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Autor Thema: Am Hafen  (Gelesen 711 mal)

Fine

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Am Hafen
« am: 30. Sep 2016, 15:52 »
Cyneric mit Rylthas Soldaten vom Tor Gortharias


Die kleine Gruppe Soldaten erreichte die Kaserne ungefähr eine halbe Stunde nachdem sie vom Westtor Gortharias aufgebrochen waren. Das Gebäude lag direkt am Hafen und hatte offenbar neben der Beherbergung der Soldaten die zusätzliche Funktion einer Wachstube, die als Posten gegen Angriffe auf den Hafen selbst vorgesehen war. Rylthas Einheit war in mehreren Räumen im obersten Geschoss der Kaserne untergebracht, doch Cyneric wies man ein kleines Einzelzimmer zu. Ryltha schien genaue Anweisungen hinterlassen zu haben, denn niemand fragte ihn nach seinem Namen oder sprach mehr als das Notwendigste mit ihm. Einer der Soldaten die mit ihm durch Gorak geritten waren sagte ihm, dass er sowieso nicht lange hier bleiben würde.
"Die Kommandantin hat dich hier nur vorübergehend einquartiert. Bald erhältst du neue Anweisungen."

Er stand einige Zeit an seinem kleinen Fenster und sah zu, wie sich die Strahlen der untergehenden Sonne auf dem Meer von Rhûn spiegelten. Cyneric hatte nicht gewusst, dass es hier ein so großes Gewässer gab. Zwar hatte er bereits Karten von Mittelerde gesehen, doch dabei dem Osten nie besonderen Aufmerksamkeit geschenkt. Staunend ließ er den Blick auf die schier endlose Wasserfläche schweifen, die sich in nördlicher Richtung vor ihm ausbreitete. In seinem gesamten Leben hatte er noch niemals so viel Wasser auf einem Fleck gesehen, denn seine Reisen hatten ihn noch nicht bis an die Ufer Belegaers gebracht.
"Beeindruckend, nicht wahr?" sagte eine Stimme hinter ihm.
Es war Ryltha. Doch sie war nicht allein. Bei ihr war eine zweite Frau, von großer Statur, gehüllt in die prunkvolle Rüstung eines Heerführers der Ostlinge. Sie hatte eine etwas hellere Haut als die meisten Menschen, die Cyneric bisher in Gortharia gesehen hatte, und tiefschwarze Haare, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren. Ihre hellbraunen Augen musterten ihn eindringlich.
"Dies ist also der Reiter," sagte sie schließlich. Ihre Stimme war ernst, aber wohlklingend. "Ich grüße dich, Cynegars Sohn. Mein Name ist Morrandir, Hohe Heerführerin der Armee Gortharias."
Cyneric wusste nicht recht wie er reagieren sollte. "Meinen Namen kennt Ihr offenbar schon," antwortete er vorsichtig. Als Morrandir nickte, fuhr er fort: "Was gedenkt Ihr nun mit mir zu tun, Heerführerin?"
"Du wünschst vom Schicksal deiner Tochter zu erfahren, nicht wahr?" erkundigte sich Morrandir. "Nun, wie Ryltha dir bereits sagte, können wir uns gegenseitig helfen. Wir besitzen Informationen und Verbindungen, die dir sowohl bei der Erfüllung deines Auftrags als auch bei der Beantwortung deiner Fragen behilflich sein werden."
"Natürlich hat das Ganze seinen Preis," warf Ryltha lächelnd ein.
"Natürlich," murmelte Cyneric.
"Es gibt etwas, das du für uns tun kannst," fuhr Morrandir fort. "Als erfahrener Gardist wird es dir nicht schwer fallen, diese Rolle auch am Königspalast zu spielen."
Cyneric wollte Einwände erheben, doch sie hob einen Finger um ihn zum Schweigen zu bringen. "Unser Problem ist, dass die Stadt - und der Palast insbesondere - voller Spione, Attentäter und Flüsterer ist. Mit jedem Tag wird es schwieriger, an Informationen zu gelangen. Ryltha hat dir unser Ziel bereits verraten: Der Sturz der Fünf Fürsten und König Gorans."
"Ziemlich ambitioniert", wagte er einzuwerfen.
Morrandir tat den Kommentar mit einer Handbewegung ab. "Es muss sein. Das Gleichgewicht muss wiederhergestellt werden. Vielleicht hast du selbst schon gesehen, wie die Bevölkerung unter der Herrschaft der Reichen und Privilegierten leidet."
"Kurz gesagt brauchen wir jemanden im Palast, dem wir vertrauen können," übernahm Ryltha, ein verschmitztes Lächeln im Gesicht. "Dich kennt hier niemand und wir sind uns sicher, dass du mit keiner der übrigen Untergrundbewegungen in Verbindung stehst, da du mit mir in die Stadt gekommen bist."
"Ich habe bereits den Befehl gegeben, dich zur Königlichen Garde zu versetzen. Laut Rylthas Bericht hast du dich in der Schlacht bei Dol Guldur hervorgetan und du hast meine ausdrückliche Empfehlung für den Posten."
"Und im Ausgleich dafür, dass ich für euch dort die Augen offen halte, erzählt ihr mir, was mit meiner Tochter geschehen ist?" wollte er wissen.
"Das und mehr," sagte Morrandir. "Wir mögen wenige sein, doch unsere Ohren hören viele Stimmen."
"Du wirst sehen, es wird sich für dich lohnen!" fügte Ryltha hinzu.

