als Finelleth von der Belagerung von Dol Guldur gesprochen hatte, hatte Kerry an ihren leiblichen Vater denken müssen. Und auch jetzt konzentrierte sie sich auf ihn und stellte sich sein Gesicht vor ihrem inneren Auge vor, während sie, nun hinter Mírwen hergehend, tiefer und tiefer stieg.
Wo er jetzt wohl gerade ist? Ob es ihm gut geht? dachte sie. Sie fragte sich, ob sie ihn eines Tages wiedersehen würde. Finelleth hatte ihr in Fornost erzählt, dass sich Cyneric auf einer äußerst wichtigen und geheimen Mission in Rhûn befand, deren Dauer nicht bekannt war. Das machte ein Treffen mit Kerry nicht gerade einfach. Und für den Augenblick hatte sie sowieso eine dringendere Aufgabe: Sie würde Finelleth dabei unterstützen, ihre Heimat, das Waldlandreich, zu retten.
Vielleicht können mir die Elben dort mehr über meinen Vater sagen, wenn im Grünwald wieder Frieden eingekehrt ist, befand Kerry.

Als die Sonne hinter den hohen Gipfeln verschwand, verbreiterte sich die Schlucht, durch die sie ihr Weg inzwischen führte, zusehends nach beiden Seiten, und sie kamen in ein von unterschiedlich steil abfallenden Hängen geprägtes Tal. Hier endete der Gebirgspfad, und eine aus festgetrenem Erdboden bestehende Straße begann. Sie hatten das Ende des Hohen Passes erreicht.
"Diese Straße führt von hier zu den Furten des Großen Stroms am Carrock, und von dort durch den Grünwald ins Waldlandreich, und weiter bis nach Thal und zum Erebor," erklärte Finelleth. "Willkommen in Rhovanion, Freunde."
"Wir haben es geschafft," meinte Mírwen fröhlich. "Das Gebirge liegt hinter uns."
"Dennoch lauern im Tal des Anduins Gefahren," warnte Celebithiel. "Ich spüre den Schatten des Krieges, der über diesem Land liegt."
Mathan nickte bestätigend. Noch immer sprach er nur kurzangebunden, hatte jedoch sein Schweigen inzwischen gebrochen. "Wir sollten wie geplant abseits der Straße reisen."
"Und heute nicht mehr weiterreisen," ergänzte Ardóneth. "Nachts sind die Orks und andere Diener des Feindes unterwegs."
"Dann sollten wir hier in der Nähe unser Lager für die Nacht aufschlagen," schlug Oronêl vor.

Kerry lag auf ihrer aus weichem Moos improvisierten Schlafunterlage und betastete ihre Unterschenkel. Der Abstieg aus dem Gebirge war auf eine merkwürdige Art und Weise fast anstrengender als der Aufstieg gewesen, und Kerrys Beine kribbelten und schmerzten. Dennoch hatte sie sich bereit erklärt, eine der Nachtwachenschichten zu übernehmen. Mathan würde sie zwei Stunden nach Mitternacht wecken, und sie hoffte, dass er dann mit ihr über seine Mutter reden würde. Sie verspürte einen kleinen Stich der Schuld, weil sie die Einteilung der Nachtwache so manipuliert hatte, dass sich ihre Schicht mit der ihres Vaters überlappte, doch Kerry schob das schlechte Gewissen rasch beiseite. Wenn Mathan mit ihr sprechen wollte, würde er es tun, wenn sie ungestört waren. Und welch bessere Gelegenheit dafür gäbe es, als in tiefster Nacht?
Sie machte die Augen zu, und versuchte zu schlafen. Und dank dem erschöpfenden Abstieg driftete sie schon bald in einen traumähnlichen Zustand davon.
Morilyë, sagte eine Stimme in Kerrys Kopf.
Wer... Farelyë, bist du das? antwortete sie, nicht sicher, ob sie träumte oder wach war.
Ja.
Wo bist du? Benutzt du... deine Fähigkeiten, um mit mir zu sprechen?
Ja. Ich sehe dich, jenseits der Berge.
Wie ist das möglich? wollte Kerry wissen.
Es dauerte eine Weile, bis Farelyë antwortete. Schwer zu erklären, sagte das Elbenmädchen, und ihre Stimme klang auf seltsame Art belustigt.
Nun... wie geht es dir? fragte Kerry, als ihre kleine Freundin nicht weiter sprach.
Alles ist ruhig. Die Elben hier sind fleißig: bauen Häuser und reparieren das, was vor so vielen Jahren zerstört wurde.
Und meine Mutter? Ist mit ihr alles in Ordnung?
Halarîn ist voller Leben, Morilyë. Sie selbst, und auch das, was sie in sich trägt. Sorge dich nicht.
Kerry fiel auf, dass sich Farelyës Ausdrucksweise erneut verändert hatte, seitdem sie in Eregion zuletzt miteinander gesprochen hatten. Offenbar erhielt sie weiterhin Unterricht von Ivyn. Und wie zur Bestätigung ihres Gedankens erklang nun auch die Stimme der Hwenti-Ersten in Kerrys Gedanken.
