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Autor Thema: Durthang  (Gelesen 10235 mal)

Fine

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Durthang
« am: 16. Feb 2016, 18:26 »
Azruphel vom Barad-dûr


Die Wächter des Tals von Aglarêth(1) empfingen sie an der Kreuzung der Straßen vom Carach Angren und von Minas Morgul. Die Orks mussten hier umkehren. Ihresgleichen war der Zutritt zum Tal nicht gestattet.
Azruphel kannte die meisten der Adûnâi in deren Begleitung sie nun den Rest des Weges nach Durthang zurücklegte. Arnitîr, ihr Anführer, war einer der Kampfgefährten ihres Bruders Balakân gewesen bevor dieser ins Land Azûl(2) entsandt worden war.
Rhûn, korrigierte sie sich, während sie sich fragte, wie es ihrem Bruder wohl ergangen war. Es heißt Rhûn auf Sindarin. Sie durfte ihre Übungen nicht vernachlässigen. Zwar hatte Aragorn ihr geholfen, die Elbensprache im durchschnittlichen Maße zu sprechen und verstehen zu lernen, doch wollte sie sich weiter verbessern. Vielleicht treffe ich eines Tages einen der Elben. Dann wird mein Können auf die wahre Probe gestellt.

Bald schon erreichten sie Durthang, die Festung der Schwarzen Númenorer. Viele verwunderte Gesichter erblickte sie, doch sie kam mit einem offiziellen Befehl aus Barad-dûr. Niemand stellte das in Frage. Sie würde nicht lange bleiben und schon bald die Straße zum Morgul-Tal nehmen, doch konnte sie Mordor nicht verlassen, ohne sich von ihrer Mutter zu verabschieden. Sie fand Lôminzil auf dem großen Balkon des höchsten Turms, der über die Ebene von Gorgoroth nach Südwesten hinaus blickte.
"Hohe Mutter," sprach sie die angemessenen Grußworte und neigte leicht das Haupt.
"Azruphel! Dein Eintreffen hier ist überraschend," äußerte sich ihre Mutter, die sie jedoch froh umarmte. "Was verschlägt dich hierher? Hat dir nicht dein Vater geboten, im Dunklen Turm zu bleiben?"
Sie mochte Intrigen und Täuschungen meisterlich beherrschen und sogar Gothmog in die Irre geführt haben, doch ihre Mutter konnte sie nicht belügen. Alle ihre Fähigkeiten hatte sie von Lôminzil erlernt. Also versuchte Azruphel es erst gar nicht.
"Ich werde fortgehen, Mutter. Ich gehe nach Gondor und kehre vorerst nicht zurück," sagte sie daher.
Ihr Mutter blickte sie scharf an. "Du vergisst, wo dein Platz ist, Azruphel. Wenn dein Vater davon erfährt, wird er schwer enttäuscht sein, dass du ihm den Gehorsam verweigerst."
"Mutter, Ihr versteht nicht," antwortete Azruphel. "Dies ist etwas, was ich tun muss."
"Nein, Azruphel, ich verstehe dich nur allzu gut," sagte Lôminzil mit leiser Stimme. Azruphel wunderte sich. Sie hatte erwartet, dass ihre Mutter sie schelten und versuchen würde, sie an der Abreise zu hindern. Doch mit Verständnis hatte sie nicht gerechnet.
"Auch ich hatte einst Träume," fuhr ihre Mutter fort. "Die Welt wollte ich entdecken und mit einem Schiff meiner Verwandten in Umbar die Wellen des Großen Meeres bezwingen. Mit etwas Glück die Insel des Minul-Târik(3) entdecken und unsterblichen Ruhm als erste Rückkehrerin nach Akallabêth(4) erlangen....
Doch wir bekommen nicht immer, was wir uns wünschen, meine Tochter. Ich wurde mit deinem Vater verheiratet und blieb in Aglarêth. Und es ist ein gutes Leben. Fliehe nicht vor dem Schatten. Fürchte dich nicht. Der Große Gebieter gibt uns Sicherheit. Er gibt uns eine Aufgabe. Ein Schicksal. Du darfst dich davor nicht verschließen. Ich bitte dich, kehre zurück zum Dunklen Turm!"

Azruphel atmete tief aus. Sie blieb einen Moment still und legte ihre Gedanken zurecht. "Ich werde mein eigenes Schicksal wählen, Mutter. Und ich weiß, Ihr werdet mich nicht aufhalten."
"Nein, das werde ich nicht, Azruphel. Ich liebe dich. Doch es bricht mir das Herz, dich gehen zu lassen," antwortete Lôminzil mit trauriger Stimme.
Wenn dies der Preis für meine Entscheidung ist, dann werde ich ihn zahlen. Ich muss. Stumm trat sie zu ihrer Mutter und schloss sie lange Zeit in die Arme. Schließlich wandte sie sich ab und verließ den Raum ohne sich umzublicken. Tränen liefen ihr die Wangen herab, doch kein Ton kam über ihre Lippen. Überlebe, sagte die Stimme tief in ihrem Innern. Überlebe.

Ihre Mutter würde sie nicht verraten. Die Tarnung des Auftrags aus dem Dunklen Turm würde sie sicher bis an die Grenzen des Schattenlandes bringen, das wusste sie. So machte sie sich von Durthang auf und verließ den Ort ihrer Kindheit auf demselben Weg, auf dem sie gekommen war. An der Kreuzung angekommen wählte Azruphel den Weg nach rechts und betrat die Straße zwischen dem Morgai und dem Schattengebirge.


