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Autor Thema: Harondor  (Gelesen 2694 mal)

kolibri8

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Harondor
« am: 16. Feb 2016, 15:11 »
Qúsay und Dirar mit dem Schiff von Tolfalas.

Am Morgen des 18. Juni erreichte Qúsays Schiff die Harnenmündung. Das andere Schiff, das von Linhir aus aufgebrochen war lag dort bereits vor Anker und Qúsays Männer hatten bereits an Land ein Lager aufgeschlagen.

Qúsay landete mit einem Beiboot an und begrüßte seine Männer. Den Kinahhu befahl er in ihren Küstenstädten Alarm zu schlagen, das der Krieg bald beginnen werde, und durch ihre Nähe zu Umbar währen ihre Städte wohl eines der ersten Ziele.
Nachdem die Kinahhu wieder mit ihren Schiffen davon gefahren waren, erkundete Qúsay mit Dirar die nähere Umgebung. Bei einer Baumgruppe machte Qúsay schließlich halt und stieg ab um sich die Bäume näher anzusehen.
„Was ist?“, fragte Dirar
„Ein gutes Zeichen“, sagte Qúsay und deutete auf die Bäume, an denen bereits kleine Oliven wuchsen.
„Nun, es ist ja schon Juni“, erwiderte Dirar.
„Aber so warm wie es ist, könnte man sie schon in ein paar Monaten ernten.“, antwortete Qúsay und fuhr mit einem Lächeln fort, „ein gutes Omen hoffe ich.“

Nach einer Weile ritten die beiden zum Lager zurück, wo sie sich wieder in ihre haradische Kleidung kleideten. Dort gab Qúsay Anweisung, das Lager weiter zu befestigen, schließlich würden sehr bald Familien aus Harad kommen um hier Zuflucht zu finden.
„Vielleicht wird hier dereinst die Hauptstadt meines Reiches entstehen“, sagte er zu Dirar gewandt, „ eine Madinat al-Malik.“
„Vielleicht aber dafür muss erst ein Reich gegründet werden.“, erinnerte ihn Dirar und sah ihn ernst an, „es bleibt nicht mehr viel Zeit, in noch nicht einmal 5 Tagen tritt der Majles zusammen.“
Qúsay nickte und antwortete „Du hast Recht, wir sollten aufbrechen.“

Zwanzig Reiter, einschließlich Dirar, nahm Qúsay mit, den Rest ließ er das Land bewachen. Dirar trug Qúsays gestreiftes Banner, das in Linhir genäht worden war, so ritten sie den Harnen entlang bis sie zur alten Haradstraße gelangten…

Qúsay, Dirar und die Reiter zu den Furten des Harnen.
« Letzte Änderung: 21. Feb 2016, 16:56 von kolibri8 »
RPG:
1. Char Alfward bei Dol Guldur.
2. Char Qúsay in Aín Sefra.

Das Wiki zum RPG. Schaut mal ruhig vorbei ;).

Neu im RPG und Probleme mit dem Namen? Schickt mir einfach 'ne PM ;).

Geschichtsfragen? Hier gibt's Antworten.

Fine

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Die Durchquerung Harondors
« Antwort #1 am: 19. Feb 2016, 20:54 »
Aerien und Beregond aus Süd-Ithilien


Harondor war ein deutlich kargeres Land als Ithilien, obwohl es bei Weitem nicht ohne Vegetation war. Doch mit den grünen Wäldern Ithiliens konnte es sich nicht messen.
Die Harad-Straße führte geradewegs nach Süden und die beiden Reiter folgten ihr ohne abzuweichen. Nichts und niemand begegnete ihnen. Aerien war die Leere und vor allem die Stille des Lands unheimlich. Sie war es ihr Leben lang gewohnt gewesen, von vielen Lebewesen umgeben zu sein, hatte sie doch in Durthang und vor allem in Barad-dûr immer in einer stark bemannten Festung Saurons gelebt. Die Ebenen Harondors wirkten auf sie, als könnte jeden Moment ein großes Heer am Horizont auftauchen oder ein Gebirge den Weg versperren. Doch die Landschaft veränderte sich kaum: Linker Hand ragte nach wie vor das Schattengebirge auf während sie zur Rechten in der Ferne den blauen Streifen des Westmeeres erkennen konnten.