Hallo, kleine Ténawen, sagte Ivyn sanft. Es tut mir Leid, dass Farelyë dich als Versuchsobjekt für ihre Übungen verwendet. Normalerweise werden solche Unterhaltungen nur zwischen Elben ausgetauscht, die dafür ausgebildet sind. Ich hörte allerdings von einem Schmied im Alten Westen, der Objekte schuf, die Ähnliches vermögen. Ich glaube, die Ersten der Noldor haben ihm dabei geholfen. Jedenfalls werde ich die Verbindung jetzt beenden, ehe es zu anstrengend für dich wird. Farelyës Bindung zu dir ist stark, und wird es immer sein, doch sie hat noch viel zu lernen.
Bis bald, Morilyë, sagte Farelyë zum Abschied.
Bis bald! antwortete Kerry hastig.
Und als Farelyës Stimme verklang, spürte Kerry, wie anstrengend diese geheimnisvolle Art der Unterhaltung gewesen war. Sie fühlte sich so unendlich müde - so müde wie lange nicht mehr. Kaum gelang es ihr, sich auf die andere Seite zu rollen, ehe sie fest eingeschlafen war.
« Letzte Änderung: 14. Nov 2017, 07:17 von Fine »

Curanthor

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Gespräch unter Sternen
« Antwort #22 am: 30. Mai 2017, 23:36 »
Mathan saß mit halboffenen Augen auf seinem Mantel und blickte in die vom Lagerfeuer abgewandte Richtung. Die Begegnung mit seiner Mutter hatte ihn zutiefst erschüttert, jedoch nicht auf negative Weise. Niemals hätte er sich träumen lassen, dass sie einfach so vor ihm erscheinen würde. Nachdenklich betastete er das Medaillon an seinem Hals. Sie hatte sich kaum verändert, abgesehen von den Schriftzeichen in ihrem Gesicht und die andere Haarfarbe. Seufzend blickte er zum Himmel hinauf und überlegte, was er als nächstes tun sollte. Das, was Ringelendis noch zum Schluss zu ihm gesagt hatte, ging ihm nicht aus dem Kopf. Vielleicht sollte er mit Kerry sprechen. Er hörte ihren regelmäßigen Atemzug und war schon öfters versucht zu ihr zu gehen, doch er war sich nicht sicher, was er sagen sollte. Zudem war Mathan sich auch nicht sicher, ob Kerry oder die anderen Elben den letzten Satz seiner Mutter auf Quenya verstanden haben, immerhin war es ein alter Dialekt aus Gondolin. Wenn er an das Treffen zurückdachte, war er froh, dass es stattgefunden hatte, auch wenn es sehr kurz war. Somit war eine seiner größten Befürchtungen vom Tisch: der Tod seiner Mutter. So wie sie auf ihn gewirkt hatte, war sie sogar noch stärker, als er sie in Erinnerungen hatte. Auch wenn ihre Präsenz diesmal eine ganz andere Macht ausgestrahlt hatte.
Mathan atmete noch einmal aus und setzte sich schließlich auf. Er blickte sich kurz um und erblickte Kerry, die neben einem größeren Felsblock auf einer Decke lag. Schweigend setzte er sich zu ihr und weckte sie schließlich sanft. Nach einer kurzen Aufwachphase setzte sie sich auf und gemeinsam auf den Felsblock. Sie blickte ihn an und versuchte dabei ihre Erwartung zu verbergen, was er aber  trotzdem bemerkte. Ein leises Schmunzeln umspielte seine Lippen. „Meine Mutter kann schon recht einschüchtern sein“, begann er amüsiert und schloss kurz die Augen, „Das war sie damals schon: stark, streng und sehr liebevoll. Aber heute… du weißt ja, wie lange ich sie nicht gesehen habe; da verändern sich die Dinge.“ Er verstummte und öffnete die Augen.
"Einschüchternd trifft es ziemlich gut“, antwortete Kerry leise, während sie ihren Blick nicht abwandte. "Sie war wie... ein Schneesturm, der über den Pass fegte. Doch da war etwas an ihr, das ihrem kalten Äußeren entgegenwirkte: die Art, wie sie mit dir gesprochen hat. Hätte ich es nicht schon geahnt; ich hätte es in dem Moment erkannt, als ihre Stimme erklang, dass sie deine Mutter sein musste. Ihr habt einen ähnlichen Tonfall, ist dir das aufgefallen?"
Mathan lachte leise und schüttelte den Kopf. „Nein, darüber habe ich nie nachgedacht. Um ehrlich zu sein hatte ich vergessen, wie sie gesprochen hat. Wenn man so lange lebt vergisst man einige Dinge, vor allem wenn so vieles in der Zeit geschieht…“
"Du hast sie viele Jahrhunderte nicht gesehen, stimmt's?" fragte Kerry, und Neugierde und Wissensdurst waren deutlich aus ihrer Stimme herauszuhören. "Was hast du in jenem Moment empfunden, als deine Mutter so plötzlich wieder vor dir stand? Wohin ist sie gegangen? Und warum ist sie nicht länger geblieben?"