Azruphel ins Morgultal


(1) adûnâisch "Glorreiche Festung"
(2) adûnâisch "Osten"
(3) adûnâisch "Himmelspfeiler (Meneltarma, der Zentralberg Númenors)
(4) adûnâisch "Die Gefallene" (Númenor nach dem Untergang)
« Letzte Änderung: 26. Aug 2017, 08:24 von Fine »
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Eine Heimkehr
« Antwort #1 am: 4. Okt 2019, 21:33 »
Narissa, Aerien, Gimli und Aragorn von der Ebene von Gorgoroth

Eine breite und gut ausgebaute Straße führte von der Kreuzung einige Wegstunden westlich der Isenmünde nach Norden ins Schattengebirge hinauf. Hier thronten die höchsten Gipfel des Ephel Dúath, die das eingeschlossene Tal von Durthang in ihrem Herzen bargen. Das Tal selbst maß nur wenige Meilen und wurde von der gewaltigen Bergfestung der Schwarzen Númenorer dominiert, die am jenseitigen Rand der kleinen Ebene einer Spinne gleich auf einem großen Felsplateau an den Knien der schwarzen Berge hockte. Die alten gondorischen Baumeister hatten sie als Kommandozentrale der Wachmannschaften erbaut, die einst nach Saurons Niederlage über das verlassene Mordor gewacht hatten, doch die ursprüngliche Festung war seit ihrer Inbesitznahme durch die Adûnâi stetig erweitert worden. Schlanke, düstere Türme reckten sich langen, scharfen Klauen gleich in den dunklen Himmel und die drohenden Mauern bestanden aus den schwarzen Felsen der umlirgenden Berge und wirkten ganz und gar undurchdringlich. Wer die Festung kannte, der wusste, dass ihr Äußeres einem nur einen Bruchteil ihrer ganzen Größe offenbarte, denn unter den Fundamenten ruhten zahllose Gruben und Verliese, in denen Folter und Qualen an der Tagesordnung waren.
"Was für ein trostloser Ort," kommentierte Narissa, als sie das Tal zum ersten Mal erblickte. Sie gingen auf einem der Nebenwege der Hauptstaße, der parallel zum Hauptzugang des Tales etwas weiter nördlich und in größerer Höhe verlief. Aerien wusste, dass dieser Zugang von weniger Wachen geschützt wurde als die Hauptstraße - und sie wusste, wann die Wachablösung stattfand. Zwei Biegungen weiter würden sie an ein kleines Wachhaus kommen, das den Pfad sicherte. Sie waren an einem Punkt stehen geblieben, der ihnen einen guten Ausblick über das gesamte Tal bot.
"Wenn die Wachablösung bevorsteht, geht einer der beiden Wächter hinein, um nach seiner Ablösung zu schicken. Für einige kurze Minuten wird der Pfad dann nur von einer Person bewacht werden," erinnerte Aerien die Gruppe an ihren Plan. Sie suchte Aragorns Blick. "Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Gleich erreicht die Sonne ihren höchsten Stand. Wir sollten gehen."
"Haltet euch dicht hinter uns," sagte Aragorn zu Narissa und Gimli, ehe er sich Aerien anschloss.
Sie gingen in unbehaglichem Schweigen nebeneinander her, bis Aerien Aragorn das Zeichen gab. Er verzerrte das Gesicht zu einer Maske der Schmerzen und stützte sich schwer auf ihre Schulter. Gemeinsam umrundeten sie die letzten Biegung und das Wachhaus kam in Sicht.
"Hilfe!" rief Aerien auf adûnâisch. "Wir brauchen Hilfe, er ist verletzt!"
Entgegen ihrer Hoffnung reagierte der Wächter zurückhaltend. Sein Helm mit dem schmalen Visier, der Aerien an Aglarân erinnerte, wandte sich ihnen zu und seine Hand wanderte zu dem Schwert an seiner Seite. "Wer geht dort?" blaffte der Soldat.
"Bitte!" wiederholte Aerien. "Der Pfad hinter uns ist nicht sicher! Ein Karagâth hat uns angefallen und drei von uns bereits in den Tod gerissen! Die Bestie wird gleich hier sein!" Sie stolperte mehrere Schritte auf den Wächter zu.
Der Soldat wirkte verwirrt. "Ein Karagâth? So weit im Norden?"
Aerien war nun beinahe heran. "Ihr müsst Durthang warnen!"
Aragorn gab einen Schmerzenslaut von sich und brach zwei Schritte vor dem Wächter zusammen. Sofort war Aerien an seiner Seite und tastete ihn wie voller Sorge ab. Als der Wächter sich misstrauisch zu Aragorn hinab beugte, sah sie ihre Gelegenheit gekommen. Der schwarze Dolch, den sie sich von Narissa geliehen hatte, zuckte aufwärts und fand die schwache Stelle der adûnâischen Rüstung zwischen Schulter und Hals. Gurgelnd brach der Mann zusammen.
Gerade rechtzeitig, denn im selben Moment bogen Narissa und Gimli um die Wegbiegung. Sie hasteten heran und Aerien gab Narissa ihren Dolch zurück. Dann nahm sie dem Toten seinen Schlüsselbund ab und verriegelte die Tür des Wachhäuschens von außen - kaum eine Sekunde bevor die Klinge heruntergedrückt wurde. Als sich die eisenbeschlagene Tür nicht öffnete, erklang ein derber Fluch aus dem Inneren.
"Wir müssen weiter," drängte Aerien. "Das wird sie nicht lange aufhalten!"