Cyneric blieb einen Augenblick still und dachte nach während die Frauen ihn erwartungsvoll betrachteten. Morrandir blieb ruhig und strahlte Autorität aus, doch Ryltha ging mit kleinen Schritten im Zimmer auf und ab.
Mir bleibt wohl kaum eine andere Wahl, dachte Cyneric. Und die Gelegenheit ist zu gut, um sie mir entgehen zu lassen. Doch die beiden wollen den König Rhûns ermorden, und seine Fürsten mit dazu. Ich weiß gar nicht, was das für Leute sind, ob sie so böse sind, wie Ryltha und Morrandir sie hinstellen. Aber falls doch....
Er straffte sich und kam zu einer Entscheidung.
"Ich werde es tun," sagte er. "Wann beginnt mein Dienst im Palast?"
"Bei Sonnenaufgang," antwortete Morrandir, die keine Regung zeigte. "Ich erwarte dich dann nach Ende deiner Schicht außerhalb der Halle des Rats der Zehn." Damit drehte sie sich um und ging.

"Gute Entscheidung, Cyneric!" beglückwünschte Ryltha ihn. "Ich wusste, dass auf dich Verlass ist. Du wirst sehen, es wird sich für dich lohnen!"
"Meine Tochter," verlangte er. "Geht es... geht es ihr gut?"
Ryltha legte den Kopf schief. "Nun gut, ein paar Fragen beantworte ich dir. Also, hör zu. Déorwyn geht es gut, zumindest besser als den meisten Leuten in Eriador."
"Sie ist in Eriador?" unterbrach Cyneric. "Wie gelangte sie dorthin?"
"Kannst du es dir nicht denken? Als ihre Heimat niederbrannte floh sie und gelangte unversehrt - ob vom Schicksal geleitet oder durch glückliche Zufälle - nach Eriador. Dort lebte sie seither."
"Dann ist ihr also nichts zugestoßen? Ich nahm an.... " Cynerics Stimme ließ ihn im Stich als alte Erinnerungen hochkamen.
"Das war voreilig. Du hast ja nicht einmal nach ihr gesucht," meinte Ryltha.
Sie hatte Recht. Er hatte damals die Hoffnung aufgegeben. Ein starkes Verlangen, alles stehen und liegen zu lassen und Déorwyn suchen zu gehen überkam ihn. Doch er wusste, er würde mehr Informationen benötigen. Ryltha jedoch wollte nichts davon wissen.
"Das reicht für heute," sagte sie. "Ruh' dich aus, Cyneric. Du hast morgen einen langen Tag vor dir."

Er blieb noch einige Zeit wach und hatte Schwierigkeiten, das Erfahrene einzuordnen. Doch mehr und mehr überkam ihn die Müdigkeit. Es war ein anstrengender Ritt bis Gortharia gewesen. Mit dem Gesicht seiner Tochter vor dem Inneren Auge schlief er ein.

Am folgenden Tag wachte er rechtzeitig auf, denn einer der anderen Soldaten weckte ihn. Auch dieser Mann schien von Ryltha instruiert zu sein, denn er reichte Cyneric wortlos die Rüstung der Gardisten des Königs von Rhûn und wies ihm den Weg zum Palast. Voller Anspannung machte er sich auf den Weg dorthin...


Cyneric zum Palast
« Letzte Änderung: 18. Apr 2017, 14:31 von Fine »

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Das Treffen der Schattenläufer
« Antwort #1 am: 16. Jan 2017, 11:30 »
Ryltha und Cyneric vom Gasthaus 'Uldors Rast'


