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Autor Thema: Tol Thelyn  (Gelesen 3645 mal)

Eandril

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Re: Tol Thelyn
« Antwort #30 am: 10. Sep 2017, 21:18 »
..., und ich will euch nicht verschweigen, dass euer Sohn durch die Hände Thorongils nach seiner Gefangennahme einige Schmerzen und Verletzungen erlitten hat - was in Anbetracht seiner jüngsten Taten und seiner Vergangenheit sicherlich wenig überraschend ist. Er verbrachte einige Zeit im Kerker des Turmes von Tol Thelyn, wo ich zwei Gespräche mit ihm führte, in deren Verlauf ich ihn dazu zu bringen versuchte, einzusehen, dass er den falschen Weg eingeschlagen hat. Nach unserem zweiten Treffen überließ ich ihm eine Phiole mit einem schnell wirkenden, schmerzlosen Gift, dass euch bekannt sein dürfte, und...

Edrahil tunkte die Feder ins Tintenfass, schrieb jedoch nicht weiter sondern hob den Kopf, als er hörte wie sich die Tür seines Zimmers öffnete und Laedris mit leisen Schritten über die Schwelle trat. Edrahil wartete ab, bis das Mädchen an seinen Tisch herangekommen war, und fragte leise: "Und?"
Laedris antwortete nicht sofort. "Was schreibt ihr?", fragte sie stattdessen, und warf einen neugierigen Blick auf das zur Hälfte beschriebene Blatt Papier, das vor Edrahil auf dem Tisch lag. Edrahil seufzte. Eigentlich mochte er Laedris gerne - sie war ein kluges und aufgewecktes Mädchen, doch ihre Neugierde und ihr Mangel an Zurückhaltung standen ihr immer wieder im Weg. Ihrer Unbeschwertheit schien die Flucht von der Insel, bei der sie ihre Eltern verloren hatte, nicht allzu sehr beeinträchtigt zu haben, und damit erinnerte sie Edrahil an Serelloth. "Einen Brief an einen alten Kontakt - nicht, dass dich das etwas angehen würde", erwiderte er. "Also?"
Laedris zog das schwarze Fläschchen aus der Tasche ihres Kleides, und schwenkte es triumphierend. Das Licht der aufgehenden Sonne, dass durch das Fenster von Osten hereinschien, spiegelte sich in dem schwarzen Glas und ließ es in Laedris' Hand aufblitzen.
"Voll", erklärte Laedris. "Und das Siegel nicht gebrochen - ganz wie ihr vermutet habt." In ihrer Stimme schwang ein deutlicher Hauch Bewunderung mit, und Edrahil musste sich beherrschen um nicht erleichtert auszuatmen. Er streckte die Hand aus, und Laedirs legte die Phiole vorsichtig in seine Handfläche. "Woher habt ihr gewusst, dass er es nicht nehmen würde?", fragte sie dabei neugierig.
"Ich habe mit ihm gesprochen, und ihm zugehört", erwiderte Edrahil widerwillig. "Etwas, das du auch noch lernen solltest - weniger reden, und aufmerksamer beobachten." Das Mädchen nickte eifrig. "Und woran konntet ihr..."
Sie wurde unterbrochen, als die Tür hinter ihr heftig aufgestoßen wurde, und Thorongil ins Zimmer trat. Die Miene des Herrn von Tol Thelyn war düster, und in seinen dunklen Augen stand verhaltener Zorn. Mit einer raschen Bewegung ließ Edrahil das Giftfläschchen in seinem Ärmel verschwinden, während Thorongil in Laedris' Richtung eine eindeutige Kopfbewegung machte und sagte: "Verschwinde. Wir haben etwas zu besprechen, und ich möchte nicht, dass bis heute Abend die ganze Insel davon weiß." Laedris verschwand ohne Zögern und ohne ein weiteres Wort, doch Edrahil lächelte in sich hinein. Das Mädchen war weniger redselig als Thorongil zu glauben schien, denn ansonsten hätten sie dieses Gespräch bereits am vorigen Abend geführt.
Als Laedris die Tür hinter sich geschlossen hatte, fragte Thorongil zornig: "Was glaubt ihr eigentlich, was ihr tut?" Seine Augenbrauen hatten sich zusammengezogen, und auf der Stirn hatte sich eine tiefe Zornesfalte gebildet.