Mathan musste erneut schmunzeln, da er Kerry und ihr übermäßiges Interesse schon kannte. „4770 Jahre um genau zu sein“, antwortete er leise und fuhr fort:  „Wenn man nach so langer Zeit jemanden trifft, den man schon oft für tot gehalten hat, dann ist man natürlich erstmal geschockt. Erst später realisiert man, dass tatsächlich die geliebte Person wirklich vor einem steht. Glück, Erleichterung und auch eine Spur Neugierde habe ich verspürt.“ Er verstummte und strich Kerry über den Rücken. „Das „wohin“ und „warum“ kann ich leider auch nicht beantworten…“
"So eine lange Zeit..." flüsterte Kerry und blickte zu den Sternen hinauf, die über ihrem kleinen Lager am Himmel standen.“ Es muss schwierig für dich sein, dass sie gleich wieder verschwunden ist; du hast doch sicher viele Fragen an sie, oder nicht?" Ihr Blick haftete nun wieder an Mathan, und sie stützte ihr Gesicht mit beiden Ellenbogen ab, die auf ihren Knien ruhten.
Er erwiderte ihren Blick und nickte langsam. „Ja, natürlich habe ich viele Fragen - noch mehr als vor dem Treffen-, aber sie sagte, dass sie wenig Zeit hatte. Was sie damit meinte, weiß ich selbst noch nicht. Vielleicht hast du mitbekommen, was sie kurz vor ihrem Verschwinden gesagt hat?“, fragte er und testete somit das Quenya seiner Tochter. Zugegeben, war es etwas unfair, da es ein toter Dialekt war, doch ganz so stark unterschied es sich nicht.
Kerry dachte angestrengt nach, doch ihr Gesichtsausdruck zeigte Mathan, dass sie sich wohl nicht mehr daran erinnerte, was genau seine Mutter zum Abschied gesagt hatte. Schließlich ließ Kerry den Kopf hängen und gab leise zu: "Ich weiß es nicht, Ontáro."
„Das ist nicht schlimm Kleines, immerhin ist ihr Quenya viel zu alt, dass es verstanden werden kann. Außerdem war es nur für mich bestimmt, da du aber zur Familie gehörst kann ich es mit dir teilen.“ Er beugte sich zu ihr und sagte mit gedämpfter Stimme: „Sie sagte mir, dass ich nah dran bin und ihr folgen soll. Also gehe ich davon aus, dass ich nach Norden gehen soll.“ Nachdenklich blickte er in jene Richtung und hielt ihr Medaillon in der Hand.
Kerry biss sich auf die Unterlippe und folgte Mathans Blick. "Nach Norden also... Dann werden sich unsere Wege wohl bald trennen“, stellte sie fest. "Ich hoffe, du findest deine Mutter, dort, wohin sie auch immer gegangen ist." Sie machte eine Pause und ihr Blick ging hinüber zu der Stelle, an der die übrigen Elben schliefen. "Ich denke nicht...." sagte Kerry, doch sie beendete den Satz nicht. Doch als Mathan aufmunternd seine Hand auf ihre kleinere legte, atmete sie tief durch und fuhr fort: "Ich denke nicht, dass ich dich dabei begleiten sollte. Ich habe Finelleth versprochen, ihr bei ihrer Aufgabe im Waldlandreich zu helfen, und das möchte ich weiterhin tun." Sie suchte Mathans Blick, und ihr Gesichtsausdruck schwankte zwischen hoffnungsvoller Erwartung und vorsichtigem Abwarten.
Er drückte sanft ihre Hand und nickte. „Das dachte ich mir schon. Außerdem ist es mir lieber, dich weiterhin in der Sicherheit der Gruppe zu wissen. Die Kälte dort im Norden ist selbst für Elben gefährlich und wer weiß, was sonst noch dort lauert. Ich möchte dich nicht auf meiner persönlichen Reise in Gefahr bringen, denn wenn dir dort Etwas zustoßen sollte, würde ich mir das nie verziehen.“ Mathan strich Kerry eine Strähne aus dem Gesicht und lächelte. „Es nicht so ist, dass ich dich nicht dabei haben will, nur denke ich, dass es noch gefährlicher für dich wäre mitzugehen. So weiß ich, dass du in guten Händen bist“, sagte er sanft und streichelte ihre Hand.
Kerry nickte tapfer. "Ich werde bei Oronêl und Finelleth in Sicherheit sein“, antwortete sie und legte ihre freie Hand auf Mathans Arm, mit dem er über ihre andere Hand strich. "Wir werden uns spätestens in Eregion wiedersehen, wenn das Kind kommt“, versprach sie. "Das würde ich um nichts in der Welt verpassen wollen." Sie nahm ihre Hand weg und zeigte mit ausgestrecktem Finger nach Norden. "Du wirst gehen, und deine Mutter finden. Ich vertraue fest darauf, dass du es schaffen wirst. Die Kälte kann dir nichts anhaben."
