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Autor Thema: Die Hügellande von Dunland  (Gelesen 20777 mal)

The Chaosnight

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Die Hügellande von Dunland
« am: 20. Okt 2010, 16:21 »
Aiwyn, Gamling, Forgoil, Bogan und Barlae aus Helms Klamm


Vier ganze Tage dauerte der Weg von der Klamm. Aiwyn, Bogan und Barlae liefen direkt neben Forgoil und Gamling an der Spitze des Heeres und sahen als erste die Grenzen Dunlands: Elendig weite Ebenen, mehrere kleinere Hügel, kaum Bäche oder Flüsse und eine recht bäuerliche Bevölkerung kennzeichneten den ersten Eindruck von dem kleinen Land. Je tiefer sie in das Land kamen, desto mehr Bauern schlossen sich dem Heer an. Viele feierten die Ankunft Forgoils mit seinen dutzenden Bannern Dunlands und seiner Armee der Getreuen und nur wenige blieben in ihren Äckern und Hütten versteckt und misstrauten dem Heer. Mit einer gewaltigen Schlagkraft, einem Heer, das seine Größe fast verdreifacht hatte erreichten sie die "Hauptstadt" Dunlands: Eine weite, kahle Ebene innerhalb des Landes, abgegrenzt durch mehrere Fackeln und Bänke. Ein riesiges Haus stand vor einem ebenso gigantischem Podestbum das sich die Ebene zentrierte. Dutzende Orks standen auf dem Podest und hunderte Dunländer kreisten umher, entweder geschockt oder freudig auf Forgoils Armee starrend. Trotzdem bildeten sie alle eine Gasse als Forgoil vortrat und laut ausrief: "Möge sich der Verräter zeigen, der Dunland unterdrückt hät! Ich bin hier um mein Erbe anzutreten! Hiermit fordere ich ihn heraus! Mann gegen Mann, bis zum Tod, bis nur noch der wahre Herrscher steht!"
Die Männer Dunlands brüllten ausnahmslos einen lautstarken und düsteren Kriegsgesang in ihrer Sprache und formierten sich enger um das Podest und ließen nur einen schmalen Gang zu dem Aufstieg frei.

Lautstark öffneten sich die Türen des Hauses und vier Personen betraten das Podest: Ein voll gerüsteter Dunländer, der durch seine Größe und Masse, sowie seinen unförmigen Gesichtszüge beinahe wie ein Troll aussah, gefolgt von einem Menschen in einer schwarzen Kutte, die nur die schattigen Züge seines Gesichtes erahnen ließen, flankiert von zwei gewaltigen Orks, beinahe mannshoch, mit Muskelsträngen, die sich aus der Haut drückten und bestialischen Gesichtern. Der Dunländer trat alleine an die Spitze und antwortete bellend: "Wer immer es wagt mich heraszufordern, ich nehme an!" Es folgte lautstarkes Gebrülle unter den Dunländern, die wild ihre Fahnen schwenkten und in ihrer Sprache weitere Kriegsschreie schrien.
"Gamling, Aiwyn - folgt mir", sagte Forgoil, "Euch gebührt die Ehre den Kampf von nahen sehen zu dürfen!" Langsam folgten die beidem ihm auf das Podest und setzten sich auf zwei kleine Stühe, die perfekten Blick auf einen kreisrunden, abgegrenzten Bereich ermöglichten, dessen Boden durch eine riesige Wolfsfigur gekennzeichnet war. Gegenüber von ihnen saßen der Vermummte und einer der beiden Orks, während der zweite still neben dem Vermummten stand und sich nicht rührte. Ein überaus alter Dunländer betrat auf einen Stock gestützt als erster die Plattform und rief mit lauter, bestimmter Stimme aus: "Heute kämpfen wieder einmal zwei Männer um die Führung des Landes! Der amtierende Fürst kämpft gegen den Sohn seines Vorgängers. Es wird in maximal 5 Runden gekämpft, die auf das Schlagen meines Stockes anfangen und enden. Jede Runde werden die Waffen gewechselt und der Kampf endet nur durch den Tod eines Kämpfers! Sollten beide nach 5 Runden noch leben entscheidet das Wargrennen, wobei der Verlierer für 5 Jahre verbannt wird und dann das Recht auf einen Rückkampf erhält!"
Er hob ruckartig beide Hände und rief laut die Namen der Kämpfer aus, die unter lautem Brüllen die Arena betraten und sich bereit hielten.

"Runde 1: Der Speer", brüllte der Alte un zwei junge Dunländer überreichten den Kämpfern zwei goldene Speere, die sie einmal über ihr Knie schlugen um die Kampffähigkeit der Waffe zu beweisen und auf das Aufschlagen des Stockes ließen beide den Griff einmal auf den Boden aufschlagen und begannen ihr tödliches Duell: Der riesenhafte Fürst schlug wild um sich, sodass Forgoil mehrmals zu Boden springen musste und oft von dem hölzernen Griff getroffen wurde. Nur mühsam schaffte er es immer der Spitze auszuweichen, die riesenhafte Gestalt war sowohl stärker als auch schneller als Forgoil, der gewaltig in Bedrängnis geriet. Erst kurz vor dem erneuten Aufschlag des Stockes schaffte er es sein Geschick auszunutzen und mit zwei schnellen Stichen die Armschienen und seinen kleinen Armschild zu treffen.

"Runde 2", brüllte wieder der Alte in das Gedonner der Dunländer: "Das Kampfmesser!" Die zwei jungen Dunländer brachten zwei große Messer zu den Kämpfern, die damit zweimal gegen den mitgebrachten Holzschild der Jünglinge schlugen und es auf das Aufschlagen des Stockes wie ein X durch die Luft wirbeln ließen und dann wieder aufeinander eindroschen. Mit einem Aufschrei begann der Riese, doch Forgoil duckte sich nur weg und schlug mit dem Messer durch den Rücken seines Gegners, der kurz aufschrie und dann leblos zu Boden sank. Lagsam schritt er zum Rand des Podiums und schrie laut aus: "Ich bin Forgoil...und DAS...IST...DUNLAND!" Die Dunländer riefen laut seinen Namen und preisten ihn, doch die maskierte Gestalt lachte nur eisig, stellte sich neben ihn und brüllte: "Ich bezichtige Forgoil hiermit des Betruges! Und Betrüger sind es nicht würdig den Titel 'Fürst' führen zu dürfen! Da der wahre Fürst tot ist fordere ich als sein Stellvertreter einen würdigeren Nachfolger zu ernennen und diesen Verräter hinzurichten!"
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Re:Dunland
« Antwort #1 am: 20. Okt 2010, 18:52 »
Der Alte schlug mehrmals wild mit seinem Stock auf den Boden, wütend schrie er: "Ruhe! Gemäß den alten Bräuchen treffen sich alle Beteiligten zu einer Besprechung im Quartier des alten Fürsten. Folgt mir!"
Er geleitete die Orks, den Vermummten, Forgoil, Aiwyn und Gamling in das Haus und sie setzten sich an einen langen Tisch. Der Vemummte saß in der Mitte der einen Seite, neben sich seine beiden Orks, während Forgoil in der Mitte der anderen Seite saß und Aiwyn und Gamling neben sich hatte. Der Alte setzte sich an die kurze Seite des Tisches und begann: "Sollte Betrug vorliegen wird der Schuldige noch heute gehenkt werden, wenn nicht wird der Ankläger dem Schicksal des Opfers übergeben! Wie wollt Ihr dies lösen?" Der Vermummte sprang sofort auf: "Ich fordere den Verräter heraus! Ein Duell nach den Bräuchen der Mächtigen...nur dies ist der Schande des Verrates ebenbürtig!", er zeigte einen Siegelring, "Der Siegelring Dunlands als Zeichen meines Rechts."
Doch kaum hatte er beendet sagte der Alte: "Das ist unmöglich! Forgoil hat heute bereits gekämpft und eine Person darf nur einmal im Jahr einen Zeremonialkampf erhalten!", er blickte kurz zu Forgoil rüber und ergänzte: "Da eure Begleiter keine Dunländer sind und kein Wappen dunländischen Rechts tragen, habt Ihr niemanden der euch vertreten darf!" Forgoil senkte den Kopf, während Gamling geschockt dasaß und Aiwyn instinktiv aufsprang: "Ich trage den Zeremonialdolch Dunlands!" Der Vermummte verlor kurz seine Fassung: "Unmöglich! Ihr lügt! Ihr könnt ihn nicht haben!" Aiwyn zog grimmig den Dolch und zeigte sie dem Alten, der nur nickte und sagte: "Das ist er!" Aiwyn setzte sich wieder hin und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen, sie hatte sich schon wieder in Gefahr gebracht und alles riskiert.
Sie wusste nicht wie Bogan reagieren würde, was er davon halten würde - doch egal was es wäre: anderenfalls hätte sie Forgoil dem sicheren Tod anvertraut. "Das braucht Ihr nicht tun", sagte dieser, "Ich habe mir dies selbst eingebrockt, ich wollte Euch nur in meiner Nähe wissen da ich alleine nie den Mut gehabt hätte dies durchzuziehen, an diese Situation hätte ich nie gedacht! Ruiniert nicht Eure Zukunft!"
"Das habe ich schon oft genug getan", murmelte Aiwyn matt, "Nun will ich es jedoch einmal für etwas sinnvolles tun!"

"Gut", sagte der Alte, "Nehmt ihr die Herausforderung an?" Aiwyn nickte kurz.
"Gut", sagte der Alte erneut, "Erwartet uns bei Sonnenuntergang wieder! Bis dahin steht es Euch frei euch vorzubereiten oder anderweitig zu beschäftigen. Der Rat wird Euch dann die Einzelheiten mitteilen."
« Letzte Änderung: 22. Okt 2010, 20:45 von The Chaosnight »
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Re:Dunland
« Antwort #2 am: 24. Okt 2010, 20:08 »
Zusammen mit dem Vermummten verließ sie den Ratssaal, wo der Fremde sofort kalt ausstieß: "Ihr habt keine Ahnung, was Ihr dort gerade eben getan habt! Ihr wart nichts als ein nerviges Beiwerk eines Verräters, doch als Führerin dieser Waffe seid Ihr dem Tod geweiht! Ihr werdet enden wie Euer Verräterfreund, zusammen mit ihm werdet ihr heute Nacht noch untergehen und die letzten Widerstände erlahmen lassen. Euer Tod und Euer Ende werden der letzte Schlüssel zu einem Dunland sein!" Er drehte sich demonstrativ um und ging die lange Halle entlang, kurz bevor er eine Durchgangstür öffnete, rief er der fassungslosen und geschockten Aiwyn hinterher: "Sagt den lächerlichen Wichten, dass ich in den Gemächern bin!"

Nun ebenso verwirrt wie alles andere blieb sie noch eine Zeit lang stehen, bis sich ihr die beiden Dunländer näherten, die im vorherigen Duell die Waffen gebracht hatten. Nach der Frage wo der Vermummte war und Aiwyns ehrlicher Antwort (woraufhin einer der beiden im Laufschritt durch die Halle eilte), sprach der eine: "Bis zu dem Duell dürft Ihr das Haus nicht verlassen. Wenn Ihr einen speziellen Ort sucht, sagt mir einfach bescheid!" Die Verwirrtheit in ihr schwand erneut der Fassungslosigkeit und dem Schock, doch nun fühlte sie sich ebenso wütend. Nicht nur dass sie jetzt in diesem Haus gefangen war, in einem Haus voller Fremder und Feinde und in einem Haus im Herzen der letzten Provinz Saurons im Norden, sie war auch getrennt von allem Bekannten und Geliebten. Sie würde nun Stunden um Stunden hier drin verbringen müssen ohne Bogan und Barlae eine Nachricht zukommen lassen zu können, Stunden um Stunden wo sie nur wartete und dann ein Duell, als dessen einziges Ende sich immer mehr der Tod herauskristallisierte, bestreiten müsste, was über die Zukunft von allen entscheiden würde. Die Wut wich der Resignation, würde sie jetzt noch aussteigen wäre Forgoil tot, der Vermummte hätte sein Ziel erreicht und Ihr Schicksal wäre wohl ebenso gekommen. Sie konnte nur noch geradeausgehen und auf eine gute Zukunft hoffen.

"Bringt mich an einen ruhigen Ort", seufzte sie und folgte dem jungen Dunländer daraufhin durch das halbe Haus, bis sie vor einer alten, verschlissenen und aus den Angeln hängenden Tür standen. Vorsichtig und auch etwas misstrauisch drückte sie die Tür nach hinten, woraufhin sie eines der wunderschönsten, wie auch trostlosesten Zimmer Mittelerdes erblickte: Die acht Wände des Raumes waren reich verziert, an jeder einzelnen prangte ein prächtiger Gegenstand in bronzenen Farben, welcher mit einer einzigen, silbernen Rune beschrieben war. Stab, Halskette, Stirnreif, Ring, Schild, Gewand und der Aiwyn so verhängnisvoll bekannte Dolch zierten die Wände vor und neben ihr, während hinter ihr der selbe mächtige Wolf zu erblicken war, der auch schon den Duellring kennzeichnete. Doch außerhalb dieser Wandverziehrungen war der Raum verstörend: Lediglich ein einzelner Kamin und vier ihn umkreisende Bänke standen im Zentrum diese Gebildes, ansonsten war alles leer und einsam. Der helle Boden und das halboffene Deckengebilde verschafften dem ganzen noch eine weitere Note der stummen Einsamkeit. Auf Aiwyn wirkte es wie eine Gedenkstätte, einen Ort der Trauer und des Bedenkens...einen Ort ohne Fröhlichkeit.

"Was genau ist das hier?", fragte sie leise, als ob sie die Toten nicht stören wollte. Der Dunänder antwortete kurz und ungewohnt mürrisch: "Bibliothek. Vom Mund geplündert und nun Ruheraum. Wie Ihr verlangtet!" Staunend blickte Aiwyn nochmal durch den gesamten Raum und setzte sich auf eine der Bänke um vor dem großem Kampf noch einmal zur Ruhe zu kommen. Doch die Wandgemälde ließen sie einfach nicht los: Wenn der Zeremonialdolch und der Siegelring als Zeichen der Herrschenden gelten, hieß das gleichzeitig, dass es noch fünf weitere Fürsten geben musste, die ebenso um den Titel kämpfen könnten, fünf Fürsten, die es theorethisch noch zu bezwingen galt und fünf Fürsten, deren Zuneigung noch unbekannt war. Langsam begann sie zu zweifeln: War sie nur Teil eines Planes die Vorherrschaft der Stämme zu erlangen? Oder war sie Teil eines Planes so etwas zu verhindern? Für was genau standen Forgoil und seine Männer nun genau ein? Er hatte sein Herrschaftszeichen stets bei sich, die Macht zurückerobern konnte es also schwerlich sein. Andere Stämme unterjochen? Sich nach dem drohendem Untergang des Mundes bei Rohan und seinen Verbündeten einschmeicheln? Was auch immer es war, es wirkte für sie nicht mehr so heldenhaft wie es es noch vor wenigen Minuten tat.

"Was genau zeigen diese Gemälde?", fragte sie ihren Führer, woraufhin dieser mit Stolz antwortete: "Jedes einzelne Gemälde zeigt eines der Herrschaftszeichen unserer sieben mächtigen Stämme. Wer auch immer sie trägt hat die Macht tausende zu bewegen und zu führen. Von Generation zu Generation, von Stammesfürst zu Stammesfürst werden sie weitergegeben und nur in Zeiten der tiefsten Not werden sie zusammengetragen. Wenn die Zeit gekommen ist erhebt sich einer von ihnen und führt als Wolfsfürst das Land in eine große Zukunft, bevor er abtritt und jedem Stamm wieder seine eigene Stellung gewährt.", er seufzte kurz auf und fuhr traurig fort: "Der letzte Fürst wurde als Anführer für die erste Schlacht um die Klamm gewählt. Auch wenn er verlor, er schaffte was keinem vor ihm gelang: Er schaffte es nach der Niederlage sofort wieder Frieden zu schließen und alle Überlebenden unversehrt zurückzuführen. Doch bevor er seine Macht wieder abgeben konnte, wurde er erschossen und angesichts der Situation wurde auch sogleich einer neuer Wolfsfürst gewählt, der die folgenden Unruhen beherrschen und die Schuldigen bestrafen sollte. Zwar schaffte er es die Unruhen zu zerschlagen, doch in den Kämpfen verstarben die alten Fürsten und deren Erben, sofern sie an den Schlachten teilnehmen konnten. Ohne die Fürsten, welche ihre Macht zurückfordern könnte herrschte der Wolfsfürst alleine über das gesamte Land, lediglich der Stamm der Klinge widersetzte sich ihm...der Dolch war verschwunden und ohne die Insignie waren seine Worte und Befehle gegenstandslos. Und nun...entscheidet Ihr darüber ob der Wolfsfürst fällt und eine neue Dynasie emporsteigt oder ob Dunland weiterhin geeint unter einer Stimme steht."

« Letzte Änderung: 13. Feb 2011, 14:55 von The Chaosnight »
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Eine schicksalshafte Wendung
« Antwort #3 am: 13. Feb 2011, 20:27 »
Mehrere weitere Stunden blieb Aiwyn in diesem Raum und hörte sich die Geschichten Dunlands an, vom Ursprung des Landes, der Tradition des Wolfsfürstentums und den verschiedene Stämmen, bis hin zu dem immerwährendem Krieg mit Rohan und den Machtübernahmen durch Saruman und dem Mund. Erst als das Licht den Raum beinahe vollkommen verlassen hatte und nur noch die silbrigen Runen einen Funken Licht spendeten, brach der Dunländer seine Erzählung ab und sagte knapp: "Es ist Zeit!"
Sofort sprang Aiwyn auf und folgte ihm durch die eng verschachtelten, für Aiwyn auf einmal endlos vorkommenden Gänge des Gebäudes. "Wenn Ihr heraustretet, vergesst nicht den Dolch stets bei Euch zu führen und möglichst öffentlich zu demonstrieren. Ohne Ihn seid Ihr nur eine Fremde inmitten der unsrigen und lasst Euch gesagt sein: Fremde sind heutzutage nicht mehr willkommen in unseren Breiten." Diese und zahlreiche anderen Hinweise flüsterte ihr der Dunländer auf dem Weg zu und als sie schließlich die Eingangshalle erreicht hatten, erwarteten sie bereits der Vermummte und sein Begleiter. "Willkommen zurück", sagte er mit einem dunklem Lächeln, "Ich bin darauf gespannt, was Ihr mir zeigen könnt. Ich hoffe doch, dass ihr etwas besonderes vorbereitet habt, schließlich ist dies das letzte was man von Euch sehen wird!"

Noch bevor Aiwyn antworten konnte öffnete sich die Doppeltür, die zum Ratssaal führte und die beiden Orks, Gamling, Forgoil und der Alte kamen heraus. Während sich die Orks sofort zum Vermummten bewegten und mit ihm ihn einer fremden Sprache sprachen und Gamling zu Aiwyn ging, ging Forgoil geradewegs zum Alten, der schon an der Ausgangstür stand. Sofort wurden Aiwyns Gedanken wieder mit Fragen überflutet, wo sie vor wenigen Augenblicken noch hochkonzentriert war, kehrte jetzt Verunsicherung und Wut ein. Was war nur mit diesem Dunländer los? Sie würde in wenigen Augenblicken um sein Leben kämpfen und er ignoriert sie einfach? Sie war so damit beschäftigt sich wieder zu fragen was seine Motivation sein könnte, dass sie Gamling zuerst gar nicht bemerkte, als er sie ansprach. "Ich habe ein paar kleine Änderung an den Aufgaben durchgesetzt. Allein vom körperlichen her dürfte es eindeutig werden!" Sie nickte etwas abgelenkt und wollte gerade fragen was genau geplant wäre, doch Gamling fuhr fort: "Vorsicht vor den Orks! Irgendetwas ist geplant, was uns bestimmt nicht gefallen wird."

Erneut versuchte sie ihn zu fragen, doch diesmal unterbrach sie der Alte: "Es ist Zeit!"



Als Aiwyn die Plattform betrat, fühlte sie sich auf einmal aufgeregt, angespannt und nervös, jedoch auch verwirrt und wütend: Sie würde gleich gegen einen vollkommen Unbekannten ihr eigenes Schicksal und das eines gesamten Volkes riskieren ohne zu wissen, wer überhaupt hinter ihr steht und weshalb oder für wie lange dies der Fall sein mag. Sie fühlte sich belogen und ausgenutzt, doch sie wusste auch, dass sie an diesem Punkt nicht mehr zurücktreten konnte.
Sie stellte sich in die Mitte des Wolfsbanners und sich plötzlich an die Worte ihres Führers erinnernd hob sie den Dolch gut sichtbar für die Menschenmenge in die Höhe, worauf erneut tosendes Gebrüll ausbrach, das auch anhielt, als der Vermummte hinter ihr auf die Plattform kam, ihr einen kurzen, abschätzigen Blick zuwarf und die Menschenmenge weitgehend ignorierte, bevor er unter wütendem Gemurmel dem Alten den Fingerzeig gab endlich anzufangen.

"Dunländer! Ihr alle wisst, was uns hier bevorsteht und ihr alle wisst, was wir zu erwarten haben! Hier trifft nun die Trägerin des Zeremonialdolches im Namen des letzten Fürstens der Klinge, des Fürstens, dessen Name hier auf dem Spiel steht und des Fürstens, der gekommen war seinen Platz wiedereinzunehmen auf den Träger des Siegelringes im Namen des Fürstens, der im letztem Duell fiel und nun..." Der Alte verstummte zeitgleich mit de Dunländern, die während der Rede immer wieder ihre Sympathiebekundungen kundgetan hatten: Der Vermummte hatte ihn an der Schulter gepackt und zurückgezogen und stand nun selbst auf dem Rednerplatz: "Dunländer!", brüllte er unter wütenden Pfiffen, Flüchen und Ausrufen der Dunländer, "Dieser Mann ist falsch informiert! Die Bande der Verräter wird nicht gegen mich, den Vertreter und Berater des glorreichen Wolfsfürsten antreten! Vielmehr wird der einzige, dem zusteht das Land von Verrat zu säubern diese ehrenvolle Aufgabe übernehmen! Der Sohn des Fürstens, Herr der Kette und Träger der Insignien des Wolfes, Erbe über Dunland wird für mich kämpfen und dieses Land säubern!" Er drehte sich zum Alten um und fügte hinzu: "Unser werter Freund hier wird diesen Anspruch bestimmt bestätigen!"
Mit gesenktem, jedoch hasserfülltem Blick presste der Alte hervor: "Gegen die Macht des Wolfes komme ich nicht an! Er vermag zu kämpfen!"

Kaum hatte er ausgesprochen und noch bevor das Volk wieder ihre zahlreichen Missfallensbekundungen preisgeben konnten, öffnete sich die Tür erneut und flankiert von zwei noch monströseren Orks als sie bereits auf der Plattform standen, betrat ein junger, ängstlich aussehender Mann das Geschehen, der in ein viel zu großes Gewand gehüllt voranschritt, in einer Hand einen Stab schwingend, in der anderen ein Schild haltend. Über dem Gewand prangte eine gewaltige Kette und am Kopf trug er einen Stirnreif und Aiwyn hätte schwören können, dass sie an seiner rechten Hand etwas glitzern hätte sehen können. Sobald er neben ihr stand, hatte sich die Stimmung schlagartig gewandelt: Das Volk jubelte und zeigte seine Ehrerbietung angesichts dieser Ansammlung von Herrschaftszeichen.

Dies war etwas mit dem kaum einer auf der Plattform rechnen konnte: Der Alte zeigte noch immer seine Wut, Gamling schaute fassungslos auf den Alten, Forgoil hatte den Vermummten fixiert, als ob er jederzeit auf ihn losspringen würde und selbst die Orks schauten sich fragend an. Aiwyn fühlte sich jedoch noch unsicherer als vorher. So hatte sie durch die Zustimmung, die sie bei ihrem Einmarsch erfahren hatte wieder genug Kraft und Vertrauen getankt um vollkonzentriert kämpfen zu können, doch dies war nun vollends verschwunden und der Dunländer sah um einiges kraftvoller, ausdauernder und beweglicher als sie oder der Vermummte aus - Alles was Gamling versprochen hatte zu ihrem Gunsten zu ändern war nun gegen sie gerichtet. Lediglich das ängstliche Auftreten ihres neuen Gegners vermochte ihr noch genug Kraft zu geben zumindest halbwegs sicher kämpfen zu können.
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Zeit für ein D-D-D-D-D-Duell
« Antwort #4 am: 13. Feb 2011, 23:24 »
"Es wird nach den Bräuchen der Mächtigen gekämpft!", sprach der Alte nach einer kurzen Pause wieder, "Sieben Aufgaben im Namen der Stämme werdet ihr lösen und bestehen müsen, erst danach dürft ihr fortfahren und eine Aufgabe würdig eines wahren Wolfes im direktem Duelle erfahren.", er holte tief Luft und donnerte dann weiter: "Stamm des Reifes! Zeichen der Weisheit, Symbol der Kombination! Stamm des Schildes! Zeichen der Verteidigung, Symbol der Standhaftigkeit! Stamm des Ringes! Zeichen der Herkunft, Symbol der Einheit! Ihr beide werdet Euch meinen gefürchteten Wachleuten stellen müssen, die Euch angreifen werden, während Ihr einen altrohirrischen Schlachtplan entziffern müsst. Die Aufgabe ist zu Ende, sobald Ihr entsprechend dem Plan gehandelt habt!"
Er warf den beiden eine Schriftrolle zu und die beiden jungen Dunländer brachten ihnen einen Schild, sowie ein kurzes Holzschwert. "Ihr werdet damit kämpfen! Während diesen Rituals wird kein Blut fließen, sondern nur Eure Würdigkeit unter Beweis gestellt.", sagte der eine, bevor er sich wieder zurückzog.

Kurz darauf begann es! Kaum hatten sich die beiden zurückgezogen und der Alte das Komando gegeen, stürmten drei Dunländer heran, allesamt mit mächtigen Holzwaffen bewaffnet: Langschwert, Stab und zwei Kurzschwerter. Schnell hatten die drei sie erreicht und droschen mit ihren Waffen auf sie ein: Nach einer schnellen Ausweichaktion konnte Aiwyn dem Langschwertkämpfer ausweichen und den Stabkämpfer entwaffnen, doch während der Langschwertkämpfer nun den Dunländer bereits entwaffnet hatte und nun dabei war seinen Schild zu bersten, kam Aiwyn kaum mit dem Zweihandkämpfer klar, dessen schnellen Angriffsfolgen sie nichts entgegenzusetzen hatte. Mehrere Minuten lang verlief es sehr einseitig: Die beiden Ostlinge setzten die beiden Kämpfer stark unter Bedrängnis, während der Stabkämpfer (man hatte ihm mittlerweile wieder seine Waffe zurückgeworfen) die Länge seiner Waffe dazu nutzte ihn unachtsamen Momenten seine Gegner zu Fall zu bringen. Erst dann erinnerte sich Aiwyn wieder an die Worte ihres Führers: "Jede Insignie verbirgt ein Zeichen und eine Symbolik: Das Zeichen gibt die primäre Tugend und die größte Macht des Stammes wieder, während das Symbol einen Weg zu ihrem Erreichen beinhaltet oder typisch für seine Umgebung ist. Zeichen und Symbol, Herrschaftsmacht und Herrschaftsart. Erst wer all dies verstanden hat, kann als Wolf längere Zeit bestehen, anderenfalls fällt seine Macht sobald sein Ziel erfüllt wurde."

Das war für Aiwyn die Lösung: Wie ein Wolf denken, seine Würdigkeit beweisen! Mit einem Sprung riss sie den Langschwertkämpfer zu Boden und stellte sich vor ihren Widersacher. "Entziffer den Plan, ich halte sie auf!", zischte sie, während er zu ihrer Erleichterung genau dies tat. Minutenlang hielt sie den dreien stand, sie blieb fest auf einer Position stehen, sodass der Stabkämpfer sie nicht zu Boden drücken konnte, wehrte den Langschwertkämpfer mit ihrem Schild ab und sorgte mit geschickten Schildbewegungen dafür, dass er den Zweihandkämpfer so weit behinderte, dass er sich vorerst zurückhielt. "Eine Verbindung zweier entgegengesetzter Pole, gehalten von zwei entgegengesetzten Polen", las der Dunländer laut vor, bevor er ebenfalls seinen Schild hochriss und Aiwyn half die Gegner weiter zurückzudrängen. Und plötzlich dämmerte es ihr: Der Stabkämpfer hatte sich die gesamte Zeit über zurück gehalten und immer abwechselnd seine beiden Stabenden benutzt. Mit dem Schild voran drückte sie den Langschwertkämpfer von sich weg, trat erneut gegen den Stab, der seinem Träger aus der Hand flog und ergriff das eine Ende. Der Dunländer schien zu verstehen und tat es ihr gleich und kaum hatten beide ein Ende ergriffen, verbeugten sich ihre drei Gegner und zogen sich wieder zurück.

Doch kaum war die erste Aufgabe bestanden, folgten die Aufgaben der weiteren Stämme: Messerzielwerfen, während man das eigentliche Ziel zwischen den Zeilen eines doppelzüngigen Beraters herauslesen musste (eine Eigenschaft, die Aiwyn gerne gehabt hätte, als sie dem Vermummten zum ersten Mal gegenüberstand) für die Stämme des flinken Dolches und des listenreichen Gewandes und zuletzt mussten beide an einem gigantischem Taktiktisch virtuelle Armeen zur Verteidigung bewegen, wobei jeder Feindkontakt durch verschiedene Holzwaffenkämpfer simuliert wurde und man um zu bestehen auch Zivilopfer unter der Wahrung der Verteidigungslinien retten musste.
Nachdem auch das letzte feindliche Bataillon bezwungen war und beide Kämpfer schwer angeschlagen auch die Prüfungen des herrschenden Stabes und der liebenden Kette gemeistert hatten, ergriff der Alte erneut das Wort: "So sei es also! Beide sind es würdig im Namen des Wolfes zu kämpfen und daher möge nun die entscheidende Prüfung auf sie warten: Ein Duell unter Gleichen, ein Duell unter zweien, die es alleine würdig wären Wolf zu sein und für zweie kämpfen, denen die gleiche Ehre gebührt. Ein Duell, dass nur durch die Tat eines wahren Wolfes ihr Ende finden kann!"

Er ließ sich zwei Kurzschwerter geben, die er sogleich weiterreichte.
"Möge es beginnen!"
Doch beide zögerten, es schien für Aiwyn einfach unverständlich nun jemanden töten zu müssen, mit dem sie vor kurzer Zeit erst eine alte Schriftrolle beschützen und entziffern musste und mit dem sie zusammen Truppen um Truppen verschieben musste und wie verrückt gegen die Wachen gekämpft hatte. Sie waren eine Einheit gewesen, so wie es der Siegelring verlangt hatte, sie hatten zugegebenermaßen sogar ganz ordentlich harmoniert und keiner von beiden hatte in einer der Aufgaben versucht den anderen zu sabotieren. Der bisherige Wettkampf war eigentlich nichts als ein Spiel mit hohem Einsatz, ein Spiel, das sauber und ohne Schwierigkeiten verlaufen war und nun sollte es so enden, nur damit zwei andere ihren Machtdisput beenden konnten?
Unsicher blickte der Dunländer hinter sich, wo der Vermummte ihm ein eindeutiges Zeichen gab: Tu es!
Er atmete tief ein und versuchte dann einen kräftigen Schlag anzubringen, doch Aiwyn hatte ihren Arm schon oben und parierte problemlos. Mit ihrer freien Hand schlug sie kraftvoll gegen den Schwertarm ihres Gegners, sodass ihm die Waffe entglitt und mit einem schnellem Tritt gegen das Knie hatte sie ihn zu Boden geworfen. Bevor er sich weiter bewegen konnte, hielt sie ihm die Schwertspitze an die Kehle. Schwer atmend und ängstlich kauerte er zu ihren Füßen und erwartete sein Ende. Die Masse an Zuschauern tobte und schrie ihr zu es zu beenden und die Orks schauten hilflos zu ihrem Meister. Dieser applaudierte jedoch nur höhnisch und bewegte sich langsam zu seinem gefallenem Schützling. Direkt hinter ihm stehend erfasste er Aiwyn und zischte: "Beende es!"
Sie zögerte weiter und der Vermummte wurde ungeduldiger, "Beende es und du bist mich los!", schrie er schon beinah und zu seinem Vergnügen hob sie tatsächlich ihren Arm.

Doch anstelle ihren Gegner zu erledigen hatte sie ein neue Ziel ins Auge gefasst: Ihn!
"Der Kampf ist zu Ende!", brüllte sie und hielt ihre Waffe nun ihm vor die Kehle, "Im Namen der Halskette vergebe ich meinem Feind."
Der Alte nickte zuerst ihr zu und dann den Wachleuten, die den Vermummten auf die Rednerposition zerrten.

"Irgendwelche letzten Worte?"
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Das neue Dunland
« Antwort #5 am: 14. Feb 2011, 12:40 »
Doch zum Erstaunen aller zeigte der Vermummte keine Furcht oder Erschrecken, im Gegenteil sogar: Er lachte.
Kraftvoll drückte er die beiden Wachen zur Seite und begann: "Volk Dunlands! Ich stehe hier vor Euch als Mann, der wie so viele eurer Väter und Vätersväter sein Leben geben muss im ewigen Kampf für Dunlands Freiheit und Einheit! Aber bevor ich dieses Opfer bringen werde lasst euch einiges gesagt sein: Ich weiß, dass ich hier nie wirklich willkommen war, ich weiß, dass ich von dem Moment an verloren war, als ich im Anhang des Mundes hierher kam und ich weiß, dass die meisten von Euch noch immer denken, dass ich zu jenen Verfluchten gehöre, die dem roten Auge die Treue halten. Doch dies ist falsch! Ich diene einem weitaus größerem Herren, einem Herren, der Dunland immer wohlgesonnen war, einem Herren, durch den Ihr zum ersten Mal in hunderten von Jahren wieder Siege gegen die Pferdeherren erringen konntet, einem Herren, der Euch die Freiheit  und Selbstständigkeit gab, die Ihr so verlangtet.
Ich spreche hier von Saruman dem Weisen, Saruman dem Ringschmied, Saruman dem Vielfarbenem. Beantwortet mir eines Ihr Mächtigen: Hat Saruman je gegen Euch gehandelt? Hat Saruman Euch je hängen lassen? Hat Saruman Euch je weniger gegeben als er versprach? Durch ihn habt Ihr Eure alte Macht wiedererlangt, durch ihn habt ihr Euer rechtmäßiges Land zurückerobert und durch ihn hättet Ihr beinahe die die große Feste des Feindes genommen und ein für alle Mal unsere Sicherheit, Freiheit und Einigkeit gesichert! Und beinahe, beinahe wäre es so gekommen, wäre es nicht um diese Verräter", er zeigte auf Forgoil, "Pferdemenschen", er zeigte auf Gamling, "oder Feinde unseres Volkes, die ihr eigenes Wort im Angesichts des Wolfes brechen und auch den letzten Funken Tradition, den uns Rohan nicht nehmen konnte, zerschmettern! Schaut hernieder und seht, was geschehen ist! Die Überreste unseres Landes stehen im Zeichen des Verrates und der Feigheit.", er griff nach dem Körper von Aiwyns Gegner und zog ihn kraftvoll nach oben, "Seht her, was sie angerichtet haben! Er ist tot! Getroffen von einem Pfeile Rohans, trägt sie nicht einen Bogen und begleitet diesen Rohirrim? Verbürgt er nicht dafür, dass seine Vertreter die Werte unserer Kultur und unsere Gesetze kennen und beachten? Seht es Euch genau an, diesem Pack kann man nicht vertrauen und sie werden wieder kommen, bis auch der letzte unserer Mächtigen gefallen ist und sie unumschränkte Macht genießen. Hört mich an: Wird er zum nächsten Wolfsfürsten, wird unsere Nation fallen und zum Vorposten der Pferdemenschen werden! Vertraut meinen Worten: Saruman wird Euch erneut nach oben führen und mit allen Insignien und ohne die Wortführer unserer Feinde, die außerhalb unserer Grenzen am Rande des Zusammenbruchs stehen, wird es diesmal ewig währen! Dunland wird wieder erstarken und eine neue Zeit einläuten!"

Während dieser Rede hatte Aiwyn größtenteils zornig auf den Vermummten gestarrt, doch als er erwähnte, dass ihr Gegner tot sei, hatte sie sofort nach unten geschaut und erschrocken festgestellt, dass irgendwer tatsächlich mit einem gezieltem Bogenschuss zugeschlagen hatte. Kurz davor den Vermummten mit aller Kraft niederzuschlagen und ihrem Hass freien Lauf zu lassen, wurde sie jedoch von Forgoil festgehalten. "Lass ihn. Die Stimmung ist gerade eh im Umschwung und ein offener und eindeutiger Verstoß gegen die Traditionen würde sein Übriges tun."
Nun noch wütender und vollkommen machtlos musste sie den Rest der Rede ertragen, während auch die allgemeine Stimmung immer aggressiver wurde.

"Jetzt ist die Zeit gekommen. Erfüllt Euren Auftrag oder besinnt Euch zum Besseren! Die Zukunft Dunlands liegt in Euren Händen!"

Der Alte nickte einem seiner Wachleute kurz zu, der daraufhin seine Waffe hob und sich unter zahlreichen Beschwörungen des Alten zum Schlag bereitmachte. Doch bevor er sein Werk vollenden konnte, brach auf den Feldern ein Aufstand aus: Wie aus dem Nichts schlugen die Dunländer sich gegenseitig nieder, unwissend was vorgefallen war und wem sie noch vertrauen konnten, breitete sich das Schlachtfeld weiter aus und ehe man auf der Plattform verstehen konnte, was nun genau passiert war, schien sich das Schlachtfeld schon in zwei Hälften geteilt zu haben: Jene, die der Vermummte überzeugt hatte und die Saruman folgen wollten und jene, die ihn hassten und weiterhin Forgoil als Wolfsfürsten verlangten.
Doch kaum hatte man dies erblickt, hatten sich auch die Orks kampfbereit gemacht und griffen Aiwyn, Forgoil und Gamling an, schon bald durch Dutzende Dunländer begleitet, welche die Plattform und das Haus stürmten. Es wurde immer klarer, dass sie hoffnungslos in der Unterzahl waren und es nur eine Frage der Zeit blieb, bis sie zusammenbrechen würden. Gerade hatte sie den letzten Ork bezwungen und ihre Waffe zum Schlag gegen einen der Dunländer erhoben, doch dann spürte sie wie sie jemand  von hinten packte und wegzog und ehe sie sich versah, flog sie geradewegs von der Plattform.
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Der Plan
« Antwort #6 am: 20. Feb 2011, 21:05 »
"Es ist aus!"

Forgoils Worte ließen keinen Zweifel daran zu, schwach richtete er sich wieder auf und sah sich um: Vor ihm tobte noch immer die Schlacht, ein paar Dutzende seiner Anhänger wurden immer weiter zurückgedrängt und vertrieben, während seine Feinde überall aufzutauchen schienen. Hinter ihm standen mehrere Verwundete, sowie Frauen, Kinder und Alte, die allesamt geschockt auf die weitere Entwicklung starrten und ansonsten regungslos blieben. Doch kaum hatte Forgoil Blickkontakt mit ihnen, fielen sie aus ihrer Starre und jeder einzelne stürmte auf ihn los:
"Was sollen wir tun, Herr?"
"Wir folgen Euch bis zum Ende!"
"Wie lauten Eure Befehle?"
"Der Stamm der Klinge steht zu Euch!"

Niedergeschlagen ging er weiter in die Masse seiner Verbündeten hinein und begann auf schnellem Dunländisch auf sie einzureden. Doch schon schnell wurde selbst für Außenstehende klar, dass er irgendetwas unausprechliches gesagt haben musste: Die meisten waren den Tränen nahe, flehten ihn an es sich noch einmal zu überlegen oder schienen nun vollkommen auseinanderzubrechen. "Warum? WARUM?", schrie ihn einer der Verwunderten an, "Warum tut Ihr das?", fragte ihn eines der Kinder, welches sich fest um sein Bein geschlungen hatte, "Was soll aus uns werden?", "Denkt an Euer Volk!",  aus jedem einzelnem Mund ertönten Aussagen wie diese, doch Forgoil hob nur seine rechte Hand und sagte möglicht bestimmt, doch mit klaren Anzeichen eines Zitterns: "Es muss sein!", er ließ die Hand sinken und hielt kurz inne, bevor er auf Dunländisch fortfuhr.

Von all dem bekam Aiwyn jedoch kaum etwas mit: Noch immer von dem Sturz benommen blieb sie am Boden liegen und musste erstmal wieder zu sich kommen. Als sie endlich genug Kraft gesammelt hatte aufstehen zu können, hatte die Gruppe Dunländer sich anscheinend mit Forgoils Plan abgefunden, sie standen niedergeschlagen vor ihm und nickten nur, als er seine Rede beendet hatte. Nach einer kurzen Pause fuhr er jedoch fort, nun jedoch nicht mehr hektisch und undeutlich, sondern langsam und mit sorgfältiger Betonung. "Forgoil...Barada...Nikto"
Als ob sie darauf gewartet hätte, setzte sich die Gruppe in Bewegung und verschwand in der Weite Dunlands, Forgoil blieb jedoch und blickte ihnen traurig hinterher.
Kaum war die Gruppe außerhalb seiner Sichtweite, drehte er sich um und wandte sich an Aiwyn: "Es ist aus! Für dich gibt es hier nichts mehr zu tun! Ich allein in jetzt noch in der Lage den Schaden zu begrenzen!"
Auf den verwirrten Blick Aiwyns fuhr er fort: "Die Unbeteiligten sind geflohen, die Situation eindeutig. Dieser Kampf führt nur zur endgültigen Auslöschung meines Stammes. Wenn ich mich stelle kann ich zumindest einige retten."
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Rückzug!
« Antwort #7 am: 21. Feb 2011, 23:34 »
"Nein!"

"Es muss sein. Daran kann keiner von uns etwas ändern. Das einzige was du noch tun kannst ist zu fliehen! Im Süden von uns liegen die Ställe, je schneller du von hier verschwindest, desto besser."
-"Ich fliehe nicht...noch nicht! Ich kann es einfach nicht, nicht bevor ich sie gefunden habe!"
"Es ist keine Zeit für diesen Ehrenkram!"
-"Es geht hier nicht um die Ehre!"
"Worum denn sonst? Irgendwelche mo..."
-"NEIN! Es geht um...um...chrm du bist unmöglich! Du wei...
"Sie sind hier! SIE SIND HIER! WIR HABEN SIE!"
Sofort rannte die Gruppe Dunländer auf sie zu und verwickelte sie in einen wilden Kampf. Durch die Begrenzungen der Plattfom schafften sie es zwar nur gegen möglichst wenige Gegner auf einmal kämpfen zu müssen, doch trotzdem war die Übermacht überwaltigend. Doch gerade als die Lage endgültig ins Aussichtslose zu gehen schien, übertönte ein ohrenbetäubender Schrei das Klirren ihrer Schwerter und ein Mann sprang von der Plattform direkt in die Gruppe der Dunländer, die vollkommen überrascht nur nach oben blickte und mit voller Wucht getroffen - und zu Boden gerissen - wurde. Schnell waren die Getroffenen ausgeschaltet und Forgoil und Aiwyn konnten endlich riskieren in die Offensive zu gehen, sodass sie die übrigen Dunländer relativ schnell besiegen konnten.

"Nun seid Ihr wieder zusammen, nun geht!", flehte Forgoil schon beinahe, "es werden mehr kommen."
"Lass uns gehen", sagte Bogan leise zu ihr, "Für uns gibt es hier nichts mehr zu tun."
"Was?", fragte sie schockiert, machte sich jedoch trotzdem bereit zu den Ställen zu gehen. Kaum hatte sie sich jedoch von Forgoil verabschiedet und war die ersten Schritte gegangen, blieb sie jedoch noch einmal stehen.
"Du weißt, was er tun wird?", fragte sie Bogan.
"Ich kann es mir denken", antwortete er düster und beide gingen ein paar Schritte weiter, bevor Aiwyn jedoch abermals anhielt.
"Wo ist Barlae?"
-"Ich dachte sie wäre schon zu dir gegangen."
"Ich dachte, sie wäre noch immer bei dir."
-"Nein. Kaum hatte  die Schlacht begonnen war sie auf das Podest gestürmt um zu dir zu gelangen. Nachdem ich diesen Verrückten niederschlagen konnte, war sie plötzlich verschwunden, ich war mir sicher, sie wäre mit dir gesprungen."

Ein kaltes, lautes Lachen, welches das Schlachtfeld für einen Moment verstummen ließ, überflutete die Umgebung. Voller Schrecken hörte sie den Vermummten sagen: "Vermisst Ihr nicht etwas?"
Schlagartig hatten Aiwyn und Bogan sich umgedreht und sahen, wie der Vermummte am Rande der Plattform stand, umgeben von einer Reihe muskulöser Dunländer und mit Barlae in seinem festen Griff. Sofort war Aiwyn wieder zurückgerannt und stieß von Hass erfüllt aus: "Lass! Sie! Frei!" Doch erneut lachte der Mann nur: "Sonst was? Ich habe hunderte Männer unter mir und Eure Anhänger schwinden dahin. Ihr seid genau in meine Falle gelaufen, riskiert Euer Leben nur um sie retten zu können. Doch lasst Euch gleich gesagt sein: Ihr werdet beide sterben! Dabei währet Ihr beinahe mit dem einzigen mir gefährlichem Relikt entkommen und nun kehrt Ihr für ein einfaches Kind zu mir zurück...ein Kind, dessen Tod Ihr Euch ansehen werdet, bevor Ihr selbst qualvoll verenden werdet! Was hätte Ihr lieber als Geschenk eurer treuen Freundin? Kopf? Oder doch lieber Rumpf?" Er gestikulierte mit seinem Schwert und zeigte auf mehrere Glieder Barlaes, bis ein weiterer wütender Schrei den wiederaufgeflammten Kampfesläm übertönte. Ehe irgendwer reagieren konnte, waren zwei der Wächter hinuntergestürzt und der Vermummte lag flach auf dem Boden, während seine übrigen Wächter sich um den Angreifer stellten und ihn irgendwie ausschalten wollte. Von unbändiger Wut angetrieben, stieß er jedoch einen nach dem anderen zur Seite, trat den Vermummten von Barlae weg und schaffte ihr genug Platz, sodass auch sie springen konnte. Kaum hatte ie die Plattform verlassen, blickte der Verteidiger einmal nach unten und winkte ihnen zu, bevor er sein wohl letztes Gefecht fortführte.

"Gamling...", seufzte sie, als sie sich schweren Herzens von dem dem Tode geweihten Rohirrim entfernte. Sie hatten schon einiges an Distanz zurückgelegt, nur noch der Wind ließ die klirrenden Schwerter erklingen, bevor sie erneut die kalte Stimme hörten: "Tötet sie alle!"
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Die Flucht
« Antwort #8 am: 23. Feb 2011, 17:18 »
Stille.

Für einen Moment schien die Welt still zu stehen, bevor ein einzelner, schrill-dumpfer Aufprall das Gebiet erfüllte und sie schlagartig wieder in Bewegung setzte. Erschrocken drehte sich Aiwyn um und blickte auf Bogan, der ebenfalls überrascht und erschrocken umherblickte und Barlae, die mit weit aufgerissenen Augen regungslos geradeausstarrte.
Einen kurzen Moment versuchte Aiwyn weiter zu gehen, doch kaum war sie ihren ersten Schritt gegangen, hörte sie hinter sich ein leises Röcheln und einen weiteren dumpfen Aufprall.

Erneut Stille.

Für einen Augenblick stand die Welt erneut still, bevor sie verstand, was geschehen sein musste. Als sie sich umdrehte wurden ihre Befürchtungen bestätigt: Barlae lag bäuchlingst auf dem Boden, getroffen von einem schwarzem Pfeil Dunlands in Brusthöhe. Sofort war sie zu ihr gerannt und hatte versucht den Pfeil zu entfernen, doch kaum hatte sie Hand angelegt, flog ein weiterer in ihre Richtung, der sie nur knapp verfehlte. Ungeachtet der Gefahr versuchte sie es erneut, doch durch ihre wässrigen Augen und mit ihren zitternden Händen schaffte sie es erst einen vernünftigen Griff zu bekommen, als ein weiterer Pfeil knapp neben ihr gelandet war und sie erneut dazu brachte instinktiv loszulassen.
Gerade als sie einen weiteren Versuch starten wollte, hatte Bogan seine Hand behutsam auf ihre Schulter gelegt. "Es ist Zeit zu gehen", sagte er schwerfälig.

Längere Stille.

"Und sie hier liegen lassen!?", schrie sie ihn an, "Das ist unmöglich!"
Anstelle zu antworten, ging er an ihr vorbei und hob Barlae leichtfertig hoch und drehte sich wieder um. "Wir müssen irgendwie zu den Ställen geangen, dort haben wir erstmal Sicherheit und sollten auch Wasser finden um die Wunde reinigen zu können!"



Sie erreichten die Ställe in einem zügigem Laufschritt und versuchten erneut den Pfeil zu entfernen. Nachdem sie ihn herausgezogen hatten und die Wunde mit frischem Wasser gesäubert hatten, verbanden sie die Wunde fest mit Stofflaken und Pferdegeschirr (Bogan trug stabiles Lederwerk und Aiwyns Elbenkleid hatte sich trotz mehrerer Versuche geweigert zu reißen).
Während Aiwyn die letzten beiden Pferde der gewaltigen Anlage zur Abreise einzäumte, untersuchte Bogan den Pfeil noch einmal genauer, schrie dann jedoch plötzlich aus, entfernte den Verband, starrte geschockt auf die Wunde und flutete sie nahezu mit dem Wasser, bevor er den Verband erneut anlegte.

"Was ist?", fragte sie Bogan erschrocken, der schwach antwortete: "Irgendetwas lag auf diesem Pfeil. Es sieht mir stark nach Gift aus."
"Gift?"
Sie ergriff den Pfeil und erkannte nun sofort, wie das dünne Blut von der Pfeilspitze nahezu herunterfloss, irgendetwas verhinderte, dass es mit ihr in Verbindung kam. Irgendetwas wurde tatsächlich bei diesem Pfeil verändert. Irgendetwas, was sie noch gut aus dem Osten kannte.
"Die menschliche Heilkunst hilft un hier nicht mehr. Ich kenne nur einen Ort, der Ihr noch helfen kann!"


Aiwyn, Barlae und Bogan nach: Grenze Lóriens
« Letzte Änderung: 11. Feb 2016, 14:32 von Fine »
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Wisser

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Re:Dunland
« Antwort #9 am: 21. Nov 2011, 20:15 »
Mîmes Start:

Kalt pfiff der Wind über die Erde, wühlte im klammen Grau, es unruhig vor sich her treibend und entzog die Welt dem Blick des Wanderers, ein dunkler Schatten im wogenden Schwadenmeer. Gelegentlich klirrte Stahl."Es hat keinen Sinn, weiterzugehen". Grane knurrte. Mîme warf sein Gepäck auf den Boden und setzte sich fluchend daneben. "Ich hasse den Nebel".

Einige Stunden später, in denen der Zwerg sich endlossen Hasstiraden zum Thema Nebel hingab, begann der Geschmähte sich zu lüften, einzelne Sonnenstrahlen fanden den Weg zu Boden und hier und da linste sogar der Himmel durch das Grau. Mîme hob den Kopf, das Licht der Sonne fing sich in seinen Augen, glühte in Ihnen. Die Wärme bildete einen angenehmen Kontrast zur feuchtkalten, tristen Öde der letzten Tage, der er sich mit heldenhafter Gelassenheit ausgesetzt hatte, die seinen Frustpegel in astronomische Höhen hatte schiessen lassen. "Ein Bier. Ein Bier. Den Arkenstein für einen Krug Bier", murmelte er gespielt theatralisch als er sich sein Gepäck wieder auf den Rücken schnallte, sich kurz orientierte und seinen Weg fortsetzte. Grane folgte seinem Weg, freudig bellend, befand sich mal vor mal hinter ihm, tauchter hinter einem Hügelkamm ab um alsbald mit flatternden Ohren auf den Zwerg zuzustürmen. Der Wolf genoss die Wärme und das flache Gelände. In der Ferne sah Mîme einige baufällige Hütten, die sich um einen großen Findling herum drängten. Der Wind wehte über das Dorf in seine Richtung und trug einen erbärmlichen Gestank zu ihm. "Verlauste Wilde". Mîme schüttelte den Kopf und beschleunigte seine Schritte. In vier Tagen wollte er die große Straße erreichen und dann nach zwei weiteren Tagesmärschen nach Süden schwenken.  Der Sonne hinterher... Sein entstelltes Gesicht verzog sich zur Grimasse, das Lächeln des Schmieds.
 

Mîme zur Nord-Süd Straße
« Letzte Änderung: 19. Feb 2016, 09:50 von Fine »

Im übrigen bin ich der Ansicht, Karthago müsse zerstört werden.
Tröller!! XD

[spoiler2=DEIN TEXT]SPOILERINHALT[/spoiler2]

Das Leben präsentiert unsl drei Möglichkeiten:

1. Gut sein
2. Gut werden
3. Aufgeben und Aussteigen

Ich bin für einen Adult-Bereich in der MU...mit Scotch und Zigarren xD

Azaril

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Re: Dunland
« Antwort #10 am: 15. Mär 2016, 20:49 »
Aldoc aus den Kerkern in Dunland

Freiheit! Frische Luft! Der weite Himmel, dunkel in der Nacht, aber voller leuchtender Sterne, begleitet vom silbernen Mond!
Aldoc nahm einen tiefen, genießerischen Atemzug, nachdem er aus dem Gebäude getreten war, unter welchem der Keller lag. Er wusste, dass er sich noch lange nicht in Sicherheit befand, dass jeden Moment seine Flucht offenbar werden musste und zahlreiche Menschen mit der Suche nach ihm beginnen würden, aber dennoch konnte er nicht umhin, sich diese paar Sekunden zu nehmen und seinen allerersten Atemzug im Freien seit viel zu langer Zeit in vollen Zügen zu genießen. Wer hätte jemals gedacht, dass einfaches Ein- und Ausatmen so wundervoll sein konnte?
Nach dieser kurzen Pause setzte er sich eiligst wieder in Bewegung. Wie es aussah, befand er sich in einem ziemlich großen Dorf, vielleicht sogar einer kleinen Stadt. Die meisten Gebäude waren schlichte einstöckige, höchstens zweistöckige Häuser aus Holz mit primitiven Strohdächern. Mehr durfte man von einer Kultur wie der der Dunländer wohl nicht erwarten. Aldoc schlich sich vorsichtig durch einige wirre, ungeordnete Gassen, wobei er darauf achtete, sich dicht an den Hauswänden zu halten, in den Schatten, wo ihn die Augen der Menschen nur schwer erspähen konnten.
Sein Weg führte ihn auf einem verschlungenen Kurs dem Rande der Kleinstadt entgegen, während er hinter sich bereits die wütenden Rufe der Verfolger hörte. So etwas wie Alarmglocken schien es hier nicht zu geben, aber es würde dennoch nicht lange dauern, bis jeder einzelne Dunländer im gesamten Dorf wusste, dass einer der Gefangenen entkommen war. Aldoc hatte nur einen einzigen Vorteil: Seine leisen Hobbitfüße. Er musste sie auf kluge Weise nutzen, wenn er entkommen wollte.
In der nächsten Stunde war er mehrmals gezwungen, einen anderen Weg einzuschlagen, weil vor ihm einige Dunländer auftauchten, und musste sich einige Male in schmalen Hauseingängen oder hinter herumstehenden Kissen und Fässern verstecken. Es war eine nervenaufreibende, riskante Jagd, doch es gelang ihm, unbemerkt zu bleiben und sich schließlich in südlicher Richtung aus der kleinen Stadt zu schleichen. Zwar sah er in der Ferne noch einige Gruppen von Dunländern, doch sie waren hell erleuchtet durch die Fackeln, die sie bei sich trugen, sodass es ihm ein Leichtes sein sollte, ihnen auszuweichen.
So gelang Aldoc Tuk von Tuckbergen nach seinem ungeplanten Kerkeraufenthalt endlich die Flucht vor den Dunländern, auf dass er seine Reise nach Aldburg fortsetzen konnte.
Aldburg... ja, das war der Plan gewesen, vor dem Kerker. Aber wie sah es nun aus? Er mochte einige Wochen in einer Zelle unter der Erde verbracht haben, aber das galt nicht für den Rest der Welt. Die Zeit stand nicht still. Nach den Informationen, die er in Bruchtal erhalten hatte, hatten sich die Heere der freien Völker in Aldburg versammelt, doch das mochte sich inzwischen wieder geändert haben. Sinn und Zweck seiner ganzen Reise war es, Verbündete zu finden, die ihm und den anderen Tuks dabei halfen, das Auenland zu befreien. Aber wenn er nun in Aldburg niemanden mehr vorfand, den er um Hilfe bitten konnte? Er musste wissen, wie sich der Krieg während seiner Zeit in der Gefangenschaft der Dunländer entwickelt hatte.
Es gab zwei Möglichkeiten. Entweder wandte er sich nach Süden und setzte seine Reise nach Rohan fort, um im Land der Pferdeherren die Antworten auf seine Fragen zu erhalten. Oder er begab sich nach Norden, um genau zu sein nach Tharbad, wo er die Antworten vermutlich ebenfalls erhalten könnte. Hier in Dunland konnte er jedenfalls nicht bleiben.
Rohan schien auf den ersten Blick die bessere Wahl zu sein, immerhin bestand eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit, dass er dort noch immer Hilfe finden konnte, selbst wenn die Anführer jener, die noch Widerstand leisteten, nicht mehr in Aldburg weilten. Wenn er Glück hatte, befanden sie sich sogar noch genau dort. Dennoch zögerte er, sich zur Pforte von Rohan aufzumachen.
Würden ihn die Dunländer nicht gerade dort vermuten? Im Süden? Er wusste nicht, wie hartnäckig sie waren und ob ihnen ein einzelner Gefangener eine lange Jagd wert war, aber wen sie in den nächsten Tagen nicht aufgaben, sondern weiter nach ihm suchten, würden sie vermutlich an der Grenze zu Rohan nach ihm Ausschau halten.
Tharbad dagegen... wer würde schon vermuten, dass er sich gerade dorthin begab, wo sie ihn als Gefangenen hatten hinbringen wollen? Vielleicht sollte er tatsächlich erst einmal dorthin gehen, sich ein wenig umhören, und dann vielleicht auf einem anderen Wege nach Rohan weiterziehen, oder einfach darauf warten, bis die Dunländer sich beruhigt hatten, und es dann noch einmal auf der direkten Route versuchen.
Ja, das schien ihm ein guter Plan zu sein. Tharbad also.
Aldoc atmete noch einmal tief durch und wandte sich dann gen Norden.

Aldoc nach Tharbad
« Letzte Änderung: 17. Mär 2016, 18:26 von Azaril »

Ich kenne die Hälfte von euch nicht halb so gut, wie ich es gern möchte, und ich mag weniger als die Hälfte von euch auch nur halb so gern, wie ihr es verdient.
- Bilbo Beutlin -

1. Char Aldoc befindet sich in Bree

Eandril

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Re: Dunland
« Antwort #11 am: 12. Sep 2016, 16:04 »
Oronêl und Orophin aus dem Tal des Sirannon...

Von ihren scharfen Elbenohren geführt war es den beiden ein leichtes, die Menschengruppe ungesehen hinter dem Hügelkamm zu verfolgen, denn diese Dunländer waren noch lauter als andere Menschen. Vermutlich, weil dieses Land ihnen gehörte, und sie nicht fürchteten dass jemand es ihnen streitig machen würde - zumindest nicht, solange sie Saruman dienten. Nach einiger Zeit wurden die Dunländer langsamer, und Oronêl entdeckte einige dünne Rauchfahnen, die im Westen aufstiegen. Erneut erklommen die beiden Elben die Hügelkuppe, und sahen unter sich ein Dorf, fast schon eine kleine Stadt, dass sich nördlich der Hügelkette ausbreitete.
Die Siedlung war kaum mit Städten wie Dol Amroth oder sogar Aldburg vergleichbar, denn zum einen besaß sie keine Stadtmauer oder andere Befestigungsanlagen, zum anderen waren die Häuser fast alles eher Hütten mit schlichten Strohdächern die höchstens ein oder zwei Stockwerke aufwiesen. Lediglich im Nordwesten des Dorfes stand ein größeres Haus, dass anscheinend aus den Ruinen irgendeines älteren Steinhauses errichtet worden war. Hinter dem großen Haus befand sich eine ringförmiger Zaun, dessen innere Fläche mit Sand bedeckt war.
"Eine Kampfarena.", meinte Oronêl und verzog angewidert das Gesicht. "Diese Menschen sind wirklich kaum besser als Orks."
Orophin nickte zustimmend, hatte seinen Blick allerdings eher auf das große Haus gerichtet. "Das wird das Haus des Häuptlings, oder wie immer sie ihren Anführer nennen, sein. Dort werden wahrscheinlich auch die Gefangenen festgehalten." Oronêl wandte den Blick von dem Kampfplatz ab und betrachtete das Haus.
"Jedenfalls wird es besser bewacht als der Rest des Dorfes. Ich denke auch, dass wir dort einen Blick hineinwerfen sollten." Er ließ den Blick über das Dorf schwenken, und versuchte sich die Positionen der Wachen einzuprägen. Die Straße führte am Südrand des Dorfes vorbei in weiter in Richtung Tharbad, und dort stand an jeder Gasse durch die man zum freien Platz im Nordwesten des Dorfes kam, ein Wächter. An jenem Platz lag das große Haus, vor dem zwei weitere Wächter standen, und noch zwei auf dem Balkon oberhalb der Tür.
"Wir sollten das Dorf umrunden und uns von Norden nähern, denn dort..." Oronêl unterbrach sich, denn er hatte hinter sich ein Geräusch gehört. Orophin schien es ebenfalls gehört zu haben, denn beide fuhren gleichzeitig herum und sahen sich zwei mit Speer und Schild bewaffneten Dunländern gegenüber, die sie nun in ihrer eigenen Sprache anredeten. Während die Elben das Dorf beobachtet hatten, waren sie von einer Patrouille entdeckt worden.

