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Autor Thema: Tindouf  (Gelesen 622 mal)

Melkor.

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Tindouf
« am: 6. Mai 2017, 23:05 »
Músab, Alára, Tamal, Gatisen und Wa'aran Haywat aus Ain Séfra

Nachdem Músabs kleine Reisegruppe bereits fünf Tage ohne größere Pausen durch feindliches Land geritten waren, erreichten sie schließlich die Stadt Tindouf. Mann und Tier war nun sichtlich erschöpft und so befahl Músab, in der Stadt zu rasten.


« Letzte Änderung: 16. Jun 2017, 21:56 von Fine »
Er hat noch gezuckt weil ich ihm meine Axt in seine Nervenstränge getrieben habe.

-Gimli Gloinssohn zu Legolas, Schlacht bei Helms Klamm-

Fine

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Tindouf
« Antwort #1 am: 9. Mai 2017, 16:07 »
Narissa und Aerien aus der Mehu-Wüste


Tindouf, die Stadt des Tamazihken-Stammes, nahe der Mündung des Harduin in den Golf von Kerma gelegen, war eine alte Stadt. Da sich die Tamazikhen dem Bündnis Qúsays angeschlossen hatten und ihr Stammesgebiet direkt an das Reich von Qafsah grenzte, waren hier hauptsächlich Krieger unterwegs, während viele vom einfachen Volk ins Inland geflohen waren. Der große Fluss, der sich direkt nördlich und westlich der Stadt in Richtung Meer ergoss, bildetete die Grenze zwischen den verfeindeten Fraktionen im haradischen Bruderkrieg, und wurde von Sûladans Getreuen kontrolliert. Als Aerien und Narissa ihre Pferde am Zügel durch das große Stadttor Tindoufs führten, warfen ihnen die Wachen argwöhnische Blicke zu, ließen sie jedoch passieren. Keine der beiden war jemals zuvor in der Stadt gewesen. Jedoch brauchten sie nicht lange, bis sie eine Unterkunft in einem einfachen Gasthof gefunden hatten. Das Gebäude war alt und im Zustand des fortgeschrittenen Verfalls, lag jedoch angenehm nahe am Südtor Tindoufs, was einen schnellen Aufbruch aus der Stadt ermöglichte, falls dies notwendig werden sollte. Narissa hatte das Ganze als "Vorsichtsmaßnahme" bezeichnet, und Aerien hatte keinerlei Einwände vorgebracht.

Sie hatte die Reise durch Weit-Harad genossen, doch je näher sie dem Reich Sûladans kamen, desto eiliger hatte Aerien es gehabt, in das als relativ sicher geltende Kerma zu gelangen. In Tindouf planten sie, König Músabs Spur aufnehmen, denn die Stadt lag beinahe auf direktem Weg zwischen Kerma und Ain Séfra. Falls er bereits in sein Königreich zurückgekehrt war, hatte er Tindouf mit großer Sicherheit passiert. Und in diesem Fall würden die Stadtbewohner darüber Bescheid wissen.
Aerien saß mit übereinander geschlagenen Beinen auf einem hölzernen Stuhl, der neben dem Bett und einem kleinen Schrank das gesamte Mobiliar ihres kleinen Zimmers ausmachte, für das die beiden Gesandten Tol Thelyns für eine Übernachtung bezahlt hatten. Narissa war fortgegangen, um sich in der Stadt umzuhören, doch Aerien hatte sich ihr nicht angeschlossen. Sie verstand selbst nicht recht warum: Ein Teil von ihr hatte mit beleidigtem Schweigen auf Narissas Verwendung ihres neuen Spitznamens reagiert, doch sie war sich ziemlich sicher, dass sie beide wussten, dass Aeriens Laune etwas übertrieben war. Zumindest dachte sie das... oder vielleicht doch nicht? Jedenfalls hatte sie zu Narissa gesagt, dass sie auf einen ersten Erkundungsgang lieber verzichten würde, und war dabei geblieben als Narissa mit Unverständnis reagiert hatte.
"Willst du wirklich nicht mitkommen?" hatte Narissa gefragt. "Sondern stattdessen hier einfach nur herumsitzen?"
Aerien hatte darauf mit wachsender Verärgerung reagiert. "Kannst du meine Entscheidung nicht einfach respektieren? Ich habe dir gesagt, dass ich hier bleiben möchte. Was ist daran so schwer zu verstehen?"
"Das ist nicht... Ich dachte, du wärest eben gerne mit dabei wenn ich mich nach Informationen über König Músab umhöre!"
"Du hörst dich um? Nicht... "wir"?"
"Tol Thelyn ist meine Heimat," hatte Narissa gekontert. "Und dieser Auftrag wurde mir gegeben."
"Und ich bin also nicht mehr als deine Begleitung? Ist es das, Narissa?"
"Nein, Sternchen, so war das nicht gemeint..."
"Geh einfach. Betreibe deine Nachforschungen. Ich werde hier sein."
Und damit hatte sie Narissa die Tür vor der Nase zugeschlagen und sich in dem kleinen Raum verbarrikadiert.