„Nein, das kann sie nicht und ich weiß auch wo in etwa ich Ringelendis finden werde. Dort werden auch alle meine Fragen beantwortet werden.“ Mathan nickte zuversichtlich und überlegte kurz, ob er seinen bestätigten Verdacht mit ihr teilen sollte, beschloss aber damit noch zu warten. „Ich bin mir sicher, dass wir uns dann in Eregion wiedersehen werden, spätestens, wenn das Kind kommt.“ Er lächelte und sein Blick fiel auf den Ring an Kerrys Finger. Seine Mutter hatte ihn ebenfalls bemerkt und Mathan war sich sicher, dass sie bemerkt hatte, warum das Mädchen einen Familienring trug.
"Das werden wir. Ich verspreche es dir“, sagte Kerry leise. Dann streckte sie sich, und gähnte herzhaft. "Ich wüsste gar nicht, was ich ohne dich während dieser Nachtwache tun würde, Ontáro. Ich kann nicht einfach stundenlang aufmerksam in die Dunkelheit starren, da wird mir langweilig, und mir fallen die Augen zu."
„Eigentlich mag ich Nachtwachen sogar, da kann ich in Ruhe über die Dinge nachdenken, die mich am Tage nicht beschäftigen“, antwortete Mathan etwas verträumt und lehnte sich etwas zurück. „Denkst du, dass du auf deiner weiteren Reise zurechtkommen wirst? Bisher konnte ich dir noch nicht viel beibringen und für den Fall, dass du von der Gruppe getrennt wirst…“ Er ließ den Satz unvollendet, da seine Sorgen sich wieder meldeten und Mathan wollte Kerry keine Angst machen. „Ich mache mir ein wenig Sorgen“, gab er zu und suchte ihren Blick, „Wenn ich nicht in der Nähe bin und du nur auf Andere angewiesen bist, kann ich nicht ruhig bleiben. Ich möchte nicht, dass dir Etwas zustößt.“
"Ich werde nie alleine sein, und mich immer an deine Lektionen erinnern“, sagte Kerry beruhigend. "Im Waldlandreich werden überall Elben um mich herum sein, und auch auf dem Rückweg nach Eregion verspreche ich dir, vorsichtig zu sein und nicht alleine zu reisen. Ich will nicht, dass die Sorge um mich dich von deiner Aufgabe und von deiner Mutter abhält. So schön es sich auch anfühlt, dass sich jemand um mich sorgt, dennoch wäre es mir lieber, du tätest es nicht." Sie machte erneut eine kleine Pause, ehe sie fortfuhr. "Da ist noch etwas, Ontáro. Vorhin haben Farelyë und kurz darauf Ivyn mit mir Kontakt aufgenommen. Wie sie das gemacht haben, weiß ich nicht. Ich konnte ihre Stimmen in meinem Kopf hören. Und Farelyë sagte, sie könne mich sehen. Ich glaube, dass die beiden Ersten meinen Weg von fern verfolgen und beobachten. Bestimmt werden sie mich warnen, wenn Gefahren drohen."
Mathan nickte langsam und erinnerte sich an Geschichten über die Ersten die Kerrys Erzählung bestätigten. „ Ich ahnte, dass sie dazu imstande wäre, aber bisher habe ich nicht an die Möglichkeit gedacht, dass es bei Menschen ebenfalls funktioniert“, sagte er ehrlich erstaunt legte Kerry eine Hand auf dem Rücken. „Und meine Sorgen um dich halten mich nicht davon ab meine Mutter zu treffen, denn immerhin kannst du ja auch schon auf dich aufpassen. Du hast den Pass ohne Klagen bewältigt und konntest mit der Gruppe mithalten, ich denke das spricht für dich.“ Er lächelte aufmunternd und nahm seine Hand fort. „Wenn wir uns in Eregion wiedersehen, werde ich dir alles erzählen. Außerdem sah es ja schon so aus, als ob meine Mutter dir nicht abgeneigt war.“ Den letzten Satz sagte er mit einem Augenzwinkern und nickte zu dem Ring an ihrem Finger.
"Ich weiß nicht recht“, antwortete Kerry daraufhin. "Meinst du wirklich, sie würde sich nicht zumindest über mich wundern, weil ich.... weil ich ein Mensch bin?"
„Darüber gewundert hat sie sich sicherlich, aber dass sie mit dir gesprochen hat zeigt doch, dass es ihr nicht so wichtig ist. Meine Mutter hat ein großes Herz unter all dem Eis, das zeigt sie aber selten weil sie es nicht mag es vor anderen Leuten zu  zeigen“, erwiderte Mathan aufmunternd und hoffte, dass damit die Kerrys Zweifel etwas ausgedünnt waren.
Und tatsächlich schienen seine Worte Wirkung zu zeigen. Kerry brachte sogar ein schwaches Lächeln zustande, das im Licht der Sterne für einen Augenblick zu sehen war. "Ich schätze, wenn ihr das Ganze nicht gefallen hätte, hätte sie mir wohl die Hände mit einem Eiszauber belegt, oder mich gleich ganz eingefroren“, scherzte sie und kicherte leise.