"Wie ich sehe schließst du schnell Freundschaft, Cyneric," sagte Ryltha nachdem sie einige Zeit schweigend nebeneinander her gegangen waren. Da sie noch immer ihre offizielle Kommandantenrüstung trug hielt niemand die beiden auf ihrem Weg auf, der sie zum Hafen führte wie Cyneric nach einiger Zeit feststellte.
Cyneric wusste sofort, worauf sie anspielte. "Ich habe Milva nichts über... eure Geheimnisse verraten," stellte er klar.
Ryltha warf ihm einen wissenden Blick zu. "Du hast den Brunnen erwähnt," sagte sie und in ihrer Stimme schwang Ärger mit. "Ich dachte, du hättest verstanden, dass es sich dabei um eine absolut vertrauliche Angelegenheit gehandelt hat."
"Ich nahm an, Milva gehört zu euch - ebenso wie diese Lilja," versuchte er sich zu verteidigen.
"Lilja? Sie gehört genausowenig zu den Drei wie du, Cyneric," korrigierte Ryltha. Dann schien ihr etwas einzufallen. "Moment mal - hat Lilja dich kontaktiert seit der Sache im Palastgarten?"
Cyneric nickte und erzählte leise und mit wenigen Sätzen, wie Lilja ihn gebeten hatte, ein Päckchen zu den Sachen eines der anderen Gardisten zu schmuggeln. Ryltha reagierte mit einem genervten Seufzen. "Ich dachte mir schon, dass Lilja ihr eigenes Spiel spielt. Wir werden sie im Auge behalten müssen..."
"Vielleicht solltet ihr etwas mehr mit offenen Karten spielen," schlug Cyneric vor. "Bei all der Heimlichtuerei weiß man ja selbst kaum noch, wer Freund und Feind ist."
"Die Heimlichtuerei ist es, was die Essenz eines Schattens ausmacht," gab Ryltha kryptisch zurück.
Sehr hilfreich, dachte Cyneric.

Der Vollmond spiegelte sich in geheimnisvollem Licht auf der glatten Oberfläche des Meeres von Rhûn als Ryltha und Cyneric am mit steinernen Mauern eingerahmten Ufer ankamen. Vor dem ungewöhnlich hellem Mondlicht zeichnete sich die schlanke Silhouette einer schattenhaften Gestalt ab, die etwas erhöht auf einem der großen Poller stand, an dem normalerweise große Schiffe angetäut wurden. Als sie näher kamen fiel zu ihrer Rechten von einem der flachen Hausdächer ein zweiter Schatten herab und rollte sich geschickt ab. In dem Moment wusste Cyneric, dass sich alle drei Schattenläufer versammelt hatten - doch den Grund dafür kannte er nicht.
Ryltha setzte die Kapuze ihres Umhangs auf und ihr Gesicht verschwand in der Dunkelheit. Sie trat neben die anderen beiden Frauen, die sich am Kai versammelt hatten. Die größte der Drei gab Cyneric ein Zeichen, näher zu kommen und zog ein Fläschchen hervor.
"Trink das," sagte sie im befehlsgewohnten Ton. Es war Morrandir.
Cyneric nahm den Gegenstand entgegen, doch er zögerte. "Was ist das?" fragte er misstrauisch.
"Ein Gift," gab Morrandir ungerührt zu.
"Dann versteht ihr sicher, dass ich ablehnen muss," stellte Cyneric klar.
"Denk nach, Cyneric," sagte Ryltha. "Welchen Sinn würde es ergeben, dich jetzt umzubringen?"
Das ist schon wieder einer ihrer Tests, dachte Cyneric und starrte unentschlossen auf das Fläschchen in seiner Hand. Die Flüssigkeit darin war klar wie Wasser und glitzerte im Mondlicht, als er das Behältnis hin- und herbewegte.
"Du hast die Wahl," flüsterte Morrandir. "Wählst du Vertrauen, werden auch wir dir weiter vertrauen, trotz deiner Fehler heute. Wählst du Misstrauen, werden wir Abstand nehmen... und weitere Blicke in Anntírads Tiefen bleiben dir verwehrt."
Die dritte Frau stand schweigend neben Morrandir. Ihr Name lautete Teressa, erinnerte sich Cyneric. Auch als er sie zuletzt gesehen hatte - bei seinem Blick in den Brunnen - hatte sie kein Wort gesprochen. Er fragte sich, was es damit auf sich haben mochte.
"Bei Merîl," stieß Ryltha hervor und riss ihn aus seinen Gedanken. "Entscheide dich, Cyneric."
Also gut, dachte er. Vielleicht ist das von all den schlechten Entscheidungen in letzter Zeit die verheerendste, aber was soll's. Er entkorkte das Fläschchen und leerte es in einem Zug. Die Flüssigkeit rann seine Kehle hinab und hinterließ einen Geschmack, der dem Geruch von Blüten stark ähnelte. Sofort breitete sich eine seltsame Leere in seinem Inneren aus, die abschweifende Gedanken unterband und ihn aufmerksam auf das machte, was sich vor seinen Augen abspielte. Und als Cyneric die vom Schatten ihrer Kapuzen halb verdeckten Gesichter der drei Frauen studierte blitzten die Augen Teressas für einen kurzen Augenblick auf, und Cyneric ahnte, dass auch sie unter dem Einfluss des Trankes stand, den er soeben zu sich genommen hatte. Morrandir und Ryltha hingegen strahlten Zufriedenheit aus.
"Jetzt, wo du Vertrauen gewählt hast, können wir dir gefahrlos mehr darüber erzählen, worum es uns wirklich geht," sagte Ryltha. "Der Trank stellt sicher, dass du es nicht weitererzählen wirst."
Cyneric wollte "Wie?" fragen, doch er stellte fest, dass es ihm nicht möglich war. Und schon einen Moment später dachte er nicht einmal mehr daran.
"Die Drei bilden das Herz der Schattenläufer," begann Morrandir mit einem bedeutungsvollen Ton in der Stimme.
"An der Zahl drei seien wir, keiner weniger, keiner mehr. Drei Namen seien uns gegeben: Einer aus unserem Volke, einer aus unserer Seele und einer aus unserem Schicksal. Mór die Dunkelheit, Daé der Schatten und Ránt der Fluss mögen uns in Zeiten der Not den Weg erleuchten." intonierte Teressa und ihre Stimme klang tonlos, ohne Emotionen.
"Wir sind die Drei: Mór, Dáe, und Ránt," erklärte Ryltha ungewohnt ernsthaft. "Und unser Ziel ist es, die Ordnung in Rhûn wiederherzustellen."
"Dazu muss vor allem eines geschehen: Die Fürsten und der König müssen entmachtet werden. Sie richten dieses Land zugrunde," sagte Morrandir.
"Sie richten dieses Land zugrunde," wiederholte Teressa ausdruckslos.
"Unsere Mission ist von größter Wichtigkeit," fuhr Morrandir fort. "Durch den Angriff auf Thal und den Erebor hat sich die natürliche Ordnung verschoben. Das Reich von Gortharia ist zu groß geworden. Es muss beschnitten werden, wie eine Rose, damit es im vorgesehenen Maße weiterleben kann."
Und da verstand Cyneric. Durch den Sturz der Fürsten und den Tod oder die Absetzung des Königs würde die herrschende Schicht so sehr destabilisiert, dass überall Machtkämpfe um die frei gewordenen Posten ausbrechen würden. Vielleicht würden sich sogar einige der Fürstentümer vom Ostlingreich abspalten. In jedem Fall wäre das Reich für einige Zeit gelähmt und könnte niemals die Kontrolle über die eroberten Gebiete rings um Thal aufrecht erhalten.
"Seid ihr Agenten Thals?" äußerte er seine Vermutung.
"Wir sind Diener Merîls," gab Morrandir zurück, als würde dies alles erklären. Und erneut fand sich Cyneric nicht im Stande, nachzuhaken.
"Also gut," sagte er und kämpfte innerlich mit den Auswirkungen des Trankes. "Stürzen die Fürsten bricht das Land auseinander."
"Nur, wenn wir bald handeln," sagte Morrandir. "Die Zwerge der Eisenberge haben den Gesandten Gortharias mit Beleidigungen davon geschickt. Wenn der König davon hört wird sein Zorn grenzenlos sein und er wird den Großteil seines Heeres nach Khadar-zarâk, der Festung Gráin Feuerfausts, entsenden. Die Zwerge werden diesen Angriff nicht abwehren können. Noch können wir für einige Zeit verhindern, dass der Bote dem König Bericht darüber erstattet, aber jeder Tag der uns noch bleibt ist kostbar."
"Du verstehst also, wie wichtig die Arbeit der Schattenläufer ist, Cyneric," sagte Ryltha geradezu sanft.
"Vieles kommt mir noch äußerst geheimnisvoll vor," gab Cyneric ehrlich zu. "Aber ich verstehe, warum ihr den Umsturz in Rhûn verursachen wollt."
"Das sollte für den Moment genügen," befand Morrandir. "Halte dich bereit bis wir dich erneut brauchen - und halte geheim, was du heute gehört hast."
"Mit deinen neuen Freunden werde ich mich morgen befassen," sagte Ryltha.

