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Autor Thema: Die Grauen Anfurten  (Gelesen 6140 mal)

Vexor

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Die Grauen Anfurten
« am: 22. Okt 2010, 19:28 »
Celebithiel, Aphadon, Aratinnuíre und Amrûn aus dem Reich der Dúnedain und den Turmbergen


„ Es riecht nach Schnee“, flüsterte Celebithiel und ihr Atem huschte wie ein kleiner Geist durch die sternenklare Nacht.
Aratinnuíre nickte nur, während sie sich in die Hände hauchte und sie ans Lagerfeuer hielt. Es knisterte leise und hunderter kleiner Funken wurden in die Höhe gespuckt, wo die Kälte sie erstarren ließ und sie einsam, ihrer Seele beraubt, zu Boden sanken.
„ Ist dir kalt Aratinnuíre?“, und ohne eine Antwort abzuwarten gab Celebithiel der zierlichen Elbe ihre Decke ab, die sie zunächst zögernd, dann aber dankbar annahm.
Celebithiel legte sich in das kalte Gras und blickte in die sternenklare Nacht. Der Mond war nicht zu sehen, denn es war Neumond und er schlief gerade, wie ihr Vater immer gesagt hatte. Einzig und allein die Sterne funkelten am Firmament und sie fühlte sich unheimlich geborgen.
„ So friedlich. So friedlich ist es im Winter. Eine Welt bedeckt vom weißen Kleid, gebettet in schöne Träume, in unschuldiger Pracht“, hauchte Celebithiel und unzählige kleiner Geister entfuhren ihrem Mund und stiegen hinauf zu den Sternen, wobei sie wie die Funken von der Kälte irgendwann erbarmungslos verschlungen wurden.


„ Ich mag dort aber nicht hin“, protestierte sie, während sie mit ihren blauen Augen die Landschaft erkundete. Sie blickte über die sanften Hügel der Turmberge, die in feuriges Rot getaucht waren. Der goldene Herbst bestimmte die Flora des westlichen Eriadors und sie konnte sich nicht satt sehen an dem Spiel der Farben, welchem sie ausgesetzt war.
„ Schau mal der Baum da trägt drei – nein vier, unterschiedliche Farben!“, lächelte sie und offenbarte hierbei eine kleine Zahnlücke.
Sie zupfte Celebrian am Ärmel, damit sie aus dem Fenster schaute. Ihr goldenes Haar hatte sich über ihr Gesicht gelegt, welches in den letzten Tagen immer fahler und müder geworden war. Dennoch öffnete sie die Augen, zwang sich zu einem Lächeln, und ihre glasigen Augen folgten dem Zeigefinger des kleinen Mädchens. Er führte zu einer hoch gewachsenen Eiche, deren Blätter schimmerndes Gold, rostiges Rot, weiches Braun und ein schwaches Orange angenommen hatten.
„ Siehst du ihn??“, drängelte das Mädchen in ungeduldiger Manier, während ihr die bläuliche Schleife aus dem Haar fiel, aber sie bemerkte das gar nicht.
Celebrian lächelte liebevoll und nickte, bevor sie mit angeschlagener Stimme antwortete, während sie dem Mädchen durch das gelockte rötliche Haar fuhr.
„ Es sieht wunderschön aus. Ich freue mich, dass dir solche Dinge noch auffallen“, sie hustete leicht, “ Die Menschen beachten die Farben eines Tages lediglich an seinen Anfang und an seinem Ende. Dabei wandert ein Tag durch eine Vielzahl von Farbtönen und Schattierungen, und zwar in jedem Augenblick. Eine einzige Stunde kann aus Tausenden von unterschiedlichen Farben bestehen. Wachsgelb, regenbesprühtes Blau. Schlammige Dunkelheit. Seit den Anfängen in dieser Welt habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, darauf zu achten. Verlier diesen Blick für die Farben der Welt bitte nicht Gwilwileth, mein Schatz.“
Gwilwileth verstand die Worte nicht, aber fand sie wunderschön. Sie ließ sich wieder zurück auf ihren Sitz sinken und blickte immer wieder verstohlen aus dem Fenster der kleinen Kutsche, die sie zu ihrem Ziel brachte.
Celebrian lächelte, nahm die Hand ihres Gemahls, und schloss die Augen wieder, sichtlich froh bald die Grauen Anfurten erreicht zu haben.


Eine starke Hand rüttelte sie aus ihrem Schlaf und erschrocken fuhr sie hoch.
„ Keine Sorge, du hast nur geschlafen, wir sind da“, ertönte die Stimme Elronds und seine gütigen Augen hüllten Gwilwileth in völlige Geborgenheit.
Sie stieg aus der Kutsche und blickte auf die westlichste Elbenstadt Mittelerdes. Ihre Augen suchten die Celebrians, die bei ihren Söhnen und Arwen stand. Mit kindlicher Euphorie stürmte sie auf ihre Ziehmutter zu und nahm ihre Hand. Verstohlen blickte sie zu den Zwillingen hinauf, die ihr neckisch durch die locken Haare fuhren.
„ Na Gwilwileth, wie war deine Fahrt?“, fragte Elladan, der mit seinen Geschwistern zu Pferd geritten war.
„ Wunderschön Elladan“, antwortete Gwilwileth mit verträumten Augen, „ Mama hat mir schöne Geschichten über die Farben erzählt.“
Elrohir lächelte und fing an Gwilwileth zu kitzeln, die lachend davon rannte und die Zwillinge aufforderte mit ihr Fangen zu spielen.

„ Ihr fangt mich doch eh nie“, rief sie ihnen trotzend entgegen, während sie über den gepflasterten Weg rannte, der ins Innere der Stadt führte.
Celebrian, die sich einen anthrazit-farbenen Mantel und eine Kapuze übergezogen hatte, hakte sich bei Arwen ein und gemeinsam mit Elrond folgten sie den umher Tollenden.
Gwilwileth achtete nicht auf den Weg und ihre Haare flatterten im Wind, als sie die Stufen heruntersprang, die hinunter führten. Es gab nur wenige Abzweigungen, deshalb entschied sie sich instinktiv für diesen Weg.
Im Nachhinein konnte sie sich kaum an Details Mithlonds erinnern. Nachdem sie beherzt von der letzten Stufe gesprungen war rannte sie noch ein paar Meter, bevor sie keuchend vor einem Abgrund stehen blieb. Elladan und Elrohir holten sie wenige Sekunden später ein und blieben ebenfalls stehen.
Der salzige Geruch des Meeres stieg der schnaufenden Gwilwileth in die Nase und ihre Augen fixierten das Wasser, welches sanft und fast bewegungslos gegen den gemauerten Hafen schwappte.
Regenbesprühtes Blau…ob Celebrian das damit meinte?

Doch Gwilwileth wurde eh und je aus ihren Gedanken gerissen, als eine tiefe, aber freundliche Stimme ertönte, die das leise Rauschen und das pochende Herz Gwilwileths leicht übertönte.
„ Elladan, Elrohir, schön euch zu sehen. Wo ist eure Frau Mutter und Herr Elrond natürlich?“. Gwilwileths Augen wanderten zur Quelle der Stimme und machten einen relativ großen Mann mit schneeweißen Haaren ausfindig.
„ Wir sind hier Cirdan, alter Freund!“, verkündete Elrond, der mit seiner Frau und Arwen gerade die Treppe, die zum Hafen hinab führte, herunter schritt. Als der Mann außer Reichweite war, zupfte Gwiliwleth Elrohir am Ärmel, der sich zu ihr herunter beugte.
„ Duuuu…warum hat der Mann da Haare im Gesicht?“, fragte Gwilwileth mit todernster Miene.
Elrohir konnte nur mit Müh und Not ein lautes Lachen vermeiden. „ Das erkläre ich dir ein anderes Mal“, flüsterte er ihr zu.



Plomp, Plomp
Das Wasser spritzte Gwilwileth auf die Schuhe, aber das war ihr egal. Sie saß am Rande des Hafens und hatte die Beine zu ihrer Brust gezogen. Immer wieder ließ sie die Steine ins Wasser fallen. Die offenen, langen Haare, hingen wie ein Vorhang um ihren Körper, nur ihr Gesicht war teilweise zu sehen.
Plomp, Plomp
Sie wischte sich mit ihrer kleinen Hand über die Nase und rieb sich die Augen. Die Stimme Cirdans, der auf einmal neben ihr stand, hörte sie kaum.
„ Darf ich mich zu dir setzten kleines Fräulein?“, fragte er mit gütiger Stimme.
Gwilwileth zuckte nur mit den Achseln, ohne etwas zu sagen.
Plomp, Plomp
„ Ich kenne dich zwar nicht gut Gwilwileth, aber du erinnerst mich an jemanden. An einen guten Freund, den ich, wie dich, auch zum ersten Mal hier in den Grauen Anfurten antraf. Ich gab ihm damals ein Geschenk. Ein Geschenk, welches ich dir nicht geben kann; aber ihr seid euch sehr ähnlich. Ich glaube es sind – die Augen. Eure Augen sind von derselben Art und Weise.“
Er verstummte und plötzlich blickte Gwilwileth ihn mit verquollenen, roten Augen an.
„ Ein Geschenk von dir würde ich auch nicht annehmen“, funkelte ihn Gwilwileth böse an. Der Mann legte die Stirn in Falten und fragte: „ Wieso?“
Plomp, Plomp
Gwilwileth zögerte und schluchzte tief, bevor sie mit Tränen in den Augen schrie:
„ Weil du meine Mama auf ein Schiff gesteckt hast und jetzt segelt sie davon und kommt nicht mehr wieder!“
Cirdan nickte nur verständnisvoll und legte dem Mädchen ein verfärbtes Ahornblatt in den Schoss. Dann stand er auf und lächelte.

„ Wir werden uns wieder sehen Gwilwileth. Ich weiß nicht wann, aber eines Tages wirst du Mithlond wiederbesuchen“.
Gwilwileth sagte nichts, sondern blickte sturr gerade aus auf die raue See, und so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte die Farbe des Meeres nicht mehr erkennen. Alles was sie sah, war eine trübe Masse, die monoton hin und her schaukelte.
Plomp, Plomp



Eine starke Hand rüttelte sie aus ihrem Schlaf und erschrocken fuhr sie hoch.
„ Keine Sorge, du hast nur geschlafen, wir brechen auf“, ertönte die Stimme Amrûn und seine gütigen Augen hüllten Gwilwileth in völlige Geborgenheit. Irritiert blickte sie auf und erkannte, dass sie immer noch in ihrem Lager in der Emyn Beraid waren.
Aphadon und Aratinnuíre hatten ihre Sachen schon gepackt und warteten anscheinend nur noch auf Celebithiel, die ebenfalls hektisch anfing die wenigen Sachen, die sie ausgepackt hatte, wieder zu verstauen. Es war an diesen Morgen bitterkalt, weswegen Celebithiel den weichen Schal auspackte, den sie in Imladris von Elrond bekommen hatte
Die Gruppe machte sich auf und plötzlich bemerkte Celebithiel etwas weißes in Amrûns Haar.
„ Warte mal Amrûn du hast – du hast da- eine Schneeflocke! Es scheint und das obwohl wir gerade Mal Ende Oktober haben“, lachte Celebithiel, die sich plötzlich, wie ein kleines Kind freute.
„ Dann hattest du doch Recht mit deiner Aussage letzter Nacht, dass es nach Schnee riecht“, sagte Aratinnuíre mit ihrer freundlichen, zurückhaltenden Stimme.
Als sich die rothaarige Elbe noch einmal umblickte, bemerkte sie, dass die Hügelgruppe der Turmberge schon von einer dünnen Schneedecke überzogen war.
„..Und draußen beginnen erste Schneeflocken langsam auf die Welt  herabzuschweben, leise und sachte wie Träume, die endlich bereit sind geträumt zu werden...", seufzte sie, bevor sie nach einer kurzen Wegstrecke die Grauen Anfurten erblickten.


Es war als fühlte sie sich in die damalige Zeit zurückversetzt und so sprintete sie los, als würden sie Elladan und Elrohir wieder verfolgen, und sie hüpfte dieselben Stufen hinab, rannte über den selben gepflasterten Weg und blieb an derselben Stelle stehen, an der sie vor etlichen Jahren das Meer zum ersten und einzigen Male erblickt hatte.
Amrûn kam ihr kurze Zeit hinterher und fragte sie, was los sei, aber sie erkannte nur den türkisen Ton des Meeres und lächelte, während sie leiste flüsterte:
„Die Menschen beachten die Farben eines Tages lediglich an seinen Anfang und an seinem Ende. Dabei wandert ein Tag durch eine Vielzahl von Farbtönen und Schattierungen, und zwar in jedem Augenblick. Eine einzige Stunde kann aus Tausenden von unterschiedlichen Farben bestehen. Wachsgelb, regenbesprühtes Blau. Schlammige Dunkelheit. Seit den Anfängen in dieser Welt habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, darauf zu achten. Verlier diesen Blick für die Farben der Welt bitte nicht Gwilwileth, mein Schatz.“

Amrûn verstand nicht, aber legte trotzdem den Arm um seine Freundin, der eine Träne des Glücks über die Wange kullerte.

« Letzte Änderung: 22. Feb 2016, 22:08 von Fine »


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Thorondor the Eagle

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Re:Die Grauen Anfurten
« Antwort #1 am: 23. Okt 2010, 20:21 »
Der Elb stand mit Celebithiel am Kai des Hafens. Der Wind suchte sich seinen Weg durch über die felsigen Hügelkuppen und brachte das Meer ein wenig zum peitschen. Zahlreiche Schiffe lagen in der Bucht vor Anker. Man erkannte gleich den Unterschied zwischen jenen die für den Krieg bestimmt waren und jenen die in den Westen segeln sollten. Sie waren weitaus kunstvoller bearbeitet, um denen in Valinor ebenbürtig zu sein.

Amrûn schaute auf den weiten Horizont. Unbeschreiblich schön war es hier zu stehen, den Wind zu fühlen, die See zu fühlen, seine Heimat um sich zu haben.
Er bemerkte die Träne, die über Celebithiels Gesicht huschte und fragte sich woran sie dachte und noch ehe er auch nur einen fröhlichen Gedanken fassen konnte, dachte er an den Abschied seiner Mutter und vor allem, wie er sich dabei gefühlt hatte.
Ähnlich musste es seiner Freundin gehen, denn auch sie hatte Celebrian an das Meer verloren. Ein schlechtes Gewissen überkam ihn, denn er wusste welche Wunden sein Abschied bei ihr hinterlassen würde.
„Es tut mir Leid“, murmelte er unverständlich vor sich hin, beließ es aber dabei. „Guten Tag ihr beiden“, begrüßte sie nun eine tiefe Stimme.
Überrascht drehten Sie sich um und verbeugten sich vor Cirdan und Aratinnuíre. „Habt ihr endlich, nach so langer Zeit wieder in meine Häfen gefunden. Das ist gut, denn wir haben schon auf euch gewartet.“
„Herr…“, begann Amrûn los zu stottern.
„Sag nichts Amrûn“, sprach er auf eine befehlshaberische Art  „Aratinnuíre hat mir bereits alles erzählt. Ich unterstütze dich in deiner Entscheidung, denn sie ist nicht weniger ehrenwert und meine Schiffe biete ich euch an um euer Ziel zu erreichen. So verschieden sie auch sind. Wie ich gehört habe Celebithiel, werdet ihr an der Reise nach Dol Amroth teilnehmen. Galdor und seine starken Krieger werden bald los segeln. Nur auf Galadriels Rat hin haben wir gewartet, obwohl die Zeit schon sehr drängt.“
„Dann sollten wir sie wohl kaum warten lassen“, sagte Celebithiel und machte sich zu ihrem Pferd auf um die wenigen Sachen zu holen, die sie mitgebracht hatte.

„Euch beide sehe ich ja noch“, sagte auch Cirdan und machte sich zu den Kriegsschiffen auf, bei denen bereits einige Männer warteten.
Amrûn machte einen Schritt auf seine Geliebte zu und gab ihr liebevoll die Hand. „Bist du bereit?“, fragte er.
Sie nickte nur zustimmend: „Und bist es du?“
„Bis jetzt habe ich noch nicht darüber nachgedacht, was ich Celebithiel antue. Es macht mich traurig, denn ich bin auch schon einmal hier gestanden und hab einem Schiff und einer geliebten Person hinterher gewunken. Es wird schwer...“, sagte er zuletzt überzeugt.
„Komm mit mir“, legte sie ihm nahe und geleitete ihn zu einer steinernen Bank nahe der Kaimauer.
„Amrûn. Ständig frage ich dich ob du bereit bist in den Westen zu segeln und ständig zögerst du mit deiner Antwort. Was ist los?“
„Ich weiß nicht, ob es die richtige Entscheidung war. Versteh mich nicht falsch, ich liebe dich, mehr als du dir nur vorstellen kannst und nichts wünsche ich mir sehnlicher als mit dir glücklich zu werden. Doch unentwegt plagt mich mein schlechtes Gewissen, weil ich Celebithiel alleine lasse. Sie hat Gandalf verloren, Antien blieb in Lorien und Iseng…, ich wage es gar nicht auszusprechen was dort vorgefallen ist... Galadriel sagte zu mir, dass Freundschaft das wichtigste Gut dieser Welt ist und dass Freundschaft mehr Kraft und Mut spendet als jeder Ring der Macht der jemals geschmiedet wurde. Wenn sie scheitert, werde ich mir dies nie verzeihen“, sprudelte es gerade zu aus ihm heraus.
Sie sagte nichts, stattdessen stand sie auf und rannte weg. Amrûn wurde nervös und folgte ihr sofort.

Was habe ich da nur zu ihr gesagt??

Sie verschwand im Haus von Cirdan gleich gefolgt von ihrem Geliebten: „Aratinnuíre, warte, es tut mir Leid. Ich…“, verdutzt schaute er sie an, als sie ihm ein Blatt Pergament und Tinte hinstellte: „Überlege gut Amrûn und wenn du es weißt, schreibe drauf ob wir hinfort segeln sollen oder nicht und falte es anschließend zusammen. Ich tue dasselbe und zuletzt wird das Glück selbst über unser Glück entscheiden.“

Er tat es, wobei er es nicht für richtig hielt diesen einfachen Weg zu wählen. Lange kehrte er in sich und versuchte beide Seiten abzuwägen, doch es fiel im noch immer so schwer. Aber dann dachte er, wie groß die Angst war, als die Liebe seines Lebens vor ihm davon rannte und er wusste, dass er ohne sie nicht leben konnte. Sein Herz begann zu flattern, als er klar und deutlich „Valinor“ auf seinen Blatt schrieb.


Langsam bewegte sich das Ufer von ihnen weg. Der Wind war stärker geworden und trug das Schiff schneller über das Wasser. Armûn wagte einen letzten Blick auf Mithlond ehe die Sonne hinter dem Horizont verschwand. Tränen überkamen ihn. Er spürte die weiche Hand der Elbe auf seiner Taille: „Ich danke dir für deine Entscheidung.“
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Thorondor the Eagle

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Re:Die Grauen Anfurten
« Antwort #2 am: 31. Okt 2010, 16:07 »
Der Horizont verschwamm und er sah das traurige Lächeln Aratinnuíres vor sich. Sie hielt die gefalteten Pergamentstücke in ihrer rechten Hand: „Nimm eines und was darauf steht wird unser Ziel sein.“
Wahllos griff er zu und öffnete es mit dem Wissen was darin stand. Emotionslos schaute er auf den geöffneten Zettel. Aufregung durchzuckte seinen ganzen Körper und er sagte etwas enttäuscht: „Mithlond“. Wie ein Brocken harten Gesteins fiel das Wort auf den Boden und zersprang zwischen ihren Körpern. „Warum hast du das gemacht?“, fragte Amrûn die Elbe, die völlig überfordert von der Reaktion den zweiten Zettel öffnete.
„Du wolltest nach Valinor?“, stotterte sie fragend.
„Ich will dich nicht verlieren“, antwortete er.
„Das wirst du nicht.“
„Ich wünschte, ich könnte dasselbe sagen, aber bleiben wir in Mittelerde, muss ich dich wieder verlassen. So wie ich es vor langer Zeit schon getan hab.“
„Aber dieses Mal gehst du aus anderen Gründen. Du gehst wegen der Freundschaft zu Celebithiel, dies sind Motive die ich verstehe.“
„Trotz allem wird die Vergangenheit mich nicht ruhen lassen und wird weiterhin an meinen Kräften zehren.“
„Wir werden unser Leben gemeinsam verbringen, in naher Zukunft.“
Er schloss sie fest in ihre Arme. Die Stille umhüllte sie wie ein Mantel aus feinem Nebel.