Mathan grinste und lachte leise, damit ihre Gefährten nicht erwachten. Für einen Moment zögerte er, fragte aber dann: „Kannst du ein Geheimnis bewahren?“  Kerry nickte eifrig, und beugte sich vor, damit er es ihr ins Ohr flüstern konnte. „Meine Mutter ist definitiv anders… das war es, was mich so erschüttert hatte. Ich zeige es dir…“ Kurz blickte er zu den Schlafenden und rückte dann näher an Kerry heran, sodass ihre Körper den Blick auf ihre Hände verdeckten. Mathan legte beide Handflächen aneinander und konzentrierte sich, malte sich vor dem inneren Auge einen weißen Ball. Es wurde eine Spur kühler und etwas Feuchtes berührte seine Handflächen. Er öffnete sie und ein kieselsteingroßer Schneeball lag in seinen Händen. „Mein Erbe… als sie mich berührte, habe ich es das erste Mal richtig gespürt. Es ist noch wenig und übermäßig anstrengend aber doch… nun ja, außergewöhnlich.“
Kerry riss vor Staunen die Augen weit auf und starrte den Schneeball an. "Das ist... einfach unglaublich“, stieß sie hervor. “ Hast du die Luft dazu gebracht, sich in Schnee zu verwandeln, indem du sie abgekühlt hast?"
„Ja, so in etwa“, bestätigte er ihre Theorie und unterdrückte ein unelbisches Gähnen, „Aber es macht sehr müde. Ich würde mich dann hinlegen.“ Kerry nickte verstehend und sie verabschiedeten sich leise voneinander.  Mathan rollte sich erneut gähnend in seinem Mantel, nahe dem Lagerfeuer ein. Er war froh, dass er seine Fähigkeiten Kerry zeigen konnte, auch wenn es nur sehr wenig war. Er hoffte nur, dass keiner der anderen es mitbekommen hatte, denn er wollte nich schief angesehen werden. Nach kurzem Grübeln schlief er auch schon ein, erschöpft von der kleinen Kostprobe.

Eandril

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« Antwort #23 am: 31. Mai 2017, 11:06 »
Oronêl träumte.

"Komm schon, Vetter", meinte Amdír. Der König von Lórinand lehnte mit verschränkten Armen am Stamm eines mächtigen Mallorn-Baumes. "Es wird alles gut gehen. Calenwen ist nicht schwächer als irgendeine andere Frau."
"Natürlich", erwiderte Oronêl schwach, und zuckte zusammen, als ein gedämpfter Schmerzensschrei aus dem Talan über ihnen erklang. Er wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn, und sagte: "Ich sollte bei ihr sein... ihr beistehen..."
Amdír hob eine Augenbraue. "Du weißt, dass es ihre Entscheidung war. Und du weißt besser als ich, dass man die Entscheidungen deiner Frau respektieren sollte, wenn man klug ist."
"Ich weiß, aber..." Oronêl hob hilflos die Hände. "Ich weiß nicht, wie ich weitermachen soll, wenn sie... mich verlässt." Ein weiterer Schmerzensschrei, und er sank auf die Knie. "Ihr Herren des Westens, wenn ihr mich hören könnt... lasst mir meine Frau. Sorgt dafür, dass sie bei mir bleibt, denn ich liebe sie." Es kam nicht oft vor, dass Elbenfrauen bei einer Geburt starben, doch es war bereits geschehen. Oronêl hatte an Calenwens Seite sein wollen, was nicht unüblich unter den Elben Lórinands war, doch Calenwen war wie so oft anderer Meinung gewesen und hatte alle außer Elwen, Amdírs Gemahlin, von ihrem Talan verbannt.
"Sie wachen über sie", sagte Amdír ruhig, und sein Tonfall war sanft und beruhigend. "Deine Mutter hat deine Geburt überlebt, Elwen hat Amroths Geburt überstanden - und er hat es ihr wahrlich nicht leicht gemacht - und meine Mutter hat sogar drei Kinder unbeschadet zur Welt gebracht. Es wird ihr nichts geschehen."
Gerade als er ausgesprochen hatte, erschien Elwens lächelndes Gesicht über ihnen. "Komm herauf, Oronêl, und begrüße deine Tochter auf dieser Welt."
Später konnte Oronêl sich nicht erinnern, wie genau er vom Fuß des Baumes auf die Plattform des Talan hinauf gelangt war. Doch nur wenige Augenblicke später stand er oben, und nahm mit bebenden Händen das winzige Bündel entgegen, dass Elwen ihm reichte. Er betrachtete das Kind zärtlich, und spürte eine Liebe von einer Art, wie sie ihm zuvor unbekannt gewesen war. Er strich sanft mit dem Daumen durch den Flaum brauner Haare auf dem kleinen Kopf, und blickte in die geöffneten, grauen Augen.
Seine Tochter schrie nicht - die wenigsten Elbenkinder taten das - und er glaubte sogar den Hauch eines Lächelns auf dem kleinen Gesicht zu erkennen.