Zweimal entgingen sie nur äußerst knapp der Entdeckung, als sie sich im Schutze der nahen Felswand am nördlichen Rand des Tals auf die Festung Durthang zu pirschten. Dank Aeriens Ortskenntnissen gelang es ihnen, ungesehen zum Rand einer unscheinbar wirkenden Felsspalte kaum einen Steinwurf außerhalb der ersten Mauern zu gelangen. Hier waren sie vor Blicken geschützt, doch was viel wichtiger war: Hier lag einer der geheimen Zugänge ins Innere von Durthang.
Aerien atmete tief durch. So weit, so gut, dachte sie. Sie wechselte einen Blick mit Narissa, die aber sofort beiseite schaute. Noch immer war sie nicht damit einverstanden, dass Aerien alleine gehen wollte.
"Worauf wartest du, Kleine?" brummte Gimli. Der Zwerg wirkte abgekämpft. Die Flucht schien ihm mehr abverlangt zu haben, als er selbst zu glauben schien.
"Aerien," sagte Aragorn behutsam. "Gib dort drinnen gut auf dich Acht. Du bist unsere einzige Hoffnung."
Sie nickte. Eigentlich ist es keine schwierige Aufgabe, dachte sie bei sich. Der Tunnel, der unter ihren Füßen jenseits einer verborgenen Falltür begann, führte auf direktem Wege in die innersten Gemächer ihrer Familie. In das Herz des kleinen Reiches, in dem Aerien aufgewachsen war. Er war als letzte Fluchtmöglichkeit von den Herren der Festung unter größtmöglichster Geheimhaltung angelegt worden. Alle Sklaven, die am Bau beteiligt gewesen waren, waren vom Baumeister persönlich ermordet worden, ehe dieser nach Abschluss seines Werkes im Gegenzug vom damaligen Fürsten von Durthang getötet worden war. Niemand außer Aeriens Familie kannte diesen Weg. Sie musste ihn nur beschreiten, in das Gemach ihres Vaters eindringen und den Reif der stummen Wächter stehlen. Sie würde im Nu wieder draußen sein.