Edrahil zuckte mit den Schultern. "Ich tue, was immer notwendig ist um Mordor zu bekämpfen und Gondor zu schützen."
"Und wie schadet es Mordor, unseren wertvollsten Gefangenen, den wir seit langem hatten, zu vergiften?", fuhr Thorongil ihn an. "Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich Karnuzîr tot in meinem Kerker vorfinde, wenn ich hinuntergehe?"
Edrahil holte schweigend das Fläschchen aus seinem Ärmel hervor und stellte es vor sich auf den Tisch. Den angefangenen Brief hatte er zuvor unauffällig unter einen Stapel Papiere geschoben - dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um mit Thorongil darüber zu sprechen. "Nicht sehr groß", antwortete er, und hob eine Augenbraue. "Es sei denn, Karnuzîr hätte es geschafft, die Flasche wieder makellos zu versiegeln, nachdem er das Gift getrunken hat."
Thorongils Schultern entspannten sich bei diesen Worten sichtlich, und auch die Zornesfalte auf seiner Stirn glättete sich, während er sich auf dem Stuhl Edrahil gegenüber niederließ. "Na schön", knurrte er. "Er lebt also immer noch. Aber trotzdem hättet ihr mit mir darüber sprechen sollen, bevor ihr so etwas tut. Immerhin ist Karnuzîr mein Gefangener."
"Hm", machte Edrahil. "Vielleicht habt ihr Recht. Ich war mir allerdings nicht sicher, ob ihr zustimmen würdet, und ich hielt es für zwingend notwendig, es zu versuchen."
"Also dachtet ihr euch, ihr tut es einfach - und ich hätte nie davon erfahren, wenn Melíril mir nicht erzählt hätte, was ihr getan habt." Minûlîth hatte das Gift für Edrahil besorgt, also war sie selbstverständlich eingeweiht gewesen - und Edrahil hatte nie damit gerechnet, dass sie es Thorongil für immer verschweigen wurde.
"Wie gesagt, ich hielt es für notwendig", entgegnete er mit unbewegter Miene. "Ich hoffe, ich habe eure Beziehung nicht allzu sehr belastet?" Für einen Augenblick entspannten sich Thorongils Züge, und seine Mundwinkel zuckten. "Keineswegs. Ich kenne sie lange genug um zu wissen, dass sie immer ihre Geheimnisse haben wird und immer eigenständig handeln wird, und ich habe mich damit abgefunden, weil sie es wert ist." Er lehnte sich ein wenig in seinem Stuhl zurück, der anfängliche Zorn offenbar vollständig verflogen. "Also, warum wart ihr der Ansicht, dass es unbedingt notwendig wäre, Karnuzîr vor diese Wahl zu stellen?"
"Es ist einfach", erklärte Edrahil. "Hätte er das Gift getrunken, wäre er letzten Endes wertlos für uns gewesen - dann wäre seine Treue zu Mordor stärker als selbst sein Lebenswillen gewesen, und er hätte uns niemals etwas Nützliches verraten oder uns anderweitig geholfen. Doch da er das Gift nicht getrunken hat... besitzt er noch etwas anderes, das ihn am Leben erhält, und das uns erlauben wird, ihn für unsere Zwecke zu benutzen."
Thorongil warf ihm einen aufmerksamen Blick zu. "Ihr sprecht von Mordor." Edrahil nickte langsam. "Eure Nichte wird jeden noch so kleinen Vorteil brauchen, wenn sie diese Reise überleben oder gar Erfolg haben soll. Aeriens Hilfe ist bereits unschätzbar wertvoll, doch mit Karnuzîrs Hilfe stünden ihre Chancen noch deutlich besser."
"Trauen können wir ihm trotzdem nicht", führte Thorongil den Gedanken für ihn fort. "Aber ich nehme an, dass ihr einen Weg gefunden habt, ihn auch so für unsere Zwecke einzusetzen?"
"Ich kenne einen seiner Druckpunkte", bestätigte Edrahil, und warf einen raschen Seitenblick auf den Stapel, unter dem der halb fertiggestellte Brief begraben lag. "Und ich arbeite bereits an einem weiteren..."

