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Autor Thema: Dunland  (Gelesen 9324 mal)

Eandril

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Re: Dunland
« Antwort #15 am: 15. Sep 2016, 15:38 »
Oronêl, Gamling, Amrothos und Forath aus den Kerkern...

Als Forath und die Gefangenen das Haus des Häuptlings verließen war es Nacht. Der Himmel war sternenklar, und Oronêl fühlte sich sofort besser, als er die frische, wenn auch etwas nach Rauch riechende, Luft einatmete. Allerdings wunderte er sich ein wenig über den Zeitpunkt des Kampfes, denn von Bóran hätte er eher erwartet, den Kampf in der Mittagssonne, von der die Gefangenen geblendet werden würden, abzuhalten.
Forath und seine Männer führten die Gefangenen um das große Haus herum auf die Nordseite, wo sich bereits eine große Menge um den Zaun, der die Kampfarena markierte, versammelt hatte. Bevor sie die Arena erreichten warf Oronêl einen Blick über die Schulter auf das Dach des Hauses, wo Orophin mit seinem Bogen auf der Lauer liegen und im Notfall eingreifen sollte. Er konnte allerdings keine Spur seines Gefährten entdecken.
Als die bei der Arne angelangt waren, sah Oronêl sich zum zweiten Mal während seiner Gefangenschaft dem Häuptling Bóran gegenüber. Dieses Mal sah Bóran jedoch deutlich weniger selbstbewusst als zuvor aus, und wirkte geradezu nervös - was vermutlich mit diesem Angbaug, den Forath erwähnt hatte, zusammenhing.
"So.", sagte Bóran. "Die Zeit eures Urteils ist gekommen. In der Arena liegen eure Waffen - zwei Äxte und euer Dolch. Damit könnt ihr sicherlich am besten umgehen." Der Häuptling grinste selbstzufrieden, aber auch über dieser Geste lag ein gewisser Schatten der Angst. Oronêl erwiderte nichts, und so wandte Bóran sich direkt an Forath: "Na, mach sie los und dann in die Arena mit diesem Pack. Wir sehen uns, wenn sie tot sind, ha!" Er marschierte mit schweren Schritten davon, und Forath durchschnitt die Fesseln der Gefangenen.
"Viel Glück.", raunte er Oronêl so leise zu, dass niemand sonst es hörte, und stieß ihn dann unsanft durch das geöffnete Gatter in die Arena, und Amrothos und Gamling hinter ihm. Obwohl der Stoß nicht hart gewesen war, taumelte Oronêl ein wenig als ob der das Gleichgewicht verloren hätte, und ließ sich dann auf ein Knie fallen. Amrothos und Gamling schwankten beide ein wenig, blieben aber stehen. Zum Glück war Amrothos im Augenblick bei klarem Verstand. Zwar war Oronêl klar dass weder er noch Gamling eine Hilfe im Kampf sein würden, doch ein Amrothos der dem Wahnsinn verfallen war, wäre für ihn deutlich schwerer zu beschützen.
Während er noch auf einem Knie verharrte, warf Oronêl einen raschen Blick durch die Arena. Der mit Sand bestreute Platz war etwa kreisförmig, von einem Holzzaun umgeben und wurde von Fackeln, die an hohen Pfählen rings um die Arena hingen, mit flackerndem Licht erhellt. Ihm direkt gegenüber auf der anderen Seite der Arena befand sich ein zweites Tor, an dem er Bóran mit vier schwer gerüsteten Männern stehen sah. Oronêl erhob sich und packte die kurze Axt die vor ihm lag. Gamling nahm die andere, wog sie kurz in der Hand und sagte dann leise: "Ich werde keine Hilfe sein, aber ich freue mich, dass ich wenigstens kämpfend sterben kann." Ebenso leise gab Oronêl zurück: "Wenn hier jemand stirbt, dann die." Er deutete mit der Axt auf die vier Männer, die gerade auf der anderen Seite in die Arena traten. Zwei waren mit Schild und Speer gerüstet und nahmen die beiden anderen, von denen einer eine mächtige, zweihändig geführte Axt schwang und der andere eine stachelbesetzte Keule über die Schulter gelegt hatte, in die Mitte.
Neben Oronêl nahm Amrothos den elbischen Dolch auf. Oronêl stellte besorgt fest, dass  Amrothos' Hände zitterten und seine Augen einen ungesunden Glanz hatten. Wahrscheinlich machte die Nähe des Rings, den Bóran irgendwo versteckt trug, zu schaffen. Nachdem beide Tore geschlossen worden waren, rief Bóran laut: "Dunländer! Heute kämpfen diese Gefangenen gegen unsere besten Krieger um ihre Freiheit."
Er warf einen nervösen Blick über die Schulter, wo Oronêl im Halbschatten einen großen Mann mit kurzgeschorenen Haaren und dem Zeichen der Weißen Hand auf seinem Brustpanzer stehen sah. Bóran wandte sich wieder der Arena zu und hob die Hand, die, wie Oronêl zu erkennen glaubte, leicht zitterte. "Mögen die Götter entscheiden!"
Er ließ die Hand sinken, und der Kampf begann.



Oronêl wusste genau, dass seine Gegner sich zuerst auf Amrothos und Gamling stürzen würden. Sie wussten ebenso gut wie er dass die beiden nicht in der Lage sein würden sich lange zu wehren, und so würden sie Oronêl dazu zwingen zwei Leute gleichzeitig zu verteidigen. Dazu war er nicht in der Lage, nicht gegen eine vierfache Übermacht.
Also musste er etwas tun, was seine Gegner nicht erwarteten: Er ging in die Offensive, und rannte direkt auf die Dunländer zu.
Die beiden Speerkämpfer hoben ihre Schilde und streckten die Speere vor, der Mann mit der großen Axt grinste und stellte sich breitbeinig in Kampfpositur, und der vierte Kämpfe bliebt einfach stehen, die Keule weiter lässig auf die Schulter gelegt. Offenbar rechnete er damit, dass seine Gefährten kurzen Prozess mit dem Elben, der direkt auf ihre Speerspitzen zugerannt kam, machen würden. Direkt vor den zustoßenden Speeren ließ Oronêl sich fallen, rollte sich ab und kam zwischen dem rechten Speerträger und dem Axtkämpfer wieder auf die Füße. Hinter sich hörte er die Speere in den Sand stoßen, wo er gerade noch gewesen war, und neben ihm stieß der Axtkämpfer, bei dem es sich vermutlich um Bórans Sohn handelte, einen kurzen Fluch aus.
Oronêl verharrte nicht und gestattete sich nicht zu denken, denn gegen vier Gegner hatte er nur den Hauch einer Chance, wenn er schneller und ihnen immer mindestens einen Schritt voraus war. Der trat dem Axtträger mit dem linken Fuß so stark wie möglich von hinten gegen den Knöchel und hieb dem Speerträger rechts von ihm den Axtstiel gegen die Schläfe, weil kein Platz zum Ausholen für einen Axthieb war. Zum Glück trug der Speerträger keinen Helm, und so taumelte er nach dem Treffer benommen zur Seite.
Inzwischen hatte der Kämpfer mit der Keule diese von der Schulter genommen und kam mit erhobener Waffe auf Oronêl zugestürmt. Dadurch deckte er allerdings seine untere Köperhälfte nicht, Oronêl wirbelte herum und schlug zu.
Sein Schlag zerschmetterte das Knie des Dunländers, dieser mit einem Schrei zu Boden und Oronêl machte seinem Leben mit einem Hieb gegen den Hals ein Ende.
Einer erledigt, bleiben noch zwei....
Er hatte allerdings keine Zeit zum aufatmen, denn nun kam der andere Speerträger auf ihn zu, und im gleichen Moment spürte er, wie hinter ihm die schwere Axt des Häuptlingssohnes zu Boden fuhr und ihn nur um Haaresbreite verfehlte.
Oronêl wich dem Speerstoß seines anderen Kontrahenten aus und schlug zu. Allerdings gelang des dem Speerträger, die Axt mit dem hölzernen Schild abzufangen, und zu Oronêls Pech blieb die Klinge im Schild stecken. Mit einem kräftigen Ruck zog der Krieger Oronêl an sich heran, und der Elb konnte das Grinsen auf seinem pockennarbigen Gesicht erkennen. Er fuhr mit der linken Hand an seinen Gürtel und wollte den Dolch ziehen, doch diesen hatte ja Amrothos. Auf der anderen Seite ließ sein Gegner seinen Speer fallen, der ihm nun nichts mehr nützte und zog das kurze Schwert, dass er an der Seite trug. Hinter sich hörte Oronêl, wie der Axtkämpfer heran kam, und die Axt zum Schlag hob.
Er hatte nur eine Möglichkeit: Die Axt und damit seine eigene Waffe loszulassen. Er ließ die Axt los, der Speerträger taumelte überrascht einen halben Schritt zurück da Oronêl nicht länger an der Waffe zog, und der Elb machte eine Drehung nach links. Er spürte, wie ihm das Schwert seines Gegners die rechte Wange aufschnitt, doch er konnte sich von dem Schmerz jetzt nicht ablenken lassen.
Er drehte sich um den Speerträger (der nun eher ein Schwertkämpfer war) herum, packte den überraschten Mann von hinten und stieß ihn dem Häuptlingssohn, der gerade seine schwere Zweihandaxt über den Kopf erhoben hatte und nun zuschlug, entgegen.
Auch wenn ein solcher Überkopfschlag mit einer derart schweren Waffe ein Hieb mit schrecklicher Kraft war, den kaum jemand abwehren konnte, hatte er doch einen Nachteil: Es war für den zuschlagenden kaum möglich, ihn noch zu stoppen. Zu Oronêls Vorteil gelang Bórans Sohn dieses Kunststück nicht, und die Axt grub sich knirschend tief in die Brust seines eigentlichen Verbündeten, und eine Blutfontäne schoß direkt in sein Gesicht.
Oronêl hatte währenddessen einen Schritt zurück gemacht, sah sich nun jedoch unbewaffnet dem Häuptlingssohn, der mit einem Ruck seine Axt aus dem Körper des gefallenen befreit hatte, gegenüber. "Du...", knurrte Bórans Sohn. Gesicht, Hals und Haare waren blutverschmiert. Er machte einen Schritt über die Leiche hinweg auf den unbewaffneten Oronêl zu, der seinerseits einen Schritt zurückmachte.
"Ich werde dich töten!" In Gedanken war Oronêl geneigt, ihm zuzustimmen. Hätte er noch eine Waffe gehabt, hätte er sich durchaus Chancen ausgerechnet, doch zwischen ihm und seiner Axt, die zudem noch immer im Schild des unglücklichen Speerträgers feststeckte, stand der wütende, blutverschmierte Häuptlingssohn und schwang drohend die Axt.
Da hörte er, wie jemand von der anderen Seite seinen Namen rief. Über die Schulter seines Gegners sah er, wie Amrothos auf dem Boden kauerte und offenbar vor sich hin murmelte. Vor ihm stand mit stoßbereitem Speer der zweite Speerträger, der sich offenbar von Oronêls Schlag erholt hatte und nun fragend zu Bóran blickte. Bevor der Häuptling jedoch ein Zeichen geben konnte, wurde der Speerträger von Gamling, der auch Oronêl gerufen hatte, abgelenkt. Der alte Rohir lief langsam, die Axt erhoben auf den Dunländer zu und rief ihm etwas in der Sprache Rohans, die die Dunländer hassten, zu.
Der Speerträger wandte sich zu Gamling um, kampfbereit, und stieß schließlich zu. Gamling versuchte zwar, dem Stoß auszuweichen, doch die lange Zeit im Kerker hatte ihn langsam werden lassen. Der Speerstoß traf dennoch nicht seinen Hals, auf den er gezielt gewesen war, sondern bohrte sich nur in seine linke Schulter und Gamling ging zu Boden.
Im selben Moment traf Oronêl, der von dem kurzen Kampf abgelenkt gewesen war, mit voller Wucht der Stiefel seines Gegners in die Brust und schleuderte ihn ein, zwei Meter nach hinten, wo er benommen auf dem Sand aufschlug. Er hob den schmerzenden Kopf, und sah den Häuptlingssohn langsam auf sich zu kommen und lässig die Axt schwenken. Was mit Amrothos und Gamling geschah, konnte er nicht sehen.
So endet es also. Er war bereit zu sterben, denn wenigstens hatte er alles versucht was er konnte. Er würde in Mandos' Hallen eingehen, und schließlich Calenwen wiedersehen.

Bórans Sohn hob die Axt, bereit zum Zuschlagen... doch er wurde von einem Ruf unterbrochen.
"Halt!"
Die Stimme war leise, aber dennoch befehlsgewohnt und schien in der ganzen Arena zu hallen. Oronêl erkannte sie nicht, und als der tödliche Schlag tatsächlich nicht kam rappelte er sich mühsam auf und sah, dass der Mann mit der Weißen Hand Saurmans an den Rand der Arena getreten war. Der Mann sprach erneut.
"Im Namen Sarumans, des Weißen, eures Herrn und Gebieters erlaube ich euch nicht, diese Gefangenen zu töten. Sie sind zu wertvoll für ihn."
Er wandte sich an den neben ihm stehenden Bóran, und jetzt erkannte Oronêl auch seinen eisernen Arm. Eine bleierne Stille hatte sich über die Arena gelegt, wo bis eben noch anfeuernde Rufe und Jubel geherrscht hatten.
"Ist nicht Saruman euer einziger, wahrer Herr und Meister?", fragte Angbaug mit sanfter Stimme, die Oronêl einen Schauer über den Rücken jagte.
Bórans Gesicht glänzte im Fackelschein schweißnass, doch er wirkte entschlossen.
"Saruman hat uns verraten.", sagte er. Zuerst leise, dann noch einmal, nun so laut dass alle Anwesend ihn hören konnten. "Saruman hat uns verraten! Wir leben noch immer hier, nicht besser als vor der Zeit, als wir für ihn und seine Versprechungen in den Krieg zogen! Wir müssen ihm sogar Tribut zahlen!" Unter den Dunländern erhob sich ein zustimmendes Raunen, und Bóran schien selbstsicherer zu werden.
"Aber das hat jetzt ein Ende! Ich, Bóran, werde ganz Dunland vereinen, und unter meiner Führung werden wir neue Reiche erobern! Rohan soll fallen, und die Menschen des Südens und Nordens! Der ganze Westen soll uns gehören!" Das Ende schrie er beinahe, und einige Dunländer begannen ihm begeistert zuzujubeln. Selbst aus der Arena sah Oronêl in seinen Augen ein wahnsinniges Feuer tanzen.
"So, wirst du das..." erwiderte Angbaug leise, und so leise dass nur Bóran, der neben ihm stehende Forath und Oronêl dank seiner Elbenohren ihn verstehen konnte. Und er sah, wie Sarumans Bote die Hand auf den Schwertgrif legte.
Doch bevor Angbaug oder Bóran etwas tun konnten, geschah etwas anderes, von beiden unerwartetes. Amrothos Hand fand plötzlich den Griff von Oronêls Dolch, der vor ihm auf dem Boden lag, und der Prinz sprang auf, mit Augen die ebenso wahnsinnig glühten wie Bórans. "GIB IHN MIR ZURÜCK!", schrie er, stürmte an dem völlig überraschten Speerträger vorbei durch die Arena, sprang mit einer Kraft, die Oronêl ihm nicht zugetraut hatte, über den Zaun direkt gegen Bóran. Der Häuptling stolperte, völlig unvorbereitet getroffen, und Oronêl sah seinen Dolch in Amrothos' Hand aufblitzen.
"Orophin!", rief er so laut er konnte, und in diesem Moment brach die Hölle los. Auf dem Dach des großen Hauses erhob sich eine Gestalt mit einem Bogen in der Hand, und im nächsten Augenblick brach Bórans Sohn mit einem Pfeil im Nacken tot zusammen. Angbaug und Forath zogen die Schwerter und gingen aufeinander los, während Amrothos und Bóran sich im Kampf um den Ring auf dem Boden wälzten.
Während Orophin auch den letzten Kämpfer der Dunländer mit einem gut gezielten Pfeil zu Boden schickte lief Oronêl los, obwohl seine Rippen schmerzten und die Stelle wo der Tritt des Häuptlingssohns ihn getroffen hatte wie Feuer brannte. Er packte den Griff der Axt, die immer noch mit dem Schild verkeilt war und riss die Klinge aus dem Holz. Ein kurzer Blick zu Gamling sagte ihm, dass der Alte zwar verwundet, aber am Leben war, denn er regte sich und versuchte sich langsam aufzusetzen.
Da Gamling im Moment keine Gefahr drohte und aus dieser Richtung Orophin, der vom Dach aus Freund und Feind nicht auseinander halten konnte und deshalb hinunter geklettert war, kommen würde, lief Oronêl in die andere Richtung, wo Forath und Angbaug miteinander kämpften.
Einer von Bórans Getreuen war in die Arena geklettert, doch Oronêl konnte seinem unbeholfenen Axthieb ausweichen und ihn seinerseits mit einem besser gezielten Schlag zu Boden schicken. Der Sand färbte sich sofort rot, und Oronêl rannte weiter.
Er sprang über den Zaun, schlug einen Dunländer nieder der offenbar lieber Saruman dienen wollte und deshalb versucht hatte, Forath hinterrücks zu erstechen und riss dann mit der freien Hand den tobenden Amrothos von Bóran hinunter. Amrothos hatte mehrere Kratzer im Gesicht und blutete aus einer Schnittwunde am Hals, doch Bóran war es schlechter ergangen. Aus seiner Kehle ragte Oronêls Dolch, und während Oronêl noch auf ihn hinab blickte, erlosch das Licht in den Augen des Häuptlings.
Ohne Zögern zog Oronêl den Dolch aus dem Hals der Leiche, befestigte ihn an seinem Gürtel und wollte die Taschen des gefallenen Häuptlings nach dem Ring durchsuchen, während rund um ihn herum die Dunländer gegeneinander kämpften und Angbaug Forath gegen den Zaun der Arena drängte.

Dazu kam er jedoch nicht, denn Amrothos, der sich von seiner Überraschung erholt hatte, sprang ihn an und versuchte, die Hände um seinen Hals zu schließen.
"Nicht nochmal.", stieß Oronêl zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, und stieß Amrothos mit Wucht den Kopf ins Gesicht. Dem Prinzen schoss Blut aus der vermutlich gebrochenen Nase, seine Augen verdrehten sich nach oben und er verlor das Bewusstsein. "Tut mir Leid.", sagte Oronêl, rieb sich die schmerzende Stirn und tastete Bórans Körper ab. Besser so, als dass Amrothos den Ring noch einmal in die Finger bekam. Schließlich fand er, was er suchte. Der Ring steckte in Bórans Brusttasche, doch als Oronêl ihn schließlich in der Hand hatte, verspürte er keine Erleichterung, sondern nur Widerwillen.
Am liebsten hätte der das Ding sofort von sich geschleudert, doch das konnte er nicht. Hinter sich hörter er Orophins Stimme seinen Namen sagen.  Er wandte sich um, und sah seinen Gefährten, den verwundeten Gamling auf seine Schulter gestützt, vor sich stehen. Orophin streckte ihm mit der freien Hand seine Axt und seinen Bogen entgegen, und Oronêl nahm beide Waffen mit einem Gefühl der Erleichterung an, nach dem er den Ring in seine Gürteltasche gestopft hatte. Dann packte er den noch immer bewusstlosen Amrothos unter den Achseln, legte sich einen seiner Arme um die linke Schulter und umschlang ihn stützend mit dem linken Arm.
"Wir sollte hier verschwinden.", sagte er angestrengt, denn seine Rippen protestierten schmerzhaft und an seiner verletzten Wange lief Blut herunter.
"Da stimme ich euch zu.", hörte er Forath mit schmerzverzerrter Stimme neben sich sagen. Unwillkürlich musste Oronêl lächeln, denn auch wenn der Hauptmann ihn im Grunde nur benutzen wollte um Bóran zu stürzen, war er doch froh ihn lebend zu sehen. Immerhin war Forath vermutlich die beste Chance auf Frieden in Dunland.
"Habt ihr Angbaug getötet?" Forath, der aus vielen kleinen Wunden blutete und sich die Seite hielt, spuckte aus und schüttelte den Kopf. "Nein, Sarumans Bote ist geflohen nachdem er sich zu vielen von uns gegenüber gesehen hat. Im direkten Zweikampf hätte er wahrscheinlich Kleinholz aus mir gemacht, der Kerl ist verdammt stark und schnell." Er deutete mit dem Schwert, von dem Blut tropfte auf Orophin. "Als euer Freund hier seinen Auftritt hatte und Bórans Sohn erschossen hat - guter Schuss übrigens - haben einige von Bórans klügeren Freunden den Braten gerochen, dass ich da mit drinstecke und die Macht übernehmen will. Jetzt kämpfen seine und meine Anhänger miteinander, und der wahre Feind ist geflohen." Er klang bitter, und Oronêl konnte ihn verstehen. Forath wollte keinen Bürgerkrieg in Dunland, sondern die Macht möglichst friedlich übernehmen.
"Das tut mir leid.", sagte er. Forath schüttelte den Kopf und keuchte. "Anders war es nicht zu machen, ich kann verstehen dass ihr nicht gerne sterben wollten." Er rang einen Moment nach Atem. "Ahh... der Bastard hat mich gut erwischt, aber sterbe werde ich daran nicht. Und ihr, schlagt einen Bogen nach Norden um das Dorf herum. Dann geht immer nach Westen, bis ihr zu einem Wäldchen aus Krüppelkiefern kommt in deren Mitte die Ruine eines Elbenturms steht. Dort wird euch niemand suchen, denn die anderen Dunländer gehen nicht gerne in die Nähe von Elbenruinen. Und ich werde euch dort in drei Tagen finden."
Die beiden Elben nickten. "Mae govannen, Forath.", sagte Oronêl. "Mögest du deinen Kampf siegreich führen." Dann kehrten sie dem Dorf, in dem die ersten Hütten in Flammen aufgingen, langsam den Rücken.

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Eandril

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Re: Dunland
« Antwort #16 am: 16. Sep 2016, 12:23 »
Das Wäldchen, das Forath erwähnt hatte, stellte sich eher als niedriges Gebüsch von Krüppelkiefern heraus, dass sich auf einem Hügel ausbreitete. In der Mitte erhoben sich die  Mauern einer runden Turmruine, die nur wenig über die Kiefern herausragten. Zwischen den Kiefern und der Ruine lag ein nur von Gras und weichem Moos bewachsener freier Streifen, in dem man vor neugierigen Blicken gut geschützt war.
Der Weg dorthin nach ihrer Flucht vor den Dunländern war beschwerlich und lang gewesen, denn Gamling und Amrothos waren kaum in der Lage zu gehen. Glücklicherweise erwachte Amrothos erst nach ihrer Ankunft in dem Wäldchen aus seiner Bewusstlosigkeit, denn er begann sofort wieder zu toben und Oronêl anzugreifen. Als er ihn gemeinsam mit Orophin überwältigte und an den Stamm einer Kiefer fesselte, spürte Oronêl wie ihn zum ersten Mal seit langer Zeit Tränen über das Gesicht liefen.

In den nächsten drei Tagen versorgten sie Gamlings Wunde, die tiefer war als zunächst angenommen und nur langsam heilte, und genossen, so weit es bei den ständigen Sorgen um Amrothos und den Ring möglich war, die Freiheit und den offenen Himmel. Amrothos blieb angebunden, denn auch wenn er hin und wieder klare Momente hatte, fiel er doch immer wieder in den Wahnsinn des Rings zurück und wollte Oronêl angreifen. Während sie sich so von der Gefangenschaft erholten und auf ein Zeichen von Forath warteten, unternahm Orophin mehrere Erkundungen nach Norden und Süden vor, auf denen er auch jagte und Beeren sammelte. Östlich des Wäldchens floss ein kalter, klarer Bach vom Nebelgebirge herab, sodass die Gruppe weder verhungern noch verdursten musste.

Am dritten Tag ihres Aufenthalts auf dem Hügel kehrte Orophin am späten Nachmittag von einem seiner Erkundungsgänge zurück, und sagte: "Von Westen nähert sich ein einzelner Mann, der zielstrebig in gerade Linie auf uns zuhält."
"Das wird Forath sein.", meinte Oronêl, der neben Gamling auf der Westseite der Turmruine in der Sonne lag und einmal mehr die frische Luft, den Sonnenschein und den Geruch der Kiefern genoss. Auch wenn er nur drei Wochen im Kerker verbracht hatte, fühlte es sich wie eine Ewigkeit an - und für Gamling, der tatsächlich einige Ewigkeit im Kerker gewesen war, noch länger. Als an ihrem ersten Morgen in Freiheit die Sonne über dem Nebelgebirge aufgegangen war, hatte der Alte sich geblendet abgewandt, denn sie waren nachts geflohen und seine Augen waren noch immer an das Dämmerlicht des Kerkers gewöhnt gewesen. Doch inzwischen konnte er die Sonne erneut genießen, und er wirkte glücklicher und jünger als in seiner Zelle, auch wenn ihm die Wunde an seiner Schulter immer noch zu schaffen machte.
"Und wenn nicht?", fragte Orophin jetzt. Oronêl blinzelte träge, riss sich dann aber zusammen. "Wenn es jemand anders ist, wird er uns nicht finden." Dennoch setzte er sich auf und griff nach seinen Waffen, die neben ihm an der Mauer lehnten. Immerhin war es möglich, dass Forath unterlegen war und unter Folter den Ort preisgegeben hatte, an dem sie sich versteckt hielten. "Allerdings...", er befestigte die Axt an seinem Gürtel. "Vorsicht hat noch keinem geschadet."
Gemeinsam spähten die beiden Elben über die Hügel nach Westen, Orophin von der Turmruine aus und Oronêl vom äußeren Rand des Gebüschs, wo ein schmaler Pfad zur Lichtung in der Mitte führte, während die Sonne langsam tiefer sank. Schließlich hörte er Orophin über sich sagen: "Du hattest Recht, es ist tatsächlich Forath."
Über die Kuppe des nächsten Hügels kam mit langsamen Schritten ein Mann, der oben stehen blieb und grüßend die Hand hob, obwohl er mit Sicherheit keinen der vier dort versteckten sehen konnte. Oronêl erkannte, dass es Forath war, und erhob sich selbst aus der Hocke und erwiderte den Gruß.
Er wartete, während der Dunländer die Senke zwischen den beiden Hügeln durchquerte, und sagte schließlich, als Forath schwer atmend vor ihm stand: "Ich freue mich, dass ihr den Kampf überlebt habt."
Forath rang nach Atem, und erwiderte dann: "Gerade so, fürchte ich, aber wir haben gesiegt. Und ich freue mich, dass ihr tatsächlich entkommen seid und diesen Ort gefunden habt. Ich hatte schon gefürchtet, dass dieser Angbaug euch irgendwo auflauern würde."
Oronêl schüttelte den Kopf, und ging den Pfad zwischen den Kiefern hinauf. Forath folgte ihm. "Nein, wir hatten - abgesehen von unseren eigenen - keine Schwierigkeiten." Oben angekommen deutete er mit einem traurigen Kopfnicken auf Amrothos, der noch immer gefesselt an einer Kiefer saß, und mit leerem Blick vor sich hin starrte.
"Was ist eigentlich mit ihm passiert?", fragte Forath, und ließ den Beutel, den er über der Schulter getragen hatte, zu Boden gleiten. "Als unsere Leute ihn gefunden haben war er schon so."
"Ich weiß.", sagte Oronêl leise, in einem Tonfall der eindeutig zeigte, dass er über dieses Thema nicht reden würde. Forath zuckte nur mit den Schultern, öffnete den Beutel und förderte zwei Weinschläuche, einen Laib groben Brotes und einen Schinken zu Tage.
"Ich weiß nicht ob euren Elbengaumen diese Kost mundet.", meinte er sarkastisch. "Aber zumindest der alte Gamling sollte sich darüber freuen."
"Mit Sicherheit.", erwiderte Oronêl. "Und ich freue mich ebenfalls, über eure Großzügigkeit. Aber werden deine Leute euch und diese Lebensmittel nicht vermissen?"
Wieder zuckte Forath nur gleichmütig die Schultern und strich sich das schwarze Haar aus der Stirn. "Nein, wahrscheinlich nicht. Sie sind es gewohnt, dass ich hin und wieder  alleine in die Wildnis wandere, wenn mir die ewigen Streitereien und Kämpfe zu viel werden. Und jetzt bin ich zwar ihr Anführer, aber ich habe zwei Tage alles geregelt was es fürs erste zu regeln gab, und ich habe mir eine Pause verdient. Immerhin bin ich morgen wieder zurück."
Er unterbrach kurz um Orophin höflich zu begrüßen, der von seinem Aussichtsposten heruntergekommen war und nach der Begrüßung wieder ging, um nach Gamling zu sehen, der auf der anderen Seite der Ruine schlief.
"Wie ist jetzt die Lage in Dunland?", fragte Oronêl, und beobachtete, wie sich das Gesicht seines Gegenübers anspannte. "Ich weiß es nicht.", antwortete Forath. "Zumindest momentan habe ich in unserem Dorf das Sagen, aber viele von uns sind tot oder verwundet, und einige von Bórans und Sarumans Anhängern sind geflohen. Und dieser Bastard Angbaug..." Dabei fasste er sich mit einer Grimasse an die Seite, die dick verbunden war. "Ich fürchte, dass er zu den anderen Stämmen gehen und sie gegen uns aufwiegeln wird. Ich habe bereits eigene Boten entsandt um sie zum Frieden und zur Abkehr von Saruman zu bewegen, aber..." Er schüttelte den Kopf. "Ich weiß nicht, ob wir uns halten können."
"Ich wünsche euch alles Glück dabei.", meinte Oronêl. "Ich würde euch gerne helfen, aber ich bin an andere Aufgaben gebunden und ich glaube, meine Anwesenheit würde eher schaden als nützen - zumindest solange ihr noch auf Frieden hofft."
"Das glaube ich auch." Forath strich sich verlegen über den Bart. "Nun eigentlich bin ich auch gekommen um mich von euch zu verabschieden, um euch zu danken und mich zu entschuldigen, dass ich euch benutzen wollte um Bóran zu stürzen." Oronêl legte ihm eine Hand auf die Schulter und erwiderte: "Es gibt nichts zu vergeben, denn auf diese Weise sind wir, zumindest mehr oder weniger unversehrt, aus eurem Kerker entkommen und konnten dabei auch noch helfen, Sarumans Einfluss in diesen Landen zu schwächen."
Auf Foraths Gesicht malte sich Erleichterung, und zum wiederholten Mal dachte Oronêl, was für ein seltsamer Dunländer dieser Mann doch war.
"Dann... wie sagtet ihr noch bei unserem letzten Abschied? Mae govannen, Oronêl."
"Mae govannen, Forath.", gab Oronêl mit einem Lächeln zurück, und ergriff die angebotene Hand. "Ich wünsche euch Glück in den kommenden Kriegen."