Aerien fasste sich ein Herz und ging in die Knie, um die versteckte Falltür zu öffnen. Ein modriger Geruch schlug ihr entgegen, doch sie ignorierte ihn. Sie nahm keine Waffen bis auf den kleinen verzierten Dolch aus Kerma mit sich, denn sie hoffte, sie würde keine brauchen. Und so suchte sie ein letztes Mal Narissa Blick, welche dieses Mal nicht beiseite blickte. Langsam und zögerlich nickte Narissa. Und das war aller Ansporn, den Aerien brauchte. Sie stieg die Leiter hinunter und kam in den dunklen Gang darunter. Uralter Staub kitzelte ihre Nase und sie musste sich in völliger Dunkelheit voran tasten, doch sie kannte den Weg. Es ging stetig aufwärts, bis ihre tastenden Hände auf eine feste, gemauerte Steinoberfläche trafen. Mit einer geübten Handbewegung griff sie nach links, wo ihre Finger über eine unscheinbare Kuhle in der Felswand strichen. Sie verharrte, ehe sie langsam den Dolch zog und einen winzigen Schnitt in ihrer Handfläche machte. Kaum war das warme Blut in Berührung mit der Einkerbung gelangt, spürte Aerien, wie der Widerstand vor ihr sich löste und sie mit einiger Anstrengung die Felsplatte beiseite schieben konnte. Atemlos kletterte sie hinaus und sah sich vorsichtig um.
Sie war im Vorzimmer des Gemaches von Varakhôr, dem Herrn von Durthang angekommen. Es war größtenteils leer bis auf einige Kriegstrophäen und diverse Banner, die von den Wänden hingen. Drei Türen führten aus dem Raum heraus. Zur Rechten ging es zu den Zugangswegen zum Rest der Festung, und mit Schrecken erkannte Aerien, dass dort zu beiden Seiten der Türe, außerhalb des Raumes, zwei finstere Wächter standen. Äußerlich waren sie kaum von Aglarân zu unterscheiden, selbst der dunkle Helmbusch war derselbe. Doch sie atmete auf, als ihr einfiel, dass die Wächter den Raum nur mit einem ausdrücklichen Befehl betreten würden, da ihnen ansonsten der Tod drohte. Solange sie Aerien nicht hörten, würden sie an Ort und Stelle bleiben.
Geradeaus führte ein weiterer Gang zu den Zimmern, die Aeriens Geschwistern gehörten. Ganz am Ende lag ihr eigenes Gemach und etwas in ihr bettelte sie an, dorthin zu gehen, sich ins Bett zu legen und einfach alles zu vergessen. Es wäre so leicht. Alles könnte wieder so wie früher sein, als sie keine Angst und keine Sorge gekannt hatte.
Narissas Gesicht tauchte vor ihrem inneren Auge auf, und Aerien schüttelte den verlockenden Gedanken ab. Sie wandte sich nach links. Hier ging es ins Allerheiligste der Festung von Durthang - die Kommandozentrale des Herrn des Tales. Ein großer, schwarzer Tisch dominierte den mit grauen Teppichen ausgelegten Raum, doch zu Aeriens Überraschung war dessen Oberfläche nahezu leer. Seitdem sie sich erinnern konnte, hatte Aeriens Vater stets allerlei Karten, Pergamente und Briefe auf seinem Tisch gestapelt gehabt und nur selten Ordnung geschaffen. Dass dem nun nicht so war, musste bedeuten, dass Varakhôr schon seit längerer Zeit nicht in Durthang gewesen war. Aerien war froh darüber.
Verborgen in einer Bodenluke unterhalb des steinernen Sitzes jenseits des Kartentisches fand sie, was sie gesucht hatte: Die Truhe mit den wichtigsten Besitztümern ihres Vaters. Aerien musste ein wenig darin herumkramen, bis sie den eisernen Armreif gefunden hatte, der ihren Freunden den Weg aus Mordor frei machen würde. Sie wagte nicht, das Schmuckstück überzustreifen, sondern steckte es in eine ihrer Taschen. Erleichtert verschloss sie die Truhe und die Bodenluke, richtete sich hinter dem Tisch auf - und erstarrte.
Aus den Augenwinkeln sah sie zu ihrer Linken eine Gestalt stehen. Langsam drehte Aerien sich zur Seite. Das Gemach ihres Vaters ging dort in einen großen Balkon über, der direkt über dem Haupttor der Festung lag und von dem man einen spektakulären Blick nicht nur über das Tal, sondern über die gesamte Ebene von Gorgoroth hatte. Sie sah in der Ferne den Orodruin und jenseits davon den Dunklen Turm aufragen. Doch vor Aerien, im Zentrum des Balkons, war jemand, der sich nun ihrer gesamten Aufmerksamkeit bemächtigte.
"So kehrst du also zu mir zurück, meine Tochter. Wie eine gewöhnliche Diebin aus den Schatten," sagte Lóminzîl, Gemahlin des Varakhôr, mit trauriger Stimme. Aeriens Mutter trug ein dunkelrotes Kleid, das ihrem Stand entsprach - verziert mit silbernen Stickereien und von exquisitem Schnitt. Um ihren schlanken Hals hing eine dünne Kette aus dunklem Stahl und in ihrem nachtschwarzen Haar steckten drei Blüten aus Silber. Ihre Ohrringe waren wie zwei blutrote Rubine. Doch Aerien bemerkte kaum etwas davon. Sie sah nur die Augen ihrer Mutter: grau, wie ihre eigenen. Und doch vollkommen anders.
"Hohe Mutter," brachte sie hervor.
"Azruphel. Was tust du hier?" fragte Lóminzîl. "Du solltest nicht hier sein, wenn du nicht gekommen bist, um Abbitte für deine Vergehen zu leisten."
Mit einem scharfen Blick forderte ihre Mutter Aerien dazu auf, zu ihr zu kommen. Jahrelang eingeübte Reflexe setzten ein, und wie im Traum bewegte sich Aeriens Körper, ohne dass sie es wollte. Schon stand sie vor ihrer Mutter auf dem weitläufigen Balkon.
"Ich... bin nicht hier, um..."
"Ich weiß," unterbrach Lóminzîl sie sanft. Noch immer war ihre Stimme von Traurigkeit geprägt. "Und du bist auch nicht gekommen, um Lebewohl zu sagen. Denn das hast du bereits."
Aerien erinnerte sich. Als sie aus Mordor geflohen war, hatte ihre Mutter sie gedeckt. Gewiß würde sie das auch wieder tun. Sie begann, Hoffnung zu schöpfen. Noch war nicht alles verloren. "Ich werde nicht wieder hierher zurückkehren," sagte sie mit nur leicht zitternder Stimme.
Lóminzîl nickte. "Nein, das wirst du nicht, meine Tochter. Oh Azruphel. Sage mir eines, Kind: War es all die Schmerzen und das Leid wert?"
Aerien blickte verwundert auf. "War was es wert?"
"Deine Flucht. Deine vielzähligen Torheiten, die du im wilden Süden begangen hast. Dein Abfall vom Auge des Gebieters. Du hast seinen Zorn auf dich geladen, Azruphel."
"Ich... ich fürchte ihn nicht," wagte sie zu behaupten.
Doch ihre Mutter schüttelte den Kopf. "Deine Lügen haben ihre Glaubwürdigkeit verloren, Kind."
Aerien wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Als Lóminzîl ihr die Arme entgegen streckte, ließ sie zu, dass ihr Körper sich mit zwei verhaltenen Schritten ihrer Mutter näherte - und sich sanft umarmen ließ.
In diesem Augenblick fielen alle Gedanken von Aerien ab. Sie erwiderte die Umarmung so innig sie es vermochte. Es war ihr, als würde dieser Augenblick ewig andauern.
"Ich bin froh, dass du zu mir zurückgekehrt bist, Azruphel," sagte Lóminzîl leise. "Es ist gut, dich wiederzusehen."
Aerien nickte und konnte nicht verhindern, dass ein Schniefen ihrer Nase entwich. Sie fühlte sich sicher. Ihre Mutter würde sie nicht im Stich lassen.
"Werdet Ihr... mir helfen, Hohe Mutter?"
"Das werde ich, Kind. Hab' keine Angst."
Ein kaum hörbarer Laut drang an Aeriens Ohr - wie ein Fuß, der leise und verstohlen auf eine weiche Oberfläche gesetzt wird. Sie spürte, wie ihre Mutter sich in der Umarmung regte.
"Hohe Mutter..."
"Es ist gut, Azruphel," hauchte Lóminzîl an ihrem Ohr. "Finde... Frieden."
Ein grausamer Stachel bohrte sich einer glühenden Klinge gleich in Aeriens Unterleib. Erstickt keuchte sie auf und taumelte einen Schritt rückwärts aus der Umarmung ihrer Mutter. Fassungslos starrte sie auf den blutbefleckten Dolch in Lóminzîls Hand, deren sonst so beherrschte Miene nun von Schmerz und Trauer gezeichnet war. Eine Morgulklinge, gelang es Aerien noch zu denken, ehe es schwarz um sie wurde und sie in die Leere stürzte.
« Letzte Änderung: 20. Jan 2020, 14:07 von Fine »
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Eandril

