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Autor Thema: Süd-Ithilien  (Gelesen 3654 mal)

Vexor

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Süd-Ithilien
« am: 21. Aug 2011, 18:45 »
Araloth aus den Gebieten westlich des Anduins


Die letzten Tage der Reise Araloths waren eher mühsam und beschwerlich. Immer wieder hatten schwere Frühjahrsstürme und Gewitter seine Tagesmärsche zum erliegen gebracht.

Am schwierigsten allerdings war die Überquerung des Anduins gewesen.
Die einzigen beiden Stellen an denen eine reibungslose Überfahrt möglich gewesen wäre, waren die Städte Osgiliath und Pelargir. Beide Optionen fielen jedoch flach, da die ehemalige Hauptstadt Gondors nun eine wandelnde Stadt der Verwüstung und der Toten war, in der einer der Nazgûl hauste.
Pelargir hingegen war vor wenigen Monaten endgültig gegen die Flotte der Korsaren gefallen und jene machten sich dort breit, plünderten und schändeten die Stadt in massivster Art und Weise.
Dennoch wusste Araloth um einige versteckte Boote an den Ufern des westlichen Anduins, die eine sichere Überfahrt über das Wasser garantieren, aber dennoch war er nicht sicher, wo genau sie waren und ob sie nicht den Horden Mordors und des Südens bereits zum Opfer gefallen war.

Der Himmel war diesig und schwere Dampfwolken stiegen aus den Laubwäldern an den Ufern des großen Stroms herauf, die das Wandern fast unerträglich machte. Es war unnatürlich heiß für diese Frühjahrstage und Araloth machte an einem schattigen Plätzchen halt, um sich an einen Baum niedersinken zu lassen.
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und fuhr sich durchs rabenschwarze Haar, welches ihn am Kopf klebte. Seit Wochen hatte er sich nicht mehr richtig waschen können und seine Kleidung war verfilzt und stank bestialisch. Mit seinen Vollbart, der wucherte seit er in die Kerker der weißen Stadt geworfen worden war, und seinen zerrissenen, schmutzigen Kleidern wirkte er wie der perfekte Landstreicher.
Doch das war ihm egal, denn sein einziges Ziel bestand darin, Damrod in Ithilen zu finden und den Widerstand zu unterstützen. Seit er die Mädchen verlassen hatte, war ihm keine Menschenseele begegnet und er sehnte sich nach menschlicher Gesellschaft.
In Momenten wie diesen, wo ihn die Einsamkeit und Anzeichen des Wahnsinns überkamen, betrachtete er die Spange, die ihn Lea überlassen hatte, und behutsam fuhr er über die filigranen Silberlinien.

Ich werde Brianna und meiner Tochter eine ebenso schöne Spange schenken, wenn ich sie wiedersehe….Wenn
Ab und zu nagte der Zweifel an ihn, der seit er Lea, Ýfis und die anderen getroffen hatte, stetig und schnell gewachsen war. Da regte sich eine Stimme in seinen Kopf (in seiner Vorstellung oft mit dem Gesicht Herumors oder Lucius‘),  die ihn verhöhnte und verspottete:
„Verlässt die Liebsten in größer Not. Ein wahrer Feigling. Sowas schimpft sich einen Ehrenmann. Die Tochter und die Mutter, krank vor Sorge, auf eine Insel gebracht. Direkt in die Hände der Korsaren, die brandschatzend und lüstern über sie herfallen. Die Geliebte mit ungeborenen Kind, in der Stadt der Verwüstung und Zerstörung zurückgelassen. Entweder als Opfer des tosenden Herumors und der Haradrim, oder der Wut der Königstreuen ausgeliefert. Schäm dich Araloth. Schäm dich deiner selbst!“