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

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Re: Dunland
« Antwort #17 am: 19. Sep 2016, 13:46 »
Sie verbrachten noch weitere Tage in Dunland, denn Gamlings Wunde heilte trotz der Bemühungen der Elben weiterhin nur langsam und er war noch immer zu schwach für die lange Wanderung nach Norden. Außerdem besserte sich Amrothos' Zustand keineswegs. Ganz im Gegenteil, Oronêl hatte den Eindruck dass er immer tiefer in den Wahnsinn des Ringes eintauchte und fürchtete, dass der Prinz nie wieder daraus entkommen würde.
So wurde er immer rastloser je mehr Tage vergingen, und spielte schließlich mit dem Gedanken, alleine mit Mathans Karte nach den Schmieden von Eregion zu suchen und zu versuchen, den Ring alleine zu vernichten. Doch eine Woche nach dem Abschied von Forath geschah etwas, dass diese Pläne für den Moment zunichte machte.

Oronêl lag auf dem Rücken im weichen Moos der Hügelkuppe, die geöffneten Augen auf den klaren Sternenhimmel gerichtet. Dennoch sah er nichts, denn er schlief auf Elbenart und ließ seinen Geist in seinen Erinnerungen wandern. In Gedanken war er zurück in Lórien zu einer Zeit als es noch Lórinand hieß und sie noch keinen Krieg an seinen Grenzen geführt hatten. Er dachte an Amdír und an Calenwen, und an den Moment, als er zum ersten Mal seine Tochter in den Armen gehalten hatte.
Doch mit einem Mal veränderten sich die Bilder, und er sah wie drei Elben, die ihm merkwürdig bekannt vorkamen, gegen eine Gruppe Orks kämpften. Es musste lange her sein, denn Sonne und Mond waren am Himmel nicht zu sehen, und die Sterne leuchteten heller als Oronêl je gesehen hatte. Für einen Moment stand Oronêl in einer Höhle, in der sich ein Grabstein mit Runen darauf erhob, doch bevor er lesen konnte was dort geschrieben stand, wechselte der Traum erneut und er befand sich hoch im Gebirge auf einem verschneiten Pass. Über den Pass gingen drei in dicke Pelze gehüllte Gestalten, zwei Elben und ein Menschenmädchen. Oronêl fühlte sein Herz schneller schlagen, als er Irwyne und Antien erkannte, doch bevor er den Mund öffnen konnte um nach ihnen zu rufen, wandte sein Blick sich nach Westen und zog über den Rand der Berge hinaus, über ein hügliges Land bis zu einer großen Stadt aus weißem Stein, die zum Teil in Trümmern lag. In der Stadt bewegten sich viele kleine Gestalten, und auf dem höchsten Turm wehte ein sternenbesetztes Banner. Doch von Norden näherte sich eine Dunkelheit die drohte, die weiße Stadt zu umschlingen.
In Oronêls Träume schlich sich das Geräusch von Reitern, und mit einem Mal erwachte er, als Orophin seine Schulter berührte. Das Geräusch der Hufe wurde leiser, verschwand aber nicht.
"Ich habe gehört wie sich ein Reiter nähert.", sagte Orophin leise, und Oronêl nickte. "Ich höre es ebenfalls." Er richtete sich auf, fuhr sich mit den Händen über das Gesicht und versuchte seine verwirrenden Träume zu verdrängen. Er presste das Ohr für einen Moment auf den Boden und lauschte. "Es scheinen drei Pferde zu sein, aber nur eines beritten." Orophin nickte zustimmend. "Das ist es auch, was ich gehört habe. Aber die Pferde nähern sich von Nordwesten, nicht von Süden."
"Also können es keine Dunländer sein.", meinte Oronêl. "Aber wer ist es dann?"

Die Elben ließen Amrothos und Gamling, die mit ihren Menschenohren den Reiter nicht nahen hörten, schlafen, und nahmen ihre Positionen ein. Orophin auf der Hügelkuppe, hinter den Mauerresten des Turms versteckt, und Oronêl am unteren Rand des Kieferngebüschs, am Ausgang des schmalen Pfades. Beide blickten angespannt in die Nacht, und lauschten wie der Hufschlag immer näher kam. Schließlich sah Oronêl zunächst einen braunen, spitzen Hut über einen Hügel im Norden kommen, und dann nach und nach den dazugehörigen Mann. Er stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und entspannte sich. Vom Gipfel des Turms hörte er Orophin den Namen des Zauberers rufen, und dieser hob grüßend die Hand. Soweit Oronêl es erkennen konnte, wirkte Radagast kein bisschen überrascht, sie hier zu treffen.

Schließlich trafen sich die Elben und der Zauberer auf dem Gipfel des Hügels, als gerade die Sonne im Osten über die Spitzen der Nebelberge stieg.
"Wie habt ihr uns gefunden? Und wie seit ihr aus Lórien entkommen?", fragte Oronêl, seine Freude und Erleichterung kaum verbergend. Radagast blickte ihn mit fröhlich blitzenden Augen an. "Ich habe viele Freunde, von denen Saruman nichts versteht.", erwiderte er geheimnisvoll. "Vielleicht habt ihr in letzter Zeit den ein oder anderen Vogel über eurem Versteck kreisen sehen..."
Er warf einen Blick auf den noch immer gefesselten Amrothos, der nun wach war aber ins leere starrte und dabei leise vor sich hin murmelte. "Und wie es scheint, bin ich gerade rechtzeitig gekommen. Da ihr den Prinzen von Dol Amroth gefunden habt nehme ich an, dass ihr den Ring ebenfalls zurückerobert habt?"
Oronêl nickte und legte die Hand auf den Beutel den er am Gürtel trug. Radagast lächelte, auch wenn ihm kaum entgangen sein konnte, dass Amrothos bei dem Wort "Ring" den Kopf gehoben hatte und in ihre Richtung starrte. "Meine lieben Elben, ihr habt euch besser geschlagen als ich für möglich gehalten hatte. Wie habt ihr ihn gefunden?"
Oronêl erzählte von ihrer Suche, wie er im Kerker der Dunländer Amrothos und Gamling gefunden hatte, und von dem Götterurteil bei dem sie entkommen waren. Bei der Erwähnung von Forath und Angbaug stricht sich der Zauberer nachdenklich über den Bart, und sagte schließlich als Oronêl geendet hatte: "Nun, das sind interessante Neuigkeiten - gute wie schlechte. Wie es scheint sind die Dunländer Saruman nicht alle so treu wie wir dachten. Und leider hat Saruman das ebenfalls bemerkt und diesen Boten gesandt von dem ich vorher noch die gehört habe. Ein Arm aus Eisen..." Radagast schwieg für einen Moment und warf Oronêl dann einen scharfen Blick zu. "Du hast etwas auf dem Herzen, nicht wahr?"
Oronêl zögerte, antwortete dann aber doch. "Nun... ja. Ich habe zwar den Ring, aber ich weiß nicht, wie ich ihn zerstören soll. Und Amrothos und Gamlings Zustand machen die Sache nicht leichter." Seine Stimme klang bitter, denn trotz der Rückeroberung des Rings hatte er irgendwie das Gefühl, versagt zu haben.
Radagast schüttelte mitleidig den Kopf und strich dabei seinem braunen Pferd über die Flanke. Der Zauberer hatte drei Pferde mit gebracht: Eines auf dem er selbst geritten war, und zwei ledige die aber merkwürdigerweise trotzdem gesattelt waren. "Mein lieber Oronêl, den Ring alleine zu vernichten übersteigt deine Kräfte.", sagte er, und mit einem Blick zu Orophin: "Und selbst zu zweit werdet ihr es nicht schaffen können, denn in Eregion treibt sich eine Menge übles Volk herum. Vielleicht weiß Saruman mehr von diesem Ring als ihr ahnt." Oronêl spürte, wie sich ein schweres Gewicht auf sein Herz zu legen schien. "Aber was können wir dann tun?"
"Nun, ihr braucht natürlich Hilfe.", erwiderte Radagast im Ton der Selbstverständlichkeit. "Ich habe diese Pferde hier in Tharbad überredet, ihr bisherigen Herren zu verlassen und mit mir zu kommen." Er unterbrach sich, als er Gamling vorsichtig um den Turm herumkommen sah.
"Hab keine Angst vor mir, Sohn Rohans.", sprach Radagast diesen an, denn das Misstrauen auf dem Gesicht des alten Rohir war unübersehbar. "Ich bin weder Saruman noch einer seiner Freunde - auch wenn dem einst so gewesen sein mag. Jetzt bin ich hier, um euch zu helfen."

Und das tat er.
Zuerst kniete er sich vor Amrothos ins Gras, blickte dem Prinzen direkt in die Augen und sang leise etwas in einer Sprache, die weder Oronêl noch Orophin verstanden. Als der Zauberer sein Lied beendete hatten Amrothos' Augen ihr ungesundes Feuer verloren, schienen aber auch nichts zu sehen. "Ich habe seinen Geist fürs erste auf Wanderschaft geschickt.", erklärte Radagst und erhob sich langsam. "Mehr kann ich hier nicht tun, aber was wird ihn für einige Zeit beruhigen."
Dann kümmerte er sich um Gamlings Wunde, legte ein Blatt einer Oronêl unbekannten Pflanze, deren Geruch ihn allerdings sofort erfrischte und seine Sorgen für einen Moment erleichterte, darauf und verband sie dann neu. "Athelas wirkt bei einer solchen Wunde keine solchen Wunder wie bei denen, die von den verfluchten Waffen von Saurons Dienern geschlagen wurden, aber sie hilft dennoch besser als vieles andere.", sagte Radagast zu Gamling, dessen Misstrauen langsam zu schwinden schien. "Du wirst in der Lage sein, mit mir zu reiten."
"Reiten?", warf Oronêl ein. "Wohin reiten?"
"Nach Bruchtal.", gab der Zauberer zurück. "Ich werde Amrothos und Gamling mit mir nehmen. Zwar sind sie beide nicht in der Lage normal zu reiten, doch die Pferde werden sanft gehen und sie nicht abwerfen. So müssten wir Bruchtal erreichen können."
Oronêl nickte. "Also gut. Bruchtal. Wann brechen wir auf."
Radagast lachte zur Antwort. "Ich und diese beiden armen Menschen - jetzt sofort. Ihr Elben noch nicht, denn es ist besser für Amrothos, wenn der Ring für den Moment nicht in seiner Nähe ist. Außerdem... behaltet die Straße von Moria im Auge. Ich befürchte, dass Saruman sich der aufsässigen Dunländer bald annehmen könnte."
Oronêl wollte widersprechen, denn er wollte Amrothos nicht verlassen, doch Orophin hielt ihn zurück.
"Wir beugen uns deinem Rat, Radagast.", sagte der ehemalige Grenzwächter. "Doch wir können nicht ewig hier verharren. Sechs Tage werden wir hier bleiben und die Straße beobachten, doch danach werden wir euch folgen." Radagast blickte die Elben unter buschigen Augenbrauen heraus scharf an.
"Also gut." Er wollte sich abwenden, doch Oronêl sagte schnell, bevor er es sich anders überlegen konnte: "Es gibt da noch etwas. Gerade bevor du gekommen bist, hatte ich einen merkwürdigen Traum..." Er beschrieb was er geträumt hatte, und Radagast strich sich nachdenklich über den braunen Bart.
"Zu den meisten Dingen kann ich dir nichts sagen. Doch die weiße Stadt die du erwähnst kann eigentlich nur Fornost sein. Das Banner, dass du gesehen hast könnte bedeuten, dass unsere Seite die Stadt erobert hat, aber anscheinend nähert sich irgendeine neue Bedrohung von Norden..." Der Zauberer zupfte jetzt kräftig an seinem Bart herum. "Ich habe den Norden früh wieder verlassen, ich weiß nicht viel davon was dort passiert ist. Vielleicht ist es besser, dass ihr nur sechs Tage hier bleibt, denn wenn stimmt was du geträumt hast, wird im Norden wahrscheinlich bald jede Axt, jedes Schwert und jeder Bogen gebraucht."
Radagast half Gamling dabei, das eine Pferd zu besteigen, und Oronêl beobachtete erstaunt wie das andere sich auf ein Zeichen des Zauberers bereitwillig hinlegte damit sie Amrothos auf seinen Rücken setzen und dort festbinden konnten. Nur wenig später waren der Zauberer und die beiden Menschen hinter den Hügeln im Norden verschwunden, und die Elben blieben alleine zurück.

Radagast, Gamling und Amrothos nach Imladris...
Oronêl und Orophin nach Eregion...
« Letzte Änderung: 6. Okt 2016, 22:32 von Eandril »

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

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Der Stoff des Krieges
« Antwort #18 am: 3. Nov 2016, 18:22 »
3. August 3022
Aus der Sicht von Forath


Die einzige Eisenmine Dunlands lag im Süden des Landes, an den Hängen des Nebelgebirges. Nördlich davon bildete sich zwischen der Hauptkette und einer Nebenkette der Berge ein langes, immer schmaler werdendes, Tal, das als Tal der Messer bezeichnet wurde und passender Weise vom Stamm des Messers beherrscht wurde. Durch seine Vorherrschaft über die Eisenmine war dieser Stamm einer der mächtigsten Dunlands, und die meisten Wolfsfürsten waren aus seinen Reihen gekommen. Heute war der Stamm des Messers nur noch ein Schatten seiner selbst, und Saruman dennoch weiterhin treu ergeben - ein Umstand, den Forath zu ändern gedachte.
Nach Bórans Tod hatte er Boten an alle anderen Stämme Dunlands gesandt, mit der Bitte, sich ihm anzuschließen. Die Stämme des Reifes und des Gewandes, die beide im Westen lebten und eher friedlich gesonnen waren, waren dieser Bitte als erstes nachgekommen, denn sie beide Häuptlinge waren mit Forath einer Meinung, dass das Bündnis mit Saruman ihnen inzwischen mehr schadete als nützte. Auch der Stamm des Stabes, der dem Stamm des Schildes am nächsten lag, hatte sich ihnen angeschlossen. Ihr Häuptling Wulfrat war mit vielen seiner Gefolgsleute nach Norden gezogen und dort in Sarumans Diensten erschlagen worden, und sein gerade erst gewählter Nachfolger und Verwandter Corgan hatte sich von Forath überzeugen lassen, das Bündnis mit Saruman zu beenden. Doch die übrigen Stämme hatten nicht auf ihn gehört, und nun standen sich zu Foraths Leidwesen seine Gefolgsleute auf der einen und die Stämme des Messers, des Ringes und der Kette auf der anderen Seite gegenüber. Das war ohne Zweifel Sarumans Botschafter Angbaug zuzuschreiben, auch wenn diese Stämme schon immer die kriegerischsten und Rohan am feindlichsten gesinnten gewesen waren.

Beim Gedanken an Angbaug verzog Forath, der auf einer bewaldeten Anhöhe östlich der Mine stand, das Gesicht, und rieb sich die kaum verheilten Wunden, die Angbaug ihm zugefügt hatte. Neben ihm fragte Corgan zum wiederholten Mal: "Was genau wollen wir eigentlich hier? Unsere Feinde sind weiter im Norden, haben meine Späher berichtet."
Forath seufzte. "Dies ist die einzige Eisenmine in ganz Dunland, und deshalb müssen wir sie erobern." Der Stamm des Reifes hatte ihre Feinde nach Norden gelockt, während Forath mit dem Hauptteil ihrer Krieger einen Bogen nach Süden geschlagen hatte, um die Mine besetzen zu können. Obwohl er mit vier Stämmen gegen drei stand waren sie was Waffen anging deutlich im Nachteil, und diesen musste er ausgleichen, bevor die eine offene Schlacht suchen konnten.
"Aber wozu?", fragte Corgan nach, und Forath musste sich mühsam beherrschen, nicht genervt aufzustöhnen und seinen Verbündeten zu verärgern. Er vertraute sowieso schon nicht auf Corgans Treue, und ihn herablassend zu behandeln wäre die sicherste Methode, in wieder Saruman in die Arme zu treiben.
"Aus Eisen macht man Waffen."
"Wir haben Waffen." Überflüssigerweise hob Corgan seine schwere, doppelschneidige Axt.
"Aber unsere Gegner haben mehr", erwiderte Forath. "Und solange sie diese Mine kontrollieren, können sie immer mehr Waffen herstellen und mehr Männer bewaffnen. Wenn wir aber die Mine besetzen..."
"... können wir mehr Waffen herstellen und sie mit ihrem eigenen Eisen in den Tod schicken." Corgan grinste, und ließ dabei schiefe Zähne sehen. "Der Plan gefällt mir."
Die beiden Häuptlinge wurden unterbrochen als Foraths ältester Sohn Aéd durch die Büsche trat. Forath betrachtete seinen Sohn stolz, denn obwohl er erst zwanzig Jahre alt war, hatte Aéd sich bereits als hervorragender Krieger, der nicht nur kämpfen sondern auch denken konnte, ausgezeichnet.



Neunzehn Jahre zuvor war Forath verbannt worden. Er hatte damals dem Stamm des Messers, ebenjenem Stamm, dessen Mine sie nun angreifen wollten, angehört, und im Streit einen anderen Mann getötet. Er war betrunken gewesen, und deswegen nicht auf der Stelle getötet, sondern lediglich aus dem Stamm verstoßen worden. Er hätte sich einem der anderen Stämme anschließen können, doch dazu war er zu stolz gewesen und außerdem hatte die Verbannung in ihm das seltsame Bedürfnis geweckt, die Welt zu sehen. Nach Osten konnte er nicht gehen, denn die Rohirrim hassten die Dunländer - und umgekehrt - und im Norden gab es den Erzählungen der anderen Stämme zufolge nichts als Ruinen und wilde Tiere. Also war Forath nach Westen gewandert, bis an das große Meer, und an dessen Küste entlang nach Süden. So war er schließlich nach Anfalas in Gondor gekommen, wo er sich einige Zeit als Knecht auf Bauernhöfen verdingte, und dort hatte er sie getroffen - Eryn, die jüngste Tochter eines reichen Bauern, und sich in sie verliebt. Ihre Beziehung war allerdings nicht lange unbemerkt geblieben, und da Eryns Vater sie nicht mit einem dahergelaufenen Knecht aus dem Norden verheiraten wollte, war er gegangen. Sein Weg hatte ihn dann weit nach Osten geführt, bis an den großen Strom und sogar zur Mundburg nach Minas Tirith. Er schloss sich der Armee Gondors an, die den Anduin bewachte, und diente dort über zwei Jahre. Doch irgendwann wurde Foraths Sehnsucht nach Eryn zu groß, und er verließ die Armee heimlich bei Nacht und Nebel, und kehrte nach Anfalas zurück.
In Anfalas wartete allerdings nicht mehr Eryn auf ihn, sondern nur ihr kleiner Sohn - sein Sohn - den sie Aedír genannt hatte, und bei dessen Geburt sie gestorben war. Gegen den Willen von Eryns Vater hatte Forath seinen Sohn mitgenommen, und war nach Dunland zurückgekehrt, wo sie sich dem Stamm des Schildes weit im Norden angeschlossen hatten. Doch auch wenn Forath inzwischen wieder geheiratet hatte und seine Frau liebte, hatte er Eryn nie vergessen, und in Aéds Gesicht sah er immer die Erinnerung an sie.



"Die Männer sind bereit, Vater", sagte Aéd, und Forath nickte. "Gib das Signal zum Angriff", meinte er zu Corgan, und der andere Häuptling setzte sein mächtiges Horn an die Lippen. Der Ton hallte von den Berghängen wieder, und aus den Wäldern um die Mine herum brachen ihre Krieger hervor und griffen wie völlig überrumpelten Wachen, die nur wenige waren, von allen Seiten an. "Mir gefällt das nicht, nicht mitzukämpfen", sagte Corgan mürrisch, während er beobachtete wie ihre Männer die letzten Verteidiger niedermachten.
"Mir auch nicht", erwiderte Forath, obwohl es nicht stimmte. Er hatte nie große Freude am Kampf gefunden. "Aber das ist das Schicksal der Heerführer." Die zwei Jahre in der Armee Gondors hatten ihre Spuren bei ihm hinterlassen, und er hatte den Wert eines Kommandanten, der nicht selbst mitkämpfte, begriffen.
"Aber es sieht so aus, als hätten sie auch ohne uns gesiegt."



Die Mine war noch genauso dunkel und stickig wie Forath sie aus seiner Jugend in Erinnerung hatte, und sie wurde noch immer überwiegend von Sklaven betrieben. Der Anführer der Sklaven war ein alter Schmied namens Dúnwald, der dem Namen nach aus Rohan stammte, und den Foraths Männer von seiner Arbeit in der Schmiede geholt hatten.
"Werdet ihr uns nun freilassen?", fragte der Schmied, und Forath sah in seinen tiefliegenden Augen einen Funken Hoffnung aufblitzen. Er schüttelte bedauernd den Kopf. "Nein, auch wenn ich gerne würde."
"Was hindert euch?", fragte der Rohir ohne viel Emotion in der Stimme, doch Forath bemerkte die Anzeichen der Wut - die verengten Augen, die zusammengepressten Lippen. "Wir brauchen Waffen", erklärte er, und nahm einen Brocken Eisenerz in die Hand. "Dies hier ist der Stoff des Krieges, doch in dieser Form können wir ihn nicht verwenden. Und keiner von uns weiß, wie man das Eisen aus dem Erz herausholt und wie man es zu Waffen schmiedet. Dafür brauchen wir euch Sklaven."
"Und warum sollten wir euch helfen?", fragte Dúnwald, und einer der anderen Sklaven in der Nähe schnappte nach Luft, erschreckt über diese Dreistigkeit. Doch weder schlug Forath zu, noch befahl er einem seiner Krieger, den Schmied zu töten.
"Wir wollen Frieden mit Rohan", sagte er stattdessen. "Und wir müssen Krieg gegen die anderen Stämme führen um das zu erreichen, und dazu brauchen wir Waffen."
« Letzte Änderung: 5. Nov 2016, 19:26 von Eandril »

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Die Schlacht am Silbersee
« Antwort #19 am: 29. Nov 2016, 15:11 »
29. August bis 2. September 3022
Aus der Sicht von Forath und Aéd

~~Aéd - Auf dem Wasser laufen~~

Der Abend zog bereits herauf und die ersten Sterne leuchteten im Westen, als Aéd und seine Männer das Dorf erreichten, das er seine Heimat nannte. Für die meisten seiner Männer galt das nicht, denn die Gruppe junger Krieger, die sich nach ihrem Anführer selbst als das "Wolfsrudel" bezeichnete, setzte sich aus Angehörigen aller Stämme Dunlands zusammen. Natürlich kamen die meisten aus Stämmen, die Aéds Vater gegen Saruman folgen, doch zu Aéds Stolz hatten sich ihnen auch einige wenige Mitglieder aus den anderen drei Stämmen angeschlossen.
"Also dann, sucht euch einen Platz zum Schlafen", sagte Aéd. Diejenigen, die keine Verwandten im Dorf hatten, würden bei jenen Gefährten unterkommen, die diesen Vorteil genossen. Aéd sah zu, wie seine Männer sich langsam in kleinen Gruppen zerstreuten, und legte dabei die Hand auf den weißen Wolfshelm, den er locker am Gürtel trug. Das Wolfsrudel hatte sich nach der Eroberung der Messermine zusammengefunden, alles junge Krieger in Aéds Alter, die für die Unabhängigkeit Dunlands vom weißen Zauberer eintraten und notfalls dafür sterben würden. Auch wenn sie nicht viele waren - nur etwas über dreißig - hatten sie sich in den Kämpfen während der letzten Wochen als schlagkräftige Einheit erwiesen.
Während er langsam zwischen den einfachen Hütten des Dorfes hindurchging, erinnerte Aéd sich an die erste größere Tat ihrer Gruppe, die ihnen bei den Häuptlingen viel Respekt eingebracht hatte. Kurz nach der Einnahme der Messermine hatte der Stamm des Messers versucht, seine Mine mit einem heftigen Angriff zurück zu erobern, doch während des Kampfes hatte Aéd einen Schwachpunkt in den Reihen der Feinde erkannt. Er und seine Gefährten hatten die steilen Hänge der Berge im Rücken der Verteidiger erklommen, und waren in einem Bogen nach Süden in den Rücken der Angreifer gelangt. Dort hatten sie den Wald, der nach einer langen Periode der Trockenheit leicht zu entzünden war in Brand gesetzt, und die Männer aus dem Stamm des Messers in der allgemeinen Verwirrung hinterrücks angegriffen. Dies hatte den Verteidigern einen Ausfall ermöglicht, der die Angreifer wiederum zur Flucht gezwungen hatte.
Hinterher war Aéd von seinem Vater gelobt worden, doch gleichzeitig hatte Forath ihn gescholten, mit dem Entfachen des Waldbrandes sein eigenes Leben in Gefahr gebracht zu haben.
Aéd erreichte das große Haus im Nordwesten des Dorfes, das bis vor zwei Monden von Bóran bewohnt gewesen war. Eigentlich hatte sein Vater nicht in das Haus einziehen wollen, doch seine Frau hatte sich durchgesetzt. Aéd lächelte bei dem Gedanken an Brigid, denn seine Stiefmutter war eine der wenigen, die es regelmäßig wagten, seinem Vater die Stirn zu bieten - und damit auch noch Erfolg hatten. Er klopfte an die Tür und rief leise, falls seine Geschwister bereits schliefen: "Mutter? Ich bin es, Aéd."
Die Tür wurde schwungvoll geöffnet, und Aéd fand sich sofort in Brigids Armen wieder. Seine Stiefmutter war eine relativ kleine Frau, die mit der Zeit etwas rundlich geworden war und dennoch ihr gutes Aussehen bewahrt hatte, und Aéd liebte sie, als wäre sie seine leibliche Mutter - obwohl sie nur etwas mehr als ein Jahrzehnt älter war als er. Er strich ihr sanft über den Rücken, bevor sie ihn entließ und sagte: "Aedir, ich habe mir Sorgen um dich gemacht."
Das war eine von Brigids Eigenarten: Sie nannte ihn nie bei dem Namen, mit dem alle anderen ihn ansprachen, sondern benutzte seit er denken konnte, nur den Namen den seine leibliche Mutter Eryn ihm vor ihrem Tod gegeben hatte. "Ich habe schreckliche Sachen geträumt, von Kämpfen, Feuer und Tod."
"Kämpfe hat es gegeben", erwiderte Aéd ernst, und folgte ihr nach links durch den Gang in die Küche, in der zu Bórans Zeiten mehrere Diener gearbeitet hatten. "Ein Feuer gab es auch", fuhr er fort, ließ sich auf einem Hocker nahe dem Ofen nieder, und legte seinen weißen Wolfspelz ab. Obwohl es Sommer war, waren die Nächte in Dunland kühl. "Und Tote gab es mehr als genug, aber weder Vater noch ich sind darunter - so schrecklich können deine Träume also nicht gewesen sein." Den letzten Teil sagte er halb im Scherz, obwohl er genau wusste, dass man über Brigids Träume nicht scherzte. Sie war eine weise Frau, und es hieß, dass ihre Träume öfter die Wahrheit zeigten als logen. Und seit Aéd vor dem Gottesurteil der Elben von Bórans Tod geträumt hatte, hatte er eigentlich noch weniger Lust über die Träume zu scherzen als zuvor, doch nun war er wenigstens für eine Nacht zu Hause.
Wie erwartet gab Brigid ihm einen Klaps auf die Schulter, als wäre er kein Krieger von zwanzig Sommern, sondern nur ein aufmüpfiger Knabe.
"So froh ich auch bin dich zu sehen, weiß ich doch auch, dass dich nur ein Auftrag deines Vaters hierher führt und du ansonsten bei ihm geblieben wärst", meinte Brigid, und sah Aéd aufmerksam an.
"Ich hätte ihn nicht einen Augenblick alleine gelassen", antwortete Aéd. "Aber wenn wir unsere Feinde zu einer Entscheidungsschlacht zwingen wollen, brauchen wir jeden Mann."