Oronêl hob ob der drohend vorgestreckten Speere beide Hände, mit den Handflächen als Zeichen des Friedens zu den Menschen gewandt. "Wir verstehen eure Sprache leider nicht.", erwiderte er in der Gemeinsprache. "Werft eure Waffen auf den Boden und lasst euch fesseln, dann geschieht euch nichts.", wiederholte einer der Dunländer, der einen Wolfskopf als Helmschmuck trug, ebenfalls in der Gemeinsprache, seinen Befehl. Oronêl senkte langsam die Hände, und sah aus dem Augenwinkel, dass Orophin das gleiche Tat. Als Reaktion nahmen beide Dunländer Kampfhaltung ein, die Schilde erhoben und die Speere den Elben entgegen gestreckt. "Die Waffen weg. Sofort!", befahl der Dunländer in scharfem Ton.
Oronêl lächelte, obwohl er im Inneren maßlos wütend über sich selbst war. Er hatte sich von zwei übelriechenden Menschen überraschen lassen wie ein Kind - und das nach Dol Amroth bereits das zweite Mal! Dann riss er mit einer blitzschnellen Bewegung seinen Dolch aus der Scheide, drehte sich am Speerstoß seines überraschten Gegners vorbei direkt vor den Mann und rammte ihm ohne Zögern den Dolch aus nächster Nähe in die Kehle. Das ganze hatte lediglich zwei Herzschläge gedauert, und den Bruchteil einer Sekunde später sank auch Orophins Gegner tot in das lange Gras.
Orophin fasste sich an den linken Arm, wo Blut unter seinen Fingern hervorquoll und verzog das Gesicht. "Er hat mich mit dem Speer am Arm erwischt. Du hättest mir wirklich vorher ein Zeichen geben können. Außerdem bin ich mit dem Bogen viel besser als im Nahkampf."
"Tut mir Leid." Oronêl stieß seinen Dolch in den Boden um ihm vom Blut des Dunländers zu säubern und steckte ihn zurück in die Scheide. "Ist die Wunde tief?"
Orophin schüttelte den Kopf. "Nur ein Kratzer, er hat nicht richtig getroffen. Aber wenn wir in das Dorf wollen sollten wir es sofort machen. Es ist nur eine Frage der Zeit bis die beiden vermisst und ihre Leichen entdeckt werden, und dann ist das ganze Dorf gewarnt."
Oronêl rückte seine Waffen zurecht, und dachte daran, wie hilfreich Mathan und Halarîn bei ihrem Vorhaben gewesen wären. Aber es war richtig gewesen, die beiden nach Norden gehen zu lassen. "Also los, suchen wir Amrothos." Und den Ring fügte er in Gedanken hinzu, obwohl er insgeheim befürchtete dass der Ring Saruman bereits in die Hände gefallen war, wenn Amrothos tatsächlich gefangen sein sollte.

Weniger als eine Stunde später schlich Oronêl vorsichtig über die Dächer der Siedlung. Sie hatten einen Bogen um das Dorf herum gemacht, zunächst auf der anderen Seite der Hügel und dann im Westen hinter einem kleinen Buchenwäldchen in dem einige halbwilde Schweine gehalten wurden. Dort war Orophin zurückgeblieben um im Notfall eingreifen zu können, und Oronêl hatte sich an die Häuser angeschlichen und war auf das Dach der äußersten Hütte geklettert. Von hier oben hatte er einen guten Überblick, und war außerhalb des Blickfelds der Menschen, die unten in den engen Gassen ihren Geschäften nachgingen.
Er sprang vorsichtig von Dach zu Dach, wobei ihm die geringe Entfernung der Hütten voneinander sehr zupass kam, und näherte sich nun dem großen Haus, dass alle anderen Gebäude überragte. Zum Glück konnte er von einer nahen Hütte mit einem Sprung den Balkon an der Westseite des Hauses erreichen, obwohl dies lauter von statten ging als er gehofft hatte. Doch die Wächter an der Frontseite unterhielten sich lautstark miteinander, und die Gasse unter ihm war menschenleer. Für einen Moment hielt Oronêl auf dem rauen Holz inne und lauschte. Niemand gab Alarm, und die Wächter setzten ihr Gespräch ungestört fort. Aus den Fetzen, die er verstehen konnte schloss Oronêl, dass ein paar Tage zuvor ein Gefangener aus dem Kerker des Hauses entkommen war - und zwar ein Halbling, wenn er richtig gehört hatte. Oronêl wunderte sich, denn was tat ein Halbling so weit im Süden? Er hatte zwar zwei von ihnen in Aldburg gesehen, doch von denen konnte es keiner sein.
Anstatt über den entkommenen Halbling nachzugrübeln, schlüpfte Oronêl nun durch das schmale Fenster über ihm. In weiser Voraussicht hatte er seine Waffen bis auf den kurzen Dolch bei Orophin gelassen, denn sie hätten ihm bei seinem Vorhaben nichts genützt und ihn eher behindert. Er fand sich in einem dunklen, stickigen Zimmer direkt unter dem strohgedeckten Dach wieder, dass offenbar irgendwelchen Dienern als Schlafkammer diente. An den Wänden des Raumes standen drei Betten, unter denen die Bewohner ihre wenigen Habseligkeiten verstaut hatten. Die Tür stand halb offen, also huschte der Elb leise durch das Zimmer, presste sich an die Wand neben der Tür und spähte hindurch in einen ebenso spärlich erleuchteten Flur. Von dem Flur gingen zwei Türen nach Süden und Westen ab. Im Süden lag vermutlich ein zweites Zimmer, im die Tür im Westen musste auf den Balkon hinausführen, denn dahinter hörte Oronêl die rauen Stimmen der Wachen. Gegenüber der Balkontür führte eine Treppe in ein tieferes Stockwerk hinab, aus dem leise Geräusche an Oronêls Ohr drangen.
Da niemand zu sehen oder zu hören war, der ihn bemerkten konnte, verließ Oronêl das Zimmer und schlich vorsichtig die Treppe hinunter, wobei er vorsichtig um die Ecke in den unteren Flur blickte. Dieser war ebenso dunkel und fensterlos wie der aus dem er kam, und besaß ebenso drei Türen. Unter der Tür die der Treppe direkt gegenüber lag drangen Licht, Stimmen und Geräusche eines Essens hervor. Oronêl erinnerte sich, dass der Balkon auf der obersten Ebene nicht frei in der Luft hing, sondern über einem weiteren Teil des Hauses lag. Da auch hier niemand zu sehen war, setzte er seinen Weg  zunächst ins Erdgeschoss fort, dessen Durchquerung sich etwas riskanter gestaltete.
Auch hier lag auf der anderen Seite des Flurs eine Tür, die allerdings deutlich größer war als die anderen und auf den Vorplatz des Hauses hinausführte. Diese Tür stand weit offen und das durch sie fallenden Licht erhellte den Flur und blendete Oronêl. Auch wenn er außerhalb des Hauses nicht viel erkennen konnte, wusste er doch dass vor der Tür zwei Männer Wache standen. Er hoffte allerdings, dass sie beide den Platz im Auge behielten, und durchquerte den Flur so schnell und leise wie möglich.
Dennoch wäre er beinahe entdeckt worden, denn gerade in dem Moment als er die weiter nach unten führende Treppe betreten hatte, öffnete sich die Tür am rechten Ende des Ganges und ein Mann der eine mit gebratenem Fleisch beladene Platte trug, kam heraus und stieg die Treppe nach oben. Währenddessen huschte Oronêl die andere Treppe hinab, an deren Ende eine solide Holztür unter der flackerndes Licht hervordrang ihm den Weg versperrte.

Oronêl in die Kerker von Dunland...
« Letzte Änderung: 9. Feb 2021, 11:45 von Fine »

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Eandril

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Re: Dunland
« Antwort #12 am: 15. Sep 2016, 15:38 »
Oronêl, Gamling, Amrothos und Forath aus den Kerkern...

Als Forath und die Gefangenen das Haus des Häuptlings verließen war es Nacht. Der Himmel war sternenklar, und Oronêl fühlte sich sofort besser, als er die frische, wenn auch etwas nach Rauch riechende, Luft einatmete. Allerdings wunderte er sich ein wenig über den Zeitpunkt des Kampfes, denn von Bóran hätte er eher erwartet, den Kampf in der Mittagssonne, von der die Gefangenen geblendet werden würden, abzuhalten.
Forath und seine Männer führten die Gefangenen um das große Haus herum auf die Nordseite, wo sich bereits eine große Menge um den Zaun, der die Kampfarena markierte, versammelt hatte. Bevor sie die Arena erreichten warf Oronêl einen Blick über die Schulter auf das Dach des Hauses, wo Orophin mit seinem Bogen auf der Lauer liegen und im Notfall eingreifen sollte. Er konnte allerdings keine Spur seines Gefährten entdecken.
Als die bei der Arne angelangt waren, sah Oronêl sich zum zweiten Mal während seiner Gefangenschaft dem Häuptling Bóran gegenüber. Dieses Mal sah Bóran jedoch deutlich weniger selbstbewusst als zuvor aus, und wirkte geradezu nervös - was vermutlich mit diesem Angbaug, den Forath erwähnt hatte, zusammenhing.
"So.", sagte Bóran. "Die Zeit eures Urteils ist gekommen. In der Arena liegen eure Waffen - zwei Äxte und euer Dolch. Damit könnt ihr sicherlich am besten umgehen." Der Häuptling grinste selbstzufrieden, aber auch über dieser Geste lag ein gewisser Schatten der Angst. Oronêl erwiderte nichts, und so wandte Bóran sich direkt an Forath: "Na, mach sie los und dann in die Arena mit diesem Pack. Wir sehen uns, wenn sie tot sind, ha!" Er marschierte mit schweren Schritten davon, und Forath durchschnitt die Fesseln der Gefangenen.
"Viel Glück.", raunte er Oronêl so leise zu, dass niemand sonst es hörte, und stieß ihn dann unsanft durch das geöffnete Gatter in die Arena, und Amrothos und Gamling hinter ihm. Obwohl der Stoß nicht hart gewesen war, taumelte Oronêl ein wenig als ob der das Gleichgewicht verloren hätte, und ließ sich dann auf ein Knie fallen. Amrothos und Gamling schwankten beide ein wenig, blieben aber stehen. Zum Glück war Amrothos im Augenblick bei klarem Verstand. Zwar war Oronêl klar dass weder er noch Gamling eine Hilfe im Kampf sein würden, doch ein Amrothos der dem Wahnsinn verfallen war, wäre für ihn deutlich schwerer zu beschützen.
Während er noch auf einem Knie verharrte, warf Oronêl einen raschen Blick durch die Arena. Der mit Sand bestreute Platz war etwa kreisförmig, von einem Holzzaun umgeben und wurde von Fackeln, die an hohen Pfählen rings um die Arena hingen, mit flackerndem Licht erhellt. Ihm direkt gegenüber auf der anderen Seite der Arena befand sich ein zweites Tor, an dem er Bóran mit vier schwer gerüsteten Männern stehen sah. Oronêl erhob sich und packte die kurze Axt die vor ihm lag. Gamling nahm die andere, wog sie kurz in der Hand und sagte dann leise: "Ich werde keine Hilfe sein, aber ich freue mich, dass ich wenigstens kämpfend sterben kann." Ebenso leise gab Oronêl zurück: "Wenn hier jemand stirbt, dann die." Er deutete mit der Axt auf die vier Männer, die gerade auf der anderen Seite in die Arena traten. Zwei waren mit Schild und Speer gerüstet und nahmen die beiden anderen, von denen einer eine mächtige, zweihändig geführte Axt schwang und der andere eine stachelbesetzte Keule über die Schulter gelegt hatte, in die Mitte.
Neben Oronêl nahm Amrothos den elbischen Dolch auf. Oronêl stellte besorgt fest, dass  Amrothos' Hände zitterten und seine Augen einen ungesunden Glanz hatten. Wahrscheinlich machte die Nähe des Rings, den Bóran irgendwo versteckt trug, zu schaffen. Nachdem beide Tore geschlossen worden waren, rief Bóran laut: "Dunländer! Heute kämpfen diese Gefangenen gegen unsere besten Krieger um ihre Freiheit."
Er warf einen nervösen Blick über die Schulter, wo Oronêl im Halbschatten einen großen Mann mit kurzgeschorenen Haaren und dem Zeichen der Weißen Hand auf seinem Brustpanzer stehen sah. Bóran wandte sich wieder der Arena zu und hob die Hand, die, wie Oronêl zu erkennen glaubte, leicht zitterte. "Mögen die Götter entscheiden!"
Er ließ die Hand sinken, und der Kampf begann.



Oronêl wusste genau, dass seine Gegner sich zuerst auf Amrothos und Gamling stürzen würden. Sie wussten ebenso gut wie er dass die beiden nicht in der Lage sein würden sich lange zu wehren, und so würden sie Oronêl dazu zwingen zwei Leute gleichzeitig zu verteidigen. Dazu war er nicht in der Lage, nicht gegen eine vierfache Übermacht.
Also musste er etwas tun, was seine Gegner nicht erwarteten: Er ging in die Offensive, und rannte direkt auf die Dunländer zu.
Die beiden Speerkämpfer hoben ihre Schilde und streckten die Speere vor, der Mann mit der großen Axt grinste und stellte sich breitbeinig in Kampfpositur, und der vierte Kämpfe bliebt einfach stehen, die Keule weiter lässig auf die Schulter gelegt. Offenbar rechnete er damit, dass seine Gefährten kurzen Prozess mit dem Elben, der direkt auf ihre Speerspitzen zugerannt kam, machen würden. Direkt vor den zustoßenden Speeren ließ Oronêl sich fallen, rollte sich ab und kam zwischen dem rechten Speerträger und dem Axtkämpfer wieder auf die Füße. Hinter sich hörte er die Speere in den Sand stoßen, wo er gerade noch gewesen war, und neben ihm stieß der Axtkämpfer, bei dem es sich vermutlich um Bórans Sohn handelte, einen kurzen Fluch aus.
Oronêl verharrte nicht und gestattete sich nicht zu denken, denn gegen vier Gegner hatte er nur den Hauch einer Chance, wenn er schneller und ihnen immer mindestens einen Schritt voraus war. Der trat dem Axtträger mit dem linken Fuß so stark wie möglich von hinten gegen den Knöchel und hieb dem Speerträger rechts von ihm den Axtstiel gegen die Schläfe, weil kein Platz zum Ausholen für einen Axthieb war. Zum Glück trug der Speerträger keinen Helm, und so taumelte er nach dem Treffer benommen zur Seite.
Inzwischen hatte der Kämpfer mit der Keule diese von der Schulter genommen und kam mit erhobener Waffe auf Oronêl zugestürmt. Dadurch deckte er allerdings seine untere Köperhälfte nicht, Oronêl wirbelte herum und schlug zu.
Sein Schlag zerschmetterte das Knie des Dunländers, dieser mit einem Schrei zu Boden und Oronêl machte seinem Leben mit einem Hieb gegen den Hals ein Ende.
Einer erledigt, bleiben noch zwei....
Er hatte allerdings keine Zeit zum aufatmen, denn nun kam der andere Speerträger auf ihn zu, und im gleichen Moment spürte er, wie hinter ihm die schwere Axt des Häuptlingssohnes zu Boden fuhr und ihn nur um Haaresbreite verfehlte.
Oronêl wich dem Speerstoß seines anderen Kontrahenten aus und schlug zu. Allerdings gelang des dem Speerträger, die Axt mit dem hölzernen Schild abzufangen, und zu Oronêls Pech blieb die Klinge im Schild stecken. Mit einem kräftigen Ruck zog der Krieger Oronêl an sich heran, und der Elb konnte das Grinsen auf seinem pockennarbigen Gesicht erkennen. Er fuhr mit der linken Hand an seinen Gürtel und wollte den Dolch ziehen, doch diesen hatte ja Amrothos. Auf der anderen Seite ließ sein Gegner seinen Speer fallen, der ihm nun nichts mehr nützte und zog das kurze Schwert, dass er an der Seite trug. Hinter sich hörte Oronêl, wie der Axtkämpfer heran kam, und die Axt zum Schlag hob.
Er hatte nur eine Möglichkeit: Die Axt und damit seine eigene Waffe loszulassen. Er ließ die Axt los, der Speerträger taumelte überrascht einen halben Schritt zurück da Oronêl nicht länger an der Waffe zog, und der Elb machte eine Drehung nach links. Er spürte, wie ihm das Schwert seines Gegners die rechte Wange aufschnitt, doch er konnte sich von dem Schmerz jetzt nicht ablenken lassen.
Er drehte sich um den Speerträger (der nun eher ein Schwertkämpfer war) herum, packte den überraschten Mann von hinten und stieß ihn dem Häuptlingssohn, der gerade seine schwere Zweihandaxt über den Kopf erhoben hatte und nun zuschlug, entgegen.
Auch wenn ein solcher Überkopfschlag mit einer derart schweren Waffe ein Hieb mit schrecklicher Kraft war, den kaum jemand abwehren konnte, hatte er doch einen Nachteil: Es war für den zuschlagenden kaum möglich, ihn noch zu stoppen. Zu Oronêls Vorteil gelang Bórans Sohn dieses Kunststück nicht, und die Axt grub sich knirschend tief in die Brust seines eigentlichen Verbündeten, und eine Blutfontäne schoß direkt in sein Gesicht.
Oronêl hatte währenddessen einen Schritt zurück gemacht, sah sich nun jedoch unbewaffnet dem Häuptlingssohn, der mit einem Ruck seine Axt aus dem Körper des gefallenen befreit hatte, gegenüber. "Du...", knurrte Bórans Sohn. Gesicht, Hals und Haare waren blutverschmiert. Er machte einen Schritt über die Leiche hinweg auf den unbewaffneten Oronêl zu, der seinerseits einen Schritt zurückmachte.
"Ich werde dich töten!" In Gedanken war Oronêl geneigt, ihm zuzustimmen. Hätte er noch eine Waffe gehabt, hätte er sich durchaus Chancen ausgerechnet, doch zwischen ihm und seiner Axt, die zudem noch immer im Schild des unglücklichen Speerträgers feststeckte, stand der wütende, blutverschmierte Häuptlingssohn und schwang drohend die Axt.
Da hörte er, wie jemand von der anderen Seite seinen Namen rief. Über die Schulter seines Gegners sah er, wie Amrothos auf dem Boden kauerte und offenbar vor sich hin murmelte. Vor ihm stand mit stoßbereitem Speer der zweite Speerträger, der sich offenbar von Oronêls Schlag erholt hatte und nun fragend zu Bóran blickte. Bevor der Häuptling jedoch ein Zeichen geben konnte, wurde der Speerträger von Gamling, der auch Oronêl gerufen hatte, abgelenkt. Der alte Rohir lief langsam, die Axt erhoben auf den Dunländer zu und rief ihm etwas in der Sprache Rohans, die die Dunländer hassten, zu.
Der Speerträger wandte sich zu Gamling um, kampfbereit, und stieß schließlich zu. Gamling versuchte zwar, dem Stoß auszuweichen, doch die lange Zeit im Kerker hatte ihn langsam werden lassen. Der Speerstoß traf dennoch nicht seinen Hals, auf den er gezielt gewesen war, sondern bohrte sich nur in seine linke Schulter und Gamling ging zu Boden.
Im selben Moment traf Oronêl, der von dem kurzen Kampf abgelenkt gewesen war, mit voller Wucht der Stiefel seines Gegners in die Brust und schleuderte ihn ein, zwei Meter nach hinten, wo er benommen auf dem Sand aufschlug. Er hob den schmerzenden Kopf, und sah den Häuptlingssohn langsam auf sich zu kommen und lässig die Axt schwenken. Was mit Amrothos und Gamling geschah, konnte er nicht sehen.
So endet es also. Er war bereit zu sterben, denn wenigstens hatte er alles versucht was er konnte. Er würde in Mandos' Hallen eingehen, und schließlich Calenwen wiedersehen.

Bórans Sohn hob die Axt, bereit zum Zuschlagen... doch er wurde von einem Ruf unterbrochen.
"Halt!"
Die Stimme war leise, aber dennoch befehlsgewohnt und schien in der ganzen Arena zu hallen. Oronêl erkannte sie nicht, und als der tödliche Schlag tatsächlich nicht kam rappelte er sich mühsam auf und sah, dass der Mann mit der Weißen Hand Saurmans an den Rand der Arena getreten war. Der Mann sprach erneut.
"Im Namen Sarumans, des Weißen, eures Herrn und Gebieters erlaube ich euch nicht, diese Gefangenen zu töten. Sie sind zu wertvoll für ihn."
Er wandte sich an den neben ihm stehenden Bóran, und jetzt erkannte Oronêl auch seinen eisernen Arm. Eine bleierne Stille hatte sich über die Arena gelegt, wo bis eben noch anfeuernde Rufe und Jubel geherrscht hatten.
"Ist nicht Saruman euer einziger, wahrer Herr und Meister?", fragte Angbaug mit sanfter Stimme, die Oronêl einen Schauer über den Rücken jagte.
Bórans Gesicht glänzte im Fackelschein schweißnass, doch er wirkte entschlossen.
"Saruman hat uns verraten.", sagte er. Zuerst leise, dann noch einmal, nun so laut dass alle Anwesend ihn hören konnten. "Saruman hat uns verraten! Wir leben noch immer hier, nicht besser als vor der Zeit, als wir für ihn und seine Versprechungen in den Krieg zogen! Wir müssen ihm sogar Tribut zahlen!" Unter den Dunländern erhob sich ein zustimmendes Raunen, und Bóran schien selbstsicherer zu werden.
"Aber das hat jetzt ein Ende! Ich, Bóran, werde ganz Dunland vereinen, und unter meiner Führung werden wir neue Reiche erobern! Rohan soll fallen, und die Menschen des Südens und Nordens! Der ganze Westen soll uns gehören!" Das Ende schrie er beinahe, und einige Dunländer begannen ihm begeistert zuzujubeln. Selbst aus der Arena sah Oronêl in seinen Augen ein wahnsinniges Feuer tanzen.
"So, wirst du das..." erwiderte Angbaug leise, und so leise dass nur Bóran, der neben ihm stehende Forath und Oronêl dank seiner Elbenohren ihn verstehen konnte. Und er sah, wie Sarumans Bote die Hand auf den Schwertgrif legte.
Doch bevor Angbaug oder Bóran etwas tun konnten, geschah etwas anderes, von beiden unerwartetes. Amrothos Hand fand plötzlich den Griff von Oronêls Dolch, der vor ihm auf dem Boden lag, und der Prinz sprang auf, mit Augen die ebenso wahnsinnig glühten wie Bórans. "GIB IHN MIR ZURÜCK!", schrie er, stürmte an dem völlig überraschten Speerträger vorbei durch die Arena, sprang mit einer Kraft, die Oronêl ihm nicht zugetraut hatte, über den Zaun direkt gegen Bóran. Der Häuptling stolperte, völlig unvorbereitet getroffen, und Oronêl sah seinen Dolch in Amrothos' Hand aufblitzen.
"Orophin!", rief er so laut er konnte, und in diesem Moment brach die Hölle los. Auf dem Dach des großen Hauses erhob sich eine Gestalt mit einem Bogen in der Hand, und im nächsten Augenblick brach Bórans Sohn mit einem Pfeil im Nacken tot zusammen. Angbaug und Forath zogen die Schwerter und gingen aufeinander los, während Amrothos und Bóran sich im Kampf um den Ring auf dem Boden wälzten.
Während Orophin auch den letzten Kämpfer der Dunländer mit einem gut gezielten Pfeil zu Boden schickte lief Oronêl los, obwohl seine Rippen schmerzten und die Stelle wo der Tritt des Häuptlingssohns ihn getroffen hatte wie Feuer brannte. Er packte den Griff der Axt, die immer noch mit dem Schild verkeilt war und riss die Klinge aus dem Holz. Ein kurzer Blick zu Gamling sagte ihm, dass der Alte zwar verwundet, aber am Leben war, denn er regte sich und versuchte sich langsam aufzusetzen.
Da Gamling im Moment keine Gefahr drohte und aus dieser Richtung Orophin, der vom Dach aus Freund und Feind nicht auseinander halten konnte und deshalb hinunter geklettert war, kommen würde, lief Oronêl in die andere Richtung, wo Forath und Angbaug miteinander kämpften.
Einer von Bórans Getreuen war in die Arena geklettert, doch Oronêl konnte seinem unbeholfenen Axthieb ausweichen und ihn seinerseits mit einem besser gezielten Schlag zu Boden schicken. Der Sand färbte sich sofort rot, und Oronêl rannte weiter.
Er sprang über den Zaun, schlug einen Dunländer nieder der offenbar lieber Saruman dienen wollte und deshalb versucht hatte, Forath hinterrücks zu erstechen und riss dann mit der freien Hand den tobenden Amrothos von Bóran hinunter. Amrothos hatte mehrere Kratzer im Gesicht und blutete aus einer Schnittwunde am Hals, doch Bóran war es schlechter ergangen. Aus seiner Kehle ragte Oronêls Dolch, und während Oronêl noch auf ihn hinab blickte, erlosch das Licht in den Augen des Häuptlings.
Ohne Zögern zog Oronêl den Dolch aus dem Hals der Leiche, befestigte ihn an seinem Gürtel und wollte die Taschen des gefallenen Häuptlings nach dem Ring durchsuchen, während rund um ihn herum die Dunländer gegeneinander kämpften und Angbaug Forath gegen den Zaun der Arena drängte.

Dazu kam er jedoch nicht, denn Amrothos, der sich von seiner Überraschung erholt hatte, sprang ihn an und versuchte, die Hände um seinen Hals zu schließen.
"Nicht nochmal.", stieß Oronêl zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, und stieß Amrothos mit Wucht den Kopf ins Gesicht. Dem Prinzen schoss Blut aus der vermutlich gebrochenen Nase, seine Augen verdrehten sich nach oben und er verlor das Bewusstsein. "Tut mir Leid.", sagte Oronêl, rieb sich die schmerzende Stirn und tastete Bórans Körper ab. Besser so, als dass Amrothos den Ring noch einmal in die Finger bekam. Schließlich fand er, was er suchte. Der Ring steckte in Bórans Brusttasche, doch als Oronêl ihn schließlich in der Hand hatte, verspürte er keine Erleichterung, sondern nur Widerwillen.
Am liebsten hätte der das Ding sofort von sich geschleudert, doch das konnte er nicht. Hinter sich hörter er Orophins Stimme seinen Namen sagen.  Er wandte sich um, und sah seinen Gefährten, den verwundeten Gamling auf seine Schulter gestützt, vor sich stehen. Orophin streckte ihm mit der freien Hand seine Axt und seinen Bogen entgegen, und Oronêl nahm beide Waffen mit einem Gefühl der Erleichterung an, nach dem er den Ring in seine Gürteltasche gestopft hatte. Dann packte er den noch immer bewusstlosen Amrothos unter den Achseln, legte sich einen seiner Arme um die linke Schulter und umschlang ihn stützend mit dem linken Arm.
"Wir sollte hier verschwinden.", sagte er angestrengt, denn seine Rippen protestierten schmerzhaft und an seiner verletzten Wange lief Blut herunter.
"Da stimme ich euch zu.", hörte er Forath mit schmerzverzerrter Stimme neben sich sagen. Unwillkürlich musste Oronêl lächeln, denn auch wenn der Hauptmann ihn im Grunde nur benutzen wollte um Bóran zu stürzen, war er doch froh ihn lebend zu sehen. Immerhin war Forath vermutlich die beste Chance auf Frieden in Dunland.
"Habt ihr Angbaug getötet?" Forath, der aus vielen kleinen Wunden blutete und sich die Seite hielt, spuckte aus und schüttelte den Kopf. "Nein, Sarumans Bote ist geflohen nachdem er sich zu vielen von uns gegenüber gesehen hat. Im direkten Zweikampf hätte er wahrscheinlich Kleinholz aus mir gemacht, der Kerl ist verdammt stark und schnell." Er deutete mit dem Schwert, von dem Blut tropfte auf Orophin. "Als euer Freund hier seinen Auftritt hatte und Bórans Sohn erschossen hat - guter Schuss übrigens - haben einige von Bórans klügeren Freunden den Braten gerochen, dass ich da mit drinstecke und die Macht übernehmen will. Jetzt kämpfen seine und meine Anhänger miteinander, und der wahre Feind ist geflohen." Er klang bitter, und Oronêl konnte ihn verstehen. Forath wollte keinen Bürgerkrieg in Dunland, sondern die Macht möglichst friedlich übernehmen.
"Das tut mir leid.", sagte er. Forath schüttelte den Kopf und keuchte. "Anders war es nicht zu machen, ich kann verstehen dass ihr nicht gerne sterben wollten." Er rang einen Moment nach Atem. "Ahh... der Bastard hat mich gut erwischt, aber sterbe werde ich daran nicht. Und ihr, schlagt einen Bogen nach Norden um das Dorf herum. Dann geht immer nach Westen, bis ihr zu einem Wäldchen aus Krüppelkiefern kommt in deren Mitte die Ruine eines Elbenturms steht. Dort wird euch niemand suchen, denn die anderen Dunländer gehen nicht gerne in die Nähe von Elbenruinen. Und ich werde euch dort in drei Tagen finden."
Die beiden Elben nickten. "Mae govannen, Forath.", sagte Oronêl. "Mögest du deinen Kampf siegreich führen." Dann kehrten sie dem Dorf, in dem die ersten Hütten in Flammen aufgingen, langsam den Rücken.

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Eandril

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Re: Dunland
« Antwort #13 am: 16. Sep 2016, 12:23 »
Das Wäldchen, das Forath erwähnt hatte, stellte sich eher als niedriges Gebüsch von Krüppelkiefern heraus, dass sich auf einem Hügel ausbreitete. In der Mitte erhoben sich die  Mauern einer runden Turmruine, die nur wenig über die Kiefern herausragten. Zwischen den Kiefern und der Ruine lag ein nur von Gras und weichem Moos bewachsener freier Streifen, in dem man vor neugierigen Blicken gut geschützt war.
Der Weg dorthin nach ihrer Flucht vor den Dunländern war beschwerlich und lang gewesen, denn Gamling und Amrothos waren kaum in der Lage zu gehen. Glücklicherweise erwachte Amrothos erst nach ihrer Ankunft in dem Wäldchen aus seiner Bewusstlosigkeit, denn er begann sofort wieder zu toben und Oronêl anzugreifen. Als er ihn gemeinsam mit Orophin überwältigte und an den Stamm einer Kiefer fesselte, spürte Oronêl wie ihn zum ersten Mal seit langer Zeit Tränen über das Gesicht liefen.

In den nächsten drei Tagen versorgten sie Gamlings Wunde, die tiefer war als zunächst angenommen und nur langsam heilte, und genossen, so weit es bei den ständigen Sorgen um Amrothos und den Ring möglich war, die Freiheit und den offenen Himmel. Amrothos blieb angebunden, denn auch wenn er hin und wieder klare Momente hatte, fiel er doch immer wieder in den Wahnsinn des Rings zurück und wollte Oronêl angreifen. Während sie sich so von der Gefangenschaft erholten und auf ein Zeichen von Forath warteten, unternahm Orophin mehrere Erkundungen nach Norden und Süden vor, auf denen er auch jagte und Beeren sammelte. Östlich des Wäldchens floss ein kalter, klarer Bach vom Nebelgebirge herab, sodass die Gruppe weder verhungern noch verdursten musste.

Am dritten Tag ihres Aufenthalts auf dem Hügel kehrte Orophin am späten Nachmittag von einem seiner Erkundungsgänge zurück, und sagte: "Von Westen nähert sich ein einzelner Mann, der zielstrebig in gerade Linie auf uns zuhält."
"Das wird Forath sein.", meinte Oronêl, der neben Gamling auf der Westseite der Turmruine in der Sonne lag und einmal mehr die frische Luft, den Sonnenschein und den Geruch der Kiefern genoss. Auch wenn er nur drei Wochen im Kerker verbracht hatte, fühlte es sich wie eine Ewigkeit an - und für Gamling, der tatsächlich einige Ewigkeit im Kerker gewesen war, noch länger. Als an ihrem ersten Morgen in Freiheit die Sonne über dem Nebelgebirge aufgegangen war, hatte der Alte sich geblendet abgewandt, denn sie waren nachts geflohen und seine Augen waren noch immer an das Dämmerlicht des Kerkers gewöhnt gewesen. Doch inzwischen konnte er die Sonne erneut genießen, und er wirkte glücklicher und jünger als in seiner Zelle, auch wenn ihm die Wunde an seiner Schulter immer noch zu schaffen machte.
"Und wenn nicht?", fragte Orophin jetzt. Oronêl blinzelte träge, riss sich dann aber zusammen. "Wenn es jemand anders ist, wird er uns nicht finden." Dennoch setzte er sich auf und griff nach seinen Waffen, die neben ihm an der Mauer lehnten. Immerhin war es möglich, dass Forath unterlegen war und unter Folter den Ort preisgegeben hatte, an dem sie sich versteckt hielten. "Allerdings...", er befestigte die Axt an seinem Gürtel. "Vorsicht hat noch keinem geschadet."
Gemeinsam spähten die beiden Elben über die Hügel nach Westen, Orophin von der Turmruine aus und Oronêl vom äußeren Rand des Gebüschs, wo ein schmaler Pfad zur Lichtung in der Mitte führte, während die Sonne langsam tiefer sank. Schließlich hörte er Orophin über sich sagen: "Du hattest Recht, es ist tatsächlich Forath."
Über die Kuppe des nächsten Hügels kam mit langsamen Schritten ein Mann, der oben stehen blieb und grüßend die Hand hob, obwohl er mit Sicherheit keinen der vier dort versteckten sehen konnte. Oronêl erkannte, dass es Forath war, und erhob sich selbst aus der Hocke und erwiderte den Gruß.
Er wartete, während der Dunländer die Senke zwischen den beiden Hügeln durchquerte, und sagte schließlich, als Forath schwer atmend vor ihm stand: "Ich freue mich, dass ihr den Kampf überlebt habt."
Forath rang nach Atem, und erwiderte dann: "Gerade so, fürchte ich, aber wir haben gesiegt. Und ich freue mich, dass ihr tatsächlich entkommen seid und diesen Ort gefunden habt. Ich hatte schon gefürchtet, dass dieser Angbaug euch irgendwo auflauern würde."
Oronêl schüttelte den Kopf, und ging den Pfad zwischen den Kiefern hinauf. Forath folgte ihm. "Nein, wir hatten - abgesehen von unseren eigenen - keine Schwierigkeiten." Oben angekommen deutete er mit einem traurigen Kopfnicken auf Amrothos, der noch immer gefesselt an einer Kiefer saß, und mit leerem Blick vor sich hin starrte.
"Was ist eigentlich mit ihm passiert?", fragte Forath, und ließ den Beutel, den er über der Schulter getragen hatte, zu Boden gleiten. "Als unsere Leute ihn gefunden haben war er schon so."
"Ich weiß.", sagte Oronêl leise, in einem Tonfall der eindeutig zeigte, dass er über dieses Thema nicht reden würde. Forath zuckte nur mit den Schultern, öffnete den Beutel und förderte zwei Weinschläuche, einen Laib groben Brotes und einen Schinken zu Tage.
"Ich weiß nicht ob euren Elbengaumen diese Kost mundet.", meinte er sarkastisch. "Aber zumindest der alte Gamling sollte sich darüber freuen."
"Mit Sicherheit.", erwiderte Oronêl. "Und ich freue mich ebenfalls, über eure Großzügigkeit. Aber werden deine Leute euch und diese Lebensmittel nicht vermissen?"
Wieder zuckte Forath nur gleichmütig die Schultern und strich sich das schwarze Haar aus der Stirn. "Nein, wahrscheinlich nicht. Sie sind es gewohnt, dass ich hin und wieder  alleine in die Wildnis wandere, wenn mir die ewigen Streitereien und Kämpfe zu viel werden. Und jetzt bin ich zwar ihr Anführer, aber ich habe zwei Tage alles geregelt was es fürs erste zu regeln gab, und ich habe mir eine Pause verdient. Immerhin bin ich morgen wieder zurück."
Er unterbrach kurz um Orophin höflich zu begrüßen, der von seinem Aussichtsposten heruntergekommen war und nach der Begrüßung wieder ging, um nach Gamling zu sehen, der auf der anderen Seite der Ruine schlief.
"Wie ist jetzt die Lage in Dunland?", fragte Oronêl, und beobachtete, wie sich das Gesicht seines Gegenübers anspannte. "Ich weiß es nicht.", antwortete Forath. "Zumindest momentan habe ich in unserem Dorf das Sagen, aber viele von uns sind tot oder verwundet, und einige von Bórans und Sarumans Anhängern sind geflohen. Und dieser Bastard Angbaug..." Dabei fasste er sich mit einer Grimasse an die Seite, die dick verbunden war. "Ich fürchte, dass er zu den anderen Stämmen gehen und sie gegen uns aufwiegeln wird. Ich habe bereits eigene Boten entsandt um sie zum Frieden und zur Abkehr von Saruman zu bewegen, aber..." Er schüttelte den Kopf. "Ich weiß nicht, ob wir uns halten können."
"Ich wünsche euch alles Glück dabei.", meinte Oronêl. "Ich würde euch gerne helfen, aber ich bin an andere Aufgaben gebunden und ich glaube, meine Anwesenheit würde eher schaden als nützen - zumindest solange ihr noch auf Frieden hofft."
"Das glaube ich auch." Forath strich sich verlegen über den Bart. "Nun eigentlich bin ich auch gekommen um mich von euch zu verabschieden, um euch zu danken und mich zu entschuldigen, dass ich euch benutzen wollte um Bóran zu stürzen." Oronêl legte ihm eine Hand auf die Schulter und erwiderte: "Es gibt nichts zu vergeben, denn auf diese Weise sind wir, zumindest mehr oder weniger unversehrt, aus eurem Kerker entkommen und konnten dabei auch noch helfen, Sarumans Einfluss in diesen Landen zu schwächen."
Auf Foraths Gesicht malte sich Erleichterung, und zum wiederholten Mal dachte Oronêl, was für ein seltsamer Dunländer dieser Mann doch war.
"Dann... wie sagtet ihr noch bei unserem letzten Abschied? Mae govannen, Oronêl."
"Mae govannen, Forath.", gab Oronêl mit einem Lächeln zurück, und ergriff die angebotene Hand. "Ich wünsche euch Glück in den kommenden Kriegen."

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Re: Dunland
« Antwort #14 am: 19. Sep 2016, 13:46 »
Sie verbrachten noch weitere Tage in Dunland, denn Gamlings Wunde heilte trotz der Bemühungen der Elben weiterhin nur langsam und er war noch immer zu schwach für die lange Wanderung nach Norden. Außerdem besserte sich Amrothos' Zustand keineswegs. Ganz im Gegenteil, Oronêl hatte den Eindruck dass er immer tiefer in den Wahnsinn des Ringes eintauchte und fürchtete, dass der Prinz nie wieder daraus entkommen würde.
So wurde er immer rastloser je mehr Tage vergingen, und spielte schließlich mit dem Gedanken, alleine mit Mathans Karte nach den Schmieden von Eregion zu suchen und zu versuchen, den Ring alleine zu vernichten. Doch eine Woche nach dem Abschied von Forath geschah etwas, dass diese Pläne für den Moment zunichte machte.

Oronêl lag auf dem Rücken im weichen Moos der Hügelkuppe, die geöffneten Augen auf den klaren Sternenhimmel gerichtet. Dennoch sah er nichts, denn er schlief auf Elbenart und ließ seinen Geist in seinen Erinnerungen wandern. In Gedanken war er zurück in Lórien zu einer Zeit als es noch Lórinand hieß und sie noch keinen Krieg an seinen Grenzen geführt hatten. Er dachte an Amdír und an Calenwen, und an den Moment, als er zum ersten Mal seine Tochter in den Armen gehalten hatte.
Doch mit einem Mal veränderten sich die Bilder, und er sah wie drei Elben, die ihm merkwürdig bekannt vorkamen, gegen eine Gruppe Orks kämpften. Es musste lange her sein, denn Sonne und Mond waren am Himmel nicht zu sehen, und die Sterne leuchteten heller als Oronêl je gesehen hatte. Für einen Moment stand Oronêl in einer Höhle, in der sich ein Grabstein mit Runen darauf erhob, doch bevor er lesen konnte was dort geschrieben stand, wechselte der Traum erneut und er befand sich hoch im Gebirge auf einem verschneiten Pass. Über den Pass gingen drei in dicke Pelze gehüllte Gestalten, zwei Elben und ein Menschenmädchen. Oronêl fühlte sein Herz schneller schlagen, als er Irwyne und Antien erkannte, doch bevor er den Mund öffnen konnte um nach ihnen zu rufen, wandte sein Blick sich nach Westen und zog über den Rand der Berge hinaus, über ein hügliges Land bis zu einer großen Stadt aus weißem Stein, die zum Teil in Trümmern lag. In der Stadt bewegten sich viele kleine Gestalten, und auf dem höchsten Turm wehte ein sternenbesetztes Banner. Doch von Norden näherte sich eine Dunkelheit die drohte, die weiße Stadt zu umschlingen.
In Oronêls Träume schlich sich das Geräusch von Reitern, und mit einem Mal erwachte er, als Orophin seine Schulter berührte. Das Geräusch der Hufe wurde leiser, verschwand aber nicht.
"Ich habe gehört wie sich ein Reiter nähert.", sagte Orophin leise, und Oronêl nickte. "Ich höre es ebenfalls." Er richtete sich auf, fuhr sich mit den Händen über das Gesicht und versuchte seine verwirrenden Träume zu verdrängen. Er presste das Ohr für einen Moment auf den Boden und lauschte. "Es scheinen drei Pferde zu sein, aber nur eines beritten." Orophin nickte zustimmend. "Das ist es auch, was ich gehört habe. Aber die Pferde nähern sich von Nordwesten, nicht von Süden."
"Also können es keine Dunländer sein.", meinte Oronêl. "Aber wer ist es dann?"

Die Elben ließen Amrothos und Gamling, die mit ihren Menschenohren den Reiter nicht nahen hörten, schlafen, und nahmen ihre Positionen ein. Orophin auf der Hügelkuppe, hinter den Mauerresten des Turms versteckt, und Oronêl am unteren Rand des Kieferngebüschs, am Ausgang des schmalen Pfades. Beide blickten angespannt in die Nacht, und lauschten wie der Hufschlag immer näher kam. Schließlich sah Oronêl zunächst einen braunen, spitzen Hut über einen Hügel im Norden kommen, und dann nach und nach den dazugehörigen Mann. Er stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und entspannte sich. Vom Gipfel des Turms hörte er Orophin den Namen des Zauberers rufen, und dieser hob grüßend die Hand. Soweit Oronêl es erkennen konnte, wirkte Radagast kein bisschen überrascht, sie hier zu treffen.

Schließlich trafen sich die Elben und der Zauberer auf dem Gipfel des Hügels, als gerade die Sonne im Osten über die Spitzen der Nebelberge stieg.
"Wie habt ihr uns gefunden? Und wie seit ihr aus Lórien entkommen?", fragte Oronêl, seine Freude und Erleichterung kaum verbergend. Radagast blickte ihn mit fröhlich blitzenden Augen an. "Ich habe viele Freunde, von denen Saruman nichts versteht.", erwiderte er geheimnisvoll. "Vielleicht habt ihr in letzter Zeit den ein oder anderen Vogel über eurem Versteck kreisen sehen..."
Er warf einen Blick auf den noch immer gefesselten Amrothos, der nun wach war aber ins leere starrte und dabei leise vor sich hin murmelte. "Und wie es scheint, bin ich gerade rechtzeitig gekommen. Da ihr den Prinzen von Dol Amroth gefunden habt nehme ich an, dass ihr den Ring ebenfalls zurückerobert habt?"
Oronêl nickte und legte die Hand auf den Beutel den er am Gürtel trug. Radagast lächelte, auch wenn ihm kaum entgangen sein konnte, dass Amrothos bei dem Wort "Ring" den Kopf gehoben hatte und in ihre Richtung starrte. "Meine lieben Elben, ihr habt euch besser geschlagen als ich für möglich gehalten hatte. Wie habt ihr ihn gefunden?"
Oronêl erzählte von ihrer Suche, wie er im Kerker der Dunländer Amrothos und Gamling gefunden hatte, und von dem Götterurteil bei dem sie entkommen waren. Bei der Erwähnung von Forath und Angbaug stricht sich der Zauberer nachdenklich über den Bart, und sagte schließlich als Oronêl geendet hatte: "Nun, das sind interessante Neuigkeiten - gute wie schlechte. Wie es scheint sind die Dunländer Saruman nicht alle so treu wie wir dachten. Und leider hat Saruman das ebenfalls bemerkt und diesen Boten gesandt von dem ich vorher noch die gehört habe. Ein Arm aus Eisen..." Radagast schwieg für einen Moment und warf Oronêl dann einen scharfen Blick zu. "Du hast etwas auf dem Herzen, nicht wahr?"
Oronêl zögerte, antwortete dann aber doch. "Nun... ja. Ich habe zwar den Ring, aber ich weiß nicht, wie ich ihn zerstören soll. Und Amrothos und Gamlings Zustand machen die Sache nicht leichter." Seine Stimme klang bitter, denn trotz der Rückeroberung des Rings hatte er irgendwie das Gefühl, versagt zu haben.
Radagast schüttelte mitleidig den Kopf und strich dabei seinem braunen Pferd über die Flanke. Der Zauberer hatte drei Pferde mit gebracht: Eines auf dem er selbst geritten war, und zwei ledige die aber merkwürdigerweise trotzdem gesattelt waren. "Mein lieber Oronêl, den Ring alleine zu vernichten übersteigt deine Kräfte.", sagte er, und mit einem Blick zu Orophin: "Und selbst zu zweit werdet ihr es nicht schaffen können, denn in Eregion treibt sich eine Menge übles Volk herum. Vielleicht weiß Saruman mehr von diesem Ring als ihr ahnt." Oronêl spürte, wie sich ein schweres Gewicht auf sein Herz zu legen schien. "Aber was können wir dann tun?"
"Nun, ihr braucht natürlich Hilfe.", erwiderte Radagast im Ton der Selbstverständlichkeit. "Ich habe diese Pferde hier in Tharbad überredet, ihr bisherigen Herren zu verlassen und mit mir zu kommen." Er unterbrach sich, als er Gamling vorsichtig um den Turm herumkommen sah.
"Hab keine Angst vor mir, Sohn Rohans.", sprach Radagast diesen an, denn das Misstrauen auf dem Gesicht des alten Rohir war unübersehbar. "Ich bin weder Saruman noch einer seiner Freunde - auch wenn dem einst so gewesen sein mag. Jetzt bin ich hier, um euch zu helfen."

Und das tat er.
Zuerst kniete er sich vor Amrothos ins Gras, blickte dem Prinzen direkt in die Augen und sang leise etwas in einer Sprache, die weder Oronêl noch Orophin verstanden. Als der Zauberer sein Lied beendete hatten Amrothos' Augen ihr ungesundes Feuer verloren, schienen aber auch nichts zu sehen. "Ich habe seinen Geist fürs erste auf Wanderschaft geschickt.", erklärte Radagst und erhob sich langsam. "Mehr kann ich hier nicht tun, aber was wird ihn für einige Zeit beruhigen."
Dann kümmerte er sich um Gamlings Wunde, legte ein Blatt einer Oronêl unbekannten Pflanze, deren Geruch ihn allerdings sofort erfrischte und seine Sorgen für einen Moment erleichterte, darauf und verband sie dann neu. "Athelas wirkt bei einer solchen Wunde keine solchen Wunder wie bei denen, die von den verfluchten Waffen von Saurons Dienern geschlagen wurden, aber sie hilft dennoch besser als vieles andere.", sagte Radagast zu Gamling, dessen Misstrauen langsam zu schwinden schien. "Du wirst in der Lage sein, mit mir zu reiten."
"Reiten?", warf Oronêl ein. "Wohin reiten?"
"Nach Bruchtal.", gab der Zauberer zurück. "Ich werde Amrothos und Gamling mit mir nehmen. Zwar sind sie beide nicht in der Lage normal zu reiten, doch die Pferde werden sanft gehen und sie nicht abwerfen. So müssten wir Bruchtal erreichen können."
Oronêl nickte. "Also gut. Bruchtal. Wann brechen wir auf."
Radagast lachte zur Antwort. "Ich und diese beiden armen Menschen - jetzt sofort. Ihr Elben noch nicht, denn es ist besser für Amrothos, wenn der Ring für den Moment nicht in seiner Nähe ist. Außerdem... behaltet die Straße von Moria im Auge. Ich befürchte, dass Saruman sich der aufsässigen Dunländer bald annehmen könnte."
Oronêl wollte widersprechen, denn er wollte Amrothos nicht verlassen, doch Orophin hielt ihn zurück.
"Wir beugen uns deinem Rat, Radagast.", sagte der ehemalige Grenzwächter. "Doch wir können nicht ewig hier verharren. Sechs Tage werden wir hier bleiben und die Straße beobachten, doch danach werden wir euch folgen." Radagast blickte die Elben unter buschigen Augenbrauen heraus scharf an.
"Also gut." Er wollte sich abwenden, doch Oronêl sagte schnell, bevor er es sich anders überlegen konnte: "Es gibt da noch etwas. Gerade bevor du gekommen bist, hatte ich einen merkwürdigen Traum..." Er beschrieb was er geträumt hatte, und Radagast strich sich nachdenklich über den braunen Bart.
"Zu den meisten Dingen kann ich dir nichts sagen. Doch die weiße Stadt die du erwähnst kann eigentlich nur Fornost sein. Das Banner, dass du gesehen hast könnte bedeuten, dass unsere Seite die Stadt erobert hat, aber anscheinend nähert sich irgendeine neue Bedrohung von Norden..." Der Zauberer zupfte jetzt kräftig an seinem Bart herum. "Ich habe den Norden früh wieder verlassen, ich weiß nicht viel davon was dort passiert ist. Vielleicht ist es besser, dass ihr nur sechs Tage hier bleibt, denn wenn stimmt was du geträumt hast, wird im Norden wahrscheinlich bald jede Axt, jedes Schwert und jeder Bogen gebraucht."
Radagast half Gamling dabei, das eine Pferd zu besteigen, und Oronêl beobachtete erstaunt wie das andere sich auf ein Zeichen des Zauberers bereitwillig hinlegte damit sie Amrothos auf seinen Rücken setzen und dort festbinden konnten. Nur wenig später waren der Zauberer und die beiden Menschen hinter den Hügeln im Norden verschwunden, und die Elben blieben alleine zurück.

Radagast, Gamling und Amrothos nach Imladris...
Oronêl und Orophin nach Eregion...
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Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Eandril

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Der Stoff des Krieges
« Antwort #15 am: 3. Nov 2016, 18:22 »
3. August 3022
Aus der Sicht von Forath


Die einzige Eisenmine Dunlands lag im Süden des Landes, an den Hängen des Nebelgebirges. Nördlich davon bildete sich zwischen der Hauptkette und einer Nebenkette der Berge ein langes, immer schmaler werdendes, Tal, das als Tal der Messer bezeichnet wurde und passender Weise vom Stamm des Messers beherrscht wurde. Durch seine Vorherrschaft über die Eisenmine war dieser Stamm einer der mächtigsten Dunlands, und die meisten Wolfsfürsten waren aus seinen Reihen gekommen. Heute war der Stamm des Messers nur noch ein Schatten seiner selbst, und Saruman dennoch weiterhin treu ergeben - ein Umstand, den Forath zu ändern gedachte.
Nach Bórans Tod hatte er Boten an alle anderen Stämme Dunlands gesandt, mit der Bitte, sich ihm anzuschließen. Die Stämme des Reifes und des Gewandes, die beide im Westen lebten und eher friedlich gesonnen waren, waren dieser Bitte als erstes nachgekommen, denn sie beide Häuptlinge waren mit Forath einer Meinung, dass das Bündnis mit Saruman ihnen inzwischen mehr schadete als nützte. Auch der Stamm des Stabes, der dem Stamm des Schildes am nächsten lag, hatte sich ihnen angeschlossen. Ihr Häuptling Wulfrat war mit vielen seiner Gefolgsleute nach Norden gezogen und dort in Sarumans Diensten erschlagen worden, und sein gerade erst gewählter Nachfolger und Verwandter Corgan hatte sich von Forath überzeugen lassen, das Bündnis mit Saruman zu beenden. Doch die übrigen Stämme hatten nicht auf ihn gehört, und nun standen sich zu Foraths Leidwesen seine Gefolgsleute auf der einen und die Stämme des Messers, des Ringes und der Kette auf der anderen Seite gegenüber. Das war ohne Zweifel Sarumans Botschafter Angbaug zuzuschreiben, auch wenn diese Stämme schon immer die kriegerischsten und Rohan am feindlichsten gesinnten gewesen waren.

Beim Gedanken an Angbaug verzog Forath, der auf einer bewaldeten Anhöhe östlich der Mine stand, das Gesicht, und rieb sich die kaum verheilten Wunden, die Angbaug ihm zugefügt hatte. Neben ihm fragte Corgan zum wiederholten Mal: "Was genau wollen wir eigentlich hier? Unsere Feinde sind weiter im Norden, haben meine Späher berichtet."
Forath seufzte. "Dies ist die einzige Eisenmine in ganz Dunland, und deshalb müssen wir sie erobern." Der Stamm des Reifes hatte ihre Feinde nach Norden gelockt, während Forath mit dem Hauptteil ihrer Krieger einen Bogen nach Süden geschlagen hatte, um die Mine besetzen zu können. Obwohl er mit vier Stämmen gegen drei stand waren sie was Waffen anging deutlich im Nachteil, und diesen musste er ausgleichen, bevor die eine offene Schlacht suchen konnten.
"Aber wozu?", fragte Corgan nach, und Forath musste sich mühsam beherrschen, nicht genervt aufzustöhnen und seinen Verbündeten zu verärgern. Er vertraute sowieso schon nicht auf Corgans Treue, und ihn herablassend zu behandeln wäre die sicherste Methode, in wieder Saruman in die Arme zu treiben.
"Aus Eisen macht man Waffen."
"Wir haben Waffen." Überflüssigerweise hob Corgan seine schwere, doppelschneidige Axt.
"Aber unsere Gegner haben mehr", erwiderte Forath. "Und solange sie diese Mine kontrollieren, können sie immer mehr Waffen herstellen und mehr Männer bewaffnen. Wenn wir aber die Mine besetzen..."
"... können wir mehr Waffen herstellen und sie mit ihrem eigenen Eisen in den Tod schicken." Corgan grinste, und ließ dabei schiefe Zähne sehen. "Der Plan gefällt mir."
Die beiden Häuptlinge wurden unterbrochen als Foraths ältester Sohn Aéd durch die Büsche trat. Forath betrachtete seinen Sohn stolz, denn obwohl er erst zwanzig Jahre alt war, hatte Aéd sich bereits als hervorragender Krieger, der nicht nur kämpfen sondern auch denken konnte, ausgezeichnet.



Neunzehn Jahre zuvor war Forath verbannt worden. Er hatte damals dem Stamm des Messers, ebenjenem Stamm, dessen Mine sie nun angreifen wollten, angehört, und im Streit einen anderen Mann getötet. Er war betrunken gewesen, und deswegen nicht auf der Stelle getötet, sondern lediglich aus dem Stamm verstoßen worden. Er hätte sich einem der anderen Stämme anschließen können, doch dazu war er zu stolz gewesen und außerdem hatte die Verbannung in ihm das seltsame Bedürfnis geweckt, die Welt zu sehen. Nach Osten konnte er nicht gehen, denn die Rohirrim hassten die Dunländer - und umgekehrt - und im Norden gab es den Erzählungen der anderen Stämme zufolge nichts als Ruinen und wilde Tiere. Also war Forath nach Westen gewandert, bis an das große Meer, und an dessen Küste entlang nach Süden. So war er schließlich nach Anfalas in Gondor gekommen, wo er sich einige Zeit als Knecht auf Bauernhöfen verdingte, und dort hatte er sie getroffen - Eryn, die jüngste Tochter eines reichen Bauern, und sich in sie verliebt. Ihre Beziehung war allerdings nicht lange unbemerkt geblieben, und da Eryns Vater sie nicht mit einem dahergelaufenen Knecht aus dem Norden verheiraten wollte, war er gegangen. Sein Weg hatte ihn dann weit nach Osten geführt, bis an den großen Strom und sogar zur Mundburg nach Minas Tirith. Er schloss sich der Armee Gondors an, die den Anduin bewachte, und diente dort über zwei Jahre. Doch irgendwann wurde Foraths Sehnsucht nach Eryn zu groß, und er verließ die Armee heimlich bei Nacht und Nebel, und kehrte nach Anfalas zurück.
In Anfalas wartete allerdings nicht mehr Eryn auf ihn, sondern nur ihr kleiner Sohn - sein Sohn - den sie Aedír genannt hatte, und bei dessen Geburt sie gestorben war. Gegen den Willen von Eryns Vater hatte Forath seinen Sohn mitgenommen, und war nach Dunland zurückgekehrt, wo sie sich dem Stamm des Schildes weit im Norden angeschlossen hatten. Doch auch wenn Forath inzwischen wieder geheiratet hatte und seine Frau liebte, hatte er Eryn nie vergessen, und in Aéds Gesicht sah er immer die Erinnerung an sie.



"Die Männer sind bereit, Vater", sagte Aéd, und Forath nickte. "Gib das Signal zum Angriff", meinte er zu Corgan, und der andere Häuptling setzte sein mächtiges Horn an die Lippen. Der Ton hallte von den Berghängen wieder, und aus den Wäldern um die Mine herum brachen ihre Krieger hervor und griffen wie völlig überrumpelten Wachen, die nur wenige waren, von allen Seiten an. "Mir gefällt das nicht, nicht mitzukämpfen", sagte Corgan mürrisch, während er beobachtete wie ihre Männer die letzten Verteidiger niedermachten.
"Mir auch nicht", erwiderte Forath, obwohl es nicht stimmte. Er hatte nie große Freude am Kampf gefunden. "Aber das ist das Schicksal der Heerführer." Die zwei Jahre in der Armee Gondors hatten ihre Spuren bei ihm hinterlassen, und er hatte den Wert eines Kommandanten, der nicht selbst mitkämpfte, begriffen.
"Aber es sieht so aus, als hätten sie auch ohne uns gesiegt."



Die Mine war noch genauso dunkel und stickig wie Forath sie aus seiner Jugend in Erinnerung hatte, und sie wurde noch immer überwiegend von Sklaven betrieben. Der Anführer der Sklaven war ein alter Schmied namens Dúnwald, der dem Namen nach aus Rohan stammte, und den Foraths Männer von seiner Arbeit in der Schmiede geholt hatten.
"Werdet ihr uns nun freilassen?", fragte der Schmied, und Forath sah in seinen tiefliegenden Augen einen Funken Hoffnung aufblitzen. Er schüttelte bedauernd den Kopf. "Nein, auch wenn ich gerne würde."
"Was hindert euch?", fragte der Rohir ohne viel Emotion in der Stimme, doch Forath bemerkte die Anzeichen der Wut - die verengten Augen, die zusammengepressten Lippen. "Wir brauchen Waffen", erklärte er, und nahm einen Brocken Eisenerz in die Hand. "Dies hier ist der Stoff des Krieges, doch in dieser Form können wir ihn nicht verwenden. Und keiner von uns weiß, wie man das Eisen aus dem Erz herausholt und wie man es zu Waffen schmiedet. Dafür brauchen wir euch Sklaven."
"Und warum sollten wir euch helfen?", fragte Dúnwald, und einer der anderen Sklaven in der Nähe schnappte nach Luft, erschreckt über diese Dreistigkeit. Doch weder schlug Forath zu, noch befahl er einem seiner Krieger, den Schmied zu töten.
"Wir wollen Frieden mit Rohan", sagte er stattdessen. "Und wir müssen Krieg gegen die anderen Stämme führen um das zu erreichen, und dazu brauchen wir Waffen."
« Letzte Änderung: 5. Nov 2016, 19:26 von Eandril »

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Eandril

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Die Schlacht am Silbersee
« Antwort #16 am: 29. Nov 2016, 15:11 »
29. August bis 2. September 3022
Aus der Sicht von Forath und Aéd

~~Aéd - Auf dem Wasser laufen~~

Der Abend zog bereits herauf und die ersten Sterne leuchteten im Westen, als Aéd und seine Männer das Dorf erreichten, das er seine Heimat nannte. Für die meisten seiner Männer galt das nicht, denn die Gruppe junger Krieger, die sich nach ihrem Anführer selbst als das "Wolfsrudel" bezeichnete, setzte sich aus Angehörigen aller Stämme Dunlands zusammen. Natürlich kamen die meisten aus Stämmen, die Aéds Vater gegen Saruman folgen, doch zu Aéds Stolz hatten sich ihnen auch einige wenige Mitglieder aus den anderen drei Stämmen angeschlossen.
"Also dann, sucht euch einen Platz zum Schlafen", sagte Aéd. Diejenigen, die keine Verwandten im Dorf hatten, würden bei jenen Gefährten unterkommen, die diesen Vorteil genossen. Aéd sah zu, wie seine Männer sich langsam in kleinen Gruppen zerstreuten, und legte dabei die Hand auf den weißen Wolfshelm, den er locker am Gürtel trug. Das Wolfsrudel hatte sich nach der Eroberung der Messermine zusammengefunden, alles junge Krieger in Aéds Alter, die für die Unabhängigkeit Dunlands vom weißen Zauberer eintraten und notfalls dafür sterben würden. Auch wenn sie nicht viele waren - nur etwas über dreißig - hatten sie sich in den Kämpfen während der letzten Wochen als schlagkräftige Einheit erwiesen.
Während er langsam zwischen den einfachen Hütten des Dorfes hindurchging, erinnerte Aéd sich an die erste größere Tat ihrer Gruppe, die ihnen bei den Häuptlingen viel Respekt eingebracht hatte. Kurz nach der Einnahme der Messermine hatte der Stamm des Messers versucht, seine Mine mit einem heftigen Angriff zurück zu erobern, doch während des Kampfes hatte Aéd einen Schwachpunkt in den Reihen der Feinde erkannt. Er und seine Gefährten hatten die steilen Hänge der Berge im Rücken der Verteidiger erklommen, und waren in einem Bogen nach Süden in den Rücken der Angreifer gelangt. Dort hatten sie den Wald, der nach einer langen Periode der Trockenheit leicht zu entzünden war in Brand gesetzt, und die Männer aus dem Stamm des Messers in der allgemeinen Verwirrung hinterrücks angegriffen. Dies hatte den Verteidigern einen Ausfall ermöglicht, der die Angreifer wiederum zur Flucht gezwungen hatte.
Hinterher war Aéd von seinem Vater gelobt worden, doch gleichzeitig hatte Forath ihn gescholten, mit dem Entfachen des Waldbrandes sein eigenes Leben in Gefahr gebracht zu haben.
Aéd erreichte das große Haus im Nordwesten des Dorfes, das bis vor zwei Monden von Bóran bewohnt gewesen war. Eigentlich hatte sein Vater nicht in das Haus einziehen wollen, doch seine Frau hatte sich durchgesetzt. Aéd lächelte bei dem Gedanken an Brigid, denn seine Stiefmutter war eine der wenigen, die es regelmäßig wagten, seinem Vater die Stirn zu bieten - und damit auch noch Erfolg hatten. Er klopfte an die Tür und rief leise, falls seine Geschwister bereits schliefen: "Mutter? Ich bin es, Aéd."
Die Tür wurde schwungvoll geöffnet, und Aéd fand sich sofort in Brigids Armen wieder. Seine Stiefmutter war eine relativ kleine Frau, die mit der Zeit etwas rundlich geworden war und dennoch ihr gutes Aussehen bewahrt hatte, und Aéd liebte sie, als wäre sie seine leibliche Mutter - obwohl sie nur etwas mehr als ein Jahrzehnt älter war als er. Er strich ihr sanft über den Rücken, bevor sie ihn entließ und sagte: "Aedir, ich habe mir Sorgen um dich gemacht."
Das war eine von Brigids Eigenarten: Sie nannte ihn nie bei dem Namen, mit dem alle anderen ihn ansprachen, sondern benutzte seit er denken konnte, nur den Namen den seine leibliche Mutter Eryn ihm vor ihrem Tod gegeben hatte. "Ich habe schreckliche Sachen geträumt, von Kämpfen, Feuer und Tod."
"Kämpfe hat es gegeben", erwiderte Aéd ernst, und folgte ihr nach links durch den Gang in die Küche, in der zu Bórans Zeiten mehrere Diener gearbeitet hatten. "Ein Feuer gab es auch", fuhr er fort, ließ sich auf einem Hocker nahe dem Ofen nieder, und legte seinen weißen Wolfspelz ab. Obwohl es Sommer war, waren die Nächte in Dunland kühl. "Und Tote gab es mehr als genug, aber weder Vater noch ich sind darunter - so schrecklich können deine Träume also nicht gewesen sein." Den letzten Teil sagte er halb im Scherz, obwohl er genau wusste, dass man über Brigids Träume nicht scherzte. Sie war eine weise Frau, und es hieß, dass ihre Träume öfter die Wahrheit zeigten als logen. Und seit Aéd vor dem Gottesurteil der Elben von Bórans Tod geträumt hatte, hatte er eigentlich noch weniger Lust über die Träume zu scherzen als zuvor, doch nun war er wenigstens für eine Nacht zu Hause.
Wie erwartet gab Brigid ihm einen Klaps auf die Schulter, als wäre er kein Krieger von zwanzig Sommern, sondern nur ein aufmüpfiger Knabe.
"So froh ich auch bin dich zu sehen, weiß ich doch auch, dass dich nur ein Auftrag deines Vaters hierher führt und du ansonsten bei ihm geblieben wärst", meinte Brigid, und sah Aéd aufmerksam an.
"Ich hätte ihn nicht einen Augenblick alleine gelassen", antwortete Aéd. "Aber wenn wir unsere Feinde zu einer Entscheidungsschlacht zwingen wollen, brauchen wir jeden Mann."