„Amrûn“, flüsterte sie „Die Last… sie wird leichter werden.“ Aratinnuíre überreichte ihm das Amulett von Galadriel: „Es birgt die Macht des ersten Zeitalters, das Licht der zwei Bäume. Dies Schmuckstück mit Galadriel’s Haarsträhne wird dir Hoffnung schenken, wenn du verzweifelst und es wird dir einen Blick in unser gemeinsames Ziel, unser gemeinsames Leben gewähren.“
Dankbar nahm er es entgegen und sein Blick absorbierte das zauberhafte Licht, dass davon ausging. „Für viele Elben ist der Weg nach Valinor eine Flucht aus der Vergangenheit, aber für mich ist es das nicht“, begann Aratinnuíre zu sprechen „Für mich ist damit ewiges Glück und Zufriedenheit verbunden und für dich sollte es auch sein. Bei unserem nächsten Treffen, wirst du bereit sein. Das fühle ich hier.“ Sie führte seine Hand an ihre Brust.
„Die letzten Monate in Imladris waren wunderschön. Ich werde sie lange in Erinnerung behalten, bis ich wieder hierher zurück kehre. Den restlichen Tag verbrachte Amrûn damit all seine Sachen zu packen, die er mitnehmen konnte.
Die Wärme einer leichten Sommerbrise durchflutete Amrûn, als er an den letzten Kuss dachte. An seinen Lippen haftete noch Aratinnuíres Geschmack.

„Wir kommen wieder“, sagte Celebithiel leise zu ihm, deren Hand an seiner Taille lag.
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Thorondor the Eagle

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Re:Die Grauen Anfurten
« Antwort #3 am: 3. Nov 2010, 20:39 »
Amrûn holte tief Luft und nahm die frische Brise des Ozeans in sich auf. Er fühlte sich wohl, bei all den Erinnerungen die er an das Meer hatte. Seit jeher hatte er an den Ufern dieser Welt gelebt.
Übermütig preschte das Wasser an den Holzrumpf des Schiffes, also sie aus dem Golf von Lhûn segelten um entlang der Küste nach Süden zu reisen. Lange betrachtete Amrûn die Ufer, er musterte die zahlreichen Farben, die der Herbst über die Landschaft legte. Sie passierten hohe, weiße Klippen, lange Kiesstrände, kleine Fischerdörfer und alte Ruinen.

„Amrûn“, trat nun eine tiefe männliche Stimme an sein Ohr heran „mit deiner plötzlichen Entscheidung doch mitzukommen, hast du mich sehr überrascht. Wobei die Überraschung keinesfalls negativ ist. Ich bin gleich ein wenig ruhiger, wenn ich einen so tapferen und kampferprobten Elben an meiner Seite habe.“
„Ja Galdor, tapfere Kämpfer sind heutzutage kaum noch zu finden“, entgegnete Amrûn.
„Da hast du recht, zumal viele unserer Verwandten fort sind und doch verstehe ich nicht warum. Sieh dir dies Land an, ist es nicht eine Ehre und eine Freude dafür zu kämpfen um es zu bewahren?“
„Da magst du Recht haben, doch der größte Schatz ist nichts wert, wenn man nur damit beschäftigt ist ihn zu verteidigen und keine Zeit hat um ihn zu betrachten und ihn in all seiner Schönheit wahrzunehmen.“
„Diese Zeiten werden wir auch noch sehen, wenn Sauron bezwungen ist und seine Diener für immer von dieser Welt verschwinden.“
„Ich weiß nicht, ob es jemals Friede auf Dauer geben kann. Denn selbst wenn Sauron nicht mehr existiert, so streben andere nach Macht und Ruhm und werden alles tun um ihn zu erreichen.“
„Glaubst du das wir, Elben, Menschen und Zwerge nicht in der Lage sind aus alten Fehlern zu lernen?“
„Mein lieber Freund, wir lernen sehr wohl aus unseren Fehlern, doch was ist mit unseren Kindern und Kindeskindern? Sie wissen nicht, was wir erlebt haben und können nicht nachvollziehen wie wir uns fühlten. Blicke in die Geschichte zurück und du wirst es erkennen…“

Galdor überlegte eine Weile, während sich Amrûn wieder der langsam davon gleitenden Küste widmete. Die Gipfel der Ered Luin waren schneebedeckt und vereist, sodass sie in der Dämmerung leicht bläulich schimmerten. Plötzlich ergriff der andere wieder das Wort: „Kein Beispiel fällt mir ein um dir zu Widersprechen, Amrûn. Doch eines sage ich dir, wenn wir nicht für Mittelerde kämpfen um es zu säubern, dann werden wir nicht einmal die Chance auf Frieden haben und das Ansicht ist der wohl traurigste aller Träume.“
„Er hat Recht“, kam Celebithiels Zustimmung von hinten „Wer kämpft, kann verlieren, aber wer nicht kämpft, der hat längst verloren.“

Amrûn streckte ihr die Hand entgegen die sie erfreut entgegen nahm. Eine Woge von Mut überkam den Elben und er spürte eine prickelnde Wärme in seinem Körper. Sein Blick war auf die Silhouette Mittelerdes gerichtet, als ihm die entschlossenen Worte entwichen: „Dann werden wir kämpfen.“


Celebithiel, Aphadon, Galdor, Amrûn und ein Heer von Elbenkriegern auf dem Seeweg nach Edhellond
« Letzte Änderung: 11. Feb 2016, 10:54 von Fine »
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Fine

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5. Juni
« Antwort #4 am: 11. Feb 2016, 23:46 »
Galadriel, Celeborn, Celebithiel und Faelivrin mit den Galadhrim von der Großen Oststraße


Aus der Sicht Círdans

Die Galadhrim waren eingetroffen. Ein langer Strom von Waldelben erreichte gerade das westliche Ende der Großen Oststraße und sammelte sich auf dem großen Platz vor den Toren der Stadt.
In Begleitung Galdors trat Círdan, der Meister den Anfurten ihnen entgegen. Die Elben MIthlonds  begannen, die ehemaligen Bewohner Lothlóriens in die Stadt und zu den vorbereiteten provisorischen Unterkünften zu geleiten. Jene, die in den leer stehenden Häusern wohnen mochten würde er es gestatten. Doch die meisten Waldelben würden ohnehin die Wälder Lindons als neue Wohnstätte bevorzugen, die von den Hochelben zwar gehegt, aber nicht bewohnt worden waren. Und gewiss würden einige schon bald über das trennende Meer fahren wollen, um die Kreise der Welt für immer zu verlassen.

Die Herrscher Lothlóriens kamen auf Círdan zu. Es wurde zunächst kein Wort gesprochen. Zeitalter hatten sie gemeinsam erlebt und er konnte in ihren Gesichtern und vor allem in ihren Augen vieles lesen, was nicht ausgesprochen werden musste. Das Goldene Tal war gefallen. Curunír hatte seinen erneuten Verrat bewiesen. Doch auch Hoffnung konnte Círdan entdecken, als er die junge Celebithiel erblickte, die Galadriel und Celeborn gefolgt war.
"So ist nun endlich der Zauberbann von Mithrandir genommen worden," stellte er fest. Er musste nicht fragen. Ein zweiter Blickt zeigte ihm, dass der Ring des Feuers Celebithiels Hand nicht länger zierte. Ihr Feuer hatte sie verbraucht und selbst ein Ring der Macht konnte aus der Asche keine neue Glut entfachen. Nein, nur sie selbst konnte es wieder entzünden.

"So ist es," bestätigte Celeborn. "Er brach ins Land der Halblinge auf. Sie liegen ihm weiterhin sehr am Herzen."
"Er wird Sarumans Einfluß dort austreiben," fügte er gleich darauf hinzu. "Und er ist nicht allein. Die Dúnedain werden ihm helfen, wenn sie erkennen, dass sie getäuscht werden."
Círdan war gut über den Verrat der Waldläufer des Nordens unterrichtet. Seine elbischen Boten wandelten ungesehen durch Eriador, um Nachrichten aus Imladris und dem Norden einzuholen. Vieles was sie berichtet hatten war erschütternd gewesen. Es war gut, dass nun etwas gegen Curunír unternommen wurde.
"Auch meine Gestade blieben nicht unberührt," sagte er bedeutungsvoll. "Curunír ließ den Sehenden Stein vom Elostirion entwenden. Ich fürchte, er wird ihn für seine selbstsüchtigen Zwecke missbrauchen. Wir haben es erst vor Kurzem bemerkt, denn für gewöhnlich bleibt der Turm verschlossen und niemand geht hinein."
"Der Elendil-Stein ist fest nach Westen ausgerichtet," merkte Celeborn an. "Viel wird er damit nicht anfangen können."
"Nicht ohne Grund nahm er den Palantír in Besitz," erwiderte Círdan. "Vielleicht vermögen wir seine wahren Absichten noch nicht zu erkennen. Es ist beunruhigend, dass diese Tat vor den Augen der Elben Mithlonds verborgen blieb, die wir uns doch stets für besonders aufmerksam gehalten haben."

Gemeinsam begaben sie sich in Círdans Residenz. Viel wurde nun von den Ereignissen im Süden und dem Verlauf des Krieges gesprochen. Círdan war erfreut zu hören, dass noch nicht alle Galadhrim den Kampf aufgegeben hatten sondern mit der Elbin Mithrellas nach Dol Amroth gegangen waren. "Vielleicht wäre es nun weise, die Schwanenstadt erneut mit Schiffen zu unterstützen," überlegte er. Bereits zuvor hatte er Galdor gen Süden entsandt um die Belagerung durch die Orks von Mordor und die Korsaren von Umbar zu brechen.
Celeborn berichtete nun vom Rat der Freien Völker in Aldburg und vom Auftritt Sarumans. "Er hat sie alle betört, selbst Meister Elrond," sagte er dazu. "Und nun ziehen die verbliebenen Streitkräfte der Menschen und Elben gemeinsam mit Sarumans Orks gegen Dol Guldur. Es ist Torheit, den Feind so zu provozieren. Ich fürchte, Rohan wird nicht lange frei bleiben."
"Freimütig trafen sie die Entscheidung, mit und nicht länger gegen Cúrunír zu kämpfen," erwiderte Círdan. "Es wird sich zeigen, ob ihre Wahl gut war. Lasst uns nun tun, was wir können, um diesen Ort zu einer sicheren Zuflucht für jene, die vom Krieg gebrochen sind zu machen."
Galadriel schien es gleich zu sein. Sie wirkte angeschlagen und nicht ganz sie selbst auf ihn. Ihr Mut schwankt, stellte er fest. Wahrlich, die Welt war kalt geworden wenn sie selbst das Feuer von Finarfins Tochter zu ersticken drohte. Círdan konnte inzwischen erkennen, dass auch sie darüber nachdachte, über das Meer zu fahren. Doch noch schien Celeborn sie davon abzuhalten.

"Ist der junge Amrûn mit euch gezogen?" fragte er in einer Gesprächspause. "Oder ging er zurück nach Dol Amroth, wohin er letztes Jahr von hier aus aufbrach?"
"Amrûn fiel bei der Verteidigung Lothlóriens," antwortete Celebithiel leise. "Er war mutiger als wir alle."
So viele, die nun in den Hallen Mandos' ihres Schicksals harrten. Wie viele mochten wohl noch folgen? Er wusste es nicht. Dies waren finstere Zeiten. Doch solche Jahre hatte er bereits erlebt als Gil-galad noch König von Lindon gewesen war.

Bis spät in den Abend tauschten sie sich aus und besprachen das weitere Vorgehen. Die Galadhrim und ihre Anführer waren müde von der langen Reise durch das Dunland und Eriador und froh, endlich am Ziel angelangt zu sein. Die Wälder und Städte Lindons würden sie gastfreundlich aufnehmen, dafür würde er sorgen. Círdan erhob sich und wünschte allen Anwesenden eine gute Nacht. Langsamen Schrittes begab er sich zum Hafen und erreichte kurz darauf die große Anlegestelle, als gerade eines der kleineren Schiffe die Reise in den Alten Westen antrat. Er blieb stehen, den Blick auf das Segel geheftet als es sich langsam entfernte. Einige hatten offenbar nicht einmal einen Tag in Mithlond verweilt. Er fragte sie, wie viele sich ihnen wohl noch dorthin anschließen würden.
« Letzte Änderung: 19. Feb 2016, 14:21 von Fine »
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  • Ich hab da ein ganz mieses Gefühl bei der Sache...
Die Stadt der Falathrim
« Antwort #5 am: 27. Jan 2017, 15:38 »
Mathan, Oronêl, Kerry, Halarîn, Faelivrin, Gandalf, Celebithiel, Finelleth, Anastorias, Farelyë, Adrienne, Angatar, Fanael und Aesa vom Fluss Lhûn


Ihre Ankunft war offenbar bereits erwartet worden. Gandalf, der mit Finelleth ein Stückchen voraus ging, wartete am Tor auf sie. Kerry staunte nicht schlecht. Sie gingen einen sanft abfallenden Pfad hinunter, zu beiden Seiten lagen saftige Wiesen und blühende Bäume. Die große Stadt breitete sich vor ihnen aus. Der Großteil lag am südlichen Ufer des Lhûns, der ungefähr eine Meile vor Mithlond eine Biegung nach Westen machte, doch auch auf dem Nordufer standen schlanke, verzierte Türme und elbische Gebäude. Mehrere große Brücken überspannten den Fluss, die sich so hoch hinauf spannten, dass selbst große Schiffe unter ihnen hindurch passten und die Gewässer des Flusses befahren konnten. Der Pfad führte sie zum nordwestlichen Tor in der Mauer, die beide Hälften der Stadt umgab und aus beigefarbenen Steinen gebaut und reich verziert war.

"Willkommen in Mithlond," sagte Gandalf gut gelaunt, und neben ihn trat ein Elb, wie ihn Kerry noch nie zuvor gesehen hatte. Er besaß einen Bart und eine unglaubliche Ausstrahlung, die Kerry in wachsendes Staunen versetzten.
Círdan, Herr der Anfurten, breitete die Arme aus und sagte: "Auch ich heiße euch willkommen, ihr Wanderer, die aus der Wildnis zu uns kommen. Große Namen sind unter euch, doch mir ist jeder willkommen, ob groß..." und seine Augen fixierten Farelyë, "...oder klein."
Als Faelivrin heran kam wandte sich Círdan ihr zu. "Es ist schön, Euch wiederzusehen, Scalyna. Ihr werdet im Hafen zwei große Schiffe vorfinden, voll mit Elben, die geduldig auf Eurer Rückkehr geharrt haben."
"Ich werde gleich zu ihnen gehen. Danke, Ältester," sagte Faelivrin."
Círdan neigte gütig sein Haupt, und Faelivrin ging in Richtung des Hafens davon; gefolgt von Anastorias und ihren Leibwächtern. Dann wandte sich der Meister der Häfen dem Rest der Gruppe zu.
"Einige von euch kenne ich bereits," begann er. "und die Namen der Übrigen sind mir bereits genannt worden. Dennoch ist es bei den Falathrim Sitte, wichtige Besucher angemessen willkommen zu heißen."
Oronêl trat vor und sagte: "Mein Name ist Oronêl Galion, Meister."
Círdan musterte ihn aufmerksam. "Der Herr des Goldenen Waldes," stellte er fest. "Und Träger einer schweren Bürde. Mögest du hier Frieden und Ruhe finden... für eine Zeit." Daraufhin gab Oronêl keine Antwort, und Mathan war als Nächster an der Reihe. Gemeinsam mit Halarîn trat er aus der Gruppe.
"Willkommen zurück, Mathan Carnesir," sagte Círdan. "Eine wichtige Nachricht brachtest du einst hierher. Und nun kehrst du zurück, nach großen Taten im Norden." Er nickte zufrieden und hieß auch Halarîn willkommen: "Willkommen, Halarîn, leichtfüßige Tochter der Hwenti. Dein Mitgefühl und deine Liebe begleiten dich."
Halarîn blickte leicht beschämt zu Boden, doch dann winkte sie Kerry heran, die Farelyë an der Hand führte. "Hier ist Ténawen Morilië Nénharma, meine Tochter," stellte Halarîn sie vor. "Und Farelyë von den Cuventai."
Zum ersten Mal zeigte Círdan tatsächlich Überraschung. "Wir haben viele Zeitalter nichts von den Cuventai gehört," sagte er leise. "Und viele Fragen stellen sich noch. Wenn dies Farelyë ist, dann frage ich mich, welches Schicksal Farel erlitten hat, und wohin ihn die Wogen der Zeit gertragen haben mögen."
Er machte eine kurze Pause, und Farelyë wiederholte leise: "Farel..."
Der Herr der Anfurten lächelte und blickte dann Kerry an. Und sie erkannte, dass auch in seinen Augen ein silberner Schein war. "Ténawen," wiederholte er den Namen, den Mathan ihr in Fornost gegeben hatte. "Sei willkommen. Und fürchte keine Aufmerksamkeit!" Kerry blickte, ihrer Mutter ähnlich, betreten zu Boden, doch sie sagte: "Danke, Meister."
Auch Adrienne wurde von Círdan herzlich begrüßt. "Hier bist du in Sicherheit," sagte er tröstlich. "Kein Schatten wird dir hierhin folgen können." Adrienne blieb zwar schweigsam, aber schließlich nickte sie.
Dann wandte sich der Meister der Häfen wieder an die gesamte Gruppe. "Die Gastfreundschaft der Anfurten wird euch allen zuteil. Ruht euch aus, findet Frieden und lasst eure Wunden heilen, bis euch andere Dinge wieder von hier fort rufen."
"Einen Augenblick, mein Freund," wandte Gandalf ein, der noch immer äußerst zufrieden mit sich selbst wirkte. "Du hast jemanden vergessen - beziehungsweise hat sich jemand deiner Begrüßung entzogen."
"Nur keine Sorge," erwiderte Círdan. "Ich habe ihr lediglich die Zeit gegeben, die sie brauchte. Komm nur zu mir, Faerwen."
Und Finelleth trat zu ihm, seltsam bedrückt wirkend. "Ich danke Euch für Eure Gastfreundschaft, Ältester," stieß sie hervor.
"Du hast dich dein Leben lang verborgen," mahnte Círdan. "Es ist Zeit, dass du dich der Verantwortung stellst, die dich möglicherweise einst erwarten mag."
"Ich verstehe," antwortete Finelleth leise. Doch zufrieden sah sie nicht aus.