In dieser Nacht hatte Aéd einen Traum. Er fand sich am Ufer eines Sees, über den der Mond eine silbrige Spur warf, wieder. Sanft fiel Regen vom Himmel, und tropfte leise von den Ästen der Tannen hinter ihm. Am anderen Ufer des Sees, wo die Lichtspur des Mondes endete, erblickte er eine Gestalt, eine weiß gekleidete Frau mit langen, blonden Haaren, die in der Nacht zu leuchten schienen. Und dann schritt sie hinaus auf den See, über die die Lichtbrücke auf Aéd zu, und er konnte ihre Stimme in seinem Kopf hören. In der Ferne grollte leiser Donner.
"Eine Dunkelheit liegt über Mittelerde. Eine Dunkelheit, die größer ist als der Feind, den ihr bekämpft." Vor Aéds Augen blitzten Bilder in rascher Folge auf: Reiter, die über eine Ebene preschten, eine weiße Stadt unter schwarzen Bannern, ein Heer, das von einem Mann mit einem goldenen Helm angeführt wurde, und auf dem Helm die Gestalt eines Drachen. Dann senkte sich Finsternis über das Land, und Aéd sah eine Ebene aus Asche vor sich, über die eine riesige schwarze Gestalt schritt. An der Hand der Gestalt brannte ein Ring aus Feuer, und sie erschlug ihre Feinde links und rechts mit einer gewaltigen Keule. Als sie ihn anblickte, glaubte Aéd ein riesiges, flammendes Auge zu sehen, und er wollte vor Entsetzen aufschreien - doch in diesem Moment endete das Bild, und er war wieder an dem friedlichen, nächtlichen See, über den die weiß gekleidete Frau weiter langsam auf ihn zuschritt. Inzwischen konnte Aéd sehen, dass sie wunderschön war.
"Du hast die Dunkelheit und die Funken der Hoffnung gesehen", sprach ihre Stimme in seinem Kopf weiter, ohne dass sie die Lippen bewegte. "Alle Völker Mittelerdes werden unter den Schatten fallen, wenn sie nicht vereint handeln." Verwirrte Gedanken schossen Aéd durch den Kopf, doch er konnte nicht sprechen. Weiter Bilder blitzten auf, zu schnell um sie zu erkennen.
"Dein Vater handelt richtig und gut, doch ohne deine Hilfe wird es nicht ausreichen. Hüte dich vor dem Roten Raben." Inzwischen hatte die Frau ihn erreicht, und legte ihm eine weiße Hand auf die Schulter. "Wenn die Winde des Winters heulen, stirbt der einsame Wolf, doch das Rudel überlebt. Die Menschen müssen das beherzigen. Vereinige sie."
Ihr Bild, der See und alles andere begannen in einem weißen Nebel zu verschwinden, und bevor der Traum endete, hörte Aéd noch ihre letzten Worte: "Erwartet eure Feinde hier. Am Silbersee."

Am nächsten Morgen wurde Aéd unsanft geweckt, als sich seine jüngste Schwester Eryn neben ihm auf das Strohlager warf, und ihn mit ihrer kleinen Hand gegen die Schulter boxte. "Warum hast du mir nicht nicht gestern Abend gesagt, dass du gekommen bist?"
Aéd grinste, und richtete sich betont ausführlich gähnend auf. Dann kitzelte er ihre Seite, und erwiderte: "Weil Prinzessinnen ihre Schlaf brauchen." Eryn kicherte und wand sich, blickte ihn dann aber ernst aus braunen Augen an und fragte: "Und musst du auch gleich wieder fort?" Aéd stand auf, streckte sich, und zog dann seine Schwester auf die Füße. Auch wenn er alle drei seiner Halbgeschwister liebte, hatte Eryn doch irgendwie einen besonderen Platz in seinem Herzen erobert - nicht nur, weil sie nach seiner leiblichen Mutter benannt war.
"Ja, leider muss ich heute noch zu Vater zurück."
"Aber, kann er nicht noch ein bisschen länger auf dich warten? Morgen vielleicht?" Aéd musste wieder lachen, und strich Eryn über den braunen Schopf. "Nein, das kann er leider nicht. Ich bin nämlich ganz besonders wichtig, weißt du?" Eryn kicherte, und folgte ihm durch das Haus hinunter in die Küche. Das große Haus hatte sich seit Bórans Zeiten stark verändert. Damals war es düster und verräuchert gewesen, doch Brigid hielt nichts davon und hatte für Licht und frische Luft gesorgt. In Aéds Abwesenheit war es geradezu zu einem Zuhause geworden.
Als Aéd die Küche betrat, fand er sich sofort in einer kräftigen Umarmung seiner zweiten Schwester wieder. Lynet war jetzt vierzehn Sommer alt und damit sechs Jahre älter als Eryn, und wuchs zur Freude ihrer Eltern zu einem äußerst hübschen Mädchen heran. "Du hättest sagen sollen, dass du wieder da bist", sagte sie gedämpft gegen seine Brust, und Aéd tauschte ein rasches Lächeln mit Brigid, die am Herd stand und in einem großen, über dem Feuer hängenden Kessel rührte. Neben ihr am Tisch saß Henwas, Aéds einziger Halbbruder, der Aéd mit seinen zwölf Jahren als eine Art Helden betrachtete.
"Das ist schon das zweite Mal, dass ich das heute höre." Eryn, die sich an ihm und Lynet vorbei quetschte, kicherte erneut.
"Und eigentlich bin ich auch nicht wirklich wieder da, sondern muss sofort wieder weg. Vater hat mir aufgetragen, alle übrigen Männer zu holen, bevor wir uns den anderen zur Schlacht stellen." Es hatte keinen Sinn, irgendetwas über den Krieg vor seinen Geschwistern zu verheimlichen, denn sie wussten sowieso schon zu viel. "Nimmst du mich dann auch mit?", fragte Henwas bittend. Für Aéds Bruder war der Krieg ein Abenteuer, und er hatte kein Vorstellung, wie schrecklich der Krieg in Wirklichkeit war. Aéd war selbst einmal so gewesen, vor sechs Jahren...
"Du bist noch zu jung", antwortete er entschlossen, während er sich aus sanft aus Lynets Umarmung befreite, und auf Henwas' Gesicht malte sich kindliche Enttäuschung. "Krieg ist kein Spiel, Bruder", fuhr Aéd fort, und setzte sich Henwas gegenüber an den hölzernen Tisch. "Und wenn ich könnte, würde ich selber nicht gehen." Kaum hatte er ausgesprochen, warf Brigid ihm über den Tisch einen scharfen Blick zu.
"Ist etwas geschehen?" Aéd zwang sich zu lächeln, und erwiderte: "Dir entgeht auch nur wenig, oder? Ich habe einen Traum gehabt, der mich beschäftigt." Er erzählte, an was er sich erinnern konnte, während seine Geschwister andächtig lauschten, und Brigid ihn aufmerksam beobachtete. Als er fertig war, seufzte seine Stiefmutter, und sagte: "Nun, in diesem Fall solltest du so schnell wie möglich aufbrechen."
"Dann denkst du, dass der Traum wahr gewesen ist?", fragte Aéd. Obwohl sich alles unglaublich wirklich angefühlt hatte, hatte er bis jetzt daran gezweifelt, dass der Traum wirklich etwas zu bedeuteten hatte.
"Mein lieber Aedir, ich träume seit Jahren von einer Dunkelheit, die versucht die Welt zu verschlingen." Während sie sprach, sah Aéd zum ersten Mal in seinem Leben Spuren der Müdigkeit und der Angst in Brigids Gesicht, und es erschreckte ihn. Irgendein Teil in ihm hatte geglaubt, dass sie nichts jemals erschüttern könnte, doch nun sah er, dass er falsch gelegen hatte. "Du musst zu deinem Vater gehen, und ihm erzählen was du gesehen hast, ihn warnen. Und sag ihm... Sag ihm, dass er das richtige tut, aber dass er damit versucht, auf dem Wasser zu laufen. Am Anfang geht es noch gut, doch irgendwann versinkt man plötzlich."

Weniger als eine Stunde später trat Aéd hinaus auf den Platz vor dem großen Haus, wo sich bereits das Wolfsrudel und die übrigen Krieger versammelt hatten. "Sind wir bereit?"
"Alles bereit, Vetter", antwortete Domnall, ein großer Mann in Aéds Alter, der sein Stellvertreter als Anführer des Wolfsrudels war. Eigentlich waren Aéd und Domnall nicht wirklich verwandt, denn Domnall war Brigids Neffe, doch über diesen Umstand sahen sie beide hinweg. "Also gut", meinte Aéd, und hob die Stimme: "Es geht los!"
So zogen sie davon, in die Ruhe vor dem Sturm.

~~Forath - Der Rote Rabe~~

Das Lager der Rebellen erstreckte sich zu beiden Seiten der alten Südstraße - oder ihren Resten, denn viel war nicht von ihr übrig. Die Zeit hatte an ihr genagt, und seine Landsleute hatten viele Steine herausgeklaubt und zum Bau ihrer Häuser und Hütten verwendet. "Vielleicht sollte man sie irgendwann wieder aufbauen... eines Tages... in friedlicheren Zeiten...", murmelte er vor sich hin, während er langsam und gleichmäßig den Schleifstein über die Klinge seines Schwertes zog. Seit er seine Krieger zur einem großen Heer vereinigt hatten, hatten sie ihre Feinde einige Tage nach Norden gelockt, in vertrauteres Gelände. Doch am Tag zuvor waren seine Späher im Süden, die die feindlichen Stämme beobachtet hatten, nicht zurückgekehrt, und nun waren Forath und sein Heer blind. Dennoch erwartete er seine Feinde weiterhin aus dem Süden, und seine momentane Position war in dieser Richtung gut zu verteidigen.
"Es gefällt mir nicht, hier herumzusitzen", sagte Corgan, der an einen Felsen gelehnt neben Forath saß, und auf einem Stück Speck herumkaute. Seit der Eroberung der Messermine hatte Forath den Häuptling des Stamms des Stabes als eine zwar nicht unbedingt klugen, aber doch dafür umso verlässlicheren Kampfgefährten und Verbündeten schätzen gelernt.
"Mir ebenfalls nicht", gab er zu, und legte den Schleifstein beiseite. "Aber solange wir nicht wissen wo unsere Feinde sind, können wir nicht einfach losmarschieren."
"Die Sache stinkt doch", knurrte Corgan zur Antwort. "Wieso sind unsere Späher plötzlich verschwunden? Ich sag dir, Forath, die wollen uns in eine Falle locken."
Forath stand auf, stieß das Schwert in die Scheide und schüttelte den Kopf. "Das ist nicht die Art der Dunländer." Auch Corgan erhob sich.
"Nicht die Art der Dunländer? Hast du vergessen, wie wir die Mine eingenommen haben? Wie wir unseren Feinden seitdem ausgewichen sind und sie verwirrt haben?"
"Vielleicht hast du Recht... Aber ich habe in Gondor gelernt, und nicht in Dunland", gab Forath zurück. Corgan wollte offensichtlich widersprechen, doch in diesem Moment ertönte von Nordosten ein Hornsignal. Gespannt lauschten beide Häuptlinge, doch es blieb bei einem Signal.
"Nur ein Horstoß", meinte Forath erleichtert. "Das wird mein Sohn sein."
"Und seine Wolfswelpen", fügte Corgan spöttisch hinzu. Diese Haltung hatte Forath schon mehrfach unter den älteren Kriegern beobachtet, seit Aéd sein Wolfsrudel gegründet hatte: Sie begegneten der Gruppe junger Krieger mit Spott und nahmen sie nicht ernst, ganz gleich was sie leisteten. Doch inzwischen hatte Forath sich Aéds gleichgültige Haltung zu eigen gemacht und ging auf derlei Spott nicht mehr ein. Er wunderte sich dennoch, woher sein Sohn diese Ruhe nahm, denn er selbst hätte in dessen Alter jeden einzigen der Spötter zum Zweikampf gefordert.

Nur wenig später erreichten die beiden Häuptlinge die Hügelkuppe im Nordosten, von der der Hornstoß ertönt war. Aéd und seine Männer waren bereits herangekommen, und Forath schloss seinen Sohn kurz in die Arme. "Ich sehe, du hast deine Aufgabe erfüllt", meinte er mit Blick auf die Krieger, die dem Wolfsrudel folgten. "Ja...", antwortete Aéd, wirkte aber auf irgendeine Weise abgelenkt, als ob ihn etwas anderes beschäftigen würde. "Vater, ich muss mit dir sprechen."
"Dann sprich." Forath bemerkte den Blick, den sein Sohn Corgan zuwarf, und fügte hinzu: "Wir sind Verbündete, und sollten keine Geheimnisse voreinander haben."
Aéds Gesichtsausdruck verriet keine Zustimmung, doch dann seufzte er und sagte: "Ich hatte einen Traum, indem ich vor dem roten Raben gewarnt wurde." Corgan schnaubte. "Einen Traum, pah. Und es gibt keine roten Raben, nur schwarze. Hattest du vielleicht ein wenig zu viel getrunken, hä?" Aéd schüttelte den Kopf, doch Forath sah den stählernen Ausdruck in seinen Augen.
"Ich habe mit Brigid über den Traum gesprochen, und sie hält ihn für wahr."
"Was verstehen Frauen schon von solchen Dingen. Träume sind Träume", meinte Corgan spöttisch, und Forath spürte in sich die Wut auf den anderen Häuptling aufsteigen. "Ein wenig mehr Respekt, wenn du über meine Frau sprichst", zwang er sich ruhig zu sagen. "Ich glaube Aéd, dass der Traum irgendeine Bedeutung hat, aber ich weiß nicht, was ein roter Rabe sein soll."
"Da war noch etwas", mischte Aéd sich wieder in das Gespräch ein. "Wir sollen den Feind am Silbersee erwarten."
In diesem Moment erklangen aus dem Norden zwei lange Hornstöße. "Feinde", sagte Forath, und dann rannten sie los.

Auf der Straße im Nordwesten rückte eine große Gruppe Männer heran, von denen einige ein schwarzes Banner mit einem roten Zeichen trugen - einem Raben.
"Vater...", sagte Aéd langsam, der zwischen Forath und Corgan stand. "Ich sehe es", erwiderte Forath. "Aber kann jemand das Banner der Weißen Hand erkennen?" Während er sprach eilten um ihn herum seine Krieger hin und her, und stellten sich zur Schlacht auf. Die Feinde rückten näher, allerdings in gemäßigtem Tempo, und zeigten keine Anstalten sich in Schlachtformation zu bringen.
Aéd schien zu wissen, worauf Forath mit seiner Frage hinweisen wollte, und schüttelte den Kopf. "Nein, ich kann keines von Sarumans Bannern sehen. Glaubst du, sie wollen..."
Ein Funke der Erregung durchfuhr Forath, als er den vordersten der nahenden Männer erkannte. "Das ist Gleryon."
"Der Stamm des Ringes?", fragte Corgan misstrauisch. "Wieso kommen die alleine?"
"Habt ihr weitere Feinde gesichtet?", fragte Forath an den Anführer der Späher, der hinter ihnen stand, gerichtet, und dieser verneinte. "Keine weiteren Feinde, zumindest nicht in der nächsten Umgebung." Die Antwort erleichterte Forath, denn sie ließ darauf schließen dass es sich tatsächlich nicht um eine Falle handelte.
Nur kurz darauf waren Gleryon und seine Krieger in Hörweite herangekommen, und niemand hatte die Waffen gezogen.
"Forath!", rief der andere Häuptling ihnen entgegen. "Es gibt doch keinen Grund für solche feindseligen Gesichter. Wir sind gekommen, um euch zu warnen."
"Um uns zu warnen?" Gleryon hatte sie erreicht, und streckte Forath die Hand entgegen. Forath ergriff sie zögerlich, und Gleryon sagte: "Ein Bier wäre jetzt nicht schlecht, denn wir sind schnell marschiert."
"Und warum?", fragte Corgan misstrauisch, und Gleryon zog eine buschige Augenbraue in die Höhe. "Um an eurer Seite zu kämpfen, natürlich", gab er zurück. Forath spürte seine Hände vor Aufregung zittern. Bislang war er sich nicht sicher gewesen, ob sie die Schlacht tatsächlich gewinnen könnten, aber jetzt, mit Gleryon und seinen Kriegern an ihrer Seite...
"Und um euch zu warnen", fügte Gleryon hinzu. "Ihr erwartet eure Feinde aus dem Süden, aber sie werden die Straße von Norden herunterkommen und euch in den Rücken fallen, wenn ihr nicht herumschwenkt."
"Warum sollten wir das glauben?", fragte Aéd, bevor Forath seinen Sohn aufhalten konnte. Doch Gleryon lachte nur. "Du hast einen sehr misstrauischen Sohn, Forath. Aber junger Aéd, wenn ich mich euch anschließen will sollte ich vielleicht irgendetwas haben, um meine Treue zu beweisen. Schließlich habe ich noch kürzlich gegen euch gekämpft. Und was wäre da besser als euch zu erzählen, dass ihr in Kürze alle hinterrücks abgeschlachtet werdet, wenn ihr nicht auf mich hört?"
Forath konnte Aéd ansehen, dass er noch nicht vollends überzeugt war, doch er konnte es sich nicht leisten, seinen neuen überraschenden Verbündeten so schnell wieder zu verlieren.
"Wie lange noch, bis die Feinde eintreffen?", fragte er.
"Ein paar Stunden, höchstens. Wir sollten sie Position wechseln, denn dieser Ort lässt sich nicht gut nach Norden verteidigen. Es gibt da einen See mit ein paar Hügeln in der Nähe..."

~~Aéd - Die Ruhe vor dem Sturm~~

"Gewand und Reif werden den östlichsten der Hügelkämme besetzen. Passt auf, dass niemand im Osten um uns herumschleicht", sagte Forath, und die Häuptlinge der beiden Stämme nickten zustimmend. Aéd wartete angespannt die weiteren Befehle seines Vaters ab, die diese vermutlich entscheidende Schlacht bestimmen würden. "Ich werde mit meinen Kriegern den mittleren Hügel halten, und Corgan mit seinen Männern den westlichen Hügel am Seeufer. Dazwischen auf der Straße und den Hängen der Stamm des Ringes." Erleichtert erkannte Aéd, dass sein Vater Gleryon anscheinend nicht vollständig vertraute, denn diese Aufstellung erlaubte ihm und Corgan, ein Auge auf den Überläufer zu haben.
"Was ist mit mir und dem Wolfsrudel?", fragte er, denn sie waren in Foraths Plänen bislang nicht vorgekommen.
"Ihr werdet die Nahtstelle zwischen Gleryon und Corgan halten", erwiderte sein Vater, und Corgan schnaubte verächtlich. "Diese Welpen sollen meine Flanke decken? Ich hätte da lieber ein paar wirklich erfahrene Krieger, auf die ich mich verlassen kann."
Bislang hatte Aéd jeden Spott des älteren Häuptlings ohne Widerworte ertragen, denn er wollte ihm mit Taten widersprechen. Doch was er und seine Männer auch leisteten, es schien nichts zu bewirken, und so stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: "Diese Welpen haben in diesem Krieg mehr geleistet, als du, alter Mann."
Bevor Corgan wütend auffahren konnte, warf Gleryon, der bislang aufmerksam gelauscht hatte, ein: "Um ehrlich zu sein, würde ich auch ungern neben einem Mann kämpfen, der mir so offen misstraut... selbst wenn er dein Sohn ist, Forath."
In Foraths steinernem Gesicht rührte sich kein Muskel, doch Aéd erkannte, dass sein Vater wütend war - und gleichzeitig Angst hatte, das Bündnis so kurz vor der Schlacht zu zerbrechen.
"Ihr werdet dort kämpfen, wo ich es euch befohlen habe. Alle."
"Wohl eher davonlaufen...", sagte Corgan gerade laut genug, dass Aéd ihn hören konnte, vor sich hin. Aéd wusste, dass er am besten nichts sagen sollte, dass er dem Befehl seines Vaters gehorchen sollte... Doch er konnte es nicht.
"Vater, ich werde nicht an der Seite von Männern kämpfen, die mich so offen missachten", sagte er zornig, und blickte Forath, in dessen Gesicht es nun arbeitete, offen an. "Ich werde auf der linken Flanke kämpfen, weit weg von diesen... angeblichen Häuptlingen."
Nun sprühten auch Corgans Augen Funken vor Zorn, doch Forath kam ihm zuvor. "Du hast die Wahl: Entweder du kämpfst dort wo ich es dir befohlen habe, oder... du bewachst das Südufer des Sees, damit uns niemand im Westen umgeht. So oder so, wir haben genug Männer um die Schlacht auch ohne dich und deine Wölfe zu gewinnen."
Für einen Moment blickte Aéd seinem Vater weiterhin in die Augen, doch dann wandte er bitter seinen Blick ab und bemerkte dabei den Ausdruck leichter Belustigung auf Gleryons und den offenen Hohn auf Corgans Gesicht. Er verstand, dass sein Vater klug handelte, und das Bündnis über Aéds Gefühle stellte - und dennoch konnte Aéd nicht anders, als wütend und enttäuscht über ihn zu sein.
"Wie du befiehlst... Vater", brachte er mühsam hervor, und wandte sich dann ab. Während er den Hang zu seinen Männern herunterging, glaubte er die ganze Zeit, Gleryons Blick in seinem Rücken zu spüren.

Als Aéd zu seinen Männern trat, schienen sie ihm sofort anzusehen, dass etwas nicht stimmte. "Was ist los, Vetter?", fragte Domnall, und Muird, der aus dem Stamm des Gewandes kam und sich in dieser Gegend auskannte, fügte hinzu: "Wo werden wir kämpfen?"
"Am Südufer des Sees", erwiderte Aéd knapp, und nahm den Schild entgegen, den Domnall ihm entgegenstreckte. Es schmerzte ihn, dass seine Männer seinetwegen nicht in der Schlacht kämpfen konnten, die vermutlich das Schicksal Dunlands entscheiden würde, und für die sie seit der Messermine gekämpft hatten. Er dachte an Henwas, und wie enttäuscht sein Bruder sein würde, wenn er ihm keine Geschichten dieser Schlacht erzählen konnte. Und auch wenn er selbst weder seinen Stolz noch seinen Gehorsam gegenüber seinem Vater aufgeben konnte, sollten seine Männer doch nicht darunter leiden.
"Wer von euch kämpfen will, sollte mich jetzt verlassen und sich dem Hauptheer anschließen", sagte er mühsam. "Ich werde das Südufer bewachen, und dort wird vermutlich kein einziger Feind zu sehen sein."
Einen Augenblick lang herrschte Stille unter seinen Männern, die betretene Blicke tauschten, während um sie herum die anderen Krieger zu ihren Stellungen eilten, doch kein Mitglied des Wolfsrudels rührte sich vom Fleck. Dann sagte Domnall mit einem Schulterzucken: "Du bist unser Anführer, und wir folgen dir wohin auch immer."
Bei seinen Worten glaubte Aéd, den Eisklumpen, der sich bei seinen eigenen Worten in ihm gebildet hatte, schmelzen zu spüren.
"Die anderen Krieger haben sich dafür entschlossen, deinem Vater bedingungslos zu folgen", fügte Muird erneut hinzu. "Aber wir haben beschlossen, dir zu folgen." Unter den anderen Männern erhob sich ein zustimmendes Murmeln, und Aéd verspürte mit einem Mal eine unglaublichen Stolz auf seine Wölfe. Leider wussten die Häuptlinge, und selbst sein Vater, nicht wirklich, was sie an diesen Männern haben könnten. Er hob den Kopf, und erwiderte ihre entschlossenen Blicke.
"Also gut...", sagte er langsam, und dann lauter: "Wolfsrudel, Abmarsch!"

Aéd erkannte die Stelle am Südufer des Sees sofort wieder. Die Hügel am nördlichen Ufer, die Tannen in seinem Rücken im Süden, und das sanfte Plätschern des Sees... Alles war wie in dem Traum, den er im Großen Haus gehabt hatte. Während seine Männer Aufstellung annahmen, winkte er Muird, der sich in dieser Gegend am besten von seinen Kriegern auskannte, zu sich heran.
"Hat dieser See einen Namen?"
Muird verengte die Augen während er nachdachte, und erwiderte dann: "Mein Familie lebt weiter im Westen, aber ich glaube, ich erinnere mich. Die Leute von hier nennen ihn den Silbersee, weil er im Licht des Mondes silbern aussehen soll. Er soll allerdings flacher sein, als er aussieht."
Ohne dass Aéd darauf viel Einfluss gehabt hatte, waren sie also an dem Ort angekommen, an dem sie seinem Traum zufolge ihre Feinde erwarten sollten. Und auch wenn ihn diese Tatsache hoffnungsvoll stimmte... Der Anblick der Banner mit dem roten Raben über den Hügeln machte Aéd Sorgen. Denn wenn sein Traum über den Silbersee recht behielt, war es wahrscheinlich, dass auch die Warnung vor dem roten Raben bedeutsam war. Er hoffte, dass er sich irrte, oder dass Forath die Warnung ernster genommen hatte, als es schien.
Bevor Aéd weiter über seinen Traum nachgrübeln konnte, erhob sich von den Hügeln ein gewaltiger Lärm, als das Heer seines Vaters begann, Waffen und Schilde aneinander zu schlagen. Der Feind war gekommen.
 
~~Forath - Der Sturm bricht los~~

Forath sah seinem Sohn hinterher, wie er den Südhang des Hügels heruntereilte und sich zu seinen Männern gesellte. Aéd tat ihm leid, aber er hatte keine andere Wahl gehabt. Mit Gleryon und dem Stamm des Ringes an seiner Seite war dieser Krieg beinahe vorüber, und Forath hatte das Bündnis auf gar keinen Fall aufs Spiel setzen wollen - obwohl er Aéd verstehen konnte.
"Es tut mir Leid für deinen Sohn", hörte er Gleryon hinter sich sagen, und wandte sich wieder nach Norden. "Aber vielleicht ist es so besser, denn so wird er wenigstens nicht in Gefahr geraten."
"Vermutlich...", erwiderte Forath, keineswegs überzeugt. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, Aéd fortzuschicken, doch er konnte es jetzt nicht mehr ändern. Er wandte sich nach Norden um, und fragte den anderen Häuptling: "Also, der rote Rabe. Was hat es damit auf sich?" Gleryon zuckte die Achseln. "Wir brauchten ein neues Zeichen, und dieses ist ebenso gut wie jedes andere."
"Und warum brauchtet ihr ein neues?", fragte Forath abwesend nach, in Gedanken eher bei den Feinden, die irgendwo hinter den Anhöhen im Norden heranrückten, als bei Gleryons neuem Banner.
"Ringe sind... eine gefährliche Sache in diesen Tagen." Gleryon sprach nur leise, und unwillkürlich musste Forath an den Ring denken, der Bórans Untergang gewesen war. Er fragte sich, ob vielleicht noch etwas größeres dahintersteckte, und wo der Elb Oronêl und seine Freunde inzwischen sein mochten - und ob Gleryon etwas von diesem Ring wusste. Doch bevor er seine Gedanken ordnen oder weiter nachforschen konnte, erschienen im Norden über den kahlen Hügelkämmen und auf der Straße dazwischen bewaffnete Männer.