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Re: Durthang
« Antwort #2 am: 4. Okt 2019, 23:02 »
Narissa wippte ungeduldig auf den Fußballen auf und ab. "Sollte sie nicht längst wieder da sein? Ich dachte, sie holt nur den Reif, und kommt wieder heraus. Ich dachte, der Weg ist nicht weit."
"Hab Vertrauen in Aerien", erwiderte Aragorn ruhig, obwohl auch in seinen Augen Sorge stand. "Ich glaube nicht, dass sie uns enttäuschen wird - und verraten ebenfalls nicht."
"Verraten?" Narissa schüttelte den Kopf. "Aerien wird mich niemals verraten. Das weiß ich. Aber..." Sie bemühte sich, ihre Stimme nicht zu sehr zu heben. "Das ist eine Festung Schwarzer Númenorer, von denen sie jeder einzelne bis aufs Blut hasst! Und die nichts lieber tun würden als sie zu foltern, und zu quälen und..." Bilder des Schreckens traten ihr vor die Augen, und sie musste eine Träne wegblinzeln. "Und was ist, wenn jemand aus ihrer Familie dort ist? Ich weiß, dass sie sie trotz allem vermisst, also was ist, wenn sie unaufmerksam wird?"
Abrupt wandte sie sich der offenen Falltür zu. "Ich gehe rein. Ich muss."
"Jetzt hör mal, Mädchen...", begann Gimli, doch Aragorn, der Narissa aufmerksam ansah, hob die Hand um ihn zum Schweigen zu bringen. "Geh. Vielleicht ist es besser so. Vielleicht haben wir einen Fehler gemacht..."
Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, stieg Narissa in den staubigen, muffig riechenden Tunnel hinab. Unten war es beinahe vollkommen finster, und Narissa musste sich an den unebenen Steinwänden entlang tasten. Trotzdem stieß sie sich schmerzhaft das Schienbein an einer vorstehenden Kante, und stieß einen Fluch aus, der überraschend laut in dem Tunnel widerhallte. Erschrocken biss sie sich auf die Lippe, schließlich wusste sie nicht, ob nicht jemand in der Nähe war, der sie hören konnte.
Vorsichtig und mit klopfendem Herzen tastete sie sich weiter voran. Sie dachte daran, wie es wohl wäre, wenn Aerien ihre Mission bereits erfüllt hätte und ihr nun entgegen käme. Der Gedanke, wie sie in der Dunkelheit zusammenstießen, heiterte sie ein wenig auf, wenn auch nicht für lange.

Schließlich sah Narissa schwaches Licht vor sich. Der Tunnel öffnete sich zu einem hohen Flur mit Wänden aus schwarzem Stein. Zu ihrer Rechten standen zwei Wächter, still wie Statuen - zum Glück mit dem Rücken zu ihr. Diesen Weg war Aerien wohl nicht gegangen. Die beiden anderen Gänge waren unbewacht - welchen von ihnen hatte Aerien eingeschlagen? Narissa wollte nicht riskieren, den falschen zu wählen und Aerien womöglich zu verpassen. Bevor sie eine Entscheidung treffen konnte, glaubte sie, zu ihrer Linken Stimmen zu hören, und eine davon war Aeriens Stimme. Mit weichen, schnellen Schritten eilte sie in diese Richtung, ohne einen Laut zu machen.
Sie kam in einen großen, mit grauen Teppichen ausgelegten Raum. Narissas Augen registrierten die geöffnete Luke im Boden und die Truhe darunter, doch sie ließ sich nicht ablenken. Die Stimmen wehten durch einen Durchgang in der östlichen Wand in den Raum hinein.
"Werdet Ihr... mir helfen, Hohe Mutter?" Aeriens Stimme, doch sie klang seltsam. Voller Verzweiflung und... Sehnsucht? Narissa schlich vorsichtig näher.
"Das werde ich, Kind. Hab' keine Angst." Eine andere Stimme. Aeriens Mutter. Narissa Blick fiel auf die eng umschlungenen Gestalten, die auf einem Balkon hoch über der Festung standen. Und auf die Hand, die Aeriens Mutter hinter dem Rücken versteckt hielt. Ohne zu wissen, was es bedeutete, beschleunigte Narissa ihre Schritte. Der nächste Schritt machte ein leises, dumpfes Geräusch auf dem dicken Teppich.
"Hohe Mutter..."
Die nächsten Worte von Aeriens Mutter waren kaum zu verstehen. "Es ist gut, Azruphel." Die Hand bewegte sich hinter dem Rücken hervor. Sie hielt einen Dolch.
Der warnende Ruf blieb Narissa in der Kehle stecken, denn sie wusste, dass es zu spät sein würde.
"Finde... Frieden." Aeriens Mutter stieß zu. Aerien taumelte, ohne einen Laut zu machen, einen Schritt zurück, und brach ebenso lautlos zusammen.

