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Autor Thema: Die Pinnath Gelin  (Gelesen 965 mal)

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Die Pinnath Gelin
« am: 11. Feb 2016, 23:58 »
MAEGOND, ARACHÍRS SOHN in Arandol

19. Juni 3022 D.Z.



Diese Stadt wird immer voller, dachte Maegond und verzog das Gesicht als er durch das Große Tor von Arandol trat. Die Straßen der Stadt waren überfüllt mit Menschen. Menschen, die Schutz suchten. Fürst Elatan sollte besser bald zurückkehren, dachte Maegond. Es wird Zeit, dass jemand für Ordnung sorgt. Vater ist einfach nicht durchsetzungsfähig genug um einen guten Stellvertreter abzugeben. Am liebsten hätte Maegond selbst das Amt des Statthalters von Arandol übernommen, wenn es die Erbfolge erlaubt hätte. Ich wünschte wirklich, Hirluin wäre noch am Leben und nicht in diesem sinnlosen Krieg gefallen. Er würde sich diesen... Aufruhr nicht gefallen lassen.

Hirluin, der vormalige Fürst der Pinnath Gelin und Herr von Arandol, der ehemaligen Grenzfestung Gondors am Pass nach Enedwaith, war vor den Mauern Minas Tiriths gefallen, und sein Neffe Elatan, Elendurs Sohn, war ihm als Fürst nachgefolgt. Doch Elatan befand sich weit entfernt in Dol Amroth und nahm am Rat der Lehensfürsten Gondors Teil. Sinnlose Politik! Sinnloser Krieg! All dieser... Aufwand. All dies wäre nicht passiert, wenn man sich dem Feind von Beginn an friedlich unterworfen hätte, war sich Maegond sicher. In Minas Tirith und in den östlichen Lehen - Lebennin und Lossarnach - hatten die Menschen Gondors zwar unter der Kontrolle Mordors gestanden, aber hatten eigene Anführer wie Herumor gehabt und die meisten Angelegenheiten selbst regeln dürfen. Bis sich die Narren zum Aufstand entschlossen. Seitdem übte Sauron über seine Ringgeister und Orks direkte Kontrolle aus. Die Zahl der Flüchtlinge in den noch freien Westen Gondors hatte seitdem wieder zugenommen.

Maegond drängte sich mit Eile durch die Menge. Er war all diese Unanehmlichkeiten nicht gewohnt. Dem Adel entstammend lebte er mit seiner Familie ein Leben im relativen Luxus. Als nächste Verwandte der Fürsten von Arandol waren Maegond und sein Vater Arachír hochangesehene Würdenträger in den Pinnath Gelin und in Anfalas. Ihre Stadt, Arandol, war bis zur Mitte des Dritten Zeitalters nichts weiter als ein Außenposten der Armee Gondors gewesen, der den Pass durch das Weiße Gebirge in die wilden Lande im Norden bewachte. Mit der Zeit wuchs die Stadt um die alte Burg herum und wurde zum Sitz der Lehensfürsten der Pinnath Gelin, deren Titel im Haus von Arandol erblich wurde. Man sollte meinen, die Leute wissen, wer wir sind, dachte Maegond. Und dennoch kommen immer mehr von ihnen hier her. Er war dankbar für jeden Einzelnen, der nicht in Arandol Halt machte sondern weiter nach Norden in das als sicher geltende Eriador weiterzog.

Einige Zeit später erreichte er endlich das große Anwesen seiner Familie, das sich innerhalb der alten Burgmauern befand. Maegond konnte es den Menschen nicht verdenken, dass sie aus den von Mordor eroberten Gebieten flohen seitdem die Orks dort mit eiserner Faust regierten. Wenn sie doch nur klüger gewesen wären und eingesehen hätten, dass ihr Widerstand zwecklos gewesen ist. Doch seit einigen Tagen sprachen alle nur noch vom Sieg Elphirs von Dol Amroth bei Linhir und der Rückeroberung von Belfalas. Ihnen muss doch klar sein, dass den Haradrim - den Wilden aus dem Süden - nicht zu trauen ist, dachte Maegond als er die Eingangshalle eiligen Schrittes durchquerte. Schon bald werden Imrahil und Elphir gewiss feststellen, dass ihre neuen Verbündeten sie verraten haben.

Er fand seinen Vater in der Bibliothek, in Karten des fernen Nordens vertieft. Er hat also noch immer die Hoffnung nicht aufgegeben.
"Vater," sagte er im angemessenen Ton.
Arachír blickte auf. "Was gibt es Neues, mein Sohn?"
"Nichts Neues. Nur noch mehr Menschen aus Anfalas."
"Ist ihnen nun selbst der Langstrand nicht mehr sicher genug? Fürchten sie noch immer die Korsaren? Amros sandte Nachricht, dass die Flotte Umbars vernichtend geschlagen wurde und die Bucht von Belfalas von der Flotte Edhellonds und Dol Amroths beherrscht wird," stellte sein Vater fest.
"So muss es wohl sein," antwortete Maegond. "Lass' uns hoffen, dass die meisten weiterziehen werden. Die Stadt ist bereits überfüllt genug."
"Verschließe nicht dein Herz vor den Sorgen des Volkes, Maegond," sagte Arachír. "Schon bald wirst du eine Führungsposition einnehmen, mein Sohn, und du wirst nur ein guter Anführer sein, wenn du die Anliegen des einfachen Volkes anhörst und verstehst."
Nicht diese Lektion schon wieder, dachte Maegond. Er ließ seinen Blick über die Karten die sein Vater auf dem Tisch ausgebreitet hatte schweifen. "Wirst du erneut Reiter entsenden?" fragte er, um das Thema zu wechseln.
"Ich muss," antwortete Arachír leise. "Sie ist dort draußen. Mein Herz sagt es mir."
"Magrochil ist freiwillig gegangen, Vater. Sie wird zurückkehren, wenn sie es wünscht. Sie ist stark genug, um zu überleben," antworte Maegond. Seit seine Schwester mit einer großen Gruppe in den Norden gezogen war hatten sie nichts mehr von ihre gehört.
Doch beide waren sie sich sicher, dass sie es wissen würden falls Magrochil etwas zustoßen würde.

Maagond ließ seinen Vater stehen und trat auf den hohen Balkon hinaus. Vor ihm breiteten sich die grünen Hügel der Pinnath Gelin in südlicher und östlicher Richtung aus, und am Horizont lagen die fernen Strände von Anfalas. Eine friedliche Ruhe lag über dem Land. Und solange der Feind bei Linhir weiterhin aufgehalten und ihm der Übergang über den Gilrain verwehrt bleibt, wird sich daran auch nichts ändern. Dafür würde er sorgen.
« Letzte Änderung: 21. Dez 2017, 11:20 von Fine »

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Der Einsiedler der Hügel
« Antwort #1 am: 19. Dez 2017, 11:49 »
Valion, Valirë, Erchirion, Lóminîth und Gilvorn aus Nan Faerrim


Je weiter die fünf Reiter nach Norden kamen, desto unwegsamer wurde das Gelände. Das Tal von Nan Faerrim war abgelegen, und nur mit einem ausgetretenen Weg mit dem Rest von Anfalas verbunden, der sich jenseits des großen Torbogens rasch nach Süden in Richtung Maerost wendete. Nach Norden hin gab es weder Weg noch Straße. Und im Gegensatz zum Flachland von Anfalas waren die Pinnath Gelin durchzogen von Hügeln und flachen Erhebungen, die mit hohem Gras bedeckt und von vereinzelten Bäumen bewachsen waren. Arandol, Sitz der Herren dieses Außenlehens von Gondor, war mit einer gepflasterten Straße mit dem Rest des Reiches verbunden, doch diese führte in östlicher Richtung entlang des südlichen Randes des Weißen Gebirges. Valions Reisegruppe befand sich im Augenblick noch mehrere Tagesreisen südlich von Arandol - mitten in der Wildnis.
Sie ließen die Pferde im schnellen Trab gehen, damit die Tiere sich nicht zu rasch erschöpften oder in Gefahr gerieten, im schwierigen Gelände zu stürzen. Gilvorn ritt meistens voraus, da er sich in der Gegend am besten auskannte. Die Zwillinge hatten Nan Faerrim in ihrer Kindheit zwar einige Male besucht, doch sie waren während dieser Besuche nur selten jenseits des Tales ausgeritten. Die Jagdgründe der Herren von Nan Faerrim lagen westlich und südlich des Tales, wo lichte Wälder standen und das Gelände anzusteigen begann, denn dort lag der westlichste Arm des Weißen Gebirges; eine von vielen Schluchten und Höhlen durchzogene Bergregion. Gilvorn, der ursprünglich aus Lossarnach stammte, hatte seit seiner Ankunft in Nan Faerrim viele Streifzüge durch die umliegenden Lande unternommen, zumeist im Auftrag seines neuen Herrn. Deshalb fiel es nun ihm zu, den kürzesten Weg nach Arandol zu finden.

Gegen Mittag des zweiten Tages seit ihrem Aufbruch von Nan Faerrim rastete die Gruppe im Schatten eines großen Apfelbaumes, der in einer kleinen Senke zwischen zwei Hügeln stand. Noch trug der Baum eine Krone voller vielfarbiger Blätter, doch einen Teil davon hatte er bereits verloren, denn der Herbst schritt voran und der Winter nahte.
Valion lehnte sich mit dem Rücken gegen den Stamm und genoss die Strahlen der Mittagssonne, die seine Nasenspitze wärmten. Er schloss für einen Moment die Augen und versuchte, die Eile, die sie seit ihrem Aufbruch von Dol Amroth angetrieben hatte, wenigstens für ein paar Minuten zu vergessen. Lóminîth hatte ihren Kopf auf seinen Schoß gebettet und schien sich ähnlich zu fühlen. Sanft strich Valion ihr durch das nachtschwarze Haar und spürte, wie die feinen Härchen an ihrem Nacken sich bei der Berührung aufstellten und leicht erzitterten. Es fühlte sich gut an.
“Nicht aufhören,” wisperte Lóminîth und schloss ebenfalls die Augen.
“Wir können nicht ewig hier sitzen bleiben, so schön das auch wäre,” gab Valion ebenso leise zurück, während seine Finger ihr Werk fortsetzten.
“Ich weiß, ich weiß. Doch manchmal wünschte ich mir dennoch, es gäbe all diese... Verpflichtungen und Aufgaben nicht. Manchmal wünschte ich mir, wir könnten all das einfach hinter uns lassen. Uns ein Schiff nehmen und weit fort von hier fahren.”
“So verlockend das auch klingt...” setzte Valion an, doch Lóminîth legte ihm einen Finger auf den Mund.
“Lass mir die Illusion. Wenigstens noch für ein paar kostbare Minuten.”
Valion schwieg und gab ihr, was sie wollte. Er ließ seinen Blick etwas ziellos umher schweifen. Gilvorn stand ganz in der Nähe und spannte gerade die Sehne seines Langbogens neu auf. Erchirion und Valirë nutzten die Rast für ein Übungsgefecht, und ihre Klingen blitzten in der hellen Sonne auf, während sie sich wieder und wieder umkreisten und nach einer Lücke in der Verteidigung ihres Gegners suchten.

“Sieh nur,” sagte Lóminîth kurz darauf und deutete träge schräg aufwärts. “Dort scheint jemand zu wohnen, mitten in dieser einsamen Wildnis.”
Valion folgte ihrem Blick, der den nahen Hügel hinauf bis zu dessen grüner Spitze ging. Dort standen mehrere Bäume nahe beieinander, die bereits den Großteil ihrer Blätter verloren hatten. Dadurch wurde etwas sichtbar, das sich in der Krone des zentralen Baumes befand: Eine Art Platform mit einem hölzernen, geschwungenen Dach, auf der mehrere Personen Platz finden konnten. Lóminîth kam auf die Beine und ergriff Valions Hand, ihn mit sich ziehend. “Ich möchte es mir ansehen,” sagte sie und ihre Stimme war von Neugierde und Wissensdurst erfüllt. Dies kam selten genug vor, weshalb Valion beschloss, sich ihr nicht in den Weg zu stellen. Auch wenn er wusste, dass die Zeit drängte, kam er zu dem Schluss, dass ein paar Minuten nicht ausschlaggebend sein würden. Er folgte seiner Verlobten den Hügel hinauf.
Oben angekommen stellten sie fest, dass jemand hier offenbar einen kleinen Garten zwischen den Bäumen angelegt hatte. Ein ausgetretener Weg führte zwischen überwachsenen Beeten hindurch bis zum breiten Stamm des zentralen Baumes, von dem eine Strickleiter herab hing. Ehe Valion etwas sagen konnte, war Lóminîth bereits hinauf geklettert, und ihm blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Er hoffte, dass sie nicht geradewegs in eine Falle getappt waren.
Durch ein kreisrundes Loch in der Plattform, die aus festem, aber dünnem Holz bestand, erreichte Valion den Wohnbereich - denn danach sah es eindeutig aus. Die ebene Fläche bot mehr Platz, als er erwartet hatte. An den breiten Stamm lehnte ein kleines, verziertes Regal und ein besonders dicker Ast, der senkrecht in die Höhe ragte, stützte eine hölzerne Konstruktion, die für Valion wie ein nach hinten offener Schrank aussah. Am Rand der Plattform, der nach Westen ging, standen ein flacher Tisch, dessen Beine fest mit dem Boden der Plattform verwachsen waren, sowie ein kleiner Hocker. Valion konnte sich gut vorstellen, dass der Bewohner dieses Ortes hier gesessen hatte und... ja, was eigentlich getan hatte?
Lóminîth fand die Antwort darauf. In dem kleinen Regal fand sie Tinte, Feder und einige angestaubte Schriftrollen. “Wer auch immer hier lebt... er scheint sich für einen Poeten zu halten,” kommentierte sie. “Hier, hör’ dir das mal an:”

O Tal des Gesangs, gerahmt in Blau,
O Gold’ner Wald, inmitten von Grau,
O Reich ohne König, der im Meer verschwand,
O selbstlose Heimat, o Lórinand!