Voller Wut ließ er in solchen Augenblicken die Faust mit voller Wucht gegen einen der Laubbäume des Waldes schlagen. So massiv, dass die Vögel und übriges Getier in den Baumkronen verschreckt das Weite suchte.
Dies passierte nicht heute, denn er hörte einen Stimmenpaar näher kommen, schluckte seine Wut herunter und drückte sich gegen den Baumstamm.
„…was hast du denn auch anderes erwartet, Dôl?“, schnappte Araloth als ersten Wortfetzen auf. Die Stimme gehörte anscheinend einen sehr alten Mann, denn seine Stimme war kratzig und rau.
„ Érut mir ist klar, dass nicht voll Hoffnung bestand. Doch war die Revolte in Minas Tirith immerhin ein Zeichen der Veränderung in diesen dunklen Tagen! Der Fall des Erebor Anfang letzten Monats war ein erschütternder Verlust!“
Der Mann, der Érut hieß, schnaubte laut und tadelte, den offenbar viel jüngeren Dôl, mit spöttischen Tonfall.
„Diesen Teufelsberg im Norden hätte man nie verteidigen dürfen. Er ist verflucht, genau wie diese ganze Rasse dieser kleinen, bärtigen Geschöpfe. Du kennst doch die Sagen, die über sie erzählt werden. Die einen, die im Nebelberge hausen – an sich schon eine komische Heimatwahl, wenn du mich fragst – werden fast vollkommen ausgelöscht. Verbrannt sollen sie alle sein, sagt man sich! Und dann wird dieser Teufelsberg eines Tages von einem DRACHEN heimgesucht. Die Rasse ist dem Untergang geweiht. Sollen wir froh sein, wenn sie jetzt alle tot sind. Als Verbündete hätten sie uns eher Pech gebracht, als das sie nützlich gewesen wären…“

Auf die Tirade folgte langes Schweigen und Araloth lächelte verschmitzt und dachte: Mit dem Alter kommt wohl doch nicht immer Weisheit.
Araloth hatte zwar nicht mit vielen Zwergen Kontakt gehabt, doch mit jenen des Erebors und Ered Luins war er, als diplomatischer Vertreter der Schwanenstadt, in Kontakt getreten.

Sehr stolze und habgierige Geschöpfe waren es zwar, da irrte sich der Mann nicht, aber dennoch ehrenvoll und loyal bis zum Tode. Einen Vertrag zu brechen oder die Bündnistreue auch in größter Not zu verwehren, käme ihnen nie in den Sinn. Des Weiteren sollte man niemand den Tod gönnen, gerade in diesen Zeiten wo die Verbündeten der Menschen rar und die freien Völker vor der totalen Vernichtung standen.
Doch er wurde jeh aus seinen Überlegungen gerissen, als Dôl sichtlich erschüttert und peinlich berührt, gedämpft fortfuhr.

„Egal wie du zu den Zwergen stehst. Rhovanion ist bis auf das Elbenreich nun in der Hand Saurons und wenn du mich fragst, wird das auch nicht mehr lange bestehen! Die Rückeroberung Minas Tiriths ist nur ein weiterer Schlag Saurons in die Magengegend und wäre wirklich nicht nötig gewesen. Immerhin…“.

Araloth verstand die übrigen Worte des jungen Mannes nicht mehr. Ein ohrenbetäubendes Rauschen und Summen erfüllte nun seinen Kopf als er hörte, dass Minas Tirith wieder in den Händen Saurons war; dessen Zorn Anbetracht des Aufstandes sicherlich maßlos und verheerend war. Es versetzte ihn einen Stich ins Herz, als er an Brianna und sein Kind dachte, und mit leicht verschwommen Augen ging er in die Hocke.

„Was war das?!“, ertönte die scharfe Stimme Éruts, der wohl gehört hatte, wie ein Ast knackste, oder vielleicht hatte Araloth ja doch einen Geräusch gemacht. Er wusste es nicht. Er bemerkte auch kaum, wie die beiden Männer sein Versteck ausfindig machen, ihn am Kragen packten und vor sich auf die Füße warfen.
„ Wer bist du?“, fragte immer noch Érut, der wie Araloth aus den Augenwinkeln erkennen konnte, wirklich mindestens um die Sechzig war und einen wettervergilbten Mantel trug. Dôl, der vielleicht siebzehn Jahre alt war, hatte die Klinge des kurzen Krummsäbels auf seinen Nacken gelegt.
„Nun sprecht schon“, raunte der Alte und Araloth wusste, dass mit ihm nicht gut Kirschen essen war.
„Ich…ich bin Araloth aus Dol Amroth. Ich bin Gesandter Imrahils und oberster Diplomat der Schwanenstadt“, entgegnete Araloth fest, der keineswegs eingeschüchtert war in Anbetracht seiner eher schlechten Situation.
Ein langgezogenes Krächzen entfuhr dem Alten und Araloth verstand nur die Hälfte der Wörter, die er während der Lachpausen ausstieß.
„Ein Vertreter d… Schwa….adt. Dass ich nicht lache. Siehst aus wie ein Landstreicher. Wie sollen wir dir das glauben?“
„Ihr könnt mir glauben oder auch nicht. Mein Aussehen verdank ich der alten Regentschaft des Verräters Herumors, der mich wochenlang in Kerkergefangenschaft hielt. Seit der Revolte vor einer Woche bin ich auf der Flucht.“
Araloth, der zwar aus dem Gespräch erfahren hatte, dass diese zwei Männer Feinde Saurons waren, wollte aber lieber noch nichts über sein konkretes Ziel verraten, denn sicher über ihre Absichten war er nicht.