In dieser Nacht hatte Aéd einen Traum. Er fand sich am Ufer eines Sees, über den der Mond eine silbrige Spur warf, wieder. Sanft fiel Regen vom Himmel, und tropfte leise von den Ästen der Tannen hinter ihm. Am anderen Ufer des Sees, wo die Lichtspur des Mondes endete, erblickte er eine Gestalt, eine weiß gekleidete Frau mit langen, blonden Haaren, die in der Nacht zu leuchten schienen. Und dann schritt sie hinaus auf den See, über die die Lichtbrücke auf Aéd zu, und er konnte ihre Stimme in seinem Kopf hören. In der Ferne grollte leiser Donner.
"Eine Dunkelheit liegt über Mittelerde. Eine Dunkelheit, die größer ist als der Feind, den ihr bekämpft." Vor Aéds Augen blitzten Bilder in rascher Folge auf: Reiter, die über eine Ebene preschten, eine weiße Stadt unter schwarzen Bannern, ein Heer, das von einem Mann mit einem goldenen Helm angeführt wurde, und auf dem Helm die Gestalt eines Drachen. Dann senkte sich Finsternis über das Land, und Aéd sah eine Ebene aus Asche vor sich, über die eine riesige schwarze Gestalt schritt. An der Hand der Gestalt brannte ein Ring aus Feuer, und sie erschlug ihre Feinde links und rechts mit einer gewaltigen Keule. Als sie ihn anblickte, glaubte Aéd ein riesiges, flammendes Auge zu sehen, und er wollte vor Entsetzen aufschreien - doch in diesem Moment endete das Bild, und er war wieder an dem friedlichen, nächtlichen See, über den die weiß gekleidete Frau weiter langsam auf ihn zuschritt. Inzwischen konnte Aéd sehen, dass sie wunderschön war.
"Du hast die Dunkelheit und die Funken der Hoffnung gesehen", sprach ihre Stimme in seinem Kopf weiter, ohne dass sie die Lippen bewegte. "Alle Völker Mittelerdes werden unter den Schatten fallen, wenn sie nicht vereint handeln." Verwirrte Gedanken schossen Aéd durch den Kopf, doch er konnte nicht sprechen. Weiter Bilder blitzten auf, zu schnell um sie zu erkennen.
"Dein Vater handelt richtig und gut, doch ohne deine Hilfe wird es nicht ausreichen. Hüte dich vor dem Roten Raben." Inzwischen hatte die Frau ihn erreicht, und legte ihm eine weiße Hand auf die Schulter. "Wenn die Winde des Winters heulen, stirbt der einsame Wolf, doch das Rudel überlebt. Die Menschen müssen das beherzigen. Vereinige sie."
Ihr Bild, der See und alles andere begannen in einem weißen Nebel zu verschwinden, und bevor der Traum endete, hörte Aéd noch ihre letzten Worte: "Erwartet eure Feinde hier. Am Silbersee."

Am nächsten Morgen wurde Aéd unsanft geweckt, als sich seine jüngste Schwester Eryn neben ihm auf das Strohlager warf, und ihn mit ihrer kleinen Hand gegen die Schulter boxte. "Warum hast du mir nicht nicht gestern Abend gesagt, dass du gekommen bist?"
Aéd grinste, und richtete sich betont ausführlich gähnend auf. Dann kitzelte er ihre Seite, und erwiderte: "Weil Prinzessinnen ihre Schlaf brauchen." Eryn kicherte und wand sich, blickte ihn dann aber ernst aus braunen Augen an und fragte: "Und musst du auch gleich wieder fort?" Aéd stand auf, streckte sich, und zog dann seine Schwester auf die Füße. Auch wenn er alle drei seiner Halbgeschwister liebte, hatte Eryn doch irgendwie einen besonderen Platz in seinem Herzen erobert - nicht nur, weil sie nach seiner leiblichen Mutter benannt war.
"Ja, leider muss ich heute noch zu Vater zurück."
"Aber, kann er nicht noch ein bisschen länger auf dich warten? Morgen vielleicht?" Aéd musste wieder lachen, und strich Eryn über den braunen Schopf. "Nein, das kann er leider nicht. Ich bin nämlich ganz besonders wichtig, weißt du?" Eryn kicherte, und folgte ihm durch das Haus hinunter in die Küche. Das große Haus hatte sich seit Bórans Zeiten stark verändert. Damals war es düster und verräuchert gewesen, doch Brigid hielt nichts davon und hatte für Licht und frische Luft gesorgt. In Aéds Abwesenheit war es geradezu zu einem Zuhause geworden.
Als Aéd die Küche betrat, fand er sich sofort in einer kräftigen Umarmung seiner zweiten Schwester wieder. Lynet war jetzt vierzehn Sommer alt und damit sechs Jahre älter als Eryn, und wuchs zur Freude ihrer Eltern zu einem äußerst hübschen Mädchen heran. "Du hättest sagen sollen, dass du wieder da bist", sagte sie gedämpft gegen seine Brust, und Aéd tauschte ein rasches Lächeln mit Brigid, die am Herd stand und in einem großen, über dem Feuer hängenden Kessel rührte. Neben ihr am Tisch saß Henwas, Aéds einziger Halbbruder, der Aéd mit seinen zwölf Jahren als eine Art Helden betrachtete.
"Das ist schon das zweite Mal, dass ich das heute höre." Eryn, die sich an ihm und Lynet vorbei quetschte, kicherte erneut.
"Und eigentlich bin ich auch nicht wirklich wieder da, sondern muss sofort wieder weg. Vater hat mir aufgetragen, alle übrigen Männer zu holen, bevor wir uns den anderen zur Schlacht stellen." Es hatte keinen Sinn, irgendetwas über den Krieg vor seinen Geschwistern zu verheimlichen, denn sie wussten sowieso schon zu viel. "Nimmst du mich dann auch mit?", fragte Henwas bittend. Für Aéds Bruder war der Krieg ein Abenteuer, und er hatte kein Vorstellung, wie schrecklich der Krieg in Wirklichkeit war. Aéd war selbst einmal so gewesen, vor sechs Jahren...
"Du bist noch zu jung", antwortete er entschlossen, während er sich aus sanft aus Lynets Umarmung befreite, und auf Henwas' Gesicht malte sich kindliche Enttäuschung. "Krieg ist kein Spiel, Bruder", fuhr Aéd fort, und setzte sich Henwas gegenüber an den hölzernen Tisch. "Und wenn ich könnte, würde ich selber nicht gehen." Kaum hatte er ausgesprochen, warf Brigid ihm über den Tisch einen scharfen Blick zu.
"Ist etwas geschehen?" Aéd zwang sich zu lächeln, und erwiderte: "Dir entgeht auch nur wenig, oder? Ich habe einen Traum gehabt, der mich beschäftigt." Er erzählte, an was er sich erinnern konnte, während seine Geschwister andächtig lauschten, und Brigid ihn aufmerksam beobachtete. Als er fertig war, seufzte seine Stiefmutter, und sagte: "Nun, in diesem Fall solltest du so schnell wie möglich aufbrechen."
"Dann denkst du, dass der Traum wahr gewesen ist?", fragte Aéd. Obwohl sich alles unglaublich wirklich angefühlt hatte, hatte er bis jetzt daran gezweifelt, dass der Traum wirklich etwas zu bedeuteten hatte.
"Mein lieber Aedir, ich träume seit Jahren von einer Dunkelheit, die versucht die Welt zu verschlingen." Während sie sprach, sah Aéd zum ersten Mal in seinem Leben Spuren der Müdigkeit und der Angst in Brigids Gesicht, und es erschreckte ihn. Irgendein Teil in ihm hatte geglaubt, dass sie nichts jemals erschüttern könnte, doch nun sah er, dass er falsch gelegen hatte. "Du musst zu deinem Vater gehen, und ihm erzählen was du gesehen hast, ihn warnen. Und sag ihm... Sag ihm, dass er das richtige tut, aber dass er damit versucht, auf dem Wasser zu laufen. Am Anfang geht es noch gut, doch irgendwann versinkt man plötzlich."

Weniger als eine Stunde später trat Aéd hinaus auf den Platz vor dem großen Haus, wo sich bereits das Wolfsrudel und die übrigen Krieger versammelt hatten. "Sind wir bereit?"
"Alles bereit, Vetter", antwortete Domnall, ein großer Mann in Aéds Alter, der sein Stellvertreter als Anführer des Wolfsrudels war. Eigentlich waren Aéd und Domnall nicht wirklich verwandt, denn Domnall war Brigids Neffe, doch über diesen Umstand sahen sie beide hinweg. "Also gut", meinte Aéd, und hob die Stimme: "Es geht los!"
So zogen sie davon, in die Ruhe vor dem Sturm.

~~Forath - Der Rote Rabe~~

Das Lager der Rebellen erstreckte sich zu beiden Seiten der alten Südstraße - oder ihren Resten, denn viel war nicht von ihr übrig. Die Zeit hatte an ihr genagt, und seine Landsleute hatten viele Steine herausgeklaubt und zum Bau ihrer Häuser und Hütten verwendet. "Vielleicht sollte man sie irgendwann wieder aufbauen... eines Tages... in friedlicheren Zeiten...", murmelte er vor sich hin, während er langsam und gleichmäßig den Schleifstein über die Klinge seines Schwertes zog. Seit er seine Krieger zur einem großen Heer vereinigt hatten, hatten sie ihre Feinde einige Tage nach Norden gelockt, in vertrauteres Gelände. Doch am Tag zuvor waren seine Späher im Süden, die die feindlichen Stämme beobachtet hatten, nicht zurückgekehrt, und nun waren Forath und sein Heer blind. Dennoch erwartete er seine Feinde weiterhin aus dem Süden, und seine momentane Position war in dieser Richtung gut zu verteidigen.
"Es gefällt mir nicht, hier herumzusitzen", sagte Corgan, der an einen Felsen gelehnt neben Forath saß, und auf einem Stück Speck herumkaute. Seit der Eroberung der Messermine hatte Forath den Häuptling des Stamms des Stabes als eine zwar nicht unbedingt klugen, aber doch dafür umso verlässlicheren Kampfgefährten und Verbündeten schätzen gelernt.
"Mir ebenfalls nicht", gab er zu, und legte den Schleifstein beiseite. "Aber solange wir nicht wissen wo unsere Feinde sind, können wir nicht einfach losmarschieren."
"Die Sache stinkt doch", knurrte Corgan zur Antwort. "Wieso sind unsere Späher plötzlich verschwunden? Ich sag dir, Forath, die wollen uns in eine Falle locken."
Forath stand auf, stieß das Schwert in die Scheide und schüttelte den Kopf. "Das ist nicht die Art der Dunländer." Auch Corgan erhob sich.
"Nicht die Art der Dunländer? Hast du vergessen, wie wir die Mine eingenommen haben? Wie wir unseren Feinden seitdem ausgewichen sind und sie verwirrt haben?"
"Vielleicht hast du Recht... Aber ich habe in Gondor gelernt, und nicht in Dunland", gab Forath zurück. Corgan wollte offensichtlich widersprechen, doch in diesem Moment ertönte von Nordosten ein Hornsignal. Gespannt lauschten beide Häuptlinge, doch es blieb bei einem Signal.
"Nur ein Horstoß", meinte Forath erleichtert. "Das wird mein Sohn sein."
"Und seine Wolfswelpen", fügte Corgan spöttisch hinzu. Diese Haltung hatte Forath schon mehrfach unter den älteren Kriegern beobachtet, seit Aéd sein Wolfsrudel gegründet hatte: Sie begegneten der Gruppe junger Krieger mit Spott und nahmen sie nicht ernst, ganz gleich was sie leisteten. Doch inzwischen hatte Forath sich Aéds gleichgültige Haltung zu eigen gemacht und ging auf derlei Spott nicht mehr ein. Er wunderte sich dennoch, woher sein Sohn diese Ruhe nahm, denn er selbst hätte in dessen Alter jeden einzigen der Spötter zum Zweikampf gefordert.

Nur wenig später erreichten die beiden Häuptlinge die Hügelkuppe im Nordosten, von der der Hornstoß ertönt war. Aéd und seine Männer waren bereits herangekommen, und Forath schloss seinen Sohn kurz in die Arme. "Ich sehe, du hast deine Aufgabe erfüllt", meinte er mit Blick auf die Krieger, die dem Wolfsrudel folgten. "Ja...", antwortete Aéd, wirkte aber auf irgendeine Weise abgelenkt, als ob ihn etwas anderes beschäftigen würde. "Vater, ich muss mit dir sprechen."
"Dann sprich." Forath bemerkte den Blick, den sein Sohn Corgan zuwarf, und fügte hinzu: "Wir sind Verbündete, und sollten keine Geheimnisse voreinander haben."
Aéds Gesichtsausdruck verriet keine Zustimmung, doch dann seufzte er und sagte: "Ich hatte einen Traum, indem ich vor dem roten Raben gewarnt wurde." Corgan schnaubte. "Einen Traum, pah. Und es gibt keine roten Raben, nur schwarze. Hattest du vielleicht ein wenig zu viel getrunken, hä?" Aéd schüttelte den Kopf, doch Forath sah den stählernen Ausdruck in seinen Augen.
"Ich habe mit Brigid über den Traum gesprochen, und sie hält ihn für wahr."
"Was verstehen Frauen schon von solchen Dingen. Träume sind Träume", meinte Corgan spöttisch, und Forath spürte in sich die Wut auf den anderen Häuptling aufsteigen. "Ein wenig mehr Respekt, wenn du über meine Frau sprichst", zwang er sich ruhig zu sagen. "Ich glaube Aéd, dass der Traum irgendeine Bedeutung hat, aber ich weiß nicht, was ein roter Rabe sein soll."
"Da war noch etwas", mischte Aéd sich wieder in das Gespräch ein. "Wir sollen den Feind am Silbersee erwarten."
In diesem Moment erklangen aus dem Norden zwei lange Hornstöße. "Feinde", sagte Forath, und dann rannten sie los.

Auf der Straße im Nordwesten rückte eine große Gruppe Männer heran, von denen einige ein schwarzes Banner mit einem roten Zeichen trugen - einem Raben.
"Vater...", sagte Aéd langsam, der zwischen Forath und Corgan stand. "Ich sehe es", erwiderte Forath. "Aber kann jemand das Banner der Weißen Hand erkennen?" Während er sprach eilten um ihn herum seine Krieger hin und her, und stellten sich zur Schlacht auf. Die Feinde rückten näher, allerdings in gemäßigtem Tempo, und zeigten keine Anstalten sich in Schlachtformation zu bringen.
Aéd schien zu wissen, worauf Forath mit seiner Frage hinweisen wollte, und schüttelte den Kopf. "Nein, ich kann keines von Sarumans Bannern sehen. Glaubst du, sie wollen..."
Ein Funke der Erregung durchfuhr Forath, als er den vordersten der nahenden Männer erkannte. "Das ist Gleryon."
"Der Stamm des Ringes?", fragte Corgan misstrauisch. "Wieso kommen die alleine?"
"Habt ihr weitere Feinde gesichtet?", fragte Forath an den Anführer der Späher, der hinter ihnen stand, gerichtet, und dieser verneinte. "Keine weiteren Feinde, zumindest nicht in der nächsten Umgebung." Die Antwort erleichterte Forath, denn sie ließ darauf schließen dass es sich tatsächlich nicht um eine Falle handelte.
Nur kurz darauf waren Gleryon und seine Krieger in Hörweite herangekommen, und niemand hatte die Waffen gezogen.
"Forath!", rief der andere Häuptling ihnen entgegen. "Es gibt doch keinen Grund für solche feindseligen Gesichter. Wir sind gekommen, um euch zu warnen."
"Um uns zu warnen?" Gleryon hatte sie erreicht, und streckte Forath die Hand entgegen. Forath ergriff sie zögerlich, und Gleryon sagte: "Ein Bier wäre jetzt nicht schlecht, denn wir sind schnell marschiert."
"Und warum?", fragte Corgan misstrauisch, und Gleryon zog eine buschige Augenbraue in die Höhe. "Um an eurer Seite zu kämpfen, natürlich", gab er zurück. Forath spürte seine Hände vor Aufregung zittern. Bislang war er sich nicht sicher gewesen, ob sie die Schlacht tatsächlich gewinnen könnten, aber jetzt, mit Gleryon und seinen Kriegern an ihrer Seite...
"Und um euch zu warnen", fügte Gleryon hinzu. "Ihr erwartet eure Feinde aus dem Süden, aber sie werden die Straße von Norden herunterkommen und euch in den Rücken fallen, wenn ihr nicht herumschwenkt."
"Warum sollten wir das glauben?", fragte Aéd, bevor Forath seinen Sohn aufhalten konnte. Doch Gleryon lachte nur. "Du hast einen sehr misstrauischen Sohn, Forath. Aber junger Aéd, wenn ich mich euch anschließen will sollte ich vielleicht irgendetwas haben, um meine Treue zu beweisen. Schließlich habe ich noch kürzlich gegen euch gekämpft. Und was wäre da besser als euch zu erzählen, dass ihr in Kürze alle hinterrücks abgeschlachtet werdet, wenn ihr nicht auf mich hört?"
Forath konnte Aéd ansehen, dass er noch nicht vollends überzeugt war, doch er konnte es sich nicht leisten, seinen neuen überraschenden Verbündeten so schnell wieder zu verlieren.
"Wie lange noch, bis die Feinde eintreffen?", fragte er.
"Ein paar Stunden, höchstens. Wir sollten sie Position wechseln, denn dieser Ort lässt sich nicht gut nach Norden verteidigen. Es gibt da einen See mit ein paar Hügeln in der Nähe..."

~~Aéd - Die Ruhe vor dem Sturm~~

"Gewand und Reif werden den östlichsten der Hügelkämme besetzen. Passt auf, dass niemand im Osten um uns herumschleicht", sagte Forath, und die Häuptlinge der beiden Stämme nickten zustimmend. Aéd wartete angespannt die weiteren Befehle seines Vaters ab, die diese vermutlich entscheidende Schlacht bestimmen würden. "Ich werde mit meinen Kriegern den mittleren Hügel halten, und Corgan mit seinen Männern den westlichen Hügel am Seeufer. Dazwischen auf der Straße und den Hängen der Stamm des Ringes." Erleichtert erkannte Aéd, dass sein Vater Gleryon anscheinend nicht vollständig vertraute, denn diese Aufstellung erlaubte ihm und Corgan, ein Auge auf den Überläufer zu haben.
"Was ist mit mir und dem Wolfsrudel?", fragte er, denn sie waren in Foraths Plänen bislang nicht vorgekommen.
"Ihr werdet die Nahtstelle zwischen Gleryon und Corgan halten", erwiderte sein Vater, und Corgan schnaubte verächtlich. "Diese Welpen sollen meine Flanke decken? Ich hätte da lieber ein paar wirklich erfahrene Krieger, auf die ich mich verlassen kann."
Bislang hatte Aéd jeden Spott des älteren Häuptlings ohne Widerworte ertragen, denn er wollte ihm mit Taten widersprechen. Doch was er und seine Männer auch leisteten, es schien nichts zu bewirken, und so stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: "Diese Welpen haben in diesem Krieg mehr geleistet, als du, alter Mann."
Bevor Corgan wütend auffahren konnte, warf Gleryon, der bislang aufmerksam gelauscht hatte, ein: "Um ehrlich zu sein, würde ich auch ungern neben einem Mann kämpfen, der mir so offen misstraut... selbst wenn er dein Sohn ist, Forath."
In Foraths steinernem Gesicht rührte sich kein Muskel, doch Aéd erkannte, dass sein Vater wütend war - und gleichzeitig Angst hatte, das Bündnis so kurz vor der Schlacht zu zerbrechen.
"Ihr werdet dort kämpfen, wo ich es euch befohlen habe. Alle."
"Wohl eher davonlaufen...", sagte Corgan gerade laut genug, dass Aéd ihn hören konnte, vor sich hin. Aéd wusste, dass er am besten nichts sagen sollte, dass er dem Befehl seines Vaters gehorchen sollte... Doch er konnte es nicht.
"Vater, ich werde nicht an der Seite von Männern kämpfen, die mich so offen missachten", sagte er zornig, und blickte Forath, in dessen Gesicht es nun arbeitete, offen an. "Ich werde auf der linken Flanke kämpfen, weit weg von diesen... angeblichen Häuptlingen."
Nun sprühten auch Corgans Augen Funken vor Zorn, doch Forath kam ihm zuvor. "Du hast die Wahl: Entweder du kämpfst dort wo ich es dir befohlen habe, oder... du bewachst das Südufer des Sees, damit uns niemand im Westen umgeht. So oder so, wir haben genug Männer um die Schlacht auch ohne dich und deine Wölfe zu gewinnen."
Für einen Moment blickte Aéd seinem Vater weiterhin in die Augen, doch dann wandte er bitter seinen Blick ab und bemerkte dabei den Ausdruck leichter Belustigung auf Gleryons und den offenen Hohn auf Corgans Gesicht. Er verstand, dass sein Vater klug handelte, und das Bündnis über Aéds Gefühle stellte - und dennoch konnte Aéd nicht anders, als wütend und enttäuscht über ihn zu sein.
"Wie du befiehlst... Vater", brachte er mühsam hervor, und wandte sich dann ab. Während er den Hang zu seinen Männern herunterging, glaubte er die ganze Zeit, Gleryons Blick in seinem Rücken zu spüren.

Als Aéd zu seinen Männern trat, schienen sie ihm sofort anzusehen, dass etwas nicht stimmte. "Was ist los, Vetter?", fragte Domnall, und Muird, der aus dem Stamm des Gewandes kam und sich in dieser Gegend auskannte, fügte hinzu: "Wo werden wir kämpfen?"
"Am Südufer des Sees", erwiderte Aéd knapp, und nahm den Schild entgegen, den Domnall ihm entgegenstreckte. Es schmerzte ihn, dass seine Männer seinetwegen nicht in der Schlacht kämpfen konnten, die vermutlich das Schicksal Dunlands entscheiden würde, und für die sie seit der Messermine gekämpft hatten. Er dachte an Henwas, und wie enttäuscht sein Bruder sein würde, wenn er ihm keine Geschichten dieser Schlacht erzählen konnte. Und auch wenn er selbst weder seinen Stolz noch seinen Gehorsam gegenüber seinem Vater aufgeben konnte, sollten seine Männer doch nicht darunter leiden.
"Wer von euch kämpfen will, sollte mich jetzt verlassen und sich dem Hauptheer anschließen", sagte er mühsam. "Ich werde das Südufer bewachen, und dort wird vermutlich kein einziger Feind zu sehen sein."
Einen Augenblick lang herrschte Stille unter seinen Männern, die betretene Blicke tauschten, während um sie herum die anderen Krieger zu ihren Stellungen eilten, doch kein Mitglied des Wolfsrudels rührte sich vom Fleck. Dann sagte Domnall mit einem Schulterzucken: "Du bist unser Anführer, und wir folgen dir wohin auch immer."
Bei seinen Worten glaubte Aéd, den Eisklumpen, der sich bei seinen eigenen Worten in ihm gebildet hatte, schmelzen zu spüren.
"Die anderen Krieger haben sich dafür entschlossen, deinem Vater bedingungslos zu folgen", fügte Muird erneut hinzu. "Aber wir haben beschlossen, dir zu folgen." Unter den anderen Männern erhob sich ein zustimmendes Murmeln, und Aéd verspürte mit einem Mal eine unglaublichen Stolz auf seine Wölfe. Leider wussten die Häuptlinge, und selbst sein Vater, nicht wirklich, was sie an diesen Männern haben könnten. Er hob den Kopf, und erwiderte ihre entschlossenen Blicke.
"Also gut...", sagte er langsam, und dann lauter: "Wolfsrudel, Abmarsch!"

Aéd erkannte die Stelle am Südufer des Sees sofort wieder. Die Hügel am nördlichen Ufer, die Tannen in seinem Rücken im Süden, und das sanfte Plätschern des Sees... Alles war wie in dem Traum, den er im Großen Haus gehabt hatte. Während seine Männer Aufstellung annahmen, winkte er Muird, der sich in dieser Gegend am besten von seinen Kriegern auskannte, zu sich heran.
"Hat dieser See einen Namen?"
Muird verengte die Augen während er nachdachte, und erwiderte dann: "Mein Familie lebt weiter im Westen, aber ich glaube, ich erinnere mich. Die Leute von hier nennen ihn den Silbersee, weil er im Licht des Mondes silbern aussehen soll. Er soll allerdings flacher sein, als er aussieht."
Ohne dass Aéd darauf viel Einfluss gehabt hatte, waren sie also an dem Ort angekommen, an dem sie seinem Traum zufolge ihre Feinde erwarten sollten. Und auch wenn ihn diese Tatsache hoffnungsvoll stimmte... Der Anblick der Banner mit dem roten Raben über den Hügeln machte Aéd Sorgen. Denn wenn sein Traum über den Silbersee recht behielt, war es wahrscheinlich, dass auch die Warnung vor dem roten Raben bedeutsam war. Er hoffte, dass er sich irrte, oder dass Forath die Warnung ernster genommen hatte, als es schien.
Bevor Aéd weiter über seinen Traum nachgrübeln konnte, erhob sich von den Hügeln ein gewaltiger Lärm, als das Heer seines Vaters begann, Waffen und Schilde aneinander zu schlagen. Der Feind war gekommen.
 
~~Forath - Der Sturm bricht los~~

Forath sah seinem Sohn hinterher, wie er den Südhang des Hügels heruntereilte und sich zu seinen Männern gesellte. Aéd tat ihm leid, aber er hatte keine andere Wahl gehabt. Mit Gleryon und dem Stamm des Ringes an seiner Seite war dieser Krieg beinahe vorüber, und Forath hatte das Bündnis auf gar keinen Fall aufs Spiel setzen wollen - obwohl er Aéd verstehen konnte.
"Es tut mir Leid für deinen Sohn", hörte er Gleryon hinter sich sagen, und wandte sich wieder nach Norden. "Aber vielleicht ist es so besser, denn so wird er wenigstens nicht in Gefahr geraten."
"Vermutlich...", erwiderte Forath, keineswegs überzeugt. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, Aéd fortzuschicken, doch er konnte es jetzt nicht mehr ändern. Er wandte sich nach Norden um, und fragte den anderen Häuptling: "Also, der rote Rabe. Was hat es damit auf sich?" Gleryon zuckte die Achseln. "Wir brauchten ein neues Zeichen, und dieses ist ebenso gut wie jedes andere."
"Und warum brauchtet ihr ein neues?", fragte Forath abwesend nach, in Gedanken eher bei den Feinden, die irgendwo hinter den Anhöhen im Norden heranrückten, als bei Gleryons neuem Banner.
"Ringe sind... eine gefährliche Sache in diesen Tagen." Gleryon sprach nur leise, und unwillkürlich musste Forath an den Ring denken, der Bórans Untergang gewesen war. Er fragte sich, ob vielleicht noch etwas größeres dahintersteckte, und wo der Elb Oronêl und seine Freunde inzwischen sein mochten - und ob Gleryon etwas von diesem Ring wusste. Doch bevor er seine Gedanken ordnen oder weiter nachforschen konnte, erschienen im Norden über den kahlen Hügelkämmen und auf der Straße dazwischen bewaffnete Männer.

"Sie sind da", sprach Gleryon das Offensichtliche aus. "Ich sollte zu meinen Leuten gehen."
Forath hielt ihn zurück: "Es sind mehr, als ich erwartet hätte." Mit dem Stamm des Ringes an ihrer Seite hatte er sich mindestens doppelt in der Überzahl geglaubt, doch dort auf der anderen Seite der Senke sammelten sich deutlich mehr Feinde. Sie waren Foraths eigenen Kräften zwar immer noch zahlenmäßig unterlegen, aber längst nicht so wie gedacht. "Wo haben sie all diese Männer her?"
"Söldner. Irgendwo lässt sich immer jemand auftreiben, der für Geld kämpft, und der Zauberer bietet viel Geld."
Mit diesen Worten wandte Gleryon sich endgültig ab, und eilte nach Osten in Richtung seiner Krieger davon.

Forath atmete tief durch, und zog mit dem Gesicht dem Feind zugewandt, sein Schwert aus der Scheide. Als seine Hand sich um den vertrauten Schwertgriff schloss fühlte er, wie so oft vor einem Kampf, wie die Unsicherheit von ihm abfiel, und nur Konzentration auf seine Aufgabe blieb: Den Krieg hier und jetzt zu beenden. Er dachte nicht mehr daran, dass in den Reihen der Feinde seine Verwandten und ehemaligen Freunde aus dem Stamm des Messers standen. Für solche Gedanken wäre nach der Schlacht noch Zeit, wenn es darum ging, die Wunden zu heilen die er und Saruman Dunland geschlagen hatten, doch jetzt zählte nur der Sieg.
Forath stieß seine Klinge hoch in die Luft, und sein Männer antworteten, in dem sie rhythmisch ihre Waffen gegen ihre Schilde schlugen. Der Lärm breitete sich über den gesamten Hügelkamm aus, und schließlich stieg über der Senke ein einziger Kriegsschrei auf, als die Feinde auf dem anderen Hang wie ein Mann aufschrien und Forath und seinen Männern entgegen stürmten.

~~Aéd - Das Gesicht des Feindes~~

Aéd ging langsam am Ufer des Sees hin und her, den Blick immer auf den Hügelkamm im Nordwesten gerichtet, über dem die Banner ihrer Verbündeten wehten: Gewand und Ring, der Schild seines Vaters, und dann Gleryons roter Rabe, bei dessen Angriff sich Aéds Herz zusammenkrampfte, östlich von Corgans Stab. Er lauschte aufmerksam den Geräuschen der Schlacht, die von seiner Position hinter den Höhen verborgen war: Dem Kriegsschrei der Feinde, dem Ansturm und schließlich dem Zusammenprall der feindlichen Heere.
Er lauschte und beobachtete, und irgendetwas schien falsch. "Stimmt etwas nicht?", fragte Domnall, dem die Besorgnis seines Anführers offensichtlich aufgefallen war. Aéd hob die Schultern, stieß mit dem Fuß einen kleinen Stein in den See, wandte den Blick allerdings nicht von den Hügeln ab. "Ich weiß nicht", erwiderte er. "Irgendetwas macht mir Sorgen, aber ich weiß nicht..."
Er wurde unterbrochen, als Muird einen Ruf ausstieß, und auf den westlichen Hügel, auf dem Corgan und der Stamm des Stabes standen, deutete. "Seht nur! Was macht Corgan dort?" Sofort folgten alle Blicke seinem Arm, und Aéd spürte, wie ihm ein eisiger Schauer den Rücken hinunter lief. Corgans Männer wichen nach Westen zurück, den Hügelkamm hinunter und am nördlichen Seeufer entlang, getrieben von den Feinden auf ihrer linken Flanke - dem Stamm des Ringes.
Der Feind hatte sein wahres Gesicht offenbart, dachte Aéd. Und er hatte Recht gehabt, Gleryon nicht zu trauen... obwohl er sich lieber geirrt hätte.

~~Forath - Ein kalter Wind~~

Forath beobachtete, wie die Feinde auf die vorderste Reihe der Verteidiger prallten. Er selbst kämpfte nicht - noch nicht - denn in dieser Phase der Schlacht war es für ihn wichtig, die Übersicht über das Schlachtfeld zu behalten. Im Westen hatte der Stamm der Kette wie erwartet auf breiter Front angegriffen, und auch wenn die Verteidiger stand hielten, schien der Angriff doch gerade die Männer vom Stamm des Reifes hart getroffen zu haben. Mit zusammengezogenen Augenbrauen wandte Forath den Blick nach Osten, und eine eisige Faust schloss sich um sein Herz. Der Stamm des Messers hatte sich zwar zunächst auf ebenso breiter Front wie der Stamm der Kette bewegt, aber inzwischen sah die Situation deutlich anders aus: Das Zentrum hatte nicht den Stamm des Ringes angegriffen, sondern war nach Westen umgeschwenkt und attackierte nun ebenfalls Foraths eigene Krieger, die unter der Wucht des Ansturms begannen, den Hügel hinauf zurück zu weichen.
Auch wenn es besorgniserregend war, konnte doch der Gleryon mit seinen Männern dem Feind nun in den Rücken fallen, während der Stamm des Stabes die restlichen Feinde auf der rechten Flanke abwehrte, doch dazu würde es nicht kommen. Forath erschauerte unter einer kalten Windböe, die aus dem Westen heranfegte, und schwere Regenwolken mit sich brachte. Er musste hilflos mit ansehen, wie der Stamm des Ringes sich nach Westen wandte und Corgans Männern in die ungeschützte Seite fiel. Zum Glück schien Corgan klug genug zu sein, seine Männer herumschwenken zu lassen und nach Nordwesten am Seeufer zurückzuweichen, doch das würde die Schlacht nicht retten. Mit einem Mal standen sie einer ebenbürtigen Anzahl Gegnern gegenüber, denen es im Handstreich gelungen war, Foraths Truppen auseinander zu reißen - weil Forath seinem Sohn nicht geglaubt hatte und Gleryon unbedingt vertrauen wollte.
"Lass die Männer herumschwenken und sichert auch den Hang zur Straße hinunter", sagte er zu Angos, seinem stellvertretenden Kommandanten, während er die Hände so stark zu Fäusten ballte, dass sie zu schmerzen begannen. Jetzt würde sich zeigen, ob sich die Erfahrungen, die er in Gondor gesammelt hatte und versucht hatte, seinen Kriegern ein wenig beizubringen, auszahlen würden. Forath glaubte nicht daran, dass sie die Schlacht noch gewinnen konnten, doch sie würden Sarumans Dienern einen harten Kampf liefern.
Brigids Gesicht stand ihm vor Augen. Er wusste, dass seine Frau stark war, vielleicht stärker als er selbst, und dennoch... er wollte nicht wissen, was das Schicksal nach seinem Fall für sie und seine Kinder bereithalten würde. Auch an Aéd dachte er und hoffte, dass sein Erstgeborener klug genug war, mit seinen Anhängern zu fliehen bevor es zu spät war. In Dunland würde es nach dem heutigen Tag keine Hoffnung mehr für ihn geben, doch vielleicht konnte er anderswo eine Heimat finden - zum Beispiel in Gondor, dem Land seine Mutter.

Forath zog sein Schwert, dass er nach Beginn der Schlacht wieder in die Scheide gesteckt hatte, erneut, betrachtete die Klinge einen Augenblick, und küsste sie dann. "Heute ist also der Tag gekommen, da wir gemeinsam unsere letzte Schlacht ausfechten... von Gondor bis zu den Hügeln von Dunland hast du mich treu begleitet. Lass uns unseren Feinden ihren Triumph möglichst schmerzhaft machen."

~~Aéd - Das Heulen der Wölfe~~

Das Entsetzen, dass Aéd beim ersten Anblick von Gleryons Verrat gepackt hatte, lähmte ihn noch immer, während er beobachtete, wie auf den Hügeln die Schlacht verloren ging. Die Männer seines Vaters hatten sich inzwischen beinahe bis auf die Hügelkuppe zurückgezogen, und wurden von Norden und Westen hart bedrängt. Corgans Rückzug war ein Stück nach Westen am Nordufer des Sees ins Stocken geraten, und er war nun von drei Seiten eingeschlossen, mit dem See im Rücken.
"Was tun wir jetzt?", fragte Domnall, und riss Aéd so aus seiner Starre. Das ganze Wolfsrudel hatte sich nun am Ufer des Sees versammelt, und blickte entsetzt nach Norden auf die Katastrophe, zu der der vor der Schlacht sicher scheinende Sieg geworden war.
"Fliehen, solange es noch geht?", schlug einer der Männer vor, doch Aéd schüttelte entschieden den Kopf. "Nein. Wer gehen will, soll gehen. Aber dort drüben kämpfen unsere Brüder, Väter und Freunde für unsere Freiheit und das Überleben unserer Welt. Ich werde bleiben und kämpfen."
"Nur zu gerne, Vetter", meinte Domnall mit grimmiger Miene, und löste seine Axt vom Gürtel, obwohl keine Feinde in der unmittelbaren Nähe waren. "Nur wie? Im Osten können wir nicht viel bewirken, auf dem Hügel westlich der Straße wimmelt es von Feinden, und dann kommt auch schon der See."
Aéd ließ den Blick über das Schlachtfeld schweifen und musste einsehen, dass sein Freund recht hatte. Doch dann erinnerte er sich, was Muird über diesen See gesagt hatte, und sagte: "Muird... wie flach genau soll dieser See sein?"
Der Mann erwiderte verwirrt seinen Blick, doch einen Augenblick später schien er zu begreifen, als sich ein Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete. "Nun... ziemlich flach, vor allem im westlichen Teil."
"Sehr gut", meinte Aéd, doch Domnall warf ein: "Würdet ihr mir vielleicht auch erklären, was genau daran sehr gut ist?" Trotz der ernsten Lage musste Aéd lächeln. "Wir gehen über den See, und fallen dem Verräter Gleryon direkt in den Rücken." Er deutete nach Norden. "Wir kommen in der Lücke zwischen dem Hügel und Gleryons Leuten ans Ufer, und können ihn angreifen, ohne dass er etwas bemerkt."
Auch auf Domnalls Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. "Bei allen Göttern, Vetter. So etwas dämliches habe ich noch nie gehört, aber es könnte tatsächlich funktionieren."
Nun wieder entschlossen zog Aéd sein Schwert, und sage laut: "Also dann, Männer. Lasst sie den Biss der Wölfe spüren."

Das Wasser des Sees war tatsächlich nur etwas über knöchelhoch, und das Wolfsrudel kam schneller voran als Aéd zu hoffen gewagt hatte - und das war auch nötig, denn die Schlacht stand mit jedem Augenblick mehr auf der Kippe. Aéd trat ans erster am Nordufer und schüttelte das Wasser von seinen Stiefeln, während ihm seine Männer einer nach dem anderen folgten.
Nun sind wir tatsächlich auf dem Wasser gelaufen...
Er warf einen prüfenden Blick auf die Hügel, doch niemand aus den Reihen der Feinde schien ihr Nahen bemerkt zu haben. Ohne große weitere Worte packte Aéd seine Waffe fester als der letzte seiner Männer das Ufer erreicht hatte, und rief: "Wolfsrudel, vorwärts!"

Auch wenn sie nur wenige waren, ihr Angriff in den Rücken der Feinde war hart und stürzte ihre Gegner, die anscheinend kein bisschen mit einem Angriff aus dieser Richtung gerechnet hatten, in vollständige Verwirrung und Unordnung. Aéd führte das Wolfsrudel von der Spitze an, flankiert von Domnall und Muird. Er rammte einem der ahnungslosen Männer aus dem Stamm des Ringes sein Schwert in den Rücken, und zog es wieder hinaus, während er sich mit dem Fuß auf der Leiche des Mannes abstützte. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Kämpfen fühlte er keinen Funken Mitleid oder Verständnis mit seinen Feinden. Diese Männer hatten alle Funken Ehre, die sie als Dunländer besessen haben mochten, verloren und ihre Verwandten betrogen und verraten - für einen Zauberer, für den sie nur entbehrliche Werkzeuge waren.
Er duckte sich unter dem unbeholfenen Schlag eines überraschten Mannes weg, und sah zu, wie Domnall ihm mit seiner großen Breitaxt den Kopf nahezu vollständig zerschmetterte.
"Wir teilen uns auf und schlagen eine Bresche", rief er Domnall und Muird zu, und parierte aus der Drehung einen feindlichen Schwerthieb. "Dom führt die Hälfte nach Norden, Muird drängt mit der anderen die Feinde in den See."
Beide Männer hoben die Hände zum Zeichen, dass sie verstanden hatten, und stürzten sich dann wieder in den Kampf. Zwischen dem Wolfsrudel und dem See stand nur ein schmaler Streifen Männer, was auch der Grund für Aéds Taktik gewesen war. Denn auf diese Weise würde er zumindest diese Feine frühzeitig aus der Schlacht nehmen, und sich so einen Vorteil verschaffen können.
Es bereitete dem Wolfsrudel keine großen Schwierigkeiten, die Bresche zu verbreitern, denn der Stamm des Ringes hatte noch keine Zeit gehabt, sich auf den neuen Feind in ihrem Rücken einzustellen, und Corgan und seine Männer schienen ihnen noch immer einen guten Kampf zu liefern. Aéd wischte sich mit der freien Hand einige Blutspritzer aus dem Gesicht, und stellte fest, dass ihm Blut über den linken Arm lief. Offenbar hatte er eine kleine Wunde davon getragen, spürte aber in der Aufregung des Kampfes noch keine Schmerzen. Dann lief er auf die Stelle zu, wo er die Krieger vom Stamm des Stabes kämpfen sah.

"Halt, Freund!", rief Aéd laut ob der drohend auf ihn gerichteten Waffen, während links und rechts von ihm die Schlacht weiter tobte. "Ich bin Aéd Forathsson. Wo ist euer Häuptling, Corgan?"
"Kämpft weiter vorne", stieß einer der erschöpft aussehenden Männer, und senkte seine stachelbesetzte Keule. "Wird dein Vater Verstärkung schicken?"
"Wir sind die Verstärkung", sagte Aéd knapp, drängte sich an dem Mann vorbei, und deutete hinter sich auf die Stelle, an dem das Wolfsrudel kämpfte und die Bresche offenhielt. "Und wenn ihr wollt, dass es etwas nützt, geht und unterstützt sie."
Er fand Corgan nur wenige Meter weiter, wo der Häuptling in mitten seiner Männer stand und sich die Seite hielt. Als er Aéd sah, weiteten sich Corgans Augen, und er sagte: "Du? Was treibst du denn hier, Junge?"
"Ich komme um euch zu retten, alter Mann", gab Aéd zurück, und blickte dem Häuptling fest in die Augen. "Meine sogenannten Welpen halten gerade eine Bresche für deine Leute offen."
"Sie... tun was?", fragte Corgan langsam, und richtete sich ein wenig auf. Aéd packte ihn an der Schulter. "Sie kämpfen um deine Männer und dein erbärmliches Leben zu retten, also los, zeigt mir was!"
Corgan ließ seine Seite los, und Aéd sah, dass seine Handfläche blutig war. "Du willst also was sehen, junger Aéd? Ha!" Corgan richtete sich zu voller Größe auf, und packte das Schwert, das neben ihm im niedergetrampelten Gras gesteckt hatte. "Dann sperr die Augen auf, Junge, denn jetzt bekommst du das zu sehen."
"Stamm des Stabes!", rief er mit lauter Stimme, und deutete in die Richtung, aus der Aéd gekommen war. "Hier kämpfen tapfere Männer gegen uns. Doch damit ist jetzt Schluss, also lasst sie uns umbringen gehen! Vorwärts!"
Bis vor einem Augenblick hatte Aéd geglaubt, diese Männer wären am Ende. Doch nun nahmen sie den Kriegsschrei ihre Häuptlings auf, und griffen an. Während sie eben noch auf allen Seiten gekämpft hatten, drängten sie nun nach Westen, und setzten das Werk fort, dass das Wolfsrudel begonnen hatte.
"Beeindruckt?", fragte Corgan, und grinste Aéd müde an, und wider Willen musste Aéd das Grinsen erwidern.
"In der Tat", gab er zu. "Bis eben hätte ich es einen Erfolg genannt, wenigstens ein paar von euch lebendig hier heraus zu bekommen."
"Wir sind der Stamm des Stabes", gab Corgan zurück, und hob das Schwert. "Und nicht so leicht zu brechen."

Der Kampf war immer noch hart, doch Aéd spürte, dass sich das Blatt zumindest für den Moment gewendet hatte. Er betete zu allen Göttern die er kannte, dass es ausreichen würde um die gesamte Schlacht wieder zu ihren Gunsten zu wenden. Und mit einem Mal wurde es leichter, als von einem Moment auf den anderen der Wille des Gegners zu brechen schien, und der Stamm des Ringes zurückwich. Das Banner mit dem roten Raben fiel zu Boden und wurde niedergetrampelt, und Aéd sah sich mit einem Mal Gleryon gegenüber.
"Verräter", spie er dem Häuptling entgegen, und spuckte verächtlich aus. "Ihr seid die wahren Verräter an allem, was uns immer ausgemacht hat", gab Gleryon zur Antwort, und griff Aéd ohne weiteres an.
Gleryon wollte ihn unbedingt töten, und das spürte Aéd. Er begriff, dass Gleryon nichts weiter geblieben war als Rache an denen zu nehmen, die ihn besiegt hatten, und das machte ihn umso gefährlicher. Und außerdem war er gut, und Aéd gelang es nicht, selbst in die Offensive zu gehen. Stattdessen verteidigte er sich nur, wehrte einen Schwerthieb nach dem anderen ab, und wich langsam zurück. "Ich werde dich töten, und deinem Vater deinen Wolfskopf schenken, Welpe", zischte Gleryon, doch Aéd ging nicht darauf ein. Er war vollauf damit beschäftigt sich gegen Gleryon zu verteidigen und hoffte, dass ihm bald einer seiner Männer zur Hilfe kommen würde.
Es kam niemand, und dennoch wurde Aéd gerettet. Ein kräftiger Hieb von Gleryon trieb ihn einen weiteren Schritt zurück, doch als Gleryon einen Schritt nach vorne machte trat er auf einen vom Blut rutschigen Stein, stolperte und strauchelte. Mehr brauchte Aéd nicht, er sprang vor, rammte dem Häuptling seine Schulter gegen die Brust und brachte ihn damit endgültig zu Fall. Sofort kniete Aéd sich auf Gleryons Brust, und hielt ihm die Schwertspitze an die Kehle.
"Du... hattest Glück, Welpe", stieß Gleryon hervor. "Du kannst mich nicht in einem ehrlichen Kampf besiegen."
Mit der linken Hand winkte Aéd zwei seiner Männer herbei, die in der Nähe standen, und sagte zu Gleryon: "Wenn man nicht gut sein kann, muss man eben Glück haben. Fesselt ihn, und passt auf den Verräter auf", fügte er an seine Männer gewandt hinzu. "Ich muss eine Schlacht gewinnen."

~~Forath - Die Gezeitenwende~~

Rings um Foraths Hügel herum wüteten Kämpfe. Der Stamm des Messers hatte den Hügel inzwischen beinahe ganz eingeschlossen, und der Stamm des Ringes hatte Corgan vollständig von seinem Hügel und vermutlich nach Nordosten am See entlang getrieben. Im Westen hatte Forath beobachtet, wie der Stamm der Kette den Stamm des Reifes beinahe hinter die Hügelkuppe getrieben hatte, und alle Hoffnung hatte ihn verlassen.
"Da kommen noch mehr!", brüllte Angos ihm über das Getöse der Schlacht hinweg zu, und Forath schickte seinen Gegner mit einem gezielten Hieb mit dem alten Schwert aus Gondor zu Boden. Dann blickte er nach Osten, und sah weitere Krieger über den östlichen Hügel und die Straße kommen. Sie trugen kein Banner mit sich, doch es mussten Gleryon und der Stamm des Ringes sein, die Corgan in den See getrieben und vernichtet hatten. Forath löste sich aus dem Getümmel, und sagte keuchend zu dem neben ihm stehenden Angos: "Nun, es war mir eine Ehre an eurer Seite zu kämpfen. Aber ich denke, jetzt haben die Hundesöhne uns endgültig. Es tut mir Leid, dass ich versagt habe."
Angos sagte nichts, sondern nickte nur. Ein einzelner Sonnenstrahl fiel durch die Wolken, die inzwischen den gesamten Himmel bedeckten, und auf dem anderen Hügel blitzte etwas weißes auf, bei dessen Anblick Forath der Atem stockte. "Das ist Aéd."
"Und Corgan neben ihm", sagte Angos, mit wie immer unbewegter Miene. "Wie es scheint, sind wir doch noch nicht am Ende." Und im selben Moment fielen die Neuankömmlinge dem Stamm des Messers in den Rücken.

Forath lächelte, und spürte wie die Hoffnung die Düsternis vertrieb. "Stamm des Schildes!", rief er, so laut er konnte, und für einen Herzschlag erstarben die Kämpfe rund um den Hügel, als die Angreifer allmählich den Feind in ihrem Rücken bemerkten. "Lasst uns diese Schlacht gewinnen! Angriff!" Sie griffen an, und unter ihrem Angriff wankte der Stamm des Messers, und begann zurückzuweichen.
"Vielleicht solltest du einen Blick nach Westen werfen", sagte Angos ruhig, und dort sah Forath, wie der Stamm des Gewandes dem Stamm der Kette in die rechte Flanke fiel, und sich auch dort die Formation der Feinde aufzulösen begann. Anscheinend hatten die beiden Häuptlinge klüger gehandelt als Forath erwartet hätte, und den Feind in eine Falle gelockt. Ein einziger Triumphschrei erhob sich über dem Schlachtfeld, als die Rebellen ihre Feinde von den Hügeln hinab trieben.
Forath spürte, wie sich ein idiotisches Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete, hörte sich selbst einen Schrei ausstoßen, und dann stürzte er sich selbst in den Kampf.

~~Aéd - Der Preis des Verrats~~

Die Schlacht war vorüber, als Aéd inmitten der Gefallenen auf seinen Vater traf. Forath schien etwas sagen zu wollen, brachte aber kein Wort heraus sondern schloss Aéd einfach in eine feste Umarmung. Als er Aéd losgelassen hatte, sagte Forath zu Corgan, der ebenfalls herangekommen war: "Hast du meinem Sohn etwas zu sagen?"
Für einen Augenblick herrschte Stille, doch dann sah Aéd zu seinem Erstaunen, wie Corgan grinste. "Ich habe mich ziemlich zum Narren gemacht, nicht war? Er und seine Männer scheinen tatsächlich für etwas gut zu sein - und sei es nur, jemanden wie mich aus einer bösen Klemme zu befreien. Also vergib mir meine Worte wenn du kannst, Aéd."
"Mit Freuden", erwiderte Aéd leise, aber bestimmt, und ergriff Corgans angebotene Hand. Er bemühte sich, nach außen weiterhin ruhig und entspannt zu wirken, obwohl er innerlich beinah platzte vor Freude und Stolz. Sie hatten nicht nur die Schlacht gewonnen, sondern das Wolfsrudel hatte auch dem letzten Mann im Heer seinen Wert bewiesen.
"Weißt du, Forath, dein Sohn würde eines Tages einen ziemlich guten Häuptling abgeben", meinte Corgan.
"Das mag schon sein." Aéd spürte, wie sein Vater ihn nachdenklich betrachtete. "Aber noch bin ich am Leben, und habe vor, es noch einige Jahre dabei zu belassen."
"Ha, gut gesprochen." Corgan schlug Aéd auf die Schulter, und Aéd zuckte unwillkürlich vor Schmerz zusammen, denn einer seiner Gegner hatte ihn dort mit einer Keule getroffen. Äußerlich waren zwar keine Verletzungen zu sehen, aber Aéd wusste, dass er die Schulter einige Tage nur unter Schmerzen bewegen können würde. Corgan, der offenbar nichts bemerkt hatte, fuhr fort: "Wir haben allerdings einen Häuptling, dessen Leben man durchaus um ein paar Jahre verkürzen sollte, nicht wahr, Aéd?"
Forath warf einen prüfenden Blick zwischen den beiden hin und her, und fragte dann: "Gleryon?"
Aéd nickte, und winkte Muird und Domnall, die einige Meter entfernt am Hang des östlichen Hügels mit dem Rest des Wolfsrudels standen. Beide Männer hatte kleinere Wunden davongetragen, und zogen jetzt auf Aéds Zeichen hin den gefesselten Gleryon zwischen sich her. "Ich habe ihn am Leben gelassen, weil du über ihn urteilen solltest", sagte Aéd, und Forath nickte mit zusammengebissenen Zähnen. Aéd konnte den Zorn und den Hass in den Augen seines Vaters aufleuchten sehen, als Muird und Domnall Gleryon vor ihm auf die Knie zwangen.

"Gleryon, Häuptling vom Stamm des Ringes", sagte Forath langsam, und legte die Hand an den Schwertgriff. Immer wenn Aéd dieses Schwert sah, standen ihm eigentlich vergessene Bilder vor Augen: Eine Kette Weißer Gipfel, eine unendliche Wasserfläche, und das undeutliche Gesicht einer schwarzhaarigen Frau.
"Du hast dich gegen alles gewandt, was uns als Männer Dunlands ausmacht", fuhr Forath fort, und riss Aéd damit aus seinen Erinnerungen. "Du hast uns deine Freundschaft vorgespiegelt, und uns in dem Moment, als wir dich am nötigsten brauchten, verraten. Hast du etwas zu sagen?"
"Ihr... ihr wisst nicht, welche Macht der Zauberer besitzt", stieß Gleryon hervor, und kämpfte gegen den Griff der Männer an, die ihn festhielten. "Ihr seid sowieso verloren, egal was ihr tut."
"Das erklärt nicht, was du getan hast - und nichts könnte diese Tat jemals entschuldigen. Du bezahlst nun den Preis für deinen Verrat." Mit einer einzigen Bewegung zog Forath das Schwert und stieß es dem vor ihm knienden Gleryon in die Kehle.

Als Gleryon aufgehört hatte, sich zu bewegen und vergeblich gegen den Tod anzukämpfen, sagte Corgan: "Verdammt, erinnere mich daran, dich niemals zu verraten." Forath fuhr sich mit der blutigen Hand über die Stirn, und Aéd hatte den Eindruck, als würde sein Vater gerade aus einem merkwürdigen Traum erwachen.
"Es war notwendig", erklärte Forath. "Wir können nicht zusammen stehen, wenn wir nicht lernen uns gegenseitig zu vertrauen - und dazu müssen wir zeigen was passiert, wenn dieses Vertrauen missbraucht wird. Ansonsten könnten wir gleich versuchen, auf dem Wasser zu laufen."
Bei Foraths Worten blitze vor Aéds inneren Augen das Bild der wunderschönen Frau auf, die über das Wasser des Silbersees auf ihn zukam, und er gleichzeitig glaubte er ihre Stimme zu hören: "Vereinige sie."
"Wir müssen die Stämme vereinen, zu einem Volk", hörte Aéd sich sagen. Die Augen seines Vaters blitzten, doch Corgan schnaubte: "Und wozu das? Wir sind immer gut klar gekommen, als wir dem alten Weg gefolgt sind."
"Und dennoch haben wir in Zeiten der Not einen Wolfsfürsten gewählt, der uns alle anführte", widersprach Forath ruhig, und Aéd erkannte, dass sein Vater diesen Gedanken schon lange Zeit mit sich herumtrug. "In Zeiten der Not, ja", erwiderte Corgan. "Doch dieser Krieg ist bald gewonnen, die Diener des Zauberers aus Dunland vertrieben und das Böse besiegt."
"Nein." Aéd schüttelte den Kopf, und spürte den aufmerksamen Blick seines Vaters auf sich. "Die wahre Dunkelheit liegt weiter im Osten, doch sie streckt ihre Finger auch in diese Lande aus."
"Aéd hat Recht", sagte Forath. "Ich habe diese Dunkelheit gesehen als ich in Gondor war. Es war dieser Schatten, der für Bórans Fall verantwortlich war, und wenn wir nicht dagegen kämpfen, wird Mordor die ganze Welt verschlingen."
Aéd hatte diesen Namen aus fernen Geschichten gehört, und dennoch lief ihm bei der Erwähnung ein Schauer über den Rücken, und auch auf Corgan schien er eine nicht geringe Wirkung zu haben.
Der Schatten wich erst, als Forath weiter sprach: "Doch zuerst müssen wir uns um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern. Die überlebenden Feinde sind in Richtung Nordwesten auf der Straße geflohen, also nach...
"Tharbad", beendete Aéd den Satz seines Vaters.
"Ganz genau." Forath nickte grimmig. "Tharbad."
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Curanthor

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Reise über Stock und Stein
« Antwort #17 am: 14. Feb 2017, 03:22 »
Mathan, Oronêl, Kerry, Halarîn, Adrienne, Finelleth, Celebithiel, Forath und Aéd aus Tharbad

Die Abreise aus Tharbad fiel Mathan nicht sonderlich schwer, denn die ganzen neugierigen Bewohner am Hafen waren ihm doch etwas unangenehm. Zwar wurden die Manarîn mit deren Schiffen am meisten gestaunt, doch auch ihnen wurden einige Blicke zugeworfen. Sobald sie das Stadttor hinter sich gelassen hatten, war Halarîn an ihn herangetreten und sich wortlos bei ihm eingehakt. Sie liefen an der Spitze und führten die Gruppe auf einer breiten Straße südlich des Sumpfes, der direkt an die Stadt grenzte.
"Ist das hier schon das Dunland?", fragte Adrienne plötzlich, die zu ihnen aufgeschlossen hatte.
Mathan nickte und das Mädchen verschwand wiede nach hinten um mit Kerry zu plaudern, deren Laune sich wenig besserte. Dennoch schienen die beiden Mädchen sich gut zu verstehen, dann Adrienne redete aufgeregt auf seine Tochter ein, deren Mundwinkel sich ab und zu hoben. Er ahnte, dass Etwas schief gelaufen sein musste, aber er hielt sich erstmal zurück. Kerry musste auch selbst mit den Dingen fertig werden und er konnte auch nicht seine Aufgaben vernachlässigen. Sein Blick fiel auf Oronêl, der mit Celebithiel und Finelleth hinter den beiden Menschenmädchen ging. Die Elben drei sprachen miteinander ruhig und überlegt. Seine guten Ohren schnappten ein paar Vermutungen auf, die Finelleth gerade anstellte. Halarîn zupfte ihm an Ärmel und ließ ihn nach vorn Blicken. Mittlerweile waren sie schon außer Sichtweite der Stadt, was ihm erst gar nicht aufgefallen war. Rasch blickte er auf die Karte, die er zuvor herausgeholt hatte. Zufrieden stellte er fest, dass sie auf dem richtigen Weg lagen. Vor ihnen breiteten sich die Nîn-in-Eilph aus, oder auch Schwanenfleet. Trübe war das Wasser, das von der Sonne beleuchtet wurde und man konnte dutzende Mückenschwärme über den Sümpfen erkennen. Fiese kleine Biester, dachte Mathan sich und schüttelte sich. Zwar war er noch nie gestochen worde, doch Erzählungen reichten ihm, diese Dinger zu meiden. Kurz fragte er sich, ob Elben überhaupt auf der Speiserkarte der Blutsauger standen, verwarf den Gedanken jedoch rasch und beschloss es auch nicht auszuprobieren. Grübeln stapfte er weiter, die plaudernde Gruppe hinter ihm, die sich ebenfalls in Bewegung setzte. Seit etwas mehr als einem Monat reiste Mathan schon fast ohne Pause umher, seine Muskeln haben sich bereits nach einer Woche wieder an die alte Belastung gewöhnt. So bekam er nicht mit, dass nach einem längeren Marsch die Menschen etwas zurückfielen. Adrienne war die Erste, die sich zu Wort meldete, woraufhin sie eine Pause einlegten. Kerry schien auch erschöpft, denn sie setzte sich auf einen Stein, der etwas weiter weg von der Straße war. Daneben lag ein großer, umgestürzter Baumstamm, der relativ einladend aussah. Kurz darauf saßen sie auf dem Stamm und verschnauften etwas, wobei die Elben nur kurz Platz nahmen. Mathan setzte sich neben Kerry und drückte ihr wortlos die Hand, dann wandte er sich an sie und Adrienne, da sie nebeneinander saßen. "Ihr hab lange durchgehalten. Ich bin in meine alten Gewonheiten gerutscht, da ich damals tagelang unterwegs war und kaum Pausen brauche. Sobald ihr müde werdet, meldet euch bitte.", bat er sie mit einem freundlichen Lächeln und nickte, ehe er sich erhob, "Der nächste Abschnitt geht abseits der Straße, wir laufen parallel zu den Schwanenfleet nördwärts.", sprach er nun so laut, dass jeder ihn verstand. Die übrigen Elben nickten und schulterten ihre wenigen Habseligkeiten, was sogleich der Rest ihnen gleichtat. Adrienne stand als letzte auf, woraufhin Mathan sie fragend anblickte. "Der Kampf war anstrengend auf mehreren Ebenen", erklärte sie rasch und wollte schon gehen, doch er hielt sie zurück. "Adrienne, du musst mir nichts erklären. Du bist meine Schülerin und ich werde dich trainieren. Ich möchte, dass dein Schwert ziehst und damit in der Hand weiterwanderst. Du wirst es die ganze Zeit in der Hand halten", sagte er mit einem ernsten Blick. Sie zögerte kurz, ihre Hand zitterte etwas, als sie sie um den Knauf des Schwerts legte. Er konnte sehen, wie die Erinnerungen sie zurückhielten. Ihr Stolz siegte und das Mädchen zog die Waffe. Mathan lächelte und drückte die Klinge von ihr mit einem Finger nach unten, da sie zwischen ihnen stand. "Sehr gut. Das wird dir helfen ein Gefühl für das Gewicht und die Reichweite der Klinge zu geben. Das Schwert ist dein verlängerter Arm und du musst den Arm trainieren und nicht immer nur dann, wenn du ihn brauchst.", erklärte er, woraufhin sie eifrig nickte. Er hob eine Augenbraue, doch sie lächelte nur scheu. Mathan hatte eine Frage erwartet, doch Adrienne nickte und schloss zu den Anderen auf, die schon etwas vorgegangen waren. Er beschleunigte seine Schritte und setzte sich wieder an die Spitze, wo ihn Halarîn wieder mit einem warmen Lächeln begrüßte. Sie wirkte noch immer etwas blass und ihr Bauch wölbte sich schon bemerkbar. Als sie seinen Blick bemerkte grinste sie. "Ich weiß noch, wie das ging, keine Sorge. Ich werde kein Hindernis sein, das weißt du.", sprach sie mit einem schelmischen Lächeln.
Mathan lachte leise und neckte sie am Hals und Nacken, woraufhin sie lachte und sich schüttelte. Er wusste sehr wohl, dass sie keine Belastung ist, schließlich war sie bereits schwanger gewesen und die Situation war so ähnlich. Nur, dass sie sich damals im tiefsten Süden Mittelerdes befanden, weit ab der üblichen Wege und Reiche. Sie folgten einen verwachsenen Pfad und nach einger Zeit schloss Forath auf, der sich ebenfalls etwas in dem Gebiet auskannte. Gemeinsam führten sie die Gruppe durch das unwegsame Gelände, zwischen größeren Hügeln und vereinzelten Aufläufern der Schwanenfleet, ohne jedoch irgendwelche Insekten zu treffen. Zur allgemeinen Erleichterung hatten sie nach einem halben Tagesmarsch die Schwanenfleet hinter sich gelassen und marschierten durch eine etwas trockenere Einöde, in der hohe Gräser zwischen Geröll lag. Forath warnte die Gefährten, sich nicht den Fuß zu brechen, indem man zwischen Felsen trat. So arbeiteten sie sich vorsichtig vor und verloren mehr Zeit als zuvor bei den Schwanenfleet. Nach einigen Pausen und einer nervenraubender Zeit legten sie ihre erste große Pause zur Nacht ein. Mathan bestand darauf die erste Wache zu übernehmen, während sich die Gefährten in ihre Umhänge oder Decken hüllten. Zur Sicherheit verzichteten sie auf ein Feuer um keine Feinde auf sich aufmerksam zu machen. Halarîn erwachte etwa in der Hälfte der Nacht und löste ihn ab, doch auch sie bemerkte nichts verdächtiges.