Sie trug das Gedicht mit ernster Stimme vor, doch als sie geendet hatte, zog ein belustigter Ausdruck über Lóminîths Gesicht. “Wirklich sehr melancholisch,” kommentierte sie.
“Gibt es dort vielleicht noch etwas Nützliches zu finden, oder nur noch mehr von diesem Gekritzel?” wollte Valion wissen.
Lóminîth lachte. “Nun, ich fürchte, hier ist bis auf... Gekritzel nicht mehr viel zu finden.” Sie drehte eines der vergilbten Blätter um und hielt es so hin, dass Valion sehen konnte, was darauf gezeichnet war: Das Antlitz einer Frau, die in die Ferne blickte. Sie kam Valion nicht bekannt vor. Um ihren Hals hing ein Medaillon mit einem Baum darauf. Soweit Valion erkennen konnte, war es nicht der Weiße Baum von Gondor. Er konnte sich keinen Reim darauf machen.
“Ich frage mich, wer hier wohl lebt - oder gelebt hat. Es kommt mir so vor, als wäre derjenige, der diesen Ort erschaffen hat, viele Tage nicht mehr hier gewesen,” überlegte Lóminîth.
Valion dachte einen Augenblick darüber nach, bis ihm eine Geschichte aus seiner Kindheit einfiel. “Meine Mutter erzählte meiner Schwester und mir einst von einem Märchen, das in Anfalas und in den Pinnath Gelin die meisten Kinder kennen. Darin geht es um einen etwas merkwürdigen Einsiedler, der irgendwo inmitten der Wildnis des Hügellandes lebt und hin und wieder eines der Dörfer in der Nähe aufsucht, um den Menschen Weisheit und Glück zu bringen.”
Lóminîth machte ein skeptisches Gesicht. “Und du glaubst, wir haben das Zuhause dieses... Einsiedlers gefunden?”
“Die meisten Geschichten haben einen wahren Kern,” meinte Valion. “Ich verstehe nur nicht, wieso dieser Ort wirkt, als wäre er erst vor einigen Monaten verlassen worden. Meine Mutter hörte das Märchen von ihrer Mutter, und so weiter. Die Geschichte ist mehrere Jahrhunderte alt. Also entweder gibt es mehrere von diesen Einsiedlern, oder der Kerl hat es irgendwie geschafft, dem Tod zu entgehen.”
Lóminîth schien das nicht zu überzeugen. “Ich weiß nicht, Valion. Dieser Ort kommt mir weder magisch noch märchenhaft vor. Hier hat eindeutig jemand gelebt, der real war, und der... nun, eigenwillige Gedichte geschrieben hat. Ich glaube, der geheimnisvolle Einsiedler, der all diese Jahrhunderte überstanden hat, war einer vom Älteren Volk.”
“Es gibt keine Elben in Gondor,” widersprach Valion.
“Vielleicht nur keine, von denen du weißt,” entgegnete Lóminîth. Und dann erinnerte sie ihn an die Elben, die nun die Tore Dol Amroth bewachten, und an Ladion, der in der Schlacht in Morthond die Bogenschützen befehligt hatte.
“Vielleicht hast du Recht,” meinte Valion nachdenklich. “Doch welcher Elb würde sich an diesem Ort niederlassen? Hier gibt es... nichts.”
“Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, ob meine Theorie stimmt.”
“Wir haben keine Zeit, der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Wir haben uns schon zum lange hier aufhalten lassen.”
Lóminîth ergriff seine Hand. “Ja, du hast Recht. Wir müssen weiter. Doch ehe wir gehen...” Sie zog ihn heran, und küsste ihn.

Lóminîth nahm die Gedichte und Zeichnungen mit, die sie in der Baumbehausung des Einsiedlers gefunden hatten. Sie verriet ihre Gründe dafür nicht. Valion ließ sie gewähren - welchen Schaden konnte es schon anrichten, wenn sie einige wertlose Schriftrollen mitnahm?
Die Reisegruppe setzte sich wieder in Bewegung, und der junge Gilvorn übernahm erneut die Führung. Gegen Abend stellten sie fest, dass sie inzwischen die höchsten der Hügel der Pinnath Gelin hinter sich gelassen hatte, und wieder in etwas flacheres Gebiet kamen. Sie standen am Rande der Ebene, die sich zwischen dem Weißen Gebirge im Norden und den grünen Hügeln im Süden erstreckte. Nun würden sie schneller voran kommen. Sie beschlossen einstimmig, bis zum Einbruch der Dunkelheit die Pferde zum Galopp anzutreiben um etwas Zeit gut zu machen. Valion schätzte, dass sie am späten Vormittag des nächsten Tages ihr Ziel, die Stadt Arandol, erreichen würden.
« Letzte Änderung: 21. Dez 2017, 11:33 von Fine »

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Ankunft in Arandol
« Antwort #2 am: 30. Dez 2017, 21:57 »
Die mit einer starken Mauer umgebene Stadt Arandol stand auf einem großen, flachen Hügel, der sich wenige Meilen vor der Stelle erhob, an der das Weiße Gebirge seine Richtung änderte, und nach Süwesten abknickte. Am Scheitelpunkt befand sich eine Passage, die den Namen Cirith Minuial, der Pass des Morgengrauens trug. Einst hatte dort eine gut ausgebaute Straße in die Lande zwischen Gondor und Arnor geführt, die jedoch in den Jahrhunderten aufgrund von geringer Benutzung langsam verfallen war. Seit der Eroberung der östlichen Gebiete Gondors durch die Heere Mordors jedoch waren wieder viele Reisende dort unterwegs, und verließen Gondor über den Pass, der den einzigen Zugang zwischen den Pinnath Gelin und den Landen jenseits des Weßen Gebirges darstellte. Da er einst von strategischer Wichtigkeit gewesen war, hatten die alten Baumeister Gondors an beiden Enden des Passes einen Wachtturm errichtet. Und nun waren dort seit vielen Jahrunderten wieder Wachposten stationiert, denn es gab viele Menschen in Arandol, die nach Arbeit suchten. Die Bevölkerung war in den letzten Jahren stark angewachsen, denn nicht alle Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten reisten nach Arnor oder Eriador weiter. Jene, die Gondor noch nicht verlassen wollten, aber nicht mehr länger am Krieg teilnehmen wollten, gingen nach Anfalas, Andrast oder in die Pinnath Gelin. Dort waren sie noch immer Teil des Reiches, doch sie waren so weit von den Kriegsschauplätzen entfernt, wie möglich.
Arandol selbst war einst nicht mehr als eine kleine Burg gewesen, die der Garnisonskommandant der in den Pinnath Gelin stationierten Truppen dort hatte errichten lassen, um einen befestigten Ort zur Ausbildung seiner Soldaten zu haben. Denn in den frühen Jahren Gondors kam es hin und wieder vor, dass Banden von wilden Menschen aus den Gebieten jenseits des Cirith Minuial Raubzüge nach Süden durchführten. Mit der Zeit war durch den Zuzug weiterer Gondorer eine Stadt rings um die Garnisonsburg entstanden, die schließlich zur Hauptstadt des Außenlehens geworden war. Hier war der Sitz von Elatan, dem Herrn der Pinnath Gelin, auch wenn jener noch immer in Dol Amroth weilte und im Rat von Fürst Imrahil saß. Und hier schien die Quelle der separatistischen Bewegung zu sein, die Valions Gruppe suchte.

Sie hatten beschlossen, zunächst unerkannt zu bleiben. Umhänge verhüllten die Wappen auf ihrer Kleidung und ihren Rüstungen, und sie führten ihre Pferde am Zügel bis zum Stadttor. Dort stellten sie die Tiere in einem kleinen Stall unter und versammelten sich auf einem etwas abgelegenen kleinen Platz, auf dem ein verzierter, plätschernder Springbrunnen zu finden war. Steinerne Bänke boten ihnen genügend Sitzgelegenheiten, und der Ort war weit genug weg vom Getümmel der Hauptstraßen, dass sie ungestört über ihre Pläne sprechen konnten. Die Wachen am Tor der Stadt hatten sie gelangweilt durchgewunken, ohne sie eines genaueren Blickes zu würdigen. Es kamen offenbar täglich so viele Leute nach Arandol, dass sich die Mühe, sie alle zu überprüfen, nicht lohnte.
"Diese Stadt ist ja noch voller als Maerost," kommentierte Valirë die Enge in den Straßen. Auch in Maerost, der Burg Golasgils, waren die Straßen belebt gewesen, doch die Anzahl von Menschen konnte sich nicht mit dem messen, was in Arandol los war. Sie hatten Glück gehabt, direkt hinter dem Tor einen freien Platz für ihre Pferde gefunden zu haben. Mit den Reittieren im Schlepptau wären sie in den Straßen Arandols hoffnungslos steckengeblieben.
"Es ist kein Wunder," meinte Erchirion. "Sie liegt nun einmal auf dem direkten Weg nach Eriador. Wer Gondor in Richtung Sicherheit verlassen möchte, kann dies nur auf drei Wegen tun. Zum einen kann man über die Pfade der Toten nach Rohan gehen, wie ich es selbst vor einigen Monaten getan habe. Zum anderen kann man sich ein Schiff in Dol Amroth, Linhir oder Revaillond nehmen und in eine Richtung fahren, die einem beliebt. Und dies, meine Freunde, ist nun der dritte Weg, der die kürzeste Reisezeit zu den als sicher geltenden Landen nördlich von hier verspricht: Der Pass von Cirith Minuial."
Valirë machte ein geringschätziges Geräusch. "Wie können sie nur so feige sein, und fliehen? Sie sollten nach Dol Amroth gehen, und sich zeigen lassen, wie man ein Schwert hält, damit sie ihre Heimat verteidigen können."
"Nicht jeder ist ein Krieger," wandte Lóminîth ein. "Aber täusche dich nicht: Nur weil ich kein Schwert schwingen kann, so wie du es so gerne tust, heißt das nicht, dass ich wehrlos bin. Es gibt andere Waffen, derer sich eine Frau bedienen kann, meine Liebe."
"Oh, darüber weiß ich ganz genau Bescheid," erwiderte Valirë mit einem anzüglichen Grinsen.
Lóminîth schien das nicht witzig zu finden. "Ich wünschte, du könntest wenigstens für einen Augenblick ernst bleiben," sagte sie kühl. "Wir haben einen Auftrag zu erfüllen."
"Ist euch aufgefallen, was für eine seltsame Stimmung in der Stadt herrscht?" sagte Valion, der rasch das Thema wechseln wollte, ehe sich die beiden Frauen vollständig in die Haare gerieten. "Es war nicht dieses Gefühl von Bedrücktheit und Sorge, das Valirë in Maerost vernommen hat. Sondern eher eine Art..."
"...Sorglosigkeit," ergänzte Lóminîth. "Das genaue Gegenteil. Die Menschen hier sind geradezu ausgelassen sorglos, als gäbe es nichts, das sie kümmern müsste."
"Nicht alle," meinte Erchirion nachdenklich und kratze sich am Kinn. "Ich glaube, das trifft nur auf jene zu, die schon länger in der Stadt sind. Die Menschen, die wie wir gerade erst in Arandol angekommen sind, oder planen, nicht lange zu bleiben, haben sich meiner Einschätzung nach normal verhalten."
"Auf jeden Fall betrifft es diese lausigen Wachen," sagte Valirë. "Die haben nicht einmal in meine Richtung gesehen. Das ist schon lange nicht mehr geschehen." Nachdenklich betastete sie ihr Gesicht und ihre Haare, als würde etwas mit ihrem Aussehen nicht stimmen.
"Ich glaube nicht, dass das an dir liegt, meine Liebe," sagte Erchirion mit einem belustigten Gesichtsausdruck. "Auf mich wirkst du noch genauso ansehnlich wie zuvor."
Gilvorn, der bislang noch kaum ein Wort gesagt hatte, erhob sich von der Bank, auf der er sich ausgeruht hatte und sagte: "Wenn ihr es gestattet, Herrschaften, werde ich mich ein wenig umsehen gehen. Vielleicht kann ich in Erfahrung bringen, ob eure Einschätzung korrekt ist. Bitte nehmt es mir nicht übel, aber ich glaube, wenn wir alle zusammen gehen, würden wir auf früh oder spät auffallen. Das wird wohl nicht in unserem besten Interesse sein."
"Er hat recht," sagte Lóminîth. "Gilvorn sollte gehen. Er ist unscheinbar und wird nicht auffallen. Sie werden ihn für einen vom einfachen Volk halten."
"Was ich ja auch bin, meine Dame," fügte der junge Jäger mit einer angedeuteten Verbeugung in ihre Richtung hinzu. Das entlockte Lóminîth tatsächlich ein erfreutes Anheben der Augenbrauen.
"Also gut, dann gehst du vorerst alleine," sagte Valion. "Wir werden uns solange hier die Zeit vertreiben und Pläne schmieden." Er blickte nach oben, wo zwischen den steinernen Dächern der Häuser Arandols die Sonne zu sehen war. Es war ein wolkenloser Herbsttag. Valion schätzte den Stand der Sonne ein und sagte: "Bis Sonnenuntergang bleiben uns noch ungefähr drei Stunden Zeit. Kehre hierher zurück, ehe es dunkel geworden ist, und sei vorsichtig."
"Ich werde mein Bestes geben," sagte Gilvorn mit fester Stimme. Dann lief er los und verschwand in einer Seitengasse.

Die übrigen Gefährten waren sich rasch darüber einig, dass sie die Urheber der separatistischen Verschwörung nur finden würden, wenn sie in Erfahrung brachten, wer im Augenblick den Befehl in Arandol führte. Nur jemand mit genügend Einfluss würde ein gesamtes Außenlehen (oder sogar zwei, wenn man Anfalas dazurechnete) dazu bringen können, sich von Gondor loszusagen. Doch wenn sie versuchen würden, in die Burg einzudringen, die der Sitz des Herrn der Pinnath Gelin war, riskierten sie, in Gefangenschaft zu geraten, wenn man sie erwischte.
"Und wenn wir erwischt werden, müssen wir unsere wahren Namen preisgeben, um der Strafe zu entgehen. Keine gute Idee," meinte Valirë.
"Vielleicht kann Gilvorn auch zu dieser Frage etwas in Erfahrung bringen," sagte Erchirion hoffnungsvoll. "Er scheint ein sehr fähiger junger Mann zu sein. Bestimmt hat er bereits herausgefunden, wer in Elatans Abwesenheit in Arandol das Sagen hat."
"Hoffen wir es," sagte Valion, der begonnen hatte, seine Schwerter mit einem kleinen Wetzstein zu schärfen, den er aus Nan Faerrim mitgebracht hatte. "Je länger wir hier untätig herumsitzen, desto weniger Zeit werden wir haben, um die Separatisten aufzuhalten."
"Ehe wir nicht die Identität der Anführer dieser Verschwörer kennen, sind uns leider die Hände gebunden," erwiderte Lóminîth, die ihren Kopf gegen Valions Schulter gelehnt hatte. "Wir müssen uns in Geduld üben."
"Geduld!" rief Valirë. "Erneut stellt sie mich auf die Probe! Ob ich es diesmal aushalten werde? Meine Finger zittern schon..."
Erchirion lachte und legte den Arm um sie. "Nein, dir ist nur kalt. Es wird bald Winter werden, falls es dir nicht aufgefallen ist, und wir sind seit dem Aufbruch aus Nan Faerrim stetig leicht bergauf gegangen. Vielleicht solltest du deine Handschuhe anziehen."
"Behandle mich nicht wie ein Kind," gab Valirë verstimmt zurück. Die Handschuhe zog sie trotzdem an.