Aerien verstand nicht, wieso sie so extrem reagiert hatte. Sie machte sich Vorwürfe, und hoffte, dass Narissa aufgrund ihres Ärgers nichts Dummes tun würde. Doch der Konflikt in ihrem Kopf ließ sich nicht so leicht beschwichtigen. Sie überlegte hin- und her, wie ernst Narissa es gemeint haben könnte, als sie davon gesprochen hatte, dass sie die eigentliche Gesandte Tol Thelyns war - und nicht Aerien. Vielleicht sah sich Narissa tatsächlich als offizielle Repräsentantin des Hauses der Turmherren, und als diejenige, die die Verantwortung für die erfolgreiche Verhandlung und das Zustandekommen eines Bündnisses mit Kerma trug. Ob sie sich wohl dadurch unter Druck gesetzt fühlt? dachte Aerien. Ihre eigene Rolle in der ganzen Sache war ihr ebenfalls nicht klar. Als Thorongil und Edrahil entschieden hatten, dass Aerien und Narissa nach Kerma gehen würden, hatte Aerien es als einen gemeinsamen Auftrag verstanden. Doch die Tatsache, dass sie nicht zum Haus der Turmherren und zu den Thelynrim gehörte, war nicht von der Hand zu weisen. Narissa hatte die Weiße Insel klar als ihre Heimat bezeichnet, doch Aerien wussste nicht, ob sie von sich dasselbe sagen konnte. Sie hatte dort in Narissas Zimmer gewohnt, und nicht in ihrem eigenen. Sie war fast immer gemeinsam mit Narissa unterwegs gewesen, und nur sehr selten alleine. Und ihr Status als... ja, was war eigentlich ihr Status? Sie hielt mitten in ihren Gedanken inne und stellte fest, dass sie darauf keine Antwort wusste. Alles, was sie mit Tol Thelyn verband, lief über Narissa. Sie war die einzige Verbindung... abgesehen von der entfernten Verwandschaft, die Aerien zu Minûlîth, der Herrin der Insel, hatte. Hatte sie überhaupt ein Recht darauf, Tol Thelyn als Heimat bezeichnen zu dürfen? Sie überlegte weiter und kam schließlich darauf, dass sie sich vielleicht auf eine Art und Weise mit einer Frau vergleichen konnte, die in das Haus der Turmherren einheiratete. Doch Túor war nun der Erbe des Turms, nicht Narissa. Und Narissa war kein Mann. Wie also...

Ein lautes Klopfen an der Tür riss Aerien aus ihren Gedanken. "Geh weg," rief sie, denn sie wusste, dass Narissa vor der Tür stand.
"Schmollst du immernoch, Sternchen?" antwortete ihr die gut gelaunte Stimme ihrer Freundin.
"Ich tue nichts dergleichen," gab Aerien gereizt zurück.
"Dann mach' die Tür auf. Ich verspreche, brav zu sein."
"Nein!"
Von draußen erklang ein Seufzen, und dann hörte Aerien Schritte, die sich von der Tür entfernten. Erneut hatte sie sich selbst mit ihrer heftigen Reaktion überrascht, und verfluchte sich innerlich dafür. Was ist nur los mit mir? fragte sie sich. Sie wollte Narissa dieselben Fragen stellen, die sie sich selbst gestellt hatte, aber gleichzeitig wollte sie Narissa bis auf weiteres nicht sehen. Sie verstand es nicht.
Eine Hand legte sich auf ihren Mund, und ein Arm umschlang Aeriens Oberkörper mit einem festen Griff. Ihr überraschter Schrei wurde davon erstickt.
"So," sagte Narissa. "Bevor du dich wunderst - das Fenster stand offen, und an der Rückwand des Hauses wächst ein dichtes Geflecht aus Efeu. Eine meiner leichtesten Übungen." Sie nahm die Hand von Aeriens Mund, hielt ihren Oberkörper aber weiterhin fest. "Und jetzt wirst du mir sagen, was eigentlich mit dir los ist."
"Lass mich los," forderte Aerien und versuchte, sich zu befreien, doch Narissas Griff erwies sich als zu stark.
"Erst wenn du redest," gab diese zurück.
"Ich weiß nicht was mit mir los ist!" rief Aerien. "Ich weiß nicht... ob ich Tol Thelyn als Heimat bezeichnen darf, und wie deine Familie zu mir steht, und welche Rolle ich dort einnehme, und wo mein Platz ist, und was meine Aufgabe auf dieser Reise ist, und ob du mich nur mitschleppst weil..."
"Existenzkrise?" unterbrach Narissa sie mit hochgezogenen Augenbrauen. "Du weißt doch, wie ich zu dir stehe. Wir gehören zusammen, und nichts kann daran etwas ändern. Und meine Familie hat das erkannt."
"Aber ich..."
"Du bist die wichtigste Person in meinem Leben..."
"Ich bin..."
"...Sternchen."
"Sei still."
"...nein."
Und dann fingen sie beide an zu lachen, ehe Aerien Narissa um den Hals fiel und sie lange Zeit drückte.

"Nachdem das ja nun geklärt ist," begann Narissa kurze Zeit später, "sollte ich vielleicht davon berichten, was ich während meinem Streifzug durch Tindouf erfahren habe. König Músab ist bereits hier; er ist kurz nach uns eingetroffen. Ich habe mit einem seiner Leute gesprochen. Wir treffen uns in einer halben Stunde mit ihm in der Residenz des hiesigen Fürsten, einem Stammesführer der Tamazihken."
"Aber... wir können doch nicht in unserer Reisekleidung vor einen König treten," fiel es Aerien ein. Beide waren sie von der eiligen Reise nach Osten gezeichnet, und man konnte sie nicht gerade als sauber, geschweige denn audienztauglich bezeichnen.
"Nun, ich habe nichts anderes dabei," entgegnete Narissa achselzuckend.
"Wie gut, dass Melíril und ich dafür bereits vorgesorgt haben," erwiderte Aerien triumphierend.
« Letzte Änderung: 9. Mai 2017, 23:57 von Fine »

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Re: Tindouf
« Antwort #2 am: 13. Mai 2017, 00:06 »
Die Kleidung, die Aerien säuberlich zusammengefaltet auf dem Grund ihres Gepäcks verstaut hatte entpuppte sich als das dunkelrote Kleid mit den Goldstickereien auf den Ärmeln und der Wappenrock mit dem Wappen der Turmherren, die sie beide vor nicht allzu langer Zeit auf der Insel noch getragen hatten.
Narissa befühlte den festen weißen Stoff, und das Wappen auf der Brust - das hellorangene Segel auf schwarzem Grund, auf dem ein weißer Turm und darunter eine kleine silberne Blüte eingestickt waren. Ihr Großvater hatte diese Kleidung für sie an ihrem zwanzigsten Geburtstag anfertigen lassen, von dem Schneider Arandor, der bei Suladâns Angriff gefallen war.
Aerien, die bereits in das rote Kleid geschlüpft war und sich ihre glänzenden schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, sagte: "Ich dachte, das wäre vielleicht irgendwie passend, immerhin vertrittst du auf dieser Reise ganz Tol Thelyn - und das Kleid gefiel mir."
"Und du hast es an dem Tag getragen, als wir mit Edrahil und meinem Onkel über Mordor gesprochen haben... und da hat das hier schließlich angefangen", meinte Narissa abwesend, entledigte sich ihrer staubigen Reisekleidung und zog sich den Wappenrock über. Dann sah sie Aerien an, und musste lachen. "Ich hätte nie an so etwas gedacht. Und du glaubst noch, du hättest auf dieser Reise keinen Zweck..." Sie band sich die Haare im Nacken zu einem festen Knoten zusammen, doch einige Haare Strähnen ließen sich nicht bändigen und fielen zu beiden Seiten des Kopfes herunter. Sie versuchte, sie noch eine Weile in Form zu bringen, und gab dann auf. Dann schnallte sie sich den Gürtel mit ihren beiden Dolchen um, und blickte Aerien an. "Also? Wie sehe ich aus?"
"Wie eine würdige Vertreterin deines Onkels", antwortete Aerien, und zog den Wappenrock über Narissas linker Schulter zurecht. "Und wie eine Million Goldmünzen."
"Nur?", fragte Narissa mit einem Augenzwinkern. "Du siehst nämlich aus wie mindestens zwei Millionen Goldmünzen..."
"Schmeichlerin", gab Aerien sanft zurück, und küsste sie kurz. "Komm. Wir sollten König Músab nicht warten lassen."

Die Residenz der Fürstin von Tindouf war nicht ganz so groß und prächtig wie der Palast von Qafsah oder Umbar, konnte sich aber ohne Schwierigkeiten mit den meisten anderen Fürstenhöfen Harads messen - jedenfalls mit denen, die Narissa zumindest von außen kannte. Nachdem sie den Wachen am Tor ihre Namen und ihr Anliegen genannt hatten, wurden sie eingelassen und von einem weiteren Wächter zu einem Nebenflügel der Residenz geführt, wo sie von einem hochgewachsenen Mann mit einem länglichen, ein wenig kantigen Gesicht empfangen wurden. Der Mann erinnerte sie an jemanden, und schließlich erkannte sie in ihm Alára, König Músabs Bruder wieder.
"Willkommen in unserem bescheidenen Quartier in Tindouf", begrüßte er sie ernst. "König Músab erwartet euch bereits." Er warf einen Blick auf die Dolche, die Narissa offen am Gürtel trug. Aerien hatte ihr Schwert in ihrem Quartier gelassen, sorgfältig unter dem Bett versteckt, da es sich schlecht zu ihrem Kleid tragen ließ. "Durch unser letztes Treffen in Aín Sefra ist mein Bruder zu dem Schluss gekommen, dass er euch vertrauen kann - ihr müsst deshalb eure Waffen nicht ablegen, bevor ihr zu ihm könnt."
"Wir fühlen uns geehrt", erwiderte Narissa ohne Spott in der Stimme. Es war tatsächlich ein Vertrauensbeweis des Königs, dies zuzulassen, und ein guter Beginn für ihr Vorhaben.
"Nun", fuhr Alára fort, und fuhr sich mit der Hand durch den Nacken, als sei ihm etwas unangenehm. "Ich will euch nicht beleidigen, aber mir wäre es trotzdem lieber, wenn ihr eure Waffen trotzdem bei mir lassen würdet. Wenn man die Lage in unserem Heimatland bedenkt, würde ich lieber so wenig Risiken eingehen wie möglich, wenn es um die Gesundheit meines Bruders geht."
Narissa wollte gerade widersprechen und ihre Waffen dennoch mit in den Raum hinein nehmen, als Aerien ihr einen unauffälligen warnenden Seitenblick zuwarf, und sie es sich anders überlegte. Es wäre ihrer Mission vermutlich nicht gerade förderlich, den Bruder des Königs gegen sich aufzubringen. Also zog sie Ciryatans Dolch und den Dolch aus Kerma - den Músab selbst ihr geschenkt hatte - aus den Scheiden, und reichte sie Alára mit den Griffen voran. "Passt gut auf sie auf", konnte sie sich nicht verkneifen zu sagen, doch Alára nickte nur, und wog den kermischen Dolch in der Hand. "Diese Waffe hat mein Bruder selbst euch geschenkt." Er legte sie Waffen zur Seite, und öffnete die Tür hinter sich. Narissa trat gefolgt von Aerien hindurch, bemüht sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen. Hätte ihr Auftrag beinhaltet, irgendeinen Fürsten zu ermorden, wäre sie vermutlich ruhiger gewesen. Doch ohne ihre Dolche an den Seiten fühlte sie sich geradezu nackt und verwundbar.

Der Raum war langgezogen und hoch, und diente zu anderen Zeiten vermutlich als eine Art Speisesaal. Doch jetzt waren Tische und Stühle an die Wände zu beiden Seiten geschoben worden, und am anderen Ende des Raumes stand ein einfacher Thronsessel auf einem niedrigen hölzernen Podest.
Narissa und Aerien traten vor den Thron, Narissa verbeugte sich tief und Aerien überraschte sie mit einem äußerst eleganten Knicks. Für einen Augenblick fragte sie sich unwillkürlich, woher Aerien das konnte - in ihrer Vorstellung von Mordor war für so etwas kein Platz, nur für Kampf, Folter und dunkle Magie. Dann brachte sie ihre Gedanken wieder in die richtige Richtung, und wandte sich König Músab auf seinem Thron zu.
"Welch angenehmer Zufall euch beide hier zu sehen", begrüßte Músab sie. "Dennoch betrübt es mich das wir unser erneutes Wiedersehen nicht in meinem Thronsaal in Kerma feiern können."
"Das, äh... betrübt mich ebenfalls sehr. Immerhin habt ihr bei eurem letzten Treffen gesagt, wir wären euch in eurer Heimat immer willkommen", erwiderte Narissa stockend, und wurde von Aerien mit einem unauffälligen Ellbogenstoß zum Schweigen gebracht. Offenbar trug sie zu dick auf. Oder war sie respektlos gewesen? Sie überlegte fieberhaft, wie sie ihr Anlegen am respektvollsten und bestimmtesten vortragen konnte, als Aerien bereits sagte: "Wir kommen im Auftrag von Turmherr Thorongil Hadorion, dem Herrn von Tol Thelyn vor der Westküste Harads und Narissas Onkel, um mit euch über ein Bündnis zwischen den Dúnedain von Harad und dem Königreich Kerma zu sprechen."
Als sie ausgesprochen hatte, senkte sie respektvoll den Blick, um Músabs Antwort abzuwarten, und Narissa konnte nicht anders, als sie für ihr Geschick zu beneiden.
"Tol Thelyn, der Name kommt mir bekannt vor..." Músab überlegte kurz. "Nun wie sollen die Vereinbarungen zwischen Kerma und Tol Thelyn sein? Was habt ihr mir zu bieten?"
"Informationen", erwiderte Narissa offen. "Die Turmherren unterhielten - unterhalten - ein Netzwerk aus Spionen und Informanten in ganz Harad, und wir haben selbst in Gondor Verbündete. Wir können euch helfen, eure Feinde aufzuspüren bevor sie aus ihren Löchern kriechen, und wir können Bedrohungen für euer Reich mit einem einzigen Dolchstich aus der Welt schaffen."
"Kerma und Tol Thelyn stehen beide gegen die Bedrohung aus Mordor", ergänzte Aerien. "Ihr habt bereits das selbe Ziel, ein Bündnis würde also beiden Seiten zum Vorteil gereichen."
"Hm, und was erhofft sich Tol Thelyn von einem Bündnis? So ein Bündnis ist natürlich für beide Seiten vorteilhaft, da habt ihr Recht, Aerien. Doch Spione habe ich selbst genug, ich kann mir kaum vorstellen, noch mehr zu brauchen...", sagte Músab. Sein Tonfall war streng, aber höflich und respektvoll. So war Narissa nicht beleidigt, wie sie es andernfalls vielleicht gewesen wäre, sondern erwiderte nur ruhig: "Mit Verlaub, euer Hoheit, und ohne eure Leute beleidigen zu wollen, aber die Turmherren machen diese Arbeit bereits seit zweieinhalbtausend Jahren und das überaus erfolgreich in Harad und darüber hinaus. Und ich schätze, verlässliche Informationen kann man nie genug haben."
Sie hielt sich davon ab, einen Blick zur Seite zu Aerien zu werfen, ob sie richtig handelte, sondern sprach weiter: "Außerdem können wir euch wie erwähnt Verbindungen nach Gondor bieten, ihr habt mich beim Majles mit Qúsay sprechen sehen, und wir haben vor kurzer Zeit ein Bündnis mit Eayan Schattenfalke vom Silbernen Bogen geschlossen." Bei Eayans Erwähnung warf Músab seinem Bruder Alára, der neben seinen Thron getreten war, einen raschen Blick zu, und Alára nickte knapp. Offensichtlich hatte man auch in Kerma bereits das ein oder andere vom Silbernen Bogen gehört.
Músab wandte sich wieder Narissa zu, und bedeutete ihr mit einem Nicken, fortzufahren. "Im Gegenzug erhoffen wir uns von euch nur eines", sagte sie, und bemühte sich dabei, zwar respektvoll, aber nicht unterwürfig zu klingen. Sie wollte von Músab als gleichwertige Verhandlungspartnerin wahrgenommen werden, nicht als Bittstellerin. "Eure Unterstützung im Kampf gegen Suladân - und Sauron."
"Unterstützung... Selbst wenn ich wollte, könnte ich euch derzeit nicht unterstützen. Mein Königreich wird von einem Heer bedroht, das uns womöglich angreifen wird. Wir sind seit kurzer Zeit zurück nach Kerma unterwegs. Ich muss erst meine eigenen Grenzen sichern, bevor ich jemand anderen Schutz gewähren kann. Zudem ist das Reich meines Schwagers Wa'aran Haywat ebenso in Gefahr, Ich kann und werde meine Schwester nicht in Gefahr bringen."
Dieses Mal konnte Narissa sich nicht daran hindern, Aerien einen fragenden Blick zuzuwerfen. Selbst wenn Músab grundsätzlich zu einem Bündnis bereit war, was würde es in dieser Situation nützen?
"Es ist verständlich, dass ihr zuerst euer eigenes Volk in Sicherheit wissen wollt", sagte Aerien schließlich, als Narissa zu lange überlegt hatte. "Doch wir erwarten auch nicht, dass ihr auf der Stelle mit eurer Armee losmarschiert, um uns zu helfen." Dankbar nahm Narissa ihren Faden wieder auf: "Tol Thelyn besitzt keine eigene Armee, und wird in nächster Zeit keinen eigenen offenen Krieg führen. Wir erhoffen uns nur eure grundsätzliche Unterstützung für den Kampf gegen Suladân und Sauron - natürlich nachdem eure eigenen Feinde besiegt und eure Grenzen gesichert sind."
Músab lehnte sich ein wenig in seinem Stuhl zurück und sagte: "Nun gut, in diesem Fall bin ich zu einem Bündnis bereit, jedoch nur unter einer Bedingung. Ihr, Narissa, werdet einen Prinzen von Kerma ehelichen, um dieses Bündnis zwischen unseren Häusern zu festigen. Mein Neffen Gatisen und Silko wären geeignet."

Narissa musste sich eisern beherrschen, sich ihren Schock nicht anmerken zu lassen. Natürlich hätte sie es ahnen können, schließlich wurden Bündnisse oft durch eine Heirat zwischen den Bündnispartnern besiegelt. Sie hatte es allerdings nicht für möglich gehalten, dass es sie selbst jemals betreffen würde - was offenbar kurzsichtig gewesen war.
Sie öffnete kurz den Mund, und schloss ihn wieder, denn sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Natürlich würde sie niemals irgendeinen Prinzen heiraten, ob nun aus Kerma oder sonst wo her. Aber das konnte sie Músab schlecht ins Gesicht sagen, wenn sie das Bündnis nicht gefährden wollte. Sie blickte zu Aerien hinüber, in der Hoffnung, ihre Freundin würde irgendetwas kluges erwidern, doch auch ihr schien es für den Augenblick die Sprache verschlagen zu haben. Vielleicht dachte sie an Karnuzîr und dessen Heiratspläne...
Auf König Músabs Gesicht hatte sich ein kaum merkliches Lächeln gestohlen, während er die Wirkung seiner Worte beobachtete. Dann sagte er ernst: "Ich sehe, ihr benötigt Bedenkzeit - das verstehe ich, schließlich ist das eine für euer Leben sehr bedeutende Entscheidung."
"Das... wäre sehr freundlich von euch", antwortete Narissa, und hörte selbst, wie schwach ihre Stimme klang.
"Also schön", meinte Músab, und erhob sich. "Wir werden Tindouf morgen in Richtung Kerma verlassen - eine Stunde nach Sonnenaufgang. Bis dahin habt ihr Zeit, eure Entscheidung zu fällen."
Narissa wusste nichts zu sagen, also verbeugte sie sich nur stumm, und trat gemeinsam mit Aerien den Rückzug an.

Vor der Tür des Saales nahm sie von Alára ihre Dolche entgegen, bevor sie die Residenz verließen und langsam zu ihrer Herberge zurückgingen - es würde viel zu bereden geben.
« Letzte Änderung: 13. Mai 2017, 21:36 von Eandril »

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Fine

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Das Schicksal liegt im Süden?
« Antwort #3 am: 13. Mai 2017, 21:33 »
Schweigend gingen sie durch die inzwischen leeren Straßen Tindoufs. In Aeriens Kopf erklangen Músabs Worte wieder und wieder: "...Ihr, Narissa, werdet einen Prinzen von Kerma ehelichen, um dieses Bündnis zwischen unseren Häusern zu festigen..." Es war nichts ungewöhnliches, dass Bündnisse dieser Art durch Heirat zwischen zwei einflussreichen Häusern besiegelt wurden, und Aerien ärgerte sich über sich selbst, dass sie diese Bedingung Músabs nicht hatte kommen sehen. In jenem Moment hätte sie vielleicht irgendetwas sagen können, um den König Kermas umzustimmen, aber ihr Mund war nicht in der Lage gewesen, irgendwelche Worte zu bilden. Die Vorstellung, dass Narissa sich zur Braut eines Haradrim-Prinzen machen ließe, wäre sehr witzig gewesen, wenn es nicht bittere Realität wäre.
"Er hat nicht einmal einen seiner Söhne angeboten," sagte sie leise, mit vor Verärgerung triefender Stimme.
"Was?" fragte Narissa, die offenbar aus ihren Gedanken aufschrak.
"Gatisen und Silko - das sind die Neffen König Músabs. Dabei hat er noch zwei unverheiratete Söhne."
"Als ob das in Frage kommen würde," gab Narissa heftig zurück. "Ich werde niemals jemanden heiraten, den ich nicht liebe."
"Nein, natürlich nicht," beeilte sich Aerien zu sagen. "Ich habe nur gerade über den Stammbaum Músabs nachgedacht. Und es macht mich wütend, dass er dich offenbar als nicht gut genug für seine eigenen Söhne ansieht."
"Ach, und diese wahnwitzige Bedingung für das Bündnis mit Tol Thelyn macht dich nicht wütend? Nicht ein bisschen?" Narissa geriet in Fahrt.
"Natürlich regt mich das auf! Aber wir hätten seine Bedingung kommen sehen müssen. Du hast doch einiges über die Geschichte Harads gelernt, und weißt, dass solche Bündnisse sehr oft mit einer Heirat bekräftigt werden. Oh, Rissa, was sollen wir nur tun?" Verzweiflung stieg in ihr auf.
"Ich lasse mich nicht verkaufen wie ein goldenes Huhn," stellte Narissa entschlossen klar. "Schon gar nicht an irgendein verzogenes Prinzlein, das ich mit einem einzigen Handgriff entwaffnen könnte."
"Dann müssen wir den König davon überzeugen, es sich anders zu überlegen. Allerdings hatte ich nicht gerade den Eindruck, dass er in dieser Hinsicht nachlässig sein wird..."
"Wenn er stur bleibt, gibt es eben kein Bündnis," meinte Narissa trocken. "Wir finden andere Verbündete, die nicht solche... dreisten Bedingungen stellen."
"Er weiß natürlich nicht, wie es in deinem Herzen aussieht," überlegte Aerien. "Wenn wir ihm vielleicht im Vertrauen davon erzählen..."
"Und du denkst, jemand wie er hätte Verständnis für das, was zwischen uns ist? Ich sag' dir jetzt mal etwas, Sternchen. Wir hatten großes Glück, dass auf Tol Thelyn niemand etwas dagegen gehabt hat. Meinem Onkel ist es gleich, wem ich mein Herz schenke. Er würde mich niemals für irgendetwas verheiraten. Und seine Frau, Tante Melíríl, sie..."
"...ihr ist es wohl zu verdanken, dass auch sonst niemand auf der Insel etwas dazu gesagt hat," ergänzte Aerien. "Sie ist wirklich eine beeindruckende Frau."
"Das ist sie," bestätigte Narissa. "Was für ein Vorbild."
Aerien nickte. "Das löst allerdings nicht unser Problem," begann sie kurz darauf erneut. "Wenn wir Músab nicht umstimmen können...."
"...dann ist es eben aus mit dem Bündnis. Wir komme auch so irgendwie zurecht. Mach dir keine Sorgen," meinte Narissa.
Damit gelang es ihr, Aerien zumindest teilweise zu beruhigen. Gemeinsam eilten sie zurück zu ihrer Herberge.
Dort angekommen bedurfte es nur weniger Worte, Aerien davon zu überzeugen, das einzige Bett im Raum mit Narissa zu teilen. So findet der Tag unserer Ankunft in Tindouf wenigstens einen schönen Abschluss, dachte sie bald darauf, ehe sie in Narissas Armen einschlief.

Mitten in der Nacht schrak Aerien hoch und fühlte sich sofort an jene Nacht in Ain Séfra erinnert, an dem Narissa wutentbrannt nach Westen geritten war und Aerien zurückgelassen hatte, denn an ihrer Kehle ruhte eine schlanke, im Mondlicht leicht schimmernde Klinge. Durch Aeriens ruckartige Bewegung geweckt riss Narissa die Augen auf und erkannte die Situation auf einen Schlag.
"Was willst du hier, Elyana? Hast du nicht schon genug Unglück gebracht?" sagte sie unfreundlich in die Dunkelheit hinein. "Nimm verdammt nochmal sofort das Schwert dort weg, wenn du nicht meine Dolche zu spüren bekommen willst."
"Warum denn so unfreundlich, Kind der Zeit? Geschah es nicht erst durch meine Führung, dass deine... Gefährtin dich in Ain Salah fand und rettete?"
"Das mag so gewesen sein, aber das gibt dir nicht das Recht, hier einfach so unangekündigt aufzutauchen," presste Narissa hervor, und Aerien legte ihr mitfühlend einen Arm um die Taille. Dies war nicht der richtige Zeitpunkt, schmerzhafte Erinnerungen in Narissa zu wecken. Elyana musste dies doch ebenfalls wissen.
Die Klinge verschwand von Aeriens Hals und eine Gestalt erschien neben dem Bett. Es war tatsächlich Elyana, die ein geheimnisvolles Lächeln im Gesicht trug.
"Sprecht," forderte Aerien. "Was führt Euch her, zu dieser ungewöhnlichen Stunde?"
"Mit dir spreche ich nicht, Mädchen der Dunkelheit. Es ist Narissa, der ich eine Nachricht zu überbringen habe."
"Was immer du mir auch zu sagen hast - Aerien wird dabei sein. Entweder erzählst du es uns beiden, oder keinem." Aeriens Herz machte bei diesen Worten Narissas einen freudigen Sprung.
Elyana hingegen seufzte leise. "Nun gut, es sei. Dein Weg führt dich in die richtige Richtung, Kind der Zeit. Dein Schicksal liegt im Süden. Der Mann, mit dem du gesprochen hast, hat ein gutes Herz. Aber vor ihm liegen große Herausforderungen. Du solltest ihm helfen, sie zu bestehen, damit sein Reich den Gefahren, die es bedrohen, widerstehen kann."
"Ich soll nach Kerma gehen?" wiederholte Narissa misstrauisch. "Und weshalb? Was hast du davon? Ich werde ganz bestimmt keinen dieser Prinzen ehelichen."
"Nein, das wäre nichts als Verschwendung," stimmte Elyana zu. "Der Qore hat dies als Bedingung für ein Bündnis mit den Inselbewohnern bestimmt? Nun, das war zu erwarten. Du darfst nicht darauf eingehen."
"So weit waren wir auch schon," wagte Aerien einzuwenden. "Aber wir fürchten, dass es keinen anderen Weg geben wird, wenn das Bündnis zwischen Kerma und Tol Thelyn nicht scheitern soll."
"Möglicherweise gibt es einen Ausweg," sagte Elyana geheimnisvoll. "Falls die Legende von Dúrovals Zahn wahr ist..."
"Was soll das bedeuten?" hakte Narissa ungeduldig nach. "Alte Märchen helfen uns hierbei nicht weiter."
"Ich rate dir, mit dem Qore nach Kerma zu gehen. Biete ihm dies als Alternative an, oder sage, dass du noch Bedenkzeit brauchst," erwiderte Elyana.
"Und dann? Dort angekommen wird er nur erneut versuchen, mich zu verheiraten," wandte Narissa ein.
"Das wird sich zeigen. Jedenfalls ist es die richtige Richtung," antwortete Elyana.
"Die "richtige Richtung" liegt also im Süden?" überlegte Aerien. "Und nicht etwa im Norden - in M..."
"Sprich den Namen deiner verfluchten Heimat nicht aus!" unterbrach Elyana sie scharf. "Wage es ja nicht."
"Wie hast du davon erfahren? Arandirs Weg ist ein Geheimnis, das selbst die Turmherren über Jahrhunderte nicht gelüftet hatten," meinte Narissa mit leichter Verärgerung. "Bilde dir nicht ein, du könntest mir vorschreiben, wohin ich zu gehen habe. Ich gehe dorthin, wo ich will, und nehme mit, wen ich will."
"Sei keine Närrin, Kind der Zeit! Vergeude nicht dein Schicksal auf einer selbstmörderischen Mission!" warnte Elyana sichtlich besorgt.
"Du solltest jetzt gehen," erwiderte Narissa kalt. "Du hast gesagt, was du sagen wolltest. Und vielleicht werde ich tatsächlich mit König Músab nach Kerma gehen. Aber ich habe es dir oft genug gesagt: Ich entscheide selbst über mein Schicksal."
"Wir werden sehen, Narissa... wir werden sehen," wisperte Elyana noch, ehe sie verschwand.

Einen langen Augenblick blieben die Mädchen still, ehe Narissa sagte: "Sie geht mir wirklich auf die Nerven. Schlechte Nachricht ist ein schlechter Gast, wie mein Großvater zu sagen pflegte. Ich könnte wirklich gut auf ihre Besuche verzichten."
"Ich auch," stimmte Aerien ihr uneingeschränkt zu.
"Wir sollten zusehen, dass wir etwas Schlaf finden. Morgen wird sich zeigen, ob das Bündnis mit Kerma eine Zukunft hat."
"Als ob ich jetzt ein Auge zubekommen würde," meinte Aerien trocken.
"Ich dachte, du hast keine Angst im Dunkeln, Sternchen," neckte Narissa und handelte sich damit einen Schlag geben die Schulter ein.
Wenig später waren sie beide fest eingeschlafen.
« Letzte Änderung: 13. Mai 2017, 22:04 von Fine »

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Re: Tindouf
« Antwort #4 am: 13. Mai 2017, 23:48 »
Músab saß immer noch auf seinem Thron und seine Finger tappten langsam auf die Armlehne auf und ab. Der Qore überlegte, welche ungeahnten Vorteile das Bündnis mit Tol Thelyn für ihn bringen könnte. Vor allem die Verbindungen nach Gondor waren für ihn sehr interessant.
"Was grübelst du denn so lange vor dich hin?" fragte Alára, der die beiden Gäste erst vor Kurzem zur Tür gebracht hatte und sich nun mit dem Rücken gegen eine der Wände gelehnt hatte.
"Was hältst du von dem Bündnis mit Tol Thelyn?" fragte Músab zurück.
"Der Sinn eines Bündnisses mit Tol Thelyn ist mir fremd. Aber das ist deine Entscheidung," sagte der Hauptmann der Leibgarde. "Es bringt uns jedoch nichts, wenn Kerma in Gefahr ist."
Músab nickte und runzelte dabei seine Stirn. Seine Finger glitten durch seinen schwarzen, bereits leicht gräulichen Bart. Scheinbar hatte ihn die Reise nach Ain Sefra und wieder zurück mehr mitgenommen, als Músab es selbst zugeben würde. Ohne eine Reaktion auf Aláras Aussage stand Músab von seinem Thron auf und ging nachdenklich im Raum auf und ab. Alára beobachte seinen Bruder währenddessen mit einem leicht verwunderten Blick.
"Wir brauchen mehr Männer..." sagte Músab schließlich und blieb stehen. "Schick drei deiner besten Leute Richtung Osten, bis nach Yamama. Sie sollen verkünden, dass Kerma Söldner für den kommenden Krieg anwirbt."
Nachdem beide sich noch ein Weilchen weiter unterhalten hatten, zogen sie sich sie schließlich in ihre jeweiligen Schlafgemächer zurück. Am nächsten Morgen, noch vor Sonnenaufgang, würden sie den Weg nach Kerma weiter folgen.

Músabs Leibgarde hatte bereits lange vor Sonnenaufgang seine Abreise vorbereitet. Am späten Morgen kamen schließlich auch Músab selbst und die drei Prinzen Kermas hinzu. Er betrat den Stall, der neben der Residenz des Herrn von Tindouf lag, und sattelte das königliche Ross, wobei er schließlich von einen der Leibgardisten gestört wurde.
"Eure Hoheit, eure Gäste sind zurückgekehrt. Sie warten im Hof auf euch," informierte ihn der Gardist.
Músab nickte und bedankte sich für die Nachricht. Rasch drückte er die Zügel seines Rosses in die Hand des Leibwächters, der ihm die Meldung überbracht hatte. "Folge mir." sagte er befehlend.
Im Hof angekommen, zog er seine Lederhandschuhe wieder aus, die er für die Fellpflege seines Rosses übergestreift hatte. Beide legte er in die Satteltasche und ging im danach auf Narissa und Aerien zu. "Es freut mich euch beide hier wieder zu sehen," begrüßte er sie. Músabs Blick ging zu den vier Leibwächtern, über die hinter den beiden jungen Frauen standen und sie offenbar hierher eskortiert hatten.
Beide Mädchen trugen Reisekleidung und wirkten zwischen den Leibwächtern etwas verloren. Als sie Músab entdeckten, trat Narissa einen Schritt vor, während Aerien den angemessenen Knicks machte.
"Wir haben über Eure... Bedingung für das Bündnis nachgedacht," sagte Narissa.
"Natürlich freuen wir uns ebenfalls, dass Ihr uns erneut empfangt," warf Aerien schnell ein. "Wir hoffen, Eure Nacht war angenehm und verlief ohne Störungen."
"Jedenfalls wird es keine Vermählung geben," stellte Narissa klar. "Ich werde mich selbst nicht zum Unterpfad für ein Bündnis machen lassen, tut mir Leid."
Músab gab mit einer Handbewegung seinen Leibwächtern bekannt, ihn mit seinen Gästen allein zu lassen. "Meine Nacht verlief ruhig, danke der Nachfrage," sagte er freundlich. "Dennoch stimmt es mich sehr traurig, dass es zu keiner Vermählung kommen wird." Músab stützte sein Kinn auf seine Hand. "Wie ihr beide sicherlich wisst, werden nach alter Tradition Bündnisse mit einer Eheschließung gefestigt."
"Dann wird es eben Zeit für neue Traditionen," gab Narissa etwas patzig zurück, ehe sie von Aerien mit einem sachten Anstupsen unterbrochen wurde.
"Ihr müsst verstehen, König Músab, das diese Entscheidung keine einfache für uns war. Narissa ist ihre Familie sehr wichtig, und sie kann sich nicht einfach ihren Verantwortungen auf Tol Thelyn entziehen und in ein fremdes Adelshaus in einem fernen Land einheiraten. Das Haus der Turmherren stand bis vor wenigen Monaten kurz vor der Auslöschung. Daher können wir momentan nicht auf eine Vermählung eingehen. Der Preis wäre zu hoch."
"Natürlich verstehe ich eure Entrüstung, Narissa. Dennoch ist diese Tradition bereits hunderte Jahre alt," wandte Músab ein. "Vielleicht überlegt ihr beiden es euch anders, wenn ich meine Neffen in Kerma persönlich vorstelle?"
Die beiden Gesandten Tol Thelyns tuschelten leise miteinander, bis Aerien schließlich sagte: "Etwas mehr Bedenkzeit wäre sicherlich keine schlechte Idee. Wenn es Euch also keine Umstände bereitet, werden wir Euch nach Kerma begleiten." Beide wirkten sie nicht wirklich zufrieden mit diesem Kompromiss, was Narissa etwas deutlicher als Aerien anzusehen war.
"Gerne werde ich dieses Angebot annehmen. Wir brechen in Kürze auf," sagte Músab dazu.
"Wie weit ist es denn bis nach Kerma?" fragte Narissa.
"Wir werden auf direkten Weg und ohne lange Pausen ungefähr vier Tage bis zur Grenze brauchen," gab Músab zurück.
"Dann werden wir rasch unsere Pferde holen und uns mit Euch am südlichen Tor Tindoufs treffen," schlug Aerien diplomatisch vor. "Es sei denn, Ihr habt noch Fragen an uns?"
"Nein, vorerst wäre damit alles geklärt" sagte Músab abschließend.

Músab, Aerien, Narissa und Alára zur Harad-Straße
« Letzte Änderung: 21. Mai 2017, 16:26 von Fine »
Er hat noch gezuckt weil ich ihm meine Axt in seine Nervenstränge getrieben habe.

-Gimli Gloinssohn zu Legolas, Schlacht bei Helms Klamm-