Das Treffen der Schattenläufer war vorbei. Morrandir und Teressa verschwanden in südlicher Richtung entlang der großen Straße, die zum Hafen führte während Ryltha noch für einige Minuten verweilte. Ihre dunkelblonden Haare schimmerten im Mondlicht als sie die Kapuze absetzte und Cyneric einige Momente lang mit einem seltsamen Gesichtsausdruck musterte.
"Die Wirkung lässt nach, nicht wahr?" fragte sie.
"Ich glaube schon," antwortete Cyneric, der spürte, wie die Leere in seinem Inneren zu schwinden begann. "Was ist das nur für ein Gift?"
"Eigentlich ist es kein Gift - Morrandir hat es nur so bezeichnet um dich zu testen. Wir nennen es Winterblütensaft. Es ist sehr nützlich wenn es darum geht, Geheimnisse zu bewahren."
"Hat... Teressa auch davon getrunken?" fragte er.
Ryltha blickte zur Seite. "Sie ist noch nicht lange Dáe. Sie braucht es um ihre Aufgaben erfüllen zu können."
Cyneric beschloss, es dabei zu belassen. Er vermutete, dass Ryltha ihm sowieso nicht mehr erzählen würde. Als er sich verabschieden wollte sah er, dass die Schattenläuferin bereits mehrere Schritte von ihm weg gemacht hatte und langsam davon ging. Kurz bevor sie im Schatten der nahen Gebäude verschwand blieb sie noch einmal stehen und warf Cyneric einen letzten Blick über die Schulter zu. Dann tauchte Ryltha ins Dunkel ein und ließ Cyneric allein am Ufer zurück.