Eine Stunde verging, und dann eine weitere. Sie vertrieben sich die Zeit damit, über den bisherigen Verlauf ihrer Reise nach Westen zu sprechen, doch schließlich verfielen sie einer nach dem anderen in nachdenkliches Schweigen. Viel hatten sie noch nicht erreicht. Seit ihrer Ankunft in Anfalas hatten sie keinerlei Antworten sondern nur noch mehr Fragen gefunden. Keine besonders gute Bilanz, dachte Valion frustriert.
Alle vier bemerkten mit einem Mal, dass der Geräuschpegel in der Umgebung mehr und mehr angestiegen war. Es klang, als sei die Menschenmenge auf den Straßen langsam, aber sicher in Aufruhr geraten. Sie konnten nicht verstehen, was gerufen wurde, doch eines war ihnen allen klar: Irgendetwas ging da draußen vor sich.
Valion sprang auf und ging vorsichtig denselben Weg zurück, den sie bei ihrer Ankunft in Arandol gegangen waren, um den kleinen, abgelegenen Platz zu erreichen an dem sie sich beratschlagt hatten. Rasch folgten ihm seine drei Gefährten, die sich aufmerksam umblickten. Durch mehrere kleine Gassen kehrten sie zur Hauptstraße zurück und standen schon bald am Rande des Platzes auf der Innenseite des Tores, durch das sie die Stadt betreten hatten. Dort war nun wirklich kein Durchkommen mehr. Menschen füllten den Platz und traten sich gegenseitig auf die Füße. Und alle blickten sie auf eine Gestalt, die gerade auf die Brüstung direkt über dem Tor gertreten war. Es handelte sich, soweit Valion erkennen konnte, um einen jungen, dunkelhaarigen Mann, der eine gondorische Rüstung mit dem Siegel der Pinnath Gelin darauf trug und ein großes Banner in der linken Hand führte. Er stellte die Insignie auf und hob die Hand. Und sogleich legte sich der Lärm, und es wurde beinahe vollständig still.
"Menschen von Arandol!" rief der Bannerträger. "Ich bin Maegond von Haus Torchirion und bitte euch, mich anzuhören!"
Bejahende Rufe erfolgten, während sich die Gefährten ratlos ansahen. Von einem Mann namens Maegond hatten sie noch nie gehört.
"Ihr wisst, wer ich bin, und weshalb ich hier bin. Schon zu lange gibt es Ungerechtigkeit in dieser Stadt und in diesem Land. Ihr alle seid ungerecht behandelt worden, von den scheinheiligen Fürsten und Herrschaften in Dol Amroth! Immer dreister und höher werden ihre Forderungen nach Abgaben, die sie für einen sinnlosen Krieg verprassen, und immer wieder zwingen sie die Verteidiger dieses Landes, für ihre selbstsüchtige Sache Blut und Leben zu geben. Wir haben lange genug zugelassen, dass man unsere Rechte mit Füßen tritt. Ich sage, es ist genug!"
Jubel und Zustimmung erschallte lautstark aus der Menge. Lóminîth wisperte: "Ich glaube, wir haben einen der Anführer der Verschwörung gefunden."
"Er steht ganz oben auf der Liste der Verdächtigen," ergänzte Valirë. Sie hatte die Arme verschränkt und ihr Blick war unheilvoll.
"Meine Freunde, es ist an der Zeit, dass wir uns gegen diese Ungerechtigkeiten wehren! Wir werden diese unverantwortliche Führung der Schwanenprinzen nicht mehr akzeptieren, die Gondor so viel Land und Blut gekostet hat. Das muss endlich aufhören! Wir haben gesehen, zu welcher Vernunft die Anführer jenes Reiches imstande sind, die Minas Tirith besetzt haben. Als sich die Menschen dort unterwarfen, erlaubte man ihnen, ohne große Einschränkungen in der Weißen Stadt zu leben. Doch was taten diese Narren? Sie begehrten auf und wurden entsprechend bestraft. Wir müssen weiser als sie sein, meine Freunde. Wir müssen uns von Dol Amroth lossagen, und unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. Ein Frieden mit den Mächten im Osten ist möglich. Sie würden niemals von uns verlangen, unsere Söhne in ihren Kriegen sterben zu lassen. Sie würden uns gerecht behandeln! Davon bin ich überzeugt. Also frage ich euch: Steht ihr mit mir Seite an Seite? Wagt ihr es, das Joch von Dol Amroth abzuwerfen?"
Es war erschreckend für Valion, wie groß die Zustimmung der Menge war. Er hätte nicht gedacht, dass sich Gondorer von einigen gut klingenden Worten täuschen lassen würden. "Sehen sie denn nicht, dass sie sich freiwillig in die Knechtschaft Mordors begeben würden?"
"Sieh sie dir an," sagte Erchirion traurig. "Die meisten von ihnen sind kriegsmüde. Und dieser Maegond wählt seine Worte geschickt. Es stimmt, dass es unter Statthalter Herumor, der von Mordor ernannt worden war, für zwei Jahre Frieden in Minas Tirith gab. Doch wir alle wissen, dass dies nur der Anfang gewesen wäre. Diese Taktik hatte genau das zum Ziel, was wir hier vor uns sehen. Sie wollten damit erreichen, dass Zwist und Uneinigkeit in den Landen entsteht, die sie noch nicht erobern konnten."
"Dieser Kerl ist gerissen. Er hat das Wort Mordor nicht ein einziges Mal in den Mund genommen, um keine Panik auszulösen," stellte Lóminîth fest.
Maegond brachte die Menge erneut zum Schweigen, in dem er die Hand hob. "Meine Freunde! Ihr wisst, wer Teilschuld an der Lage hat, in der wir uns befinden. Es ist derjenige, dem eigentlich die Sicherheit dieses Landes am meisten am Herzen liegen sollte. Doch euer Herr Elatan weilt nun schon seit beinahe einem Jahr am Hofe des verlogenen Fürsten von Dol Amroth. Er schert sich nicht um euch."
"Setzt ihn ab!" riefen mehrere wütende Stimmen aus der Menge.
"Wir brauchen einen neuen Anführer, meine Freunde. Einen, der den Anspruch auf das Erbe von Arandol besitzt, und dem das Leid der Menschen der Pinnath Gelin nicht egal ist. Seht auf mein Banner! Ich stamme von Torchírion ab, der diese Stadt begründete, und ich stehe hier, um euch zu fragen: Werdet ihr mir folgen?"
Ohrenbetäubender Jubel antwortete ihm, und selbst Maegond gelang es nun nicht mehr, die Menge zu beruhigen. Laut riefen sie seinen Namen und beschworen die Abspaltung von Gondor und Rebellion gegen Dol Amroth. Nur wenige wandten sich mit bestürzten Gesichtern ab.
Jemand zog an Valions Arm. Es war ein dunkelhaariges Mädchen, das feste, braune Reisebekleidung aus Leder und einen pelzbesetzten grauen Umhang mit Kapuze trug. "Ihr seid nicht von hier, nicht wahr?" sagte sie, und man hörte heraus, dass es keine Frage sondern eine Feststellung war.
"Schon möglich. Wer will das wissen?" gab Valion unbeeindruckt zurück.
"Mein Name ist Magrochil von Arandol," platzte das Mädchen heraus. "Und der da - " sie zeigte auf den Redner, der inzwischen von der Menge auf Händen getragen wurde - "ist mein idiotischer Bruder. Helft ihr mir, ihn aufzuhalten?"
« Letzte Änderung: 2. Jan 2018, 07:12 von Fine »

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Durch die Hintertür
« Antwort #3 am: 8. Jan 2018, 14:53 »
"Für eine Adelige hast du aber ein ziemlich freches Mundwerk," merkte Erchirion belustigt an, während sie Magrochil in eine der Seitengassen folgten. Noch immer war das Johlen der Menge zu hören, die ihren Anführer feierten und ihren Zorn gegen Dol Amroth und die Fürstenfamilie lautstark herausschrien.
"Ich gebe einen Dreck auf meinen Adelsstand," erwiderte Magrochil ungerührt. Jetzt, wo Valion das Mädchen genauer betrachtete, fiel ihm auf, dass sie nicht wie eine gewöhnliche Hochgeborene aussah. Ihr dunkles Haar fiel ihr unordentlich über beide Schultern und ihr Umhang war am unteren Rand voller Schmutz, der von langen Reisen zeugte. Auch ihre übrige Kleidung war einfach und würde in einer Gruppe von Menschen kaum herausstechen. Einzig ihre akzentfreie Aussprache und ihre Körperhaltung bewiesen, dass sie wohl tatsächlich eine vernünftige Erziehung genossen hatte und aus gehobenem Hause kam.
Valirë lachte. "Und trotzdem hast du dich uns von Anfang an mit deinem Titel vorgestellt, Magrochil von Arandol." Sie zwinkerte dem Mädchen zu, das ihr kurzerhand die Zunge herausstreckte.
"Sonst hättet ihr mir bestimmt nicht zugehört," rechtfertigte sie ihr Handeln, während die Gruppe den kleinen Platz erreichte, auf dem sie sich zuvor beraten hatten.
Sie nahmen erneut auf den steinernen Bänken Platz. Magrochil baute sich vor ihnen auf und musterte sie eindringlich. Schließlich blieb sie vor Lóminîth stehen und sagte: "Du bist anders als diese drei. Sie sind Gondorer durch und durch, aber du... du hast da etwas an dir. Woher stammst du?"
"Ich glaube nicht, dass das gerade wichtig ist," ging Valion dazwischen. "Du hast gesagt, dass derjenige, der die Menschen gegen Dol Amroth aufstachelt, dein Bruder ist. Erzähl uns von ihm, und sag uns, wie wir ihn aufhalten können."
Magrochil gab ein genervtes Geräusch von sich. "Maegond ist sieben Jahre älter als mich und war noch nie in seinem Leben mit dem zufrieden, was er hatte. Unsere Familie ist sehr wohlhabend und besitzt mehrere große Häuser in Arandol und sogar eines unten in Anfalas, doch er konnte schon vor Jahren nie damit aufhören, davon zu reden, dass er zu Größerem bestimmt sei. Wir stammen aus einer Nebenlinie des Hauses von Torchirion, dem Begründer dieser Stadt, und sind daher Verwandte des Herrn der Pinnath Gelin. Jetzt scheint Maegond sich in den Kopf gesetzt zu haben, dass ihm dieser Titel zustände. Das ist zwar ein großer Haufen saw, aber er geht es geschickt an und nutzt die Ängste der Menschen aus, um seine Ziele zu erreichen. Ich bin erst seit wenigen Tagen wieder hier in Arandol und habe schon genug davon. Es muss dringend etwas unternommen werden, und zwar schnell."
"Wo bist du denn gewesen, wenn du nicht hier warst?" fragte Erchirion interessiert nach.
Das Mädchen zeigte grob nach Norden. "In Eriador. Ich hab' es in diesem Leben nicht mehr ausgehalten. Zu viele Regeln und Pflichten. Also habe ich mich einer Gruppe von Flüchtlingen angeschlossen, die über den Cirith Minuial nach Norden zogen, ohne dass meine Familie etwas davon mitbekommen hat. Drei schöne Jahre habe ich dort verbracht und viele Freunde gefunden."
"Und weshalb bist du nun zurückgekehrt?" hakte Valirë nach.
"Vor einigen Monaten war ich mit einem Gefährten auf dem Weg in die Ered Luin, als ich davon hörte, dass mein Vater nach mir suchen lässt. Zuerst ließ mich diese Nachricht kalt, doch nachdem ich die Hallen der Zwerge gesehen hatte, und erlebt hatte, wie sie dort eng mit ihren Familien miteinander leben, bekam ich schließlich doch ein wenig Heimweh. Nicht nach meinem Bruder natürlich. Aber ich beschloss, meinem Vater einen kurzen Besuch abzustatten und ihm zu sagen, dass ich am Leben bin und dass ich glücklich bin, so wie ich jetzt lebe. Allerdings bin ich dazu noch nicht gekommen."
"Weshalb?"
"Weil die große Halle von Arandol, der Herrschersitz der Pinnath Gelin, seit Wochen vollständig abgeriegelt ist. Niemand kommt rein oder raus. Und niemand hat die Adeligen die dort wohnen, seither gesehen. Auch meine Familie nicht. Die einzigen, die die große Halle verlassen, sind Soldaten oder Bedienstete, die meinem Bruder inzwischen vollkommen ergeben sind. Herr Elatan mag dem Namen nach Herrscher der Pinnath Gelin sein, doch in Wahrheit besitzt Maegond die Befehlsgewalt, denn Elatan ist weit weg, in Dol Amroth."
"Und vermutlich würde es unsere Lage nur schlimmer machen, wenn wir einfach an die Tore der Halle klopfen würden, und Einlass verlangen würden, unter Ankündigung unserer Titel und unseres Auftrages," überlegte Lóminîth. "Wenn dieser Maegond die Stadt und das gesamte Lehen wirklich so sehr unter seiner Kontrolle hat, werden die Soldaten die Autorität eines Prinzen des verhassten Dol Amroths gewiss nicht anerkennen."
"Du bist ein Prinz von Dol Amroth?" fragt Magrochil erstaunt in Erchirions Richtung, der nickend bestätigte. Sie schüttelte den Kopf. "Sie würden dich einsperren, wenn du Glück hast. Und euch alle gleich mit."
"Was schlägst du stattdessen vor?" fragte Valion das Mädchen.
Sie blickte tatsächlich ein wenig betreten zu Boden. "So weit hatte ich noch nicht vorausgeplant," gab sie zu. "Ich sah, dass ihr als einige von wenigen Leuten nicht besonders begeistert von der Rede meines Bruders wart, und habe erkennen können, dass ihr nicht von hier seid. Also beschloss ich kurzerhand, euch um Hilfe zu bitten."
"Wir sind also unserem Ziel noch keinen Schritt näher gekommen," seufzte Valirë.

"Wenn Ihr entschuldigt, Herrschaften; ich habe womöglich einen Ausweg aus dieser prekären Lage gefunden," ertönte Gilvorns Stimme hinter ihnen. Keiner hatte gehört, wie der junge Jäger herangekommen war, und umso überraschter waren sie nun, ihn zu sehen.
"Wie ist es dir ergangen, Gilvorn? Was hast du herausgefunden?" fragte Valion.
"Die gesamte Stadt steht unter dem Kommando Maegonds von Haus Torchirion, einem Aufrührer, der..."
"Ja, wir wissen wer er ist. Weiter im Text," unterbrach Valirë die Erzählung.
"Nun, es ist mir gelungen, einen Weg ins Innere des Herrschersitzes zu finden, der aus einer großen Halle und einigen weiteren Gebäuden besteht, die von einer separaten Mauer innerhalb der Stadt umgeben ist und scharf bewacht wird. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um den alten Garnisonsstützpunkt, um den die Stadt herum in den letzten Jahrhunderten angewachsen ist. Jedenfalls gibt es an der Rückseite einen Dienstboteneingang, der nur von zwei Soldaten bewacht wird. Ich bin mir sicher, Menschen mit den eurigen Talenten wird es nicht allzu schwer fallen, die beiden außer Gefecht zu setzen, ohne die übrigen Wachen zu alarmieren."
Magrochils Gesicht hellte sich bei diesen Worten auf. "Natürlich! Dass ich nicht an den versteckten Dienstboteneingang gedacht habe..."
"Alleine wärst du dort wahrscheinlich sowieso nicht durchgekommen," meinte Lóminîth, die sich damit einen finsteren Blick von Magrochil einhandelte.
"Wer weiß. Ich hätte mir schon etwas einfallen gelassen. Aber wer ist er?" Sie zeigte auf Gilvorn und machte ein misstrauisches Gesicht.
"Er gehört zu uns. Gilvorn, dies ist Magrochil von Arandol, die uns unterstützen wird. Und dies ist Gilvorn, ein treuer Jäger von Lossarnach," stellte Erchirion die beiden einander vor.
"Sehr erfreut, Eure Bekanntschaft zu machen, meine Dame," sagte Gilvorn und verbeugte sich. Magrochil hingegen verschränkte die Arme vor der Brust und gab nichts mehr als ein "Hmpf!" von sich.
"Ich sage, wir nutzen die Gelegenheit und sehen uns die große Halle von Innen an," fuhr Erchirion fort. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle Adeligen die Taten Maegonds einfach so unterstützen. Wenn wir sie befreien, werden wir vielleicht genügend Unterstützer haben, um den unrechtmäßigen Herrscher dieser Stadt zu entthronen."
"Oder wir stellen ihm in seinem Machtsitz eine Falle und beenden seine Schreckensherrschaft auf die permanente Art und Weise." Valirës böses Lächeln ließ keinerlei Zweifel darüber zu, was sie mit diesen Worten meinte.
"Wir sind nicht hierher gekommen, um das Blut von Gondorern zu vergießen," erinnerte Valion seine Zwillingsschwester. "Wir beenden diesen Separatismus - auf friedliche Art und Weise."
Erchirion nickte zustimmen, während Valirë ein verstimmtes Gesicht machte. Doch sie fügte sich.