Es war nun Dôl, der das Wort mit zitternder Stimme an ihn richtete:
„Wo..woher soll..sollen wir wissen, dass ihr die Wahrheit sprecht. Ihr kö…könnt u..u…uns viel erzählen. Und im nächsten Moment, wo wir euch gehen lassen, schlagt ihr uns tot und nehmt unsere Sachen!“.
Sein Gesicht wurde kreidebleich, als malte er sich diese Szenerie erst aus, nachdem er die Worte gesprochen hatte.
Araloth seine Nase immer noch in die feuchte Erde drückend, lächelte und antwortete:
„Eure Habseligkeiten zu nehmen wäre zwar eine Option, und nötig habe ich es wirklich. Ich stinke schlimmer als ein Schweinestall, aber dennoch ist das nicht mein Begehr. Ich möchte den großen Strom überqueren, um nach Ithilien zu reisen.“
Es wurde auf einmal still und nachdem der Alte und Dôl Blicke gewechselt hatten, ertönte wieder die raue Stimme Éruts.
„Nach Ithilien?“, er versuchte verblüfft und gleichgültig zugleich zu klingen, aber Araloth durchschaute ihn, „ Was treibt euch in diesen gotverlassene Land? Wenn ihr in den Armen der Haradrim und als Abendessen der Geier dort enden wollt, warum die Mühe machen und den Anduin überqueren? Ein paar Tagesmärsche weiter südwestlich ist eine Feste der Haradrim, die ihr besuchen könnt. Dazu braucht ihr nichtmal ein Boot, sondern nur eure Beine. Jene scheinen doch recht kräftig zu sein.“

Wieder das krähenartige Lachen ausstoßend packte er das rechte Bein des Diplomaten und krempelte die Hose ein wenig nach oben, um Dôl Araloths durchtrainierten Waden zu zeigen. Als er jedoch die Wade begutachtete, gefror ihm das Lachen und Dôl entfuhr ein lautes Stöhnen.
Sie blickten auf das Familienwappen Araloths Familie, dass auf seine Wade gebrannt worden war. Wie in Trance fuhr Érut über die Lilie und die Schwanenköpfe bevor er langsam nickte.
„Nun gut ihr sprecht die Wahrheit, aber dennoch was wollt ihr in Ithilien? Unsere Aufgabe ist es fremde von dort fernzuhalten und nur weil ihr aus Dol Amroth seid heißt das noch lange nicht, dass wir euch vertrauen. Die Zeiten haben sich geändert, niemand weiß mehr wer auf wessen Seite steht und wer für wen arbeitet. Schreckliche Zeiten!“
Die Stimme des Alten zu Beginn noch stark und niederschmetternd, wurde nun wehmütig und als er verstummte, fuhr Dôl fort, als könnte der Alte nicht mehr sprechen.
„Nun sprich schon, Fremder.“
Araloth überlegte einen Moment und ging seine Möglichkeiten durch, bevor er sich entschied die Wahrheit zu sagen.