Círdan führte sie ins Innere der Stadt, die voller Elben war. Kerry stellte bald fest, dass in Mithlond zwei große Gruppe zu bestehen schienen. Eine ähnelte Círdan, Celebithiel und den Elben, die mit Gandalf an der Straße am Fluss auf sie gewartet hatten. Und auch Mathan schien ihnen zu ähneln. Sie trugen meist Rot- oder Blautöne, sowie silberne Rüstungen, wenn es sich um bewaffnete Krieger oder Stadtwachen handelte. Ihre Haare waren meist dunkel. Die zweite Gruppe ähnelte stark Oronêl und Finelleth und war zum Großteil in grüne, braune oder graue Kleidung gehüllt. Trugen sie Rüstunge, waren diese rotgolden, mit langen, blauen Umhängen.
Celebithiel, die neben Kerry herging, erklärte ihr den Unterschied. "Die Galadhrim, Oronêls Volk, lebt erst wenige Monate in Lindon. Die meisten wohnen in den Wäldern südlich von Mithlond; direkt an die südliche Mauer grenzt ein großer Wald an in dem sie Fletts in den Baumkronen errichtet haben. Einige haben aber auch leerstehende Häuser in Mithlond bezogen. Die zweite Gruppe sind die ursprünglichen Bewohner Lindons: Sindar und Noldor, die hier seit zwei Zeitaltern unter Círdans weiser Anleitung leben und Schiffe bauen, die in den Alten Westen fahren."
Kerry nickte staunend. So viele Elben hatte sie noch nie auf einem Haufen gesehen. Farelyë, die noch immer an ihrer Hand ging, schien ebenso beeindruckt zu sein und hatte seit der Begrüßung kein Wort gesagt. Auf ihrem kindlichen Gesicht lag ein Ausdruck der Bezauberung.
"Wie ist es dir seit dem Alten Wald ergangen?" fragte Celebithiel neugierig. "Hast du dein Versprechen gehalten?"
"Ich schätze schon," sagte Kerry und erinnerte sich. Damals hatte Celebithiel ihr gesagt, dass sie dafür sorgen solle, dass Gandalf seinen Mut zurückerlangte. "Sieh ihn dir doch an. Zwar hat ihn die Schlacht um Fornost viel Kraft gekostet, aber jetzt erinnert er mich schon wieder viel mehr an den Gandalf, den ich vor vier Jahren in Edoras gesehen habe."
"Stimmt," befand Celebithiel. "Das hast du gut gemacht, Kerry - oder sollte ich vielleicht Ténawen sagen? Oder Morilië?"
"Das darfst du dir aussuchen," sagte Kerry großzügig. Und dann erzählte sie Celebitihiel wie einer alten Freundin in schnellen Sätzen alles, was seit ihrem Aufbruch ins Auenland geschehen war, obwohl ihre bisherige Bekanntschaft nur aus einem kurzen Gespräch bestanden hatte. Dennoch tat es gut, davon zu erzählen.

Sie war bis zur Feier ihrer Adoption gekommen, als sie an einem großen Gebäude in der Nähe des Hafens angekommen waren. Die mit elbischen Lanzen bewaffneten Gardisten gaben den Eingang frei und die Gruppe betrat einen großen, kreisrunden Saal, in dessen Mitte ein riesiger, ebenso runder Tisch stand. Am gegenüberliegenden Ende des Raumes war ein großer Balkon, der einen beeindruckenden Ausblick über die Bucht bot, die sich von Mithlond aus nach Westen bis zum Ozean ausbreitete. Und auf diesem Balkon standen zwei in Weiß gekleidetete Gestalten, ein Mann und eine Frau.
Oronêl sog hörbar den Atem ein, und Gandalf ging zu den beiden hinüber, gefolgt von Círdan. Nach und nach betrat der Rest der Gruppe den Balkon.
"Es ist gut, dich wiederzusehen, Oronêl," sagte die Frau, deren Ausstrahlung auf Kerry gleichzeitig majestätisch, aber auch traurig wirkte. "Gräme dich nicht, dass dein Auftrag unvollendet blieb. Du hast immer noch Zeit."
"Dies sind Celeborn und Galadriel," stellte Círdan die beiden Elben vor. "Sie kamen mit den Galadhrim zu mir und haben bereits gespannt auf euer Eintreffen gewartet."
In schneller Abfolge nannten Gandalf Celeborn und Galadriel die Namen der Gruppe. Doch die Aufmerksamkeit der beiden lag auf Oronêl, der sie offensichtlich bereits kannte.
"Ich sollte zunächst berichten, was seit meinem Aufbruch aus Aldburg geschehen ist," begann er, und Galadriel blickte ihn aufmunternd an. Dann erzählte Oronêl mit fester Stimme von seinem Weg durch Dunland, Eregion, Imladris und Fornost, der Schlacht um die Stadt, die ungeplante Reise nach Angmar und die Rettung Kerrys aus Carn Dûm, die mehr und mehr das Gefühl bekam, Oronêl an der Erfüllung eines wichtigen Auftrages gehindert zu haben. Er hätte längst schon woanders sein sollen, dachte sie und fühlte sich äußerst unbehaglich. Und ich bin schuld, dass er jetzt ... Ärger bekommt? Doch danach sah es nicht aus- Celeborn sagte sogar: "Es war eine mutige Tat von euch allen, nach Angmar zu ziehen um ein unschuldiges Leben zu retten." Der beeindruckende Elb ließ seine Augen auf Farelyë ruhen, die den Blick mit einem ruhigen Gesichtsausdruck aus ihren silbernen Augen erwiderte.
"Wäret ihr nicht gegangen, wäre der Ersten ein schlimmes Schicksal zuteil geworden," stellte Galadriel klar. "Ich könnte vielleicht versuchen, mit ihr zu sprechen. Aber es gibt jemanden hier in der Stadt, die es besser kann als ich." Dabei blickte sie zu Halarîn hinüber. "Ihr solltet sie suchen, wenn ihr Zeit habt."

Mehrere kleinere Gespräche wurden nun geführt, doch Kerrys Blick wurde vom Meer angezogen. Sie kletterte auf das flache Geländer des Balkons und blickte auf die schier endlosen Wassermassen hinaus.
"Earí", sagte Farelyë bewundernd, die neben ihr stand. Kerry zog sie vorsichtig zu sich hinauf und ließ das Mädchen auf ihrem Schoß sitzen. Gemeinsam beobachteten sie, wie ein Schiff mit hellblauen Segeln in den Hafen einlief.
« Letzte Änderung: 29. Jan 2017, 16:27 von Fine »
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Eandril

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« Antwort #6 am: 27. Jan 2017, 18:36 »
Als die Elben sich in der Halle und darüber hinaus verstreuten, blieb Oronêl bei Celeborn und Galadriel stehen. "Es war gut getan, ihr zu folgen", sagte Galadriel leise, und ihr Blick schweifte zu Kerry, die mit Farelyë auf dem Geländer des Balkons saß, und auf das Meer hinausblickte. Auch Oronêls Blick wurde immer wieder von den glitzernden Wassern des Golfes von Lhûn angezogen - über dieses Wasser war über sechstausend Jahre zuvor das Schiff gefahren, dass seine Eltern in den Westen gebracht hatte. 
"Wir wissen nicht, welche Rolle Kerry in dieser Geschichte noch zu spielen hat", fuhr Galadriel leise fort. "Doch etwas wichtiges hat sie bereits in Bewegung gebracht: Laedors Tod, Mathans Suche nach seiner Mutter - beides mögen wichtige Stücke im Gefüge vom Schicksal Mittelerdes sein. Und ihre Verbindung mit Farelyë ist nicht zu übersehen, Gutes mag daraus erwachsen."
"Ich bereue nicht, von meinem Weg abgewichen zu sein", erwiderte Oronêl, und als Galadriel ihn ansah hatte er das Gefühl, dass sie geradewegs durch ihn hindurchblicken konnte. "Vielleicht bist du das gar nicht. Vielleicht war der Weg durch Angmar dir von Anfang an zu Füßen gelegt", sagte Celeborn, doch Galadriel schüttelte den Kopf. "Das ist es nicht."
Unter ihrem festen Blick legte Oronêl die Recht auf den Beutel, in dem er den Ring trug. "Es ist merkwürdig, aber ich fühle, dass er... stärker wird." Zum ersten Mal hatte er es bemerkt, kurz nachdem sie Ringechad verlassen hatten. Immer wieder waren seine Gedanken kurz zu dem Ring in seiner Tasche gewandert, an den er seit Fornost nur noch selten gedacht hatte. Er hatte noch kein Bedürfnis verspürt, den Ring hervorzuholen oder gar aufzusetzen, doch er ahnte, dass das nur eine Frage der Zeit war.
"Die Ringe der Macht haben... einen eigenen Willen", sagte Galadriel langsam, und auf ihrem Gesicht zeigte sich ein Anflug von Besorgnis. "Und seit der ursprüngliche Träger dieses einen der Neun vernichtet wurde, ist er auf der Suche nach einem neuen Träger. Du hast ihn in Dol Amroth gebrochen, doch da er zurück in die Hände der Menschen geraten ist, fürchte ich, dass sein Wille erneut erwacht ist."
"Und ich weiß nicht, ob ich dieses Mal stark genug sein werde", erwiderte Oronêl leise, und der Gedanke machte ihm Angst. Zwar war der Ring für die Menschen gemacht worden, doch wer konnte schon sagen was geschah, wenn ein Elb ihm verfiel? Celebithiel, die offenbar den letzten Teil ihres Gesprächs mitgehört hatte, trat neben ihm, und sagte: "Dann wird es an der Zeit, dass ich das Versprechen erfülle, dass ich dir in Dol Amroth gegeben habe. Aber vorher solltest du dich einige Tage ausruhen - und es gibt noch einige Leute, die dich sehen wollen."

Kaum hatte sie ausgesprochen, da fand Oronêl sich bereits in der festen Umarmung eines blonden Mädchens wieder. Als Irwyne ihn losließ und einen Schritt zurücktrat, strahlte sie über das ganze Gesicht. "Ihr habt es geschafft! Ich hatte natürlich nie daran gezweifelt, aber..." Sie lachte, unfähig Worte zu finden, bis ihr Blick auf Oronêls linke Hand fiel, und sich ihre Augenbrauen zusammenzogen. "Wer war das denn?"
"Eine einstürzende Mauer", erwiderte Oronêl lächelnd, und Finelleth, die ebenfalls zu ihnen getreten war, ergänzte: "Und ich."
"Du?", fragte Irwyne verwundert, bevor sie begriff. "Natürlich, die Finger waren nicht zu retten und ihr musstet sie abnehmen. Habt ihr wenigstens darauf geachtet, das dass Messer sauber war, habt die Wunden gleich sauber verbunden und..." Oronêl und Finelleth wechselten einen Blick und lachten, doch bevor einer von beiden etwas sagen konnte, sagte eine männliche Stimme: "Dazu ist mitten in einer feindlichen Festung vermutlich keine Zeit, meine liebe Heilerin." Als Oronêl sich umwandte, sah er einen Mann auf sich zukommen in dem er erst nach einem kurzen Moment Amrothos erkannte. Imrahils Sohn sah deutlich gesünder aus als das letzte Mal, dass Oronêl ihn in Imladris gesehen hatte. Er sprühte geradezu vor Leben, und hatte sich einen kurzen schwarzen Bart stehen lassen.
Oronêl schloss ihn kurz in die Arme, und sagte dann: "Ich hatte nicht erwartet, dich hier zu sehen. Ich dachte, du wärst noch in Imladris oder bereits wieder auf dem Weg nach Süden."
"Wir sind uns kurz hinter Bree auf der Straße begegnet", erklärte Irwyne, die merkwürdigerweise leicht errötet war, und Amrothos ergänzte: "Eigentlich wollte ich bereits vor ein paar Tagen abreisen, bis die Nachricht kam dass Celebithiel und Mithrandir euch an den Nordgrenzen getroffen hättet. Und wie das Schicksal es will, brauche ich nun nicht einmal mehr eines von Círdans Schiffen in Anspruch zu nehmen."
"Wieso?", fragte Oronêl verwundert. "Ist Botschaft aus Dol Amroth eingetroffen? Hat dein Vater ein Schiff gesandt?"
Durch die große Tür trat eine schlanke Elbenfrau in blau-silbernen Gewändern nach der Art Dol Amroths in die Halle. Mithrellas trug die Kleidung der Stadt, der sie ihren Namen gegeben hatte, mit einer Selbstverständlichkeit als hätte sie nie etwas anderes getragen. "Das hat Imrahil allerdings getan", sagte sie, und küsste Oronêl zur Begrüßung auf die Wange. Er freute sich, seine Tochter zu sehen, doch musste er einen Gedanken verscheuchen, der ihm bei ihrem Anblick durch den Kopf geschossen war: Willst du wissen, was ich mit deiner Tochter... "Nach der sicheren Rückkehr seiner Tochter möchte der Fürst gerne auch seinen jüngsten Sohn in Sicherheit wissen, weshalb ich nach Norden gesegelt bin", fuhr Mithrellas fort, und Amrothos stutzte. "Von wo ist Lothíriel sicher zurückgekehrt?", fragte er, und Mithrellas warf Oronêl einen vorwurfsvollen Blick zu.
"Du hast es ihm nicht erzählt?" Oronêl kannte diesen Tonfall, denn so hatte nicht nur ein Streit zwischen ihnen angefangen. "Ich hatte meine Gründe...", begann er, und auf den Ausdruck in Mithrellas' Augen hin unterbrach er sich und lächelte. Keine Antwort hatte seine Tochter so wütend gemacht wie diese, besonders wenn er diese Gründe nicht richtig erklärt hatte. "Als wir uns das letzte Mal begegnet sind, war Amrothos in keinem Zustand für eine solche Neuigkeit", erklärte er, und Amrothos nickte zustimmend. "Das ist leider wahr. Vielleicht ist es tatsächlich besser, dass ich erst jetzt davon höre, erst recht, da meine Schwester wieder in Sicherheit ist - was ist überhaupt passiert?"
"Nach der Schlacht von Linhir und dem Bündnis deines Vaters mit Qúsay wurde Lothíriel nach Umbar entführt, und Imrahil schickte Valion und Valirë vom Ethir los, um sie zu befreien", berichtete Mithrellas, und Amrothos zog die Augenbrauen in die Höhe. "Eine merkwürdige Wahl. Als Kinder hatten sie nichts als Unsinn im Kopf, und ich hatte nicht den Eindruck, dass sie mit den Jahren verlässlicher geworden wären", meinte er. "Aber so kann man sich täuschen, denn offensichtlich hatten sie ja Erfolg."
"Nach dem, was ich gehört habe, hatten sie Hilfe von einem Meister... Edrahil?", sagte Mithrellas ein wenig unsicher. Amrothos verzog ein wenig das Gesicht. "Der Herr der Spione. Dann wundert mich ihr Erfolg nicht mehr - Edrahil ist äußerst fähig, allerdings fand ich ihn immer ein wenig unheimlich... Mich wundert allerdings viel mehr, dass er und die Zwillinge zusammengearbeitet haben. Er hat ihnen als Kinder oft genug einen Strich durch die Rechnung gemacht, und dann war da noch der Vorfall mit dem Braten..." Amrothos verstummte, und lächelte bei der Erinnerung. "Aber ich sehe schon, ich habe einiges verpasst."
"Ich würde gerne mit dir nach Dol Amroth kommen", sagte Oronêl. Mithlond erinnerte ihn ein wenig daran, und hatte in ihm die Sehnsucht nach der Schwanenstadt geweckt, so wie die Wälder im Norden des Landes die Sehnsucht nach Lothlórien geweckt hatten. "Aber zuvor muss ich meine Aufgabe erfüllen."
Einen Augenblick lang herrschte Schweigen, bis Irwynes Blick auf den inzwischen verwaisten Balkon. "Oh, ich wollte auch Kerry begrüßen, aber sie ist nicht mehr da", sagte sie. "Ich gehe sie suchen." Mit einem seltsamen Gesichtsausdruck blickte Amrothos ihr hinterher, und sagte dann langsam: "Nun... ich würde auch gerne das Mädchen kennenlernen, um deretwillen ihr bis nach Carn Dûm gegangen seid." Mit diesen Worten eilte er Irwyne hinterher, und Finelleth lächelte still in sich hinein.
Celebithiel, die Irwyne ebenfalls hinterhergesehen hatte, sagte an Oronêl gewandt: "Weißt du, was in fünf Tagen ist?"
"Der... erste September?", fragte Oronêl verwundert, und Celebithiel lächelte. "Das auch. Aber was ich meinte, ist Irwynes Geburtstag... Amrûn hat es mir einmal erzählt." Bei der Erwähnung Amrûns huschte ein Ausdruck der Traurigkeit über ihr Gesicht, und Oronêl drückte ihre Hand, während er einen Blick mit Finelleth wechselte. "Nun... das ist gut, denn ich denke, ich habe ein Geschenk für sie." Es wird einen Tag geben, der dir gehört, hatte er in Fornost zu ihr gesagt. Wie es aussah würde es bald eine Gelegenheit geben, es wahr zu machen.