Cyneric zur Taverne 'Zum einbeinigen Zweibein'
« Letzte Änderung: 30. Jan 2017, 17:07 von Fine »

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Rückkehr nach Gortharia
« Antwort #2 am: 14. Mär 2017, 14:30 »
Cyneric und Salia von der Kalevin-Küste


Die Schifffahrt war ereignislos verlaufen. Das Schiff, das Teil der persönlichen Flotte des Königs war und unter der roten Flagge Gortharias fuhr, war vor allem auf Geschwindigkeit anstatt auf Kampfkraft ausgelegt worden. In einer Seeschlacht würde es wohl nicht lange bestehen, doch dank günstiger Winde dauerte es nur eine Nacht, bis der Hafen der Hauptstadt Rhûns in Sicht kam. Cyneric und Salia standen am Bug des Schiffes und sahen zu, wie der Hügel, auf dem die Stadt stand, vor ihnen in die Höhe wuchs.
"Da wären wir wieder," murmelte Salia und wirkte nur wenig zufrieden darüber.
"Du hättest in Varek bleiben können, Salia," meinte Cyneric. "Dort hättest du bestimmt Arbeit gefunden und hättest ein neues Leben anfangen können."
"Hast du schon vergessen, warum ich das hier mache?" antwortete sie. "Der König wird durch meine Klinge fallen. Das ist jedes Opfer wert. Und erst wenn das alles vorbei ist... werde ich mir Gedanken darüber machen, wie es dann weitergeht."
"In Rohan gäbe es einen Platz für dich," sagte Cyneric und überraschte sich selbst mit dieser Aussage.
Salia blickte ihn zweifelnd an. "Ich will nicht über solche Dinge sprechen. Außerdem haben wir keine Zeit mehr. Das Schiff legt an, und wir werden erwartet."

Nachdem die Besatzung das Schiff an einem der kleineren Kais vertäut hatte gingen sie von Bord. Ryltha wartete bereits auf sie. Sie schien ganz offiziell hier zu sein, denn sie trug ihre Rüstung und wurde von einigen anderen Soldaten begleitet.
"Gut dass ihr kommt," sagte sie ohne Begrüßung und gab den Soldaten ein Zeichen, beim Entladen des Schiffes zu helfen. "Eigentlich lautet mein Befehl, dich auf schnellstem Wege zurück zum Palast zu bringen, aber nun, da der Gardist euch früher als erwartet gefunden hat, haben wir zumindest ein bisschen Zeit. Ihr erzählt mir am besten zunächst nur die wichtigsten Dinge, die auf der Reise passiert sind. Aber zunächst..." Sie zog ein vertraut wirkendes Fläschchen hervor und hielt es Salia hin. "Trink das, Teressa."
Salia nahm den Gegenstand entgegen, doch ehe sie gehorchen konnte sagte Cyneric: "Wieso sollte sie das tun? Es setzt ihr zu und macht sie zu einem ganz anderen Menschen. Was hat das eigentlich zu bedeuten?"
"Das hat dich nicht zu interessieren, Cyneric. Die Angelegenheit betrifft dich nicht," wandte Ryltha ein.
"Ich habe Salia auf der Reise nach Osten kennengelernt, wie sie wirklich ist. Und sie gefällt mir so viel besser als unter dem Einfluss eures Gifts," antwortete Cyneric.
Ryltha seufzte tief. "Cyneric, versteh doch. Das ist ganz normal. In meinen ersten Monaten in Merîls Dienst habe ich das Zeug auch trinken müssen. Teressa braucht es nur noch einige wenige Male, bis sie ihre Aufgabe vollständig erkannt hat. Ich weiß, dass die Nebenwirkungen nicht sonderlich angenehm sind, aber da muss sie durch. Also hör auf meine Zeit zu verschwenden."
Cyneric hielt noch einen Augenblick inne, aber dann gab er nach. Salia leerte das Fläschchen mit einem Zug und gab es dann schweigend an Ryltha zurück.