Aeriens Mutter stand Narissa gegenüber, hinter sich die Silhoutte des fernen Orodruin, zwischen ihnen Aeriens schlaffer Körper. Narissa fand keine Worte, sondern fiel neben Aerien auf die Knie und drehte sie sanft auf den Rücken. Aeriens Augen waren geschlossen, und ihre Brust hob und senkte sich beinahe unmerklich. Die Klinge war seitlich in den Unterleib eingedrungen. Die Wunde war offensichtlich tief, denn das Blut daraus floss reichlich. Auf dem schwarzen Steinboden wirkte das Blut selbst beinahe schwarz.
Narissa hob den Kopf und sah sich Auge in Auge mit Aeriens Mutter. Dass deren Augen die gleiche Farbe hatten wie die Aeriens half nicht sonderlich. "Ich weiß, wer du bist. Wessen Tochter du bist", stellte Aeriens Mutter fest, und ihre Stimme klang dumpf vor Trauer. "Doch ich sage dir, ich musste es tun. Ich, Lóminzîl von Durthang, musste meine einzige Tochter töten... um ihr Frieden zu schenken."
"Töten?", stieß Narissa hervor. "Sie lebt! Und das... kommt wieder in Ordnung."
"Ich fürchte, nicht." Lóminzîl rannen nun Tränen über die Wangen, und sie ließ den blutigen Dolch fallen, der mit einem Klirren auf die Steine traf. Die Klinge schimmerte schwach in einem unheilvollen Grün. Lóminzîl legte eine Hand auf Aeriens Stirn. "Meine Tochter wird nun Frieden finden, und sich nicht länger gegen den Gebieter auflehnen." Narissa packte ihr Handgelenk und riss die Hand von Aerien fort. "Aerien gehört nicht zu eurem Gebieter! Sie hat sich von ihm befreit, und sie..." Narissa spürte, wie auch ihr Tränen über die Wangen liefen. Sie zog Lóminzîl in die Höhe, und stieß sie hart gegen die steinerne Brüstung. "Sie hatte Frieden!", stieß sie hervor. "Fern von Mordor, fern von all diesem... dieser Düsternis! An Orten, wo sie nachts die Sterne sehen konnte, wo die Sonne hell scheint, und wo die Luft nicht nach Staub und Asche schmeckt. Der Tod ist kein Frieden, der Tod ist einfach nur... das Ende."
Lóminzîl wich ihrem Blick nicht aus. "Du liebst meine Tochter sehr, wie ich sehe. Doch auch ich liebe sie, wie nur eine Mutter es kann. Und ich habe getan, was das Beste für sie ist."
"Das Beste...", wiederholte Narissa fassungslos. Sie zog einen Dolch und setzte ihn Lóminzîl an die Kehle. Trotz der Gefahr zeigte Aeriens Mutter keine Angst - nur eine Art verklärte Trauer. Sie wusste, dass sie etwas Schreckliches getan hatte, doch sie glaubte wirklich, dass es das richtige gewesen war. "Ich fürchte den Tod nicht, Weißhaarige. Ich würde sterben in dem Wissen, dem Gebieter zum Schluss gut gedient zu haben. Doch eine Frage erlaube mir. Wenn du zu wissen glaubst, dass Azruphel anderswo, außerhalb Mordors, glücklich war... wieso ist sie dann zurückgekehrt? Hast du sie dazu gebracht? Oder hat etwas tief in ihrem Inneren sie hierher zurückgezogen?"
Die Fragen verschlugen Narissa für einen Augenblick den Atem. Sie blickte über die Schulter zu Aerien, die in einer langsam wachsenden Lache ihres eigenen Blutes lag. Dann blickte sie wieder Lóminzîl an. "Wir wollten Hoffnung in die Welt bringen", sagte sie leise. "Und wir waren beide bereit, uns dafür in die größtmögliche Gefahr zu begeben. Ihr glaubt, Aerien zu lieben? Ihr kennt sie nicht einmal. In ihr wohnt ein Licht, dass nicht einmal die Dunkelheit von Mordor auslöschen kann."
Lóminzîl schwieg.
Narissa drückte den Dolch fester gegen ihre Kehle, und ein einzelner Blutstropfen rann an Lóminzîls Hals hinab. "Und jetzt ist der König von Gondor frei. Der Erbe Númenors." Lóminzîls Augen weiteten sich vor Schreck, und Narissa lächelte. "Euer erbärmliches Haus wird aussterben, bis auf Aerien. Denn sie wird leben... im Gegensatz zu euch." Mit diesen Worten stieß sie zu, trieb den Dolch tief in Lóminzîls Kehle, bevor sie ihn mit einem Ruck wieder heraus riss. Mit einem erstickten Laut griff Lóminzîl sich mit beiden Händen an die Kehle, als könnte sie das herausströmende Blut, das sich auf dem Steinboden mit dem ihrer Tochter vermischte, auf diese Weise aufhalten, und ging langsam in die Knie. Sie blickte ein letztes Mal zu Narissa auf, bevor sie zur Seite kippte und die Augen schloss.
Narissa verspürte keine Befriedigung, nur Leere, als sie Aerien mühsam auf die Arme nahm, nachdem sie einer Eingebung folgend Lóminzîls Messer in ihren Gürtel gesteckt hatte. "Komm, Sternchen", murmelte sie, und betrachtete Aeriens gespenstisch blasses Gesicht. "Ich schaffe dich hier raus."
« Letzte Änderung: 20. Jan 2020, 14:11 von Fine »

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Eandril

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Re: Durthang
« Antwort #3 am: 6. Okt 2019, 18:59 »
Zu Narissas Glück hatten die beiden Wächter nichts von den Ereignissen hinter ihrem Rücken gemerkt, und so war es ihr gelungen, Aerien durch die geheime Tür den Gang entlang zu schleppen, bis sie die Leiter erreicht hatte. Ihre Arme brannten inzwischen wie Feuer, und beim Anblick der Leiter, an deren oberem Ende bleiches Tageslicht zu sehen war, überkam sie Verzweiflung. Wie sollte Aerien dort herauf bekommen? Und mit jedem Augenblick, der verstrich, wuchs die Gefahr, dass irgendjemand innerhalb der Festung die offene Geheimtür entdecken oder Lóminzîls Leiche finden würde.
Narissa stieß einen leisen Ruf aus, und hoffte, dass er nicht allzu laut im Tunnel widerhallte. Nur kurze Zeit später tauchte Gimlis bärtiges Gesicht in der Falltür auf. Er schien die Lage sofort zu begreifen, denn er blickte über die Schulter zurück und schien etwas zu sagen, bevor er schneller als Narissa erwartet hatte, die Leiter hinunter geklettert kam. Unten angekommen warf der Zwerg nur einen Blick auf Aerien und sagte: "Das ist wohl nicht so gelaufen wie gedacht. Ich werde sie nach oben tragen, aber vorher sollten wir das verbinden, damit sie uns nicht verblutet."
Während Gimli einen Streifen Stoff von seinem Wams Abriss, auf Aeriens Wunde drückte und notdürftig befestigte, indem er ihren Gürtel ein Stück nach oben schob und fester zog, spürte Narissa, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Natürlich hätte sie die Wunde zuerst verbinden müssen, doch in ihrer Panik hatte sie nur daran gedacht, Aerien so schnell wie möglich ins Freie zu bringen. Sie kam sich unvorstellbar dumm vor.
Nachdem er seine Arbeit beendet hatte, bemerkte Gimli ihr Gesicht, und brummte gutmütig: "Sie kommt schon wieder in Ordnung, das Mädchen ist zäh. Na komm. Ich nehme sie auf die Schulter, und du kletterst hinter mir, hältst ihre Füße, und passt auf, dass sie nicht hinunter rutscht." Narissa tat wie Gimli geheißen hatte, und nur wenige Augenblicke später waren sie oben, in der kalten, schwach nach Asche riechenden Luft von Mordor.
"Was ist passiert?", fragte Aragorn mit sorgenvoller Miene. Gimli, auf dessen Stirn Schweißperlen standen, zuckte mit den Schultern, und blickte Narissa erwartungsvoll an. Sie zögerte. Dann erklärte sie langsam: "Ich... weiß nicht. Ich bin Aerien gefolgt, und... habe sie verletzt gefunden. Also habe ich sie so schnell wie möglich nach draußen gebracht." Sie zog den eisernen Armreif aus der Tasche, in der Aerien ihn verstaut hatte. "Immerhin haben wir, weswegen sie überhaupt erst hineingegangen ist."
Aragorns graue Augen fixierten sie, und Narissa bekam das unbehagliche Gefühl, dass er ihr bis auf den Grund ihrer Seele blickte. Schließlich erwiderte er ruhig: "Dein Dolch ist blutig." Erschrocken blickte Narissa an sich herunter, und stellte fest, dass er recht hatte. Sie spürte, wie sie erbleichte, wusste aber nicht, was sie darauf antworten wollte. Aragorn durchbrach schließlich das unangenehme Schweigen. "Wir sprechen später darüber. Im Augenblick erscheint es mir das Wichtigste, so schnell wie möglich Abstand zwischen uns und diese verfluchte Festung zu bringen. Es wird mit Sicherheit nicht lange dauern, bis jemand den toten Wächter entdeckt und den anderen befreit."
"Aber Aerien wird nicht gehen können!", stellte Narissa erschrocken fest. "Wir können sie nicht zurücklassen."
"Davon hat auch niemand geredet", ergriff Gimli beruhigend das Wort. "Ich werde sie tragen." Narissa blickte ihn skeptisch an, denn selbst die Kräfte des Zwergs waren nicht unerschöpflich. Die Wanderung vom Barad-Dûr hatte ihm ebenso zuschaffen gemacht wie den Menschen, und Aerien die Leiter hinauf zu tragen, hatte ihn sichtlich angestrengt. Dennoch erwiderte er ihren Blick standhaft, und verzog das Gesicht zu etwas, das einem Lächeln ähnelte. "Nach allem was ihr getan habt, werde ich sie sicherlich nicht fallen lassen. Ich wäre allerdings dankbar, wenn ihr der Kleinen ihr Gepäck und ihre Rüstung abnehmen würdet."
Rasch teilten sie Aeriens Sachen auf. Narissa verstaute den kärglichen Inhalt ihres Rucksacks, einen winzigen Rest Proviant und einen Schlauch bitter schmeckenden Wassers, in ihrem eigenen, während Aragorn Andúril an sich nahm. Ein wenig ehrfürchtig strichen seine Hände über den Griff des Langschwertes. Er würde es mit Sicherheit nicht in einem echten Kampf führen können, doch als Narissa ihn mit dem Schwert an der Seite sah, kam er ihr mehr denn je vor wie ein König. Aeriens Rüstung wollte keiner von ihnen mit sich schleppen, also ließen sie sie neben der Falltür liegen -selbst wenn jemand von Saurons Dienern sie fand, würde ihnen das nichts verraten.
Narissas Herz zog sich vor Mitleid und Sorge zusammen als sie sah, wie Aerien nun in ihrer dünnen Kleidung in der kalten Luft zitterte. Wenn sie erst in Ithilien waren, würde es besser werden, redete sie sich ein. Aerien bewegte den Kopf hin und her, und ihre Lippen formten schwach unhörbare Worte, doch ihre Augen öffneten sich nicht. Auch nicht, als Gimli sie sich über die Schulten legte, und langsam begann, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Den Anfang des Pfades nach Ithilien zu finden erwieß sich ohne Aeriens Führung als schwierig, wenn auch nicht unmöglich. Noch bevor die Sonne sich den Bergspitzen vor ihnen näherte, hatten Aragorns noch immer scharfe Augen die richtige Stelle ein Stück nördlich der Festung erspäht. Wie Diebe schlichen sie sich darauf zu, immer am Rand des Tales entlang und möglichst oft hinter Felsen oder verkrüppelten Büschen verborgen. Der Pfad selbst verlief in einer Scharte zwischen zwei mächtigen Berggipfeln. Zunächst weitete sich die Scharte immer mehr, bis sie beinahe ein kleines Tal war, und der Weg wurde mühsam, als er durch ein mächtiges Geröllfeld führte. Schließlich verengte er sich erneut, so sehr, dass die schwarzen Felswände links und rechts beinahe über ihren Köpfen zusammenstießen. Und an dieser Stelle stießen sie auf die stummen Wächter.
Es handelte sich um zwei Statuen, aus dem gleichen schwarzen Fels wie die umliegenden Berge gehauen, die auf Säulen links und rechts des Weges hockten. Beide Statuen hatten zwei hässliche, verzerrte Fratzen, die sowohl nach Westen als auch nach Osten blickten - sie sollten nicht nur den Weg nach Mordor hinein, sondern auch hinaus versperren. Schon aus einigen Fuß Entfernung spürte Narissa die dunkle Macht, die von ihnen ausging, und eine Stimme in ihr schrie Kehr um! Renn weg! Flieh, so schnell du kannst!
Sie zog den Armreif, den Aerien unter so großer Gefahr gestohlen hatte, aus der Tasche, und hielt ihn Aragorn entgegen. "Hier. Du solltest das tun."
Aragorn schüttelte den Kopf, und schob ihre Hand mit dem Reif sanft zurück. "Nein. Mein Geist ist noch immer mit den Jahren, die ich im Dunklen Turm verbracht habe, beschäftigt. Ich würde von der Macht der Wächter überwältigt werden. In ein paar Wochen oder Monaten wäre ich vielleicht in der Lage... doch nicht jetzt." Gimli, der immer noch Aerien auf den Schultern trug, war grau im Gesicht und keuchte. Er wich Narissas Blick aus. "Sie mich doch an, Mädchen. Ich... bin sicherlich nicht in der Verfassung dazu. Bleibst nur du, wenn wir nicht zurückgehen und die Gastfreundschaft von Durthang genießen wollen." Narissa wusste, dass er recht hatte, doch sie zögerte. Das Metall des Armreifs schien kalt auf ihrer Hand zu brennen.
Schließlich hielt sie es nicht mehr aus. "Es war ihre Mutter", stieß sie hervor. "Ihre Mutter hat Aerien so verwundet und ich... ich habe sie getötet!" Sie spürte erneut heiße Tränen über ihre Wangen laufen, doch sie konnte sie nicht zurückhalten. "Was ist, wenn sie aufwacht, und mich dafür hasst?", fügte sie beinahe flüsternd hinzu.
Aragorn und Gimli tauschten einen ernsten Blick. "Ich glaube nicht, dass Aerien dich hassen könnte", sagte Aragorn schließlich ruhig. "Nur ein Blinder könnte nicht sehen, wie stark eure Verbindung ist." Narissa war nicht überzeugt, und offenbar konnte man ihr das ansehen, denn Aragorn sprach weiter: "Es bleibt deine Entscheidung, was du ihr sagst. Bedenke jedoch, dass Lügen und Geheimnisse die Angewohnheit, früher oder später ans Licht zu kommen." Er lächelte schwach. "Und falls du dir Sorgen um mich und Gimli machst - ganz gleich, was du tust... nach allem was du bereits getan hast, ist es uns denke ich unmöglich, schlecht von dir zu denken."
Narissa blickte zu Boden. Sie schämte sich noch immer ein wenig für das, was sie getan hatte - Lóminzîl war eine Dienerin des Schattens gewesen, so sehr, dass sie ihre eigene Tochter schwer verwundet hatte. Doch sie hatte Aerien auf ihre Art und Weise geliebt, und sie war eine wehrlose Frau gewesen, als Narissa sie getötet hatte. Es war keine Notwehr gewesen, gestand sie sich ein. Natürlich hatte sie Lóminzîl daran hindern müssen, die Festung zu alarmieren, doch sie hätte sie genauso gut bewusstlos schlagen, fesseln und knebeln können. Stattdessen hatte sie sich von Zorn und Hass überwältigen lassen. Es gab keine Entschuldigung.
Sie atmete tief durch, straffte sich innerlich und wischte sich mit einer entschlossenen Bewegung die Tränen vom Gesicht. Dann streifte sie sich den metallenen Reif über den rechten Arm, und wandte sich den Statuen zu.
Ihr gehört mir, dachte sie mit aller Macht, und machte einen Schritt auf sie zu. Ihr werdet uns passieren lassen. Die plötzliche Panik, die sie beim ersten Mal überkommen hatte, war verschwunden. Dafür begannen diffuse Zweifel an ihr zu nagen. Narissa panzerte sich mit Entschlossenheit, und verschloss ihr Herz. Sie machte einen weiteren Schritt nach vorne. In ihren Ohren rauschte es. Ihr werdet uns passieren lassen, dachte sie erneut. Sie hatte die Kontrolle. Sie gab die Befehle. Sie zweifelte nicht an dem, was sie tun musste.
Zwei weitere Schritte brachten sie genau zwischen die Statuen, und mit einem Mal glaubte sie zischende Stimmen zu hören, die auf sie einflüsterten. Seid still. Seid still! SCHWEIGT!
Die Stimmen verschanden. Narissa machte einen weiteren Schritt, und lose Steine knirschten unter ihren Stiefeln. Ihr werdet uns passieren lassen, dachte sie ein letztes Mal. Zwei weitere Schritte. Dann noch einer, und noch einer, und der Druck auf ihren Ohren verschwand. Sie wandte sich um. Die stummen Wächter standen noch immer dort, unverändert, stumm. Aragorn und Gimli hatten direkt hinter ihr die Grenze überschritten. Die Grenze. Sie hatten Mordor verlassen.
Mit einiger Mühe streifte Narissa den Armreif ab, und die unnatürliche Entschlossenheit und Selbstsicherheit, die sie noch einen Augenblick zuvor erfüllt hatten, verschwanden wie weggeblasen, und die Zweifel kehrten zurück. Doch es war ein gutes Gefühl - sie fühlte sich wieder wie sie selbst. Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. "Lasst uns das nie wieder tun."
Ein erleichtertes Lächeln breitete sich auf Aragorns sonst so ernstem Gesicht aus. "Du hast dich gut geschlagen, finde ich. Wir haben Mordors Grenze überquert, und befinden uns jetzt in Ithilien."
Narissa sah sich um. Die Gegend unterschied sich nicht sonderlich von dem, was sie bislang durchquert hatten. Noch immer ragten schwarze Felsen zu beiden Seiten auf, und noch immer bedeckten graue, tief hängende Wolken, den ganzen Himmel, sodass die Sonne nur ein schwach hellerer Fleck im Westen war. "Wir sind allerdings nicht außer Gefahr", stellte Gimli fest. "Immerhin hat Mordor dieses Land fest im Griff. Ich finde, wir sollten noch ein paar Meilen zwischen uns und Durthang bringen, bevor die Nacht hereinbricht." Er hatte eine Miene aufgesetzt als wollte er hinzufügen: Erwartet ihr etwa, dass ich schlapp mache? Ein Zwerg macht niemals schlapp!
"Ich stimme zu", meinte Aragorn. "Doch nur, bis wir die ersten Wälder tiefer an den Bergen erreicht haben. Dann sollten wir uns zunächst um Aerien kümmern."

Narissa, Aerien, Aragorn und Gimli nach Nord-Ithilien...

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