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Eandril

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Re: Tol Thelyn
« Antwort #31 am: 19. Sep 2017, 17:21 »
Karnuzîr hatte Gebrauch von dem Kamm und Rasiermesser gemacht, die auf Edrahils Bitte in seine Zelle gebracht worden waren. Seine schwarzen Haare waren weniger verfilzt und hingen ihm nicht mehr wild ins Gesicht, und er hatte sich den stoppeligen Bart vollständig abrasiert - ein gutes Zeichen, wie Edrahil fand.
Edrahil ließ sich Karnuzîr gegenüber auf seinem üblichen Stuhl nieder, und sagte: "Wie schön, dass ihr beschlossen habt, am Leben zu bleiben. Warum? Ich habe euch zwei Gelegenheiten geboten, es freiwillig und einfach zu beenden."
"Ganz sicher nicht, um euch eine Freude zu machen", gab Karnuzîr spöttisch zurück. "Aber ihr habt mir klar gemacht, dass es... sinnlos wäre, jetzt zu sterben."
"Das berührt mein Herz. Ich hatte gefürchtet, ihr wärt vollständig an die Dunkelheit verloren, aber siehe - ich habe euch zurück an Licht geführt." Karnuzîr gab einen Laut von sich, der beinahe als Lachen gelten mochte, und Edrahil lächelte. "Also, mein junger Freund. Da ihr euch auf dem Weg der Läuterung befindet, gibt es etwas, das ihr mir erzählen möchtet...? Über Mordor, über Suladân, über die Pläne des Schattens, uns alle zu vernichten?"
"Warum sollte ich das tun?", fragte Karnuzîr, und seine Miene zeigte nach außen hin nichts als distanziertes Interesse. "Wenn Mordor siegt, werde ich frei sein und ihr alle tot. Denkt ihr nicht, ich wäre deshalb am Leben geblieben? Also warum sollte ich euch helfen?"
Edrahil beugte sich ein Stück vor. "Muss ich es aussprechen, Karnuzîr? Ihr habt bei unserem letzten Gespräch etwas über Aeriens Schicksal gesagt, wenn sie nach Mordor zurückkehrt. Ihr habt gesagt, dass ihr Treue zweifelhaft sei, und dass sie deshalb qualvoll sterben würde."
"Und ihr glaubt, das würde mich berühren, weil ich sie als Frau begehre?" Karnuzîr schnaubte verächtlich, wich Edrahils Blick aber aus. "Ihr irrt euch gewaltig, alter Mann."
Edrahil seufzte. Karnuzîr war tatsächlich ein harter Brocken, bei jeder ihrer Begegnungen schienen sie vom selben Punkt anzufangen wie bei der letzten. "Nein, ich glaube ihr seid derjenige, der sich irrt. Und selbst wenn Aeriens Schicksal euch nicht berührt - was ich nicht glaube - so solltet ihr euch doch im Klaren sein, in welcher Lage ihr euch befindet. Glaubt ihr wirklich, dass Mordors Sieg eure Rettung sein würde? Was glaubt ihr, wie leicht es für mich ist, Zweifel an eurer Treue zu säen, was euer Untergang wäre..."
"Ihr seid gerissen", räumte Karnuzîr ein. "Aber..." Edrahil ließ ihn nicht aussprechen. "Nein, Karnuzîr. Ihr habt eure Entscheidung getroffen, als ihr das Gift nicht getrunken habt. Also sprecht."
Karnuzîrs Blick irrte nervös in der dämmrigen, nur vom Licht der Fackel erhellten, Kerkerzelle umher, und er leckte sich die Lippen. "Also... schön. Ich habe etwas für euch."
Edrahil beugte sich unwillkürlich interessiert vor. "Vielleicht solltet ihr den Herrn dieser Insel einmal nach dem Namen Taraezaphel Bellakanî fragen... bevor sie euch alle vernichtet, denn sie weiß, wo ihr euch versteckt."