Am nächsten Morgen brachen sie früh auf und mehr oder weniger ausgeruht. Adrienne wirkte etwas frischer und schon bald kicherte sie leise mit Kerry, die immer wieder die Köpfe zusammensteckten. Mathan wechselte einige Worte mit Oronêl und informierte den Sindar darüber, dass die Karte Eregions, die er ihm ein paar Monate zuvor gausgeliehen hatte einige Runen besaß, die man nicht erkennen konnte. Auf den fragenden Blick hin musste Mathan schmunzeln.
"Eigentlich darf ich nicht darüber reden, da es nur den Schmiedemeistern vorbehalten war... aber wenn es soweit ist, erkläre ich es.", erklärte er und bemerkte den Blick von Finelleth, die ihn aufmerksam musterte, "Ist etwas?", fragte er an sie gewandt.
"Nein... ich habe mich nur gefragt, woher du das weißt. Wenn es nur den Schmiedemeistern vorbehalten war.", antwortete sie und konnte dabei nicht ganz ihre Neugierde verbergen.
Mathan lachte leise und wedelte mit der Karte umher, "Ich war selbst oft genug in den Schmieden und habe dort auch selbst gearbeitet. Da sollte man den Ort doch gut kennen, oder?" Zwar war die Frage nur rethorisch, doch Finelleth schien eine Spur zu erröten.
"Das kann sie ja nicht wissen, so lange kennt sie dich ja auch nicht", verteidigte Oronêl sie und Mathan hob abwehrend die Hände. "Stimmt auch wieder", entgegnete er grinsend und warf einen Blick auf seine Karte. Mit einem Seufzen verstaute er sie und schloss zu Forath auf, der nun mit seinem Sohn an der Spitze lief. Halarîn war hinter den beiden und danach kam Adrienne. Er lächelte den Drei im vorbeigehen zu und lauschte schließlich einigen Erzählungen von dem Häuptling über dess Stamm, während sie sich weiter in Richtung Norden begaben.

Sie legten noch zwei Pausen ein, bis die Nacht anbrach, welche aber auch ereignislos verlief. Abgesehen davon, dass Halarîn einmal übel wurde aber ansonsten schliefen alle durch. Am nächsten Morgen zogen sie weiter, wobei das Gelände nicht weniger unwegsam wurde und ihnen viel Zeit kostete. Am vierten Tag ihrer Reise erreichten sie die nördlichen Gebiete des Dunlands, wo Forath sich bestens auskannte. Mathan kamen die groben Strukturen nur wage bekannt vor, da er sich damals nur selten im Dunland aufgehalten hatte. Aéd wurde immer redseliger, je näher sie dessen Heimat kamen, was Mathan leicht nervte, dennoch war es interessant etwas über die neuen potentiellen Nachbarn zu erfahren. Nachdenklich betrachtete er die Umgebung und ergriff Halarîns Hand, die neben ihm ging. Mit einem schelmischen Lächeln raubte er sich einen Kuss von ihr und stapfte weiter.
« Letzte Änderung: 14. Feb 2017, 17:41 von Fine »

Eandril

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Re: Dunland
« Antwort #18 am: 14. Feb 2017, 14:26 »
Die breite, offenbar erst relativ kürzlich angelegte Straße, machte einen Bogen nach Norden um einen Hügel herum, und führte durch die Senke zwischen den Hügeln geradewegs auf das Dorf zu, das vor ihnen lag. Oronêl erinnerte sich an die Stelle, hier hatten er und Orophin vor Monaten die Straße überquert, bevor er sich ins Dorf geschlichen hatte. Beim Anblick des Dorfes, das zwischen den Hügeln nahe des Glanduin-Ufers in der Sonne lag, war Forath stehengeblieben und hatte seinem Sohn einen Arm um die Schulter gelegt.
"Es ist schön, nach Hause zu kommen - und sei es nur so kurz", sagte er, und erklärte an die Elben gewandt: "Es ist jetzt über zwei Monde her, dass ich zuletzt hier war. Aéd hat es besser, er war erst vor ungefähr einem Mond hier um unsere verbliebenen Krieger in die Schlacht zu rufen."
"Und trotzdem kommt es mir vor wie eine Ewigkeit", meinte Aéd. Sein Blick fiel kurz auf Kerry, die ihm entschieden auswich, und auch Aéd sah schnell wieder woanders hin. Oronêl unterdrückte einen Seufzer - beide hatten seit ihrem Aufbruch aus Tharbad kein Wort gewechselt, und Kerry hatte auch mit ihm selbst nur das nötigste gesprochen. Oronêl war nicht zufrieden mit der Situation, doch er hatte wichtigeres im Kopf, als sich um die Launen eines jungen Mädchens zu kümmern - der Ring in seiner Tasche schien immer schwerer zu wiegen, je näher sie Eregion kamen, und Oronêl musste immer mehr  Willenskraft aufwenden, nicht ständig an ihn zu denken. Finelleth schien es ähnlich zu gehen, denn auch sie wurde schweigsamer, je geringer der Abstand zu ihrem Ziel wurde.
Sie folgten der Straße bis zum Dorf, wo nur zwei alte, mit rostigen Speeren bewaffnete Männer Wache standen, und Forath freudig begrüßten. Auf dem Weg durch das Dorf sammelte sich eine kleine Menschenmenge hinter ihnen, fast ausschließlich Frauen, Kinder und Alte, die vor allem die Elben neugierig betrachteten. Oronêl war die Aufmerksamkeit ein wenig unangenehm, und beinahe wünschte er sich, wie bei seinem ersten Besuch über die Dächer der Hütten springen zu können, verborgen vor den Augen der Bewohner. Schließlich erreichten sie den freien Platz vor dem großen Haus, das Forath anscheinend seit Bórans Tod bewohnte. In der Tür des Hauses standen eine kleine, ein wenig rundliche Frau, und drei Kinder, zwei Mädchen und ein Junge. Sobald sie Forath und Aéd erblickten, stürmten die beiden Mädchen los, während der Junge sich einen Teil seiner Würde bewahren wollte und ihnen etwas langsamer folgte.
Das jüngere Mädchen prallte so heftig gegen Aéd, dass der junge Krieger ein wenig schwankte, während das ältere Forath in eine feste Umarmung zog.
Der Häuptling lächelte, strich seiner Tochter durch die langen braunen Haare, und sagte an die Elben gewandt: "Meine Töchter, Lynet und Eryn." Er deutete zuerst auf das ältere Mädchen, dann auf das jüngere. Eryn stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte ihrem älteren Bruder etwas ins Ohr, dass ihn zum Lächeln brachte, während Lynet ihren Vater losließ, einen Knicks machte, und hauchte: "Es ist mir eine Ehre." Dabei betrachtete sie vor allem Kerry und Adrienne mit wachem Interesse.
Auch Eryn löste sich von Aéd, deutete eine Verbeugung an und murmelte etwas unverständliches.
Forath deutete auf die beiden übrigen Mitglieder seiner Familie, die inzwischen herangekommen waren, und sagte: "Henwas, mein zweiter Sohn - und meine Frau, Brigid." Henwas verneigte sich ernst, während Brigid die Gruppe nur aufmerksam betrachtete. "Derjenige, dem wir Bórans Ende verdanken, kehrt zurück", sagte sie schließlich, während ihr Blick auf Oronêl lag. Dann wanderten ihre Augen über Mathan und Halarîn, Finelleth, Celebithiel, und blieben zuerst an Adrienne und zuletzt an Kerry hängen. "Das Mädchen aus Gondor mit der dunklen Vergangenheit, und das Mädchen aus Rohan. Ich habe von euch geträumt, denke ich."
Beide Mädchen wechselten einen unbehaglichen Blick, und Forath verzog das Gesicht. "Nun komm schon, Frau. Reicht es nicht, dass die beiden in einem Dorf voller Leute stehen, die vor wenigen Monaten womöglich ihre Feinde gewesen wären?"
Brigid blinzelte rasch, als würde sie aus einem Traum erwachen, und schüttelte dann den Kopf. "Natürlich", meinte sie entschuldigend. "Kommt alle herein, wenn ihr mögt, und ruht euch von eurer Reise aus. Und du..." Sie wandte sich ihrem Mann zu. "Du erzählst mir alles, was geschehen ist, und Aedir wird darauf achten, dass du nichts auslässt."
Nach einem Moment der Stille grinste Forath, und zog seine Frau in seine Arme. "Ha, ich würde lügen wenn ich sagen würde, ich hätte dich nicht vermisst."
Trotz Brigids Einladung hatte sich noch keiner der Elben vom Fleck gerührt, und es war Eryn, die das Schweigen brach. Sie quetschte sich plötzlich zwischen Oronêl und Mathan hindurch, blieb vor Adrienne stehen und sagte: "Du hast ein Schwert. Ich darf kein Schwert haben." Dabei warf sie ihren Eltern über die Schulter einen empörten Blick zu. Auf Adriennes Gesicht verwandelte sich der überraschte Ausdruck langsam in ein Lächeln, als sie sich zu dem Mädchen herunterbeugte und leise sagte: "Das liegt daran, dass ich schon viel älter und größer als du bin."
Eryn stellte sich auf die Zehenspitzen, und erwiderte kichernd: "Aber ich bin schon fast genauso groß!" Das brachte alle zum Lachen, und selbst Kerrys Mundwinkel zuckten kurz. Dann stand auch schon Lynet, die ihrer jüngeren Schwester langsamer gefolgt war vor ihr, und fragte ein wenig atemlos: "Wenn du aus Rohan kommst... hast du mal ihre Königin gesehen, oder eine Prinzessin? Wie sahen sie aus, und was haben sie für Kleider getragen? Und hast du eine Elbenkönigin gesehen?" Bei den letzten Worten sah sie kurz zu den Elben hinüber.
"Eins nach dem anderen, meine lieben Töchter", sagte Forath lächelnd, bevor Kerry antworten konnte. "Unsere Freunde haben einen weiten Weg hinter sich, und sollten sich erst einmal ein wenig ausruhen können, bevor ihr sie weiter mit Fragen zuschüttet."
Ernster fügte er hinzu, an den Rest der Gruppe gewandt: "Einige von euch mögen schlechte Erfahrungen mit Dunländern gemacht haben, vielleicht habt ihr sogar Freunde oder Verwandte im Kampf gegen uns verloren haben." Auch er sah dabei Kerry an, die seinem Blick im Gegensatz zu dem Aéds nicht auswich. "Ich erwarte von niemandem, dass er uns mag oder lieb gewinnt." Bei diesen Worten fiel sein Blick auf Mathan und Celebithiel, die beide bislang wenig Zuneigung zu den Dunländern gezeigt hatten. "Ich hoffe nur, dass uns die Gelegenheit gegeben wird zu beweisen, dass wir uns ändern und an eurer Seite stehen können anstatt gegen euch zu kämpfen. Solange ihr hier seid, droht euch keine Gefahr, also ruht euch aus und entspannt euch ein wenig, bevor... wir weiterziehen müssen."

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Foraths Dorf
« Antwort #19 am: 14. Feb 2017, 16:13 »
Kerry saß neben Lynet auf einem gefällten Baumstamm, dessen Oberfläche abgeschliffen worden war, um als bequeme Sitzfläche zu dienen. Der Ort, an den Foraths Töchter Kerry und Adrienne gebracht hatten, lag unter einem mächtigen Baum, der auf einem kleinen Hügel am Rand des Dorfes stand und einen guten Überblick über Foraths Heimatort gab. Und Kerry stellte fest, dass zumindest einige Dunländer wohl gar nicht so übel waren.
Eryn unterhielt sich hauptsächlich mit Adrienne, die ihr nach einiger Zeit sogar erlaubt, das Schwert in die Hand zu nehmen. Lynet hingegen schien sich viel mehr für Kerry zu interessieren und erstaunte sie damit, dass es sie nicht im geringsten zu stören schien, dass ihre neue Freundin aus Rohan kam.
"Ich habe diese seltsame Feindschaft sowieso nie richtig verstanden," sagte das Mädchen und zuckte mit den Schultern. "Die Alten sagen, dass die Menschen Rohans unseren Vorfahren ihre Heimat weggenommen und sie nach Dunland vertrieben haben. Aber es ist doch alles schon so lange her. Und außerdem mag ich es hier."
"Es stimmt, es ist wirklich schön hier," gab Kerry zu. Das Dorf des Stamms des Schildes strahlte Frieden und Ruhe aus und die Mittagssonne ließ Kerry sogar etwas schläfrig werden. Sie erinnerte sich daran, dass es in Hochborn ähnlich gewesen war. Als sie noch ein Kind gewesen war, hatte sie oft mit ihrem Onkel Cynewulf gespielt, der ihr unter anderem das Reiten beigebracht hatte und ein sonnigeres Gemüt als sein älterer Bruder besessen hatte. Kerry fragte sich, ob er wohl ebenfalls noch am Leben war. Gemeinsam mit seinem Bruder - Kerrys Vater - war Cynewulf mit den Rohirrim des Königs nach Gondor geritten, ehe der Sturm aus dem Osten über das Land hereingebrochen war.
"Um auf meine Fragen von vorhin zurückzukommen," sagte Lynet und riss Kerry aus ihren Gedanken. "Es tut mir Leid, dich dort ein wenig aus der Fassung gebracht zu haben: du hattest ja nicht einmal Zeit, richtig anzukommen. Aber jetzt finde ich, dass du entspannt genug aussiehst." Sie zwinkerte Kerry zu und fragte: "Ich habe gehört, dass Rohan von einer Königin regiert wird, deren Schönheit geradezu sagenhaft ist. Stimmt das? Und was hat sie so für Sachen an? Kennst du sie?"
"Ihr Name ist Éowyn, die Weiße Herrin von Rohan," erzählte Kerry. "Ich habe sie nur einige Male in der Hauptstadt Edoras gesehen, wenn ich meinen Vater besucht habe. Damals war sie aber noch nicht Königin. Das geschah irgendwann nachdem ich Rohan verlassen habe. Ich kann dir also leider nicht sagen, wie sie sich heutzutage kleidet, aber früher hatte sie eine Vorliebe für edle weiße Kleider, daher auch ihr Beiname." Sie beschrieb Lynet die Gelegenheiten, bei denen sie Éowyn zu Gesicht bekommen hatte und beantwortete geduldig die Zwischenfragen, die Foraths Tochter stellte. Als Kerry zwischendurch einen Seitenblick zu Adrienne warf, sah sie, dass die junge Gondorerin auf der an den Hügel angrenzenden Wiese neben Eryn stand und ihr vormachte, welche unterschiedlichen Deckungs- und Paradehaltungen ihr Schwert ihr ermöglichte.
"Wenn du möchtest, kann ich dir auch ein bisschen über die Elben erzählen," bot Kerry freundlich an. Sie stellte fest, dass sie Lynet wirklich mochte. Sie war nicht aufdringlich, wie ihr ältester Bruder, sondern herzlich und besonnen.
"Da fragst du noch? Na los, ich will alles wissen!" antwortete Lynet strahlend.
"Also zunächst zu deiner letzten Frage: Ja, ich habe eine Elbenkönigin gesehen - erst vor wenigen Tagen, in Tharbad. Dein Vater hat sie auch gesehen."
"Ist das wirklich wahr? Was hat sie dort gemacht? Und was hat sie getragen?"
Kerry beschrieb Faelivrins silbernes Kleid und die königliche Ausstrahlung, die ihre Adoptivschwester an diesem Tage getragen hatte. Sie erzählte Lynet von der Schlacht um Tharbad und von der Rolle, die die Elben dabei gespielt hatten und deutete an, dass Faelivrin eines baldigen Tages ganz in der Nähe vorbeikommen würde, um nach Eregion zu ziehen.
"Diese Gelegenheit werde ich mir nicht entgehen lassen," meinte Lynet freudenstrahlend. "Meinst du, sie würde... sie würde mir eine Audienz gewähren?"
Kerry grinste. "Natürlich würde sie das. Sie ist immerhin meine Schwester."
Lynets Gesichtszüge zeigten großes Erstaunen. "Deine Schwester? Aber wie ist das möglich?"
Fröhlich erzählte Kerry Foraths Tochter von ihrer Adoption und wie es dazu gekommen war. Als sie geendet hatte, nickte Lynet beeindruckt.
"Das bedeutet, wir sind bald Nachbarn! Wenn du bei deinen Eltern in Eregion wohnen wirst, können wir uns oft besuchen!"
"Ja," bestätigte Kerry. "Das wäre schön."

Eine halbe Stunde später stand Kerry mit Lynet in dem kleinen Raum in Foraths Haus, das seine beiden Töchter sich teilten und hielt ein hellblaues, elbisches Kleid in den Händen. Es war nur eines von dreien, die Nivim ihr geschenkt hatte, und Kerry war stets aufs Neue darüber erstaunt, wie klein es sich zusammenrollen ließ und somit kaum Platz in ihrer Tasche wegnahm. "Das müsste dir bestimmt passen," sagte sie zu Lynet und reichte dem Dunländermädchen das Kleid. Kerry drehte sich um und wartete, bis es hinter ihr aufgehört hatte, zu rascheln. Das elbische Kleid passte Lynet recht gut, auch wenn es vielleicht an einer Stelle noch etwas zu weit war. Lynet strahlte und drehte sich um die eigene Achse. "Das fühlt sich wirklich schön an," schwärmte sie.
"Du darfst es gerne behalten," sagte Kerry großzügig.
"Wirklich? Oh Kerry, das wäre einfach wunderbar!"
Kerry nickte. "Ja, wirklich." Es tat ihr gut, Lynet diese Freude zu machen. Als das Mädchen stehenblieb, fiel Kerry etwas ein. "Lynet, du hast doch gefragt, ob ich mal eine Prinzessin gesehen habe. Ich hatte es zwischendurch vergessen, aber die Antwort lautet Ja. Ich habe eine gesehen, und sie ist sogar mit mir in dieses Dorf gekommen," sagte sie lächelnd.
"Jetzt sag' nicht, dass du..." gab Lynet staunend von sich.
"Was, ich?" wunderte sich Kerry und lachte. "Nein, nein, ich könnte niemals eine Prinzessin sein. Und die Elbin, von der ich spreche, sieht auch nicht wirklich nach einer Prinzessin aus - sie will nämlich gar keine sein. Aber ihr Vater ist ein König und das bedeutet nun mal - "
"Du solltest wirklich lernen, deine flinke Zunge im Zaum zu halten," sagte Finelleths Stimme, und Kerry und Lynet fuhren herum. Thranduils Tochter lehnte in der Tür, ein Wurfmesser auf ihrem Zeigefinger balancierend. "Also, was mache ich nun mit euch? Ich kann nicht zulassen, dass ihr mein Geheimnis im ganzen Land verbreitet." Ihre Augen glitzerten gefährlich. "Ich denke, ich werde euch einfach die Zungen herausschneiden - das tut nur ein bisschen weh, und verheilt schnell. Komm, Kerry, am besten fangen wir mit dir an..." Sie machte drei schnelle Schritte auf Kerry zu und packte sie am Arm. Kerry schrie auf, das Messer schnellte auf ihren offenen Mund zu und... verharrte kurz davor. Lynet hatte entsetzt die Hände vor den Mund geschlagen und war bleich geworden, und Kerry stellte fest, dass sie für einen kurzen Augenblick tatsächlich geglaubt hatte, Finelleth würde ihr wirklich die Zunge herausschneiden. Doch dann zog die Elbin das Messer weg und kicherte laut drauflos, was Oronêl anlockte, der den Kopf zur Tür hereinsteckte.
"Was geht denn hier vor?" fragte er neugierig.
"Gar nichts" rief Lynet schnell und man hörte, dass sie nicht recht wusste, was sie von der Sache halten sollte.
"Ich bringe den jungen Leuten etwas Benehmen bei, gwador," sagte Finelleth ungerührt. "Möchtest du mitmachen?"
"Vielleicht sollte ich das," erwiderte Oronêl und stellte sich neben die Waldelbin. "Hat Kerry etwa geplaudert?"
"Ich werde es niemandem erzählen," versprach Lynet.
"Was wirst du niemandem erzählen?" hakte Oronêl nach.
"Dass deine Freundin die unheimlichste Prinzessin der Welt ist," stieß das Mädchen hervor.
"Das ist sie," bestätigte Kerry. Und als sie Oronêl ansah, und sich ihre Augen für einen Moment trafen, stellte Kerry fest, dass sie gar nicht auf ihn wütend gewesen war... sondern auf sich selbst. Er schien das Verstehen in ihren Augen zu sehen und nickte ihr freundlich zu. "Es tut mir..." setzte Kerry an, doch Oronêl hob die Hand.
"Es ist gut. Du hast es eingesehen, und das reicht mir." Lächelnd klopfte er Kerry auf den Rücken, während Finelleth bewundernd über das Kleid strich, das Lynet noch immer trug.
"Das steht dir gut, kleine Forathstochter. Kerry sollte es dir schenken... zur Wiedergutmachung für den Schrecken, den ich dir eingejagt habe."
"Habe ich bereits gemacht," warf Kerry ein.
"Umso besser," meinte Finelleth.
"Wie schön, seid ihr schon Freunde geworden?" sagte Foraths Frau Brigid, die gerade hereinkam. Als sie ihre Tochter sah, entfuhr ihr ein überraschter Laut. "Oh, Lynet, davon habe ich geträumt... kurz vor deiner Geburt. Wie schön. Wie schön meine Tochter geworden ist!" Sie umarmte ihre Tochter freudig. Als sie Lynet wieder freigab, sagte Bridig: "Es wird bald ein Festmahl geben; zur Feier der Rückkehr des Häuptlings und seines Sohnes, und ihres Sieges. Und ihr alle seid herzlich eingeladen, mir bei den letzten Vorbereitungen zu helfen!" Ihr Ton machte klar, dass sie keine Widerrede duldete. Doch Kerry nahm es Foraths Frau nicht übel. Sie freute sich darauf, beim Kochen zu helfen; denn dazu hatte sie seit Fornost keine Gelegenheit mehr gehabt.
"Mal sehen, ob Oronêl scharfe Gewürze verträgt," wisperte sie Finelleth zu, während sie Brigid durch die Häuptlingshütte folgte...
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Aéds Geschichte
« Antwort #20 am: 15. Feb 2017, 19:09 »
"Denk' gar nicht erst dran," sagte Oronêl, der natürlich jedes Wort gehört hatte. "Elbenohren, schon vergessen?"
"Das ist unfair," gab Kerry zurück, während sie eine Kartoffel in Würfel schnitt.
"Du solltest doch inzwischen gelernt haben, dass es dir nicht gut tut, Geheimisse zu haben," stichelte Finelleth, die mit erstaunlicher Geschwindigkeit Karotten und anderes Gemüse mit ihren Messern in kleine Stücke zerlegte. "Umso besser für dich, dass du von Leuten umgeben bist, die jeden weiteren Versuch im Keim ersticken."
"Ich wollte mir nur einmal etwas Spaß erlauben," antwortete Kerry schmollend.
"Auf meine Kosten?" gab Oronêl zurück. "Du hast doch bestimmt gesehen, wozu das in Ringechad geführt hat, als Finelleth es versucht hat."
"Das kriegst du noch zurück, mein lieber Oronêl," drohte Finelleth mit einem bösen Lächeln. "Ich werde es nicht vergessen."
"Darauf zähle ich," erwiderte Oronêl.

Kurz darauf saß die ganze Gruppe am reich gedeckten Tisch, an dessen Kopfende Forath auf einem erhöhten Sitz thronte. "Das Mahl ist hiermit eröffnet!" rief er. Es gab mehr als genug. Kerry, die zwischen Lynet und Finelleth saß, vermied es jedoch, Aéd anzusehen, der ihr schräg gegenüber neben Oronêl saß. Sie wollte sich jetzt nicht die gute Laune verderben lassen.
"Wollt ihr wirklich morgen schon weiterreisen?" fragte Lynet.
"Wir haben es leider etwas eilig," sagte Finelleth. "Wir haben dringende Dinge in Eregion zu erledigen. Oder besser gesagt, loszuwerden.´"
"Aber wenn das geschafft ist kannst du uns besuchen kommen!" warf Kerry begeistert ein. "Und dann stelle ich dich meiner nésa vor, der Elbenkönigin!"
Lynet strahlte. "Das würdest du tun? Obwohl ich eine Dunländerin bin?"
Kerry blinzelte mehrfach, überrascht von dieser Aussage. Und dann wurde ihr klar, dass Lynet mit ihrem Bruder Aéd geredet haben musste. "Ja," sagte sie leise. "Obwohl du eine Dunländerin bist... und ich von den Rohirrim abstamme."
"Gut," befand Lynet und nickte Kerry wissend zu. "Es sollte auch keinen Unterschied machen. Wir sind Menschen, egal aus welchem Land wir stammen."
Das machte Kerry nachdenklich, und grüblerisch verbrachte sie den Rest des Abendessens, während die gute Stimmung am Tisch rings um sie herum weiter anhielt.

Als es bereits dunkel geworden war kehrten Kerry und Lynet zu der Bank unter dem großen Baum zurück, auf der sie den Großteil des Nachmittags verbracht hatten. Der Vollmond hing tief über dem Dorf und tauchte es in ein geheimnisvolles silbernes Licht. Es war noch immer so warm dass Lynet trotz des luftigen elbischen Kleides nicht zu frieren schien.
"Was wolltest du mir hier zeigen?" fragte Kerry ihre neue Freundin.
"Das," sagte Foraths Tochter und zeigte auf ihre Heimat, die sich vor ihnen ausbreitete. "Mein Zuhause. Hier leben normale Menschen. Das wollte ich dir zeigen."
"Und das hast du. Dafür danke ich dir. Als Kind habe ich immer nur schlimme Geschichten über die Dunländer gehört... ich dachte, es wäre ein Volk von Wilden. Und als Aéd mir stolz von seiner ersten Schlacht erzählte, da fühlte ich mich bestätigt."
"Ich verstehe," sagte Lynet und stand rasch auf. "Aber ich bin nicht diejenige, die das hören muss."
Hinter ihr tauchte eine in Schatten gehüllte Gestalt auf. Als er ins Licht des Mondes trat, erkannte Kerry Lynets Bruder. Aéds Gesichtsausdruck war schwer zu deuten: Vorsicht und Nachdenklichkeit lagen darin, doch in seinen Augen spiegelte sich auch ein Funken Mut wider.
"Hallo, Kerry," sagte er leise, während sich Lynet rücksichtsvoll zurückzog und kurz darauf verschwunden war.
"Hallo, Wolf," gab sie zurück und beduetete ihm, sich neben sie zu setzen. "Ich habe gehört, was du gesagt hast. Und es tut mir Leid, dass ich so mit meinen Taten angegeben habe," begann er. Kerry sagte nichts, sondern nickte ihm aufmunternd zu. Sprich weiter, bedeutete das.
"Ich... bin nicht in den Krieg gegen Rohan gezogen, weil ich die Menschen dort hasste," fuhr Aéd fort. "Ich war damals sechzehn Jahre alt, und beneidete all die Krieger, die nach Süden zogen und Ruhm erringen konnten. Also ging ich mit, heimlich und gegen den Willen meines Vaters, denn er hatte bereits damals begriffen, dass die Rohirrim - er nannte sie niemals Forgoil, wie der Rest unseres Volkes - nicht unsere Feinde waren."
Kerry nickte erneut. Auch ihr war das nun klar geworden, im Bezug auf die Dunländer.
"Ich kämpfte an den Furten des Isen, tötete einen Mann, und verlor zwei meiner Freunde, die mit mir gegangen waren. Ich hasste die Männer nicht, gegen die ich kämpfte, im Gegensatz zu vielen anderen meiner Gefährten," setzte Aéd seine Geschichte fort. "Nach der Schlacht wurden wir weiter nach Rohan hinein entsandt, doch ich blieb zurück, weil ich in der Schlacht verwundet worden war. Damals war mir nicht klar, was die Aufgabe war, die Saruman den Dunländern zugedacht hatte, doch später, als ich mit dem Rest des Heeres gegen die Hornburg zog, sah ich es. Wir sollten plündern, rauben und morden - den Geist Rohans brechen. Das war nicht der Krieg, wie ich ihn mir vorgestellt hatte, und es ekelte mich an, Frauen, Kinder und Alte zu töten."
Er machte eine Pause und blickte zu Boden, ehe Aéd fortfuhr. "Die Schlacht in Helms Klamm war... Ich selbst habe nicht gekämpft, weil ich für den letzten Ansturm eingeteilt war. Und dennoch war die Schlacht das Schrecklichste, was ich je erleben musste. Ich begriff allmählich, dass ich - und der Rest der Dunländer - auf der falschen Seite stand. Dort, hinter den Mauern der Hornburg, standen Männer wie wir, die nur ihr Leben und das ihrer Liebsten beschützen wollten. Und wir kämpften an der Seite von Orks, die der Zauberer gezüchtet hatte, um die Menschen zu vernichten? Und was sind wir, wenn nicht ebenfalls Menschen? Saruman benutzte unseren uralten Hass, den wir seit Generationen hegen und pflegen, anstatt ihn zu überwinden, um sicherzustellen dass wir und die Rohirrim uns gegenseitig auslöschen würden.
Als der Weiße Reiter kam und die Schlacht sich wendete, warf ich meine Waffen nieder und ergab mich ohne zu zögern - es war der Tag meines siebzehnten Geburtstags, und ich wollte nicht mehr kämpfen. Ich erwartete gefesselt, geschlagen und gefoltert zu werden, und ich hatte es im Voraus als Strafe für meine Taten akzeptiert. Doch nichts davon geschah - wir wurden zwar nicht allzu freundlich behandelt, und mussten schuften um die Schäden wiedergutzumachen, die wir angerichtet hatten, doch wir wurden weder geschlagen noch gefoltert, noch mussten wir hungern. Damals erkannte ich, dass die Rohirrim nicht nur Menschen wie wir waren, sondern vermutlich sogar bessere Menschen."
"Vielleicht nicht alle von uns," warf Kerry ein, doch Aéd schüttelte leicht den Kopf.
"Die Jahre danach waren nicht einfach, denn außer meinem Vater war niemand der Meinung, dass der Krieg gegen Rohan enden müsste," sagte er. "Erst nach und nach gelang es uns, einen Teil unseres Stammes auf unsere Seite zu ziehen, und gleichzeitig in Bórans Gunst aufzusteigen. Und jetzt... Kerry, ich habe gesehen, was im Osten lauert und welcher Schatten über der Welt liegt. Ich habe dein Volk nie gehasst, und es tut mir leid, was mein Volk deinem angetan hat. Es geht schon lange nicht mehr um Land, denn dies ist nun unsere Heimat und ich glaube nicht, dass wir sie verlassen wollen. Es wird Zeit, den Hass zu überwinden und uns zu verbünden, gegen den Osten, gegen... Mordor. Doch dazu reicht es nicht, wenn wir auf euch zugehen - die Rohirrim müssen bereit sein, ihren eigenen Hass zu vergessen, und den Dunländern zu vergeben.
Als ich das erste Mal mit dir darüber gesprochen habe... Wollte ich prahlen. Ich wusste nicht, dass du aus Rohan kommst, doch auch so war es falsch, und es tut mir leid. Kannst du mir vergeben?"
Kerry atmete tief durch. Sie wusste, dass sie einige Zeit brauchen würde, um darüber nachzudenken. Doch sie sah auch, dass Aéd nicht auf eine Antwort warten konnte oder wollte. Also beschloss sie, ihrem Bauchgefühl zu vertrauen. "Ich verzeihe dir, Wolf. Und es tut mir ebenfalls Leid, dass ich Vorurteile gegen dich und dein Volk hatte. Weißt du, es war deine Schwester Lynet, die mir gezeigt hat, dass ihr kein Volk von grausamen Wilden sondern ganz normale Menschen wie die Leute aus Rohan seid. Und ich finde, wir sollten damit aufhören, uns von Saruman oder von sonst wem auch immer für ihre Kriege benutzen lassen. Du sagst, du hast gesehen, was im Osten lauert. Ich habe es auch gesehen, als mein Dorf von Orks niedergebrannt wurde. Ich habe gesehen, was der Dunkle Herrscher mit der Welt der Menschen anstellen will. Deshalb müssen die Rohirrim und die Dunländer aufhören, gegeneinander zu kämpfen und gemeinsam gegen den Schatten im Osten vereint stehen. Also... kannst du mir auch verzeihen?"
"Für die Ohrfeige? Nein, die hatte ich verdient," sagte Aéd grinsend. "Aber das Vorurteil verzeihe ich dir, Kerry. Danke, dass du ehrlich zu mir bist. Das bedeutet mir viel."
"Mir auch," sagte Kerry. "Mir auch."


Aéd-Teile by Eandril
« Letzte Änderung: 15. Feb 2017, 20:33 von Fine »
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Curanthor

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Elbische Gefühle
« Antwort #21 am: 16. Feb 2017, 03:34 »
Die Ankunft in Foraths Dorf war für Mathan zwar erleichternd, aber gleichzeitig waren ihm die Blicke der Dunländer unangenehm. Schon bald würden sie in seine alte Heimat gehen, den Ort wo er geboren wurde und stunden-, nächte und tagelang umhergewandert ist. Bei seiner Suche nach den Spuren des Freundes von Oronêl war er nicht so weit in den Norden gekommen. Zumindest nicht soweit wie jetzt. Mathan saß grübelnd auf einem Dach eines alten Stalls, der momentan nicht genutzt wurde und blickte sehnsüchtig nach Norden. Die Nacht war bereits hereingebrochen und weckte somit die Geister seiner Vergangenheit. Er erinnerte sich, dass es hier einige Kämpfe gegeben hatte und eine große Schlacht, kurz vor der Belagerung von der Hauptstadt. Hier war der Ort, wo er seinen Kampfgeist verlor und seinen Vater alleine zurückgelassen hatte. Ihm war bewusst, dass er während des Festmahls nicht sonderlich gesprächig oder höflich gewesen war. Trotzdem wollte er nicht jedem erklären, dass es nicht gerade einfach war nach dreitausend Jahren wieder nach Hause zu kommen. Zumindest in dem Land, in dem man aufgewachsen ist und seine ersten Erfahrungen gesammelt hatte, denn seine Heimat stets war dort, wo seine Familie sich aufhielt. Halarîn war bereits früh schlafen gegangen, da sie sich nicht wohl fühlte und Kerry schien sich mit den anderen Mädchen zu unterhalten. Faelivrin war wahrscheinlich noch immer in Tharbad und verwaltete dort die Ankunft ihres Volkes. Er seufzte und blickte hinauf zu den Sternen. Ob seine Mutter ebenfalls gerade in die Sterne blickte, schoss es ihn durch den Kopf. Seine Hand legte sich auf das kühle Medallion und er ließ seinen Blick zum Mond schweifen, der ab und zu von einzelnen Wolken verdeckt wurde. Einzelne Stimmen drangen an sein Ohr und er meinte sogar Kerrys Stimme zu hören, doch er blendete es aus. Diese Nacht war für ihn alleine. Es war wie vor tausenden Jahren, als er ganz alleine draußen vor den Toren Ost-in-Edhils gelegen hatte. Der Mond war öfters zu sehen gewesen als jetzt, aber die Sterne waren noch genauso wie damals. Auch lag er nicht in dem hohen Gras, das am Fuße des Hügels der Stadt wuchs, sondern hockte auf einem hölzernen Balken, der den First des Stalls bildete. Trotzdem kam es ihm etwas unwirklich vor. Der Blick in den Himmel gerichtet und das Amulett in der Hand saß er noch eine ganze Weile lang dort. Mathan hatte wenig in seinem Leben getan, was er bereute und nachdem er in Ringechad deutliche Spuren von seiner Mutter fand, noch wengier. Er bereute es nicht, sie nicht schon eher gesucht zu haben, denn das Schicksal hatte ihn von ganz alleine auf ihre Spur geführt. Erneut hallten ihre Worte in seinem Gedanken nach: Es ist ein Meisterwerk, doch unser wahres Meisterwerk, mein Sohn, das bist du.
Ein Klotz stieg in seinem Hals auf und mit Mühe konnte er sich gerade noch zusammenreißen. In seinen Gedanken hörte er die liebliche Stimme seiner Mutter sprechen, ihre kühlen Hände berührten seine Wange und er zuckte zusammen. Mathan öffnete die Augen. Sie waren ihm zugefallen und etwas hatte sein Gesicht berührt. Rasch blickte er sich um, doch konnte man nichts entdecken, es war tief in der Nacht und er saß noch immer auf dem First der Scheune. Zu seinem Glück war er nicht heruntergefallen und atemte tief ein. Der frische Nordwind beruhigte sich etwas und ließ den Elben den Kopf schütteln. Er war zu sehr im Gedanken gewesen, denn es war das erste Mal, dass er richtig darüber nachdachte, was ihm seine Mutter für eine Nachrichter hinterließ. Er wusste, dass sie immer gern Rästel machte. Alleine schon die Karte war nicht gerade einfach gewesen, die ihn zu dem Versteck geführte hatte.
Nachdenklich ließ er sich erneut ihre Worte durch den Kopf gehen, die sie ihm in der Eiswüste hinterlassen hatte.
Nun musst du den nächsten Abschnitt meistern, doch dieses Mal werde ich ein Teil davon sein.
Mathan setzt sich auf und fragte sich, was sie genau damit meinte. Einen Teil davon sein?, wiederholte er im Gedanken und strich über die Knaufe der Silmacil.
Grübelnd zeichnete er eine Sternrune nach, während er sich den Kopf zerbrach, wie sie das gemeint haben könnte. Ihm war klar, dass sie nicht die Waffen im Sinn hatte. Seine freie Hand fuhr zum Medallion, eine Geste, die er sich in den letzten Tagen angewöhnt hatte, denn sie half ihm beim Nachdenken. Doch auch das half nicht und Mathan seufzte erneut, den Blick wieder in den Himmel gerichtet. Mittlerweile hatte sich eine Wolkendecke gebildet, sie einen weiteren Blick auf die Sterne verhinderte. Er deutete das als ein Zeichen und seufzte schwer. Ihm war bewusst gewesen, dass es nicht einfach wäre wieder nach Eregion zu gehen. Doch bereits jetzt stellte sich eine gewisse Schwermütigkeit bei ihm ein. Auf leisen Sohlen schlich er sich durch das Dorf und erschreckte dabei ein paar Wachen, da er plötzlich vor ihnen auftauchte. Schließlich gelangte er in die Kammer, die er sich mit Halarîn teilte und schloss ab. Die Gedanken noch immer an Eregion hängend, zog er sich das Oberteil aus und legte nachdenklich das Amulett beiseite. Dabei konnte er sich eine einzelne Träne nicht erwehren. Diese Nacht würde nicht leicht werden und die folgenden Tage auch nicht, dennoch muss er stark sein. Nicht weil er dazu gezwungen war, sondern weil er es so wollte. Vorsichtig krabbelte Mathan unter die Decke neben Halarîn. Sobald er sich hingelegt hatte, bewegte sie sich und schien ihm den Kopf zuzudrehen.
"Alles in Ordnung?", fragte sie leise und strich ihm über die Wange.
Ohne etwas zu sagen zog er sich an sich und betete seinen Kopf an ihre Schultern, einzelne Tränen benässten ihre Haare. Mathan schämte sich ihrer nicht und atmete nur hin und schwer ein und aus.

Eandril

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Re: Dunland
« Antwort #22 am: 17. Feb 2017, 13:37 »
Bereits früh am nächsten Morgen brachen sie auf. Vom Glanduin her war dünner Nebel die Hügel hinauf gekrochen, und die Luft war kühl - der Sommer klang allmählich aus, und der Herbst rückte näher. Oronêl überprüfte noch einmal den Sitz seiner Ausrüstung, während er vor dem Haus des Häuptlings auf die anderen wartete. Mathan war bereits dort, doch er stand ein Stück entfernt an die Wand einer Hütte gelehnt und wirkte nicht so, als ob er mit jemandem reden wollte, also hatte Oronêl beschlossen, ihn in Ruhe zu lassen. Es musste schwer sein, in die Überreste seiner alten Heimat zurückzukehren, und Oronêl konnte Mathan verstehen. Er wusste nicht, wie er selbst reagieren würde, sollte sein Weg ihn jemals wieder nach Lórien führen.
Nach und nach versammelten sich auch die übrigen Gefährten. Finelleth wirkte wie häufig in letzter Zeit tief in Gedanken. Seit sie den Ring des Hexenkönigs an sich genommen hatte, kamen ihr eigentlich fröhliches und freundliches Gemüt, ihr Hang zum Spott und die schalkhaft funkelnden Augen nur noch selten zum Vorschein - der letzte Abend war eine dieser Ausnahmen gewesen. Auch um ihretwillen hoffte Oronêl, dass sie die Schmieden sobald wie möglich finden und die Ringe loswerden könnten, denn er vermisste die Finelleth, die sie vorher gewesen war.

Forath verließ gemeinsam mit Brigid das Haus, und hatte ihr einen Arm eng um die Taille geschlungen. Beide redeten leise und eindringlich miteinander, und obwohl Oronêls Ohren empfindlich genug waren, um sie hören zu können, konnte er nicht verstehen was sie sagten, denn sie benutzten die Sprache der Dunländer. Schließlich küsste der Häuptling seine Frau innig, gleichgültig, wer sie dabei sehen konnte, und ließ dann den Blick über die Gruppe schweifen. Aéd kam kurz nach seinen Eltern aus dem Haus, gefolgt von Adrienne und Kerry, die von Foraths Töchtern begleitet wurden. Beide Mädchen redeten aufgeregt auf die beiden älteren ein, und schienen gar nicht begeistert davon zu sein, ihre neuen Freundinnen schon wieder gehen lassen zu müssen. Auch Celebithiel und Halarîn waren inzwischen eingetroffen, und so waren die Gefährten nun vollständig.
"Also gut", sagte Forath laut, und schien sich zu straffen. "Wollen wir aufbrechen und... die Welt retten?"
Oronêl musste lächeln. "Das ist vielleicht ein bisschen viel verlangt. Aber wir können unseren Beitrag dazu leisten." Ihm fiel auf, dass Kerry und Aéd einander nicht länger auswichen - anscheinend hatten sie es geschafft zu klären, was zwischen ihnen gestanden hatte. Oronêl vermutete stark, dass die Bekanntschaft mit dem weniger kriegerischen Rest von Foraths Familie Kerry dabei geholfen haben mochte.
Mathan hatte ein paar leise Worte mit Halarîn gewechselt, und sagte nun: "Bereit zum Aufbruch."
Während der Rest der Gefährten wartete, umarmten Forath und Aéd nacheinander ihre ganze Familie, und Oronêl hörte Aéd zu seiner jüngsten Schwester, der jetzt die Sorge ins Gesicht geschrieben stand, sagen: "Keine Sorge, Prinzessin. Wir kommen heile zurück, ich verspreche es."

Sie verließen das Dorf in östlicher Richtung, auf der Straße die sich am Südufer des Glanduin entlang zog. "In etwa zehn Meilen kommt eine Furt, dort können wir den Fluss überqueren", erklärte Forath, der mit Oronêl und Mathan an der Spitze der Gruppe ging. "Das ist zwei Meilen westlich der Stelle, an der ein zweiter kleiner Fluss in den Grenzfluss mündet."
"Wir haben ihn Sirannon genannt, den Torbach", warf Mathan leise ein, schüttelte dann den Kopf als wollte er eine Erinnerung vertreiben, und ließ sich nach hinten zu Halarîn zurückfallen.
"Es scheint ihm schwerzufallen, dorthin zu gehen", sagte Forath leise. "Warum?"
"Eregion war früher seine Heimat", erklärte Oronêl. "Stell dir vor, du kommst nach über dreitausend Jahren an den Ort zurück, an dem beinahe jeder, den du in deiner Jugend kanntest, einschließlich deines Vaters, getötet und alles was du kanntest und liebtest, zerstört wurde. Das würde, denke ich, jedem schwerfallen."
Forath nickte langsam. "Ich bin kein Elb und werde niemals so lange leben, aber... ich glaube, ich verstehe. Wenn mein Dorf vor meinen Augen zerstört würde, und meine Freunde und Familie getötet... ich würde nie wieder dorthin zurückkehren wollen."
Unwillkürlich wurde Oronêls Blick von den fernen Berggipfeln im Osten angezogen, und seine Gedanken schweiften kurz zu dem, was auf der anderen Seite lag. Auch er wollte niemals nach Lórien zurückkehren, und die Zerstörung sehen, die Saruman verursacht hatte.

Wenige Stunden später erreichten sie die Furt, von der Forath gesprochen hatte, und überquerten die Grenze Eregions.

Die ganze Gruppe nach Eregion
« Letzte Änderung: 9. Feb 2021, 11:48 von Fine »

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Eandril

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Re: Dunland
« Antwort #23 am: 8. Mär 2017, 14:13 »
Oronêl, Finelleth, Aéd, Celebithiel und Kerry aus Eregion...

Bevor die Fünf aufgebrochen waren, war Aéd noch einmal in die Schmiede zurückgekehrt - allein, und als er zurückkehrte trug er ein rundes Bündel mit sich. Oronêl ahnte, was es enthielt, doch er fragte nicht nach. Während sie sich ausruhten, und nach der Dunkelheit der Schmiede die warme, spätsommerliche Sonne genossen, hatten sie eine Trage aus einigen stabilen Ästen gebaut, auf die sie Forath legten, als es Zeit zum Aufbruch war.
Sie waren am Nachmittag von der Schmiede aufgebrochen, und als sie die Furt über den Glanduin erreichen, die die Grenze zu Dunland bildete, war die Nacht hereingebrochen. Sie beschlossen, hier ihr Nachtlager aufzuschlagen und erst am nächsten Tag weiterzugehen, denn das Dorf war noch einige Wegstunden entfernt. Inzwischen hatte Oronêl sich einigermaßen erholt, denn seine Verletzungen waren vornehmlich Prellungen und Stauchungen gewesen, die sich nach ein wenig Bewegung schon deutlich besser anfühlten. Als er ein kleines, rauchloses Feuer entfacht hatte, ließ er den Blick über seine Gefährten schweifen, die alle Spuren des Erlebten trugen. Mathan und Halarîn fehlten, denn wie angekündigt waren sie mit Amarin in der Schmiede zurückgeblieben. Sie konnten Mathans Vater im Augenblick nicht allein lassen, und Amarin war nicht in der Lage, eine Reise nach Dunland zu unternehmen. Mathan mit seinem Vater zu sehen war ein merkwürdiges Gefühl für Oronêl gewesen. Sein eigener Vater war bereits so lange fort, dass die Erinnerung an ihn beinahe verblasst war, und er wusste, er würde ihn in Mittelerde niemals wiedersehen. Umso mehr freute er sich für Mathan, dass dieser seinen totgeglaubten Vater gefunden hatte, und er hoffte dass es gelingen würde, dessen Geist mit der Zeit zu heilen.
Auch Adrienne war in Eregion zurückgeblieben, denn wie sie sagte (sodass Aéd es nicht hören konnte), hatte sie kein großes Interesse daran, erneut von einer Horde haariger Dunländer begafft zu werden, und wollte lieber Mathan und Halarîn helfen.
Oronêls Blick wanderte über Aéd, der im flackernden Feuerschein bleich und erschöpft aussah, doch nicht länger von Trauer überwältigt, zu Kerry, die ein Stück neben ihm saß und begonnen hatte, etwas zu essen vorzubereiten. Oronêl war durchaus aufgefallen, dass Aéd sich immer zu entspannen schien, wenn sie in der Nähe war oder sein Blick sie traf - und dass sie diese Blicke keineswegs mehr unangenehm zu finden schien. Er fragte sich, ob es nur Mitleid war, oder etwas mehr.
Ein Stück weiter traf sein Blick auf Celebithiel, die den gesamten Weg über schweigsamer als üblich gewesen war. Sie war blass, und die Wunde in ihrem Arm bereitete ihr sichtlich Schmerzen. Zum Glück war das Schwert des Hexenkönigs gewöhnlicher Stahl gewesen und keine verfluchte Morgulklinge, doch die Wunde war tief und schmerzhaft. Insgeheim hoffte Oronêl, im Dorf bereits auf die Vorhut der Manarîn zu treffen, unter denen sich sicherlich fähige Heiler befinden würden.
Finelleth saß ein Stück vom Feuer entfernt auf einem umgestürzten Baumstamm, die Beine angezogen und die Arme um die Knie geschlungen. Als Oronêl sich neben sie setzte, zuckte sie zusammen, sagte aber zunächst kein Wort. Auch Oronêl schwieg, denn er wusste, wenn sie reden wollte, würde sie beginnen, und betrachtete gedankenverloren sie Sterne am wolkenlosen Himmel.
Schließlich begann sie langsam: "Als der erste Ring vernichtet war... hatte ich das Gefühl, dass eine fremde Macht mich beherrschte. Diese Macht wollte unbedingt verhindern, dass ich den Ring des Hexenkönigs ins Feuer warf und... Ich sah Bilder vor meinen Augen, was geschehen würde wenn ich es tat. Wie das Waldlandreich brannte, wie alle meine Freunde starben, und zuletzt... mein Vater. Und selbst wenn ich seine Entscheidungen nicht verstehe, er ist noch immer mein Vater, und... ich liebe ihn deswegen nicht weniger. Verstehst du das, gwador?"
Oronêl legte ihr den linken Arm um die Schultern. "Ich verstehe es, Faerwen."
Finelleth lächelte schwach, als sie ihn anblickte und fragte: "Warum nennst du mich so? Als du mich in der Schmiede angerufen hast, hast du bereits diesen Namen benutzt, und als du mich geweckt hast, ebenfalls. Warum nicht mehr Finelleth?"
"Ich weiß nicht..." Oronêl zuckte mit den Schultern. "Finelleth passt zu dir, und dennoch... im Augenblick scheinst du eher Faerwen, Thranduils Tochter zu sein. Du hast zuerst an deinen Vater gedacht, als ich dich in der Schmiede geweckt habe."
"Das ist wahr", erwiderte Finelleth, und warf ihm dann einen ängstlichen Blick zu. "Du bist doch nicht wütend deswegen?"
Oronêl lächelte und schüttelte den Kopf. "Nein, bin ich nicht. Aber... du weiß was das heißt." Finelleth blickte zu Boden. "Ja." Sie seufzte tief, und hob dann den Blick hinauf zu den Sternen. "Ich weiß. Ich muss... zu ihm gehen. Es ins Reine bringen. Und ich will es auch tun, aber... ich habe Angst davor", gab sie leise zu.
"Ich werde mit dir kommen", erwiderte Oronêl, und in diesem Moment lag sein weiterer Weg endlich klar vor ihm. Die ganze Zeit hatte er ein Ziel gehabt, den Ring des Nazgûl zu zerstören. Doch jetzt, wo es gelungen war, hatte er nicht länger gewusst, was seine Aufgabe war - bis zu diesem Moment. Da seine eigene Aufgabe erfüllt war, würde er seine Freunden helfen, dafür sorgen, dass sie alle diesen Krieg überstanden. Er würde alles dafür tun. Oronêl lächelte. "Schließlich ist Thranduil mein Vetter... Zeit für ein Familientreffen."

Zum dritten Mal betrat Oronêl das Dorf am Südufer des Glanduin. Das erste Mal war er heimlich gekommen, unbemerkt von den Dunländern und auf der Suche nach Amrothos und dem Ring, der jetzt nicht mehr existierte. Das zweite Mal waren sie im Triumph von Tharbad gekommen, auf dem Weg die Ringe zu vernichten und nun kehrten sie zurück - auch im Sieg, doch dieser Sieg hatte einen traurigen Beigeschmack. Am östlichen Rand des Dorfes hatte sich eine kleine Gruppe Menschen versammelt, doch Oronêl erkannte überrascht, dass Faelivrin und ihre Leibwächter unter ihnen waren. Ganz vorne stand Brigid, die der Gruppe ruhig und gefasst entgegenblickte. Als Oronêl und Aéd Foraths Trage vor ihr sanft absetzten, ließ sie den Blick über den Körper des gefallenen Häuptlings schweifen und sagte leise: "Ich habe gewusst, was geschehen würde, und dennoch... der Gedanke, dass er nicht mehr hier ist, ist merkwürdig. Als wäre die Welt ein wenig leerer geworden."
Niemand sagte etwas, doch Kerry ging stumm zu Faelivrin hinüber, und die Königin schloss sie in die Arme. Auf Aéds Wange zuckte ein Muskel, als Brigid den Kopf hob und sagte: "Hattet ihr wenigstens Erfolg? Ist mein Mann nicht umsonst gestorben?"
"Wir haben die Aufgabe erfüllt, zu der wir aufgebrochen sind", begann Oronêl, und Celebithiel ergänzte: "Zwei der neun Ringe existieren nicht länger, und ihre Macht ist vergangen. Der Schatten im Osten hat einen schweren Schlag erlitten."
"Und es wäre ohne Foraths Hilfe nicht möglich gewesen", sagte nun wieder Oronêl. "Auch wenn es wahrscheinlich ein schwacher Trost ist."
"Das ist es", erwiderte Brigid, und schüttelte langsam und traurig den Kopf, ohne den Blick von Foraths Gesicht abzuwenden. "Und dennoch..." Ein seltsamer Ausdruck trat auf ihr Gesicht, als wäre ihr etwas schreckliches eingefallen. "Die Kinder... bei allen Göttern, wie sage ich es den Kindern?"
"Ich helfe dir", sagte Aéd mit rauer Stimme, die ersten Worte, die er seit ihrer Ankunft sprach, doch Brigid schüttelte erneut den Kopf. "Nein. Du wirst anderswo gebraucht." Ihr Blick schweifte von ihm über Kerry und Oronêl bis hin zu Faelivrin. "Ihr alle werdet anderswo gebraucht..." Sie blickte wieder ihrem Stiefsohn fest in die Augen. "Wie dein Vater angewiesen hat, haben sich die anderen Häuptlinge hier versammelt - doch sie wollten nicht warten, bis ihr aus Eregion zurück seid. Sie haben sich in der alten Kampfstätte versammelt, um einen Wolfskönig zu wählen."
Ein Ausdruck der Entschlossenheit trat in Aéds Gesicht, und Oronêl war sich sicher, dass er an die letzte Aufforderung seines Vaters dachte. "Nicht ohne mich", sagte er leise und mit fester Stimme.
"Kommt mit mir", sagte er an Kerry und Oronêl gewandt, und zu Faelivrin sagte er: "Dies betrifft euch ebenso, Herrin, denn ihr werdet in unserer direkten Nachbarschaft leben. Ich bitte euch, kommt ebenfalls mit mir." Faelivrin schien einen kurzen Augenblick zu überlegen, dann nickte sie. "Du hast recht, Forathssohn. Dein Vater hat uns in Tharbad freundlich willkommen geheißen, und ich will tun was ich kann damit sein Sohn seinen rechtmäßigen Platz einnimmt."
Aéd ging mit schnellen Schritten voran, gefolgt von Oronêl, Faelivrin und Kerry, und den drei Leibwächtern der Königin. Während sie durch das Dorf eilten, fragte Faelivrin leise: "Was ist mit meinen Eltern? Geht es ihnen... gut?" Oronêl nickte, und lächelte. "Ja, es geht ihnen gut. Aber sie haben in der Schmiede etwas gefunden... oder vielmehr jemanden, der ihre Hilfe braucht."
Faelivrin zog überrascht eine schmale Augenbraue in die Höhe. "Sie haben jemanden gefunden? Wen?"
"Amarin. Mathans Vater", erwiderte Kerry an Oronêls Stelle, und Faelivrins Gang stoppte kurz. "Amarin... ich dachte, er wäre tot... lange vor meiner Geburt gefallen."
"Das dachte Mathan ebenfalls, doch er hat überlebt", meinte Oronêl. "Allerdings braucht er Hilfe, und... nun, am besten ist es, wenn du es selbst siehst und dein Vater selbst es dir erzählt."