"Oronêl Galion", hörte er Calenwen sagen. Er liebte ihre Stimme, immer kräftig und einen Hauch tiefer als die der meisten anderen Frauen, und er wandte sich zu dem Bett um. Seine Frau wirkte ein wenig erschöpft, und doch stolz - und glücklicher, als er sie je zuvor gesehen hatte. "Gib mir meine Tochter zurück", sagte sie, und Oronêl kniete sich neben sie, und legte ihr das Kind in die Arme. Dann küsste er sie zärtlich auf die Stirn und sagte: "Das ist... vermutlich der wunderbarste Augenblick meines Lebens. Wie...
 wie soll sie heißen?"
Calenwen runzelte auf die wunderbare Weise die Stirn, wie nur sie es konnte. "Ich weiß nicht. Vielleicht solltest du ihr zuerst einen Namen geben."
Oronêl betrachtete seine neugeborene Tochter eindringlich, und dachte nach. Er spürte eine sanfte Berührung auf seiner Schulter, und bemerkte ein Mallornblatt, das von einem der Bäume hinabgefallen sein musste und nun mit der silbergrauen. Unterseite nach oben auf seiner Schulter lag.
Er wandte sich wieder seiner Tochter zu, und berührte mit dem Zeigefinger sanft ihre winzige Nasenspitze. "Du sollst... Mithrellas heißen. Siehst du diese Welt?" Mit der linken Hand machte er eine ausholende Bewegung. "Sie soll dir gehören."


Der Traum veränderte sich, obwohl Oronêl sich dagegen wehrte.

"Sie ist gegangen." Die Worte fühlten sich falsch in seinem Mund an. "Sie hat mich verlassen."
"Sie hat... es nicht länger ausgehalten", erklärte Mithrellas mühsam. "Sie konnte so nicht leben. Nicht in dem Wissen, dass..."
"Dass was?", fiel Oronêl ihr ins Wort. "Dass Amdír mir wichtiger war als sie? Ist es das gewesen? So war es nämlich nicht, denn sie war alles für mich." Er hörte sich selbst immer lauter werden, doch seine Stimme war die eines Fremden. "Doch sie wusste, was Amdír mir bedeutet hat, und er ist gestorben. Ich dachte, sie würde verstehen,
 dass ich, dass ich..."
Er konnte nicht weitersprechen.
"Mutter, sie... hat dir etwas hier gelassen", sagte Mithrellas, und in ihren grauen Augen standen Tränen - der Trauer, und der Furcht. Sie hielt ihm ein verschlossenes hölzernes Kästchen entgegen, doch Oronêl machte keine Anstalten, es zu nehmen. "Ich will es nicht." Die Worte hinterließen einen bitteren Nachgeschmack in seinem Mund. "Sie hat ihren Weg gewählt. Und du. Du hast vermutlich nicht einmal versucht, sie umzustimmen."
Mithrellas machte einen Schritt zurück. "Doch, aber ich..."
"Geh", schnitt Oronêl ihr hart das Wort ab. "Geh mir aus den Augen, ich... will dich jetzt nicht sehen."
"Vater, ich... " "GEH!" Er schrie es beinahe, und mit einem erstickten Schluchzen wandte Mithrellas sich ab und rannte unter den Bäumen davon - das Kästchen noch immer in der Hand.


Oronêl erwachte plötzlich. Sein Herz hämmerte, und er holte ein paar Mal tief Atem um sich zu beruhigen, bevor er sich leise erhob. Anhand der Position der Sterne schätzte er, dass es kurz nach Mitternacht war, und offenbar hatten auch einige andere Schwierigkeiten zu schlafen. Mathan, dessen Wache eigentlich bereits zu Ende war, lag nicht bei den anderen, doch Oronêl sah ihn auf einem großen Felsen neben Kerrys kleinerer Gestalt sitzen und hörte, wie sie leise, unverständliche Worte sprachen. Auch Ardóneth war nicht dort, sondern hatte sich leise aus dem Lager entfernt.
Da er Mathan und Kerry nicht stören wollte, ging Oronêl langsam den Pfad den sie gekommen waren ein Stück zurück. Die Nacht war klar und kühl, und tausende Sterne bedeckten den wolkenlosen Himmel. Diese Nächte waren Oronêl eigentlich die liebsten, doch sein Traum hatte ihn unruhig und rastlos werden lassen.
Er kam in ein kleines Wäldchen aus Kiefern, wo er einige Augenblicke stehenblieb, und den herben Geruch der Nadeln und des Harzes in der frischen Luft genoss. Es wirkte belebend, und der letzte Rest Müdigkeit verließ ihn. In dieser Nacht würde er vermutlich nicht mehr schlafen.
Ein leises Knacken hinter ihm weckte seine Aufmerksamkeit, und wie zuvor erkannte er Mírwen am Klang ihrer Schritte. Oronêl wandte sich zu ihr um, und sagte: "Ich habe dich also nicht verschreckt."
"Zumindest nicht für immer", erwiderte sie, und trat neben ihn. "Oronêl...", begann sie zögerlich. "Wenn du möchtest, dass ich gehe, dann... gehe ich. Ardóneth wird über den Pass nach Imladris zurückkehren, und wenn du es sagst, werde ich ihn begleiten."