"Tareazaphel...", sagte Minûlîth in das Schweigen hinein, dass sich nach Edrahils Worten über die Anwesenden gelegt hatte. Neben ihr und Thorongil hatten sich noch drei weitere in dem großen Raum auf halber Höhe des Turms eingefunden: Die Thelynrim Ríador und Deireth sowie Eayan al-Tayir, der Edrahil gegenüber saß und schweigend aber aufmerksam zu lauschen schien. "Wir alle hier haben bereits von ihr gehört", meinte Thorongil. "Es wundert mich, dass nicht wenigstens Gerüchte über sie bis nach Gondor gedrungen sind."
"Ich weiß über vieles, was in Harad geschieht, Bescheid", erwiderte Edrahil. "Doch nur wenig über das, was südlich seiner Grenzen vorgeht, denn es betrifft Gondor nur selten. Wenn ich dem trauen kann, was Karnuzîr sagt, hat sich das allerdings nun geändert."
"In diesem Fall kannst du Karnuzîr glauben", sagte Minûlîth. "Rae, wie sie sich meistens nennt, ist eine Verwandte von mir und hat einige Zeit bei uns in Umbar gelebt, bevor sie nach Süden gegangen ist. Den Gerüchten zufolge versucht sie, das alte Reich von Arzayân wieder aufleben zu lassen."
Deireth, eine zierliche Frau mit grauschwarzen Haaren, räusperte sich, und sagte: "Arzayân hat Sauron nie gedient, und sich ihm im Krieg des Bundes nicht angeschlossen. Wieso sollte es jetzt anders sein?"
"Die Zeiten haben sich geändert, Deireth", widersprach Ríador. "Arzayân ist vor langer Zeit zerbrochen, und nach so langer Zeit kann eine einzelne Person kein ganzes Reich wieder errichten - selbst wenn Rae eine so gute Anführerin ist wie man hört. Nicht ohne Hilfe, und wer würde sich dazu besser anbieten, als der Sultan von Harad und sein dunkler Herr?"
"Ríador könnte Recht haben." Thorongils Miene war besorgt. "Und die Verbindung zwischen Karnuzîr und Rae unterstützt diese Befürchtung weiter. Warum sollte Rae mit Karnuzîr zusammenarbeiten um Aerien zu entführen, wenn sie sich nicht auf Mordors Seite gestellt hat?"
Edrahil legte die Fingerspitzen auf dem Tisch zusammen, während ein leichter Wind vom Meer die zurückgezogenen Vorhänge sanft bewegte. "Habt ihr bereits etwas unternommen, um mehr herauszufinden?"
Thorongil schüttelte den Kopf und verneinte. "Unsere Aufmerksamkeit wird von Suladân und Mordor beansprucht. Die Thoroval ist noch nicht aus Gondor zurückgekehrt, und..." Er stockte, als wäre ihm mit einem Mal etwas klar geworden. "Wir haben nie wirklich darüber gesprochen, wie wir die Rossigil gefunden haben, denn zuviel ist seitdem geschehen. Aber der Fluss, in dessen Delta sie vor Anker lag, ist der Bankasoka in der Sprache der Einheimischen Stämme - Harsirion nannten ihn die alten númenorischen Entdecker, die ihn zuerst befuhren. Und an seinem Oberlauf liegen die Ruinen der alten Hauptstadt von Arzayân."
"Und ihr habt kein Mitglied der Besatzung dort angetroffen?", fragte Eayan, der bislang geschwiegen hatte, und Thorongil schüttelte bedrückt den Kopf. "Nein. Ich weiß nicht, wie viele mit der Rossigil fliehen konnten, doch als wir dort ankamen war niemand von ihnen mehr dort. Ich hatte angenommen, dass sie wilden Tieren oder einem der nahen Stämme zum Opfer gefallen sein könnten, denn die Bewohner des Deltas sind Fremden nicht freundlich gesinnt und haben keine Verwendung für Schiffe - das würde erklären, warum es unbewacht vor Anker lag. Aber wenn die Gerüchte über Rae und Arzyân wahr sind..."
"Das würde etwas Merkwürdiges erklären, was Karnuzîr gesagt hat", warf Edrahil ein. Das Bild begann sich vor seinem inneren Auge langsam zusammenzufügen. "Er hat mir erzählt, die Insel nicht durch Suladâns Männer gefunden zu haben, oder indem er Narissa und Aerien hierher gefolgt ist. Das ist es, was er ursprünglich behauptet hat, doch ich vermute es war eine Lüge, um seine wahre Quelle zu schützen - Rae."