„Im Prinzip ist es mir gleich. Sterben werde ich, egal, ob ich euch die Wahrheit noch verrate und ihr seid meine Feinde, oder sie verschweige, obwohl ihr meine Verbündeten seit“, er machte eine kurze Pause, um die Spannung zu steigern, denn wenn er starb wollte er wenigstens spannungsreich diese Erde verlassen, „Ich bin auf der Suche nach Damrod aus zweierlei Beweggründen. Zum einen möchte ich mich den Partisanen Ithiliens anschließen, zum anderen soll ich ihn ein Schmuckstück wiederbringen, dass seiner ehemaligen Verlobten Lea gehört. Es ist eine Brosche!“

„Das ist doch gleich was anderes“, erwiderte nun wieder Érut, der sich ebenso darauf verstanden hatte mit seiner Antwort zu warten und zog Araloth unsanft aufrecht.
Die beiden gingen weiter und verdattert blieb Araloth stehen.
„Was passiert nun?“, rief er ihnen hinter her, da sie ihm keine Beachtung mehr zu schenken schienen.
„Wir bringen dich zu deinem Boot und dann zu Damrod, wir sind selber auf dem Weg zu ihm“, rief Dôl mit deutlicher Leichtigkeit in der Stimme.
Araloth atmete aus und wischte sich ein paar Schweißtropfen von der Stirn. Nur stammten diese sicherlich nicht von der drückenden Hitze.


….Araloth nach Zentralithilien
« Letzte Änderung: 28. Jul 2016, 09:13 von Fine »


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Flucht nach Ithilien
« Antwort #1 am: 17. Feb 2016, 23:42 »
Aerien und Beregond aus Minas Tirith


Beregond hatte Aerien in südlicher Richtung von der Weißen Stadt weg geführt. Am Hafen von Harlond hatte Aerien ihren Status als Gesandte des Dunklen Turms dazu benutzt, sie von einer orkischen Fähre über den Anduin bringen zu lassen. Nun standen sie ein gutes Stück flussabwärts von Minas Tirith am Ostufer des Großen Stroms und atmeten den würzigen Duft ein, der von der Wildnis des südlichen Ithiliens verströmt wurde. Dieses Land ist wunderschön, dachte Aerien. Der Garten Gondors wurde es genannt. Und selbst die Schatten Mordors haben sein Licht noch nicht ganz zum Verblassen gebracht. Ithilien kann noch gerettet werden.

"Gebt Acht, Herrin," sagte einer der Orks die sie über den Fluss gebracht hatten. "Hier ist es gefährlich. Ihr solltet hier nicht alleine unterwegs sein."
"Wovon sprichst du?" verlangte Aerien zu wissen.
"Die Geister in Grün sind unterwegs," zischte der Ork. "Sie schlagen aus dem Hinterhalt zu, die Feiglinge. In den Büschen und hinter den Bäumen lauern sie und fliehen, wenn wir sie zum Kampf stellen."
Kluge Menschen, dachte Aerien. Sie setzen auf Heimlichkeit, Verstohlenheit und Überraschungsangriffe da die Horden Mordors weit in der Überzahl sind.
"Macht euch keine Sorgen um mich," sagte sie laut. "Kehrt nun zurück zum Harlond. Ich muss meinen Auftrag ungestört zu Ende bringen - Befehl aus Lugbúrz."(1)
Das ließ den Ork verstummen und er und seine Kumpanen gehorchten. Beregond und Aerien blickten der Fähre nach, als die Orks sie wieder ans andere Ufer brachten.

"Von Täuschung verstehst du etwas," sagte Beregond auf Sindarin. "Ich hoffe, du täuschst mich nicht gerade und ich finde mich bald schon in Ketten neben Elessar im Dunklen Turm wieder."
"Hab' Vertrauen, Beregond," antwortete Aerien. "Wieso sollte ich all den Aufwand betreiben, nur um einen einzelnen Mann nach Barad-dûr zu bringen? Ich hätte den Orks auch einfach befehlen können, dich dorthin zu schaffen."
"Das sollte ein Scherz sein, Aerien," antwortete er und brachte ein kleines Lächeln zustande.
"Oh."

Sie gingen in östlicher Richtung zwischen den Bäumen hindurch. Beregond schien recht gut zu wissen, wohin er wollte. Offenbar kannte er sich in der Gegend aus.
Hier gleicht nicht ein Baum dem anderen, staunte Aerien, die ihr Leben lang nichts anderes als die felsige Ödnis Mordors gesehen hatte. Auch bei der Überfahrt über den Anduin hatte sie sich nur schwer beherrschen können, sich ihre Verzückung über die große Menge Wasser anmerken zu lassen. Selbst in Durthang war Wasser stets knapp gewesen, denn im Schattengebirge gab es nur wenige Quellen mit trinkbarem Wasser.
Sie kam sich vor wie in einem Traum. Die Luft - die reine Luft, die um sie herum strömte als ein leichter Wind die Zweige der Bäume durchstieß fühlte sich wunderbar kühl auf ihrem Gesicht an. Die grünen Wälder Ithiliens zogen langsam an ihr vorbei, doch sie konnte sich kaum daran sattsehen.
Einfach atemberaubend.