"Gut, jetzt wo das geschafft wäre, möchte ich den Bericht hören," sagte Ryltha und wirkte gleich etwas besser gelaunt. Sie gingen langsam durch den Hafen und sprachen im leisen Ton miteinander, damit sie niemand belauschen konnte. Cyneric ging neben Ryltha her, während Salia ihnen stumm folgte. Während Cyneric erzählte, wie er mit den Banditen fertig geworden war, hörte sie aufmerksam zu, stellte aber keine Zwischenfragen. Doch als er von den Ereignissen in Varek berichtete und preisgab, dass Tyra zur Schwarzen Rose gehörte, schien sie aufzuhorchen. "Ulfangs Verbindungen scheinen deutlich weiter zu reichen als wir angenommen haben," sagte sie nachdenklich. "Und von Stadtwachen außerhalb von Gortharia höre ich zum ersten Mal. Das ist besorgniserregend. Umso besser, dass unsere neuen Verbündeten sich der Sache angenommen haben."
"Mich würde interessieren, was in meiner Abwesenheit geschehen ist. Ich hörte, es gab einen Anschlag auf den König?" fragte Cyneric.
Ryltha zuckte mit den Schultern. "Das ist die offizielle Version. Laut den Verkündungen von gestern Mittag brach ein Attentäter in das Schlafgemach des Königs ein und konnte im letzten Augenblick daran gehindert werden, Goran zu erdolchen. Seltsamerweise hat im gesamten Palast niemand etwas davon mitbekommen. Und dabei hat Gorans Gemach keine Fenster und nur eine Tür, die Tag und Nacht von Männern bewacht wird, die er persönlich unter den Gardisten auswählt."
"Du bist also der Meinung, es gab gar keinen Anschlag? Wieso wurden die Gesandten dann zurückgerufen?" wunderte sich Cyneric.
"Wir wissen es nicht genau. Aber das Ganze muss mit dem immer schlimmer werdenden Verfolgungswahn des Königs zu tun haben. Ich stelle es mir so vor: Der Ewige Berater überzeugt Goran, Gesandte auszuwählen und ins Land zu schicken, um sein Ansehen beim Volk zu verbessern. Das geht einige Tage gut, aber der Gedanke, dass er ihm nun weniger Bewacher als zuvor zur Verfügung stehen, lässt den König nicht mehr los und schließlich wird dieser Gedanke unerträglich. Was tut er also, um seine Gesandten auf schnellstem Wege wieder zurückzuholen? Er kann ja ihren Missionen schlecht einfach abbrechen, das würde gar nicht gut ankommen. Also erfindet er einen Anschlag und ruft die Garde unter dem Vorwand einer Bedrohung seiner persönlichen Sicherheit mit sofortiger Wirkung zurück nach Gortharia."
"Das ist eine stimmige Theorie," gab Cyneric zu. "Schade. Ich hätte gerne noch mehr von den Ländern im Osten gesehen."
"Da hätte es sicherlich noch einige Abenteuer zu bestehen gegeben," meinte Ryltha. "Aber sei nicht betrübt. Du hast deine Aufgabe gut gemeistert und die richtigen Entscheidungen getroffen, wenn sie sich dir gestellt haben. Nicht jeder hätte die Lage in Varek so ruhig und methodisch angegangen wie du. Vielleicht wären die Machenschaften der Goldröcke gar nicht erst ans Licht gekommen, und Tyra hätte gehangen. Du kannst stolz auf dich sein. Und was noch viel besser für dich ist: Es wird bald wieder die Gelegenheit geben, in den Brunnen zu blicken. Sicherlich willst du mehr darüber wissen, wie es deiner Tochter ergangen ist? Es kann jedoch sein, dass du nicht der Einzige bist, der Anntírad einen Besuch abstatten wird..."
"Nun, ich bin dankbar für jede Gelegenheit," sagte Cyneric. "Ich denke, ich sollte mich dann auf den Weg zum Palast machen." Sie waren am Ende des Hafens angekommen, wo die Straße begann, die zum Stadtzentrum und zum Palastkomplex führte. Cyneric warf einen Blick die Straße entlang und sah den Palast vor sich aufragen.
"Warte noch einen Augenblick," hielt Ryltha ihn auf. "Es gibt da noch etwas, das du wissen solltest."
Cyneric wandte sich zu ihr um. "Was?" fragte er.
"Wenn du unsere neue gemeinsame Freundin siehst," setzte Ryltha an.
"Du meinst Milva?"
"Ja, die meine ich. Sie macht sich ganz gut in ihrer neuen Rolle als Jägerin der Bozhidars."
"Was ist mir ihr?"
"Wenn du sie siehst, und sie mit dir reden möchte, dann hör dir an, was sie zu erzählen hat. Wir glauben zwar, dass wir ihr vorerst vertrauen können, aber es gibt da etwas, das mich an ihr noch stört... ich kann nicht genau sagen, was es ist. Vielleicht wird es dir offenbar, wenn du Zeit mit ihr verbringst. Finde heraus, ob sie sich unserer Sache vollständig verschrieben hat. Wir können es uns nicht erlauben, auch nur eines unserer Geheimnisse preiszugeben. Wenn sie etwas verdächtiges sagt oder tut, lass' dich nicht drauf ein und gib mir Bescheid."
"Ich soll sie ausspionieren?" Cyneric war nicht sonderlich begeistert von dieser Vorstellung. Er mochte Milva und hatte durchaus das Gefühl, der jungen Jägerin vom Carnen vertrauen zu können. Es fühlt sich nicht richtig an, sie so zu hintergehen, dachte er.
"Ausspionieren? Nein. Im Auge behalten? Das schon eher," stellte Ryltha klar. "Jetzt schau mich nicht so an als hätte dich ein Pferd getreten. Du weißt doch, was auf dem Spiel steht."
Cyneric machte ein frustriertes Geräusch. "Na schön. Ich melde mich, wenn mir etwas auffällt."
"Sehr gut, Cyneric. Und jetzt solltest du zusehen, dass du zum Palast kommst. Der König wartet bestimmt schon."
"Wird Salia bei dir bleiben?" fragte er.
"Ich bringe sie nach Hause," erklärte Ryltha. "Sie muss sich jetzt ausruhen. Aber keine Sorge: Du wirst sie bald wiedersehen."