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

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Die Manarîn
« Antwort #7 am: 27. Jan 2017, 18:48 »
Der Weg durch Mithlond erinnert Mathan an seinen ersten Auftrag, den er ausgeführt hatte. Einen der drei Ringe der Macht der Elben zu dem Hochkönig zu bringen. Nun stand er wieder in den Mauern, die er vor so langer Zeit bereits besuchte. Sein Blick ging zu Kerry, die mit der kleinen Farelyë auf dem Balkon stand und in die Bucht hinausblickte. Der Elb blickte kurz zurück zu Halarîn, die mit Adrienne sprach, sie nickte ihm zu und er trat zu seiner Tochter hinaus.
Gerade deutete Farelyë staunend auf eines der Schiffe von den Elben Faelivrins.
"Beeindruckend nicht wahr?", sagte er, als er sich zu ihnen gesellte.
An der Hafenmauer lag ein großes Schiff, das mehr als drei Stockwerke maß war und länger als die meisten Langhäuser. Drei große Masten hielten die hellblauen, aufgerollten Segel. Die hohen Aufbauten waren filigran verziert, der bauchige Rumpf hatte zwei Reihen von Luken, hinter der sich scheinbar irgendwelche Waffen versteckten. Im Sonnenlicht funkelte der stählernde Rammsporn und die metallverstärkte Front des Schiffes wundervoll.
"Ich hätte nicht gedacht, dass Elben so groß bauen", gab Kerry offen zu und betrachtete das Schiff, auf dem sich dutzende Elben tummelten und unablässig Vorräte, Kisten und Bündel heruntertrugen.
"Es ist immernoch von der Vorhut, Kleine.", spach jemand hinter ihnen und sie drehten sich überrascht um. Vor ihnen stand eine Ellbe, die genauso groß war wie Kerry. Ihre blonden Haare und die blauen Augen strahlten in der Sonne, ihr gütiges Gesicht wirkte sehr glücklich. "Du bist also das neue Mitglied des Königshauses. Sehr erfreut, mein Name ist Nivim Sasca.", stellte sich die Elbe vor und verneigte sich leicht.
"Sehr erfreut Nivim Sa..." Kerry stockte, "Nivim, sehr erfreut", sagte Kerry, stellte sich selbst vor und errrötete, da sie den Nachname der Elbe nicht aussprechen konnte. Nivim lächelte verständnisvoll und trat an sie heran, ihre Augen glitten neugierig über ihr Gesicht. "Verzeih mir, aber ich habe noch nie Menschen getroffen", sagte Nivim bewundernd und strich Kerry durchs Haar, "Die Sprache der Hwenti ist sehr schwer, das "C" innerhalb des Namens ist bei uns ein "th", also nenn mich einfach Nivim, Ténawen."
Kerry, noch immer rot, nickte und Nivim verneigte sich zu Mathan. "Verzeiht, Ahnherr, ich war zu sehr gefesslt von der jungen Dame. Es ist mir eine Ehre den Herrn des Königshauses kennenzulernen. Eure Tochter ist wahrlich eine große Königin."
Mathan trat etwas unwohl von einen Fuß auf den Anderen und murmelte, dass sie nicht so förmlich sein müsste. Er mochte es nicht, wenn er so hochstehend behandelt wurde, was Nivim ihm scheinbar ansah, denn sie grinste nun das erste Mal.
"Lass das", sagte sie mit einem glockenhellen Lachen und zog hinter ihren Rücken ein kleines Elbenmädchen hervor. Scheu klammerte sich das Mädchen an die Beine ihrer Mutter und lugte mit einem Auge hervor. "Das ist Estora, meine Tochter.", stellte Nivim die Kleine vor, die Farelyë ein scheues Lächeln schenkte und Kerry aufmerksam beobachtete. Ihre blauen Augen waren durchdringend und Mathan konnte sich nur mit Mühe von ihnen lösen. Farelyë sagte etwas, das scheinbar nur Estora verstand, denn sie nickte und gemeinsam liefen die beiden Mädchen zwischen von dem Balkon nach drinnen. "Geht nicht zu weit weg!", rief Nivim ihnen hinterher und lächelte, "Sie wollen spielen, die Erste hat sehr undeutlich gesprochen. Keine Sorge es sind genug Leute da die aufpassen.", sagte sie auf Kerrys Blick hin.
Mathan räusperte sich und fand seine Stimme wieder. "Es ist schön dich kennenzulernen, Nivim." Er bemerkte, wie sie seine Waffen musterte und sich dann knapp verneigte. "Bitte, ich bin nur ein normaler Elb, du musst nicht so respektvoll sein.", bat Mathan sie freundlich, da es ihm unangenehm wurde.
Nivim nickte und lächelte, dann wandte sie sich an Kerry: "Komm, wir gehen mal Frauendinge besprechen. Außerdem ziehen wir dir mal etwas Anderes an.", sie schnaltzte mit der Zunge und legte nachdenklich einen Finger an das Kinn, "Deine Maße sind ja eigentlich ganz gut, ich schätze, du könntest es tragen."
Mathan grinste, während Kerry erneut rot anlief, doch Nivim war scheinbar voll in ihrem Element und schob das Mädchen kurzhand vom Balkon. Der Elb blickte ihr verwundert nach, scheinbar waren die Avari noch immer impulsiver als die meisten Elben. Halarîn trat zu ihm auf den Balkon und blickte mit einem Schmunzeln Kerry hinterher, die von Nivim an der Hand genommen wurde.
"Es ist schön hier", sagte sie und betrachtete die großen Schiffe der Avari, "Und sehr lebhaft", setzt sie lächelnd nach. Ihr Lächeln schwand, als sie die Luken in dem Rumpf erblickte. "Ob sie auch dort kämpfen mussten? Faelivrin hat davon nichts erwähnt."
"Ich schätze es wurde nur zur Sicherheit eingebaut", antwortete Mathan und kniff die Augen zusammen, "Dort." Er deutete auf eine halb geöffnete Luke, aus der zuwei lange Metallstäbe herausführten. "Das sieht nach einer Führungsschiene aus... vielleicht für Geschosse", mutmaßte Mathan und Halarîn stupste ihm in die Seite.
"Kein Kampferläuterungen jetzt, du Eisklotz" Halarîns Stimme schwankte zwischen Belustigung und gespielter Empörung. "Lass uns zu Faelivrin gehen. Adrienne hat gesagt, sie kommt erstmal alleine zurecht. Sie braucht Zeit für sich."
Da Mathan nichts weiteres geplant hatte, nickte er und gemeinsam ging das Paar von dem Balkon. Im Inneren sprachen die Anderen noch immer und er nickte Oronêl im vorbeigehen zu.

Nivim zog Kerry durch die Stadt und lächelte dabei unentwegt. Die Elbe war ganz von dem jungen Mädchen begeistert und versuchte sich ständig zu beruhigen. Menschen fand sie faszinierend. "Komm, es wird dir gefallen"sagte sie und blieb vor einem kleineren, unscheinbaren Haus stehen. Sie öffnete die Tür und bedeutete Kerry einzutreten. Staunend kam sie ihrer Aufforderung nach und blickte sich um. Das Haus war vollgestopft mit aller Arten von Stoffen und Kleidung. Nivim lächelte scheu. "Eigentlich habe ich mein eigenes Heim aufgeräumter, aber ich bin auch nicht seit langem hier.", gestand sie und führte Kerry in einen kleinere Raum nach hinten, der offensichtlich zur Anprobe gedacht war.
Nivim musterte sie ausführlich und blickte sie auffordernd an, bis Kerry unsicher fragte, was sie erwartete. Die Elbe hob daraufhin überrascht die Brauen und schmunzelte. "Na, deine Kleidung wirst du ja wohl kaum unter dem Kleid anlassen", sagte Nivim schelmisch und zog ein Tuch hervor, "Nun komm schon, wir sind beide erwachsene Frauen und werden erwartet."
Mit knallrotem Kopf kam sie zögerlich der Aufforderung nach entkleidete sich. Kerry bemerkte rasch wofür das Tuch gut war, denn Nivim bedeckte sie damit, während sie in Unterwäsche dastand. So konnte die Elbe nicht zu viel erkennen, aber genug um Maß zu nehmen. Nach einigen "Hmmm" und "Interessant" verschwand sie in einen Nachbarraum und Kerry blickte sie um und strich über einen Stoff, der butterweich durch die Finger glitt. Im selben Moment kehrte Nivim mit einem eisblauen Kleid zurück, das einen nicht ganz so tiefen Ausschnitt wie das Kleid von Irwyne besaß, mit einer silberne Schmuckborte verziert wurde, einen hohen Kragen und weit ausgestellte Arme hatte. Bewundernd strich Kerry über den Stoff und bemerkte, dass es der Gleiche war, wie der, den sie zuvor berührte. Nivim lächelte ihr aufmunternt zu und half ihr nach einem kurzen Zögern in das Kleid.
"Na, passt doch wie angegossen.", sagte Nivim stolz und strich den Stoff glatt. "Jetzt wird man dich sicher als Mitglied unserers Hauses erkennen können."
Kerry kribbelte es, als der Stoff sich auf der nackten Haut bewegte, sie hatte das Gefühl, als ob dutzende Hände sie berührten. Sie strahlte Nivim an, die ihr noch ein passendes Paar Schuhe dazustellte, die einen kleinen Absatz hatten. Kerry schlüpfte zweifelnd in die zierlichen Schuhe, stelle aber dann überrascht fest, dass sie gemütlich waren und sich an den Fuß schmiegten.
"Nun, lass uns rasch gehen, sonst warten nachher alle auf uns.", sagte Nivim eifrig und warf ihr noch einen goldbestickten Schal über, ehe sie die verlegene Kerry an die Hand nahm und zur Tür hinauszog. Gemeinsam liefen die beiden Frauen durch die Stadt, in den östlichen Teil der Stadt. Als sie an einen der größeren Garten ankamen, wurden sie langsamer und Stimmengemurmel drang an ihre Ohren.

Mathan und Halarîn kamen gerade um die Ecke, als sie Kerry an der Hand von Nivim erblickten. Sie steuerten auf den Garten zu, in den sie ebenfalls gerade gehen wollten. Sie beschleunigten ihre Schritte und Nivim bemerkte sie.
"Du siehst wundervoll aus, Schatz", sagte Halarîn erfreut und küsste ihre Tochter auf die Wange, "Telella Ténawen", kicherte sie und strich ihr die Haare glatt.
Nivim nickte Mathan zu, der seiner Tochter ebenfalls über den Kopf strich. "Wirklich bezaubernd. Du hast ein gutes Auge", lobte er die Elbe, die daraufhin scheu lächelte.
Zu viert betraten sie den Garten und erblickten eine größere Gruppe von Elben, die aufgeregt miteinander redeten. Darunter war eine wahrhaftig riesige Frau, die alle Anderen um einen Kopf überragte. Ihre weit sichtbaren silbernen Augen blitzen auf, als sie die vier Neuankömmlinge entdeckte. Die Gespräche verstummten und die Elben drehten sich um. Mathan erkannte seine Tochter Faelivrin, die gegenüber von Anastorias stand, der rechts und links von zwei Elben an den Schultern gehalten wurde. Offensichtlich waren es seine Eltern, denn die Ähnlichkeit von Isanasca mit Faelivrin war sehr deutlich. Mathan kannte sie nur aus den Briefen seiner Tochter. Lachend rannten Farelyë und Estora zwischen Halarîn und Kerry hindurch in den Garten. Farelyë blieb wie angewurzelt stehen, als sie große Elbe erblickte. Selbige schien sie ebenfalls zu erkennen, denn sie kniete sich nieder und öffnete die Arme. Nach einem Moment lief Farelyë zu ihr und umarmte sie. Die große Elbe erhob sich mit der kleinen Elbe auf dem Arm und ging etwas zur Seite.
"Das wird interessant... Komm, lass uns Ténawen vorstellen.", sagte Nivim schließlich und zog die etwas verunsicherte Kerry mit sich. Die Elben kamen ihr auf halber Strecke entgegen. Dutzende neue Gesichter verneigten sich leicht und begrüßten sie höflich, aber herzlich.
"Besser, ich stelle alle nach der Reihe vor, sonst kommt ihr ja noch ganz durcheinander", lachte Faelivrin und die Elben verstummten.
"Dies ist Isanasca, meine Tochter.", sagte die Königin und legte die Hand auf die Elbe, die ihr fast wie aus dem Gesicht geschnitten war. Sie trug eine Blume im Haar, woran man sie gut erkennen konnte. "Sehr erfreut, du kannst mich einfach Isa nennen", sagte sie und machte einen höfischen Knicks, "Ich bin die Prinzessin der Manarîn und dies ist mein Mann, Sanas." Der angesprochene Elb, von dem Anastorias offensichtlich das schwarze Haar geerbt hatte, schenkte ihnen ein warmes Lächeln.
"Das ist Luscora, mein Sohn" Faelivrin deutete auf einen Elb, der etwas schmächtig wirkte, seine dunkelbraunen Haare wirkten etwas zerzaust. Er lächelte etwas zurückhaltend. "Du siehst wundervoll aus. Ich bin der Prinz der Manarîn und mit verlaub der beste Baumeister." Beim letzten Satz grinste er schief und tätschelte seiner kleinen Tochter liebevoll über den Kopf, die verngügt die Augen schloss und die Berührung genoss. "Und das ist Nivim, die du ja bereits kennengelernt hast. Sie ist meine Frau und eine der besten Schneiderinnen, die wir haben." Stolz schwang in Luscoras tiefer Stimme und er gab seiner Frau einen flüchtigen Kuss.
"Mich kennst du ja", sagte Anastorias mit einem Augenzwinkern. "Ich bin der Stärkste Elb der Manarîn." Mehr brauchte er nicht zu sagen, die übrigen Elben schmunzelten und scheinbar war es wirklich so, denn sie nickten vereinzelt.
"Eigentlich gehören auch noch die Fürsten dazu, aber die sind leider im Moment gerade beschäftigt.", erklärte Faelivrin und wirkte glücklich wieder bei ihrer Familie zu sein.
"Nicht alle", erklang eine samtene Stimme, die wie Honig in die Ohren floss. Die große Elbe trat näher, mit der kleinen Farelyë an der Hand, die sich leicht recken musste.
"Mein Name ist Ivyn" Sie beugte sich herab und blickte mit ihren silbernen Augen Kerry geradewegs ins Gesicht, "Ich sehe Freude in dir... und Dankbarkeit... und Scham?" Kerry erschaudete unter ihren Augen und darüber, dass sie sie so einfach las wie ein Buch. "Scham ist nicht nötig, junges Fohlen, denn du bist angenommen und akzeptiert wie du bist.", sagte Ivyn langsam und zog sich zurück. Farelyë reckte sich und wollte auf den Arm genommen werden, was auch kurz darauf folgte. Sie flüsterte etwas in ihr Ohr, woraufhin sich ihr Gesicht erhellte. "Farelyë sagt, dass du ihre liebste Schwester bist und fragt ob du noch welche von den leckeren Beeren hast." Das kleine Mädchen tuschelte weiter in Ivyns Ohr, die aufmerksam lauschte. "Sie bedankt sich außerdem für die Rettung aus der Höhle und dafür, dass du ihr die Sterne gezeigt hast."
"Du. Bi.. b- bist Li..cht", sagte Farelyë schwerfällig und strahlte Kerry an.

Mathan lächelte Halarîn an, die seine Hand genommen hatte und sich an seine Schulter kuschelte. Er war froh, dass der Rest der Familie Kerry akzeptierte und so liebevoll mit ihr umging. Zwar bemerkte er, dass ihm und Halarîn auch viele Blicke zugeworfen wurden, doch war das Menschenmädchen deutlich interessanter, da sie die Erste aus einem anderen Volk in der Familie ist.

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Auf der Suche nach Beeren
« Antwort #8 am: 27. Jan 2017, 20:23 »
Als sie Farelyë ihre ersten Worte in der Gemeinsamen Sprache sprechen hörte, konnte Kerry gar nicht anders, als zu ihr zu gehen und die Hand des Elbenmädchens zu ergreifen. "Du lernst wirklich schnell," lobte sie. "Ich verspreche dir, in jeder Küche der Stadt nach den Beeren zu suchen, die du so liebst," fügte sie lächelnd hinzu.
"Ein leicht zu erfüllendes Versprechen, kleine Ténawen," sagte Ivyn, die Kerry zwar auf eine Art und Weise einschüchterte, aber dennoch gleichzeitig eine so beruhigende und friedlche Aura ausstrahlte, dass Kerry die Gegenwart der hochgewachsenen Elbin nicht unangenehm war. Ihre silbernen Augen glichen denen von Farelyë, doch Ivyns strahlten deutlich mehr Weisheit und Erfahrung aus, und sie hatte im Laufe der Jahre gelernt, den silbrigen Schein so zu dämpfen, dass er nicht schmerzte wenn man direkt hineinblickte. Farelyë gelang das noch nicht immer. "Du wirst auf dem großen Markt in der Nähe des Südtores solche Beeren finden," fuhr Ivyn fort. "Es sind nicht ganz dieselben wie jene, die in den eisigen Schluchten der Eiswüste im warmen Dampf der Quellen gedeihen, aber ich weiß, dass meine kleine Freundin sie ebenso sehr lieben wird."
"Danke," sagte Kerry und ließ Farelyës Hand los, die noch immer strahlte. Offenbar hatte Ivyns Gegenwart sie auf eine Art und Weise erfreut und beruhigt, die sie seit der Trennung von ihrem ursprünglichen Stamm nicht erlebt hatte. "Ich werde gehen und diesen Markt finden, wenn ich allen Familienmitgliedern genug Zeit geschenkt habe." Sie wandte sich entschuldigend ab und wollte gehen, doch Ivyn hielt sie mit einem überraschend starken Griff fest.
"Ténawen," sagte sie leise. "Löse dich von der Angst, allen gefallen zu müssen. Sie sind deine Familie und lieben dich so, wie du bist. Sei du selbst. Das wirkt erfrischend und ist auch für dich leichter, denn du musst dich nicht verstellen. Lass sie dich auf ihre Art und Weise annehmen. Du verkörperst etwas, das alle Manarîn jetzt gut gebrauchen können: Hoffnung auf eine neue Zukunft."
Kerry nickte. "Du bist ja wirklich so weise, wie alle sagen," sagte sie bewundernd.
Das brachte Ivyn tatsächlich zum Lachen. "Man hat mir schon davon berichtet, dass du ein Talent dafür hast, Leute zum Lachen zu bringen," kommentierte sie.

Nachdem sie sich lange und überschwänglich bei Nivim für das wunderbare Kleid bedankt hatte (und von ihr das fröhliche Versprechen erhalten hatte, dass Kerry jederzeit mit Kleiderwünschen zu ihr kommen durfe), entdeckte Kerry Anastorias, der bei seinen Eltern stand und ihnen gerade lang und breit von seinen Taten bei Carn Dûm berichtete. Ihr entging nicht, dass Isanasca und Sanas dabei nicht allzu begeistert wirkten, aber ein klein wenig stolz auf ihren tapferen Sohn schienen sie dennoch zu sein.
"Gibt er immer noch mit seinen Erfolgen an?" mischte sie sich frech ein und erntete belustigte Blicke von Faelivrins Tochter und ihrem Mann. Anastorias verhaspelte sich mitten im Satz und ihm schienen die Worte zu fehlen.
"Das gibt es nur selten, dass es jemandem gelingt, unseren Sohn sprachlos zu machen," kommentierte Sanas amüsiert.
"Ich habe so meine Momente," gab Kerry bescheiden lächelnd zurück. "Ihr solltet aber nicht vergessen, dass er uns im Norden eine große Hilfe war. Ohne ihn wären wir vielleicht nicht so leicht aus der Festung des Bösen hinausgelangt."
"Ja, meine Mutter hat es mir bereits erzählt," sagte Isanasca. "Wir sind froh, dass es dir gut geht..... Tante Ténawen."
Das brachte Kerry zum Grinsen. "Tja... stimmt wohl, ich bin tatsächlich deine Tante, Isa," sagte sie.
"Und die Großtante von Anastorias und der kleinen Estora," fügte Sanas hinzu. "Eine große Familie, wie du siehst."
"Und sie wird bald noch größer," sagte Kerry eifrig. "Isa bekommt noch eine Tante, oder einen Onkel."
Die Überraschung stand den drei Elben ins Gesicht geschrieben. "Soll das etwa heißen - " setzte Isanasca an und brach mitten im Satz auf. Alle blickten sie zu Halarîn hinüber, die bei Mathan stand und sich leise mit ihrem Mann unterhielt.
Kerry schlug sich entsetzt die Hände vor den Mund als ihr klar wurde, was sie da unabsichtlich verraten hatte. Doch die Nachricht breitete sich bereits wie ein Lauffeuer in der Avari-Gruppe aus, denn Anastorias lief bereits von Elb zu Elb um es allen zu erzählen. Und schon bildete sich eine dichte Gruppe um Halarîn, die überrascht und etwas verlegen von allen Seiten mit Fragen bedrängt wurde.
Es war schließlich Faelivrin, die mit ihrer königlichen Autorität wieder für Ruhe sorgte. Schuldbewusst wollte sich Kerry davonstehlen, doch ein starker Arm legte sich von hinten um sie und hielt sie fest.
"Junge Dame, das war aber noch nicht für die neugierigen Ohren der Familie bestimmt," sagte Mathan ruhig, mit unterdrückter Belustigung, und zog sie in Richtung ihrer Mutter, die noch immer rötliche Wangen hatte.
"Morilië, was mache ich nur mit dir?" empfing sie Halarîn und wuschelte Kerry liebevoll durchs Haar. "Nun, da die Familie Bescheid weiß, werde ich kaum noch Ruhe vor ihnen haben."
"Auf mich werden sie hören," versicherte Faelivrin. "Ich werde sie dir schon vom Leib halten."
Etwas eiskaltes berührte Kerrys Nacken und ließ sie erschrocken aufschreien. Mathan nahm sein Medaillon wieder weg und sagte: "Strafe muss sein, Tochter. Das nächste Geheimnis wirst du bewahren, nicht wahr?"
Kerry rieb sich den prickelnden Nacken. "Ja, werde ich, Ontáro." sagte sie.

