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Autor Thema: Barad-dûr, der Dunkle Turm  (Gelesen 979 mal)

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  • Ich hab da ein ganz mieses Gefühl bei der Sache...
Barad-dûr, der Dunkle Turm
« am: 16. Feb 2016, 15:26 »
Azruphels Start:

Azruphel saß nachdenklich am kleinen Fenster in ihrem Gemach und starrte auf die Ebene von Gorgoroth hinaus. Heute noch würde sie nach Westen aufbrechen. Doch bisher hatte sie keinen Plan für ihre Reise gemacht.
Ihr Vater hatte ihr stets drei Regeln eingeschärft. Gut konnte sie sich an den Tag erinnern, als er sie ihr zum ersten Mal beigebracht hatte.
"Erste Regel: Überlebe!" hatte Varakhôr gesagt und sie scharf angeblickt. "Stürze dich nicht in Kämpfe, die du nicht gewinnen kannst, Azruphel. Überschätze dich nicht selbst. Sei vorsichtig und bedacht im Umgang mit Dingen, die dir neu sind."
"Zweite Regel: Halte deine Augen stets offen! Sei aufmerksam und gelehrig, und mache dir deine Umgebung zu Nutze! Erkenne die Schwächen deiner Feinde, und nutze sie aus! Behalte stets den Überblick über die Situation, in der du dich befindest."
"Dritte Regel: Sei auf alles vorbereitet! Handle bedacht und überlegt und mache dir klar, dass sich die Lage jederzeit ändern könnte. Nutze deine Vorteile weise. Wenn Essen da ist, dann iss, denn vielleicht wird die Gelegenheit zu essen schon bald verstreichen. Sei dir bewusst, wie weit du gehen kannst und wo deine Stärken liegen!"

Sie versuchte, die Regeln ihres Vaters auf ihr Vorhaben anzuwenden. Um zu überleben, musste sie vermeiden, Aufsehen zu erregen. Niemand durfte erfahren, wohin sie ging und welche Absichten sie im Herzen trug. Sie würde nur das Nötigste preisgeben. Ihr Status gab ihr einige Freiheiten innerhalb der Grenzen Mordors, doch die Anordnungen Varakhôrs waren eindeutig gewesen: Er wollte, dass sie im Dunklen Turm blieb. Also stand sie vor der Wahl, die Flucht (und damit eine Verfolgung durch Gothmog) zu riskieren oder sich einen glaubwürdigen Grund zu überlegen, der den Truchsess Barad-dûrs überzeugen würde, sie abreisen zu lassen. Ihre Vorteile lagen klar auf der Hand: Der Name ihres Vaters und ihrer Familie würde ihr in Mordor viele Türen öffnen, und wenn sie es bewerkstelligen könnte, eine offizielle Entsendung in die besetzten Gebiete im Westen zu erhalten, würden sich ihr keinerlei Hindernisse in den Weg stellen. Ja. Das kriege ich hin, sagte sie sich.

Sie fand Gothmog in der Halle, die zuvor der Sitz ihres Vaters Varakhôr gewesen war. Gehüllt in orkische Rüstung und einen schwarzen Mantel stand der Truchsess des Dunklen Turms im Raum und fixierte sie mit einem finsteren Blick. Seine Abneigung gegen die Adûnâi(1) von Durthang war Azruphel wohl bekannt.
"Was willst du von mir?" verlangte Gothmog zu wissen.
"Euch über meine Abreise informieren," antwortete sie mit fester Stimme. Halte deine Augen stets offen.
"Die Befehle deines Vaters waren eindeutig. Du hast hier im Turm zu bleiben."
"Die Lage hat sich geändert. Meine Befragung des Gefangenen zeigt endlich Wirkung."
"Was soll das bedeuten?" fragte der Truchsess mit misstrauischem Blick.
"Ich werde ihn dazu bringen, mir zu vertrauen. Dann wird er mir alle Geheimnisse verraten, die er noch vor uns und dem Großen Gebieter verbirgt."
"Wie willst du das erreichen was all die Jahre der Folter nicht konnten? Wieso glaubst du, die du kaum Erfahrung besitzt, besser zu sein als alle anderen in diesem Turm?"
"Weil der Gefangene nicht mit Folter zu brechen ist und seine Hoffnung noch nicht ganz erloschen ist. Seine Hoffnung werde ich nähren, um sein Vertrauen zu gewinnen."
"Wie hast du vor, dies zu erreichen?"
"Indem ich ihm einen Beweis bringe, dass der Westen weiterhin Widerstand leistet," sagte Azruphel selbstsicher. "Ich werde nach Gondor gehen und beschaffen, was dafür benötigt wird."

Gothmog starrte sie lange an ohne zu antworten. Sie hielt seinem Blick stand. Überlebe. Der Augenblick zog sich in die Länge und sie begann zu befürchten, dass er ihr nicht glauben und ihr Plan scheitern würde.
"Du besitzt die Grausamkeit deiner Rasse," sagte Gothmog endlich. "Du wirst seine Seele zerbrechen. Geh also, auf deine eigene Verantwortung - doch erwarte keine Gnade vom Großen Gebieter, solltest du scheitern."
Sie nickte und verbarg ihre Erleichterung. "Ich werde gewiß nicht scheitern. Ich breche noch heute auf."
Gothmog entließ sie mit einer Handbewegung.

Eilig packte sie ihre Besitztümer zusammen. Sie legte ihre Rüstung an, die ihre Schultern, dem Oberkörper und die Hüfte bedeckte und warf einen dunkelgrauen Umhang darüber, denn die Nächte in Mordor waren sehr kalt. Ihr Schwert Lôminzagar(2) trug sie auf dem Rücken. Sie ließ sich mit Proviant versorgen und nahm außerdem ihr Sindarin-Tagebuch und eine Karte der eroberten Gebiete Gondors mit. Dann begab sie sich durch die unteren Ebenen zum Großen Tor, wo eine Eskorte aus zwanzig Orks bereits auf sie wartete. Azruphel setzte sich an die Spitze der Horde und überquerte die lange Brücke, die den Abgrund rings um den Dunklen Turm überquerte. Sie erreichte die Straße nach Nordwesten und begann ihren Weg ins Ungewisse.

Auf einer kleinen Anhöhe einige Zeit später hielt sie an und blickte zurück. Drohend stand die Festung des Gebieters gegen den von dunklen Wolken bedeckten Himmel. Sie spürte beinahe, wie sie der Blick Saurons erfasste - oder bildete sie es sich nur ein? Geh weiter. Dreh dich um und geh weiter. Lasse ihn hinter dir. Blicke nicht zurück, sagte sie sich selbst. Endlich schaffte sie es, den Blick abzuwenden. Die Augen auf die Straße vor ihr geheftet setzte sie ihre Reise fort.


Azruphel nach Durthang


(1) adûnâisch "West-Menschen"
(2) adûnâisch "Nachtklinge"
« Letzte Änderung: 26. Aug 2017, 08:22 von Fine »