Diese Reise führt mich an so viele unterschiedliche Orte, dachte Aerien, der es immer besser gelang, ihr Reittier instinktiv zu steuern und es als eine Verlängerung der eigenen Beine zu betrachten.
Erst die kalten, schattenhaften Hallen des Dunklen Turms, dann die Hitze der Felsen auf der Hochebene von Gorgoroth. Der letzte Abschied von Aglarêth. Die fahl leuchtenden Mauern Minas Morguls. Die melancholische Stimmung im gefallenen Osgiliath. Und dann die Weiße Stadt selbst. Viel zu kurz bin ich dort geblieben, habe mich kaum umsehen können. Schon kam ich in die üppigen Wälder Ithiliens, in die Höhlen unter den Emyn Arnen und nun in die trockenen Ebenen Harondors. Ich brauche wirklich mehr Zeit, um all dies zu verarbeiten. Sie wusste, sie würde diese Zeit erst haben, wenn sie Damrods Auftrag abgeschlossen hatte.

Am Abend des selben Tages gingen sie wieder ein kleines Stück von der Straße ab um ihr Nachtlager aufzuschlagen. Zwar war ihnen noch immer niemand auf der Straße begegnet, doch wollten sie nichts riskieren.
"Beregond, erzähle mir von Minas Tirith, wenn du möchtest," sagte Aerien als sie beide auf ihren Schlaflagern lagen und die Sterne über ihnen heraufgezogen waren.
"Was willst du wissen?" antwortete der Gondorer. "Du hast gesehen, wie die Lage in der Stadt ist. Ich fürchte, der Schwarze Heermeister hat vor, sie in eine Geisterstadt wie Minas Morgul zu verwandeln wenn die Reparaturarbeiten abgeschlossen sind."
"Lass' uns nicht davon sprechen, wie düster die Zukunft aussieht. Erzähle mir von den Tagen ihres Glanzes. Wie war es dort, als sie noch in Gondors Hand war?" fragte Aerien.
"Zwar sagten die Leute immer, die Stadt hätte zuwenige Einwohner gehabt, und vielleicht stimmte das zu meiner Zeit auch, denn einige Häuser standen leer," gab Beregond zur Antwort. "Doch für mich pulsierte sie vor Leben. Ich liebte... nein, ich liebe die Weiße Stadt. Nur mit großen Schmerzen im Herz ließ ich sie zurück."
"Du erfüllst deine Pflicht," sagte sie. "Du tust das Richtige. Ich bin mir sicher, Fürst Imrahil wird bald einen Angriff befehlen um Minas Tirith zu befreien, wenn er sicher sein kann, dass Mordor keine Verstärkung aus dem Süden erhalten wird. Aragorn sagte mir, dass Imrahil ein weiser und tapferer Anführer ist."
"Aragorn..." wiederholte Beregond. "Sage mir, Aerien, wie steht es um den König? Wird er im Dunklen Turm gefoltert?"
"Er wird auf der Turmspitze gefangen gehalten, doch sie haben es aufgegeben, ihn zu foltern. Sie können seinen Geist nicht brechen. Zumindest kam es mir so vor," antwortete Aerien.
"Ja, dass er stark ist sagte mir Elea auch," meinte Beregond leise.
"Elea... Hast du also Aragorns Verwandte getroffen?" fragte sie.
"Sie lebte einige Monate in der Stadt, bevor das Volk gegen den Statthalter Mordors, Herumor, rebellierte. Sie floh nach Ithilien, doch als ich Damrod nach ihr fragte sagte er mir, sie sei kurze Zeit später weiter nach Tolfalas gereist. Dort sollte sie in Sicherheit sein. Ich habe sie als eine tapfere, gutherzige Frau kennengelernt. Ich glaube, alle aus ihrem Volk sind so."
"Du meinst die Dúnedain Arnors?"
"Ja. Diejenigen, die ich auf dem Pelennor und am Morannon sah hatten alle ernste Gesichter und mutige Herzen. Das waren echte Kämpfer, die Graue Schar! Ich glaube, sie hielten den übermächtigen Horden Mordors am allerlängsten stand als die dunkle Flut sich gegen sie auftürmte."
"Eines Tages möchte ich ihr Land im Norden besuchen," sagte Aerien ehrfürchtig.
"Nun, wir sind nur leider gerade auf dem Weg in die andere Richtung," gab Beregond zurück. "Konzentrieren wir uns auf den Auftrag. Wir sollten jetzt schlafen, damit wir morgen früh weiterreiten können."
Und genau das taten sie dann auch.