Nach dem kurzen Moment der Aufregung verbrachte Kerry noch einige Zeit im Kreis ihrer neuen Großfamilie und erzählte Teile ihrer Geschichte, hörte Erzählungen aus den Neuen Landen an und sprach mit ihren Nichten und Neffen über dies und das, bis ihr schließlich eine Hand auf die Schulter tippte. Es war Irwyne, neben der ein gutaussehender junger Mann mit schwarzem Bart stand. "Hallo, Deórwyn!" grüßte Irwyne und umarmte Kerry lange und innig. "Ich hoffe, du hast nicht gefroren in dem Kleid, das ich dir geliehen habe. Das, das du da trägst, ist auch sehr schön. Ist es von den Elben, die mit dem Schiffen gekommen sind?"
"Ja," bestätigte Kerry. "Du weißt ja dass ich jetzt Halarîns Tochter bin. Und die meisten Elben hier sind nun mit mir verwandt, kannst du das glauben?"
Irwyne blickte für einen Augenblick etwas traurig an ihr vorbei, zu jemandem, den Kerry nicht sehen konnte. "Nun, ich freue mich für dich," sagte Irwyne gleich darauf und der Augenblick verging. "Du musst mir alles haarklein erzählen, hörst du?" forderte sie.
"Wen hast du denn da mitgebracht?" fragte Kerry interessiert und musterte Irwynes Begleiter eindringlich, der ein freundliches Lächeln im Gesicht trug.
"Ich bin Amrothos, Prinz von Dol Amroth," sagte Amrothos galant und hauchte einen Kuss auf Kerrys Hand, die er ergriffen hatte. "Ich bin erfreut, dich endlich kennenzulernen, edle Dame."
Kerry wurde rot - zum wiederholten Mal an diesem Tag. "Ich bin doch keine Dame," stieß sie etwas durcheinander hervor.
"Oh, in dem Kleid könntest du unerkannt unter den anmutigen Hofdamen von Dol Amroth spazieren gehen," erwiderte Amrothos, der noch immer Kerrys Hand hielt.
Irwyne löste schließlich diese Verbindung und zog Amrothos' Hand weg. "Bei der der Hammerhand, Amrothos, sie ist kein Kind mehr; du musst sie nicht an der Hand halten." Ein ungewöhnlicher Tonfall lag in ihrer Stimme, doch Kerry konnte ihn nicht richtig zuordnen.
"Was macht ein Prinz aus Gondor so weit im Norden?" fragte Kerry mit großem Interesse. Sie war froh, dass es zur Abwechslung mal nicht um sie ging.
"Das ist eine lange und an vielen Stellen nicht sonderlich erfreuliche Geschichte," sagte Amrothos. "Ich schlage vor, wir drei suchen uns ein etwas ruhigeres Plätzchen und tauschen uns dort über das, was uns allen zugestoßen ist, aus. Ich sorge für Verpflegung!"
"Sehr großzügig," sagte Kerry und ärgerte sich beinahe sogar ein bisschen, dass sie Farelyë versprochen hatte, Beeren zu kaufen. "Ich habe nur... zuvor noch einen kleinen Ausflug zum südlichen Markt zu machen. Besorgungen. Ihr wisst ja, wie Eltern sein können."
Amrothos lachte, aber Irwyne nicht. Schweigend blickte sie zu Boden, und Kerry fiel brennend heiß ein, dass Irwynes Eltern seit mehreren Jahren tot waren. "Oh, Irwyne, ich... ich meinte damit nicht..."
"Ist schon gut, Déorwyn," sagte Irwyne mit einem schwachen Lächeln. "Du redest zuviel, wenn du glücklich bist, ist dir das schonmal aufgefallen?"

Amrothos und Irwyne beschlossen schließlich, Kerry bei ihrem Botengang zu begleiten und ihr den Weg zu zeigen. Die Elbenmenge hatte bereits begonnen, sich langsam zu zerstreuen. Mathan und Halarîn standen bei Faelivrin am Rand des Gartens, der zum Meer hin lag und gaben Kerry nur allzu gerne die Erlaubnis, sich die Stadt von Irwyne zeigen zu lassen.
"Wir werden hier auf dich warten," sagte Halarîn. "Ivyn spricht in einem der angrenzenden Häuser mit Farelyë und erklärt ihr, was ihr zugestoßen ist. Ich schätze, danach könnte die Kleine ein paar Beeren nur allzu gut gebrauchen."
"Oder einen gutes Glas Apfelwein," mischte Mathan sich ein und kassierte dafür von seiner Frau einen heftigen Schlag gegen die Brust.
"Bis später," verabschiedete Kerry sich. Irwyne und Amrothos kannten sich überraschend gut aus, und wenig später hatten sie den Markt erreicht. Obwohl es bereits Nachmittag war herrschte dort noch immer ein reges Treiben. Als sie den Beerenstand entdeckt ahtten, fiel Kerry schließlich auf, dass sie etwas sehr Wichtiges vergessen hatte.
"Oh," machte sie und Irwyne und Amrothos blickten sie fragend an. "Ich habe gar kein Geld dabei," gab Kerry beschämt zu.
Irwyne kicherte. "Ich habe mich die ganze Zeit schon gefragt, wann du es merkst."
Amrothos hingegen verfiel wieder in seine Rolle als vollendeter Kavalier, die er fehlerfrei beherrschte. "Eine Dame in Not? Da kann ich helfen." Er zog einen gut gefüllten Beutel hervor und warf ihn in die Luft. Als er ihn geschickt wieder auffing, ertönte ein klingeldes Geräusch. Und kurz darauf hatten sie einen großen Korb voll Beeren gekauft und machten sich auf den Rückweg zu Faelivrins Garten.

Dort angekommen kam Ivyn gerade aus einer der Türen hervor. Sie wirkte leicht außer Atem. "Gut, dass du hier bist, Ténawen. Farelyë braucht dich jetzt. Du bist diejenige, die ihr den ersten Trost spendete seitdem sie erwacht ist. Sie hat bereits eine enge Bindung zu dir aufgebaut. Obwohl sie wie ich eine der Ersten ist, kann ich ihr noch nicht alles geben, was sie braucht. Bitte geh zu ihr."
Amrothos und Irwyne warteten draußen, während Kerry den kleinen Raum betrat. Ein einzelnes Bett stand dort, auf dem Farelyë mit dem Gesicht zur Wand hin lag. Als sie Kerrys Gegenwart spürte (oder die Beeren roch) drehte sich das Mädchen um, und Kerry sah, dass ihre Augen von einem roten Rand umgeben waren, und noch immer rollten ihr Tränen die Wangen hinab. Und mit einem Mal sah Kerry sich selbst, wie sie in Fornost auf ihrem Bett saß und ungehemmt weinte, während Halarîn sie tröstete. Da wusste sie, was sie zu tun hatte. Sie setzte sich zu Farelyë auf das Bett und nahm die kleine Elbin fest in den Arm, ohne etwas zu sagen, und strich ihr zärtlich über den Rücken. Mehrere lange Minuten schwieg sie, bis sie sich noch genauer an das, was Halarîn damals getan hatte, erinnerte.
"Elentai," flüsterte Kerry sachte, und da wurde ihre Stimme gelöst und das Lied, das Halarîn für sie im Versteck des Sternenbundes gesungen hatte, kam ihr zart und lieblich über die Lippen, ohne dass sie die Worte verstand oder bewusst aussprach. Sie sang von der Ostküste Mittelerdes, von der Schönheit des Meeres und wie die ersten Elben in den Wäldern lebten und das Sternenlicht auf ihre Gesichter fiel. Als sie endete versiegten Farelyës Tränen, und das Mädchen kuschelte sich noch enger an Kerry. "Morilyë," flüsterte Farelyë. "D...danke."
"Ich habe dir etwas mitgebracht," sagte Kerry und hievte den Korb auf das Bett. Farelyë war entzückt und schon nach einigen wenigen Bissen war ihre Laune beinahe so gut wie eh und je. Doch Kerry spürte, dass das Mädchen einen Teil ihrer Unbeschwertheit verloren hatte, nun, da sie wusste, was mit ihr geschehen war. Da kam Estora in das Zimmer geflitzt und und kletterte zu ihnen aufs Bett. Als Kerry sah, dass Farelyë nun vorerst wieder gute Laune und eine Spielgefährtin haben würde, umarmte sie das Elbenmädchen noch einmal und verabschiedete sich dann.

"Schön, dass du schon Freunde gefunden hast," sagte Halarîn, als Kerry ihr Amrothos und Irwyne vorgestellt hatte. "Nimm dir nur die Zeit, die du brauchst, um mit ihnen zu sprechen. Aber bitte komm nicht zu spät wieder! Dies ist zwar eine friedliche Stadt, und wir müssen hier nichts fürchten, aber ..."
"...wir wollen dich trotzdem sicher wissen," ergänzte Mathan, ehe Halarîn von einer erneuten Entführung sprechen konnte. "Wenn du uns Bescheid gibst, wo du schläfst, sind wir beruhigt."
"Dann ist es wohl am einfachsten, du schläfst heute bei mir," sagte Irwyne fröhlich. "Ich wohne in einem der Häuser in der Nähe der großen Halle, wohin Gandalf euch heute zuerst gebracht hat."
"Und ich sorge dafür, dass eure Tochter morgen wieder wohlbehalten zu euch zurückfindet," versprach Amrothos.
Kerrys Eltern gaben sich damit zufrieden, und Irwyne und Amrothos brachten Kerry zu dem Haus, in dem Irwyne untergebracht war. Und dort setzten sie sich zu dritt an einen kleinen Tisch und begannen, einander von ihren Abenteuern zu erzählen, während es draußen langsam Abend wurde.
« Letzte Änderung: 9. Jun 2017, 21:06 von Fine »
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Curanthor

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Re: Die Grauen Anfurten
« Antwort #9 am: 27. Jan 2017, 22:18 »
Die Sonne senkte sich langsam dem Horizont entgegen und das Treiben in der Stadt wurde ruhiger. Einzig die Avari an den Schiffen waren unermüdlich an der Arbeit, wie Luscora Mathan und Halarîn erzählte, bevor er mit Nivim im Arm davonschlenderte. Sie hatten viele interessante Gespräche geführt, aber auch neugierige Fragen beantworten müssen. Als die Frage nach Mathans Schwertern, den Silmacil aufkam, war es Ivyn, die ihm aus der Erklärungsnot half. Dabei gestand diese später Halarîn, dass sie selbst nicht wusste was es damit auf sich hat. Zum Schluss waren sie nur noch zu viert in dem Garten, Halarîn sprach mit Ivyn und Mathan saß neben Faelivrin, auf einer der Bänke.
"Círdan hat uns empfohlen nach Eregion zu gehen", sagte seine Tochter plötzlich und legte den Armreif beiseite, mit dem sie gespielt hatte, "Er glaubt, dass sich das Land nach frischen Wind sehnt. Es will geliebt werden, hatte er gesagt."
"Ist er nicht eher dem Wasser näher?", fragte Mathan erstaunt und Faelivrin nickte zustimmend. "Gut möglich, dass er befürchtet, dass noch mehr kommen."
Faelivrin grinste und nahm wieder den Armreif in die Hand. "Sie warten einige Meilen vor der Küste und die Vorhut versorgt sie immer mit Vorräten, bis wir einen angemessenen Lagerplatz erreicht haben."
"Und sie wissen, dass sie höchstwahrscheinlich kämpfen müssen?", fragte Mathan besorgt, woraufhin sie erneut grinste.
"Was meinst du, warum die Vorhutschiffe so schwer bewaffnet sind? Wir sind gekommen um zu leben, zu kämpfen und unsere Verwandten zu untersützen, damit wir alle in Frieden leben können.", erklärte sie und legte ihren Armreif an.
Halarîn trat zu ihnen, während Ivyn sich zurückzog, nicht ohne Faelivrin noch einen Blick zuwarf. Ihre Tochter erhob sich und wünschte einen angenehmen Abend. Sie ging mit Ivyn davon und begann dabei ein leises Gespräch mit der großen Elbe.
Nach einer längeren Zeit waren Mathan und Halarîn endlich nur zu zweit. Er strich ihr über den Bauch, der schon eine dezente Wölbung aufwies. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, während sie seine Berührung genoss. "Den werde ich wohl nicht mehr verstecken können, selbst mit der besten Kleidung", lachte sie und warf sich die Haare zurück, "Aber das muss ich auch nicht mehr."
Mathan streichte sie weiter und legte seinen Kopf auf ihre Schulter. Sie streichelte ihm über die Wange, während er ihren Duft einsog und stets das Exotische daran bemerkte: Kiefer gemischt mit einer Meerespriese.
"Kann ich dich etwas fragen? Es ist vielleicht nicht ganz so erfreulich...", fragte Halarîn nach einer Weile. Mathan setzt sich auf,  nahm ihre Hand und küsste sie, dann nickte er.
"Wie gut kanntest du deine Mutter, ich möchte mehr über sie erfahren, jetzt da du etwas von ihr erhalten hast." Sie legte kurz einen Finger auf das Medallion und zog ihn rasch wieder zurück. "Wenn auch ein sehr merkwürdiges Etwas."
Mathan dachte eine Weile nach und seufzte, doch dann lächelte er sie an und Halarîn hob erstaunt die Brauen. Ehe sie etwas sagen konnte, begann er zu erzählen:" Ich kannte sie nicht ganz so gut, denn ich war sehr viel bei meinem Vater. Damals war ich noch sehr klein und an die Zeit kann ich mich nicht mehr su gut erinnern. Ich war das erste Kind in Ost-In-Edhil nach einer längeren, kinderlosen Zeit. Damals lag schon der Schatten über der Welt und es war nur eine Frage der Zeit, bis ein Angriff erfolgt. Dann kam ich." Mathan machte eine Pause, lächelte und gab Halarîn einen Kuss auf die Lippen, den sie innig ewiderte. "Ein wundervolles Geschenk, ein wundervoller Elb.", flüsterte Halarîn als sie sich voneinander lösten, "Mein Elb", sagte sie glücklich und schlang die Arme um seinen Hals. Sie kuschelte sich an ihn und bat ihn weiterzusprechen. Er strich ihr liebevoll über den Rücken und küsste ihren Nacken.
"Nun, als ich klein war...", begann er und legte ihr beide Hände auf den Rücken, "Meine Eltern verstanden sich nicht immer besonders gut und meine Mutter war oft sehr traurig. Ihre Hände waren oft am zittern und sie fasste mich nicht oft an. Amarin schob es auf die schrecklichen Dinge, die sie erleben musste, bevor sie sich in Gondolin trafen. Darüber weiß ich weiter nichts, schheinbar hatte sie eine schwere Zeit gehabt. Trotz alledem sah ich jedesmal die Liebe in ihren Augen, wenn sie sich zu mir herunterbeugte." Tränen füllten seine Augen, als er sich an ihr liebevolles Gesicht erinnerte, doch er sprach mit fester Stimme weiter:" Sie roch immer nach einem frostigen Morgentau, der Morgens auf den Blumen um Ost-In-Edhil lag. Ihre ruhige Art war immer sehr angenehm und sie schrie nie, egal was für einen Unsinn ich angestellt habe. Amarin zwar auch nicht, aber er konnte auch mal lauter werden."
"Ich hätte beide gerne mal zusammen kennengelernt, dein Vater wirkte damals immer so traurig...", nuschelte seine Frau und strichelte ihm das Bein. "Ich liebe dich."
"Ich dich auch Amandis...", gestand Mathan und Halarîn richtete sich auf, ihre Augen blitzten und sie gab ihm einen langen, innigen Kuss.
"Es ist lange her, dass du diesen Namen benutzt hast..." Sie stand halb auf, setzte sich auf seinen Schoß und drückte ihn mit dem Rücken gegen die Lehne der Steinbank, "Du bist meine Welt, Marillindo." Halarîn legte ihm die Hand auf die Brust und blintzelte eine Träne fort,
Zur Antworte küsste er sie erneut und strich ihr dabei die Haare aus dem Gesicht. Gerührt zog er sie fest an sich und genoss es, sie bei sich zu haben. Um nichts auf der Welt würde er diesen Augenblick aufgeben wollen. So blieben sie eine lange Zeit einandner verschlungen und bemerkten gar nicht wie die Sonne schon zur Hälfte verschwunden war. Rote Strahlen im Himmel kündigten die nahe Nacht an und Mathan schlug vor, ein Nachtlager aufzusuchen. Halarîn nickte, küsste ihn erneut und stand auf. Der Elb ächzte, als er seinen überstreckten Rücken wieder entspannte. Seine Frau half ihm auf und gemeinsam gingen sie langsamen Schrittes aus dem Garten hinaus. Auf der Straße warteten zwei schlanke Gestalten, die beide in hellgrüne Mantel gehüllt waren. Es dauert einen Moment, bis Mathan begriff wen er da vor sich hatte.
"Bruderherz!" Ehe der Ruf verhallt war, waren die beiden Elbinnen schon heran und umarmten ihn stürmisch. Mathan vollkommen sprachlos, legte ihnen jeweils einen Arm um und seufzte tief vor Erleichterung auf. "Halarîn, dir geht es gut!", rief eine von ihnen und zog die ebenfalls verblüffte Elbe mit in die Umarmung.
"Wir haben uns so große Sorgen gemacht", sagte Mathan schließlich und streichelte seinen Schwestern über den Rücken. Er musste schielen um beiden gleichzeitig zuzulächeln. "Ich bin froh, dass meinen Lieblingszwillingen nichts geschehen ist."
Die beiden lachten gleichzeitig und drückten ihn immer wieder an sich. Ihre schneeweißen Haare kitzelten ihm immer wieder in der Nase, doch es störte ihn nicht.
"Yuteé, Sabaia, es ist so wundervoll euch hier zu treffen... und ich kann euch noch immer nicht auseinander halten, "lachte Mathan und die beiden Elbinnen, die einen Kopf kleiner waren knufften ihm liebevoll in die Seite. "Aua, das war nur ein Scherz. Yuteé hat eine kleine Narbe von der Nadel am linken Ringfinger und Sabaia hat versucht es nachzumachen und hat die falsche Hand genommen."
Seine Schwestern lösten sich schließlich von ihm und grinsten bei seiner Erklärung, während Sabaia beleidigt die Wangen aufblies. Etwas, dass er zuvor nur bei Adrienne beobachtet hatte. Yuteé bemerkte Halarîns Bäuchlein, da sie beim Kuscheln zuvor ihre Kleidung total durcheinander gebracht haben. Die Weißhaarige schlug sich die Hände vor dem Mund und tippte ihre Zwillingsschwester an, die genau die gleiche Reaktion zeigte. Nun musste Halarîn eine heftige Umarmung über sich ergehen lassen, die sie lachend erwiderte.
"Glückwunsch, das ist so wundervoll. Gleich zweimal innerhalb kurzer Zeit Tante werden", sagte Sabaia glücklich und Yuteé zwinkerte ihnen zu, "Natürlich haben wir schon von Ténawen gehört, den ersten adoptierten Menschen in einer Elbenfamilie."
"Ich dachte nicht, dass sich das so schnell verbreitet...", gestand Halarîn offen und wirkte etwas verlegen. Mathan nickte zustimmend und fragte woher sie das wussten.
"Nachrichten verbreiten sich schnell, Gerüchte noch schneller", erklärte Yuteé geheimnisvoll und Sabaia lächelte dabei nur still vor sich hin. "Wir sind aber nicht durch den puren Zufall hier, sondern wollten dir etwas geben", sagte sie schließlich.
Yuteé holte ein schwarzes Bündel hervor und reichte es Mathan, der es etwas verwirrt annahm. "Wer hat euch denn geschickt?", fragte er verwundert, während er das Bündel entgegenahm, das ihm seltsam vertraut vorkam.
Er vergaß seine Frage, als er das Bündel entfaltete und zu seiner Überraschung den Mantel seines Vaters in den Händen hielt. Das Wappen Gondolins war deutlich sichtbar. Die Schwestern blickten sich stolz an und antworteten sofort als das "woher hab ihr den" kam: "Er lag in Aldburg rum, wir sind euch nach dem Fall Lóriens gefolgt und sind dann alle eurer Stationen nachgelaufen."
Halarîn machte einen entsetzten Schritt zurück. "Alle Stationen?"
Yuteé und Sabaia tauschten einen raschen Blick aus eisgrauen Augen, dann nickten sie. Halarîn fasste sich an die Stirn und schüttelte schockiert und fassunglos den Kopf.
"Warum habt ihr das getan? Fornost, Carn Dûm, die Eiswüste, nur für einen Mantel?", fragte er mit einer Mischung aus Unvertständniss und Unglauben.
"Es ist nicht nur ein Mantel!", rief Sabaia überraschend heftig, "Der ist von Vater, dort hat er Mutter kennengelernt.", setzte Yuteé etwas ruhiger nach.
Mathan hob abwehrend die Hände und nickte. "Gut, aber wie seit ihr uns gefolgt? Dazu noch, ohne dass wir euch bemerkt haben.", fragte er neugierig und dachte an Forochel, wo er sich eindeutig beobachtet gefühlt hat.
"Nun... wir sind euch nicht ständig gefolgt. Wir waren immer zwei Tagesmärsche hinter euch, da ihr ein sehr schnelles Tempo eingelegt habt. Wir haben in Eregion Oronêl noch gesehen, also dachten wir, dass ihr euch getrennt habt. Dann sind wir euch weiter gefolgt", erklärte Sabaia nun auch etwas ruhiger.
"Aber wie? In Fornost haben wir eine längere Zeit uns aufgehalten, aber ihr wart nicht in der Nähe?", fragte Mathan skeptisch und bemerkte, dass die Zwillinge unter ihren Mäntel jeweils ein Schwert auf dem Rücken trugen.
"Nun, wir waren nicht immer euch auf den Fersen, wir mussten auch andere Dinge erledigen", verteidigte sich Yuteé mit einem Seitenblick zu Sabaia, "Außerdem sind eure Spuren verdammt schwer zu lesen. Besonders, da du dich dort auskennst, Bruderherz.", setzte diese nach und seufzte erleichtert auf.
"Und der Rest? Der Weg nach Carn Dûm und dann die Eiswüste? Ich will alles wissen", bat Mathan und seine Schwestern wurden etwas ungehalten.
"Carn Dûm war einfach, da ihr in einer Gruppe wart und einige Leichen hinterlassen habt. Die Festung selbst beobachteten wir nur und waren schon auf dem Rückweg, als uns die Idee kam, dass ihr womöglich über den Norden geflohen wart. Leider hatten wir dort eure Spuren verloren.", sagte Yuteé etwas genervt und zog sich den Mantel enger. Sabaia fuhr für sie fort:" In die Eiswüste sind wir nicht gegangen, das schwören wir, wir waren uns nicht sicher und ein solches Risiko eingehen wollten wir dann doch nicht."
"Aber bei dem Feind vor die Haustüre zu laufen schon", warf Halarîn grinsend ein und die aufgebaute Spannung löste sich wieder, als die Drei sie kurz anblickten und dann lachten.
"Naja dann haben wir alles abgesucht und in Forochel endlich eure Spuren gefunden. Da wurden wir von ein paar Orks abgelenkt. Schließlich dachten wir uns, dass ihr hierher kommen würdet." Sabaia breitete die Arme aus und Yuteé nickte eifrig.
Mathan schüttelte den Kopf und legte den Mantel aus Gondolin an. "Ihr seid verrückt, so viel Aufwand und Gefahr für einen Mantel... aber er ist sehr wertvoll, da gebe ich euch recht", er nickte ihnen zu und strich über den seidenen Stoff, "Zwar kaufe ich euch eure abenteuerliche Geschichte nicht ganz ab, aber ich glaube euch einfach mal. Dafür, dass ihr mir Vaters Mantel gebracht habt.", er lächelte und die Zwillinge atmeten hörbar auf. "Aber macht sowas nie wieder, ich will euch nicht in Gefahr wissen."
Yuteé blies nun ihrerseits die Wangen auf und Sabaia beschwerte sich lautstark:"Das sagt der, der in Fornost Katapulte baut und dutzende Orks abschlachtet und durch die Eiswüste stiefelt!" Sie imitierte die Kälte und schüttelte sich.
Mathan schwieg eine Weile und nickte mit einem "Genau der" schließlich, sehr zur Belustigung von Halarîn, die prustend anfing zu lachen. Die Geschwister fielen in das Gelächter ein und beruhigten sich erst nach einigen Augenblicken.
"Wir müssen weiter, aber wir sehen uns noch", sagte Sabaia nach einem langen Seufzer und nickte zu Yuteé, "Wir sehen uns später nochmal."
"Bis dann,", antwortete Mathan und sah seinen Zwillingsschwestern mit einem Lächeln dabei zu, wie sie die Straße hinabgingen und in einer Seitenstraße verschwanden.
"Nun, das war eine Überraschung, aber eine Gute" Halarîn strich über seinen Mantel und lächelte nach einer Weile, "Lass uns ein weiches Bett suchen."
Mathan grinste schelmisch und zog sie an der Hüfte an ihn heran "Aber gern"
Gemeinsam schlenderten sie durch Mithlond und liefen am Hafen Nivim über den Weg, die sie prompt in ihrem Haus mit den Stoffen einquartierte. Sie selbst schläft auf dem Schiff und schnippte ihnen mit einem leicht geröteten Gesicht den Schlüssel zu.
In dem Anproberaum fanden sie einen riesigen Stapel mit Stoffen, die wie ein Lager hergerichtet waren. Mathan kam eine Idee, die Halarîn begeistert aufnahm. Mit einem Kichern krabbelten sie ins Bett und verbrachten dort die ganze Nacht.

Eandril

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Re: Die Grauen Anfurten
« Antwort #10 am: 28. Jan 2017, 14:56 »
"Ich habe lange Zeit auf deine Ankunft hier in Lindon gewartet, Oronêl", sagte Círdan. Oronêl hatte den Herrn der Anfurten während eines Erkundungsganges durch Mithlond getroffen, und gingen sie langsam über eine der großen Brücken, die den Lhûn überspannten in die Richtung des Palastes, den Círdan seit einem Zeitalter bewohnte.
"Ihr wusstet, dass ich kommen würde", stellte Oronêl fest, und Círdan lächelte. "Die meisten Elben Mittelerdes kommen früher oder später nach Lindon. Einige nur für kurze Zeit bevor sie in die Welt zurückkehren, andere länger, und wieder andere... gehen weiter." "Wie meine Eltern", meinte Oronêl. "Ich war eine lange Zeit wütend auf sie, dass sie gegangen sind."
Círdan seufzte. "Ich habe ihnen abgeraten, als sie kamen und mich um ein Schiff baten. Ich wusste, dass sie einen Sohn hatten, der es nicht verstehen würde, aber... Sie sehnten sich nach Frieden."
"Zu dieser Zeit hatte Mittelerde Frieden", sagte Oronêl, und schüttelte den Kopf. "Ich habe ihnen verziehen, aber... verstanden habe ich es auch zwei Zeitalter später noch nicht. Ich habe Zeiten des Friedens in Mittelerde erlebt und Zeiten des Krieges und der Dunkelheit, doch niemals habe ich das Bedürfnis verspürt, einfach fortzugehen."
"Niemals?", fragte Círdan, und sah ihn durchdringend an. Oronêl senkte den Blick, denn es war nicht die Wahrheit gewesen. Zwei Mal hatte er sich gewünscht nach Westen zu segeln, und Mittelerde hinter sich zu lassen. Das erste Mal, als er nach Lórien zurückgekehrt war und Calenwen fort gewesen war, und das zweite Mal, als er geglaubt hatte, durch seine Schuld alles verloren zu haben, als er am Hafen von Edhellond stand und von Amroths Tod hörte.
Und, gestand er sich ein, es gab ein drittes Mal. "Ein Teil von mir ist müde", gestand er schließlich. "Er möchte diese Welt verlassen, nach Westen gehen, mit seiner Frau vereint sein..." Oronêl hob den Blick wieder. "Doch so sehr dieser Teil von mir sich das auch wünscht, ich werde nicht gehen. Ich habe noch etwas zu tun, und es ist nicht nur das... Es gibt neben all der Dunkelheit auch viel Gutes in dieser Welt, dass ich noch nicht zurücklassen möchte."
"Es ist, wie ich gedacht habe", erwiderte Círdan, während sie die flachen, hellen Stufen zum Palast emporstiegen. An der Spitze eines der Türme wehte auch jetzt noch die Flagge Gil-Galads, über dreitausend Jahre nach seinem Tod, zum Andenken an das Opfer des letzten Königs der Noldor. Und auch wenn Gil-Galad nicht sein König gewesen war, neigte Oronêl aus Respekt den Kopf vor dem Banner, denn ohne Gil-Galad wäre Mittelerde bereits ein Zeitalter zuvor endgültig unter Saurons Schatten gefallen.

Er folgte Círdan durch die hohen, hellen Flure des Palastes bis sie einen von der Abendsonne durchfluteten Raum erreichten, in dem mehrere Truhen und mit allem möglichen gefüllte Regal standen. Vor einer mit einem in das Holz geritzte Mallornblatt gekennzeichneten Truhe blieb Círdan stehen, öffnete sie und nahm ein längliches, in Leder gewickeltes Paket heraus.
"Dies hat deine Mutter hiergelassen, als sie nach Westen fuhr", sagte er, als Oronêl das Paket langsam entgegennahm. "Dort wo sie hinfuhr brauchte sie es nicht mehr, aber sie dachte, du könntest dafür Verwendung finden."
Oronêl streifte das Leder ab, und brachte einen elegant geschwungenen Bogen mit einem kunstvoll verzierten Köcher zum Vorschein. Seine Finger schlossen sich fest um den Griff aus jahrtausendealtem Holz aus einem Land, das nicht mehr existierte. "Ich habe meinen Bogen in Lórien verloren...", sagte er langsam. Diese Waffe hatte seiner Mutter gehört, auch wenn sie sie niemals benutzt hatte. Der Bogen war im alten Doriath gefertigt worden bevor es unterging. Obwohl er sich umgewöhnen würden müsste, den Bogen mit nur drei Fingern zu halten, fühlte sich der mit Leder überzogene Griff in seiner Hand gut an.
"Glaubt ihr, sie hat gewusst dass ich kommen würde, aber nicht um nach Westen zu fahren?", fragte er, und Círdan, der die Truhe inzwischen wieder geschlossen hatte, antwortete: "Das kann ich dir nicht beantworten, aber Nellas war... eine Frau, die vieles im Voraus sehen konnte." Er seufzte, und führte Oronêl zu einem der Fenster des Raumes, dass auf den abendlichen Golf hinausblickte. "Du sagtest, du verstehst bis heute nicht, dass deine Eltern gegangen sind."
Oronêl nickte stumm, während seine Linke gedankenverloren über das Holz des Bogens strich.
"Ich war dabei, als Ardir in Eglarest geboren wurde, denn sein Vater Hirluin war ein guter Freund von mir", erklärte Círdan. "Ich sah zu, wie Ardir in die Welt hinaus zog um das Böse aus dem Norden zu bekämpfen, und beobachtete von Ferne wie alles, für das er kämpfte, nach und nach zerstört wurde. Nach dem Fall der Falas sah ich ihn auf Balar wieder." Bei diesen Worten huschte ein trauriger Ausdruck über Círdans Gesicht, und für einen Moment schien er in eine ferne Vergangenheit zu blicken. "Ich bot ihm an zu bleiben, doch er wollte weiterkämpfen. Jahre später kam er erneut nach Balar, und dieses Mal blieb er, denn es gab in Beleriand keinen Ort mehr für ihn. Dort lernte er deine Mutter kennen, die aus den Trümmern von Doriath entkommen war. Sie teilten vieles, und wollten nach dem Ende des Zeitalters gemeinsam einen Ort finden, an dem sie Frieden haben konnten. In Lórinand hatten sie Frieden, und doch... du musst verstehen, Oronêl, dass die Welt nach dem Ende Beleriands fremd für sie geworden war. Beinahe alle ihre Freunde waren tot, und vielleicht... vielleicht spürten sie, dass ein Schatten noch immer über Mittelerde lag. Und deshalb sind sie gegangen."
Oronêl schwieg, und strich weiterhin gedankenvoll über den Bogen aus Doriath. Schließlich sagte er: "In meiner Jugend habe ich euch verflucht, dass ihr ihnen die Möglichkeit geboten habt, mich zu verlassen. Doch jetzt möchte ich euch danken."
Er wandte sich ab, doch bevor er den Raum halb durchquert hatte, blieb er stehen und blickte zu Círdan zurück, der noch immer am Fenster stand. "Eines Tages wird es auch ein Schiff für mich geben."
Círdan neigte den Kopf. "Das wird es - doch noch nicht jetzt." Oronêl lächelte, und warf sich den Köcher seiner Mutter über die Schulter. "Nein, noch nicht jetzt. Es gibt noch viel zu tun."

Vor dem Palast erwartete ihn Finelleth, die seit der Begrüßung durch Círdan etwas nachdenklicher als üblich wirkte. "Ich habe den Rest unserer Gefährten gesucht", sagte sie, und während er den Bogen an seinem Rücken befestigte fragte Oronêl: "Und? Sind sie alle sicher in Mithlond angekommen?"
Finelleth nickte. "Orophin und Glorwen sind beim Rest der Galadhrim im Süden der Stadt untergekommen. Gelmir ist in seinem Haus in der Stadt, und hat Mírwen für den Moment bei sich aufgenommen. Sie wollen morgen eine kleine Feier zu Ehren Faronwes und Cúruons abhalten."
"Ich werde dort sein", erwiderte Oronêl. Er war es seinen Gefährten und Faronwes Witwe schuldig. "Weißt du, wo Irwyne und Amrothos hingegangen sind?" Er verspürte ein starkes Bedürfnis danach, den Abend in der Gesellschaft dieser jungen Menschen zu verbringen - die ihn immer wieder daran erinnerten, wofür er sich erneut gegen den Weg nach Westen und für Mittelerde entschieden hatte.
"Vorhin waren sie mit Kerry auf dem südlichen Markt", antwortete Finelleth. "Wo sie jetzt sind, weiß ich nicht, aber Celebithiel hat mir erzählt, dass man ihnen ein kleines Haus nahe der großen Halle zur Verfügung gestellt hat. Ich kann dich hinbringen."

Als sie das Haus erreichten, sah Oronêl durch eines der Fenster des Hauses Irwyne, Amrothos und Kerry um einen kleinen Tisch sitzen und im Licht zweier Elbenlaternen miteinander sprechen. Durch das offene Fenster konnte Oronêl verstehen, dass Amrothos gerade angeregt von dem Abend erzählte, den sie in Dol Amroth in der Schenke "Zur Mauer" verbracht hatten. Mit einer kleinen Geste bedeutete Oronêl Finelleth, stehen zu bleiben, und lehnte sich neben dem Fenster an die Wand und lauschte aufmerksam der Geschichte. Als Amrothos schließlich davon erzählte, dass er Oronêl auf dem Heimweg gestützt hätte, warf Oronêl laut ein: "Offensichtlich hast du an dem Abend mehr getrunken als gedacht, sonst würdest du dich richtig erinnern." Das Gespräch im Inneren des Hauses verstummte, und Oronêl konnte den Ausdruck der Überraschung auf den Gesichtern der drei geradezu vor sich sehen. Schließlich hörte er, wie ein Stuhl zurückgeschoben wurde, und Irwynes blonder Kopf schob sich durch das Fenster.
Als sie ihn daneben stehen sah, sagte sie vorwurfsvoll: "Es gehört sich nicht, zu lauschen!" Oronêl tauschte ein rasches Grinsen mit Finelleth, und erwiderte: "Gut, dass ich es trotzdem getan habe, sonst hättet ihr dieser Geschichte noch Glauben geschenkt. Dürfen wir hereinkommen? Irgendjemand sollte schließlich Amrothos' Phantasie zügeln..."
"Natürlich", sagte Irwyne fröhlich, verschwand vom Fenster und tauchte kurz darauf in der geöffneten Tür wieder auf. Gefolgt von Finelleth trat Oronêl durch die Tür und warf noch einen kurzen Blick auf die Bucht, wo sie Sonne langsam im Meer versank. Dann wandte er sich ab, und betrat ohne zurück zu schauen den kleinen Raum, wo Kerry und Amrothos ihn und Finelleth fröhlich begrüßten und Fragen über den neuen Bogen auf seinem Rücken stellten. Und in diesem Moment vergaß er sämtliche Gedanken an den Westen.

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Fine

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Am Strand
« Antwort #11 am: 28. Jan 2017, 20:49 »
Am folgenden Tag wurde Kerry von der Sonne geweckt, die durch das offene Fenster schien. Sie hatte ausgesprochen gut geschlafen und von den Elben geträumt, die sie am Vortag kennen gelernt hatte. Es war die erste Nacht seit Fornost gewesen, in der Kerry nicht gefroren hatte. Irwyne im Bett nebenan schlief noch immer friedlich und Kerry war froh, dass das Mädchen es unbeschadet aus Fornost hierher geschafft hatte und gleich Freunde gefunden hatte. Sie streckte sich und gähnte, wovon Irwyne schließlich aufwachte und Kerry blinzelnd ansah.
"Wie spät ist es?" fragte das rohirrische Mädchen verschlafen und setzte sich auf.
"Ich weiß es nicht," gab Kerry wahrheitsgemäß zu. "Der Morgen ist auf jeden Fall schon recht alt."
"Dann sollten wir frühstücken, bevor es noch später wird," schlug Irwyne vor. Und genau das machten sie dann auch.
Von Amrothos fehlte jede Spur. "Er macht oft längere Spaziergänge alleine," erklärte Irwyne. "Ich denke es hat... mit der Sache zu tun, die ihm passiert ist."
"Welche Sache denn?" fragte Kerry neugierig, doch Irwyne druckste ein wenig herum und sagte schließlich: "Das musst du Oronêl fragen."
"Also gut, dann sei eben geheimniskrämerisch," gab Kerry zurück. "Bist du etwa heimlich bei Gandalf in die Lehre gegangen, während ich im Norden unterwegs war?"
"Selbst schuld, wenn du dich einfach so entführen lässt," konterte Irwyne. "Du hättest mit mir ein paar entspannte Tage am Strand haben können anstatt dir in der Eiswüste die Ohren abzufrieren."
Kerry wollte schon zu einer schnippischen Erwiderung ansetzen, da fiel ihr etwas ein. "Es gibt hier einen Strand?" fragte sie.
Irwyne nickte lächelnd. "Komm, ich bringe dich hin. Es ist ... wirklich etwas Besonderes, vor allem, wenn du noch nie am Meer gewesen bist. Ich habe sehr gestaunt als Amrothos mich zum ersten Mal dorthin gebracht hat."
Ehe sie das Haus verließen entdeckten die Mädchen ein Paket in der Nähe des Ausgangs, auf dem in Elbenrunen "Für Tante Ténawen" geschrieben stand. Als Kerry es öffnete fand sie darin drei Kleider, die nur von Nivim stammen konnten, sowie eine weitere Notiz:

Damit du etwas Auswahl hast. Die Schuhe passen zu allen dreien. Nivim.

"Wie schön!" rief Irwyne bewundernd.
"Du darfst dir gerne eines ausleihen," bot Kerry großzügig an. "Ich muss mich sowieso für das Kleid aus Fornost revanchieren."
Die Mädchen zogen sich rasch um. Kerry wählte ein hellgrünes Kleid mit kurzen, runden Ärmeln, das nur bis zu ihren Knien ging, denn sie wollte unbedingt zumindest die Füße ins Wasser des Meeres stellen. Irwyne hingegen trug ein dunkelrotes Kleid mit hohem Kragen, das dieselbe Länge aufwies.
"Nivim hat wirklich an alles gedacht," stellte Kerry fröhlich fest.