"Sie sind da", sprach Gleryon das Offensichtliche aus. "Ich sollte zu meinen Leuten gehen."
Forath hielt ihn zurück: "Es sind mehr, als ich erwartet hätte." Mit dem Stamm des Ringes an ihrer Seite hatte er sich mindestens doppelt in der Überzahl geglaubt, doch dort auf der anderen Seite der Senke sammelten sich deutlich mehr Feinde. Sie waren Foraths eigenen Kräften zwar immer noch zahlenmäßig unterlegen, aber längst nicht so wie gedacht. "Wo haben sie all diese Männer her?"
"Söldner. Irgendwo lässt sich immer jemand auftreiben, der für Geld kämpft, und der Zauberer bietet viel Geld."
Mit diesen Worten wandte Gleryon sich endgültig ab, und eilte nach Osten in Richtung seiner Krieger davon.

Forath atmete tief durch, und zog mit dem Gesicht dem Feind zugewandt, sein Schwert aus der Scheide. Als seine Hand sich um den vertrauten Schwertgriff schloss fühlte er, wie so oft vor einem Kampf, wie die Unsicherheit von ihm abfiel, und nur Konzentration auf seine Aufgabe blieb: Den Krieg hier und jetzt zu beenden. Er dachte nicht mehr daran, dass in den Reihen der Feinde seine Verwandten und ehemaligen Freunde aus dem Stamm des Messers standen. Für solche Gedanken wäre nach der Schlacht noch Zeit, wenn es darum ging, die Wunden zu heilen die er und Saruman Dunland geschlagen hatten, doch jetzt zählte nur der Sieg.
Forath stieß seine Klinge hoch in die Luft, und sein Männer antworteten, in dem sie rhythmisch ihre Waffen gegen ihre Schilde schlugen. Der Lärm breitete sich über den gesamten Hügelkamm aus, und schließlich stieg über der Senke ein einziger Kriegsschrei auf, als die Feinde auf dem anderen Hang wie ein Mann aufschrien und Forath und seinen Männern entgegen stürmten.

~~Aéd - Das Gesicht des Feindes~~

Aéd ging langsam am Ufer des Sees hin und her, den Blick immer auf den Hügelkamm im Nordwesten gerichtet, über dem die Banner ihrer Verbündeten wehten: Gewand und Ring, der Schild seines Vaters, und dann Gleryons roter Rabe, bei dessen Angriff sich Aéds Herz zusammenkrampfte, östlich von Corgans Stab. Er lauschte aufmerksam den Geräuschen der Schlacht, die von seiner Position hinter den Höhen verborgen war: Dem Kriegsschrei der Feinde, dem Ansturm und schließlich dem Zusammenprall der feindlichen Heere.
Er lauschte und beobachtete, und irgendetwas schien falsch. "Stimmt etwas nicht?", fragte Domnall, dem die Besorgnis seines Anführers offensichtlich aufgefallen war. Aéd hob die Schultern, stieß mit dem Fuß einen kleinen Stein in den See, wandte den Blick allerdings nicht von den Hügeln ab. "Ich weiß nicht", erwiderte er. "Irgendetwas macht mir Sorgen, aber ich weiß nicht..."
Er wurde unterbrochen, als Muird einen Ruf ausstieß, und auf den westlichen Hügel, auf dem Corgan und der Stamm des Stabes standen, deutete. "Seht nur! Was macht Corgan dort?" Sofort folgten alle Blicke seinem Arm, und Aéd spürte, wie ihm ein eisiger Schauer den Rücken hinunter lief. Corgans Männer wichen nach Westen zurück, den Hügelkamm hinunter und am nördlichen Seeufer entlang, getrieben von den Feinden auf ihrer linken Flanke - dem Stamm des Ringes.
Der Feind hatte sein wahres Gesicht offenbart, dachte Aéd. Und er hatte Recht gehabt, Gleryon nicht zu trauen... obwohl er sich lieber geirrt hätte.

~~Forath - Ein kalter Wind~~

Forath beobachtete, wie die Feinde auf die vorderste Reihe der Verteidiger prallten. Er selbst kämpfte nicht - noch nicht - denn in dieser Phase der Schlacht war es für ihn wichtig, die Übersicht über das Schlachtfeld zu behalten. Im Westen hatte der Stamm der Kette wie erwartet auf breiter Front angegriffen, und auch wenn die Verteidiger stand hielten, schien der Angriff doch gerade die Männer vom Stamm des Reifes hart getroffen zu haben. Mit zusammengezogenen Augenbrauen wandte Forath den Blick nach Osten, und eine eisige Faust schloss sich um sein Herz. Der Stamm des Messers hatte sich zwar zunächst auf ebenso breiter Front wie der Stamm der Kette bewegt, aber inzwischen sah die Situation deutlich anders aus: Das Zentrum hatte nicht den Stamm des Ringes angegriffen, sondern war nach Westen umgeschwenkt und attackierte nun ebenfalls Foraths eigene Krieger, die unter der Wucht des Ansturms begannen, den Hügel hinauf zurück zu weichen.
Auch wenn es besorgniserregend war, konnte doch der Gleryon mit seinen Männern dem Feind nun in den Rücken fallen, während der Stamm des Stabes die restlichen Feinde auf der rechten Flanke abwehrte, doch dazu würde es nicht kommen. Forath erschauerte unter einer kalten Windböe, die aus dem Westen heranfegte, und schwere Regenwolken mit sich brachte. Er musste hilflos mit ansehen, wie der Stamm des Ringes sich nach Westen wandte und Corgans Männern in die ungeschützte Seite fiel. Zum Glück schien Corgan klug genug zu sein, seine Männer herumschwenken zu lassen und nach Nordwesten am Seeufer zurückzuweichen, doch das würde die Schlacht nicht retten. Mit einem Mal standen sie einer ebenbürtigen Anzahl Gegnern gegenüber, denen es im Handstreich gelungen war, Foraths Truppen auseinander zu reißen - weil Forath seinem Sohn nicht geglaubt hatte und Gleryon unbedingt vertrauen wollte.
"Lass die Männer herumschwenken und sichert auch den Hang zur Straße hinunter", sagte er zu Angos, seinem stellvertretenden Kommandanten, während er die Hände so stark zu Fäusten ballte, dass sie zu schmerzen begannen. Jetzt würde sich zeigen, ob sich die Erfahrungen, die er in Gondor gesammelt hatte und versucht hatte, seinen Kriegern ein wenig beizubringen, auszahlen würden. Forath glaubte nicht daran, dass sie die Schlacht noch gewinnen konnten, doch sie würden Sarumans Dienern einen harten Kampf liefern.
Brigids Gesicht stand ihm vor Augen. Er wusste, dass seine Frau stark war, vielleicht stärker als er selbst, und dennoch... er wollte nicht wissen, was das Schicksal nach seinem Fall für sie und seine Kinder bereithalten würde. Auch an Aéd dachte er und hoffte, dass sein Erstgeborener klug genug war, mit seinen Anhängern zu fliehen bevor es zu spät war. In Dunland würde es nach dem heutigen Tag keine Hoffnung mehr für ihn geben, doch vielleicht konnte er anderswo eine Heimat finden - zum Beispiel in Gondor, dem Land seine Mutter.

Forath zog sein Schwert, dass er nach Beginn der Schlacht wieder in die Scheide gesteckt hatte, erneut, betrachtete die Klinge einen Augenblick, und küsste sie dann. "Heute ist also der Tag gekommen, da wir gemeinsam unsere letzte Schlacht ausfechten... von Gondor bis zu den Hügeln von Dunland hast du mich treu begleitet. Lass uns unseren Feinden ihren Triumph möglichst schmerzhaft machen."

~~Aéd - Das Heulen der Wölfe~~

Das Entsetzen, dass Aéd beim ersten Anblick von Gleryons Verrat gepackt hatte, lähmte ihn noch immer, während er beobachtete, wie auf den Hügeln die Schlacht verloren ging. Die Männer seines Vaters hatten sich inzwischen beinahe bis auf die Hügelkuppe zurückgezogen, und wurden von Norden und Westen hart bedrängt. Corgans Rückzug war ein Stück nach Westen am Nordufer des Sees ins Stocken geraten, und er war nun von drei Seiten eingeschlossen, mit dem See im Rücken.
"Was tun wir jetzt?", fragte Domnall, und riss Aéd so aus seiner Starre. Das ganze Wolfsrudel hatte sich nun am Ufer des Sees versammelt, und blickte entsetzt nach Norden auf die Katastrophe, zu der der vor der Schlacht sicher scheinende Sieg geworden war.
"Fliehen, solange es noch geht?", schlug einer der Männer vor, doch Aéd schüttelte entschieden den Kopf. "Nein. Wer gehen will, soll gehen. Aber dort drüben kämpfen unsere Brüder, Väter und Freunde für unsere Freiheit und das Überleben unserer Welt. Ich werde bleiben und kämpfen."
"Nur zu gerne, Vetter", meinte Domnall mit grimmiger Miene, und löste seine Axt vom Gürtel, obwohl keine Feinde in der unmittelbaren Nähe waren. "Nur wie? Im Osten können wir nicht viel bewirken, auf dem Hügel westlich der Straße wimmelt es von Feinden, und dann kommt auch schon der See."
Aéd ließ den Blick über das Schlachtfeld schweifen und musste einsehen, dass sein Freund recht hatte. Doch dann erinnerte er sich, was Muird über diesen See gesagt hatte, und sagte: "Muird... wie flach genau soll dieser See sein?"
Der Mann erwiderte verwirrt seinen Blick, doch einen Augenblick später schien er zu begreifen, als sich ein Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete. "Nun... ziemlich flach, vor allem im westlichen Teil."
"Sehr gut", meinte Aéd, doch Domnall warf ein: "Würdet ihr mir vielleicht auch erklären, was genau daran sehr gut ist?" Trotz der ernsten Lage musste Aéd lächeln. "Wir gehen über den See, und fallen dem Verräter Gleryon direkt in den Rücken." Er deutete nach Norden. "Wir kommen in der Lücke zwischen dem Hügel und Gleryons Leuten ans Ufer, und können ihn angreifen, ohne dass er etwas bemerkt."
Auch auf Domnalls Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. "Bei allen Göttern, Vetter. So etwas dämliches habe ich noch nie gehört, aber es könnte tatsächlich funktionieren."
Nun wieder entschlossen zog Aéd sein Schwert, und sage laut: "Also dann, Männer. Lasst sie den Biss der Wölfe spüren."

Das Wasser des Sees war tatsächlich nur etwas über knöchelhoch, und das Wolfsrudel kam schneller voran als Aéd zu hoffen gewagt hatte - und das war auch nötig, denn die Schlacht stand mit jedem Augenblick mehr auf der Kippe. Aéd trat ans erster am Nordufer und schüttelte das Wasser von seinen Stiefeln, während ihm seine Männer einer nach dem anderen folgten.
Nun sind wir tatsächlich auf dem Wasser gelaufen...
Er warf einen prüfenden Blick auf die Hügel, doch niemand aus den Reihen der Feinde schien ihr Nahen bemerkt zu haben. Ohne große weitere Worte packte Aéd seine Waffe fester als der letzte seiner Männer das Ufer erreicht hatte, und rief: "Wolfsrudel, vorwärts!"

Auch wenn sie nur wenige waren, ihr Angriff in den Rücken der Feinde war hart und stürzte ihre Gegner, die anscheinend kein bisschen mit einem Angriff aus dieser Richtung gerechnet hatten, in vollständige Verwirrung und Unordnung. Aéd führte das Wolfsrudel von der Spitze an, flankiert von Domnall und Muird. Er rammte einem der ahnungslosen Männer aus dem Stamm des Ringes sein Schwert in den Rücken, und zog es wieder hinaus, während er sich mit dem Fuß auf der Leiche des Mannes abstützte. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Kämpfen fühlte er keinen Funken Mitleid oder Verständnis mit seinen Feinden. Diese Männer hatten alle Funken Ehre, die sie als Dunländer besessen haben mochten, verloren und ihre Verwandten betrogen und verraten - für einen Zauberer, für den sie nur entbehrliche Werkzeuge waren.
Er duckte sich unter dem unbeholfenen Schlag eines überraschten Mannes weg, und sah zu, wie Domnall ihm mit seiner großen Breitaxt den Kopf nahezu vollständig zerschmetterte.
"Wir teilen uns auf und schlagen eine Bresche", rief er Domnall und Muird zu, und parierte aus der Drehung einen feindlichen Schwerthieb. "Dom führt die Hälfte nach Norden, Muird drängt mit der anderen die Feinde in den See."
Beide Männer hoben die Hände zum Zeichen, dass sie verstanden hatten, und stürzten sich dann wieder in den Kampf. Zwischen dem Wolfsrudel und dem See stand nur ein schmaler Streifen Männer, was auch der Grund für Aéds Taktik gewesen war. Denn auf diese Weise würde er zumindest diese Feine frühzeitig aus der Schlacht nehmen, und sich so einen Vorteil verschaffen können.
Es bereitete dem Wolfsrudel keine großen Schwierigkeiten, die Bresche zu verbreitern, denn der Stamm des Ringes hatte noch keine Zeit gehabt, sich auf den neuen Feind in ihrem Rücken einzustellen, und Corgan und seine Männer schienen ihnen noch immer einen guten Kampf zu liefern. Aéd wischte sich mit der freien Hand einige Blutspritzer aus dem Gesicht, und stellte fest, dass ihm Blut über den linken Arm lief. Offenbar hatte er eine kleine Wunde davon getragen, spürte aber in der Aufregung des Kampfes noch keine Schmerzen. Dann lief er auf die Stelle zu, wo er die Krieger vom Stamm des Stabes kämpfen sah.

"Halt, Freund!", rief Aéd laut ob der drohend auf ihn gerichteten Waffen, während links und rechts von ihm die Schlacht weiter tobte. "Ich bin Aéd Forathsson. Wo ist euer Häuptling, Corgan?"
"Kämpft weiter vorne", stieß einer der erschöpft aussehenden Männer, und senkte seine stachelbesetzte Keule. "Wird dein Vater Verstärkung schicken?"
"Wir sind die Verstärkung", sagte Aéd knapp, drängte sich an dem Mann vorbei, und deutete hinter sich auf die Stelle, an dem das Wolfsrudel kämpfte und die Bresche offenhielt. "Und wenn ihr wollt, dass es etwas nützt, geht und unterstützt sie."
Er fand Corgan nur wenige Meter weiter, wo der Häuptling in mitten seiner Männer stand und sich die Seite hielt. Als er Aéd sah, weiteten sich Corgans Augen, und er sagte: "Du? Was treibst du denn hier, Junge?"
"Ich komme um euch zu retten, alter Mann", gab Aéd zurück, und blickte dem Häuptling fest in die Augen. "Meine sogenannten Welpen halten gerade eine Bresche für deine Leute offen."
"Sie... tun was?", fragte Corgan langsam, und richtete sich ein wenig auf. Aéd packte ihn an der Schulter. "Sie kämpfen um deine Männer und dein erbärmliches Leben zu retten, also los, zeigt mir was!"
Corgan ließ seine Seite los, und Aéd sah, dass seine Handfläche blutig war. "Du willst also was sehen, junger Aéd? Ha!" Corgan richtete sich zu voller Größe auf, und packte das Schwert, das neben ihm im niedergetrampelten Gras gesteckt hatte. "Dann sperr die Augen auf, Junge, denn jetzt bekommst du das zu sehen."
"Stamm des Stabes!", rief er mit lauter Stimme, und deutete in die Richtung, aus der Aéd gekommen war. "Hier kämpfen tapfere Männer gegen uns. Doch damit ist jetzt Schluss, also lasst sie uns umbringen gehen! Vorwärts!"
Bis vor einem Augenblick hatte Aéd geglaubt, diese Männer wären am Ende. Doch nun nahmen sie den Kriegsschrei ihre Häuptlings auf, und griffen an. Während sie eben noch auf allen Seiten gekämpft hatten, drängten sie nun nach Westen, und setzten das Werk fort, dass das Wolfsrudel begonnen hatte.
"Beeindruckt?", fragte Corgan, und grinste Aéd müde an, und wider Willen musste Aéd das Grinsen erwidern.
"In der Tat", gab er zu. "Bis eben hätte ich es einen Erfolg genannt, wenigstens ein paar von euch lebendig hier heraus zu bekommen."
"Wir sind der Stamm des Stabes", gab Corgan zurück, und hob das Schwert. "Und nicht so leicht zu brechen."

Der Kampf war immer noch hart, doch Aéd spürte, dass sich das Blatt zumindest für den Moment gewendet hatte. Er betete zu allen Göttern die er kannte, dass es ausreichen würde um die gesamte Schlacht wieder zu ihren Gunsten zu wenden. Und mit einem Mal wurde es leichter, als von einem Moment auf den anderen der Wille des Gegners zu brechen schien, und der Stamm des Ringes zurückwich. Das Banner mit dem roten Raben fiel zu Boden und wurde niedergetrampelt, und Aéd sah sich mit einem Mal Gleryon gegenüber.
"Verräter", spie er dem Häuptling entgegen, und spuckte verächtlich aus. "Ihr seid die wahren Verräter an allem, was uns immer ausgemacht hat", gab Gleryon zur Antwort, und griff Aéd ohne weiteres an.
Gleryon wollte ihn unbedingt töten, und das spürte Aéd. Er begriff, dass Gleryon nichts weiter geblieben war als Rache an denen zu nehmen, die ihn besiegt hatten, und das machte ihn umso gefährlicher. Und außerdem war er gut, und Aéd gelang es nicht, selbst in die Offensive zu gehen. Stattdessen verteidigte er sich nur, wehrte einen Schwerthieb nach dem anderen ab, und wich langsam zurück. "Ich werde dich töten, und deinem Vater deinen Wolfskopf schenken, Welpe", zischte Gleryon, doch Aéd ging nicht darauf ein. Er war vollauf damit beschäftigt sich gegen Gleryon zu verteidigen und hoffte, dass ihm bald einer seiner Männer zur Hilfe kommen würde.
Es kam niemand, und dennoch wurde Aéd gerettet. Ein kräftiger Hieb von Gleryon trieb ihn einen weiteren Schritt zurück, doch als Gleryon einen Schritt nach vorne machte trat er auf einen vom Blut rutschigen Stein, stolperte und strauchelte. Mehr brauchte Aéd nicht, er sprang vor, rammte dem Häuptling seine Schulter gegen die Brust und brachte ihn damit endgültig zu Fall. Sofort kniete Aéd sich auf Gleryons Brust, und hielt ihm die Schwertspitze an die Kehle.
"Du... hattest Glück, Welpe", stieß Gleryon hervor. "Du kannst mich nicht in einem ehrlichen Kampf besiegen."
Mit der linken Hand winkte Aéd zwei seiner Männer herbei, die in der Nähe standen, und sagte zu Gleryon: "Wenn man nicht gut sein kann, muss man eben Glück haben. Fesselt ihn, und passt auf den Verräter auf", fügte er an seine Männer gewandt hinzu. "Ich muss eine Schlacht gewinnen."

~~Forath - Die Gezeitenwende~~

Rings um Foraths Hügel herum wüteten Kämpfe. Der Stamm des Messers hatte den Hügel inzwischen beinahe ganz eingeschlossen, und der Stamm des Ringes hatte Corgan vollständig von seinem Hügel und vermutlich nach Nordosten am See entlang getrieben. Im Westen hatte Forath beobachtet, wie der Stamm der Kette den Stamm des Reifes beinahe hinter die Hügelkuppe getrieben hatte, und alle Hoffnung hatte ihn verlassen.
"Da kommen noch mehr!", brüllte Angos ihm über das Getöse der Schlacht hinweg zu, und Forath schickte seinen Gegner mit einem gezielten Hieb mit dem alten Schwert aus Gondor zu Boden. Dann blickte er nach Osten, und sah weitere Krieger über den östlichen Hügel und die Straße kommen. Sie trugen kein Banner mit sich, doch es mussten Gleryon und der Stamm des Ringes sein, die Corgan in den See getrieben und vernichtet hatten. Forath löste sich aus dem Getümmel, und sagte keuchend zu dem neben ihm stehenden Angos: "Nun, es war mir eine Ehre an eurer Seite zu kämpfen. Aber ich denke, jetzt haben die Hundesöhne uns endgültig. Es tut mir Leid, dass ich versagt habe."
Angos sagte nichts, sondern nickte nur. Ein einzelner Sonnenstrahl fiel durch die Wolken, die inzwischen den gesamten Himmel bedeckten, und auf dem anderen Hügel blitzte etwas weißes auf, bei dessen Anblick Forath der Atem stockte. "Das ist Aéd."
"Und Corgan neben ihm", sagte Angos, mit wie immer unbewegter Miene. "Wie es scheint, sind wir doch noch nicht am Ende." Und im selben Moment fielen die Neuankömmlinge dem Stamm des Messers in den Rücken.

Forath lächelte, und spürte wie die Hoffnung die Düsternis vertrieb. "Stamm des Schildes!", rief er, so laut er konnte, und für einen Herzschlag erstarben die Kämpfe rund um den Hügel, als die Angreifer allmählich den Feind in ihrem Rücken bemerkten. "Lasst uns diese Schlacht gewinnen! Angriff!" Sie griffen an, und unter ihrem Angriff wankte der Stamm des Messers, und begann zurückzuweichen.
"Vielleicht solltest du einen Blick nach Westen werfen", sagte Angos ruhig, und dort sah Forath, wie der Stamm des Gewandes dem Stamm der Kette in die rechte Flanke fiel, und sich auch dort die Formation der Feinde aufzulösen begann. Anscheinend hatten die beiden Häuptlinge klüger gehandelt als Forath erwartet hätte, und den Feind in eine Falle gelockt. Ein einziger Triumphschrei erhob sich über dem Schlachtfeld, als die Rebellen ihre Feinde von den Hügeln hinab trieben.
Forath spürte, wie sich ein idiotisches Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete, hörte sich selbst einen Schrei ausstoßen, und dann stürzte er sich selbst in den Kampf.

~~Aéd - Der Preis des Verrats~~

Die Schlacht war vorüber, als Aéd inmitten der Gefallenen auf seinen Vater traf. Forath schien etwas sagen zu wollen, brachte aber kein Wort heraus sondern schloss Aéd einfach in eine feste Umarmung. Als er Aéd losgelassen hatte, sagte Forath zu Corgan, der ebenfalls herangekommen war: "Hast du meinem Sohn etwas zu sagen?"
Für einen Augenblick herrschte Stille, doch dann sah Aéd zu seinem Erstaunen, wie Corgan grinste. "Ich habe mich ziemlich zum Narren gemacht, nicht war? Er und seine Männer scheinen tatsächlich für etwas gut zu sein - und sei es nur, jemanden wie mich aus einer bösen Klemme zu befreien. Also vergib mir meine Worte wenn du kannst, Aéd."
"Mit Freuden", erwiderte Aéd leise, aber bestimmt, und ergriff Corgans angebotene Hand. Er bemühte sich, nach außen weiterhin ruhig und entspannt zu wirken, obwohl er innerlich beinah platzte vor Freude und Stolz. Sie hatten nicht nur die Schlacht gewonnen, sondern das Wolfsrudel hatte auch dem letzten Mann im Heer seinen Wert bewiesen.
"Weißt du, Forath, dein Sohn würde eines Tages einen ziemlich guten Häuptling abgeben", meinte Corgan.
"Das mag schon sein." Aéd spürte, wie sein Vater ihn nachdenklich betrachtete. "Aber noch bin ich am Leben, und habe vor, es noch einige Jahre dabei zu belassen."
"Ha, gut gesprochen." Corgan schlug Aéd auf die Schulter, und Aéd zuckte unwillkürlich vor Schmerz zusammen, denn einer seiner Gegner hatte ihn dort mit einer Keule getroffen. Äußerlich waren zwar keine Verletzungen zu sehen, aber Aéd wusste, dass er die Schulter einige Tage nur unter Schmerzen bewegen können würde. Corgan, der offenbar nichts bemerkt hatte, fuhr fort: "Wir haben allerdings einen Häuptling, dessen Leben man durchaus um ein paar Jahre verkürzen sollte, nicht wahr, Aéd?"
Forath warf einen prüfenden Blick zwischen den beiden hin und her, und fragte dann: "Gleryon?"
Aéd nickte, und winkte Muird und Domnall, die einige Meter entfernt am Hang des östlichen Hügels mit dem Rest des Wolfsrudels standen. Beide Männer hatte kleinere Wunden davongetragen, und zogen jetzt auf Aéds Zeichen hin den gefesselten Gleryon zwischen sich her. "Ich habe ihn am Leben gelassen, weil du über ihn urteilen solltest", sagte Aéd, und Forath nickte mit zusammengebissenen Zähnen. Aéd konnte den Zorn und den Hass in den Augen seines Vaters aufleuchten sehen, als Muird und Domnall Gleryon vor ihm auf die Knie zwangen.

"Gleryon, Häuptling vom Stamm des Ringes", sagte Forath langsam, und legte die Hand an den Schwertgriff. Immer wenn Aéd dieses Schwert sah, standen ihm eigentlich vergessene Bilder vor Augen: Eine Kette Weißer Gipfel, eine unendliche Wasserfläche, und das undeutliche Gesicht einer schwarzhaarigen Frau.
"Du hast dich gegen alles gewandt, was uns als Männer Dunlands ausmacht", fuhr Forath fort, und riss Aéd damit aus seinen Erinnerungen. "Du hast uns deine Freundschaft vorgespiegelt, und uns in dem Moment, als wir dich am nötigsten brauchten, verraten. Hast du etwas zu sagen?"
"Ihr... ihr wisst nicht, welche Macht der Zauberer besitzt", stieß Gleryon hervor, und kämpfte gegen den Griff der Männer an, die ihn festhielten. "Ihr seid sowieso verloren, egal was ihr tut."
"Das erklärt nicht, was du getan hast - und nichts könnte diese Tat jemals entschuldigen. Du bezahlst nun den Preis für deinen Verrat." Mit einer einzigen Bewegung zog Forath das Schwert und stieß es dem vor ihm knienden Gleryon in die Kehle.