Insgesamt brauchten sie drei Tage, um Harondor in südlicher Richtung zu durchqueren. Am Mittag des dritten Tages schließlich tauchte vor ihnen am Horizont das langgezogene blaue Band des südlichen Grenzflusses auf.
"Der Harnen liegt in Sichtweite," sagte Beregond. "In den Tagen von Gondors Macht war dies die Südgrenze des Königreiches, doch auch im noch weiter südwestlich gelegenen Umbar folgte man den Befehlen der Erben Anárions."
"Glaubst du, wir finden dort, wen wir suchen?" wollte Aerien wissen. Sie hatten in Harondor bisher keine Spur von Qúsay oder seinen Gefolgsleuten entdecken können. Sie begann bereits daran zu zweifeln, dass es ihnen überhaupt irgendwann gelingen würde.
"Wir werden es sehen, wenn wir dort sind," antwortete der Gondorer. "Komm. Es sind nur noch wenige Meilen. Eilen wir uns!"
Sie trieben ihre Pferde an und ritten auf der Harad-Sraße durch das zum Fluß sanft abfallende Land auf die Furten zu.


Aerien und Beregond zu den Furten des Harnen
« Letzte Änderung: 21. Jan 2020, 20:48 von Fine »
RPG:

Rohirrim

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Reise von Umbar nach Gorak
« Antwort #2 am: 9. Sep 2017, 00:04 »
Zarifa aus den Straßen von Umbar

Die Fahrt nach Gorak war lang und beschwerlich. Dreißig Menschen, zusammengepfercht auf engstem Raum, mit wenig zu essen, wenig zu trinken, keinerlei Wachmöglichkeiten und nur einem kleinen Gitter für die Luftzufuhr. Und das über mehrere Wochen hinweg. Der Gestank, das Schlafen auf dem Boden und der Mangel an vernünftigen Mahlzeiten – Das alles war unerträglich.
Unter den Gefangenen befand sich auch eine junge Frau, etwa 19 Jahre alt, 1,76 m groß, mit langen, zerzausten, braunen Haaren, die den Willen am Leben fast verloren zu haben schien. Zarifa - früher die laute, aufbrausende Anführerin der Hausbesetzer in Umbar, sprach nun mit fast niemandem mehr. Die meisten Zeit kauerte sie einfach nur in einer Ecke, während stumme Tränen ihre Wange herunterrollten. Teilweise verweigerte sie das Essen. In manchen Momenten, wollte sie nichts lieber tun, als einfach einzuschlafen und nie wieder aufzuwachen. Nie wieder etwas fühlen zu müssen, schien in ihrer gegenwärtigen Lage wie das Paradies. Ihr Traum einer Man hatte sie misshandelt. Und sie hatte den einzigen Menschen verloren, der jemals für sie da gewesen war und damit den einzigen Menschen, der sie in ihrer derzeitigen Situation möglicherweise hätte trösten können. Was blieb ihr jetzt noch? Ein Leben in Gefangenschaft? Dazu gezwungen, Befehlen zu gehorchen? Befehlen von der Sorte Menschen, die sie verachtete? War der Tod wirklich schlimmer als das?
Nur zwei Dinge, trieben die junge Haradan an, weiterzumachen. Nicht einfach mit dem Essen aufzuhören. Nicht einfach aufzugeben. Zum einen war das ihr Zorn. Ihr Zorn, auf die Leute, die ihr das alles angetan haben. Sie konnte diese Leute einfach nicht davon kommen lassen. Hasael, Yasin, den Mörder von Ziad, dessen Namen sie nicht kannte. Sie durfte nicht zulassen, dass diese Leute einfach weitermachen konnten. Dass noch mehr Leute so leiden mussten, wie sie es getan hatte. Aufzugeben bedeutete, diesen Leuten den Sieg zu schenken und das wollte sie nicht. Auch wenn sie keine Ahnung hatte, was sie tun sollte, war es dieser Zorn, der es ihr manchmal ermöglichte, die Trauer beiseite zu schieben. Zarifa hatte schon oft gesagt, dass sie jemanden hasste. Doch jetzt wusste sie, dass es bisher jedes mal gelogen war, denn das was sie gegenüber Yasin und dem Mörder von Ziad empfand, war stärker als alles, was sie jemals im Leben gefühlt hatte. Ihre Verachtung für diese Menschen, war nicht in Worte zu fassen. Und auch wenn das kein schönes Gefühl war, so war es doch ein motivierendes. Nicht jede Nacht musste sie im Traum erneut die Misshandlung durch Yasin durchleiden. Die Finger, die sie berührten, obwohl sie es nicht wollte. Das laute, fast hysterische Lachen, wenn Zarifa um Hilfe rief. Das Gefühl, vollkommen wehrlos zu sein. Nein, in manchen Nächten träumte sie von Rache. Sie träumte davon, Yasin gefesselt ins Meer zu werfen. Ihm beim Ertrinken zuzuschauen. Sie träumte davon, das Messer, das Ziads Blut an sich kleben hatte in das Herz seines Besitzers zu stechen. Diese Vorstellungen gefielen ihr. Und sie ermöglichten es ihr, zu einem gewissen Grad nach Vorne zu sehen.
Und zum anderen war da noch Tekin. Ein junger Mann, mit dem Zarifa bereits vor ihrer Gefangennahme einige Male geredet hatte. Er hatte versucht, sie zu trösten, nachdem sie zu den Kutschen zurückgekehrt war. Und auch wenn es zu dem Zeitpunkt nichts gab, was sie hätte trösten können, war sie doch froh, dass Tekin es versucht hatte. Er war ebenso schlank, wie Zarifa selbst, hatte etwas hellere Haut und kurze, schwarze Haare. Und wenn er Zarifa mit seinen braunen Augen ansah, bekam sie auf einmal wieder Lust, etwas zu Essen. Er war der Einzige, der sich wirklich um sie zu kümmern schien. Die meisten anderen ehemaligen Hausbesetzer schienen mehr mit sich selbst beschäftigt zu sein, und einige gaben mit Sicherheit Zarifa die Schuld für die Versklavung, auch wenn es niemand offen aussprach.