Sie erreichten den Kampfplatz hinter dem großen Haus, wo sich eine große Menge Krieger versammelt hatten. Aéd schob ohne Zögern Männer nach links und rechts zur Seite, und bahnte ihnen so einen Weg. Als sie auf die freie Fläche in der Mitte des Kampfplatzes hinaustraten, waren sie von einem Ring aus Dunländern umgeben, und Kerry ergriff ein wenig verunsichert Faelivrins Hand. Ihnen gegenüber standen sechs Männer, hinter denen Banner mit verschiedenen Zeichen in den Boden gerammt waren: Ein blutiges Messer, ein Ring, ein Stab, ein leeres Gewand, eine Kette und ein eiserner Reif. Nur das Schild, für den Stamm des Schildes fehlte.
Der Mann unter dem Banner des Ringes verzog das bärtige Gesicht beim Anblick der Neuankömmlinge. "Willkommen, Aéd Forathssohn. Ich bin sicher, es gibt einen wichtigen Grund für dich, diese Versammlung zu stören... noch dazu mit solchem Gefolge."
"Den gibt es allerdings", erwiderte Aéd, und trat ein Stück vor. "Doch zuerst wüsste ich gerne, wie diese Versammlung zustande kommt - ohne die Anwesenheit des Häuptlings des Stammes des Schildes."
"Es schien uns unwahrscheinlich, dass ihr von dieser... Unternehmung... lebendig zurückkehren würdet", entgegnete der Mann unter dem Banner der Kette mit atemberaubender Selbstsicherheit. "Und da der Stamm des Schildes damit für die nächste Zeit praktisch führerlos ist, und die Zeit drängt... Wo ist dein Vater überhaupt?"
Oronêl sah, wie Aéds Rücken sich anspannte, und der junge Krieger tief durchatmete.
"Mein Vater ist tot." Stille senkte sich über den Ring, und der Häuptling, den Oronêl als Corgan erkannte, und als einer der wenigen überhaupt nicht zufrieden mit der Situation zu sein schien, sagte: "Tot. Wie?"
Aéd warf einen kurzen Blick über die Schulter zu Oronêl und Kerry, und löste das rundliche Bündel von seinem Gürtel. "Er fiel in den Schmieden von Eregion, im Kampf gegen Sarumans Botschafter Angbaug. Doch sein Tod blieb nicht lange ungerächt." Mit einer raschen Bewegung zog er etwas rundes aus dem Bündel, und warf es den Häuptlingen entgegen. Angbaugs Kopf prallte mit einem dumpfen Schlag in den Staub, rollte ein Stück und blieb dann auf dem Stumpf des Halses liegen, das zu einer Grimasse verzerrte Gesicht den Häuptlingen zugewandt. Oronêl hörte, wie Kerry neben ihm scharf die Luft einzog.
Hatte sich zuvor Stille über den Platz gelegt, so war es nun Totenstille. Der Häuptling des Messers und der der Kette wechselten einen raschen Blick, und schließlich sagte der erste gedehnt: "Nun... der Verlust Foraths, eines der größten Anführer die das Volk der Dunländer hervorgebracht hat, ist äußerst traurig und erschütternd. Und dich, Aéd Forathssohn, beglückwünsche ich im Namen der Versammlung zu der raschen und geglückten Rache seines Todes. Allerdings... der Tod deines Vaters macht dich nicht zum Häuptling. Ich muss dich also bitten, auf deinen Platz zu gehen." Er deutete auf den Rand des Kampfplatzes, wo sich die gewöhnlichen Krieger drängten.
Oronêl hatte Verunsicherung bei Aéd erwartet, doch als der Häuptlingssohn lachte wurde ihm klar, dass er damit gerechnet hatte.
"Du hast Recht, Yven vom Stamm des Messers, das ist ein Problem." Aéd breitete die Arme aus, und sprach nun direkt die Krieger im Kreis um die Versammlung der Häuptlinge an. "Männer vom Stamm des Schildes! Ihr alle wisst wer ich bin und was ich getan habe, also spare ich mir die Angeberei mit meinen Taten. Wer spricht dagegen, dass ich, Aéd Forathssohn, das Erbe meines Vaters als Häuptling dieses Stammes antrete?"
Wieder lag Stille über dem Platz, bis schließlich jemand aus der Masse der Krieger rief: "Es gibt keinen Würdigeren." Zustimmendes Gemurmel erhob sich unter den Männern des Schildes, und schließlich trat ein junger Mann auf den Platz hervor, in dem Oronêl Domnall erkannte, der mit ihnen in Tharbad am Tor gekämpft hatte. Er trug ein helles, eng zusammengerolltes Bündel, und als er es entrollte erkannte Oronêl das Fell eines weißen Wolfes. Domnall hielt Aéd das Fell entgegen und sagte: "Du hast recht, wir alle wissen wer du bist - Aéd, Häuptling vom Stamm des Schildes!" Aéd nahm den Pelz langsam entgegen und war ihn sich um die Schultern, obwohl die Sonne schien und es nicht kalt war. Im Sonnenlicht schimmerte das weiße Fell, und Domnall rief: "Hoch Aéd, Häuptling vom Stamm des Schildes!" Aus der Menge der Zuschauer antwortete ein donnerndes "HOCH!" Allerdings hatte höchstens die Hälfte der Männer den Ruf aufgenommen - die anderen gehörten, vermutete Oronêl, nicht zum Stamm des Schildes. Aéd hatte in der Zwischenzeit das Wolfsfell an seinen Schultern befestigt, und wandte sich nun wieder mit einem liebenswürdigen und gleichzeitig gefährlichen Lächeln den anderen Häuptlingen zu.
"Damit wäre das beschlossen... und nun, Yven und ihr anderen würdigen Häuptlinge, werdet ihr mich zu eurem Wolfskönig wählen."
Seine Worte riefen Tumult hervor, als Häuptlinge und Krieger gleichermaßen durcheinander schrien. Niemand schien damit gerechnet zu haben, dass ein junger Mann, der gerade eben zum Häuptling über seinen eigenen Stamm ernannt worden war, sofort nach der Herrschaft über alle Dunländer greifen würde. Und niemand schien es akzeptieren zu wollen. Der einzige, der nicht schrie sondern nur Aéd aufmerksam beobachtete, war Corgan, der Häuptling vom Stamm des Stabes.
Schließlich kehrte wieder ein wenig Ruhe ein, und Yven, der der Wortführer der Versammlung zu sein schien, schickte sich an das Wort zu ergreifen. Es kam Oronêl merkwürdig vor, dass der Häuptling eines Stammes, der erst vor wenigen Tagen besiegt worden war, nun das Wort in einer Versammlung der Häuptlinge führte. Offenbar war Foraths Bündnis noch instabiler gewesen, als dieser geahnt hatte.
"Und mit welchem Recht beanspruchst du diese Ehre, Aéd Forathssohn?", fragte er, und Aéd antwortete: "Mit dem Recht der Vernunft - oder dem Recht des Stärkeren, wenn du darauf bestehst." Er schenkte Yven erneut ein freundliches Lächeln, in dem jedoch etwas unbestreitbar wölfisches zu sehen war. "Ich biete euch keine Eroberungen und keine Kriegsbeute an", sprach Aéd weiter, an die Häuptlinge wie die einfachen Krieger gerichtet. "Sondern Frieden - für den Moment. Einen Frieden, in dem wir uns erholen können von den Wunden und Verlusten der vergangenen Jahre, in dem wir wachsen und stärker werden können. Einen Frieden mit unseren elbischen Nachbarn im Norden", er deutete auf Faelivrin, "und mit Rohan im Süden." Bei den letzten Worten erhob sich ein Raunen in der Menge, doch Aéd fuhr unbeirrt fort: "Und wenn es soweit ist, werde ich euch erneut in den Kampf führen - doch nicht gegen die Menschen Rohans, sondern an ihrer Seite gegen den Schatten im Osten, den Schatten, der ein Feind aller Menschen ist und die ganze Welt überziehen wird, wenn wir nicht handeln. Mein Vater ist für diesen Traum gestorben, und ich würde ebenso mein Leben hingeben, um das zu erreichen."
Er verstummte, und nach einem Moment des Schweigens entgegnete Yven spöttisch: "Ein Traum - genau das ist es. Dieser Junge versucht uns Angst zu machen mit Geschichten von irgendeinem Schatten, der uns alle töten wird. Hat einem von euch schon mal ein Schatten irgendein Leid getan?" Leises Gelächter war in der Menge zu hören, und Oronêl spürte, wie Aéd die Kontrolle über die Versammlung zu entgleiten begann. "Nein, ich weiß, was er vorhat - dieser Freund von Elben und Forgoil, der selbst nur ein halber Dunländer ist", sprach Yven hasserfüllt weiter. "Er will uns einschüchtern, er will uns schwächen, mit seinem Gerede von Frieden. Uns, das Volk der Dunländer! Wir nehmen uns was uns gehört, mit Feuer und Schwert! Eines Tages werden wir über die Länder des Südens kommen, und die Forgoil davontreiben, wenn sie es nicht erwarten! Das verspreche ich, Yven, Sohn des Yven, euch! Seht ihn euch an, seht seine Freunde. Aéd predigt uns von Frieden, doch er will nur seine kleine Geliebte von den Pferdemenschen in Sicherheit wissen!" Sein Gesicht verzog sich zu einem hässlichen Grinsen, als er auf Kerry deutete. "Jeder sieht doch, dass die Kleine zu den Forgoil gehört... aber hübsch ist sie immerhin, und er will verhindern, dass ihr das Schicksal erspart wird, was allen Forgoil-Frauen blüht wenn wir über sie kommen!" Oronêl legte die Hand auf den Axtgriff und unterdrückte mühsam den Zorn, der ihn bei diesen Worten überkommen hatte. Aus der Menge war zustimmendes Murmeln zu hören, doch nicht alle schienen mit Yven einer Meinung zu sein. Viele schwiegen, und eine große Gruppe schüttelte die Köpfe und murrte ablehnend. Doch Oronêl wusste, es würde nicht reichen - und stellte in diesem Moment entsetzt fest, dass Kerry nicht länger neben ihm stand, sondern zwei Schritte nach vorn gemacht hatte und nun neben Aéd stand.
"Du hast recht, Yven, Yvens Sohn", sagte sie laut, und ihre Stimme zitterte nur am Anfang ein wenig. "Ich bin Déorwyn, Cynerics Tochter aus Rohan... doch ich bin auch Ténawen Morilië aus dem Haus Nénharma. Dort steht Faelivrin, meine Schwester und Königin der Manarîn. Und ihr könnt euch sicher sein, dass ihr sie ebenfalls zum Feind haben werdet, wenn ihr Krieg gegen Rohan führt." Oronêl sah sie lächeln, obwohl die Wut in ihrer Stimme nicht zu überhören war. "Und gegen diese Elben könnt ihr nicht gewinnen, nicht entzweit und uneins wie ihr seid, und nicht wenn ihr auch noch Krieg gegen Rohan führen müsst. Saruman kann euch nicht länger helfen, und wenn ihr nicht Aéds Weg folgt, werdet ihr untergehen - spätestens, wenn Saurons Horden dieses Land erreichen."
Yven war blass geworden und einen Schritt zurückgetreten, während Corgan und einige der anderen Häuptlinge beinahe unmerklich lächelten. Yven öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch Oronêl trat vor und legte Kerry die Hand auf die Schulter.
"Kerry spricht im Zorn - und doch die Wahrheit", sagte er. "Ich habe einmal an diesem Ort um mein Leben und meine Freiheit gekämpft - als Bóran Häuptling dieses Stammes war. Ich habe damals gesehen, dass die Dunländer Ehre und Größe besitzen können, und das sie fehlgeleitet sind. Wenn ihr den Worten dieses Mannes Glauben schenkt, werdet ihr diese falsche Führung niemals abschütteln, bis zu eurem Untergang.
Euch ist ein Unrecht getan worden, als ihr aus eurer alten Heimat vertrieben worden seid. Doch wie viele eurer Generationen ist das her? Wie viele Generationen haben in diesem Land gelebt und es liebgewonnen? Es gibt niemanden mehr unter euch, der sich an eure alte Heimat in Rohan erinnert. Das Land ist nun die Heimat der Rohirrim, ebenso wie dieses Land nun eure Heimat ist, und niemand sollte jemanden vertreiben. Ihr könnt euren Hass und eure Kränkung in den Herzen behalten und hegen und pflegen, doch dann werdet ihr niemals euren Frieden finden. Nicht hier, nicht in Rohan oder irgendeinem anderen Land. Forath hatte das erkannt, und auch, dass ihr fest an der Seite aller anderen Menschen und der Elben gegen Sauron stehen müsst, wenn Mittelerde überleben soll. Forath ist dafür gestorben, doch hier steht sein Sohn, und tritt für die selben Wahrheiten ein - und muss dafür Hohn und Spott von jenen ertragen, die nicht über ihren Hass hinaussehen können.
Aéd Forathssohn ist derjenige, der euch ans Ende dieses Zeitalters führen sollte. Ich bin eindeutig kein Dunländer", leises Lachen war um den Ring zu hören, "Doch ich spreche als Freund der Dunländer. Ich bitte euch, denkt über unsere Worte nach, und kommt zu einer Entscheidung, die das Volk Dunlands überleben lässt, anstatt es sinnloser Rache zu opfern."

Als Oronêl ausgesprochen hatte, herrschte erneut Stille über dem Versammlungsplatz, und nur das Rascheln des Windes im Gras war zu hören. Noch immer war die Stimmung unglaublich angespannt, und Oronêl konnte nicht vorhersagen, wie die Versammlung ausgehen mochte.
Dann trat Corgan vor, und ging zur Überraschung aller vor Aéd auf ein Knie herunter. "Ich bin nicht mit deinem Vater gegangen, obwohl er mich darum gebeten hatte... und ich stand nicht an seiner Seite als er fiel. Forath war mein Freund, auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren, und ich werde bis zum Tag meines Todes bereuen, dass ich nicht dort war. Ich wäre ihm bis an die Tore des Schattenlandes gefolgt, doch nun ist er tot." Er zog sein Schwert, stieß es vor sich in den Boden und legte die rechte Hand um den Griff und die linke auf die Parierstange.
"Doch hier steht sein Sohn, und sein würdiger Erbe, und will das Werk seines Vaters fortsetzen. Aus ihm spricht nicht Furcht, sondern Vernunft und das Wissen um das, was kommen wird. Und ich werde ihm folgen, bis an die Tore des Schattenlandes und darüber hinaus. Aéd Forathssohn hat den Tod seines Vaters gerächt, und er ist... der Weiße Wolf! Unser Wolfskönig!"
Eine Stimme, die Oronêl als Domnall erkannte, antwortete aus der Menge: "Unser Wolfskönig!" Und nach und nach nahmen immer mehr Stimmen den Ruf auf. Zuerst folgte der Häuptling des Gewandes Corgan und kniete mit gezogenem Schwert vor Aéd nieder, dann folgten rasch einander die anderen Häuptlinge - Yven zuletzt und mit deutlichem Widerwillen - während rings um sie her immer lauter gebrüllt wurde: "Wolfskönig, Wolfskönig! Wolfskönig!"
Aéd stand starr vor den knienden Häuptlingen, im Kreis der ihm zujubelnden Krieger, und verzog keine Miene. Oronêl war sich sicher, dass dem frischgewählten Wolfskönig ebenso klar wie ihm selbst war, dass seine Schwierigkeiten damit keineswegs ein Ende gefunden hatten - heute waren die Dunländer vereint, doch schon morgen mochte es vollkommen anders aussehen. Und dennoch... war Aéd vielleicht genau der richtige Mann, um diese Schwierigkeiten zu überwinden und am Ende die Dunländer an die Seite der Freien Völker zu führen.
Inzwischen hatten die meisten Krieger ihre Waffen gezogen, reckten sie in die Luft empor, und noch immer halte der Ruf über den Platz und durch das Dorf: "Wolfskönig, Wolfskönig!"
« Letzte Änderung: 6. Feb 2021, 17:28 von Fine »

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Eandril

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Re: Dunland
« Antwort #24 am: 9. Mär 2017, 14:38 »
Als die Menge sich ein wenig beruhigt hatte, sagte Aéd mit lauter, tragender Stimme: "Männer Dunlands! Diejenigen von euch, die in Tharbad waren, haben die Ankunft der Elbenschiffe gesehen. Dieses Elbenvolk wird das alte Elbenland nördlich des Grenzflusses besiedeln, und damit werden sie unsere Nachbarn werden." Er machte eine kleine Pause, und wandte sich zu Faelivrin um.
"Die Königin dieses Volkes ist heute unter uns, auf meine Einladung - denn was hier in Dunland geschieht, betrifft sie ebenfalls. Ihre Feinde sind auch unsere Feinde, Sauron und Saruman, die die Welt der Menschen und Elben vernichten wollen."
Aéd streckte Faelivrin eine Hand entgegen, als er weitersprach: "Herrin - eure Feinde sollen unsere Feinde sein. Wenn ihr wollt, werden die Menschen Dunlands euch beistehen bei eurem Vorhaben, in guten Zeiten wie in schlechten Zeiten, und ganz gleich, was geschehen mag."
Es herrschte Stille über dem Platz während Faelivrin zu zögern und zu überlegen schien, doch als sie schließlich die angebotene Hand ergriff, breitete sich ein freudiges Raunen in der Menge aus.
"Du hast gut gesprochen, Wolfskönig", antwortete die Königin mit klarer Stimme und einem Lächeln. "Das Volk der Manarîn wird dir und deinem Volk ebenfalls zur Seite stehen in den Kämpfen und Schwierigkeiten, die kommen mögen. Mögen wir Seite an Seite wachsen und stärker werden, bis die Zeit gekommen ist, dem Schatten im Osten gemeinsam entgegen zu treten."
Als Faelivrin ausgesprochen hatte, brachen die Dunländer erneut in Jubel aus - selbst wenn viele von ihnen die Elben noch vor kurzem als Feinde gesehen hatten. Oronêl fiel auf, dass einige sich der allgemeinen Begeisterung nicht anschlossen, darunter Yven, der Häuptling des Messers. Ihn würde Aéd, der jetzt mit den Lippen stumm das Wort "Danke" formte, noch lange Zeit im Auge behalten müssen. Und noch eine Sache war ihm aufgefallen, in dem was Faelivrin gesagt hatte: Durch die Art ihrer Formulierung hatte sie das Bündnis stark an Aéd selbst gebunden, und sich damit die Möglichkeit gelassen es nicht erfüllen zu müssen, sollte eine feindlich gesinnte Partei ihn stürzen.
Nach und nach legte sich der Jubel ein wenig, und Aéd ergriff wieder das Wort: "Wir haben heute vieles erreicht und einen wichtigen Schritt getan - doch nun lasst uns einen Augenblick ruhen. Und lasst uns morgen, wenn die Nacht hereinbricht, ein großes Fest feiern, zu Ehren meines Vaters. Ohne ihn wäre dieser Moment nie gekommen, und heute erfüllt sich schließlich das, was er begonnen hat."
Auf Aéds Worte begann sich die Versammlung allmählich aufzulösen. Während die Krieger sich in alle Richtungen zerstreuten, trat zuerst Corgan an Aéd heran und packte ihn an den Unterarmen. "Ich habe ja erst nicht viel von dir gehalten, Junge", sagte er mit einem Grinsen unter seinem Bart. "Doch ich glaube, dass wir heute eine gute Wahl getroffen haben, und ich werde dir überall hin folgen - und dafür sorgen, dass niemand von diesen anderen Idioten auf dumme Gedanken kommt." Er zwinkerte seinem neuen König zu, und ging dann davon, wobei er etwas von Bier vor sich hin murmelte. Nacheinander kamen auch die anderen Häuptlinge und gratulierten Aéd, die einen herzlich, die anderen etwas distanzierter, aber immerhin respektvoll. Nur einer blieb dem Wolfskönig fern. Faelivrin deutete auf Yven, und sagte: "Bitte, lass ihn herkommen."
Und auf Aéds verwunderten Blick hin erklärte sie: "Dieser Mann hat meine Schwester beleidigt und bedroht - nicht direkt, aber dennoch deutlich genug."
Kerry wollte etwas sagen, wurde von Faelivrin allerdings mit einem Blick zum Schweigen gebracht. Aéd nickte langsam, und erwiderte: "Natürlich. Ich bitte nur um eins - gebt ihm keinen Anlass zu noch mehr Bitterkeit. Mein Volk mag heute einig erscheinen, doch es ist noch immer tief zerrissen."
"Ich verstehe", antwortete Faelivrin, und Aéd winkte den Häuptling heran.
Yven kam langsam näher, und sagte: "Ich gratuliere euch, Wolfskönig. Was wünscht ihr?"
"Ich?", fragte Aéd. "Gar nichts. Aber die Herrin Faelivrin hat dir etwas zu sagen."
"Ténawen Morilië ist meine Schwester, und als solche Mitglied der Königsfamilie von Manarîn", sagte Faelivrin, und ihr Gesicht und Tonfall waren hart. "Du hast sie beleidigt, und du hast sie bedroht. Ich bin allerdings, im Sinne der Freundschaft zwischen unseren Völkern, bereit auf jegliche Strafe zu verzichten - wenn du dich entschuldigst."
"Ich habe nicht...", wollte Yven aufbegehren, stockte allerdings. Aéds Blick, der den Häuptling traf, war gleichermaßen streng und bittend - dem Wolfskönig war natürlich stark daran gelegen, diese Sache so schnell wie möglich aus der Welt zu schaffen.
Yven verneigte sich knapp und widerwillig in Kerrys Richtung, und sagte: "Ich entschuldige mich für meine Worte - es liegt nicht in meiner Absicht, euch zu bedrohen oder zu beleidigen, und es wird nicht mehr vorkommen."
Kerry nickte stumm, und Faelivrin sagte zufrieden: "Nun, da Ténawen die Entschuldigung angenommen hat, gebe auch ich mich damit zufrieden."
"Du kannst gehen, Yven", sagte Aéd leise, und fügte noch leiser hinzu: "Danke." Er bedankte sich dafür, dass der Häuptling sich trotz allem nicht verweigert hatte, denn es hätte Aéd gezwungen, ihn zu bestrafen - und das hätte den Krieg innerhalb der Dunländer womöglich neu aufflammen lassen.
Der Wolfskönig wandte sich wieder Faelivrin zu als Yven langsam davon gegangen war, und sagte: "Und ich danke auch euch, Herrin - dafür, dass ihm die Demütigung erspart habt, es vor der ganzen Versammlung tun zu müssen."
Faelivrin lächelte, und antwortete: "Ich habe einen Moment lang mit dem Gedanken gespielt. Dann erschien es mir doch besser es auf diese Weise zu machen - auch wenn ich nicht ganz darauf verzichten konnte. Ich hoffe, du verstehst, warum?"
"Vollauf", erwiderte Aéd, und verneigte sich leicht in ihre Richtung, doch das Lächeln verschwand von seinem Gesicht als er fortfuhr: "Ich... sollte zu meiner Familie gehen. Über allem was gerade geschehen ist, vergisst man leicht, wo man eigentlich sein sollte."

Als Aéd in Richtung des großen Hauses davongeeilt war, fragte Oronêl Faelivrin: "Ist der Rest der Manarîn in der Nähe? Ich kann mir kaum vorstellen, dass du ihnen alleine vorausgeeilt bist."
"So gern ich es auch wäre, um meinen Eltern und euch anderen zu helfen - nein", erwiderte sie. "Die übrige Vorhut lagert etwa eine halbe Meile westlich von hier, der Rest meines Volkes ist ebenfalls auf dem Weg während wir gerade sprechen. Ich bin nur auf Brigids Einladung hier." Mit einem Lächeln ließ sie den Blick über den nun fast völlig verwaisten Platz schweifen. "Viele hier sind gute Menschen - nicht vergleichbar mit den Nachfahren Númenors, aber dennoch gute Menschen. Und ich bin froh, dass sie hier sind."
Als sie ausgesprochen hatte, kamen gerade Finelleth und Celebithiel zwischen zwei Häusern hindurch auf den Platz. Celebithiel war noch immer bleich, und ihre Wunde bereitete ihr sichtlich Schmerzen. "Haben die Manarîn Heiler in ihren Reihen?", fragte sie an Faelivrin gewandt. "Ich dachte zuerst, es wäre nur ein Kratzer, aber jetzt..."
Mit einer Geste zu ihren Leibwächtern sagte Faelivrin: "Asea, bring Celebithiel ins Lager zu den Heilern." Als die Elbe zögerte, hob sie eine Augenbraue und sagte: "Für den Moment werde ich wohl auch mit zwei Leibwächtern auskommen - ich glaube nicht, dass mir oder Ténawen mit Oronêl und Finelleth hier irgendwelche Gefahr droht."
Asea verneigte sich, und ging mit Celebithiel in westlicher Richtung davon, während Faelivrin sich an Oronêl wandte. "Und jetzt, wenn es euch nichts ausmacht, würde ich gerne erfahren, was in Eregion geschehen ist."
"Natürlich", meinte Oronêl lächelnd. "Ich kann mir gut vorstellen, dass du es wissen willst, und ich werde erzählen."
Finelleth jedoch schüttelte den Kopf. "Ich werde mir irgendwo einen ruhigen Ort suchen - ich verspüre kein Bedürfnis danach, das alles noch einmal zu durchleben." Sie ging langsam in Richtung des Flusses davon. Kerry blickte ihr nach, und sagte schließlich vorsichtig: "Vielleicht... sollte ich ihr nachgehen? Manchmal braucht man Gesellschaft, obwohl man glaubt keine zu wollen."
"Geh nur", erwiderte Oronêl nachdenklich. "Ich glaube auch, dass Faerwen jetzt nicht allein sein sollte. Und währenddessen werde ich die Neugierde der Königin befriedigen", fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu.

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

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Faerwen vom Düsterwald
« Antwort #25 am: 9. Mär 2017, 14:40 »
Kerry fand Finelleth am Rande des Dorfs, an einen hölzernen Pfahl gelehnt und nach Norden starrend. Vorsichtig kam Kerry näher, doch Finelleth hatte sie bereits bemerkt. Ohne sich umzudrehen sagte die Elbin: "Ich sagte doch dass ich alleine sein will." Ihre Stimme klang hart, aber Kerry ließ sich davon nicht beirren.
"Nein, du hast gesagt dass du dir einen ruhigen Ort suchen willst," stellte sie klar. "Hier ist es doch ziemlich ruhig, oder nicht?"
Sie sah, wie sich Finelleths Schultern hoben und dann absackten als sie tief ausatmete. Die Waldelbin drehte sich um und Kerry sah, dass ihre Augen voller Zweifel und Ratlosigkeit waren. Und sogar einen Anflug von Furcht glaubte Kerry zu entdecken. "Hat Oronêl dich geschickt?" wollte Finelleth wissen.
"Hat er nicht. Ich bin selbstständig hergekommen."
"Dann folge seinem Beispiel und lass' mir die Ruhe. Ich will jetzt gerade keine deiner unbeschwerten Gesprächsthemen hören."
"Du hast doch angefangen zu reden," gab Kerry mit einem kleinen Lächeln zurück. "Ich wollte dir einfach nur Gesellschaft leisten. Die Ruhe mit dir teilen. Aber ich höre mir auch gerne an, was du zu sagen hast. Wenn du es Oronêl nicht - oder noch nicht - sagen kannst, dann sag es mir. Du weißt, dass ich nicht über dich urteilen werde. Ich höre zu. Mehr nicht."
Finelleth ließ sich gegen den Pfahl sinken. "Du bist wirklich hartnäckig," seufzte sie. "Aber du hast ja recht, Kerry. Ich rede mit dir."

"Komm," sagte Kerry. "Setzen wir uns dort auf den großen Felsen." Sie nahm Finelleths Hand und zog die Elbin mehrere Schritte von ihrem Standort weg, zu einem großen, flachen Felsen, der am Ende des Dorfes des Schild-Stammes lag. Kerry hatte bei ihrem ersten Besuch im Dorf gesehen, wie Kinder darauf gespielt hatten. Doch um diese Uhrzeit schliefen diese längst. Die beiden Frauen setzten sich nebeneinander auf den Felsen und ließen die Beine baumeln. Ein leichter Wind spielte mit den Strähnen ihrer Haare - Kerrys goldblonde und Finelleths sandfarbene - und hoch über ihnen wurden die ersten Sterne sichtbar.
"Mir ist etwas klar geworden," begann Finelleth. "Ich muss in meine Heimat zurückkehren - ins Waldlandreich. Zu meinem Vater. Ich muss dringend mit ihm sprechen, und diese... diese ganze Sache ins Reine bringen."
"Welche Sache?" fragte Kerry vorsichtig nach.
"Einfach alles," stieß Finelleth überraschend heftig hervor. "Mein ganzes Leben lang hatte ich mich immer nach ihm und seinen Wünschen ausgerichtet. Zuerst spielte ich die Prinzessin - die kleine Faerwen, die stets ein braves Mädchen ist. Die schöne Tharandís, die genau wie ihr Vater ist und seinem Beispiel immer folgt. Wie ich das gehasst habe! Aber ich habe es immer ertragen. Meiner Mutter zuliebe und weil ich meinen Vater nicht enttäuschen wollte - oder konnte. Und dann kam mein Bruder. Ein Teil von mir war froh, frei von dem Druck zu sein, den er nun als neuer Thronfolger zu spüren bekam. Aber ein anderer Teil... ein größerer Teil... war verletzt. Verletzt durch die geradezu vollständige Abkehr meines Vaters. Es war, als würde ich für ihn kaum noch existieren. All seine Aufmerksamkeit lag bei meinem Bruder. Und als meine Mutter dann verschwand... hatte ich niemandem mehr. Niemanden außer die Kameraden, die ich bei den Kundschaftern fand. Ihre Namen werden für dich keine Bedeutung haben: Angvagor, Galanthir, Seldíriel und Lidhrim. Sie gaben mir den Namen, den ich heute trage, und mit dem ich die schönsten Erinnerungen meines Lebens verbinde."
"Was bedeutet dein Name denn?"
"Fin-elleth, das Mädchen mit den Haaren. Vielleicht kannst du dir ja denken, weshalb," sagte die Elbin mit einem traurigen Lächeln als sie den Zopf löste, der ihr über den Rücken gefallen war. Kerry sah staunend zu, wie sich das sandblonde Haar einer Wolke gleich über Finelleths Rücken ausbreitete.
"Ich glaube, ich weiß, was du meinst," sagte sie und strich bewundernd durch die Strähnen von Finelleths Haar. Da kam Kerry ein Einfall, und sie setzte sich hinter Thranduils Tochter. "Erzähl weiter, wenn du möchtest. Und ich werde dir in der Zwischenzeit eine Frisur nach Art der hohen Damen Rohans machen. Du wirst sehen, es wird dir gefallen."
Kerry konnte Finelleths Gesicht nicht sehen, aber sie spürte geradezu, wie die Elbin einen gewissen Widerstand überwand und schließlich nickte. "Danke, Kerry," hauchte sie und fuhr dann mit leicht belegter Stimme fort: "Ich blieb also bei den Kundschaftern - so lange, bis mein Vater mich als eine von ihnen behandelte. Auch das tat weh, aber ich wusste, dass es meine Wahl gewesen war, und er sie auf eine Art respektierte. Ich fand echte Freundschaften bei den Spähern, und war einige Jahrhunderte glücklich."
"Freundschaften sagst du," unterbrach Kerry mit einem kleinen Grinsen. "Oder vielleicht auch mehr?"
Finelleth machte ein tadelndes Geräusch. "Du bist wirklich schlimm, meine Liebe. Du weißt, dass ich über solche Dinge nicht reden werde."
"Ich weiß. Vielleicht eines Tages."
"Wenn du dich als vertrauenswürdig erweist und ich nicht morgen feststellen muss, dass das ganze Dorf darüber spricht, was ich dir erzählt habe."
"Dazu wird es nicht kommen. Erzähl weiter!"
"Seit dem... Tod meines Bruders habe ich ein sehr angespanntes Verhältnis zu meinem Vater," fuhr Finelleth fort. "Er sieht mich noch nicht wieder als seine Tochter und Erbin - dazu liegt die Nachricht vom Tod seines Sohnes noch zu kurz zurück- aber dennoch bin ich nicht länger unsichtbar für ihn. Er vertraute mir schwierige und gefährliche Missionen an, die er sonst nur an seine besten Leute vergibt. Er kennt meinen Wert als Späherin und Kämpferin. Wenn er mich ansieht, stelle ich fest, dass er mich auf eine seltsame Art und Weise respektiert. Aber dennoch... Der Fall des Waldlandreiches hat uns alle hart getroffen, aber für meinen Vater brach seine gesamte Welt zusammen - mehr noch als es beim Verschwinden meiner Mutter oder beim Tod meines Bruders der Fall war. Weißt du, Kerry, er fühlte sich in seinem Königreich unangreifbar und sicher. "Hier in diesem Reich werden wir alle Schatten überdauern," pflegte er zu sagen. Doch dann kam der erste Angriff aus dem Süden, der nur mit großer Mühe abgewehrt werden konnte. Und nach der Katastrophe am Schwarzen Tor erfolgte der zweite Angriff, der noch größer als der erste war. Wir wurden in die Flucht geschlagen und das Waldlandreich hörte auf zu existieren. Mein Vater ging nach Lothlórien und wahrte nach außen hin den Schein eines verletzten, aber noch nicht besiegten Königs - um seines Volkes willen - aber ich konnte deutlich sehen, dass er innerlich zerbrochen war. Sein Herz hatte aufgegeben. Und nichts und niemandem gelang es, ihn aus diesem Zustand herauszuholen - bis Saruman kam."
"Saruman!" entfuhr es Kerry. "Er steckt also dahinter!"
"Nein," sagte Finelleth. "Ursprünglich nicht. Aber es gelang ihm, meinen Vater mit seinen Versprechungen zu ködern. Er bot Thranduil die Rückgewinnung des Waldlandreiches an. Ich glaube, mein Vater hofft, dass sich alles wieder normalisieren wird, wenn er erst wieder auf seinem Thron inmitten seiner versteckten Hallen sitzt. Und wenn Saruman in der Lage ist, ihm das zu geben..." sie brach ab.
"Aber er darf doch Saruman nicht einfach so trauen!"
"Du unterschätzt die Kraft von Sarumans Stimme. Sie ist so machtvoll, dass nur sehr wenige ihr widerstehen konnten. Ich war nach dem Fall des Goldenen Waldes dabei, als Saruman meinen Vater fand, und wie alle war ich damals von den Worten des Zauberers so vollständig überzeugt, dass ich nicht einmal erkannte, dass er gerade um uns herum die Heimat unserer Verwandten zerstörte. Er sagte: "All dies geschieht aus einem guten Grund," und wir glaubten ihm. Sogar dann, als Saruman uns nach Aldburg begleitete und kurz darauf wieder alleine abreiste hielt die Wirkung noch an. Erst als mein Vater mich und zwei meiner Gefährten nach Dol Guldur entsandte merkte ich, was vor sich ging. Als ich mich mit Angvagor und Galanthir auf der Ebne von Celebrant versteckte und auf die Ankunft von Glorfindels Heer wartete, hatte ich einige Tage Zeit zum Nachdenken. Und mir wurde klar, dass Saruman meinen Vater nur für seine selbstsüchtigen Ziele benutzt. Ich muss gehen, und ihm die Augen dafür öffnen. Und ihm all das erzählen, was ich dir gerade erzählt habe. Wenn ich die Kraft dafür finde..."

Kerry war inzwischen mit dem Flechten der Frisur fertig geworden. Auf Finelleths Kopf waren die sandblonden Haare nun in einem kreisrunden Zopf zusammengebunden worden, sodass keine Strähne über ihren Hals fiel. Die Haare, die die Stirn bedeckten, teilten sich oberhalb der Augenbrauen und fielen in zwei breiten Strängen an Finelleths Wangen herunter, um an ihrem Oberkörper zu enden. "Du siehst wirklich sehr hübsch aus," kommentierte Kerry. "So solltest du vor deinen Vater treten: Nicht mehr als die kleine elbische Prinzessin oder die einfache Späherin. Du hast viel gesehen und bist durch so viele Gefahren gegangen. Finelleth, du bist stärker, als du es selbst glaubst. Sogar stärker als die Knoten, die dein Haar jetzt so zusammenhalten. Und deshalb werde ich mit dir kommen. Um dich daran zu erinnern - und dir, wenn du möchtest, immer dann diese Frisur zu verpassen, wenn du an dir zweifelst."
"Kerry! Du kannst nicht mit mir kommen!" rief Finelleth überrascht und drehte sich zu ihr um. "Das ist viel zu gefährlich!"
"Ich bin kein Kind mehr," gab Kerry entschlossen zurück. "Ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Oronêl wird mit dir gehen - und ich auch. Ich sehe doch, wie wichtig dir das Ganze ist. Du hast den langen Weg von Fornost bis nach Carn Dûm und von dort nach Mithlond auf dich genommen, weil ich Hilfe brauchte. Und jetzt brauchst du Hilfe, also werde ich tun, was ich kann... selbst wenn das nur bedeutet, dir ab und zu die Haare zu flechten. Und außerdem wäre es sicherlich ein unvergleichliches Abenteuer, für Ordnung im Waldlandreich zu sorgen!"
Finelleth nahm Kerrys Hand und drückte sie. "Ich... das geht nicht... was würden deine Eltern dazu sagen?"
"Vermutlich dasselbe," antwortete Kerry. "Sie sind ebenfalls deine Freunde. Du bist nicht allein, Finelleth."
"Nein, ist sie nicht. Wir stellen uns gemeinsam dem, was uns im Waldlandreich erwartet," sagte Oronêls Stimme, und die beiden Frauen drehten sich überrascht um. Da stand Oronêl und betrachtete sie mit einem amüsierten Lächeln. "Hübsche Frisur, nethel. Ich sehe schon, Kerry versteht was vom Flechten." Er kam näher und breitete beruhigend die Hände aus. "Keine Sorge, meine edlen Damen, ich habe nur den letzten Satz gehört. Worüber habt ihr gesprochen?"
"Ach, du weißt schon," gab Kerry frech zurück. "Frauendinge und solche Sachen."
"Ja, Frauendinge," bestätigte Finelleth. "Kerry möchte uns ins Waldlandreich begleiten."
Oronêl nickte. "Das dachte ich mir schon. Sofern Mathan und Halarîn nichts dagegen haben, soll es mir recht sein."
"Danke, Oronêl," rief Kerry und umarmte den Elben herzlich.
"Ich glaube, ich übernehme hier," sagte Oronêl kurz darauf. "Die Sterne ziehen herauf, und dies ist ein exzellenter Platz für einen ungetrübten Blick darauf. Ich glaube, Faerwen wird mir Gesellschaft leisten. Und du, meine liebe Ténawen, solltest dich auf dem Weg zum Baum oberhalb des Dorfs machen. Ich glaube, dort wartet jemand auf dich." Er lächelte breit.
"Wirklich?" rief Kerry überrascht und sprang auf.

Kerry erinnerte sich an die Stelle, an der sie mit Lynet bei ihrem ersten Besuch im Dorf gesessen und geplaudert hatte. Der Baum war oberhalb der Dächer der Hütten deutlich zu sehen, und Kerry hielt schnellen Schrittes darauf zu. Als sie heran kam sah sie auf dem ungestürzten Stamm eine Gestalt sitzen, die ihr sehr bekannt vorkam.
"Hallo, Wolf," sagte sie leise, und Aéd blickte auf. Er schien in Gedanken versunken gewesen zu sein.
"Hallo, Kerry," antwortete er. "Was tust du hier?"
"Ich hörte, dass du hier bist und wollte die Gelegenheit nutzen, mit dir alleine zu sein. Vorhin warst du ja sehr beschäftigt und immer von so vielen Leuten umgeben. Da war mir zu viel los." Sie setzte sich neben Aéd und folgte seinem Blick, den er über das Dorf streifen ließ.
"Es passiert alles so schnell," sagte Aéd nachdenklich. "Mein Vater ist tot, und nun bin ich Häuptling des Stammes des Schildes. Und nicht nur das - sie haben mich tatsächlich zum Wolfskönig ausgerufen. Dem ersten seit drei Jahren, denn mein Vorgänger starb bei Helms Klamm. Und ich bin der jüngste Wolfskönig, den es in der Geschichte meines Volkes jemals gab. Es wird nicht leicht werden, die Häuptlinge bei Laune zu halten."
"Musst du sie denn bei Laune halten?" wunderte sich Kerry. "Du bist doch ihr König, oder? Wenn du ihnen etwas befiehlst, müssen sie dir gehorchen, oder nicht?"
"So wäre es in deiner Heimat. Und vieles wäre einfacher, wenn wir in Dunland einen König so wie in Rohan hätten. Aber wir Dunländer sind anders. Bei uns kommt es nicht auf Titel oder Adelsstand an. Jeder Mann schafft sich hier seinen eigenen Ruf - sein eigenes Schicksal. Und man wird auch nur an seinen Taten und an seinem Ruf gemessen. Blutlinien bedeuten nur wenig. Zwar bin ich der Sohn des vorherigen Häuptlings, doch an meiner Stelle hätte jeder im Stamm des Schildes zum neuen Anführer werden können, wenn er die Stammesmitglieder davon überzeugt hätte, dass er der Richtige ist. Alles basiert auf Respekt - und den muss ich mir bei den meisten Häuptlingen erst noch verdienen. Corgan und zwei andere haben im Krieg auf der Seite meines Vaters gekämpft und haben gesehen, was ich am Silbersee und in Tharbad geleistet habe, aber die anderen sind noch skeptisch. Viele haben noch immer Sarumans Lügen im Kopf. Es wird schwer werden, die Einigkeit unter den Stämmen Dunlands zu bewahren."
"Schon wieder Saruman," sagte Kerry. "Überall sorgt er für Ärger."
"Das hat jetzt ein Ende," versprach Aéd. "Ich werde nicht dulden, dass der Zauberer mein Volk weiter ausnutzt. Jeder, der es ab heute mit der Weißen Hand hält, wird meinen Zorn zu spüren bekommen."
"Und du wirst Frieden mit den Elben und den Rohirrim schließen, ja?" verlangte Kerry.
"Das habe ich, und das werde ich," bestätigte Aéd.
"Was hat dieser Häuptling damit gemeint, als er dich als "halben Dunländer" bezeichnet hat?" wollte sie neugierig wissen.
"Meine Mutter stammt aus Anfalas in Gondor," erklärte Aéd. "Ich habe sie nicht kennengelernt, denn sie starb früh. Ich weiß nur, dass ihr Name Eryn war, und das meine jüngere Schwester nach ihr benannt ist."
"Oh," machte Kerry. "Meine Mutter ist auch tot... aber ich habe eine neue gefunden. Genau wie du." Sie blickte zur Hütte des Häuptlings hinüber, wo Brigid und ihre Kinder schliefen. Und riss überrascht die Augen auf, als Aéd ihre Hände sanft ergriff und sie zu sich herumdrehte.
"Ich bin froh, dich kennengelernt zu haben," sagte er. "Ich hoffe, du wirst mich besuchen kommen, wenn du in Eregion wohnst."
"Das werde ich ganz bestimmt," gab Kerry zurück ehe sie daran dachte, dass sie womöglich nicht lange in Eregion bleiben würde. "Ich bin auch froh, Aéd," sagte sie dann und zog die Hände nicht weg. "Ich bin froh, dass du der bist, der du bist. Wolfskönig oder nicht... ich werde jeden Augenblick genießen, den ich mit dir verbringen kann."
"Dann lass uns die Zeit nutzen, die uns noch bleibt."
Gemeinsam blieben sie dort sitzen, und die Zeit schien für einen Augenblick still zu stehen. Kerry wandte Aéd das Gesicht zu, voller Erwartung und einer innerlichen Anspannung, die mit jeder Sekunde zunahm... und erst abfiel, als er sich zu ihr herunterbeugte, und sich ihre Lippen trafen.
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Re: Dunland
« Antwort #26 am: 16. Mär 2017, 12:40 »
Als Kerry in den Abend davongeeilt war, setzte Oronêl sich neben Finelleth auf den Felsen und sah schweigend zu den Sternen empor. Im alten Lórinand hatte er oft mit Calenwen auf einem hohen Flett gesessen und in einträchtigem Schweigen mit ihr die Sterne beobachtet. Zu dieser Zeit hatten sie nicht viele Worte gebraucht um einander zu verstehen, und das Schweigen war angenehm gewesen. Später, als er immer öfter an die Grenzen gehen musste um gegen Saurons Orks zu kämpfen, hatte sich das Schweigen zwischen ihnen verändert, und war immer öfter von bitteren Worten durchbrochen worden. Dann war wieder eine bessere Zeit gekommen, doch es war niemals wieder so gewesen, wie vor Saurons Angriff auf die Elben. Für einen Augenblick schweiften seine Gedanken zu Mathan, denn auch für ihn hatten diese Jahre eine große Veränderung bedeutet - wenn auch auf andere, brutalere Art.
Es war Finelleth, die schließlich das Schweigen brach. "Ist es dir wirklich recht, das Kerry uns begleiten will?", fragte sie. "Immerhin ist sie keine Kriegerin, und die Wege nach Osten sind gefährlich."
"Die ganze Welt ist gefährlich", erwiderte Oronêl. "Und man muss keine Kriegerin sein, um etwas bewirken zu können - das haben wir in der Schmiede gelernt, und nicht erst  dort." Er dachte an den Tag in Bruchtal, als Amrothos vom Wahnsinn des Ringes geheilt worden war, und an die Rolle, die Irwyne dabei gespielt hatte.
"Und Kerry mag nach unseren Maßstäben unendlich jung sein, doch nach den Maßstäben der Menschen ist sie längst erwachsen und sollte ihre Entscheidungen treffen", fuhr er fort. "Und wenn das ihre Entscheidung ist, dann freue ich mich über ihre Gesellschaft."
Finelleth wirkte erleichtert, als ob sie sich Sorgen gemacht hätte, dass er eigentlich anderer Meinung sein könnte. "Ich fürchte mich vor dem was kommt... aber die Tatsache, dass ihr mit mir kommen, mir helfen wollt, macht es erträglicher."
"Kerry hat ein gutes Herz, und ich glaube, du hast sie für dich eingenommen, als du mit uns nach Angmar gegangen bist. Und außerdem", fügte er mit einem Lächeln hinzu. "Außerdem glaube ich, dass sie das Abenteuer lockt. Sie scheint ein wenig Selbstvertrauen hinzugewonnen zu haben."
Finelleth gab einen leisen Laut von sich, der ein Lachen sein konnte. "Und ich dachte, du wärst blind was das Verhalten Anderer angeht... Genau das hat sie mir als Grund gesagt."
"Nun... auch in meinem Alter kann man noch dazulernen."
Sie schwiegen erneut einen Moment, bevor Finelleth plötzlich aufstand. "Du hast Kerry zu Aéd geschickt." Oronêl legte den Kopf schief und antwortete: "Mag schon sein... warum?"
Finelleth packte ihn am Arm und zog ihn auf die Füße, alle Furcht und Traurigkeit schien wie weggeblasen zu sein. "Ich will wissen, was sie bereden."
"Ich glaube nicht, dass..." Oronêl sprach nicht aus, denn es hatte keinen Zweck. Finelleth war bereits in Richtung der Stelle, die er Kerry genannt hatte, davongelaufen, und er musste sich beeilen, um sie einzuholen. Erst an der Kuppe des Hügels, ein wenig von dem umgestürzten Baumstamm, auf dem zwei Gestalten nah beieinander saßen, hatte sie angehalten, und dort holte Oronêl sie ein.
"Ich bin froh, dass du der bist, der du bist. Wolfskönig oder nicht... ich werde jeden Augenblick genießen, den ich mit dir verbringen kann", sagte Kerry gerade, und Aéd erwiderte: "Dann lass uns die Zeit nutzen, die uns noch bleibt."
Einige Herzschläge lang herrschte Stille, während der die Elben regungslos verharrten, und Oronêl sogar unwillkürlich den Atem anhielt. Dann wandte Kerry Aéd das Gesicht zu, und im Licht der Sterne sah Oronêl deutlich, wie der junge Dunländer die Gelegenheit nutzte, und sie vorsichtig auf die Lippen küsste.
Im selben Augenblick stieß Finelleth ihm vielsagend den Ellbogen in die Seite, was Oronêl ein wenig aus dem Gleichgewicht brachte. Er musste seinen Fuß bewegen, um das Gleichgewicht zurück zu erlangen, und trat dabei auf einen trockenen Ast, der mit einem gut hörbaren Knacken brach. Sofort fuhren Kerry und Aéd auseinander, und wandten sich in seine Richtung um. Auch in der Dunkelheit sah Oronêl Kerry deutlich erröten, und auch Aéds Wangen hatten sich ein wenig gefärbt.
"Das ist nicht, was..." begann der Wolfskönig, und Kerry sagte: "Also wir..." Beide sprachen nicht aus, und ein unangenehmes Schweigen legte sich über den Hügel. Schließlich räusperte Oronêl sich peinlich berührt, und sagte: "Es tut mir Leid, dass ich euch gestört habe. Eigentlich war es ja..." Faerwens Schuld, wollte er sagen, doch als er neben sich blickte, war von ihr keine Spur mehr zu sehen. Er seufzte, und stieß innerlich einen Fluch aus. "Jedenfalls freue ich mich für euch, und äh... sollte lieber gehen." Ohne eine Antwort abzuwarten wandte er sich um, und eilte den Hügel hinunter.
Am Fuß des Hügels angelangt erwartete ihn Finelleth, die ihm mit einem Grinsen entgegenblickte. "Bist du nicht ein wenig zu alt für so etwas?", fragte er vorwurfsvoll. "Andere Leute beim Küssen stören und mir die Schuld zu schieben?"
"Sie hätten uns gar nicht bemerkt, wenn du nicht so ungeschickt gewesen wärst", gab Finelleth ungerührt zurück, und trotz allem freute Oronêl sich, dass die Finelleth, die er in Bruchtal kennengelernt hatte, wieder da zu sein schien. "Und außerdem, für so etwas ist man nie zu alt - und ich bin viel jünger als du."
"Eindeutig", seufzte Oronêl, lächelte aber. Nach einer Weile fragte Finelleth schließlich: "Also... was hältst du davon?"
Oronêl zuckte mit den Schultern. "Im Grunde... Aéd ist nach allem, was ich von ihm gesehen habe, ein sehr vernünftiger und freundlicher Mann, und ich glaube auch in Kerrys Alter. Und wenn er ihr gefällt..."
Finelleth verdrehte die Augen, und stieß ihm mit der Faust gegen die Schulter. "Du bist viel zu vernünftig, gwador."
"Nicht immer", gab Oronêl mit einem flüchtigen Lächeln zurück. "Lass mich nur eben einen Eimer mit Eiswasser auftreiben..."
"Wag es ja nicht!" Finelleth drohte ihm mit der Faust, musste dabei aber lachen. Schnell wurde sie wieder ernst, und fragte: "Meinst du, Kerry wird jetzt noch immer mit uns kommen wollen? Ich könnte verstehen, wenn..."
"Ich auch", antwortete Oronêl. "Aber ein Kuss macht noch keine unsterbliche Liebe. Und ich denke, es hat keinen Sinn, sich darüber Gedanken zu machen... morgen werden wir es sehen, es ist noch immer ihre eigene Entscheidung."
"Ja...", meinte Finelleth langsam. "Morgen werden wir es sehen..."

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

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Faelivrins Einwand
« Antwort #27 am: 22. Mär 2017, 13:04 »
Oronêl verschwand wieder in der Dunkelheit, ebenso schnell wie er aufgetaucht war. Doch seine Unterbrechung hatte Folgen. Der magische Moment war verstrichen und Kerry kam endgültig wieder in der wirklichen Welt an. Sie blickte zu Aéd, der sie erwartungsvoll zu mustern schien.
"Also das war..." setzte sie vorsichtig an, kam jedoch nicht dazu, den Satz zu vollenden.
"...ein klein wenig peinlich," ergänzte Aéd. "Ich weiß. Aber ich denke, für Oronêl war es sicherlich genauso unangenehm. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er uns belauscht hat. Sicherlich war es nur Zufall, dass er hier war."
Kerry starrte angestrengt in die Dunkelheit. "Du kennst ihn nicht so gut wie ich. Zuzutrauen wäre es ihm... wenn ihn jemand dazu verleitet hätte. Von selbst würde er sowas nicht machen, aber... bist du sicher, dass er alleine war?"
"Ich habe nur einen Elb gesehen," meinte Aéd verwundert. "Was willst du damit sagen?"
"Nicht so wichtig," beschwichtigte Kerry ihn. "Also... ich sollte wohl gehen. Es ist spät," brachte sie hervor, ohne recht zu wissen was sie sagen sollte. "Das war... schön," fügte sie leise hinzu und hoffte, dass Aéd wusste, wovon sie sprach.
Und tatsächlich nickte er und nahm ihre linke Hand. "Das war es, Kerry. Du bist anders als die Mädchen, die ich bisher kennengelernt habe."
"Wieviele Mädchen hast du denn schon kennengelernt?"
Aéd lachte leise. "Einige. Aber keine davon kam aus Rohan. Komm, wir sollten hier nicht bleiben. Wer weiß, wer uns noch alles belauscht. Ich bringe dich zu deiner Unterkunft."
Sie sprachen nur wenig während sie das Dorf durchquerten und kamen schließlich vor dem Haus an, in dem Aéds Familie wohnte. Kerry würde bei Lynet schlafen. Aéd hingegen hatte zwar nun den Sitz des Häuptlings als Erbe seines Vaters in Anspruch genommen, sich jedoch entschieden, bis auf Weiteres sein ehemaliges Zimmer zum Schlafen zu verwenden. Drinnen sagten sie einander gute Nacht und jeder ging seiner Wege.

Kerry erwachte davon, dass sich ein Gewicht auf ihren Oberkörper legte und jemand ihr mehrfach auf die rechte Wange stupste, bei jedem Mal stärker als zuvor. Sie schlug die Augen auf und blickte in das Gesicht der kleinen Eryn, Aéds jüngster Schwester. "Du musst aufstehen," rief Eryn fröhlich. "Die Sonne ist schon aufgegangen, und sie hat Besuch mitgebracht!"
"Was..." brachte Kerry verschlafen hervor, doch Eryn sprang bereits vom Bett und zog ihr dabei die Felldecke weg. "Hee!" protestierte Kerry überrascht und schlang die Arme um ihren nur wenig bekleideten Körper.
"Deine Schwester sagt, du sollst schnell zu ihr kommen," erklärte Eryn strahlend. "Also zieh dir 'was an und komm!"
Kerry unterdrückte einen rohirrischen Fluch und kam der Aufforderung von Foraths Tochter schließlich nach. Nachdem sie sich ihre Reisekleidung angezogen hatte folgte sie Eryn nach draußen, wo bereits ein Elb in der Rüstung der Manarîn auf sie wartete. Es war Angatar, einer der Gardisten Faelivrins. "Aiya Ténawen," grüßte er auf Quenya und bedeutete ihr, ihm zu folgen. "A tule asenye."
Komm mit mir hieß das. "Was ist denn los?" fragte Kerry während sie neben Angatar herlief.
"Die Königin erwartet dich," erklärte Angatar als sie am nördlichen Tor des Dorfs ankamen, wo Kerry sich am Abend zuvor mit Finelleth unterhalten hatte. Dort stand Faelivrin mit großem Gefolge, und hinter ihr, auf der Ebene zwischen dem Dorf und dem Gwathló, hatte sich ihr Volk versammelt.
Die Manarîn sind hier, stellte Kerry erstaunt fest. Es schien sich nicht nur um die Besatzung der beiden Schiffe der Vorhut zu handeln sondern um den Großteil der Elben, die das Inselreich in den Neuen Landen verlassen hatten und nach Mittelerde gekommen waren.
"Da bist du ja, nésa," begrüßte Faelivrin sie und musterte Kerry eindringlich. Sie wirkte verändert seit ihrem letzten Treffen: königlicher, erhabener, aber auch distanzierter. "Wir sollten aufbrechen. Dies ist kein Ort für mein Volk."
"Aéd und sein Stamm sind uns doch freundlich gesonnen," meinte Kerry verwundert.
"Das mag sein. Dennoch möchte ich mein Volk in Sicherheit wissen und es nach Eregion bringen. Du warst gestern beim Treffen der Häuptlinge dabei und hast gesehen, dass die Herrschaft deines... Freundes Aéd nicht unumstritten ist. Ich bin mir sicher, dass der Stamm des Schildes keine feindlichen Absichten hat, aber von den übrigen Stämmen kann ich das nicht sagen. Oronêl hat mir erzählt, dass ihr in Eregion meinen Großvater getroffen habt. Dass ich ihn kennenlernen möchte ist nur ein weiterer Grund, so bald wie möglich aufzubrechen. Und nun, da du hier bist, können wir das tun."
"Wo sind Oronêl und Finelleth?" fragte Kerry, der die ganze Situation etwas seltsam vorkam.
"Sie wollten sich vom Wolfskönig verabschieden. Ich nehme an, sie..." Faelivrin brach ab als sie Oronêl, Finelleth und Aéd entdeckte, die heran kamen. Aéd wurde von Domnall und einigen weiteren jungen Kriegern begleitet.
"Ihr brecht auf, Herrin?" fragte er respektvoll.
Faelivrin nickte würdevoll. "Eregion erwartet uns."
"Dann heißt es jetzt wohl Abschied nehmen," meinte Kerry mit gemischten Gefühlen und wollte ihn umarmen, doch Faelivrin hielt sie zurück. "Vergiss nicht, wer du bist," raunte sie ihr auf Quenya zu. "Du bist jetzt ein Teil des Königshauses und solltest dich entsprechend benehmen. Deine Kleidung ist unangebracht, und dein Verhalten ebenfalls."
Kerry blickte an sich hinunter und ihr fiel auf, dass sie neben den edel gekleideten Elben Faelivrins aufgrund ihrer einfachen Reisebekleidung tatsächlich hervorstach. Doch das elbische Kleid, das sie mitgebracht hatte, hatte sie Lynet geschenkt. "Was meinst du damit?" fragte sie ebenso leise zurück und war sich dabei unangenehm bewusst, dass viele Augen auf ihr ruhten.
Faelivrins Augen fixierten Aéd. "Mir kam zu Ohren, was gestern geschehen ist." Sie legte missbilligend den Kopf schief. "Unsere Eltern werden nicht erfreut sein wenn sie davon hören."
Kerry stemmte irritiert die Hände in die Hüften. "Hat Oronêl etwa..."
"Nésa. Er musste mir nichts erzählen. Es steht dir ins Gesicht geschrieben was du fühlst."
"Und warum ist das ein Problem?" wollte Kerry wissen.
"Ich will nicht, dass du dich da in etwas verrennst. Du hast doch Reisepläne. Du willst mit Finelleth und Oronêl in ein Abenteuer ziehen. Lass dich nicht von jemandem davon ablenken, der..." Sie ließ den Satz unvollendet.
Kerry war erstaunt wieviel ihre Schwester bereits darüber wusste, was am Tag zuvor geschehen war und welche Entscheidungen sie getroffen hatte. Verärgerung stieg in ihr auf. "Jemand der was? Der unangemessen für mich ist? Nésa, er ist jetzt ein König!"
"Bitte," mischte Aéd sich respektvoll ein. "Ich möchte mich nur verabschieden, Herrin. Nichts läge mir ferner als Eurer Familie zu schaden."
Faelivrin bedachte ihn mit einem kühlen Blick. "Sagt einander Lebewohl. Ich werde warten... aber nicht lange." Sie drehte sich um und rauschte davon.

Oronêl war es, der das Schweigen brach. "Ihr solltet auf sie hören und sich verabschieden," meinte er leise. "Es tut mir Leid, wie das gelaufen ist."
"Ist schon gut," sagte Kerry. "Wolf, mir tut es Leid. Ich hätte dir sagen sollen, dass ich nicht in Eregion bleiben werde."
"Deine Freundin hat es mir erzählt," antwortete Aéd und deutete mit dem Daumen auf Finelleth, die bislang still daneben gestanden hatte. "Ich verstehe, weshalb du gehen willst. Du willst ihr helfen, ihre Heimat zurückzugewinnen und du willst ein Abenteuer erleben. Ich würde mit dir gehen, wenn ich könnte. Aber..."
"...aber du hast jetzt eine große Verantwortung deinem Volk gegenüber," beendete Kerry den Satz. "Ich weiß. Und ich weiß auch, dass du der beste Wolfskönig aller Zeiten werden wirst." Sie umarmte ihn fest. Als sie sich voneinander lösten, sagte sie: "Wir sehen uns wieder, Wolf."
Er nickte, sagte jedoch nichts.
"Komm, Kerry," sagte Finelleth leise. "Wir sollten aufbrechen."
"Ja," stimmte sie nachdenklich zu. "Begleiten wir die Manarîn nach Eregion."


Oronêl, Faelivrin, Finelleth und Kerry mit den Manarîn nach Eregion
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« Antwort #28 am: 12. Sep 2017, 16:47 »
Córiel und Jarbeorn von den Furten des Isen


Ein dichter Nebel hing zwischen den Hügeln des östlichen Teils von Dunland, den Córiel und Jarbeorn gerade durchquerten. Sie hatten die Furten des Isen vor wenigen Stunden im Morgengrauen hinter sich gelassen und ritten nun im Trab die alte Straße entlang, die einst von den Königen Gondors angelegt worden war, um die Städte Minas Tirith und Tharbad miteinander zu verbinden.
Es war ein grauer Herbsttag, und die Bäume, die zu beiden Seiten der Straße standen, hatten sich bereits in vielen verschiedenen Gelb- und Rottönen verfärbt. Beide Gefährten waren schweigsam, denn selbst dem gutmütigen Jarbeorn schlug das Wetter auf die Stimmung. Die Sichtweite wurde immer geringer, je weiter sie kamen, denn der Nebel sank langsam von den Hügeln herab und sammelte sich als graue, dichte Masse zwischen den flachen Gipfeln, die teilweise kahl, teilweise spärlich bewachsen waren.
Einst, in einem längst vergangenem Zeitalter, war dieses Gebiet Teil des Reiches der Noldor von Eregion gewesen, dessen Ostgrenze von eben jenem Fluss gebildet wurde, der nun Rohans Westgrenze war. Der Isen hatte damals noch seinen Quenya-Namen getragen, und Ancanín geheißen. Córiel hatte die Schlachten, die damals in diesem Gebiet geschlagen waren, jedoch nicht selbst miterlebt, denn sie war noch zu jung gewesen, als die Heere Mordors das Elbenreich angegriffen hatten.

Die Böschung zu beiden Seiten der Straße stieg an, bis der Weg schließlich durch einen Hohlweg führte, dessen Ränder gerade noch erkletterbar waren. Córiel spürte, wie ihre Anspannung wuchs. Sie ritten seit ihrem Aufbruch von den Furten ins Ungewisse und hatten auf ihrem bisherigen Weg durch Dunland noch kein Anzeichen auf die Bewohner dieses Gebiets gesehen. Die Grenzwächter Rohans hatten ihnen erzählt, dass sich die Dunländer nur selten in die Nähe der Isen-Übergänge wagten, doch nun waren Córiel und Jarbeorn bereits ein ordentliches Stück ins Landesinnere vorgedrungen, und noch immer war ihnen niemand begegnet.
Hier stimmt etwas nicht, dachte Córiel, deren Blick aufmerksam von einer Straßenseite zur anderen ging. Doch selbst ihre Elbenaugen konnten den dichten Nebel nicht durchdringen.
Jarbeorn sog scharf die Luft zwischen seinen Zähnen ein und lenkte Córiels Aufmerksamkeit nach vorne, wo die Straße zwischen zwei hohen Felsen hindurch führte. Eine schemenhafte Gestalt war dort aufgetaucht, die sich ihnen langsam näherte. Córiels Hand glitt zum Griff ihres Speeres, und auch Jarbeorn tastete nach seiner Großaxt. Es war totenstill, bis auf den angespannten Atem der beiden Gefährten. Jarbeorns Pferd ließ ein Schnauben hören, aus dem Córiel die Angst des Tieres deutlich heraushörte.
Als die Gestalt näher kam, und deutlicher zu erkennen wurde, stutzte Córiel. Es handelte sich um eine Frau in einfachen Gewändern, die einen Umhang mit Kapuze trug. Córiel stieg vorsichtig aus dem Sattel und ging der Frau einige Schritte entgegen. Ihren Speer hatte sie nicht mitgenommen, doch ihre Hand lag an dem versteckten Dolch an ihrem Oberschenkel.
"Scheußliches Wetter, nicht wahr?" begrüßte die Frau Jarbeorn und Córiel, als sie bis auf wenige Meter herangekommen war. "Kein guter Tag für eine Wanderung. Und für einen eiligen Ritt schon gar nicht!"
Sie klang gleichzeitig alt und wiederum nicht alt, und auch ihr Gesicht, das unter der Kapuze hervorschaute, bot Córiel keinerlei Hinweise auf das Alter der seltsamen Dunländerin. Córiel kannte sich mit Menschen nicht sonderlich gut aus, obwohl sie schon einige Zeit lang in Rohan stationiert gewesen war.
"Grüß' Euch, gute Frau," sagte Jarbeorn, der offenbar bereits alle Vorsicht abgelegt hatte und seine Axt locker über der Schulter trug. "Ist es nicht ein wenig gefährlich für jemanden wie Euch, hier draußen alleine unterwegs zu sein? Immerhin soll in diesem Land ein Krieg herrschen."
"Gefährlich? Unsinn, mein Junge. Der Krieg ist vorbei, zumindest glauben die Häuptlinge das. Bis auf einige wenige haben sie alle diesem Jungspund die Treue geschworen und haben ihn sogar zum Wolfskönig gemacht." Sie machte ein geringschätziges Geräusch mit ihrer Zunge. Ganz offensichtlich hielt sie nicht sonderlich viel vom neuen Herrn von Dunland.
"Der Krieg ist vorbei? Wer hat ihn gewonnen?" fragte Córiel, deren Anspannung nun ebenfalls nachließ. Auch wenn ihr die Dunländerin ein wenig seltsam vorkam, schätzte Córiel sie nicht als Bedrohung ein.
"Diejenigen, die weder Sauron noch Saruman dienen wollen. Die idealistischen Narren, die Dunland nichts als Ärger einbrocken werden. Merkt euch meine Worte! Dieser Aéd Forathssohn ist kein guter Anführer. Er ist zu jung! Und nach allem was man hört, hat er sich sogar schon von einer Forgoil-Hure den Kopf verdrehen lassen." Sie spuckte aus.
Córiel verstand nicht recht, worum es bei dieser Aussage ging, doch Jarbeorn wusste offenbar, was die Worte der Frau zu bedeuten hatten. "Die Rohirrim wollen keinen weiteren Krieg mit den Dunländern," sagte er.
"Und dennoch haben sich beide Völker von Saruman abgewandt," unterbrach ihn die Frau. "Das wird noch übel ausgehen, für beide Seiten."
Sie weiß erstaunlich gut Bescheid, dachte Córiel misstrauisch. Die Nachricht vom Ende des Bündnisses zwischen Saruman und Rohan war erst wenige Wochen alt. "Wie ist Euer Name?" hakte sie rasch nach. "Und was führt Euch ganz alleine hier in diese trostlose Wildnis?"
"Es ist unhöflich, in der Fremde misstrauische Fragen zu stellen, ohne sich erst einmal selbst vorzustellen, Mädchen," gab die merkwürdige Frau unbeeindruckt zurück.
Córiel wollte schon eine bissige Erwiderung geben, doch Jarbeorn kam ihr zuvor. "Ich bin Jarbeorn, Sohn des Grimbeorn, und dies ist Córiel von den Noldor. Wir sind hier, um herauszufinden, was in Dunland vor sich geht."
"Aha, Spione seid ihr also, soso! Nun, dann könnt ihr ja froh sein, dass mir das gleich ist. Ihr seid weit weg von zuhause, ihr beiden." Sie musterte die beiden Gefährten eindringlich. "Ihr könnt mich Veca nennen. Meine Angelegenheiten gehen euch nichts an. Aber wenn ihr es unbedingt wissen wollt: Ich bin auf der Suche nach meinen Verwandten, die sich wegen den ständigen Kämpfen hier in der Gegend zerstreut haben. Nun schaut mich nicht so besorgt an, ich finde sie schon. Ihr solltet weiterreiten, dann findet ihr vielleicht die Antworten, die ihr sucht."
Jarbeorn sah aus, als wäre er dran und drauf, der Dunländerin Veca seine Hilfe anzubieten, doch Córiel hielt ihn mit einem eindringlichen Blick davon ab. Sie mussten Faramirs Auftrag erfüllen und hatten keine Zeit für Ablenkungen.
"Wir wünschen Euch viel Erfolg bei der Suche, Veca," sagte Córiel reserviert. "Doch Ihr habt Recht - wir sollten weiterziehen."
"Sichere Wege," wünschte Jarbeorn der Frau, ehe er sich wieder in den Sattel schwang. Córiel tat es ihm gleich.