Als Gleryon aufgehört hatte, sich zu bewegen und vergeblich gegen den Tod anzukämpfen, sagte Corgan: "Verdammt, erinnere mich daran, dich niemals zu verraten." Forath fuhr sich mit der blutigen Hand über die Stirn, und Aéd hatte den Eindruck, als würde sein Vater gerade aus einem merkwürdigen Traum erwachen.
"Es war notwendig", erklärte Forath. "Wir können nicht zusammen stehen, wenn wir nicht lernen uns gegenseitig zu vertrauen - und dazu müssen wir zeigen was passiert, wenn dieses Vertrauen missbraucht wird. Ansonsten könnten wir gleich versuchen, auf dem Wasser zu laufen."
Bei Foraths Worten blitze vor Aéds inneren Augen das Bild der wunderschönen Frau auf, die über das Wasser des Silbersees auf ihn zukam, und er gleichzeitig glaubte er ihre Stimme zu hören: "Vereinige sie."
"Wir müssen die Stämme vereinen, zu einem Volk", hörte Aéd sich sagen. Die Augen seines Vaters blitzten, doch Corgan schnaubte: "Und wozu das? Wir sind immer gut klar gekommen, als wir dem alten Weg gefolgt sind."
"Und dennoch haben wir in Zeiten der Not einen Wolfsfürsten gewählt, der uns alle anführte", widersprach Forath ruhig, und Aéd erkannte, dass sein Vater diesen Gedanken schon lange Zeit mit sich herumtrug. "In Zeiten der Not, ja", erwiderte Corgan. "Doch dieser Krieg ist bald gewonnen, die Diener des Zauberers aus Dunland vertrieben und das Böse besiegt."
"Nein." Aéd schüttelte den Kopf, und spürte den aufmerksamen Blick seines Vaters auf sich. "Die wahre Dunkelheit liegt weiter im Osten, doch sie streckt ihre Finger auch in diese Lande aus."
"Aéd hat Recht", sagte Forath. "Ich habe diese Dunkelheit gesehen als ich in Gondor war. Es war dieser Schatten, der für Bórans Fall verantwortlich war, und wenn wir nicht dagegen kämpfen, wird Mordor die ganze Welt verschlingen."
Aéd hatte diesen Namen aus fernen Geschichten gehört, und dennoch lief ihm bei der Erwähnung ein Schauer über den Rücken, und auch auf Corgan schien er eine nicht geringe Wirkung zu haben.
Der Schatten wich erst, als Forath weiter sprach: "Doch zuerst müssen wir uns um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern. Die überlebenden Feinde sind in Richtung Nordwesten auf der Straße geflohen, also nach...
"Tharbad", beendete Aéd den Satz seines Vaters.
"Ganz genau." Forath nickte grimmig. "Tharbad."
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Curanthor

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Reise über Stock und Stein
« Antwort #20 am: 14. Feb 2017, 03:22 »
Mathan, Oronêl, Kerry, Halarîn, Adrienne, Finelleth, Celebithiel, Forath und Aéd aus Tharbad

Die Abreise aus Tharbad fiel Mathan nicht sonderlich schwer, denn die ganzen neugierigen Bewohner am Hafen waren ihm doch etwas unangenehm. Zwar wurden die Manarîn mit deren Schiffen am meisten gestaunt, doch auch ihnen wurden einige Blicke zugeworfen. Sobald sie das Stadttor hinter sich gelassen hatten, war Halarîn an ihn herangetreten und sich wortlos bei ihm eingehakt. Sie liefen an der Spitze und führten die Gruppe auf einer breiten Straße südlich des Sumpfes, der direkt an die Stadt grenzte.
"Ist das hier schon das Dunland?", fragte Adrienne plötzlich, die zu ihnen aufgeschlossen hatte.
Mathan nickte und das Mädchen verschwand wiede nach hinten um mit Kerry zu plaudern, deren Laune sich wenig besserte. Dennoch schienen die beiden Mädchen sich gut zu verstehen, dann Adrienne redete aufgeregt auf seine Tochter ein, deren Mundwinkel sich ab und zu hoben. Er ahnte, dass Etwas schief gelaufen sein musste, aber er hielt sich erstmal zurück. Kerry musste auch selbst mit den Dingen fertig werden und er konnte auch nicht seine Aufgaben vernachlässigen. Sein Blick fiel auf Oronêl, der mit Celebithiel und Finelleth hinter den beiden Menschenmädchen ging. Die Elben drei sprachen miteinander ruhig und überlegt. Seine guten Ohren schnappten ein paar Vermutungen auf, die Finelleth gerade anstellte. Halarîn zupfte ihm an Ärmel und ließ ihn nach vorn Blicken. Mittlerweile waren sie schon außer Sichtweite der Stadt, was ihm erst gar nicht aufgefallen war. Rasch blickte er auf die Karte, die er zuvor herausgeholt hatte. Zufrieden stellte er fest, dass sie auf dem richtigen Weg lagen. Vor ihnen breiteten sich die Nîn-in-Eilph aus, oder auch Schwanenfleet. Trübe war das Wasser, das von der Sonne beleuchtet wurde und man konnte dutzende Mückenschwärme über den Sümpfen erkennen. Fiese kleine Biester, dachte Mathan sich und schüttelte sich. Zwar war er noch nie gestochen worde, doch Erzählungen reichten ihm, diese Dinger zu meiden. Kurz fragte er sich, ob Elben überhaupt auf der Speiserkarte der Blutsauger standen, verwarf den Gedanken jedoch rasch und beschloss es auch nicht auszuprobieren. Grübeln stapfte er weiter, die plaudernde Gruppe hinter ihm, die sich ebenfalls in Bewegung setzte. Seit etwas mehr als einem Monat reiste Mathan schon fast ohne Pause umher, seine Muskeln haben sich bereits nach einer Woche wieder an die alte Belastung gewöhnt. So bekam er nicht mit, dass nach einem längeren Marsch die Menschen etwas zurückfielen. Adrienne war die Erste, die sich zu Wort meldete, woraufhin sie eine Pause einlegten. Kerry schien auch erschöpft, denn sie setzte sich auf einen Stein, der etwas weiter weg von der Straße war. Daneben lag ein großer, umgestürzter Baumstamm, der relativ einladend aussah. Kurz darauf saßen sie auf dem Stamm und verschnauften etwas, wobei die Elben nur kurz Platz nahmen. Mathan setzte sich neben Kerry und drückte ihr wortlos die Hand, dann wandte er sich an sie und Adrienne, da sie nebeneinander saßen. "Ihr hab lange durchgehalten. Ich bin in meine alten Gewonheiten gerutscht, da ich damals tagelang unterwegs war und kaum Pausen brauche. Sobald ihr müde werdet, meldet euch bitte.", bat er sie mit einem freundlichen Lächeln und nickte, ehe er sich erhob, "Der nächste Abschnitt geht abseits der Straße, wir laufen parallel zu den Schwanenfleet nördwärts.", sprach er nun so laut, dass jeder ihn verstand. Die übrigen Elben nickten und schulterten ihre wenigen Habseligkeiten, was sogleich der Rest ihnen gleichtat. Adrienne stand als letzte auf, woraufhin Mathan sie fragend anblickte. "Der Kampf war anstrengend auf mehreren Ebenen", erklärte sie rasch und wollte schon gehen, doch er hielt sie zurück. "Adrienne, du musst mir nichts erklären. Du bist meine Schülerin und ich werde dich trainieren. Ich möchte, dass dein Schwert ziehst und damit in der Hand weiterwanderst. Du wirst es die ganze Zeit in der Hand halten", sagte er mit einem ernsten Blick. Sie zögerte kurz, ihre Hand zitterte etwas, als sie sie um den Knauf des Schwerts legte. Er konnte sehen, wie die Erinnerungen sie zurückhielten. Ihr Stolz siegte und das Mädchen zog die Waffe. Mathan lächelte und drückte die Klinge von ihr mit einem Finger nach unten, da sie zwischen ihnen stand. "Sehr gut. Das wird dir helfen ein Gefühl für das Gewicht und die Reichweite der Klinge zu geben. Das Schwert ist dein verlängerter Arm und du musst den Arm trainieren und nicht immer nur dann, wenn du ihn brauchst.", erklärte er, woraufhin sie eifrig nickte. Er hob eine Augenbraue, doch sie lächelte nur scheu. Mathan hatte eine Frage erwartet, doch Adrienne nickte und schloss zu den Anderen auf, die schon etwas vorgegangen waren. Er beschleunigte seine Schritte und setzte sich wieder an die Spitze, wo ihn Halarîn wieder mit einem warmen Lächeln begrüßte. Sie wirkte noch immer etwas blass und ihr Bauch wölbte sich schon bemerkbar. Als sie seinen Blick bemerkte grinste sie. "Ich weiß noch, wie das ging, keine Sorge. Ich werde kein Hindernis sein, das weißt du.", sprach sie mit einem schelmischen Lächeln.
Mathan lachte leise und neckte sie am Hals und Nacken, woraufhin sie lachte und sich schüttelte. Er wusste sehr wohl, dass sie keine Belastung ist, schließlich war sie bereits schwanger gewesen und die Situation war so ähnlich. Nur, dass sie sich damals im tiefsten Süden Mittelerdes befanden, weit ab der üblichen Wege und Reiche. Sie folgten einen verwachsenen Pfad und nach einger Zeit schloss Forath auf, der sich ebenfalls etwas in dem Gebiet auskannte. Gemeinsam führten sie die Gruppe durch das unwegsame Gelände, zwischen größeren Hügeln und vereinzelten Aufläufern der Schwanenfleet, ohne jedoch irgendwelche Insekten zu treffen. Zur allgemeinen Erleichterung hatten sie nach einem halben Tagesmarsch die Schwanenfleet hinter sich gelassen und marschierten durch eine etwas trockenere Einöde, in der hohe Gräser zwischen Geröll lag. Forath warnte die Gefährten, sich nicht den Fuß zu brechen, indem man zwischen Felsen trat. So arbeiteten sie sich vorsichtig vor und verloren mehr Zeit als zuvor bei den Schwanenfleet. Nach einigen Pausen und einer nervenraubender Zeit legten sie ihre erste große Pause zur Nacht ein. Mathan bestand darauf die erste Wache zu übernehmen, während sich die Gefährten in ihre Umhänge oder Decken hüllten. Zur Sicherheit verzichteten sie auf ein Feuer um keine Feinde auf sich aufmerksam zu machen. Halarîn erwachte etwa in der Hälfte der Nacht und löste ihn ab, doch auch sie bemerkte nichts verdächtiges.

Am nächsten Morgen brachen sie früh auf und mehr oder weniger ausgeruht. Adrienne wirkte etwas frischer und schon bald kicherte sie leise mit Kerry, die immer wieder die Köpfe zusammensteckten. Mathan wechselte einige Worte mit Oronêl und informierte den Sindar darüber, dass die Karte Eregions, die er ihm ein paar Monate zuvor gausgeliehen hatte einige Runen besaß, die man nicht erkennen konnte. Auf den fragenden Blick hin musste Mathan schmunzeln.
"Eigentlich darf ich nicht darüber reden, da es nur den Schmiedemeistern vorbehalten war... aber wenn es soweit ist, erkläre ich es.", erklärte er und bemerkte den Blick von Finelleth, die ihn aufmerksam musterte, "Ist etwas?", fragte er an sie gewandt.
"Nein... ich habe mich nur gefragt, woher du das weißt. Wenn es nur den Schmiedemeistern vorbehalten war.", antwortete sie und konnte dabei nicht ganz ihre Neugierde verbergen.
Mathan lachte leise und wedelte mit der Karte umher, "Ich war selbst oft genug in den Schmieden und habe dort auch selbst gearbeitet. Da sollte man den Ort doch gut kennen, oder?" Zwar war die Frage nur rethorisch, doch Finelleth schien eine Spur zu erröten.
"Das kann sie ja nicht wissen, so lange kennt sie dich ja auch nicht", verteidigte Oronêl sie und Mathan hob abwehrend die Hände. "Stimmt auch wieder", entgegnete er grinsend und warf einen Blick auf seine Karte. Mit einem Seufzen verstaute er sie und schloss zu Forath auf, der nun mit seinem Sohn an der Spitze lief. Halarîn war hinter den beiden und danach kam Adrienne. Er lächelte den Drei im vorbeigehen zu und lauschte schließlich einigen Erzählungen von dem Häuptling über dess Stamm, während sie sich weiter in Richtung Norden begaben.

Sie legten noch zwei Pausen ein, bis die Nacht anbrach, welche aber auch ereignislos verlief. Abgesehen davon, dass Halarîn einmal übel wurde aber ansonsten schliefen alle durch. Am nächsten Morgen zogen sie weiter, wobei das Gelände nicht weniger unwegsam wurde und ihnen viel Zeit kostete. Am vierten Tag ihrer Reise erreichten sie die nördlichen Gebiete des Dunlands, wo Forath sich bestens auskannte. Mathan kamen die groben Strukturen nur wage bekannt vor, da er sich damals nur selten im Dunland aufgehalten hatte. Aéd wurde immer redseliger, je näher sie dessen Heimat kamen, was Mathan leicht nervte, dennoch war es interessant etwas über die neuen potentiellen Nachbarn zu erfahren. Nachdenklich betrachtete er die Umgebung und ergriff Halarîns Hand, die neben ihm ging. Mit einem schelmischen Lächeln raubte er sich einen Kuss von ihr und stapfte weiter.
« Letzte Änderung: 14. Feb 2017, 17:41 von Fine »

Eandril

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Re: Dunland
« Antwort #21 am: 14. Feb 2017, 14:26 »
Die breite, offenbar erst relativ kürzlich angelegte Straße, machte einen Bogen nach Norden um einen Hügel herum, und führte durch die Senke zwischen den Hügeln geradewegs auf das Dorf zu, das vor ihnen lag. Oronêl erinnerte sich an die Stelle, hier hatten er und Orophin vor Monaten die Straße überquert, bevor er sich ins Dorf geschlichen hatte. Beim Anblick des Dorfes, das zwischen den Hügeln nahe des Glanduin-Ufers in der Sonne lag, war Forath stehengeblieben und hatte seinem Sohn einen Arm um die Schulter gelegt.
"Es ist schön, nach Hause zu kommen - und sei es nur so kurz", sagte er, und erklärte an die Elben gewandt: "Es ist jetzt über zwei Monde her, dass ich zuletzt hier war. Aéd hat es besser, er war erst vor ungefähr einem Mond hier um unsere verbliebenen Krieger in die Schlacht zu rufen."
"Und trotzdem kommt es mir vor wie eine Ewigkeit", meinte Aéd. Sein Blick fiel kurz auf Kerry, die ihm entschieden auswich, und auch Aéd sah schnell wieder woanders hin. Oronêl unterdrückte einen Seufzer - beide hatten seit ihrem Aufbruch aus Tharbad kein Wort gewechselt, und Kerry hatte auch mit ihm selbst nur das nötigste gesprochen. Oronêl war nicht zufrieden mit der Situation, doch er hatte wichtigeres im Kopf, als sich um die Launen eines jungen Mädchens zu kümmern - der Ring in seiner Tasche schien immer schwerer zu wiegen, je näher sie Eregion kamen, und Oronêl musste immer mehr  Willenskraft aufwenden, nicht ständig an ihn zu denken. Finelleth schien es ähnlich zu gehen, denn auch sie wurde schweigsamer, je geringer der Abstand zu ihrem Ziel wurde.
Sie folgten der Straße bis zum Dorf, wo nur zwei alte, mit rostigen Speeren bewaffnete Männer Wache standen, und Forath freudig begrüßten. Auf dem Weg durch das Dorf sammelte sich eine kleine Menschenmenge hinter ihnen, fast ausschließlich Frauen, Kinder und Alte, die vor allem die Elben neugierig betrachteten. Oronêl war die Aufmerksamkeit ein wenig unangenehm, und beinahe wünschte er sich, wie bei seinem ersten Besuch über die Dächer der Hütten springen zu können, verborgen vor den Augen der Bewohner. Schließlich erreichten sie den freien Platz vor dem großen Haus, das Forath anscheinend seit Bórans Tod bewohnte. In der Tür des Hauses standen eine kleine, ein wenig rundliche Frau, und drei Kinder, zwei Mädchen und ein Junge. Sobald sie Forath und Aéd erblickten, stürmten die beiden Mädchen los, während der Junge sich einen Teil seiner Würde bewahren wollte und ihnen etwas langsamer folgte.
Das jüngere Mädchen prallte so heftig gegen Aéd, dass der junge Krieger ein wenig schwankte, während das ältere Forath in eine feste Umarmung zog.
Der Häuptling lächelte, strich seiner Tochter durch die langen braunen Haare, und sagte an die Elben gewandt: "Meine Töchter, Lynet und Eryn." Er deutete zuerst auf das ältere Mädchen, dann auf das jüngere. Eryn stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte ihrem älteren Bruder etwas ins Ohr, dass ihn zum Lächeln brachte, während Lynet ihren Vater losließ, einen Knicks machte, und hauchte: "Es ist mir eine Ehre." Dabei betrachtete sie vor allem Kerry und Adrienne mit wachem Interesse.
Auch Eryn löste sich von Aéd, deutete eine Verbeugung an und murmelte etwas unverständliches.
Forath deutete auf die beiden übrigen Mitglieder seiner Familie, die inzwischen herangekommen waren, und sagte: "Henwas, mein zweiter Sohn - und meine Frau, Brigid." Henwas verneigte sich ernst, während Brigid die Gruppe nur aufmerksam betrachtete. "Derjenige, dem wir Bórans Ende verdanken, kehrt zurück", sagte sie schließlich, während ihr Blick auf Oronêl lag. Dann wanderten ihre Augen über Mathan und Halarîn, Finelleth, Celebithiel, und blieben zuerst an Adrienne und zuletzt an Kerry hängen. "Das Mädchen aus Gondor mit der dunklen Vergangenheit, und das Mädchen aus Rohan. Ich habe von euch geträumt, denke ich."
Beide Mädchen wechselten einen unbehaglichen Blick, und Forath verzog das Gesicht. "Nun komm schon, Frau. Reicht es nicht, dass die beiden in einem Dorf voller Leute stehen, die vor wenigen Monaten womöglich ihre Feinde gewesen wären?"
Brigid blinzelte rasch, als würde sie aus einem Traum erwachen, und schüttelte dann den Kopf. "Natürlich", meinte sie entschuldigend. "Kommt alle herein, wenn ihr mögt, und ruht euch von eurer Reise aus. Und du..." Sie wandte sich ihrem Mann zu. "Du erzählst mir alles, was geschehen ist, und Aedir wird darauf achten, dass du nichts auslässt."
Nach einem Moment der Stille grinste Forath, und zog seine Frau in seine Arme. "Ha, ich würde lügen wenn ich sagen würde, ich hätte dich nicht vermisst."
Trotz Brigids Einladung hatte sich noch keiner der Elben vom Fleck gerührt, und es war Eryn, die das Schweigen brach. Sie quetschte sich plötzlich zwischen Oronêl und Mathan hindurch, blieb vor Adrienne stehen und sagte: "Du hast ein Schwert. Ich darf kein Schwert haben." Dabei warf sie ihren Eltern über die Schulter einen empörten Blick zu. Auf Adriennes Gesicht verwandelte sich der überraschte Ausdruck langsam in ein Lächeln, als sie sich zu dem Mädchen herunterbeugte und leise sagte: "Das liegt daran, dass ich schon viel älter und größer als du bin."
Eryn stellte sich auf die Zehenspitzen, und erwiderte kichernd: "Aber ich bin schon fast genauso groß!" Das brachte alle zum Lachen, und selbst Kerrys Mundwinkel zuckten kurz. Dann stand auch schon Lynet, die ihrer jüngeren Schwester langsamer gefolgt war vor ihr, und fragte ein wenig atemlos: "Wenn du aus Rohan kommst... hast du mal ihre Königin gesehen, oder eine Prinzessin? Wie sahen sie aus, und was haben sie für Kleider getragen? Und hast du eine Elbenkönigin gesehen?" Bei den letzten Worten sah sie kurz zu den Elben hinüber.
"Eins nach dem anderen, meine lieben Töchter", sagte Forath lächelnd, bevor Kerry antworten konnte. "Unsere Freunde haben einen weiten Weg hinter sich, und sollten sich erst einmal ein wenig ausruhen können, bevor ihr sie weiter mit Fragen zuschüttet."
Ernster fügte er hinzu, an den Rest der Gruppe gewandt: "Einige von euch mögen schlechte Erfahrungen mit Dunländern gemacht haben, vielleicht habt ihr sogar Freunde oder Verwandte im Kampf gegen uns verloren haben." Auch er sah dabei Kerry an, die seinem Blick im Gegensatz zu dem Aéds nicht auswich. "Ich erwarte von niemandem, dass er uns mag oder lieb gewinnt." Bei diesen Worten fiel sein Blick auf Mathan und Celebithiel, die beide bislang wenig Zuneigung zu den Dunländern gezeigt hatten. "Ich hoffe nur, dass uns die Gelegenheit gegeben wird zu beweisen, dass wir uns ändern und an eurer Seite stehen können anstatt gegen euch zu kämpfen. Solange ihr hier seid, droht euch keine Gefahr, also ruht euch aus und entspannt euch ein wenig, bevor... wir weiterziehen müssen."

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Foraths Dorf
« Antwort #22 am: 14. Feb 2017, 16:13 »
Kerry saß neben Lynet auf einem gefällten Baumstamm, dessen Oberfläche abgeschliffen worden war, um als bequeme Sitzfläche zu dienen. Der Ort, an den Foraths Töchter Kerry und Adrienne gebracht hatten, lag unter einem mächtigen Baum, der auf einem kleinen Hügel am Rand des Dorfes stand und einen guten Überblick über Foraths Heimatort gab. Und Kerry stellte fest, dass zumindest einige Dunländer wohl gar nicht so übel waren.
Eryn unterhielt sich hauptsächlich mit Adrienne, die ihr nach einiger Zeit sogar erlaubt, das Schwert in die Hand zu nehmen. Lynet hingegen schien sich viel mehr für Kerry zu interessieren und erstaunte sie damit, dass es sie nicht im geringsten zu stören schien, dass ihre neue Freundin aus Rohan kam.
"Ich habe diese seltsame Feindschaft sowieso nie richtig verstanden," sagte das Mädchen und zuckte mit den Schultern. "Die Alten sagen, dass die Menschen Rohans unseren Vorfahren ihre Heimat weggenommen und sie nach Dunland vertrieben haben. Aber es ist doch alles schon so lange her. Und außerdem mag ich es hier."
"Es stimmt, es ist wirklich schön hier," gab Kerry zu. Das Dorf des Stamms des Schildes strahlte Frieden und Ruhe aus und die Mittagssonne ließ Kerry sogar etwas schläfrig werden. Sie erinnerte sich daran, dass es in Hochborn ähnlich gewesen war. Als sie noch ein Kind gewesen war, hatte sie oft mit ihrem Onkel Cynewulf gespielt, der ihr unter anderem das Reiten beigebracht hatte und ein sonnigeres Gemüt als sein älterer Bruder besessen hatte. Kerry fragte sich, ob er wohl ebenfalls noch am Leben war. Gemeinsam mit seinem Bruder - Kerrys Vater - war Cynewulf mit den Rohirrim des Königs nach Gondor geritten, ehe der Sturm aus dem Osten über das Land hereingebrochen war.
"Um auf meine Fragen von vorhin zurückzukommen," sagte Lynet und riss Kerry aus ihren Gedanken. "Es tut mir Leid, dich dort ein wenig aus der Fassung gebracht zu haben: du hattest ja nicht einmal Zeit, richtig anzukommen. Aber jetzt finde ich, dass du entspannt genug aussiehst." Sie zwinkerte Kerry zu und fragte: "Ich habe gehört, dass Rohan von einer Königin regiert wird, deren Schönheit geradezu sagenhaft ist. Stimmt das? Und was hat sie so für Sachen an? Kennst du sie?"
"Ihr Name ist Éowyn, die Weiße Herrin von Rohan," erzählte Kerry. "Ich habe sie nur einige Male in der Hauptstadt Edoras gesehen, wenn ich meinen Vater besucht habe. Damals war sie aber noch nicht Königin. Das geschah irgendwann nachdem ich Rohan verlassen habe. Ich kann dir also leider nicht sagen, wie sie sich heutzutage kleidet, aber früher hatte sie eine Vorliebe für edle weiße Kleider, daher auch ihr Beiname." Sie beschrieb Lynet die Gelegenheiten, bei denen sie Éowyn zu Gesicht bekommen hatte und beantwortete geduldig die Zwischenfragen, die Foraths Tochter stellte. Als Kerry zwischendurch einen Seitenblick zu Adrienne warf, sah sie, dass die junge Gondorerin auf der an den Hügel angrenzenden Wiese neben Eryn stand und ihr vormachte, welche unterschiedlichen Deckungs- und Paradehaltungen ihr Schwert ihr ermöglichte.
"Wenn du möchtest, kann ich dir auch ein bisschen über die Elben erzählen," bot Kerry freundlich an. Sie stellte fest, dass sie Lynet wirklich mochte. Sie war nicht aufdringlich, wie ihr ältester Bruder, sondern herzlich und besonnen.
"Da fragst du noch? Na los, ich will alles wissen!" antwortete Lynet strahlend.
"Also zunächst zu deiner letzten Frage: Ja, ich habe eine Elbenkönigin gesehen - erst vor wenigen Tagen, in Tharbad. Dein Vater hat sie auch gesehen."
"Ist das wirklich wahr? Was hat sie dort gemacht? Und was hat sie getragen?"
Kerry beschrieb Faelivrins silbernes Kleid und die königliche Ausstrahlung, die ihre Adoptivschwester an diesem Tage getragen hatte. Sie erzählte Lynet von der Schlacht um Tharbad und von der Rolle, die die Elben dabei gespielt hatten und deutete an, dass Faelivrin eines baldigen Tages ganz in der Nähe vorbeikommen würde, um nach Eregion zu ziehen.
"Diese Gelegenheit werde ich mir nicht entgehen lassen," meinte Lynet freudenstrahlend. "Meinst du, sie würde... sie würde mir eine Audienz gewähren?"
Kerry grinste. "Natürlich würde sie das. Sie ist immerhin meine Schwester."
Lynets Gesichtszüge zeigten großes Erstaunen. "Deine Schwester? Aber wie ist das möglich?"
Fröhlich erzählte Kerry Foraths Tochter von ihrer Adoption und wie es dazu gekommen war. Als sie geendet hatte, nickte Lynet beeindruckt.
"Das bedeutet, wir sind bald Nachbarn! Wenn du bei deinen Eltern in Eregion wohnen wirst, können wir uns oft besuchen!"
"Ja," bestätigte Kerry. "Das wäre schön."

Eine halbe Stunde später stand Kerry mit Lynet in dem kleinen Raum in Foraths Haus, das seine beiden Töchter sich teilten und hielt ein hellblaues, elbisches Kleid in den Händen. Es war nur eines von dreien, die Nivim ihr geschenkt hatte, und Kerry war stets aufs Neue darüber erstaunt, wie klein es sich zusammenrollen ließ und somit kaum Platz in ihrer Tasche wegnahm. "Das müsste dir bestimmt passen," sagte sie zu Lynet und reichte dem Dunländermädchen das Kleid. Kerry drehte sich um und wartete, bis es hinter ihr aufgehört hatte, zu rascheln. Das elbische Kleid passte Lynet recht gut, auch wenn es vielleicht an einer Stelle noch etwas zu weit war. Lynet strahlte und drehte sich um die eigene Achse. "Das fühlt sich wirklich schön an," schwärmte sie.
"Du darfst es gerne behalten," sagte Kerry großzügig.
"Wirklich? Oh Kerry, das wäre einfach wunderbar!"
Kerry nickte. "Ja, wirklich." Es tat ihr gut, Lynet diese Freude zu machen. Als das Mädchen stehenblieb, fiel Kerry etwas ein. "Lynet, du hast doch gefragt, ob ich mal eine Prinzessin gesehen habe. Ich hatte es zwischendurch vergessen, aber die Antwort lautet Ja. Ich habe eine gesehen, und sie ist sogar mit mir in dieses Dorf gekommen," sagte sie lächelnd.
"Jetzt sag' nicht, dass du..." gab Lynet staunend von sich.
"Was, ich?" wunderte sich Kerry und lachte. "Nein, nein, ich könnte niemals eine Prinzessin sein. Und die Elbin, von der ich spreche, sieht auch nicht wirklich nach einer Prinzessin aus - sie will nämlich gar keine sein. Aber ihr Vater ist ein König und das bedeutet nun mal - "
"Du solltest wirklich lernen, deine flinke Zunge im Zaum zu halten," sagte Finelleths Stimme, und Kerry und Lynet fuhren herum. Thranduils Tochter lehnte in der Tür, ein Wurfmesser auf ihrem Zeigefinger balancierend. "Also, was mache ich nun mit euch? Ich kann nicht zulassen, dass ihr mein Geheimnis im ganzen Land verbreitet." Ihre Augen glitzerten gefährlich. "Ich denke, ich werde euch einfach die Zungen herausschneiden - das tut nur ein bisschen weh, und verheilt schnell. Komm, Kerry, am besten fangen wir mit dir an..." Sie machte drei schnelle Schritte auf Kerry zu und packte sie am Arm. Kerry schrie auf, das Messer schnellte auf ihren offenen Mund zu und... verharrte kurz davor. Lynet hatte entsetzt die Hände vor den Mund geschlagen und war bleich geworden, und Kerry stellte fest, dass sie für einen kurzen Augenblick tatsächlich geglaubt hatte, Finelleth würde ihr wirklich die Zunge herausschneiden. Doch dann zog die Elbin das Messer weg und kicherte laut drauflos, was Oronêl anlockte, der den Kopf zur Tür hereinsteckte.
"Was geht denn hier vor?" fragte er neugierig.
"Gar nichts" rief Lynet schnell und man hörte, dass sie nicht recht wusste, was sie von der Sache halten sollte.
"Ich bringe den jungen Leuten etwas Benehmen bei, gwador," sagte Finelleth ungerührt. "Möchtest du mitmachen?"
"Vielleicht sollte ich das," erwiderte Oronêl und stellte sich neben die Waldelbin. "Hat Kerry etwa geplaudert?"
"Ich werde es niemandem erzählen," versprach Lynet.
"Was wirst du niemandem erzählen?" hakte Oronêl nach.
"Dass deine Freundin die unheimlichste Prinzessin der Welt ist," stieß das Mädchen hervor.
"Das ist sie," bestätigte Kerry. Und als sie Oronêl ansah, und sich ihre Augen für einen Moment trafen, stellte Kerry fest, dass sie gar nicht auf ihn wütend gewesen war... sondern auf sich selbst. Er schien das Verstehen in ihren Augen zu sehen und nickte ihr freundlich zu. "Es tut mir..." setzte Kerry an, doch Oronêl hob die Hand.
"Es ist gut. Du hast es eingesehen, und das reicht mir." Lächelnd klopfte er Kerry auf den Rücken, während Finelleth bewundernd über das Kleid strich, das Lynet noch immer trug.
"Das steht dir gut, kleine Forathstochter. Kerry sollte es dir schenken... zur Wiedergutmachung für den Schrecken, den ich dir eingejagt habe."
"Habe ich bereits gemacht," warf Kerry ein.
"Umso besser," meinte Finelleth.
"Wie schön, seid ihr schon Freunde geworden?" sagte Foraths Frau Brigid, die gerade hereinkam. Als sie ihre Tochter sah, entfuhr ihr ein überraschter Laut. "Oh, Lynet, davon habe ich geträumt... kurz vor deiner Geburt. Wie schön. Wie schön meine Tochter geworden ist!" Sie umarmte ihre Tochter freudig. Als sie Lynet wieder freigab, sagte Bridig: "Es wird bald ein Festmahl geben; zur Feier der Rückkehr des Häuptlings und seines Sohnes, und ihres Sieges. Und ihr alle seid herzlich eingeladen, mir bei den letzten Vorbereitungen zu helfen!" Ihr Ton machte klar, dass sie keine Widerrede duldete. Doch Kerry nahm es Foraths Frau nicht übel. Sie freute sich darauf, beim Kochen zu helfen; denn dazu hatte sie seit Fornost keine Gelegenheit mehr gehabt.
"Mal sehen, ob Oronêl scharfe Gewürze verträgt," wisperte sie Finelleth zu, während sie Brigid durch die Häuptlingshütte folgte...
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Aéds Geschichte
« Antwort #23 am: 15. Feb 2017, 19:09 »
"Denk' gar nicht erst dran," sagte Oronêl, der natürlich jedes Wort gehört hatte. "Elbenohren, schon vergessen?"
"Das ist unfair," gab Kerry zurück, während sie eine Kartoffel in Würfel schnitt.
"Du solltest doch inzwischen gelernt haben, dass es dir nicht gut tut, Geheimisse zu haben," stichelte Finelleth, die mit erstaunlicher Geschwindigkeit Karotten und anderes Gemüse mit ihren Messern in kleine Stücke zerlegte. "Umso besser für dich, dass du von Leuten umgeben bist, die jeden weiteren Versuch im Keim ersticken."
"Ich wollte mir nur einmal etwas Spaß erlauben," antwortete Kerry schmollend.
"Auf meine Kosten?" gab Oronêl zurück. "Du hast doch bestimmt gesehen, wozu das in Ringechad geführt hat, als Finelleth es versucht hat."
"Das kriegst du noch zurück, mein lieber Oronêl," drohte Finelleth mit einem bösen Lächeln. "Ich werde es nicht vergessen."
"Darauf zähle ich," erwiderte Oronêl.