Vorsichtig bahnten sie sich (nun zu sechst) einen Weg durch die Stadt, geführt von Gilvorn, während Magrochil am Ende der Gruppe ging. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie eine steile Gasse erreichten, die sich zwischen einer Hauswand und der dicken Mauer hindurchschlängelte, die die alte Garnison von Arandol umgab. Zu ihrer aller Überraschung war von den beiden Wachposten keine Spur zu sehen, als sie vor der kleinen hölzernen Tür angekommen waren, die am Ende der Gasse lag. Gilvorn schob die Türe (die unverschlossen war) vorsichtig auf und spähte hinein. Gleich darauf gab er Entwarnung und winkte die Gruppe zu sich herüber. Als sie herangekommen waren, sahen sie, dass beide Soldaten regungslos auf dem Boden des Ganges lagen, der sich hinter der Tür befand.
"Es scheint, als ob das Glück uns heute besonders gewogen ist," sagte der Jäger. Er kniete sich neben die Soldaten und roch an ihnen. "Ich vermute, sie haben zuviel getrunken und sind in einen Streit geraten, der dazu führte, dass sie beide die Besinnung verloren haben. Kommt! Wir sollten besser bereits verschwunden sein, wenn diese Unglücklichen erwachen."
Rasch folgten sie ihm ins Innere, Valion als Letzter. Dabei fiel ihm auf, dass Magrochil verschwunden war. Er zögerte für einen Augenblick und überlegte, ob er zurück nach draußen gehen und nach ihr suchen sollte, doch der Rest der Gruppe war bereits tief in den Gang vorgedrungen und er würde sie aus den Augen verlieren, wenn er weiter wartete. Ich hab ein mieses Gefühl bei der Sache, dachte er, seufzte, und schloss dann rasch zu seinen Gefährten auf.
Der Gang endete schon bald an einer gewundenen Treppe, die aufwärts führte. Gilvorn, der noch immer voran ging, eilte die Stufen hinauf, und sie folgten ihm. Die Treppe war nicht beleuchtet, weshalb sie im Dunkeln angestrengt zu klettern begannen, um nicht zu stolpern. Valion tastete nach seinen Schwertern und war froh, dass beide noch immer an ihrem Platz waren. Er wusste nicht, was sie jetzt erwarten würde oder was sie finden würden.
Endlich erreichten sie das obere Ende der Treppe. Hier hing eine kleine Laterne, die nur wenig Licht spendete. Nur ein Durchang führte aus dem kleinen, runden Raum, in dem die Treppe geendet hatte, und dahinter lag Finsternis. Gilvorn trat hindurch und wurde von der Schwärze verschluckt. Ehe Valion etwas sagen konnte, rannte Valirë dem Jäger hinterher, gefolgt von Erchirion und kurz darauf auch Lóminîth. Es kam ihm vor, als hätten sie alle den Verstand verloren. Notgedrungen betrat nun auch Valion den Raum, der jenseits des Durchgangs lag.
In dem Augenblick, in dem er über die Schwelle trat, war es, als wäre urplötzlich die Sonne aufgegangen. Helles Licht blendete ihn und raubte Valion die Orientierung. Er machte zwei taumelnde Schritte vorwärts und prallte mit seiner Zwillingschwester zusammen, die an Ort und Stelle stehen geblieben war. Und während er noch versuchte, zwischen vor die Augen gehobenen Fingern etwas zu erkennen, ertönte eine Stimme, die sie alle erst vor wenigen Stunden vernommen hatten.
"Was für eine gelungene Überraschung," sagte Maegond, dessen Stimme von irgendwo oberhalb von Valions Position erklang. "Solch hohen Besuch hatte ich nun wirklich nicht erwartet, schon gar nicht um diese Tageszeit. Wenn das nicht Prinz Erchirion von Dol Amroth ist! Mitsamt seiner edlen Verlobten und ihrem tapferen Bruder! Und eine exotische Schönheit, die wohl das Bett des besagten Bruders teilt. Ich muss sagen, ich bin ein klein wenig gekränkt. Ihr hättet euch wirklich vorher ankündigen sollen, meine Herrschaften."
Endlich konnte Valion erkennen, wo er sich befand. Er stand inmitten einer gewaltigen Halle, deren Wände über zehn Meter hoch aufragten. Sie waren durch den Durchgang ungefähr in die vordere Hälfte der Halle geraten, bei der es sich unverkennbar um die große Halle der Herren der Pinnath Gelin handelte. Am hinteren Ende war ein erhöhter Sitz, der sich auf einem breiten Podium befand und dahinter hingen breite Banner mit dem Siegel der Pinnath Gelin und dem Fisch von Anfalas. Das Licht, das sie geblendet hatte, kam aus großen, blau verglasten Fenstern, die den Großteil der Seitenwände einnahmen und die von breiten Vorhängen verhüllt gewesen waren. Auf halber Höhe der Fenster verlief rings um die Innenwand der Halle ein Balkon, auf dem Soldaten mit gespannten Bögen standen. Und während Valion die Szene noch zu begreifen versuchte, füllte sich auch die untere Ebene der Halle mit Soldaten, deren Speere und Schwerter die Gruppe umzingelten und in Schach hielten. Als Valion sich hastig umdrehte, sah er aus dem Durchang, der zum oberen Ende der Wendeltreppe führte, über die sie die Halle betreten hatten, jene beiden Soldaten kommen, die sie zuvor im bewusstlosen Zustand hinter sich gelassen hatten. Spätestens jetzt wurde ihm klar, wie sie in diese Lage geraten waren.
Maegond, der Anführer der Aufrührer, stand mit einem selbstgefälligen Grinsen im Gesicht in der Mitte des Balkons. Und unterhalb seiner Position stand Gilvorn, der junge Jäger von Lossarnach. Inmitten der Soldaten, die Platz für ihn machten. Keine Klinge zeigte in seine Richtung. In der Hand hielt er den Dolch, der vor wenigen Tagen in der Brust des Alten Luchses gesteckt hatte. Lässig warf er die Klinge in die Luft und fing sie geschickt wieder auf. Ein bösartiger Ausdruck umspielte seine Lippen.
Valirë war die Erste, die die Sprache wiederfand. "Verräter!" schrie sie Gilvorn an. "Du hast uns in die Falle gelockt!"
"Ihr habt es mir nicht sonderlich schwer gemacht," gab der Angesprochene süffisant zurück. "Wie eine Horde Schafe seid ihr mir auf Schritt und Tritt gefolgt. Direkt in euer Verderben." In seiner Stimme war nichts mehr von dem Respekt zu hören, den er zuvor stets gezeigt hatte. Er hatte die Maske fallen lassen.
"Maegond! Du weißt, wer ich bin, und welche Autorität ich besitze. Im Namen von Dol Amroth befehle ich dir, diesen Aufstand gegen meinen Vater augenblick zu beenden! Wenn du dich fügst, wird dir Strafe womöglich milde ausfallen." Erchirion stand aufrecht da und wirkte in jenem Augenblick beinahe wie ein König, der seinem fehlgeleiteten Untertan eine letzte Chance gibt.
Doch Maegond lachte nur. "Deine Autorität erkenne ich nicht an, mein Prinz. Du besitzt keine Macht hier, Erchirion von Dol Amroth. Eine neue Macht erhebt sich in Gondor. Eine, die sich nicht länger von den arroganten Prinzen von Dol Amroth herumkommandieren lässt. Eine, die weise genug ist, zu erkennen, wann ein Krieg nicht mehr zu gewinnen ist."
"Wenn du mit Mordor verhandelst, wirst du nichts als Verderben über dieses Land bringen!" rief Valion.
Valirë hatte inzwischen ihr Schwert gezogen und schien drauf und dran, sich ohne Rücksicht auf Verluste auf die Soldaten zu stürzen. Nur mit Mühe gelang es Erchirion und Lóminîth, sie zurückzuhalten.
"Ich habe genug gehört," sagte Maegond. "Ergreift sie, und werft sie ins Verlies." Mit einem Blick auf Lóminîth fügte er hinzu: "Und bringt diese Korsarenschlampe in meine Gemächer!"

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Gilvorns Beweggründe
« Antwort #4 am: 17. Jan 2018, 14:44 »
Die Verliese von Arandol waren, soweit Valion wusste, einst von den Soldaten der gondorischen Garnison dafür genutzt worden, um gefangene Eindringlinge aus den Landen jenseits des Cirith Minuial zu verhören und zu foltern. Erchirion und Valion waren glücklicherweise in dieselbe Zelle geworfen worden, während man Lóminîth in die Gemächer des Herrn der Pinnath Gelin gebracht hatte, die Maegond nun beanspruchte. Valirë, die sich heftig gegen ihre Ergreifung gewehrt hatte, war ebenfalls in den Verliesen gelandet, war jedoch früh von ihrem Bruder getrennt worden. Valion wusste nicht, wo sie sich nun befand.
Die Zellen lagen im Gegensatz zu Valions Erwartungen nicht etwa im Keller, sondern in den obersten Stockwerken eines der großen, eckigen Türme der alten Garnisonsfestung, die nun den Machtsitz innerhalb Arandols darstellte. Deshalb gab es auch nur einen einzigen Ausgang aus diesem Gefängnis, und der führte die Treppe hinab durch mehrere schwer bewachte Türen hindurch. Obwohl sie sich weit oberhalb der Straßen der Stadt befanden, waren die Zellen dennoch muffig und dunkel, denn nur ein sehr kleines Fenster auf Brusthöhe ließ etwas Licht hinein. Es gab wenig Platz in dem kleinen Raum, dessen drei Wände aus hartem, grob verputztem Stein bestanden. Die vierte Wand bestand aus eisernen Stangen und war zur Mitte des Turms hin gelegen, wo eine viereckige Galerie rings um die zentrale Treppe angelegt worden war. Das verkürzte den Fußweg der Gefängniswärter, die die Treppe nur einmal umrunden mussten, um alle Zellen auf diesem Stockwerk zu begutachten.
Soweit Valion erkennen konnte, waren die übrigen Zellen leer. Zwei Fackeln brannten am Treppenaufgang und spendeten ein unregelmäßig flackerndes Licht, und es verging kaum eine halbe Stunde, in der nicht mindestens ein Gefängniswärter vorbeikam. Diese Wachen sagten kein Wort, sondern warfen einfach nur einen prüfenden Blick auf die beiden Gefangenen, ehe sie wieder von dannen zogen.

Valion ging es nicht aus dem Kopf, wie sie so kurzsichtig hatten sein können. Sie hatten Gilvorn, dem Verräter, blind vertraut und er hatte sie geradewegs in die Falle gelockt. In Nan Faerrim hatte Valion nicht einmal daran gedacht, dass es womöglich der junge Jäger gewesen sein konnte, der den alten Maecar ermordet hatte. Obwohl er Gilvorn nicht gekannt hatte, hatte er ihm ohne zu zögern vertraut und ihn nicht verdächtigt. Keiner von ihnen war stutzig geworden, als sie mit lächerlicher Einfachheit in Maegonds Burg eingedrungen waren; sie hatten nicht einmal überprüft, ob die beiden Wachen am Seiteneingang tatsächlich betäubt waren. Ein Teil von Valion fand, dass sie verdient hatten, was nun geschehen war.
Doch dann musste er an seine Verlobte denken. Gerade jetzt befand sie sich vermutlich in Maegonds Gemächern und musste unerwünschte Berührungen und wahrscheinlich noch Schlimmeres über sich ergehen lassen. Frustriert packte Valion die eisernen Stangen, die ihm den Weg in die Freiheit versperrten, und rüttelte mit aller Kraft daran. Vielleicht würden sie sich irgendwie lockern lassen...
“Das habe ich schon versucht. Es hat keinen Zweck,” sagte Erchirion niedergeschlagen. Der Prinz saß in sich zusammengesunken mit dem Rücken an die Außenwand gelehnt direkt unter dem Fenster und starrte zu Boden.
“Ich will mir gar nicht ausmalen, wie sich diese Gefängniswärter gerade an Valirë vergehen.”
Daran hatte Valion gar nicht gedacht. “Das würden sie nicht wagen,” stieß er hervor. “Sie ist eine Adelige Gondors.”
“Wie wir steht sie für den Teil Gondors, den diese Menschen ablehnen,” erwiderte Erchirion bedrückt. “Diese Kerle sind einfache Leute. Sich an einer Adeligen zu rächen, die all das hatte, was sie nicht haben, ist gewiss eine Gelegenheit, die sie nicht auslassen werden...”
Valion hielt den Atem an und lauschte. Die Treppe hinauf drangen kaum Geräusche. Er konzentrierte sich und schloss die Augen. Da waren Schritte, die sich langsam und schlurfend hin und her bewegten, und leise, kaum verständliche Gesprächsfetzen. Er hörte nichts, was auf einen gewaltsamen Akt hindeuten ließ.
“Uns bleibt nichts anderes übrig, als auf Rettung zu hoffen,” sagte Erchirion.
“Und wer wird kommen?” fragte Valion zurück.
“Nun, es ist zwar eine schwache Hoffnung, aber... Magrochil, das Mädchen das wir in der Stadt trafen, verschwand, ehe wir die Burg betraten. Dies ist ihre Heimat. Vielleicht gelingt es ihr, ungesehen zu uns zu gelangen...”
“Das bezweifle ich,” sagte Valion, doch er stellte fest, dass er tatsächlich etwas Hoffnung zu schöpfen begann. Er hatte Magrochil ganz vergessen. Wie Erchirion gesagt hatte, war sie ihnen nicht ins Innere der Burg gefolgt sondern spurlos verschwunden, ehe sie Gilvorn in die Falle gefolgt waren. Sie hat klüger als wir alle gehandelt und Gilvorn nicht vertraut, dachte Valion.

Eine Stunde verging, dann eine weitere. Noch immer war nichts zu hören, was auf Valirë hinzudeuten schien. Valion war inzwischen der Ansicht, dass sie seine Zwillingsschwester in einen anderen Teil der Burg gebracht hatten. Womöglich teilte sie inzwischen das Schicksal Lóminîths. Was immerhin bedeuten würde, dass sich “nur” ein Mann an ihr vergreifen würde, und nicht mehrere.
Ein schwacher Trost, dachte Valion gerade, als ihn ein neues Geräusch aufschrecken ließ. Die Treppe, die hinauf zu ihrem Stockwerk führte, knarzte unter dem Gewicht mehrerer Personen. Zwei Gefängniswärter tauchten am oberen Ende auf, gefolgt von einer wohl bekannten Gestalt.
Gilvorn blieb vor dem Gitter stehen, das ihn von Valion und Erchirion trennte. “Ihr könnt gehen,” sagte er zu den beiden Wächtern, die ihn begleitet hatten.
“Was willst du, Verräter?” knurrte Valion. Auch Erchirion hob den Kopf, einen grimmigen Ausdruck im Gesicht.
“Nun, ich dachte mir, es wäre nett, vielleicht ein paar Worte mit Euch zu wechseln. Zu erklären, weshalb Ihr Euch hier befindet. Und Euch über die Lage, in der sich Eure weiblichen Begleiterinnen befinden, zu informieren.”
“Ich schwöre dir, wenn du einer von beiden auch nur ein einziges Haar gekrümmt hast...”
“Eurer Schwester wurden vermutlich mehrere Haare gekrümmt, und mehr als das. Sie hat sich heftig gegen ihre Gefangennahme gewehrt. Im Augenblick ist sie ohne Bewusstsein und befindet sich in der Obhut der Herrin dieser Burg - Fürst Elatans Weib, Herrin Nengwen, die sich gut um sie kümmern wird. Viel mehr als ein paar blaue Flecken, Prellungen und eine leichte Gehirnerschütterung hat sie vermutlich nicht erlitten.”
“Was soll das? Was habt ihr mit ihr vor?” Erchirion war aufgesprungen und stand nun mit zu Fäusten geballten Händen Gilvorn gegenüber am Gitter.
“Sie ist noch immer eine hochrangige Adelige, auch wenn sie für die falsche Seite gekämpft hat. Ihr Name hat Gewicht. Eine Vermählung mit dem Erben der Pinnath Gelin würde für viel Wohlwollen auf Maegonds Seite sorgen.”
“Das... das würde er nicht wagen,” stieß Erchirion hervor.
“Dol Amroth hat Gondor verraten und der falsche Truchsess besitzt nicht länger die Autorität, legitime Vermählungen zu beschließen. Die Verlobung zwischen ihr und Euch ist in den Augen der freien Gondorer nichtig.”
“Was ist mit Lóminîth?” mischte Valion sich ein, der einigermaßen froh war, dass seine Schwester für den Moment in Sicherheit zu sein schien.
“Nun, ihre Herkunft ist selbstverständlich ein Problem. Im Augenblick genießt sie die Gastfreundschaft des Herrn der Pinnath Gelin. Wie es im Anschluss weitergehen wird, hängt vermutlich von ihrem... Verhalten ab.”
Valions Hand schoss vor, um Gilvorn durch die Gitter hindurch zu packen, doch der junge Jäger trat rasch einen Schritt zurück. “Ich werde einen Weg hier heraus finden, und dann bringe ich dich um. Dafür, dass du meinen Großvater ermordet hast, wirst du langsam und schmerzhaft sterben,” drohte Valion.
Gilvorn gelang es tatsächlich, betroffen zu wirken. “Maecars Tod habe ich bedauert. Er war ein gutherziger und freundlicher alter Mann.”
“Warum hast du ihn dann umgebracht? Er hat dir ein neues Leben ermöglicht und dir eine Heimat gegeben!”
“Meine Heimat ist noch immer Lossarnach,” antwortete Gilvorn mit fester Stimme. “Und mein Volk braucht mich. Es braucht Frieden. Die Horden Mordors werden immer wieder und wieder angreifen und erst damit aufhören, wenn Dol Amroth diesen hoffnungslosen Widerstand endlich aufgibt. Erst dann wird mein Volk wieder in Frieden in seiner Heimat leben können.”
“Das ist also dein Grund für all das,” stellte Erchirion trocken fest. “Du hilfst diesem... Wahnsinnigen, weil...”
“...weil es das Beste für meine Landsleute ist,” fiel ihm Gilvorn ins Wort. Er sprach mit Nachdruck und schien wirklich fest daran zu glauben, was er sagte. “Die Menschen von Lossarnach leiden unter dem Joch Mordors. Daran sind allein die aufsässigen Fürsten Gondors Schuld, die den Aufstand in Minas Tirith verursacht haben und nicht aufhören, Mordor Widerstand zu leisten. Für jeden Ork, den die Schwanenritter erschlagen, rächen sich die Besatzer blutig an meinem Volk. Das muss endlich aufhören.”
“Die Herrschaft Mordors wird niemals Frieden bedeuten,” widersprach Valion, der sich in Erinnerung rief, was mit dem Ethir geschehen war. Seine Heimat, die Burg Belegarth, war nun nicht mehr als eine rauchende Ruine.
“Oh doch, das wird sie. Das hat sie bereits. Zwei Jahre herrschte Frieden in Minas Tirith, Lossarnach und Lebennin. Truchsess Herumor war weise und gerecht, und unter seiner Herrschaft konnten die Menschen Gondors ihre Leben beinahe wie zuvor weiterleben. Was sind schon einige Abgaben pro Jahr, wenn sie Frieden bedeuten? Dieser närrische Aufstand hat alles zerstört.”
“Und du denkst, wenn du Maegond hilfst, hilfst du deinem Volk? Gilvorn, das ist ein gewaltiger Fehler.”
“Nein, es ergibt Sinn,” antwortete der Jäger. “Ohne die Unterstützung aus Anfalas und den Westgebieten kann sich Dol Amroth nicht lange halten. Der Widerstand wird zerbrochen werden und ganz Gondor wird Mordor unterworfen werden. Dann werden wir endlich Frieden haben. Frieden für Lossarnach und Gondor.”
“Das ist Wahnsinn,” widersprach Erchirion. “Dol Amroth ist alles, was den endgültigen Untergang Gondors noch aufhält und verhindert, dass seine Bewohner alle zu Sklaven des Dunklen Herrschers werden!”
“Glaube, was du willst, mein Prinz,” erwiderte Gilvorn unbeirrt. “Ich habe getan, was ich tun musste. Ich konnte nicht zulassen, dass ihr die Separatistenbewegung zerschlagt, weshalb ihr nun hier bleiben werdet, bis Friede eingekehrt ist. Ich will niemandem Leid zufügen, doch ich werde tun, was für mein Volk notwendig ist. Man wird euch gut behandeln. Maegond, dieser selbstgefällige Narr, mag andere Pläne für euch haben, doch ich für meinen Teil sehe mich nicht als euren Feind an.”
“Du machst einen gewaltigen Fehler, Junge,” presste Valion hervor.
“Ihr seid es, die einen Fehler begangen habt. Ihr werdet genügend Zeit haben, um darüber nachzudenken, schätze ich...”
Damit wandte Gilvorn sich ab und verschwand die Treppe hinab.

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Valirës Widerstand
« Antwort #5 am: 30. Jan 2018, 12:56 »
Stunde um Stunde verging, ohne dass sich etwas von Belang ereignete. Inzwischen war es draußen dunkel geworden. Als Valion durch das kleine Fenster hinaus spähte, sah er den Mond durch die Lücke zwischen den Bergen Nordwesten leuchten, wo der Pass von Cirith Minuial lag. Die Stadt, die sich unterhalb des Turms in dem Valion und Erchirion gefangen waren, ausbreitete, lag größtenteils im Dunkeln, nur vereinzelte Fenster waren noch erhellt. Valion sah an mehreren Stellen Gruppen von Bewaffneten durch die Straßen patrouillieren, die Fackeln trugen und sich wachsam umsehen.
Vermutlich suchen sie nach der Kleinen, dachte er sich, als ihm einfiel, dass das Mädchen Magrochil noch immer verschwunden geblieben war. Valion hatte die Hoffnung inzwischen aufgegebenen, dass es Magrochil irgendwie gelingen könnte, in den Gefängnisturm einzudringen und ihre Zelle zu öffnen. Sie war allein in einer Stadt voller Feinde, die schon lange nicht mehr ihre Heimat war. Nein, wir sind auf uns selbst gestellt, schloss er und sank mit einem frustrierten Seufzen an der Rückwand der Zelle hinab.
Er wechselte kaum ein Wort mit Erchirion, der ebenfalls so wirkte, als habe er seinen Optimismus inzwischen verloren. Valion hatte Boden und Wände der Zelle mehrfach gründlich untersucht, doch es gab nichts zu finden, was ihnen irgendwie die Flucht hätte ermöglichen können. Bis auf Weiteres saßen sie fest, während draußen Maegonds irrsinnige Separatistenbewegung ungehindert neue Pläne schmieden konnte.

Irgendwann musste er eingeschlafen sein, denn Valion wurde einige Zeit später von den Gefängniswärtern unsanft geweckt und auf die Beine gezerrt. Noch immer sprachen die Männer kein Wort, sondern schleiften ihn einfach mit sich, die Treppe hinab. Sie kamen in einen der kleineren Burghöfe, gelegen in einer Nische zwischen der Außenmauer, dem Gefängnisturm und der Rückwand der großen Halle, in der sie in Gilvorns Falle getappt waren. Fackeln erhellten den Bereich, getragen von Soldaten mit dem Abzeichen der Pinnath Gelin auf ihren Schilden. Zwischen ihnen stand ihr Anführer, Maegond, der einen prunkvollen roten Umhang trug, der mit teurem Pelz besetzt war. Und daneben entdeckte Valion seine Zwillingsschwester, die von zwei Soldaten festgehalten werden musste. Valirës Rüstung und Waffen waren verschwunden. Stattdessen trug sie ein teures Kleid, das an beiden der langen Ärmel Risse aufwies. Für Valion ein deutlicher Hinweis, dass sich seine Schwester nicht freiwillig umgezogen hatte, sondern erheblichen Widerstand geleistet hatte. Valirë hielt den Kopf trotzig erhoben. Auf ihrer Wange prangte ein frischer Bluterguss und ihr blondes Haar war ein Chaos aus wilden Strähnen, das sich über ihren Rücken ergoss.
Grob wurde Valion vor Maegond zu Boden gestoßen. Zwei Soldaten packten ihn an den Armen und zwangen ihn in eine kniende Position.
Maegond, ein bösartiges Grinsen im Gesicht, legte ihm die Hand unters Kinn. Die kalte Berührung machte Valion klar, dass der Größenwahnsinnige eiserne Handschuhe trug. Er erwiderte Maegonds Blick und hielt ihm stand. Da lachte sein Gegenüber und versetzte ihm einen heftigen Faustschlag, der Valion erneut zu Boden schickte.
Während ihn die Soldaten wieder aufrichteten und er Blut ausspuckte, begann Maegond zu sprechen. “Du fragst dich sicher, was diese... Unannehmlichkeiten um diese Uhrzeit zu bedeuten haben.” Ein weiterer Faustschlag folgte, diesmal gegen Valions Stirn. Die Haut platzte auf und Blut floss über seine Nasenspitze herab.
“Aufhören,” rief Valirë zornig und kämpfte gegen den Griff der Soldaten an. “Fass ihn noch einmal an, und ich werde...”
“Du wirst mir endlich geben, was ich will, oder ich werde weitermachen, bis du deinen Bruder nicht mehr wieder erkennen wirst,” drohte Maegond, der ihr nicht einmal den Kopf zugewandt hatte. “Meine Geduld ist bald zu Ende.”
“Ich habe bereits einen Verlobten,” fauchte Valirë. “Niemals werde ich die Frau eines Wahnsinnigen werden!”
“Oh, der gute Prinz wird leider nicht mehr lange unter uns weilen,” antwortete Maegond und ließ einen heftigen Faustschlag gegen Valions Kinn folgen. Er musste die Zähne zusammenpressen, um sich nicht auf die Zunge zu beißen. Valion fiel rücklings auf den kalten, gepflasterten Boden des Burghofes. Er wäre am liebsten liegen geblieben, doch Maegonds Soldaten rissen ihn wieder hoch in die kniende Position.
“Erchirion wird hängen, und zwar schon morgen, wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat,” fuhr Maegond fort. “Dann wird ganz Gondor sehen, was wir in Arandol mit Verrätern machen.”
Ihr seid es, die Gondor verraten haben,” widersprach Valirë.
“Nicht wir haben den Zorn Mordors auf uns geladen, o nein. Das waren die selbstsüchtigen, kriegstreiberischen, uneinsichtigen Prinzen von Dol Amroth, die um ihre hohe Stellung fürchteten. Ich weiß schon lange, dass es im neuen Gondor keinen Platz mehr für Imrahil und seine Familie gegeben hätte.”
Er wandte sich Valion wieder zu. “Nun, es scheint mir fast, als ob wir hier einige... weitreichendere Maßnahmen benötigen werden.” Maegond zog sein Schwert, das an seiner Seite gehangen hatte und setzte die Spitze an Valions linken Arm. Langsam drückte er zu und zog eine tiefe, blutige Spur den Oberarm hinab, bis zu Valions Ellenbogen. Der Schnitt begann sofort zu bluten. Valion gab ein unterdrücktes Schmerzgeräusch von sich, als er es nicht mehr aushielt.
Ein rascher Blick zu seiner Zwillingsschwester zeigte ihm, wie sehr Valirë mit sich kämpfte. Trotz und Verzweiflung waren in ihren Augen zu sehen. Doch Valion schüttelte den Kopf. Sie durfte nicht nachgeben, selbst wenn Maegond ihn dafür umbrachte. Würde sie der Heirat mit dem selbst ernannten Herrn der Pinnath Gelin zustimmen, wäre dies ein gewaltiges Zeichen. Eine hochrangige Adelige Gondors verstößt einen der Prinzen von Dol Amroth und legitimiert durch ihre Hochzeit Maegond von Arandol als Herrscher des Westens Gondors. Das würde der Unterstützung für Dol Amroth das Rückgrat brechen und würde auf kurz oder lang dafür sorgen, dass die Horden Mordors die Front bei Linhir überrannten. Zu viel stand auf dem Spiel. Valirë durfte Maegonds Forderung nicht nachgeben.
Valion sah, dass sie verstand, doch er wusste, wie sehr es sie quälte, ihn leiden zu sehen. Schon seit ihrer Geburt hatten die Zwillinge sowohl Freuden als auch Schmerzen miteinander geteilt und waren nur selten für längere Zeit voneinander getrennt gewesen. Es war eine engere Bindung, als es sie zwischen gewöhnlichen Geschwistern gab. Und Maegond schien das sehr gut zu wissen.
“Noch immer uneinsichtig? Nun, ich habe die ganze Nacht Zeit. Machen wir weiter.” Er packte Valion am Kragen und versetzte ihm drei rasch nacheinander folgenden Schläge in die Magengrube, die Valion nach Luft schnappen ließen. An den Rändern seines Sichtfeldes begann sich eine unheilvolle Dunkelheit zu sammeln und er wusste, dass seine Wunden ernst waren.
Valirë stieß einen derben Fluch aus, doch es schien, als würde sie standhaft bleiben. Maegonds Reaktion darauf bestand darin, erneut sein Kurzschwert zu ziehen und dieses ungerührt mitten in Valions linken Oberschenkel zu rammen. Der Schmerz war diesmal zu viel, um still zu bleiben. Ein Schrei des Schmerzes entfuhr ihm, als Maegond die Klinge herausriss.
“Du bist ein Monster!” schrie Valirë, nun mit echter Verzweiflung in der Stimme. Erste Tränen liefen ihr über das Gesicht, ein Zustand, der bei ihr nur sehr selten vorkam.
“Ich tue nur das, was ich für richtig erachte,” entgegnete Maegond, der nun einen kleinen Dolch hervorgezogen hatte und diesen in der Hand hielt. “Also. Wer braucht schon zwei Augen? Gewiss kannst du auf eines verzichten, nicht wahr, Valion?”
Die Soldaten rissen Valions Kopf nach oben. Maegonds Klinge verharrte direkt vor seinem linken Auge, die Spitze bereits so nah, dass er sie nur verschwommen sehen konnte. Maegond hatte seine Kehle mit dem stählernen Handschuh gepackt und drückte langsam zu. Die Klinge nahm etwas Abstand, wie um sich zum Zustoßen in Position zu bringen.
“Bei den verdammten Sieben Sternen! Ich werd’s tun, ich werd’s tun, hörst du?”
Valion schloss die Augen. Valirë hatte schließlich doch nachgegeben.
“Lass ab von ihm, du hast doch was du wolltest!” Valirë klang voller Angst. So hatte Valion seine Schwester noch nie reden gehört.
“Nein. Ich sorge dafür, dass du niemals vergisst, dass ich es ernst meine.”
Kalter, scharfer Stahl bohrte sich in Valions Haut, direkt neben seinem linken Auge, und zog eine wie Feuer brennende Spur hinter sich her. Zweimal hinauf, zweimal hinab. Maegond hatte ihm den ersten Buchstaben seines Namens als grausame Schnittnarbe eingeritzt.
Das letzte, was Valion hörte, war Valirës Schluchzen, ehe ihn ein Faustschlag endgültig die Besinnung verlieren ließ.