Dies war der Abgrund. Tiefer konnte sie einfach nicht fallen. Doch es würden auch wieder hellere Tage kommen. Dafür würde sie sorgen.

Zarifa und Tekin nach Gorak
« Letzte Änderung: 16. Jan 2019, 13:47 von Fine »
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Char Zarifa in Rhûn

Eandril

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Re: Harondor
« Antwort #3 am: 29. Jan 2019, 12:19 »
Narissa und Aerien aus Tol Thelyn

Narissa saß auf der Reling, ließ die Beine baumeln und aß eine Orange, während vor ihr die Küste Harads vorüberzog. Hier, nördlich von Umbar, war die Gegend grüner und weniger felsig als im Süden, doch schienen hier nur wenige Menschen zu leben. Das ein oder andere Fischerdorf hatte sie entdeckt, doch mehr auch nicht. An der Mündung des Harnen hofften sie auf ein Dorf zu stoßen und ein Boot zu finden, dass sie den Fluß hinauf nach Osten bringen würde. Wenn ihnen das nicht gelang, würden sie zu Fuß gehen müssen. Narissa wusste nicht, welche Möglichkeit ihr verlockender erschien - beschwerlicher, dafür langsamer am Ziel, oder bequemer und dafür umso schneller am Ziel ihrer Reise. Sie warf einen Blick über die Schulter, wo Gatisen und Kani an der anderen Reling standen und die Köpfe zusammensteckten. Kani sagte etwas, worüber Gatisen lachen musste. Narissa wandte mit einem verächtlichen Schnauben den Kopf ab. Sie hatte seit ihrer Abfahrt von Tol Thelyn kein Wort mit einem der beiden gewechselt, worüber Gatisen ein wenig gekränkt schien. Gut so. Narissa hatte im Augenblick nicht die Absicht, sich Freunde unter den Kermern zu machen - sie sollten ruhig spüren, was ihr König angerichtet hatte.
Der Gedanke an Músab verdarb ihr den Appetit, und sie warf den Rest ihrer Orange mit Schwung ins Wasser. Die Küste vor ihr wurde immer flacher und sumpfiger. Offenbar näherten sie sich der Mündung des Harnen, was Narissas Laune nicht gerade zuträglich war.
Hinter sich hörte sie leise Schritte, und ein Arm legte sich um ihre Taille. "Was hat dir die arme Frucht getan, dass du sie ertränkst?", fragte Aeriens Stimme neben ihr, und unwillkürlich musste Narissa trotz allem lächeln. "Gar nichts. Es ist nur..." Sie wandte sich nach links und blickte Aerien ins Gesicht. Diese hob eine Augenbraue. "Es ist einige Zeit her, dass ich dich so schlecht gelaunt gesehen habe."
Narissa zuckte mit den Schultern, und wich Aeriens Blick aus. Aerien deutete mit einem Kopfnicken in Gatisens Richtung. "Ist es immer noch ihretwegen? Mach dir darüber nicht so viele Gedanken, das ist es nicht wert." Narissa seufzte und schüttelte den Kopf. "Nein, das ist es nicht... nicht wirklich. Ich meine, ich bin immer noch wütend auf König Músab, ganz egal was er sagt, und wenn immer wenn ich die beiden sehe, kommt die Wut wieder hoch. Aber..." Sie unterbrach sich erneut, und begann nervös das Tau zu ihrer Rechten in den Fingern zu drehen. Aeriens Arm drückte sie ein wenig fester. "Kopf hoch, 'Rissa. In ein paar Stunden sind wir sie los und auf dem Weg zu einem neuen Abenteuer."