Mit gemischten Gefühlen machte Cyneric sich auf den Rückweg zum Palast.


Cyneric zum Königspalast
« Letzte Änderung: 18. Sep 2017, 23:03 von Fine »

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Ein frischer Wind weht
« Antwort #3 am: 12. Apr 2018, 16:58 »
Cyneric und Zarifa vom Bozhidar-Anwesen


„Du sagtest doch, dass du aus Umbar stammst, nicht wahr?“
Zarifa, die Hände vor der Brust verschränkt und mit unzufriedenem Gesichtsausdruck an der Wand eines Hafengebäudes lehnend, gab ein Geräusch von sich, das ungefähr nach „Ja, schon,“ klang.
„Und Umbar ist eine der größten Hafenstädte Mittelerdes, richtig?“
„Weiß nicht. Kann sein.“
„Und trotzdem kannst du weder schwimmen noch hast du jemals Fuß an Bord eines Schiffes gesetzt.“ Es war eine Feststellung, keine Frage.
„Und wenn schon,“ Zarifa wurde lauter. „Ist das etwa ein Problem für dich?“
„Wenn du von Bord fällst und ertrinkst wäre das schon ein gewisses Problem für mich,“ erwiderte Cyneric, der keine Zeit für Zarifas sture Art hatte.
„Pah! Jetzt tu‘ bloß nicht so, als wäre ich dir wichtig.“ Zarifa blickte demonstrativ beiseite.
„Was soll das denn jetzt heißen?“
„Als du mich nach Gortharia gebracht hattest, hast du mich bei der ersten Gelegenheit irgendwo abgesetzt, damit du dich nicht mehr mit mir belasten musst.“ Es klang anklagend genug, dass Cyneric seinen aufkeimenden Ärger unterdrücken musste.
Betont beherrscht sagte er: „Du weißt, dass es nicht so gewesen ist, Zarifa.“
„Es hat sich aber so angefühlt. Als wäre ich nur ein störendes Stück Gepäck für dich.“
„Das stimmt so nicht,“ entgegnete er. „Von einem Stück Gepäck müsste ich mir jetzt keine Beschwerden am laufenden Band anhören.“
Zarifas Gesichtsausdruck war so komisch, dass Cyneric beinahe laut gelacht hätte. Offenbar hatte sie entweder mit Anschuldigungen oder mit weiteren Bemühungen der Beruhigung gerechnet, aber nicht damit. „Wie bitte?“ war alles, was sie hervorbrachte.
„Wir werden noch unser Schiff verpassen wenn du weiter verwirrt in der Gegen herumstarrst, Kleine. Jetzt sei‘ ein braves Gepäckstück und lass dich unter Deck bringen - und sieh‘ zu, dass du dabei nicht ins Wasser fällst!“