Kurz darauf saß die ganze Gruppe am reich gedeckten Tisch, an dessen Kopfende Forath auf einem erhöhten Sitz thronte. "Das Mahl ist hiermit eröffnet!" rief er. Es gab mehr als genug. Kerry, die zwischen Lynet und Finelleth saß, vermied es jedoch, Aéd anzusehen, der ihr schräg gegenüber neben Oronêl saß. Sie wollte sich jetzt nicht die gute Laune verderben lassen.
"Wollt ihr wirklich morgen schon weiterreisen?" fragte Lynet.
"Wir haben es leider etwas eilig," sagte Finelleth. "Wir haben dringende Dinge in Eregion zu erledigen. Oder besser gesagt, loszuwerden.´"
"Aber wenn das geschafft ist kannst du uns besuchen kommen!" warf Kerry begeistert ein. "Und dann stelle ich dich meiner nésa vor, der Elbenkönigin!"
Lynet strahlte. "Das würdest du tun? Obwohl ich eine Dunländerin bin?"
Kerry blinzelte mehrfach, überrascht von dieser Aussage. Und dann wurde ihr klar, dass Lynet mit ihrem Bruder Aéd geredet haben musste. "Ja," sagte sie leise. "Obwohl du eine Dunländerin bist... und ich von den Rohirrim abstamme."
"Gut," befand Lynet und nickte Kerry wissend zu. "Es sollte auch keinen Unterschied machen. Wir sind Menschen, egal aus welchem Land wir stammen."
Das machte Kerry nachdenklich, und grüblerisch verbrachte sie den Rest des Abendessens, während die gute Stimmung am Tisch rings um sie herum weiter anhielt.

Als es bereits dunkel geworden war kehrten Kerry und Lynet zu der Bank unter dem großen Baum zurück, auf der sie den Großteil des Nachmittags verbracht hatten. Der Vollmond hing tief über dem Dorf und tauchte es in ein geheimnisvolles silbernes Licht. Es war noch immer so warm dass Lynet trotz des luftigen elbischen Kleides nicht zu frieren schien.
"Was wolltest du mir hier zeigen?" fragte Kerry ihre neue Freundin.
"Das," sagte Foraths Tochter und zeigte auf ihre Heimat, die sich vor ihnen ausbreitete. "Mein Zuhause. Hier leben normale Menschen. Das wollte ich dir zeigen."
"Und das hast du. Dafür danke ich dir. Als Kind habe ich immer nur schlimme Geschichten über die Dunländer gehört... ich dachte, es wäre ein Volk von Wilden. Und als Aéd mir stolz von seiner ersten Schlacht erzählte, da fühlte ich mich bestätigt."
"Ich verstehe," sagte Lynet und stand rasch auf. "Aber ich bin nicht diejenige, die das hören muss."
Hinter ihr tauchte eine in Schatten gehüllte Gestalt auf. Als er ins Licht des Mondes trat, erkannte Kerry Lynets Bruder. Aéds Gesichtsausdruck war schwer zu deuten: Vorsicht und Nachdenklichkeit lagen darin, doch in seinen Augen spiegelte sich auch ein Funken Mut wider.
"Hallo, Kerry," sagte er leise, während sich Lynet rücksichtsvoll zurückzog und kurz darauf verschwunden war.
"Hallo, Wolf," gab sie zurück und beduetete ihm, sich neben sie zu setzen. "Ich habe gehört, was du gesagt hast. Und es tut mir Leid, dass ich so mit meinen Taten angegeben habe," begann er. Kerry sagte nichts, sondern nickte ihm aufmunternd zu. Sprich weiter, bedeutete das.
"Ich... bin nicht in den Krieg gegen Rohan gezogen, weil ich die Menschen dort hasste," fuhr Aéd fort. "Ich war damals sechzehn Jahre alt, und beneidete all die Krieger, die nach Süden zogen und Ruhm erringen konnten. Also ging ich mit, heimlich und gegen den Willen meines Vaters, denn er hatte bereits damals begriffen, dass die Rohirrim - er nannte sie niemals Forgoil, wie der Rest unseres Volkes - nicht unsere Feinde waren."
Kerry nickte erneut. Auch ihr war das nun klar geworden, im Bezug auf die Dunländer.
"Ich kämpfte an den Furten des Isen, tötete einen Mann, und verlor zwei meiner Freunde, die mit mir gegangen waren. Ich hasste die Männer nicht, gegen die ich kämpfte, im Gegensatz zu vielen anderen meiner Gefährten," setzte Aéd seine Geschichte fort. "Nach der Schlacht wurden wir weiter nach Rohan hinein entsandt, doch ich blieb zurück, weil ich in der Schlacht verwundet worden war. Damals war mir nicht klar, was die Aufgabe war, die Saruman den Dunländern zugedacht hatte, doch später, als ich mit dem Rest des Heeres gegen die Hornburg zog, sah ich es. Wir sollten plündern, rauben und morden - den Geist Rohans brechen. Das war nicht der Krieg, wie ich ihn mir vorgestellt hatte, und es ekelte mich an, Frauen, Kinder und Alte zu töten."
Er machte eine Pause und blickte zu Boden, ehe Aéd fortfuhr. "Die Schlacht in Helms Klamm war... Ich selbst habe nicht gekämpft, weil ich für den letzten Ansturm eingeteilt war. Und dennoch war die Schlacht das Schrecklichste, was ich je erleben musste. Ich begriff allmählich, dass ich - und der Rest der Dunländer - auf der falschen Seite stand. Dort, hinter den Mauern der Hornburg, standen Männer wie wir, die nur ihr Leben und das ihrer Liebsten beschützen wollten. Und wir kämpften an der Seite von Orks, die der Zauberer gezüchtet hatte, um die Menschen zu vernichten? Und was sind wir, wenn nicht ebenfalls Menschen? Saruman benutzte unseren uralten Hass, den wir seit Generationen hegen und pflegen, anstatt ihn zu überwinden, um sicherzustellen dass wir und die Rohirrim uns gegenseitig auslöschen würden.
Als der Weiße Reiter kam und die Schlacht sich wendete, warf ich meine Waffen nieder und ergab mich ohne zu zögern - es war der Tag meines siebzehnten Geburtstags, und ich wollte nicht mehr kämpfen. Ich erwartete gefesselt, geschlagen und gefoltert zu werden, und ich hatte es im Voraus als Strafe für meine Taten akzeptiert. Doch nichts davon geschah - wir wurden zwar nicht allzu freundlich behandelt, und mussten schuften um die Schäden wiedergutzumachen, die wir angerichtet hatten, doch wir wurden weder geschlagen noch gefoltert, noch mussten wir hungern. Damals erkannte ich, dass die Rohirrim nicht nur Menschen wie wir waren, sondern vermutlich sogar bessere Menschen."
"Vielleicht nicht alle von uns," warf Kerry ein, doch Aéd schüttelte leicht den Kopf.
"Die Jahre danach waren nicht einfach, denn außer meinem Vater war niemand der Meinung, dass der Krieg gegen Rohan enden müsste," sagte er. "Erst nach und nach gelang es uns, einen Teil unseres Stammes auf unsere Seite zu ziehen, und gleichzeitig in Bórans Gunst aufzusteigen. Und jetzt... Kerry, ich habe gesehen, was im Osten lauert und welcher Schatten über der Welt liegt. Ich habe dein Volk nie gehasst, und es tut mir leid, was mein Volk deinem angetan hat. Es geht schon lange nicht mehr um Land, denn dies ist nun unsere Heimat und ich glaube nicht, dass wir sie verlassen wollen. Es wird Zeit, den Hass zu überwinden und uns zu verbünden, gegen den Osten, gegen... Mordor. Doch dazu reicht es nicht, wenn wir auf euch zugehen - die Rohirrim müssen bereit sein, ihren eigenen Hass zu vergessen, und den Dunländern zu vergeben.
Als ich das erste Mal mit dir darüber gesprochen habe... Wollte ich prahlen. Ich wusste nicht, dass du aus Rohan kommst, doch auch so war es falsch, und es tut mir leid. Kannst du mir vergeben?"
Kerry atmete tief durch. Sie wusste, dass sie einige Zeit brauchen würde, um darüber nachzudenken. Doch sie sah auch, dass Aéd nicht auf eine Antwort warten konnte oder wollte. Also beschloss sie, ihrem Bauchgefühl zu vertrauen. "Ich verzeihe dir, Wolf. Und es tut mir ebenfalls Leid, dass ich Vorurteile gegen dich und dein Volk hatte. Weißt du, es war deine Schwester Lynet, die mir gezeigt hat, dass ihr kein Volk von grausamen Wilden sondern ganz normale Menschen wie die Leute aus Rohan seid. Und ich finde, wir sollten damit aufhören, uns von Saruman oder von sonst wem auch immer für ihre Kriege benutzen lassen. Du sagst, du hast gesehen, was im Osten lauert. Ich habe es auch gesehen, als mein Dorf von Orks niedergebrannt wurde. Ich habe gesehen, was der Dunkle Herrscher mit der Welt der Menschen anstellen will. Deshalb müssen die Rohirrim und die Dunländer aufhören, gegeneinander zu kämpfen und gemeinsam gegen den Schatten im Osten vereint stehen. Also... kannst du mir auch verzeihen?"
"Für die Ohrfeige? Nein, die hatte ich verdient," sagte Aéd grinsend. "Aber das Vorurteil verzeihe ich dir, Kerry. Danke, dass du ehrlich zu mir bist. Das bedeutet mir viel."
"Mir auch," sagte Kerry. "Mir auch."


Aéd-Teile by Eandril
« Letzte Änderung: 15. Feb 2017, 20:33 von Fine »
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Curanthor

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Elbische Gefühle
« Antwort #24 am: 16. Feb 2017, 03:34 »
Die Ankunft in Foraths Dorf war für Mathan zwar erleichternd, aber gleichzeitig waren ihm die Blicke der Dunländer unangenehm. Schon bald würden sie in seine alte Heimat gehen, den Ort wo er geboren wurde und stunden-, nächte und tagelang umhergewandert ist. Bei seiner Suche nach den Spuren des Freundes von Oronêl war er nicht so weit in den Norden gekommen. Zumindest nicht soweit wie jetzt. Mathan saß grübelnd auf einem Dach eines alten Stalls, der momentan nicht genutzt wurde und blickte sehnsüchtig nach Norden. Die Nacht war bereits hereingebrochen und weckte somit die Geister seiner Vergangenheit. Er erinnerte sich, dass es hier einige Kämpfe gegeben hatte und eine große Schlacht, kurz vor der Belagerung von der Hauptstadt. Hier war der Ort, wo er seinen Kampfgeist verlor und seinen Vater alleine zurückgelassen hatte. Ihm war bewusst, dass er während des Festmahls nicht sonderlich gesprächig oder höflich gewesen war. Trotzdem wollte er nicht jedem erklären, dass es nicht gerade einfach war nach dreitausend Jahren wieder nach Hause zu kommen. Zumindest in dem Land, in dem man aufgewachsen ist und seine ersten Erfahrungen gesammelt hatte, denn seine Heimat stets war dort, wo seine Familie sich aufhielt. Halarîn war bereits früh schlafen gegangen, da sie sich nicht wohl fühlte und Kerry schien sich mit den anderen Mädchen zu unterhalten. Faelivrin war wahrscheinlich noch immer in Tharbad und verwaltete dort die Ankunft ihres Volkes. Er seufzte und blickte hinauf zu den Sternen. Ob seine Mutter ebenfalls gerade in die Sterne blickte, schoss es ihn durch den Kopf. Seine Hand legte sich auf das kühle Medallion und er ließ seinen Blick zum Mond schweifen, der ab und zu von einzelnen Wolken verdeckt wurde. Einzelne Stimmen drangen an sein Ohr und er meinte sogar Kerrys Stimme zu hören, doch er blendete es aus. Diese Nacht war für ihn alleine. Es war wie vor tausenden Jahren, als er ganz alleine draußen vor den Toren Ost-in-Edhils gelegen hatte. Der Mond war öfters zu sehen gewesen als jetzt, aber die Sterne waren noch genauso wie damals. Auch lag er nicht in dem hohen Gras, das am Fuße des Hügels der Stadt wuchs, sondern hockte auf einem hölzernen Balken, der den First des Stalls bildete. Trotzdem kam es ihm etwas unwirklich vor. Der Blick in den Himmel gerichtet und das Amulett in der Hand saß er noch eine ganze Weile lang dort. Mathan hatte wenig in seinem Leben getan, was er bereute und nachdem er in Ringechad deutliche Spuren von seiner Mutter fand, noch wengier. Er bereute es nicht, sie nicht schon eher gesucht zu haben, denn das Schicksal hatte ihn von ganz alleine auf ihre Spur geführt. Erneut hallten ihre Worte in seinem Gedanken nach: Es ist ein Meisterwerk, doch unser wahres Meisterwerk, mein Sohn, das bist du.
Ein Klotz stieg in seinem Hals auf und mit Mühe konnte er sich gerade noch zusammenreißen. In seinen Gedanken hörte er die liebliche Stimme seiner Mutter sprechen, ihre kühlen Hände berührten seine Wange und er zuckte zusammen. Mathan öffnete die Augen. Sie waren ihm zugefallen und etwas hatte sein Gesicht berührt. Rasch blickte er sich um, doch konnte man nichts entdecken, es war tief in der Nacht und er saß noch immer auf dem First der Scheune. Zu seinem Glück war er nicht heruntergefallen und atemte tief ein. Der frische Nordwind beruhigte sich etwas und ließ den Elben den Kopf schütteln. Er war zu sehr im Gedanken gewesen, denn es war das erste Mal, dass er richtig darüber nachdachte, was ihm seine Mutter für eine Nachrichter hinterließ. Er wusste, dass sie immer gern Rästel machte. Alleine schon die Karte war nicht gerade einfach gewesen, die ihn zu dem Versteck geführte hatte.
Nachdenklich ließ er sich erneut ihre Worte durch den Kopf gehen, die sie ihm in der Eiswüste hinterlassen hatte.
Nun musst du den nächsten Abschnitt meistern, doch dieses Mal werde ich ein Teil davon sein.
Mathan setzt sich auf und fragte sich, was sie genau damit meinte. Einen Teil davon sein?, wiederholte er im Gedanken und strich über die Knaufe der Silmacil.
Grübelnd zeichnete er eine Sternrune nach, während er sich den Kopf zerbrach, wie sie das gemeint haben könnte. Ihm war klar, dass sie nicht die Waffen im Sinn hatte. Seine freie Hand fuhr zum Medallion, eine Geste, die er sich in den letzten Tagen angewöhnt hatte, denn sie half ihm beim Nachdenken. Doch auch das half nicht und Mathan seufzte erneut, den Blick wieder in den Himmel gerichtet. Mittlerweile hatte sich eine Wolkendecke gebildet, sie einen weiteren Blick auf die Sterne verhinderte. Er deutete das als ein Zeichen und seufzte schwer. Ihm war bewusst gewesen, dass es nicht einfach wäre wieder nach Eregion zu gehen. Doch bereits jetzt stellte sich eine gewisse Schwermütigkeit bei ihm ein. Auf leisen Sohlen schlich er sich durch das Dorf und erschreckte dabei ein paar Wachen, da er plötzlich vor ihnen auftauchte. Schließlich gelangte er in die Kammer, die er sich mit Halarîn teilte und schloss ab. Die Gedanken noch immer an Eregion hängend, zog er sich das Oberteil aus und legte nachdenklich das Amulett beiseite. Dabei konnte er sich eine einzelne Träne nicht erwehren. Diese Nacht würde nicht leicht werden und die folgenden Tage auch nicht, dennoch muss er stark sein. Nicht weil er dazu gezwungen war, sondern weil er es so wollte. Vorsichtig krabbelte Mathan unter die Decke neben Halarîn. Sobald er sich hingelegt hatte, bewegte sie sich und schien ihm den Kopf zuzudrehen.
"Alles in Ordnung?", fragte sie leise und strich ihm über die Wange.
Ohne etwas zu sagen zog er sich an sich und betete seinen Kopf an ihre Schultern, einzelne Tränen benässten ihre Haare. Mathan schämte sich ihrer nicht und atmete nur hin und schwer ein und aus.

Eandril

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Re: Dunland
« Antwort #25 am: 17. Feb 2017, 13:37 »
Bereits früh am nächsten Morgen brachen sie auf. Vom Glanduin her war dünner Nebel die Hügel hinauf gekrochen, und die Luft war kühl - der Sommer klang allmählich aus, und der Herbst rückte näher. Oronêl überprüfte noch einmal den Sitz seiner Ausrüstung, während er vor dem Haus des Häuptlings auf die anderen wartete. Mathan war bereits dort, doch er stand ein Stück entfernt an die Wand einer Hütte gelehnt und wirkte nicht so, als ob er mit jemandem reden wollte, also hatte Oronêl beschlossen, ihn in Ruhe zu lassen. Es musste schwer sein, in die Überreste seiner alten Heimat zurückzukehren, und Oronêl konnte Mathan verstehen. Er wusste nicht, wie er selbst reagieren würde, sollte sein Weg ihn jemals wieder nach Lórien führen.
Nach und nach versammelten sich auch die übrigen Gefährten. Finelleth wirkte wie häufig in letzter Zeit tief in Gedanken. Seit sie den Ring des Hexenkönigs an sich genommen hatte, kamen ihr eigentlich fröhliches und freundliches Gemüt, ihr Hang zum Spott und die schalkhaft funkelnden Augen nur noch selten zum Vorschein - der letzte Abend war eine dieser Ausnahmen gewesen. Auch um ihretwillen hoffte Oronêl, dass sie die Schmieden sobald wie möglich finden und die Ringe loswerden könnten, denn er vermisste die Finelleth, die sie vorher gewesen war.

Forath verließ gemeinsam mit Brigid das Haus, und hatte ihr einen Arm eng um die Taille geschlungen. Beide redeten leise und eindringlich miteinander, und obwohl Oronêls Ohren empfindlich genug waren, um sie hören zu können, konnte er nicht verstehen was sie sagten, denn sie benutzten die Sprache der Dunländer. Schließlich küsste der Häuptling seine Frau innig, gleichgültig, wer sie dabei sehen konnte, und ließ dann den Blick über die Gruppe schweifen. Aéd kam kurz nach seinen Eltern aus dem Haus, gefolgt von Adrienne und Kerry, die von Foraths Töchtern begleitet wurden. Beide Mädchen redeten aufgeregt auf die beiden älteren ein, und schienen gar nicht begeistert davon zu sein, ihre neuen Freundinnen schon wieder gehen lassen zu müssen. Auch Celebithiel und Halarîn waren inzwischen eingetroffen, und so waren die Gefährten nun vollständig.
"Also gut", sagte Forath laut, und schien sich zu straffen. "Wollen wir aufbrechen und... die Welt retten?"
Oronêl musste lächeln. "Das ist vielleicht ein bisschen viel verlangt. Aber wir können unseren Beitrag dazu leisten." Ihm fiel auf, dass Kerry und Aéd einander nicht länger auswichen - anscheinend hatten sie es geschafft zu klären, was zwischen ihnen gestanden hatte. Oronêl vermutete stark, dass die Bekanntschaft mit dem weniger kriegerischen Rest von Foraths Familie Kerry dabei geholfen haben mochte.
Mathan hatte ein paar leise Worte mit Halarîn gewechselt, und sagte nun: "Bereit zum Aufbruch."
Während der Rest der Gefährten wartete, umarmten Forath und Aéd nacheinander ihre ganze Familie, und Oronêl hörte Aéd zu seiner jüngsten Schwester, der jetzt die Sorge ins Gesicht geschrieben stand, sagen: "Keine Sorge, Prinzessin. Wir kommen heile zurück, ich verspreche es."

Sie verließen das Dorf in östlicher Richtung, auf der Straße die sich am Südufer des Glanduin entlang zog. "In etwa zehn Meilen kommt eine Furt, dort können wir den Fluss überqueren", erklärte Forath, der mit Oronêl und Mathan an der Spitze der Gruppe ging. "Das ist zwei Meilen westlich der Stelle, an der ein zweiter kleiner Fluss in den Grenzfluss mündet."
"Wir haben ihn Sirannon genannt, den Torbach", warf Mathan leise ein, schüttelte dann den Kopf als wollte er eine Erinnerung vertreiben, und ließ sich nach hinten zu Halarîn zurückfallen.
"Es scheint ihm schwerzufallen, dorthin zu gehen", sagte Forath leise. "Warum?"
"Eregion war früher seine Heimat", erklärte Oronêl. "Stell dir vor, du kommst nach über dreitausend Jahren an den Ort zurück, an dem beinahe jeder, den du in deiner Jugend kanntest, einschließlich deines Vaters, getötet und alles was du kanntest und liebtest, zerstört wurde. Das würde, denke ich, jedem schwerfallen."
Forath nickte langsam. "Ich bin kein Elb und werde niemals so lange leben, aber... ich glaube, ich verstehe. Wenn mein Dorf vor meinen Augen zerstört würde, und meine Freunde und Familie getötet... ich würde nie wieder dorthin zurückkehren wollen."
Unwillkürlich wurde Oronêls Blick von den fernen Berggipfeln im Osten angezogen, und seine Gedanken schweiften kurz zu dem, was auf der anderen Seite lag. Auch er wollte niemals nach Lórien zurückkehren, und die Zerstörung sehen, die Saruman verursacht hatte.

Wenige Stunden später erreichten sie die Furt, von der Forath gesprochen hatte, und überquerten die Grenze Eregions.

Die ganze Gruppe nach Eregion
« Letzte Änderung: 17. Feb 2017, 21:08 von Fine »

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Eandril

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Re: Dunland
« Antwort #26 am: 8. Mär 2017, 14:13 »
Oronêl, Finelleth, Aéd, Celebithiel und Kerry aus Eregion...

Bevor die Fünf aufgebrochen waren, war Aéd noch einmal in die Schmiede zurückgekehrt - allein, und als er zurückkehrte trug er ein rundes Bündel mit sich. Oronêl ahnte, was es enthielt, doch er fragte nicht nach. Während sie sich ausruhten, und nach der Dunkelheit der Schmiede die warme, spätsommerliche Sonne genossen, hatten sie eine Trage aus einigen stabilen Ästen gebaut, auf die sie Forath legten, als es Zeit zum Aufbruch war.
Sie waren am Nachmittag von der Schmiede aufgebrochen, und als sie die Furt über den Glanduin erreichen, die die Grenze zu Dunland bildete, war die Nacht hereingebrochen. Sie beschlossen, hier ihr Nachtlager aufzuschlagen und erst am nächsten Tag weiterzugehen, denn das Dorf war noch einige Wegstunden entfernt. Inzwischen hatte Oronêl sich einigermaßen erholt, denn seine Verletzungen waren vornehmlich Prellungen und Stauchungen gewesen, die sich nach ein wenig Bewegung schon deutlich besser anfühlten. Als er ein kleines, rauchloses Feuer entfacht hatte, ließ er den Blick über seine Gefährten schweifen, die alle Spuren des Erlebten trugen. Mathan und Halarîn fehlten, denn wie angekündigt waren sie mit Amarin in der Schmiede zurückgeblieben. Sie konnten Mathans Vater im Augenblick nicht allein lassen, und Amarin war nicht in der Lage, eine Reise nach Dunland zu unternehmen. Mathan mit seinem Vater zu sehen war ein merkwürdiges Gefühl für Oronêl gewesen. Sein eigener Vater war bereits so lange fort, dass die Erinnerung an ihn beinahe verblasst war, und er wusste, er würde ihn in Mittelerde niemals wiedersehen. Umso mehr freute er sich für Mathan, dass dieser seinen totgeglaubten Vater gefunden hatte, und er hoffte dass es gelingen würde, dessen Geist mit der Zeit zu heilen.
Auch Adrienne war in Eregion zurückgeblieben, denn wie sie sagte (sodass Aéd es nicht hören konnte), hatte sie kein großes Interesse daran, erneut von einer Horde haariger Dunländer begafft zu werden, und wollte lieber Mathan und Halarîn helfen.
Oronêls Blick wanderte über Aéd, der im flackernden Feuerschein bleich und erschöpft aussah, doch nicht länger von Trauer überwältigt, zu Kerry, die ein Stück neben ihm saß und begonnen hatte, etwas zu essen vorzubereiten. Oronêl war durchaus aufgefallen, dass Aéd sich immer zu entspannen schien, wenn sie in der Nähe war oder sein Blick sie traf - und dass sie diese Blicke keineswegs mehr unangenehm zu finden schien. Er fragte sich, ob es nur Mitleid war, oder etwas mehr.
Ein Stück weiter traf sein Blick auf Celebithiel, die den gesamten Weg über schweigsamer als üblich gewesen war. Sie war blass, und die Wunde in ihrem Arm bereitete ihr sichtlich Schmerzen. Zum Glück war das Schwert des Hexenkönigs gewöhnlicher Stahl gewesen und keine verfluchte Morgulklinge, doch die Wunde war tief und schmerzhaft. Insgeheim hoffte Oronêl, im Dorf bereits auf die Vorhut der Manarîn zu treffen, unter denen sich sicherlich fähige Heiler befinden würden.
Finelleth saß ein Stück vom Feuer entfernt auf einem umgestürzten Baumstamm, die Beine angezogen und die Arme um die Knie geschlungen. Als Oronêl sich neben sie setzte, zuckte sie zusammen, sagte aber zunächst kein Wort. Auch Oronêl schwieg, denn er wusste, wenn sie reden wollte, würde sie beginnen, und betrachtete gedankenverloren sie Sterne am wolkenlosen Himmel.
Schließlich begann sie langsam: "Als der erste Ring vernichtet war... hatte ich das Gefühl, dass eine fremde Macht mich beherrschte. Diese Macht wollte unbedingt verhindern, dass ich den Ring des Hexenkönigs ins Feuer warf und... Ich sah Bilder vor meinen Augen, was geschehen würde wenn ich es tat. Wie das Waldlandreich brannte, wie alle meine Freunde starben, und zuletzt... mein Vater. Und selbst wenn ich seine Entscheidungen nicht verstehe, er ist noch immer mein Vater, und... ich liebe ihn deswegen nicht weniger. Verstehst du das, gwador?"
Oronêl legte ihr den linken Arm um die Schultern. "Ich verstehe es, Faerwen."
Finelleth lächelte schwach, als sie ihn anblickte und fragte: "Warum nennst du mich so? Als du mich in der Schmiede angerufen hast, hast du bereits diesen Namen benutzt, und als du mich geweckt hast, ebenfalls. Warum nicht mehr Finelleth?"
"Ich weiß nicht..." Oronêl zuckte mit den Schultern. "Finelleth passt zu dir, und dennoch... im Augenblick scheinst du eher Faerwen, Thranduils Tochter zu sein. Du hast zuerst an deinen Vater gedacht, als ich dich in der Schmiede geweckt habe."
"Das ist wahr", erwiderte Finelleth, und warf ihm dann einen ängstlichen Blick zu. "Du bist doch nicht wütend deswegen?"
Oronêl lächelte und schüttelte den Kopf. "Nein, bin ich nicht. Aber... du weiß was das heißt." Finelleth blickte zu Boden. "Ja." Sie seufzte tief, und hob dann den Blick hinauf zu den Sternen. "Ich weiß. Ich muss... zu ihm gehen. Es ins Reine bringen. Und ich will es auch tun, aber... ich habe Angst davor", gab sie leise zu.
"Ich werde mit dir kommen", erwiderte Oronêl, und in diesem Moment lag sein weiterer Weg endlich klar vor ihm. Die ganze Zeit hatte er ein Ziel gehabt, den Ring des Nazgûl zu zerstören. Doch jetzt, wo es gelungen war, hatte er nicht länger gewusst, was seine Aufgabe war - bis zu diesem Moment. Da seine eigene Aufgabe erfüllt war, würde er seine Freunden helfen, dafür sorgen, dass sie alle diesen Krieg überstanden. Er würde alles dafür tun. Oronêl lächelte. "Schließlich ist Thranduil mein Vetter... Zeit für ein Familientreffen."