Thorongil ballte die Fäuste auf dem Tisch, und Minûlîth legte beruhigend eine Hand auf seinen Arm. "Sie und ihre Männer müssen die Rossigil vor uns gefunden haben und die Besatzung in ihre Gewalt gebracht haben", sagte der Herr der Insel mit mühsam beherrschtem Zorn. "Vielleicht sind einige von ihnen sogar noch am Leben, gefangen in Azaryân."
"Die Chancen darauf stehen schlecht", meinte Edrahil. Es war besser, sich keine sinnlosen Hoffnungen zu machen, die höchstwahrscheinlich doch enttäuscht werden würden. "Warum sollte sie die Gefangenen am Leben lassen, wenn sie hat, was sie braucht?"
Thorongil sagte nichts, sondern blickte ihn nur an. An seiner Stelle sagte Minûlîth ruhig: "Du hast eine bedrückende Art, den Realitäten ins Auge zu sehen. Aber selbst wenn diese Menschen tot sein sollten, können wir es uns doch nicht länger erlauben, die Geschehnisse im Süden zu ignorieren. Was nützt es uns, die Lage im Norden zu kontrollieren, nur um den Schlag aus der anderen Richtung nicht kommen zu sehen? Jemand muss nach Azaryân gehen."
"Ich werde selbst gehen", sagte Thorongil entschlossen. "Wir alle wissen, welchen Schaden Rae mit ihrem Wissen bereits angerichtet hat, und ich glaube nicht, dass das bereits alles gewesen ist. Ich werde gehen, herausfinden was sie vorhat, und ihre Pläne vereiteln."
"Ich verstehe, dass ihr gehen wollt. Aber ihr solltet dennoch hierbleiben", widersprach Edrahil ihm. "Als die Assassinen einen Boten nach Dol Amroth schickten, ist nicht Fürst Imrahil selbst nach Umbar gegangen, sondern ich. Lasst mich euch an eurer Stelle gehen - solange ihr mir einen verlässlichen Begleiter zur Seite stellt, denn so scharf mein Verstand sein mag, zum Kämpfen bin ich nicht sonderlich gut geeignet." Er gestattete sich ein ironisches, etwas bitteres Lächeln. Es kam nicht häufig vor, dass er sich die alten Zeiten zurückwünschte, als er in der Armee Gondors gedient hatte, doch manchmal wünschte er sich, weniger nutzlos zu sein, wenn es zu Kämpfen kam.
"Auch du wirst hier gebraucht", meine Minûlîth. "Und ohne dich beleidigen zu wollen, wäre es vielleicht sinnvoller, jemand jüngeres zu schicken."
"In Umbar konnte ich ebenfalls auf mich achten", entgegnete Edrahil kühl. "Mit Hilfe der Assassinen, mit meiner Hilfe, und mit der von Valion und Valirë." Das Lächeln nahm Minûlîths Worten ein wenig die Härte, doch Edrahil war nicht in der Stimmung, sich durch ihre Sorge von seinem Weg abbringen zu lassen.
"Eben deshalb will ich nicht alleine gehen." Er wandte sich wieder Thorongil zu. "Gebt mir einen verlässlichen Mann mit, und ich werde herausfinden ob Azaryân tatsächlich eine Bedrohung ist - und wenn dem so sein sollte, werde ich sie beseitigen."
"Ihr scheint euch eurer Sache sehr sicher zu sein", warf Eayan ein, und Edrahil zuckte mit den Schultern. "Nicht wirklicht. Aber ich erkenne die Notwendigkeit, es zu tun, und darum brauche ich mir um mein Scheitern keine Gedanken zu machen."
"Das ist nicht die schlechteste Einstellung." Eayan lächelte, und dieses Lächeln hatte etwas gefährliches an sich - zumal es ein überaus seltener Anblick war. "Nun, wenn ihr entschlossen seid, wird der silberne Bogen nicht beiseite stehen. Immerhin ist eine Bedrohung für euch nun auch eine für uns. Ich werde euch ebenfalls einen meiner Männer zur Seite stellen." Das Lächeln des Schattenfalken wurde noch eine Spur gefährlicher. "Den besten von ihnen, um genau zu sein - mich."