Beinahe wäre sie mit Beregond zusammengestoßen, der plötzlich stehen geblieben war und aufmerksam nach vorne blickte.
"Hörst du das?" flüsterte er.
Aerien spitzte ihre Ohren, hörte jedoch zunächst nichts bis auf die Geräusche des Waldes und der vielen Vögel über ihren Köpfen.
Da durchstieß ein entfernter Schrei die Idylle. Und nun hörten sie auch das Klirren von Stahl auf Stahl.
"Ein Kampf!" stellte Beregond fest. "Komm, Aerien! Sehen wir nach, um wen es sich handelt!"
Aus Minas Tirith hatte sie ein zweites Schwert mitgenommen, das sie Beregond nun zuwarf. Es war eine einfache Klinge von gondorischer Machart. Geschickt fing er es auf. Er packte den Griff und setzte sich in Bewegung. Aerien folgte ihm dichtauf und zog Lôminzagar vom Rücken. Sie war kampfbereit.

Sie überquerten die Kuppe eines kleinen, flachen Hügels und sahen nun, was dahinter lag: Ein breiter Weg, der quer zu ihrer Reiserichtung durch den hier nicht mehr allzu dichten Wald führte. Und in der Mitte des Weges war offenkundig ein Überfall im Gange: In grün gewandete Gestalten hatten eine große Gruppe Orks umringt und angegriffen. Doch die Orks wehrten sich und ein offenes Gefecht war im Gange.
Beregond stürmte den flachen Hang hinab. "Gondor! Gondor!" rief er und stürzte sich in den Kampf. Aerien folgte mit einigem Abstand, erstaunt über Beregonds neu gefundene Kraft. Sollte sie ihre Deckung aufgeben? Wenn sie sich auf Seiten der Waldläufer in das Gefecht einmischte und einer der Orks entkam um davon Meldung zu machen, wäre ihr Verrat offengelegt. Sie blieb stehen. Sei auf alles vorbereitet...
Da sah sie, wie einer der Orks einem Waldläufer die Klinge aus der Hand schlug und ihm einen Schlag mit der gepanzerten Faust versetzte. Der Mann taumelte rückwärts und strauchelte. Sofort war der Ork über ihm und holte schon zum tödlichen Schlag aus -
...da durchbohrte ihn Aeriens Bastardschwert durch den Rücken und trat zwischen den Schultern wieder aus. Sie zog Lôminzagar wieder heraus und der Ork fiel tot zu Boden. Aerien reichte dem Waldläufer die Hand und half ihm auf. Sie hatte ihre Wahl getroffen.
"Danke," keuchte der Mann und blickte sie verwundert an. Doch bevor er ihr weitere Fragen stellen konnte wurden sie vom Gefecht erfasst und mehrere Orks stürzten sich auf die beiden.
Aerien verfiel in einen Zustand von aufmerksamer Konzentration. Sie parierte einmal hoch, einmal tief, und schlug dann vertikal zu und durchbrach die Verteidigung eines Gegners, der tödlich verwundet zu Boden ging. Aerien wirbelte mit blitzender Klinge herum und erwischte einen weiteren Ork am Bein. In einer fließenden Bewegung schlug sie ihm den Kopf ab.
Hierfür hast du all die Jahre trainiert, dachte sie. Sie begann, den Kampf auf eine seltsame Art und Weise zu genießen und wechselte das Schwert von einer Hand in die andere. Der Vorteil an der Klinge war, dass sie sich sowohl mit einer als auch mit beiden Händen führen ließ. Aerien blieb ständig in Bewegung. Sie duckte sich unter einem gegen ihren Kopf geführten Hieb weg und machte einen Ausfallschritt nach Links, der ihre Gegner ins Leere laufen ließ. Ihre Klinge zog blutige Spuren über die Kehlen zwei weiterer Orks.