Sie verließen die Stadt durch das südliche Tor und kamen durch den Wald, der vom Großteil der Galadhrim bewohnt war. "Ich komme sehr gerne hierher," erzählte Irwyne. "Es ist beeindruckend, was sie in der kurzen Zeit alles erbaut haben. Es erinnert mich an Lothlórien... auch wenn es hier keine goldenen Blätter gibt."
Über ihren Köpfen verliefen mehrere gespannte Seile, die Platformen in den Baumkronen miteinander verbanden. Scheinbar mühelos liefen die Waldelben darauf hinüber, und Kerry wurde beinahe schwindlig vom Hinsehen.
"Wie machen sie das nur?" fragte sie.
"Es sind Elben," gab Irwyne achselzuckend zurück. "Und diese Elben sind in den Bäumen zuhause."
"Ja, das sehe ich," sagte Kerry. "Aber ich bin froh, dass Círdans Volk normale Häuser gebaut hat... ich bin mir nicht sicher, ob ich schwindelfrei bin."
Irwyne lachte leise. "Du gewöhnst dich nach einiger Zeit daran. Das war bei mir auch so."
"Jedenfalls bin ich froh, dass die Galadhrim hier eine neue Heimat gefunden haben," fuhr Kerry fort.
"Nichts kann für sie Lothlórien ersetzen," stellte Irwyne klar. "Aber es ist besser, als im Flüchtlingslager in Aldburg, wo sie vorher lebten. Hier sind sie sicher vor den Schrecken des Krieges."

Eine halbe Stunde später ließen sie den Wald hinter sich und bogen nach rechts ab, zum Meer hin. Wenige Schritte weiter spürte Kerry, wie der Boden unter ihren Füßen weich wurde. Irwyne streifte bereits ihre Schuhe ab und bedeutete Kerry, es ihr gleich zu tun. Als Kerrys nackte Füße den Sand berührten, kam sie sich ein wenig wie im Winter vor. "Es fühlt sich an wie Schnee, aber es ist nicht kalt," sagte sie staunend.
"So etwas in der Art habe ich auch gesagt," meinte Irwyne. "Komm weiter! Bis zum Wasser ist es nicht mehr weit."
Und als die beiden Mädchen schließlich am Ufer des großen Golfes von Lindon standen und auf die Bucht hinausblickten, hinter der sich die endlosen Weiten Belegaers ausbreiteten, fühlte Kerry sich wie in einem Traum. Die warme Luft und die Sonne lagen angenehm auf ihrer Haut, und das ewige Rauschen der Wellen schuf eine wundersame Geräuschkulisse, die Kerry noch nirgendwo in Mittelerde erlebt hatte. Über ihren Köpfen rauschten zwei Möwen vorbei und Irwyne setze den ersten Fuß ins Wasser, das angenehm kühl war. Kerry, immer darauf bedacht, dass ihr Kleid nicht nass wurde, tat es ihr gleich.
"Das Wasser ist so klar," stellte sie staunend fest. "Und es gibt so viel davon. Wo ist es nur hergekommen?"
"Aus allen Flüssen dieser Welt," gab Irwyne die offensichtliche Antwort. "Alles Wasser fließt zum Meer. Jeder noch so kleine Bach findet eines Tages seinen Weg zum Ozean."
Kerry beugte sich hinab und tauchte ihre Hand in das klare Wasser. Eine Welle spritzte gegen ihren Arm, und etwas Wasser benetzte ihre Lippen. Als sie ihre Zunge benutzte, um es wegzulecken, weiteten sich ihre Augen überrascht. "Das ist ja ganz salzig!" rief sie und spuckte das Wasser aus.
"Du darfst es nicht trinken," mahnte Irwyne grinsend. "Amrothos hat mir erklärt, dass man draußen auf dem Meer schneller verdursten kann als inmitten von so mancher Wüste."
"Ich verstehe nicht, warum es so salzig ist," wiederholte Kerry, und nahm sich vor, ihre Eltern danach zu fragen.

Als sie an Mathan und Halarîn dachte, stellte sie fest, dass sie die beiden bereits vermisste. Doch der Strand und das Meer übten noch immer eine große Faszination auf Kerry aus.
"Lass uns ein wenig hier bleiben und die Sonne und das Meer genießen," schlug sie daher vor, und Irwyne stimmte fröhlich zu.
"Ich habe Amrothos eine Nachricht hinterlassen, damit er sich keine Sorgen um uns macht," erklärte sie.
"So," machte Kerry und suchte Irwynes Blick. "Was kannst du mir über ihn erzählen? Ist er wirklich der Sohn des Fürsten von Dol Amroth?"
"Der jüngste - Prinz Imrahil hat drei Söhne, und Amrothos ist der Einzige, der noch nicht verheiratet oder verlobt ist. Sein Bruder Erchirion hat offenbar eine ganz schlimme Braut erwischt - Amrothos hat erzählt, sie hätte mit ihrem Zwillingsbruder immer im Palast Streiche gespielt, als sie noch klein waren."
"Das klingt nach Spaß," fand Kerry, die sich ein wenig darüber wunderte, warum Irwyne gleich als erstes erwähnte, dass Amrothos noch keine Frau hatte. "Das sollten wir auch mal versuchen," fuhr sie dann fort.
Irwyne grinste. "Denkst du, wir könnten Oronêl und Finelleth einen schönen Streich spielen?"
"Wenn wir es gut anstellen, sodass sie es nicht herausfinden, bis es zu spät ist," antwortete Kerry mit einem verschwörerischen Gesichtsausdruck.

Eine Stunde oder zwei überlegten und planten die beiden Mädchen miteinander, tratschten über dies und das, genossen die Sonne und den Anblick des Meeres und die Ruhe, die ihnen an dem einsamen Strand vom Trubel der vollen Stadt nun vergönnt war. Kerry war seit einer langen Zeit wieder vollständig unbeschwert. So sorgenfrei hatte sie sich zuletzt bei der Feier in Fornost gefühlt, ehe Laedor diese jäh unterbrochen hatte. Und während der Vormittag langsam verstrich war sie so glücklich, wie seit dem Beginn des Krieges nicht mehr.
« Letzte Änderung: 9. Jun 2017, 21:11 von Fine »
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Curanthor

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Ein gewöhnlicher Morgen
« Antwort #12 am: 29. Jan 2017, 15:29 »
Als Mathan erwachte, saß Halarîn schon neben ihm und sah ihm beim Aufwachen zu. Er blinzelte und erkannte ihr Lächeln. Grinsend ließ er seinen Blick über ihren Körper gleiten und streckt seine Hand nach ihr aus. Sie verstand und legte sie auf ihren Bauch. Die Wärme von ihrem Körper war verlockend und er wollte gar nicht aufstehen, dennoch waren einige Dinge, die er erledigen musste. Lächelnd streichelte er über die sanfte Erhebung und erhob sich schließlich.
"Und was hast du heute vor?", fragte sie neugierig, während sie sich ankleideten.
Mathan zog seine Waffengürtel gerade zu Recht und prüfte den Sitz seiner Schwerter.
"Nochmals mit meinen Schwestern sprechen und irgendwann muss ich auch Oronêl darauf ansprechen, dass wir uns so langsam nach Eregion begeben sollten.", antwortete er und nahm das Medaillon seiner Mutter nachdenklich in die Hand.
"Dann sollten wir auch mit Faelivrin sprechen, ich denke, dass die Vorhut den Rest ihres Volkes nicht ewig versorgen kann." Den Einwurf seiner Frau hatte er auch schon im Kopf gehabt und nickte ihr zustimmend zu. Außerdem zog es ihn an seinen Geburtsort, seitdem er den Mantel seines Vaters letzte Nacht erhielt. Er hielt den schwarzen Mantel in seinen Händen und betrachtete nachdenklich das aufgestickte Muster von Gondolin. Ihn reizte es mehr über seine Eltern herauszufinden. Die letzten Wochen war so ereignisreich gewesen, dass er kaum darüber nachdenken konnte.
"Der würde sehr gut zu deiner Rüstung passen", sagte Halarîn und half ihm den Mantel anzulegen. Sie achtete darauf, dass er die Ránceti nicht behinderte und drapierte ihn geschickt um die Silmacil herum.
"Das stimmt, leider musste ich sie in Aldburg zurücklassen... vielleicht kann ich meine Schwestern mal fragen was sie darüber wissen. Sie haben mir nämlich nicht alles gesagt." Mathan strich sich nachdenklich über das Kinn, gerne hätte er seine Rüstung noch fertig gestellt, aber der Helm hatte ihm Kopfzerbrechen bereitet. In Arnor konnte er glücklicherweise die bereits vorhandene Rüstung benutzen, da er nicht wusste wie viel seine verstärkte Lederrüstung noch aushalten würde. Zweifelnd blickte er an seine leicht abgewetzte Ausrüstung hinab und schätzte noch etwa einen Monat, bis die Stabilität des Materials geschwächt war. Die Eiswüste war dem nicht sonderlich zuträglich gewesen und die Avari um neue Ausrüstung zu bitten war gegen seinen Stolz. Nachdenklich murmelte er vor sich hin, dass er sie wohl um eine Zweitwaffe bitten könnte.
„Reichen dir vier Schwerter nicht?“, fragte Halarîn lachend und stupste ihn kichernd an. Mathan blieb ernst und wirkte nachdenklich, während seine Frau noch immer kicherte. Als sie an der Haustüre ankamen sagte er grinsend: Du vergisst, dass ich ein Meister des Schwertkampfes bin.“
Halarîn boxte ihm gegen die Schulter. „ Angeber…“, murmelte sie, lächelte aber dann. Gerade als er abschloss, ertönte eine Stimme hinter ihnen: „Na, auch schon ausgeschlafen?“

Als sie sich umdrehten stand Nivim vor ihnen, zusammen mit ihrem Mann Luscora, dessen dunkelbraune Haare noch immer etwas zerzaust wirkten. Seine grünen Augen musterten die Waffen von Mathan. „ Das ist eine sehr gute Arbeit… es muss wohl viel Zeit gekostet haben.“, sagte er schließlich und fuhr mit einem Grinsen fort: „Benötigst du eine Zweitwaffe, Großvater?“
„Hast du uns belauscht?“, warf Halarîn schmunzelnd ein und brachte die beiden Elben zum Lachen. „Nein, Mutter hat uns gesagt, dass Mathan gern eine Zweitwaffe dabei hat und uns wohl bald fragen würde“, antwortete Luscora sanft und griff hinter seinen Rücken, wo er einen metallverstärken Kampfstab hervorholte. Er maß etwa eineinhalb Schritt und lag gut in der Hand, als Mathan ihn dankbar annahm. Prüfend wirbelte er den Stab umher und begutachtete die Enden, an denen jeweils ein kleiner Knauf geschnitzt war. Er reichte den Stab an Halarîn, die ihn auf ihren Rücken befestigte.
„Eine schöne Arbeit, ist das dein Werk?“, fragte er Luscora, der verschmitzt lächelte.
„Ja, obwohl ich sehr mit den Schiffen der Vorhut beschäftigt bin, damit habe ich mir die Zeit vertrieben bis Mutter zurückkehrte. Oh, sie sind übrigens sehr bald abfahrbereit, ein paar Tage.“
„Jetzt schon?“ Mathans Erstaunen war nicht zu überhören und Halarîn machte große Augen. Am Tag zuvor schien es, als ob sie noch ziemlich lange daran waren, die Schiffe zu entladen. „Und was ist mit der Flotte? Brauchen sie nicht die Vorhut?“, fragte Halarîn besorgt und blickte hinaus zum Meer.
Nivim und Luscora blickten sich kurz an und schienen, als ob sie Etwas wussten, dass sie noch nicht verraten wollten. „Die Schiffe können sich auch selbst verteidigen, immerhin habe ich jahrelang an ihnen gebaut. Die, die im Hafen liegen sind die Besten die wir haben.“ Stolz schwang in der Stimme von Luscora, als er dabei nach draußen auf das Meer zeigte. Nivim flüsterte ihm etwas ins Ohr und er schüttelte entschuldigend den Kopf. „Wir haben meine Tanten getroffen, sie sagen, dass sie auf dem großen Balkon auf euch warten. Außerdem treffen sich später ein paar aus unserem Haus und die Fürsten, sie wollen wohl über das weitere Vorgehen beraten.“
„Hm, also etwas offizielleres..“, sagte Mathan nachdenklich und strich sich das Haar nach hinten. Luscora nickte und sagte, dass er nun wieder zurück zu den Schiffen geht um Isa zu unterstützen. Nachdem die beiden Elben sich von Mathan und Halarîn verabschiedet hatten, blieben sie noch einen Moment lang stehen. Scheinbar war es schon etwas später am Morgen und sie lächelten sich schelmisch an. Schließlich machten sie sich auf dem Weg und trafen ein paar bekannte Gesichter, darunter Estora, die mit Farelyë an einem kleinen Teich spielte. Sie winkten ihnen fröhlich zu und widmeten sich wieder ihren Spiel.

Als Mathan und Halarîn schließlich an der Halle ankamen, an der sich der Balkon anschloss, standen die Zwillinge bereits an der Brüstung und blickten auf das Meer hinab. Als sie zu ihnen traten, drehten sie sich um. Ihre Mäntel hatten sie abgelegt und trugen kurze Kleider, offensichtlich von Nivim, denn die silberne Borte auf dem blauen Stoff war unverkennbar ihre Arbeit.  „Bruderherz.“, begrüßten sie ihn gleichzeitig du zogen ihn in eine sanfte Umarmung, in die auch Halarîn mit einbezogen wurde.
„Ich muss mit euch ein ernstes Wörtchen wechseln“, begann Mathan streng und blickte Sabaia und Yuteé abwechselnd in die Augen, die betreten mit den Füßen scharrten, „Dass ihr uns nicht ständig folgen konntet ist mir klar, aber es ist einfach ein zu großer Zufall, dass ihr uns hier antrefft.“
Die Zwillinge wechselten einen verräterischen Blick und Mathan hob skeptisch eine Braue, auf eine Antwort wartend. Sabaia stieß Yuteé in die Seite und sie räusperte sich rasch: „Ja gut, vielleicht stimmt nicht alles, aber wir können es dir noch nicht sagen.“, sie blickte zu ihrer Zwillingsschwester, „Wenn der Zeitpunkt da ist, großes Familienehrenwort“, ergänzte Sabaia und lächelte ihn offen an.
Mathan musste lächeln und konnte sein strenges Gesicht nicht lange aufrecht halten. Es war einige Jahrhunderte her, dass sie das „große Familienehrenwort“ in den Mund genommen hatten. Das taten sie auch nur bei sehr wichtigen Dingen, was ihn dazu bewegte mit dem Kopf zu nicken.
„Gut, ich vertraue euch“ er hob streng einen Finger, „Aber nur weil ihr das große Familienehrenwort gegeben habt.“ Beim letzten Teil konnte er sein Grinsen nicht mehr verstecken.
Die Schwestern atmeten erleichtert aus und verneigten sich leicht. „Danke für dein Vertrauen, du wirst nicht enttäuscht werden.“, sagte Yuteé mit einem glücklichen Lächeln.
„Wir werden unsere kleine Ténawen mal einen Besuch abstatten, aber vorher gehen wir noch zum Markt um uns bei ihr mit etwas zu Essen einzuschmeicheln“, verkündete Sabaia mit einer gewissen Neugierde und wirkte etwas aufgeregt, was sich auch auf Yuteé übertrug. „Wir gehen dann mal“, sagte diese etwas ungeduldig und zog ihre Schwester mit einem Grinsen an ihnen vorbei.
Mathan atmete etwas tiefer aus, Halarîn merkte an, dass seine Schwestern nicht gerade einfach waren, was er nur mit einem grinsenden Nicken bestätigte. „Sie waren sehr oft draußen oder unterwegs, wirklich viel hatte ich nicht mit ihnen zu tun, aber wir verstanden uns stets sehr gut.“, erklärte er und plauderte daraufhin ein wenig über seine Kindheit mit seinen Schwestern. Wie sie gern streiche spielten und immer die Köpfe zusammensteckten. So vertrieben sie sich die Zeit, bis das Treffen näher rückte.


Eandril

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Re: Die Grauen Anfurten
« Antwort #13 am: 29. Jan 2017, 17:38 »
Es war bereits gegen Mittag, als Oronêl sich von den Fletts im Süden der Stadt wieder auf den Weg zurück nach Mithlond machte. Er hatte den Vormittag damit verbracht, sich von Celebithiel das Lager der Galadhrim zeigen zu lassen, und ihr unterwegs alles zu erzählen, was sich seit ihrer Trennung in Aldburg ereignet hatte - und umgekehrt. Vieles war ihr bereits bekannt gewesen, denn sie hatte mit Orophin, Irwyne und Amrothos darüber gesprochen, doch nicht jedes Detail. Und einiges von dem, was sie zu erzählen hatte, überraschte Oronêl seinerseits. So war ihm nicht bewusst gewesen, dass sie Kerry bereits im Alten Wald begegnet war.
Auch Orophin und Glorwen hatte er getroffen und kurz mit ihnen gesprochen, wie auch viele andere Flüchtlinge aus Lórien, die er mehr oder weniger gut kannte. Nur seine Tochter schien nirgends anzutreffen zu sein, und ihn beschlich allmählich das Gefühl, dass sie ihm auswich.
Als Oronêl und Celebithiel schließlich das Südttor von Mithlond durchquerten, sprach sie ein ihnen unbekannter Elb an, der nach der Art von Faelivrins Volk gekleidet war. "Oronêl? Mathan Nénharma wünscht euch zu sprechen." Oronêl hob eine Augenbraue, denn er konnte sich nur schwer vorstellen, dass Mathan es genauso formuliert hätte. "Wo finde ich ihn?"
"Er befindet sich in der großen Halle, in der ihr gestern eingetroffen seid", erwiderte der Elb, und verbeugte sich respektvoll. Oronêl wechselte einen Blick mit Celebithiel, und sagte zu ihr: "Du solltest vielleicht ebenfalls mitkommen, ich kann mir vorstellen, dass es um Eregion geht." Sie nickte zustimmend, und Oronêl wandte sich wieder an den Avar: "Wir werden gleich dort sein."