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Eandril

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Re: Tol Thelyn
« Antwort #32 am: 17. Okt 2017, 19:03 »
"Also." Edrahil ließ sich Bayyin gegenüber auf dem gepolsterten Sessel nieder, und blickte den Schreiber über die Stapel von Papieren und Büchern auf dem Tisch zwischen ihnen an. "Was habt ihr herausfinden können?"
"Arzâyan war ursprünglich eine Kolonie der Númenorer, die in der zweiten Hälfte des zweiten Zeitalters gegründet worden war, und..." "... später von den Männern des Königs kontrolliert wurde, die sich als einzig rechtmäßige Erben Númenors sahen", unterbracht Edrahil den Schreiber direkt wieder. "Ich kann lesen, Bayyin, und habe es in den letzten Tagen ausgiebig getan. Ich meinte eher, was ihr darüber herausgefunden habt, wie es sein kann, dass plötzlich die Erbin eines Reiches auftaucht, das eigentlich vor beinahe einem halben Jahrtausend untergegangen ist, und versucht uns Schwierigkeiten zu machen."
"Nun.." Bayyin kratzte sich verlegen am Kinn. "In dieser Hinsicht ist tatsächlich einiges unklar. Ich muss dazu ein wenig zurückgehen, bis zum Erbfolgekrieg, der Arzâyan schließlich zerstörte. Ich nehme an, ihr wisst über den groben Ablauf Bescheid?" Edrahil nickte knapp. Ganz hinten in einem verstauben Regal des Archives hatten sich zwei dicke Bände gefunden, die sich mit der Geschichte und Geographie Arzâyans befassten, und Edrahil hatte die letzten Tage damit verbracht, sich möglichst viel Wissen daraus anzueignen.
"Ich habe Aufzeichnungen gefunden, die offenbar von einem von Thorongils Vorgängern stammen - von Mardil, dem Sechsunddreißigsten der Turmherren. Seine Mutter könnte euch übrigens interessieren, denn offenbar war sie..." Edrahil hob die Hand, um Bayyin zu unterbrechen. "Mich interessiert nicht die Mutter von irgendeinem der Turmherren", sagte er kühl. "Im Augenblick interessierten mich nur Rae und Arzâyan." Bayyin setzte eine Miene auf, die eindeutig Na schön, dein Pech aussagte, und unwillkürlich und gegen seinen Willen wurde Edrahils Neugierde geweckt. Doch er hatte jetzt anderes im Kopf, und keine Zeit für was immer Bayyin noch entdeckt haben mochte. Das musste warten, bis die Angelegenheit mit Arzâyan geklärt war. "Mardil schreibt, wie er in Ain Salah einem Mann namens Saphadzîr begegnet ist", erzählte Bayyin unverkennbar mürrisch, und Edrahil zog eine Augenbraue hoch. "Ein adûnaischer Name in Harad? Ungewöhnlich. Und dann auch noch ausgerechnet dieser..." Auf Bayyins fragenden Blick hin schüttelte Edrahil den Kopf. Der Schreiber zuckte mit den Schultern, und sprach weiter: "Allerdings. Und es bleibt seltsam. Mardil beschreibt Saphadzîr als einen Mann fortgeschrittenen Alters,
 mit grauen Strähnen in dem schwarzen Haar und Bart, und dennoch kräftig, eine merkwürdige Kraft ausstrahlend.
Und, was noch seltsamer erscheint, mit hellerer Haut als ein Bewohner Harads, als käme er aus dem Norden."
"Oder aus dem tiefen Süden - einem Königreich, dass von Nachkommen Númenors bewohnt wird?", warf Edrahil ein, und Bayyin nickte. "Zu diesem Schluss kam Mardil ebenfalls, nachdem er mit Saphadzîr gesprochen hatte. Denn Saphadzîr warte Mardil davor, dass der neue König von Arzâyan, Kalphazôr, mit der Größe seines Reiches unzufrieden sei, und außerdem geschworen hatte, die falschen Erben Númenors zu vernichten", berichtete Bayyin, und Edrahil ergänzte von selbst: "Mit anderen Worten die Dúnedain von Gondor - und von Tol Thelyn, so er davon wusste. Ich vermute, Mardil war derjenige, der daraufhin Mörder nach Arzâyan schickte?"