Zum dritten Mal betrat Oronêl das Dorf am Südufer des Glanduin. Das erste Mal war er heimlich gekommen, unbemerkt von den Dunländern und auf der Suche nach Amrothos und dem Ring, der jetzt nicht mehr existierte. Das zweite Mal waren sie im Triumph von Tharbad gekommen, auf dem Weg die Ringe zu vernichten und nun kehrten sie zurück - auch im Sieg, doch dieser Sieg hatte einen traurigen Beigeschmack. Am östlichen Rand des Dorfes hatte sich eine kleine Gruppe Menschen versammelt, doch Oronêl erkannte überrascht, dass Faelivrin und ihre Leibwächter unter ihnen waren. Ganz vorne stand Brigid, die der Gruppe ruhig und gefasst entgegenblickte. Als Oronêl und Aéd Foraths Trage vor ihr sanft absetzten, ließ sie den Blick über den Körper des gefallenen Häuptlings schweifen und sagte leise: "Ich habe gewusst, was geschehen würde, und dennoch... der Gedanke, dass er nicht mehr hier ist, ist merkwürdig. Als wäre die Welt ein wenig leerer geworden."
Niemand sagte etwas, doch Kerry ging stumm zu Faelivrin hinüber, und die Königin schloss sie in die Arme. Auf Aéds Wange zuckte ein Muskel, als Brigid den Kopf hob und sagte: "Hattet ihr wenigstens Erfolg? Ist mein Mann nicht umsonst gestorben?"
"Wir haben die Aufgabe erfüllt, zu der wir aufgebrochen sind", begann Oronêl, und Celebithiel ergänzte: "Zwei der neun Ringe existieren nicht länger, und ihre Macht ist vergangen. Der Schatten im Osten hat einen schweren Schlag erlitten."
"Und es wäre ohne Foraths Hilfe nicht möglich gewesen", sagte nun wieder Oronêl. "Auch wenn es wahrscheinlich ein schwacher Trost ist."
"Das ist es", erwiderte Brigid, und schüttelte langsam und traurig den Kopf, ohne den Blick von Foraths Gesicht abzuwenden. "Und dennoch..." Ein seltsamer Ausdruck trat auf ihr Gesicht, als wäre ihr etwas schreckliches eingefallen. "Die Kinder... bei allen Göttern, wie sage ich es den Kindern?"
"Ich helfe dir", sagte Aéd mit rauer Stimme, die ersten Worte, die er seit ihrer Ankunft sprach, doch Brigid schüttelte erneut den Kopf. "Nein. Du wirst anderswo gebraucht." Ihr Blick schweifte von ihm über Kerry und Oronêl bis hin zu Faelivrin. "Ihr alle werdet anderswo gebraucht..." Sie blickte wieder ihrem Stiefsohn fest in die Augen. "Wie dein Vater angewiesen hat, haben sich die anderen Häuptlinge hier versammelt - doch sie wollten nicht warten, bis ihr aus Eregion zurück seid. Sie haben sich in der alten Kampfstätte versammelt, um einen Wolfskönig zu wählen."
Ein Ausdruck der Entschlossenheit trat in Aéds Gesicht, und Oronêl war sich sicher, dass er an die letzte Aufforderung seines Vaters dachte. "Nicht ohne mich", sagte er leise und mit fester Stimme.
"Kommt mit mir", sagte er an Kerry und Oronêl gewandt, und zu Faelivrin sagte er: "Dies betrifft euch ebenso, Herrin, denn ihr werdet in unserer direkten Nachbarschaft leben. Ich bitte euch, kommt ebenfalls mit mir." Faelivrin schien einen kurzen Augenblick zu überlegen, dann nickte sie. "Du hast recht, Forathssohn. Dein Vater hat uns in Tharbad freundlich willkommen geheißen, und ich will tun was ich kann damit sein Sohn seinen rechtmäßigen Platz einnimmt."
Aéd ging mit schnellen Schritten voran, gefolgt von Oronêl, Faelivrin und Kerry, und den drei Leibwächtern der Königin. Während sie durch das Dorf eilten, fragte Faelivrin leise: "Was ist mit meinen Eltern? Geht es ihnen... gut?" Oronêl nickte, und lächelte. "Ja, es geht ihnen gut. Aber sie haben in der Schmiede etwas gefunden... oder vielmehr jemanden, der ihre Hilfe braucht."
Faelivrin zog überrascht eine schmale Augenbraue in die Höhe. "Sie haben jemanden gefunden? Wen?"
"Amarin. Mathans Vater", erwiderte Kerry an Oronêls Stelle, und Faelivrins Gang stoppte kurz. "Amarin... ich dachte, er wäre tot... lange vor meiner Geburt gefallen."
"Das dachte Mathan ebenfalls, doch er hat überlebt", meinte Oronêl. "Allerdings braucht er Hilfe, und... nun, am besten ist es, wenn du es selbst siehst und dein Vater selbst es dir erzählt."

Sie erreichten den Kampfplatz hinter dem großen Haus, wo sich eine große Menge Krieger versammelt hatten. Aéd schob ohne Zögern Männer nach links und rechts zur Seite, und bahnte ihnen so einen Weg. Als sie auf die freie Fläche in der Mitte des Kampfplatzes hinaustraten, waren sie von einem Ring aus Dunländern umgeben, und Kerry ergriff ein wenig verunsichert Faelivrins Hand. Ihnen gegenüber standen sechs Männer, hinter denen Banner mit verschiedenen Zeichen in den Boden gerammt waren: Ein blutiges Messer, ein Ring, ein Stab, ein leeres Gewand, eine Kette und ein eiserner Reif. Nur das Schild, für den Stamm des Schildes fehlte.
Der Mann unter dem Banner des Ringes verzog das bärtige Gesicht beim Anblick der Neuankömmlinge. "Willkommen, Aéd Forathssohn. Ich bin sicher, es gibt einen wichtigen Grund für dich, diese Versammlung zu stören... noch dazu mit solchem Gefolge."
"Den gibt es allerdings", erwiderte Aéd, und trat ein Stück vor. "Doch zuerst wüsste ich gerne, wie diese Versammlung zustande kommt - ohne die Anwesenheit des Häuptlings des Stammes des Schildes."
"Es schien uns unwahrscheinlich, dass ihr von dieser... Unternehmung... lebendig zurückkehren würdet", entgegnete der Mann unter dem Banner der Kette mit atemberaubender Selbstsicherheit. "Und da der Stamm des Schildes damit für die nächste Zeit praktisch führerlos ist, und die Zeit drängt... Wo ist dein Vater überhaupt?"
Oronêl sah, wie Aéds Rücken sich anspannte, und der junge Krieger tief durchatmete.
"Mein Vater ist tot." Stille senkte sich über den Ring, und der Häuptling, den Oronêl als Corgan erkannte, und als einer der wenigen überhaupt nicht zufrieden mit der Situation zu sein schien, sagte: "Tot. Wie?"
Aéd warf einen kurzen Blick über die Schulter zu Oronêl und Kerry, und löste das rundliche Bündel von seinem Gürtel. "Er fiel in den Schmieden von Eregion, im Kampf gegen Sarumans Botschafter Angbaug. Doch sein Tod blieb nicht lange ungerächt." Mit einer raschen Bewegung zog er etwas rundes aus dem Bündel, und warf es den Häuptlingen entgegen. Angbaugs Kopf prallte mit einem dumpfen Schlag in den Staub, rollte ein Stück und blieb dann auf dem Stumpf des Halses liegen, das zu einer Grimasse verzerrte Gesicht den Häuptlingen zugewandt. Oronêl hörte, wie Kerry neben ihm scharf die Luft einzog.
Hatte sich zuvor Stille über den Platz gelegt, so war es nun Totenstille. Der Häuptling des Messers und der der Kette wechselten einen raschen Blick, und schließlich sagte der erste gedehnt: "Nun... der Verlust Foraths, eines der größten Anführer die das Volk der Dunländer hervorgebracht hat, ist äußerst traurig und erschütternd. Und dich, Aéd Forathssohn, beglückwünsche ich im Namen der Versammlung zu der raschen und geglückten Rache seines Todes. Allerdings... der Tod deines Vaters macht dich nicht zum Häuptling. Ich muss dich also bitten, auf deinen Platz zu gehen." Er deutete auf den Rand des Kampfplatzes, wo sich die gewöhnlichen Krieger drängten.
Oronêl hatte Verunsicherung bei Aéd erwartet, doch als der Häuptlingssohn lachte wurde ihm klar, dass er damit gerechnet hatte.
"Du hast Recht, Yven vom Stamm des Messers, das ist ein Problem." Aéd breitete die Arme aus, und sprach nun direkt die Krieger im Kreis um die Versammlung der Häuptlinge an. "Männer vom Stamm des Schildes! Ihr alle wisst wer ich bin und was ich getan habe, also spare ich mir die Angeberei mit meinen Taten. Wer spricht dagegen, dass ich, Aéd Forathssohn, das Erbe meines Vaters als Häuptling dieses Stammes antrete?"
Wieder lag Stille über dem Platz, bis schließlich jemand aus der Masse der Krieger rief: "Es gibt keinen Würdigeren." Zustimmendes Gemurmel erhob sich unter den Männern des Schildes, und schließlich trat ein junger Mann auf den Platz hervor, in dem Oronêl Domnall erkannte, der mit ihnen in Tharbad am Tor gekämpft hatte. Er trug ein helles, eng zusammengerolltes Bündel, und als er es entrollte erkannte Oronêl das Fell eines weißen Wolfes. Domnall hielt Aéd das Fell entgegen und sagte: "Du hast recht, wir alle wissen wer du bist - Aéd, Häuptling vom Stamm des Schildes!" Aéd nahm den Pelz langsam entgegen und war ihn sich um die Schultern, obwohl die Sonne schien und es nicht kalt war. Im Sonnenlicht schimmerte das weiße Fell, und Domnall rief: "Hoch Aéd, Häuptling vom Stamm des Schildes!" Aus der Menge der Zuschauer antwortete ein donnerndes "HOCH!" Allerdings hatte höchstens die Hälfte der Männer den Ruf aufgenommen - die anderen gehörten, vermutete Oronêl, nicht zum Stamm des Schildes. Aéd hatte in der Zwischenzeit das Wolfsfell an seinen Schultern befestigt, und wandte sich nun wieder mit einem liebenswürdigen und gleichzeitig gefährlichen Lächeln den anderen Häuptlingen zu.
"Damit wäre das beschlossen... und nun, Yven und ihr anderen würdigen Häuptlinge, werdet ihr mich zu eurem Wolfskönig wählen."
Seine Worte riefen Tumult hervor, als Häuptlinge und Krieger gleichermaßen durcheinander schrien. Niemand schien damit gerechnet zu haben, dass ein junger Mann, der gerade eben zum Häuptling über seinen eigenen Stamm ernannt worden war, sofort nach der Herrschaft über alle Dunländer greifen würde. Und niemand schien es akzeptieren zu wollen. Der einzige, der nicht schrie sondern nur Aéd aufmerksam beobachtete, war Corgan, der Häuptling vom Stamm des Stabes.
Schließlich kehrte wieder ein wenig Ruhe ein, und Yven, der der Wortführer der Versammlung zu sein schien, schickte sich an das Wort zu ergreifen. Es kam Oronêl merkwürdig vor, dass der Häuptling eines Stammes, der erst vor wenigen Tagen besiegt worden war, nun das Wort in einer Versammlung der Häuptlinge führte. Offenbar war Foraths Bündnis noch instabiler gewesen, als dieser geahnt hatte.
"Und mit welchem Recht beanspruchst du diese Ehre, Aéd Forathssohn?", fragte er, und Aéd antwortete: "Mit dem Recht der Vernunft - oder dem Recht des Stärkeren, wenn du darauf bestehst." Er schenkte Yven erneut ein freundliches Lächeln, in dem jedoch etwas unbestreitbar wölfisches zu sehen war. "Ich biete euch keine Eroberungen und keine Kriegsbeute an", sprach Aéd weiter, an die Häuptlinge wie die einfachen Krieger gerichtet. "Sondern Frieden - für den Moment. Einen Frieden, in dem wir uns erholen können von den Wunden und Verlusten der vergangenen Jahre, in dem wir wachsen und stärker werden können. Einen Frieden mit unseren elbischen Nachbarn im Norden", er deutete auf Faelivrin, "und mit Rohan im Süden." Bei den letzten Worten erhob sich ein Raunen in der Menge, doch Aéd fuhr unbeirrt fort: "Und wenn es soweit ist, werde ich euch erneut in den Kampf führen - doch nicht gegen die Menschen Rohans, sondern an ihrer Seite gegen den Schatten im Osten, den Schatten, der ein Feind aller Menschen ist und die ganze Welt überziehen wird, wenn wir nicht handeln. Mein Vater ist für diesen Traum gestorben, und ich würde ebenso mein Leben hingeben, um das zu erreichen."
Er verstummte, und nach einem Moment des Schweigens entgegnete Yven spöttisch: "Ein Traum - genau das ist es. Dieser Junge versucht uns Angst zu machen mit Geschichten von irgendeinem Schatten, der uns alle töten wird. Hat einem von euch schon mal ein Schatten irgendein Leid getan?" Leises Gelächter war in der Menge zu hören, und Oronêl spürte, wie Aéd die Kontrolle über die Versammlung zu entgleiten begann. "Nein, ich weiß, was er vorhat - dieser Freund von Elben und Forgoil, der selbst nur ein halber Dunländer ist", sprach Yven hasserfüllt weiter. "Er will uns einschüchtern, er will uns schwächen, mit seinem Gerede von Frieden. Uns, das Volk der Dunländer! Wir nehmen uns was uns gehört, mit Feuer und Schwert! Eines Tages werden wir über die Länder des Südens kommen, und die Forgoil davontreiben, wenn sie es nicht erwarten! Das verspreche ich, Yven, Sohn des Yven, euch! Seht ihn euch an, seht seine Freunde. Aéd predigt uns von Frieden, doch er will nur seine kleine Geliebte von den Pferdemenschen in Sicherheit wissen!" Sein Gesicht verzog sich zu einem hässlichen Grinsen, als er auf Kerry deutete. "Jeder sieht doch, dass die Kleine zu den Forgoil gehört... aber hübsch ist sie immerhin, und er will verhindern, dass ihr das Schicksal erspart wird, was allen Forgoil-Frauen blüht wenn wir über sie kommen!" Oronêl legte die Hand auf den Axtgriff und unterdrückte mühsam den Zorn, der ihn bei diesen Worten überkommen hatte. Aus der Menge war zustimmendes Murmeln zu hören, doch nicht alle schienen mit Yven einer Meinung zu sein. Viele schwiegen, und eine große Gruppe schüttelte die Köpfe und murrte ablehnend. Doch Oronêl wusste, es würde nicht reichen - und stellte in diesem Moment entsetzt fest, dass Kerry nicht länger neben ihm stand, sondern zwei Schritte nach vorn gemacht hatte und nun neben Aéd stand.
"Du hast recht, Yven, Yvens Sohn", sagte sie laut, und ihre Stimme zitterte nur am Anfang ein wenig. "Ich bin Déorwyn, Cynerics Tochter aus Rohan... doch ich bin auch Ténawen Morilië aus dem Haus Nénharma. Dort steht Faelivrin, meine Schwester und Königin der Manarîn. Und ihr könnt euch sicher sein, dass ihr sie ebenfalls zum Feind haben werdet, wenn ihr Krieg gegen Rohan führt." Oronêl sah sie lächeln, obwohl die Wut in ihrer Stimme nicht zu überhören war. "Und gegen diese Elben könnt ihr nicht gewinnen, nicht entzweit und uneins wie ihr seid, und nicht wenn ihr auch noch Krieg gegen Rohan führen müsst. Saruman kann euch nicht länger helfen, und wenn ihr nicht Aéds Weg folgt, werdet ihr untergehen - spätestens, wenn Saurons Horden dieses Land erreichen."
Yven war blass geworden und einen Schritt zurückgetreten, während Corgan und einige der anderen Häuptlinge beinahe unmerklich lächelten. Yven öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch Oronêl trat vor und legte Kerry die Hand auf die Schulter.
"Kerry spricht im Zorn - und doch die Wahrheit", sagte er. "Ich habe einmal an diesem Ort um mein Leben und meine Freiheit gekämpft - als Bóran Häuptling dieses Stammes war. Ich habe damals gesehen, dass die Dunländer Ehre und Größe besitzen können, und das sie fehlgeleitet sind. Wenn ihr den Worten dieses Mannes Glauben schenkt, werdet ihr diese falsche Führung niemals abschütteln, bis zu eurem Untergang.
Euch ist ein Unrecht getan worden, als ihr aus eurer alten Heimat vertrieben worden seid. Doch wie viele eurer Generationen ist das her? Wie viele Generationen haben in diesem Land gelebt und es liebgewonnen? Es gibt niemanden mehr unter euch, der sich an eure alte Heimat in Rohan erinnert. Das Land ist nun die Heimat der Rohirrim, ebenso wie dieses Land nun eure Heimat ist, und niemand sollte jemanden vertreiben. Ihr könnt euren Hass und eure Kränkung in den Herzen behalten und hegen und pflegen, doch dann werdet ihr niemals euren Frieden finden. Nicht hier, nicht in Rohan oder irgendeinem anderen Land. Forath hatte das erkannt, und auch, dass ihr fest an der Seite aller anderen Menschen und der Elben gegen Sauron stehen müsst, wenn Mittelerde überleben soll. Forath ist dafür gestorben, doch hier steht sein Sohn, und tritt für die selben Wahrheiten ein - und muss dafür Hohn und Spott von jenen ertragen, die nicht über ihren Hass hinaussehen können.
Aéd Forathssohn ist derjenige, der euch ans Ende dieses Zeitalters führen sollte. Ich bin eindeutig kein Dunländer", leises Lachen war um den Ring zu hören, "Doch ich spreche als Freund der Dunländer. Ich bitte euch, denkt über unsere Worte nach, und kommt zu einer Entscheidung, die das Volk Dunlands überleben lässt, anstatt es sinnloser Rache zu opfern."

Als Oronêl ausgesprochen hatte, herrschte erneut Stille über dem Versammlungsplatz, und nur das Rascheln des Windes im Gras war zu hören. Noch immer war die Stimmung unglaublich angespannt, und Oronêl konnte nicht vorhersagen, wie die Versammlung ausgehen mochte.
Dann trat Corgan vor, und ging zur Überraschung aller vor Aéd auf ein Knie herunter. "Ich bin nicht mit deinem Vater gegangen, obwohl er mich darum gebeten hatte... und ich stand nicht an seiner Seite als er fiel. Forath war mein Freund, auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren, und ich werde bis zum Tag meines Todes bereuen, dass ich nicht dort war. Ich wäre ihm bis an die Tore des Schattenlandes gefolgt, doch nun ist er tot." Er zog sein Schwert, stieß es vor sich in den Boden und legte die rechte Hand um den Griff und die linke auf die Parierstange.
"Doch hier steht sein Sohn, und sein würdiger Erbe, und will das Werk seines Vaters fortsetzen. Aus ihm spricht nicht Furcht, sondern Vernunft und das Wissen um das, was kommen wird. Und ich werde ihm folgen, bis an die Tore des Schattenlandes und darüber hinaus. Aéd Forathssohn hat den Tod seines Vaters gerächt, und er ist... der Weiße Wolf! Unser Wolfskönig!"
Eine Stimme, die Oronêl als Domnall erkannte, antwortete aus der Menge: "Unser Wolfskönig!" Und nach und nach nahmen immer mehr Stimmen den Ruf auf. Zuerst folgte der Häuptling des Gewandes Corgan und kniete mit gezogenem Schwert vor Aéd nieder, dann folgten rasch einander die anderen Häuptlinge - Yven zuletzt und mit deutlichem Widerwillen - während rings um sie her immer lauter gebrüllt wurde: "Wolfskönig, Wolfskönig! Wolfskönig!"
Aéd stand starr vor den knienden Häuptlingen, im Kreis der ihm zujubelnden Krieger, und verzog keine Miene. Oronêl war sich sicher, dass dem frischgewählten Wolfskönig ebenso klar wie ihm selbst war, dass seine Schwierigkeiten damit keineswegs ein Ende gefunden hatten - heute waren die Dunländer vereint, doch schon morgen mochte es vollkommen anders aussehen. Und dennoch... war Aéd vielleicht genau der richtige Mann, um diese Schwierigkeiten zu überwinden und am Ende die Dunländer an die Seite der Freien Völker zu führen.
Inzwischen hatten die meisten Krieger ihre Waffen gezogen, reckten sie in die Luft empor, und noch immer halte der Ruf über den Platz und durch das Dorf: "Wolfskönig, Wolfskönig!"
« Letzte Änderung: 8. Mär 2017, 14:20 von Fine »

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Eandril

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Re: Dunland
« Antwort #27 am: 9. Mär 2017, 14:38 »
Als die Menge sich ein wenig beruhigt hatte, sagte Aéd mit lauter, tragender Stimme: "Männer Dunlands! Diejenigen von euch, die in Tharbad waren, haben die Ankunft der Elbenschiffe gesehen. Dieses Elbenvolk wird das alte Elbenland nördlich des Grenzflusses besiedeln, und damit werden sie unsere Nachbarn werden." Er machte eine kleine Pause, und wandte sich zu Faelivrin um.
"Die Königin dieses Volkes ist heute unter uns, auf meine Einladung - denn was hier in Dunland geschieht, betrifft sie ebenfalls. Ihre Feinde sind auch unsere Feinde, Sauron und Saruman, die die Welt der Menschen und Elben vernichten wollen."
Aéd streckte Faelivrin eine Hand entgegen, als er weitersprach: "Herrin - eure Feinde sollen unsere Feinde sein. Wenn ihr wollt, werden die Menschen Dunlands euch beistehen bei eurem Vorhaben, in guten Zeiten wie in schlechten Zeiten, und ganz gleich, was geschehen mag."
Es herrschte Stille über dem Platz während Faelivrin zu zögern und zu überlegen schien, doch als sie schließlich die angebotene Hand ergriff, breitete sich ein freudiges Raunen in der Menge aus.
"Du hast gut gesprochen, Wolfskönig", antwortete die Königin mit klarer Stimme und einem Lächeln. "Das Volk der Manarîn wird dir und deinem Volk ebenfalls zur Seite stehen in den Kämpfen und Schwierigkeiten, die kommen mögen. Mögen wir Seite an Seite wachsen und stärker werden, bis die Zeit gekommen ist, dem Schatten im Osten gemeinsam entgegen zu treten."
Als Faelivrin ausgesprochen hatte, brachen die Dunländer erneut in Jubel aus - selbst wenn viele von ihnen die Elben noch vor kurzem als Feinde gesehen hatten. Oronêl fiel auf, dass einige sich der allgemeinen Begeisterung nicht anschlossen, darunter Yven, der Häuptling des Messers. Ihn würde Aéd, der jetzt mit den Lippen stumm das Wort "Danke" formte, noch lange Zeit im Auge behalten müssen. Und noch eine Sache war ihm aufgefallen, in dem was Faelivrin gesagt hatte: Durch die Art ihrer Formulierung hatte sie das Bündnis stark an Aéd selbst gebunden, und sich damit die Möglichkeit gelassen es nicht erfüllen zu müssen, sollte eine feindlich gesinnte Partei ihn stürzen.
Nach und nach legte sich der Jubel ein wenig, und Aéd ergriff wieder das Wort: "Wir haben heute vieles erreicht und einen wichtigen Schritt getan - doch nun lasst uns einen Augenblick ruhen. Und lasst uns morgen, wenn die Nacht hereinbricht, ein großes Fest feiern, zu Ehren meines Vaters. Ohne ihn wäre dieser Moment nie gekommen, und heute erfüllt sich schließlich das, was er begonnen hat."
Auf Aéds Worte begann sich die Versammlung allmählich aufzulösen. Während die Krieger sich in alle Richtungen zerstreuten, trat zuerst Corgan an Aéd heran und packte ihn an den Unterarmen. "Ich habe ja erst nicht viel von dir gehalten, Junge", sagte er mit einem Grinsen unter seinem Bart. "Doch ich glaube, dass wir heute eine gute Wahl getroffen haben, und ich werde dir überall hin folgen - und dafür sorgen, dass niemand von diesen anderen Idioten auf dumme Gedanken kommt." Er zwinkerte seinem neuen König zu, und ging dann davon, wobei er etwas von Bier vor sich hin murmelte. Nacheinander kamen auch die anderen Häuptlinge und gratulierten Aéd, die einen herzlich, die anderen etwas distanzierter, aber immerhin respektvoll. Nur einer blieb dem Wolfskönig fern. Faelivrin deutete auf Yven, und sagte: "Bitte, lass ihn herkommen."
Und auf Aéds verwunderten Blick hin erklärte sie: "Dieser Mann hat meine Schwester beleidigt und bedroht - nicht direkt, aber dennoch deutlich genug."
Kerry wollte etwas sagen, wurde von Faelivrin allerdings mit einem Blick zum Schweigen gebracht. Aéd nickte langsam, und erwiderte: "Natürlich. Ich bitte nur um eins - gebt ihm keinen Anlass zu noch mehr Bitterkeit. Mein Volk mag heute einig erscheinen, doch es ist noch immer tief zerrissen."
"Ich verstehe", antwortete Faelivrin, und Aéd winkte den Häuptling heran.
Yven kam langsam näher, und sagte: "Ich gratuliere euch, Wolfskönig. Was wünscht ihr?"
"Ich?", fragte Aéd. "Gar nichts. Aber die Herrin Faelivrin hat dir etwas zu sagen."
"Ténawen Morilië ist meine Schwester, und als solche Mitglied der Königsfamilie von Manarîn", sagte Faelivrin, und ihr Gesicht und Tonfall waren hart. "Du hast sie beleidigt, und du hast sie bedroht. Ich bin allerdings, im Sinne der Freundschaft zwischen unseren Völkern, bereit auf jegliche Strafe zu verzichten - wenn du dich entschuldigst."
"Ich habe nicht...", wollte Yven aufbegehren, stockte allerdings. Aéds Blick, der den Häuptling traf, war gleichermaßen streng und bittend - dem Wolfskönig war natürlich stark daran gelegen, diese Sache so schnell wie möglich aus der Welt zu schaffen.
Yven verneigte sich knapp und widerwillig in Kerrys Richtung, und sagte: "Ich entschuldige mich für meine Worte - es liegt nicht in meiner Absicht, euch zu bedrohen oder zu beleidigen, und es wird nicht mehr vorkommen."
Kerry nickte stumm, und Faelivrin sagte zufrieden: "Nun, da Ténawen die Entschuldigung angenommen hat, gebe auch ich mich damit zufrieden."
"Du kannst gehen, Yven", sagte Aéd leise, und fügte noch leiser hinzu: "Danke." Er bedankte sich dafür, dass der Häuptling sich trotz allem nicht verweigert hatte, denn es hätte Aéd gezwungen, ihn zu bestrafen - und das hätte den Krieg innerhalb der Dunländer womöglich neu aufflammen lassen.
Der Wolfskönig wandte sich wieder Faelivrin zu als Yven langsam davon gegangen war, und sagte: "Und ich danke auch euch, Herrin - dafür, dass ihm die Demütigung erspart habt, es vor der ganzen Versammlung tun zu müssen."
Faelivrin lächelte, und antwortete: "Ich habe einen Moment lang mit dem Gedanken gespielt. Dann erschien es mir doch besser es auf diese Weise zu machen - auch wenn ich nicht ganz darauf verzichten konnte. Ich hoffe, du verstehst, warum?"
"Vollauf", erwiderte Aéd, und verneigte sich leicht in ihre Richtung, doch das Lächeln verschwand von seinem Gesicht als er fortfuhr: "Ich... sollte zu meiner Familie gehen. Über allem was gerade geschehen ist, vergisst man leicht, wo man eigentlich sein sollte."