"Das... ist es ja gerade", sagte Narissa leise, und blickte Aerien wieder in die Augen, bevor sie erneut verlegen weg sah. "Ich... ich fürchte, ich habe ein wenig Angst davor." Ihr Stimme wurde immer leiser, bis sie nur noch ein Flüstern war. Aerien rückte ein wenig näher und legte den Kopf an ihre Schulter. "Ich auch", erwiderte sie leise. "Wahrscheinlich noch mehr als du. Aber es gibt keinen Grund, sich dafür zu schämen."
"Ich weiß nicht." Narissa ließ den Kopf hängen. "Seit Abel dachte ich, dass mir nichts mehr Angst machen könnte. Dass ich wirklich mutig wäre. Aber jetzt... jetzt fürchte ich mich wirklich." Das Eingeständnis machte sie verlegen, doch gleichzeitig glaubte sie nicht, dass sie sich gegenüber irgendjemand anderem als Aerien dazu hätte durchringen können. "Wie kann ich noch mutig sein, wenn ich solche Angst habe?"
Aerien ließ sie los, und kletterte gewandt neben sie auf die Reling, bevor sie wieder den Arm um Narissas Schultern legte. "Sieh mich an."
Ein wenig unwillig kam Narissa ihrem Wunsch nach und Aerien blickte ihr direkt in die Augen. "Man kann nur wirklich mutig sein, wenn man sich vor etwas fürchtet. Denn wahrer Mut ist, seine Furcht zu überwinden, und trotzdem zu handeln. Und wenn wir ehrlich sind... wer sich vor einer Reise nach Mordor nicht fürchtet, ist nicht besonders tapfer, sondern dumm." Trotz allem musste Narissa lachen. "Gut, dann sind wir zumindest nicht dumm. Das ist immerhin etwas."
"Ganz sicher nicht, denn ich habe auch furchtbare Angst vor dem, was mich in Mordor erwartet", gestand Aerien. "Und trotzdem glaube ich, dass wir es schaffen werden. Gemeinsam."
"Ja", stimmte Narissa zu, und blickte nach Osten, wo allmählich die Mündung des Harnen in Sicht kam. "Gemeinsam."
« Letzte Änderung: 29. Jan 2019, 13:22 von Fine »

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

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Der verborgene Pfad
« Antwort #4 am: 5. Feb 2019, 11:54 »
Aerien blickte über die steinige Einöde Harondors hinaus. Obwohl die Sonne schien und sich kaum Wolken am Himmel zeigten, fror die junge Frau. Es war inzwischen Ende Dezember, wenn sie richtig gerechnet hatte, und selbst hier, im südlichsten Teil Gondors, war der Winter deutlich zu spüren. Sie hatten Harad und seine milden Temperaturen hinter sich gelassen und waren mit einem Boot den Fluss Harnen hinauf gefahren, bis die seichten Furten des Flusses sie dazu gezwungen hatten, zu Fuß weiter zu reisen. Und nun, vier Tage nach ihrem Aufbruch von Tol Thelyn, hatten sie die trostlosen Vorgebirge des Ephel Dúath, des Schattengebirges erreicht. Kaum etwas wuchs in dieser felsigen, grauen Einöde. Jenseits der schwarzen Bergspitzen, die im Osten wie abgebrochene Zähne in den Himmel ragten, lag der Ort in Mittelerde, dem sie am liebsten so fern wie möglich geblieben wäre. Und doch war genau dieser Ort nun ihr Ziel. Mordor.