Sie erreichten die Halle nur kurze Zeit später, und sahen Mathan umgeben von einigen fürstlich gekleideten Avari an einer der Wände stehen. Als er Oronêl und Celebithiel näher kommen sah, löste er sich aus der Gruppe, und kam ihnen ein paar Schritte entgegen.
"Du wünschtest mich zu sprechen?", fragte Oronêl mit einem Lächeln, und Mathan verzog das Gesicht. "So habe ich das nicht formuliert. Aber ich habe das Gefühl, dass viele der Avari Schwierigkeiten mit unseren Umgangsformen haben, und deshalb hin und wieder etwas zu steif sind."
"Und weil sie dich als Ahnherren ihres Königshauses wahrscheinlich als eine Art lebende Legende sehen. Mit den Menschen in Dol Amroth war es jedenfalls teilweise so", erwiderte Oronêl ein wenig wehmütig. Auch wenn er die Ehrfurcht, mit der manche der Bewohner Dol Amroths ihn behandelt hatten nicht vermisste, er würde gerne noch einmal dorthin zurückkehren. Mathan nickte langsam, und ihm war diese Behandlung ebenfalls sichtlich unangenehm. Dann führte er sie zu den übrigen, unter denen sich auch Halarîn und Faelivrin befanden, die Oronêl freudig begrüßten. Faelivrin übernahm die Vorstellung der Avari: "Dies sind die wichtigsten Fürsten der Manarîn: Taniel und Túniel", ein Mann und eine Frau, die sich äußerst ähnlich sahen, nickten ihnen freundlich zu, "Ivyn, meine Urgroßmutter und älteste unseres Volkes", die große Elbin mit den beinahe silbernen Augen lächelte, und Oronêl neigte seinerseits respektvoll den Kopf vor ihr, "und Artana. Eigentlich sollte auch Gelior unter uns sein, aber er ist im Hafen und beaufsichtigt das Beladen der Schiffe mit Munition."
"Wir haben uns versammelt weil ich denke, dass wir möglichst bald nach Eregion aufbrechen sollten", ergriff Mathan das Wort. "Und da es sowohl unser", er deutete mit einer Geste auf sich, Halarîn, Oronêl und Celebithiel, "als auch das Reiseziel der Manarîn ist, könnte ich mir vorstellen, unsere Kräfte zu vereinen."
"Ich stimme zu, dass wir nicht allzu lange hier verweilen sollten", meinte Oronêl, wobei er ohne es wirklich zu bemerken die Hand auf den Beutel mit dem Ring legte. "Und ich stimme ebenfalls zu, dass wir aufgrund unseres gemeinsamen Zieles ein Stück zusammen reisen könnten - doch die Aufgabe, die ich zu erfüllen habe, benötigt eher Heimlichkeit und Schnelligkeit als eine Kriegsmacht."
Er blickte von Celebithiel zu Mathan, die offensichtlich beide begriffen hatten, dass ihre wahre Mission möglichst geheim bleiben sollte. Es lag Oronêl fern, den Avari zu misstrauen, doch nach allen Berichten war Eregion noch immer von feindlichen Kräften besetzt - und wenn es erst zurück erobert war, würde es unwiderruflich den Blick des Feindes anziehen, sowohl Saurons als auch Sarumans. Und je heimlicher sie den Ring vernichten konnten, desto besser.
"Nach den Berichten aus dem Süden ist es unter den Dunländern zu einem Krieg gekommen", erzählte Celebithiel. "Anscheinend hat die Saruman feindlich gesinnte Partei leicht die Oberhand, doch Tharbad und die Mündung des Gwathló sind noch immer fest in Sarumans Hand. Wenn die Manarîn in Eregion eine sichere Heimat finden sollen, müssen diese Orte von Sarumans Dienern gesäubert werden - das wäre eine Aufgabe für eure Krieger, während wir mit einer kleinen Gruppe heimlich in Eregion eindringen und unsere eigene Aufgabe vollenden."
Oronêl nickte zustimmend, und Faelivrin meinte: "Es gefällt mir zwar wenig, meine Eltern alleine in vermutlich feindliches Gebiet gehen zu lassen, aber wenn Oronêl sagt, dass der Erfolg eurer Mission auf Heimlichkeit beruht, werde ich darauf vertrauen."
"Und außerdem sind eure großen Schiffe nicht besonders gut geeignet, schnell einen Fluss hinaufzufahren", ergänzte Mathan. "Vielleicht sollten wir Círdan fragen, ob er uns eines seiner Schiffe zur Verfügung stellen würde."
Erneut wurde zustimmend genickt, und Oronêl sagte: "Es bleibt noch die Frage des Aufbruchs. Da die Manarîn vermutlich noch einige Tage zur Vorbereitung brauchen werden, und mein Arm noch etwas Zeit zur Heilung vertragen könnte, schlage ich vor, dass wir in fünf Tagen aufbrechen."
"Das klingt gut", meinte Faelivrin. "So haben wir genug Zeit uns vorzubereiten, und brechen dennoch nicht zu spät auf."

Während Faelivrin gefolgt von ihren Fürsten die Halle bereits verließ, blieben Mathan und Halarîn noch einen Augenblick zurück. Halarîn deutete interessiert auf den Bogen, den Oronêl seit dem gestrigen Tag auf dem Rücken trug, und sagte: "Der ist neu. Woher stammt er?" Oronêl nahm die Waffe in die Rechte, strich mit der linken sanft über das Holz, dass immer warm von der Hand seiner Mutter zu sein schien, und erwiderte mit einem Zwinkern: "Mathan ist nicht der einzige, dem seine Mutter etwas hinterlassen hat. Sie hat ihn hier gelassen, bevor sie nach Weste fuhr, und gestern hat Círdan ihn an mich weitergegeben."
"Er ist wirklich wunderschön", meinte Halarîn, und fuhr mit der Hand ein wenig ehrfürchtig über das sanft geschwungene Holz. "Und ziemlich alt."
"Ja", sagte Oronêl langsam. "Er stammt aus Doriath im alten Beleriand, und ist tatsächlich älter als ich selbst." Jetzt wo er es sagte war es ein merkwürdiges Gefühl, dass beide seiner Waffen geschaffen wurden, bevor er selbst geboren wurde - Hatholdôr war die Axt seines Vaters gewesen, und in Nargothrond gefertigt worden. Mit der freien Hand löste er auch den Köcher von seinem Rücken, und sagte. "Pfeile waren leider keine dabei, die werde ich mir selbst besorgen müssen, bevor wir abreisen." Zur Demonstration drehte er den Köcher mit der Öffnung nach unten, und ein kleines, brüchiges Stück Pergament fiel heraus und segelte zu Boden. Celebithiel bückte sich rasch danach, und gab es Oronêl, der sich Bogen und Köcher rasch wieder auf den Rücken geworfen hatte.
"Anscheinend hinterlassen Mütter ihren Söhnen auch gerne Nachrichten", scherzte Halarîn, und Oronêl nickte stumm. Als er das Pergament umdrehte, erkannte er die von der Hand seiner Mutter geschriebenen Runen nach der Art von Doriath. Sie hatte ihm beigebracht, diese zu lesen, doch es war lange her, dass er zuletzt welche gesehen hatte.
"Wir sollten vielleicht sehen, was unsere Tochter treibt", sagte Mathan taktvoll zu seiner Frau, und Halarîn lächelte. "Welche von beiden?" Eng nebeneinander gingen sie davon, auf dem ganzen Weg fröhlich und verliebt miteinander plaudernd und einander neckend. Celebithiel blickte ihnen einen Augenblick hinterher und sagte dann mit rauer Stimme: "Ich vermisse das." Oronêl riss den Blick von dem Brief seiner Mutter los, auf den er bislang gestarrt hatte, ohne ihn wirklich zu lesen, und sah sie an. Er erinnerte sich daran, dass ihr Geliebter Glorfindel war, der noch immer im Waldlandreich im Heer der Elben war, das Saruman folgte. Und er wusste, dass sie nicht nur um Glorfindels Leben fürchtete, sondern auch, ihn an Saruman verloren zu haben.
"Wenn wir in Eregion fertig sind, gehen wir ins Waldlandreich", sagte Oronêl kurzerhand. Er hatte sich bislang keine Gedanken darüber gemacht, was er nach Eregion tun würde - falls es ein nach Eregion für ihn gab. Doch in diesem Moment erschien ihm der Weg klar, denn sowohl Celebithiel als auch Finelleth erwartete dort ihr Schicksal.
"Ich fürchte mich ein wenig vor dem Moment, in dem ich ihn wiedersehe", gab Celebithiel leise zu. "Ich bin nicht mehr ganz die, die ihn zuletzt gesehen hat, und was, wenn er sich ebenfalls... verändert hat?"
Oronêl schüttelte den Kopf. Er kannte Glorfindel nicht wirklich, sondern hatte ihn nur während des letzten Bundes von Ferne gesehen. Doch der Heerführer war eine Legende, nicht nur unter den Elben von Imladris, und Oronêl glaubte nicht, dass er wirklich unter Sarumans Einfluss gefallen war. "Ich glaube nicht, dass einer von euch sich so sehr verändert hat", sagte er. "Aber wir werden es erst erfahren, wenn wir dort sind."
Celebithiel nickte langsam, und schien sich innerlich zu straffen. Dann meinte sie mit einem Lächeln: "In fünf Tagen... das ist genau einen Tag nach Irwynes Geburtstag." Oronêl erwiderte das Lächeln. "Um nichts in der Welt würde ich mir das verpassen wollen - du etwa?" Celebithiel schüttelte den Kopf und sagte: "Natürlich nicht", bevor sie mit schnellen Schritten davonging. Oronêl blickte ihr noch einen Moment hinterher, wie ihr rotblondes Haar hinter ihr wie Flammenzungen wehte, und wandte sich dann wieder dem Brief zu.

Mein geliebter Sohn,
wenn du diese Zeilen liest hoffe ich, dass du mir vergeben hast. Ich habe gesehen, dass du einst nach Lindon kommen und eine schwere Bürde tragen würdest. Nimm diese Waffe, denn ich brauche sie nicht mehr, und sie kann dir im Kampf eine große Hilfe sein - richtig geführt, wird sie ihren Träger nie im Stich lassen, und sein Mut wird ihn nicht verlassen.
In der Nacht vor deiner Geburt habe ich geträumt, wie sich eine Dunkelheit über den Wald legt, doch ein silberner Schwan erhob sich zwischen den Bäumen und flog nach Süden davon. Ich weiß nicht, was es zu bedeuten hatte, doch dies ist der Grund, warum ich dir deinen Namen gab - es erschien mir passend.
Ich wünschte, ich könnte dich sehen, während du diesen Brief liest, doch dein Vater und ich haben zu lange gekämpft und verloren, und die Welt ist uns fremd. Und eines Tages werden wir uns im Westen wieder sehen - wenn dein Kampf vorüber ist.
Nellas


Oronêl starrte noch einen Augenblick länger nachdenklich auf die letzten Runen, die seine Mutter in Mittelerde geschrieben hatte. Was sie gesehen hatte, war eingetroffen, und was auch immer geschehen mochte - das Haus Dol Amroth stand noch immer gegen den Schatten, und in ihnen mochte die Linie Lenwes für immer überdauern, wenn er Mittelerde längst verlassen hatten. Er wusste nicht warum, aber der Gedanke war seltsam tröstlich.
Gerade als er den Brief zusammenfaltete und in eine Tasche gleiten ließ, betrat Amrothos die Halle, blickte sich suchend um und kam dann auf ihn zu. "Hier steckst du also, würdiger Ahnherr."
Oronêl verdrehte die Augen. "Es wäre mir lieber, wenn du mich nicht so nennen würdest."
"Ja ja", erwiderte Amrothos nur. "Komm, ich wollte mir etwas zu essen suchen, und du kannst mir dabei behilflich sein."

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

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Ein anstrengendes Thema
« Antwort #14 am: 29. Jan 2017, 19:56 »
"Huhu, kleine Ténawen!" riefen zwei Stimmen wie aus einem Munde. Kerry und Irwyne wandten überrascht den Kopf in die Richtung, aus der die Stimmen gekommen waren und sahen zwei Elbinnen auf sich zukommen, die jede einen großen Korb mit sich trugen. Kerry kannte die beiden nicht, doch Irwyne offenbar schon. "Oh nein," sagte das rohirrische Mädchen. "Das sind Mathans Schwestern! Denen bin ich in Aldburg immer aus dem Weg gegangen, sie sind nämlich ein wenig....anstrengend, weißt du?"
"Wie meinst du das?" fragte Kerry, doch da waren die beiden, die sich wie Zwillinge glichen, bereits bei ihnen angekommen.
"Sie ist wirklich ganz entzückend," sagte die eine der beiden. "Ich bin deine Tante Sabaia," stellte sie sich vor.
"Und ich deine Tante Yuteé," ergänzte die zweite. "Deine Freundin kennen wir ja bereits. Schön, dich zu sehen, Irwyne!"
"Äh.. hallo," gab Irwyne etwas betreten zurück.
"Ihr seid Ontáros Schwestern?" fragte Kerry neugierig. Auf sie machten die beiden eigentlich keinen besonders anstrengenden Eindruck.
"Oho! Sie spricht ja schon Quenya!" rief Yuteé fasziniert.
"Hinreißend, wirklich. Und sieh nur, die beiden tragen Kleider von Nivim, so wie unsere!" fügte Sabaia hinzu.
"Sie hat wirklich ein Talent für solche Sachen," sagte Yutée.
"Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Ja, wir sind Mathans Schwestern, was uns zu deinen Tanten macht, meine Kleine. Es ist schön, dich kennenzulernen!" fuhr Sabaia fort.
"Und als erste Tat als deine Tanten sollten wir dir gleich die Ohren langziehen, dafür dass du uns diesen anstrengenden Umweg in den Norden eingebrockt hast," sagte Yuteé gespielt streng und zog tatsächlich sanft an Kerrys linkem Ohr. "Du hast Glück, dass du keine Elbenohren hast. An denen kann man nämlich noch viel besser ziehen. Hier, siehst du?" sagte sie und zog ihre Schwester mit der anderen Hand am Ohr, die es kichernd über sich ergehen ließ.
"Ich verstehe nicht ganz," unterbrach Kerry den Redeschwall der Zwillinge. "Wie sollte ich euch einen Umweg eingebrockt haben?"
"Na, weil du entführt wurdest," erklärte Sabaia. "Wir sind Mathan seit Aldburg gefolgt, und hätten ihn in Fornost eingeholt, aber als wir dort ankamen, sagten uns die Dúnedain, dass er nach Angmar gegangen war, um seine Tochter zu retten."
"Wir haben uns sehr gewundert, als wir hörten, dass Scalyna mit ihm gegangen ist. Und umso größer war unsere Überraschung als uns ein netter junger Waldläufer namens Rilmir erklärte, dass Mathan und Halarîn ein Menschenmädchen adoptiert hatten. Und hier bist du nun, unsere neue kleine Nichte Ténawen."
"Ein sehr schöner und gut gewählter Name, übrigens," ergänzte Yuteé. "Da hat sich unser großer Bruder wirklich Mühe gegeben."

Endlich legten die Zwillinge eine Pause ein und Sabaia zog aus ihrem Korb mehrere Decken hervor, die sie im weichen Sand ausbreitete, während Yuteé aus ihrem Korb allerlei Essen hervorzauberte. "Ihr habt bestimmt noch nichts zu Mittag gegessen," sagte Sabaia.
"Also haben wir uns gedacht, wir bringen euch etwas mit," ergänzte Yuteé.
"Das ist wirklich toll," bedankte Kerry sich. Ob es nun Absicht oder nicht war - dadurch hatten die Zwillinge viele Pluspunkte bei ihr gesammelt. Und sie stiegen noch weiter in Kerrys Ansehen als sie das Essen gemeinsam mit ihr und Irwyne tatsächlich schweigend zu sich nahmen und vergnügt aufs Meer hinaus blickten. Doch kaum hatten alle ihr Mahl beendet, kamen die Fragen.

Kerry schwirrte schon bald der Kopf vor all den Fragen, die die Zwillinge ihr stellten. Sie schienen wirklich alles über ihre neue Nichte wissen zu wollen. Eine ganze Stunde verging, ehe Yuteé sagte: "Sieh nur, wie müde sie aussieht. Vielleicht haben wir es ein wenig übertrieben."
"Aber nicht doch, Schwester," gab Sabaia zrück. "Siehst du es ihr nicht an der Nasenspitze an, dass sie ebenso neugierig ist, aber zu höflich ist um die Fragen zu stellen, die sie wirklich interessieren?"
"Das werden wir dir schon noch austreiben, Ténawen," versprach Yuteé lächelnd. "Wenn es um wichtige Informationen geht, darf man keine Scheu zeigen."
"Nur wenn man forsch nachfragt bekommt man die wahren Antworten," ergänzte ihre Schwester.
"Hast du dich schon darauf vorbereitet, bald selbst eine große Schwester zu sein?" fragte Yuteé und überraschte Kerry damit zum wiederholten Male vollständig.
"W-wie meinst du das?" stotterte sie verwirrt.
Die Zwillinge wechselten einen wissenden Blick. "Dir ist doch bestimmt aufgefallen, dass deine Mutter schwanger ist," woraufhin Kerry nickte. "Eines Tages wird sie ein Kind bekommen, dessen ältere Schwester du dann sein wirst."
Kerry nickte verstehend. "Ja, das weiß ich. Ich frage mich nur, wie es bloß dazu gekommen ist."
Erneut wechselten ihre Tanten einen Blick, diesmal schwang jedoch leichte Sorge darin mit. "Haben dir deine Eltern denn nicht erzählt, wie das funktioniert? Du bist doch bestimmt schon im richtigen Alter - du bist neunzehn, oder?"
"Ja," bestätigte Kerry. Irwyne beobachtete das Gespräch mit einem verlegenen Grinsen, und schien die Richtung, in die es sich entwickelte, äußerst amüsant zu finden. "Das ist ja mal was; ich weiß schon mehr als du!" warf sie grinsend ein.
"Nicht unterbrechen," sagte Yuteé. "Warst du denn schon mal verliebt, Ténawen?" fragte sie weiter.
Kerry spürte, wie sie rot wurde. "Vielleicht," druckste sie herum.
"Ein eindeutiges Ja," befand Sabaia. "Und hast du den jungen Mann denn auch geküsst, oder sogar..."
"Es gab da hin und wieder vielleicht einen Kuss, oder einen Moment, wo ich mein Aussehen dafür genutzt habe, dass die Leute mir Gefallen tun," gab Kerry zu. "Aber... das ist alles."
"Ich verstehe," sagte Sabaia. "Und du weißt auch, dass bei der Vereinigung von Mann und Frau Kinder entstehen können, ja?"
Bei dem Wort Vereinigung prustete Irwyne belustigt los, und Kerry wurde noch röter. "Ja, das weiß ich," sagte sie sehr leise.
"Gut, dann können wir ja jetzt ins Detail gehen," freute sich Yuteé.

Eine halbe Stunde später war Kerry fest entschlossen, auf gar keinen Fall jemals schwanger zu werden. Die Zwillinge hatten keine Einzelheiten ausgelassen. Doch ehe sie Kerry noch weiter verstören konnten, kamen Mathan und Halarîn zu ihrer Rettung, die den Strand entlang spaziert kamen.
"Erzählt ihr meiner Tochter etwa Schauergeschichten?" fragte Mathan amüsiert lächelnd, als er Kerrys Blick bemerkt hatte. "Damit macht ihr euch nicht sonderlich beliebt."
"Nein, wir übernehmen einen wichtigen Teil der Erziehung, den ihr beiden bisher sträflich außer Acht gelassen haben," entgegnete Yuteé stolz. "Die kleine Ténawen hat einen wichtigen Schritt auf dem Weg gemacht, eine Frau zu werden."
"Wie bitte?" entfuhr es Halarîn. "Was habt ihr ihr erzählt?"
"Alles, was sie wissen muss, wenn sie selbst einmal eine Familie gründen will," stellte Sabaia zufrieden klar.
Das Lächeln von Mathan und Halarîn schwand und sie blickten die Zwillinge etwas säuerlich an, woraufhin Yuteé ihrer Schwester in die Seite stieß.
"Sie ist unsere Tochter, und wenn sie von selbst nicht auf das Thema zu sprechen kommt, drängen wir sie nicht dazu" sagte Halarîn nach einer unangenehmen Stille mit blitzenden Augen, in denen ein winziger Funken Silber glänzte.
"Bisher war dafür nicht die passende Situation, und ich bezweifle stark, dass ihr die richtigen Worte gefunden habt", setzte Mathan nach, "Ihr könnt das euren eigenen Kindern erzählen. Die elterlichen Pflichten gehen auch nur die Eltern etwas an, und das sind Halarîn und ich, nicht ihr."
Als er endete, ließen die Zwillinge die Schultern sinken und murmelten eine Entschuldigung.

Schließlich machte sich die Gruppe auf den Rückweg in die Stadt. Mathans Schwestern waren schon bald wieder gut gelaunt, trotz des Dämpfers, den ihr Bruder ihnen verpasst hatte. Kerry fand, dass die beiden eigentlich trotz allem sehr nett waren, doch sie stellte fest, dass sie wohl noch einige Zeit brauchen würde, um sich an die neue Großfamilie zu gewöhnen, der sie nun angehörte.
"Wenn wir erst nach Eregion aufgebrochen sind wirst du wieder etwas mehr Ruhe haben," versprach Halarîn und erzählte ihr, dass sie in fünf Tagen mit dem Schiff nach Tharbad fahren würden. Kerry freute sich schon sehr darauf, da sie noch nie mit einem Schiff gefahren war. Sie fragte sie, wie die Reise wohl werden würde...
« Letzte Änderung: 31. Jan 2017, 11:51 von Fine »
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