Oronêl schwieg, und betrachtete sie nur. Mírwen hatte keinerlei Ähnlichkeit mit Calenwen, weder vom äußeren her, noch vom Charakter. Selbst ihre Stimme klang gänzlich verschieden, und doch... Irgendetwas hatte sie an sich, was ihn unbestreitbar anzog.
Ein Teil von ihm wollte sie trotzdem fortschicken - oder gerade deshalb - doch eine andere, leise aber hartnäckige Stimme drängte ihn dazu, es nicht zu tun. Calenwen war gegangen, nicht er. Solange er noch in Mittelerde war, schuldete er ihr nichts, sagte diese Stimme. Und sie würde es verstehen. Niemand konnte sein ganzes Leben ohne Liebe verbringen oder es sich leisten, eine Liebe abzuweisen, die so freigiebig gegeben wurde.
"Oronêl?", riss Mírwen ihn aus seinen Gedanken. "Was soll ich tun?"
"Du musst tun, was du für dich am besten erachtest", antwortete er sanft. "Jedoch... ich will dir keine Versprechungen machen, und ich weiß nicht was geschehen wird. Aber mir würde es gefallen, wenn du bleiben würdest."
"Dann werde ich bleiben und dich ins Waldlandreich begleiten", erwiderte sie ohne jedes Zögern. "Was geschehen wird, wird geschehen, und was nicht geschehen soll, lässt sich ohnehin nicht erzwingen."
Sie berührte vorsichtig die Kette von Calenwens Medaillon um seinen Hals. "Das ist von ihr, nicht wahr?"
"Ja. Ein Abschiedsgeschenk."
Mírwen biss sich auf die Unterlippe. "Meinst du... glaubst du, sie würde es verstehen, wenn du... falls es das ist, was dich..."
"Was mich zurückhält?", beendete Oronêl den Satz für sie. "Es mag ein Teil davon sein. Und ich weiß nicht, ob sie es verstehen würde. Sie hat mich um Verzeihung gebeten, dass sie mich verlassen hat, und ich habe ihr verziehen. Aber... wenn sie mich ganz für sich haben wollte, hätte sie nicht nach Westen fahren sollen, nicht wahr?"
Mírwen lächelte, und er erwiderte das Lächeln. Es fühlte sich gut an.
"Ich brauche ein wenig Zeit für mich... zum Nachdenken unter den Sternen", sagte sie dann. "Vor dem Morgengrauen bin ich zurück." Sie küsste Oronêl auf die Wange, und verschwand dann mit schnellen Schritten in der Dunkelheit.
Oronêl warf noch einen Blick hinauf zum Himmel, und machte sich dann mit einem Seufzer auf den Weg zurück zum Lager.

Im Lager angekommen, sah er noch immer Kerry auf ihrem Felsen sitzen, inzwischen alleine. Ungefähr die Hälfte ihrer Wache musste vergangen sein, und er sah, wie sie ein Gähnen unterdrückte.
Oronêl kam langsam heran, wobei er ein wenig mehr Lärm beim gehen als üblich machte um Kerry nicht zu erschrecken, und lehnte sich neben ihr an den moosbewachsenen Felsen. "Du kannst schlafen gehen, wenn du müde bist", sagte er leise. "Ich bin ohnehin wach, und kann den Rest deiner Wache übernehmen - so kann ich ein wenig die Dunkelheit genießen."
"Nein, danke", erwiderte sie. "Jeder von euch anderen übernimmt seine Wache, da will ich auch meinen Teil beitragen - egal wie müde ich bin. Aber du kannst dich zu mir setzen und mir dabei helfen, wach zu bleiben."
"Das ist eine sehr ehrenhafte Einstellung", meinte Oronêl anerkennend, und kletterte mit einer raschen Bewegung auf die spitze des Felsens, sodass er neben Kerry zum Sitzen kam. "Man tut was man kann", erwiderte sie mit einem kleinen Lächeln, zog die Beine an und schlang die Arme um die Knie. "Also. Du hast gesagt, du willst die Dunkelheit genießen - aber ich dachte immer, Elben würden das Licht lieben. Und dass die Dunkelheit dem Bösen gehört."
"Nun, das ist nicht ganz richtig", begann Oronêl. "Weißt du, es gibt einen Unterschied zwischen der Dunkelheit und der Finsternis. Die Dunkelheit der Nacht ist etwas ganz Natürliches, und ohne diese Dunkelheit könnten wir das Licht gar nicht wirklich wahrnehmen. Es ist richtig, dass Elben Licht lieben - doch alle Elben lieben ganz besonders das Licht der Sterne."