Schmerz weckte ihn. Valion lag in seiner Zelle, nahe der Gitterstäbe, die ihn von der Freiheit trennten. Erchirion kniete neben ihm und war gerade damit fertig geworden, Valions zahlreiche Wunden zu verbinden. Sein Arm und sein Oberschenkel schienen im Augenblick nicht mehr zu bluten, doch er konnte beide Körperteile nur unter großen zusätzlichen Schmerzen bewegen. Vorsichtig tastete Valion nach der Schnittverletzung neben seinem Auge, die unter einem besonders dicken Verband verschwunden war. Als er den blutgetränkten Stoff auch nur leicht berührte, explodierte ein so intensiver Schmerz darunter, dass er sich wünschte, wieder bewusstlos zu sein.
“Ich glaube, die Klinge des Dolches war vergiftet,” sagte Erchirion tonlos. “Ich habe von hier oben mit angesehen, was geschehen ist. Die Wunde an deinem Gesicht hört einfach nicht auf zu bluten. Ich musste schon dreimal neue Verbände darauf legen.”
“Dieser Mistkerl,” knurrte Valion. “Er hat Valirë dazu gezwungen, ihn zu heiraten, und das bedeutet...”
“Ja, ich weiß,” entgegnete Erchirion. “Es bedeutet, dass wir versagt haben.”
Erneut verfielen sie ihn bedrücktes Schweigen. Noch zwei weitere Male musste Erchirion Valion Verbände wechseln, bis die Wunde endlich nicht mehr blutete. Die Haut ringsum hatte sich in einem ungesunden violetten Ton verfärbt und sein linkes Auge schwoll mehr und mehr zu. Valion ertrug die Schmerzen und versuchte, zu schlafen.
Obwohl Erchirion schließlich einschlief, gelang es Valion diesmal nicht. Er zog sich mühsam auf die Beine und warf einen Blick aus dem kleinen Fenster. Da er nicht nach Osten, sondern nur nach Westen blicken konnte, konnte er nicht erkennen, ob die Sonne sich bereits ankündigte. Noch lag Arandol im Schatten der Nacht. Unten in den Straßen sah er eine weitere Patrouille vorbeiziehen.
Valion blieb einen Augenblick dort am Fenster stehen. Er bildete sich ein, ein Geräusch gehört zu haben, das nicht zu den inzwischen bereits normal gewordenen Schritten der Wachen auf der Treppe und ihren fernen, unverständlichen Unterhaltungen passte. Valion hielt den Atem an und horchte angespannt in die Dunkelheit hinein. Eine lange Minute verging. Er schob es auf seine Einbildung und die Schmerzen, die ihn noch immer plagten.
Doch da hörte er es erneut, diesmal deutlicher. Ein leises Klirren und ein anhaltendes Scharren, dann wieder Stille. Ein Geräusch wie von Stoff, der über Holz strich. Die Gespräche der Gefängniswärter waren nicht mehr zu hören, doch das war nichts Ungewöhnliches. Valion wagte nicht, sich zu bewegen, um ja nichts zu überhören.
Da zerfielen seine Hoffnung erneut zu Asche, als er die unverkennbaren Schritte einer der Wachen auf der Treppe hörte. Eine Fackel erhellte die Stufen, als der Soldat die Ebene von Valions Zelle betrat und langsam die Zellen eine nach der anderen abschritt und kontrollierte. Vor Valions Zelle blieb der Mann stehen und warf ihm einen geringschätzigen Blick zu, wie es alle Wächter taten, ehe sie wortlos weiterzogen. Diesmal jedoch verharrte der Soldat und blieb an Ort und Stelle stehen. Sein Gesicht zeigte keine Regung und er schien ins Leere zu starren. Valion konnte sich keinen Reim darauf machen. Doch noch während er hinsah, erschien eine feine, rote Linie auf der entblößten Kehle des Wächters, die sich rasch verbreitete. Ungläubig griff der Mann sich an den Hals, würgte, und brach zuckend zusammen.
Jemand hob die Fackel auf, die die Wache fallen gelassen hatte. Eine dunkle Gestalt, die nun ins Licht trat. Ihre schwarzen Haare umhüllten ihren Kopf wie eine Kapuze. Ihr Gesicht und ihr Oberkörper waren voller Blutspritzer. Und in der Hand hielt sie einen grausamen Dolch, der mit unheilvollen Zeichen beschriftet war.
“Das... das muss ein Traum sein,” stieß Valion hervor. Ein Albtraum, fügte er in Gedanken hinzu. So hatte er seine Verlobte, Lóminîth, noch nie gesehen. Stets war sie beherrscht gewesen und hatte nur selten Emotionen gezeigt. Doch nun loderte ein mörderisches Feuer in ihren Augen.
Sie sagte kein Wort. Stattdessen schüttelte sie nur ganz leicht den Kopf, packte sie die Leiche und zog sie mit überraschender Leichtigkeit davon, hinfort in die Schatten.
Als sie zurückkehrte, war das unheilvolle Leuchten in Lóminîths Augen verschwunden und in ihrer Hand hielt sie anstatt dem Dolch einen eisernen Schlüssel. Sie wischte sich die Blutspritzer mit dem Handrücken aus dem Gesicht und lächelte.
“Zeit, euch hier rauszuholen,” sagte sie und legte den Kopf leicht schief, ehe sie die Zelle aufschloss.
« Letzte Änderung: 30. Jan 2018, 16:12 von Fine »

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Ein Mord und seine Folgen
« Antwort #6 am: 8. Feb 2018, 08:48 »
“Lóminîth? Aber wie... wie ist das möglich?” fragte der sichtlich verwirrte Erchirion, nachdem er geweckt worden war.
Valion, der seit dem Öffnen der Zelle durch seine Verlobte kein Wort herausgebracht hatte, stützte sich an einer Wand ab, um sich mühsam auf den Beinen zu halten. Er sah zu, wie Lómînith dem Prinz von Dol Amroth aufhalf.
Lóminîths Antwort bestand aus zwei kurzen Sätzen. “Wie das möglich sein soll? Es ist ganz einfach: Die Verräter sind tot, und ihr beide seid frei.”
Erchirion legte sich Valions Arm um die Schulter und gemeinsam verließen sie die Zelle in Richtung der Treppe nach unten.
“Sie sind alle tot?” hakte Erchirion entgeistert nach.
Lóminîth blieb auf der obersten Treppenstufe stehen ohne sich umzudrehen. “Nein. Nicht alle. Einer ist entkommen.” Sie stieg langsam hinunter und erzählte dabei, was ihr seit ihrer Gefangennahme geschehen war. “Man sperrte mich in Maegonds Gemach, und dort hatte ich viele lange Stunden Zeit, um nachzudenken. Zuerst hatte ich mit dem Gedanken gespielt, ihm Ergebenheit vorzuspielen und ihm so seine Geheimnisse zu entlocken. Doch nach der ersten Nacht wusste ich bereits alles, was es über ihn zu wissen gibt. Er hat nichts zu verbergen. Ganz im Gegenteil. Er war allzu erpicht darauf, mit seinen Errungenschaften anzugeben.”
“Hat er dich angefasst?” fragte Valion dazwischen. “Was genau hat er getan?”
Lóminîth schüttelte den Kopf. “Anfänglich zeigte er kein Interesse an mir. Stattdessen hatte er mehrere Mädchen aus dem hiesigen Bordell kommen lassen. Heute änderte sich das allerdings. Heute hat sich die Lage verschärft. Ich habe gehört, was er dir angetan hat, damit Valirë seinen Forderungen nachgibt.” Sie strich Valion über die Wange, ehe sie die Treppe weiter hinab stapfte. Lóminîth stieg über die Leichen zweier Gefängniswärter hinweg und fuhr fort: “Ich wusste, dass mir die Zeit davon lief. Ich war in Sorge um dich, was mein Handeln entscheidend beeinflusst hat.”
Sie kamen im Erdgeschoss des Gefängisturmes an. Drei tote Wachen lagen säuberlich nebeneinander aufgereiht. Jedem einzelnen war die Kehle durchgeschnitten worden.
“Was hast du getan?” wollte Erchirion wissen.
“Er kehrte vor Triumph schwelgend zurück und sprach davon, seinen Sieg über dich, Valion, damit zu besiegeln, dass er...” Sie räusperte sich. “Nun, er wollte einige Dinge mit mir anstellen, auf die ich nicht weiter eingehen möchte. Der Bastard hatte viel getrunken, was mir zum Vorteil gereichte. Als er mich packte und ins Bett zerrte, zog ich meinen versteckten Dolch, doch er sah den tödlichen Stich kommen. Trotz seines Zustandes leistete er heftigen Widerstand. Im Handgemenge war ich dazu gezwungen, ihn zu töten.”
Valion fluchte. Das war gar nicht gut. Man hätte Maegond als Verräter einsperren und ihm ordentlich den Prozess vor dem Hof des Fürsten in Dol Amroth machen sollen. Nun würde er für seine Leute womöglich zum Märtyrer werden und die Separatistenbewegung dadurch noch verstärken.
“Ich hoffe, außer den engsten Vertrauen Maegonds weiß niemand, wer wir wirklich sind,” kommentierte Erchirion seufzend. “Ein Prinz von Dol Amroth räumt den Held der Aufständischen mit einem feigen Mord aus dem Wege. Das lässt uns wirklich nicht besonders gut aussehen.”
“Ich werde mich nicht für meine Taten entschuldigen,” erwiderte Lóminîth verstimmt. “Nur dank mir seid ihr frei, und Erchirion wird nicht am Galgen enden.”
“Wo ist Valirë?” fiel es Valion siedend heiß ein. “Hast du sie gesehen, als du aus Maegonds Gemach entkommen bist?”
“Sie ist in der Obhut der Herrin Nengwen. Ich glaube nicht, dass sie in Gefahr ist,” antwortete Lóminîth.
“Die Frau Elatans von Arandol,” erinnerte sich Erchirion. “Wenn der Weg frei ist, schlage ich vor, wir holen Valirë ab, und verschwinden von hier, ehe man entdeckt, was hier vorgefallen ist.