"Warum starrst du so verdrossen in die Ferne, Azrûphel? Freust du dich etwa nicht darauf, nach Hause zu kommen?"
Karnuzîr, dachte Aerien. Seine heisere Stimme holte sie auf unangenehme Art und Weise zurück ins Hier und Jetzt. Von Beginn ihrer Reise nach Mordor schon hatte die Gegenwart ihres Vetters Aerien ein ungutes Gefühl gegeben. Sie nahm ihm seine unerwartete Bereitschaft zur Kooperation nicht ab. Sie glaubte kaum, dass Karnuzîr sich nur durch etwas Folter von Edrahils Hand zu einem solchen Sinneswandel bringen ließe. Nicht nach dem, was er ihr einst angetan hatte. Während der Schifffahrt hatte sie ihn nicht sehen müssen, denn er war unter Deck eingesperrt geblieben. Doch seitdem sie die Boote hinter sich gelassen hatten, war er gezwungenermaßen stetig in Aeriens Nähe gewesen.
Karnuzîrs Hände waren zusammengebunden und er war unbewaffnet. Doch anstatt der Lumpen, die er im Kerker von Tol Thelyn getragen hatte, war er nun wieder in hochwertigere Kleidung gehüllt, damit die Täuschung überhaupt gelingen konnte. Karnuzîrs Aufgabe lautete, Aerien und Narissa als seine Gefangenen auszugeben, wenn sie Barad-dûr erreichten, und ihnen somit Zutritt zum Dunklen Turm zu verschaffen. Als Aerien sich erneut vor Augen hielt, wie wahnwitzig dieser Plan eigentlich war, hätte sie beinahe gelacht.
Sie ließ sich nicht dazu herab, ihrem verhassten Vetter zu antworten. Für den Augenblick arbeiteten sie notgedrungen zusammen, doch Aerien wäre es lieber gewesen, wenn Karnuzîr auf Tol Thelyn geblieben wäre. Sein Anblick und insbesondere der Klang seiner Stimme machten sie krank.
"Bist dir wohl zu fein für eine Antwort, ûkali," zischte er. Sie zuckte innerlich zusammen, als sie das Wort hörte. Es stand für den niedrigsten Rang in der Gesellschaft der Schwarzen Númenorer, den eine Frau erreichen konnte. Jemand in dieser speziellen Situation besaß keinerlei Wert mehr und diente nur noch dazu, die Gelüste der breiten Masse Durthangs zu befriedigen. Viele zogen den Tod diesem Schicksal vor.
"Halt den Mund," sagte Narissa mürrisch. "Niemand hat dich nach deiner Meinung gefragt."

Innerlich kochte Aerien. Sie hätte Karnuzîr gerne geschlagen, doch sie wusste, dass er die Mühe nicht wert war. Und als sie ihn aus den Augenwinkeln betrachtete, erkannte sie, dass er es ihr ansah, wie sie über ihn dachte. Es schien ihn zu belustigen. Damit sie sein gehässiges Grinsen nicht länger ertragen musste, zog Aerien die Karte Arandirs hervor, die Bayyin ihnen gegeben hatte, nachdem er eine Kopie davon angefertigt hatte. Sie hielt sie ausgebreitet vor sich, während sie Narissa in grober östlicher Richtung bergauf folgte. Irgendwo in einer Schlucht ganz in der Nähe hörte sie den Harnen plätschern, der hier bereits nicht mehr als ein Bach war.
"Von der Quelle des Harnen aus sollen wir knapp eine Meile nach Norden ins Gebirge hinauf gehen," erinnerte sie Narissa, die voran ging. "Bayyin hat hier eine rote Linie eingezeichnet, der wir folgen könnten."
"Einer geraden Linie in unwegsamer Wildnis zu folgen ist nicht so leicht, wie du denkst," erwiderte Narissa, als sie gerade einen großen Felsen vor ihr erkletterte. "Aber es scheint, als ob uns das Schicksal - oder sonst wer - gewogen ist. Ich glaube, das da vorne ist die gesuchte Quelle."
Aerien erreichte den Felsen und umrundete ihn, anstatt darüber zu klettern. Eine steile Felswand erhob sich vor ihr, die ihren bisherigen Weg nach Osten kreuzte. Der unebene Abhang zu ihrer Rechten verbarg das Rinnsal des Harnen, dessen Ursprung, wie Narissas scharfe Augen erkannt hatten, am Grund der Felswand lagen. Dort strömte das Wasser in einem ungefähr faustgroßen Strahl hervor und verschwand zwischen den Felsen, um sich dann auf dem steinigen Untergrund zum Bach des Harnen zusammenzufinden.
"Hier geht es nach Osten nicht weiter," stellte Aerien unnötigerweise fest. Die Felswand überragte sie um mehrere Dutzend Meter und war so steil, dass an eine Klettertour nicht zu denken war.
"Dann tun wir es Arandir gleich und gehen nach Norden," meinte Narissa. "Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg." Sie sprang geschickt von dem Felsen herab und wandte sich in die besagte Richtung.