Der Nebel ließ schon bald nach und sie kamen in offeneres Gebiet. Die Hügelkette hatten sie hinter sich gelassen und auch die meisten Bäume waren verschwunden. Dunland war an dieser Stelle recht karg, doch in der Ferne sahen die Gefährten mehrere Dörfer. Das Land war trotz all seiner Widrigkeiten bewohnt. Sie verließen die Straße und schlugen einen weiten Bogen um alle Dörfer, und Córiel versteckte ihre Elbenohren unter der Kapuze ihres blauen Umhangs. Sie hatten beschlossen, den Dunländern bis auf weiteres aus dem Weg zu gehen und sie nicht zu provozieren.
Als es Nacht geworden war, rasteten sie in einem kleinen Wäldchen, wagten jedoch kein Feuer zu entzünden. Sie hatten aus Rohan ausreichend Vorräte für drei Wochen mitgenommen, mussten sich also im Augenblick keine Sorge um Nahrungsbeschaffung machen.
Jarbeorn war schon bald eingeschlafen, doch Córiel lag noch eine ganze Weile wach und dachte über die Ereignisse der letzten Tage nach. Sie hasste ruhige Tage wie diese. Die Anspannung, die sie beim Treffen mit der merkwürdigen Veca verspürt hatte, hatte Córiels Kampfeslust erneut verstärkt, und sie spürte, dass sie mehr und mehr an ihre Grenze kam. Vielleicht könnten ein paar Übungskämpfe mit Jarbeorn für eine Zeit lang ausreichen, dachte sie, doch sie wusste, dass damit auf Dauer keine Abhilfe geschaffen war. Wenn sie nicht bald das Blut ihrer Feinde vergoss, würde es ihr schlecht ergehen...

Am folgenden Morgen war Córiel früh auf den Beinen. Sie hatte nicht sonderlich gut geschlafen, konnte sich aber nicht daran erinnern, geträumt zu haben. Jarbeorn streckte sich träge und grinste breit, als er die hell am Himmel stehende Sonne sah.
"Sieht ganz so aus, als wäre uns das Wetter heute wohlgesonnen, Stikke," sagte er gut gelaunt.
"Gestern ging die Sonne ebenso hell auf, schon vergessen? Und dann kam dieser elendige Nebel."
"Heute nicht. Das spüre ich."
"Ach wirklich? Und den Nebel hast du nicht gespürt?"
"Oho, ist da jemand mit dem falschen Fuß aufgestanden?" Jarbeorn war schon wieder unerträglich gut gelaunt und seine Neckereien machten das Ganze nicht wirklich besser.
"Halt den Mund und mach dich aufbruchsbereit." Sie hielt sich die Ohren zu, damit sie seine schadenfrohe Erwiderung nicht hören konnte, und packte ihre Sachen zusammen.

Sie schlugen einen Weg in nordwestlicher Richtung ein. Zu ihrer Rechten ragten in der Ferne die südlichsten Gipfel des Nebelgebirges empor und boten sich ihnen als Orientierungspunkt an. Die Landschaft veränderte sich kaum: Sie durchquerten eine breite Ebene, bewachsen von braunen und grünen Gräsern und übersät mit größeren und kleineren Felsen. Kein gutes Land für Ackerbau, wie Córiel feststellte.
Am Mittag geschah etwas, das den langen, ereignislosen Ritt jäh beendete. Córiel und Jarbeorn umrundeten gerade einen besonders großen, aufrecht stehenden Felsen, als sie sich unversehens von einer großen Horde von Dunländern umringt sahen. Córiel verfluchte sich innerlich dafür, dass sie sich von der Ereignislosigkeit der Reise dazu hatte verleiten lassen, die Wachsamkeit aufzugeben. Wäre sie vollständig aufmerksam gewesen, hätte sie den Hinterhalt vielleicht rechtzeitig bemerkt. Denn es handelte sich eindeutig um einen Hinterhalt - die Dunländer hatten auf sie gewartet und ihnen eine Falle gestellt.
Einer trat aus dem Kreis hervor, der sich um die beiden Gefährten geschlossen hatte. Sein Umhang war von einem breiten Pelzkragen gekrönt und sein Bart war dicht und buschig. Córiel vermutete, dass es sich bei ihm um einen Häuptling handelte. Ihr fiel auf, dass auf seinem rechten Unterarm zwei gekreuzte Messer tätowiert waren.
"So," sagte der Häuptling drohend. "Und wen haben wir hier? Zwei Spatzen, die sich zum weit von ihrem Nest entfernt haben."
Jarbeorn hob beschwichtigend die leere Hand. "Wir sind nur auf der Durchreise und wollen keinen Ärger."
Der Häuptling umrundete Córiels Pferd und riss mit einer ruckartigen Bewegung an ihrem Umhang. Als die Kapuze von ihrem Kopf rutschte, wurden Córiels spitze Ohren sichtbar, und ein Raunen ging durch die Menge. "Elben ist nicht zu trauen! Was habt ihr in Dunland zum schaffen? Sprecht schnell, ehe wir die Messer sprechen lassen," drohte der Häuptling und erntete zustimmende Rufe seiner Leute.
"Er hat die Wahrheit gesagt," presste Córiel zwischen ihren Zähnen hervor. "Wir sind nur auf der Durchreise."
"Ich glaube dir kein Wort, Elbenweib," knurrte der Häuptling. "Sicherlich seid ihr Spione der Königin im Norden. Und Yven, Sohn des Yven, ist wahrlich nicht gut auf Ihre Majestät zu sprechen!"
Seine Männer lachten, doch Häuptling Yven blieb grimmig. "Runter von den Pferden mit ihnen! Durchsucht sie, und nehmt ihnen die Waffen ab!" befahl er.
Córiel packte ihren Speer. Ohne einen Kampf würde sie sich nicht gefangennehmen lassen. Doch die Dunländer zählten mindestens drei Dutzend Mann. Der Kampf würde nicht lange dauern. Immerhin würde sie so sterben, wie sie gelebt hatte...
Etwas sirrte und einer der Dunländer schrie vor Schmerz auf. Ein Pfeil ragte aus seinem Rücken. Von fern war ein Hornstoß zu hören, und weitere Pfeile rauschten heran. Córiel und Jarbeorn zögerten nicht länger und sprangen mit gezogenen Waffen vom Rücken ihrer Pferde mitten unter die verdutzten Dunländer. Ein wildes Gefecht entbrannte. Córiel wirbelte um die eigene Achse und fegte mehreren Männern die Beine weg, ehe sie sie mit raschen Speerstichen außer Gefecht setzte. Rücken an Rücken mit ihr kämpfe Jarbeorn, dessen Großaxt eine blutige Schneise schlug. Und jetzt trafen jene ein, die die Pfeile abgefeuert hatten: Noch mehr Dunländer, die Yvens Gruppe offenbar feindlich gesinnt waren. Sie führten ein Banner mit sich, auf dem ein großer weißer Wolf im vollen Lauf zu sehen war.

Schon wenige Minuten später war bereits alles vorbei. Die meisten feindlichen Dunländer lagen tot am Boden oder hatten sich ergeben. Einige hatten es geschafft, zu entkommen, darunter zu Córiels Ärger auch Häuptling Yven. Doch sie fühlte sich viel besser als in den letzten Tagen. Ihr Blutdurst war gestillt worden... für den Moment.
Der Anführer der zweiten Gruppe von Dunländern trat auf sie zu. Er war jung, und trug den Pelz eines weißen Wolfes als Kopfbedeckung. Seine Männer machten keine Anstalten, Córiel und Jarbeorn anzugreifen.
"Habt Dank, dass ihr unsere Feinde aufgehalten habt. Mein Name ist Aéd Forathssohn... Wolfskönig der Dunländer."
Jarbeorn machte eine respektvolle Geste, indem er seinen rechten Arm gegen die Brust schlug. Córiel hingeben blieb stehen und musterte den Wolfskönig aufmerksam.
"Wir waren zufällig in der Gegend," meinte Jarbeorn mit einem schiefen Grinsen. "Selbstverständlich haben wir gerne geholfen."
"Wer waren diese Wilden?" wollte Córiel wissen.
Aéd seufzte. "Das, was vom Stamm des Messers und seinen Verbündeten noch übrig ist. Yven, dieser Sturkopf, führt sie an. Ich wünschte, er wäre nicht entkommen. Sie sind die letzten, die in Dunland noch Saruman folgen, seitdem der Krieg vorbei ist."
"Wir hörten davon," sagte Jarbeorn. "Wir kommen im Auftrag Rohans, um herauszufinden, was in Dunland vor sich geht. Mein Name ist Jarbeorn, Sohn des Grimbeorn, und dies ist Córiel von den Noldor, meine treue Gefährtin."
"Also dient ihr nicht der Königin der Avari?" fragte Aéd. "Nun, ich muss sagen, das ist eine Überraschung. Ich habe schon lange keine Nachrichten mehr aus Rohan erhalten. Doch lasst mich euch eines sagen: Ich bin kein Feind der Rohirrim. Sondern strebe ein Bündnis mit Aldburg an."
Jarbeorn nickte zufrieden. "Das ist mehr, als wir uns erhofft haben."
Aéd machte eine einladende Geste. "Meine Männer werden Yven weiter verfolgen. Begleitet mich in eines der nahe gelegenen Dörfer; dort können wir uns in Ruhe unterhalten und ihr könnt eure Vorräte aufstocken. Ich werde euch alle Fragen beantworten, die ihr oder eure Herren haben - vorausgesetzt, ihr beantwortet mir ebenfalls einige."
Jarbeorn und Córiel tauschten einen raschen Blick aus, doch schließlich nickte die Hochelbin. Sie hatte ein gutes Gefühl bei Aéd, auch wenn sie ihn später gründlich prüfen würde. Doch für den Augenblick würde Vertrauen ausreichen müssen. "Wir werden mit Euch kommen, Wolfskönig."
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Jetzt wird es kompliziert
« Antwort #29 am: 14. Sep 2017, 21:58 »
Es war nicht weit bis zu dem Dorf, von dem Aéd gesprochen hatte. Zwei Dutzend seiner Krieger begleiteten den Wolfskönig, der Córiel und Jarbeorn unterwegs berichtete, dass sie Häuptling Yven bereits seit mehreren Wochen jagten. Doch bislang hatte sich der Anführer der letzten Reste des Stammes des Messers jeglichem Zugriff entzogen.
Das Dorf wurde von Dunländern vom Stamm des Stabes bewohnt und war größer, als Córiel erwartet hatte. Aéd führte sie zum Haus des dort lebenden Häuptlings, den er ihnen schon bald vorstellte. Corgan vom Stamm des Stabes war einer der wichtigsten Unterstützer Aéds bei der Wahl zum Wolfskönig gewesen, wie er ihnen gleich nach seiner Begrüßung erzählte.
Nachdem Córiel und Jarbeorn ihre Pferde außerhalb des Hauses angebunden hatten, lud man sie ein, für den Abend als Gäste des Wolfskönigs an seiner Tafel zu speisen. Jarbeorn rieb sich vor Freude die Hände, und auch Córiel hatte nichts gegen ein reichhaltiges Abendessen.
"Eigentlich sollte dies das Festmahl sein, mit dem wir den endgültigen Sieg über Yven und den Stamm des Messers feiern wollten," erklärte Aéd während dem Essen. "Doch da er uns nun erneut entwischt ist, müssen wir das Fest verschieben." Außer Aéd und Corgan nahmen nur drei weitere Dunländer an dem Mahl teil, und sie verwendeten nur einen der kleineren Räume in Corgans Häuptlingssitz für das Abendessen. Es gab genug zu Essen; hauptsächlich einfache Kost, was Córiel jedoch nicht störte. Sie beteiligte sich nicht allzu sehr an den Tischgesprächen, denn sie ging davon aus, dass alle wichtigen Dinge mit dem Wolfskönig nach dem Ende des Mahls besprochen werden würden.
Sie sollte Recht behalten. Aéd stellte Córiel und Jarbeorn keine Fragen, bis alle fertig gegessen hatten. Der Wolfskönig leerte sein Trinkhorn und suchte zunächst Jarbeorns Blick.
"Ihr seht aus, als stammtet Ihr von Helm Hammerhand ab, Freund Jarbeorn," sagte er abschätzend. "Aus welchem Teil Rohans kommt Ihr, wenn Ihr mir die Frage gestattet?"
"Aus gar keinem," antwortete der Beorninger mit einem breiten Grinsen. "Mein Volk und ich stammen aus dem Tal des Anduin, bis es dort zu gefährlich wurde. Seit dem Fall des Goldenen Waldes leben wir im Firienwald in der Ostfold."
"Verzeiht - ich hielt Euch für einen der Rohirrim," sagte Aéd entschuldigend.
Jarbeorn winkte ab. "Mein Vater sagte mir, dass seine Ahnen über einige Ecken mit den Vorfahren des Volkes von Rohan verwandt seien. Ihr liegt also vielleicht gar nicht so falsch. Aber jetzt verratet mir eines: Was hat es mit dem Titel "Wolfskönig" auf sich? Ich habe Euren Kopfschmuck gesehen, ziemlich beeindruckend. Hat jeder Wolfskönig ihn getragen?"
"Nein," antwortete Aéd. "Ich habe den Wolf selbst erlegt, dessen Pelz ich nun trage, lange bevor ich König über die Stämme Dunlands wurde. Ich schätze, das ist in meinem Fall einfach ein günstiger Zufall. Es kommt nicht allzu oft vor, dass sich die sieben Stämme Dunlands unter einem einzigen Herren vereinen," erklärte er dann. "Geschieht das, wird dieser Herrscher als Wolfsfürst oder Wolfskönig bezeichnet. Der Legende nach war es nämlich ein Mann, der einen großen Wolf gezähmt hatte, dem die Vereinigung Dunlands als Erstem gelang, lange bevor die Söhne Eorls aus dem Norden geritten kamen. Seitdem haben viele Wolfskönige die Nachfolge dieses Mannes angetreten, und jetzt bin ich an der Reihe."
"Und was für ein König plant Ihr zu sein?" warf Córiel ein. "Stimmt es, dass Ihr Frieden mit Rohan schließen möchtet? Ich nehme an, dass das vielen aus Eurem Volk nicht sonderlich gefällt?"
Aéd wählte seine Worte sorgfältig, als er antwortete: "Es sind mehr Menschen damit zufrieden, als Ihr glaubt, und mehr als ich zu hoffen wagte. Der Großteil der Dunländer ist erschöpft von den vielen Kriegen, die wir in den letzten Jahren geführt haben, stets für fremde Herren. Mein Vater hat alles dafür geopfert, damit Dunland endlich frei ist und damit wir selbst entscheiden können, wer über uns herrscht. Außerdem bin ich der festen Überzeugung, dass alle Menschen in diesen dunklen Zeiten gegen den Schatten Saurons vereint stehen müssen, wenn sie überleben wollen."
Córiel sah dem jungen König an, dass er ernst meinte. Sie nickte anerkennend, denn sie erkannte einen mutigen Entschluss, wenn sie einen sah. "Also habt Ihr den Krieg in Dunland zu Euren Gunsten entscheiden können," stellte sie fest.
"Das habe ich," bestätigte Aéd. "Doch der Preis war hoch. Mein Volk und mein Land bluteten. Mein Vater gab sein Leben. Ich werde sein Opfer und das Opfer meines Volkes nicht vergeuden."
Jarbeorn schlug bekräftigend mit der Faust auf den Tisch. "Ha! Gute Entscheidung! Ich mag ihn, Stikke," fügte er an Córiel gewandt hinzu.

Aéd begann nun, ihnen Fragen über Rohan und über ihren Auftrag zu stellen, und berichtete ihnen im Gegenzug in allen Einzelheiten von dem Krieg, der unter den Stämmen Dunlands getobt hatte. Die Hälfte der Stämme war auf der Seite der Weißen Hand Sarumans gestanden und die andere Hälfte war Aéds Vater Forath gefolgt. Foraths Anhänger hatten nach mehreren gewonnenen Schlachten schließlich bei der Eroberung Tharbads die Oberhand gewonnen.
"Werdet ihr beiden nun nach Rohan zurückkehren?" fragte Aéd. "Da ihr nun ja erfahren habt, was in Dunland vor sich geht."
"Noch ist unser Auftrag nicht erfüllt, sondern nur teilweise," entgegnete Córiel. "Wir sind auf der Suche nach Elben, die vor einigen Monaten durch die Pforte von Rohan nach Norden zogen."
"Elben," wiederholte Aéd. "Nun, in letzter Zeit hatten wir hin und wieder mit einer großen Gruppe von Elben zu tun. Mehrere große Schiffe fuhren während der letzten Schlacht um Tharbad den Gwathló-Fluss hinauf und trugen ihre Besatzung bis nach Eregion. Wenn ich die Elben richtig verstanden habe, stammen sie aus einem Inselreich im fernen Westen. Doch es gibt noch eine zweite Gruppe, die hingegen aus dem Osten Mittelerdes gekommen ist. Beide haben sich in Eregion versammelt, und ihre Königin hat mit dem Wiederaufbau der Ruinenstadt in der Nähe des Schwanenfleets begonnen."
Jarbeorn warf Córiel einen fragenden Blick zu, doch sie musste ihn enttäuschen. "Ich habe noch nichts von diesen Elben gehört," sagte sie wahrheitsgemäß. "Und ich habe nichts mit ihnen zu tun. Wie ich bereits sagte, sind Jarbeorn und ich im Auftrag der Herrscher von Rohan hier."
"Nun, dann richtet ihnen aus, dass sie von mir keine Bedrohung zu fürchten haben, wenn ihr zu ihnen zurückkehrt."
"Ich glaube, ihr wäret besser damit beraten, einen eigenen Boten zu entsenden," meinte Córiel. "Ich weiß nicht, wie lange wir zur Erfüllung unseres Auftrags noch benötigen werden."
"Vielleicht," überlegte Aéd. "Doch werden die Rohirrim einem Boten der Dunländer trauen?"
"Wenn er ein Geleitschreiben von Heermeister Faramir trägt vielleicht schon," sagte Córiel und zog die Schriftrolle hervor, die Faramir ihr in Aldburg gegeben hatte. "Ich werde eine Erklärung hinzufügen, damit die Grenzwachen nicht annehmen, dass ich getötet wurde und mir das Schreiben abgenommen wurde. Habt Ihr Feder und Tinte?"
Aéd ließ das Gewünschte herbeibringen und Córiel fasste in geschwungener Elbenschrift rasch das Geschehene zusammen. Zuletzt presste sie den Ring ihres Hauses in das warme, weiche Wachs einer der Kerzen, die auf dem Tisch standen, und versiegelte das Schreiben damit. "So - das sollte als Beweis ausreichen."
"Hoffen wir es," meinte Aéd und überreichte die Schriftrolle einem seiner Männer, der damit den Raum verließ.

Aéd war ein freundlicher Gastgeber, der noch viele Fragen zu den Ereignissen in Rohan und in der Welt jenseits davon hatte. Córiel erzählte ihm bereitwillig von Glorfindels und Erkenbrands Feldzug gegen Dol Guldur, und von dem zeitweiligen Bündnis, das die Rohirrim mit Saruman gehabt hatten. Aéd schien ebenso froh zu sein wie Jarbeorn und Córiel es waren, dass das Bündnis nun gebrochen worden war.
Als es spät geworden war, hatte sich das Gespräch bereits in viele unterschiedliche Richtungen entwickelt. Córiel war gerade dabei, von ihrer und Jarbeorns bisherigen Reise zu berichten, als ihr etwas einfiel.
"Wir trafen unterwegs jemanden, der nicht sonderlich gut auf Euch zu sprechen war und Euch beschuldigte, sich mit einer Hure aus Rohan eingelassen zu haben. Was hat es damit auf sich, wenn Ihr die Frage gestattet?"
Aéds Blick wurde hart. "Sie ist keine Hure," rief er. "Es stimmt, dass sie aus Rohan stammt, aber ich werde nicht zulassen, dass so über sie geredet wird. Wer war es, dem ihr begegnet seid?"
"Eine merkwürdige Frau, die sich Veca nannte," antwortete Jarbeorn. "Ich hatte das Gefühl, sie sei nicht ganz richtig im Kopf."
"Veca," stöhnte Aéd auf. "Auch das noch. Diese Frau macht seit einigen Wochen nichts als Ärger. Als ob ich nicht mit der Jagd auf Yven genug Ärger am Hals hätte..."
"Wie meint Ihr das?" fragte Córiel neugierig.
"Sie hetzt das Volk gegen mich auf und verbreitet Unwillen unter der Bevölkerung," erklärte Aéd. "Ich vermute, dass sie eine Dienerin Sarumans ist, wie auch Yven. Gesehen habe ich sie selbst noch nie... sie verschwindet schneller, als ein Tropfen Wasser in einen Teich fällt. Und taucht ebenso rasch am anderen Ende Dunlands wieder auf."
"Das klingt gar nicht gut," meinte Jarbeorn. "Wie ist die momentane Stimmung in den Stämmen?"
"Die, die mit meinem Vater gegen die weiße Hand gekämpft haben, sind mir größtenteils treu," antwortete Aéd. "Doch bei den übrigen Stämmen gibt es einige Schwierigkeiten. Noch ist es nichts, was ich nicht im Griff hätte, aber... lange kann das nicht mehr so weitergehen. Ich habe mir bei diesen Stämmen damit keine Freunde gemacht, dass ich offen über ein Bündnis mit Rohan nachgedacht habe und dass ich gute Beziehungen zu den Elben in Eregion pflege."
"Und dass ihr eine rohirrische Geliebte habt, macht es wohl nicht gerade besser," ergänzte Córiel.
"Sie ist es wert," sagte Aéd, und man sah ihm an, dass er es ernst meinte. "Doch im Augenblick ist sie weit weg."

Es wurde still in dem kleinen Raum. Córiel fiel auf, dass sie nur noch zu fünft waren: Jarbeorn, der Wolfskönig, sie selbst, und zwei dunländische Krieger. Der dritte Mann war mit der Botschaft Aéds nach Rohan aufgebrochen. Einer der Männer stand gerade auf und zog die Türe nach draußen zu, durch die ein kalter Luftzug gedrungen war. Er trug einen ledernen Helm, der Ohren und Nacken bedeckte.
Ein ungutes Gefühl breitete sich in Córiels Magengrube aus. Doch ehe sie etwas sagen oder tun konnte, zuckte die linke Hand des Mannes zweimal, und Aéd und der dritte Dunländer keuchten getroffen auf. Beide sackten in ihren Stühlen zusammen. Wurfmesser hatten sich tief in Aéds Brust gebohrt. Sein Stuhl kippte um und der junge Wolfskönig fiel regungslos zu Boden.
Jarbeorn sprang auf, den schweren Tisch mit seiner enormen Kraft beiseite schleudernd. Seine Axt hatte er draußen gelassen, doch seine Fäuste waren beinahe ebenso eindrucksvoll und gefährlich. Doch der verräterische Dunländer war schnell und geschickt, und wich sämtllichen Hieben aus, mit denen der Beorninger versuchte, ihn niederzuschlagen. Und der Mann ging sogar noch einen Schritt weiter, indem er einen mächtigen rechten Haken Jarbeorns mit einer raschen Körpertäuschung ins Leere laufen ließ, unter dem Fausthieb von Jarbeorns Linker hinwegtauchte, und dem Beorninger dann in rascher Folge beide Ellenbogen unter das Kinn rammte. Schwer getroffen stürzte Jarbeorn wie ein großer Baum der Länge nach hin.
Córiel gab dem Attentäter keine Gelegenheit, ihren Gefährten zu erledigen. Sie riss den verborgenen Dolch hervor, den sie versteckt an ihrer Seite trug und sprang mit einem Kriegssschrei über den umgekippten Tisch. Ihr auf sein Gesicht gezielter Tritt ging ins Leere, denn der Mann war erneut ausgewichen. Von draußen war Aufruhr zu hören, doch offenbar hatte der Verräter die Türe sorgfältig verschlossen, ehe er seinen Angriff begonnen hatte. Es wird keine Hilfe kommen, dachte Córiel. Nur du und ich also. Ein kleines Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, trotz der Lage, in der sie sich befand. Sie konnte das tun, was sie am liebsten tat: zu kämpfen.
Die Hochelbin ließ den Dolch locker in ihrer Hand kreisen und bewegte sich vorsichtig im Uhrzeigersinn um ihren Feind herum, der ihr jeden ihrer Schritte ihr gegenüber gleichtat. Auch er hatte nun ein Messer gezogen. Auf seinem Gesicht, das teilweise von einem Schal aus dickem Pelz verborgen war, spiegelte sich keinerlei Furcht. Und dann, ohne Vorwarnung, ging er zum Angriff über.
Er war schnell - viel schneller, als Córiel erwartet hatte, obwohl sie bereits gesehen hatte, wie rasch er Jarbeorns Hieben ausgewichen war. Nur mit größter Not und dank ihrer langjährigen Erfahrung gelang es ihr, den Dolchstoß abzufangen, der ihr beide Augen genommen hätte wenn sie ihn nicht mit ihrer eigenen Klinge pariert hätte. Sie drehte sich mit großer Geschwindigkeit weg und ließ aus der Drehung einen tief angesetzten Tritt folgen, der ihrem Feind die Beine wegfegen sollte. Doch mit beinahe schon lässiger Einfachkeit sprang dieser über Córiels Angriff hinweg, rollte sich ab und ging direkt wieder in Angriffsposition. Zwei blitzschnelle Stiche ließen Córiel vor Schmerz aufkeuchen, und ihre Oberarme färbten sich rot. Die Schnitte waren nicht tief, aber sie bluteten stark. Sie zwang sich dazu, die Schmerzen zu ignorieren und ging ihrerseits zum Angriff über. Obwohl sie die Reichweite ihres Speeres vermisste, gelang es ihr nun endlich, einen Treffer zu landen und dem verräterischen Dunländer eine Wunde unterhalb der Rippen beizubringen. Als sie versuchte, die Situation zu ihrem Vorteil zu nutzen und einen tödlichen Hieb gegen sein Gesicht zu führen, drehte er sich mit unglaublicher Geschwindigkeit weg, schlug ihr mit der flachen Hand auf den Unterarm, sodass sie die Waffe fallen lassen musste, und traf sie mit dem Griff seines Dolches an der Schläfe - ein Treffer, der Córiel benommen zu Boden schickte.
Ihr Feind schien keine Zeit verschwenden zu wollen. Verschwommen sah sie noch, wie sich seine drohende Gestalt über sie beugte, den Dolch zum Todesstoß erhoben. Und während sie ihre Kräfte verließen, bäumte sie sich ein letztes Mal auf, und trat mit aller verbliebenen Wucht, die sie noch aufbrachte, in seine Leistengegend.
Der Dunländer brach getroffen zusammen und gab einen hohen, wimmernden Laut von sich. Córiel bekam von irgendwoher sein Messer zu fassen, rang sich auf die Knie hoch - und stach es ihm bis zum Anschlag in den Hals, ehe sie zu Tode erschöpft auf seiner Brust liegenblieb.

"Komm schon, Stikke," sagte Jarbeorns Stimme, die wie von fern an Córiels Ohr drang. "Willst du wirklich so enden? Ich weiß, dass noch Leben in dir steckt." Seine Stimme war beinahe flehend geworden.
Córiel riss die Augen auf. Der Beorninger kniete neben der Leiche des Verräters, von der sich Córiel nun mühsam herunter rollte. Jarbeorn stützte sie und half ihr, sich auf einen der Stühle zu hieven.
"Wie schön, dass du wieder kampffähig bist," presste Córiel mühsam hervor. Jarbeorn hatte einen großen Bluterguss am Kinn, schien aber ansonsten unverletzt zu sein.
Im hinteren Teil des Raumes regte sich etwas. Ein schmerzvolles Ächzen erklang, als sich Aéd aufrichtete. Jarbeorn und Córiel betrachteten den Wolfskönig mit staunenden Blicken, denn sie hatten ihn für tot gehalten. "Ich habe durch irgendetwas das Gleichgewicht verloren und bin gestürzt," erklärte Aéd und fasste sich an den Hinterkopf. Anscheinend waren die Wurfmesser nicht durch seinen Brustpanzer gedrungen sondern darin stecken geblieben und bei seinem Sturz abgefallen. "Offenbar habe ich das Bewusstsein verloren, als ich auf dem Boden aufschlug. Was... was ist hier geschehen?"
"Ihr hattet einen Verräter in Euren Reihen," stellte Jarbeorn klar und wies auf die Leiche, unter der sich eine Blutlache bildete. "Córiel hat ihn getötet."
Aéds Gesichtausdruck war voller Unglauben. "Ich kenne diesen Mann nicht," sagte er. "Ich verstehe nicht, wie er hierher gekommen ist."
"Er war unglaublich schnell," murmelte Córiel und beugte sich über den Toten, der zu ihren Füßen lag. Vorsichtig zog sie ihm den Helm vom Kopf - und erstarrte. Unter dem schützenden Leder, das am unteren Rand des Helmes angebracht war, kamen zwei spitze Elbenohren zum Vorschein.
"Die Angelegenheit ist gerade richtig kompliziert geworden" stieß Jarbeorn geschockt hervor.
« Letzte Änderung: 15. Sep 2017, 08:43 von Fine »
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Die Entscheidung des Wolfskönigs
« Antwort #30 am: 15. Sep 2017, 14:51 »
Die schwere Tür wurde von draußen mit Gewalt aufgebrochen, und Aéds Männer stürzten hinein. Die meisten waren ungefähr im selben Alter wie der Wolfskönig selbst. Als sie die Leiche sahen und erkannten, dass die Gefahr für den Augenblick gebannt war, wurden sie ruhiger, doch dann fiel einem der Krieger auf, um was es sich bei dem Toten tatsächlich handelte.
Ein lautstarkes Stimmengewirr brach aus. "Die Elben haben uns verraten!" lautete die Hauptaussage. Aéd gelang es nur mit größter Anstrengung, die Männer zum Schweigen zu bringen und ihm zuzuhören.
"Bewahrt die Ruhe! Wir wissen nicht, warum dieser Elb versucht hat, mich zu töten," rief er. "Ich glaube nicht, dass er aus Eregion kam, und solange wir keine Beweise dafür haben, werde ich das Bündnis mit der Königin der Avari nicht ohne guten Grund brechen."
Die meisten Dunländer schienen Aéd zu vertrauen und beruhigten sich, doch einige blieben stur. Córiel sah, wie sie ihr hasserfüllte Blicke zuwarfen. Das Misstrauen der Dunländer gegenüber den Erstgeborenen saß tief und war viele Jahrhunderte alt. Selbst Aéd würde weitaus mehr als ein paar Wochen benötigen, um dieses Misstrauen in seinem Volk verschwinden zu lassen.
"Diese Frau hat den Angreifer getötet und mir das Leben gerettet," verkündete der Wolfskönig und deutete auf die Hochelbin. "Beruhigt euch also! Die Gefahr ist für den Augenblick gebannt. Und würde sich bitte jemand um ihre Verletzungen kümmern?"
Eine Heilerin von Corgans Stamm wurde gerufen, und brachte ihren Häuptling gleich mit. Corgan polterte zunächst laut drauflos, außer sich vor Zorn, dass es jemand gewagt hatte, die Gäste, die er in seinem eigenen Heim beherbergt hatte, anzugreifen. Als er jedoch sah, dass Córiel kurzen Prozess mit dem Attentäter gemacht hatte, legte er ihr anerkennend seine Hand auf die Schulter, während die Heilerin die Schnitte verband, die sie im Kampf erlitten hatte.
"Er hat bekommen, was er verdient hat, dieser Haufen Abschaum. Zu schade, dass ich es nicht selbst tun konnte. Doch wie ich sehe, habt Ihr Euch wirklich sehr gut gegen ihn geschlagen." Er zog das Messer aus dem Hals des Toten und wog es abschätzend in der Hand. "Diese Waffe stammt vom Stamm des Messers. Die meisten ihrer Krieger tragen es," stellte Corgan fest.
"Wahrscheinlich sollte es so aussehen, als ob einer von Yvens Gefolgsleuten den Wolfskönig umgebracht hat," überlegte einer von Aéds Gefährten.
"Zu schade, dass du ihn töten musstest, Stikke," meinte Jarbeorn. "Er hätte uns vielleicht viele interessante Dinge verraten können, wenn wir ihn zum Reden gebracht hätten."
Córiel blickte entschuldigend zwischen dem Beorninger und Aéd hin und her, doch der Wolfskönig winkte ab. "Ihr habt um Euer Leben und um meines gekämpft. Wir werden schon noch herausfinden, was hinter dieser Sache steckt. Verdoppelt für heute Nacht die Wachen," wies er seine Leute an. "Ich für meinen Teil bin zu müde, um mich heute mit der Angelegenheit weiter zu befassen."

Der Morgen kam und die Sonne ging blutrot über dem fernen Nebelgebirge im Osten auf. Córiel und Jarbeorn hatten sich nach einem kurzen Frühstück zu Aéd und seinen engsten Vertrauten und Beratern gesellt, die sich ein Stück außerhalb des Dorfes unter einer mächtigen, uralten Eiche versammelt hatten. Der Baum war mehr als einen Meter dick und seine Krone war breiter als viele Häuser. In die Rinde des Stammes waren seltsame, fremdländisch wirkende Zeichen und Runen eingeritzt.
"Dies ist die Gebrannte Eiche," erklärte Corgan. "Hier versammeln sich die Ältesten vom Stamm des Stabes, um wichtige Entscheidungen zu treffen."
"Sie soll uns heute für den selben Zweck dienen," meinte Aéd, dem Sorge, aber auch Entschlossenheit ins Gesicht geschrieben standen. Nachdem er einen prüfenden Blick auf den Baum geworfen hatte, drehte er sich um und wandte sich an die Gruppe. "Ihr alle wisst inzwischen, was gestern Nacht geschehen ist. Jemand hat versucht, mich zu töten. Es gelang ihm, sich als einer meiner Männer zu verkleiden, doch in Wahrheit war er ein mir unbekannter Elb. Wir sind jetzt hier, um zu entscheiden, was wir wegen dieser Angelegenheit unternehmen werden."
"Ein Angriff auf den Wolfskönig kann nur eines bedeuten," rief einer der Berater, ein älterer Mann mit dichtem, buschigen Bart. "Die Elben wollen Krieg!"
"Er hat recht!" stimmte ein zweiter Dunländer zu. "Jetzt, wo sie sich in Eregion sicher fühlen, wollen sie uns führerlos machen, um selbst die Herrschaft über Dunland zu übernehmen."
"Das wisst ihr nicht," entgegnete Corgan. "Nur weil ein einzelner Elb versucht hat, Aéd Forathssohn zu töten, heißt das nicht, dass sich plötzlich alle Avari gegen uns gewendet haben. Wir wissen nicht, woher der Angreifer kam. Vielleicht ist er gar keiner der Elben, die in Eregion leben."
"Vielleicht steht er mit ihr im Bunde," rief der Bärtige und zeigte anklagend auf Córiel. "Sie kommt aus Rohan, oder nicht? Wie wir gehört haben, leben dort nun viele Elben."
"Es kann dennoch sein, dass der Attentäter auf eigene Faust gehandelt hat," überlegte Jarbeorn.
"Gibt es unter den Elben bezahlte Mörder?" fragte Aéd, an Córiel gerichtet, doch sie schüttelte den Kopf. Zumindest unter ihrem eigenen Volk, den Noldor, hatte sie noch nie davon gehört. Aéd ließ den Blick in die Ferne schweifen. "Wir dürfen nicht voreilig handeln. Denkt nach: Wer würde etwas von meinem Tod haben? Ich weiß, dass es viele Feinde gibt, die mich mit Freuden tot sehen würden, doch eines haben die meisten von ihnen gemeinsam...."
"Sie dienen der Weißen Hand," ergänzte Corgan. "Saruman ist es, der am meisten von deinem Tod hat. Dunland würde erneut ins Chaos stürzen und die Stämme würden sich wieder gegenseitig bekriegen. Das will niemand hier. Was hätten die Elben davon? Ich denke nicht, dass sie dahinter stecken."
"Und doch ist es äußerst ungewöhnlich, dass es Saruman oder Yven gelungen sein könnte, einen elbischen Attentäter anzuheuern," sagte ein Mann, der bisher noch nichts zur Diskussion beigesteuert hatte. "Ich denke, wir sollten dennoch die Möglichkeit nicht ganz ausschließen, dass die Elben Eregions dahinterstecken. Erinnerst du dich, wie kalt der Abschied ihrer Königin war?" fragte er, an Aéd gewandt.
Aéd schüttelte langsam den Kopf. "Ich weiß nicht, Domnall. Sie kam mir nicht wie eine  Herrscherin vor, die ihr Volk vor dem Untergang ihrer Heimat rettet, nur um einen Krieg mit den Menschen anzufangen."
Domnall schlug nachdenklich die Hände zusammen. "Ich meine nur, dass wir vorsichtig sein sollten und alle Möglichkeiten im Auge behalten sollten."
Nun nickte der Wolfskönig. "Also gut. Dann hört nun meine Entscheidung. Wir werden wachsam sein, und unsere Anstrengungen verdoppeln, Yven und seine fehlgeleiteten Anhänger zu erwischen. Wenn wir ihn haben, wird er uns sagen, ob er hinter dem Angriff steckt." Leises Gemurre erhob sich, doch Aéd brachte die Dunländer mit einer Geste zum Schweigen. "Außerdem werden wir die Grenze zu Eregion aufmerksam beobachten und versteckte Wachposten am Südufer des Glanduin aufstellen. Ich will wissen, wer den Fluss überquert, und aus welchem Grund. Sollten die Elben wider Erwarten etwas damit zu tun haben, werden wir sie zur Rede stellen. Wir werden nun umso dringender das Bündnis mit Rohan benötigen und ich bin froh, dass mein Bote bereits nach Aldburg unterwegs ist."

Nicht alle Dunländer waren mit Aéds Entscheidung zufrieden und als sich die Gruppe zerstreute, sah Córiel einige Gesichter, die ihr gar nicht gefielen. Unterdrückte Wut lag in der Luft und die Elbin hoffte, dass der Wolfskönig seine Gefolgsleute unter Kontrolle halten konnte.
Aéd und Domnall standen noch immer unter der Eiche und unterhielten sich leise miteinander. Jarbeorn trat hinzu, und Córiel folgte ihm.
"Es gibt da noch etwas, das ich euch noch nicht erzählt habe," sagte der Wolfskönig. "Während des Krieges reisten mein Vater und ich einige Zeit mit einer kleinen Gruppe von Elben. Ich wollte es schon gestern ansprechen, doch der Angreifer hat sich eingemischt, ehe ich dazu kam. Ihr hattet gesagt, ihr wäret auf der Suche nach einer Elbengruppe, richtig? Könnte es sich dabei womöglich um eben jene Gruppe handeln, mit der ich einige Tage unterwegs war?"
Er beschrieb in einigen kurzen Sätzen die Elben, mit denen er gereist war. Es waren fünf gewesen, drei Frauen und zwei Männer. Vier von ihnen waren Córiel unbekannt, doch der fünfte passte auf Lasserons Beschreibung. Aéd fügte hinzu, dass diese Gruppe zwar ebenfalls nach Eregion gegangen war, doch bereits Pläne gehabt hatte, nach Imladris und von dort in den Düsterwald weiterzureisen.
"Nun, das ist trotzdem eine gute Spur," befand Jarbeorn. "Auch wenn dies nicht die einzige Gruppe von Elben ist, die wir suchen. Ihr habt von Imladris gesprochen, Aéd..."
"Wir suchen den Herrn dieses verborgenen Tals, der vor einigen Monaten aus Aldburg aufbrach, um in seine Heimat zurückzukehren. Wahrscheinlich kam er noch vor dem Beginn des Stammkrieges durch Dunland.
"Dabei kann ich euch leider nicht behilflich sein," sagte Aéd entschuldigend.
"Nun, ich denke, wir werden erst einmal selbst nach Eregion gehen und uns dort ein Bild der Lage machen," sagte Córiel. "Falls wir etwas über den geheimnisvollen Angreifer herausfinden, werden wir es Euch wissen lassen, Wolfskönig."
"Ich danke Euch. Besonders dafür, dass Ihr mein Leben bewahrt habt."
Sie verabschiedeten sich von Aéd und sattelten rasch die Pferde. Dabei entging ihnen nicht, dass in Corgans Dorf noch immer eine angespannte Stimmung herrschte. Córiel hoffte, Aéd würde rasch für Beruhigung sorgen können.

Jarbeorn und Córiel trieben ihre Pferde zur Eile an, denn sie wollten Dunland rasch hinter sich lassen. Jetzt, wo das Gerücht umging, dass ein elbischer Attentäter den Wolfskönig angegriffen hatte, wollte Córiel kein Risiko eingehen. Sie verbarg ihre verräterischen Ohren unter ihrer Kapuze und hielt den Kopf bedeckt.
Die Landschaft veränderte sich langsam, während sie weiter nach Norden kamen. In diesem Teil Dunlands wuchsen mehr Bäume, und das Gras färbte sich grün, im Gegensatz zu dem braunen Gras der Ebene. Immer wieder überquerten sie kleine Bäche, die vom Gebirge nach Westen zum Gwathló flossen. Dennoch war das Land noch immer recht steinig und übersät von großen und kleinen Felsen. Es wurde hügeliger, je weiter sie kamen, und das bremste ihren eiligen Ritt mehr und mehr aus.
Gegen Mittag des selben Tages machten sie eine Pause in einer kleinen Mulde, die am Fuß eines besonders hohen Hügels lag. Aéd hatte ihre Vorräte aufstocken lassen, weshalb sie noch immer kein Feuer entzünden mussten. Jarbeorn hatte sich der Länge nach ins weiche Moos gelegt, das am Boden der Mulde wuchs, und blinzelte träge ins helle Licht der Mittagssonne, die zwischen den Ästen der nahen Bäume hindurchblitzte. Auch Córiel fühlte sich schläfrig. Um bei voller Wachsamkeit zu bleiben, stand sie auf und ging auf und ab. Seltsamerweise spürte sie, wie sie dennoch mehr und mehr das Verlangen überkam, die Augen zu schließen. Regelmäßiges, lautstarkes Schnaufen zeigte ihr, dass Jarbeorn das bereits getan hatte. Córiel schüttelte den Kopf, um die Müdigkeit abzuschütteln, doch davon wurde ihr nur schwindlig. Taumelnd stützte sie sich auf ihren Speer, als sich ein Schatten über ihr Gesicht legte.
"Du siehst aber gar nicht gut aus," sagte eine Stimme. "Ein Mittagsschläfchen würde dir bestimmt gut tun. Danach fühlst du dich erfrischt und gestärkt für die Weiterreise."
Córiel riss die Augen auf. Jemand beugte sich über sie. Sie brachte einen Moment, um die Dunländerin Veca zu erkennen. Córiel versuchte, sich aufzuraffen, doch dabei verlor sie das Gleichgewicht und landete auf ihrem Hinterteil.
"Wie seid ihr so schnell hierher gelangt?" stieß sie hervor.
"Widerspenstig gegen den guten Rat einer alten Freundin, was? Tsssk." Die merkwürdige Frau setzte sich neben Córiel und musterte sie.
"Was wollt Ihr von uns? Steht Ihr in Sarumans Diensten?" Córiel gelang es nun etwas besser, gegen die Müdigkeit anzukämpfen.
"So viele Fragen. Neugier steht dir nicht gut, meine Liebe. Ich sagte doch, du solltest lieber ein wenig schlafen."
"Antwortet mir," forderte Córiel, doch stattdessen erhob sich die Dunländerin und drohte ihr mit dem Finger. "Du hättest Kivan nicht töten sollen. Das war äußerst unhöflich von dir."
"Wovon... von wem sprichst du?" Córiel gelang es, aufzustehen.
Die Frau deutete anklagend auf Córiels Umhang, an dem noch Blutflecken zu sehen waren. "Du hast es nicht einmal für nötig gehalten, sein Blut abzuwaschen. Dabei hat er nur getan, was ich ihm aufgetragen habe."
"Du steckst hinter dem Angriff auf den Wolfskönig?"
"Ich sagte doch bereits bei unserer letzten Begegnung, dass ich nicht allzu viel von ihm halte." Veca klang, als würde sie über etwas so Belangloses sprechen wie die Sonne oder den Wind, und nicht über Mord und Blutvergießen. "Immerhin werden nun einige denken, dass der Angriff aus Eregion kam. Vielleicht hat Kivan am Ende doch nicht versagt."
Córiel packte ihren Speer. "Spuckt endlich aus, was das zu bedeuten hat, oder ich muss euch wehtun."
Veca schien unbeeindruckt zu sein. "Nun werd' aber nicht unfreundlich, Mädchen." Mit einer raschen Bewegung fegte sie die Speerspitze beiseite und traf Córiel mit der flachen Hand an der Schläfe, wo sie am Abend zuvor der Attentäter mit dem Knauf seines Dolches erwischt hatte. Und ihre Augen sahen nichts mehr als Schwärze.
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Der Sohn des Falken
« Antwort #31 am: 15. Sep 2017, 22:37 »
Als Córiel erwachte, kniete Jarbeorn gerade mit besorgtem Gesichtsausdruck über ihr und presste ihr ein kühles Stück von feuchtem Stoff an die Schläfe, wo sie nun bereits zweimal getroffen worden war. Der Beorninger schien unverletzt zu sein. Vorsichtig setzte die Hochelbin sich auf. Von Veca war keine Spur zu sehen. Doch sie war nicht alleine mit Jarbeorn in der Mulde, in der die Dunländerin sie überrascht hatte. Ein Mensch lehnte an einem der Bäume und blickte mit scheinbaren Desinteresse zur Seite. Er war kleiner als Jarbeorn, aber dennoch muskulös gebaut. Er trug eine hellbraune, ärmellose Jacke, die seine nackte Brust zeigte, sowie eine feste Hose aus dunklem Leder und hohe Stiefel, die bis zu seinen Knien reichten. Um den Hals lag ein weißer Schal, der ihm über den Rücken fiel und bis zu seinen Oberschenkeln reichte. Die braunen Haare trug er offen und knapp schulterlang, und ein wohlgepflegter, kurzer Bart rundete sein Aussehen ab. Córiel musste zugeben, dass sie den Unbekannten auf eine gewisse Art ziemlich attraktiv fand. Seine Haut war sehr braungebrannt, als käme er aus dem Süden Mittelerdes.
"Wieder wach, was?" meinte er und warf ihr einen beiläufigen Blick zu. Seine Stimme war angenehm klingend, wenngleich sie nicht so tief wie Jarbeorns war. Er sprach Westron ohne jeglichen Akzent.
Córiel kam auf die Beine. "Wer seid Ihr? Und wo ist dieses Miststück hin, das mich niedergeschlagen hat?"
Jarbeorn hob ahnungslos die Schultern. "Als ich erwachte, hat er dich gerade auf den Rücken gerollt und ins weiche Moos gebettet," erklärte der Beorninger. "Ich glaube, wenn er ein Feind wäre, hätte er uns schon etwas angetan, ehe ich erwacht bin."
"Seht ruhig bei euren Sachen nach. Es ist alles noch da," meinte der Fremde. Er stieß sich von dem Baum ab, an den er sich gelehnt hatte, und schlenderte zu ihnen hinüber. Dann stützte er die Hände in die Hüften und sagte: "Wenn ihr diesem Weib begegnet seid, dann bin ich zu spät gekommen. Ich hatte gehofft, sie dieses Mal endlich zu erwischen. Als ich vor zwei Wochen nach Dunland kam, hat sie mir etwas gestohlen... etwas Wichtiges. Seitdem jage ich sie. Doch immer wieder entwischt sie mir, wie ein Schatten. So etwas habe ich noch nie erlebt."
Er schien nicht sonderlich verärgert zu sein, sondern erzählte Jarbeorn und Córiel im Plauderton davon, als würden sie sich schon lange kennen.
"Ich habe uns bereits vorgestellt," warf Jarbeorn ein. "Dies ist Sabri, der auch der Sohn des Falken genannt wird."
Sabri machte eine wegwerfende Handbewegung. "Sabri genügt." Er beugte sich vor und fragte: "Hat Veca irgendetwas zu euch gesagt, das vielleicht auf ihren nächsten Schritt hinschließen lässt? Was wollte sie von euch?"
"Wenn ich das wüsste," antwortete Córiel und rieb sich vorsichtig die Schläfe. Rasch fasste sie zusammen, was Veca zu ihr gesagt hatte, ehe sie sie niedergeschlagen hatte und verschwunden war. "Sie hat... zugegeben, hinter dem Mordversuch auf den Wolfskönig zu stecken."
"Das passt zu ihr," meinte Sabri verdrossen. "Sie stiftet Chaos, wo immer sie nur kann."
"Ihr Ziel scheint zu sein, dass ein Krieg zwischen Dunland und Eregion ausbricht," fuhr Córiel fort.
"Und wer hätte etwas davon?" überlegte Jarbeorn, und beantwortete seine Frage gleich darauf selbst: "Natürlich. Saruman. Sie muss in seinen Diensten stehen."
"Gut möglich," meinte Córiel. "Ich denke jedenfalls, dass wir so bald es geht nach Eregion weiterreiten sollten, und mit den Elben dort sprechen sollten. Wir müssen verhindern, dass aus diesem Missverständnis tatsächlich ein blutiger Krieg entsteht. Außerdem können uns die Elben von Eregion sagen, wohin Lasseron und seine Gruppe gegangen sind, und sie haben vielleicht auch etwas von Meister Elronds Gruppe gehört."
"Missverständnis?" wiederholte Sabri fragend.
"Der Angreifer, der den Wolfskönig ermorden wollte, war ein Elb," erklärte Jarbeorn.
"Hmm. Interessant," kommentierte Sabri. "Ich schätze, ich werde mitkommen. Wenn Veca tatsächlich einen Krieg anzetteln will, kann ich das nicht zulassen. Ihre Pläne zu durchkreuzen wird sie vielleicht zu mir locken, und sich am Ende als erfolgreicher erweisen als eine schier endlose Jagd durch die Ödnis dieses Landes."
Jarbeorn stimmte erfreut zu, doch Córiel war vorsichtiger. Sabri schien es sofort zu bemerken. "Mach dir keine Sorgen, große Elbenkriegerin. Ich habe nicht vor, dich oder deinen Kumpanen zu verraten. Ich bin ebenso fremd in diesem Land wie ihr beide und werde hier so bald ich meinen Auftrag erledigt habe, wieder verschwinden."
"Was für einen Auftrag?" wollte Córiel wissen. "Was willst du hier, und in wessen Diensten stehst du?"
Sabri schüttelte den Kopf. "Das kann ich nicht verraten. Noch nicht. Ich sage nur so viel: Es hängt mit Saruman zusammen. Doch Veca hat mir einen wichtigen Gegenstand gestohlen, den ich zur Erfüllung meines Auftrages benötige. Gelingt mir das nicht, muss ich in Schande zu meinem Vater und seinen Kriegern zurückkehren."
"Wir haben einen gemeinsamen Feind," stellte Jarbeorn klar. "Selbstverständlich kannst du uns begleiten."
"Hmpf," machte Córiel. "Also gut. Aber wenn er am Ende doch ein Verräter ist, kümmerst du dich um ihn. Und du schuldest mir dann einen Honigkuchen."
"Ha!" rief Jarbeorn. "Es sei!" Die Honigkuchen der Beorninger waren berühmt, doch Córiel war es in all der Zeit, in der sie Jarbeorn kannte, noch nie gelungen, ihn dazu zu überreden, ihr eine solche Köstlichkeit zu backen.
"Ich fürchte, auf diesen Kuchen wirst du lange warten müssen, meine Liebe," meinte Sabri mit einem schiefen Lächeln. "Ihr könnt mir nämlich vertrauen."

Rasch machten sie sich aufbruchsbereit. Die Pferde waren zum Glück noch an Ort und Stelle, und es hatte sich ein drittes Ross zu Córiels und Jarbeorns Reittieren gesellt; eines, wie es es Córiel noch nie gesehen hatte. Sein Fell war tiefschwarz und glänzte in der hellen Mittagssonne. Es war ein kräftiger, feuriger Hengst, der freudig wieherte, als Sabri in den Sattel stieg.
Voller Drang, die durch den unfreiwilligen Mittagsschlaf verlorene Zeit wieder aufzuholen, trieben die drei Gefährten ihre Pferde zur Höchstgeschwindigkeit an. Die nördlichen Hügellandschaften Dunlands flogen nur so an ihnen vorbei, bis schließlich in der Ferne das blaue Band des Glanduins auftauchte, das die Grenze des Reiches des Wolfskönigs markierte. Als der Fluss in Sichtweite kam, wurden die drei Reiter etwas langsamer. Sie ritten zwischen zwei großen Hügeln hindurch, und das Land wurde abschüssig zum Ufer des Flusses hin. Direkt vor ihnen, noch ungefähr eine Meile entfernt, lag eine breite Furt. Und dahinter erstreckte sich ein großes und leeres, grünes Land.
"Eregion", rief Córiel, und sie hielten ihre Pferde an. "Dort liegt es, das ehemalige Reich meines Volkes."
Keiner der beiden Menschen sagte etwas. Jarbeorn und Sabri hatten sich unterwegs hin und wieder einige Minuten lang über dies und das ausgetauscht, doch nun blickten sie beide aufmerksam nach Norden. Córiels scharfe Elbenaugen hingegen fingen im Osten eine Bewegung auf, und sie drehte den Kopf nach rechts. Dort, auf der Spitze des Hügels, war eine Gestalt zu sehen, die in dunkle Gewänder gehüllt war. Ein frischer Wind war aufgezogen und verwirbelte Córiels Haar. Als sie genauer hinsah, erkannte sie, dass es sich bei der Gestalt um einen Elb handelte. Sein Gesicht glich dem Angreifer, den sie in Corgans Dorf getötet hatte, so sehr, dass sie fast schon glaubte, er wäre von den Toten auferstanden. Sie keuchte überrascht auf, und warf ihren Gefährten einen besorgten Blick zu. Doch als sie wieder nach oben blickte, war der geheimnisvolle Elb verschwunden.
"Das klingt gar nicht gut," befand Jarbeorn, nachdem Córiel rasch erzählt hatte, was sie gesehen hatte.
"Es klingt nach Veca," brummte Sabri verdrossen. "Sie lässt uns beobachten."
Mehrere Minuten verharrten sie an Ort und Stelle, die Waffen wachsam griffbereit haltend. Der Wind rauschte über ihre Köpfe hinweg und riss das braune, rote und goldene Laub von den Blättern der wenigen Bäume, die hier wuchsen. Córiel hielt den Atem vor Anspannung an. Doch nichts geschah.
"Wir sollten hier nicht verweilen," sagte Jarbeorn. "Lasst uns weiterreiten."

Eilig durchquerten sie die breite Furt. Gerade als Córiels Pferd das vorderste Bein auf das jenseite Ufer setzte, schoss ein Pfeil haarscharf an ihrem Gesicht vorbei, und eine Stimme rief ihr auf Quenya zu: "Keinen Schritt weiter, wenn Euch das Leben lieb ist!" Der Sprecher hatte die Sprache mit einem seltsamen Akzent gesprochen, und als Córiel sich überrascht umblickte, sah sie eine große Gruppe von gut gerüsteten Elben auf sich zukommen, die sich hinter den großen Felsen verborgen hatten, die am nördlichen Ufer der Glanduin-Furt lagen. Dies mussten die neuen Bewohner Eregions sein, die sie aufsuchen wollten.
"Wer seid ihr, und was habt ihr in Eregion zu schaffen?" fragte der Sprecher, ein hochgewachsener Elb in schwerer Rüstung, der sein Schwert gezogen hatte.
Córiel antwortete ihm in ihrer Muttersprache. "Wir kommen aus Rohan mit einer Nachricht der Heerführer des Westens," sagte sie. "Und bringen eine Warnung an eure Königin. Es gab ein Attentat auf den Wolfskönig von Dunland, und wir glauben, dass es so aussehen sollte, als wären die Elben von Eregion verantwortlich. Denn der Attentäter war ein Elb. Ich selbst habe ihn getötet. Jemand will einen Krieg zwischen euch und den Dunländern auslösen."
"Ihr habt gut daran getan, die Wahrheit zu sprechen. Wir hörten bereits verschiedene Gerüchte, die Ähnliches besagen. Dennoch sind dies finstere Zeiten, und wir Manarîn können es uns nicht erlauben, jetzt unvorsichtig zu werden. Ihr werdet uns eure Waffen übergeben, und uns zu unserer Hauptstadt begleiten, wo unsere Königin sich eurer annehmen wird."
Córiel gefiel das zwar nicht, doch sie sah ein, dass dies der schnellste Weg war, die Königin der Avari zu erreichen und mit ihr zu sprechen. Also willigte sie ein und übergab ihren Speer an die Elben. Auch Jarbeorn und Sabri ließen sich entwaffen. Dann ritten die drei Gefährten in Begleitung ihrer neuen Eskorte am Fluss entlang nach Nordwesten, um mit der Königin zu sprechen...