Kurz darauf war bereits alles vorbei. Die Waldläufer hatten keinen ihrer Feinde entkommen lassen. Doch ihre Wachsamkeit endete damit nicht.
"Wer seid Ihr, und was wollt Ihr hier?" verlangte ein Mann zu wissen, dessen Gesicht bis auf die Augen von seiner grünen Kapuze und Maske verborgen wurde. Mehrere gespannte Bögen richteten sich auf Aerien, bereit, sie mit Pfeilen zu spicken. Langsam und vorsichtig legte sie ihr Schwert zu Boden.
"Ich bin nicht hier um euch zu schaden, sondern kam mit Beregond aus der Weißen Stadt," erklärte sie. "Meine Absichten richten sich nicht gegen Euch. Wenn Ihr wahrlich Feinde Mordors seid, dann vertraut mir, denn ich kann euch helfen - so wie ich euch gerade im Kampf geholfen habe!"
"Wem wir vertrauen werden wir selbst entscheiden, Mornadan,"(2) antwortete der Mann grimmig und legte die Hand auf den Griff seines Schwertes. Beregond trat neben ihn und blickte Aerien mit undeutbarer Miene an. Ihr wurde kalt ums Herz als sie ihm in die Augen sah.
"Ergreift sie," sagte Beregond und der Anführer der Waldläufer gab seinen Männern ein Zeichen.
"Nein!" rief sie, doch die Gondorer packten sie und nahmen ihr das Schwert ab. Man fesselte ihr die Hände auf dem Rücken zusammen und verband ihr die Augen, sodass sie nichts sehen konnte.
Närrin, schalt sie sich selbst. Du hättest wissen müssen, dass Beregond dir nicht vertraut und dich verraten würde. Du hast die Augen nicht offen gehalten! Du warst nicht darauf vorbereitet denn du hast es nicht kommen sehen. Du hast versagt!
Nicht Beregond hat dich verraten.... Du hast dich selbst verraten.



Beregond, Aerien und die Waldläufer Ithiliens zum Versteck unter den Emyn Arnen

(1) schwarze sprache "Dunkler Turm"
(2) sindarin "Schwarzmensch" (Schwarzer Númenorer)
« Letzte Änderung: 4. Nov 2016, 08:53 von Fine »
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Südwärts!
« Antwort #2 am: 18. Feb 2016, 23:43 »
Aerien und Beregond vom Versteck unter den Emyn Arnen


Es dämmerte bereits als sie weiter durch den lichter werdenden Wald Süd-Ithiliens ritten. Je weiter sie nach Süden kamen, desto weiter standen die Bäume auseinander. Schließlich kamen sie zur Harad-Straße, die sie glücklicherweise leer vorfanden. Noch einige Meilen folgten sie ihr bis Beregond das Zeichen zum Anhalten gab. Etwas abseits der Straße richteten sie sich für die Nacht ein. Die Waldläufer Ithiliens hatten ihre Pferde mit mehreren weichen Decken und ausreichend Wegzehrung bepackt die Aerien und Beregond nun auf dem Boden ausrollten. Ein Feuer zu machen wagten sie nicht, daher nahmen sie nur etwas Wegbrot als Abendessen zu sich.

"Sag mir, Aerien, welchen Eindruck hattest du von Minas Tirith?" fragte Beregond unvermittelt in die Stille hinein.
Sie überlegte einen Augenblick und antwortete dann: "Ich hätte die Stadt gern zu ihren Glanzzeiten gesehen. Ich war beeindruckt von der Baukunst der Númenorer aber bedrückt darüber, sie in den schmutzigen Händen der Orks zu sehen."
"Oh, in der Tat, du hättest sie damals sehen sollen. Du hättest den Klang der silbernen Posaunen auf dem Weißen Turm hören und die Banner Gondors im Wind flattern sehen sollen," antwortete Beregond wehmütig.
"Hast du dein ganzes Leben in Minas Tirith gelebt?" fragte Aerien.
"Ich war einer der Wächter der Veste, dem obersten der Sieben Ringe der Stadt," erklärte Beregond. "Oft stand ich auf dem Wachposten an der Spitze des Felskeils, der die Stadt in zwei Teile spaltet und blickte wachsam auf die Schatten im Osten. Wir haben stets unter der Bedrohung aus Mordor gelebt."
Ich habe Mordor nie als bedrohlich empfunden, dachte Aerien. Doch wenn sie jetzt zum nahen Schattengebirge hinübersah verstand sie, was Beregond meinte. Man fühlt sich beobachtet. Gejagt. Bedroht.