"Er schickte keine Mörder aus", berichtigte Bayyin. "Er ging selbst nach Arzâyan, um sich selbst ein Bild zu machen. Doch ihr habt richtig vermutet, dass Mardil für Kalphazôrs Tod verantwortlich war, denn er sah tatsächlich eine Gefahr für den Norden heranwachsen, und handelte - zumindest ist es das, was er in seinen Aufzeichnungen schreibt."
"Das sind interessante Enthüllungen", meinte Edrahil. "Und dennoch vermag ich nicht zu erkennen, welche Bedeutung es für unsere gegenwärtige Situation hat."
"Es erklärt gewisse Dinge." Bayyin beugte sich ein wenig vor. "Mardil war dafür verantwortlich, den Krieg auszulösen in dem Arzâyan endete, doch sein Sohn Galador ist derjenige, dem wir unsere heutigen Probleme mit Rae zu verdanken haben." Er zog ein fleckiges, teilweise vom Feuer geschwärztes Dokument aus dem Papierstapel hervor. "Dieses Dokument ist vom Feuer beschädigt worden, als Suladâns Truppen den Turm niederbrannten, und teilweise unleserlich. Doch ich glaube herauslesen zu können, dass Galador gegen die Erlaubnis seines Vaters nach Arzâyan reiste, und entsetzt von den Gräueln war, die der Krieg über das Land gebracht hatte. Er war es, der Relezôr, dem Großonkel der sich bekriegenden Geschwister, und seiner Familie half, nach Norden nach Umbar zu fliehen, und wurde dafür von seinem Vater von Tol Thelyn für zehn Jahre verbannt."
"Und dennoch bewegte irgendetwas Mardil dazu, die Exilanten aus Arzâyan nicht zu ermorden, obwohl es vermutlich durchaus möglich gewesen wäre", meinte Edrahil nachdenklich. "Reue über das was er ausgelöst hatte? Möglich, aber eigentlich unwichtig. Es war ein Fehler, das wissen wir heute." Doch vielleicht lässt sich dieses Wissen nutzen...
"Fehler oder nicht, durch Galadors Hilfe konnte das Haus Nardûkhôr überleben", sagte Bayyin. "Sofern diese Taraezaphel wirklich eine Nachfahrin dieses Hauses ist, und keine Betrügerin."
"Ich glaube nicht, dass sie eine Betrügerin ist", stellte Edrahil klar. "Sie wäre kaum mit Minûlîth verwandt, wenn sie es wäre... Aber dennoch. Raes Versuch, Arzâyan in Saurons Diensten wieder aufzubauen, muss gestoppt werden, und sie selbst wenn möglich getötet werden."
"Und wie wollt ihr das anfangen?", fragte Bayyin, und Edrahil lächelte gefährlich. "Das weiß ich noch nicht... doch ich habe schon einige Ideen. Was davon umsetzbar ist, werde ich erst sehen, wenn ich in Arzâyan bin."
Bayyin schwieg einen Augenblick, und sagte dann zögerlich: "Bevor ihr geht... es gibt einen Namen in Mardils Aufzeichnungen, der mich wundert. Tassadar - er passt weder in die Sprachen der Haradrim oder des tiefen Südens, noch klingt er númenorisch. Er scheint irgendetwas mit dem Prinzen Taraezahil und seinem goldenen Schild zu tun haben, doch Mardils Aufzeichnungen sind diesbezüglich sehr undeutlich und nicht verständlich."
Edrahil überlegte. "Ich werde diese Aufzeichnungen mit mir nehmen. Vielleicht erschließt sich mir der Sinn an Ort und Stelle... Ich glaube zwar nicht, dass uns Geschichten aus der Vergangenheit viel gegen Rae nützen werden, doch wer weiß? Man muss sich seine Möglichkeiten offen halten."

Edrahil und Eayan per Schiff die Südküste Harads entlang
« Letzte Änderung: 2. Dez 2017, 17:35 von Fine »

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