Córiel, Jarbeorn und Sabri mit den Manarîn-Wachen nach Eregion
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Auf dem Weg durch das Marschland
« Antwort #32 am: 2. Nov 2019, 21:44 »
Kerry und Oronêl aus Enedwaith


Dichte Nebelschwaden zogen über den südwestlichen Teil Dunlands, der von einer Vielzahl von kleinen Moorfeldern durchzogen war. Dank Oronêls Erfahrung gelang es dem Elb, für sich und Kerry einen sicheren Weg durch das tückische Gelände zu finden. Immer wieder war Kerry über ihre Kindheit froh, in der sie wie die meisten Kinder Rohans bereits sehr früh das Reiten erlernt hatte. Es war ihr Onkel gewesen, der sie zum ersten Mal in den Sattel gesetzt hatte. Und wie die meisten Kinder Rohans hatte es nicht lange gedauert, bis aus der kleinen Déorwyn eine geborene Reiterin geworden war. Die langjährige Erfahrung half ihr nun, sicher auf dem Rücken ihres Pferdes sitzen zu bleiben, selbst wenn das Tier hin und wieder ins Straucheln geriet und den Sattel ins Schwanken brachte.
Der Abschied von Gwŷra war kurz , aber herzlich gewesen. Kerry und Oronêl hatten versprechen müssen, den Glannau Môr auf jeden Fall einen erneuten Besuch abzustatten und Gwŷra hatte die beiden mit dem höchsten Feuersegen des Blutmondes belegt, was auch immer das bedeuten musste. Aelwyd hatte Kerry ein listiges Grinsen geschenkt und Oronêl geraten, sich von seinen Instinkten leiten zu lassen. Der Häuptling des Küstenstammes hatte sich im Hintergrund gehalten. Kerry hoffte, dass das Volk Enedwaiths nun zumindest für einige Zeit von den Machenschaften Sarumans Ruhe haben würde.
Die Sumpflandschaft zog vorbei, ohne sich groß zu verändern. Oronêl hatte geschätzt, dass es noch zwei Tagesritte dauern würde, ehe sie wieder das vertrautere Hügelgebiet erreichen würden, in dem Aéds Volk, der Stamm des Schildes lebte. Immer wieder ertappte Kerry sich dabei, wie sie sich das Wiedersehen mit Aéd vorstellte. Endlich würden sie Zeit haben, wirklich miteinander zu reden und sich besser kennen zu lernen. Weil Oronêl seinen eigenen Gedanken nachzuhängen schien - der Großteil schien um das schimmernde Ding zu kreisen, das der Waldelb geradezu eifersüchtig wie einen Schatz hütete - hatte auch Kerry viel Zeit, um nachzudenken. Und dabei war ihr aufgefallen, dass sie Aéd gar nicht so gut kannte, wie sie immer gedacht hatte.
Wie oft haben wir uns überhaupt getroffen? dachte sie. Da war unsere erste Begegnung, im Kriegslager der Dunländer vor Tharbad. Der gemeinsame Marsch nach Eregion - bei dem ich sauer auf ihn war und kein Wort mit ihm gewechselt habe. Die Aussprache im Dorf des Schildes. Und dann - Danach hatte Mathan Kerrys Aufmerksamkeit auf sich gezogen, denn damals hatten sie die Grenze zur ehemaligen Heimat des Elben überschritten, was ihn auf gewisse Weise belastet hatte und somit Kerrys Neugierde und Einfühlsamkeit geweckt hatte. Nach der Schlacht in der Schmiede war Kerry mit Aéd in dessen Heimatdorf zurückgekehrt und hatte - sie erötete, als sie sich daran erinnerte - ihn geküsst. Aber... das war es auch schon gewesen. Sie hatten ein bisschen miteinander geredet, ehe Oronêl und Finelleth sie unterbrochen hatten. Und danach war Kerry nach Norden aufgebrochen und hatte Abenteuer über Abenteuer erlebt, bis...
Eigentlich hatte sie an das Wiedersehen mit Aéd in Aldburg denken wollen, doch als Kerrys Gedanken ihre Reise durch den Düsterwald Revue passierten, blieb Kerrys inneres Auge am schweigsamen Gesicht Helluins hängen. Seine dunklen Haare fielen ihm unordentlich zu beiden Seiten bis auf die Wangen herab und die Stirn war in grüblerische Falten gelegt. Doch darunter brannten die beiden Augen wie zwei Eissterne und zogen Kerrys Blick unwiderstehlich an und nahmen sie für sich gefangen.
Sie blinzelte heftig. Nein, dachte sie. Er ist fortgegangen. Und er war ein Diener Sarumans! Doch am Ende hatte er Oronêl gerettet, und er hatte Kerry vor dem Zauberer gerettet, und... sein Abschied war beinahe schon wie der Abschied eines Freundes gewesen. Oder gar eines...
Kerry musste bei diesem Gedanken ein Geräusch von sich gegeben haben, denn Oronêl, der vor ihr ritt, hielt sein Pferd an und blickte über die Schulter zu ihr zurück. "Ist etwas, Kerry?" wollte der Waldelb verwundert wissen.
Peinlich berührt schlug Kerry die Augen nieder. "Nein, nichts," druckste sie herum.
Zu ihrer wachsenen Beklommenheit wendete Oronêl sein Pferd und kam heran, bis er ihr direkt in die Augen sehen konnte. Ein belustigtes Lächeln spielte über sein Gesicht. "Du kannst mit mir darüber reden, wenn du willst," bot er an.
"I-ich..." Kerry schluckte. Verdammte Elben und ihre übermenschliche Auffassungsgabe! "Oronêl," begann sie vorsichtig. "Wie... wie war das einst bei dir, äh..."
"Ja?"
"Als du... deine Frau kennengelernt hast."
Oronêl zog die linke Augenbraue in die Höhe. "Oh?"
"W-wann warst du dir... sicher?"
"Sicher?"
Kerry raufte sich die Haare. "Oronêl!" schrie sie frustriert. "Hast du etwa die Fähigkeit verloren, vollständige Sätze zu bilden? Muss ich dir jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen?"
"Kerry, beruhige dich," lachte Oronêl. "Komm schon, ich beiße nicht. Stell deine Frage. Ohne weiteres Drumherum."
Kerry seufzte verärgert. Also gut. Also gut.... "Wann warst du dir sicher, dass du Calenwen liebst?"
Oronêl verschränkte die Arme vor der Brust. "Wirklich Kerry, du überraschst mich immer wieder mit deiner..."
"Beantworte die Frage!"
Der Waldelb hob abwehrend die Hände. "Ruhig Blut, ruhig Blut..." Er schmunzelte. "Es gab bei uns nicht diesen einen entscheidenden Augenblick, in dem mir klar wurde, dass ich Calenwen liebe. Es war ein Prozess. Je mehr ich sie kennenlernte, desto mehr fiel mir an ihr auf, das mir gefiel - nein, das meine Hingezogenheit zu ihr stärker werden ließ. Und ihr ging es ähnlich."
"Wie lange... hat das gedauert?"
"Oh, viele hunderte von Jahren."
"Verstehe," murmelte Kerry.
Oronêl sah aus, als wäre er drauf und dran, eine Bemerkung zu machen, die Kerry im Augenblick keinesfalls hören wollte. Also warf sie ihm einen warnenden Blick zu und der Elb zwinkerte ihr stattdessen nur zu.
"Kopf hoch, Kerry. Du stehst erst ganz am Anfang. Mach' dir nicht zu viele Gedanken! Alles wird sich zu seiner Zeit ergeben."
"Du hast gut reden," maulte Kerry leise. "Von Zeit hast du mehr als genug."
Statt einer Antwort stupste ihr Oronêl gegen die Nase, ehe er sein Pferd wieder nach vorne wendete. "Komm schon, kleine Geheimniskrämerin. Wir haben heute noch einen weiten Weg vor uns."
Der Waldelb presste dem Ross sanft die Innenschenkel gegen die Flanken und das Tier gehorchte, in einen raschen Trab verfallend. "Bald werden wir diesen Sumpf hinter uns gelassen haben!" rief Oronêl Kerry zu und sie musste sich beeilen, um ihm zu folgen.

In der folgenden Nacht konnte Kerry lange nicht schlafen. Entgegen Oronêls Rat hatte sie den ganzen Tag mit brütender Grübelei verbracht. Und obwohl sie so viel Zeit investiert hatte, hatte sie das Gefühl, nicht einen Schritt weiter gekommen zu sein.
Wann wird es klar werden, ob ich Aéd wirklich liebe? dachte sie und starrte in den finsteren Himmel über ihr. Der Nebel war durch dichte Wolken ersetzt worden, die die Sterne über ihnen verhüllten. Er ist heldenhaft und liebenswert, und gutaussehend, und er scheint mich wirklich zu mögen, aber... eigentlich kenne ich ihn gar nicht wirklich. Wir haben selbst während dem Ritt durch Rohan kaum geredet, stattdessen eher... Sie wurde rot und drehte sich auf die linke Seite. Mit einem Mal fürchtete sie sich vor dem Wiedersehen mit Aéd. Was, wenn ich feststelle, dass er... dass er gar nicht der Richtige für mich ist? Sie wünschte sich, sie wäre bereits in Eregion und könnte mit Halarîn über alles reden - die Elbin erschien Kerry die Einzige zu sein, die sie wirklich verstehen würde. Ich wünschte, alles wäre einfacher, dachte sie frustriert. Wieso kann es nicht einfach alles ganz klar sein? Wieso halten mich diese Gedanken so gefangen? Und... jetzt, da ich mich an ihn erinnert habe... weshalb kann ich Helluin nicht vergessen?
« Letzte Änderung: 16. Nov 2019, 11:42 von Fine »
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Eandril

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Re: Dunland
« Antwort #33 am: 20. Nov 2019, 22:32 »
Das Dorf des Stammes des Schildes hatte sich seit Oronêls letztem Besuch kaum verändert, und beim Anblick der Hütten, die sich zwischen die Hügel schmiegten, fragte er sich, ob er jemals nicht unter dramatischen Umständen oder drängender Zeit an diesen Ort kommen würde. Beim ersten Mal waren er und Orophin gekommen, um Amrothos zu befreien, das zweite Mal hatten sie hier Halt auf dem Weg nach Eregion gemacht, und beim dritten Mal hatte sich Aéd sein Amt als Wolfskönig verdient. Und nun drängte die Zeit erneut, und Oronêl und Kerry würden nicht lange verweilen können.
Im Gegensatz zu früher hielt sie niemand auf, als sie zwischen den Hütten hindurch zum zentralen Platz im Nordwesten des Dorfes ritten, auch wenn sie den ein oder anderen neugierigen Blick auf sich zogen. Die meisten davon schienen auf Oronêl gerichtet zu sein, doch auch Kerry bekam mehr Aufmerksamkeit als ihr lieb zu sein schien. Vor dem großen Haus, das Aéd mit seiner Familie seit Bórans Tod bewohnte, ließ Oronêl sich vom Pferd gleiten, und Kerry tat es ihm kaum weniger elegant gleich.
"Ob Aéd wohl zu Hause ist?", fragte sie mit gespielter Leichtigkeit, und Oronêl seufzte innerlich. Nach ihrem Gespräch vor zwei Tagen ahnte er, was sie beschäftigte, und er würde es nicht wagen, auf einen bestimmten Ausgang zu setzen. Bei Kerry wusste man nie.
Bevor er an die dicke Holztür klopfen konnte, öffnete sich diese bereits, und ein braunhaariges Mädchen trat schwungvoll und strahlend über die Schwelle. "Du bist wieder da!", sagte sie aufgeregt an Kerry gewandt. "Aéd hat gesagt, dass du kommen würdest, aber er wusste nicht wann. Er hat überhaupt viel von dir geredet." Sie senkte ihre Stimme zu einem vertraulichen Flüstern, und ergänzte: "Ich glaube, er ist furchtbar verliebt in dich." Kerry biss sich bei diesen Worten auf die Unterlippe, und schien unschlüssig zu sein, was sie darauf antworten sollte. Zu ihrem Glück trat eine kleine, rundliche Frau, Aéds Stiefmutter Brigid, aus dem dunklen Flur heraus auf die Schwelle, und legte ihrer Tochter eine Hand auf die Schulter. "Lynet...", schalt sie leise. "Es gehört sich wohl kaum, unsere Gäste auf der Türschwelle mit solchen Themen zu überfallen." Sie lächelte warmherzig, und Oronêl entging die stumme Erleichterung, die Kerry ausstrahlte, nicht. "Seid beide in unserem Haus willkommen. Ich fürchte, Aedir ist noch nicht hier, doch er sollte vor dem Abend zurück sein." Sie warf Kerry einen Seitenblick zu, und ihre Augen funkelten verdächtig.
"Wir nehmen deine Gastfreundschaft gerne an", erwiderte Oronêl. Er hatte befürchtet, sich beim Anblick Brigids und ihrer Kinder schuldig wegen Foraths Tod zu fühlen, doch sie schienen den Verlust einigermaßen überwunden zu haben. "Doch ich fürchte, wir werden nicht allzu lange bleiben können", fügte er ernst hinzu. "Wir haben in Enedwaith Gerüchte über einen Angriff auf Eregion gehört."
"Morgen", sagte Kerry leise. "Wir brechen morgen früh wieder auf." Sie wich Oronêls Blick aus. Er hob eine Augenbraue, sagte aber nichts.
Stattdessen ergriff Brigid das Wort: "Nun, für diese Nacht werdet ihr froh sein, ein Dach über dem Kopf zu haben. Es wird Schnee geben." Sie sagte es in einem Tonfall, als gäbe es keine Zweifel an ihrer Vorhersage, und Oronêl war geneigt, ihr zuzustimmen. Die letzte Stunde hatte er den kommenden Schnee im Wind gerochen.

Sie folgten Brigid durch den dunklen Flur, an den Oronêl sich gut erinnerte, in die warme Küche hinein. Im Ofen brannten munter einige Holzscheite, und die Fensterläden waren fest geschlossen und sperrten die heraufziehende Dunkelheit und die Kälte aus. Oronêl wäre es lieber gewesen, ein wenig vom Himmel sehen, doch als Gast beklagte er sich nicht. Kerry war inzwischen von Lynet in ein Gespräch verwickelt worden, und gab sich dabei betont unbeschwert, doch offenbar bemerkte selbst Brigid, dass ihr etwas auf dem Herzen lag. Aéds Mutter betrachtete Kerry einen Augenblick nachdenklich, bevor sie den Kopf schüttelte und ein wenig traurig lächelte. Sie stellte jedoch keine Fragen - ganz im Gegensatz zu Lynet, die Kerry mit Fragen geradezu überschüttete, als sie erfuhr, dass Kerry nicht nur im Waldlandreich gewesen und den Erebor - wenn auch nur von außen - gesehen hatte, sondern auch ihren Vater wieder gefunden hatte.
"Gibt es Neuigkeiten aus Enedwaith?", fragte Brigid, während Oronêl sich auf einem der hölzernen Stühle niederließ und die Beine ausstreckte. Vermisste er auch den Himmel, zu dieser Jahreszeit war ein warmer Raum nach mehreren Tagen im freien trotzdem sehr willkommen. "Gute", antwortete er knapp. "Ich werde mit der Erzählung warten, bis Aéd hier ist. Ihn dürften die Nachrichten sehr interessieren."
"Das denke ich auch", erwiderte Brigid, und rührte gedankenverloren in einem großen Kessel, der über dem Feuer hing, und von dem sich ein angenehmer Duft ausbreitete. Oronêl fühlte sich ein wenig an Aelwyd und ihren Kessel zurückerinnert, doch gleichzeitig dachte er, dass Aelwyd und Brigid sich im Grunde nicht unähnlicher sein konnten. "Der arme Junge - Mann, sollte ich eher sagen - hat alle Hände voll zu tun, denn die meisten Männer unseres Volkes sind nicht weniger stur und willensstark als mein armer Forath." Sie musste Oronêls Gesichtsausdruck bemerkt haben, denn sie lächelte und fügte hinzu: "Ich gebe dir keine Schuld an seinem Tod, Oronêl, ebenso wenig wie den anderen, die nach Eregion gegangen sind. Forath hatte seinen Weg gewählt, und ich wusste immer, dass er eines Tages für das sterben würde, woran er glaubt. Gibt es denn einen besseren Trost als den Gedanken daran, dass sein Tod eine besser Welt für seine Kinder ermöglich hat?"
Wie gerufen kamen ihre jüngeren Kinder, Henwas und Eryn, in die Küche - besser gesagt kam Eryn in die Küche gestürmt und Henwas folgte ihr mit Leidensmiene, die besagte, dass er, der er fast schon ein Mann war, sicherlich besseres zu tun hatte, als sich für die Spiele seiner kleinen Schwester einspannen zu lassen. Bei Oronêls Anblick stockte Eryn, und warf einen Blick zu ihrer Mutter, die beruhigend lächelte. "Es ist nichts geschehen, meine Kleine", sagte Brigid. "Oronêl und Kerry sind nur während ihrer Reise durch unser Dorf gekommen und machen hier Rast." Offenbar erinnerte Oronêls Anblick das Mädchen daran, dass ihr Vater tot war, und nun konnte er die Schuldgefühle doch nicht unterdrücken.
Kaum dass Brigid ausgesprochen hatte, öffnete sich die Tür zum nächsten Mal, und Aéd selbst trat in die nun ziemlich ausgefüllte Küche. Als sein Blick auf Kerry fiel, strahlte er, und Kerry unterbrach ihre Erzählung mitten im Satz.
"Wie schön, dass ihr hier seid", stellte er fest, und gab dann Brigid einen Kuss auf die Wange. "Und wie ich sehe, ist die ganze Familie bereits hier versammelt." Er lächelte, und schien seinen Blick nicht wirklich von Kerry losreißen zu können. Kerry jedoch hatte sichtlich Mühe, seinen Blick zu erwidern, und sah dann verlegen weg. Oronêl räusperte sich. "Ich hoffe, deine Wunden sind gut verheilt."
Aéd riss sich von Kerrys Anblick los, und antwortete etwas verlegen: "Äh, ja, das sind sie. Und Domnall auch, er... ist schon fast wieder ganz der Alte." Er schwieg einen Moment, und sagte dann ein wenig gezwungen: "Nun... was gibt es neues aus Enedwaith? Hattet ihr Erfolg?"
Oronêls Antwort wurde durch das Geräusch eines umfallenden Stuhls verhindert. Kerry war so abrupt aufgesprungen, dass der Stuhl nach hinten umgekippt war. Sie errötete, und sagte dann: "Aéd können... können wir uns... unterhalten? Ich meine... allein?" Lynet kicherte unterdrückt, und wurde von einem finsteren Blick ihrer Mutter zum Schweigen gebracht, während Eryn Kerry mit offenem Mund anstarrte und Henwas den Blick angestrengt auf das geschlossene Fenster gerichtet hielt. "Ich, äh... natürlich können wir, aber was...", erwiderte Aéd stockend, bevor Kerry ihn am Arm packte, und in Richtung der Tür zog. "Erkläre ich dir dann. Jetzt komm mit."
Aéd hinter sich her gezogen, verließ sie den Raum. Lynet schob sich unauffällig hinter ihnen in Richtung Tür, wurde allerdings von ihrer Mutter aufgehalten. "Es wird nicht gelauscht, junges Fräulein. Das ist eine Sache zwischen Aéd und Kerry - was auch immer es ist." Doch sie konnte ihre eigene Neugierde offenbar selbst nicht vollkommen bezähmen, sondern warf einen fragenden Blick in Oronêls Richtung. Er hob die Schultern, und lächelte. "Wie du sagtest. Das ist eine Sache allein zwischen ihnen - und ich weiß ohnehin nicht, worum es geht." Er wusste tatsächlich nichts. Dass er ziemlich genau zu ahnen glaubte, was in Kerry vor ging, war eine andere Sache...
« Letzte Änderung: 2. Dez 2019, 15:11 von Fine »

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

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« Antwort #34 am: 2. Dez 2019, 15:11 »
Im Dorf des Stammes des Schildes gab es nur wenige Pferde. Das hügelige Land ringsum eignete sich nicht besonders gut für die Aufzucht solcher Tiere, und unter den Dorfbewohnern kannte sich ohnehin kaum jemand richtig mit Pferden aus. Einige konnten reiten, nur wenige beherrschten es gut. Aéd und die Wolfskrieger gehörten dazu, weshalb es nun seit einigen Monaten einen kleinen Stall am Dorfrand gab, der hauptsächlich von den reitenden Boten des Wolfskönigs verwendet wurde. Dort hatten Oronêl und Kerry ihre Pferde untergebracht, und dorthin hatte Kerry Aéd nun geführt. Nebeneinander saßen sie auf einem Heuhaufen und ließen die Beine baumeln.
"Worüber wolltest du dich... unterhalten?" wollte Aéd wissen.
Kerry versuchte, ihr Unbehagen beiseite zu schieben. "Ich will einfach... reden. Ich will wissen, was in dir vorgeht. Was dich beschäftigt. Wie dein Tag war."
Aéd musterte Kerry verwundert. "Und deswegen dieser dramatische Abgang? Meine Geschwister werden glauben, wir werden... wir..." Er hustete verlegen.
Kerry wurde tiefrot bei seinen Worten. "W-was?" stammelte sie.
Aéd ließ sich rückwärts ins Heu sinken und starrte nachdenklich auf das hölzerne Dach der Stallungen über ihnen. Ein schmales Lächeln umspielte seine Mundwinkel. "Lynet kann gar nicht genug von dem Thema bekommen," meinte er und warf Kerry einen Blick zu. "Aber... zurück zu deiner Frage. Was in mir vorgeht, wolltest du wissen? Es war ein langer Tag heute. Ich habe mit drei Häuptlingen gesprochen und es mit Mühe und Not geschafft, keinem der drei etwas zu versprechen, was den Wünschen der übrigen Stämme widerspricht. Dunland ist nun einmal kein klassisches Königreich wie Rohan. Ein Wolfskönig muss sich jeden Tag aufs Neue beweisen. Meine Vorgänger... hatten es leichter. Sie traten ihre Herrschaft im Krieg an, wo es einen gemeinsamen Feind aller Stämme gab, und sie taten das Einzige, was von ihnen erwartet wurde: sie kämpften gegen diesen Feind. Doch wer ist unser gemeinsamer Feind hier und heute? Yven ist tot - möge seine Seele niemals Frieden finden - und Saruman ist jenseits unserer Reichweite. Seine Diener sind noch immer unter uns, hier und dort, um uns Nadelstiche zu versetzen, wo sie können, aber... sie sind kein Feind, gegen den ich meine Krieger in die Schlacht ziehen kann. Der neue Häuptling vom Stamm des Messers spricht davon, Rohans Lage auszunutzen und Isengard und die Furten zu erobern. Andere Stimmen wollen mich dazu bringen, die reichen Lande der Elben oder der Menschen von Bree zu plündern. Dabei ist alles, was ich für mein Volk jemals wollte, ein dauerhafter Frieden." Er seufzte und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. "Ich hatte mir die Position als Wolfskönig anders vorgestellt, Kerry. Aber ich bin froh, dass du jetzt hier bei mir bist."
Aéds Arm legte sich um Kerrys Schulter. Sie ließ sich neben ihn sinken, ihr Kopf an seiner Schulter ruhend. In ihrem Inneren stritten unterschiedliche Gedanken miteinander. Aéd hatte Kerrys Frage beantwortet, das stimmte. Aber... die politischen Probleme Dunlands interessierten sie im Augenblick nicht. Sie hatte ihn eigentlich nach seinen Gefühlen fragen wollen, es aber offensichtlich nicht deutlich genug in Worte fassen können. Ihr war klar geworden, dass sie ihre eigenen Gefühle Aéd gegenüber nur dann besser verstehen würde, wenn sie sich mehr mit ihm austauschen und ihn besser kennenlernen würde. Dies war ihr erster Versuch... und bis auf Aéds letzten Satz war dabei nur wenig herausgekommen, wie Kerry fand.
"Ich bin froh, dass es dir gut geht," sagte sie und nahm seine Hand in ihre. "Und dass Yven dir nicht mehr gefährlich werden kann. Aber was ist mit dem Donnerer?" Sie erinnerte sich an den Häuptling vom Stamm der Kette, dem Aéd sich im Duell stellen würde.
Aéd winkte ab. "Er ist stark, aber ich bin schnell. Mach' dir wegen Marchod keine Sorgen. Ehrlich gesagt ist er sogar das kleinste meiner Probleme. Erst gestern habe ich erfahren, dass es in Tharbad Unruhen gegeben hat. Bis jetzt weiß niemand, was in der Stadt so wirklich vor sich geht - mein Vater hatte damals nur eine kleine Garnison zurückgelassen. Ich denke, ich werde mir selbst ein Bild der Lage machen müssen."
"Aéd..." begann Kerry vorsichtig. "Was... gefällt dir an mir?"
Die Frage schien den jungen Wolf vollkommen zu überrumpeln. Er starrte angestrengt in Richtung des Ausgangs der Stallungen. "Nun also zuallerersteinmal bist du, ähm, wunderschön?" beeilte Aéd sich zu sagen. "Und du bist witzig. Ich mag es, mit dir über Dinge zu lachen. Und ich mag deine Art, die Welt zu sehen. Dass du immer treu zu denen bist, die dir wichtig sind und dass du tapfer für deine Freunde einstehst. Und ich mag... dass du... kitzlig bist!"
Kerry schrie erschrocken auf als Aéds Finger sich in ihre Seite bohrten und wirbelte das Heu auf, als sie sich verzweifelt aus seinem Griff zu befreien versuchte. Der Kampf endete damit, dass Kerry schließlich völlig außer Atem auf dem Boden des Stalls zum Liegen kam und der Heuhaufen in seine Einzelteile ringsum zerstreut war. Aéd saß neben ihr und grinste frech.
"Stopp, bitte," flehte Kerry schwach. Sie konnte kaum klar denken, weshalb sie einfach liegen blieb. Ihr Pferd betrachtete das blonde Mädchen mit einem kritischen Blick. Doch dann schnaubte es nur, anstatt etwas zu der peinlichen Situation zu sagen. Kerry war inzwischen wieder zu Atem gekommen. Aéds Worte hatten sie berührt aber... ihr war nicht entgangen, wie schnell dem Dunländer die Komplimente ausgegangen waren und er handgreiflich geworden war. Hat er mich nur gekitzelt, weil ihm nichts mehr eingefallen ist? dachte Kerry.
"Also," sagte Aéd und strich sanft durch Kerrys verwuscheltes Haar. Selbst ihr fest geflochtener Zopf hatte sich inzwischen gelöst. "Was ist los mit dir, Kerry? Woher kommen auf einmal all diese tiefgründigen Fragen?"
Kerry setzte sich auf und betrachtete ihn. Sein Bart war gewachsen, wie ihr jetzt auffiel. Und seine Augen waren auf ihre Lippen gerichtet. "Ich... wollte wissen, wie du über mich denkst," sagte sie leise. "Um einordnen zu können, wo wir... wo wir stehen."
"Ist es denn so kompliziert?" wunderte sich Aéd schmunzelnd. "Ich will, dass wir zusammen sind."
"Also liebst du mich?"
Aéd schwieg. Dann stand er langsam auf. "Das ist ein großes Wort, Kerry. Ich liebe meine Mutter und meine Geschwister. Und ich liebe meine Brüder von den Wolfskriegern - nein, ich liebe das ganze Land, Dunland, in dem wir hier gerade sind. Ich dachte, auch du könntest Teil meines Lebens werden, wenn wir mehr Zeit für einander hätten."
"Mehr Zeit..." wiederholte Kerry. Auch sie stand nun auf. "Das ist genau das Problem, das ich ebenfalls sehe. Ich... glaube nicht, dass ich dafür geschaffen bin, ewig an einem Ort zu verweilen, Aéd."
"Wie meinst du das?"
"Ich glaube... es wird immer neue Abenteuer geben, die nach mir rufen werden. Ferne Länder, die ich bereisen möchte. Freunde, die meine Hilfe brauchen." Je mehr Kerry sagte, desto klarer wurden ihre Gedanken. "Du wirst immer mit Dunland, deiner Heimat verbunden sein, nicht wahr?"
"Ich denke schon," erwiderte Aéd, der inzwischen die Arme vor der Brust verschränkt hatte.
Kerry seufzte leise. Sie wandte sich dem Ausgang des Stalles zu. "Dann..."
Ehe sie gehen konnte, ergriff Aéd ihre Hand und zog sie zurück, in eine enge Umarmung, die er mit einem Kuss vollendete. "Ich denke, du machst dir zu viele Gedanken, Kerry," sagte er, als sie sich voneinander lösten. "Lass die Zukunft bringen, was sie bringen mag. Für heute sollten wir den Frieden genießen, der uns geschenkt worden ist."

Die Sterne waren in dieser Nacht kaum zu sehen, denn eine dichte Wolkenschicht bedeckte den Himmel über dem Dorf. Aéd war bereits zum Haus seiner Familie zurückgekehrt, doch Kerry war unter dem Vorwand geblieben, sich ein wenig um ihr Pferd zu kümmern. Während sie das Tier striegelte, versuchte sie, die Gedanken in ihrem Kopf zur Ruhe zu bringen. Doch es gelang ihr nicht. Sie konnte einfach keinen Frieden im Bezug auf Aéd finden.
Schließlich verließ sie den Stall und wanderte ein Stück entlang des ausgetretenen Weges, der aus dem Dorf hinaus führte. Ungefähr eine halbe Meile von den Hütten der Dunländer entfernt fand Kerry einen kleinen Teich, der ringsum mit hohem Schilf bewachsen war. Eine dünne Eisschicht lag auf dem Gewässer und ließ es geheimnisvoll schimmern, als sich ein Loch in der Wolkendecke auftat und silbernes Sternenlicht hindurch drang. Kerry blickte wie verzaubert auf das Eis hinab und für einen kurzen Augenblick gelang es ihr, an überhaupt nichts mehr zu denken.
Der Moment verging, als das Sternenlicht wieder verblasste. Kerry seufzte und wandte langsam den Blick zurück in Richtung des Dorfes - als sie erschrocken feststellte, dass da jemand kaum zwei Schritte entfernt neben ihr stand. Es war eine schlanke Gestalt, einen halben Kopf größer, gehüllt in einen grauen Umhang mit Kapuze und einem dunklen, langen Gewand darunter. Kerry befürchtete schon, die Priesterinnen Enedwaiths hätten sie gefunden, als sie eine vertraute Stimme hörte.
"Die Sterne führten dich hierher, Schwester."
"Wer bist du?" fragte Kerry alarmiert. Die Schatten der Kaupze gaben keine Gesichtszüge preis, selbst als sich die Gestalt ihr bis auf einen Schritt näherte. Kerry erkannte den Klang der Stimme, aber sie konnte ihn nicht recht zuordnen. Sie war weiblich und jung... und auch wieder nicht jung.
Die Gestalt schien amüsiert zu sein. "Viel Zeit ist seit unserer letzten Begegnung veronnen. Ich habe mich verändert... an Körper und Geiste." Sie setzte die Kapuze ab. Im Dunkeln konnte Kerry ihre Haarfarbe nicht erkennen. Doch was sie sah, war genug, um ihre letzten Zweifel auszuräumen. Zwei spitze Ohren zeichneten sich gegen den dunklen Himmel ab, und zwei Augen gaben einen unbestreitbar silbernen Schimmer von sich. Und obwohl es dunkel war, konnte Kerry die Gesichtszüge dennoch erkennen. Sie entsprachen denen einer jungen Frau ungefähr in Kerrys Alter. Wäre sie ein Mensch gewesen, hätte man sie für siebzehn oder achtzehn halten können.
"Wie ist das möglich?" stammelte Kerry. "Bist du es wirklich... Farelyë?"
"Ich bin es, Schwester," antwortete Farelyë und nahm Kerrys Hand. Die Berührung war überraschend warm.
"Aber... aber..."
"Es war an der Zeit für mich, meinen Körper vollends meinem Geist zu unterwerfen," erklärte Farelyë. Ihre Art zu sprechen hatte sich verändert - sie sprach wie es die meisten Hochelben nun taten, in akzentfreiem Westron, jedoch in altertümlichem Ton. "Ich habe viel gelernt, seitdem du fortgingst. Und nun entspricht mein Äußeres dem Stand meines Wissens."
"Und wieso... wieso bist du nun hier?"
"Ich kam, um dich zu sehen, Schwester, ehe die Wogen des Krieges über Eregion hereinbrechen. Und um dich zur Umkehr zu bewegen."
"Zur Umkehr?" wiederholte Kerry verwundert.
"Viel Leid steht jenem Land bevor," warnte Farelyë. "Hier, unter den Menschen, wird es für dich sicherer sein."
"Aber..."
"Ich werde dich nicht dazu zwingen. Dies ist nurmehr der Rat einer Schwester. Mut und Tapferkeit werden sich der Bedrohung stellen, die nun heraufzieht. Doch mein Herz fände Frieden, wenn ich dich weitab jener Schrecken wüsste, die Eregion bedrohen."
Kerry drückte die schlanke Hand Farelyës. "Ich kann jetzt nicht umkehren. Oronêl und ich müssen nach Eregion gehen, um die Elben zu warnen. Und ihnen zur Seite zu stehen."
Farelyë blieb einen langen Augenblick stumm. "Dann sei es so," sagte sie schließlich. "Doch eile dich, Schwester. Ich werde an den Furten des Sirannon auf dich und Oronêl warten."
Sie drehte sich um und verschwand, ehe Kerry noch etwas erwidern konnte, im Dunkel der Nacht. Kerry blieb stehen und fragte sich mehr und mehr, ob sie nicht gerade geträumt hatte. Voller unbeantworteter Fragen kehrte sie schließlich in das Dorf zurück.
« Letzte Änderung: 8. Jan 2020, 20:21 von Fine »
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Eandril

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Re: Dunland
« Antwort #35 am: 18. Dez 2019, 23:24 »
Der Morgen dämmerte klar und kalt. Oronêl hatte noch bis tief in die Nacht hinein mit Aéd und Brigid über vieles, was sich seit ihrer letzten Begegnung in Dunland und der Welt ereignet hatte. Schließlich hatte die Menschen jedoch die Müdigkeit überwältigt, und Oronêl waren die Räume des großen Hauses mit der Zeit eng und stickig erschienen, sodass er den Rest der Nacht unter freiem Himmel verbracht hatte. Die Wolken des Vortages hatten sich schließlich verzogen und ihm einen Blick auf die Sterne gewährt, doch von den Bergen pfiff ein kalter Wind hinunter und die Gipfel waren verhüllt.
Gerade als die Sonne sich über die Berge im Osten schob und die ersten blassen Sonnenstrahlen nach Dunland hinunter fielen, öffnete sich die Tür des Hauses und Kerry trat heraus, bereits vollständig zum Reisen angezogen. Oronêl hob eine Augenbraue. "Du bist früh auf."
"Ich dachte, wir wollten keine Zeit verlieren, und so schnell wie möglich nach Eregion gelangen. Und..." Sie brach ab, und wandte sich rasch ihrem Pferd zu. Oronêl beschloss, sie nicht weiter zu bedrängen, sondern befestigte ebenfalls schweigend sein weniges Gepäck auf dem Rücken seines Pferdes.
"Glaubst du, wir werden Eregion bis heute Abend erreichen können?", fragte Kerry schließlich, als sie ihr eigenes Gepäck fest verstaut hatte. Ihr Atem stand ihr in Wölkchen vor dem Gesicht, und sie rieb sich die Hände. "Es ist kälter als gestern." Oronêl hatte keinen großen Unterschied wahrgenommen, doch er nahm an, dass sie recht hatte. "Um deine Frage zu beantworten - wenn das Wetter sich hält wie es jetzt ist und wir unterwegs nicht in Schwierigkeiten geraten, vermutlich schon."
"Rechnet nicht zu sehr damit", mischte sich Brigid ein, die, ebenfalls bereits vollkommen angekleidet, aus dem Haus gekommen war, und Oronêls letzte Worte offenbar gehört hatte. "Ich spüre Schnee von den Bergen herabkommen. Vielleicht wäre es besser, ihr ginget nicht heute."
"Wir müssen", erwiderte Kerry, bevor Oronêl auch nur den Mund öffnen konnte. "Wenn Eregion angegriffen wird, sind meine Freunde - meine Familie - in Gefahr. Vielleicht wissen sie noch gar nicht, dass ein Angriff bevorsteht, und wir können sie warnen." In diesem Moment trat Aéd aus dem Haus, und die dünne Schneeschicht, die den Boden bedeckte, knirschte unter seinen Stiefeln.
"Dann hoffe ich, dass ihr rechtzeitig dorthin gelangt", begann er, und ergriff Kerrys Hände. "Auch wenn es mich traurig macht, dass du bereits wieder gehst."
"Vielleicht kreuzen sich eure Wege eher wieder, als du glaubst", sagte Oronêl, und schwang sich mühelos auf den Rücken seines Pferdes. In letzter Zeit hatte er einige Erfahrung im Reiten gesammelt, und es fiel ihm um einiges leichter als noch vor wenigen Monaten. "Wenn Eregion tatsächlich angegriffen wird, wird den Manarîn jede Hilfe willkommen sein."
Aéd kreuzte die Arme vor der Brust, wirkte aber nachdenklich. "Ich will keine Versprechen geben, die ich am Ende nicht halten kann. Doch einen gemeinsamen Feind zu bekämpfen, kann der Freundschaft zwischen unseren Völkern nur nützen... Ich werde darüber nachdenken. Schickt mir einen Boten, wenn es soweit ist."
Oronêl neigte den Kopf, und blickte dann abwartend zu Kerry hinüber. Jene atmete tief durch, die Hand auf den Hals ihres Pferdes gelegt, und saß dann rasch auf.
"Auf Wiedersehen", sagte sie zu Aéd hinab. "Ich... habe mich gefreut, dich zu sehen."
"Und ich mich auch." Aéd ergriff ihre Hand, und drückte einen leichten Kuss darauf. "Bis zum nächsten Mal, Kerry aus Rohan."

Die ersten paar Meilen, die sie in östlicher Richtung dem Lauf des Glanduin folgten, legten sie schweigend zurück. Der Weg war hier breit genug, dass sie die meiste Zeit nebeneinander reiten konnten, doch Kerry schien der Sinn nicht nach Unterhaltung zu stehen. Sie hatten etwa die Hälfte der Strecke bis zur Einmündung des Sirannon zurückgelegt, als Kerry abrupt ihr Pferd zügelte und anhielt.
"Ich habe es vergessen", sagte sie, schlug sich mit der Hand vor die Stirn. "Wie konnte ich es vergessen?" Auch Oronêl hatte angehalten. "Was hast du vergessen?"
"Gestern Abend... Nachdem Aéd wieder ins Haus gegangen ist, bin ich noch etwas draußen umher gegangen, und dabei ist mir Farelyë begegnet - oder vielleicht habe ich es nur geträumt?" Sie massierte sich die Stirn mit den Fingern, als dächte sie angestrengt nach. "Irgendwie fällt es mir schwer, mich zu erinnern."
Oronêl schwieg einen Moment, und saß dann ab. Kerry warf ihm einen verwunderten Blick zu. "Was tust du?"
"Farelyë ist die einzige der Ersten, die mir begegnet ist. Ich weiß nicht viel über sie, doch ich nehme an, wenn sie gestern Nacht mit dir gesprochen hat, auf welche Weise auch immer, wird sie einen triftigen Grund dazu haben", erklärte Oronêl, und führte sein Pferd in Richtung des Flusses, dessen Ufer hier von mächtigen Weiden bestanden war. Er fand einen umgestürzten, kräftigen Baumstamm, und setzte sich darauf. In der Zwischenzeit war Kerry ebenfalls abgesessen. "Und was genau tun wir jetzt hier?"
Oronêl lächelte, und deutete auf den freien Stamm neben sich. "Ich werde versuchen, deiner Erinnerung auf die Sprünge zu helfen."
Ein wenig zögerlich kam Kerry seiner Aufforderung nach, und setzte sich auf den Baumstamm. "Wenigstens bieten die Pferde ein bisschen Schutz vor diesem fürchterlichen Wind."
"Sieh mich an, Kerry", sage Oronêl. "Und erzähl mir alles, woran du dich von gestern Abend erinnern kannst."
"Nun ich... war mir Aéd im Pferdestall, und wir haben geredet. Über..." Oronêl unterbrach sie, indem er eine Hand hob. "Nein. Vergiss Aéd für den Augenblick. Vergiss deine Zweifel, und vergiss deine widerstreitenden Gefühle."
Kerry blickte ihn an als wollte sie etwas erwidern, nickte dann aber nur stumm. "Als du alleine warst. Was hast du gemacht?"
"Ich bin ein wenig umher gelaufen... ein Stück vom Dorf entfernt habe ich einen zugefrorenen Teich gefunden, auf dem sich das Sternenlicht gespiegelt hat." Oronêl konnte sich gerade noch zurückhalten, sie zu unterbrechen. Die Ersten unter den Elben waren unter den Sternen erwacht und hatten lange unter ihnen gelebt. Es erschien ihm nur logisch, dass sich ihre Macht besonders im Licht der Sterne äußerte.
"Gerade als ich zurück gehen wollte, stand Farelyë neben mir", erzählte Kerry weiter. "Wie aus dem Boden gewachsen. Sie... ich weiß wieder! Sie war beinahe erwachsen, obwohl es doch gar nicht lange her ist, dass sie noch ein Kind war. Sie sagte, ihr Äußeres würde nun dem Ausmaß ihres Wissens entsprechen. Und... und sie sagte, dass sie an der Furt auf uns warten würde. Sie weiß also, dass wir kommen."
Oronêl wartete einen Augenblick ab, bevor er das Wort ergriff. "Mehr hat sie nicht gesagt?" Kerry nickte, wich aber seinem Blick aus. "Mehr nicht."
"Es erscheint mir merkwürdig, dass Farelyë ihre Kraft zu einem solch... unbedeutenden Zweck einsetzen sollte." Kerry blickte stur geradeaus und weigerte sich, ihn anzusehen. Oronêl seufzte. "Kerry..."
"Also schön. Sie hat mich davor gewarnt, nach Eregion zu gehen. Sie wollte nicht, dass ich komme, weil... weil ich unter den Menschen sicherer wäre." Kerry verschränkte die Arme, vermied aber weiterhin Oronêls Blick.
"Ich nehme an, du hast ihre Warnung in den Wind geschlagen."
"Ich habe ihr gesagt, dass wir trotzdem nach Eregion kommen werden", gab Kerry zurück. "Und darauf hat sie nur geantwortet, dass sie an der Furt auf uns warten würde."
Als Oronêl daraufhin schwieg, warf sie ihm einen verwunderten Blick zu. "Was denn? Willst du mich nicht überreden, doch auf sie zu hören, und in Dunland zu bleiben? Oder am besten nach Rohan zurückzukehren? Das könntest du dir ohnehin aus dem Kopf schlagen."
Oronêl lächelte schwach und schüttelte den Kopf. "Ich glaube nicht, dass er mir zusteht, dir zu sagen, wohin und wohin du nicht gehen sollst. Natürlich wäre es mir lieber, du wärst in Sicherheit und würdest vielleicht Farelyës Warnung ein wenig ernster nehmen... Doch diese Entscheidung ist deine eigene. Und ich denke, ich verstehe deine Beweggründe, warum du nach Eregion gehen willst."
Kerry blickte zu Boden, und zog mit der Stiefelspitze kleine Kreise im Schnee. "Nicht alle", sagte sie leise. Oronêl wartete ab, ohne weiter nachzufragen. Er glaubte zu ahnen, was Kerry zu schaffen machte - er hatte Jahrtausende lang beobachtet, wie seine Tochter an etwas Unmöglichem festhielt, unfähig, eine klare Entscheidung zu treffen.
"Ich komme mir ganz selbstsüchtig vor", gestand Kerry schließlich leise. "Die ganze Welt ist in Gefahr, die Manarîn müssen vielleicht bald um ihr Leben kämpfen. Und ich kann die ganze Zeit nur an mein verdammtes Liebesleben denken. Ich konnte mich nicht einmal daran erinnern, was Farelyë zu mir gesagt hatte, weil ich nur darüber nachgegrübelt habe, was ich eigentlich will!"
Oronêl legte ihr eine Hand auf die Schulter. "Jeder von uns ist hin und wieder ein wenig selbstsüchtig, wenn es danach geht. Ich nehme an, du hast unsere letzte Reise nicht vergessen?"
Kerry gab eine Mischung aus Schniefen und verächtlichen Schauben von sich. "Natürlich nicht. Ich habe nicht vergessen, was ich dir an den Kopf geworfen habe. Und sieh mich jetzt an."
"Ich fürchte, ich kann dir keine große Hilfe sein", meinte Oronêl. "Aber jeder Zweifel geht irgendwann vorüber. Ich kann dir nur einen Rat geben, von dem ich nicht weiß, ob er dich tröstet - manche Entscheidungen sollte man nicht hinauszögern. Mithrellas hat sich Jahrtausende nach etwas verzehrt, was sie nicht haben konnte. Mache nicht den gleichen Fehler."
"Ich werde wohl kaum Jahrtausende Zeit haben", erwiderte Kerry, und grinste schwach, was Oronêl mit Erleichterung zur Kenntnis nahm. "Also. Können wir dann jetzt weiter?" Oronêl warf einen besorgten Blick nach Osten, wo der Ostwind schwere Wolken von Osten heran trieb.
"Ja, wir sollten weiterreiten. Ich fürchte Brigid hatte recht, und vom Nebelgebirge kommt Schnee herunter."

Nicht lange, nachdem sie erneut aufgebrochen waren, bewahrheitete sich Oronêls Befürchtung. Die dunklen Wolken schoben sich vor die Sonne, und es begann rasch heftig zu schneien. Je länger sie ritten, desto dichter wurde der Schneefall, und desto stärker wurde der Wind, bis selbst Oronêl nicht weiter als einige Meter nach vorne sehen konnte.
"Das ist ein richtiger Schneesturm geworden", rief Kerry über das Heulen des Windes hinweg. "Was tun wir jetzt?"
"Wir reiten weiter", erwiderte Oronêl, und deutete nach rechts in Richtung des Flusses. "Wir halten uns immer am Flussufer, früher oder später werden wir die Furt erreichen." Wie um seine Zuversicht zu dämpfen durchschnitt in diesem Augenblick ein dünnes, langgezogenes Heulen den Sturm.
"Das war nicht der Wind, oder?", stellte Kerry fest. Oronêl lenkte sein Pferd ein wenig näher an sie heran, damit sie sich besser verstehen konnten.
"Nein. Aber ich glaube nicht, dass sich ein Wolf an uns heran wagen wird. Sie haben lieber leichtere Beute als Menschen oder Elben."
"Es sei denn, sie haben Hunger." Kerry schauderte ein wenig, und zog die Kapuze auf ihrem Kopf zurecht. "Es gibt Geschichten in Rohan über einen Winter, als das ganze Land von Schnee und Eis bedeckt wurde, und die Dunländer uns beinahe besiegt hätten. Ich habe gehört, dass damals auch wilde Wölfe durch das Land gezogen sind, und die Menschen angegriffen haben."
Wie auf ein Stichwort hin heulte ein zweiter Wolf, diesmal nicht hinter, sondern links von ihnen. Die Pferde wieherten nervös und zogen an den Zügeln. "Glaubst du, sie kreisen uns ein?", fragte Kerry unruhig.
Oronêl prüfte mit einer Hand den Sitz von Bogen, Axt und Schwert, sagte aber gleichzeitig: "Gewöhnliche Wölfe werden uns nicht angreifen oder zumindest leicht zu vertreiben sein. Ich denke nicht, dass der Arm des Feindes so weit reicht, um die Wölfe Dunlands zu beherrschen. Lass uns weiter reiten."
Während sie sich langsam einen Weg durch den Schneesturm bahnten, lauschte Oronêl aufmerksam auf alle Laute, die er über das Geräusch des Windes hinweg zu hören vermochte - das leise Tappen von Pfoten im Schnee, und das Hecheln gieriger Raubtiere. Die Wölfe folgten ihnen, doch er sagte nichts.
Schließlich hörte er ein zorniges Knurren links von sich, und riss mit einer raschen Bewegung den Bogen vom Rücken. "Flieh, Kerry! Die Wölfe sind über uns!" Aus dem wirbelnden Schnee vor ihm tauchte ein großer, grauer Schatten auf, der genau in seine Richtung sprang, doch Oronêl hatte bereits einen Pfeil auf die Sehne gelegt. Vom Wind beflügelt traf der Pfeil den Wolf genau in das aufgerissene Maul, und mit einem erstickten Jaulen stürzte das Tier zu Boden. Oronêl ließ den Bogen fallen und sprang vom Pferd. In der selben Bewegung löste er Hatholdôr von seinem Gürtel, denn die nächsten Wölfe näherten sich bereits von der Seite. Er wich einem der Tiere im letzten Moment aus und traf es mit der Klinge in den Nacken. Blut färbte den Schnee rot. Sofort warf er sich in einem Wirbel von Schnee zur Seite und entging so einem ihn anspringenden Wolf. Bevor das Tier an ihm vorüber war trat er ihm mit aller Kraft in die Rippen, was den Wolf zu Boden schleuderte. Das schmerzerfüllte Jaulen brach ab, als Oronêl Amrûns Schwert zog und dem Wolf die Klinge von oben ins Herz trieb. Er warf einen flüchtigen Blick auf den Kadaver - die Schnauze war ein wenig kürzer und stumpfer als bei einem gewöhnlichen Wolf, das Fell deutlich dunkler und das Tier insgesamt massiger und weniger elegant. "Warge", murmelte er vor sich hin, und blickte dann zu Kerry, die gerade ihr beinahe panisches Pferd wieder unter Kontrolle gebracht und Oronêls Pferd am Zügel gefasst hatte.
"Ich habe gesagt, flieh!", rief er über das Heulen des Sturms hinweg, und versetzte beiden Pferden mit der flachen Seite des Schwertes einen Schlag auf die Hinterseite, woraufhin sie wiehernd nach Westen davon stürmten, Kerry mit sich tragend. Oronêl blickte nach Osten, dem Sturm entgegen, wo sich mehrere glühende Augenpaare in einem Halbkreis versammelte.
"Hört, Hunde Saurons!", rief er, Amrûns Schwert vor sich gestreckt. "Ich bin Oronêl Galion, Ardirs Sohn, und ihr werdet nicht weitergehen. Kehrt in eure Höhlen zurück, und ihr werdet überleben." Zur Antwort warf ein großer Wolf in der Mitte des Rudels den zottigen Kopf in den Nacken, und stieß ein tiefes Heulen aus. Oronêl stieß das Schwert in den Schnee vor sich, und packte Hatholdôrs Griff mit beiden Händen. "Also schön. Das bedeutet wohl Nein", sagte er zu sich selbst, und dann griffen die Wölfe an.
Sie kamen von allen Seiten, umkreisten ihn, und sprangen ihn dann plötzlich an. Mehr als nur einmal spürte Oronêl den heißen Atem eines Wolfs in seinem Gesicht, doch immer wich er ihnen noch rechtzeitig aus und schlug dann blitzartig mit der Axt zu. Viele Wölfe zogen sich schon bald mit blutigen Wunden zurück, und mehr als nur einer blieb tot auf dem Kampfplatz liegen. So ging es einige Zeit, bis es einem der Tiere gelang, Hatholdôrs Griff mit den Zähnen zu packen, sodass Oronêl nur die Wahl blieb, loszulassen, oder gemeinsam mit dem Wolf zu Boden zu gehen.
Er entschied sich dazu, die Axt loszulassen, sprang aus dem Weg eines zweiten Wolfs, und zog dann Amrûns Schwert aus dem Schnee. Inzwischen waren die Warge deutlich vorsichtiger geworden, und griffen ihn öfter zu zweit oder dritt von mehreren Seiten an. Schließlich konnte Oronêl nicht mehr rechtzeitig ausweichen, als ein besonders großer Wolf auf ihn zusprang, doch es gelang ihm noch gerade rechtzeitig, das Schwert auf das Tier zu richten. Der Warg spießte sich durch seinen eigenen Schwung selbst auf der Klinge auf, doch er stieß auch Oronêl zu Boden und riss ihm das Schwert aus der Hand.
Der Wolf war genau auf ihm zu liegen gekommen und versperrte Oronêl die Sicht, doch während er sich noch abmühte, das schwere Tier von sich zu schieben, hörte er ein drohendes Knurren direkt neben seinem Ohr. Doch der erwartete Schmerz kam nicht, denn auf einmal durchbrach eine gleißende Helligkeit die Dunkelheit des Sturms, und Oronêl hörte ängstliches, ja panisches Jaulen, das sich entfernte und schon bald vollkommen verklang, bis nur noch der Wind zu hören war.

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Fine

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Das Licht der Ersten
« Antwort #36 am: 23. Dez 2019, 17:29 »
Widerstrebend trieb Kerry ihr Pferd an. Der Schneesturm war heftiger geworden und nahm ihr die Fernsicht, weshalb sie immer wieder plötzlich aus dem Weiß auftauchenden Bäumen ausweichen musste. Wie es ihr gelungen war, auch Oronêls Pferd bei sich zu behalten, konnte sie später nicht sagen. Irgendetwas schien das Tier dazu gebracht zu haben, dicht bei Kerrys Ross zu bleiben.
Kerrys Gedanken rasten. Oronêl hatte ihr befohlen zu fliehen, doch was war sein Plan? Alleine konnte er gegen das Wargrudel nicht bestehen, das musste ihm klar sein.
Dieser Idiot, dachte sie, als ihr klar wurde, was Oronêl vorhatte. Er will sich opfern, damit ich entkommen kann. Wütend ballte sie die Hände zu Fäusten. Und dabei waren wir so kurz davor, nach Eregion zu kommen. Dort wären wir in Sicherheit gewesen.
Die Pferde suchten sich ihren Weg durch den Wald, der immer dichter zu werden schien. Kerry bemerkte, dass es bergab ging, steiler und steiler, bis die Pferde schließlich an einer Böschung stehen bleiben mussten. Ein Knurren hinter ihnen machte Kerry klar, dass ein Teil der Warge sie bis jetzt verfolgt hatte. Doch anstatt Angst fühlte sie nur wachsenden Zorn. Sie ließ die Zügel ihres Pferdes los und zog ihr Schwert. Kleine Schneeflocken landeten auf der Klinge und ließen sie schwach glitzern.
Aus dem Schneesturm schälten sich die zottigen Gestalten dreier Warge, deren Augen unheilvoll glühten. Sie hielten inne, als sie Kerry entdeckten und beobachteten sie lauernd. Oronêls Pferd wieherte ängstlich, doch Kerry rief ihm ein beruhigendes Wort auf Rohirrisch zu. Dann gab sie ihrem eigenen Reittier das Zeichen zum Angriff. Erst zögerlich, dann immer schneller preschte das Pferd direkt auf die Wölfe zu, die, soweit Kerry es erkennen konnte, überrascht wirkten. Im richtigen Augenblick führte Kerry ihre Klinge in einem tiefen Bogen aus dem Sattel heraus und versetzte dem vordersten Wolf einen tiefen Schnitt am Kopf, der ein Ohr abtrennte. Jaulend verschwand die verwundete Bestie in östlicher Richtung im Schneesturm. Die beiden verbliebenen Warge begriffen rasch, dass ihre Beute beschlossen hatte, sich zu wehren und begannen, Kerry zu umkreisen, die zum Stehen gekommen war.
Diese Mistviecher sind geschickt, dachte sie grimmig, denn die Warge pirschten so, dass Kerry immer nur einen der beiden Angreifer gleichzeitig im Auge behalten konnte. Ihr Pferd hatte zwischen den Bäumen nicht genug Platz, um sich rechtzeitig zu drehen. So kam es, dass sie den entscheidenen Angriff nicht kommen sah. Ein dunkler Schatten tauchte ohne Vorwarnung vor Kerrys Gesicht auf und mit einem schweren Prankenhieb wurde sie aus dem Sattel gefegt. Sie landete einigermaßen sanft im Schnee und es gelang ihr, ihr Schwert festzuhalten und sich wieder aufzurappeln. Gerade noch rechtzeitig, denn schon kam der zweite Warg herangestürmt. Kerry riss ihre Klinge hoch und der Wolf spießte sich beinahe selbst daran auf. Empfindlich getroffen trat das Tier ebenfalls den Rückzug an, eine blutrote Spur im Schnee hinterlassend.
Schwer atmend blickte sich Kerry nach dem letzten der drei Warge um. Doch außer Schnee und Wind war nichts zu sehen oder zu hören. In einiger Entfernung entdeckte Kerry schließlich den Schemen ihres Pferdes, das unschlüssig auf der Stelle trippelte. Vorsichtig kam Kerry näher, während sie hektische Blicke in alle Richtungen warf. Noch immer fehlte von dem Wolf jede Spur. Sie erreichte das Pferd und strich ihm beruhigend über die Mähne. Ihr Schwert hielt Kerry noch immer fest in der Hand.
Ein leises Rauschen hinter ihr ließ Kerry erschrocken herumfahren. Das Pferd wieherte und wollte sich in Bewegung setzen, doch Kerry hielt es unter Kontrolle. "Ruhig," wisperte sie und versuchte, im Sturm etwas zu erkennen. Schneeflocken wehten ihr ins Gesicht und blieben in ihrem Haar hängen. Angestrengt starrte Kerry in die Richtung, aus der sie glaubte, das Rauschen gehört zu haben...
Da blinkte ein bläuliches Leuchten zwischen den Bäumen auf, ein kleines Licht, das rasch näher kam. Kerry hielt den Atem an, als sie erkannte, dass das Leuchten von einer Gestalt stammte, genauer gesagt von deren linker Hand ausging. "Farelyë?" rief sie hoffnungsvoll.
"Ich bin es, Schwester," antwortete die Elbin und wurde vollständig sichtbar. "Komm! Die Furten sind nicht mehr fern." Wie auf ein unhörbares Kommando tauchte nun auch Oronêls Pferd hinter Farelyë auf.
"Nein! Wir können nicht gehen. Nicht ohne Oronêl!"
Farelyë blickte Kerry in die Augen und das Licht in ihrer Hand flackerte. "Wo ist er?" wollte sie ernst wissen.
Ehe Kerry antworten konnte, erklang ein warnendes Knurren, und keine Sekunde später huschte ein dunkler Schemen im Sprung direkt auf Farelyë zu. Kerry schrie erschrocken und packte ihr Schwert, doch sie war zu langsam um einzugreifen. Farelyë hingegen verzog keine Miene. Schneller als man es sehen konnte hob sie die Hand, die nun blendend hell aufleuchtete, um sich dann in einem gleißenden Blitz zu entladen, der den Wolf mit rauchendem Fell beiseite schleuderte. Das Tier blieb regungslos dort liegen, wohin es gefallen war. Qualm stieg von dem Kadaver auf.
"Was - was hast du gemacht?" fragte Kerry fassunglos.
Farelyë blieb ihr die Antwort schuldig. Sie trat zu Oronêls Pferd und schwang sich mühelos in den Sattel. "Wir sollten gehen. Weise mir den Weg zu Oronêl, Schwester."

Während sie ritten und Kerry versuchte, sich an die grobe Richtung zu erinnern, aus der sie gekommen war, dachte sie fieberhaft über das nach, was sie gerade gesehen hatte. Dabei fiel ihr ein, was der Verräter Ladion ihr einst in Carn Dûm anvertraut hatte.
"Ich sah einen blauen Blitz aus einer der frischen Gruben fahren und fand sie, umgeben von toten Orks vor. Die Körper der unnützen Maden waren von einem geheimnisvollen Feuer versengt worden. Farelyë war bewusstlos geworden..."
Sie warf Farelyë, die neben ihr ritt, einen wachsamen Blick zu. Die Elbin lächelte Kerry zuversichtlich zu. Ihre Hand strahlte noch immer ein schwaches Leuchten aus.
Es dauerte nicht lange, bis sie auf die ersten toten Warge stießen, die durch Oronêls Klinge gefallen waren. Farelyë sprang anmuntig vom Pferd und eilte voran, ohne auf Kerry zu warten. Um die Elbin nicht aus den Augen zu verlieren, blieb Kerry im Sattel und folgte Farelyë in das dichte Schneetreiben hinein. Die Bäume waren hier längst verschwunden; sie schienen sich auf einer Hochebene zu befinden.
Plötzlich tauchte direkt vor Kerry ein Wolf aus dem Sturm heraus auf. Sie ritt das Tier kurzerhand nieder und hastete weiter, denn auch Farelyë hatte nicht angehalten. Das lange Haar der Elbin flatterte im Wind und ihr grauer Umhang bauschte sich hinter ihr auf, als sie die Hand hob und erneut einen Blitz daraus hervorzucken ließ, der einen zweiten Wolf mit brennender Mähne beiseite schleuderte.
Wütendes Jaulen antwortete ihnen und erschrocken stellte Kerry fest, dass vor ihnen ein ganzes Dutzend rot glühender Augenpaare aufgetaucht war. Sie sprang aus dem Sattel und packte ihr Schwert, bereit Oronêl mit ihrem Leben zu verteidigen, auch wenn ihr das Herz bis zum Hals pochte. Farelyë hingegen zeigte keinerlei Anzeichen von Angst. Sie hob die Hand und das Leuchten wurde so grell, dass Kerry die Augen schließen musste. Ein blendendes Flackern zwang sie dazu, den Kopf von Farelyë abzuwenden, als diese ihre Hand mit Wucht auf den Boden niederfahren ließ. Kerry hörte wie die Wölfe mit kollektivem, panischem Jaulen reagierten und sah, als sie die Augen vorsichtig wieder öffnete, mehrere undeutliche Schemen im Schneesturm verschwinden. Hastig arbeitete sie sich durch den tiefer werdenden Schnee voran, bis sie endlich fand, was sie gesucht hatte: Oronêl, der mit dem Rücken zum Boden lag, umgeben von zwei rauchenden Wargkadavern.
"Oronêl!" rief Kerry und ließ ihr Schwert fallen.
"Verdammt, Kerry," ächzte Oronêl und stemmte sich mühsam in Sitzlage. "Ich hatte dir doch gesagt, dass du fliehen sollst."
"Bist du verletzt?" fragte Kerry und ignorierte die Beschwerden des Elben, als sie ihn umarmte.
"Nicht schwerwiegend," antwortete Oronêl und kam langsam auf die Beine. "Was ist geschehen?"
Ehe Kerry ihm diese Frage beantworten konnte, sah sie, wie Oronêls Blick sich von ihr abwandte und zu etwas, das sich hinter ihr befand ging. Sie löste sich von ihm und sah Farelyë näher treten.
Oronêl sagte zunächst nichts, dann neigte er knapp sein Haupt. "Ich verstehe," murmelte er. "Das muss wohl die Macht der Ersten sein..."
Farelyë wirkte gelassen, doch Kerry konnte sehen, dass die Elbin schwer atmete und erschöpft zu sein schien. "Es scheint, als träfe ich gerade noch rechtzeitig ein," sagte sie.
"So viel zu der Frage, ob das Treffen gestern nur ein Traum war," meinte Kerry.
Oronêl schien noch mehr sagen zu wollen, doch ein fernes Heulen ließ sie alle drei erstarren. "Ich fürchte, das Rudel ist nicht für lange in die Flucht geschlagen worden," merkte Oronêl an und sammelte rasch seine beiden Waffen auf. Auch Kerry fand ihr Schwert im Schnee und nahm es wieder in die Hand.
"Ihr habt recht, Oronêl Galion. Wir dürfen hier nicht verweilen." Farelyë führte die Pferde herbei, die ganz in der Nähe gewartet hatten. "Ich werde euch zu den Furten geleiten. Es ist nicht mehr weit. Kommt!"
Kerry teilte sich ihr Pferd mit der Elbin und stellte dabei fest, dass Farelyë inzwischen beinahe einen Kopf größer als sie selbst war, weshalb Kerry nun vor ihr im Sattel saß. Während sich Kerry noch über diese Tatsache wunderte, kamen sie erneut zu der Böschung, an der Kerrys Flucht vor dem Rudel geendet hatte. Farelyë zeigte ihnen einen sicheren Weg hinab, der im Scheetreiben kaum zu sehen war. Als sie wenig später aus dem kleinen Wäldchen wieder heraus kamen, sahen Oronêl und Kerry, dass sich im Norden, zu ihrer Rechten, tatsächlich die Furten des Sirannon befanden. Die Grenze zwischen Dunland und Eregion.
Wie auf ein geheimes Stichwort ließ der Schneesturm inzwischen immer mehr nach. Es war Abend geworden und die Sonne war hinter der dichten Wolkendecke bereits untergegangen. Am Rande der Furten glitt Farelyë rasch aus dem Sattel und blieb stehen. "Ihr solltet die Furten noch heute überschreiten. Die Wächter dieses Landes werden eure Verfolger abwehren."
"Kommst du nicht mit uns?" fragte Kerry überrascht.
Farelyë schüttelte den Kopf. "Ihr solltet nach Ost-in-Edhil gehen, entlang der Straße nach Osten, und mit der Königin sprechen. Mein Weg führt mich zurück zu meiner Lehrmeisterin, die im Turm von Lissailin nahe des Schwanenfleets weilt. Doch sorge dich nicht, Schwester. Ich werde so bald ich kann zu dir stoßen."
"Ich hatte auf ein paar Antworten gehofft und die Möglichkeit, mich für die Rettung zu bedanken," sagte Oronêl. "Doch ich denke, das kann noch etwas warten."
Farelyë trat neben Oronêls Pferd und legte eine Hand auf seinen Unterarm. "Geduld, Oronêl Galion. Antworten werden dich finden... auch wenn du sie nicht erwartest."
Sie nickte Kerry ein letztes Mal zu und eilte dann in westlicher Richtung entlang des Flusses davon. Schon bald war ihre schlanke Gestalt im Dunkeln verschwunden.