Die felsige Böschung stieg nach Norden hin scharf an und führte sie schon bald in eine sich nach oben hin verengende Schlucht, in der sie immer wieder aufgrund des unebenen Bodens stolperten und sich Schürfwunden zuzogen. Sie waren schließlich gezwungen, Karnuzîr von seinen Handfesseln zu befreien, was Aerien nur schwer ertrug.
Seine Hände, dachte sie voller Ekel. Ich hasse sie am meisten von allem, was an ihm ist. Er hat mich angefasst, mit diesen Händen. Das werde ich niemals wieder zulassen.
Karnuzîrs schiefes Grinsen, als Narissa die Fesseln durchtrennte, machte es noch schlimmer. Aerien musste sich zwingen, wegzusehen. Ich hasse ihn, ich hasse ihn so sehr, dachte sie, während sie sich den steilen Abhang am Ende der Schlucht hinaufkämpfte. Dabei fiel ihr ein, wie sie einst Narissa davon abgehalten hatte, Karnuzîr zu töten, kurz nachdem Thorongil und seine Nichte Aerien gerettet hatten. Inzwischen wünschte sie sich beinahe, sie hätte damals anders gehandelt.

Die Sonne stand bereits tief über den trockenen Ebenen Harondors, die im Westen hinter ihnen lagen. Aus der Schlucht hinaus kamen sie auf ein hoch gelegenes Plateau, das nach Süden und Westen hin offen war und ihnen einen atemberaubenden Ausblick bot. Im Norden und Osten ragten zerklüftete, scharfkantige Felswände auf.
Erneut holte Aerien die Karte hervor. "Bayyin sagte, dass es hier irgendwo einen Felsen geben muss, in den ein Weißer Baum eingraviert worden ist. Hinter diesem Felsen liegt der Eingang zu Arandirs Pfad versteckt... wenn die Karte denn stimmt."
"Natürlich stimmt sie," entgegnete Narissa. "Ein Weißer Baum also, der steht für Gondor. Sehen wir uns um - irgendwo hier wird die Gravierung schon zu finden sein."
Mehr als eine Stunde suchten sie das Plateau und dessen nähere Umgebung vergeblich ab. Die Sonne sank tiefer, bis sie schließlich vollständig verschwand und das Tageslicht mit sich nahm, was ihre Suche nicht gerade einfacher machte. Arandir lebte vor über dreitausend Jahren, dachte Aerien. Wir hätten wissen müssen, dass sich in einer so langen Zeitspanne selbst an verlassenen Orten wie diesem einiges verändern kann. Felsen können zu Staub zerfallen, Steine können umstürzen. Selbst Berge können vergehen...
"Ich fürchte, wenn es hier eins wirklich einen Weg nach Mordor gegeben hat, ist er längst verschwunden," gab sie sich schließlich geschlagen, als es keinen Zweifel mehr daran geben konnte, dass es Nacht geworden war.
"Du darfst jetzt nicht aufgeben, Sternchen," erwiderte Narissa, doch Aerien hörte am Klang ihrer Stimme, dass auch Narissas Hoffnung zu schwinden begonnen hatte. "Es muss hier sein. Es steht hier so auf der Karte!"
"Narissa, diese Karte ist mehr als ein gesamtes Zeitalter alt. Die Welt hat sich seither verändert. Wer weiß, wo der Felsen mit dem Weißen Baum nun liegt? Vielleicht ist er in den Harnen gestürzt oder wurde vor Jahrhunderten schon von den Winden zerbrochen."
"Das glaube ich nicht," hielt Narissa noch immer dagegen.
Der Wind frischte auf und verwirbelte Aeriens Haare. Sie wusste nicht, was sie antworten sollte. War ihre Fahrt zur Rettung Aragorns wirklich schon an ihr Ende gelangt? Wohin sollten sie nun gehen, wenn der Pfad Arandirs sich als Mythos herausstellte? Sollten sie in Schande nach Tol Thelyn zurückkehren und den Gefangenen des Dunklen Herrschers seinem Schicksal überlassen?