Die Nacht verging ereignislos. Schon früh am Morgen brachen sie wieder auf. Aeriens Oberschenkel begannen vom langen Ritt zu schmerzen, aber mit jeder Meile gelang es ihr besser, das Pferd unter Kontrolle zu halten.
Gegen Mittag ließen sie die letzten Bäume hinter sich und kamen auf eine große grüne Ebene, die in südwestlicher Richtung sanft zum Zusammenfluss der Flüsse Anduin und Poros abfiel. Die Straße führte sie auf die Übergänge des Poros zu und vorbei am verfallenen Turm von Barad Harn(1), der einst die Furten bewacht hatte. Er war im vorletzten Krieg Gondors mit den Haradrim zerstört worden, wie Beregond erzählte.
"Die Rohirrim kamen Gondor damals zu Hilfe," sagte er. "Doch beide Söhne König Folcwines fielen in der Schlacht an den Übergängen. Und dennoch hielt uns Rohan die Treue. Eng ist das Band, das Cirion und Eorl einst schmiedeten!"
Rohan interessierte Aerien nur wenig. Sofern sie wusste lebten dort keine Dúnedain. Den alten Turm hingegen fand sie bei weitem interessanter und hätte gerne angehalten und ihn sich genauer angesehen, wenn sie nicht so sehr in Eile gewesen wären. Doch so ließen sie die Ruine links liegen und kamen schließlich an den Poros.
"Dies ist die südliche Grenze Gondors," sagte Beregond. "Wir begeben uns nun ins Ungewisse. Truchsess Imrahil mag ein Bündnis mit Heerführer Qúsay geschlossen und ihm zum Fürsten von Harondor gemacht haben, doch ich weiß nicht, wer im Moment wirklich über dieses Land herrscht. Viele lange Jahre war es umkämpft und viele Kriege wurden hier zwischen den Gondorern und den Haradrim ausgefochten. Fürst Qúsay wird es nicht leicht haben, seine Herrschaft hier zu festigen."
"Zunächst müssen wir ihn finden," wandte Aerien ein. "Damrod hat uns keinen Anhaltspunkt gegeben, wo Qúsay sich aufhalten könnte."
"Die Nachricht Ioreths besagte, dass Qúsay von Linhir per Schiff nach Tolfalas reiste. Weißt du, wo diese Insel liegt?"
Aerien zog ihre Landkarte hervor und suchte nach dem Namen. "Hier, in der Mündung des Großen Stroms. Westlich von der Küste Harondors," stellte sie fest.
"Dann lass' uns der Straße weiter folgen. Wenn es stimmt dass Qúsay nach Süden zieht, muss er den Harnen passieren, den südlichen Grenzfluss Harondors. Hier, siehst du?" Er zeigte auf die entsprechende Stelle auf Aeriens Karte.
"Ich hoffe wir kommen rechtzeitig dort an," sagte Aerien.
"Wir müssen es versuchen," meinte Beregond. "Wir haben einen Auftrag zu erfüllen."

Sie trieben ihre Pferde zur Eile an und überquerten die Furten des Poros. Beregond ließ es sich jedoch nicht nehmen, das auf einem kleinen Hügel auf der Südseite der Furten aufgepflanzte Banner der Haradrim mit seinem Schwert niederzuhauen.
"Die Rote Schlange Sûladans gehört in den Staub und nicht auf den Haudh in Gwanûr,"(2) erklärte er. "Hier liegen die Zwillinge Folcred und Fastred begraben, Folcwines Söhne die bei der Verteidigung der Furten fielen."
"Sûladan?" fragte Aerien. "Der Sultan von Harad?" Selbst in Mordor hatte sie von ihm gehört.
"Wenn der Segen der Valar mit Qúsay ist, wird er das nicht mehr lange sein," sagte Beregond.
Gemeinsam ritten sie auf der Harad-Straße weiter nach Süden...


Aerien und Beregond nach Harondor

(1) sindarin "Südturm"
(2) sindarin "Hügel der Zwillinge
« Letzte Änderung: 4. Nov 2016, 09:12 von Fine »
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