Es war geradezu ein Kinderspiel, die verdutzte Zarifa an der Hand über die breite Planke zu führen, die das große Handelsschiff mit dem Kai am Hafen Gortharias verband. Unter Deck angekommen stellte Cyneric fest, dass Zarifa sich entschlossen hatte, ihn keines Blickes mehr zu würdigen und dass sie in ein beleidigtes Schweigen verfallen war. Glücklicherweise kannte er sich damit aus, denn er war immerhin Vater einer Tochter in Zarifas Alter, die ein recht ähnliches Temperament besaß.
So ließ Cyneric Zarifa unter Deck sitzen, wo die junge Frau einige bequeme Ballen Stoff als Sitzgelegenheit entdeckt hatte. Er fand den Kapitän am Heck des dreimastigen Segelschiffes stehen und bezahlte ihn großzügig - für die Überfahrt nach Dorwinion, und für sein Schweigen. Gerade als der Handel abgeschlossen war, trat Salia dazu. Sie trug einfache Reisekleidung aus Leder, dazu einen blauen Umhang und hohe Stiefel, die bis über die Knie gingen. An ihrem Gürtel hing ein Kurzschwert und auf dem Rücken trug sie einen Köcher mit Pfeilen und ihren Bogen.
„Wo ist Zarifa?“ fragte Salia.
„Unter Deck, wo sie am besten auch bleiben sollte. Sie kann nicht schwimmen.“
„Kannst du es denn, Cyneric?“ fragte Salia lächelnd zurück.
„Ein bisschen,“ gestand er ihr ein. „Gut genug, um lange genug an der Oberfläche zu treiben, bis du mich herausgefischt hast.“
„Wie beruhigend,“ lachte Salia. Sie wirkte in den letzten Tagen wie ausgewechselt, seitdem sie den Schattenläufern nur vortäuschte, Merîls Trank zu sich zu nehmen. Vergessen war die stille, emotionslose Teréssa und stattdessen kam immer mehr die lebhafte, gut gelaunte Salia zum Vorschein. Cyneric war außerordentlich froh darüber.
„Wissen die Schattenläufer, dass du hier bist?“ fragte er, als er daran denken musste, was sie hier eigentlich taten. Sie gingen ein großes Risiko ein, Ryltha und Morrandir zu ihren Feinden zu machen indem sie Gortharia ohne Befehl verließen.
„Sie nehmen an, dass wir beide nach Varek zurückkehren um einige unbeantwortete Fragen zu klären. Allerdings wird die Täuschung nicht allzu lange funktionieren - wenn sie herausfinden, wohin wir wirklich gegangen sind, sollten wir besser Dorwinion bereits hinter uns gelassen haben.“
„Nun, ich schätze, günstiger wird unsere Gelegenheit nicht werden,“ meinte Cyneric. „Weißt du, wo genau in Dorwinion wir an Land gehen werden?“
„Dorwinions Hauptstadt besteht genau genommen aus zwei Städten, den sogenannten Zwillingsstädten Holmgard und Könugard, die an der Mündung des Flusses Celduin in das Binnenmeer liegen. Wahrscheinlich werden wir den Hafen von Holmgard ansteuern, das südlich der Flussmündung liegt. Von dort wäre es am schnellsten, wenn wir ein Schiff finden, dass flussaufwärts bis nach Thal fährt. Ich weiß nicht, inwiefern das in Kriegszeiten möglich ist.
„Darüber werden wir uns den Kopf zerbrechen, wenn wir in Dorwinion angekommen sind,“ entschied Cyneric. „Wer hat dort das Sagen?“
„Wie du vielleicht weißt, hat der König direkt nach seinem Amtsantritt alle fünf Fürsten gegen Kandidaten seiner Wahl ausgetauscht. In Dorwinion regiert jetzt Yalcin, der für seine Gier bekannt ist. Am besten gehen wir seinen Leuten aus dem Weg, auch wenn er natürlich auf der Liste der Schattenläufer steht. Wir müssen davon ausgehen, dass seine Wachleute deutlich besser sind, als die von Radomir, da Yalcin besser bezahlt.“
„Also gut - Kopf unten halten und keinen langen Aufenthalt in Dorwinion riskieren. Verstanden.“

Noch immer war es früh am Morgen, als das Schiff in See stach. Cyneric stand an der Reling und betrachtete den Hafen von Gortharia, der sich mit quälender Langsamkeit von ihm entfernte. Er hatte viele Monate in dieser Stadt verbracht, und eine ganze Reihe von Bekanntschaften geschlossen. Er fragte sich, ob irgend eine davon jetzt noch eine Rolle in seinem zukünftigen Leben spielen würde. Im Augenblick hatte er nicht vor, hierher zurückzukehren.
Eine Bewegung auf dem Kai gegenüber riss Cyneric aus seinen Gedanken. Dort stand eine Frau in einem hellroten Kleid, regungslos und den Blick auf das sich entfernende Schiff gerichtet. An ihrer Frisur erkannte er Lilja von den Stahlblüten.
Verdammt, schoss es Cyneric durch den Kopf als ihm einfiel, dass er eigentlich auf der Feier von Herrin Bozhidar einen Auftrag für Lilja hätte durchführen sollen. Noch während er hinsah kam Bewegung in die Frau am Kai, und mit schnellen Schritten verschwand sie in den Straßen Gortharias.
Cyneric hatte das ungute Gefühl, sich einen weiteren Feind gemacht zu haben. Er hofft, dass Zarifa und Salia den Ärger wert waren. Und vor allem hoffte er, seiner Tochter endlich einen Schritt näher gekommen zu sein.
Ein frischer Wind blähte die Segel des Handelsschiffes, und es nahm Fahrt auf. Der Kapitän, ein erfahrener Dorwinier mit Glatze und einem beeindruckenden grauen Bart setzte einen Kurs nach Nordwesten und schien guter Dinge zu sein. Es sah ganz danach aus, als würden sie das erste Etappenziel auf dem Weg zum Einsamen Berg, wo Déorwyn sich aufhalten musste, mit großer Geschwindigkeit erreichen...


Cyneric, Zarifa und Salia nach Dorwinion