Narissa stieß einen lauten Fluch aus und versetzte einem der Felsen einen frustrierten Tritt. Dann ließ sie sich auf einen flachen Stein fallen und rieb sich den schmerzenden Fuß. Aerien legte ihr die Hand auf die Schulter und spürte, wie Narissas Körper erzitterte. Sie gab keinen Ton von sich, und doch spürte Aerien, wie es in Narissa brodelte.
"Vielleicht... sollten wir etwas schlafen," schlug sie zaghaft vor, weil ihr nichts Besseres einfiel. "Womöglich haben wir einfach etwas übersehen. Morgen haben wir wieder genügend Licht, um weiterzusuchen... auch wenn mein Herz mir sagt, dass es zwecklos sein wird."
Narissa spannte sich bei diesen Worten spürbar an. "Nein. Das kann nicht richtig sein. Es hätte hier sein müssen. Es hätte..." ihre Stimme versagte.
"Schhhh," machte Aerien und legte den Arm um ihre Freundin. "Das ist nicht das Ende. Wir können..."
"Trotz all eurem Stolz und hochfahrenden Worten seid ihr dennoch zu blind, um jenes zu sehen, das sich genau vor eurer Nase befindet," ertönte Karnuzîrs verhasste Stimme und ließ Aerien aufschrecken.
"Was redest du da für einen Unsinn," antworteten Narissa.
"Seht doch. Das Mondlicht bringt das uralte Geheimnis hervor." Karnuzîr stand am Nordrand des Plateaus und zeigte auf etwas, das Aerien nicht sehen konnte. Widerwillig erhob sie sich und trat neben ihren Vetter. Und riss voll Staunen die Augen auf. Vor ihr, inmitten der steinigen Felswand, die am Rande des Plateaus nach Norden aufragte, war im Mondlicht eine schwach leuchtende Form aufgetaucht. Ein Baum, über dem sieben Sterne prangten.
"Mondrunen," flüsterte Narissa andächtig. "Mein Großvater hat mir davon erzählt."
"Arandir muss sie hier einst angebracht haben," mutmaßte Aerien ehrfürchtig. "Ich dachte... bis jetzt dachte ich, Arandirs Geschichte wäre nicht mehr als das. Eine Geschichte. Doch jetzt wird mir klar, dass sein Bericht wahr sein muss. Narissa... es tut mir Leid, dass ich gezweifelt habe."
Narissa nickte fröhlich. "Mit Mondrunen hätte ja niemand rechnen können. Ich drücke also in Arandirs Namen nochmal ein Auge zu, Sternchen." Sie fuhr andächtig mit dem Finger über die feinen Linien im Fels. "Hier muss der Eingang sein." Ihre Hand tastete weiter und erreichte eine unscheinbare Felsspalte neben dem Weißen Baum und Narissas Finger glitten hinein. Sie zog daran - und wäre beinahe von dem sich nach vorne neigenden Felsen erschlagen worden, wenn Aerien und Karnuzîr den großen Stein nicht rechtzeitig abgestüzt hätten. Der Spalt hatte sich verbreitert und Narissa schlüpfte rasch hindurch.
"Hier ist ein Weg! Er führt durch eine Höhle, aber ich sehe Licht am anderen Ende! Das muss Arandirs Geheimnis sein!" Sie tauchte auf der anderen Seite des Felsens auf und hielt ihn fest, sodass auch Aerien und Karnuzîr sich durch den Spalt zwängen konnten, ehe der Stein mit einem tiefen Grollen wieder in seine ursprüngliche Position rutschte. Dunkelheit umfing die drei Menschen, doch Narissa hatte die Wahrheit gesagt. Ein Licht am Ende der Höhle leitete ihre Schritte, die stetig steil bergauf führten. Als sie den Ausgang erreicht hatten, fanden sie sich auf der anderen Seite der großen Felswand wieder, in der Arandirs Felsen eingelassen war. Vor ihnen lag ein sich windender Pfad, der hinauf ins Schattengebirge führte.
"Wir haben Arandirs Weg gefunden," sagte Narissa. "Und jetzt werden wir ihn beschreiten." Entschlossen ging sie voran, und Aerien folgte ihr auf dem Fuß.


Narissa, Aerien und Karnuzîr nach Mordor
« Letzte Änderung: 1. Apr 2019, 15:10 von Fine »
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