Sie kamen in den Burghof, in dem Valion in der Nacht zuvor gefoltert worden war. Die Sonne war bereits am östlichen Horizont zu erkennen und unten in der Stadt krähte ein Hahn. Rasch überquerten sie den gepflasterten Platz und gelangten durch eine offen stehende Tür hindurch in das Gebäude, in dem die Herren der Burg lebten. Ihnen begegneten mehrere Diener, die sich bei ihrem Anblick hastig abwendeten und ihnen den Weg freimachten. Doch von Soldaten war nichts zu sehen. Im obersten Stockwerk fanden sie schließlich das Gemach, in dem Valirë schlief.
Vorsichtig weckte Valion seine Zwillingsschwester. Sie riss die Augen auf und packte ihn zunächst fest am Unterarm, ehe sie ihn erkannte.
„Kleiner Bruder,“ entfuhr es ihr. „Ich... ich träumte, du wärest tot, ermordet von diesem...“ ein derbes Schimpfwort folgte.
„Noch nicht,“ gab Valion zurück. „Komm, zieh dich an. Wir verschwinden von hier.“
„Nein, wir können nicht gehen!“ rief Valirë und setzte sich im Bett auf. Dass sie nur wenig bekleidet war, schien ihr in diesem
Augenblick nicht bewusst zu sein. Erchirion wandte leicht errötend den Blick ab und Lóminîth hüstelte. Doch Valirë ignorierte sie und fuhr fort: „Wir gehen hier nicht weg, ehe wir diesen Mistkerl nicht hinter Gitter gebracht haben! Im Nebenraum habe ich Waffen gesehen. Zum Anziehen habe ich nichts bis auf diese furchtbar umständlichen Kleider, in die sie mich gezwungen haben, aber wenn ich ein Schwert habe, wird es schon gehen. Schnappen wir uns diese Waffen, und dann...“
Valion hielt ihr den Mund zu, was zu gedämpftem Protest führte. „Maegond wird uns keinen Ärger mehr machen,“ erklärte er. „Dennoch ist es hier im Augenblick nicht sicher. Je länger wir hier herumtrödeln, desto wahrscheinlicher ist es, dass jemand Alarm schlägt. Zieh dich an, Valirë, und dann...“
Er konnte den Satz nicht zu Ende bringen, denn in diesem Moment ging die Türe hinter ihnen auf, und bewaffnete Soldaten strömten herein.
„Haltet ein!“ befahl eine strenge Stimme, als eine Frau zwischen den Soldaten im Türrahmen auftauchte. „Was hat diese Ruhestörung so früh am Morgen zu bedeuten?“
„Herrin Nengwen!“ entfuhr es Valirë. „Glaubt Ihr mir jetzt? Hier ist mein Bruder, und neben ihm steht Erchirion von Dol Amroth, wie ich es Euch gesagt habe. Ich habe von Anfang an die Wahrheit gesagt.“ Sie streifte sich rasch ein Kleid über, das auf ihrer Bettkante gelegen hatte.
Nengwen - eine Frau mittleren Alters mit weißblonden Haaren, die Valion um einige Zentimeter überragte - trat in den Raum und die Soldaten machten ihr Platz. Sie blieb vor Valion stehen und ihr prüfender Blick musterte ihn von oben bis unten. Dann zog sie die linke Augenbraue hoch, ohne etwas zu sagen, und wandte sich Erchirion zu. Auch ihn nahm sie für einige lange Augenblicke unter die Lupe, ehe sie die Arme vor der Brust verschränkte und sagte: „Er ist zwar vollkommen verdreckt und riecht, als hätte er die Nacht im tiefsten Verlies verbracht, aber es besteht kein Zweifel, das es sich bei diesem jungen Mann um Imrahils Sohn Erchirion handelt. Ich erkenne ihn wieder, auch wenn es viele Jahre her ist, dass ich die Schwanenstadt besucht habe. Und das bedeutet dann wohl, dass du Valion vom Ethir sein musst, Jüngchen.“ Ihr abschätzender Blick ruhte nun wieder auf Valion, welcher rasch nickte.
Die Herrin der Burg hob die Hand und die Soldaten senkten ihre Waffen. “Also gut. Ihr werdet mir jetzt ganz genau erzählen, was hier eigentlich gespielt wird. Wenn Valirë die Wahrheit sagt, gehen hier Dinge vor, die ich niemals erlaubt hätte, wenn sie mir bewusst gewesen wären. Fangt von vorne an, und lasst nichts aus!” Sie schnippte energisch mit den Fingern, und der Großteil der Bewaffneten verließ den Raum wieder. Nur drei Soldaten blieben zurück und postierten sich an der Türe.
Erchirion ließ sich auf einem der Stühle nieder, die an einem kleinen Tisch in einer der Ecken des großen Zimmer standen und begann. Er berichtete von dem Auftrag, den sein Vater, der Fürst von Dol Amroth, den Zwillingen erteilt hatte und ging dabei im Detail auf die Beweggründe ein. Die Burgherrin hörte aufmerksam zu und stellte hin und wieder kurze Zwischenfragen, während Erchirion von ihrem Aufbruch per Schiff in Richtung Westen und ihre Ankunft in Anfalas erzählte. Als er bei der Ermordung Maecars von Nan Faerrim angekommen war, schlug Nengwen entsetzt die Hände vor den Mund und schien zum ersten Mal tatsächlich geschockt zu sein.
“Maecar ist tot?” stieß sie hervor. “Nein, ihr müsst nicht antworten. Ich sehe die Wahrheit in euren Blicken. Ich vergaß, dass der Alte Luchs euer Großvater war. Dann... fällt Nan Faerrim nun also an Míleth? Oh, ich werde sie besuchen und ihr mein Beileid und meine Unterstützung anbieten, das steht außer Frage. Doch zunächst... sprecht weiter.”
Sie schien sich wieder gefangen zu haben und so setzte Erchirion seinen Bericht fort. Als er von ihrer Ankunft in Arandol erzählte, wandelte sich der Gesichtsausdruck Nengwengs zu einer Mischung aus ungläubigem Staunen und unverhülltem Zorn. Sie unterbrach ihn, als er von Maegonds Rede am Haupttor der Stadt erzählte.
“Dieser kleine, verlogene Bastard! Ich habe ihm vertraut!”
“Wie meint Ihr das?” hakte Erchirion nach. “Wusstet Ihr wirklich nicht, was in der Stadt vor sich geht, und was Maegonds Absichten sind?”
“Ich habe die Burg seit Wochen nicht verlassen,” erklärte Nengwen mit unterdrückter Wut in der Stimme. “Ihr müsst wissen, dass meine Leidenschaft die Vergangenheit ist, insbesondere die alte Baukunst vergangener Zeitalter. Ihr könnt euch daher vielleicht vorstellen, wie aufgeregt ich war, als bei Grabungsarbeiten in den Kellern dieser Burg ein uraltes Gewölbe entdeckt wurde, das meiner Einschätzung nach aus dem Ersten Zeitalter stammen muss. Ich glaube, dass es damals eine Ansiedlung der Laiquendi, der Vorfahren der Elben des Düsterwaldes und Lothlórien, hier auf demselben Hügel gegeben hat, auf dem heute die Stadt Arandol steht. Lenwes Volk zog damals im Laufe vieler Jahrhunderte von Edhellond aus in Richtung Beleriand, und dabei mussten sie natürlich auch den Pass von Cirith Minuial überqueren. Ich bin seit Wochen unermüdlich dabei, alle Räume und Kammern dort unten zu kategorisieren und zu dokumentieren. Es gibt einige wirklich faszinierende Wandmalereien, und die Architektur ist mit nichts zu vergleichen, was ich zuvor gesehen habe.”
Der Redeschwall machte ihnen allen klar, wie sehr sich die Burgherrin in dieses Thema vertief hatte, und wie sehr es ihr am Herzen lag. Als sie endlich nach Luft schnappte, gelang es Valion, etwas zu sagen, ehe Nengwen weitersprechen konnte.
“Ihr habt also den Großteil Eurer Zeit dort unten mit der Erforschung der elbischen Ruinen verbracht, und habt derweil Maegond die Verwaltung der Pinnath Gelin und Arandols übertragen?”
“Gut erkannt, Jüngchen. Ich habe ihm vertraut, denn er ist ein Verwandter der Familie meines Mannes, Elatan, der im Rat Imrahils in Dol Amroth dringend gebraucht wird. Er sagte immer wieder, er würde mir all die lästigen Dinge abnehmen, die mich davon abhalten würden, meiner Leidenschaft nachzugehen. Und das tat er ja auch, doch wie sich nun herausstellt, nicht in dem Sinne, in dem ich es mir gewünscht hätte. Ich sehe jetzt den Fehler, den ich begangen habe. Was hat Maegond getan? Ist er dafür verantwortlich, dass der Prinz von Dol Amroth aussieht, als hätte er mehr als nur eine Nacht in meinen Verliesen verbracht?”
Erchirion nickte und erzählte den Rest ihrer Geschichte. Als er an die Stelle kam, an der Valion gefoltert worden war, ging Nengwen zu Valirë hinüber und nahm sie in den Arm.
“Ich hätte dich nicht als Lügnerin bezeichnen sollen, Mädchen. Doch Maegond sagte mir, deine Eltern hätten der Vermählung mit ihm zugestimmt, und das erinnerte mich an mich selbst. Ich bin ebenfalls gegen meinen Willen verheiratet worden, doch zu meinem Glück erwies sich Elatan als der beste Mann, den ich mir hätte wünsche können. Ich dachte, bei dir könnte es mit Maegond ähnlich sein...”
Valirë machte ein würgendes Geräusch, ehe sie sagte: “Wie ich es Euch bereits sagte: Ich bin bereits verlobt.”
“So ist das also. Ich sehe schon, Imrahil beweist seinen Sinn für Humor indem er seinen zweitgeborenen Sohn mit dem berüchtigten Wildfang vom Ethir vermählt. Viel Glück, mein Prinz.” Nengwen schenkte Erchirion ein aufmunterndes Lächeln, ehe ihr wieder einzufallen schien, in welcher Lage sie sich gerade befanden. “Sagt mir, wo ist Maegond? Ich werde ihn unverzüglich für seine Taten zur Rechenschaft ziehen!”
Betretenes Schweigen folgte. Niemand wusste, wie die streitbare Herrin von Arandol auf die Nachricht vom Tod Maegonds reagieren würde. Es war schließlich Lóminîth, die mit gefasster Stimme sagte: “Er ist tot, Herrin.”
“Tot?” wiederholte Nengwen. “Wie... wie ist es dazu gekommen?”
“Er wollte sich an mir vergehen, nachdem er uns gefangen genommen hatte, doch ich wehrte mich. Im Handgemenge fand mein Dolch unglücklicherweise sein Herz.” Ihre Stimme und Körperhaltung straften ihre Worte Lügen, denn sie schien den Mord nicht im geringsten zu bereuen.
“Das ist nicht richtig. Ihm hätte der Prozess gemacht werden sollen. Gondor ist ein Land der Gesetze, und Selbstjustiz ist ein Verbrechen, junge Dame. Ich werde...”
Ein Klirren unterbrach sie. In der Tür stand eine junge Dienerin, die ein Tablett in den Händen gehalten hatte, auf dem sich ein Krug mit Wasser und mehrere Trinkgefäße befunden hatten. Sie hatte das Tablett fallen lassen und beide Hände vor den Mund geschlagen.
“Maegond ist tot?”
Als er ihre Stimme hörte, erkannte Valion, um wen es sich bei der vermeintlichen Dienern handelte. “Magrochil? Was tust du hier?”
Magrochil blinzelte, ehe sie antwortete. “Ich... ich schlich mich in die Burg, um euch zu befreien, doch einige der Bediensteten erkannten mich und sagten, sie würden mir helfen, und... und... dann kam ich hierher, denn ich hörte, ihr wäret bei Nengwen, und...” Sie brach ab und Tränen liefen ihr Gesicht hinab.
“Magrochil?” Nengwen war aufgestanden und dem Mädchen entgegen getreten. “Tatsächlich, du bist es. Dein Vater wird froh sein, dich zu sehen. Wo hast du dich nur all die Jahre herumgetrieben?” Dann endlich schien sie zu begreifen, was vor sich ging, und zog Magrochil in ihre Arme.

Einige Minuten vergingen, ehe Herrin Nengwen begann, Anweisungen an die Diener zu vergeben, die Magrochil in den Raum gefolgt waren.
“Räumt diese Unordnung hier auf, und seht zu, dass meine Gäste frische Kleidung erhalten und sich waschen können. Entfernt den Leichnam Maegonds aus seinem Gemach und ruft alle Würdenträger in der Großen Halle zusammen. Dort werde ich entscheiden, wie Arandol mit dieser Situation umgehen wird. Ihr, Prinz Erchirion, seid frei, euch der Beratung anzuschließen, doch der Rest Eurer Begleiter wird diese Burg nicht verlassen, ehe ich es nicht erlaube. Ich werde mich mit euch befassen, wenn der Rat in wenigen Stunden zusammengetreten ist. Wir haben es mit einem Mord zu tun, und mit Verrat an der Krone Gondors. Dies kann nicht leichtfertig abgetan werden. Ich werde sorgfältig darüber nachdenken müssen. Komm, Magrochil. Dein Vater wird dich jetzt dringender brauchen als je zuvor.”
Sie zog die noch immer schluchzende Magrochil an der Hand hinter sich her und verschwand aus dem Zimmer, während die Bediensteten begannen, Nengwen Anweisungen zu befolgen.
Valion wusste nicht recht, was er von der Situation halten sollte. Die akute Gefahr schien gebannt zu sein, doch abgesehen von Erchirion waren sie weiterhin Gefangene in der Burg von Arandol, auch wenn sie nun besser behandelt wurden und nicht mehr in den Verliesen gefangen gehalten wurden. Doch vor ihrer Tür standen Bewaffnete, und es würde einen Rat geben, der über ihr Schicksal entscheiden würde.
Valirë zupfte missmutig an dem Kleid, das sie noch immer trug. “Ich wünschte, ich hätte mein Schwert und meine Rüstung wieder. Sollte man uns hinrichten, will ich nicht in diesem lächerlichen Aufzug sterben.”
Lóminîth stand mit dem Rücken zu ihnen an einem der beiden Fenster des Raumes. “Ich glaube, Herrin Nengwen ist eine Frau, die starke Überzeugungen hat. Es wird nicht einfach sein, ihr die Notwendigkeit meiner Tat klar zu machen. Doch ich werde es zumindest versuchen.”
“Wir kommen alle heil aus dieser Sache raus, dafür sorge ich schon irgendwie,” versuchte Valion die Stimmung etwas aufzubessern. Doch das Schweigen, das ihm antwortete, zeigte ihm, dass ihm das nicht sonderlich gut gelungen war...
« Letzte Änderung: 9. Feb 2018, 20:08 von Fine »

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Nengwens Entscheidung
« Antwort #7 am: 21. Feb 2018, 15:55 »
Zu Valions Überraschung dauerte es nur wenige Stunden, bis es an der Türe klopfte und eine Gruppe von Bewaffneten sie in die große Halle von Arandol eskortierte. Vom Hofe von Dol Amroth, an dem er so wenig wie möglich teilgenommen hatte, war er es gewohnt gewesen, dass bei wichtigen Entscheidungen lange Wartezeiten zu erwarten waren. Unter Herrin Nengwens Herrschaft schien das allerdings in den Pinnath Gelin nicht der Fall zu sein.
Alles was in Arandol Rang und Namen besaß, hatte sich im hinteren Teil der Halle rings um den erhöhten Sitz versammelt, auf dem Nengwen Platz genommen hatte. Der aus dunklem Holz geschnitzte Thron stand auf der obersten von drei breiten Marmorstufen, die die gesamte hintere Breitseite der Halle einnahmen. An der Rückwand hingen noch immer dieselben Banner wie am Tag ihrer Gefangennahme: Das der Pinnath Gelin in der Mitte, flankiert vom Fisch von Anfalas und dem Weißen Baum Gondors. Doch nun, da man die großen Vorhänge vor den blau verglasten Fenstern geöffnet hatte, lag der Weiße Baum nicht länger im Schatten sondern erstrahlte im bläulichen Licht, das durch die Fenster herein fiel. Es war Mittag geworden.
Neben Nengwen stand ein ungefähr siebenjähriger Junge, bei dem es sich um ihren und Elatans Sohn Baradír handeln musste, wie Valion vermutete. Das Kind hatte dichtes, schwarzes Haar und machte eine bemüht ernst wirkende Miene.
Die Herrin von Arandol war umgeben von ihren wichtigsten Gefolgsleuten, darunter viele, die während Maegonds Machtübernahme eingesperrt worden waren, wie Valion später erfuhr. Man hatte sie befreit und ihnen ihre ursprünglichen Posten wiedergegeben, während die, die Maegond an ihrer Stelle eingesetzt hatte, sich nun selbst als Insassen des Gefängnisturmes der Burg wiederfanden.

Zu dritt traten sie nun vor die adelige Versammlung, auf der freien Fläche kurz vor Nengwens Stuhl, jenseits der untersten Stufe. Ein Ort, der normalerweise für Bittsteller vorgesehen war, wie Valion bemerkte. Als sie dort angekommen waren, erhob die Herrin der Burg die Hand, und das leise Getuschel im Raum erstarb.
“Willkommen,” begann sie mit fester Stimme. “Wir haben uns zu dieser Stunde hier versammelt, um eine dringliche Angelegenheit zu besprechen und um wichtige Entscheidungen zu fällen.” Sie wandte Valion den Blick zu und fuhr fort: “Bitte nennt Eure vollständigen Namen, damit wir beginnen können.”
Valirë war die Erste, die antwortete. “Ich bin Valirë von Haus Cirgon, Tochter der Míleth von Nan Faerrim und des Amlan vom Ethir, und stehe kurz davor, dem Haus Dol Amroth anzugehören.”
Nengwen nickte. Da sagte Valion: “Valion, Sohn des Amlan... Herr vom Ethir.” Es fühlte sich merkwürdig an, sich auf seinen Titel zu berufen, doch in der momentanen Situation erachtete er es als notwendig.
Alle Blicke richteten sich nun auf Lóminîth, die nicht länger blutbefleckt war. Sie hatte seit dem Betreten der großen Halle kein Wort gesagt und stand nahezu regungslos dort. Mehrere Sekunden vergingen, in denen sie schwieg und Nengwens strengem Blick mit einer Unerschütterlichkeit stand hielt, die Valion insgeheim beeindruckte.
“Dies ist meine Verlobte, Lómíril Serestar, von Tol Thelyn,” sagte Valion, als er das Schweigen nicht mehr aushielt.
Doch Nengwen war nicht so einfach zufrieden zu stellen. “Hat es ihr die Sprache verschlagen, oder kann sie nicht für sich selbst sprechen?”
Das genügte, um Lóminîth zum Sprechen zu bringen. “Also gut,” sagte sie so leise, dass es nur Valion, der neben ihr stand, hören konnte. Sie atmete tief durch und nahm eine herausfordernde Körperhaltung an. “Ich bin Lóminîth, Tochter des Azgarzîr und aus der edlen Linie Minluzîrs des Seefahrers.”
Für einen Augenblick herrschte absolute Stille in der Halle. Nengwen, die bislang auf ihrem Sitz leicht vorgebeugt gesessen hatte, setzte sich nun aufrecht hin. Ihre Miene spiegelte Nachdenklichkeit und ein klein wenig Anerkennung wieder. Dann verging der Moment, und alle Anwesenden begannen, wild durcheinander zu reden.
“Das sind Namen, die nach Umbar klingen!”
“Sie gehört zu den Korsaren!”
“Ist Gondor nun schon so tief gesunken, dass wir die Verräter des Südens um Hilfe anflehen müssen?”
“Ein Skandal! Ein Lehnsfürst Gondors heiratet ein Korsarenweib?”
“Legt sie in Ketten!”
“Kein Wunder, dass sie einen Mord begangen hat.”