Er deutete nach oben, auf den sternenübersäten Nachthimmel. "Die ersten Elben erwachten an den Wassern des Cuiviénen als Elbereth die Valacirca an den Himmel hängte." Mit dem Zeigefinger folgte er der gebogenen Linie der sieben Sterne, die das Sternbild formten. "Damals gab es weder Sonne und Mond, und die Dunkelheit, die nur von den Sternen ein wenig erhellt wurde, war die Welt der Elben - wenn du Gelegenheit hast, kannst du Ivyn oder Farelyë danach fragen. Diese Dunkelheit hat nichts Böses oder Bedrohliches an sich, sondern sie bietet Frieden, Schutz und Geborgenheit. Das, was Sauron über die Welt bringen will, ist die Finsternis, die nichts mit dieser Dunkelheit zu tun hat. Die Finsternis ist die Abwesenheit von allem Licht, von allem was schön und gut ist in dieser Welt. Doch solange die Sterne am Himmel scheinen, wird die Finsternis die Welt niemals ganz beherrschen - ganz gleich, was geschehen wird."
"Das ist... irgendwie ermutigend", sagte Kerry langsam. "Ganz gleich, was für schlimme Dinge auch geschehen, die Sterne werden immer da sein. Und so lange wird Mordor niemals ganz gewinnen."
Im schwachen Licht der Sterne sah Oronêl sie lächeln. "So wie du es erzählst erscheint es mir dumm, dass die meisten Menschen Angst vor der Dunkelheit zu haben scheinen."
"Das ist etwas, das ist ebenfalls nicht so einfach verstehen konnte", meinte Oronêl. "Aber nach dem, was ich gesehen habe... der dunkle Herrscher - und sein noch dunklerer Herr vor ihm - hat es verstanden, die Nacht zu seinem Vorteil zu wenden. Seine Kreaturen sind stärker in der Dunkelheit als am Tag, und so fürchten die Menschen, was die Nacht bringen könnte, und daran tun sie recht. Doch an der Dunkelheit selbst ist nichts furchterregendes."
Er atmete tief ein, genoss die kühle Nachtluft. "In manchen Nächten scheint gar ein Hauch Magie in der Luft zu liegen. Das sind die Nächte, die ich immer geliebt habe. Es war eine solche Nacht, in der ich Calenwen geheiratet habe", schloss er leise, und blickte zu Boden. Die Schuldgefühle und die Unsicherheit kehrten zurück.
"Ist... alles in Ordnung?", fragte Kerry unsicher, und Oronêl wunderte sich über ihr Feingefühl. Er hatte keine großen Gesten gemacht, und dennoch hatte sie anscheinend sofort die Veränderung in ihm gespürt.
Er lächelte, als er antwortete: "Solange ich auch lebe, es wird immer Situationen geben, in denen ich mir keinen Rat weiß, scheint es. Ich denke, du weißt wovon ich spreche."
Kerry nickte. "Ja, ich weiß..." Einen Augenblick blieben sie still, bis Kerry sagte: "Manchmal ist es, als ob man an einer Klippe steht, und man hat nur zwei Möglichkeiten - man springt hinunter, oder man läuft davon. Wenn man springt kann man einfach abstürzen, oder aber... man schafft es zu fliegen. Und wenn man weg läuft fragt man sich vielleicht den Rest seines Lebens, ob man es nicht vielleicht hätte wagen sollen."
Oronêl lachte leise. "Wann bist du denn weise geworden, Kerry?" Kerry lächelte ebenfalls. "Ich hatte ein paar gute Lehrer - und die ein oder andere Gelegenheit, in der ich selbst solche Entscheidungen treffen musste." Selbst im schwachen Licht konnte Oronêl erkennen, wie sie errötete. "An dem Abend, als Aéd mich... geküsst... hat, zum Beispiel. Da hätte ich ihn wegstoßen können, oder weglaufen, aber... ich habe es geschehen lassen, weil ich wissen wollte, was geschieht."
Oronêl blickte zu den Sternen empor, und schwieg eine Weile. Es war merkwürdig dass Kerry, die so unendlich jung war, ihm in diesen Dingen Ratschläge gab, und trotzdem war er ihr dankbar. Und in diesem Moment wurde ihm zum ersten Mal bewusst, wie bedeutsam sie war - und auf welche Weise. Kerry würde keine großen kriegerischen Taten leisten oder einen mächtigen Feind erschlagen, niemals. Doch das war nicht die einzige Art, die Finsternis aus Mordor zu bekämpfen. Oronêl hatte es bereits bei anderen gesehen, bei Gandalf und Galadriel. Sie kämpften mit der Kraft ihrer Herzen, sorgten dafür, dass andere den Mut nicht verloren und gaben ihnen die Kraft, zu kämpfen. Und das konnte Kerry für ihre Freunde ebenfalls tun.
Schließlich legte er ihr eine Hand auf die Schulter und sagte: "Ich glaube, deine Wache ist um, Kerry. Geh und leg dich schlafen - ich werde bis zum Morgen wachen." Als Kerry vom Felsen hinunter geglitten war, fügte er hinzu: "Und Kerry - ich muss mich bei dir bedanken. Manchmal findet selbst jemand wie ich Weisheit an den unerwartetsten Orten."

Oronêl, Mathan, Ardóneth, Kerry, Mírwen, Finelleth und Celebithiel ins Tal des Anduin
« Letzte Änderung: 3. Jun 2017, 16:20 von Fine »

Listen to the wind blow, watch the sun rise
Running in the shadows, damn your love, damn your lies