"Ich... denke, wir sollten auf sie hören," sagte Kerry nach einem langen Augenblick des Schweigens.
Oronêl nickte langsam. "In Eregion wird es jedenfalls sicherer sein als hier. Ich hoffe, die Warge werden eine Weile ihre Wunden lecken und nicht die Dörfer der Dunländer überfallen."
"Wenn wir in Ost-in-Edhil sind, werde ich darum bitten, dass man diese Bestien jagt," sagte Kerry.
"Ein guter Einfall," merkte Oronêl an. "Eins noch, Kerry: wenn ich dich das nächste mal darum bitte, zu fliehen, dann flieh, hast du verstanden? Beim nächsten Mal wird vielleicht keine Hilfe in der Nähe sein."
"Ich konnte dich nicht einfach sterben lassen," antwortete Kerry. "Das solltest du doch inzwischen wissen. Wir sollten uns nicht darüber streiten, sondern uns freuen, dass noch einmal alles gut gegangen ist."
Oronêl seufzte. "Nun gut. Dann sehen wir zu, dass wir diese Furten rasch überqueren, ehe doch noch etwas Unerwartetes dazwischen kommen kann."


Kerry und Oronêl nach Eregion
« Letzte Änderung: 6. Feb 2021, 17:45 von Fine »
RPG:

Thorondor the Eagle

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Über dem Dorf des Messers
« Antwort #37 am: 3. Okt 2020, 14:51 »
...Helluin von der silbernen Feste

Für einen kurzen Augenblick hatte Helluin darüber nachgedacht welchen Weg er nach Imladris nehmen sollte. Doch ohne Umschweife tauchte das Antlitz Sarumans vor seinem geistigen Auge auf und seine Furcht, zu nahe an den Ortanc oder das Nebelgebirge zu kommen, stieg ins unermessliche. So blieb ihm nur der ohnehin leichter passierbare Weg über die Pforte von Rohan und durch Dunland. Zudem waren die Dunländer nun verbündete der Rohirrim und somit der freien Völker – zumindest teilweise.

Getrieben von der Angst wieder in die Fänge Sarumans zu gelangen, dauerte es keine zwei Tage bis er mit seinem Pferd die südlichsten Ausläufer des Nebelgebirges erreichte. Ohne die Weiten Eriadors wirklich zu erblicken, erahnte er sie bereits. Es war seine Heimat. Und obwohl er dort keine loyalen Freunde mehr erwarten konnte, fühlte er doch eine gewisse Geborgenheit.
Der Dúnadan hatte sein Pferd hinter einem Felssturz festgebunden um im Schutz der beginnenden Dämmerung die Umgebung zu erkunden. Er erinnerte sich daran, dass hier im Osten von Dunland ein Stamm herrschte, der Saruman stets treu ergeben war. Sie waren die mächtigesten unter den Dunländern, denn sie waren im Besitz einer Eisenmiene.
Nahezu lautlos schlich er über kargen Waldboden und begab sich ein Stück weit den Berghang hinauf. Von dort oben hatte er eine weite Sicht und direkten Blickkontakt zum Dorf der Dunländer. Alles war ruhig, nur ein zwei Feuer brannten in den sichtbaren Häusern. Er erspähte kaum Soldaten die die Zugänge zum Dorf bewachten. Trotzdem erschien es ihm nicht sehr schlau den Menschen dort zu nahe zu kommen. Zu groß war das Risiko wieder an Saruman zu geraten.

Er beschloss die Situation eine Weile zu beobachten und dann im Schutze der Dunkelheit dem Weg nach Norden weiter zu folgen. Glücklicherweise veränderte sich nichts in dem Dorf und er blieb vollkommen unbemerkt. Aber jedesmal, wenn er das Krächzen einer Krähe in der Umgebung vernahm zuckte er zusammen und spähte hektisch nach dem Vogel. So geschah es beinahe, dass er das Summen einer Stimme in seiner unmittelbaren Nähe überhörte. Instinktiv ging er in Deckung und versuchte die Richtung auszumachen. Der Stimmlage zu urteilen, vermutete Helluin, dass es sich um einen Mann handeln musste.
Er robbte auf dem erdigen Boden entlang um über die nächste Geländekante zu linsen. In seiner Anspannung zog jede Bewegung, selbst der kleinste im Wind wehende Grashalm, die Aufmerksamkeit auf sich, und plötzlich sah er ihn: einen älternen Mann, Dunländer. Unter dem Arm hatte er einen erlegten Hasen geklemmt. Er summte vor sich hin nichtsahnend, dass er beobachtet wurde.
Lautlos folgte ihm der Waldläufer bis sie eine kleine Holzhütte erreichten, die im Schutze eines Felsvorsprunges errichtet wurde. Durch das kleine Fenster erkannte man ein loderndes Feuer im Inneren. Als Helluin daran dachte, wie der alte Mann diesen Hasen zubereiten und verspeisen würde, knurrte ihm sogleich der Magen.
Was soll ich nur tun? Ist er Freund oder Feind? Vielleicht kann er mir sagen was in dem Dorf passiert ist? Ob die Passage sicher ist für mich oder gefährlich? Und dieser Hase… dieses köstliche Fleisch. Und wenn er mir nicht hilft? Einen kann ich eher überwältigen als einige…

Der Waldläufer beschloss einen Blick zu riskieren und schlich sich bis zu dem Haus an. Er vernahm das fröhliche Summen aus dem Inneren. Dazwischen vernahm er nun ein paar Worte.
Ist da etwa noch jemand?
„mhhh, mh, mhhh, der gute alte Freund“
Er singt!
„in seinem weißen Gewande, mhhh, mhmmm, hilft armen Leuten im Lande“
Offensichtlich ist er ein Anhänger Sarumans und er lebt hier ganz alleine. Soll ich es riskieren?

Helluin kam eine Idee: Auf leisen Sohlen ging er zur Eingangstür des Hauses und zog sein Schwert. Er sah bereits den Hauch seines Atems vor sich. Mit drei harten Tritten klopfte er gegen die Tür. Augenblicklich verstummte es im Inneren. Er hörte das streifende Geräusch eines Holzhockers am Boden und ein Klirren. „Wer ist da?“, krächzte der Mann. Angst und Verzweiflung waren kaum zu überhören. „Ich habe ein Schwert!“, sagte er laut, aber mit zittriger Stimme.
Der Waldläufer sammelte seine Stimme und entgegnete so kräftig wie möglich: „Öffne die Tür alter Mann, sonst trete ich sie ein.“
Dahinter war es stumm. Der Dúnadan wartete angespannt. Ein paar Momente danach öffnete sich die Tür einen Spalt breit und ein Lichtschein erhellte sein Gesicht.
„Ihr seid ein Getreuer der weißen Hand“, sagte Helluin bestimmt „und ich befehle euch mich einzulassen.“
„Ich… ich, ihr müsst mich verwechseln“, stammelte der alte Mann.
Skrupellos streckte er dem Fremden das Schwert entgegen und presste es leicht gegen seinen Oberkörper. Dem Waldläufer war sehr unbehaglich dabei, denn es erinnerte ihn an seine Taten unter Saruman’s Einfluss und doch fiel es ihm ganz leicht.

Die Tür öffente sich weiter und der Fremde gewährte ihm Einlass. Kaum war die Tür hinter ihnen geschlossen, begann er auch schon zu reden wie ein Wasserfall.
„Endlich ist es soweit!“
Helluin, der sich auf einem Stuhl an der Wand niedergelassen hatte, starrte ihn nur an.
„Es war nur eine Frage der Zeit bis sich der feine Herr wieder seine Eisenmiene, sein Dorf und ganz Dunland zurückholt.“
Der Waldläufer nickte.
„Immer wieder diese Orks im Gebirge, viele, viele habe ich gesehen die Tage. Mir ist es nicht entgangen. Und nun, ein Besuch von euch. Ein solch ranghoher Gefolgsmann hier in meinem Haus.“ Die Freude war ihm ins Gesicht geschrieben. „Lasst den Herrn wissen, Yorick, war ihm immerfort ein treuer Diener. Niemals habe ich mich diesen Tölpeln vom Stamm des Schildes angeschlossen; diesem Bürschlein von Wolfskönig.“
„Ist er in dem Dorf?“, fragte Helluin knapp.
„Nein, das ist er nicht. Er hat sich verkrochen und sucht Hilfe und Schutz bei den Elben im Norden.“
„Bei den Elben?“
„Ja, den Spitzohren. Sie sprechen eine fremde Sprache, selbst für unsere Ohren fremd.“
„Der Herr weiß bereits von ihnen“, mutmaßte der Waldläufer „aber was weißt du noch von ihnen.“
„Nicht viel. Gar nicht viel. Nichts kommt über die Grenze… Aber man hört von mächtiger Elbenmagie die ein ganzes Heer in die Flucht schlagen kann.“
„Ha, sicherlich nicht mächtiger als unser Herr“, entgegnete Helluin abschätzig. Es ging ihm erstaunlich leicht von der Zunge.
„Natürlich nicht, natürlich“, stotterte er „Verzeiht mir mein dummes Geschwätz.“
„Gib mir etwas von deinem Mahl“, befahl ihm nun Helluin und deutete auf den Topf auf dem Feuern. Ohne jeglichen Widerstand gab er mehr als die Hälfte davon ab.
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Schatten der Vergangenheit
« Antwort #38 am: 25. Okt 2020, 19:54 »
Helluin entging es nicht, dass der alte Mann immer wieder zu ihm schaute, es erfreute ihn, dass dem Waldläufer das Essen schmeckte. Offensichtlich war seine Treue Saruman gegenüber bedingungslos.
„Ihr könnt gerne die Nacht hier verbringen, wenn ihr dies wünscht“, bot er an.
„Ich muss heute noch weiterziehen“, entgegnete der junge Mann abweisend, „wenn die Nacht fortgeschritten ist, werde ich abseits das Dorfes nach Norden gehen.“
„Das ist gut so. In unserem Dorf herrscht nun der Stamm des Schildes. Sie bewachen alle die übrig sind, hauptsächlich Frauen und Kinder. Elende Ratten sind das, Verräter an uns.“
„Ist es gefährlich sich dem Dorf zu nähern?“
„Ja, ja auf jedenfall. Geht dort ja nicht hin. Aber eines unterschätzen diese Verräter, das Feuer unseres Stammes lodert in uns weiter und wenn die Zeit gekommen ist, werden sie brennen. Der Stamm des Messers ist unbezwingbar. Richte das dem feinen Herrn aus.“
Der Waldläufer nickte.

Nachdem er fertig gegessen hatte stellte sich Helluin zur Feuerstelle. Er wärmte sich an den lodernden Flammen und überlegte ob er sich dem Dorf nähern sollte. Wenn es denn Verbündete der Elben waren, so konnten sie ihm helfen nach Norden zu gelangen. Aber wie immer stellte er sich auch die Frage was sie mit ihm machen würden, wenn sie ihn erkennen und ihn zur Rechenschaft ziehen würden.
Er rieb die Hände aneinander und hockte sich auf den Boden nahe dem Feuer. Mit dem Rücken lehnte er sich an die Wand und beobachtete den Alten. Er konnte ihm nicht trauen.
Eine Zeit lang kramte sein Gastgeber herum, spülte die Schüsseln und den Kessel aus, legte etwas Holz nach, schloss den Fensterladen, bis er sich schließlich in die andere, kaum beleuchtete Eck des Raumes zurück. Er sah ihn nur noch als Schatten, als er sich auf seinem Bett niederließ. Dann wanderte der Blick des Waldläufers zu den züngelnden Flammen. Er mochte es gerne dem Feuer bei seinem Spiel zuzuschauen.

„Siehst du junger Dúnadan, du hast ja doch nichts vergessen.“
Sein Herz begann wie wild zu klopfen, er schaute augenblicklich zu dem alten Mann.
„Sei doch nicht so überascht, du weißt doch wie listenreich mich die Menschen nennen.“
Die kalten Augen Sarumans fesselten ihn.
„Ich sehe schon, dass der Bann den diese Elbenhexe auf dich gelegt hat um dich von mir zu trennen, am zerbröckeln ist. Bald schon werden wir unseren gemeinsamen Plan ausführen können.“
„Lass mich in Ruhe, Saruman.“
„Du hast einen Schwur abgelegt, Dúnadan. Den Schwur mit einem der Istari einzugehen ist eine endgültige Entscheidung.“
„Ich werde mich dafür rächen, was du meinem Volk und mir angetan hast.“
„Ha, angetan? Ich krümme mich gleich vor lachen. Euer Volk war nichts mehr außer ein Schatten einer längst vergangenen, glorreichen Zeit. Ihr seid ein mickriger Abklatsch der wahren Herren des Westens. Nur ein Bündnis mit mir, kann euch wieder zu eurer einstigen Macht und Stärke verhelfen.“
„Du magst damit Recht haben, aber lieber opfere ich reines Blut als ein reines Gewissen.“
„Nichts, absolut nichts wird von euch übrigbleiben. Die Städte sind längst zerfallen, der Zahn der Zeit nagt an ihren Resten, Minas Tirith, Dol Amroth… ganz Gondor wird dasselbe Schicksal ereilen und eines Tages wird keiner mehr Wissen was oder wer diese Dunedain überhaupt waren. Ein Nichts in der Geschichte der Menschheit, nicht einmal ein Staubkorn.“
Ein düsteres Bild zeichnete sich vor dem Waldläufer. Helluin hatte einen Kloß im Hals und versuchte ihn hinunter zu schlucken. Saruman näherte sich ihm.
„Folge mir und ihr werdet in allen folgenden Zeitaltern einen Namen haben. Mit Ehrfurcht wird man über die Hüter des Nordens sprechen, über die Herren des Westens und von ganz Mittelerde.“
Helluin erahnte die Pracht und Schönheit der Städte des Nordens, er spürte die Ehrfurcht die ihm und seinem Volk entgegengebracht wurde und die ihnen auch gebührte. Es war so verlockend, zum Greifen nahe. Angewidert von seinen Gedanken und von dem Gefühl der Macht schüttelte er jedoch den Kopf.
„Sei nicht töricht, sei nicht wie dein Onkel“, redete der Zauberer auf ihn ein und kam noch näher. Er stand ihm gegenüber und richtete seine flache Hand gegen seinen Kopf. Leise begann er Worte zu flüstern.

„NEIN“, schrie Helluin und zog mit einem Ruck das Schwert aus seiner Scheide und rammte es seinem Gegenüber in den Bauch „Nein!“. Der Waldläufer kniff die Augen zusammen, sein Brustkorb hob und senkte sich ruckartig. Kirschrotes Blut quoll dem alten Yorick aus dem Mund ehe er bewegungslos zu Boden ging.

Er erinnerte sich nicht daran, wie er aus dem Haus ging, aber plötzlich saß er auf einem Hackstock vor der Hütte. Mit einem Blatt versuchte er die Klinge zu reinigen. “Nein! Nein!“, hörte er sich in seinen Gedanken schreien. Nein Die abwehrenden Worte gegen Saruman verloren an Kraft und wurden zunehmend zu einem Selbstvorwurf ich habe es schon wieder getan. Ich habe getötet… wegen Saruman.
Der Waldläufer hörte die Männer nicht die sich der Hütte näherten. Erst als sie die ebene Fläche vor der Hütte betraten und mit gezogenen Schwertern vor ihm standen nahm er sie wahr. In ihren Augen glomm der Schein des Feuers und ließ sie bedrohlich wirken.
„Wer bist du?“, fragte ihn einer der Dunländer in der gemeinen Sprache.
Ein Mörder schrie Helluin innerlich ein Verräter
„Offensichtlich ist er einer der Waldläufer des Nordens. Sieh ihn dir an“, sagte ein anderer.
„Ist das aufgeschreckte Pferd da unten deines?“, fragten sie weiter.
„Sag schon wer du bist!“, wiederholt der erste.
Der Dunedain sah sie an und legte sein Schwert zu Boden. „Fesselt mich“, sagte er flehend.
Skeptisch musterten sie den jungen Mann, als sie aber erkannten, dass er unbewaffnet war kamen sie dem nach und legten ihm Fesseln an. Zwei der Dunländer verschwanden in der Hütte.
„Der alte Yorick ist tot“, sagte einer beim herausgehen „Abgemurkst, dieser Verräter.“
Der erste der gesprochen hatte, sah wieder zu Helluin, sagte aber nichts zu ihm. „Kommt, wir bringen den Waldläufer in das Dorf. Soll der Wolfskönig über ihn entscheiden. “

Mit gezückten Schwertern und achtsam trieben sie Helluin vor sich her. Im Tal unten nahmen sie das Pferd an den Zügeln und führten es ebenfalls mit sich. Am Beginn der Nacht erreichten sie das Dorf am Fuße des Berges.
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Irrwege
« Antwort #39 am: 30. Nov 2020, 21:41 »
Nach keinem allzu langen Marsch erreichten sie die Holzpallisaden des Dorfes. Der Eingang wurde von Dunländern bewacht. Die Straße war hart, denn der Boden war gefroren. Zum Glück, denn sonst würde Helluin vermutlich durch knöchelhohen Dreck gehen, da die Straßen nicht befestigt waren. Sein Blick war ständig auf den Boden gerichtet, denn die Gedanken an den Vorfall mit Yorick oder Saruman verfolgten ihn. So gut es ging versucht er es beiseite zu schieben.

Das Dorf, das gegen Osten hin an die Hänge des Nebelgebirges gebaut wurde, bestand nur aus einigen Hütten. Aus wenigen davon kam ein Lichtschein. Es war unklar ob sie bewohnt waren oder leer standen. Im östlichen Bereich des Dorfes, der am höchsten gelegen war, hatten die Dunländer am Berghang eine große Hütte errichtet die auf der einen Seite auf Pfählen stand. Vom davorliegenden Balkon konnte man mit Sicherheit das ganze Umland sehen. Unterhalb der Hütte begann eine Treppe die durch die Bodenplatte in das Innere führte. Die Soldaten trieben Helluin dort hinauf.

Angenehme Wärme, deren Quelle eine Feuerstelle am Rande des Raumes war, umgab den Dúnadan. Er sah sich um. Zwei Dunländer standen neben dem Feuer, sie sprachen relativ laut, sodass Helluin einige Sätze vestehen konnte.
„…in zwei Tagen soll es stattfinden. Denkst du ich kann hingehen? Ich sollte wohl“, sagte der Größere von ihnen.
„Ob das bei den Stämmen gut ankommt? Vielleicht sollten wir es ihnen nicht sagen. Obwohl nichts zu sagen wäre auch ein Fehler daher wohl besser kein Treffen.“
„Aber vielleicht erfahren wir Neuigkeiten von ihnen. Sie wissen sicher mehr von Sarumans Plänen. Ich muss mich mit ihnen treffen.“
„Ausreden kann ich es dir so oder so nicht“, sagte nun der Kleinere der beiden mit einem verschmitzen Grinsen „ich hoffe für dich, dass sie auch Dort sein wird.“
 „Hör auf, sonst verpass ich dir eine“, entgegnete der Größere dann sagte er leise und verlegen: „Natürlich freue ich mich, wenn sie dort ist, aber das würde nichts an meiner Entscheidung ändern.“
„Da bin ich ganz sicher.“ Der Sarkasmus war nicht zu überhören.
„Domnall…“, begann der Größere ihn zu ermahnen, unterbrach dann aber plötzlich als er entdeckte, dass der gefangene Helluin unter seinen Männern war. Seine Augen fixierten den Waldläufer, dessen Haupt aber von der Kaputze verborgen war.
Mit leiserem Tonfall, aber für den Dúnadan trotzdem noch hörbar, setzte er fort: „Unabhängig davon müssen wir Marchog anheuern. Ohne seine Unterstützung ist alles Weitere unnötig. Deshalb musst du gehen. Bei Tagesanbruch nimm dir einige aus dem Rudel und eine handvoll Krieger und in sieben Tagen treffen wir uns bei Corgan. Mit guten Neuigkeiten hoffentlich.“
„Natürlich“, antwortete Domnall genauso leise „Brauchst du hier meine hilfe?“
„Nein, geh.“

Domnall musterte Helluin beim Verlassen der Hütte mit einem scharfen und missbilligenden Blick.

„Wen bringt ihr hier?“, frage nun der verbliebene Dunländer am Feuer.
„Einen Gefangenen, Wolfskönig“, antwortete einer der Peiniger Helluins. Helluin war überrascht, denn der Wolfskönig war kaum älter als er und ungefähr einen halben Kopf kleiner. Sein Aussehen unterschied sich deutlich von den anderen Dunländern. Es erinnerte ihn ein wenig an die Menschen des Südens.
„Wir wurden auf das Gewieher eines Pferdes aufmerksam gleich unterhalb, wo der Pfad zu Yoricks Hütte ist.“
„Yorick?“
„Ja. Wir folgten dem Pfad und fanden diesen Waldläufer vor der Hütte. Er bemerkte uns gar nicht. Freiwillig legte er alle Waffen nieder und wir nahmen ihn gefangen. Yorick hat er wohl abgemurkst.“
„Yorick ist tot?“, fragte nun der Wolfskönig.
„Ein Stich in die Brust. Ich denke nicht, dass er sich gewehrt hat.“
„Yorick wurde also getötet. Was ich nicht übers Herz brachte, da er nur ein alter, ungefährlicher Narr war, hast du nun erledigt“, sagte der Dunländer zu Helluin „Wer bist du?“
„Ein Waldläufer des Nordens“, antwortete Helluin zurückhaltend und auf den Boden blickend.
„Und dein Name?“
„Das ist nicht wichtig.“
„Und ob das wichtig ist. Nun, dann werde ich wohl beginnen. Ich bin Aed Forathssohn vom Stamm des Schildes. Und du? Wer bist du?“, sagte er mit fester Stimme.
„Ich bin H…“, der Dúnadan zögerte „Ich bin Haldar von den Dunedain. Geboren an den Ufern des Abendrotsees.“
„Haldar von den Dunedain?“, fragte er zweifelnd in die Luft „Zieht ihm die Kaputze aus dem Gesicht“, befahl er seinen Männern und diese folgten augenblicklich. Aus den Augenwinkeln sah der Waldläufer zu Aed hinüber.
„Was ist da oben wohl geschehen?“, fragte der Wolfskönig weiter und drehte sich von Helluin weg um ein paar Schritte im Raum zu gehen. Es war nicht klar, ob er eine Antwort erwartete. „Es war schon eine Zeit vergangen, dass wir dieses Dorf und die Messermine eingenommen hatten, als einige meiner Männer auf den alten Yorick stießen. Es war mühelos ihn gefangen zu nehmen und herbringen zu lassen.“ Er setzte kurz ab und warf einen Blick zum Waldläufer herüber, dann ging er weiter in Richtung Feuerstelle.
„Armer alter Narr. Er sang immerzu die Lieder vom weißen Zauberer, dem feinen Herrn. Wenn wir ihn befragten faselte er von der Glut seines Stammes, die unter der Oberfläche brodelte und von dem Tag an dem sich das Messer wieder erheben würde. Seine Warnungen wurden immer unglaubwürdiger, feuerspukende Monster aus der Tiefe der Welt, die aufbäumende See die ganz Dunland und Eriador verschlingen würde. Er prophezeite Elben, die älter waren als diese Welt und kommen würden um hier ihr Unwesen zu treiben. Alles passiere in seiner Vorstellung, alles was zunichte machen würde, was wir hier erschaffen haben. Es war alles nur wertloses Geschwafel. Wertlos, bis zu dem Tag an dem wir auf die Elbenhexe trafen, die versuchte unser wiedervereintes Volk auf hinterlistigste Art zu entzweien. Wir siegten – mit viel Glück und Hilfe – aber scheinbar war nicht alles was Yorick sagte Irrsinn. Und jetzt da ich in deine Augen sehe, bin ich erneut verwundert, denn Yorick warnte mich auch vor dem eisigblauen Blick. Einem Blick der Mark und Bein durchdringt und das Blut in den Adern zum erstarren bringt. Ein Blick der gnadenlos die Herzen Unschuldiger zertrümmert.“
Er sprach nicht weiter und starrte in das Feuer.

Helluin fehlten die Worte. Ihm wurde übel und seine Knie wurden weich. Er tötet mich! Er tötet mich nun, ganz bestimmt. Ich bin ihm ausgeliefert.
„Er bleibt gefesselt!“, befahl der Wolfskönig kurz und bestimmt „Sperrt ihn in den Kerker und bewacht ihn gut.“
„Ja!“, befolgten die Männer seine Befehle und zogen den Dúnadan am Arm nach unten.

Was ist geschehen? Er zweifelt? Natürlich, er sagt ja selbst es war nur Geschwafel. Und wenn Yorick recht hatte? Ich habe bereits ihn getötet und das obwohl mich Kerry vom Bann befreit hat und die Herrin der Quelle. Ist es zu spät für mich?
Die Dunländer brachten ihn in eine fensterlose Hütte am Rande des Dorfes. Achtlos stießen sie ihn gegen die Wand und verließen den dunklen Raum. Ein rötlicher Schein war das einzige Licht im Raum. Es stammte von der Glut in der Feuerstelle. Es war deutlich kälter als noch zuvor bei Aed. In dieser Nacht schlief Helluin sehr unruhig. Immer wieder schreckte er mit furchteinflößenden Bildern vor den Augen auf: das schmerzverzerrte Gesicht Yoricks, Sarumans grimmiges Grinsen, Domnals scharfer Blick. Er hatte nicht das Gefühl auch nur eine Minute in dieser Nacht zu schlafen.
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Thorondor the Eagle

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Schauergeschichten
« Antwort #40 am: 2. Dez 2020, 07:23 »
Als Helluin ein paar Brotstücke runterschlang und von der Milch trank die ihm von einer Wache hergestellt wurde, hörte er plötzlich eine laute Stimme von draußen:
„Stell dir das vor, dieser Gesichtsausdruck.“ Es folgte ein helles Lachen „Das wird sie mir wohl nicht so schnell vergeben.“
„Vergeben?“, antwortet eine viel dunklere Stimme „Roisin hätte ohne zu zögern deine Finger abgehackt.“
„Na, da bin ich ja froh, dass ich nicht deine Frau zur Frau habe.“

Plötzlich öffente sich die Türe und zwei Männer kamen herein. Einer war deutlich kleiner als Helluin und hatte kurzes, struppiges, braunes Haar und schmal gebaut. Er fixierte Helluin augenblicklich beim Betreten des Raumes. Der zweite war groß, beinahe so groß wie der Waldläufer und sehr muskulös. Sein Haar hatte er sich abgeschoren, sein Gesicht war kantig.

„Na sieh einer an, der wilde Jäger der letzten Nacht“, sagte der Kleinere mit einem Grinsen im Gesicht „Obwohl man das wohl kaum als Jagd bezeichnen kann.“
„Nein, der alte Yorick konnte doch nicht mal mehr ordentlich laufen.“
„Ja, den hätte wahrscheinlich auch meine Maimeo erwischt.“
„Komm mit“, befahl der muskulöse Krieger und packte Helluin grob am Arm um ihn hochzuziehen. Der Kleinere band mit einem Seil seine Hände hinter dem Rücken zusammen.

Draußen war es bereits hell, so hell es an einem nebeligen Februartag eben sein konnte. Das Licht war trüb und die Kälte bohrte sich durch die Kleidung. Sie folgten dem Weg zur Pforte im Pallisadenzaun. Dort wartete bereits Aed und Domnall sowie einige weitere dunländische Krieger. Alle hatten sie die typischen dunklen Haare und den kompakten Körperbau. Die meisten trugen Felle über den einfachen Rüstungen um die Kälte abzuhalten. Nur ihr Anführer hatte einen weißen Pelz übergeworfen und einen Helm in der Form eines Wolfskopfes.
„Hab eine gute Reise, treuer Freund“, sagte Aéd zu Domnall „und komme mit guter Nachricht zurück.“
Domnall nickte ihm zu, dann schweifte sein Blick nochmals über die Straßen und Häuser des Dorfes ehe er sich umdrehte und mit einigen Männern gegen Süden zog.

„Sehr gut“, sagte Aéd sogleich in die Richtung des Waldläufers „Ihr kommt gerade rechtzeitig. Ich hoffe, Haldar, unsere Gastfreundschaft war ausreichend.“ Ein Hauch von Sarkasmus lag im Tonfall des Wolfkönigs. Helluin war sich nicht sicher, wie er sich verhalten sollte. Er antwortete nicht.
„Cathal! Ivar! Was habt ihr mit ihm angestellt, dass er wortkarger als gestern Abend ist?“,
„Ich? Wir? Gar nichts“, verhaspelten sich die beiden. Aéd grinste.
„Er ist wohl noch müde von seinem gestrigen Abenteuer“, antwortete der Kleinere, den Aéd mit Ivar ansprach.
Plötzlich verfinsterte sich der Gesichtsausdruck des dunländischen Anführers: „Ganz bestimmt“, sagte er ernst.
Die anderen beiden wurden ganz still.

„Hör mir zu Waldläufer“, begann der Wolfskönig ernst „ich habe gestern lange nachgedacht. Mein Verstand sagt mir, dass es das beste wäre dich hinzurichten. Da ich dich nicht kenne, hätte ich nichts verloren und das Risiko wäre erheblich geringer. Meine beiden Freunde hier, würden mir sicherlich zustimmen.“
Sie sagten nichts, aber Helluin entging das zaghafte Nicken nicht.
„Vor allem da du in den höchsten Reihen unseres Feindes beheimatet bist.“
Verdutzt sah der Waldläufer ihn an.
„Ja, wir haben von dir gehört Helluin. Schauergeschichten über stahlblaue Augen in der Finsternis, das Allerletzte was viele sahen ehe sie getötet wurden. Aber eines geht mir nicht ein: Yorick, er war der ergebenste Diener Sarumans den ich je lebend vor Augen hatte – und ich habe viele gesehen – und du tötest ihn? Wieso?“
Helluin antwortete nicht. Die Übelkeit des letzten Abends kam zurück.
„Yorick war sicherlich das Ohr und Auge Sarumans, dass uns tagtäglich beobachtet hat. Warum sollte er dich beauftragen ihn zu töten? Und wieso ergibst du dich freiwillig, ja bettelst sogar darum gefesselt zu werden.“
Keine Antwort kam über seine Lippen.
„Nun, du musst es mir ja nicht gleich sagen. Wir machen uns jetzt auf den Weg, Cathal, Ivar, du und ich. Vielleicht wirst du unterwegs etwas gesprächiger. Und falls nicht, vielleicht haben die Elben die ein oder andere Idee um an diese und andere Informationen von dir zu kommen. Sie werden sicher dankbar sein für dich.“ Er wandte sich ab.

Vor dem Tor warteten vier Pferde. „Du hast Glück, dass du ein Pferd mitgebracht hast, sonst müsstest du jetzt wohl laufen“, sagte nun Ivar zu Helluin.
„Er sollte jedenfalls ein Stück laufen, damit er müde wird“, legte der muskulöse Cathal nach.
„Du meinst zur Sicherheit damit er nicht auf blöde Gedanken kommt?“
„Helft ihm beim Aufsitzen“, befahl Aéd und unterband den Vorschlag der beiden „Ivar, du führst das Pferd. Ich reite voraus, Cathal du reitest zum Schluss.“ Beide nickten synchron.

Der Weg nach Norden war wohl mittlerweile gut gesichert, denn es kam zu keinerlei Zwischenfällen. Zu ihrer Rechten war ein großer, dichter Wald ehe sich dahinter die Gipfel des Nebelgebirges in den Himmel stemmten, zu ihrer linken war Hügelland, relativ flach im Vergleich zum Gebirge. Einige Male sah sich Aéd nach Helluin um, er machte aber keinerlei anstalten mehr mit ihm zu reden.
Gegen die Mittagsstund machten sie dann die erste Rast. Die Pferde banden sie an dicke Äste und sie selbst setzten sich auf Baumstümpfe oder größere Felsbrocken. Helluin nahmen sie zu sich, damit er keinen Fluchtversuch starten konnte.

„Wo werden wir die Elben treffen, Aéd?“, fragte nun Ivar.
„Gleich unmittelbar vor den Furten. Dort liegt ein Wald, die Ausläufer der Wälder in denen mein Heimatdorf liegt. Dort ist eine nahezu kreisrunde Lichtung. Das ist der Treffpunkt.“
Furchterregt atmete Cathal plötzlich ein: „Dort oben?“, fragte er entsetzt.
„Ja, du kennst den Ort sicher. Einst war dort ein beliebtes Gasthaus, damals als die Nord-Süd-Straße noch belebt war.“
„Yordis‘ Gasthaus“, hauchte der Muskulöse „Ich kenne die Geschichten von Yordis Ring. Ich denke nicht, dass wir dorthin gehen sollten.“
„Dort ist nichts Cathal“, beruhigte ihn der Wolfskönig.
„Doch doch, in unserem Dorf kennt jeder diese Geschichte.“
„Was soll das denn sein Aéd?“, frage Ivar verunsichert.
„Nichts was wir ernst nehmen müssen. Bei uns im Norden gibt es eine Legende, wohl eher eine Gruselgeschichte. Sie soll die Jungen davon abhalten nachts in den Wäldern herumzustreifen. Scheinbar kennt man sie nicht nur bei uns, beim Stamm des Schildes, sondern auch beim Stamm des Stabes und Cathal’s Familie.“
„Furchtbare Geschichte, ich kann sie gar nicht erzählen“, schauderte es dem hühnenhaften Dunländer.
„Jetzt reiß dich zusammen Cathal“, fauchte ihn Ivar an „Und du sollst der Sohn eures Anführers sein?“
Aéd musste grinsen: „Darum hat ihn Corgan ihn wohl zu uns geschickt.“
„Macht euch ruhig lustig über mich.“
„Cathal, Cathal mein Freund. Einer Herde Wildscheine trittst du furchtlos entgegen und vor dem Geist einer alten Wirtin fürchtest du dich. Du bist unverwechselbar.“
„Ja, hast du jemals ein Wildschwein gesehen, dass hinterlistig und rachsüchtig ist?“
„Ohja“, fügte Ivar hinzu „Sie war grausam.“ Danach musste er laut lachen.
„Na zum Glück habe ich mir aus dem gesamten Rudel euch zwei als Begleiter ausgesucht“, schloss Aéd kopfschüttelnd ab.
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Unschuldige und Schuldige
« Antwort #41 am: 3. Dez 2020, 22:15 »
Die Rast die sie einlegten dauerte nicht recht lange. Da sie schon Übermorgen an der nördlichen Grenze des Dunlandes sein mussten, war der Zeitplan recht knapp und mit einem gefesselten Waldläufer konnten sie unmöglich im Galopp reiten. Ivar hatte sein Pferd nun leicht versetzt zu Helluin platziert. Er war zwar immer noch ein kleines Stück weiter vorne, aber der Waldläufer konnte das Profil des Dunländers nun gut sehen.

„Hätten wir doch nur ein bisschen mehr Zeit gehabt“, sagte Cathal nun lauter, über Helluin hinweg zu Ivar „dann hätten wir die Straße westlich von hier nehmen können und einen Zwischenstopp bei Roisin und meinem Vater machen können.“
„Ja, das wäre fein gewesen. Ich kann den Braten deiner Frau förmlich riechen“, antwortete Ivar laut nach hinten. „Weißt du, seine Frau macht den besten Wildscheinbraten im ganzen Dunland. Die Erinnerung an dieses zarte Fleisch, meine Knie werden gleich ganz weich“ legt er einen Satz nach, der nur an Helluin gerichtet sein konnte.
„Hältst du es für klug gerade jetzt darüber zu reden?“, kam die Stimme Aéds von vorne.
„Jeder lebt eben für etwas anderes“, murmelte Ivar zu Helluin „Manch einen hält die junge Liebe am Leben, den anderen die alte“, beim ersten machte er einen Schwenk mit dem Kopf zum Wofskönig, beim zweiten zu Cathal „und mich? Mich motiviert eben das Essen und andere genüssliche Dinge im Leben.“
„Das habe ich gehört“, hörte Helluin Cathal leise antworten.
„Du würdest gut zu den Hobbits passen“, stellte Helluin trocken fest. Der kleine Dunländer ging nicht darauf ein, vermutlich kannte er die Hobbits nicht.
„Und du Waldläufer? Hast du denn eine Frau?“, fragte Ivar nun neugierig.
„Nein, ich habe keine Frau. Ich habe nur noch eine Mutter, sie ist oben im Norden – denke ich.“
„Hm, eine schöne, junge Frau hätte euch der alte Zauberer schon gönnen können.“
„Pssst“, fauchte nun Aéd zurück „Sprich nicht von ihm. Du weißt nie, ob er nicht gerade zuhört.“
„Ich meine ja nur“, murmelte Ivar wieder zusammengestaucht.
 Wie auf Kommando schaute sich Helluin in der Gegend um. Es war nichts Verdächtiges zu sehen, nicht einmal ein Crebain. Seid er in dieser Gemeinschaft gelandet ist und die Gespräche mitanhörte beziehungsweise sich daran beteiligte hatte er nicht mehr an den Zwischenfall mit Saruman gedacht. Es wurde ihm erst jetzt bewusst und ungewöhnlicherweise beruhigte es ihn.

„Diese Hobbits? Was ist das?“, fragte nun Cathal neugierig nach.
„Hobbits?“, stellte Helluin in den Raum „Halblinge. Ein Volk das Ruhe und Genuss schätzt. Sie leben bei uns oben im Norden. Auenland nennen sie ihre Heimat. Es gibt kein besseres Bier als das ihre und auch kein besseres Pfeifenkraut, wie man sagt.“
„Ja, jetzt wo du es sagst. Ich habe schon von ihnen gehört“, antwortete Ivar „Aber begegnet bin ich noch keinem.“
„Sie leben sehr zurückgezogen“, antwortete Helluin „und gehen kaum auf reisen.“
„Dienen sie auch dem Zauberer?“, fragte Cathal so leise, dass Helluin und Ivar es beinahe nicht hörten.
„Sie dienten“, antwortete der Waldläufer „Das Auenland wurde befreit besser gesagt sie haben sich befreit.“
„Dann haben wir ja alle etwas gemeinsam“, stellte der Kleinere fest, die Hinterlist war ihm nicht ankennbar.
Helluin wurde schwermütig: „Wer weiß.“
„Ich wusste es!“, schrie Ivar auf „Also dienst du dem Zauberer doch noch.“
Der Dúnadan seufzte: „Ich will es nicht.“
„Ja aber warum tust du es dann?“, kam nun die dumpfe Stimme Cathals von hinten.
„Ich, ich tue es doch gar nicht. Aber, aber ich kann mich nicht selbst befreien. Nicht so wie ihr.“
Ivar sah verwirrt zu Cathal nach hinten.
„Und wer kann dich befreien? Etwa ein anderer Zauberer? Es soll ja mehrere davon geben.“
„Vielleicht. Aber in jedemfall hat mir…“, Helluin stockte beim Reden. Es kam ihm albern vor die Geschichte von Kerry zu erzählen. Ivar würde keine Sekunde verschwenden einen Scherz darüber zu machen. Vermutlich würde er es noch die nächsten zweit Tage auskosten.
„Wer? Sag schon“, fragte wieder Cathal.
„Elbenmagie hat mir geholfen, uralte Elbenmagie. Es ist nun schon einige Zeit her.“
Ivar sah Helluin direkt an, als er die Antwort hörte hob er erstaunt die Augenbrauen: „Naja, zu den Elben gehen wir ja jetzt. Vielleicht können sie dir wieder helfen.“
„Ja“, der Dúnadan wurde wieder wehmütig „Vielleicht. Ich hoffe es.“

„Ich denke es ist nun an der Zeit mit dem Geschwätz aufzuhören. Wir müssen uns beeilen. Wenn wir Glück haben, dann erreichen wir heute Abend noch die Ausläufer des Hügellandes. Dann haben wir nur noch einen halben Tagesritt vor uns morgen“, beendete nun der Wolfskönig das Gespräch.
Sie legten einen Zahn zu und wechselten nur noch sporradisch ein paar Worte. Als die Abenddämmerung bereits weit fortgeschritten war, erreichten sie das Ziel ihrer Tagesetappe. Zwischen einigen aufragenden Hügel fand die Gruppe eine Stätte für die Nacht. Sie spannten lediglich ein Tuch zwischen den Bäumen, schlossen mit weiterne Tüchern drei Seiten ab und machten ein kleines Feuer um sich daran zu wärmen.
Aéd übernahm die erste Wache, Helluin setzte sich auch noch zum Feuer um die Kälte abzuwehren und um den Schlaf noch etwas hinauszuzögern. Zunächst war eine unangenehme Stille zwischen den beiden.
„In Edoras“, begann nun Helluin stockend „Wir waren… Ich habe… Meduseld. Ich habe die große Halle der Königin gesehen und euren Beitrag den ihr dazu geleistet habt. Man hat mir davon erzählt.“
„Du warst also auch in Edoras?“
„Ja.“
„Hast du dort auch spioniert?“
„Nein“, antwortete der Waldläufer „Zumindest nicht wissentlich.“
Das Gespräch wandelte sich in einen schnellen Schlagabtausch.
„Und sie haben dich einfach so durch das Land reiten lassen?“
„Jemand hat für mich gebürgt.“
„Wer?“, fragte Aéd neugierig.
„Jemand dem Königin Eowyn vertraut.“
„Sein Name?“
„Ich kann es nicht sagen. Noch nicht.“
„Wieso?“
„Diese Nachricht ist nur für das Ohr einer einzigen bestimmt. Ich habe es geschworen.“
„So wie du Saruman geschworen hast?“
„Nein, dieser Schwur ist ehrenhaft.“
„Du willst also zu ihr um deinen Schwur zu erfüllen.“
Helluin nickte.
„Wohin?“
„Nach Bruchtal. Das Schmuckstück aus meinem Gepäck, ihr habt es sicherlich entdeckt, es gehört ihr.“
Zweifelnd sah Aéd den Waldläufer an: „Und wer hat dir geholfen dich von Saruman zu befreien?“
„Eine Elbe aus der altvorderen Zeit.“
„Das spricht nicht unbedingt für deine Unschuld.“
„Unschuld?“, der Wortfluss war unterbrochen. Helluin war verblüfft über dieses Wort „Ich bin in jeder erdenklichen Weise schuld. Ich habe verraten, gemordet, geplündert und vernichtet. Ich weiß nicht wie ich gut machen kann, was ich alles verbrochen habe. Ich weiß nicht, ob mir jemand vergeben kann. Ich weiß nicht mal ob ich Vergebung verdient habe.“ Tränen standen Helluin in den Augen „Und wenn mir niemand vergibt, wohin kann ich dann gehen? Ich bin alleine und so ist es wohl nur eine Frage der Zeit bis Saruman wieder Macht über mich hat.“
Überrascht sah ihn Aéd im Schein des Feuers an: „Du solltest etwas schlafen“, sagte er aber nur kühl.
Helluin nickte. Er hatte sich ein paar aufbauende Worte erhofft, etwas das ihm Mut machte, denn tief im Inneren hatte er Angst vor der Nacht und den Albträumen die ihn verfolgten.
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Angst vor den Schatten der Vergangenheit
« Antwort #42 am: 5. Dez 2020, 22:08 »
Als er am darauffolgenden Tag aufwachte, war Helluin den Umständen entsprechend ausgeschlafen. Er konnte es sich nicht erklären, aber irgendetwas schien ihn zu beruhigen. Er war der erste der aufwachte, außer Ivar der noch immer vor Glut und Asche saß und mit leerem Blick in die Ferne starrte. Als sich der Waldläufer aufsetzte, wurde der Dunländer aufmerksam:
„Ah, guten Morgen“, begrüßte er ihn mit verzogener Miene „Mir scheint du hast gut geschlafen.“
„Wieso glaubst du das?“
„Vor einer Stunde, als der Himmel noch dunkelgrau war flog ein großer Schwarm Crebain über uns hinweg. Die waren vielleicht laut. Aéd und Cathal sind kurz aufgewacht, aber du, du hast geschlafen wie ein Dachs im Winter.“
Besorgt sah der Dúnadan in den gräulichen Himmel.
„Vor einer Stunde, nicht jetzt“, sagte Ivar nochmal genervt.
„Das war Saruman.“
„Das wissen wir“, antwortete nun Aéd. Er lag noch auf dem Boden, seine geöffneten Augen wirkten müde aber er schien hellwach zu sein „Aber wir können unmöglich alle vom Himmel schießen.“
„Nein, wir sind ja keine Elben“, bestätigte ihn Ivar.
„Selbst Elben hätten damit ihre Schwierigkeiten“, legte der Waldläufer nach.
„Na du musst es ja wissen“, mit diesen Worten wandte sich Ivar ab.
Aéd stand nun auf und verschwand sofort hinter ein paar Bäumen.

„Die Morgenstunden sind die schlimmsten“, flüsterte nun schließlich der letzte im Bunde. Cathal lag direkt neben Helluin „Zumindest für mich sind sie am schlimmsten. Während ich mich schon gut gelaunt in den Tag aufmache, verziehen die beiden noch das Gesicht. Morgenmuffel… eigenartiges Volk. Nimm dir nie welche als Freunde und schon gar nicht zur Frau.“
Dem Waldläufer schwante schon was nun kommen würde.
„Ich liebe Roisin von ganzen Herzen, aber jeden Tag in der früh suche ich das Weite irgendwo im Wald oder im Dorf. Manchmal höre ich sogar dort ihr Gebrüll.“
Helluin musste unweigerlich grinsen: „Du scheinst ja umgeben zu sein von ihnen.“
„Die Waldgeister scheinen es nicht gut mit mir zu meinen.“
„Vielleicht haben die Waldgeister gerade dich zu ihnen geschickt um jeden ihrer Morgen zu versüßen“, antwortete Helluin.
Cathal dachte darüber nach. „So habe ich das noch nie gesehen. Das macht mir Mut. Danke.“
Erst als der Dunländer dies aussprach, wurde dem Dúnadan bewusst, was er da gesagt hatte. Ich habe das gesagt? Mut machen… ich… jemand anderem? Er ließ sich seine Worte nochmal durch den Kopf gehen. Tatsächlich. Und gleichzeitig bestätigte sich seine Aussage, denn Cathal hatte ihm seinen Morgen verschönert.

Nachdem sie alle ein ausreichendes Frühstück verzehrt hatten ging die Reise weiter Richtung Norden. Schon nach kurzer Zeit würden die Hügel auf der Westseite immer flacher und mündeten schließlich in einer ebenen, leicht bewaldeten Fläche. Zu ihrer Linken wurden die Bäume auch immer spärlicher und die Nebelberge rückten ein Stück weiter weg. Diese Veränderung behagte dem Waldläufer. Schon am früheren Nachmittag erreichten sie ihr Ziel an der nördlichen Grenze Dunlands. Es war nur einen Steinwurf vom Sirannon entfernt. Wenn der Wind in die richtige Richtung wehte, hörte man das Plätschern des wilden Gebirgsflusses.

Die Lichtung war tatsächlich beinahe kreisrund und lag nur ein kleines Stück abseits der Nord-Süd-Straße. Im Zentrum der Lichtung waren noch ein paar eigenartig angeordnete Steine, sie mussten vom Fundament des ehemaligen Gasthauses sein. Größtenteils waren sie aber bereits mit Moos bewachsen. Sie näherten sich der Ruine.
„Unser Lager werden wir dorthinten zwischen den Bäumen aufschlagen. Die Elben werden wohl erst Morgen früh eintreffen fürchte ich.“
Plötzlich wurde Helluin auf einen merkwürde geformten Felsen aufmerksam. Mitten aus der grünen Wiese ragte ein spitzer Felsen, wie die obere Hälfte des sichelförmigen Mondes. Er war dunkelgrau und etwa 30 Centimeter über dem Boden hatte er eine handbreite Schicht aus weißem, glimmerden Gestein. Er ging darauf zu.
„Nicht“, schrie Cathal und packte Helluin am Oberarm. Der Dunländer erntete fragende Blicke dafür. „Das ist er, Yordis Ring.“
„Das?“, fragte Helluin „Ich dachte die Lichtung ist der Ring.“
„Nein“, tat der muskulöse Krieger es belächelnd ab „Das ist ihr Finger und der Ring.“
„Ich bitte dich“, unterbrach ihn Aéd genervt „Ihr beide“, befahl der Wolfskönig den Dunländern „baut das Lager auf. Ich sehe mich bei den Furten um. Den Gefangenen nehme ich mit, sonst entkommt er euch noch während Cathal in Yordis Bann gezogen wird.“
Ivar nickte und machte dabei einen lauten Seufzer.

Aéd und Helluin gingen entlang der Waldgrenze zum Sirannon. Sie blieben am Ufer, versteckt im Schatten der kahlen Bäume, stehen und beobachteten die Furt.
„Erkennst du etwas?“, fragte ihn der Wolfskönig. Vermutlich wusste er, dass Dunedain den schärferen Blick hatten.
Helluin kniff die Augen zusammen: „Nein, nichts zu erkennen. Was bei Elben nicht überraschend wäre.“ Er machte eine kurze Pause „Was ist das für eine Legende von Yordis?“
„Ein Ammenmärchen wenn du mich fragst. Einst soll hier eine Wirtin gelebt haben. Sie lebte für den Profit und ließ nur jene bei sich wohnen die das nötige Geld dafür hatten. Selbst ihre Angehörigen mussten für Kost und Zimmer bezahlen.
Mit dem zunehmenden Aufblühen des Handels kamen auch immer wohlhabendere Händler aus dem Süden und Norden hier vorbei und so kam es, dass sie die weniger reichen, einheimschen Menschen wegschickte. Eines Tages klopfte ein armer Bauer an ihre Tür und bat um eine einzige Nacht im Warmen. Orks hatten seinen Hof überfallen und alles dem Erdboden gleich gemacht, seine Frau und Kinder wurden verschleppt oder getötet. Sie aber lachte nur eiskalt und schlug ihm die Tür vor der Nase zu.
In jener Nacht starb der arme Bauer und er wurde zu einem Waldgeist. Er suchte das Gasthaus regelmäßig heim und so vertrieb er die Gäste bis keiner mehr kam. Wutentbrannt suchte Yordis den Waldgeist Nacht für Nacht um ihn zu vertreiben, aber ohne jeglichen Erfolg.
Am Ende hatte sie nichts mehr. In zerlumpten Kleidern rollte sie sich in einer Ecke ihres Gasthauses zusammen. Ihr Magen knurrte. Das Regenwasser tropfte von der Decke und der Wind zog durch die undichten Türen und Fenster. In jener Nacht erschien ihr der Waldgeist, er fragte sie, was das Wertvollste war, was ihr geblieben war. Gut überlegt antwortete sie: Der Ring den ich mir von meinem ersten Gewinn habe anfertigen lassen. Sie hatte es nicht über Herz gebracht ihn zu verkaufen. Der Waldgeist schüttelte den Kopf und antwortete: Selbst jetzt, wo du deiner größten Angst ins Auge geblickt hast, hast du nichts erkannt. Du wirst zu dem werden, woraus dein Herz längst gemacht ist… Stein.“
„Es klingt ganz nach einem Ammenmärchen.“
„Wenn man es genau nimmt, ist es eine gute Geschichte.“
Nun war Helluin verwirrt.
„Jeder der diese Geschichte hört, zieht eigene Schlüsse daraus. So hat Cathal, der Herumtreiber gehört, dass es offensichtlich auf der Lichtung und in den Wäldern Dunlands spukt.“
„Haha, da hast du wohl recht. Und was bedeutet es für dich?“
„Man erwählte mich zum Wolfskönig. Diese Geschichte ermahnt mich niemals die ärmsten und schwächsten unter uns zu vergessen, dass es am wichtigsten ist das eigene Volk hinter sich zu haben und sich und seine Überzeugungen nicht zu verkaufen.“
„Mhm“, Helluin dachte über die Geschichte nach. Selbst im Antlitz ihrer größten Angst hat sie ihre Schwäche nicht erkannt. Sie wurde zu Stein, so wie ihr
„Herz, du denkst an das Herz aus Stein, nicht wahr?“, unterbrach ihn Aéd.
„Bin ich so leicht zu durchschauen?“, fragte Helluin.
„Nicht nach unserem gestrigen Gespräch. Du denkst daran, dass sich schon etwas so tief in dein Herz gebohrt hat, dass es schon ein Teil deiner selbst geworden ist: der Verrat. Dass du dich aber immer wieder in Gefahr begibst um einen ehrenhaften Schwur zu erfüllen und dich dafür immer wieder in Gesellschaft jener stürzt die dich eigentlich verachten, beweist doch eigentlich schon das Gegenteil.“
Der Dúnadan war überrascht über diese weisen Worte, sein Gegenüber setzte aber noch eines drauf:
„Jeder von uns hat vor irgendetwas Angst, aber niemand von uns sollte Angst vor den Schatten seiner Vergangenheit haben.“
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Re: Dunland
« Antwort #43 am: 6. Feb 2021, 22:05 »
Die nächste Nacht verbrachten sie wieder im Schutze ihres Lagers. Aéd hatte sich für die erste Nachtwache entschieden, die anderen beiden gingen schlafen. Helluin lag ein wenig abseits, er beobachtete den Wolfskönig. Irgendetwas schien ihm keine Ruhe zu lassen.
Plötzlich begann er in seinen Taschen zu kramen. Er fand ein kleines Stück Pergament, es war sicherlich schon sehr zerknittert und einen Kohlestift. Sorgsam skizzierte er etwas im Schein des Feuers. Aus der Ferne glaubte Helluin zu erkennen, dass er etwas aufzeichnete und vielleicht ein paar Worte schrieb. Aber was genau konnte er natürlich nicht sagen. Ob er sich wohl seine Pläne aufschreibt? Oder abwägen, wie er sich bezüglich des Bündnisses mit den Elben entscheiden würde? Aéd ist sehr jung, aber seine Leute dürften ihn sehr mögen, er ist ein guter Anführer und bei weitem nicht so grausam wie sein Titel annehmen lässt.

Es dauerte keine Stunde bis Cathal aufstand und den Wolfskönig ablöste. Er beteuerte, dass er ohnehin kein Auge zutun würde in dieser Nacht an diesem Ort. Aéd verdrehte zwar die Augen bei dieser Aussage, war aber sichtlich auch froh über die paar Stunden mehr Schlaf. Und so legte er sich zur Seite. Die ruhige und gleichmäßige Atmung die nach kurzer Zeit einsetzte verriet Helluin, dass er sogleich eingeschlafen war und der Waldläufer versuchte es im gleich zu tun. Da er jedoch nicht wusste wie der morgige Tag sein würde, wie das Treffen mit den Elben und sein weiterer Verbleib ablaufen würden, entwarf er im Kopf die halbe Nacht verschiedene Zukunftsszenarien bis er schließlich vor Erschöpfung einschlief.



„Aufgewacht, die Sonne lacht“, weckte ihn die fröhliche Stimme des muskulösen Dunländers.
„Argh“, knurrte Ivar im Hintergrund „Er hat die ganze Nacht nicht geschlafen, wie kann er nur so fröhlich sein?“
„Vielleicht war es doch gut, dass wir nicht durch das Dorf des Stabes geritten sind, sonst wäre er vermutlich nicht so gut gelaunt“, legte Aéd trocken nach.
„Jaja, macht euch nur wieder lustig über mich“, sagte Cathal trotzig.
„Lass dich nicht ärgern“, unterstützte ihn nun Helluin „Es ist doch schön eine Frau an seiner Seite zu wissen.“ Bei diesen Worten dachte er unmittelbar an das blonde, rohirrische Mädchen.
„Sehe ich auch so“, bestätigte der Muskulöse laut, trippelte dann mit ein paar Minischritten in Richtung Helluin und flüsterte ihm zu: „Der Wolfskönig hat auch jemanden an seiner Seite, sie ist aber keine Dunländerin. Aber pssst, das weißt du nicht von mir.“

„Seht nur“, sagte nun Ivar und deutete auf die Lichtung „Wir haben Besuch.“
Helluin sah in die Ferne und erkannte fünf Pferde die von Elben beritten waren. Sie waren in eher einfache Rüstungen gekleidet, ähnlich wie die Waldelben im Osten. Nur jene in der Mitte trug einen glänzenden Brustpanzer.
Aéd strich sich sein zerzaustes Haar glatt und zupfte ein wenig an seiner Ausrüstung herum. Als er die Lichtung betrat, nahm er seinen weißen Wolfshelm unter den Arm. Ivar folgte ihm, Cathal half Helluin auf und führte ihn, noch immer mit verbundenen Armen, vor sich her.

„Willkommen im Dunland“, begrüßte sie Aéd respektvoll.
„Seid gegrüßt Freunde des Südens“, antwortete die Elbe in der Mitte. Sie dürfte die Anführerin sein, denn ihre Ausrüstung strahlte einen gewissen Rang aus. Beinahe gleichzeitig stiegen sie von ihren Pferden ab, einer der anderen nahm die Zügel des Pferdes der Anführerin. Ihr Haar war blond und reichte ihr den Rücken hinunter, genau konnte es Helluin nicht abschätzen, aber sie war in etwa gleich groß wie er. Erst jetzt fiel ihm die Prägung im Brustpanzer auf, es waren kleine, fein gearbeitete Blüten.
„Ich bin Isanasca und komme im Auftrag meiner Mutter, der Königin der Manarîn. Ihr seid der Wolfskönig.“
„Aéd Forathsson und dies sind Ivar vom Stamm des Gewandes, Cathal vom Stamm des Stabes und unser Gefangener Helluin von den Dunedain.“
Besorgt sahen sie zu dem Waldläufer: „Euer Gefangener? Wir haben von Helluin dem Verräter gehört. Ist es denn sinnvoll, dass er diesem Gespräch beiwohnt.“
„Er beteuerte uns, dass der Bann des weißen Zauberers gebrochen sei und dass er eine Aufgabe zu erfüllen hätte. Er zeigt Reue und möchte gut machen, was er verbrochen hat. Abgesehen davon, sind die Absichten dieses Treffens wohl offenkundig.“
„Das ist wohl wahr und es ist uns eine Freude, dass ihr unserer Einladung gefolgt seid und hoffen, dass ihr eine ereignislose und angenehme Anreise hattet.“
Aéd nickte: „Unser Land ist gut gesichert seid die letzten Widersacher unseres Volkes gefallen sind.“
„Dies ist erfreulich zu hören. Wie euch unsere Boten bereits zugetragen haben, möchte unser Volk in Verhandlungen über ein Bündnis mit den Dunländern treten.“
„Das wurde uns gesagt. Ihr müsst aber verstehen, dass obwohl nun endlich Frieden im Dunland herrscht, dieser auf sehr wackeligen Beinen steht. Abseits meiner gewichtigen Meinung wird es schwer werden die anderen Stämme von einem Bündnis zu überzeugen. Die Bedrohung aus dem Nebelgebirge trifft uns nicht weniger als euch.“
„Eure Interessen sind uns durchaus bewusst, trotzdem ist unser Ansinnen ein wichtiges. Es unterstützt ein größeres Ziel als die Verteidigung eigener Grenzen. Wenn sich unsere Völker verbünden, können wir gemeinsam gegen den Feind vorgehen. Das betrifft den Schutz und die Unterstützung beider Länder. Aber um euch nicht im Unklaren zu lassen, uns haben Kundschafter von Imladris über Bewegungen des Feindes im nördlichen Gebirge unterrichtet.“ Als das Wort Imladris fiel, wurde Helluin wieder aufmerksam „Sie rechnen mit einem Angriff auf das Elbenreich der Manarîn. Die Bedrohung ist also greifbar nah. Wenn wir sie dort mit vereinten Kräften vernichten, ist der Friede für euer Volk genauso gesichert wie für unseres.“
Aéd dachte einen Moment nach. Isanasca reichte ihm ein sorgfältig zusammengefaltetes Pergamentstück mit einem Wachssiegel: „Wir haben hier einige wenige Punkte niedergeschrieben, wie ein Bündnis, wenn nicht sogar ein Freundschaftsbund unserer Völker aussehen könnte.“
Dankend nahm der Wolfskönig das Schriftstück entgegen: „Es ist schwer Freundschaft zu schließen mit jemandem den man kaum kennt.“
Die Elbenprinzessin grinste schwach: „Die Tore unseres Reiches stehen dem Wolfskönig und seinem Gefolge offen“, mit einer einladenden Handgeste unterstrich sie diesen Satz „Der nächste Vollmond ist in neun Nächten. Kommt nach Ost-in-Edhil und lernt meine Mutter und unser Volk kennen. Ich bitte euch darum.“
„Ein großzügiges Angebot“, antwortete Aéd bedacht „Wir teilen euch unsere Entscheidung mit.“
„Einer unserer Späher wir stets in Reichweite der Furt sein“, versicherte die Elbe „Ich danke euch für die Zusammenkunft und euer offenes Ohr.“
„Und wir danken euch für euer Angebot“, schloss Aéd höflich ab.

„Ich weiß, dass es mir am wenigsten zusteht hier zu sprechen“, stieß Helluin nun heraus „aber ich bitte euch, Isanasca, nehmt mich mit nach Ost-in-Edhil.“
Misstrauisch musterte sie den Waldläufer: „Euch mitnehmen?“
„Aéd, bitte“, seufzte der Dúnadan und sah ihn flehend an. Die Elben warteten ab.
„Eine der wenigen Entscheidungen die ich nur aus dem Bauch heraus treffen kann“, dachte der Wolfskönig laut „Ivar, bringe sein Gepäck“, befahl er.
„Wenn ihr es wünscht, können wir den Gefangenen bereits mit nach Ost-in-Edhil nehmen. Er wird im Arrest auf eure Ankunft in Ost-in-Edhil warten“, bot die Elbenprinzessin an.
„Dieses Angebot nehme ich gerne an, denn es bietet auch mir einen Vorteil. Ich bitte euch Helluin den Boten von Imladris vorzuführen. Sie kennen die Waldläufer des Nordens besser und werden wissen wie weiter mit ihm zu verfahren ist.“
„Natürlich“, beteuerte sie.
Helluin wusste nicht, ob er erfreut darüber sein sollte oder nicht. Einerseits war er Imladris ein großes Stück näher, andererseits landete er wieder einmal im Kerker.
Ivar kam mit dem Gepäcksack von Helluin und übergab ihn an Aéd. Er ging ohne Umschweife zu Helluin: „Hier ist alles drinnen mit dem wir dich vorgefunden haben. Und dies hier“, sagte er und packte dabei das zerknitterte Pergament heraus „verwahre es gut. Gib es in Ost-in-Edhil einer gewissen Halarîn. Du kannst nach ihr verlangen, sie ist dort jedem bekannt. Ich bin sicher sie wird dafür sorgen, dass es in die richtigen Hände gelangt.“
„Natürlich, an der Innenseite meines Mantels ist eine Tasche“, erklärte Helluin und Aéd versteckte den Brief darin.
„Pass auf dich auf“, verabschiedete sich Aéd und es freute Helluin. Irgendetwas dürfte er sich aus mir machen.

Der Abschied fiel Helluin nicht leicht. Er hatte Gefallen an dieser Gemeinschaft gefunden, auch wenn er ständig in Fesseln lag.

Helluin nach Eregion
« Letzte Änderung: 26. Apr 2021, 11:03 von Fine »
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