“Ruhe!” Nengwens gebieterische Stimme brachte den Saal augenblicklich wieder zum Schweigen. Doch Valion war klar, dass sich ihre Lage durch die Enthüllung der wahren Identität seiner Verlobten nicht gerade verbessert hatte. Viele wütende Blicke wurden in seine Richtung geworfen und er war froh, dass Elatans Ehefrau so eine große Autorität besaß und ihre Leute gut im Griff hatte. “Nun, da uns allen klar ist, wer Ihr seid, können wir beginnen. Valion und Valirë vom Ethir, und Lóminîth von Haus Minluzîr, ihr werdet beschuldigt, den Mord an Maegond, Arachírs Sohn, von Haus Torchirion verübt zu haben. Wir sind heute hier, um die Umstände, Gründe und Ursachen dieser Tat zu besprechen und anschließend ein Urteil zu fällen. Ihr habt uns Eure Namen gesagt, und im Gegenzug werde ich nun jene aufrufen, um deren Rat ich heute bitten werde und die mich dabei unterstützen werden, besagte Entscheidungen zu fällen. Beginnen möchte ich mit Prinz Erchirion, Sohn des Imrahil von Dol Amroth.”
Bei diesen Worten erhob sich Erchirion, der auf einem Stuhl auf der zweitobersten Stufe gesessen hatte. Sein Blick war voller Sorge, doch er sagte kein Wort.
Nengwen rief nun der Reihe nach die übrigen Anwesenden auf, darunter den Burgvogt, ihren Hofschreiber, den Kommandant der kleinen Soldatengarnison, die den Pass von Cirith Minuial bewachten, sowie die Häupter der fünf kleinen Adelshäuser, die ihren Sitz in Arandol hatten. Alles in allem war niemand dabei, dessen Name außerhalb der Pinnath Gelin großes Gewicht hatte.
“Lange galt sie als verschollen, doch nun ist sie überraschend heimgekehrt: Magrochil von Haus Torchirion, Tochter des Arachír, Schwester des Ermordeten, die heute ihren Vater vertritt, der unpässlich ist.” Als sich Magrochil erhob, war Valion schockiert, wie viel Hass er in dem Blick des Mädchens las. Sie starrte Lóminîth unnachgiebig an und schien wie ausgewechselt zu sein. Es kam Valion so vor, als hätte sie bereits alle Taten ihres Bruders vergessen und war von dem Verlust härter getroffen worden, als sie es selbst erwartet hätte.”
“Zuletzt rufe ich Gilvorn von Lossarnach auf.” Auf Nengwens Aufruf folgte betretenes Schweigen und kurz darauf leises Gemurmel. Schließlich war es der Burgvogt, der sagte: “Herrin, der junge Gilvorn hat Arandol verlassen. In der Nacht des Mordes nahm er ein Pferd aus den Ställen und preschte durchs Ost-Tor davon, als würden ihn die Schatten Mordors persönlich verfolgen.”
“Warum wurde mir davon nichts berichtet?”
“Wir hielten es nicht für wichtig genug, um Euch damit zu belästigen.”
Valion hatte eine andere Theorie. Der Burgvogt war einer der wenigen gewesen, die ihren Posten auch unter Maegonds Herrschaft behalten hatten. Vermutlich stehst du noch immer mit diesem Verräter im Bunde und wolltest sein Verschwinden so lang wie möglich geheim halten, damit er einen Vorsprung vor etwaigen Verfolgern hat.
“Das ist bedauerlich,” stellte Nengwen streng fest. “Die Sorgfalt in diesen Hallen hat wohl in meiner Abwesenheit nachgelassen. Gilvorn wäre ein wichtiger Zeuge gewesen, denn er begleitete die Zwillinge vom Ethir auf ihrem Weg von Nan Faerrim bis hierher und schien in enger Verbindung zu Maegond zu stehen. Seine Flucht kann nichts Gutes bedeuten.”
Sie räusperte sich, ehe sie fortfuhr. “Zwar habe ich bereits von Prinz Erchirion gehört, wie es zu der Situation gekommen ist, in der wir uns heute befinden, doch ich möchte es noch einmal von Euch hören, Valion vom Ethir. Beginnt mit dem Auftrag, den der Fürst von Dol Amroth Euch gab, und lasst kein Detail aus.”
Unterstützt von seiner Zwillingsschwester berichtete Valion den Anwesenden von ihrer bisherigen Reise, was für einige erstaunte Zwischenbemerkungen aus der Menge sorgte. Als er eine halbe Stunde später geendet hatte, nickte Nengwen zufrieden. “Schickt nun die Dienerin herein, die die Bluttat als Erste entdeckte, damit sie uns ihren Fund beschreibe.”
Die Soldaten führten eine ältere Frau herein, die ihnen berichtete, wie sie die Leiche am frühen Morgen entdeckt und sofort die Wache alarmiert hatte. Man merkte der Dienerin dabei deutlich an, dass sie nicht sonderlich traurig über Maegonds Tod war, was ihr einige finstere Blicke von Magrochil einbrachte.
Als nächstes bat Nengwen Lóminîth, ihre Version der Ereignisse zu erzählen.
“Ich verbrachte zwei Tage in Maegonds Gemach, ohne dass er mich behelligte. Ich wurde oberflächlich durchsucht, doch den verborgenen Dolch an meinem Oberschenkel fand er nicht.” Dabei gab es mehrere empörte Zwischenrufe über die Verschlagenheit der Korsaren, die Lóminîth ignorierte. “Am dritten Abend versuchte er, Hand an mich zu legen. Als ich Widerstand leistete, bemerkte er den Dolch und ein Handgemenge entstand. Es gelang ihm nicht, mir die Klinge abzunehmen, weshalb er begann, mich zu würgen. Ich sah mich gezwungen, ihn zu erstechen. Es war Notwehr.”
Aufgebrachte Rufe übertönten alles, was sie noch hätte hinzufügen können, und dieses Mal hatte Nengwen einige Schwierigkeiten, wieder für Ruhe zu sorgen. “Wieso führtet Ihr einen verborgenen Dolch mit Euch?” wollte die Herrin der Burg wissen, als wieder Schweigen eingekehrt war.
“In meiner Heimat ist es für eine Frau meines Standes vollkommen normal, stets auf die eigene Sicherheit bedacht zu sein. Deshalb verstehe ich mich bis zu einem gewissen Maße auf Techniken der Selbstverteidigung und trage eine Waffe bei mir.”
“Ihr seid nun in Gondor. Hier sind solche Praktiken weder notwendig noch angebracht,” erwiderte Nengwen streng. “Ich kann jedoch zumindest teilweise nachvollziehen, wie es zu der Mordtat gekommen ist, sofern Ihr nicht gelogen habt. Steht Ihr zu Eurer Aussage, dass die Ermordung Maegonds nicht vorsätzlich war?”
Lóminîth blieb mehrere Sekunden stumm. Dann antwortete sie: “Ja.”
Valion, der sie inzwischen gut genug kannte, horchte auf. Das Zögern seiner Verlobten mochte auf Fremde als Unsicherheit wirken, doch Valion wusste, dass Lóminîth niemals unsicher war. Sie hat abgewägt, ob sie zugeben soll, dass sie den Mord von Anfang an vorhatte, wurde es ihm klar. Seit unserer Gefangennahme hat sie nur auf eine gute Gelegenheit gewartet um zuzuschlagen.
“Auch wenn kein Vorsatz im Spiel war, steht die Tatsache, dass Ihr einen Adeligen Gondors umgebracht hat, außer Frage,” fuhr Nengwen fort. “Valion vom Ethir, gehe ich recht in der Annahme, dass es sich bei Lóminîth von Haus Minluzîr um Eure feststehende Verlobte handelt?”
Valion nickte. “Das ist richtig.”
“Dann tragt auch Ihr einen gewissen Anteil an den Taten Eurer zukünftigen Ehefrau. Ihr, Valirë vom Ethir, seid hingegen von allen Anschuldigungen befreit und könnt Euren Platz in der Mitte der Halle verlassen.”
Valirë machte einen Knicks und warf Valion einen besorgten Blick zu, ehe sie sich neben Erchirion einfand.

Nengwen erhob sich und der Rest der Anwesenden tat es ihr gleich. “Wir haben nun gehört, was es zu hören gibt, und müssen nun entscheiden, was zu tun ist. Wer möchte als Erstes sprechen?”
“Die Mörderin muss sterben!”
Alle Augen wandten sich Magrochil zu, die anklagend mit ausgestreckten Arm auf Lóminîth zeigte. “Ein Leben für ein Leben,” forderte das Mädchen mit unterdrücktem Hass in der Stimme.
“Ich rate zur Besonnenheit,” erwiderte Erchirion. “Euch muss klar sein, dass Lóminîth aus Notwehr gehandelt hat. Wir sind nicht hierher gekommen, um Morde zu verüben, sondern um die Verschwörer aufzuhalten, die beinahe für den Untergang Gondors gesorgt haben. Und, so schmerzhaft dies für Euch auch klingen mag: dieses Ziel haben wir erreicht, wenn auch nicht auf dem von uns geplantem Wege.”
Empörte Aufrufe antworteten auf die Worte des Prinzen. “Ist das etwa die Gerechtigkeit Dol Amroths?” fragte der Burgvogt. “Jene, die Euch unbequem sind, lasst Ihr von Attentätern aus Umbar umbringen?”
“Das sind unhaltbare Anschuldigungen,” erwiderte Erchirion verärgert.
“Eines steht außer Frage,” sagte das Oberhaupt eines der geringeren Adelshäuser. “Ein Gondorer von hohem Stand ist tot. Dies kann nicht ohne Folgen bleiben. Sicherlich seid Ihr derselben Meinung, Herrin.”
Nengwen nickte langsam. “Ein Mord von diesem Ausmaß darf nicht ungesühnt bleiben. Das ist richtig. Doch Maegond war ein Verräter. Dies ist nicht von der Hand zu weisen. Er hat hinter meinem Rücken vielerlei Verbrechen begangen und meine Leidenschaft schamlos ausgenutzt, um die Macht in Arandol an sich zu reißen. Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass es sich bei dem Mord tatsächlich - zumindest teilweise - um Notwehr gehandelt hat. Der Dolch war fehl am Platze und hätte niemals zum Einsatz kommen sollen. Aber wäre er nicht dort gewesen, hätte Valion vom Ethir nun eine tote Verlobte zu betrauern, und die Pinnath Gelin müssten noch immer Maegonds tyrannische Herrschaft erdulden.” Sie machte eine Pause und musterte die Anwesenden einen nach dem Anderen.
Als die Herrin von Arandol nach einer Minute noch nicht weitergesprochen hatte, begannen jene, die Vergeltung für den Mord forderten, eindringlich auf sie einzureden. Allen voran Magrochil, die wieder und wieder Lóminîths Tod verlangte. Valion blieb dabei nichts anderes übrig, als abzuwarten und auf das Beste zu hoffen. Er war überrascht, als er spürte, wie sich die Hand seiner Verlobten ihren Weg in seine bahnte. Ihr Griff war fest, doch als er ihn erwiderte, stellte er fest, dass Lóminîth, der man äußerlich nicht einen Funken von Furcht oder Zweifel anmerkte, zitterte. Ihre Finger vibrierten beinahe unmerklich, und doch spürte Valion das Zittern. Und er war froh darüber. Denn das war es, was seine Verlobte für ihn menschlich wirken ließ. Sie hatte Emotionen, doch sie zeigte sie nur jenen, denen sie absolut vertraute. Und dazu gehörte neben ihrer Schwester nun auch Valion.
Nengwen hob die Hand und alle Anwesenden setzten sich wieder. “Diese Angelegenheit hat sich als schwieriger als erwartet erwiesen,” sagte Nengwen. “Ich bin überzeugt, dass der Mord aufgrund einer Verkettung unglücklicher Ereignisse geschehen ist und dass kein bösartiger Vorsatz dahinter steckt. Und doch ist Gondor ein Land der Gesetze und kein Verbrecherhort wie Umbar.”
Bei diesen Worten regte sich Lóminîth, doch sie blieb stumm. Ihre Finger pressten sich fester in Valions Hand.
“Es war Imrahil von Dol Amroth, der Euch, Valion, hierher entsandte, und der Euch, Lóminîth, in Gondor willkommen hieß. Als amtierender Truchsess Gondors fällt es ihm zu, sich mit dieser Angelegenheit zu befassen. Deshalb überstelle ich Euch seiner Rechtsprechung, und der Rechtsprechung des ihm mit Rat und Tat beiseite stehenden Herrn der Pinnath Gelin, meinem Gatten Elatan.”
Das sorgte für Getuschel, aber keine empörten Aufschreie. Nur Magrochil wagte es, offen zu widersprechen. “Ihr schickt sie zurück nach Dol Amroth? Und lasst sie mit dem Mord davonkommen?”
“Du vergisst, wo dein Platz ist, Magrochil,” erwiderte Nengwen streng. “Ich bin überzeugt, dass Fürst Imrahil für Gerechtigkeit sorgen wird. Außerdem ist Elatan bei ihm, der von dieser Angelegenheit ebenfalls betroffen ist. Diese Entscheidung zu treffen liegt nicht länger bei mir.”
Sie erhob sich erneut, und die Anwesenden taten es ihr gleich. “Morgen früh werde ich eine bewaffnete Eskorte zusammenstellen, die sicher stellen wird, dass Valion vom Ethir und Lóminîth von Haus Minluzîr ohne Umwege in Dol Amroth ankommen um sich dem Urteil des Truchsessen zu stellen. Seinem Sohn Erchirion und Herrin Valirë steht es frei, in Arandol zu bleiben, sofern sie dies wünschen.”
“Ich gehe mit meinem Bruder zurück nach Dol Amroth,” stellte Valirë klar.
“Und ich werde zu meinem Vater zurückkehren und ihm von allem, was hier geschehen ist, berichten,” ergänzte Erchirion.
“Dann ist es beschlossen,” sagte Nengwen und klatschte zweimal in die Hände. “Ihr habt gehört, wie ich entschieden habe und könnt nun zu euren jeweiligen Aufgaben zurückkehren.”
Der Hofstaat löste sich auf. Magrochil warf Lóminîth einen letzten wütenden Blick zu, ehe sie aus der Halle stürmte und auch unter den übrigen Adeligen gab es noch immer einige, die Valion und seine Verlobte mit unverhüllter Abneigung betrachteten. Doch Valion war das egal. Er war zwar froh, dass man Lóminîth nicht hinrichten würde, doch er ärgerte sich darüber, dass er nun gezwungen war, nach Dol Amroth zurückzukehren. Vor dem Urteil Imrahils hatte er keine Angst, denn er war der Meinung, dass der Fürst spätestens nach Erchirions Bericht davon absehen würde, eine echte Strafe zu verhängen - zumindest hoffte Valion das. Anstatt einer Rückkehr nach Dol Amroth hätte sich Valion lieber an Gilvorns Spuren geheftet. Der Bastard ist noch immer auf freiem Fuß. Wer weiß, was er als Nächstes für Unheil in Gondor anrichtet, nun da er nach Osten unterwegs ist. Ihm fiel ein, dass im Osten die Grenze lag, an der nun vermutlich bereits die ersten Kämpfe gegen die Streitkräfte Mordors ausgebrochen waren. Zwar stand Gilvorn nicht offen auf Seiten Saurons, doch Valion war sich sicher, dass der junge Jäger ehrlich gewesen war, als er Valion von seinen Beweggründen erzählt hatte. Es ging ihm um den Frieden in Lossarnach und um die Sicherheit seines Volkes, und er glaubte, dass beides erst dann sichergestellt sein würde, wenn Gondor und Mordor keinen Krieg mehr gegeneinander führten. Valion befürchtete, dass es Gilvorn gelingen könnte, die Bemühungen Dol Amroths, die östliche Front bei Linhir zu halten, ernsthaft zu sabotieren...

Valion, Valirë, Erchirion und Lóminîth nach Anfalas
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