Als Aéd in Richtung des großen Hauses davongeeilt war, fragte Oronêl Faelivrin: "Ist der Rest der Manarîn in der Nähe? Ich kann mir kaum vorstellen, dass du ihnen alleine vorausgeeilt bist."
"So gern ich es auch wäre, um meinen Eltern und euch anderen zu helfen - nein", erwiderte sie. "Die übrige Vorhut lagert etwa eine halbe Meile westlich von hier, der Rest meines Volkes ist ebenfalls auf dem Weg während wir gerade sprechen. Ich bin nur auf Brigids Einladung hier." Mit einem Lächeln ließ sie den Blick über den nun fast völlig verwaisten Platz schweifen. "Viele hier sind gute Menschen - nicht vergleichbar mit den Nachfahren Númenors, aber dennoch gute Menschen. Und ich bin froh, dass sie hier sind."
Als sie ausgesprochen hatte, kamen gerade Finelleth und Celebithiel zwischen zwei Häusern hindurch auf den Platz. Celebithiel war noch immer bleich, und ihre Wunde bereitete ihr sichtlich Schmerzen. "Haben die Manarîn Heiler in ihren Reihen?", fragte sie an Faelivrin gewandt. "Ich dachte zuerst, es wäre nur ein Kratzer, aber jetzt..."
Mit einer Geste zu ihren Leibwächtern sagte Faelivrin: "Asea, bring Celebithiel ins Lager zu den Heilern." Als die Elbe zögerte, hob sie eine Augenbraue und sagte: "Für den Moment werde ich wohl auch mit zwei Leibwächtern auskommen - ich glaube nicht, dass mir oder Ténawen mit Oronêl und Finelleth hier irgendwelche Gefahr droht."
Asea verneigte sich, und ging mit Celebithiel in westlicher Richtung davon, während Faelivrin sich an Oronêl wandte. "Und jetzt, wenn es euch nichts ausmacht, würde ich gerne erfahren, was in Eregion geschehen ist."
"Natürlich", meinte Oronêl lächelnd. "Ich kann mir gut vorstellen, dass du es wissen willst, und ich werde erzählen."
Finelleth jedoch schüttelte den Kopf. "Ich werde mir irgendwo einen ruhigen Ort suchen - ich verspüre kein Bedürfnis danach, das alles noch einmal zu durchleben." Sie ging langsam in Richtung des Flusses davon. Kerry blickte ihr nach, und sagte schließlich vorsichtig: "Vielleicht... sollte ich ihr nachgehen? Manchmal braucht man Gesellschaft, obwohl man glaubt keine zu wollen."
"Geh nur", erwiderte Oronêl nachdenklich. "Ich glaube auch, dass Faerwen jetzt nicht allein sein sollte. Und währenddessen werde ich die Neugierde der Königin befriedigen", fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu.

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

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Faerwen vom Düsterwald
« Antwort #28 am: 9. Mär 2017, 14:40 »
Kerry fand Finelleth am Rande des Dorfs, an einen hölzernen Pfahl gelehnt und nach Norden starrend. Vorsichtig kam Kerry näher, doch Finelleth hatte sie bereits bemerkt. Ohne sich umzudrehen sagte die Elbin: "Ich sagte doch dass ich alleine sein will." Ihre Stimme klang hart, aber Kerry ließ sich davon nicht beirren.
"Nein, du hast gesagt dass du dir einen ruhigen Ort suchen willst," stellte sie klar. "Hier ist es doch ziemlich ruhig, oder nicht?"
Sie sah, wie sich Finelleths Schultern hoben und dann absackten als sie tief ausatmete. Die Waldelbin drehte sich um und Kerry sah, dass ihre Augen voller Zweifel und Ratlosigkeit waren. Und sogar einen Anflug von Furcht glaubte Kerry zu entdecken. "Hat Oronêl dich geschickt?" wollte Finelleth wissen.
"Hat er nicht. Ich bin selbstständig hergekommen."
"Dann folge seinem Beispiel und lass' mir die Ruhe. Ich will jetzt gerade keine deiner unbeschwerten Gesprächsthemen hören."
"Du hast doch angefangen zu reden," gab Kerry mit einem kleinen Lächeln zurück. "Ich wollte dir einfach nur Gesellschaft leisten. Die Ruhe mit dir teilen. Aber ich höre mir auch gerne an, was du zu sagen hast. Wenn du es Oronêl nicht - oder noch nicht - sagen kannst, dann sag es mir. Du weißt, dass ich nicht über dich urteilen werde. Ich höre zu. Mehr nicht."
Finelleth ließ sich gegen den Pfahl sinken. "Du bist wirklich hartnäckig," seufzte sie. "Aber du hast ja recht, Kerry. Ich rede mit dir."

"Komm," sagte Kerry. "Setzen wir uns dort auf den großen Felsen." Sie nahm Finelleths Hand und zog die Elbin mehrere Schritte von ihrem Standort weg, zu einem großen, flachen Felsen, der am Ende des Dorfes des Schild-Stammes lag. Kerry hatte bei ihrem ersten Besuch im Dorf gesehen, wie Kinder darauf gespielt hatten. Doch um diese Uhrzeit schliefen diese längst. Die beiden Frauen setzten sich nebeneinander auf den Felsen und ließen die Beine baumeln. Ein leichter Wind spielte mit den Strähnen ihrer Haare - Kerrys goldblonde und Finelleths sandfarbene - und hoch über ihnen wurden die ersten Sterne sichtbar.
"Mir ist etwas klar geworden," begann Finelleth. "Ich muss in meine Heimat zurückkehren - ins Waldlandreich. Zu meinem Vater. Ich muss dringend mit ihm sprechen, und diese... diese ganze Sache ins Reine bringen."
"Welche Sache?" fragte Kerry vorsichtig nach.
"Einfach alles," stieß Finelleth überraschend heftig hervor. "Mein ganzes Leben lang hatte ich mich immer nach ihm und seinen Wünschen ausgerichtet. Zuerst spielte ich die Prinzessin - die kleine Faerwen, die stets ein braves Mädchen ist. Die schöne Tharandís, die genau wie ihr Vater ist und seinem Beispiel immer folgt. Wie ich das gehasst habe! Aber ich habe es immer ertragen. Meiner Mutter zuliebe und weil ich meinen Vater nicht enttäuschen wollte - oder konnte. Und dann kam mein Bruder. Ein Teil von mir war froh, frei von dem Druck zu sein, den er nun als neuer Thronfolger zu spüren bekam. Aber ein anderer Teil... ein größerer Teil... war verletzt. Verletzt durch die geradezu vollständige Abkehr meines Vaters. Es war, als würde ich für ihn kaum noch existieren. All seine Aufmerksamkeit lag bei meinem Bruder. Und als meine Mutter dann verschwand... hatte ich niemandem mehr. Niemanden außer die Kameraden, die ich bei den Kundschaftern fand. Ihre Namen werden für dich keine Bedeutung haben: Angvagor, Galanthir, Seldíriel und Lidhrim. Sie gaben mir den Namen, den ich heute trage, und mit dem ich die schönsten Erinnerungen meines Lebens verbinde."
"Was bedeutet dein Name denn?"
"Fin-elleth, das Mädchen mit den Haaren. Vielleicht kannst du dir ja denken, weshalb," sagte die Elbin mit einem traurigen Lächeln als sie den Zopf löste, der ihr über den Rücken gefallen war. Kerry sah staunend zu, wie sich das sandblonde Haar einer Wolke gleich über Finelleths Rücken ausbreitete.
"Ich glaube, ich weiß, was du meinst," sagte sie und strich bewundernd durch die Strähnen von Finelleths Haar. Da kam Kerry ein Einfall, und sie setzte sich hinter Thranduils Tochter. "Erzähl weiter, wenn du möchtest. Und ich werde dir in der Zwischenzeit eine Frisur nach Art der hohen Damen Rohans machen. Du wirst sehen, es wird dir gefallen."
Kerry konnte Finelleths Gesicht nicht sehen, aber sie spürte geradezu, wie die Elbin einen gewissen Widerstand überwand und schließlich nickte. "Danke, Kerry," hauchte sie und fuhr dann mit leicht belegter Stimme fort: "Ich blieb also bei den Kundschaftern - so lange, bis mein Vater mich als eine von ihnen behandelte. Auch das tat weh, aber ich wusste, dass es meine Wahl gewesen war, und er sie auf eine Art respektierte. Ich fand echte Freundschaften bei den Spähern, und war einige Jahrhunderte glücklich."
"Freundschaften sagst du," unterbrach Kerry mit einem kleinen Grinsen. "Oder vielleicht auch mehr?"
Finelleth machte ein tadelndes Geräusch. "Du bist wirklich schlimm, meine Liebe. Du weißt, dass ich über solche Dinge nicht reden werde."
"Ich weiß. Vielleicht eines Tages."
"Wenn du dich als vertrauenswürdig erweist und ich nicht morgen feststellen muss, dass das ganze Dorf darüber spricht, was ich dir erzählt habe."
"Dazu wird es nicht kommen. Erzähl weiter!"
"Seit dem... Tod meines Bruders habe ich ein sehr angespanntes Verhältnis zu meinem Vater," fuhr Finelleth fort. "Er sieht mich noch nicht wieder als seine Tochter und Erbin - dazu liegt die Nachricht vom Tod seines Sohnes noch zu kurz zurück- aber dennoch bin ich nicht länger unsichtbar für ihn. Er vertraute mir schwierige und gefährliche Missionen an, die er sonst nur an seine besten Leute vergibt. Er kennt meinen Wert als Späherin und Kämpferin. Wenn er mich ansieht, stelle ich fest, dass er mich auf eine seltsame Art und Weise respektiert. Aber dennoch... Der Fall des Waldlandreiches hat uns alle hart getroffen, aber für meinen Vater brach seine gesamte Welt zusammen - mehr noch als es beim Verschwinden meiner Mutter oder beim Tod meines Bruders der Fall war. Weißt du, Kerry, er fühlte sich in seinem Königreich unangreifbar und sicher. "Hier in diesem Reich werden wir alle Schatten überdauern," pflegte er zu sagen. Doch dann kam der erste Angriff aus dem Süden, der nur mit großer Mühe abgewehrt werden konnte. Und nach der Katastrophe am Schwarzen Tor erfolgte der zweite Angriff, der noch größer als der erste war. Wir wurden in die Flucht geschlagen und das Waldlandreich hörte auf zu existieren. Mein Vater ging nach Lothlórien und wahrte nach außen hin den Schein eines verletzten, aber noch nicht besiegten Königs - um seines Volkes willen - aber ich konnte deutlich sehen, dass er innerlich zerbrochen war. Sein Herz hatte aufgegeben. Und nichts und niemandem gelang es, ihn aus diesem Zustand herauszuholen - bis Saruman kam."
"Saruman!" entfuhr es Kerry. "Er steckt also dahinter!"
"Nein," sagte Finelleth. "Ursprünglich nicht. Aber es gelang ihm, meinen Vater mit seinen Versprechungen zu ködern. Er bot Thranduil die Rückgewinnung des Waldlandreiches an. Ich glaube, mein Vater hofft, dass sich alles wieder normalisieren wird, wenn er erst wieder auf seinem Thron inmitten seiner versteckten Hallen sitzt. Und wenn Saruman in der Lage ist, ihm das zu geben..." sie brach ab.
"Aber er darf doch Saruman nicht einfach so trauen!"
"Du unterschätzt die Kraft von Sarumans Stimme. Sie ist so machtvoll, dass nur sehr wenige ihr widerstehen konnten. Ich war nach dem Fall des Goldenen Waldes dabei, als Saruman meinen Vater fand, und wie alle war ich damals von den Worten des Zauberers so vollständig überzeugt, dass ich nicht einmal erkannte, dass er gerade um uns herum die Heimat unserer Verwandten zerstörte. Er sagte: "All dies geschieht aus einem guten Grund," und wir glaubten ihm. Sogar dann, als Saruman uns nach Aldburg begleitete und kurz darauf wieder alleine abreiste hielt die Wirkung noch an. Erst als mein Vater mich und zwei meiner Gefährten nach Dol Guldur entsandte merkte ich, was vor sich ging. Als ich mich mit Angvagor und Galanthir auf der Ebne von Celebrant versteckte und auf die Ankunft von Glorfindels Heer wartete, hatte ich einige Tage Zeit zum Nachdenken. Und mir wurde klar, dass Saruman meinen Vater nur für seine selbstsüchtigen Ziele benutzt. Ich muss gehen, und ihm die Augen dafür öffnen. Und ihm all das erzählen, was ich dir gerade erzählt habe. Wenn ich die Kraft dafür finde..."

Kerry war inzwischen mit dem Flechten der Frisur fertig geworden. Auf Finelleths Kopf waren die sandblonden Haare nun in einem kreisrunden Zopf zusammengebunden worden, sodass keine Strähne über ihren Hals fiel. Die Haare, die die Stirn bedeckten, teilten sich oberhalb der Augenbrauen und fielen in zwei breiten Strängen an Finelleths Wangen herunter, um an ihrem Oberkörper zu enden. "Du siehst wirklich sehr hübsch aus," kommentierte Kerry. "So solltest du vor deinen Vater treten: Nicht mehr als die kleine elbische Prinzessin oder die einfache Späherin. Du hast viel gesehen und bist durch so viele Gefahren gegangen. Finelleth, du bist stärker, als du es selbst glaubst. Sogar stärker als die Knoten, die dein Haar jetzt so zusammenhalten. Und deshalb werde ich mit dir kommen. Um dich daran zu erinnern - und dir, wenn du möchtest, immer dann diese Frisur zu verpassen, wenn du an dir zweifelst."
"Kerry! Du kannst nicht mit mir kommen!" rief Finelleth überrascht und drehte sich zu ihr um. "Das ist viel zu gefährlich!"
"Ich bin kein Kind mehr," gab Kerry entschlossen zurück. "Ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Oronêl wird mit dir gehen - und ich auch. Ich sehe doch, wie wichtig dir das Ganze ist. Du hast den langen Weg von Fornost bis nach Carn Dûm und von dort nach Mithlond auf dich genommen, weil ich Hilfe brauchte. Und jetzt brauchst du Hilfe, also werde ich tun, was ich kann... selbst wenn das nur bedeutet, dir ab und zu die Haare zu flechten. Und außerdem wäre es sicherlich ein unvergleichliches Abenteuer, für Ordnung im Waldlandreich zu sorgen!"
Finelleth nahm Kerrys Hand und drückte sie. "Ich... das geht nicht... was würden deine Eltern dazu sagen?"
"Vermutlich dasselbe," antwortete Kerry. "Sie sind ebenfalls deine Freunde. Du bist nicht allein, Finelleth."
"Nein, ist sie nicht. Wir stellen uns gemeinsam dem, was uns im Waldlandreich erwartet," sagte Oronêls Stimme, und die beiden Frauen drehten sich überrascht um. Da stand Oronêl und betrachtete sie mit einem amüsierten Lächeln. "Hübsche Frisur, nethel. Ich sehe schon, Kerry versteht was vom Flechten." Er kam näher und breitete beruhigend die Hände aus. "Keine Sorge, meine edlen Damen, ich habe nur den letzten Satz gehört. Worüber habt ihr gesprochen?"
"Ach, du weißt schon," gab Kerry frech zurück. "Frauendinge und solche Sachen."
"Ja, Frauendinge," bestätigte Finelleth. "Kerry möchte uns ins Waldlandreich begleiten."
Oronêl nickte. "Das dachte ich mir schon. Sofern Mathan und Halarîn nichts dagegen haben, soll es mir recht sein."
"Danke, Oronêl," rief Kerry und umarmte den Elben herzlich.
"Ich glaube, ich übernehme hier," sagte Oronêl kurz darauf. "Die Sterne ziehen herauf, und dies ist ein exzellenter Platz für einen ungetrübten Blick darauf. Ich glaube, Faerwen wird mir Gesellschaft leisten. Und du, meine liebe Ténawen, solltest dich auf dem Weg zum Baum oberhalb des Dorfs machen. Ich glaube, dort wartet jemand auf dich." Er lächelte breit.
"Wirklich?" rief Kerry überrascht und sprang auf.

Kerry erinnerte sich an die Stelle, an der sie mit Lynet bei ihrem ersten Besuch im Dorf gesessen und geplaudert hatte. Der Baum war oberhalb der Dächer der Hütten deutlich zu sehen, und Kerry hielt schnellen Schrittes darauf zu. Als sie heran kam sah sie auf dem ungestürzten Stamm eine Gestalt sitzen, die ihr sehr bekannt vorkam.
"Hallo, Wolf," sagte sie leise, und Aéd blickte auf. Er schien in Gedanken versunken gewesen zu sein.
"Hallo, Kerry," antwortete er. "Was tust du hier?"
"Ich hörte, dass du hier bist und wollte die Gelegenheit nutzen, mit dir alleine zu sein. Vorhin warst du ja sehr beschäftigt und immer von so vielen Leuten umgeben. Da war mir zu viel los." Sie setzte sich neben Aéd und folgte seinem Blick, den er über das Dorf streifen ließ.
"Es passiert alles so schnell," sagte Aéd nachdenklich. "Mein Vater ist tot, und nun bin ich Häuptling des Stammes des Schildes. Und nicht nur das - sie haben mich tatsächlich zum Wolfskönig ausgerufen. Dem ersten seit drei Jahren, denn mein Vorgänger starb bei Helms Klamm. Und ich bin der jüngste Wolfskönig, den es in der Geschichte meines Volkes jemals gab. Es wird nicht leicht werden, die Häuptlinge bei Laune zu halten."
"Musst du sie denn bei Laune halten?" wunderte sich Kerry. "Du bist doch ihr König, oder? Wenn du ihnen etwas befiehlst, müssen sie dir gehorchen, oder nicht?"
"So wäre es in deiner Heimat. Und vieles wäre einfacher, wenn wir in Dunland einen König so wie in Rohan hätten. Aber wir Dunländer sind anders. Bei uns kommt es nicht auf Titel oder Adelsstand an. Jeder Mann schafft sich hier seinen eigenen Ruf - sein eigenes Schicksal. Und man wird auch nur an seinen Taten und an seinem Ruf gemessen. Blutlinien bedeuten nur wenig. Zwar bin ich der Sohn des vorherigen Häuptlings, doch an meiner Stelle hätte jeder im Stamm des Schildes zum neuen Anführer werden können, wenn er die Stammesmitglieder davon überzeugt hätte, dass er der Richtige ist. Alles basiert auf Respekt - und den muss ich mir bei den meisten Häuptlingen erst noch verdienen. Corgan und zwei andere haben im Krieg auf der Seite meines Vaters gekämpft und haben gesehen, was ich am Silbersee und in Tharbad geleistet habe, aber die anderen sind noch skeptisch. Viele haben noch immer Sarumans Lügen im Kopf. Es wird schwer werden, die Einigkeit unter den Stämmen Dunlands zu bewahren."
"Schon wieder Saruman," sagte Kerry. "Überall sorgt er für Ärger."
"Das hat jetzt ein Ende," versprach Aéd. "Ich werde nicht dulden, dass der Zauberer mein Volk weiter ausnutzt. Jeder, der es ab heute mit der Weißen Hand hält, wird meinen Zorn zu spüren bekommen."
"Und du wirst Frieden mit den Elben und den Rohirrim schließen, ja?" verlangte Kerry.
"Das habe ich, und das werde ich," bestätigte Aéd.
"Was hat dieser Häuptling damit gemeint, als er dich als "halben Dunländer" bezeichnet hat?" wollte sie neugierig wissen.
"Meine Mutter stammt aus Anfalas in Gondor," erklärte Aéd. "Ich habe sie nicht kennengelernt, denn sie starb früh. Ich weiß nur, dass ihr Name Eryn war, und das meine jüngere Schwester nach ihr benannt ist."
"Oh," machte Kerry. "Meine Mutter ist auch tot... aber ich habe eine neue gefunden. Genau wie du." Sie blickte zur Hütte des Häuptlings hinüber, wo Brigid und ihre Kinder schliefen. Und riss überrascht die Augen auf, als Aéd ihre Hände sanft ergriff und sie zu sich herumdrehte.
"Ich bin froh, dich kennengelernt zu haben," sagte er. "Ich hoffe, du wirst mich besuchen kommen, wenn du in Eregion wohnst."
"Das werde ich ganz bestimmt," gab Kerry zurück ehe sie daran dachte, dass sie womöglich nicht lange in Eregion bleiben würde. "Ich bin auch froh, Aéd," sagte sie dann und zog die Hände nicht weg. "Ich bin froh, dass du der bist, der du bist. Wolfskönig oder nicht... ich werde jeden Augenblick genießen, den ich mit dir verbringen kann."
"Dann lass uns die Zeit nutzen, die uns noch bleibt."
Gemeinsam blieben sie dort sitzen, und die Zeit schien für einen Augenblick still zu stehen. Kerry wandte Aéd das Gesicht zu, voller Erwartung und einer innerlichen Anspannung, die mit jeder Sekunde zunahm... und erst abfiel, als er sich zu ihr herunterbeugte, und sich ihre Lippen trafen.
« Letzte Änderung: 3. Mai 2017, 10:16 von Fine »
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Re: Dunland
« Antwort #29 am: 16. Mär 2017, 12:40 »
Als Kerry in den Abend davongeeilt war, setzte Oronêl sich neben Finelleth auf den Felsen und sah schweigend zu den Sternen empor. Im alten Lórinand hatte er oft mit Calenwen auf einem hohen Flett gesessen und in einträchtigem Schweigen mit ihr die Sterne beobachtet. Zu dieser Zeit hatten sie nicht viele Worte gebraucht um einander zu verstehen, und das Schweigen war angenehm gewesen. Später, als er immer öfter an die Grenzen gehen musste um gegen Saurons Orks zu kämpfen, hatte sich das Schweigen zwischen ihnen verändert, und war immer öfter von bitteren Worten durchbrochen worden. Dann war wieder eine bessere Zeit gekommen, doch es war niemals wieder so gewesen, wie vor Saurons Angriff auf die Elben. Für einen Augenblick schweiften seine Gedanken zu Mathan, denn auch für ihn hatten diese Jahre eine große Veränderung bedeutet - wenn auch auf andere, brutalere Art.
Es war Finelleth, die schließlich das Schweigen brach. "Ist es dir wirklich recht, das Kerry uns begleiten will?", fragte sie. "Immerhin ist sie keine Kriegerin, und die Wege nach Osten sind gefährlich."
"Die ganze Welt ist gefährlich", erwiderte Oronêl. "Und man muss keine Kriegerin sein, um etwas bewirken zu können - das haben wir in der Schmiede gelernt, und nicht erst  dort." Er dachte an den Tag in Bruchtal, als Amrothos vom Wahnsinn des Ringes geheilt worden war, und an die Rolle, die Irwyne dabei gespielt hatte.
"Und Kerry mag nach unseren Maßstäben unendlich jung sein, doch nach den Maßstäben der Menschen ist sie längst erwachsen und sollte ihre Entscheidungen treffen", fuhr er fort. "Und wenn das ihre Entscheidung ist, dann freue ich mich über ihre Gesellschaft."
Finelleth wirkte erleichtert, als ob sie sich Sorgen gemacht hätte, dass er eigentlich anderer Meinung sein könnte. "Ich fürchte mich vor dem was kommt... aber die Tatsache, dass ihr mit mir kommen, mir helfen wollt, macht es erträglicher."
"Kerry hat ein gutes Herz, und ich glaube, du hast sie für dich eingenommen, als du mit uns nach Angmar gegangen bist. Und außerdem", fügte er mit einem Lächeln hinzu. "Außerdem glaube ich, dass sie das Abenteuer lockt. Sie scheint ein wenig Selbstvertrauen hinzugewonnen zu haben."
Finelleth gab einen leisen Laut von sich, der ein Lachen sein konnte. "Und ich dachte, du wärst blind was das Verhalten Anderer angeht... Genau das hat sie mir als Grund gesagt."
"Nun... auch in meinem Alter kann man noch dazulernen."
Sie schwiegen erneut einen Moment, bevor Finelleth plötzlich aufstand. "Du hast Kerry zu Aéd geschickt." Oronêl legte den Kopf schief und antwortete: "Mag schon sein... warum?"
Finelleth packte ihn am Arm und zog ihn auf die Füße, alle Furcht und Traurigkeit schien wie weggeblasen zu sein. "Ich will wissen, was sie bereden."
"Ich glaube nicht, dass..." Oronêl sprach nicht aus, denn es hatte keinen Zweck. Finelleth war bereits in Richtung der Stelle, die er Kerry genannt hatte, davongelaufen, und er musste sich beeilen, um sie einzuholen. Erst an der Kuppe des Hügels, ein wenig von dem umgestürzten Baumstamm, auf dem zwei Gestalten nah beieinander saßen, hatte sie angehalten, und dort holte Oronêl sie ein.
"Ich bin froh, dass du der bist, der du bist. Wolfskönig oder nicht... ich werde jeden Augenblick genießen, den ich mit dir verbringen kann", sagte Kerry gerade, und Aéd erwiderte: "Dann lass uns die Zeit nutzen, die uns noch bleibt."
Einige Herzschläge lang herrschte Stille, während der die Elben regungslos verharrten, und Oronêl sogar unwillkürlich den Atem anhielt. Dann wandte Kerry Aéd das Gesicht zu, und im Licht der Sterne sah Oronêl deutlich, wie der junge Dunländer die Gelegenheit nutzte, und sie vorsichtig auf die Lippen küsste.
Im selben Augenblick stieß Finelleth ihm vielsagend den Ellbogen in die Seite, was Oronêl ein wenig aus dem Gleichgewicht brachte. Er musste seinen Fuß bewegen, um das Gleichgewicht zurück zu erlangen, und trat dabei auf einen trockenen Ast, der mit einem gut hörbaren Knacken brach. Sofort fuhren Kerry und Aéd auseinander, und wandten sich in seine Richtung um. Auch in der Dunkelheit sah Oronêl Kerry deutlich erröten, und auch Aéds Wangen hatten sich ein wenig gefärbt.
"Das ist nicht, was..." begann der Wolfskönig, und Kerry sagte: "Also wir..." Beide sprachen nicht aus, und ein unangenehmes Schweigen legte sich über den Hügel. Schließlich räusperte Oronêl sich peinlich berührt, und sagte: "Es tut mir Leid, dass ich euch gestört habe. Eigentlich war es ja..." Faerwens Schuld, wollte er sagen, doch als er neben sich blickte, war von ihr keine Spur mehr zu sehen. Er seufzte, und stieß innerlich einen Fluch aus. "Jedenfalls freue ich mich für euch, und äh... sollte lieber gehen." Ohne eine Antwort abzuwarten wandte er sich um, und eilte den Hügel hinunter.
Am Fuß des Hügels angelangt erwartete ihn Finelleth, die ihm mit einem Grinsen entgegenblickte. "Bist du nicht ein wenig zu alt für so etwas?", fragte er vorwurfsvoll. "Andere Leute beim Küssen stören und mir die Schuld zu schieben?"
"Sie hätten uns gar nicht bemerkt, wenn du nicht so ungeschickt gewesen wärst", gab Finelleth ungerührt zurück, und trotz allem freute Oronêl sich, dass die Finelleth, die er in Bruchtal kennengelernt hatte, wieder da zu sein schien. "Und außerdem, für so etwas ist man nie zu alt - und ich bin viel jünger als du."
"Eindeutig", seufzte Oronêl, lächelte aber. Nach einer Weile fragte Finelleth schließlich: "Also... was hältst du davon?"
Oronêl zuckte mit den Schultern. "Im Grunde... Aéd ist nach allem, was ich von ihm gesehen habe, ein sehr vernünftiger und freundlicher Mann, und ich glaube auch in Kerrys Alter. Und wenn er ihr gefällt..."
Finelleth verdrehte die Augen, und stieß ihm mit der Faust gegen die Schulter. "Du bist viel zu vernünftig, gwador."
"Nicht immer", gab Oronêl mit einem flüchtigen Lächeln zurück. "Lass mich nur eben einen Eimer mit Eiswasser auftreiben..."
"Wag es ja nicht!" Finelleth drohte ihm mit der Faust, musste dabei aber lachen. Schnell wurde sie wieder ernst, und fragte: "Meinst du, Kerry wird jetzt noch immer mit uns kommen wollen? Ich könnte verstehen, wenn..."
"Ich auch", antwortete Oronêl. "Aber ein Kuss macht noch keine unsterbliche Liebe. Und ich denke, es hat keinen Sinn, sich darüber Gedanken zu machen... morgen werden wir es sehen, es ist noch immer ihre eigene Entscheidung."
"Ja...", meinte Finelleth langsam. "Morgen werden wir es sehen..."

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva