18. Okt 2019, 10:57 Hallo Gast.
Willkommen Gast. Bitte einloggen oder registrieren. Haben Sie Ihre Aktivierungs E-Mail übersehen?

Einloggen mit Benutzername, Passwort und Sitzungslänge. Hierbei werden gemäß Datenschutzerklärung Benutzername und Passwort verschlüsselt für die gewählte Dauer in einem Cookie abgelegt.


Select Boards:
 
Language:
 


Autor Thema: Henneth Annûn  (Gelesen 574 mal)

Fine

  • Moderator
  • Wächter der Veste
  • ***
  • Beiträge: 2.030
  • Ich hab da ein ganz mieses Gefühl bei der Sache...
Henneth Annûn
« am: 23. Aug 2018, 14:57 »
Valion, Ardóneth, Rinheryn und Areneth mit den Partisanen aus Minas Tirith


Valion bekam nur undeutlich mit, was rings um ihn herum geschah. Jemand - er vermutete, dass es Ardóneth gewesen war - hatte ihn den ganzen Weg von den Mauern Minas Tiriths über den Pelennor bis zum Ufer des Anduins, einige Meilen nördlich von Osgiliath geschleppt, wo drei kleine Boote auf die Menschen gewartet hatten, die mit ihnen aus der Weißen Stadt entkommen waren. Man hatte Valion in eines der Boote bugsiert und sich dann seine Verletzungen angesehen. Den Dolch, den Gilvorn ihm in den Rücken gestoßen hatte, hatte Ardóneth bis jetzt an Ort und Stelle gelassen, damit die Blutung sich nicht noch verstärkte. Während der eiligen Überfahrt über den Großen Strom hatte sich jemand um die Wunde gekümmert, der sich auskannte. Ein alter Kriegsveteran der Waldläufer Ithiliens, wie Valion vermutete, der die Klinge schließlich entfernt und die Blutung mit einem dicken Verband gestoppt hatte. Denn Valion war trotz seines Zustandes nicht entgangen, um wen es sich bei ihren genau im richtigen Moment aufgetauchten Rettern handelte. Er hatte in Dol Amroth hin und wieder von den Partisanenkämpfern gehört, die im Schutze der dichten Wälder Ithiliens agierten und von den Waldläufern Gondors angeführt wurden, die beim Fall der Weißen Stadt nicht mit Faramir nach Norden geflohen waren, sondern in Ithilien in ihren verborgenen Stützpunkten geblieben waren.

Valion hatte sich den Rest des Weges mit großer Mühe dahingeschleppt, bis sie endlich in einem Versteck der Waldläufer angekommen waren, das sich in einer gut getarnten Höhle befand, die hinter einem großen Wasserfall lag. Dort endlich fand er etwas Ruhe, wenn auch keinen Schlaf. Der Schmerz in seinem Rücken hielt ihn wach. Seine drei Gefährten - Rinya und die beiden Geschwister aus Arnor - blieben in Valions Nähe und unterhielten sich leise, bis sich einer der Waldläufer Ithiliens näherte. Offenbar handelte es sich dabei um ihren Anführer. Inzwischen hatte sich Valions Wahrnehmung wieder soweit geklärt, dass er den Neuankömmling deutlich in Augenschein nehmen konnte. Es handelte sich um einen wettergegerbten Mensch, den er ungefähr zehn Jahre älter als sich selbst einschätzte.
„Ihr habt großes Glück, dass wir bei unserem Rückzug aus der Stadt so in Eile waren,“ begann der Mann, ohne sich die Mühe zu machen, sich vorzustellen. „Sonst hätten wir euch gewiss nicht erlaubt, ohne weiteres mit uns zu kommen. Doch jetzt, da wir etwas Zeit haben, habe ich einige Fragen an euch.“
„Nur zu,“ sagte Valion mühsam und richtete sich unter einigen Anstrengungen in eine aufrecht sitzende Position auf. „Lasst schon hören, guter Mann. Wir haben nichts zu verbergen.“
„Dann fangt am besten mit euren Namen an,“ forderte der Anführer der Waldläufer. „Ihr mögt vielleicht aussehen wie Gondorer, aber in diesen Zeiten kann man nicht vorsichtig genug sein. Wir haben allen Grund dazu, Fremden zu misstrauen.“
„Ich hoffe, Ihr könnt Euer Misstrauen ablegen, wenn Euch Gondor am Herzen liegt,“ mischte sich Rinya ein. „Ich bin Rinheryn von Morthond und dies ist Valion vom Ethir. Diese beiden dort sind Ardóneth und Areneth, deren Vater Argoleth einst Teil des Heeres von Gondor war. Seit einigen Jahren leben sie im Norden.“
„Nun, dies sind Namen, die mir nicht fremd sind,“ erwiderte der Waldläufer Ithiliens, und seufzte tief. „Also gut. Ich bin Damrod. Ich schätze, zumindest Duinhirs Töchterchen werde ich wohl vertrauen können. Und dich, Valion, habe ich schon einmal gesehen, während der Schlacht auf dem Pelennor, wo du und deine Schwester an der Seite eures Vaters auf den Mauern der Weißen Stadt kämpften. Herr Amlan ist ein guter Mann.“
„Das war er, bis er von dem Monster erschlagen wurde, dessen Klinge in Minas Tirith beinahe auch mein Leben gekostet hätte. Der Pfeil, der ihn davon abhielt, stammte wohl von dir, Damrod? Dafür bin ich dir etwas schuldig.“
„Ich wünschte nur, ich hätte besser gezielt und ihm ins Auge geschossen,“ antwortete Damrod verbittert. „Du tust recht daran, diesen Balkazîr als Monster zu bezeichnen. Er hat den Großteil meiner Leute auf dem Gewissen, denn entweder durch List oder Verrat fand er die Lage unseres Hauptstützpunktes unterhalb von Bâr Húrin heraus und richtete ein Blutbad an. Nur eine Handvoll Überlebender sind unter meiner Führung entkommen.“
„Dann war euer Auftauchen in Minas Tirith wohl kein Zufall,“ meinte Rinheryn.
„Ganz und gar nicht. Unser Ziel war die Befreiung der Zwangsarbeiter, doch genauso sehr wollten wir Balkazîr tot sehen. Doch wir sind nach der schweren Niederlage, die wir in Süd-Ithilien erlitten haben, einfach zu wenige geworden, um Mordor ernsthaft Schaden zuzufügen.“
Valion sah sich in der Höhle um, in der sie sich befanden. Ungefähr ein Dutzend Waldläufer von Ithilien waren dort mit unterschiedlichen Tätigkeiten beschäftigt, und nicht mehr als zehn ehemalige Zwangsarbeiter waren zu sehen. Damrod hatte also kaum dreißig Mann, die unter seinem Kommando verblieben waren. Damit ließ sich nicht viel ausrichten.
„Trotz allem sind wir euch äußerst dankbar für euer zeitiges Eintreffen in Minas Tirith,“ sagte Areneth.
„Im Ausgleich dafür wäre ich daran interessiert, zu erfahren, was euch dorthin verschlagen hat,“ entgegnete Damrod.
Es war Valion, der antwortete. „Im Auftrag des Truchsessen Imrahil jage ich den Verräter Gilvorn, der sich in vielerlei Verbrechen gegen Gondor schuldig gemacht hat. Er scheint jetzt zu einem von Arnakhôrs Günstlingen aufgestiegen zu sein.“
„Truchsess Imrahil,“ wiederholte Damrod mit einer Spur Verachtung in der Stimme. „Dieser Titel steht ihm nicht zu.“
„In Faramirs Abwesenheit brauchte Gondor einen neuen Anführer,“ versuchte Rinheryn zu erklären, doch Damrod winkte nur ab.
„Was hat Imrahil denn schon groß für Gondor getan? Den Sieg bei Linhir errangen sein Sohn und sein Heerführer, mit der glücklichen Hilfe der abtrünnigen Haradrim. Und als ich ihn um Unterstützung beim direkten Kampf gegen Mordor bat, den meine Leute nun schon seit drei Jahren unermüdlich führen, bestand seine Antwort daraus, ich solle mich an den neuen Fürsten von Harondor wenden. An diesen haradischen Emporkömmling! Hätte Imrahil uns die nötige Unterstützung gegeben, wäre Bâr Húrin vielleicht nicht gefallen und wir wären weiterhin in der Lage, Mordors Versorgungslinien empfindlich zu bedrohen. Doch dank Imrahils Zögern stehen wir nun vor dem Ende des Widerstands in Ithilien.“
„Solange ihr am Leben seid, lebt auch der Widerstand,“ hielt Rinheryn dagegen.  „Mordors Heere mögen nun gegen die Bollwerke bei Linhir und am Gilrain anrennen, doch noch bedrohen die Rohirrim Saurons nördliche Flanke in Anórien. Erst vor wenigen Tagen wurde dort eine Schlacht geschlagen und eins Vorstoß nach Rohan verhindert. Der Vormarsch Mordors wird nicht ewig weitergehen. Die Menschen Gondors und Rohans werden ihn aufhalten, und Ihr könnt noch immer euren Teil dazu beitragen. Dieser Stützpunkt ist noch immer sicher, oder nicht?“
„So lange, bis ein neuer Verräter in unseren Reihen aufsteht,“ sagte Damrod finster. „In Bâr Húrin war ich mir so sicher, dass niemand die Lage des Versteckes verraten würde. Doch es scheint als habe mich mein Urteilsvermögen diesmal getäuscht.“
„Wir können uns nicht sicher sein, ob es wirklich Verrat war, der Bâr Húrin zu Fall brachte,“ warf ein junger Waldläufer ein, der offenbar ihr Gespräch mitangehört hatte. „Die Horden Mordors tauchten ohne Vorwarnung am Hauptzugang des Versteckes auf, doch ich habe niemanden unter ihnen gesehen, der sie dorthin geführt haben könnte.“
„Still, Glóradan,“ brachte Damrod den Waldläufer zum Schweigen. „Ich will nichts mehr über diesen verfluchten Tag hören. Sag den Männern, sie sollen die Streifzüge rings um den verbotenen Weiher verdoppeln und ihre Wachsamkeit verdreifachen. Wenn uns jemand hierher gefolgt ist, werden wir es schon bald wissen. Und... lass eine Flasche von dem Wein aus den unteren Höhlen in meinen Unterschlupf bringen.“

Glóradan eilte davon und auch Damrod entfernte sich, ohne sich zu verabschieden. Valion fand, dass man dem Waldläufer die langen Jahre des Krieges nur allzu sehr ansah. Damrod schien an die Grenzen seiner Belastbarkeit gelangt zu sein.
Es dauerte nur wenige Minuten, bis Glóradan zurückkehrte. Offenbar hatte er seine Aufträge bereits erledigt. Er war einer der wenigen unter den Partisanen, der noch nicht von Hoffnungslosigkeit erfasst zu sein schien. Doch auch er schien den Ernst der Lage erkannt zu haben.
„Eigentlich hätte es alles ganz anders ablaufen sollen,“ sagte der junge Widerstandskämpfer niedergeschlagen. „Vor wenigen Wochen noch sah es so gut für uns aus. Wir hatten einige Erfolge beim Überfallen von Verstärkungstruppen Mordors zwischen Minas Morgul und Osgiliath gehabt und planten, den Rest der in Minas Tirith verbliebenen Gefangenen auf einen Schlag zu befreien. Der feindliche Kommandant, der damals noch das Sagen hatte, schien nicht imstande zu sein, etwas gegen uns zu unternehmen. Doch seit dieser Balkazîr da ist sind die Dinge mächtig schief gelaufen. Wir verloren Bâr Húrin und nahezu neunzig Prozent unserer Leute. Deshalb waren wir, die wenigen Überlebenden, dazu gezwungen, unseren Befreiungsplan in eine Verzweiflungstat umzuwandeln. Wir gingen rein, mit vollem Risiko, um die zu retten, die wir retten konnten. Denn wir brauchen mehr Kämpfer, um weiterhin ernsthaften Widerstand zu leisten. Dass wir Balkazîr bei dieser Gelegenheit nicht töten konnten ist wohl das, was Damrod endgültig die letzte Hoffnung geraubt hat.“
„Ich muss zugeben, ich habe schon zuversichtlichere Menschen als ihn gesehen,“ gestand Valion, der vorsichtig seinen verbundenen Rücken betastete. Die Wunde schmerzte noch immer, doch einer der beiden Heiler, die sich um die Verletzung gekümmert hatten, hatte ihm versichert, dass er Glück gehabt hatte. Die Klinge hatte keines der inneren Organe verletzt.
„Ich vermute, dass der wahre Grund für Damrods Laune Serelloth heißt,“ murmelte Glóradan.
„Wer ist Serelloth?“ wollte Rinheryn neugierig wissen. „Etwa seine Geliebte? Ist sie in Bâr Húrin gestorben?“
Glóradan warf Duinhirs Tochter einen seltsamen Blick zu. „Serelloth ist Damrods Tochter. Sein einziges Kind. Sie ist seit Monaten nicht aus Harad zurückgekehrt, und wir fürchten das Schlimmste.“
„Und wenn sie es nun tut, wird sie nur die Ruinen von Bâr Húrin vorfinden und ihren Vater und den Rest der Widerstandskämpfer für tot halten,“ überlegte Valion. „Es sei denn, sie weiß von diesem Ort.“
„Niemand außer Damrod und dem alten Thandor wusste über Henneth Annûn Bescheid,“ antwortete Glóradan traurig. „Serelloth wird denken, dass wir gefallen sind... falls sie nicht selbst schon längst den Tod gefunden hat.“
„Kopf hoch,“ sagte Rinheryn. „Die Lage mag übel aussehen, aber ihr könnt Gondor immer noch helfen. Wir können Gondor immer noch helfen.“
„Und wie genau hast du dir das vorgestellt?“ erklang Damrods Stimme hinter ihnen. „Die Männer sind kriegsmüde und demoralisiert. Wir sind zu wenige, um etwas zu bewegen.“
„Für das, was ich vorhabe, braucht es nicht viele,“ erwiderte Rinheryn mit einem gewinnenden Lächeln im Gesicht. „Ihr Waldläufer kennt dieses Land besser als niemand sonst, nicht wahr?“
Glóradan und Damrod nickten langsam.
„Dann werden wir uns hier einen oder zwei Tage ausruhen und die Wunden der Verletzten versorgen. Und dann versetzen wir Mordor einen Schlag, der es hart treffen wird. Wir schlagen der Schlange den Kopf ab und rächen uns nicht nur an Balkazîr, sondern auch an dem miesen kleinen Verräter Gilvorn. Seid ihr dabei?“
« Letzte Änderung: 8. Okt 2018, 14:26 von Fine »
RPG:

Melkor.

  • Elbischer Pilger
  • **
  • Beiträge: 160
  • Gib mir eine Armee die Mordors würdig ist
Re: Henneth Annûn
« Antwort #1 am: 22. Sep 2018, 21:52 »
Ardóneth hatte mit seiner Schwester ein kleines Quartier bezogen, welches nur spärlich eingerichtet war. Drei Feldbetten ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen und ein einzelner Schrank standen in dem kleinen Raum. Während Areneth versuchte bei den Waldläufern von Ithilien etwas essbares zu besorgen, packte Ardóneth eine Reihe an getrockneter und frischer,  achtsam um Henneth Annun gesammelter, Kräuter aus. In einer kleinen unförmigen Schale zermahl er erst die getrockneten Kräuter, welche er aus Arnor mitgebracht hatte.

Schließlich folgten die frischen Kräuter, welche er in dünne Streifen zerschnitt, damit der Pflanzensaft, austreten konnte. Areneth beobachtete ihren Bruder eine Zeit lang, wie er mehrere Lila blühende Blüten mit dem Knauf seines Dolches zerdrückte und schließlich zu dem Pflanzenmehl hinzufügte. "Was machst du da?" fragte sie, während sie sich über ihren Bruder beugte und eine Schüssel mit einem weniger Appetitlich aussehenden, jedoch wohlduftenden Eintopf auf den Tisch stellte sich auf einen der Stühle saß und zu essen began. "Eine Salbe für Valion... Reich mir mal bitte den Beutel von meinem Bett rüber."  Areneth reichte ihrem Bruder den kleinen Beutel rüber in dem eine einzelne größere Knospe enthalten war.  Er schnitt ein kleines Stück von der letzten Zutat ab und fing an das Mehl mit wenig Wasser und einer dickflüssigen Flüssigkeit zur einer stark riechenden Salbe zu vermengen. Fertig, dachte sich Ardóneth. "Komm mit, ich bin soweit ." 

Die beiden Geschwister folgten den vielen Gängen zu dem Zimmer in dem sie Valion vermuteten. Jener saß auf seinen Bett und unterhielt sich mit Rinheryn die entspannt auf einem Stuhl saß. "Ich denke ich habe etwas, was deiner Wunde helfen könnte." Valion zeigte sein Einverständnis mit einem einfachen Nicken und streifte das Hemd über seinen Kopf. Ein Großer Verband war um die Wunde gewickelt, welchen Ardóneth vorsichtig aufmachte und entfernte. Eine große, tiefe Wunde kam zum nun schließlich zum Vorschein, welche jedoch schon langsam  zu heilen begann. Während Ardóneth sich um die Wunde kümmerte, lauschte er dem Gespräch zwischen den beiden Gondorern.

„Ich fasse es nicht dass dieser miese kleine Verräter schon wieder entkommen ist,“ knurrte Valion, während er sich widerwillig hinlegte um sich untersuchen zu lassen.„Wir werden ihn schon noch kriegen,“ erwiderte Rinheryn beruhigend. „Jetzt halt den Mund und lass den Heiler seine Arbeit machen.“ "Heiler? Mein Name ist immer noch Ardoneth, meine Liebe." zwinkerte Ardóneth Rinheryn zu. "Das folgende wird ziemlich...  unangenehm ..." warnte der Dúnedan  und signalisierte per Handzeichen Areneth und Rinheryn falls nötig Valion festzuhalten. Vorsichtig schmierte Ardóneth einen großen Teil der Salbe, deren Mixtur er von seinem Mentor erlernt hatte, in die offene Wunde.

Nur unter größter Anstrengung konnte Valion sich beherrschen vor Schmerzen sich zu winden oder gar zu schreien. "Es wird gleich besser." versicherte Ardóneth während er einen neuen Verband umlegte. Die Salbe erzeugte anfangs furchtbare, brennende und stechende Schmerzen welche durch die Zusammensetzung verschiedener Kräuter erzeugt wurde. Später jedoch würde sie die Wunde für eine lange Zeit fast gänzlich betäuben und die Heilung stark vorantreiben.
"Gilvorn ist uns nicht ganz entkommen..., ich bezweifle stark, dass er Minas Tirith verlassen wird, vorerst." sprach Ardan als er mit einem kleinen Knoten den Verband befestigte. "Wir werden ihn noch erwischen."


Ardóneth, Valion, Damrod, Glóradan und Rinheryn mit den Waldläufern nach Nord-Ithilien
« Letzte Änderung: 8. Okt 2018, 14:27 von Fine »
Er hat noch gezuckt weil ich ihm meine Axt in seine Nervenstränge getrieben habe.

-Gimli Gloinssohn zu Legolas, Schlacht bei Helms Klamm-

Fine

  • Moderator
  • Wächter der Veste
  • ***
  • Beiträge: 2.030
  • Ich hab da ein ganz mieses Gefühl bei der Sache...
Die Hände eines Heilers
« Antwort #2 am: 8. Okt 2019, 18:33 »
Narissa, Aerien, Aragorn und Gimli aus Nord-Ithilien


Der verborgene Unterschlupf war verlassen. Ihre Schritte hallten gespenstisch in der großen Höhle wieder, die jäh am hinteren Rande eines großen Wasserfalls endete.
"Hier drüben," winkte Aragorn Aerien und Narissa zu sich. In einer durch einen Vorhang vom Rest des Gewölbes abgetrennten Nische standen mehrere Betten. Dankbar ließ sich Aerien auf eine der weichen Matratzen fallen - ein Luxus, den sie seit dem Aufbruch aus Tol Thelyn nicht mehr hatte genießen können. Es kam ihr so unendlich lange her vor.
Wie in einem anderen Leben, sagte eine Stimme.
Narissa hockte sich auf die Bettkante. "Du kommst wieder in Ordnung," versuchte sie, Aerien Mut zuzusprechen. Aragorn und Gimli durchsuchten das verlassene Waldläuferversteck und kehrten mit einigen halb vertrockneten Vorräten wieder. Obwohl es bereits tief in der Nacht war, sprach niemand dagegen, als der Zwerg ein weiteres Feuer in Gang brachte und ihnen ein kleines Abendmahl zubereitete. An frischem Wasser mangelte es ihnen dank das Wasserfalles ebenfalls nicht.
Aragorn hatte sich derweil nach Heilkräutern und Verbandsmaterial umgesehen. Von beidem fand er nur wenig, doch in zwischen zwei alten Büchern entdeckte er tatsächlich drei zierliche Blätter, die er als Athelas identifizierte. Rasch machte er sich daran, Aeriens Wunde zu reinigen und die Blätter in heißem Wasser aufzulösen.
Ob das wirklich helfen wird?
Aerien blickte auf. Wer hatte diese Frage gestellt? Narissa starrte nachdenklich in die Flammen des kleinen Feuers, während Gimli noch immer mit dem Abendessen beschäftigt war.
Aragorn blickte Aerien entschuldigend an, ehe er ihr das dünne Oberteil auszog, um nach der Wunde zu sehen. Erschrocken stellte Aerien fest, dass die Wundränder schwarz geworden waren und dunkle Adern davon in alle Richtungen ausgingen.
Sieh der Wahrheit ins Auge, wisperte jemand. Eine kalte, körperlose Stimme. Aerien wurde klar, dass diese Stimme schon die ganze Zeit über da gewesen war, leise im Hintergrund wispernd. Doch nun hatte sie an Kraft gewonnen. Du wirst hier den Tod finden. Und dorthin zurückkehren, wohin du gehörst.
Aerien starrte entsetzt in Aragorns besorgtes Gesicht, als sich verschwommene Bilder darüber zu lagern begannen. Mehr und mehr sank sie zurück in die kalte Dunkelheit, die immer mehr von ihrem Sichtfeld einnahm.
"Verdammt," hörte sie Aragorn wie von Ferne fluchen. "Sie schwindet, schneller als ich erwartet hatte."
"Tu etwas!" schrie Narissa und ihre Stimme hallte bereits nur noch leise an Aeriens Ohr heran.
"All die Jahre die sie in Mordor gelebt hat, müssen sie anfälliger gegen die Morgulhexerei gemacht haben..."
Aragorns Stimme war nicht mehr als ein kaum hörbares Echo. Dann schloss sich der schwarze Schleier um Aerien und sie sah und hörte nichts mehr von dem, was um sie herum geschah. Aus der Finsternis heraus schälte sich eine klauenbesetzte Hand mit vier Fingern. Sie schnappte nach Aerien, drohend, würgend. Daneben tauchten, eine nach der anderen, neun verhüllte Gestalten auf. Geister, Kreaturen des Schattens. Sie waren hier, um Aerien zu einer von ihnen zu machen. Nein... nicht einmal das. Zu einer von ihren geringen Dienerinnen. Ein gebrochenes Gespenst, versklavt durch den Dunklen Herrscher. Hatte Sauron am Ende doch noch seine Rache an ihr vollstreckt?

Eine Ewigkeit lang schwebte Aerien inmitten der Finsternis und musste endlose Bilder des Schreckens erdulden. Da war der Weiße Turm von Tol Thelyn, der brennend in sich zusammenstürzte. Sie sah die Städte Gondors dem Erdboden gleich gemacht werden und Berge von Erschlagenen, die sich in den Straßen häuften. Sie sah die Wälder der Elben fallen und die Minen der Zwerge, die von Orks erobert wurden. Und sie sah Narissa, übersät von blutigen Wunden, leblos im Sand einer fremden Wüste liegen.
Doch eines spendete ihr in dieser Folter ein klein wenig Trost: Sie ging dahin, in dem Wissen, Mordor einen schweren Schlag versetzt zu haben. Aragorn war frei und würde nach Gondor gehen, um den Widerstand gegen Sauron anzuführen. Selbst wenn Aerien nun sterben würde, hätte sie ihren Auftrag dennoch erfüllt. Sie verschloss ihr Herz vor den Schrecken, die auf sie eindrangen und fand einen gewissen Frieden.
Nach und nach verblassten die Schatten und Aerien fand sich auf einer breit ausgetretenen Straße wieder. Das Licht, das durch die dunklen Wolken drang, war nur schwach, doch im Zwielicht konnte sie schemenhaft einige Dinge erkennen. Das Land um sie herum war von mattem Grün und war flach, doch zur Linken, im Süden, ragte eine lange Kette schneebedeckter Gipfel auf. Verwundert sah Aerien sich weiter um, bis sie aus der Ferne eine Gestalt auf sich zu kommen sah. Vorsichtig näherte sie sich der Erscheinung. Es war ein Mensch, in hohem Alter, in einfache Reisekleidung gehüllt. An der Seite führte er ein Schwert und er ging, gestützt auf einen Gehstock oder Stab.
"Wer seid Ihr?" fragte Aerien, als sie nahe genug heran gekommen war.
Der Fremde bedachte sie mit einem stechenden Blick, doch er antwortete nicht. Ehe Aerien sich zu einer weiteren Frage durchringen konnte, verschwand der Eindruck vor ihren Augen und sie spürte ihren Körper wieder. Die schneidende Kälte ließ nach, und, japsend und mit einem Ruck kehrte sie in die wirkliche Welt zurück.

Da war Narissa, der die Tränen über beide Wangen liefen und Gimli, dem der Mund ein Stück offen stand. Doch Aerien blickte staunend auf Aragorn, dessen Hand an ihrer Wange lag und von der eine wohlige Wärme ausging, die Aeriens ganzen Körper durchdrang und bis in die Finger- und Zehenspitzen strömte, um auch das letzte Bisschen der Morgulkälte vertrieb. Sie stellte fest, dass ihr Oberkörper rings um die Wunde nass war und von den durchtränkten Laken ein angenehmer Geruch ausging.
"Du hast sie zurückgeholt," brachte Narissa schluchzend hervor, ehe sie Aerien stürmisch um den Hals fiel. "Ich dachte, ich hätte dich verloren..."
"Tja, so etwas sieht man auch nicht alle Tage," meinte Gimli, ehe er ein zufriedenes Geräusch von sich gab. "Gut gemacht, Aragorn."
Aragorn blickte schweigend auf seine Hände herab. Er sah Aerien einmal kurz in die Augen, dann wandte er sich ohne ein weiteres Wort ab. Nachdenklich stellte er sich an den Rand des Wasserfalles, um auf den Weiher darunter hinabzublicken.
Vorsichtig betastete Aerien ihre Verletzung. Die schwarzen Ränder waren verschwunden und durch eine gesunde Röte ersetzt worden. Leichte Schmerzen jagten durch ihren Unterleib, als sie den Rand des Stiches befühlte. "Die Kälte ist fort," murmelte sie. "Wie hat er das bloss gemacht?"
RPG:

Eandril

  • Moderator
  • Wächter der Veste
  • ***
  • Beiträge: 2.040
  • You're just second hand news
Re: Henneth Annûn
« Antwort #3 am: 8. Okt 2019, 23:00 »
"Ist doch vollkommen egal", stieß Narissa erleichtert hervor. "Hauptsache, du kommst wieder in Ordnung." Die Augenblicke, die es so ausgesehen hätte, als würde Aerien tatsächlich sterben - oder noch schlimmeres - waren das grauenhafteste, was sie seid einiger Zeit erlebt hatte. Und wenn man bedachte, was sie in letzter Zeit alles erlebt hatte, sagte das einiges aus. Umso erleichterter fühlte sie sich jetzt.
Aerien schien die Frage, was Aragorn getan hatte, allerdings deutlich mehr zu beschäftigen, und blickte noch immer verwirrt, in seine Richtung. Also erzählte Narissa leise: "Er hat das Athelas in heißem Wasser zerdrückt, das Tuch darin getränkt, und auf deine Wunde gedrückt. Dann hat er die andere Hand auf deine Stirn gelegt, und irgendetwas gemurmelt, dass ich nicht verstehen konnte. Und gerade als es so aussah, als würdest du uns doch noch sterben, hast du die Augen geöffnet." Sie erinnerte sich gut an den Geruch, der von dem zerdrückten Athelas aufgestiegen war, als das Wasser heiß geworden war. Scharf und frisch, in der Nase prickelnd. Beinahe hätte es ihre Sorgen vertrieben - doch nur beinahe. Jetzt, wo Aerien wach war, wurde Narissa bewusst, dass die bleierne Müdigkeit aus ihren Gliedern verschwunden war, ebenso wie der in den Schläfen hämmernde Kopfschmerz. Ihr ganzer Körper fühlte sich merkwürdig erfrischt an.
"Die Hände eines Königs, haben sie damals in Minas Tirith gesagt", erinnerte Gimli sich, und warf Narissa ein einigermaßen sauberes Hemd zu, dass sie reflexartig auffing. "Das habe ich gefunden", fügte er an Aerien hinzu. "Ich nehme an, dass du dir gerne etwas anziehen würdest."
Aerien blickte an sich herunter und errötete, als sie feststellte, dass sie von der Hüfte aufwärts nackt war. Sie griff nach dem Hemd, das irgendein Waldläufer hier zurückgelassen haben mochte, doch Narissa zog es rasch aus ihrer Reichweite. "Wir sollten zuerst diese Wunde verbinden", sagte sie. "Selbst wenn die unmittelbare Gefahr gebannt ist, ist sie ziemlich tief. Danach kannst du immer noch die schamhafte Jungfrau spielen."
Aerien versetzte ihr einen schwachen Klaps gegen den Oberarm - einen ziemlich schwachen. Trotzdem ließ sie zu, dass Narissa die Wunde sorgfältig verband, und ließ sich anschließend von ihr dabei helfen, das Hemd über den Kopf zu ziehen. "Ich habe Hunger", stellte sie schließlich fest, und klang überrascht über sich selbst. "Noch vor einer Stunde habe ich geglaubt, nie wieder etwas essen zu können."
"Dazu wäre es auch beinahe gekommen", stellte Aragorn, der vom Fenster hinüber gekommen war, ernst fest. "Du weißt, welche Zauber auf Morgulklingen liegen."
Narissa drückte Aeriens Hand, und warf Aragorn einen missmutigen Blick zu. Sie fand, dass es überhaupt keinen Grund dafür gab, Aerien mehr als unbedingt nötig an die letzten Stunden zu erinnern. Aerien war gerettet, und das war alles, was wichtig war.
Aerien nickte stumm, bemerkte dann Narissas Gesichtsausdruck, und musste lächeln. "Kein Grund, so ein Gesicht zu ziehen, 'Rissa. Ich habe schon schlimmeres überstanden."

Das bezweifelte Narissa allerdings. Beinahe von der eigenen Mutter... Ihr fiel wieder ein, was sie getan hatte, und ihr eigenes Lächeln schwand. Rasch wich sie Aeriens Blick aus. Auch Aeriens Lächeln verschwand, und ihre Augenbrauen zogen sich besorgt zusammen. "Ist etwas?"
Narissa blickte über die Schulter, wo sich Aragorn inzwischen zu Gimli gesellt hatte, und leise mit dem Zwerg sprach. Sie räusperte sich unbehaglich, und fragte zögernd: "Woran... woran erinnerst du dich?"
Aeriens Augen schienen in die Ferne zu blicken. "Da war... meine Mutter." Narissa biss sich auf die Unterlippe, und blickte unwillkürlich zu Boden, doch Aerien schien nichts davon zu bemerken. Stattdessen sprach sie stockend weiter: "Und dann... ich weiß nicht. Schmerzen, wie Eis, und dann... bin ich in die Dunkelheit gefallen. War sie es, 'Rissa? Hat meine Mutter das getan?"
Narissa hörte den Schmerz in Aeriens Stimme, und öffnete den Mund um etwas zu erwidern - doch sie wusste nicht was. Schließlich sagte sie rau: "Ich... weiß es nicht." Sie wusste nicht, warum sie log. Fürchtete sie, Aerien noch mehr Schmerz zuzufügen, wenn sie ihr die Wahrheit sagte? Oder fürchtete sich davor, wie Aerien reagieren würde wenn sie erfuhr, was sie selbst, Narissa, getan hatte? Ersparte sie Aerien unnötige Schmerzen, die ihr zu diesem Zeitpunkt sicherlich schaden würden, oder versteckte sie sich nur? "Ich habe dich gefunden, blutend auf dem Boden, und ich habe dich aus der Festung getragen." Sie glaubte, Aragorns Blick im Rücken zu spüren, doch sie zwang sich, Aerien anzusehen. "Ich weiß nicht, was mit deiner Mutter geschehen ist, oder ob sie wirklich dort war."
"Sie war dort", sagte Aerien leise. "Das weiß ich. Aber... wenn ich mich nur erinnern könnte. Es ist wie ein schwarzer Schleier, der davor liegt."
"Vielleicht vergeht das, wenn die Wunde weiter heilt", meinte Narissa, und ihre Stimme klang fremd in ihren eigenen Ohren. Sie fürchtete sich vor dem Moment, in dem Aerien sich an die Wahrheit erinnerte. Und davor, welche Schlüsse Aerien daraus ziehen würde. Sie kam auf die Füße, legte Aerien eine Hand auf die Schulter, und zwang sich zu einem Lächeln. "Wir sollten nicht mehr an Mordor denken, Sternchen. Denk lieber an das, was vor uns liegt - zum Beispiel eine Schüssel von dem, was auch immer Gimli da zusammengekocht hat. Ich bin sofort wieder bei dir."

Der Eintopf, den Gimli aus verschiedenen zurückgelassenen Vorräten zubereitet hatte, erwies sich zumindest als essbar, und somit als große Verbesserung zu Streifen getrockneten Karagâth-Fleisches. Außerdem war es heiß und schon bald breitete sich eine wohlige Wärme in Narissa aus, die sie das letzte Gespräch mit Aerien allmählich verblassen ließ. Das heiße Essen brachte tatsächlich ein wenig Farbe in Aeriens Gesicht zurück, obwohl sie nur wenig davon herunterbrachte - zumindest, bis Gimli drohend in ihre Richtung blickte, und sagte: "Wag es nicht, die zwergische Kochkunst zu verschmähen. Außerdem brauchst du Kraft, um zu heilen."
"Nun, besser als wenn Narissa das Essen macht, ist es allemal", gab Aerien zurück, und schmuggelte ein verschwörerisches Grinsen in Narissas Richtung, das Narissa nur allzu erleichtert erwiderte. Gimli brummte etwas unverständliches in seinen Bart, war aber sichtlich besänftigt als Aerien den Rest ihrer Schüssel leerte.
"Ich wünschte, Pfeifenkraut wäre in Gondor weiter verbreitet", meinte Aragorn, der sich mit dem Rücken an die Wand der Nische gelehnt hatte, die langen Beine ausgestreckt. Narissa fand, dass er zum ersten Mal, seit sie ihm begegnet, einigermaßen entspannt wirkte. "Eine Pfeife könnte ich jetzt wirklich gebrauchen. Aber leider wissen nur die Hobbits im Norden es wirklich zu schätzen."
Narissa, die noch nie etwas von Pfeifenkraut oder Hobbits gehört hatte, lauschte gespannt, doch Aragorn schien nicht in der Stimmung zu sein, Geschichten aus dem Norden Mittelerdes zu erzählen. Stattdessen sagte er: "Nun, Aeriens Geschichte kenne ich gut. Doch du, Narissa, bist ein Rätsel für mich. Du warst in der Lage, Saurons Einfluss abzuschütteln, Mordor zu überleben und die stummen Wächter deinem Willen zu unterwerfen."
Das warst du?, formte Aerien stumm mit den Lippen, und Narissa nickte. Sie war nicht sonderlich stolz darauf, denn sie hatte zu einer Person werden müssen, die sie eigentlich nicht sein wollte. "Also... woher kommst du?", beendete Aragorn seine Frage.
Narissa lächelte. "Nun... wenn ich mich richtig erinnere, sind wir verwandt - allerdings ziemlich entfernt."
Aragorn beugte sich interessiert ein wenig vor. "Ich nehme an, die Verwandtschaft ist sehr weitläufig." "Das kann man wohl sagen. Meine Familie kommt ursprünglich aus Númenor, ist allerdings noch vor dem Untergang von dort nach Mittelerde gesegelt - nach Harad."
Aragorn hob eine Augenbraue. "Du kommst von Tol Thelyn. Ich habe mit Elendar, einem deiner Verwandten in Umbar gekämpft. Leider ist er gefallen."
"Elendar war mein Großonkel, sein Bruder Hador war mein Großvater", ergänzte Narissa, bevor ihr etwas klar wurde. "Du warst Thorongil!" Sie kam sich dumm vor, als sie sich an das erinnerte, was Aragorn bei ihrer Ankunft in diesem Versteck gesagt hatte. ...als ich in Gondor weilte und als Thorongil bekannt war. In diesem Moment hatte sie allerdings andere Sorgen gehabt, als die richtigen Schlüsse zu ziehen.
"Es erschien mir damals nicht weise, mein wahre Identität in Gondor zu offenbaren", erwiderte Aragorn. "Also nannte ich mich Thorongil, solange ich den Süden Mittelerdes bereiste." Er betrachtete Narissa forschend. "Ich frage mich, wie ich dein Erbe übersehen konnte."
"Die andere Seite ihrer Familie ist bei weitem nicht so sympathisch", warf Aerien schwach ein, und Narissa verdrehte die Augen. "Wir wollen jetzt nicht vergleichen, wessen Familie verrückter ist, oder?" Sogleich ärgerte sie sich über sich selbst, denn das Thema Aeriens Familie wollte sie eigentlich so weit wie möglich vermeiden, zumindest in Aeriens Gegenwart.
"Mein Vater ist der Sultan von Qafsah", erklärte sie ein wenig unwillig an Aragorn gewandt. "Er hat meine Mutter vergewaltigt, kurz nachdem sie nach Qafsah gekommen war um die Ereignisse dort zu beobachten. Das Ergebnis sitzt vor euch", schloss sie leichthin, um die Schmerzen, die die Erinnerungen ihr bereiteten, zu überspielen.
Aragorn schwieg, und betrachtete sie unverwandt. Die Stille wurde von einem markerschütternden Schnarchen unterbrochen, denn Gimli war eingeschlafen, und Aragorn lächelte plötzlich. "Und dennoch bist du nach Mordor gegangen, hast mich aus der Gefangenschaft befreit, und dabei großes geleistet. Wer dein Vater ist, braucht keine Last für dich zu sein. Höchstens das Wissen, dass irgendjemand mit Sicherheit ein Lied über das, was du und Aerien getan haben, verfassen wird."
Narissa rutschte ein wenig hin und her. Der Gedanke, dass sie eines Tages Gegenstand eines Lieds sein würde, bereitete ihr merkwürdiges Unbehagen. Sie kannte die alten Lieder, über Beren und Lúthien, Túrin Turambar, seinen Vetter Tuor, nachdem ihr junger Vetter benannt war, über Feanor und die Silmaril, über Earendil... doch das waren Helden aus Legenden und Sagen. Sie fühlte sich kein bisschen wie jemand aus einer Legende.
Sie wandte sich zu Aerien um, um zu hören, was diese dazu sagen würde, doch Aerien war eingeschlafen. Es war nicht der ungesunde, ohnmächtige Schlaf in den sie zuvor gefallen war, sondern wirkte ruhig und heilsam. Sie strich sanft über Aeriens Hand, und sagte dann leise zu Aragorn: "Wie lange werden wir hier sicher sein?"
Aragorns Miene wurde ernst. "Wenn dieser Stützpunkt verlassen ist, haben die Waldläufer Gondors Ithilien aufgegeben, fürchte ich. Das ganze Land ist fest in Feindeshand. Noch scheinen Mordors Kräfte Henneth Annûn nicht gefunden zu haben, doch es ist lediglich eine Frage der Zeit, vor allem, da wir mehr Spuren hinterlassen haben, als mir lieb ist. Um deine Frage zu beantworten: Mit jedem Tag, den wir hier verbringen, wächst die Gefahr um ein Vielfaches."
Narissa hatte eine solche Antwort bereits befürchtet. "Selbst wenn es Aerien gut genug geht, um zu gehen - ich glaube nicht, dass sie den weiten Weg durch Sümpfe und über Berge überstehen würde. Zumindest noch nicht."
"Nein." Aragorns Miene wirkte besorgt und düster, und das niederbrennende Feuer warf flackernde Schatten auf sein Gesicht. "Doch es gibt einen anderen Weg. Riskanter, aber umso kürzer." Narissa lauschte angespannt, während ihr Daumen unbewusst über Aeriens Handrücken strich. "Wir könnten direkt nach Westen gehen, nach Cair Andros", fuhr Aragorn fort. "In Zeiten Gondors war die Insel stark bewacht - so stark, wie Gondor es leisten konnte. Doch jetzt, da Mordor den Anduin auf beiden Seiten und die Übergänge in Osgiliath und Pelargir kontrolliert... Vielleicht ist Cair Andros dann schwächer bewacht. Und sie werden jedenfalls nicht erwarten, dass jemand sich von Osten durch ihre Linien schleichen wird, die einzigen Feinde erwarten sie von Westen. Gelingt es uns, bei Cair Andros den Fluss zu überqueren, könnten wir nur zwei Tage später die Grenze nach Rohan überschreiten, falls Mordor nicht weiter gegen dieses Land vorgerückt ist."
"Wie... wie viel riskanter ist dieser Weg?", fragte Narissa, und Aragorn blickte nachdenklich in ferne Gegenden, die nur er sehen konnte. "Das kommt darauf an, wie stark Cair Andros bewacht wird", antwortete er schließlich. "Doch alles in allem, nicht sehr viel mehr als der Weg über die Emyn Muil. Wir legen deutlich weniger Strecke in von Mordor kontrolliertem Gebiet zurück, und das Gelände ist um einiges leichter."
"Also gut." Narissa war entschlossen, das Risiko einzugehen, allein um Aeriens Willen. "Gehen wir nach Cair Andros - allerdings erst, nachdem ich wenigstens eine Stunde Schlaf bekommen habe."

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Fine

  • Moderator
  • Wächter der Veste
  • ***
  • Beiträge: 2.030
  • Ich hab da ein ganz mieses Gefühl bei der Sache...
Ein überraschender Fang
« Antwort #4 am: 12. Okt 2019, 21:32 »
Doch auch nach einer Stunde und nach einer weiteren erwachte Aerien nicht. Am Ende verschlief sie die gesamte Nacht und den darauf folgenden Vormittag. Anstatt von dunklem Träumen geplagt zu werden erinnerte sie sich nach dem Aufwachen an gar nichts. Vorsichtig blickte sie sich in der Höhle um. Narissa und Gimli waren nirgends zu sehen, doch Aragorn stand am Rande des Wasserfalls und blickte nachdenklich hinab.
Mehrere Minuten verstrichen, dann drehte der Dúnadan sich zu Aerien um. Aragorn wirkte als wäre er bis gerade eben noch tief in Gedanken gewesen und hätte Aerien erst jetzt bemerkt. „Ah, du bist wach,“ stellte er fest und kam an ihr Bett. „Wie geht es dir?“
Prüfend tastete Aerien über ihren Bauch. Jemand hatte ihr ein weites Oberteil aus grobem Stoff angezogen, das ein wenig kratzte. Als ihre Finger über den Schorf auf ihrer Verletzung streiften, verzog sie für einen Augenblick das Gesicht. Aber es war kein schlimmer Schmerz. Die Kälte, die sie noch am Vortag gespürt hatte, war verschwunden.
„Warst du das?“ fragte Aerien etwas scheu.
Aragorn legte ihr eine Hand an die Stirn. „Kein Fieber,“ murmelte er, ohne direkt auf ihre Frage einzugehen.
Aerien wich vor seiner Berührung zurück. Sie war sich nicht ganz sicher, weshalb. „Wo sind die anderen?“ wollte sie wissen.
„Gimli wollte sich in der Nähe umsehen und Narissa hat sich entschlossen, ihn zu begleiten,“ erklärte Aragorn. „Ich denke, sie werden bald zurück sein. Wir sollten hier nicht mehr allzu lange verweilen. Jetzt, wo du wach bist, können wir aufbrechen, wenn du dich dazu in der Lage fühlst.“
Aerien kletterte probeweise aus dem Bett und kam noch leicht unsicher auf die Beine. Doch dann nickte sie. „Es wird gehen... glaube ich. Wohin werden wir von hier aus hingehen? Nach... Dol Amroth?“
Aragorn blickte überlegend in die Ferne. „Zuerst sollten wir so schnell wie möglich Ithilien hinter uns lassen. Hier sind wir noch viel zu nahe an... an dem Schattenland. Narissa und ich sind der Meinung, dass wir bei Cair Andros versuchen sollten, den Fluss zu überqueren.“
„Das würde uns nach Anórien bringen,“ führte Aerien die Überlegung fort.
„Und von dort ist es nicht mehr weit bis nach Rohan.“
„Rohan...“ wiederholte Aerien leise. „Wie... wie ist es dort? Und wieso sollten wir dorthin gehen?“ In ihren Studien der Welt der Menschen hatte sie sich stets nur auf Gondor und Arnor sowie das untergegangene Númenorer konzentriert, und auch in ihren sporadischen Unterhaltungen mit Aragorn im Barad-Dûr war es nie um das Land der Pferdeherren gegangen.
„Es ist das uns momentan am nächsten gelegene freie Land,“ erklärte Aragorn. „Zwar weiß ich, dass Gondor die Grenze am Gilrain verteidigt hält, doch um dorthin zu gelangen, müssten wir entweder mit einem Boot den Anduin hinab fahren, das wir nicht haben, oder uns quer über den Pelennor, durch Lossarnach und Lebennin schleichen, wo es von Feinden nur so wimmeln muss. Rohan ist näher und darüber hinaus hoffe ich, dass in Anórien weniger Orks als im Gebiet zwischen Minas Tirith und Pelargir sind. Um zu deiner Frage zu Rohan selbst zu kommen... es ist ein Land, das von einem Reitervolk bewohnt wird, das seit Langem mit den Gondorern verbündet ist. Ohne die Hilfe der Rohirrim wäre Gondor schon lange untergegangen. Ich habe einige Zeit bei den Menschen Rohans gelebt, als König Thengel über die Riddermark herrschte. Und es hat mir Freude gebracht, von der Befreiung Rohans zu hören, selbst wenn man mir damals, in meiner Gefangenschaft versicherte, dass die Rohirrim dafür einen hohen Preis bezahlen würden.“
Aerien hatte wie gebannt gelauscht. „Dann werden wir also nach Rohan gehen,“ akzeptierte sie Aragorns Entscheidung ohne Zögern.
„Vorerst jedenfalls,“ antwortete der Dúnadan. „Ich weiß, dass die Pfade der Eidbrecher seit einiger Zeit als Passage zwischen dem Erech-Tal und der Bergfestung Dunharg benutzt werden. Du möchtest gerne Dol Amroth sehen, nicht wahr? Ich glaube, dein Wunsch könnte sich erfüllen, wenn wir Rohan erst sicheren Fußes erreicht haben. Ich werde zur Schwanenstadt gehen, wenn ich einige Angelegenheiten in Rohan geregelt habe. Wenn du und Narissa mich dorthin begleiten wollt, würde ich eure Gesellschaft zu schätzen wissen.“
„N-natürlich,“ stammelte Aerien. „Was für eine Ehre,“ murmelte sie.
Aragorn lachte. „Was ist denn in dich gefahren?“ fragte er. „So schnell verstoße ich meine tapferen Retter nicht. Und ich werde nicht vergessen, was ihr für mich getan habt. Doch ehe wir von Belohnungen sprechen, sollten wir zusehen, dass wir sicheres Gebiet erreicht haben.“
Aerien nickte zustimmen. „Also Cair Andros.“

In diesem Augenblick kehrten Narissa und Gimli zurück. Zu Aeriens Überraschung waren sie nicht alleine, denn sie zerrten einen gefesselten und geknebelten Menschen mit sich, der eine Rüstung nach Art der Ostlinge trug.
„Das ist das richtige Stichwort, Sternchen,“ sagte Narissa und klang äußerst zufrieden mit sich selbst. „Schön, dass du wach bist! Lass mich dir unsere Eintrittskarte zum Tor von Cair Andros präsentieren.“ Sie machte eine übertriebene Verbeugung.
Gimli lachte schallend. „Nicht so hastig, Mädchen, noch wissen wir nicht, ob dieser Bursche wirklich so hilfreich sein wird, wie wir glauben.“
„Was hat es mit ihm auf sich?“ fragte Aragorn und stellte sich einige Schritte entfernt von dem Gefangenen auf, dessen Augen im Dunkel des engen Sehschlitzes seines Helmes kaum zu erkennen waren.
„Er und einige seiner Kumpane sind ganz in der Nähe dieser Inselfestung herumgestreift. Ihn haben wir nur eingeschnürt, ansonsten geht es ihm gut. Was man von seinen Freunden weniger behaupten kann,“ erklärte der Zwerg grinsend. „Wir dachten uns, dass er vielleicht ein gutes Wort bei der Garnison von Cair Andros für uns einlegen könnte.“ Gimli griff in seine Tasche und zog einen glitzernden Gegenstand hervor. „Und dann hatte er noch das hier dabei.“ Es war ein Schlüsselbund, wie Aerien erkannte.
„Nehmt ihm den Helm ab und entfernt den Knebel,“ befahl Aragorn. Seine Hand lag am Griff seines Schwertes.
Aerien war erstaunt, wie jung der Ostling war. Er konnte kaum zwanzig Sommer erlebt haben. Angst stand in seinen dunkelbraunen Augen und seine dunklen Locken fielen ihm wirr ins Gesicht.
„Verstehst du unsere Sprache?“ fragte Aragorn freundlich, aber mit einer unmissverständlichen Strenge in der Stimme.
Der Ostling nickte hastig.
„Gehörst du wirklich zur Garnison von Cair Andros, der Festung auf der Anduin-Insel in dieser Gegend?“
Erneut nickte der junge Gefangene.
„Lässt sich mit diesen Schlüsseln das Tor aufschließen?“
Ein drittes Nicken.
Aragorn entspannte sich etwas und sagte zufrieden: „Das ist sehr gut. Sei unbesorgt- wir werden dir nichts antun, wenn du uns keinen Grund dafür gibst. Wir sind nicht wie die Orks, die grundlos morden. Du wirst uns helfen, über den Fluss zu gelangen, mehr nicht. Danach steht es dir frei, deiner Wege zu gehen.“
Er machte eine Pause und fixierte mit seinem Blick das Antlitz des Jungen. „Wie ist dein Name?“ fragte Aragorn.
„Aino, Sohn des Rauno,“ antwortete der Ostling mit zitternder Stimme.

Wie es sich herausstellte, war kaum Überzeugsungsarbeit notwendig um Aino zur Kooperation zu bewegen. Als der junge Ostling begriffen hatte, dass man ihm kein Leid tun würde wenn er der Gruppe behilflich war, begann er rasch, sich zu entspannen und drauflos zu reden. So erfuhren Aerien und Narissa, dass Aino von seinem Vater, der wohl einer der höchsten Kommandanten des Reiches von Gortharia in Rhûn war, unfreiwillig zu den Wachen von Cair Andros versetzt worden war - ein Posten, der als recht ungefährlich galt. Zwar teilten sich sowohl Orks als auch Ostlinge die Garnison, doch weder die Rohirrim noch sonstige Feinde des Dunklen Herrschers waren im bisherigen Kriegsverlauf überhaupt jemals so weit nach Osten vorgedrungen.
Aino war sehr unglücklich auf seinem Posten, denn die übrigen Männer dort kamen nicht aus so hohem Hause wie er, und ließen ihn das allzu deutlich spüren. Kleine und größere Grausamkeiten waren an der Tagesordnung. Außerdem fürchtete der junge Ostling sich vor den Orks und er betonte immer wieder, dass er wahrlich kein Kämpfer sei. Am liebsten würde er nach Hause zurückkehren und sich der Musik widmen, die seine Leidenschaft war.
Mit Aragorn und Narissa heckte er bereitwillig einen Plan aus, wie sie seinen Zugang zur Festung nutzen würden, um auf das Westufer des Anduins zu gelangen. Aerien, die sich mittlerweile wieder hingelegt hatte, bekam davon nur einige Wortfetzen mit; unter anderem fielen die Worte „Rüstungen“ und „Schlüssel.“ Sie vertraute darauf, dass Narissa ihr rechtzeitig alles erklären würde und beschloss, die restliche Zeit bis zum Aufbruch zur weiteren Erholung zu nutzen. So bekam sie noch einmal gute zwei Stunden Schlaf, bis die Gruppe - nun um ein zeitweiliges, zusätzliches Mitglied verstärkt - am frühen Abend das verborgene Versteck der Waldläufer Ithiliens verließ und sich auf den Weg nach Cair Andros machte.


Aerien, Narissa, Aragorn, Gimli und Aino nach Cair Andros
RPG: